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Beitrag veröffentlicht im Februar 2006

Glucobay

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Pressemitteilung vom 22. Februar 2006

Studie: BAYER begeht Biopiraterie

Glucobay mit Hilfe eines Bakteriums aus Kenia produziert / Konzern für „Captain Hook Award for Biopiracy“ nominiert

Der Leverkusener BAYER-Konzern wird in der Studie Out of Africa: Mysteries of Access and Benefit Sharing der Biopiraterie beschuldigt. Laut der vom US-amerikanischen Edwards Institute veröffentlichten Untersuchung produziert BAYER das Diabetes-Mittel Glucobay mit Hilfe eines Bakteriums, das aus dem kenianischen Ruiru-See stammt. Gegenüber der britischen Zeitung Independent bestätigte das Unternehmen die Verwendung des in Kenia gefundenen Bakterien-Stammes. Von dem jährlichen Glucobay-Umsatz von rund 280 Millionen Euro fließt jedoch kein Cent nach Ostafrika.

Glucobay wurde in Deutschland 1991 zugelassen. 1995 ließ BAYER in Europa und den USA einen neuen Herstellungsprozess von Acarbose, dem Wirkstoff des Präparats, patentieren. In der Patentschrift wird die Verwendung des Bakterienstamms Actinoplanes SE50 genannt, nicht jedoch dessen afrikanische Herkunft.

In der Studie werden zahlreiche Beispiele solcher Formen von „Biopiraterie“ aufgelistet. Die von westlichen Unternehmen verwendeten Wirkstoffe sind in Afrika zum Teil seit Jahrhunderten in Gebrauch. Beth Burrow vom Edwards Institute nennt diese Praxis „eine neue Form kolonialer Ausplünderung“. Mariam Mayet, Mit-Autorin der Studie, ergänzt: „Wir erleben eine totale Respektlosigkeit gegenüber afrikanischen Ressourcen“. Die AutorInnen werfen den beteiligten Konzernen Verstöße gegen die UN Biodiversitäts-Konvention vor und fordern eine angemessene Beteiligung der Herkunftsländer an den Gewinnen.

Vertreter der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) unterstützen diese Forderung. Die CBG nominierte BAYER zudem für den „Captain Hook Award for Biopiracy“, der anlässlich der Biodiversitäts-Konferenz Ende März im brasilianischen Curitiba verliehen wird. Der Negativ-Preis wurde von Organisationen aus aller Welt, darunter das Indigenous Peoples Biodiversity Network und die Action Group on Erosion, Technology and Concentration, ausgelobt.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die den BAYER-Konzern seit 25 Jahren überwacht, weist zudem darauf hin, dass die Wirksamkeit von Glucobay höchst umstritten ist und der Wirkstoff eine Vielzahl unerwünschter Nebenwirkungen hervorruft. Hubert Ostendorf vom Vorstand der CBG: „Glucobay wird von Experten als untauglich zur Behandlung von Diabetes abgelehnt. Das Mittel wurde gegen den Willen von Diabetologen mit einer millionenschweren Werbekampagne auf den Markt gedrückt.“

Der Pharmakologe Gerd Glaeske nennt Acarbose „gerade mal so wirksam wie Müsli“. Prof. Dr. Michael Berger von Uni Düsseldorf schreibt in einem Beitrag für das Ärzteblatt: „Das orale Antidiabetikum Glucobay hat ein Umsatzvolumen von circa 200 Millionen DM pro Jahr erreicht, obwohl keinerlei Beweise für seine Wirksamkeit und langfristige Unbedenklichkeit geltend gemacht werden konnten.“

Der BAYER-Konzern veranstaltete nach der Zulassung von Glucobay Werbeveranstaltungen für Ärzte und scheute sogar vor finanziellen Prämien nicht zurück. In einem internen Rundschreiben des Konzern hieß es: „Für die Teilnahme an den zwei Treffen und den mündlichen Bericht über mindestens fünf Therapiefälle erhält jeder Arzt 700 DM als Beratungshonorar.“ Die rot-grüne Bundesregierung plante, Glucobay aus einer Positivliste für wirksame Medikamente auszuschließen. Das Vorhaben scheiterte jedoch - nicht aus gesundheitspolitischen Gründen, sondern wegen des Lobby-Feuerwerks des BAYER-Konzerns. Die Folgen tragen die Patienten und die Krankenkassen.

