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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

EU geißelt Glyphosat-Einsatz im Nahost-Krieg

CBG Redaktion

Jetzt muss BAYER handeln!

Die Europäische Union hat die Verwendung des Herbizids Glyphosat und seines Vorprodukts Phosphor als Chemiewaffen im Südlibanon und Syrien verurteilt. „Der Einsatz chemischer Waffen durch irgendjemanden, irgendwo, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen auch immer stellt einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar“, hielt die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas im Namen der EU-Kommission fest. In ihrer Antwort auf eine Anfrage von EU-ParlamentarierInnen der „The Left“-Fraktion verwies sie dabei auf die UN-Konvention zum „Verbot der militärischen oder sonstigen feindlichen Nutzung umweltverändernder Techniken“ (ENMOD), welche die Vereinten Nationen 1976 unter dem Eindruck der verheerenden Auswirkungen des „herbicidal warfare“ mit Agent Orange im Vietnam-Krieg verabschiedet hatten.

Im Süden des Libanons nutzt die israelische Armee Glyphosat und weißen Phosphor, um das Grenzgebiet zwecks Schaffung einer „Sicherheitszone“ unbewohnbar zu machen. So dienen die Stoffe dazu, Ackerflächen zu zerstören und den LandwirtInnen auf diese Weise ihre Lebensgrundlage zu rauben. Der weiße Phosphor steckt zudem in Artillerie-Geschossen, die in der Luft explodieren und als Rauch- und Brandbomben wirken. „Human Rights Watch“ dokumentierte einen solchen Angriff am 3. März in der Gegend um Yohmor, dem eine Aufforderung an die BewohnerInnen der Stadt sowie von 50 Dörfern der Umgebung vorausging, ihre Häuser zu verlassen.

Auch 2023 und 2024 hat die israelische Armee im Libanon solche Operationen durchgeführt. Für 2023 ist die Art und die Herkunft der weißen Phosphor enthaltenen Geschütze eindeutig belegt. Recherchen von Amnesty International zufolge handelte es sich um 155mm-Artillerie-Geschosse der M825-Serie aus US-amerikanischer Produktion.

In den Vereinigten Staaten produziert einzig die BAYER-Tochter MONSANTO Phosphor und Glyphosat. Darum hat US-Präsident Donald Trump beide Substanzen in seiner Executive Order vom 18. Februar auch als systemrelevant für das Militär eingestuft und unter besonderen Schutz gestellt. „Eine zukünftige Verringerung oder die Einstellung der inländischen Produktion von elementarem Phosphor und glyphosat-basierten Herbiziden würde die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten ernsthaft gefährden“, heißt es in dem Dekret. 

„Wir teilen diese Ansicht und werden die Verordnung umsetzen“, sagte BAYER-Chef  Bill Anderson auf der Bilanzpressekonferenz des Konzerns im März. Auf der Hauptversammlung einige Wochen später bestätigte das der Vorstand noch einmal, bestritt aber, die US-Armee vorher schon beliefert zu haben. Dabei taucht MONSANTO in Ausschreibungen des Verteidigungsministeriums zur Beschaffung von weißem Phosphor ganz offiziell als Produzent auf. „Auf Grundlage der Bestimmung in der staatlichen Beschaffungsverordnung (…) ist diese Beschaffung auf autorisierte Händler von weißem Phosphor beschränkt, der von MONSANTO innerhalb der Vereinigten Staaten, in angrenzenden Regionen sowie in Kanada hergestellt wird“, hält das Dokument aus dem Jahr 2020 fest.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fordert den Leverkusener Multi auf, dem Trump-Dekret nicht Folge zu leisten, Pestizide nur für zivile Zwecke zu fertigen und sich eindeutig zur ENMOD-Konvention und zum Chemiewaffen-Übereinkommen zu bekennen.

„BAYER hat 1914 mit Dianisidin eine der weltweit ersten Chemie-Waffen entwickelt. Es folgten weitere Kampfstoffe wie Blausäure, Lost, Sarin, Tabun. Im Kalten Krieg liefen die Forschungen weiter, und zu der chemischen Kriegsführung in Vietnam leistete  ebenfalls einen Beitrag. Es wird Zeit, dass der Konzern endlich aus der Geschichte lernt“, so Brigitte Hincha-Weisel von der CBG.

Ticker 4/25

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

CBG schreibt der Leopoldina

Die Nationale Akademie für Wissenschaften Leopoldina hat die während der NS-Zeit durchgeführten Medizin-Versuche an Menschen in einer Datenbank erfasst. Sie will damit die „Verstrickung von Medizin, biowissenschaftlicher Forschung und nationalsozialistischer Rassen-Ideologie“ aufzeigen, erklärte Leopoldina-Präsidentin Bettina Rockenbach. In speziellen Suchmasken können Interessierte nach Opfern, bestimmten Tests und den dahinterstehenden wissenschaftlichen Einrichtungen suchen. Ein Eingabefeld für die Recherche nach Pharma-Firmen fehlt allerdings, obwohl BAYER & Co. in Auschwitz und anderswo zahlreiche Arznei-Erprobungen unternahmen. So lässt sich dann auf der Webpage auch nur ein einziger Test des Leverkusener Multis – ein Experiment mit Sulfonamid – über die Suchfunktion finden.

In einem Schreiben an die Leopoldina kritisierte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN den Aufbau der Recherche-Plattform. „Die jetzige Form der Datenbank vermittelt Unkundigen den falschen Eindruck, dass nur staatliche wissenschaftliche Einrichtungen Verantwortung für die Medizinversuche hatten“, hieß es darin unter anderem.

Die Institution reagierte und räumte Schwächen ein. „Leider sind die Angaben in der Datenbank nicht immer vollständig und gerade hinsichtlich beteiligter Unternehmen gibt es Verbesserungsbedarf. Ihren wichtigen Hinweis, dass deren Rolle in der Darstellung auf der Webseite nicht deutlich wird, nehme ich gerne so auf“, antwortete ein Leopoldina-Mitarbeiter. „Es war nicht unsere Absicht, diese Beteiligung herunterzuspielen oder gar den Eindruck zu erwecken, es hätte sie nicht gegeben. Im Gegenteil ist uns die Nennung der für die Verbrechen verantwortlichen Personen und Institutionen ein wichtiges Anliegen“, versicherte er. 

Zu einer Überarbeitung der Datenbank wird es aber wohl nicht kommen, weil alle finanziellen Mittel in den Aufbau flossen und neue einstweilen nicht bereitstehen.

CBG beteiligt sich an EU-Konsultation

Die EU-Kommission aktualisiert regelmäßig ihre Verordnung über die Aus- und Einfuhr gefährlicher Chemikalien, um bestimmte Stoffe zu streichen oder neu hinzufügen. Bei diesem Prozess ist eine öffentliche Beteiligung vorgesehen. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) nutzte das, um eine Erweiterung des Regelwerks einzufordern. Sie mahnte an, dieses um einen Passus zu ergänzen, der die Ausfuhr von solchen Pestiziden verbietet, die innerhalb der EU nicht (mehr) zugelassen sind. „Die EU-Kommission selbst hat sich im Jahr 2020 dazu verpflichtet, ‚sicherzustellen, dass in der EU verbotene gefährliche Chemikalien nicht für den Export hergestellt werden‘ und muss das jetzt auch in praktische Politik münden lassen“, schrieb die CBG. 

Zur Begründung verwies sie auf die umfangreichen Schadensbilanzen zu den Ultragiften, die VertreterInnen aus dem Globalen Süden regelmäßig auf den Hauptversammlungen des Konzerns vorlegen. Überdies gefährden die Mittel nach Meinung der Coordination auch Mensch und Umwelt innerhalb der EU, denn immer wieder geraten Produktionsrückstände in die Flüsse. Sogar Reste von BAYERs innerhalb der EU verbotenen Pestizids Imidacloprid finden sich mitunter in den Gewässern.

Und zum Schluss ihrer Eingabe hin wurde die CBG sogar philosophisch. „Aus all diesen Gründen appellieren wir an die EU-Kommission, nicht länger mit zweierlei Maß zu messen und sich stattdessen am kategorischen Imperativ von Immanuel Kant zu orientieren: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

CBG im NRW-Kommunalwahlkampf

Im Vorfeld der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen hatten die PARENTS FOR FUTURE des Bundeslandes für den 9. September zu einem Aktionstag aufgerufen, um dem Klima eine Stimme zu geben. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) beteiligte sich und tat dies aus gegebenem Anlass am Stammsitz des BAYER-Konzerns in Leverkusen. Dort setzte sie zusätzlich noch das Thema „PFAS“ mit auf die Tagesordnung der Kommunalpolitik. Immer wieder nämlich schrecken die Stadt Meldungen über hohe PFAS-Rückstände im Rhein auf.

Protest gegen EU-Deregulierungen

Die EU bereitet ein Maßnahmen-Paket zur Aufweichung bzw. „Entbürokratisierung“ der Lieferketten-Richtlinie, der Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und der – Kriterien für ein „Green Economy“-Label festlegenden – Taxonomie-Verordnung vor. Auf Druck von BAYER & Co. hin will Brüssel essentielle ethische, soziale und ökologische Standards abbauen. „Wir können nicht erwarten, dass wir weltweit konkurrieren können, während wir uns gleichzeitig mit unnötigen Beschränkungen und Einschränkungen überfrachten“, so EU-Kommissar Valdis Dombrovskis zur Begründung des Vorstoßes. 

Aber dagegen erhebt sich Widerstand. Auf Initiative des CORPORATE EUROPE OBSERVATORY haben sich 470 Organisationen – darunter auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN – mit dem Appell an die EU gewandt, das Deregulierungsprojekt zu stoppen. „In einer Zeit extremer Ungerechtigkeit durch ungleiche Wohlstandsverteilung, soziale und finanzielle Ausgrenzung, Umweltzerstörung, Demokratie-Abbau, Überwachungskapitalismus, Ausbeutung von ArbeitnehmerInnen (…) fordern wir mehr Schutz, nicht weniger!“, heißt es in dem Statement.

„Parkinson als Berufskrankheit“ im Bundestag

Seit März 2024 ist „Parkinson durch Pestizide“ bei LandwirtInnen als Berufskrankheit anerkannt. Allerdings hat die „Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau“ (SVLFG) bisher erst 18 Anträge bewilligt. 

Am 7. Juli 2025 setzte der Abgeordnete Karl Bär von Bündnis 90/Die Grünen dieses Vollzugsdefizit auf die Tagesordnung des Bundestages. „Ich weiß nicht, ob das Problem an der Stelle Geiz ist oder die Ideologie, dass Pestizide ja nicht gesundheitsschädlich sein dürfen; aber diese Langsamkeit ist eine Sünde gegenüber den Betroffenen“, sagte er in seiner Rede. Gerade auch, weil die SVLFG hauptsächlich wegen des zu erwartenden erhöhten Finanzbedarfs in Sachen „Parkinson“ ihre Beiträge kräftig erhöht und auch der Bund seinen Zuschuss um 20 Millionen auf nunmehr 120 Millionen Euro angehoben hat, äußerte der Politiker Unverständnis. „Ich finde, ehrlich gesagt, beides nicht gerecht: Weder sollten die Landwirtinnen und Landwirte das bezahlen noch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Das sollte die chemische Industrie bezahlen“, so Bär. Schließlich wandte er sich direkt an den Landwirtschaftsminister: „Herr Rainer, sorgen Sie dafür, dass die Landwirtschaft die Abhängigkeit von der chemischen Industrie überwinden kann! Sorgen Sie dafür, dass es den Menschen, die unsere Lebensmittel produzieren, erspart bleibt, krank zu werden, weil sie glauben, dass sie dafür Ackergifte brauchen!“

KAPITAL & ARBEIT

12.000 Jobs weniger

Bei der Präsentation der Geschäftszahlen für das erste Halbjahr 2025 am 6. August gab der BAYER-Konzern auch bekannt, wie viele Stellen das 2024 begonnene Rationalisierungsprogramm bisher gekostet hat. 12.000 Arbeitsplätze fielen ihm bereits zum Opfer, und BAYER-Chef Bill Anderson sieht noch Luft nach oben. „Ich gehe davon aus, dass es zu einem weiteren Personalabbau kommen wird“, sagte er in einer Telefon-Konferenz mit den InvestorInnen. 

Arbeitsplatzvernichter Nr. 2

Der Unternehmensberatungs- und Wirtschaftsprüfungskonzern EY untersuchte die Beschäftigungsentwicklung von 32 der 40 DAX-Firmen im Zeitraum von Juni 2024 bis Juni 2025. Bei BAYER schrumpfte die Belegschaft um 7,3 Prozent. Nur CONTINENTAL vernichtete noch mehr Arbeitsplätze.

BLUEROCK streicht Arbeitsplätze

Zahlreiche auf neue medizinische Felder wie Zell- oder Gentherapien spezialisierte Pharma-Betriebe haben in letzter Zeit Arbeitsplätze vernichtet, so auch die BAYER-Tochter BLUEROCK. Sie strich 50 Stellen, stellte Entwicklungsprogramme ein und machte ihren Standort im US-amerikanischen Cambridge dicht. Eine ähnliche Schrumpfkur hatte BLUEROCK bereits im Jahr 2023 unternommen. Nach der neuerlichen bleiben bloß noch vier Projekte übrig, eine Therapie für ein Augenleiden, zwei zur Behandlung von Parkinson und die Entwicklung einer Zell-Plattform für diverse Erkrankungen des Nervensystems. 

„Der Rückzug von Standorten wie Cambridge – einem Zentrum biotechnologischer Innovation – signalisiert, dass selbst gut finanzierte Firmen die Balance zwischen ambitionierter Forschung und wirtschaftlicher Tragfähigkeit neu justieren müssen. Die Konzentration auf wenige, vielversprechende Programme gilt zunehmend als Voraussetzung, um im kapital-intensiven Umfeld der regenerativen Medizin [ein Zweig, der versucht, geschädigte Bestandteile des Körpers wie Zellen, Gewebe, Knochen oder Organe wiederaufzubauen, Anm. Ticker] langfristig bestehen zu können“, kommentiert das Webportal transkript

Nord & Süd

MERCOSUR-Deal in der Schlussrunde

Anfang Dezember 2024 schlossen die EU und die MERCOSUR-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay die Neuverhandlungen über einen Handelsvertrag ab. Im September 2025 läutete die EU-Kommission nun den Abstimmungsprozess ein. Als einen „wichtigen Meilenstein für die wirtschaftliche Zukunft der EU“, bezeichnete sie den Deal. Auch die Wirtschaft zeigte sich erfreut. Von „Europas historischer und zugleich letzter Chance, im südamerikanischen Markt als gleichberechtigter Partner aufzutreten“, sprach Dirk Jandura vom „Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). „Wir sollten diese Chance nutzen, bevor andere Mächte die Region vollständig unter sich aufteilen“, mahnte er. 

Neben der Auto-Branche profitiert vor allem die Chemie-Industrie von dem Handelsvertrag. Die von den Mercosur-Ländern vorgesehene Abschaffung der Import-Zölle für mehr als 90 Prozent aller Waren verschafft BAYER & Co. bessere Absatz-Möglichkeiten für ihre Waren, denn bisher beliefen sich die Sätze für Chemikalien auf bis zu 18 Prozent und für Pharmazeutika und Pestizide auf bis zu 14 Prozent. Damit nicht genug, verspricht sich der Leverkusener Multi auch von den Vergünstigungen für die Einfuhr von Agrar-Rohstoffen, die Brüssel Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay im Gegenzug gewährt, so einiges. Es ist nämlich ein höherer Genpflanzen- und Pestizid-Absatz zu erwarten, wenn insbesondere das brasilianische und das argentinische Agro-Business besseren Geschäften auf dem alten Kontinent entgegensieht. Der EU-Forschungsdienst hat dafür bereits Zahlen vorgelegt. Er rechnet mit einer Steigerung des Anteils der Mercosur-Staaten an den Lebensmittel-Importen der Europäischen Union von derzeit 17 auf 25 Prozent.

Die Monokulturen dürften sich dadurch noch weiter in die Regenwälder hineinfressen und zu Vertreibungen von Indigenen führen. Zudem verstärkt die Übereinkunft die bestehenden Ungleichgewichte im Handel zwischen Lateinamerika und Europa, weil sie die Rolle der Staaten des Kontinents als Lieferanten billiger Rohstoffe ohne großen Wertschöpfungsanteil verfestigt und die wegfallenden Handelsbarrieren für veredelte Güter aus Europa es den MERCOSUR-Industrien noch schwerer machen, die Rückstände aufzuholen.

Allerdings kann das Abkommen erst in Kraft treten, wenn das Europäische Parlament und die Mitgliedsländer ihr Ja-Wort geben. Da es viel Widerstand gegen den Deal gibt – besonders Nationen mit einer starken Landwirtschaft wie Polen und Frankreich befürchten eine Agrargüter-Schwemme aus Lateinamerika – greift die Kommission zu einem Trick, um ihn durchzubringen. Sie stellt erst einmal nur den Handelsteil des Vertragswerks zur Wahl. Für dessen Annahme ist unter den EU-Staaten nämlich keine Zweidrittmehrheit mehr nötig – es reicht eine qualifizierte Mehrheit. 

Das NETZWERK GERECHTER WELTHANDEL, dem die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN angehört, bereitet sich auf einen heißen Herbst vor und plant diverse Protest-Aktionen gegen den Deal.

Mehr Gift-Exporte aus Deutschland

BAYER & Co. dürfen Pestizide, die die EU wegen ihrer Gefährlichkeit verboten hat, weiter herstellen und vertreiben – nur in eben nicht in den Mitgliedsländern. Und das tun sie nicht zu knapp, wie eine neue Studie von PUBLIC EYE und UNEARTH nachweist. Die Ausfuhren beliefen sich 2024 auf 122.000 Tonnen.  Export-Weltmeister mit 55.000 Tonnen ist Deutschland. „Das Land hat sich zum wichtigsten europäischen Umschlagplatz für den Handel mit verbotenen Pestiziden entwickelt“, resümieren die AutorInnen. Auf Rang drei der am häufigsten umgeschlagenen Agro-Chemikalien: das auch von BAYER produzierte Mancozeb. Und noch zahlreiche weitere Substanzen, die ebenfalls in den Produkten des Leverkusener Multis Verwendung finden, platzierten sich wie z. B. Tiram, Clothianidin, Acetochlor, Fipronil und Thiophanat-methyl.

Ursprünglich wollte die Europäische Union dieser Praxis der doppelten Standards ein Ende setzen. Aber BAYER & Co. gelang es durch Extrem-Lobbyismus, diesen Prozess zu verzögern. Mit den Ergebnissen der Untersuchung konfrontiert, erklärt eine Sprecherin der Kommission nun, diese prüfe zurzeit „mögliche Optionen“, um „sicherzustellen, dass die gefährlichsten in der EU verbotenen Chemikalien nicht für den Export hergestellt werden können”. „Die Gewährleistung eines hohen Schutzniveaus für Mensch und Umwelt, sowohl innerhalb der EU als auch weltweit, ist von größter Bedeutung”, hielt sie gegenüber PUBLIC EYE und UNEARTH fest.

POLITIK & EINFLUSS

EU schleift Lieferketten-Richtlinie

Im Februar 2025 hat die EU-Kommission eine Aushöhlung bzw. „Vereinfachung“ der Lieferketten-Richtlinie auf den Weg gebracht, die für Unternehmen mit über 1.000 Beschäftigten und einem Umsatz von über 450 Millionen Euro gilt. Gemäß dem Omnibus-Paket müssen die betreffenden Firmen die Einhaltung sozialer, gesundheitlicher und ethischer Standards nur noch bei ihren direkten Lieferanten kontrollieren und darüber auch nur noch alle fünf Jahre einen Bericht erstellen. 

Im Juni 2025 schleifte der EU-Ministerrat die Bestimmungen weiter, indem er den Kreis der Betriebe beschränkte, für den sie gelten. Er will jetzt nur noch solche mit mehr als 5.000 Beschäftigten und einem Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro pro Jahr in die Pflicht nehmen und selbst diese Gesellschaften nicht mehr so ganz. Nur bei Zulieferern aus Sektoren mit einem hohen Risiko für Menschenrechtsverletzungen sind sie noch gefordert, genauer hinzuschauen. 

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im Mai bei einem Besuch in Brüssel sogar auf eine Komplett-Abschaffung gedrungen: „Wir werden in Deutschland das nationale Gesetz aufheben, und ich erwarte auch von der EU, dass sie diesen Schritt nachvollzieht und diese Richtlinie aufhebt“, sagte er zur Verärgerung seines sozialdemokratischen Koalitionspartners. Im Koalitionsvertrag hatten die beiden Parteien sich nämlich parallel zur Abschaffung des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetzes noch darauf verständigt, die EU-Richtlinie zu den Lieferketten „bürokratiearm und vollzugskräftig“ umzusetzen. 

Die SPD versuchte dann im Alleingang über eine Intervention bei der polnischen Ratspräsidentschaft, das Hochsetzen der Schwelle auf 5.000 Beschäftigten abzuwenden, was jedoch nicht gelang. Jetzt kann nur noch das EU-Parlament das Schlimmste verhindern.

Lieferketten-Gesetz aufgeweicht

Die Bundesregierung hat Anfang September 2025 auf ihrer Kabinettssitzung eine Aushöhlung des Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetzes (LKSG) beschlossen. CDU und SPD kündigten an, die Berichtspflichten abzuschaffen und Sanktionen nur noch bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Menschenrechte zu verhängen. Auf diese Weise wollen die Koalitionspartner „Bürokratie zurückbauen“ und „die deutsche Volkswirtschaft stärken“. Damit nicht genug, unterstützt Schwarz-Rot auch noch Forderungen nach „ambitioniertem Rückbau“ der EU-Lieferkettenrichtlinie. 

Die Industrie hätte gerne noch ein bisschen mehr gehabt. Vielen Unternehmensverbänden ging der Vorstoß der Koalitionspartner nicht weit genug. Und der Normenkontrollausschuss drängte darauf, alle jüngst auf den Weg gebrachten „Vereinfachungen“ der EU-Lieferkettenrichtlinie (s. o.) – wie z. B. die Beschränkung der von den Regelungen betroffenen Unternehmen auf solche mit mehr als 5.000 Beschäftigten – gleich mit ins deutsche Gesetz zu schreiben. Dazu hätten die Parteien sich nämlich verpflichtet, meinte der Ausschuss und zitierte dazu eine Passage aus dem Koalitionsvertrag: „Bei der Umsetzung von EU-Recht in nationales Recht schließen wir bürokratische Übererfüllung aus.“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) reagierte alarmiert. „Die Menschenrechte sind kein Bürokratie-Monster. Zudem hatten es die Konzerne lange selbst in der Hand, über die Einhaltung von ethischen Standards bei ihren Zulieferern zu wachen. Aber die freiwillige Selbstverpflichtung führte zu nichts. Nur darum wurde der lange geduldige Gesetzgeber schließlich doch aktiv und erließ das Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz. Doch kaum nach dessen Einführung im Jahr 2023 beginnen schon wieder die Abwrack-Arbeiten. Das ist ein Skandal“, hieß es in ihrer Presseerklärung.

Darin hob die Coordination auch die große Bedeutung der Berichtspflichten hervor, ohne die die Öffentlichkeit kaum erfahren könne, was sich entlang der weltumspannenden Lieferketten der Unternehmen so tut. Und das ist mitunter eine ganze Menge. So weist BAYERs Lieferkettenbericht für 2024 63 Fälle von „Missachtung von Arbeitsschutz und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren“, fünf Verstöße gegen das „Verbot der Ungleichbehandlung von Beschäftigten“ und elf Verstöße gegen das „Verbot des Vorenthaltens eines angemessenen Lohns“ aus. 2023 kam es sogar zu Kinderarbeit und zur Behinderung gewerkschaftlicher Betätigung.

Die Initiative Lieferketten-Gesetz kritisierte die Pläne ebenfalls. „Die geplante Lockerung des LkSG würde Deutschland weiter vom internationalen Konsens, wie ihn etwa die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte formulieren, entfernen. Eine Abschwächung des LkSG steht zudem im Widerspruch zum europarechtlich und völkerrechtlich verankerten Verschlechterungs- bzw. Rückschrittsverbot beim Menschenrechtsschutz“, hielt sie fest. Das Bündnis, dem auch die CBG angehört, wird alles tun, um die geplanten Deregulierungen zu verhindern.

Spatenstich für Gentherapie-Zentrum

Zell- und Gentherapien stellen einen Schwerpunkt von BAYERs Pharma-Sparte dar. In Deutschland kooperiert der Konzern dabei mit der Berliner Charité. Im Jahr 2022 gaben die beiden Partner bekannt, ein Zell- und Gentherapie-Zentrum aufbauen zu wollen, das auch Start-Ups und anderen Firmen offenstehen soll. Das Ziel der Gründung ist es, den Weg von der Forschung zur Produkt-Entwicklung zu beschleunigen. „Am Nordhafen finden Forscher und Verwerter zusammen“, so formuliert es die Berliner Morgenpost

Die Politik gewährt großzügig Unterstützung. „Trotz angespannter Haushaltslage in Berlin wird das Zentrum vom Bund und vom Land Berlin mit rund 100 Millionen Euro finanziert“, hält das Webportal transcript fest. Die Verantwortlichen betrachten nämlich Zell- und Gentherapien als „ein wesentliches Element für eine personalisierte Medizin, mit der Krankheiten zielgerichtet behandelt werden können“ und verfolgen mit den Geldspritzen die Absicht, „geeignete Plattformen für diese Zukunftstechnologie und die darauf aufbauende klinische Entwicklungen in Deutschland auszubauen“ sowie „den Biotechnologie-Standort Deutschland wirkungsvoll zu stärken“. 

Mitte September erfolgte nun der erste Spatenstich für den Bau mit Politik-Prominenz wie Finanzminister Lars Klingbeil, Forschungsministerin Dorothee Bär und Berlins Bürgermeister Kai Wegner.

Amtshilfe in Sachen „Glyphosat“

BAYERs Entschädigungsprozesse in Sachen „Glyphosat“ beschäftigen wegen ihrer ökonomischen Folgen inzwischen auch die deutsche Politik. So fanden im Bundeswirtschaftsministerium Gespräche dazu statt. „Es gab Austausch mit der BAYER AG, im Zuge dessen das Unternehmen das BMWK zu den aktuellen Entwicklungen informiert und dabei auch die möglichen Auswirkungen der aktuell anhängigen Rechtsstreitigkeiten erörtert hat“, teilte das damals noch von Robert Habeck geführte „Bundesministerium für Wirtschaft und Klima“ über das Treffen im März 2025 mit. Ein Anlass dafür könnte der kurz zuvor vom Leverkusener Multi bekanntgegebene Plan einer Kapitalerhöhung gewesen sein, mit der er sich ein Polster für Vergleiche und „andere Maßnahmen im Zusammenhang mit einer weitgehenden Eindämmung von Klage-Verfahren in den USA“ verschaffen wollte.

Kennedy knickt ein

Der wegen seiner Ansichten zu Impfungen, der Covid-Pandemie und der Schulmedizin im Ganzen sehr umstrittene US-amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. veröffentlichte im Mai 2025 den Report der von ihm ins Leben gerufenen„Make America Healthy Again“-Kommission. Dieser Bericht, der sich vornahm, „die Ursachen der eskalierenden Gesundheitskrise in Amerika zu untersuchen und zu adressieren“, ließ im Vorfeld BAYERs Aktien-Kurs abstürzen. Gerüchten zufolge sollten darin nämlich die Risiken und Nebenwirkungen von Glyphosat eine prominente Rolle einnehmen. 

Es kam dann aber doch nicht so schlimm wie erwartet. Die MAHA-Kommission zitiert zwar Studien, die Glyphosat und anderen Pestiziden sowie diversen weiteren Substanzen wie etwa Weichmachern oder Industriechemikalien ein gesundheitsgefährdendes Potenzial bescheinigen, aber politische Schlussfolgerungen zogen die AutorInnen nicht. Und die enthält auch der im September 2025 veröffentlichte MAHA-Strategiereport trotz seines Namens nicht. Wir lassen alles so, wie es ist, und machen es der Industrie sogar noch ein bisschen netter, lautet stattdessen die Botschaft. BAYER & Co. dürfen sich auf schnellere Genehmigungsverfahren freuen und über das Angebot einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit.

Kennedy erteilt nun Pestiziden im Allgemeinen und Glyphosat im Besonderen die Absolution. „Es gibt eine Million Landwirte, die auf Glyphosat angewiesen sind. Wir werden nichts unternehmen, was dieses Geschäftsmodell gefährden könnte“, sagte er. Die MAHA-Kommission spricht der Zulassungsbehörde EPA in ihrem Report dann auch das vollste Vertrauen aus. Die LobbyistInnen der Agro-Riesen hatten mal wieder ganze Arbeit geleistet.

Entsprechend harsch reagierten die US-amerikanischen Umweltverbände. „Unsere Gesundheit wird der Gier der Konzerne geopfert, hielt das PESTICIDE ACTION & AGROECOLOGY NETWORK fest, und das CENTER FOR FOOD SAFETY bezeichnete den Bericht als „Desaster“.

BAYER bei Wiederaufbau-Konferenz

Der BAYER-Konzern gehört zu den größten Investoren in der Ukraine. Nicht von ungefähr ist sein Ukraine-Chef Oliver Gierlichs auch Präsident der „Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer“. Bei der Wiederaufbau-Konferenz, die am 10. Juli 2025 in Rom stattfand, zeigte der Agro-Riese ebenfalls Präsenz, unter anderem mit einem Stand. Er konnte dort sogar Bundeskanzler Friedrich Merz begrüßen, „nachdem wir zuvor schon Teil einer Runde mit deutschen Unternehmen und dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj im Kanzleramt waren“, wie das Unternehmen stolz vermeldete. Bei der neuerlichen Zusammenkunft ging es BAYER zufolge „u. a. um die Bedeutung der Ukraine für die globalen Agrarmärkte und unsere Investitionen ins [sic] Land“.

