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Beitrag veröffentlicht im April 2011

[MIC] STICHWORT BAYER 02/2011

CBG Redaktion

CBG-Forderung erfüllt:

Produktionsstopp für Bhopal-Gas

25 Jahre Kampagnenarbeit führten endlich zum Erfolg: BAYER kündigte Mitte Januar an, im US-Werk Institute die Herstellung des Bhopal-Gifts MIC einzustellen.

Von Philipp Mimkes

„Dies ist ein monumentaler Schritt in unserem 25-jährigen Kampf für mehr Sicherheit. MIC ist wirklich das Schlimmste vom Schlimmsten.“ So kommentiert Maya Nye, Sprecherin der Initiative PEOPLE CONCERNED ABOUT MIC (PCAM), die Ankündigung des BAYER-Konzerns, die Produktion der Chemikalie Methyl Isocyanat (MIC) in seinem Werk am Standort Institute nach einer Frist von anderthalb Jahren einzustellen. Zwei hochgefährliche Pestizide, Aldicarb und Carbaryl, zu deren Herstellung MIC verwendet wird, sollen zudem vom Markt genommen werden.
Die Fabrik im US-Bundesstaat West Virginia gehörte einst zur Firma UNION CARBIDE und galt als Zwillings-Werk der Fabrik in Bhopal, wo 1984 ein MIC-Tank explodierte, was zum Tod von etwa 20.000 AnwohnerInnen führte. Über 100.000 Menschen leiden bis heute an den Vergiftungen.

Transatlantische Solidarität
Nach der Katastrophe in Indien hatten sich die Augen der Öffentlichkeit auf die Pestizid-Fabrik in West Virginia gerichtet. Institute blieb der einzige Ort in den USA, in dem bis heute große Mengen MIC produziert und gelagert werden – weit mehr, als in Bhopal damals austraten. Der deutsche BAYER-Konzern übernahm die Fabrik im Jahr 2001. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) kooperiert seitdem eng mit Umweltgruppen aus West Virginia, die eine Beendigung der MIC-Produktion in Institute fordern. Mehrfach hatte die CBG hierzu Gegenanträge zur BAYER-Hauptversammlung eingereicht. Maya Nye bedankt sich denn auch für die Hilfe aus Europa: „Ohne den öffentlichen Druck, den Ihr kontinuierlich auf BAYER ausgeübt habt, wäre diese Entwicklung nicht möglich gewesen. Wir bedanken uns aus tiefstem Herzen für Eure Solidarität!“.
Zuletzt ereignete sich in der Anlage im August 2008 eine schwere Explosion, deren Erschütterungen in einem Umkreis von mehr als zehn Meilen zu spüren waren (SWB berichtete). Zwei Arbeiter verloren ihr Leben. Nur vier Monate zuvor hatte ein Vertreter der Coordination auf der BAYER-Hauptversammlung die mangelhafte Anlagensicherheit in Institute kritisiert. Einen Produktionsstopp für Giftgase wie Phosgen und MIC, wie vom CBGler verlangt, lehnte der BAYER-Vorstand jedoch als „unbegründet“ ab.

220 Arbeitsplätze bedroht
Uwe Friedrich vom Vorstand der CBG: „Wir fordern grundsätzlich, dass die chemische Industrie auf den großtechnischen Einsatz tödlicher Chemikalien wie MIC und Phosgen verzichtet.“ Als unfreiwillig komisch bezeichnet Friedrich die Argumentation von BAYER-VertreterInnen, die den Verkaufsstopp von Aldicarb und Carbaryl mit dem im Jahr 1995 gegebenen Versprechen begründet hatten, Pestizide der obersten Gefahrenklasse vom Markt zu nehmen. Dieses hat sein Verfallsdatum nämlich längst überschritten, sollte es doch schon zur Jahrtausendwende 1999/2000 eingelöst sein.
Angesichts der Rekord-Gewinne in den vergangenen Jahren tritt die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN darüber hinaus dafür ein, dass die 220 von der Einstellung der MIC-Produktion betroffenen Beschäftigten in Institute angemessene Ersatz-Arbeitsplätze erhalten. Auch Maya Nye von den PEOPLE CONCERNED ABOUT MIC solidarisiert sich mit der Belegschaft: „Wir fühlen mit den betroffenen Arbeitern, die ihre Stelle verlieren sollen. Wir müssen aber daran erinnern, dass dies die Folge der Weigerung von BAYER ist, vorauszudenken und in sichere Verfahren zu investieren.“ Nye kritisiert insbesondere die jahrelangen Drohungen von BAYER, Arbeitsplätze zu vernichten: „Dies ist ein übliches Mittel, um Anwohner, Umweltschützer und die Belegschaft auseinanderzudividieren. Wir werden dadurch zu Geiseln von Konzernen gemacht, denen Profite wichtiger sind als die Sicherheit der betroffenen Menschen.“