Weitere Infos: The Independent: African bio-resources ‚exploited by West‘

Unfälle

CBG Redaktion

18.02.06, Neuss-Grevenbroicher Zeitung

Chlor trat nach Brand aus

Es roch Freitag Vormittag deutlich nach Schwimmbad in Dormagen. Im Bayer-Chemiepark war gegen 8.35 Uhr und später noch einmal gegen 10.10 Uhr Chlorgas ausgetreten. 18 Mitarbeiter des Unternehmens mussten ärztlich behandelt werden.
Für einige Minuten wurden rund um den Chemiepark erhöhte Chlorwerte gemessen. Der Grund war ein Brand, der an einer Abluftleitung in einem Betrieb des Chemieparks ausgebrochen war. Die Ursache für das Feuer steht noch nicht fest, das Staatliche Umweltamt wurde eingeschaltet und ermittelt. Rund 40 Einsatzkräfte der Bayer-Berufsfeuerwehr waren im Einsatz. Die Produktion in dem betroffenen Betrieb von Bayer-Material-Science, in dem Chlor produziert wird, wurde sofort eingestellt.
Dennoch traten nach Auskunft des Unternehmens geringe Mengen chlorhaltiger Abluft aus. Auch nachdem das Feuer gelöscht war, entwich bei den Aufräumarbeiten gegen 10.10 Uhr noch einmal eine Restmenge des Gases, die von der Werksfeuerwehr mit einer Wasserwand niedergeschlagen wurde. 18 Mitarbeiter in einem Gebäude, das in der Nähe des Chlor-Produktionsanlage liegt, klagten über Übelkeit und Augenreizungen. Sie wurden in die ärztliche Abteilung des Chemieparks gebracht. „13 von ihnen waren gegen Mittag bereits wieder an ihrem Arbeitsplatz, die restlichen fünf kurze Zeit später“, erklärte Jörg Brückner, Mitarbeiter der Bayer-Pressestelle.
Der Luftmesswagen des Chemieparks, der durch das Dormagener Stadtgebiet fuhr, ermittelte für etwa fünf Minuten leicht erhöhte Werte des Gases in der Luft. „Es wurde ein Grenzwert überschritten, bei dem nach Auskunft unserer Arbeitsmediziner Menschen noch acht Stunden lang ohne gesundheitliche Schäden arbeiten können“, erläuterte Chemiepark-Pressesprecherin Kerstin Nacken. Auch die mobile Luftmess-Station der städtischen Feuerwehr Dormagen kontrollierte die Werte.
„Der Messwagen war ab etwa 9.15 Uhr für gut eine Stunde unterwegs und hat die Europastraße, den Bereich der Kindergärten in Rheinfeld und Zons abgefahren“, sagt Stadtpressesprecher Harald Schlimgen. Er habe keine auf überhöhten Werte festgestellt. Für besorgte Bürger steht unter der Telefonnummer 02133/5199333 ein Beratungsservice von Bayer zur Verfügung.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 22. Februar 2006

Werkschutz protestiert im Internet

Die Mitarbeiter des Werkschutzes im Bayer-Chemiepark formieren ihren Widerstand. Bayer Industry Services (BIS) denkt als Betreiber des Chemieparks darüber nach, den Werkschutz abzuschaffen und durch einen privaten Sicherheitsdienst zu ersetzen.

Betroffen wären rund 70 Mitarbeiter. Vier von ihnen, Norbert Löffler, Andreas Jansen, Ingo Heit und Klaus Hebert-Okon, haben jetzt eine eigene Internetseite eingerichtet, auf der über die weitere Zukunft, aber auch Möglichkeiten diskutiert wird, sich gegen die Auflösung des Werkschutzes zu wehren.
Aktuell sorgt der Chlorgas-Unfall an einer Produktionsanlage im Chemiepark am vergangenen Freitag für Wirbel. Mitarbeiter des Werkschutzes klagen darüber, dass ihre Arbeit in der offiziellen Stellungnahme des Unternehmens nicht erwähnt worden ist. Die Arbeit der Werkfeuerwehr werde beschrieben, es sei auch die Rede davon, dass 18 Mitarbeiter wegen Übelkeit und Augenreizungen behandelt werden mussten.
Davon, dass der Werkschutz schnell reagiert und so weitere Verletzungen verhindert habe, sei jedoch nicht die Rede gewesen, beklagen die Mitarbeiter in ihren Beiträgen in dem Internet-Forum. „Man gewinnt den Eindruck, dass das System hat“, erklärte am Dienstag ein Werkschützer gegenüber der NGZ, der seinen Namen nicht nennen wollte. Offenbar wolle BIS auf diese Weise die Bedeutung des Werkschutzes für die Sicherheit im Chemiepark herunterspielen.
Diesen Vorwurf weist BIS-Pressesprecherin Kerstin Nacken zurück. „Wir bemühen uns, die Öffentlichkeit und die Mitarbeiter im Werk bei einem solchen Zwischenfall so schnell wie möglich zu informieren“, sagt sie. Entsprechend kurz gehalten seien die Meldungen verfasst. Deshalb könne dort nicht jede Einzelaktion aller am Einsatz Beteiligten detailliert aufgeführt werden. Niemand habe den Werkschutz bewusst übergangen.
Ziel des Internetforums sei in erster Linie, sich ein Meinungsbild in den Reihen der Werkschützer zu machen, erklären die Initiatoren auf der Homepage. Damit der Betriebsrat Verhandlungen mit der BIS-Spitze aufnehmen könne, müsse er wissen, welche Vorstellungen die Betroffenen überhaupt hätten.
Das Ziel der meisten Kollegen sei es, dem Konzern anzugehören, formulieren die Forum-Betreiber das Ergebnis der ersten Gespräche. Jetzt sollen sich die Mitarbeiter konkret dazu äußern, ob ihnen ihr Gehalt oder eine Beschäftigungsgarantie wichtiger ist, ob sie eher bereit sind, auf Urlaubsgeld zu verzichten oder mehr Stunden in der Woche zu arbeiten.
Wer Sparvorschläge hat, soll sie an die Initiatoren des Forums schicken, damit diese an den Betriebsrat weitergeleitet werden können. Auch die Mitarbeiter von der Werkfeuerwehr werden aufgefordert, ihre Sicht der Dinge beizusteuern.
Heit, Löffler, Jansen und Hebert-Okon betonen, dass die Homepage keine offizielle Seite von Bayer-Industry-Services ist. Das macht auch Kerstin Nacken deutlich. „Dieses Forum ist die Privatangelegenheit der Mitarbeiter,“, sagt sie, „solange keine Sicherheitsinteressen des Chemieparks berührt sind.“
Von Petra Schiffer

Kohlenmonoxid

CBG Redaktion

18. Februar 2006, Westdeutsche Zeitung

Protest gegen Pipeline-Pläne von Bayer

Mehrere Städte äußern Bedenken gegen die Kohlenmonoxid-Leitung von Dormagen nach Uerdingen. Die Bezirksregierung entscheidet in Kürze über den Bau.