Anderson trifft Selenskyj

„Heute hatte ich auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz die Gelegenheit, an einem Treffen mit dem ukrai-nischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj teilzunehmen“, vermeldete BAYER-Chef Bill Anderson auf dem Portal LinkedIn. Diese Einladung kam nicht von ungefähr. Der Leverkusener Multi zählt in dem Land nämlich zu den größten Investoren der letzten Jahre. 2018 errichtete der Konzern in Pochuiky für 200 Millionen Euro eine Fabrik zur Saatgut-Produktion, in deren Ausbau er 2023 noch einmal 60 Millionen Euro steckte.  „Dank dieser Anlage basiert ein Großteil des Mais‘, den die Ukraine nach Europa, Asien und Afrika exportiert, auf Saatgut von BAYER“, so Anderson. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Auch KWS, SYNGENTA, CORTEVA, MAISADOUR und REMINGTON SEEDS verstärkten ihr Engagement in dem Staat, den Anderson „als eine der Kornkammern der Welt“ bezeichnet. Allerdings könnten die Geschäfte in diesem Jahr ein wenig schlechter laufen. Die EU will der Ukraine nämlich auf Druck einiger Mitgliedsländer mit großem Landwirtschaftssektor nicht länger Handelserleichterungen für einige Agrar-Güter gewähren.

Anderson trifft Merz

BAYER-Chef Bill Anderson gehörte mit zu den 61 ManagerInnen der „Made for Germany“-Initiative, die sich am 21. Juli 2025 mit Bundeskanzler Friedrich Merz trafen. Die Runde könne „ein Baustein sein in unserem fortwährenden Dialog mit Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft“, verlautete aus der Konzern-Zentrale. Eingefädelt hatte das Ganze Alexander Geiser von der – auch den Leverkusener Multi zu ihren KundInnen zählenden – PR-Agentur FGS GLOBAL in Tateinheit mit Christian Sewing von der DEUTSCHEN BANK. Als Vorbild diente dabei das InvestorInnen-Treffen „Choose France“, das Emmanuel Macron alljährlich im Schloss von Versailles abhält.

Stefan Kooths vom Kieler „Institut für Weltwirtschaft“ bezeichnete das Ganze als eine bloße Werbeveranstaltung. „Ich würde den Effekt solcher Initiativen so einschätzen, dass er kaum über den heutigen PR-Tag hinausreicht“, so der Wirtschaftswissenschaftler: „Es wird ja nicht investiert, weil plötzlich eine Art Standort-Patriotismus ausbricht. Am Ende des Tages entscheiden die Rahmenbedingungen darüber, ob in Deutschland investiert wird oder nicht.“

Aber die Bundesregierung hielt dagegen. Das Meeting sei „keine PR-Aktion, sondern es ist eine konzertierte Aktion, mit der Regierung und Industrie zeigen, dass in diesem Land Investitionen möglich sind und sich lohnen“, hielt Regierungssprecher Stefan Kornelius fest. Und Merz sprach von „einer der größten Investitionsinitiativen, die wir in Deutschland in den letzten Jahren gesehen haben“.

Eine Summe von 631 Milliarden Euro hat die Männerrunde, in die sich nur eine Frau verlor, für das „Germany First“-Projekt zugesichert. Allerdings handelt es sich dabei nicht unbedingt um frisches Geld. 500 Milliarden Euro stehen bereits in den Büchern, und Näheres über den Rest ließen sich Anderson & Co. nicht entlocken. „Details? Fehlanzeige. Nachfragen? Nicht gestattet“, monierte die FAZ.

Konkrete Zahlen liegen nur zu den Desinvestitionen vor. Der BAYER-Konzern gab im Mai 2025 die Schließung des Standortes Frankfurt bekannt und vernichtete in den letzten beiden Jahren 12.000 Arbeitsplätze, die DEUTSCHE BANK will 2.000 Stellen streichen, ZF 14.000, THYSSEN KRUPP 11.000 und VW 10.000. Und fast täglich kommen neue Meldungen hinzu.

PROPAGANDA & MEDIEN

300 ÖffentlichkeitsarbeiterInnen

Obwohl die Belegschaft des BAYER-Konzerns über die Jahre beträchtlich auf nunmehr bloß noch 90.000 Beschäftigte schrumpfte, ist die Zahl der Angestellten in der PR-Abteilung gleich geblieben: Nicht weniger als 300 Menschen arbeiten dort Tag für Tag daran, BAYERs Sicht der Dinge unters Volk zu bringen.

NGOs: BAYER & Co. machen mobil

Die Attacken gegen NGOs gehen weiter: Nach der alles anderen als Kleinen Anfrage der CDU zu OMAs GEGEN RECHTS, GREENPEACE & Co. – 551 Fragen umfasste sie – nimmt jetzt die „Initiative Transparente Demokratie“ (ITD) ihre Arbeit auf. Sie schafft es, eine ganze Verschwörungserzählung rund um die NGOs zu stricken. „Neue Macht außer Kontrolle“, „Milliarden aus dunklen Kanälen“ und „Ein verdecktes Netz der Einflussnahme auf das Parlament erschüttert die Europäische Union“ raunt es auf der Website der ITD. 

Hinter der Organisation stehen nach Recherchen von LOBBYCONTROL unter anderem die „Initiative soziale Marktwirtschaft“, der ehemalige VW- und PORSCHE-Chef Matthias Müller und viele FDP-PolitikerInnen. Natürlich mischt auch der BAYER-Konzern mit. Sein „Head of Corporate Communications and Media Relations“, Christian Maertin, zählt zu den Gründungsmitgliedern. 

Dazu gehört auch Dr. David Zaruk, der dem Agro-Business seit Jahren treu zu Diensten steht. Unter anderem betreibt er den Blog „The Risk Monger“, der Glyphosat-Kritik als „Glyphysteria“ abtut. Darin weiß er sich mit dem ITD-Vorstandsmitglied Dr. Ludger Weß einig. „Jahrzehntelang hatte das 1974 zugelassene Mittel niemanden gestört, dann mutierte es plötzlich zum Erzfeind der Menschheit“, schrieb er in dem Blog „Salonkolumnisten“ über das von der WHO als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Herbizid. 

Die „Initiative Transparente Demokratie“ führt Maertin inzwischen nicht mehr als Gründungsmitglied. BAYER hat ihn nach geleisteter Aufbauarbeit vermutlich abgezogen, um keine Angriffsfläche zu bieten.

DRUGS & PILLS

Deal mit KUMQUAT

Einst galt Deutschland als Apotheke der Welt. Das ist aber schon lange her. Heute konzentrieren sich die Pharma-Konzerne auf wenige, besonders lukrative Indikationsgebiete. Bei BAYER blieben nur noch „Krebs“, „Herz/Kreislauf-Erkrankungen“, „Neurologie“, „seltene Krankheiten“ und „Immunologie“ übrig. Das Segment „Krebs“ stärkt der Leverkusener Multi jetzt durch einen Deal mit KUMQUAT. Das US-amerikanische Biotech-Unternehmen hat eine Arznei entwickelt, die auf tumor-fördernde DNA-Mutationen einwirkt, einen sogenannten KRAS-G12D-Inhibitor. „KRAS-Mutationen treten bei fast 25 Prozent der menschlichen Krebs-Erkrankungen auf“, so der BAYER-Forscher Dominik Rüttinger. Dementsprechend erwartet sich der Pharma-Riese viel von dem Medikament, mit dem KUMQUAT bald Tests der Phase Ia starten will. Sollte die Entwicklung erfolgreich verlaufen, erhält das Unternehmen bis zu 1,3 Milliarden Dollar vom Leverkusener Multi und zusätzlich noch eine Umsatz-Beteiligung.

Neue NUBEQA-Zulassung

BAYERs Arznei NUBEQA mit dem Wirkstoff Darolutamid zur Behandlung von Prostata-Krebs hemmt die Bildung von Testosteron, welches das Tumor-Wachstum befördert. Es findet bereits Verwendung bei noch nicht metastasierendem hormon-sensitiven Prostata-Krebs und – in Kombination mit einem Hormon-Präparat und einer Chemo-Therapie – auch zur Behandlung von bereits metastasierendem hormon-sensitiven Prostata-Krebs. Bei diesem Indikationsgebiet darf der Konzern NUBEQA nun auch lediglich von Hormon-Gaben flankiert anbieten. Die Zulassungsbehörden in den USA und der EU erteilten eine entsprechende Genehmigung. Ein Umsatz-Potenzial von rund drei Milliarden Euro traut der Pharma-Riese dem Medikament nun zu.

Lieferengpass bei KOLVATRY

Seit Jahren schafft es die Pharma-Industrie nicht, die Apotheken in ausreichendem Maße mit ihren Produkten zu bestücken. Auch politische Maßnahmen wie das 2023 verabschiedete „Gesetz zur Bekämpfung von Lieferengpässen bei patentfreien Arzneimitteln und zur Verbesserung der Versorgung mit Kinder-Arzneimitteln blieben wirkungslos. Immer wieder fehlen Pharmazeutika. Aktuell betrifft das dem „Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen“ zufolge über 500 Mittel. Darunter befindet sich auch BAYERs Bluter-Präparat KOLVATRY. „Verzögerung bei der Auslieferung“, führt der Leverkusener Multi wenig aufschlussreich als Grund an. 

Auch andere Arzneien des Pharma-Riesen wie etwa ASPIRIN i. v. 500, das Antibiotikum CIPROBAY und das Herz/Kreislauf-Medikament NIMOTOP glänzten in der Vergangenheit schon durch Abwesenheit.

Trump macht Druck auf Arznei-Preise

In den USA versucht die Politik bereits seit Langem, gegen die hohen Arznei-Preise vorzugehen. Die Biden-Administration hatte der staatlichen Gesundheitsagentur Medicare deshalb das Mandat erteilt, mit den Pharma-Riesen Rabatte auszuhandeln. Das stoppte Donald Trump. Er sieht die Ursache des Problems nicht in der Profit-Gier von BAYER & Co., sondern in einem ungerechten, zu Lasten der USA gehenden Welthandel. Der US-Präsident macht ein „globales Schmarotzertum“ aus und benennt dabei konkret die „sozialistischen Gesundheitssysteme in Deutschland und in allen Teilen der Europäischen Union“ als Wurzel des Übels.

Um Abhilfe zu schaffen, hat Trump Briefe an die Vorstandsvorsitzenden von 17 Pharma-Unternehmen geschrieben – BAYER-Chef Bill Anderson gehörte nicht dazu – und die Bosse aufgefordert, ihre Pharmazeutika billiger anzubieten. Bei Zuwiderhandlungen drohte er damit, „jedes Instrument in unserem Arsenal einzusetzen“. Eines dieser Instrumente ist die Einführung einer Meistbegünstigungsklausel, die den weltweit günstigsten Preis in einem Industrieland zur Richtschnur für den Pillenmarkt in den USA erhebt.

Bill Anderson gibt Trump recht: „In den USA sind Medikamente teurer. Das bringt den Unternehmen dort ausreichend Geld, um in Forschung und Entwicklung zu investieren. In Europa erzwingt die Politik hingegen möglichst niedrige Pharma-Preise. Die amerikanischen Verbraucher und Unternehmen finanzieren also Fortschritt und Innovation in der Medizin, wovon die ganze Welt profitiert.“

„In Europa werden die Preise steigen müssen“, sagt BAYERs USA-Chef Sebastian Guth deshalb. Aber natürlich nur aus moralischen Gründen, wie Anderson beteuert: „Es geht nicht um mehr Gewinne, sondern um Fairness.“

AGRO & CHEMIE

BAYERs neues Herbizid

„Seit über 25 Jahren hat die weltweite Pflanzenschutz-Industrie kein wirtschaftlich bedeutendes Herbizid mit neuem Wirkmechanismus mehr für Flächen-Kulturen entwickelt und auf den Markt gebracht – unter anderem eine Folge der Konsolidierung der Industrie, die mit einer deutlichen Reduktion der Forschungsaufwendungen für neue Herbizide einherging“, sagte der BAYER-Forscher Dr. Hermann Stübler 2012. 

Und es sollten noch dreizehn weitere Jahre in Land gehen, bis Big Agro Vollzug melden konnte. Im Sommer 2025 vermeldete der Leverkusener Multi die Entwicklung eines neuen Herbizids auf der Basis der Wirkstoffe Icafolin und Icafolin-methyl und stellte in zahlreichen Ländern Zulassungsanträge. 

Seinen ForscherInnen zufolge gibt es Belege dafür, dass die beiden Substanzen einen für die Pflanzen-Zellen überlebenswichtigen Prozess – die Tubulin-Polymerisation – empfindlich stören. Wie das funktioniert, wussten sie allerdings selbst nicht so genau; „wahrscheinlich durch Bindung an ß-Tubuline“, schrieben die WissenschaftlerInnen in einem Fach-Artikel.

Zur Toxizität von Icafolin gibt es keine öffentlich zugänglichen Daten. Nach Angaben des Konzerns ist das Mittel „für gezielte Spritz-Anwendungen und geringe Dosierungen“ konzipiert, weshalb „eine Antragseinreichung mit einem reduzierten Risiko-Status“ genügte. 

Patente auf Pflanzen, die dank alter oder neuer Gentechnik über eine eingebaute Icafolin-Toleranz verfügen, hat BAYER sich auch schon mal gesichert. Als Alternative zu dem von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften Glyphosat preist der Global Player Icafolin trotzdem nicht an. Er spricht stattdessen von „einer vollständig neuen Herbizid-Klasse, die bereits bestehende Lösungen sinnvoll ergänzt“.

Umweltkrankheit Parkinson

Seit 2024 ist „Parkinson durch Pestizide“ offiziell als Berufskrankheit bei LandwirtInnen anerkannt. Galten bisher der Lebensstil und eine erbliche Vorbelastung als Hauptrisiko-Faktoren, so geraten Agro-Chemikalien und andere äußere Einflüsse seit einiger Zeit immer mehr in den Fokus. „Es wird jedoch immer deutlicher, dass auch Umweltgifte eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen spielen können“, sagt etwa die Medizinerin Eva Schäffer von der Kieler Universitätsklinik. „Bei Parkinson gehen manche Forscher sogar noch weiter, sie halten die Krankheit im Grunde für eine Umwelterkrankung, ausgelöst durch Schadstoffe, insbesondere Pestizide“, schreibt Der Spiegel unter der Überschrift „Schadstofflager im Kopf“.

Parkinson: 18 Anerkennungen

„Parkinson durch Pestizide“ firmiert jetzt zwar offiziell als Berufskrankheit bei LandwirtInnen, aber die Anerkennungen halten sich arg in Grenzen: Ganze 18 waren es nach Informationen der unabhängigen bauernstimme bisher. Dem stehen über tausend negative Bescheide gegenüber. Die Sozialversicherung für die Landwirtschaft (SVLFG) versucht – wie die Berufsgenossenschaften anderer Sparten auch – die Fall-Zahlen aus finanziellen Gründen möglichst gering zu halten. Gerade Parkinson stellt die SVLFG wegen der hohen Behandlungskosten vor große Herausforderungen. Obwohl sie schon satte Beitragserhöhungen vorgenommen hat und die Bundesregierung 20 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln zur Verfügung stellte, reicht es immer noch nicht, denn BAYER und die anderen Pestizidhersteller wollen nichts dazutun. Überdies treten noch spezifische Probleme auf. So fällt es den Betroffenen – oft durch die Krankheit schon gezeichnet – schwer, die verlangten konkreten Nachweise über die Anwendung bestimmter Pestizid-Wirkstoffe an mindestens 100 Tagen im Jahr zu erbringen.

WASSER, BODEN & LUFT

Neue Giftfrachten im Rhein

Nach im Juli 2025 veröffentlichten Recherchen des BUND NRW gelangen vom Leverkusener Chem„park“ aus große Mengen an Pestiziden und PFAS-Substanzen in den Rhein. Die PFAS-Rückstände überschritten den Orientierungswert zeitweise um das 50-Fache. Auch die Konzentrationen der Ackergifte Prothioconazol, Imidacloprid und Cyproconazol erreichten bedenkliche Höhen. Bei Imidacloprid und Cyproconazol handelt es sich noch dazu um Stoffe, denen die EU wegen ihres Gefährdungspotenzials die Genehmigung entzogen hat.

Zwei der Substanzen – Prothioconazol und Imidacloprid – produziert der BAYER-Konzern am Standort Dormagen. Daher liegt die Vermutung nahe, dass zumindest ein Teil der Giftfrachten daher stammt, zumal es zwischen Dormagen und Leverkusen einen lebhaften Müll-Tourismus – bzw. einen „wechselseitigen Entsorgungsverbund“ – gibt.

Nach Angaben der Bezirksregierung Köln stellt der Chem„park“-Betreiber CURRENTA zurzeit Recherchen über die Herkunft der Stoffe an. „Der Bereich, aus dem der Eintrag resultierte, konnte eingegrenzt, aber kein Verursacher ausgemacht werden“, erklärte die Behörde gegenüber dem WDR. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) ließ diese Aussage aufhorchen. „Das wirft Fragen auf. Nach der Explosion vom Juli 2021, die sieben Menschenleben kostete, hatte die CURRENTA nämlich zugesichert, künftig über alle im Entsorgungszentrum eingehenden Produktionsrückstände genau Buch zu führen, um eine Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten. Entweder hält sich das Unternehmen nicht daran oder aber es will einfach nur keine Namen nennen. Beides ist nicht zu akzeptieren“, hieß es in ihrer Presseerklärung. Zudem kritisierte die CBG die permanente Wasserverschmutzung durch BAYER & Co.: „Seit mehr als 150 Jahren benutzt die Chemie-Industrie den Rhein nun schon als das, was sie Anfang des 20. Jahrhunderts einmal „Opferstrecke“ genannt hat. Und die staatlichen Stellen haben dem offenbar wenig entgegenzusetzen.“

BUND-Anfrage an die Bezirksregierung

Der BUND NRW nahm seine Recherchen zu den in den Rhein eingeleiteten Giftfrachten (s. o.) zum Anlass, eine Anfrage an die Bezirksregierung Köln zu stellen. Unter anderem wollte die Initiative wissen, woher die per- und polyfluorierten Alkyl-Substanzen (PFAS) und die Pestizide stammen. Als Quellen für die PFAS nannte die Behörde in ihrer im September 2025 erfolgten Antwort das Sickerwasser der Deponie Leverkusen-Bürrig sowie die Firma MOMENTIVE. Zur Herkunft der Ackergifte Cyproconazol, Prothioconazol und Imidacloprid verweigerte sie hingegen die Auskunft und begründete das mit Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen.

„Das Bekanntwerden der Information würde das Geschäftsmodell des Betreibers zum Erliegen bringen und somit einen irreversiblen wirtschaftlichen Schaden für diesen verursachen“, schreibt die Bezirksregierung. Sie sieht diese Position durch die Rechtslage gestützt und verweist dazu seitenlang auf entsprechende Urteile von Oberverwaltungs- und Bundesverwaltungsgerichten.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) kritisierte diese Mauer-Taktik scharf. „Der Schutz von Unternehmen geht der Bezirksregierung offensichtlich über den Schutz von Mensch, Tier und Umwelt“, hieß es in ihrer Pressemitteilung. 

Aber nicht nur Geschäftsgeheimnisse stehen dem Aufklärungsinteresse entgegen. „Des Weiteren befinden wir uns zum Ursprung des Imidacloprids noch in der Ermittlungsphase“, erklärte die Bezirksregierung. Dass es da seit Juli so wenig Fortschritte gegeben haben soll, erscheint allerdings unglaubwürdig, denn wer die Substanz entwickelt hat, ist kein Geheimnis: Er war der BAYER-Konzern. Und außer ihm produziert in den Chem„parks“ von Dormagen und Leverkusen nur noch LANXESS Pestizide.

BAYERs grüner Ablasshandel

Einen Teil seiner Klimasünden meint der BAYER-Konzern durch „grünen Ablass-Handel“ (Der Spiegel) abbüßen zu können. Er unterstützt Waldschutz- oder Aufforstungsprojekte und schreibt deren positive Effekte seiner eigenen CO2-Bilanz gut. Allerdings halten die Klimaschutz-Maßnahmen oft nicht, was sie versprechen. So berichtete Die Zeit im Jahr 2023 über Fehlbuchungen des für deren Zertifizierung zuständigen Unternehmens VERRA in Höhe von 89 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Teils standen die Wälder nicht mehr, teils hatte die Firma, die auch den Leverkusener Multi zu ihren KundInnen zählte, die Zahlen ein bisschen aufgerundet. 

Der Global Player versichert in seinem jüngsten Geschäftsbericht aber, „konkrete Kriterien“ für seine Betätigung auf diesem Gebiet festgelegt zu haben und auf hohe Standards zu achten. Trotzdem fand er noch genug Objekte. „Im Jahr 2024 haben wir im Rahmen unseres Engagements auf den freiwilligen Kohlenstoff-Märkten 0,71 Mio. t CO2-Äquivalente kompensiert“, hält der Agro-Riese fest. Vornehmlich Waldschutz- und Aufforstungsvorhaben in Brasilien, Indonesien, Kolumbien, Malawi, Sierra Leone und Uruguay zählt er dabei auf. 

Einiges vermag das Unternehmen dabei auch auf dem eigenen Feld zu ernten. Durch das „BAYER Carbon Programm“ können LandwirtInnen CO2-Gutschriften generieren, wenn sie das im Boden gebundene Kohlendioxid nicht lösen und statt zum Pflug zu Glyphosat greifen. BAYER hat es nämlich allen Ernstes geschafft, das Herbizid als Klimaretter auf dem Markt zu positionieren, obwohl es wegen seines energie-intensiven Herstellungsprozesses für eine enorme Menge von Treibhaus-Gasen verantwortlich ist. 2024 erwarb die Aktien-Gesellschaft Verschmutzungsrechte für 100.000 Tonnen CO2 aus dem Carbon-Programm.

UNFÄLLE & KATASTROPHEN

Trafo-Brand in Dormagen

Am 12. Juli 2025 brach in einem Trafo-Gebäude des Dormagener Chem„parks“ der CURRENTA aus bisher ungeklärter Ursache ein Feuer aus. Das Unternehmen forderte die AnwohnerInnen des Kölner Stadtteils Worringen daraufhin auf, sich nicht im Freien aufzuhalten und in ihren Wohnungen Fenster und Türen zu schließen sowie die Klimaanlagen auszuschalten. Auch die Warn-App Nina sprang an. 

Da das Feuer auf Teilen des Geländes einen Stromausfall verursachte, mussten viele Firmen die automatischen Sicherheitssysteme aktivieren und ihre Anlagen „einfrieren“. „Dadurch kann es zu einer Geruchswahrnehmung im Umfeld des Chem„park“-Geländes kommen“, warnte die CURRENTA. 

Einen Tag später hieß es, der Luftmess-Wagen habe keine Auffälligkeiten festgestellt. Ob auch der BAYER-Konzern seine Produktionsstätte für Pestizide herunterfahren musste, wurde nicht bekannt. 

Stoffaustritt in Wuppertal

Am 27. Juni 2025 kam es im Wuppertaler BAYER-Werk zu der Freisetzung eines Stoffes. Fünf Beschäftigte mussten „vorsorglich“ ins Krankenhaus. Wie immer in solchen Fällen wiegelte der Konzern ab: „Es bestand zu keiner Zeit Gefahr für AnwohnerInnen und Anwohner sowie die Öffentlichkeit.“ Nähere Angaben zu der Substanz, die austrat, machte der Agro-Riese nicht. Zur Ursache des „Umweltereignisses“ äußerte er sich ebenfalls nicht.

Kabelbrand im Entsorgungszentrum

Auch nach der Explosion im Entsorgungszentrum des Leverkusener Chem„parks“ der CURRENTA am 27. Juli 2021, die sieben Menschen das Leben kostete und zu Dutzenden von Verletzten führte, ereignen sich dort immer wieder Störfälle. So ging im Mai 2024 ein Abfallbunker in Flammen auf, und am 15. September 2025 kam es durch einen technischen Defekt zu einem Kabelbrand. 

Die Feuerwehr musste zu einem Großeinsatz ausrücken, aber das Unternehmen beschwichtigte sofort: Kein Grund zur Beunruhigung.

Der ganze Chem„park“ inklusive des Entsorgungszentrums gehörte einmal BAYER. In den 2000er Jahren begann jedoch der Rückzug auf Raten. 2019 schließlich verkaufte der Leverkusener Multi seine zu der Zeit noch 60-prozentige Beteiligung an der CURRENTA an den Investor MACQUARIE. Der Agro-Riese zählt mit seinen Produktionsrückständen aber immer noch zu den größten Kunden.

STANDORTE & PRODUKTION

BAYER kauft Heizkraftwerk

Der BAYER-Konzern hat am Standort Wuppertal 20 Wohnhäuser an der Friedrich-Ebert-Straße verkauft, und dafür das Areal des alten Heizkraftwerks der Stadtwerke erworben. „Wir konzen-trieren uns auf gewerblich nutzbare und betriebsnotwendige Immobilien. Wohnimmobilien können von anderen Akteuren besser gemanagt werden“, erklärte der Chemie-Multi zur Begründung. 

Über den Preis haben die Vertragspartner Stillschweigen vereinbart, doch BAYER gibt sich zufrieden. Standort-Leiter Bert Lorenz freut sich: „Es ist eine strategisch wichtige Fläche für unseren Standort in Wuppertal.“ Der Pharma-Riese will das Gelände nun planieren und nur den Schornstein als eine Art Wahrzeichen verschonen. Über die weiteren Pläne hüllt er sich in Schweigen. 

IMPERIUM & WELTMARKT

Neuer Vertrag für Anderson

Im Jahr 2023 trennte sich der BAYER-Konzern von seinem Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann. Er gab damit dem Druck der GroßaktionärInnen nach, die dem Manager nicht mehr zutrauten, den Fall „Glyphosat“ mit den weit über 100.000 Entschädigungsklagen zu den Akten legen und den Kurs der Aktie wieder nach oben bringen zu können. 

Das gelang seinem Nachfolger Bill Anderson bisher allerdings auch nicht – trotz diverser von ihm eingeleiteter Maßnahmen.  Dazu zählen vor allem ein Rationalisierungsprogramm mit der Vernichtung von bisher 12.000 Arbeitsplätzen und eine millionen-schwere Lobbykampagne in den USA für Gesetze, die Glyphosat einen Immunitätsstatus verleihen sollen. Damit nicht genug, brachen unter der Ägide Andersons auch noch die Gewinne der Agro-Sparte ein. 

Trotz allem verlängerte der Aufsichtsrat mit Zustimmung der GewerkschaftsvertreterInnen den Vertrag mit dem US-Amerikaner im Juli diesen Jahres bis zum 31. März 2029. „BAYER ist mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Die Prioritäten sind klar formuliert, die Herausforderungen werden gezielt angegangen und es zeigen sich erste deutliche Erfolge, auch wenn noch viel zu tun ist“, so der Aufsichtsratsvorsitzende Norbert Winkeljohann zur Begründung. 

Bill Anderson fühlte sich dadurch in seiner Arbeit bestätigt. „Unser Team hat den richtigen Fokus, den richtigen Plan und die richtige Motivation, um das schlankeste, schnellste und innovativste Life-Science-Unternehmen zu werden (…) Ich freue mich, ein Teil von Team BAYER zu sein und bedanke mich bei den Mitgliedern des Aufsichtsrats – sowohl bei den Anteilseignern als auch den Arbeitnehmervertretern – für ihr Vertrauen“, sagte er.

Winkeljohann zur Weltlage

In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche hat sich BAYERs Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann zur allgemeinen Weltlage geäußert. Sie ist ihm zufolge bestimmt durch die Entwicklung weg von einer unipolaren, von den USA dominierten Ordnung hin zu einer multipolaren mit China als neuem Machtfaktor und der Rivalität zwischen den beiden Ländern. Auch Brasilien, Indien, Indonesien und Südafrika streben ihm zufolge nach mehr Einfluss. Das alles führt seiner Ansicht nach dann zu „einer zunehmend machtbasierten statt regelbasierten Handelsordnung“ sowie zu mehr Protektionismus und mehr Industrie-Politik in den einzelnen Staaten. 

Das Ringen um die zunehmenden knapper werdenden Ressourcen und die unterschiedlichen Bevölkerungsdynamiken mit alternden Industrie-Nationen auf der einen Seite und geburtenstarken afrikanischen und asiatischen Ländern auf der anderen Seite verändern die Ausgangssituation für die Profit-Jagd ebenfalls, so Winkeljohann.

Als Reaktion darauf empfiehlt der Manager den „gezielten Aufbau geopolitischer Risikoanalyse“, die „Diversifizierung und Regionalisierung von Lieferketten“, die „Anpassung von Wachstumsstrategien an eine fragmentierte Welt“, „Investitionen in ressourcenschonende, nachhaltige Innovationen“ und „einen aktiven Dialog mit Regierungen in den relevanten Märkten“.  

PROFIT & ÖKONOMIE

BAYER erwartet mehr Profit

Bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für das zweite Quartal 2025 hob der BAYER-Konzern die Prognose für das Gesamtjahr an. Ein Gewinn vor Sondereinflüssen von 9,7 bis 10,2 Milliarden Euro steht nun in Aussicht. Die wirtschaftliche Gesamtlage beurteilt das Unternehmen allerdings eher skeptisch. Ein „unterdurchschnittliches globales Wachstum im niedrigen einstelligen Bereich“ erwartet er. „Etwas Erleichterung gibt es durch geringere als ursprünglich erwartete Zölle“, heißt es im Halbjahres-Finanzbericht: „Die zurzeit ermittelten Effekte haben keinen materiellen Einfluss auf unsere Jahresprognose.“ Der Global Player hatte hier vor allem mit höheren Abgaben auf die Einfuhr von Pharmazeutika in die USA gerechnet. Die Unsicherheiten in Bezug auf die globale Finanz- und Wirtschaftspolitik bleiben ihm zufolge jedoch hoch.