Untersuchungsbericht
Ebenfalls Mitte Januar legte die Aufsichtsbehörde „Chemical Safety Board“ (CSB) ihren lange angekündigten Abschlussbericht zum jüngsten Störfall vor. Die zeitliche Koinzidenz dürfte dabei kein Zufall sein: Mit der Ankündigung, aus der MIC-Produktion auszusteigen, wollte der Konzern offenbar dem CSB den Wind aus den Segeln nehmen. Der Report der Behörde hat es nämlich in sich: Die Werksleitung hatte demnach im August 2008 auf ein schnelles Wiederanfahren einer umgebauten Anlage gedrängt, damit keine Engpässe bei der Produktion des Pestizids LARVIN entstehen. Hierfür hatten Sicherheitssysteme bewusst außer Kraft gesetzt werden müssen. Die Programmierung der Computer-Steuerung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt, auch die MIC-Messgeräte an der Anlage waren nicht funktionstüchtig.
Dr. Rafael Moure-Eraso, Vorsitzender des CSB, kam daher bei der Vorstellung des 170-seitigen Berichts zu dem Ergebnis: „Der Tod der Arbeiter ist umso tragischer, als er hätte vermieden werden können, wenn BAYER eine angemessene Schulung der Mitarbeiter vorgenommen, eine umfassende Prüfung der Anlagen vor dem Hochfahren vorgeschrieben und eine strikte Einhaltung der Arbeitsabläufe gewährleistet hätte.“
Nur glückliche Umstände verhinderten die Beschädigung eines benachbarten MIC-Tanks. „Ein Austritt signifikanter Mengen MIC hätte tödliche Folgen haben können. Diese Sorge wurde von Anwohnern berechtigerweise seit Jahrzehnten geäußert“, so Dr. Moure-Eraso weiter. Dies ist ein deutlicher Seitenhieb gegen die Werksleitung, die nach dem Störfall vor zwei Jahren versucht hatte, Bürgerinitiativen und kritische Journalisten öffentlich zu diskreditieren.

Strafrechtliche Ermittlungen
Der US-Kongress strengte eine eigene Untersuchung des Störfalls an, die zu folgendem Ergebnis kam: „BAYER beteiligte sich an einer Geheimhaltungskampagne. Die Firma hat den Sicherheitskräften entscheidende Informationen vorenthalten, hat den Ermittlern der Bundesbehörden nur eingeschränkten Zugang zu Informationen gewährt, hat die Arbeit von Medien und Bürgerinitiativen unterminiert und hat die Öffentlichkeit unrichtig und irreführend informiert.“ Weiter hieß es: „Durch die Explosion flog ein mehrere Tonnen wiegender Rückstandsbehälter 15 Meter durch das Werk und zerstörte auf seinem Weg praktisch alles. Hätte dieses Geschoss den MIC-Tank getroffen, hätten die Konsequenzen das Desaster von Bhopal 1984 in den Schatten stellen können.“
Beschlagnahmte Unterlagen zeigten, dass die Firma die Ermittlungen bewusst behindert hatte. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert wegen des vermeidbaren Tods der beiden Mitarbeiter strafrechtliche Ermittlungen gegen die Werksleitung sowie einen endgültigen Verzicht auf alle Pestizide der obersten Gefahrenstufe. Die PCAM-AktivistInnen vor Ort engagieren sich indessen für einen sofortiges Ende der MIC-Herstellung. Sie klagten gegen die Wiederinbetriebnahme der Anlage. Am 25. Februar gab ihnen ein Richter Recht. Er untersagte dem Leverkusener Multi vorläufig, die gefährliche Chemikalie noch 18 Monate weiterzuproduzieren. Und drei Wochen später verkündete BAYER das endgültige Ende von MIC.