Reichlich Post stapelt sich in diesen Tagen bei der Bezirksregierung. Aus zahlreichen Städten gehen Briefe von Bürgern und Stadtverwaltungen ein, die Hinweise und Einwände gegen den Bau eines Gasleitungsnetzes beinhalten. An dem ist auch Bayer beteiligt, denn der Konzern will künftig gasförmiges Kohlenmonoxid per Druckleitung von Dormagen nach Uerdingen transportieren. Das wird im Chemiepark für die Kunststoffproduktion benötigt.

Weil es bei der Versorgung aber immer wieder zu Engpässen kommt, sieht Bayer den Standort Uerdingen nur durch eine optimale Versorgung mit dem Gas gewährleistet. Das wird beispielsweise für Makrolon benötigt, aus dem etwa CDs und Komponenten für die Automobilindustrie hergestellt werden.

Doch die 67 Kilometer lange Pipeline, die sowohl bei Dormagen als auch zwischen Duisburg und Uerdingen den Rhein unterqueren soll, ist nicht unumstritten. Um notfalls Enteignungen vornehmen zu können, hat die Landesregierung ein eigenes Gesetz auf den Weg gebracht. Größtenteils sollen die Rohre unterirdisch entlang der Autobahn 3 verlegt werden zusammen mit einer Propylenleitung und einer Erdgas-Fernleitung von Wingas, die ebenfalls den Uerdinger Chemiepark versorgen soll.

Die Städte entlang der viel befahrenen Autobahn gehören zu eben jenen Briefeschreibern, die ihre Bedenken äußern. Im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens haben Fachleute der Kommunen die zwölf Aktenordner eingehend studiert und sind über die Pipeline-Pläne alles andere als begeistert.

So zeigt sich Erkraths Technischer Dezernent Klaus-Dieter Holst besorgt über die Vielzahl der verlegten Leitungen, zu denen nun noch drei hinzukommen sollen. Mitten übers Erkrather Stadtgebiet zieht sich die Neandertal-Autobahnbrücke. Holsts Horrorszenario: Ein Lastwagen stürzt von der A 3 auf die Leitungen: Damit erinnert er an den schweren Unfall auf der Wiehltalbrücke, als vor mehreren Monaten ein Tanklastzug von der A 4 abkam. Doch Holst warnt nicht nur vor einem Totalbruch. „Es gibt keine dauerhafte Sicherung, wenn aus der Leitung Gas sickert.“ Auch in Monheim regt sich Widerspruch, weil die vorgesehene Trassenführung ein geplantes Gewerbegebiet verkleinern würde.

Diese Bedenken werden zurzeit bei der Bezirksregierung gesichtet. „Anschließend kommt es zu einem Erörterungstermin“, erläutert Behördensprecher Hans-Peter Schröder das Procedere. An dem Termin können diejenigen teilnehmen, die bis zum 1. Februar ihre Einwände formuliert hatten. Und nur sie sind klageberechtigt, wenn die Bezirksregierung das Verfahren mit der Festsetzung positiv bescheidet.

Stahlrohre mit einem Durchmesser von 25 Zentimetern, gut 1,40 Meter tief in der Erde verlegt das soll die Zukunft des Uerdinger Chemieparks sichern. Wie Bayer-Sprecherin Kerstin Nacken erklärte, wird das Kohlenmonoxid dort zurzeit noch in einer Koksvergasungsanlage produziert: Koks wird verbrannt, und unter Beachtung der Rahmenbedingungen optimale Sauerstoffversorgung und richtige Temperatur entsteht dabei hoch reines Kohlenmonoxid.

Während das Wirtschaftsministerium davon ausgeht, dass die Anlage mittelfristig aufgegeben wird, ist laut Bayer daran nicht gedacht. „Sie wird zusätzlich weiter betrieben“, so Kerstin Nacken. Dies sei schon zur Überbrückung bei einem plötzlichen Ausfall der Pipeline-Versorgung erforderlich. Zudem könne mit dem weiteren Betrieb der Anlage zusätzlicher Bedarf abgedeckt werden.

In Dormagen wird das Kohlendioxid im so genannten Steam-Reforming-Verfahren hergestellt wesentlich umweltschonender und moderner. Die Kapazitäten sollen dort künftig erhöht werden. (Von Mirko Braunheim)

taz

CBG Redaktion

11.2.2006, taz, DOMINIC JOHNSON

Wettbewerb auch mit vorgehaltener Waffe

Kongos Geschäft mit Tantal- und Zinnerzen floriert. Wie Ostkongos Mineralienhandel über Ruanda funktioniert

An einer Hauptstraße im ruandischen Gisenyi, wenige Minuten Autofahrt vom wichtigsten Grenzübergang zur Demokratischen Republik Kongo entfernt, liegt das Fabrikgebäude der „Metal Processing Association“. Hinter weißen Mauern wird gehämmert, Dampf steigt auf, zuweilen sind selbst am Wochenende die Schmelzöfen an. Hier landet das wertvollste Exportgut, das der kriegsgeschüttelte Osten der Demokratischen Republik Kongo derzeit zu bieten hat: Zinnerz.