RECHT & UNBILLIG

Noch 61.000 Glyphosat-Klagen

Im Juni 2025 hat BAYER in Sachen „Glyphosat“ einen Vergleich mit einer Kanzlei vereinbart, die 17.000 Geschädigte vertritt. Über die finanziellen Details der Vereinbarung schwieg der Konzern sich aus. Die Zahl der noch anhängigen Klagen beläuft sich nun auf 61.000. 

Supreme Court: zweiter Anlauf

Die Verurteilungen zu Schadensersatz-Zahlungen in den meisten bisherigen Glyphosat-Prozessen erfolgten, weil BAYER es nach Meinung der RichterInnen versäumte, ausreichend vor den Risiken und Nebenwirkungen des Herbizids zu warnen. Als Rechtsgrundlage dafür dienten entsprechende gesetzliche Bestimmungen der Bundesstaaten. Die VerteidigerInnen des Konzerns führten zur Entlastung regelmäßig die US-amerikanische Umweltbehörde EPA an, die das Pestizid nicht als krebserregend einstuft; sie konnten sich damit allerdings nicht durchsetzen. Darum unternimmt der Leverkusener Multi jetzt den zweiten Anlauf, um diese Frage von dem Obersten Gerichtshof der USA klären zu lassen.

Der erste Anlauf scheiterte im Jahr 2022. Der Supreme Court hatte die vom damaligen Präsidenten Joe Biden eingesetzte Generalanwältin Elizabeth Prelogar – die „Solicitor General of the United States“ – um Rat gebeten. Und Prelogar empfahl dem Gericht, sich nicht mit der Sache zu befassen. Ihrer Ansicht nach steht es den einzelnen Bundesstaaten frei, spezielle Vorschriften zu erlassen, wenn diese dem US-amerikanischen Pestizid-Gesetz FIFRA nicht explizit widersprechen. Eine absolute Kongruenz verlange der Gesetzgeber nicht, so Prelogar, daher dürften die Bundesstaaten auch dann Warnhinweise anordnen, wenn die EPA solche nicht für nötig halte. „Die Genehmigung der EPA für eine Kennzeichnung, die nicht vor bestimmten chronischen Risiken warnt, bedeutet nicht, dass eine amtliche Anordnung, die solche Warnungen vorsieht, außer Kraft gesetzt wird“, hielt die Juristin fest. 

Ende Juni 2025 nun hat der Supreme Court Prelogars Nachfolger, den von Donald Trump nominierten Dean John Sauer, zu einer Stellungnahme aufgefordert. „Wir sehen das als ermutigenden Schritt und freuen uns darauf, die Position der Regierung zu erfahren“, frohlockte BAYER-Chef Bill Anderson. Er hofft offenbar, dass sich die Pflege der republikanischen Landschaft – der Leverkusener Multi unterstützte Trump & Co. im Wahlkampf mit 122.000 Dollar – auszahlt. BeobachterInnen rechnen spätestens bis zum Winter mit einer Entscheidung von Sauer.

BAYERs Gesetzes-Maschine

Mit enormen Lobby-Aufwand versucht BAYER in den USA, Glyphosat per Gesetz Immunität zu verschaffen. In den Bundesstaaten Georgia und North Dakota ist das ist dem Konzern schon gelungen. Nun schaffte er es auch, in dem Entwurf des neuen Haushaltsgesetzes der Trump-Administration einen entsprechenden Passus unterzubringen. Im Juli 2025 scheiterte eine Gruppe von Abgeordneten um die Demokraten-Politikerin Chellie Pingree mit dem Versuch, den Paragrafen wieder streichen zu lassen. Appelle wie „Lasst uns diesen Zusatz in Stücke reißen! Lasst uns eine klare Botschaft senden, dass wir nicht zulassen werden, dass umweltverschmutzende Unternehmen die Wahrheit über krebserregende Chemikalien verbergen, und dass wir immer für die öffentliche Gesundheit kämpfen werden statt für den Reichtum von Unternehmen!“ konnten nichts ausrichten. Verteidiger-Innen der Lex BAYER wie der Republikaner Mike Simpson, der im Jahr 2024 mit 7.500 Dollar auf der Payroll des Leverkusener Multis stand, setzten sich schließlich durch. Die Abstimmung über das Haushaltsgesetz erfolgt nach der Sommerpause des Kongresses.

Glyphosat vor Gericht

28 Schadensersatz-Prozesse in Sachen „Glyphosat“ fanden in den letzten Monaten statt. Davon gingen 14 zugunsten von BAYER aus, in elf Fällen unterlag der Konzern und musste Kompensationszahlungen an die Geschädigten leisten. Zwei Verfahren endeten ergebnislos, und einmal wurde die Klage zurückgezogen.

Zahlreiche weitere juristische Auseinandersetzungen zu den Risiken und Nebenwirkungen von Glyphosat laufen noch. Unbill droht dem Agro-Riesen vor allem im Fall „Anderson et al.“. Hier bestätigte ein Berufungsgericht das erstinstanzliche Urteil, das Zahlungen in Höhe von insgesamt 611 Millionen Dollar vorsah. 

„Diese Urteil sprach einem einzelnen Klagenden eine Summe von ca. 380 Mio. USD zu. Dieser Betrag übersteigt die einem einzelnen Klagenden im gesamten Verfahrenskomplex Glyphosat zugesprochene Summe bei Weitem“, klagt der Leverkusener Multi. Deshalb ficht er diese Entscheidung an. Der Pharma-Riese musste aber trotzdem schon einmal Vorsorge treffen und seine Glyphosat-Rückstellungen um 1,2 Milliarden Euro erhöhen.

Glyphosat-Prozess in Frankreich

Théo Grataloup kam 2008 mit schweren Fehlbildungen zur Welt. So war etwa seine Speiseröhre mit der Luftröhre verwachsen. Auch der Kehlkopf wies Deformationen auf; Stimmbänder fehlten ganz. Bis heute musste er über 50 Operationen über sich ergehen lassen. Seine Eltern machten dafür Glyphosat verantwortlich, das die als Reitlehrerin arbeitende Sabine Grataloup regelmäßig auf ihrer Anlage ausgebracht hatte, und reichten im Jahr 2018 Klage gegen die Bayer-Tochter Monsanto ein. Am 31. Juli 2025 erging das Urteil. Das „tribunal judiciaire de Vienne“ entschied im Sinne BAYER und erklärte die Haftungsansprüche der Familie Grataloup „für unzulässig“. 

„Das ist natürlich eine Enttäuschung“, erklärten Sabine und Thomas Grataloup nach der Urteilsverkündung. Nicht zuletzt, weil der französische „Entschädigungsfonds für die Opfer von Pestiziden“ die Anomalien Théos eindeutig auf das Mittel zurückgeführt hatte und ihm eine finanzielle Unterstützung gewährte, waren sie zuversichtlich gewesen.

Der Leverkusener Multi reagierte erwartungsgemäß erleichtert. Nachdem der Agro-Riese zunächst pflichtschuldig „sein ganzes Mitgefühl für die Familie Grataloup zum Ausdruck“ gebracht hatte, spulte er wieder routiniert das übliche Glyphosat-Programm ab. Demnach „gibt es zu Glyphosat einen wissenschaftlichen Konsens, der von den europäischen und französischen Gesundheitsbehörden bestätigt wurde. Es ist insbesondere nicht als teratogener Stoff eingestuft, d. h. als Stoff, der angeborene Fehlbildungen verursachen kann, und auch nicht als reproduktions- oder entwicklungsgefährdend“. 

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) ließ das nicht gelten. „Zahlreiche Studien belegen die frucht-schädigende Wirkung von Glyphosat. Dies hätten die Richter nicht ignorieren dürfen. Aber offenbar trauen sich nur US-amerikanische Gerichte, Urteile gegen Agro-Riesen wie BAYER zu fällen“, hieß es in ihrer Presseerklärung.

Auch die Grataloups gingen in ihrer Erklärung zum Spruch des „tribunal judiciaire de Vienne“ auf diese transatlantischen Unterschiede ein. Zudem klagten sie über den immensen Aufwand, den sie betreiben mussten, um den Nachweis der Vergiftung zu führen. „Es ist dringend notwendig, dass der Gesetzgeber Pestizid-Opfer mit Gesetzen schützt, die diese Beweis-Schwierigkeiten und die Strategien der großen Chemiekonzerne zur Verwässerung ihrer Verantwortung berücksichtigen“, forderten sie deshalb. 

Entmutigen lässt sich die Familie jedoch nicht. Sie hat viel Unterstützung erfahren und fühlt sich vor allem durch den großen Widerstand gegen das Gesetz Duplomb (s. u.) gestärkt, das unter anderem den Gebrauch zweier bisher verbotener Pestizide wieder erleichtern will. Über zwei Millionen Franzosen haben bisher eine Petition gegen dieses Paragrafen-Werk unterzeichnet. „Wir waren allein, David gegen Goliath, jetzt sind wir Millionen“, hielten Sabine und Thomas Grataloup fest und kündigten an, in Berufung zu gehen.

Frankreich: Loi Duplomb gekippt

Zahlreiche Länder wie z. B. die USA, Brasilien, Deutschland und Frankreich lockern auf Druck von BAYER & Co. ihre Umwelt-Bestimmungen. So brachte Emmanuel Macron im Juli 2025 das „Loi Duplomb“ durch, wobei er sich zahlreicher Verfahrenstricks bediente und eine Parlamentsaussprache umging. Unter anderem lockert das Paragrafen-Werk das nationale Verbot für die Pestizid-Wirkstoffe Acetamiprid und Flupyradifuron, die sich beide auch im BAYER-Sortiment befinden. Zudem schwächt das Gesetz die Tierschutz-Auflagen ab und priorisiert die Bauern und Bäuer-innen beim Zugriff auf die immer knapper werdende Ressource Wasser. 

Allerdings erhebt sich ein großer Protest gegen das Paragrafen-Werk. Eine Petition gegen das „Loi Duplomb“ unterschrieben bis Ende Juli 2025 mehr als zwei Millionen Menschen. Und vor dem Verfassungsgericht hatte es auch keinen Bestand. Nach Ansicht der RichterInnen verstößt das Gesetz gegen die französische Umweltcharta. Macron & Co. müssen sich nun an eine Überarbeitung machen.

Einigung in Sachen „PCB“

Polychlorierte Biphenyle (PCB) gehören zu den giftigsten Hervorbringungen der Chlorchemie. Die vor allem von BAYER und MONSANTO in Umlauf gebrachten gefährlichen „Alleskönner“ kamen bis zu ihrem vollständigen Verbot 1989 in Elektrogeräten, Fugendichtungsmassen, Farben, Ölen, Lacken und Bodenbelägen zum Einsatz – und stellen wegen ihrer chemischen Stabilität immer noch ein beträchtliches Gesundheits- und Umweltrisiko dar. Darum ist der Konzern mit einer Vielzahl von Schadensersatz-Ansprüchen konfrontiert. Allein LehrerInnen, SchülerInnen und Angestellte des „Sky Valley Education Centers“ im US-amerikanischen Monroe reichten rund 200 Klagen ein. Bisherige juristische Auseinandersetzungen im „Sky Valley“-Komplex, die mit Schuldsprüchen endeten, kosteten den Leverkusener Multi bereits über eine Milliarde Dollar. Deshalb beschloss er, eine Vergleichslösung anzustreben. Eine Grundsatz-Vereinbarung mit den AnwältInnen der KlägerInnen erreichte er im August 2025. Über die finanziellen Einzelheiten machte der Global Player keine Angaben. Ausgenommen von dem Deal sind neun noch schwebende Verfahren.

Staatspflicht Klimaschutz #1

Ende Juli 2025 veröffentlichte der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag ein Rechtsgutachten zum Klimaschutz. Demnach leitet sich aus den Vertragswerken wie dem Kyoto-Protokoll, der UN-Klimarahmenkonvention und dem Pariser Abkommen für die Unterzeichner-Staaten eine „rechtlich bindende“ Sorgfaltspflicht ab, alles für das Erreichen der vereinbarten Ziele wie der Begrenzung des Temperatur-Anstiegs auf 1,5 Grad zu tun. Andernfalls seien „Entschädigungen zu leisten“, so die RichterInnen. 

Angerufen hatte den Internationalen Gerichtshof Vanuatu, ein in besonderem Maß vom Klimawandel betroffener Inselstaat im Südpazifik. Entsprechend groß war dort die Freude über das Gutachten. „Die großen Umweltverschmutzer können nicht weiterhin ungestraft handeln und Entwicklungsländer als Opferzonen behandeln, um die Gier der Unternehmen zu befriedigen“, konstatierte Vanuatus Umweltminister Ralph Regenvanu. 

GREENPEACE leitete aus dem 133 Seiten starken Dokument einen unmittelbaren Handlungsauftrag an die Politik ab. „Alle klima-relevanten Entscheidungen – von den geplanten Gas-Bohrungen vor Borkum und in Reichling über das europäische Aus für neue Verbrenner bis zum EU-Klimaziel für die Zeit bis und nach 2035 – all das muss nach dem heutigen Tag neu bewertet werden. Den Haag hat das Ende der fossilen Energien eingeläutet“, hielt der geschäftsführende Vorstand Martin Kaiser fest.

Staatspflicht Klimaschutz #2

Anfang Juli 2025 hat der „Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte“ (IACHR) ein 234-seitiges Gutachten zu „Klimanotstand und Menschenrechten“ veröffentlicht. Nach Einschätzung des IACHR gehört der Anspruch auf ein intaktes Klima zu den Menschenrechten. Als besonders schutzwürdig betrachtete er dabei indigene Gemeinschaften, die in einer engen Beziehung zu den durch den Klimawandel gefährdeten Ökosystemen stehen. 

Daher sieht der Gerichtshof die Staaten in der Pflicht, in dieser Hinsicht Druck auf BAYER & Co. auszuüben. Dem Gericht zufolge müssen die Länder „alle Unternehmen, die in ihrem Hoheitsgebiet ansässig sind oder tätig sind, dazu auffordern, wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen auf die Menschenrechte zu ergreifen“. Dazu gilt es dem Gericht zufolge Gesetze zu erlassen, Berichtspflichten einzuführen sowie „Greenwashing und den unzulässigen Einfluss von Unternehmen auf die Politik und Regulierung in diesem Bereich zu unterbinden“.

„[E]inen Meilenstein im Kampf für globale Klimagerechtigkeit“ nannte AMNESTY INTERNATIONAL das Gutachten, da es „transnationale Standards, die die Gerichtsbarkeit auf der ganzen Welt prägen könnten“, setze. Das Abweisen einer solchen Klima-Klage, wie sie jüngst der peruanische Bauer und Bergführer Saúl Luciano Lliuya gegen RWE führte, dürfte sich in Zukunft also hoffentlich etwas schwieriger gestalten.

Südafrika: Urteil gegen Genmais

Das oberste Berufungsgericht Südafrikas hat die Zulassung für BAYERs Genmais MON87460 widerrufen und eine Neubewertung der angeblich dürre-resistenten Laborfrucht erzwungen. Es gab damit einer Klage des AFRIKANISCHEN ZENTRUMS FÜR BIOLOGISCHE VIELFALT (ACB) statt. Die Initiative hatte schwerwiegende Mängel im Genehmigungsverfahren geltend gemacht. Ihrer Ansicht nach reichten die von BAYERs jetziger Tochtergesellschaft MONSANTO vorgelegten Dokumente nicht aus, um Gefahren für Mensch und Umwelt auszuschließen. Zuvor hatte das ACB den zuständigen Stellen vorgeworfen, Hinweise auf das Gefährdungspotenzial von MON87460 ignoriert zu haben. „Dieses Urteil hat uns Recht gegeben und die langen Jahre des Kampfes sehr lohnend gemacht“, freute sich ACB-Direktorin Mariam Meyet über die Entscheidung.

SPORT & MEDAILLEN

Einträgliche Verkäufe

Die Fußball-Abteilung des BAYER-Konzerns sorgte für eine Aufhellung seiner Halbjahres-Bilanz. Sie veranlasste den Leverkusener Multi sogar dazu, noch vor Bekanntgabe der Zahlen eine so genannte Ad-hoc-Mitteilung herauszugeben. Eine solche ist immer angezeigt, wenn es den InvestorInnen etwas besonders Positives oder Negatives zu vermelden gilt. In den Augen des Agro-Riesen war es dieses Mal etwas Positives. Er hob die Prognose für das laufende Geschäftsjahr an und nannte als Grund dafür „höhere Transfer-Einnahmen der BAYER 04 Leverkusen Fußball GmbH“. Nicht weniger als 160 Millionen Euro strich der Global Player durch die Verkäufe von Florian Wirtz und Jeremie Frimpong ein. BLACKROCK & Co. goutierten diesen Sondereffekt allerdings überhaupt nicht. „Der Konzern erwähnte nicht, dass ein erheblicher Teil des verbesserten Ergebnisses auf Transfer-Einnahmen von BAYER Leverkusen beruhte. Das suggerierte Investoren eine bessere Geschäftsentwicklung, die so in diesem Ausmaß nicht stattgefunden hat“, echauffierte sich etwa Markus Manns von UNION INVESTMENT. 

Big in Belém

CBG Redaktion

BAYER sponsert die Klima-Konferenz in Brasilien

Der BAYER-Konzern zählt zu den großen Geldgebern der Klimakonferenz COP30, die vom 10 bis zum 21 November im brasilianischen Belém stattfindet. Er ist „diamond sponsor“ der „AgriZone“, in der die Branche „eine positive Botschaft über den Landwirtschaftssektor in der Klima-Agenda“ verbreiten will. Solche PR-Anstrengungen hat das Agro-Business bitter nötig, zählt es mit seinen Kohlendioxid-Emissionen doch zu den Haupttreibern des Klimawandels.

Von Jan Pehrke

„Die COP30 wird für BAYER einen wichtigen Meilenstein darstellen, insbesondere da sie in Brasilien stattfindet, dem weltweit zweitgrößten Markt des Unternehmens“, verkündet der Leverkusener Multi. Und sein PR-Manager Max Müller gibt auf LinkIn schon einmal genauere Einblicke. „Mit einem fantastischen Team werden wir präsent sein, Diskussionen anregen, Ideen vorstellen und aufzeigen, wie Innovation und Technologie die Art und Weise verändert haben, wie Ernährungssicherheit erreicht werden kann, und zwar auf eine Weise, die nachhaltig ist“, so der „Head of Global Public Affairs“.

Diamond sponsor BAYER

BAYER als der Konzern, der weiß, welche Gestalt der Agrar-Bereich annehmen muss, damit er den Herausforderungen der Zukunft im Allgemeinen und denen des Klimawandels im Besonderen gewachsen ist – der Global Player hat es sich einiges kosten lassen, diese Sichtweise auf der Klimakonferenz präsentieren zu können. 

Er ist in Belém „diamond sponsor“ der AgriZone, die Big Agro nutzen will, um „eine positive Botschaft über den Landwirtschaftssektor in der Klima-Agenda“ zu verbreiten. Die staatliche brasilianische Forschungsgesellschaft für Agrarwirtschaft, die Embrapa, die für dieses COP30-Segment verantwortlich zeichnet, hat offenbar keinerlei Skrupel davor, sich mit der Agro-Industrie einzulassen. BAYER erntet da die Früchte einer systematischen Pflege der politischen Landschaft in dem Staat. Nach Recherchen der investigativen JournalistInnen von O Joio e O Trigo trafen sich EmissärInnen des Konzerns im Zeitraum von August 2022 bis Oktober 2024 52 Mal mit Regierungsoffiziellen. Im letzten Jahr belief sich sein brasilianischer Lobby-Etat auf 1,5 Millionen Dollar. 

Gut investiertes Geld, wie sich jetzt herausstellt, denn die Branche braucht dringend Raum für Klima-PR in eigener Sache. Der Landwirtschaftssektor sorgt nämlich für rund ein Viertel der globalen Treibhausgas-Emissionen – nur die Energie-Wirtschaft produziert noch klima-schädlicher. In Brasilien, das zu den zehn größten Emittenten der Welt gehört, beträgt der Anteil sogar drei Viertel, weil die Landwirtschaft 24 Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes beiträgt und entsprechend großdimensioniert ist. Zu den Hauptquellen zählen das von Rindern und anderen Wiederkäuern freigesetzte Methan, die Lachgas-Emissionen von Stickstoff-Dünger sowie die Abholzung von Kohlendioxid bindenden Wäldern.

Bei BAYER ist es ebenfalls die Agrar-Sparte, die den Großteil des CO2-Ausstoßes produziert. Auf rund drei Millionen Tonnen belief dieser sich 2024. „Besonders energie-intensiv ist unsere Rohstoff-Gewinnung einschließlich Aufbereitung und Weiterverarbeitung für die Herstellung von Pflanzenschutzmittel-Vorprodukten von Crop Science – daher entfällt der größte Anteil unserer Treibhausgas-Emissionen auf diese Division“, heißt es im Geschäftsbericht. Konkret handelt es sich dabei um die Herstellung von Glyphosat, denn neben allem anderen ist das Herbizid auch noch ein veritabler Klima-Killer. Dessen Vorprodukt Phosphor lässt sich nämlich nur unter großer Hitze-Einwirkung aus Phosphorit gewinnen. Auf eine Temperatur von rund 1.500 Grad muss der Ofen am Standort Soda Springs dafür kommen und braucht entsprechend viel Energie.

Big Agro legt los

Da lag also für Big Agro viel Arbeit an. Entsprechend früh machten die Konzerne sich ans Werk und legten schon auf der COP29 in Aserbaidschan den Grundstein für Belém. So gehörten zahlreiche VertreterInnen von ihnen der 54-köpfigen offiziellen Delegation Brasiliens an; kein anderes Land bot so viele auf. Unter anderem mit dabei: EmissärInnen von BAYER, SYNGENTA, dem Agrochemie-Verband Croplife Brasil sowie der Fleischproduzenten JBS, BRF und MARFRIG. Allein BAYER Brasíl schickte zehn Abgesandte nach Baku.

Die brasilianische GREENPEACE-Sektion kritisierte diese starke Präsenz scharf. Doch das Ministerium für Umwelt und Klimawandel wiegelte ab: „Die Anwesenheit von Vertretern von Verbänden und Unternehmen aus dem Agrarsektor sowie aus anderen Sektoren beeinträchtigt nicht das Klimaziel Brasiliens“. Und der BAYER-Konzern verstand die ganze Aufregung nicht, für ihn ist Lobby-Arbeit einfach „ein wesentlicher Bestandteil des demokratischen Prozesses“. Zurück in Brasilien ging es gleich weiter mit den Vorbereitungen. Der „Unternehmensverband für nachhaltige Entwicklung“ (CEBDS) – das nationale Pendant zum internationalen Greenwashing-Vehikel „World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) – nominierte die ehemalige BAYER-Direktorin Alessandra Fajardo sowie Marcelo Behar zu seinen COP30-Beauftragten. Die einst beim Agro-Riesen für Strategie und Nachhaltigkeit zuständige Fajardo und der Manager, Soziologe und Jurist Behar sollen „gemeinsam mit den anderen Führungskräften die Mobilisierung von Unternehmen für die COP30 anführen“, wie das brasilianische Presseorgan Estadão schreibt. Auch die Konzern-Leiter-Innen vom „COP30 CEO Action Advisory Board“, die der CEBDS zusammen mit dem WBCSD bestimmt, gelte es dabei einzubeziehen, so das Medium. Solche Jobs übernimmt dann Behar, während Fajardo sich eher um die lokale Wirtschaft kümmert.

Und diese Zusammenarbeit zwischen CEBDS, WBCSD und dem Advisory Board trug bereits Früchte. So überreichte das Trio dem COP30-Präsidenten André Corrêa do Lago schon im Vorfeld der Konferenz eine Liste mit Vorschlägen zur Klima-Rettung nach Konzern-Gusto. „Auf dem Weg zu einer erfolgreichen COP30 wird die öffentlich-private Zusammenarbeit unerlässlich sein“, meint CEBDS-Chefin Marina Freitas Grossi. 

Der „World Business Council for Sustainable Development“, dem über 230 Multis angehören, kündigt derweil für die Konferenz selbst schon Großes an. „Der WBCSD wird in Zusammenarbeit mit dem CEBDS eine zentrale Rolle bei der COP30 spielen“, erklärte die Organisation: „Wir werden unternehmerische Lösungen vorstellen, messbare Fortschritte hervorheben und mit Regierungen zusammenarbeiten, um systemische Hindernisse zu beseitigen“, ließ der Council verlauten.

Auch der brasilianische Agrarwirtschaftsverband ABAG entfaltet bereits Aktivitäten. Er veranstaltete im April das Forum „Auf dem Weg zur COP30: Agro-Business und Klimawandel“. Auf der Veranstaltung, an der für BAYER der Fajardo-Nachfolger Felipe Albuquerque teilnahm, erarbeitete die ABAG unter anderem ein Positionspapier zur Klima-Konferenz. Beigesteuert dazu hat fast die gesamte Branche. Dazu zählen neben BAYER, BASF, SYNGENTA, CORTEVA und ihrem Unternehmensverband CROPLIFE unter anderem BOSCH, die Forschungseinrichtung Embrapa, der Landmaschinen-Hersteller JOHN DEERE, die Düngemittel-Firma YARA, der Nahrungsrohstoff-Mogul CARGILL, die brasilianischen Umwelt- und Agrarministerien, die RABOBANK sowie diverse Einrichtungen und Institutionen.

„Teil der Lösung“

Die COP30 verkörpert für das Agro-Business „eine herausragende Gelegenheit, als Teil der Lösung für die Herausforderungen, die der Klimawandel darstellt, wahrgenommen zu werden“, heißt es in der Stellungnahme. Und das alles, ohne an Produktivität einzubüßen. „Nachhaltige Intensivierung“ heißt das Zauberwort und „Regenerative Landwirtschaft“ das Zaubermittel. Damit wollen die Konzerne die bösen Geister von radikaleren Ansätzen wie der Agrar-Ökologie vertreiben, die eine umfassende Abkehr vom agrar-industriellen Modell vorsehen. BAYER beschreibt das Antidot so: „Dieses Konzept definieren wir als ein ergebnis-orientiertes Produktionssystem mit dem Ziel, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, die Einkommen der Landwirte und gleichzeitig die Klimaresilienz der Landwirtschaft und die Regeneration der Natur.“

Dafür gilt es dem Leverkusener Multi zufolge, „die Landwirtschaft nachhaltiger und widerstandsfähiger zu machen“, wobei „es entscheidend ist, Innovationen zu fördern“.

Ursprünglich bedeutete „regenerative Landwirtschaft“ auch den Verzicht auf Pestizide und Kunstdünger. Big Agro aber eignete sich den Begriff erst im Zuge der Pariser Klima-Konferenz von 2015 an. Da kam die Landwirtschaft nämlich zum ersten Mal als positiver Faktor in Sachen „Klima“ ins Spiel und nicht mehr nur als großer Verursacher von Kohlendioxid-Emissionen. Die Äcker könnten über den Humus CO2 binden und so als Speicher dienen, hieß es. Der Global Player z. B. stellte von da an Glyphosat trotz des energie-intensiven Herstellungsprozesses als großen Klimaretter dar, weil es das CO2 freisetzende Pflügen unnötig mache und eine Direktsaat ermögliche.  

Dieses „no tillage farming“ fand als angebliche Maßnahme zur Förderung der Bodengesundheit Eingang in das ABAG-Positionspapier zur COP30. Überdies betrachtet der Verband noch die neuen Gentechniken wie z. B. CRISPR/Cas und den Anbau von Energie-Pflanzen als Teil der Lösung des Klima-Problems. 

Grüner Ablasshandel

Auch die Teilnahme des Agrar-Sektors am Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten zählt für ihn dazu. BAYER hat auf diese Weise gerade den auf Direktsaat setzenden und so den Methan-Ausstoß reduzierenden Reisanbau in Wert gesetzt. „Erste Emissionszertifikate aus regenerativer Landwirtschaft in Indien“ vermeldete der Agro-Riese Anfang April 2025 stolz. Dem ABAG schwebt aber eher Regenwald als Einsatz vor. Qua Maßnahmen zu dessen Erhalt will er CO2-Gutschriften erwirtschaften, um mit diesen dann einträglich Emissionshandel zu betreiben – und nebenbei noch Brasiliens Klima-Bilanz aufzuhübschen. So hat der Bundesstaat Pará seine Waldbestände bereits für 180 Millionen Dollar in einen Deal mit der sogenannten LEAF-Koalition eingebracht, der neben BAYER unter anderem noch AMAZON und WALMART angehören. Gouverneur Helder Barbalho bezeichnete den Emissionshandel dann auch schon als das „größte Geschäft der Menschheit“. 

Die Entscheidung für die Vereinbarung mit LEAF erfolgte über die Köpfe der BewohnerInnen hinweg. Insbesondere die indigenen Gemeinschaften, die in den Regenwald-Regionen leben und arbeiten, fühlten sich übergangen und reagieren entsprechend empört. Sie fürchten, ihre Hoheit über die Gebiete zu verlieren und haben Angst vor Nutzungseinschränkungen, der Schaffung von No-Go-Areas oder sogar Vertreibungen. 