[Editorial] STICHWORT BAYER 02/2011

CBG Redaktion

Liebe Leserinnen und Leser,

zum ersten Mal muss die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) an dieser Stelle in eigener Sache sprechen. Die Umstände verlangen es, denn die Lage ist ernst: Die Existenz der Coordination steht auf dem Spiel. Sozialabbau und Wirtschaftskrise haben die Spenden-Einnahmen stark sinken lassen. Da die CBG keine Gelder aus staatlichen oder kirchlichen Quellen erhält - das ist der Preis für ihre konsequent konzern-kritische Ausrichtung - schrumpfte der Etat deshalb auf die Höhe der Budgets von Mitte der 1990er Jahre. Wegen des allgemeinen Kostenanstiegs bedeutet das einen starken Einschnitt. Darum waren wir bereits gezwungen, schmerzliche Maßnahmen einzuleiten. So haben wir beschlossen, das Büro aufzulösen und das Archiv zu schließen, das gerade auch für die journalistische Arbeit von Stichwort BAYER immer einen unermesslichen Schatz darstellte.

Aber das reicht nicht, um den Fortbestand unseres Netzwerkes dauerhaft zu sichern. Zur Weiterführung unserer Arbeit sind wir in den kommenden Monaten auf massive Unterstützung angewiesen. Darum möchte ich an Sie appellieren, der CBG zu helfen. Dafür gibt es viele Wege. Sie können uns einmalig einen Betrag spenden oder uns kontinuierlich fördern, indem Sie GarantIn werden. Auch eine CBG-Mitgliedschaft oder ein Stichwort-BAYER-Abonnement stärkt uns den Rücken.

Eine bekannte Künstlerin hat unsere Signale schon erhört: Nina Hagen. Die Sängerin wurde durch eine Kampagne, mit der wir Geschädigten des Schwangerschaftstests DUOGYNON zu ihrem Recht verhelfen wollen, auf die CBG aufmerksam. Als sie von unseren Schwierigkeiten erfuhr, erklärte sie sich spontan bereit, eine GarantInnenschaft zu übernehmen. „Es ist mir ein Herzensanliegen, die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN zu unterstützen“, verkündete sie und stellte sich sogar als CBG-Werbeikone zur Verfügung (siehe Seite 36).

Auch andere Reaktionen ermutigen uns. „Ihr macht eine solch immens wichtige, gute und mutige Arbeit!! Das darf nicht an Geldmangel scheitern“, meinte eine Anhängerin und überwies eine Spende. Andere erhöhen freiwillig ihren Mitgliedsbeitrag. Das gibt uns Hoffnung, die Situation zu meistern. In der 33-jährigen Geschichte der Coordination traten immer wieder finanzielle Probleme auf, und bisher gelang es uns immer, sie zu bewältigen. Diesmal aber steht es besonders schlimm. Darum möchte ich Sie eindringlich bitten, uns Beistand zu leisten, denn eine Initiative mit solch einer Erfahrung, Verbindungen weit über Europa hinaus und so vielen Erfolgen darf nicht einfach sterben.

Jan Pehrke ist Redakteur von Stichwort BAYER

[Arbeitsplätze] STICHWORT BAYER 02/2011

CBG Redaktion

4.500 Jobs weg

„Das ist eine Riesen-Schweinerei!“

Gleich zu seinem Amtsantritt verordnete der neue Vorstandsvorsitzende Marijn Dekkers BAYER eine Radikalkur: Er kündigte im November 2010 die Vernichtung von 4.500 Arbeitsplätzen an (SWB 1/11). Informationen über die ersten konkreten Eingriffe wie Werksschließungen folgten dann zwei Monate später. Die Belegschaft reagiert erbost auf die „Operation gelungen - Patient tot“-Behandlungsstrategie von Dr. Dekkers.