Mehrere tausend Tonnen Zinn jährlich kommen über die kongolesische Grenzstadt Goma nach Ruanda und werden in der MPA-Fabrik für den Weiterexport verarbeitet. Das südafrikanische Unternehmen MPA ist mit seiner kongolesischen Filiale MPC Hauptabnehmer des Erzes, das im Kongo „Cassiterit“ heißt. Cassiterit findet sich in Ostkongos Minen gemeinhin dort, wo auch Coltan, ein Tantalerz, aus dem Kondensatoren für Mobiltelefone und andere hochtechnologische Anwendungen hergestellt werden, abgebaut wird. Aus dem Export von Coltan über Ruanda und Uganda finanzierten sich während des Kongokrieges alle lokalen Kriegsparteien.

Zeitweise waren Deutsche führend im Geschäft - der Geschäftsmann Karl-Heinz Albers und der Tantalverarbeiter H. C. Starck, Tochterunternehmen von Bayer. Heute hat Albers Konkurs angemeldet, Starck kauft kein kongolesisches Tantal mehr. Preise und Produktion fielen jeweils auf ein Zehntel des Spitzenniveaus von 2001.

Das heißt nicht, dass Mineralienexporte aus Ostkongo uninteressant geworden sind. Nach Angaben der Provinzregierung von Nordkivu in der Provinzhauptstadt Goma exportierte die Provinz 2003 26 Tonnen Mineralien, 2004 42 Tonnen und im ersten Halbjahr 2005 23 Tonnen. Führend im Coltanexport aus Goma ist Edouard Mwangachuchu, ein Kongolese der ruandischsprachigen Ethnie mit guten Verbindungen nach Ruanda. Seine Firma MHI hat nach und nach sämtliche lokale Konkurrenten aus dem Markt gedrängt. Nun aber strömen Mineralienhändler aus Kongos Hauptstadt Kinshasa nach Goma - ein Ergebnis des Friedensprozesses im Kongo.

Im Krieg lag der Mineralienexport aus Ostkongo nach Ruanda in den Händen lokaler Geschäftsleute - im Frieden ist das Spiel für alle offen. Dies verschärft den Wettbewerb, und dieser Wettbewerb wird auch mit der Waffe ausgetragen. Machtkämpfe zwischen verschiedenen Fraktionen des kongolesischen Militärs oder zwischen Armee und Milizen im Ostkongo drehen sich immer auch um die Kontrolle von Handelsrouten.

Deutlicher noch als bei Coltan wird dies bei Cassiterit, dessen Export in jüngster Zeit noch viel stärker boomte als der von Coltan. Nordkivu führte 2003 939 Tonnen des Zinnerzes aus, 2004 bereits 4.672 Tonnen und im ersten Halbjahr 2005 2.091 Tonnen. In den ersten Jahren war die mit Ruanda liierte südafrikanische MPC Hauptexporteur, im Jahr 2005 kam aus Kinshasa „Sodex Mines“ hinzu. Dies war eine Folge erbitterter Kämpfe, die 2004/5 um Coltan- und Cassiteritvorkommen in den Regenwäldern um Walikale in Nordkivu ausbrachen und den Handel zeitweise von Goma auf andere Städte umlenkten. Die ökonomische Begleiterscheinung des kongolesischen Friedensprozesses ist die Herausbildung einer schmalen Elite aus mächtigen Militärs und Geschäftsleuten aller früheren Lager, die die Märkte unter sich aufteilen oder sich eben untereinander bekämpfen.

Denn alle Bergbaukonzessionen im Ostkongo wurden während der Kriegsjahre mehrfach an rivalisierende ausländische Partner vergeben. Weil diese heute alle unterschiedliche Freunde in Kongos Allparteienregierung in Kinshasa haben, ist es unmöglich, zu klären, welcher Eigentumstitel heute gültig ist und welcher nicht. Man kann aber vor Ort Fakten schaffen.

Um die riesigen Gold- und Zinnkonzessionen der „Société Minière et Industrielle du Kivu“ (Sominki) im Landesinneren, potenziell das wichtigste Bergbaugebiet der Region, streiten sich beispielsweise vier Parteien: die kanadische Goldfirma Banro, der ein US-Gericht 2001 die Konzession zusprach; die südafrikanische MPC, die gleichzeitig von den RCD-Rebellen Rechte erhielt; die kongolesische Staatsfirma Somico (Sociète Minière du Congo), die den Zuschlag 1998 von Kinshasa bekommen hatte und deren Vertreter heute vor Ort mit ruandischen Hutu-Milizen zusammenarbeiten; und lokale Händler des ursprünglichen Betreibers Sakima (Société Aurifère du Kivu et Maniéma), die zwar offiziell aufgelöst ist, aber noch eine Firmenzentrale vor Ort hat. Leidtragende dieser Situation sind die Schürfer, die Gold und Cassiterit aus dem Boden holen und dann der Willkür von Zwischenhändlern ausgeliefert sind.