Die Gruppen sehen sich aber auch mit einem Verständnis von Umwelt konfrontiert, das dem ihren völlig widerspricht. Sie wenden sich strikt gegen das, was KritikerInnen die „Merkantilisierung der Natur“ nennen. Bei Protesten im Januar 2025, die sich nicht nur gegen die Klima-, sondern auch gegen die Bildungspolitik Parás richteten, sagte der Indigenen-Vertreter Dadá Borari: „Es gibt keinen Respekt für differenzierte Bildung. Es gibt keinen Respekt für die Frage des Landes, des Territoriums. Der Bundesstaat Pará ist Spitzenreiter bei der Abholzung. Sie verlassen diesen Ort und verkaufen Emissionszertifikate, während wir hierbleiben müssen. Das ist respektlos! Und dann veranstalten sie eine COP, bei der alles so aussieht, als wäre es in Ordnung.“ 

Noch dazu steht in Frage, ob bei „dem größten Geschäft der Menschheit“ für das Klima wirklich etwas herausspringt. Der „grüne Ablasshandel“ (Der Spiegel), mit dem BAYER & Co. einen Teil ihrer Klima-Sünden kompensieren, erfüllt nämlich allzu oft nicht die Erwartungen. Die Zeit berichtete etwa im Jahr 2023 über Fehlbuchungen des die CO2-Einsparungen zertifizierenden Unternehmens VERRA in Höhe von 89 Millionen Tonnen CO2. Teils standen die Wälder nicht mehr, teils hatte die Firma, die auch den BAYER-Konzern zu ihren KundInnen zählt, die Zahlen ein bisschen aufgerundet. Das Urteil der Zeitung über den Wert der Zertifikate fiel deshalb harsch aus: „Ein Haufen Schrott.“ Und bei anderen Waldschutz-Projekten sieht die Bilanz nicht besser aus. 

Der Leverkusener Multi versichert in seinem jüngsten Geschäftsbericht aber, „konkrete Kriterien“ für seine Betätigung auf diesem Feld festgelegt zu haben und auf einen hohen Standard zu achten, „den wir ständig verbessern und weiterentwickeln werden“. Und er langt bei diesen Deals kräftig zu. „Im Jahr 2024 haben wir im Rahmen unseres Engagements auf den freiwilligen Kohlenstoff-Märkten 0,71 Mio. t CO2-Äquivalente kompensiert“, hält der Konzern fest. Vornehmlich Waldschutz- und Aufforstungsvorhaben in Brasilien, Indonesien, Kolumbien, Malawi, Sierra Leone und Uruguay zählt er dabei auf.

In Sachen „Regenerative Landwirtschaft“ haben es BAYER & Co. nicht bei Worten bewenden lassen. Sie schritten auch zur Tat. Die Agro-Riesen brachten im Cerrado, einer riesigen Savannen-Landschaft im Südosten des Landes, ein Modell-Projekt an den Start, mit dessen Ergebnissen sich der Leverkusener Multi zufrieden zeigt. Ihm zufolge haben die Praktiken die Produktivität um 11 Prozent und die CO2-Bindung um 16 Prozent erhöht. Nun will Big Agro Cerrado als „globale Referenz für regenerative Landwirtschaft“ präsentieren und hat dafür die COP30 als Bühne auserkoren. 

Business as usual

Unterdessen nimmt in Brasilien alles seinen gewohnten Gang. So bereitet sich der Staat etwa auf eine Versteigerung der Explorationsrechte für ein riesiges Öl- und Gasvorkommen vor, das der BP-Konzern 400 Kilometer von der Küste entfernt entdeckt hat. Es umfasst auf einer Fläche von 146.000 Quadratkilometern 172 Öl-Felder. Angesichts dieses Ausmaßes sprechen Klima-AktivistInnen laut „Der Spiegel“ schon von einer „Weltuntergangsauktion“.

Zudem passierte ein Paragrafen-Werk den Nationalkongress, das die Umweltgesetzgebung aufweicht bzw. „entbürokratisiert“. Das „Generalgesetz zur Umweltlizenzierung“ erlaubt es den Unternehmen, sich bei Vorhaben, bei denen keine allzu gravierenden Folgen für die Umwelt zu erwarten sind, selbst die Umweltverträglichkeitsprüfung abzunehmen. Das gilt etwa für Anschluss-Arbeiten wie das Asphaltieren von bereits genehmigten Straßen, kleine Wasserkraftwerke oder Bergbau-Projekte. KritikerInnen sprechen deshalb von einem „Gesetzespaket der Zerstörung“. „In seiner jetzigen Form droht das Gesetz nicht nur die Umweltverschmutzung, die Entwaldung, die Treibhausgas-Emissionen und den Verlust der biologischen Vielfalt zu verstärken, sondern auch die sozialen Ungleichheiten“, warnt etwa die Initiative OBSERVATÓRIO DO CLIMA. Präsident Lula da Silva, dessen Partei in den beiden Kammern des Nationalkongresses über keine Mehrheit verfügt, legte zwar sein Veto gegen viele Punkte des Umweltlizenzierungsgesetzes ein, aber das letzte Wort in der Sache haben die Abgeordneten.  

Überdies gerät das Soja-Moratorium unter Druck, mit dem sich die führenden Agrarrohstoff-Händler BUNGE, CARGILL, LOUIS DREFUS und COFCO – auf großen öffentlichen Druck hin – darauf verständigt hatten, kein Soja aus nach 2008 gerodeten Regenwald-Gebieten zu vermarkten. Die brasilianische Wettbewerbsbehörde sah in der Übereinkunft einen Kartell-Verstoß und leitete eine Untersuchung ein. Ein Gericht in Brasília setzte das Moratorium zwar vorerst wieder in Kraft, aber seine Zukunft ist ungewiss.

Damit nicht genug, droht auch durch das Handelsabkommen, das Brasilien und die anderen Mercosur-Staaten Argentinien, Uruguay und Paraguay mit der EU abschließen wollen, ein erhöhtes Treibhausgas-Aufkommen. Dieser Deal, zu dem eine große interkontinentale Industrie-Koalition – diesseits des Atlantiks vor allem die Auto- und Chemiebranche, jenseits des Atlantiks zuförderst Big Agro – drängt, dürfte nämlich zu forcierten Abholzungen führen. 

Keine guten Voraussetzungen also für eine erfolgreiche Klima-Konferenz. Nicht zuletzt deshalb hat die COP-Spitze für 835.000 Dollar die PR-Agentur EDELMAN verpflichtet. Diese soll den Verantwortlichen helfen, für die Klimakonferenz „eine strategische Erzählung zu entwickeln“, die es dann medial zu verbreiten gilt. Auch für eine Krisen-Kommunikation müssen sich die PR-Profis wappnen.

Angesichts des Protests, der von vielen Gruppen innerhalb und außerhalb Brasilien während der COP zu erwarten ist, kommt da viel Arbeit auf die Edelmänner und -frauen zu. ⎜

Der wackere Wackener

CBG Redaktion

Hans Möller und sein Kampf gegen BAYER & Co.

Seit Jahrzehnten streitet der Landwirt Hans Möller aus Wacken erst gegen den BAYER-Konzern und dann gegen dessen Nachfolge-Unternehmen am Sitz Brunsbüttel, weil der große Wasserdurst der Chemie-Multis seine Lebensgrundlagen zerstört.

Von Peer Clausen

Schon die Errichtung des BAYER-Werks in Brunsbüttel brachte die Menschen auf. Das ganze Dorf Ostermoor wurde dafür 1973 plattgemacht. Klagen hatten keinen Erfolg; rund 1.000 AnwohnerInnen mussten ihre Häuser und Höfe verlassen. 

Die Politik wusste der Konzern immer hinter sich. Sie pumpte in der Hoffnung auf neue Jobs viel Geld in die Infrastruktur rund um die Chemie-Anlagen, inklusive Hafen, einem Wasserwerk, einer Brücke und neuen Straßen. Das Unternehmen versprach der Region 14.000 Arbeitsplätze, de facto wurden es nur 2.000, von denen nicht wenige dann auch noch Beschäftigte aus dem Leverkusener Stammwerk einnahmen. 

Während der ganzen Bauphase rissen die Proteste nicht ab. BürgerInnen-Initiativen, Teile der Umweltbewegung und weitere AkteurInnen demonstrierten jahrelang. Der Leverkusener Multi reagierte darauf mit einem ganzen Mix von Maßnahmen. Er zeigte „soziales Engagement“, pflegte die politische Landschaft, trotzte GREENPEACE vor Gericht und ließ seine Beziehungen spielen, um einen kritischen Pfarrer zu schassen. 

Nach der Inbetriebnahme der Produktionsstätten für Kunststoffe kochten vor allem die Auseinandersetzungen um das Wasser hoch, denn BAYER entwickelte einen enormen Durst. Fünf Millionen Kubikmeter förderte das Wasserwerk jährlich, was nicht ohne Folgen blieb: Der Grundwasser-Spiegel sank. Dadurch fielen in der Gemeinde Bockelrehm die Hausbrunnen trocken und den LandwirtInnen versiegten die Gräben und verdörrten die Weiden. Sogar zu Bodenabsackungen kam es. 

Bauer gegen BAYER

Der Bauer Hans Möller und seine Familie wollten das nicht hinnehmen: Immer wieder wiesen sie auf den Zusammenhang zwischen den Bewässerungsproblemen, die nicht nur den LandwirtInnen, sondern auch den AnwohnerInnen und der gesamten lokalen Infrastruktur zu schaffen machte, und den Aktivitäten des BAYER-Konzerns hin. 

Deshalb zogen sie vor Gericht, und es begann eine Odyssee durch die Steppen der deutschen Justizlandschaft. Die erste Klage scheiterte 1986, weil der Anwalt bei der Einreichung die Frist überschritt. Die zweite Klage 1992 fiel – ebenso wie die Bewertung des vom Gericht bestellten, 50.000 DM teuren „Obergutachters“ – zugunsten der Familie Möller aus. Der Prozess lief trotzdem ins Leere. Das Gericht verschleppte immer wieder die Prozesstermine, forderte immer neue Gutachten an und lud 1997, als es endlich zum ersten Verhandlungstermin kam, einfach den Obergutachter aus. Am Ende wurde zwar anerkannt, dass es real existierende Schäden gibt, aber die Klage dennoch abgewiesen. Der Gegenstand der Klage sei verjährt, lautete die Begründung. Eine Frechheit angesichts der Tatsache, dass das Gericht durch seine Verschleppungspraktiken selbst für die Verjährung gesorgt hatte. Eine Überraschung ist es trotzdem nicht: Der Richter war derselbe, der BAYER den Weg für den Bau freigemacht und die AnwohnerInnen von Haus und Hof vertrieben hatte.

Die Familie Möller hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 100.000 DM an Prozesskosten angehäuft und keinen Schadenersatz bekommen. Sie kämpfte jedoch weiter und reichte beim Oberlandesgericht Schleswig Revision ein, und zwar nicht nur für den Schadenersatz, sondern auch aus Prinzip: „Generationen haben vom Land gelebt und dafür gesorgt, dass auch künftige Generationen davon leben können.“

To be continued? 

Die Revisionsklage endet 1998 damit, dass der Familie Möller ein Vergleich angeboten wurde. Was erst einmal positiv klang, war so positiv nicht: Vielmehr versuchte das zuständige Gericht sich über das Mittel des Vergleichs aus der Verantwortung zu ziehen, ein rechtskräftiges Urteil zu fällen. Dieses hätte nämlich einen Präzedenzfall für alle Industrie-Wasserwerke in Deutschland geschaffen, so Hans Möller 2025 in einem Interview.  Da jedoch absehbar war, dass dies die letzte Möglichkeit sein würde, die Prozesskosten herauszubekommen, willige die Familie ein. Sie bekam 130.000 DM zugestanden und erwirkte immerhin, dass das Wasserwerk nicht mehr als 4 Millionen Kubikmeter Wasser fördern darf. Nur: Es hielt sich nur nicht an die Abmachung und gewann mehr Wasser als erlaubt. Das wies Möller anhand von wöchentlich kontrollierten Messstellen auf seinem Land nach. Darum stellte er den Antrag, die Grundwasser-Förderung auf 1,7 Millionen Kubikmeter abzusenken. Das wurde zwar abgelehnt, aber immerhin erhielt das Wasserwerk 2007 nur eine Genehmigung für 3 Millionen Kubikmeter.

Auch hier war Papier wieder geduldig. „Aber die Auflagen wurden – naja, wie man sagt – auch nicht so sehr eingehalten. Vor allen Dingen auch nicht gut genug vom Kreis, von der Aufsichtsbehörde überwacht“, so Möller. Gegen das „3 Millionen“-Limit zog Möller ebenfalls wieder vor Gericht – bis jetzt ohne Entscheidung. 

Inzwischen ist Möllers Sohn Herr des Verfahrens und auch nicht mehr BAYER der eigentliche Gegner. Der Leverkusen Multi stieß nämlich 2015 sein Kunststoff-Geschäft ab und damit auch den Standort Brunsbüttel. Aber über die weitere Prozess-Führung herrscht bei den Möllers Einigkeit. Einen Vergleich lehnt die Familie nämlich dieses Mal ab. „Das können wir auf keinen Fall annehmen. Das geht gar nicht. Uns geht es hier auch gar nicht ums Geld, sondern uns geht es darum, in Zukunft eine Fördermenge in Wacken zu haben, die uns kaum Schaden zufügt.“ 

Die Region geht jedoch andere Wege, plant den Bau von weiteren wasser-intensiven Produktionsstätten wie einer Batterie- und einer Wasserstofffabrik. Der jetzt schon zu hohe Wasserverbrauch würde sich vervielfachen, nicht nur zum Schaden der Bauern und Bäuerinnen, sondern auch zum Schaden der Umwelt: „Ja, die Folge der Förderung des Wasserwerks Wacken ist, dass auf unseren Niedermoorböden […] der ganze Torf zerstört wird, und es entstehen dort Stickstoff-Ausscheidungen von über 1.000 Kilogramm Stickstoff im Jahr. Die Pflanzen können aber nur 17 Kilogramm verbrauchen. Der Rest geht ins Grundwasser. Und das merken wir auch an den Analysen in den Brunnen des Wasserwerks, dass dort die Nitrate auftauchen“, erläutert Möller. 700 bis 1.000 Hektar seien von diesen Auswirkungen bereits betroffen.

Zugunsten von wenigen Profiteuren aus der Chemie werden Menschen nicht nur in Norddeutschland um ihr Eigentum gebracht, ihrer Lebensgrundlage beraubt und der Umwelt schwere Hypotheken aufgebürdet. Familien wie die Möllers machen Mut, denn sie wehren sich, lassen das nicht mit sich geschehen. Zwar sind es noch zu wenige, die so kämpfen, aber die, die kämpfen, liefern gute Beispiele dafür, wie es gemacht werden muss: Mit Ausdauer und Überzeugung, für die Menschen und gegen die Profitinteressen von BAYER & Co.!

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) stand Hans Möller von Anfang zur Seite und unterstützte auch andere Menschen in ihrem langwierigen juristischen Kampf gegen den Konzern wie etwa den gegen einen BAYER-Patentraub klagenden Erfinder Hans Süllhöfer oder die Holzgifte- und Verhütungsmittel-Geschädigten. ⎜

Goldener Herbst für BAYER & Co.

CBG Redaktion

Weniger Steuern, mehr Deregulierungen und billigerer Strom

Die schwarz-rote Bundesregierung arbeitet die Bestellliste der Konzerne zügig ab und liefert. Von Steuersenkungen über Billigstrom bis zum Schreddern des Lieferketten-Gesetzes und des „Zukunftsprogramms Pflanzenschutz“ ist alles dabei. Aber nach Ansicht von BAYER & Co. darf es ruhig noch etwas mehr sein.

Von Jan Pehrke

Anfang September forderte die Rheinische Post ihre LeserInnen auf, der Bundesregierung gegenüber Nachsicht zu zeigen. „Die Koalition hat jetzt eine Chance verdient. Zweifelsohne hat das Bündnis in den ersten vier Monaten nach seinem Start einiges auf den Weg gebracht, vor allem für die Wirtschaft und die Unternehmen, was aber im Pulverdampf des Sommers untergegangen ist“, hieß es dort in einem Kommentar. 

Und tatsächlich hat die schwarz-rote Koalition unter Kanzler Friedrich Merz sich von Anfang an mächtig für BAYER & Co. ins Zeug gelegt. Bereits zwei Monate nach der Übernahme der Amtsgeschäfte legte sie das „Gesetz für ein steuerliches Investitionssofortprogramm zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland“ vor. Der sogenannte Investitionsbooster sieht eine Reduzierung der Körperschaftssteuer um fünf Prozent ab 2028, die Erweiterung von Abschreibungsmöglichkeiten und mehr Forschungssubventionen vor. Ein 46 Milliarden Euro teures Geschenk, wobei die erst ab 2032 so richtig ins Gewicht fallenden Steuersenkungen in dieser Summe noch gar nicht vollständig enthalten sind. Nach Angaben der Initiative FINANZWENDE kommt dieser Geldsegen zu 90 Prozent denjenigen Konzernen zugute, die eh schon den meisten Profit machen. 

Die Gegenleistungen dürften sich hingegen in Grenzen halten. Das industrie-nahe „Institut der Deutschen Wirtschaft“ rechnet lediglich mit zusätzlichen Investitionen in Höhe von 16 Milliarden Euro bis 2029 und einer jährlichen Steigerung des Bruttoinlandprodukts von 0,15 Prozent. Die unabhängige Forschung sieht noch mehr Schwund hinter dem Komma. So lautet das Fazit der Studie „Do corporate tax cuts boost economic growth?“ von Sebastian Gechert und Philipp Heimberger: „Unsere Erkenntnis, dass die durchschnittliche Auswirkung von Unternehmenssteuersenkungen auf das Wachstum bei einigen Abweichungen in Einzelfällen gleich Null ist, steht weitgehend im Einklang mit den (…) aktuellen theoretischen Abhandlungen über Wachstum.“

Der im Juni 2025 veröffentlichte OECD-Wirtschaftsbericht zu Deutschland spricht sich dann auch gegen eine Absenkung der Unternehmenssteuern aus. „Im Steuermix liegt das Gewicht stark auf der Arbeitsbesteuerung. Der Beitrag, den Steuern auf Grundeigentum, auf Kapitaleinkünfte und Unternehmensgewinne sowie auf den Verbrauch zum Gesamtsteueraufkommen leisten, ist hingegen deutlich geringer als in anderen OECD-Ländern“, heißt es in dem Report. Bei den Unternehmenssteuern rangiert Deutschland mit sechs Prozent vom Gesamtsteueraufkommen genau um die Hälfte unter dem Durchschnittswert von zwölf Prozent. Darum plädiert die OECD dafür, den Faktor „Arbeit“ nicht mehr so stark zu besteuern. „Würden statt der Arbeitsbesteuerung die Steuern auf Unternehmensgewinne gesenkt, wäre der Effekt auf das BIP-Wachstum geringer“, merkt der Bericht an. 

Bei der Politik hat allerdings die ständige Klage von BAYER & Co. über das angebliche Hochsteuerland Deutschland Gehör gefunden. Das NETZWERK STEUERGERECHTIGKEIT verweist diese Rede allerdings ins Reich der Mythen. Der Organisation zufolge liegt der nominale Steuersatz von knapp 30 Prozent nur 2,8 Prozent über dem Durchschnitt der G7-Staaten. Und beim effektiven Steuersatz für Investitionen verhält es sich nicht groß anders. Er betrug 2023 – unter Einberechnung der beschleunigten Abschreibung – 26,6 Prozent, womit Deutschland international im oberen Mittelfeld landete.

Der Wirtschaftsweise Achim Truger hält die beschlossenen Maßnahmen ebenfalls nicht gerade für einen Ausweis weiser Wirtschaftspolitik. Seiner Ansicht nach schränkt der Staat seinen Handlungsspielraum durch diese Milliarden-Subventionen in unangemessener Weise ein. „Die Wirtschaftslobby war laut und bekommt nun wieder, was sie möchte. 2001 und 2008 wurden die Steuern auf Unternehmensgewinne bereits deutlich reduziert. Jetzt erleben wir eine weitere Runde im Steuersenkungsspiel. Mit weniger Steuern werden sich die Herausforderungen nicht bewältigen lassen“, warnte er in einem taz-Interview. 

Es begann sogar schon 1998 mit den kleinen Aufmerksamkeiten – und die Begründung überdauerte die Jahre auch. Damals wie heute sollten die Maßnahmen Investitionsanreize bieten und so für mehr Wirtschaftswachstum sorgen. 

Der Vater der großen Unternehmenssteuer-„Reform“, die drei Jahre später erfolgte, war BAYERs ehemaliger Finanzchef Heribert Zitzelsberger. Mit den Worten: „Wir haben mit Herrn Zitzelsberger unseren besten Mann entsandt und gehen davon aus, dass er in unserem Sinn tätig wird“, kommentierte der damalige Vorstandsvorsitzende Manfred Schneider den Wechsel des Leiters der Steuer-Abteilung in die Politik. Und dieser erfüllte alle Erwartungen. „Keinem der Berliner Großkopfeten hat die deutsche Großindustrie so viel Wohltaten zu verdanken wie Heribert Zitzelsberger“, konstatierte die Berliner Zeitung im Jahr 2002.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) kritisierte den „Investitionsbooster“ deshalb scharf. „Schon jetzt zahlen die Unternehmen viel zu wenig und nutzen jede Gelegenheit, die sich ihnen bietet, um sich vor Abgaben zu drücken“, hieß es in ihrer Presseerklärung. So führte der BAYER-Konzern 2024 bei einem Umsatz von 46,6 Milliarden Euro und einem bereinigten Ergebnis von 10,1 Milliarden Euro in Deutschland nach eigenen Angaben nur 31,6 Millionen Euro an Gewerbesteuern ab. Er nutzt nämlich die hiesigen Steuer-Oasen Schönefeld und Monheim exzessiv für das, was der frühere Vorstandsvorsitzende Werner Baumann einmal „eine veränderte regionale Ergebnis-Verteilung“ genannt hat. In Monheim etwa hat der Leverkusener Multi seine Patent-Abteilung angesiedelt. Dorthin müssen die Tochter-Gesellschaften für die Nutzung von geistigem Eigentum oder Marken-Rechten Geld überweisen. Diese Ausgaben machen sie dann an ihren Standorten steuermindernd geltend, während sie in Monheim als Einnahmen finanzamtstechnisch kaum ins Gewicht fallen. Dagegen will Schwarz-Rot allerdings etwas tun. „Wir werden alle zur Verfügung stehenden administrativen Maßnahmen ergreifen, um derartigen Schein-Sitzverlegungen in Gewerbesteuer-Oasen wirksam zu begegnen“, heißt es im Koalitionsvertrag. Ob aus diesen Worten Wirklichkeit werden wird, steht allerdings dahin. 

Der Stromkosten-Booster

Auch das Lamento von BAYER & Co. über die angeblich zu hohen Energie-Kosten stieß bei der Merz-Regierung auf offene Ohren. Sie machte munter da weiter, wo die Ampel-Koalition mit der Streichung der Umlage für Erneuerbare Energien und der Absenkung der Stromsteuer auf das EU-Minimum von 0,50 Euro pro Megawattstunde angefangen hatte. Schwarz-Rot stellte die ursprünglich nur bis 2025 geltende Stromsteuer-Reduzierung auf Dauer, strich die Gasspeicher-Umlage und stellte 26 Milliarden Euro aus dem „Klima- und Transformationsfonds“ zur Verfügung, um erst einmal für vier Jahr die Netz-Gebühren zu verringern. Darüber hinaus will die Bundesregierung die Konzerne demnächst auch noch mit einem „Industriestrompreis“ beglücken, gegen den sich Merz-Vorgänger Olaf Scholz immer gesträubt hatte.

Im Koalitionsvertrag hatten Merz & Co. noch eine Entlastung für alle bei den Energie-Kosten versprochen. Aber die Stromsteuer-Senkung für NormalverbraucherInnen kam dann doch nicht, obwohl diese vom Wegfall der Gasspeicher-Umlage und den geringeren Netz-Gebühren kaum profitieren. „Wenn wir mehr machen könnten, würden wir mehr machen, aber wir müssen auch einen Blick auf den Bundeshaushalt haben“, hieß es dann plötzlich aus dem Mund des Bundeskanzlers. Und zur Wind- und Sonnenkraft sagte er: „Meine Vermutung ist, dass wir beim Ausbau etwas weniger machen können. Das wird natürlich bei den Kosten erhebliche Veränderungen auslösen.“ Mehr als nur ein bisschen mehr darf es dagegen bei den fossilen Energien sein. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant 40 neue Gaskraftwerke. Klimaschutz will sie hingegen vornehmlich unter Tage betreiben und das Kohlendioxid mittels CCS (Carbon Capture and Storage) verbuddeln. Eine selbst wieder enorm energie-intensive, obendrein teure und risikoreiche Technologie.

Das Ziel, bis zum Jahr 2045 Klimaneutralität zu erreichen, stellte Reiche deshalb vorsichtshalber schon einmal zur Disposition, obwohl CDU, CSU und SPD sich in ihrem Koalitionsvertrag dazu bekannt hatten. „Ich glaube, eine Harmonisierung mit internationalen Zielen täte gut – ist aber im Koalitionsvertrag nicht festgelegt“, sagte sie am 25. Juni 2025 auf dem „Tag der Industrie“ und hielt sich alle Optionen offen. „Trotzdem müssen wir schauen, was in welchem Zeitraum machbar ist zu welchem Preis“, so die Ministerin.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) begrüßte die „Wende in der Energiewende“ (Rheinische Post). „Ministerin Reiche hat zehn richtige Schlüsselmaßnahmen vorgelegt. Wir brauchen einen spürbaren Kurswechsel. Schlaraffenland ist abgebrannt. Bezahlbarkeit muss endlich wieder eine zentrale Rolle spielen“, bekundete der VCI-Geschäftsführer und ehemalige BAYER-Manager Wolfgang Große Entrup.

Dabei räumt die Industrie bei Gelegenheit durchaus ein, dass sie nicht in die Energie-Armut zu fallen droht. „Die Amerikaner haben viel Gas, wir haben keins. Mit diesem Unterschied müssen wir klarkommen. Das können wir auch, der Großteil der Industrie kann das. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wo der Preisunterschied wirklich die Konkurrenz-Fähigkeit der Produktion in Europa schädigt. Das betrifft ein paar Basis-Rohstoffe“, sagte etwa BASF-Chef Markus Kamieth in einem Wirtschaftswoche-Interview. Und bei einer Umfrage des „Verbandes der Chemischen Industrie“ unter ihren Mitgliedern über ihre größten Belastungen belegten „hohe Energie-Kosten“ lediglich Platz fünf. 

Die Kettensäge kommt

Platz 1 belegte „Bürokratie, Regulierung“. Aber auch hier will die Bundesregierung ran und das gleich in einem großen Aufwasch erledigen. „Ich stelle mir vor, dass wir im Oktober eine Kabinett-Sitzung machen, in der wir nicht ein einziges neues Gesetz beschließen, sondern eine ganze Reihe von bestehenden Gesetzen und Regulierungen abschaffen“, stellte Friedrich Merz auf einer Veranstaltung des „Verbandes der Maschinenbauer“ in Aussicht.

Das Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz (LKSG) war schon früher dran. Die Bundesregierung beschloss Anfang September 2025 auf ihrer Kabinettssitzung eine Aushöhlung. CDU und SPD kündigten an, die Berichtspflichten zu streichen und Sanktionen nur noch bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Menschenrechte zu verhängen. Auf diese Weise wollen die Koalitionspartner „Bürokratie zurückbauen“ und „die deutsche Volkswirtschaft stärken“. 

Der Industrie aber ging der Vorstoß der Koalitionspartner nicht weit genug. Sie hielt es eher mit dem Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck, der einst davon sprach, „die Kettensäge anzuwerfen und das ganze Ding wegzubolzen“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) indes reagierte alarmiert. „Die Menschenrechte sind kein Bürokratie-Monster. Zudem hatten es die Konzerne lange selbst in der Hand, über die Einhaltung von ethischen Standards bei ihren Zulieferern zu wachen. Aber die freiwillige Selbstverpflichtung führte zu nichts. Nur darum wurde der lange geduldige Gesetzgeber schließlich doch aktiv und erließ das Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz. Doch kaum nach dessen Einführung im Jahr 2023 beginnen schon wieder die Abwrack-Arbeiten. Das ist ein Skandal“, hieß es in ihrer Presseerklärung.

Darin hob die Coordination auch die große Bedeutung der Berichtspflichten hervor, ohne die die Öffentlichkeit kaum erfahren könne, was sich entlang der weltumspannenden Lieferketten der Unternehmen so tut. Und das ist mitunter eine ganze Menge. So weist BAYERs Lieferkettenbericht für 2024 63 Fälle von „Missachtung von Arbeitsschutz und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren“, fünf Verstöße gegen das „Verbot der Ungleichbehandlung von Beschäftigten“ und elf Verstöße gegen das „Verbot des Vorenthaltens eines angemessenen Lohns“ aus. 2023 kam es sogar zu Kinderarbeit und zur Behinderung gewerkschaftlicher Betätigung.

Der Pestizid-Booster

Auch Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) liefert. Er schaffte kurzerhand das „Zukunftsprogramm Pflanzenschutz“ seines Vorgängers Cem Özdemirs ab und trat wieder die Reise in die Vergangenheit an. Eine Reduzierung des Pestizid-Verbrauchs um 50 Prozent bis zum Jahr 2030 war mit ihm ebenso wenig zu machen wie Maßnahmen zur Förderung der Artenvielfalt und ein besserer Schutz von Gewässern und Böden. 

An den Genehmigungen für Agro-Chemikalien schraubt der ehemalige Metzger ebenfalls herum. Nach eigenem Bekunden arbeitet er daran, dass sich „die Zulassungssituation von Pflanzenschutzmitteln verbessert“ sprich beschleunigt. Eine „Verschlankung der behördlichen Zusammenarbeit“ schwebt ihm dafür vor. Entsprechende Anträge aus den Bundesländern lagen der Agrarministerkonferenz (AMK) Ende September schon vor. 