Von Jan Pehrke

„Für uns war 2010 insgesamt ein gutes Jahr“, konstatierte BAYER-Chef Marijn Dekkers auf der Bilanz-Pressekonferenz des Konzerns am 28. Februar 2011. Mit Stolz vermeldete er den höchsten Umsatz in der ganzen bisherigen Geschichte des Leverkusener Multis: 35 Milliarden Euro. Die weiteren Aussichten stimmten ihn ebenfalls hoffnungsfroh. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet der Holländer erneut mit Zuwachs, „und dank unserer starken Produkt-Pipeline sind wir auch für die weitere Zukunft optimistisch“.
Aber warum annoncierte der Vorstandsvorsitzende im Herbst 2010 dann die Vernichtung von 4.500 Arbeitsplätzen? Die Antwort darauf fiel einigermaßen verquast und technokratisch aus. Von „Herausforderungen“ sprach Dekkers, die es nötig machten, konsequenter in das Wachstum und die Innovationskraft des Unternehmens zu investieren. Und an anderer Stelle zu deinvestieren: „Wie im November 2010 kommuniziert, werden wir die erforderlichen finanziellen Mittel durch eine gezielte Umschichtung von Ressourcen freimachen. Unterstützt wird dies durch Effizienz- und Sparmaßnahmen. Hier gilt: Mehr Innovation und weniger Administration“.
Von Innovationen haben auch seine Vorgänger viel geredet, weil die Börsen das gerne hören, aber sie sind nie auf die Idee gekommen, Gelder für „Forschung & Entwicklung“ bei den Arbeitskosten abzuziehen und die beiden Bereiche miteinander zu verrechnen. Umso hanebüchener erscheint diese Begründung, als sich der Forschungsetat gegenüber 2010 gar nicht erhöht und der Rekord-Umsatz Dekkers wahrlich noch andere Finanzierungsmöglichkeiten geboten hätte.
Sich der Fadenscheinigkeit seiner Argumentation bewusst, greift der BAYER-Boss deshalb zur Sicherheit noch auf andere Rechtfertigungen zurück. Auf einer Veranstaltung im Dezember 2010 nannte er schwindende Gewinn-Erwartungen im Pharma-Bereich durch Gesundheitsreformen und die wachsende Konkurrenz, die der Produkt-Palette durch preiswerte Nachahmer-Präparate erwächst, als Gründe für die Schock-Therapie.
Aber plausibler ist auch diese Erklärung nicht. So hält die Financial Times Deutschland die von Dekkers genannten Motive für vorgeschoben und weiß besser, warum Pillen-Produzenten wie BAYER, ROCHE & Co. in letzter Zeit Sparprogramme bekannt gaben: „Die Arznei-Konzerne versuchen so, ihre - enorm hohen - Margen zu halten“.
Zu allem Übel hielt es der neue Ober-BAYER nicht einmal für nötig, den Aufsichtsrat - und also die Beschäftigten-VertreterInnen - vorab über seine Rationalisierungspläne zu informieren, wie es seine Vorgänger stets getan hatten. Erst nach einigen Einflüsterungen ging er einen Schritt auf die Gewerkschaft zu. Er raffte sich zu einer gemeinsamen Erklärung mit dem Gesamtbetriebsrat auf, deren Wert sich allerdings in Grenzen hält. „Inhaltlich ist die Mitteilung im Wesentlichen als Kotau vor der Belegschaft zu verstehen, am Umfang des Sparpakets ändert sich dagegen nichts“, resümiert die Börsen-Zeitung.
Nur zu kleinen Zugeständnissen erklärte sich der Pharma-Riese bereit. Vor den Treffen mit den BetriebsrätInnen hieß es plötzlich, die genannten Zahlen von 4.500 Stellen-Streichungen wären nur die Verhandlungsgrundlage. Auch eine Bereitschaft zur Fortschreibung der „Standortsicherungsvereinbarung“ signalisierte die Chef-Etage. Der Vorstand will die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE), die bisher immer als williger Co-Manager operiert hatte, augenscheinlich nicht desavouieren und am Ende der Gespräche ganz mit leeren Händen dastehen lassen.