Doch egal, wer die Erze im Ostkongo abbaut und verkauft - sie landen in der MPA-Schmelze in Gisenyi oder bei anderen ostafrikanischen Handelspartnern, die über Dubai nach Asien weiterverkaufen. Daran ist nichts Illegales - sofern die Gesetze eingehalten werden. Ostkongo ist ökonomisch mit Ostafrika verwoben, nicht mit dem Rest des eigenen Landes, denn dieser ist nur auf dem Luftweg erreichbar. Der Mineralienhandel ist da keine Ausnahme. Rivalitäten in Ostkongos Minengeschäft beziehen sich daher darauf, wer die Vormacht im Export nach Ruanda bekommt - es geht nicht darum, Ruanda als Handelspartner überhaupt in Frage zu stellen.

UN-BERICHT ZUM KONGO: MINERALIENEXPORTE FÜR WAFFENIMPORT

Ein unveröffentlichter Bericht einer Expertengruppe der Vereinten Nationen zum illegalen Waffenhandel mit dem Kongo stellt Verbindungen mit dem staatlichen Mineralienhandel fest und spricht von einer „neuen Phase des Krieges“. Vorwürfe gehen auch in Richtung Deutschland

Mineralienexporte aus der Demokratischen Republik Kongo dienen weiterhin zur Finanzierung von Waffenimporten - trotz Waffenembargos. Und es geschieht auch dann, wenn Bergbaugebiete in Kongos Kriegsgebieten unter reguläre staatliche Autorität geraten. Dies ist die Kernaussage eines neuen UN-Untersuchungsberichts zur Einhaltung des Waffenembargos gegen den Kongo, der dem UN-Sicherheitsrat vertraulich zugeleitet wurde und der taz vorliegt.

Laut dem Bericht kommen weiterhin Waffen über Libyen, Ägypten oder Sudan in das Afrika der Großen Seen oder direkt in den Kongo. Es gibt im Ostkongo keine Luftraumüberwachung. Die UN-Experten kritisieren, dass Kongos im Aufbau befindliche neue Regierungsarmee FARDC der UN-Mission im Kongo rechtswidrig Kontrollen ihrer Flugzeuge und Hubschrauber verweigert. Die FARDC ist zwar vom Waffenembargo gegen Kongo ausgenommen, doch kann so nicht kontrolliert werden, ob ihre Ausrüstung - die teils aus Nato-Beständen stammt - nicht in falsche Hände gerät. Es würden geheime Waffenarsenale „von Offiziellen in verantwortlichen Positionen angelegt“, so die Experten.

Der Bericht konstatiert weiterhin eine „neue Phase des Krieges um die Reichtümer des Kongo“: „Lokale Machthaber, gegenwärtige oder zukünftige Kriegsherren, Milizen oder kriminelle Vereinigungen usurpieren die wirtschaftliche Kontrolle, indem sie traditionelle Regierungsstrukturen nachbilden. Illegale Gruppen reißen Macht an sich, indem sie Einzelpersonen als Quasiregierungsvertreter einsetzen, die dann Steuern und Gebühren erheben. Dank einem regulären Einnahmestrom können sich diese Gruppen festigen.“

Die Goldminen von Mongbwalu im nordostkongolesischen Distrikt Ituri, die Uranmine Shinkolobwe in Kongos Südprovinz Katanga sowie die bis 2004 deutsch geführte Niobium-Mine Lueshe in der ostkongolesischen Provinz Nordkivu sind die drei Beispiele, an denen die UN-Experten dies ausführen. Alle drei kamen im Rahmen der laufenden Reformen des kongolesischen Bergbaus unter neue Verwaltung, aber die reale Kontrolle über den Handel mit den jeweiligen Produkten sei gerade dadurch an mutmaßliche Kriegsfinanzierer übergegangen.

In Mongbwalu schaffte es die für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortliche Miliz FNI, deren Führer heute strafrechtlich verfolgt werden, Schlüsselposten der für die Mine zuständigen kongolesischen Staatsbehörde Okimo (Office de Kilo-Moto) mit eigenen Leuten zu besetzen, als diese wieder in die Mine einzog. Heute kontrolliert zwar Kongos Regierungsarmee die Mine - doch „ein paar unterernährte, irregulär bezahlte Soldaten, die Goldberge bewachen, sind keine effektive Abschreckung gegen Plünderer“, so der Bericht.

In Lueshe übernahmen Geschäftsleute aus der Provinzhauptstadt Goma die Kontrolle über den Handel mit dem Exportprodukt Pyrochlor, nachdem der bisherige deutsche Manager Karl-Heinz Albers wegen eines Schuldenstreits die Betreiberfirma Somikivu (Société Minière du Kivu) an seine lokalen Partner abgab. Den neuen Herren werden Verbindungen zu des Waffenschmuggels verdächtigten lokalen Organisationen im Umfeld der Provinzregierung nachgesagt. Der neue Firmenchef Modeste Makabuza habe nach eigenen Angaben 20 Tonnen Pyrochlor im Wert von 100.000 US-Dollar exportieren können. Die UN-Experten kritisieren in diesem Zusammenhang eine „unsägliche Wahrnehmung der Eigentümerverpflichtungen“ durch die Bundesregierung und den deutschen Somikivu-Mehrheitseigner GfE (Gesellschaft für Elektrometallurgie).