„Ich habe den Eindruck, dass einige der Anträge auf der AMK direkt aus der Feder der chemischen Industrie kommen“, so Niedersachsens grüne Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte. Da lag sie alles andere als falsch. Beim Leverkusener Multi hört sich das Ganze so an: „Konkret und kurzfristig fordert BAYER eine Entpolitisierung der Zulassung und mehr Wertschätzung und Realismus in der Debatte um Risiken und Nutzen von Pflanzenschutzmitteln.“ In Sachen „Verschlankung der behördlichen Zusammenarbeit“ hatte der Agro-Riese auch schon eine Idee. Er schlug im Frühjahr vor, dem Umweltbundesamt das Vetorecht bei den Verfahren zu nehmen und es stattdessen auf eine Ebene mit dem Julius-Kühn-Institut und dem „Bundesinstitut für Risikoforschung“ zu stellen. Einen einheitlichen „Benehmens-Status“ will der Global Player so generieren. Das stand dann im September 2025 auch auf der Tagesordnung der Agrarminister-Konferenz, fand allerdings keine Mehrheit. Aber die „Verschlankung der Behörden-Zuständigkeit“ war Konsens.  

Und die EU macht ebenfalls Lockerungsübungen. Sie „verschlankt“ und „entbürokratisiert“ nach Kräften zu Lasten des Gesundheitsschutzes, des Arbeitsschutz, des Klimas und der Umwelt. Da lässt sich doch gut wirtschaften für BAYER & Co. ⎜

Ungeprüfte Pestizide

CBG Redaktion

Zulassungsverlängerung auf Knopfdruck

Einmal in der EU zugelassen, haben immer mehr Pestizide von BAYER & Co. Aussicht auf ein langes Leben. Anstatt nämlich deren Risiken und Nebenwirkungen anhand neuester Forschungsergebnisse immer wieder neu zu überprüfen, wie die Regularien es vorsehen, greifen die Behörden immer öfter zum Mittel der „technischen Verlängerung“.

Von Peer Clausen

Lässt die Europäische Union ein Pestizid zu, dann tut sie das im Regelfall nur für einige Jahre (normalerweise 10 Jahre, es gibt jedoch Ausnahmen nach unten wie oben). Drei Jahre, bevor diese Frist ausläuft, müssen die Hersteller beantragen, die Genehmigung zu verlängern. Die Idee dahinter: Der Forschungsstand bleibt für viele Stoffe nicht über Jahre gleich, und oft dauert es auch einige Zeit, bis langfristig auftretende Probleme von neuzugelassenen Stoffen erkannt und nachgewiesen werden können. Darum sieht der Gesetzgeber eine regelmäßige Überprüfung der Stoffe vor. Soweit zumindest die Theorie.  

In der Praxis kommt es bei den Behörden häufig zu langen Wartezeiten, die über den 3-Jahres-Zeitraum hinausgehen. In diesem Fall (mittlerweile der Regelfall) erlässt die EU-Kommission sogenannte „technische Verlängerungen“, die das Ackergift auch ohne die vorgesehene Risikoprüfung weiter freigeben, bis die zuständigen Stellen ihr Akten-Studium abgeschlossen haben.

Vorsorge adé? 

Damit hebelt Brüssel das sogenannte „Vorsorgeprinzip“, also den Grundsatz, dem Gesundheitsschutz absolute Priorität einzuräumen, de facto aus. So stellt die Europäische Union ein hohes Gut zur Disposition, das zugunsten von VerbraucherInnen, LandwirtInnen und der Umwelt explizit gegen Konzerninteressen durchgesetzt wurde. Auf der Ebene der Mitgliedsstaaten hat das die zusätzliche Folge, dass die nationalen Zulassungsprüfungen neu erschienene Studien nicht berücksichtigen dürfen, solange das EU-Verfahren noch hängt. 

Das alles wird nicht nur von VerbraucherInnenschutz- und Umweltorganisationen, sondern auch vom EU-Parlament regelmäßig scharf kritisiert. Das Stichwort BAYER berichtete bereits in der Ausgabe 2/19 über dieses fahrlässige Vorgehen. 

Der Zulassungskreislauf

Welche Folgen ergeben sich aber daraus? Beispielsweise, dass von den – Stand 2024 – rund 350 in der EU zugelassenen Pestiziden 68 Wirkstoffe „technisch verlängert“ wurden – immerhin 18 Prozent der Gesamtmenge. 

Von den 84 im letzten Jahr gewährten Zulassungsverlängerungen erfolgten nur 16 auf dem regulären Weg, bei dem Rest handelte es sich um technische Verlängerungen. Deren Zahl steigt seit Jahren an, und die Behörden kommen mit der Bearbeitung nicht hinterher. Das wiederum führt dazu, dass die Verlängerungen immer ausgreifender werden und nicht wie früher nur ein Jahr, sondern bis zu vier Jahren Gültigkeit haben.

Insgesamt und in absoluten Zahlen sind von den 373 insgesamt in der EU zugelassenen Wirkstoffen nach Rechnungen des Umweltinstituts München 197 technisch verlängert – also die absolute Mehrheit. Von der chemisch-synthetischen Substanzen verfügten sogar bloß 30 Prozent über eine aktuelle Risiko-Bewertung. 

Die Studie des Instituts listet immerhin 9 Stoffe auf, die sich seit über zehn Jahren nur mit technischen Verlängerungen auf dem Markt halten, darunter zwei, die auch BAYER vertreibt: Deltamethrin und Mecoprop-P.

Doch auch mittlerweile aus dem Verkehr gezogene Pestizide verfügten davor jahrelang nur über provisorische Genehmigungen. Phosmet verbot die EU unter Hinweis auf ein „inakzeptables Risiko für Betreiber, Arbeiter, Unbeteiligte und Anwohner […], selbst bei Verwendung von persönlicher Schutzausrüstung oder der Anwendung verfügbarer Milderungsmaßnahmen“. Den Verkauf des Fungizids Famoxadon untersagte sie mit einer ähnlichen Begründung und ließ damit die technische Verlängerung nach sechs Jahren auslaufen. BAYERs Flufenacet – beispielsweise vermarktet unter dem Namen CADOU – brachte es sogar auf über elf Jahre, ehe die Europäische Union ein Erbarmen hatte und den Vertrieb der zu den PFAS zählenden Substanz untersagte. 

Selbst von alarmierenden Befunden ließen sich die Verantwortlichen nicht aus der Ruhe bringen. So führte die US-amerikanische Umweltbehörde EPA den auch vom Leverkusener Multi vertriebenen Stoff Chlorothalonil bereits seit 1997 als „wahrscheinlich krebserregend“ und die europäische Lebensmittelbehörde EFSA seit 2017. Trotzdem durften die LandwirtInnen ihn bis 2019 verwenden. Und Mancoceb – ebenfalls im BAYER-Sortiment – hielt sich trotz Einstufungen als „wahrscheinlich krebserregend“, „hormonell wirksam“ und fortpflanzungsschädigend lange in den Regalen – und steht vielleicht sogar vor einem Comeback.

Profit vor Gesundheit

Diese Zahlen erschrecken umso mehr, wenn mensch bedenkt, dass nach der Untersuchung des Umweltinstituts im Jahr 2023 88 Prozent der in Deutschland verkauften Agro-Chemikalien keine aktuelle Risikoprüfungen aufwiesen.

Einige Stoffe, die nach aktuellem Forschungsstand als hoch gefährlich für Mensch und Umwelt gelten, sind aufgrund dieser EU-Aushebelungen noch heute frei erhältlich. Darunter befinden sich nicht wenige BAYER-Produkte wie z. B. AGOLIN. Im Zweifelsfall gehen Profitinteressen offensichtlich noch immer vor menschlicher Gesundheit und intakter Natur. 

Das Umweltinstitut fordert vor dem Hintergrund dieser erschreckenden Ergebnisse, gefährliche Pestizide, die nicht entsprechend geprüft sind, vom Markt zu nehmen und so das Vorsorgeprinzip durchzusetzen. Es verlangt von der EU, der dreijährigen Frist für die Wiederzulassung verbindlich Geltung zu verschaffen und den Rechtsanspruch der Hersteller auf Verlängerungen der Genehmigungen auch ohne Risiko-Check auszuschließen. Schließlich tritt das Institut dafür ein, die Behörden personell und finanziell besser zu stellen, damit sie ihrem Schutzauftrag nachkommen können. Langfristig muss es nach Meinung des Umweltinstituts jedoch darum gehen, aus dem chemisch-synthetischen Pestizidkreislauf auszusteigen. ⎜

BAYER im Buch

CBG Redaktion

Das Stichwort BAYER liest

Zwei aktuelle Bücher beschäftigen sich mit Themen, die schon einmal mehr Aufmerksamkeit erfahren haben. „Klima Bullshit Bingo“ nimmt sich – nomen est omen – den Klimaschutz und seine FeindInnen vor und „Unsere entscheidenden Jahre“ dazu noch Wasser, Boden, Luft sowie die Biodiversität. Beide wählen dazu ungewöhnliche Ansätze, von denen allerdings nicht alle zu überzeugen wissen.

Von Sibylle Arians

Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund. So wie Martin Häusler UN-Generalsekretär Antonio Guterres zitiert mit dem drastischen, an die fossile Energiebranche gerichteten Vorwurf, sie halte „die Menschheit bei der Kehle“, so benennt er selbst die HaupttäterInnen des Ökozids, der in allen Sphären unseres Planeten seit Jahrzehnten stattfindet: Das sind die Vorstände der Konzerne, unter Mittäterschaft von willfährigen Regierungen, unkritischer Presse und zahllosen LobbyistInnen. Im Tauziehen um die Zukunft der Erde als von Menschen bewohnbarem Planeten kann Häusler zufolge nur noch durch unseren massiven Widerstand eine Wende zum Guten erreicht werden. Das wird nicht leicht sein, denn Verführung und Irreführung der Bevölkerung sind Teil des turbokapitalistischen Systems, was es den TäterInnen erleichtert, mit dem mörderischen Treiben fortzufahren.

1974 in Leverkusen geboren, hat Häusler zahlreiche Beispiele für das zerstörerische Wirken der dort ansässigen BAYER AG selbst erlebt. Eine Reihe davon werden integriert in die umfassende Zustandsbeschreibung unseres Klimas, der Luft, der Gewässer, der Böden, der Biodiversität. Der Chemiegigant hat eine katastrophale Bilanz, beginnend mit massiven Belastungen der Gewässer bereits kurz nach der Firmengründung und sicherlich nicht endend mit dem tagtäglichen Ablassen immenser Pestizid-Rückstände vom Leverkusener Chempark aus in den Rhein.

Jedoch ist das Buch nicht vorrangig eine Abrechnung mit der Dreckschleuder vor der Haustür seiner Kindheit und Jugend, denn der BAYER-Konzern ist nur einer von zahlreichen Multis, die wissentlich ihre Profite auf der Basis von Schädigung von Leib und Leben und Raubbau an der Natur machen. Die Fragen, denen der Autor nachgeht, benennt schon der Untertitel: „Welche Grenzen überschritten sind, wo wir noch gestalten können, wer uns daran hindert“. Und die Antworten, die Martin Häusler findet, sind belastbar, denn er belegt alles sorgfältig mit Quellen-Hinweisen. Dass das trotzdem keine trockene Lektüre wird, dafür sorgen die ungewöhnlichen und lebendigen Illustrationen von Ramona Rosa.

Wer uns daran hindert, die Welt zu retten? Die beinahe ganz fehlende Regulierung der Konzerne durch Politik und Justiz. Wir haben ein gestörtes Gleichgewicht, eine Dynamik, die die Ungleichheit zwischen Besitzenden und Habenichtsen wachsen statt schrumpfen lässt. Dem müssen wir alle unseren Widerstand entgegensetzen: „Die Zeit der Manager ist abgelaufen, nicht unsere!“

„Klima Bullshit Bingo“ 

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Jan Hegenberg in seinem Buch:  KLIMA BULLSHIT BINGO. Er liefert teils sehr gute Argumentationshilfen gegenüber gängigen Parolen von KlimaskeptikerInnen und -leugnerInnen sowie den VerteidigerInnen des Status quo um jeden Preis. Sein salopper Stil ist Geschmackssache. Das aber, was mich bei dem Buch stört, ist, dass häufig das entscheidende Argument hinter einem „Salat“ aus Gedankenschnipseln und Analogien versteckt ist, die sich mir nur schwer erschließen und teilweise auch de facto nicht schlüssig sind. Das mag ein Generationenproblem sein oder daran liegen, dass unsere Temperamente und Humor-Auffassungen nicht recht zueinanderpassen, aber KLIMA BULLSHIT BINGO wäre mit weniger als dem halben Umfang ausgekommen, wenn Hegenberg sich auf Fakten und Argumente beschränkt hätte, was sicher auch dem Gebrauchswert des Buches gutgetan hätte: Meines Erachtens lassen sich die BedenkenträgerInnen nicht überzeugen, indem man sie „vorführt“. Entweder widerlegt man sie sachlich und, ja, wertschätzend, oder man kann sich das Gespräch gleich schenken.

Nett: Die QR-Codes am Ende der jeweiligen Kapitel führen zu Seiten des Autors selbst, auf denen vorformulierte Entgegnungen zu den kritisierten Stammtischparolen zu finden sind. 

Nützlich: Der QR-Code am Ende des Quellenverzeichnisses, der zu über 240 Webseiten führt und es einem erspart, händisch elend lange URLs abtippen zu müssen.

Ungewöhnlich: Bei nur zwei oder drei Quellen handelt es sich um Bücher anderer Autoren.

Irritierend: Der eine oder andere Logiksprung

Wohltuend: Dass zahlreiche Stellschrauben aufgezeigt werden, mit denen wir ressourcen- und klimaschonender leben könnten.

Großes Manko: Der von Hegenberg vertretene Optimismus liest sich so, als wäre es ein Kinderspiel, unseren Lebensstil an die planetaren Grenzen anzupassen. Dabei unterschlägt er, dass es wirkmächtige Interessen und Interessenten gibt, die das nicht wollen und dem Planeten und seinen BewohnerInnen schon seit Langem den Kampf angesagt haben. Die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird nicht benannt als wesentlicher Faktor des Ökozids, in dem wir stecken. Somit fehlt die Benennung dessen, was es wirklich zu bekämpfen gilt.  Ebenso fehlt die klare Ansage, dass der Kampf um die Zukunft des Lebens auf unserem Planeten absolut dringlich ist, weil wir diesen sonst verlieren – trotz des wunderbaren Potenzials, das „wir“ hätten, wenn „wir“ wirklich „wir“ wären. Zu verharmlosen, wie bedrohlich die Situation ist, unterstützt indirekt die VerursacherInnen des globalen Ökozids.

Hätte ich zu entscheiden, welches der beiden Bücher es auf die Bestseller-Liste des SPIEGEL kommt, so wäre meine Wahl auf Martin Häusler gefallen. ⎜

Ticker 3/25

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

Aktion gegen den EU-Mercosur-Deal

Unter der Losung „Giftigen Handel verhindern – EU-Mercosur-Abkommen stoppen“ führte das Netzwerk Gerechter Welthandel am 24. Juni 2025 in Berlin vor dem „Bundesministerium für Wirtschaft und Energie“ eine Aktion durch. Anlässe gab es gleich mehrere. Zum einen fand an dem Tag in Brüssel eine öffentliche Anhörung des Handelsausschusses des EU-Parlaments zum Deal statt und zum anderem kündigte die EU-Kommission in der Woche an, den Mitgliedsländern den endgültigen Vertragstext vorzulegen. Bis zum Ende des Jahres will sie alle Unterschriften beisammenhaben. 

Das Netzwerk, dem auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN angehört, führte die Risiken und Nebenwirkungen des Übereinkommens plastisch in einem kleinen Aktionstheater vor Augen. In den Hauptrollen:  ManagerInnen von BAYER und BASF als Ackergift-HändlerInnen, die sich von dem Abkommen noch einmal bessere Geschäfte erhoffen und in den Statisten-Rollen als Handlanger von BAYER & Co. Friedrich Merz, Ursula von der Leyen und Lula da Silva.

Input für UN-Bericht

Der Sonderbeauftragte der UN für das Recht auf Nahrung, der Kanadier Michael Fakhri, bereitet einen Bericht über die Gefährdung der Versorgungssicherheit durch Big Agro vor. Auch Initiativen bat er um Beiträge zur „Konzentration der Konzern-Macht im globalen Lebensmittelsektor und seine Auswirkungen auf die Verwirklichung des Rechts auf Nahrung“. Die Menschenrechtsorganisation FIAN schlug der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) eine gemeinsame Eingabe vor, und die Coordination willigte ein. Sie übernahm dabei den Part, die Risiken und Nebenwirkungen der oligopol-haften Strukturen in den Bereichen „Agro-Chemie“, „Gentechnik“ und „Saatgut“ darzulegen. 

So widmete sich die CBG etwa Glyphosat, zu dem es immer noch keine weniger gesundheitsschädlichen Alternativen gibt, die auch aus anderen Gründen wichtig wären. BAYERs Milliardenseller – der Konzern zeichnet für 40 Prozent der weltweiten Produktion verantwortlich – verliert nämlich immer mehr an Wirksamkeit, weil sich Wildpflanzen zunehmend auf das Mittel einstellen. Warum kein Nachfolger in Sicht ist, weiß nach Ansicht der CBG der Leverkusener Multi selbst am besten. Darum zitierte sie den einstigen BAYER-Forscher Dr. Hermann Stübler mit einem Statement aus dem Jahr 2012: „Seit über 25 Jahren hat die weltweite Pflanzenschutz-Industrie kein wirtschaftlich bedeutendes Herbizid mit neuem Wirkmechanismus mehr für Flächen-Kulturen entwickelt und auf den Markt gebracht – unter anderem eine Folge der Konsolidierung der Industrie, die mit einer deutlichen Reduktion der Forschungsaufwendungen für neue Herbizide einherging.“

FIAN hingegen beschäftigte sich hauptsächlich mit den Alternativen zum bestehenden System und beschrieb Konzepte wie die „Solidarische Landwirtschaft“, Food-Kooperativen, Bäckerei-Zusammenschlüsse, Regionalbewegungen und genossenschaftliche Modelle der Landnutzung.

Im Oktober 2025 will Michael Fakhri der Vollversammlung der Vereinten Nationen den fertigen Bericht vorlegen.

Tag der Arbeitslosigkeit

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) nahm den „Tag der Arbeit“ am 1. Mai 2025 zum Anlass, um auf die problematische Situation der Beschäftigten bei BAYER aufmerksam zu machen. So wies sie auf die 11.000 Arbeitsplätze hin, die das zwei Milliarden Euro schwere Rationalisierungsprogramm „Dynamic Shared Ownership“ seit seinem Start Anfang 2024 bereits vernichtet hat. Um nicht weniger als zehn Prozent schrumpfte die Belegschaft seither. 

Damit nicht genug, steht es auch mit den Arbeitsbedingungen beim Leverkusener Multi nicht gerade zum Besten. Der aktuelle Bericht zum Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz führt 79 Meldungen über Arbeitsschutz-Verletzungen und Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz auf. Und bei den 63 Meldungen, die Zulieferer von BAYER betreffen, kommen erschwerend noch Lohnraub und Diskriminierung am Arbeitsplatz hinzu.

„Die Lage der BAYER-Beschäftigten ist prekär. Ihre Rechte gilt es zu stärken. Dazu braucht es aber eine selbstbewusste IG Bergbau, Chemie und Energie, die nicht länger auf Co-Management setzt“, hieß es in der Pressemitteilung der CBG zum 1. Mai.

Die CBG zum Tag der Befreiung

Am 8. Mai 2025 jährte sich der Tag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus zum 80. Mal. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) wies im Zuge dieses Datums auf die fatale Rolle hin, die die von BAYER mitgegründete I.G. FARBEN im „Dritten Reich“ gespielt hat. Sie diente dem Hitler-Regime durch üppige Parteispenden an die NSDAP schon als Steigbügelhalter und bildete fortan das industrielle Rückgrat der Diktatur. Auch übernahmen I.G.-Obere wichtige Funktionen im NS-Staat. So fungierten sie beispielsweise als Wehrwirtschaftsführer. Überdies arbeitete die Interessensgemeinschaft die Blaupause für den Vierjahresplan aus, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft kriegstüchtig machten. Als es dann 1939 so weit war, konnte das Unternehmen die Armee fast alleine ausstatten. Im Schlepptau der Raubzüge nahm es sofort die chemischen Anlagen der überfallenden Länder in Beschlag. Zudem betätigten sich Beschäftigte der Auslandsniederlassungen als SpionInnen und fertigten Karten-Material für Bombenangriffe an. 

An der NS-Vernichtungspolitik wirkte die I.G. FARBEN ebenfalls mit. Ihre Tochterfirma DEGESCH lieferte den Nazis mit Zyklon B die grausamste Mordwaffe. Zudem errichtete der Konzern in unmittelbarer Nähe zu Auschwitz ein eigenes Werk, um beim Bau auf ZwangsarbeiterInnen zugreifen zu können. Später unterhielt er in der Nähe der Baustelle sogar ein firmen-eigenes KZ. Damit nicht genug, dienten die Häftlinge der I.G. auch noch als Versuchskaninchen für medizinische Experimente. 

„Sollte es zu Wirtschaftsklagen kommen, würde das Material den Verteidigern den Schlaf rauben“, schwante deshalb dem I.G.-Vorstandsmitglied Georg von Schnitzler. Und zunächst sah es auch ganz danach aus. Aber es kam anders. Die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse widmeten der I.G. FARBEN zwar einen eigenen Verfahrensstrang, und von den 23 angeklagten Managern landeten auch 13 im Gefängnis, sie mussten ihre Haftstrafen allerdings nicht voll abbüßen. Die Zeiten hatten sich nämlich geändert. Im Zuge des Kalten Krieges erfolgte nicht wie ursprünglich vorgesehen eine radikale Zerschlagung des Mörder-Kombinats. Es blieb bei einer Entflechtung, die die tragenden Säulen BAYER, BASF und HOECHST unangetastet ließ. Resultat: Kaum 20 Jahre nach dem Neustart erreichten die drei Gesellschaften für sich allein eine Größe, die derjenigen der I.G. FARBEN in ihren besten Zeiten entsprach. 

CBG bei Wasserkonferenz

Vom 21. bis zum 23. März 2025 fand die Konferenz „Wasser.Klima.Gerechtigkeit“ statt. Und da der BAYER-Konzern ein großer Wassernutzer und -verschmutzer ist, war auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) gefragt. Sie bot zusammen mit BLOCK BAYER den Workshop „BAYER und das Wasser“ an. CBG-Vorstand Jan Pehrke referierte dort über die Bedeutung des Wassers als Ressource und Müllschlucker für die Chemie-Industrie und unternahm einen Schnelldurchlauf durch alle Protestaktionen der Coordination zu diesem Thema. Von den Protesten gegen die Dünnsäure-Verklappung in der Nordsee in den 1980er Jahren über die Mitorganisation des Wasser-Tribunals in Rotterdam bis hin zur Unterstützung von LandwirtInnen, deren Brunnen durch den großen Wasserdurst von BAYER austrockneten, reichte die Palette. Im Anschluss entspann sich eine lebhafte Diskussion.

Ursprünglich sollte die Konferenz in der Kölner Universität stattfinden. Die Hochschule cancelte die Veranstaltung aber kurzfristig, so dass die „Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft“ in Alfter bei Bonn einspringen musste.

CBG auf dem Umweltfestival

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) hat am 1. Juni 2025 am Berliner Umweltfestival teilgenommen, dessen Motto dieses Jahr aus gegebenem Anlass „Jetzt erst recht! lautete. Zwischen Brandenburger Tor und Großem Stern empfingen über 200 Stände die rund 60.000 BesucherInnen. Neben der CBG waren auch ATTAC, der BUND, Greenpeace, Robin Wood, die Naturfreunde, Slow Food, Amnesty International, die Deutsche Umwelthilfe, der Weltfriedensdienst und das Aktionsbündnis Fairer Handel mit von der Partie. 

Die Coordination legte Flyer, das Stichwort BAYER und anderes Informationsmaterial aus, was Anknüpfungspunkte für viele interessante Gespräche bot. So nahm etwa eine Angestellte des Bundesumweltamtes das PFAS-Cover eines Stichwort BAYERs zum Anlass, der CBG ihr Leid über das mutmaßliche Ende des vom Bundesumweltamt maßgeblich mitgestalteten Vorschlags zu einem umfassenden EU-Verbot der Ewigkeitschemikalien zu klagen. Unter Schwarz-Rot hat dieser nun definitiv keine Zukunft mehr, bedauerte sie. Absetzbewegungen hatte es zuvor schon bei der Ampelkoalition gegeben. Und eine Brasilianerin, die aus ihrem Heimatland Mate-Tee nach Deutschland importiert, berichtete von den Anstrengungen, Glyphosat von den Pflanzen fernzuhalten. Selbstverständlich gehörte sie dann auch zu denjenigen, die ihre Unterschrift unter den „Stop Glyphosat“-Aufruf der CBG setzten.

Solidarität mit Gaby Weber

Die Journalistin Gaby Weber, eine langjährige Kooperationspartnerin der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG), wurde Opfer eines De-Bankings. Die Comdirect-Bank kündigte ihr das Konto. Gaby Weber hat den dringenden Tatverdacht, dass dieser Akt im Zusammenhang mit ihrer Arbeit steht. Sie recherchiert nämlich bereits seit Langem zu den Finanzierungsquellen von BAYERs MONSANTO-Übernahme und hat im Zuge dessen auch eine Auskunftsklage gegen die Bundesbank eingereicht, dessen ehemaliger Chef Jens Weidmann der Aufsichtsratsvorsitzender der Comdirect ist.

Darum gab die Coordination eine Solidaritätserklärung ab. „Die Konto-Kündigung kann nicht der Privat-Person Gaby Weber gegolten haben, sondern nur dem politischen Menschen Gaby Weber. Darum solidarisiert sich die Coordination gegen BAYER-Gefahren mit ihr und allen anderen, denen Ähnliches widerfuhr – und das sind nicht wenige“, hieß es darin.

Zum Hintergrund: Der Leverkusener Multi finanzierte den Erwerb des US-amerikanischen Agro-Riesen zu einem nicht geringen Teil über die Ausgabe von Unternehmensanleihen. Rund 19 Milliarden Euro hat er auf diese Weise eintreiben können. Gaby Weber hat nun die Vermutung, dass die Europäische Zentralbank (EZB) und sechs Zentralbanken der EU-Länder – darunter die Deutsche Bundesbank – BAYER dabei durch ihr im Juni 2016 angelaufenes Kaufprogramm für Unternehmensanleihen unter die Arme gegriffen haben. 

Indirekt taten die Banken das auf jeden Fall, denn die Shopping Tour – im Januar 2020 hielt allein die EZB Anleihen von Unternehmen im Wert von 183 Milliarden Euro – reduzierte durch den Nachfrage-Druck die Zinsen, welche die Global Player den KäuferInnen der Papiere zahlen mussten. Aber Weber interessierte sich auch für die direkte Unterstützung. Darum wollte sie wissen, wie viele Anleihen des Leverkusener Multis die Banken damals erwarben. Die Europäische Zentralbank und die Bundesbank mauerten aber, weshalb Weber vor Gericht zog. 

Die beiden Häuser äußerten sich nur allgemein zu dem Tatbestand und wiesen die Vorwürfe der Journalistin zurück. Sie bezeichneten deren Aussage, „dass ‚ein großer Teil der BAYER-Anleihen von der Bundesbank mit EZB-Geldern gekauft’ wurden“, als falsch. Zentral- und Bundesbank gingen vielmehr nach dem „Prinzip der Marktneutralität“ vor und achteten streng darauf, einzelne Unternehmen nicht über- oder unterzugewichten, hieß es in der Stellungnahme. Die BankerInnen räumten zwar ein, mit dem Ankauf-Programm die Finanzierungsbedingungen für die Firmen verbessert zu haben, bezeichneten dies jedoch nicht als das eigentliche Ziel der Maßnahmen. Dieses habe vielmehr darin bestanden, „eine drohende Deflation in der Eurozone abzuwenden“.

CBG beim Klimastreik

Der BAYER-Konzern stößt immens viel Kohlendioxid aus – und er zeigt auch keine Bestrebungen, das zu ändern. Seit Jahren bewegen sich seine CO2-Emissionen um die Marke von drei Millionen Tonnen pro Jahr herum. Darum beteiligte sich die Coordination gegen BAYER-Gefahren am 11. April 2025 wieder am weltweiten Klimastreik. Sie ging in Düsseldorf mit auf die Straße, wo die Demonstration am Burgplatz begann. Dort brauchten die rund 300 TeilnehmerInnen ihren Blick nur ein wenig von der Bühne weg auf den Rhein schweifen zu lassen, um die Dringlichkeit ihres Anliegens bestätigt zu finden. Der war nämlich kaum mehr ein Strom. „[D]ie niedrigsten Wasserstände seit mindestens 20 Jahren in einem April“ machte das „Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein“ aus. Darunter leidet zwar auch der Leverkusener Multi selbst, aber er sieht sich gewappnet. „Generell sind wir auf Ereignisse wie Hoch- und Niedrigwasser organisatorisch vorbereitet. Unter anderem können wir auf andere Transport-Möglichkeiten ausweichen“, verlautete aus der Unternehmenszentrale.

CBG schreibt Leserbrief

Seit Jahr und Tag bestreiten die kritischen AktionärInnen der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) mit ihren Beiträgen einen Gutteil der BAYER-Hauptversammlung. Trotzdem finden sie in der Berichterstattung der großen Zeitungen über das Ereignis zumeist keinerlei Erwähnung, ganz als ob das, was sie vorbringen, nicht zur Sache gehöre. Darüber beschwerte die CBG sich jetzt bei der FAZ und der Rheinischen Post. Dabei wies sie auch darauf hin, dass die JournalistInnen gut daran getan hätten, den RednerInnen genau zuzuhören. Als ein Beispiel nannte die Coordination René Lehnherr vom „MONSANTO-Tribunal“. Der Schweizer wies nämlich bereits im Jahr 2018 auf das juristische Risiko hin, das durch das in den USA unter dem Namen ROUNDUP vermarktete Glyphosat droht. „Wie viel Geld wird BAYER für die mehr als 5.000 Klagen amerikanischer Landwirte aufbringen, die Klagen gegen MONSANTO führen, weil sie wegen Gebrauch von ROUNDUP an einem Non-Hodgkin-Lymphom leiden? “, hatte er den Vorstand damals gefragt.