Einen ersten Zwischenstand vermeldeten Vorstand und BelegschaftsvertreterInnen im Februar 2011. Wie zu erwarten, konnten die GewerkschaftlerInnen an dem Ausmaß der Stellen-Reduzierungen nichts ändern. Es bleibt bei 1.700 Arbeitsplatzvernichtungen an den bundesdeutschen Standorten - 700 im Pharma-Bereich, 300 in der Agro-Sparte und 700 in den Verwaltungen. Lediglich bei der Ausgestaltung der Streichungen durfte die IG BCE mitreden. So sieht die präsentierte Gesamtbetriebsratsvereinbarung zur „sozialverträglichen Personalanpassung 2011 und 2012“ großzügig bemessene Abfindungen vor und schließt betriebsbedingte Kündigungen aus. Zudem legt das Papier ein Investitionsvolumen für die hiesigen Werke in Höhe von jährlich 550 Millionen Euro fest. Das verkauft der BAYER-Gesamtbetriebsratschef Thomas de Win als „eindeutiges Bekenntnis zum Standort Deutschland“, obwohl der Chemie-Multi allein in den Ausbau seiner Shanghaier Niederlassung mit einer Milliarde Euro fast das Doppelte steckt.
Als erstes müssen sparten-übergreifend die LeiharbeiterInnen und Beschäftigten mit befristeten Verträgen gehen. Innerhalb der einzelnen Abteilungen trifft es die SCHERING-Crew am härtesten. Sie schrumpft um 500 Personen und hat damit die Hauptlast des Job-Abbaus in der Gesundheitssparte zu tragen, obwohl BAYER bei der Übernahme des Berliner Konzerns im Jahr 2006 schon 1.000 Arbeitsplätze abwickelte. Überdies hat der „Mann mit der Brechstange“, wie die Zeitschrift Capital Marijn Dekkers titulierte, der Belegschaft auch noch den Namen „SCHERING“ genommen und sie zu BayeranerInnen gemacht.
Einzelheiten über den Kahlschlag in den Verwaltungen enthielt die Gesamtbetriebsvereinbarung noch nicht. Dekkers‘ Drohung: „Mehr Innovation und weniger Administration“ dürfte jedoch vor allem die Computer-Sparte BAYER BUSINESS SERVICES (BBS) treffen. Der Vorstand lässt gerade von einer Unternehmensberatung prüfen, ob nicht auch externe Dienstleister einen Teil der Aufgaben erledigen könnten. Mindestens 400 Jobs ständen bei einer positiven Antwort, die BAYER zweifelsfrei erwartet, zur Disposition. Und das von der Gewerkschaft in weiser Voraussicht in Auftrag gegebene Alternativ-Gutachten wird es schwer haben, den Vorstand vom Gegenteil zu überzeugen.
Im Ausland, wo der Leverkusener Multi die restlichen 2.800 Jobs wegrationalisieren will, gibt es erst recht kein Pardon. Der US-Ableger von BAYER CROPSCIENCE entsorgt 300 Arbeitsplätze und schreckt dabei nicht einmal vor Werksschließungen zurück. So macht er die Pestizid-Anlage in Woodbine (Georgia) dicht. Auch am Standort Institute nimmt der Konzern Veränderungen vor. Dies hat aber weniger mit Dekkers‘ Spar-Programm als vielmehr mit der umstrittenen Bhopal-Chemikalie MIC zu tun. Einen Produktionsstopp für diese Substanz hatten die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN und Initiativen vor Ort immer wieder gefordert, und im Januar 2011 - über zwei Jahr nach einem großen Störfall mit Todesopfern - hatte das Unternehmen endlich ein Einsehen.
BAYERs US-amerikanische Pillen-Sparte hat ebenfalls gravierende Einschnitte zu verkraften. So stehen bei MEDRAD, der Tochter-Firma für Medizin-Produkte, 60 bis 70 Jobs zur Disposition. Zudem plant der Gen-Gigant an der Ostküste ein neues Pharma-Zentrum, was die Existenz der anderen sechs Standorte in der Region bedroht. Trotzdem gelang es dem Konzern, für die Schlankheitskur sogar noch Subventionen in Höhe von fast 40 Millionen Dollar abzugreifen. Ähnliches glückte zuvor schon in Berkeley an der Westküste (SWB 1/11).