Die Feststellungen der UN-Experten über Shinkolobwe erregen am meisten Besorgnis. Aus der eigentlich 2004 geschlossenen Mine, aus der das Uran für die Atombombe von Hiroshima kam, würden weiterhin Mineralien exportiert - nur eben unter Regierungsaufsicht. Das staatlich beauftragte Prüflabor für die Erze arbeite so schlecht, dass afrikanische Transitländer darin „geschmuggelte Mineralien mit unakzeptabel hoher Radioaktivität“ entdeckt hätten. Sie mussten die Internationale Atomenergiebehörde einschalten.

Der Wiederaufbau staatlicher Strukturen im Kongo löst also die Probleme des Bergbaus, wichtigster Wirtschaftszweig des Landes, nicht. In diesem Zusammenhang ist auch die Warnung des entwicklungspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Christian Ruck, zu verstehen, der am Dienstag in Berlin sagte, die Reichtümer des Kongo würden „von Somalia bis Kasachstan zur Finanzierung von Dingen verwendet, die gegen unsere Sicherheitsinteressen sind“. Die UN-Experten fordern nun, Herkunftsnachweise für Kongos Mineralien zu entwickeln, wie es sie bereits für Diamanten gibt.

Trasylol

CBG Redaktion

8. Februar 2006

US-Behörde FDA warnt vor „Trasylol“ von Bayer

Die Warnung der FDA im Wortlaut / US-Anwälte bereiten Sammelklage gegen BAYER vor

Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat nun offiziell vor möglichen Nebenwirkungen des Medikamentes „Trasylol“ der Bayer AG gewarnt. Die Behörde wies Ärzte und Patienten darauf hin, dass das bei Herzoperationen eingesetzte Medikament in zwei wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit einem höheren Risiko von Nebenwirkungen in Verbindung gebracht werde. Zu ihnen gehörten Nierenprobleme, Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Die Behörde untersuche jetzt das Sicherheitsprofil der Arznei im Licht der jüngsten Veröffentlichungen und prüfe, ob weitere Maßnahmen nötig seien, hieß es. In der Zwischenzeit sollten Vorteile und Risiken der Arznei sorgfältig abgewogen werden.

Medikamenteneinsatz „nicht weise“

Die Stellungnahme der FDA kommt nicht überraschend, denn Ende Januar hatte die Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ eine Untersuchung zitiert, der zufolge durch Trasylol das Risiko von Nierenversagen, Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. Nach Einschätzung der Autoren der Studie ist es nicht „weise“, dass Mittel weiter einzusetzen. Generische Medikamente seien eine sicherere und günstigere Alternative. Mit Trasylol wird der Blutverlust bei Operationen am offenen Herzen verringert.

Für Bayer könnte die Warnung teuer werden. Alleine in den ersten neun Monaten 2005 hatte der Pharmakonzern mit dem Mittel 164 Mio Euro umgesetzt, rund 35 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Bedeutung des Medikamentes ist jedoch größer als sich an dieser Umsatzzahl allein abschätzen lässt, denn Bayer rechnet auch künftig mit jährlich zweistelligem Umsatzwachstum und will den Einsatz auf weitere Indikationen erweitern. So soll Trasylol künftig auch bei Hüft- und Wirbeloperationen sowie bei Krebsoperationen eingesetzt werden.

Zudem ist es nicht das erste Mal, dass sich Bayer um einen Blockbuster sorgen muss. 2001 musste das Unternehmen das Cholesterinmittel Lipobay wegen möglicherweise tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen. Bayer zahlte 1,1 Mrd. Dollar für außergerichtliche Vergleiche. Zudem warnte die US-Gesundheitsbehörde erst kürzlich vor einem erhöhten Risiko von Herzproblemen beim Bayer-Medikament Naproxen. (Quelle: n-tv)

Artikel "Todesfälle durch TRASYLOL: BAYERs neuer Pharma-GAU

[Kunst g. Konzerne] Kunst gegen Konzerne

CBG Redaktion

Vernissage: 3. Februar, 19 Uhr, fiftyfifty-Galerie Düsseldorf

Der Maler und Bildhauer B e r n d E n g b e r d i n g hat der Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ das Werk „Anbetung des Mammon“ gestiftet.

Die Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ wurde von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) zusammen mit bekannten KünsterInnen wie Natalie Bertrams, Otto Piene und Peter Royen ins Leben gerufen. Die KünstlerInnen verleihen mit ihren Mitteln ihrem konzernkritischen Engagement Ausdruck und solidarisiern sich zugleich mit der CBG, indem Sie ein oder mehrere Werk(e) stiften. Die Erlöse fließen ohne jeden Abzug direkt in die Arbeit der Coordination.

Am 3. Februar (19 Uhr) wird in Düsseldorf, Jägerstr. 15 in der fiftyfifty-Galerie eine Ausstellung von Bernd Engberding eröffent. Die Schau bleibt bis zum 17. März für alle KunstliebhaberInnen geöffnet. Es spielen die „boogaloo horns“ und das Trio N. Hein, P. Brandecker und S. Lutzer. es gibt ein köstliches italienisches Vorspeisenbuffet mit Chianti, Soave und Wasser.