Alarmierende SLAPP-Studie

Immer wieder versuchen Unternehmen und mächtige Einzelpersonen, KritikerInnen mundtot zu machen, indem sie juristische Auseinandersetzungen entfachen und den Streitwert immens hoch ansetzen. Auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN war schon Ziel dieser sogenannten SLAPP-Klagen (SLAPP = Strategic Lawsuits Against Public Participation). 1987 zerrte der BAYER-Konzern die CBG wegen einer Passage in einem Aufruf vor Gericht, in dem es geheißen hatte: „In seiner grenzenlosen Sucht nach Gewinnen und Profiten verletzt BAYER demokratische Prinzipien, Menschenrechte und politische Fairness. Missliebige Kritiker werden bespitzelt und unter Druck gesetzt, rechte und willfährige Politiker werden unterstützt und finanziert“. Dafür forderte der Konzern unter Strafandrohung „von Ordnungshaft bis zu sechs Monaten bzw. einer Geldstrafe von bis zu DM 500.000“ eine Unterlassungserklärung. Die Sache ging bis vor das Bundesverfassungsgericht und endete 1992 schließlich mit einem Freispruch. 

Als die Rechtswissenschaftlerin Stefanie Egidy sich für eine Studie einmal systematisch mit diesem strategischen Instrument aus der Werkstatt-Kiste des Kapitals beschäftigten wollte, gab daher auch die CBG ihre Erfahrungen weiter. 

Die im März 2025 veröffentlichten Ergebnisse zeichnen ein verheerendes Bild. Von den 227 Initiativen, AktivistInnen, JournalistInnen und anderen Personen, die sich an der Untersuchung beteiligten, gaben 51 Prozent Einschüchterungsversuche zu Protokoll – und davon 43 Prozent mit SLAPP-Klagen als Mittel. 

„Besonders alarmierend ist, dass ein Drittel der Befragten angibt, durch SLAPPs – seien es Klagen oder vorgerichtliche juristische Maßnahmen – von zukünftiger öffentlicher Beteiligung abgeschreckt worden zu sein. Dies verdeutlicht, wie sehr SLAPPS den freien demokratischen Diskurs gefährden und wie dringend Handlungsbedarf gegen solchen Rechtsmissbrauch ist“, hält die Juristin fest. Die EU hat zwar eine Anti-SLAPP-Richtlinie auf den Weg gebracht, aber diese gibt lediglich Mindeststandards vor. Darum fordert Egidy, die Schutzmaßnahmen für die Betroffenen bei der Umsetzung in nationales Recht erheblich zu verstärken und z. B. Strafen für Unternehmen einzuführen, die sich Konzern-Kritik auf dem Rechtsweg entledigen wollen.

Petition gegen doppelte Standards

BAYER & Co. exportieren zahlreiche Pestizide, die innerhalb der Europäischen Union keine Zulassung (mehr) haben, unter anderem auch in afrikanische Länder. Darum hat die belgische Initiative BROEDERLIJK DELEN eine Petition initiiert, die an PolitikerInnen der Afrikanischen Union und der EU appelliert, diese Praxis der doppelten Standards zu beenden. An die Agro-Riesen richtete sich ebenfalls eine Forderung: „Die europäischen Unternehmen müssen auf die Verantwortung hingewiesen werden, die Sicherheit ihrer Produkte in jedem Land zu garantieren.“ Auch die Coordination gegen BAYER-Gefahren unterzeichnete die Petition.

Offener Brief in Sachen „Flufenacet“

Der auch von BAYER vermarktete Ackergift-Wirkstoff Flufenacet hat es in sich. Von der chemischen Struktur her ähnelt er Hormonen. Deshalb kann die Substanz den menschlichen Organismus gehörig durcheinanderwirbeln und Krankheiten wie Krebs oder Diabetes auslösen. Damit nicht genug, entsteht bei seiner Zersetzung der PFAS-Stoff Trifluoressigsäure (TFA) – kaum eine andere Ewigkeitschemikalie findet sich so ubiquitär in den Gewässern wieder. „Derzeit sind die TFA-Konzentrationen um Größenordnungen höher als die von anderen PFAS – und um Größenordnungen höher als die von anderen Pestiziden und Pestizid-Metaboliten“, konstatieren Hans Peter H. Arp und seine MitautorInnen in der Studie „The Global Threat from the irreversible Accumulation of Trifluoroacetic Acid (TFA)“. Darum hat das PESTIZID AKTIONS-NETZWERK (PAN) im November 2024 einen offenen Brief initiiert, der das sofortige Verbot von Flufenacet fordert. Und das Schreiben, das die Coordination gegen BAYER-Gefahren mitunterzeichnete, blieb nicht ohne Effekt. Es trug mit dazu bei, dass die EU das Mittel im März 2025 aus dem Verkehr zog. 

Für eine sozial-ökologische Handelspolitik!

In einem 10-Punkte-Papier fordern mehr als ein Dutzend Initiativen – darunter die Coordination gegen BAYER-Gefahren – eine Umkehr in der Handelspolitik. „Trotz mancher Reformen bleiben soziale Sicherheit, Menschenrechte, Umweltschutz und internationale Gerechtigkeit noch immer auf der Strecke, werden den dominanten Zielen der Marktöffnung und Rohstoff-Beschaffung zugunsten europäischer Konzerne unterworfen“, heißt es in dem vom NETZWERK GERECHTER WELTHANDEL initiierten Statement. Auf besondere Kritik der Organisationen stoßen die Demontage des europäischen Lieferketten-Gesetzes, das geplante EU-Mercosur-Abkommen sowie der Export von innerhalb der EU nicht (mehr) zugelassenen Pestiziden in andere Länder.

KAPITAL & ARBEIT

Zahlreiche Arbeitsschutz-Verletzungen

2024 kam es in den BAYER-Werken zu zahlreichen Verstößen gegen Vorschriften zu Arbeitsschutz und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren. 79 Fälle zählt der Lieferkettenbericht auf.

BAYERs prekäre Lieferketten

Bei den unmittelbaren Zulieferern von BAYER kam es im Jahr 2024 zu 63 Verstößen den Arbeitsschutz und arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren betreffend. Zudem gab es fünf Fälle von Diskriminierung am Arbeitsplatz, und elf Vertragspartner des Konzerns betrieben Lohnraub. 

Unter fünf Prozent Schwerbehinderte

In Deutschland müssen Unternehmen mit mehr als 20 Belegschaftsangehörigen auch Schwerbehinderte beschäftigen. Der vorgeschriebene Anteil beträgt mindestens fünf Prozent; ansonsten ist eine Ausgleichsabgabe fällig. Der BAYER-Konzern zahlte im Geschäftsjahr 2024 rund 70.000 Euro, weil nicht alle seine Tochter-Gesellschaften die Vorgabe erfüllten. Besonders düster sieht es bei der PALLAS VERSICHERUNGEN und der INVITE GmbH mit null Prozent, JENAPHARM (1,08 Prozent), BAYER INTELLECTUAL PROPERTY GmbH (2,1 Prozent) und der BAYER BITTERFELD GmbH (2,84 Prozent) aus.

IG BCE verliert Mitglieder

Die Mitgliederzahl der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE reduzierte sich von 2023 auf 2024 von 566.560 auf 560.583, was Teil einer längerfristigen Entwicklung ist. Von 2005 bis 2024 verlor die Gewerkschaft 24 Prozent ihrer Mitglieder.

I.G. FARBEN & HEUTE

BAYER & Co. räumen Mitschuld ein

Auf Initiative des BAYER-Konzerns haben 49 Firmen zum 80. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus eine Erklärung veröffentlicht, in der sie sich zu ihrer Mitschuld an der Terror-Herrschaft bekennen. „Deutsche Unternehmen trugen dazu bei, die Herrschaft der Nationalsozialisten zu festigen. Auf ihren eigenen Vorteil bedacht, waren viele Unternehmen und ihre damaligen Akteure verstrickt“, konstatieren die Firmen. Sie ziehen daraus die Lehre, „die Zerbrechlichkeit der Demokratie immer wieder zu erkennen“ und Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu schützen.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) begrüßte diese Stellungnahme. Allerdings kritisierte sie den Leverkusener Multi für die nur halbherzige Aufarbeitung seiner Vergangenheit. So widmet er der Zeit des Nationalsozialismus auf seiner Website keinen eigenen Abschnitt. Stattdessen behandelt der Global Player sie als einen Abschnitt der Periode, die er mit dem Jahr 1925 beginnen und 1945 enden lässt. 

Darüber hinaus spielt der Konzern die aktive Rolle herunter, die die von ihm mitgegründete I. G. FARBEN in der Diktatur gespielt hat. Das Regime habe die I.G. „als einen der ‚kriegs- und lebenswichtigen‘ Betriebe der deutschen Wirtschaft“ eingestuft, steht da zu lesen. Dabei war es die Interessensgemeinschaft, die die Blaupause für den Vierjahresplan erarbeitete, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft kriegstüchtig machten. Auch weist die Darstellung viele Lücken auf: kein Wort zu den Wahlkampf-Spenden an die NSDAP, kein Wort zur Einbindung von I.G.-Managern in das NS-System, kein Wort zu Zyklon B und kein Wort zu den medizinischen Experimenten mit KZ-Häftlingen. 

Mit der 1988 publizierten Firmen-Chronik „Meilensteine“ verhält es sich ähnlich. „Die Mobilisierung der Wirtschaft folgte den Plänen der Regierung“, heißt es dort etwa und weiter: „Die Behandlung der Zwangsarbeiter wurde durch staatliche Vorschriften bis ins Detail geregelt“. Auch mit deren Beschäftigung bei der Errichtung einer Produktionsanlage in unmittelbarer Nähe von Auschwitz hatte die I.G. FARBEN angeblich nicht viel zu tun: „Nachdem das Oberkommando der Wehrmacht den Plan für das I.G.-Werk genehmigt hatte, erteilte Göring Himmler den Auftrag, den Bau mit Häftlingen zu unterstützen.“ Und mit der Verurteilung des I.G.-Managers Fritz ter Meer zu sieben Jahren Haft bei den Nürnberger Nachfolge-Prozessen hadern die „Meilensteine“ ebenfalls: „In der Industrie war man bestürzt über dieses Urteil. Man wusste, dass ter Meer kein Nazi gewesen war.“ Alles nur „die Folge einer Zwangslage, in der die meisten nicht anders gehandelt hätten“. 

POLITIK & EINFLUSS

Anderson trifft Selenskyj

„Heute hatte ich auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz die Gelegenheit, an einem Treffen mit dem ukrai-nischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj teilzunehmen“, vermeldete BAYER-Chef Bill Anderson auf dem Portal LinkedIn. Diese Einladung kam nicht von ungefähr. Der Leverkusener Multi zählt in dem Land nämlich zu den größten Investoren der letzten Jahre, weshalb sein Ukraine-Chef Oliver Gierlichs auch Präsident der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer ist. Im Jahr 2018 errichtete der Konzern in Pochuiky für 200 Millionen Euro eine Fabrik zur Saatgut-Produktion, in deren Ausbau er 2023 noch einmal 60 Millionen Euro steckte.  „Dank dieser Anlage basiert ein Großteil des Mais‘, den die Ukraine nach Europa, Asien und Afrika exportiert, aus Saatgut von BAYER“, so Anderson. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Auch KWS, SYNGENTA, CORTEVA, MAISADOUR und REMINGTON SEEDS verstärkten ihr Engagement in dem Staat, den Anderson „als eine der Kornkammern der Welt“ bezeichnet. Allerdings könnten die Geschäfte in diesem Jahr ein wenig schlechter laufen. Die EU will der Ukraine nämlich auf Druck einiger Mitgliedsländer mit großem Landwirtschaftssektor nicht länger Handelserleichterungen für einige Agrar-Güter gewähren.

Anderson bei Xi Jinping

Ende März 2025 lud Chinas Staatspräsident Xi Jinping die Bosse von rund 40 Global Playern zu einem Wirtschaftsbankett ein, darunter auch BAYERs Vorstandsvorsitzenden Bill Anderson. Xi warb dabei um ein größeres wirtschaftliches Engagement in dem Land. „Chinas Tür wird sich noch weiter öffnen. Die Politik, ausländische Investitionen willkommen zu heißen, wird sich nicht ändern“, sagte er und sprach von einem erstklassigen „Geschäftsumfeld, das marktorientiert, regelbasiert und international ist“.

Für den Leverkusener Multi ist das Reich der Mitte nach den USA und Brasilien der drittgrößte Absatz-Markt. Einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro machte er dort im Jahr 2024.

Anderson zur Weltlage

In einem Interview mit dem Podcast The Pioneer erklärte sich BAYER-Chef Bill Anderson zur Weltlage. „Alle sehnen sich nach einer neuen Normalität im freien Handel zwischen den USA und Europa“, sagte er und erklärte: „Wir müssen an dieser transatlantischen Ehe arbeiten.“ Aber auch für gute Beziehungen zu China plädierte der US-Amerikaner: „Wir brauchen ein gutes Verhältnis zwischen den drei Blöcken: USA, Europa, China.“ Konkret zur Attacke der USA auf die iranischen Atomanlagen befragt, drückte der Ober-BAYER sich um eine Antwort: „Das war ja nicht meine Entscheidung (…) Ich übernehme keine Verantwortung für diese Entscheidung – denn sie war nicht meine.“

Extrem-Lobbyismus in Brasilien

Nach Recherchen der investigativen JournalistInnen von O JOIO E O TRIGO betreibt das Agro-Business in Brasilien Extrem-Lobbyismus. Auf 752 Treffen mit Regierungsoffiziellen kam es im Zeitraum von August 2022 bis Oktober 2024. 58 Prozent davon bestritten RepräsentantInnen von BAYER, BASF und SYNGENTA. Die Pool Position nahm dabei der Leverkusener Multi mit 52 Meetings vor BASF (42) und SYNGENTA (26) ein. Ein Schwerpunkt der Einfluss-Arbeit stellte das neue Gesetz zur Pestizid-Regulierung dar, das KritikerInnen als „Giftpaket“ bezeichnen, weil es viele Bestimmungen aufweicht (Ticker 4/24). Aber auch die Steuerreform bewog die Konzerne zu vielen Interventionen.

BAYER will Pestizid-Reform

Der Leverkusener Multi drängt auf eine Reform des Genehmigungsprozesses für Pestizide. „Konkret und kurzfristig fordert BAYER eine Entpolitisierung der Zulassung und mehr Wertschätzung und Realismus in der Debatte um Risiken und Nutzen von Pflanzenschutzmitteln“, verlautete aus der Konzern-Zentrale. 

Der Agro-Riese verlangt nichts weniger als eine Abkehr vom Vorsorge-Prinzip mit seinem gefahren-orientierten Ansatz. Gefährlichkeit ist nämlich eine objektive Eigenschaft einer Sub-stanz, weshalb sie auch nach eindeutigen Schutz-Vorkehrungen wie einem Verbot verlangt. Risiko ist hingegen ein relativer Begriff. Er steht in Abhängigkeit zu anderen Faktoren wie etwa der Wirkstoff-Konzentration – „die Dosis macht das Gift“. Darum brauchen die Hersteller für einen nach einem solchen Kriterium begutachteten Stoff keine so starken Konsequenzen zu fürchten; in der Regel tun es da Grenzwerte. Für den Global Player lautet daher das Gebot der Stunde: „[V]on gefahren-basierten Ausschlusskriterien weg und hin zu wissenschaftlicher und daten-basierter Risikobewertung als Grundlage für ein robustes und möglichst feldspezifisches Risikomanagement unter Nutzung der digitalen Chancen des 21. Jahrhunderts.“ Zur Umsetzung all dessen schwebt dem Global Player vor, dem Verbraucherschutz-Ministerium die Rolle einer zentralen Zulassungsbehörde zu verleihen.

Der Kennedy-Report

Der wegen seiner Ansichten zu Impfungen, der Covid-Pandemie und der Schulmedizin im Ganzen sehr umstrittene US-amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. veröffentlichte im Mai 2025 den Report der „Make America Healthy Again“-Kommission. Dieser Bericht, der sich vornahm, „die Ursachen der eskalierenden Gesundheitskrise in Amerika zu untersuchen und zu adressieren“, ließ im Vorfeld BAYERs Aktien-Kurs abstürzen. Gerüchten zufolge sollten darin nämlich die Risiken und Nebenwirkungen von Glyphosat eine prominente Rolle einnehmen. Es kam dann aber doch nicht so schlimm wie erwartet – die Konzern-LobbyistInnen hatten mal wieder ganze Arbeit geleistet. Die MAHA-Kommission zitiert zwar Studien, die Umweltbelastungen durch Glyphosat und andere Pestizide neben solchen durch PFAS-Stoffe, Weichmacher, Industriechemikalien, Fluoride, Mikroplastik und elektromagnetische Strahlungen gesundheitsgefährdendes Potenzial bescheinigen, aber politische Schlussfolgerungen zogen die AutorInnen nicht. Sie machten stattdessen noch Forschungsbedarf aus. Genau diese Inkonsequenz kritisierten dann auch Initiativen wie das CENTER FOR FOOD SAFETY (CFS). „Die MAHA-Kommission erkennt an, dass der übermäßige Einsatz von Pestiziden im industriellen Lebensmittelsystem Amerikas ein entscheidender Faktor für die Gesundheitskrise des Landes ist, und bestätigt die mittlerweile fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die schwerwiegenden Schäden (…) Allerdings enthält der Bericht leider keine Angaben dazu, wie die Regierung diese Gesundheitskrise stoppen will“, erklärte CFS-Direktor George Kimbrell.

PROPAGANDA & MEDIEN

Vom Bundestag zu BAYER

BAYER hat mit Lars Lindemann von der FDP einen neuen Pharma-Lobbyisten verpflichtet. Dafür bringt der Politiker viele einschlägige Qualifikationen mit. Lindemann war Hauptgeschäftsführer des „Spitzenverbandes FachärztInnen und Fachärzte Deutschlands“, Mitglied des Bundestagsgesundheitsausschusses und bei den Liberalen für das Thema „Arzneimittel-Versorgung“ zuständig.

Kahrs für BAYER

Johannes Kahrs, seit den 1980ern Mitglied der deutschen „Sozialdemokratie“, ist dem einen oder der anderen vielleicht noch als Hamburger SPD-Vorsitzender, Bundestagsabgeordneter oder Haushaltsausschussmitglied des Bundestags bekannt. Hier baute er sich einen Ruf als gut vernetzter Lobby-Hardliner auf. Wenig überraschend ist es da, dass Kahrs, der 2020 aus dem Bundestag ausschied, mittlerweile auch hauptamtlich und offiziell als Lobbyist arbeitet. Er hat sogar eine eigene Agentur namens „Duckdalben Consulting“, mit der er laut dem Lobbyregister des Bundestags auf jährlich zwischen 100.001 und 150.000 Euro kommt. 

BAYER sponsert COP30

BAYER macht für die Klimakonferenz COP30, die vom 10. bis zum 21. November in Brasilien stattfindet, Geld locker. Der Konzern, der jährlich rund drei Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstößt, hat die „diamond sponsorship“ der „AgriZone“ übernommen. Dem brasilianischen Agrarforschungsinstitut Empresa zufolge, das dem Landwirtschaftsministerium untersteht, strebt dieser Bereich der COP an, „der Welt die Bedeutung der Förderung der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft zur Bewältigung der Klimakrise zu zeigen.“ 

Der Leverkusener Multi dürfte den Event nicht zuletzt dazu nutzen, das Carbon Farming im Allgemeinen und seinen den Methan-Ausstoß reduzierenden Direktsaat-Reis im Besonderen zu propagieren (siehe auch WASSER, BODEN & LUFT). Auch ist PR für seine neuen, angeblich klima-resilienteren Ackerfrüchte zu erwarten. 

DRUGS & PILLS

Preis-Senkungen in China

China ist ein wichtiger Absatz-Markt für die Arzneien des Leverkusener Multis. BAYERs oberster Öffentlichkeitsarbeiter, der ehemalige Bündnisgrünen-Politiker Matthias Berninger, lobt in einem Interview mit dem Portal Table Media die Deregulierungen bei den Pillen-Zulassungen, kritisiert allerdings die Kostensenkungsbemühungen der Regierung. „Innerhalb von fünf Jahren steht jetzt die 14. Runde an, in der die Preise für bestimmte Medikamenten-Gruppen gesenkt werden“, klagt Berninger.

Trump will billigere Arzneien

Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hat ein Dekret zur Senkung der Arznei-Kosten auf den Weg gebracht. Er will eine Meistbegünstigungsklausel festschreiben, die den weltweit günstigsten Preis in einem Industrieland zur Richtschnur für den Pillenmarkt in den USA macht. Konkrete Pläne für die Umsetzung gibt es allerdings bisher noch nicht. Einige Maßnahmen gegen die Mondpreise hatte bereits die Vorgänger-Regierung getroffen.

Zur Begründung des Vorstoßes sagte Trump: „Obwohl in den Vereinigten Staaten nur vier Prozent der Weltbevölkerung leben, erwirtschaften Pharma-Unternehmen mehr als zwei Drittel ihrer Gewinne in Amerika.“ Das Land finanziere so die „sozialistischen Gesundheitssysteme in Deutschland und vielen anderen Staaten“, erklärte er. BAYER-Chef Bill Anderson teilt diese Ansicht. „In den USA sind Medikamente teurer. Das bringt den Unternehmen dort ausreichend Geld, um in Forschung und Entwicklung zu investieren. In Europa erzwingt die Politik hingegen möglichst niedrige Pharma-Preise. Die amerikanischen Verbraucher und Unternehmen finanzieren also Fortschritt und Innovation in der Medizin, wovon die ganze Welt profitiert.“ Anderson hofft offensichtlich, dass der Trump-Vorstoß einen Boomerang-Effekt hat und hierzulande zu teureren Pharmazeutika führt. Aber natürlich nur aus moralischen Gründen: „Es geht nicht um mehr Gewinne, sondern um Fairness.“

Immer mehr CIPROBAY-Resistenzen

BAYERs Antibiotikum CIPROBAY (Wirkstoff: Ciprofloxacin) hat ein beeindruckendes Nebenwirkungsprofil. Die Hauptwirkungen hingegen lassen nach. Gegen immer weniger Gesundheitsstörungen kann das Mittel noch etwas ausrichten. So haben bereits 70 Prozent der Erreger der Geschlechtskrankheit Gonorrhö (Tripper) Resistenzen gegen CIPROBAY und andere Arzneien aus der Gruppe der Ciprofloxacine entwickelt.

AGRO & CHEMIE

Glyphosat verursacht Leukämie

Die unter Leitung von Dr. Daniele Mandrioli entstandene Studie, nach der Glyphosat Leukämie hervorrufen kann (siehe Ticker 1/24), ist Mitte Juni 2025 in der Medizin-Zeitschrift Environmental Health erschienen und damit offiziell in der Fachwelt angekommen. Den WissenschaftlerInnen zufolge reichen für die attestierte Nebenwirkung schon Dosen, die die EU bei der letzten Zulassungsverlängerung des Herbizids noch als unbedenklich eingestuft hatte. 

Auch für andere Krebsarten machte die Untersuchung ein erhöhtes Risiko aus. „Die Ergebnisse unterstreichen das tumor-auslösende Potenzial von Glyphosat und glyphosat-haltigen Produkten (…) Diese neuen Erkenntnisse müssen von den Aufsichtsbehörden weltweit sorgfältig geprüft werden“, so der beteiligte Forscher Dr. Alberto Mantovani. 

Die AutorInnen hatten die Europäische Union bereits im Zuge des Zulassungsverlängerungsverfahrens von 2023 über ihre alarmierenden Befunde informiert. Damals reagierte die Staatengemeinschaft nicht. Jetzt erklärte die EU gegenüber der taz aber, die Studie ihrer Chemikalien-Agentur ECHA sowie der Lebensmittelbehörde EFSA vorzulegen und – sollten diese die Resultate bestätigen – sofort zu handeln. Dann „wird die Kommission unverzüglich tätig, um die Zulassung zu ändern oder zu widerrufen“, hieß es aus Brüssel.

Die in den Niederlanden für die Pestizid-Zulassung zuständige Einrichtung CTGB hat ebenfalls schon angekündigt, sich mit der Untersuchung zu beschäftigen, und dafür die Rückendeckung des Bauernverbandes LTO erhalten. Der BAYER-Konzern bestritt dagegen erwartungsgemäß die Seriosität der wissenschaftlichen Arbeit und bescheinigte ihr stattdessen „signifikante methodische Mängel“. Er sah sich aber nicht in der Lage, der taz dafür Belege zu liefern. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) forderte als Reaktion auf die Arbeit von Mandrioli & Co. einen sofortigen Glyphosat-Stopp.

Glyphosat-Weltmarktanteil: 40 Prozent

BAYER ist der weltweit führende Glyphosat-Anbieter. Der Anteil an der globalen Produktion des Herbizids beträgt nach den Angaben von Cropscience-Chef Rodrigo Santos auf der letzten Hauptversammlung 40 Prozent.

Parkinson: Nur BAYER zahlt nicht

Seit dem Frühjahr 2024 ist „Parkinson durch Pestizide“ in Deutschland offiziell als Berufskrankheit bei Bauern und Bäuerinnen anerkannt. Die landwirtschaftliche Sozialversicherung rechnet mit zahlreichen Fällen und entsprechend hohen Kosten. Dafür sollen jedoch nicht BAYER & Co. als Hersteller der Ackergifte aufkommen, sondern die LandwirtInnen selbst. Die Berufsgenossenschaft hebt deshalb die Beiträge saftig an. Auch die SteuerzahlerInnen müssen ran. Die Bundesregierung erhöht ihren Zuschuss zur Landwirtschaftlichen Unfallversicherung um 20 Millionen Euro auf 120 Millionen Euro. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN setzt weiterhin alles daran, dem Verursacher-Prinzip Geltung zu verschaffen und die Agro-Riesen zu Zahlungen zu zwingen.

PFLANZEN & SAATEN

Neue Anlage in Sambia

BAYER baut eine neue Maissaatgutanlage in Kabwe, Sambia, und verkauft diese Investition als Ausdruck der selbsterklärten Mission des Konzerns, den Welthunger zu bekämpfen. 

Das klingt besser als es ist, denn dem Agro-Riesen geht es naturgemäß nicht um hehre Ziele, sondern um Proftimaximierung. So spekuliert er nicht nur auf 6,4 Millionen Kleinbauern und -bäuerinnen in der Subsahara-Region als Kundschaft für das Saatgut (von denen sich ein relevanter Teil das Saatgut gar nicht wird leisten können), sondern auch als Kundschaft für Pflanzengifte. In seiner Pressemitteilung zum Millionendeal lässt BAYER das freilich anders klingen. Der Global Player spricht von einem wichtigen Schritt in Richtung „Ernährungssicherheit“ und macht für Hunger und Unterernährung im südlichen Afrika das angeblich begrenzte landwirtschaftliche Fachwissen und – zutreffender – den fehlenden Zugang zu modernen Technologien verantwortlich. Als Verteilungsproblem und Effekt des ungerechten Welthandels vermag er Ernährungskrisen freilich nicht zu sehen.

Ehrlicher ist, dass BAYER die Saatgutanlage als wichtigen Teil seiner „Wachstumsstrategie“ in Afrika bezeichnet und sich eine Verdoppelung des Afrika-Geschäfts von BAYER CROPSCIENCE bis 2030 erhofft. 

Die Beschäftigten dürften davon kaum profitieren. Der Konzern richtet in Kabwe nämlich nur 80 feste Arbeitsplätze ein. Ansonsten greift er auf Zeitarbeit zurück. Die Betreffenden würden „über einen Dienstleister eingestellt und nach lokalem Industriestandard vergütet“, bekundete BAYER gegenüber dem nd (ehemals neues deutschland). Die eigentliche Arbeit – die Saatgutvermehrung – lagert das Unternehmen ebenfalls aus. 15.000 Saisonkräfte erledigen das auf „mehreren Tausend Hektar in verschiedenen Provinzen des Landes“, so der Leverkusener Multi. Gerade bei der Saatgut-Vermehrung kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Kinderarbeit. Deshalb sprach die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN das auf der letzten Hauptversammlung an und fragte nach Vorkehrungsmaßnahmen, der Vorstand wiegelte jedoch ab.

GENE & KLONE

Immer mehr Resistenzen

Der afrikanische Maiszünsler hat in Südafrika eine Resistenz gegen Cry1A.105 – eines der beiden Gifte, mit denen BAYERs Gentech-Mais MON 89034 bestückt ist – entwickelt. Damit büßt auch das Nachfolge-Modell von MON 810 an Wirksamkeit ein. Der Leverkusener Multi empfahl den LandwirtInnen daraufhin, „geeignete Insektizide einzusetzen, um die Population zu kon-trollieren und weitere Schäden zu verhindern“. Ein weiterer Beleg dafür, dass die grüne Genetechnik nicht zu einer Reduzierung des Pestizid-Einsatzes führt. 

Gensoja mit Fünffach-Resistenz

Glyphosat und andere Herbizide büßen unerwünschten Feldgewächsen gegenüber immer mehr an Wirksamkeit ein, und BAYER & Co. schaffen es nicht, neue, vielleicht sogar weniger gesundheitsschädliche Mittel zu entwickeln. Bei Genpflanzen müssen sie sich deshalb damit behelfen, den Laborfrüchten Resistenzen gegen gleich mehrere Pestizide einzubauen. So hat der Leverkusener Multi eine Soja-Sorte entwickelt, die gleichzeitig gegen Glyphosat, Glufosinat, Dicamba, 2,4-D und Mesotrion immun ist.