Nur der Kunststoff-Bereich bleibt einstweilen von Eingriffen verschont. Dafür stellte ihn Dekkers Anfang März 2011 ganz zur Disposition. Nachdem er sich zuvor immer mehr oder weniger gewunden zu der Abteilung bekannt hatte, erklärte der BAYER-Chef in der Financial Times Deutschland: „Wenn aber für eine sehr große Akquisition ein bedeutender Geldbetrag aufgebracht werden muss, so wären wir bei dieser extremen Option bereit, eine Sparte zu veräußern“. Und dem Bereich „Tiergesundheit“ droht ein ähnliches Schicksal.
Die Börsen feierten Dekkers‘ Maßnahmen-Paket, mit dem er den Schwerpunkt des Unternehmens mehr in die Wachstumsmärkte der Schwellenländer verlegen und dort sogar Arbeitsplätze aufbauen möchte. „BAYER-Aktie profitiert von weltweitem Stellenabbau“,vermeldete die Westfälische Rundschau. Die LANDESBANK BADEN-WÜRTTEMBERG fand das mit dem Vorhaben verbundene Einspar-Volumen von 800 Millionen Euro „beeindruckend“ und lobte: „ein wichtiger Schritt für BAYER“. Wie auch INDEPENDENT RESEARCH und J.P. MORGAN setzte das Geldhaus das Kursziel für die Aktie flugs hoch.
Die Beschäftigten und die BürgerInnen an den Standorten hingegen reagierten empört. „Das ist eine Riesen-Schweinerei“, schimpft etwa ein Leverkusener, während ein BAYER-Beschäftigter stöhnt: „Wir sind doch schon kleingeschrumpft worden“ und sein Kollege ergänzt: „Ein weiterer Abbau geht einfach nicht“. Der Gesamtbetriebsrat nannte den Vorstoß Dekkers‘ „panisch“, „kurzsichtig“ und „völlig überzogen“; die IG BCE bezeichnete ihn als „nicht nachvollziehbar, nicht transparent“. Sogar die eigenen Führungskräfte sind nicht „amused“ über das Vorgehen ihres Chefs. „Es gibt keinen Dialog, keine Vorlaufzeit, man bekommt das vor den Latz geknallt“, klagt ein Manager in der Financial Times Deutschland, und ein anderer bezweifelt den Sinn des Effizienz-Programms: „Das ist ohne Not gekommen“.
Aber es blieb nicht bei Unmutsbekundigungen. Die Belegschaftsangehörigen machten ihrer Wut auch durch Protest-Aktionen Luft. Am BAYER-CROPSCIENCE-Standort Höchst fanden sie sich zu einer Spontan-Demonstration zusammen. Und als Marijn Dekkers auf einer Betriebsversammlung auftrat und dort für die Radikalkur warb, hielten die Beschäftigten rote Karten hoch, um ihre Ablehnung kundzutun. Seine Versicherungen, die Rationalisierungen seien nicht dem Druck der Finanzmärkte geschuldet, sondern strukturellen Defiziten, quittierten sie mit Hohn und Spott. Selbst die IG BCE, die nach ersten starken Worten schnell wieder in ihre Routine verfiel, Zumutungen durch eine sozialverträgliche Ausgestaltung etwas verträglicher zu gestalten, ließ dem Konzern nicht alles durchgehen. So kündigte die Gewerkschaft den Tarifvertrag von BAYER BUSINESS SERVICES, in dem sie 2007 eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich und einen Verzicht auf soziale Leistungen als Opfer zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit dargebracht hatte. Mit ihrer Absicht, trotz dieser Zugeständnisse massiv Arbeitsplätze bei BBS zu vernichten, habe der Vorstand der Vereinbarung die Geschäftsgrundlage entzogen, so die IG BCE zur Begründung.
„Dass sich die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten - deutlich mehr als 80 Prozent - in einem hohen Maße mit BAYER verbunden fühlt und das Unternehmen insgesamt als attraktiven Arbeitgeber schätzt“, wie der Pillenhersteller laut Geschäftsbericht 2010 in einer Befragung herausgefunden haben will, dürfte ins Reich der Märchen gehören. Ein Konzern, der mit der COMMERZBANK und der DEUTSCHEN BÖRSE zu den einzigen drei DAX-Firmen zählt, die 2011 Arbeitsplätze abbauen und der auf der Weltrangliste der Jobkiller den 12. Platz einnimmt, hat die Loyalität seiner Belegschaft verspielt.