Bernd Engberding (Jahr 1951) stellt besonders strenge Ansprüche an sich und seine Arbeit und tritt seiner gesamten Umwelt und ihren vielfältigen, historisch geprägten Verästelungen mit vorurteilsfreier Neugier und Offenheit gegenüber.

In Engberdings Motivwahl setzt sich die unauflösbare Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart konsequent fort. Das Nebeneinander und Übereinander von Archaischem, Mythologischem und symbolhaften Kürzeln oftmals naturwissenschaftlicher Herkunft bringt nicht nur die stets bedrohlicher werdende Disparatheit von spirituellem Anspruch einerseits und „instrumenteller Vernunft“ (Max Horkheimer) andererseits zum Ausdruck, sondern es wird hier auf selber symbolhafter Weise ein Fundus verbildlicht, der danach verlangt, als zusammengehörig wahrgenommen zu werden und so vielleicht eine undogmatische Weltreflexion zu befördern, die wieder den Namen „Naturphilosophie“ verdient.

Das Herstellungsverfahren der Kunst von Bernd Engberding ist kunstgeschichtlich einmalig: Öl-Holzdrucke liefern farblich brillante Ergebnisse. In seinen Werke verarbeitet der Künstler alte Schriftzeichen und archetypische Symbole.

Wer nicht in die Galerie kommen kann, findet Bernd Engberding und die gesamte Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ auch im Internet unter www.kunstgegenkonzerne.de

Das Werk „Anbetung des Mammon“ kann auch direkt hier bestellt werden: info@cbgnetwork.org.
Jedes Bild ist ein Unikat, hergestellt als farbiger Öl-Holzdruck, 24 x 30 cm. Das Motiv ist limitiert. Alle Bilder sind handsigniert.
Nur 150 €. Bestell-Nr. 7 000 010

[Turnhalle Lev] Turnhallen-Neubau Leverkusen

CBG Redaktion

Die Grünen Leverkusen, Fraktion
Presseerklärung vom 1. Februar 2006

Zum Turnhallen-Neubau in Leverkusen

Unverantwortlich finden wir die Überlegungen von Herrn Meinolf Sprink zum Bau einer neuen Sporthalle als Ersatz für die Dopatkahalle. Dabei den Verkauf städtischer Grundstücke für die Finanzierung mit ins Kalkül zu beziehen, finden wir nur noch dreist.

Die Bayer AG entzieht sich in Leverkusen jeder Verantwortung. Sie baut Arbeitsplätze in allen Sparten ab und zahlt seit Jahren keinen Cent Gewerbesteuer.

Es sei ihnen versichert: die Politiker haben Albträume angesichts des riesigen Schuldenbergs, der auf der Stadt lastet. Wir können nur noch zwischen Scylla und Charybdis entscheiden, wenn es um die Kürzung von Mitteln geht. Bewährte soziale Einrichtungen müssen wegen fehlender finanzieller Mittel der Stadt ihre Arbeit einschränken oder gehen ganz den Bach runter.

Und dann kommt Bayer und schlägt den Verkauf eines städtischen Grundstückes zur Finanzierung einer neuen Sporthalle vor: mit uns nicht!

Wenn der größte Sportverein Leverkusens eine neue Halle will: soll er sie doch selbst bauen, auf eigenem Grundstück und mit eigenem Geld!

Mit der von uns seit Jahren geforderten Schließung der kostenintensiven Dopatkahalle sind wir allerdings sehr einverstanden.

Kölner Stadt-Anzeiger, 02.02.06

„Bayer entzieht sich jeder Verantwortung“

Hinter den Kulissen laufen intensive Gespräche in Leverkusen um eine neue Sportstätte zu errichten, erste Konzepte dazu scheinen auf dem Tisch zu liegen, da rührt sich bereits heftiger Widerstand. Die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen ist zwar „mit der von uns seit Jahren geforderten Schließung der kostenintensiven Wilhelm-Dopatka-Halle sehr einverstanden“, nicht aber mit den „Überlegungen von Herrn Meinolf Sprink zum Bau einer neuen Sporthalle“.
„Dabei den Verkauf städtischer Grundstücke für die Finanzierung mit ins Kalkül zu ziehen finden wir nur noch dreist“, heißt es in einer offiziellen Erklärung der Leverkusener Grünen. Und weiter: Die Bayer AG entziehe sich in der Stadt jeder Verantwortung, baue Arbeitsplätze in allen Sparten ab und zahle seit Jahren keinen Cent Gewerbesteuer.
„Es sei ihnen versichert: die Politiker haben Albträume angesichts des riesigen Schuldenbergs, der auf der Stadt lastet. Wir können nur noch zwischen Scylla und Charybdis entscheiden, wenn es um die Kürzung von Mitteln geht. Bewährte soziale Einrichtungen müssen wegen fehlender finanzieller Mittel der Stadt ihre Arbeit einschränken oder gehen ganz den Bach runter. Und dann kommt Bayer und schlägt den Verkauf eines städtischen Grundstücks zur Finanzierung einer neuen Sporthalle vor: mit uns nicht. Wenn der größte Sportverein Leverkusens eine neue Halle will, soll er sie doch selbst bauen, auf eigenem Grundstück und mit eigenem Geld“, so die Grünen. (ksta)

Sportler träumen von einer neuen Arena

Die Wilhelm-Dopatka-Halle hat ihre besten Zeiten hinter sich. Spätestens 2010 soll Ersatz her.
VON GÜNTER MÜLLER, 01.02.06, Kölner Stadt-Anzeiger