BAYERs „Monster-Mais“

2024 hat BAYER in den USA einen Gen-Mais auf den Markt gebracht, der es in sich hat. Das VT4PRO-Gewächs verfügt nicht nur über Resistenzen gegenüber Glyphosat und Glufosinat und produziert für Insekten giftige Bt-Toxine, sondern kombiniert das alles auch noch mit der „neuesten Abwehr gegen den Maiswurzelbohrer“ (O-Ton BAYER). Dabei handelt es sich um einen Wirkmechanismus auf der Basis der Ribonukleinsäure-Interferenz, der im Magen des Schadinsekts überlebenswichtige Proteine blockiert. Aber WissenschaftlerInnen zufolge kann die RNA auch den Magen von Säugetieren heimsuchen und mit der Darmflora interagieren. Damit nicht genug, verfügt das doppelsträngige Molekül dazu noch über die Fähigkeit, in den Blutkreislauf zu gelangen und in die Steuerung von Genen einzugreifen.

Hoffnung auf Afrika

Der neue Forschungsleiter von BAYER CROPSCIENCE, Mike Graham, setzt in Sachen „Gentechnik“ große Hoffnungen auf Afrika, wie er beim „Investor Update“ im Zuge der letzten Bilanzpressekonferenz im Mai 2025 bekundete. „Afrika wird für uns zu einer großen Chance“, sagte er dort. In Europa sieht er hingegen keine Zeichen dafür, dass sich die skeptische Haltung der Risiko-Technologie gegenüber ändert.

WASSER, BODEN & LUFT

Fossil BAYER

Der Gesamtenergie-Verbrauch des BAYER-Konzerns lag 2024 bei 9,055 Millionen Megawattstunden (2023: 9,127 Millionen). Dabei entstammten 7,058 Millionen Tonnen fossilen Quellen (2023: 7,161 Millionen. Das macht einen Anteil von 77,9 Prozent aus.

BAYERs CO2-Lieferkette

Neben dem Treibhausgas-Ausstoß, der bei der selbstproduzierten und der zugekauften Energie entsteht, weist der BAYER-Konzern auch die entlang den vor- und nachgelagerten Lieferketten entstehenden Emissionen aus. Diese fallen unter anderem bei der Herstellung eingekaufter Waren, beim Transport, bei Geschäftsreisen oder bei der Entsorgung von Produkten des Konzerns an und beliefen sich im Jahr 2024 auf 8,38 Millionen Tonnen.

Hohe Rückstellungen für Bodenschäden

Wenn der BAYER-Konzern einen Standort schließt, hinterlässt er oft verbrannte Erde – und das im buchstäblichen Sinn. Dafür wappnet der Leverkusener Multi sich im Vorhinein. Bis Ende 2024 beliefen sich die Rückstellungen für eventuell anfallende Bodensanierungen nach dem Dichtmachen einer Produktion oder nach einem „Umweltereignis“ auf 722 Millionen Euro. Alice Werner von den PARENTS FOR FUTURE/Leverkusen hatte diese Zahl auf der letzten Hauptversammlung des Unternehmens im April 2025 erfragt.

BAYERs Treibhaus-Gase

Als klima-schädlicher Stoff steht zumeist das Kohlendioxid im Fokus, weil BAYER & Co. es in Massen emittieren. Die anderen Treibhaus-Gase sind jedoch auch nicht ohne. In der Summe richten fluorierte Kohlenwasserstoffe, Lachgas, Methan, Kohlenmonoxid und Ruß fast einen ebenso großen Schaden an wie CO2. So ist Methan 25-mal so wirksam wie CO2 und Lachgas sogar 125-mal. Und der Leverkusener Multi mischt auch auf diesem Feld kräftig mit. Er emittierte im Geschäftsjahr 2024 40.000 Tonnen fluorierte Kohlenwasserstoffe, 10.000 Tonnen Lachgas und 3.000 Tonnen Methan. Der Methan-Ausstoß, in dem die Internationale Energieagentur (IEA) eine der Hauptgefährdungen für das Erreichen der internationalen Klimaziele ausmacht, ist bei BAYER damit zwischen 2019 und 2024 um 0,001 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente gestiegen, was nicht nach viel klingt, allerdings besonders negativ zu Buche schlägt. Der IEA zufolge geht nämlich fast ein Drittel der Klima-Erwärmung seit Beginn der industriellen Revolution auf das Konto von Methan.

BAYERs CO2-Handel

Der BAYER-Konzern kompensiert seinen Kohlendioxid-Ausstoß teilweise durch Investitionen in Klimaschutz-Projekte wie Wiederaufforstungen. Er tritt bei diesem Handel mit Emissionszertifikaten jedoch nicht nur als Kunde, sondern auch als Anbieter auf. „BAYER gibt die erste Tranche von Emissionszertifikaten für bis zu 250.000 Tonnen an Kohlenstoffdioxid-Äquivalenten (CO2e) aus dem Reisanbau in Indien aus“, verlautete Anfang April 2025 aus der Unternehmenszentrale. Der Hintergrund: Der Agro-Riese hat einen Direktsaat-Reis entwickelt, der eine bessere Klimabilanz hat als herkömmlicher.

Bisher stecken die LandwirtInnen ihre Setzlinge in überflutete Felder und entwässern diese wieder, wenn die Gewächse eine bestimmte Größe erreicht haben. Dabei entsteht durch die Zersetzung organischer Substanzen klimaschädigendes Methan. Direktsaat-Reis braucht dieses Wasserbad hingegen nicht. 

Der Global Player nennt das „Carbon Farming“ und bietet nun „Carbon Credits“ an. Dadurch will er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die LandwirtInnen mit dem Versprechen zusätzlicher Einnahme-Quellen stärker an sich binden und sich zusätzlich noch als Klima-Retter in Szene setzen. 

KlimaschützerInnen kritisieren den CO2-Ablasshandel hingegen massiv. Sie befürworten zwar die Einführung klimaschonenderer landwirtschaftlicher Praktiken, lehnen das Geschäftsmodell „Carbon Farming“ jedoch ab. So ist ihrer Ansicht nach gar nicht einschätzbar, ob z. B. ein indischer Farmer nur durch die Möglichkeit des Verkaufs von Verschmutzungsrechten von der traditionellen Anbau-Methode abgehalten wird. Zudem fällt die Quantifizierung des CO2-Einsparpotenzials schwer. Auch steht in Frage, wie lange die Direktsaat-Felder Bestand haben und Wind und Wetter trotzen. Und nicht zuletzt hält der Erwerb von Verschmutzungsrechten die großen CO2-Emittenten davon ab, in sauberere Produktionstechniken zu investieren. „Um die globale Erhitzung unter 1,5 Grad zu halten, sind echte, gerechte und sofortige Reduzierungen erforderlich“, heißt es deshalb in einem gemeinsamen Statement von FRIENDS OF THE EARTH, dem CORPORATE EUROPE OBSERVATORY, dem BUND und zwölf weiteren Organisationen. 

Wasserreinigung: BAYER & Co. blocken

Deutschlands Wasser ist verunreinigt – nicht zuletzt durch Arznei- und Kosmetikarückstände. Das wird Schätzungen zufolge bis 2045 den Einbau von weiteren Reinigungsstufen für die Klärwerke im Wert von knapp neun Milliarden Euro erforderlich machen. Bereits 2019 informierte eine Studie über die Problematik: „Am effektivsten ist es, den Schadstoff-Eintrag zu vermindern und vorbeugende Maßnahmen zu treffen. Falls dies nicht möglich ist, sollten zumindest die Schadstoff-Verursacher in die Pflicht genommen werden und die Kosten tragen“. Das tat die EU dann auch. Ihre im Herbst 2024 auf den Weg gebrachte Abwasser-Richtlinie sieht eine Kostenbeteiligung von mindestens 80 Prozent vor. Dagegen wehren sich die Konzerne jedoch vehement. So droht der von BAYER gegründete „Verband der forschenden Arzneimittelhersteller“ (VFA) mit Abwanderung. „Wird einem Pharmaunternehmen eine Zahlungspflicht auferlegt, sieht es sich für die betreffenden Medikamente mit einer veränderten Kostensituation konfrontiert. Es muss sich dann überlegen, wie es reagiert, was ggf. auch die Möglichkeit einer Marktrücknahme einschließt“, erklärte der VFA. Und der beim Verband für die Forschungspolitik verantwortliche Matthias Meergans echauffierte sich: „Die EU will ja versorgungskritische Industrien fördern und nicht durch unverhältnismäßige Belastungen verlieren.“

GIFTIG, ÄTZEND & EXPLOSIV

Viele besorgniserregende Stoffe

Im Jahr 2024 hat der BAYER-Konzern 321.480 Tonnen an Sub-stanzen als Rohstoffe eingekauft, die nach offizieller Definition als besorgniserregend gelten, also gesundheitsgefährdend und/oder umweltschädigend sind. 320 Tonnen dieser Erzeugnisse verlassen die Werke des Unternehmens in Reinform wieder und 22.960 Tonnen als Bestandteil von Produkten. Stoffe der Kategorie „besonders besorgniserregend“ erwarb der Leverkusener Multi in einer Größenordnung von 4.800 Tonnen. 

IMPERIUM & WELTMARKT

Top-Positionen im Agrar-Markt

Der BAYER-Konzern belegt Top-Positionen im Agrar-Geschäft. Bei Mais-Saatgut ist er 2024 die Nummer Eins auf der Welt mit einem Umsatz von 6,6 Milliarden Euro; auf einen Markt-Anteil von rund 35 Prozent kommt das Unternehmen. Bei Soja führt der Leverkusener Multi mit einem Umsatz von 2,5 Milliarden Euro und einem Markt-Anteil von ca. 30 Prozent ebenfalls die Rangliste an.. Auch bei Baumwolle nimmt er den ersten Platz ein; bei Raps indessen muss er sich mit dem dritten Platz zufriedengeben. Ähnlich stellt sich seine Dominanz bei den Pestiziden dar: Nr. 1 bei den Herbiziden, Nr. 2. bei den Fungiziden und Nr. 3 bei den Insektiziden. 

Sorgen über den USA/China-Konflikt

Die politischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und China wirken sich nach Meinung von BAYERs oberstem Öffentlichkeitsarbeiter, dem ehemaligen Bündnisgrünen-Politiker Matthias Berninger, negativ auf die Entwicklung der Biotechnologie aus. „An der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Biologie und Chemie ergibt sich eine völlig neue Wachstumschance. Manche sprechen hier von einer Biorevolution. Und es wäre für keinen gut, wenn wir hier die Aufteilung der Welt in zwei Sphären fortsetzen würden, wie wir es jetzt schon im Technologie-Bereich sehen. Gerade was neue Medikamente angeht, wäre das sehr schlecht“, sagte er in einem Interview mit dem Portal Table Media. „In Bereichen, in denen die Probleme global sind, sollten wir zusammenrücken. Gerade in der Biotechnologie würde es sonst zu großen Verzögerungen kommen, unter denen Menschen leiden“, meinte er.

BAYERs Zoll-Vorkehrungen

Der BAYER-Konzern versucht sich auf die Zoll-Politik der Trump-Administration einzustellen. „Wir beobachten die Entwicklungen in den USA fortwährend genau und analysieren die potenziellen Auswirkungen auf unsere Lieferketten, Kunden und auch unsere Geschäftsbeziehungen“, sagte Finanz-Vorstand Wolfgang Nickl auf der letzten Hauptversammlung des Konzerns. Ein ganzes Netzwerk von ExpertInnen-Teams hat der Leverkusener Multi darauf angesetzt. „Diese Aktivitäten verstärken unsere ohnehin bestehende kontinuierliche Arbeit, die geopolitische Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft und unserer Geschäfte zu stärken z. B. durch ein vielfältiges Beschaffungsnetzwerk oder das Management von Lagerbeständen“, so Nickl.

ÖKONOMIE & PROFIT

Vorerst keine Aufspaltung

Auf der diesjährigen BAYER-Hauptversammlung erklärte der Vorstandsvorsitzende Bill Anderson, vorerst keine Aufspaltung des Konzerns anzustreben. „[D]er beste Weg für BAYER im Moment“ sei die Einführung des neuen Organisationsmodells, erklärte der US-Amerikaner, das binde alle Ressourcen. Aber prinzipiell ausschließen wollte er die Zerschlagung des Unternehmens nicht: „‚Nicht jetzt‘ sollte nicht als ‚nie‘ missverstanden werden. Wir bleiben offen für alle strukturellen Überlegungen und werden diese kontinuierlich im Auge behalten.“

Dollar-Kurs wirkt sich aus

Der Wechselkurs des Dollars gegenüber dem Euro hat erhebliche Auswirkungen auf den BAYER-Konzern. Er wickelt nämlich viele Geschäfte in dieser Währung ab. Zudem machen Dollar-Schulden rund ein Drittel der gesamten Last aus. Wie Finanzvorstand Wolfgang Nickl auf der letzten Hauptversammlung ausführte, entspricht eine Dollar-Schwankung von einem Prozent zum Euro einem Umsatzplus bzw. -minus von 160 Millionen Euro. 

BAYERs Steuerländer

Nach den Angaben von Finanzvorstand Wolfgang Nickl auf der letzten BAYER-Hauptversammlung hat der Konzern im Jahr 2024 weltweit 1,2 Milliarden Euro Steuern gezahlt. Dabei fielen die meisten Abgaben in den USA, Finnland, den Niederlande, der Schweiz und Indien an. In der Schweiz und den Niederlanden locken nicht zuletzt günstige Steuer-Konditionen. Besonders die niederländischen Angebote nutzt der Global Player immer wieder gerne. Dort haben unter anderem BAYER GLOBAL INVESTMENTS, BAYER WORLD INVESTMENTS, BAYER SOLUTION, BAYER CAPITAL CORPORATION und MONSANTO INVEST ihren Sitz.

31,6 Millionen Euro Gewerbesteuer

Der BAYER-Konzern hat im Jahr 2024 in Deutschland 31,6 Millionen Euro an Gewerbesteuern gezahlt. Den höchsten Anteil davon erhielten die Gemeinden mit den niedrigsten Sätzen, die deutschen Steuerparadiese Monheim und Schönefeld, und nicht etwa Leverkusen als Stammsitz. 

BAYER muss Ausgleich zahlen

Im Jahr 2021 hat die Industrieländer-Organisation OECD Regeln für eine globale Mindestbesteuerung von Unternehmen beschlossen, die 2024 in Kraft traten. Demnach müssen Konzerne, die in Staaten mit Steuer-Sätzen von unter 15 Prozent Abgaben zahlen, eine Primärergänzungssteuer abführen. Das hatte dann auch der Leverkusener Multi zu tun. „Die für das Jahr 2024 berechnete Primärergänzungssteuer der BAYER AG beträgt 2 Mio. Euro und entfällt auf Einkommen in den Vereinigten Arabischen Emiraten“, heißt es im Geschäftsbericht für das Jahr 2024. Die Vereinigten Arabischen Emirate zählen zu den wenigen Steueroasen, die die Zusatzsteuer nicht gleich selbst vor Ort erheben.

RECHT & UNBILLIG

BVG-Beschwerde: Die CBG hakt nach

Bei der Hauptversammlung im Jahr 2017 hatte der BAYER-Konzern die Proteste gegen das Profitstreben massiv behindert. Im Jahr Eins nach der Ankündigung des Plans, MONSANTO zu übernehmen, drohten diese sich nämlich noch einmal auszuweiten. Der Global Player sah also einiges auf sich zukommen und wollte sich die AktivistInnen deshalb so gut es geht vom Leib halten. Zu diesem Behufe setzte er ihnen „aus Sicherheitsgründen“ beispielsweise ein riesiges Zelt vor die Nase und beschnitt so den Raum der Kundgebung. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren ging dagegen im Vorfeld durch Eilverfahren und nach dem AktionärInnen-Treffen durch Feststellungsklagen vor. Im Jahr 2020 reichte sie nach verlorenen Prozessen sogar eine Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht wg. Verstoßes gegen das Versammlungsrecht ein. Eine Entscheidung gab es jedoch bisher nicht. Deshalb hakte die CBG jetzt in Karlsruhe noch einmal nach und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge.

Neuer juristischer Winkelzug?

Nach einem Bericht des Wall Street Journal unternimmt der BAYER-Konzern einen neuen Vorstoß in Sachen „Glyphosat-Entschädigungsprozesse“. Er strebt im Bundesstaat Missouri – Gerichtsstand der meisten der 67.000 noch anhängigen Klagen – einen Vergleich mit Vorbildcharakter für die übrigen Fälle an. Der Zeitung zufolge hat der Leverkusener Multi aber auch einen Plan B: „Der Agrarriese bereitet sich darauf vor, seine US-Tochter MONSANTO in Konkurs gehen zu lassen, falls eine Einigung mit Schadenersatzklägern scheitert.“ 

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) nahm in einer Pressemitteilung zu den Gerüchten Stellung. „Wenn das stimmen sollte, wäre das infam. BAYER droht mit einer Teil-Insolvenz, die die Glyphosat-Geschädigten fast leer ausgehen lassen würde, um eine möglichst billige Lösung zu erreichen. Die Frage ist, ob die Gerichte das mitmachen werden“, hieß es darin. 

ANDROCUR: BAYER muss zahlen

Anfang Juni 2025 sprach ein Gericht im französischen Poitiers einer Frau Schadensersatz zu, die durch BAYERs Hormon-Medikament ANDROCUR gravierende Gesundheitsstörungen erlitten hatte. Véronique Dujardin nahm ANDROCUR gegen Endometriose (eine gutartige Wucherung der Gebärmutter-Schleimhaut) und eine übermäßige Körper-Behaarung ein und erkrankte mehrfach an – gutartigen – Hirntumoren. Im Verlaufe des Prozesses hatte Dujardins Anwalt Romain Sintès den RichterInnen diverse Fachartikel über den Zusammenhang zwischen dem Mittel und der Krankheit vorgelegt, was schlussendlich Wirkung zeigte. Das „Tribunal judiciaire“ verurteilte BAYER, zwei weitere Pharma-Firmen sowie einen Arzt und einen Apotheker zu einer Schadensersatz-Zahlung von insgesamt 300.000 Euro. „Es ist ein jahrelanger Kampf, der endlich Früchte trägt“, freute sich Sintès. Er bezeichnete den Fall „Dujardin“ als einen Präzedenz-Fall, der auch anderen PatientInnen helfen wird, zu ihrem Recht zu gelangen.

Dabei reicht das Gefährdungspotenzial des ANDROCUR-Wirkstoffs Cyproteronacetat weit über Hirntumore hinaus. Er steht zudem in Verdacht, Leberkrebs, Thrombosen und Brustdrüsen-Vergrößerungen zu verursachen. Das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM) bezeichnete ANDROCUR deshalb bereits 1995 „als Mittel der letzten Wahl“. Das BfArM sah es als geboten an, die Anwendung von Cyproteronacetat „auf das medizinisch unverzichtbare Maß“ zu beschränken und untersagte die Nutzung in Verhütungspräparaten.

Neue MIRENA-Klage

BAYERs Hormonspirale MIRENA hat seit Jahren einen schlechten Ruf, da sie Nebenwirkungen wie nächtliche Schweißausbrüche, Herzrasen, Schlaflosigkeit, Bauchkrämpfe, Oberbauchschmerzen oder Unruhe verursachen kann. Bei einzelnen Nutzerinnen durchbohrte die Spirale sogar die Gebärmutterwand. 

Darum ziehen die Geschädigten immer wieder vor Gericht. Nach Sammelklagen von über 3.000 Frauen musste der Leverkusener Multi in den USA bereits Millionen Dollar an Schadensersatz zahlen. Und immer noch kommen neue juristische Auseinandersetzungen dazu. So verklagte jetzt Bridget Doyle den Pharma-Riesen. Bei ihr fand sich die 2010 eingesetzte Spirale nach einer ektopischen Schwangerschaft – bei einer solchen nistet sich das befruchtete Ei nicht in der Gebärmutter, sondern an einer anderen Stelle ein – im Bauch wieder, was eine operative Entfernung erforderte. Der BAYER-Konzern übernimmt jedoch wieder einmal keine Verantwortung für seine Produkte und plädiert auf unschuldig.

Stillstand bei der OECD-Beschwerde

Im April 2024 reichte ein Bündnis verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen aus Argentinien, Brasilien, Paraguay, Bolivien und Deutschland eine Beschwerde gegen BAYER bei der deutschen Kontaktstelle der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) ein. Es wirft dem Konzern vor, seine Sorgfaltspflichten beim Vertrieb von Soja-Saatgut und Pestiziden zu verletzen und damit gegen die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen zu verstoßen. 

Auf der vorletzten Hauptversammlung konfrontierten die VertreterInnen der Initiativen das Management auch direkt mit den katastrophalen Zuständen in ihren Ländern und brachten unter anderem Gesundheitsgefährdungen durch Glyphosat & Co., Regenwald-Abholzungen, Vertreibungen von indigenen Gruppen und Wasserverschmutzungen zur Sprache.

Passiert ist allerdings noch nichts, weshalb MISEREOR jetzt Druck macht. „Ein Verfahren, dass eigentlich nach drei Monaten eine Entscheidung der Zulässigkeit vorsieht, dauert jetzt schon ein Jahr lang an. Währenddessen bleibt die Lebenssituation für viele Familien bedrohlich“, kritisierte MISEREORs Landwirtschafts- und Welternährungsexpertin Sarah Schneider.

BAYER & Co. halten Preise geheim

BAYER, CORTEVA und SYNGENTA bieten ihr Saatgut und ihre Pestizide nicht auf E-Commerce-Plattformen an. Sie wollen den LandwirtInnen nicht die Möglichkeit geben, Preise zu vergleichen. Die FarmerInnen sahen in der konzertierten Aktion einen Verstoß gegen Kartell-Gesetze und zogen vor Gericht. Die Richterin Sarah Pitlyk wies die Klage allerdings ab. BAYER & Co. wären nur „ihren jeweiligen individuellen, legitimen Geschäftsinteressen zur Aufrechterhaltung eines profitablen Marktes“ nachgegangen“, urteilte Pitlyk.

Brand bei BAYER-Manager

Im März 2025 kam es auf dem Anwesen eines US-amerikanischen BAYER-Managers zu einem Brand. Nach dem Attentat auf den Chef einer Krankenversicherung im Dezember 2024 schließt die Polizei auch hier ein politisches Motiv nicht aus und hat entsprechende Ermittlungen aufgenommen. „Personen, die aufgrund wirtschaftlicher Missstände mobilisiert wurden, nutzen den Mord an einem Krankenkassen-Vorstand als Inspiration für Drohungen und Anschlagspläne“, so das US-Heimatschutzministerium zur Begründung.

SPORT & MEDAILLEN

Aus für Lex Leverkusen

Die Sportvereine haben ihre Profifußball-Abteilungen in eigene Sparten ausgegliedert. Mit der „50 + 1“-Regel räumt der „Deutsche Fußball-Bund“ (DFB) den Mitgliedern des Muttervereins aber immer noch einen dominierenden Einfluss auf die Geschicke der Klubs ein. Unternehmen und InvestorInnen müssen sich hingegen auf einen Geschäftsanteil von höchstens 49 Prozent beschränken. 

1999 ließ der Verband jedoch „Förderausnahmen“ zu, wenn „ein Rechtsträger seit mehr als 20 Jahren den Fußball-Sport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat“. „Lex Leverkusen“ hieß diese Sonderklausel bald, denn BAYERs Werkself nahm diese zuerst in Anspruch, damit der Chemie-Multi auch im Fußball-Geschäft das Sagen haben kann. Danach folgten noch der VFL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim. 

Der Lex droht nun aber das Ende. Das Bundeskartellamt, von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) um eine Einschätzung der „50 + 1“-Regel gebeten, meldete nämlich Bedenken an. Die Bestimmung sei nur unter der Bedingung zu halten, keine Extrawürstchen mehr für Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim bereitzuhalten, so die JuristInnen. „Wenn einigen Clubs größere Möglichkeiten zur Einwerbung von Eigenkapital zur Verfügung stehen als anderen, dürfte dies nicht zur Ausgeglichenheit des sportlichen Wettbewerbs beitragen, sondern ihn eher verzerren“, meinten sie. 

Im Juni 2025 veröffentlichte das Bundeskartellamt eine rechtliche Bewertung und sprach Empfehlungen aus. „Nach der neuen Rechtsprechung des EuGH erscheint es (…) nicht mehr möglich, zu den bislang vorgeschlagenen Bedingungen einen dauerhaften Bestandschutz für Vereine vorzusehen, die bereits eine Förderausnahme erhalten haben – nach aktuellem Stand BAYER Leverkusen und der VFL Wolfsburg“, heißt es darin. „Das bedeutet, dass bei allen Clubs – ob vormaliger „Förderclub“ oder nicht – zumindest perspektivisch sichergestellt werden muss, dass der für Neumitglieder offene Mutterverein die Profi-Abteilung beherrscht“, hält das Bundeskartellamt fest. 

Aber so einfach hinnehmen will die „BAYER 04 Leverkusen Fußball GmbH“ das alles nicht. „Die rechtlich unverbindliche Stellungnahme des Bundeskartellamts bedeutet einen bemerkenswerten Kurswechsel in der Frage der Rechtmäßigkeit der seit 25 Jahren bestehenden Ausnahme von der 50+1-Regel. Diese neue Einschätzung halten wir weder inhaltlich noch im Ergebnis für überzeugend. Gemeinsam mit der DFL und allen relevanten Akteuren werden wir die Sach- und Rechtslage sorgfältig prüfen und behalten uns dabei sämtliche rechtliche Optionen vor“, ließ der Club verlauten. 

Die Abstimmungsergebnisse

CBG Redaktion

Eine schlechte Wahl

Das steht traditionell am Ende jeder Hauptversammlung: Die Abstimmung über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat und diverse andere Tagesordnungspunkte.

Von Peer Clausen

Wie jedes Jahr wurde auch auf dieser BAYER-Hauptversammlung fleißig abgestimmt, und wie jedes Jahr frisiert der BAYER-Konzern die Abstimmungsergebnisse subtil, indem er die Enthaltungen herausrechnet und nicht mit in die Ergebnisse einfließen lässt. Dadurch verschieben sich die Abstimmungsergebnisse ein wenig, und zwar immer so, dass die Zustimmungsquote ein kleines bisschen höher ausfällt. Dass die Enthaltungen überhaupt als absolute Zahlen Erwähnung finden, ist erst seit 2020 der Fall und dem Druck kritischer AktionärInnen zu verdanken.

Da BAYER jedes Jahr die Zahlen schönt, liefert das Stichwort BAYER auch dieses Mal wieder die bereinigten Zahlen. Hierbei ist bemerkenswert, dass sich auch 2025 wieder nur rund 52 % der Aktien, sprich der Stimmen, beteiligten. Weiter sollte erwähnt werden, dass ein relevanter Teil der Aktien (28,14 %) sich in den Händen von zehn GroßaktionärInnen – Vermögensverwalter oder FinanzinvestorInnen – befinden. Der größte unter Ihnen ist die BLACKROCK Inc., deren Aufsichtsratsvorsitzender in Deutschland bis 2020 der frischgebackene Bundeskanzler Friedrich Merz war. Diese Besitzverhältnisse sorgen für massiv undemokratische Verhältnisse bei den Abstimmungen, sodass die Stimmen der zahlreichen Kleinaktionär-Innen kaum ins Gewicht fallen. 

Vor diesem Hintergrund sollten die Abstimmungsergebnisse der diesjährigen Hauptversammlung betrachtet werden: Die Kritischen AktionärInnen der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) stimmten bei allen Tagesordnungspunkten mit NEIN und forderten die übrigen Aktien-HalterInnen auf, es ihnen gleichzutun. Jede Rede enthielt diesen Passus. Diesem Aufruf schloss sich eine beträchtliche Zahl der AktionärInnen an.

Entlastung: Vorstand

Die CBG hat vorgeschlagen, die Mitglieder des Vorstands nicht zu entlasten, weil sie für Verbrechen an Mensch, Umwelt, Profitgier und Ausbeutung verantwortlich sind. Da zunächst der Vorschlag des Vorstands auf Entlastung beraten wurde, forderte die CBG alle AktionärInnen auf, mit NEIN zu stimmen.

Ja -Stimmen: 94,76 % (offiziell: 95,36 %)

Nein -Stimmen: 4,62 % (Offiziell: 4,64 %)

Enthaltungen: 0,62 % (offiziell: - )

Damit lag der Anteil der Nein-Stimmen und Enthaltungen wieder deutlich unter dem Niveau von 2024, als 13,9 % der AktionärInnen mit Nein stimmten oder sich enthielten , aber immerhin leicht über dem Niveau von 2023 (4,9 %).

Entlastung: Aufsichtsrat

Die CBG hat vorgeschlagen, die Mitglieder des Aufsichtsrates nicht zu entlasten, weil sie verantwortlich sind für Verbrechen an Mensch und Umwelt, für Profitgier und Ausbeutung. Da zunächst der Vorschlag des Vorstands auf Entlastung beraten wurde, forderte die CBG alle AktionärInnen auf, mit NEIN zu stimmen.

Ja-Stimmen: 95,70 % (offiziell: 96,37 %)

Nein-Stimmen: 3,60 % (offiziell: 3,63 %)

Enthaltungen: 0,69 % (offiziell: - )

Damit liegt der Anteil der Nein-Stimmen und Enthaltungen am Gesamtstimmanteil niedriger als in den beiden Vorgängerjahren, wo er sich auf 11,85 % (2024), bzw. 9,6 % (2023) belief. 

Aufsichtsratswahl: 

Alberto Weisser

Bei den Aufsichtsratswahlen geschah in diesem Jahr wenig Unerwartetes. Der 2021 gewählte Alberto Weisser, der sich vorher bei PEPSI und BUNGE verdingt hatte, wurde in seinem Amt bestätigt.  

Ja-Stimmen: 95,99 % (offiziell: 96,45 %)

Nein-Stimmen: 3,53 % (offiziell: 3,55 %)

Enthaltungen: 0,48 % (offiziell: - )

Vergütung Aufsichtsrat  

Überraschend wenige Gegenstimmen kassierte BAYER trotz der mündlich vorgebrachten Kritik der AktionärInnen während der HV beim Vorschlag zur maßlosen Vergütung der Vorstände.