Die langen Volleyballerinnen des TSV Bayer 04 machen in der neuen Arena zu Leverkusen vor 2500 faszinierten Besuchern kurzen Prozess mit dem gegnerischen Damenteam. Anschließend zaubern die spielstarken Handballerinnen des größten Sportvereins der Stadt vor 3000 hin und her gerissenen Fans an gleicher Stätte. Und zum Abschluss eines außergewöhnlichen Sporttages versenken die endlich wieder gigantischen Bayer-Korbjäger vor 4000 begeisterten Zuschauern einen Ball nach dem anderen im gegnerischen Korb. Es darf geträumt werden, im Lager der Bayer-Sportler.
Geht es nämlich nach dem Willen wichtiger Entscheidungsträger, könnte sich unsere Stadt in absehbarer Zeit mit einer für Ballsportarten ausgerichteten neuen Arena schmücken. Schließlich soll, so der Ratsbeschluss, die von den Bayer Giants als Spiel- und Trainingsstätte sowie von der Stadt für diverse andere Veranstaltungen genutzte Wilhelm-Dopatka-Halle spätestens im Jahr 2010 der Abrissbirne zur Verfügung stehen. Es sei denn, es findet sich ein Investor, der die in den 70er Jahren gebaute Spielstätte mitsamt dem Grundstück erwirbt. Die Haberland-Halle, dort spielen die Handballerinnen von Bayer 04, und die Spielstätte der Volleyballdamen im Schulzentrum Ophoven versprühen zwar eigenen Charme, sind aber in die Jahre gekommen und entsprechen nicht internationalem Standard.
Auf jeden Fall sollen die Leverkusener Korbjäger die Dopatka-Halle solange nutzen können, bis es Ersatz gibt. Niemand werde vor die Tür gesetzt, erklärte Helga Roesgen. Die Beigeordnete der Stadt Leverkusen für Kultur, Schulen, Jugend und Sport weiß allerdings zu genau, dass die Stadt eine Leistung in Form einer neuen Halle nicht erbringen kann: „Das ist ja klar. Wir haben kein Geld.“
Genau aus diesem Grund haben einflussreiche Menschen aus Verwaltung und Politik sowie von Bayer 04 und der Bayer AG bereits ihre schlauen Köpfe zusammengesteckt und nicht nur erste Gedanken ausgetauscht, sondern bereits Konzepte entwickelt. Zu ihnen gehört Meinolf Sprink, der Sportbeauftragte der Bayer AG. Der hat gehört, dass allein für die nötige PCB-Sanierung der Dopatka-Halle die nicht unerhebliche Summe von 2,5 Millionen Euro aufgebracht werden müsste. Der gleiche Betrag fiele an, um die Arena auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Macht rund fünf Millionen Euro. Für solche Investitionen dürfte auch die Politik kaum zu begeistern sein.
Der Bau einer modernen Halle, die für verschiedene Ballsportarten, möglicherweise auch für Aktivitäten rund um den Schulsport und die einer oder andere gesellschaftliche Veranstaltung genutzt werden und zwischen 3000 und 4000 Besuchern fassen kann, sei, so Sprink, mit Kosten in Höhe von rund zehn Millionen Euro verbunden. Aber, wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld? „Leverkusen ist eine Stadt mit großer sportlicher Bedeutung und die Bayer AG zeigt seit vielen Jahren großes Engagement im Sportbereich. Auch unter diesem Aspekt haben wir mit Bund und Land über entsprechende Fördermittel gesprochen“, erklärte Meinolf Sprink.
Ergebnis: Es sei durchaus denkbar, in den Jahren 2007 bis 2009 in den Genuss öffentlicher Gelder zu kommen. Vorausgesetzt, man könne ein entsprechendes Finanzierungspaket präsentieren. In dem Zusammenhang werde natürlich die Frage gestellt, was tut die Stadt. Das sei, so Sprink, ein ganz wichtiger Punkt. Angesichts leerer Kassen könnte beispielsweise der Erlös eines möglichen Verkaufs jenes Grundstücks an der Bismarckstraße, auf der die Dopatka-Halle (noch) steht, in die Finanzierung einfließen.
Wie zu hören war, beschäftigt sich auch die Bayer Fußball GmbH mit dem offenbar interessanten Standort gegenüber der BayArena. Im Falle eines Stadionausbaus könnten dort zusätzliche Parkflächen - auch in Form eines Parkhauses - für einen erlauchten Besucherkreis der Bundesligaspiele entstehen. Für den Bau einer neue Halle wird das Areal neben der Grünewald-Halle an der Tannenbergstraße - erforderliche Leitungen und Anschlüsse sind dort vorhanden - ebenso wenig ausgeschlossen wie das Gelände am Kurtekotten, zumal dort ausreichend Parkraum zur Verfügung steht.
Seinen Favoriten in der Standortfrage mochte Meinolf Sprink zwar nicht nennen, der Sportbeauftragte der Bayer AG wies aber daraufhin, dass „wir jetzt unsere Hausaufgaben machen und das Signal in Richtung Bund und Land geben müssen.“ Bleibt abzuwarten, ob die Ampel für den Bau einer neuen Sporthalle in Leverkusen auf Grün gestellt werden kann. Immerhin, es darf weiter geträumt werden.