Ja -Stimmen: 99,15 % (offiziell: 99,32 %)

Nein -Stimmen: 0,68 %  (offiziell: 0,68 %)

Enthaltungen: 0,16 %  (offiziell: - )

Während 2024 noch 18,07 % mit Nein oder Enthaltung stimmten, waren es in diesem Jahr unter einem Prozent.

Vergütungsbericht

Die meisten Gegenstimmen allerdings kassierte der Konzern bei der Abstimmung über den Vergütungsbericht, der den Anspruch erhebt, die Vergütung der FirmenlenkerInnen transparent zu machen.

Ja -Stimmen: 67,25 % (offiziell: 67,36 %)

Nein-Stimmen: 32,58 % (offiziell: 32,64 %)

Enthaltungen 0,17 % (offiziell: - )

Mit rund 33 % war das Ergebnis der kombinierten Nein-Stimmen und Enthaltungen hier zwar niedriger als 2024 (35 %), aber auf einem vergleichbar hohen Niveau. 

Kapitalerhöhung 

„[M]it Blick auf mögliche zukünftige Vergleichsvereinbarungen mit Klägern in den USA oder andere Maßnahmen im Zusammenhang mit einer weitgehenden Eindämmung von Klage-Verfahren in den USA“ in Sachen Glyphosat wollte BAYER sich eine Kapitalerhöhung um rund 35 Prozent des Grundkapitals – 875 Millionen Euro – genehmigen lassen. Abhängig vom jeweiligen Aktien-Kurs kommt da schon die eine oder andere Milliarde zusammen, was dann auch mit einigem Gegenwind quittiert wurde.

Ja -Stimmen: 81,23 % (offiziell: 81,97 %)

Nein-Stimmen: 17,87 % (offiziell: 18,03 %)

Enthaltung: 0,90 % (offiziell: - )

Mit immerhin rund 19 % kombinierter Nein-Stimmen und Enthaltungen musste hier die Firmenführung einiges an Federn lassen. 

Ermächtigung: Virtuelle HV 

Die „Ermächtigung des Vorstands, virtuelle Hauptversammlungen durchzuführen (Satzungsänderung)“ kam unter Punkt 8 zur Abstimmung.

Ja -Stimmen: 75,56 % (offiziell: 75,62 %)

Nein-Stimmen: 24,36 % (offiziell: 24,38 %) 

Enthaltungen: 0,08 %  (offiziell: - )

24 % der AktionärInnen setzten trotzdem mit ihrem Nein oder ihrer Enthaltung ein starkes Zeichen gegen die fragwürdige Politik der Firmenleitung, die auf den Ausschluss eines Großteils der KleinaktionärInnen und vor allem von Protest durch das digitale Format baut. Dank vieler kritischer Redebeiträge und den gemeinsamen Aufrufen, BAYER die Traumzustimmungswerte zu vermiesen, konnten die KritikerInnen aber auch in diesem Jahr ein Zeichen gegen die Konzernmacht setzen. ⎜

Die BAYER-Hauptversammlung 2025

CBG Redaktion

Der Doppelpack

Auch im Jahr 2025 sah sich BAYER auf der Hauptversammlung wieder mit Konzernkritik im virtuellen und im realen Raum konfrontiert.

Von Peer Clausen

Am 25. April fand die Aktionärsversammlung des BAYER-Konzerns statt – wiederum virtuell. Dieses digitale Format, das im Windschatten der Corona-Pandemie eingeführt und einfach beibehalten wurde, stößt auf massive Ablehnung. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und der DACHVERBAND KRITISCHE AKTIONÄRINNEN UND AKTIONÄRE sehen in ihm einen bequemen Weg, sich nicht länger direkt mit Konzern-Kritik konfrontieren zu müssen. Aber auch unorganisierte AktionärInnen stoßen sich an den Online-Hauptversammlungen. Sie geißeln diese als undemokratisches Kosteneinsparungsmodell und stellen auch die hohen technischen Hürden heraus, die gerade ältere Personen oft nicht überwinden könnten.

Die Kundgebung

Die CBG aber hielt dagegen und organisierte Protest in Präsenz. Ab 9 Uhr morgens standen Aktivistinnen und Aktivisten vor der BAYER-Zentrale auf der Kaiser-Wilhelm-Allee in Leverkusen, während AnzugträgerInnen auffällig unauffällig Fotos von ihnen machten. Von derart billigen Einschüchterungsstrategien ließen die ProtestlerInnen sich jedoch nicht einschüchtern, sie kennen die Chose ja schon einige Jahre.

Die KonzernkritikerInnen nahmen den ganzen Vorplatz in Beschlag – Belagerungszustand. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) war mit zwei Treckern vorgefahren, deren Schaufeln sie zu Transparenthaltern umfunktioniert hatten. „Patente und Gentechnik stoppen“ und „Unser Saatgut ist in Gefahr – Neue Gentechnik und Patente stoppen“ war darauf zu lesen. Die beiden Banner der Coordination thematisierten die Risiken und Nebenwirkungen von Pestiziden und globalem Handel. „Parkinson für die Bauern – Profite für BAYER & Co. und „Welt in (Liefer-)ketten – BAYER muss haften!“ stand auf ihnen. Sogar Dreidimensionales bot die CBG auf: eine riesige Weltkugel im Würgegriff des Global Players.

All das und noch viel mehr fand sich auch in den Wortbeiträgen wieder, die Sibylle Arians und ihre Schwester Maria musikalisch umrahmten. Annemarie Volling von der AbL referierte über die Saatgutstrategie des Agro-Riesen und die Patentierungen, die Kleinbauern und -bäuerinnen in dessen Abhängigkeit treiben. „Vor allem die großen Konzerne wie BAYER oder CORTEVA sind die Treiber und melden immer mehr Patente auf Pflanzen und Tiere an“, erläuterte sie und malte ein beängstigendes Bild von der Macht des Agro-Business. „2018 hat BAYER MONSANTO für 60 Mrd. US-Dollar aufgekauft und ist damit zum größten Saatgutkonzern geworden. Die AbL war die einzige landwirtschaftliche Organisation, die bei dieser Mega-Fusion Widerspruch eingelegt hat.“, machte sie noch mal auf die relativ singuläre Position der AbL unter den landwirtschaftlichen Vertretungen aufmerksam. 

Brigitte Hincha-Weisel, Vorstandsmitglied der CBG, zeigte am Beispiel der Frage der Lieferketten, die ein thematischer Schwerpunkt der diesjährigen CBG-Aktivitäten zur HV waren, dass BAYER für die Steigerung der Profite die systematische Verletzung von Menschenrechten, Sozial-, Gesundheits- und Arbeitsschutzstandards in Kauf zu nehmen bereit ist. Lars-Ulla Krajewski von der CBG sprach zu Parkinson als Berufskrankheit bei LandwirtInnen und Uwe Friedrichs zu PFAS-Pestiziden. Rolf Brombach nahm sich in einem Schnelldurchlauf BAYER im Ganzen vor und Bernward Geier sorgte für das nötige Kontrastprogramm: Er widmete sich der ökologischen Landwirtschaft als Alternative zum von BAYER & Co. forcierten agro-industriellen Modell.

Die virtuelle HV

Jan Pehrke von der Coordination verlängerte den Protest dann in die Online-Hauptversammlung hinein, die bis zu 2.600 Menschen an ihren Monitoren verfolgten. „Heute Morgen fand vor der BAYER-Zentrale in Leverkusen eine Kundgebung der Coordination gegen BAYER-Gefahren statt, an der Landwirte, Gentechnik-Gegner und Pestizid-Kritiker teilnahmen. Und einige Themen, die die Aktivisten auf die Tagesordnung setzten, möchte auch ich jetzt ansprechen wie z. B. BAYERs prekäre Lieferketten“, sagte er. So verwies Pehrke auf eine Saatgutanlage in Sambia, deren Zuliefer-Betriebe 15.000 SaisonarbeiterInnen beschäftigen. „Wie will BAYER bei diesen 15.000 beschäftigten Saisonarbeitern sicherstellen, dass da keine Kinder dabei sind?“, fragte er.

IG FARBEN & heute

Hans van Scharen vom Corporate Europe Observatory sprach über den Extrem-Lobbyismus des Global Players in den USA für Gesetze, die Glyphosat Straffreiheit gewähren (inklusive der Teilnahme an der Amtseinführung Donald Trumps). Er holte dafür aber weiter aus: „Doch ich möchte zunächst der Vergangenheit eine Stimme geben, weit über Ihre Quartalszahlen hinausgehend, weil die Geschichte beeinflusst, wer wir sind und wie wir heute handeln. Mein Großvater Karel van Scharen wurde 1942 von den Nazis aus Antwerpen, Belgien, nach Auschwitz deportiert, um dort Zwangsarbeit in den Fabriken der IG FARBEN zu verrichten, einem Konzern, der aus drei deutschen Chemieunternehmen bestand, einer davon BAYER, und der offiziell erst vor 22 Jahren aufgelöst wurde.“ 

Aus solchen historischen Ereignissen gelte es zu lernen, aber eben diese Prüfung hat der Leverkusener Multi van Scharen zufolge nicht bestanden. „Leider sehen wir heute, wie BAYER als großes europäisches Unternehmen sich einer neuen und schockierenden Diktatur anbiedert, die sich direkt vor unseren Augen entwickelt: der von Donald Trump in Washington. Sie mögen diese Vergleiche vielleicht für unangemessen halten, aber ich bin nicht der Einzige. Der Vizepräsident der USA, Al Gore, hat gestern dasselbe getan“, so van Scharen.

Um die „undemokratischen Bemühungen von BAYER, Gesetze abzuändern, die dazu bestimmt waren, die Völker und den Planeten schützen“ zu konterkarieren, hat das Corporate Europe Observatory einen offenen Brief initiiert, den über 100 Organisationen aus der ganzen Welt unterzeichnet haben. Klar ist: Unterschriften allein werden den Kurs des BAYER-Konzerns nicht ändern, doch sind sie ein wichtiges Zeichen für Widerstand gegen die rücksichtslose Durchsetzung seiner Profitinteressen. 

Immer wieder Pestizide 

Einen Schwerpunkt der weiteren Beiträge bildete das Pestizid-Geschäft des Chemieriesen. Dabei gelang es der CBG sogar, den AktionärInnen eine Stimme aus dem fernen Afrika zu Gehör zu bringen. Harun Warui von der Heinrich-Böll-Stiftung in Nairobi kritisierte den Export von innerhalb der EU wegen ihres Gefährdungspotenzials nicht (mehr) zugelassenen Ackergiften. Seit Neuestem geht Kenia gegen diese doppelten Standards vor. So hat das Land laut Warui Ende des letzten Jahres acht als „Highly Hazardous Pesticides“ (HHPs) klassifizierte Ackergifte – darunter auch BAYERs Thiacloprid – aus dem Verkehr gezogen. Diesen Schritt begrüßte er als Maßnahme zur Unterstützung der Kleinbauern und -bäuerinnen, die den Großteil der afrikanischen landwirtschaftlichen ErzeugerInnen stellen. Damit gehe Kenia einen Schritt, den bereits zahlreiche andere Staaten gegangen seien, was Ausdruck einer grundsätzlichen Umkehr sei. Angesichts der mit zweierlei Maß messenden Geschäftspraxis stellte er BAYERs Leitmaxime in Frage: „Was bedeutet ‚Science For A Better Life‘, wenn es nur selektiv Anwendung findet, abhängig von der Geografie, dem regulatorischen Umfeld und dem Wachsamkeitsgrad der Öffentlichkeit?“ 

Gleich mehrere RednerInnen sprachen zu „Parkinson durch Pestizide“, das bei LandwirtInnen seit dem letzten Jahr als Berufskrankheit anerkannt ist. „Mit bestem Wissen und Gewissen haben die Bäuerinnen und Bauern die betreffenden Pestizide entsprechend der Angaben der Hersteller und Zulassungsbehörden zur gesundheitlichen Sicherheit angewendet. Ein Hinweis auf mögliche Gefahren für eine Parkinson-Krankheit hat es nicht gegeben, und heute findet man diesen immer noch nicht“, warf AbL-Vizegeschäftsführer Bernd Schmitz dem Agro-Riesen vor. Die Berufsgenossenschaft der LandwirtInnen belasten die erwarteten Behandlungskosten enorm, weshalb sie die Beträge drastisch erhöht hat. Für Schmitz ein unhaltbarer Zustand: „Bauern und Bäuerinnen kommen heute allein für die Kosten von Parkinson als Berufskrankheit mit ihren Beiträgen zur Berufsgenossenschaft auf. Pharma-Konzerne haben ihre Gewinne eingestrichen, entziehen sich aber jetzt ihrer Verantwortung für die Folgen. Ich fordere BAYER hiermit auf, sich mit einem Fonds an den Folge-Kosten für eine berufliche Pestizid-Exposition und der Entstehung der Parkinson-Erkrankung zu beteiligen.“

Jan Pehrke verlangte angesichts des von der „Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau“ geschätzten Parkinson-Mehrbedarfs von 270 Millionen Euro pro Jahr ebenfalls eine Kostenbeteiligung. Hans van Scharen befasste sich indessen grundsätzlicher mit dem Nervenleiden, das sich rasant ausbreitet. In den letzten 20 Jahren haben sich die Parkinson-Zahlen mehr als verdoppelt und übertreffen damit Schlaganfälle und Multiple Sklerose, so der CEO-Aktivist. Zur Erklärung der Ursachen dafür zitierte er den Wissenschaftler und Neurologen Bas Bloem: „Parkinson war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine sehr seltene Krankheit. Mit der landwirtschaftlichen Revolution, der chemischen Revolution und dem explosionsartigen Anstieg des Pestizideinsatzes begannen die Erkrankungsraten zu steigen.” Angesichts dessen konnte van Scharen es nur als zynisch empfinden, dass der Leverkusener Multi sich auch noch als Heilsbringer in der Sache inszeniert, weil seine Pharma-Abteilung an Behandlungsmethoden für Parkinson forscht. 

Nicole van Gemert von der niederländischen FOODWATCH-Sektion machte da gleich einen praktischen Therapie-Vorschlag: „Ich schätze die Bemühungen von BAYER, ein Heilmittel für Parkinson zu finden, aber könnten Sie dieses Geld nicht einsparen, wenn Sie die Produktion von Glyphosat einstellen würden?“ Aus der Perspektive einer Organisation, die für ein gesundes Essen streitet, widmete sie sich den Pestiziden im Allgemeinen und den doppelten Standards im Besonderen, landen die hierzulande nicht (mehr) genehmigten, in ferne Länder exportierten Ackergifte über Lebensmittelimporte doch wieder auf den hiesigen Tellern. 

Dr. Gottfried Arnold sprach von der Warte eines ehemaligen Kinderarztes aus und schilderte die Gefahren, die ErdenbürgerInnen in spe schon im Mutterleib drohen. „Die erste Pestizid-Dosis, die ungeborene Kinder in dieser frühen und empfindlichen Phase abbekommen, nennen Kinderkrebs-Ärzte den ‚1. Schlag‘“, erläuterte er. Der 2. Schlag folge dann draußen in der Welt durch die Schadstoff-Expositionen in der Luft, so Arnold. Am häufigsten entwickeln die Neugeborenen ihm zufolge eine Leukämie. Dazu zitierte er eine Studie von WissenschaftlerInnen, die in diesem Zusammenhang von einer „vermeidbaren Erkrankung“ sprechen, weil die Entstehungsgeschichte so klar vor Augen liegt und Handlungsoptionen eröffnet.

Peter Clausing, promovierter Toxikologe vom PESTIZID AKTIONS-NETZWERK (PAN), beschäftigte sich mit denjenigen Pestiziden, die Mensch, Tier und Umwelt besonders zusetzen, weil sie zu den Ewigkeitschemikalien zählen. Allein sieben, die bei ihrer Zersetzung den PFAS-Stoff Tetraflouracetat (TFA) bilden, hat BAYER im Programm. „Auch wenn es noch andere Emissionsquellen für TFA gibt, sind PFAS-Pestizide die vorherrschende Quelle für die Kontamination von Grund- und Trinkwasser mit TFA. Laut Europäischer Chemikalien-Agentur werden in der EU pro Jahr knapp 5.500 Tonnen PFAS-Pestizide ausgebracht. Und aus dem Bericht des Umweltbundesamts von 2023 geht hervor, dass in Deutschland das Potenzial besteht, dass durch die ausgebrachten PFAS-Pestizide jährlich bis zu 521 Tonnen TFA gebildet werden“, führte er aus. „Wie hoch ist der Anteil des BAYER-Konzerns an den nach offizieller Schätzung knapp 5.000 Tonnen PFAS-Wirkstoffen, die jährlich in der EU ausgebracht werden?“, wollte er unter anderem vom Vorstand wissen.

Gentechnik & Co.

Judith Düesberg vom Gen-ethischen Netzwerk widmete sich der neuesten Schöpfung aus den BAYER-Laboren: einem Hybrid aus Pestizid und Gentechnik auf der Basis von doppelsträngiger Ribonukleinsäure (dsRNA). Damit bestückt, sollen die Mittel dem Maiswurzelbohrer zu Leibe rücken.  Die Molekül-Kette zieht nämlich Enzyme im Magen des Insekts an und spaltet diese in siRNA auf, was dann ein für das Tier überlebenswichtiges Protein blockiert. Als Alternative zur Agro-Chemie preisen die Konzerne diese Entwicklung an, Düesberg aber äußerte Zweifel am Sicherheitsprofil der Technologie, die in einem Gen-Mais des Global Players bereits zur Anwendung kommt. Zu einem anderen erst jüngst erschlossenen Anwendungsgebiet der Gentechnik, der Kreation von Boden-Bakterien, stellten sich ihr ebenfalls drängende Fragen. Das nicht zuletzt deshalb, weil sich die Versprechungen, die BAYER & Co. bei der Einführung der ersten Gentech-Pflanzen gemacht haben – wie zum Beispiel eine Reduktion der Giftspritzereien auf den Feldern durch passgenau auf die Ackerfrüchte abgestimmte Pestizide – nicht erfüllt haben. 

Damit blieb an diesem Tag keine Gentech-Hervorbringung BAYERs unter dem Radar der AktivistInnen, denn zuvor schon hatte Bernd Schmitz sich in seiner Rede der Gentechnik 2.0 angenommen und den Umgang des Leverkusener Multis mit dieser Risiko-Technologie scharf kritisiert. „[I]n der Debatte um die Anwendung der neuen Gentechnik CRISPR-Cas bei Saatgut lehnt BAYER jede Haftung und Verantwortung ab. Auch eine Rückverfolgbarkeit und eine durchgehende Kennzeichnung in der Lebensmittel-Kette wird von Ihrem Konzern bekämpft. Das ist alles andere, als Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen!“, konstatierte er.

CO2 & Co.

Auch der Klimawandel kam zur Sprache, trägt der Leverkusener Multi doch mit einem Treibhausgas-Ausstoß von rund drei Millionen Tonnen pro Jahr nicht unwesentlich dazu bei. „Wie stark die Extremwetter in Zukunft noch zunehmen werden, ist abhängig von den Entscheidungen, die heute in den Chefetagen der Unternehmen wie der BAYER AG getroffen werden. Werden die planetaren Grenzen weiterhin negiert und nicht eingepreist, werden sich die Krisen in absehbarer Zukunft überschlagen“, prophezeite Alice Werner von den Leverkusener PARENTS FOR FUTURE. Darum erkundigte sie sich danach, was der Global Player tut, um so schnell wie möglich aus der fossilen Energie-Gewinnung auszusteigen. Auch zu weiteren Maßnahmen zur Eindämmung der Erderwärmung erbat sie Informationen. Eigentlich wollte sich die Aktiengesellschaft auf der Hauptversammlung dazu groß in Szene setzen und ihren Klimaplan zur Abstimmung stellen. Aber das verschwand schnell wieder von der Tagesordnung – Mächtige AktionärInnen hatten interveniert. „Ich hätte jetzt gerne die Namen der Großinvestoren erfahren, die ihr Veto eingelegt haben“, bat Jan Pehrke deshalb. 

Mit Günter Wulf ergriff schließlich ein ehemaliges Heimkind das Wort, das in Kinder- und Jugendpsychiatrien als Versuchskaninchen für Arzneien von BAYER und anderen Firmen herhalten musste. „Bei jahrelangen Misshandlungen und unter 8-jähriger Dauermedikation, bei der die Pharma-Unternehmen unvorstellbar hohe Gewinne einstreichen konnten, da ihnen ja ‚günstige Probanden‘ für ihre Medikamententests zur Verfügung standen, nämlich wir Heim- und Psychiatrie-Kinder, bin ich heute dankbar dafür, dass ich diese medikamentöse Vergewaltigung, die überhaupt keinen therapeutischen Nutzen hatte, tatsächlich überstanden habe, wenngleich Nervenschäden nicht ausblieben“, berichtete er.

Von 1964 bis 1972 war Wulf dieser Tortur ausgesetzt. Erst mit dem neuen Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig-Hesterberg – Hermann Meyerhoff, der Vater des bekannten Schauspielers und Autors Joachim Meyerhoff – endeten seine Qualen. Darum forderte Günter Wulf den Leverkusener Multi auf, Verantwortung zu übernehmen.

Nur Ausflüchte von BAYER

Das lehnte das Unternehmen jedoch ab. „Herr Wulf – Sie hatten gefragt, wann sich die BAYER AG dazu bereiterklärt, für die an Heimkindern angeblich begangene Körperverletzung einzustehen“, hob Pharma-Chef Stefan Oelrich in seiner Antwort an, um Günter Wulf dann zu bescheiden: „Die Forderung nach einer finanziellen Beteiligung lehnen wir ab, da wir weder für die Zustände in den damaligen Heimen noch für die Handlungen der Mitarbeiter Verantwortung übernehmen können.“ Die Untersuchungen selbst wurden damals „auf der Grundlage der damals geltenden rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen und unter den Voraussetzungen der entsprechenden Indikationsstellung durchgeführt“, behauptete Oelrich. Und überdies wurden Kinder und Jugendliche nur „in geringem Umfang eingebunden“ und das auch nur, „wenn der medizinische Bedarf oder die Indikationsstellung gegeben war“, wiegelte er weiter ab.

Auch wollte das Unternehmen nicht damit rausrücken, welche Großinvestoren genau darauf gedrungen hatten, den Klimaplan nicht zur Abstimmung zu stellen. BAYER-Chef Anderson äußerte sich nur ganz allgemein dazu. „Die Entscheidung, die Abstimmung über ein ‚Say on Climate‘ nicht zur Abstimmung zu stellen, wurde auf der Basis einer gründlichen Analyse der Erwartungen unserer Investoren getroffen“, erläuterte er. Diese hätten dem Vorstand „aufgrund ihrer internen Diskussionen signalisiert, dass der momentane Zeitpunkt für einen ‚Say on Climate‘ nicht der richtige ist“, so der Ober-BAYER weiter. Aber heute ist nicht alle Tage. „Wir prüfen das Thema weiterhin“, versuchte Anderson Trost zu spenden.

Judith Düesberg erhielt ebenfalls keine Antwort auf ihre Frage, wie viel Geld BAYER in die Entwicklung von gentechnisch veränderten Mikroorganismen steckt – Geschäftsgeheimnis. Auch zur Erforschung der Risiken von RNAI-Pestiziden hielt sich das Unternehmen bedeckt. Nur Lobby-Aktivitäten bezüglich deren Regulierung räumte es ein, prägen doch „Gesetzgebung und Politik die Rahmenbedingungen unseres Geschäfts“. „Als global agierendes Unternehmen haben wir die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, aktiv unsere Fähigkeiten und Kenntnisse zur Verfügung zu stellen und politische Entscheidungsprozesse zu begleiten“, meinte BAYERs Agrar-Chef Rodrigo Santos. „Deshalb haben wir zu diesem Themen-Komplex zahlreiche Gespräche unter anderem mit der EU-Kommission und dem europäischen Parlament geführt“, führte er aus. Und natürlich pflegt der Global Player die politische Landschaft nicht nur in Brüssel. „Selbstverständlich tauschen wir uns auch mit der US-Regierung über den Nutzen unserer Produkte aus“, erklärte Finanz-Vorstand Wolfgang Nickl: „Tragfähige Beziehungen zu Regierungen überall sind für uns sehr wichtig, das ist unabhängig von bestimmten Personen.“ 

Am Vorstandsvorsitzenden Bill Anderson war es dann dieses Mal, die Wahlkampf-Spenden des Konzerns an Trump herunterzuspielen und als reine Privatangelegenheiten der Beschäftigten darzustellen. Er bekannte sich bei der Gelegenheit beherzt zu den Geschäften in den USA, trotz der Schadensersatz-Prozesse in Sachen „Glyphosat“ und „PCB“. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen und BAYER wieder auf einen profitablen Wachstumskurs zu bringen. Dabei machen wir sehr gute Fortschritte, es ist aber auch noch sehr viel zu tun.“ 

Auf die Zollpolitik der Trump-Admini-stration versucht sich der Agro-Riese derweil einzustellen. „Wir beobachten die Entwicklungen in den USA fortwährend genau und analysieren die potenziellen Auswirkungen auf unsere Lieferketten, Kunden und auch unsere Geschäftsbeziehungen“, sagte Finanz-Vorstand Wolfgang Nickl. Ein ganzes Netzwerk von ExpertInnen-Teams hat der Leverkusener Multi darauf angesetzt. „Diese Aktivitäten verstärken unsere ohnehin bestehende kontinuierliche Arbeit, die geopolitische Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft und unserer Geschäfte zu stärken z. B. durch ein vielfältiges Beschaffungsnetzwerk oder das Management von Lagerbeständen“, so Nickl. 

Genauere Angaben darüber, wie BAYER mit dem Druck von Trump & Co. auf die Konzerne umgeht, ihre Programme für Vielfalt, Gleichberechtigung und Diversität einzustellen, machte die Vorstandsriege nicht. Unter anderem Jan Pehrke hatte darüber Auskünfte verlangt. Er zitierte dazu Statements von ehemaligen Beschäftigten, die sich um Angehörige von Minderheiten innerhalb der Belegschaft sorgten und aus dieser Perspektive die Teilnahme Bill Anderson und BAYERs US-Chef Sebastian Guth an der Amtseinführung Trumps kritisiert hatten. Personalvorständin Heike Prinz flüchtete sich zunächst in Allgemeinplätze. „Wir setzen uns weiterhin für Vielfalt ein“, bekundete sie. Die konkreteren Ausführungen ließen daran jedoch großen Zweifel aufkommen. „Dieses Versprechen setzen wir unter Einhaltung aller jeweils geltenden staatlichen Gesetze und Vorschriften um“, erläuterte Prinz. Die rechtliche Situation in den USA sei weiterhin in Bewegung und BAYER in Habacht-Stellung. „Wir beobachten die sich in den USA entwickelnde Situation sehr aufmerksam, um die möglichen Auswirkungen auf unser Geschäft besser einschätzen zu können. Dabei handeln wir proaktiv, um unser Unternehmen voranzubringen und gleichzeitig unseren Werten treu zu bleiben“, so die Managerin.

Wie schlecht es um diese Werte bestellt ist, zeigte der von Jan Pehrke zur Sprache gebrachte Lieferkettenbericht, der zahlreiche Verstöße gegen soziale und ethische Standards ausweist. Genauere Auskunft zum dort dokumentierten Fall von Kinderarbeit verweigerte der Leverkusener Multi. Ein neues Einfallstor für die Ausbeutung von Minderjährigen könnte BAYERs neue Maissaatgut-Anlage in Sambia darstellen, denn nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen ist die Landwirtschaft ein Hot Spot von Kinderarbeit. Und bei der Fertigungsstätte in Kabwe ist das Risiko besonders groß. Die Vertragsfirmen, die für diese Fabrik das Saatgut vermehren, beschäftigen nämlich nicht weniger als 15.000 Saisonkräfte. Der Agro-Riese aber sieht da keine Gefahr. Die Zulieferer wären an BAYERs Human Rights Policy gebunden, die sich wiederum an den allgemeinen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der Vereinten Nationen orientiert, versicherte Rodrigo Santos Jan Pehrke: „Zudem gelten die arbeitsrechtlichen Bedingungen in Sambia“. Etwas konkreter fielen die anderen Antworten zu diesem Thema aus. Die Behinderungen gewerkschaftlicher Betätigung fanden in Mexiko und in Indien statt. In dem lateinamerikanischen Land verzögerte sich die Umsetzung von Bestimmungen zur Versammlungsfreiheit, und in dem südostasiatischen Land behinderte eine Vertragsfirma von BAYER die Gründung eines Betriebsrats. Der Lohnraub wiederum ereignete sich in China, Indien und Saudi-Arabien. Es handelte sich in allen elf Fällen um verspätete Bezahlung, erklärte Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann.

Der Pestizid-Komplex

Die Risiken und Nebenwirkungen der BAYER-Pestizide verleugnete Agrar-Chef Rodrigo Santos samt und sonders. Die Ewigkeitschemikalie TFA als Abbau-Stoff von Ackergiften – kein Problem! „Nach den Ergebnissen der jüngsten wissenschaftlichen Studien zu TFA – einschließlich relevanter Überwachungsdaten – ist es wichtig zu sagen: Es gibt keine Hinweise für ein Risiko für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt, das mit der ordnungsgemäßen Verwendung unserer Produkte verbunden ist“, meinte er. Für Parkinson gilt das ihm zufolge natürlich auch. „Die Entstehung des Parkinson-Syndroms ist komplex und in der medizinischen Forschung nicht vollständig geklärt“, eröffnete er Bernd Schmitz von der AbL, klar ist nur das: „Im Rahmen der Zulassungs- und Wiederzulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel überprüfen und bewerten die Zulassungsbehörden umfangreiche Daten aus Studien (…) Keine Zulassungsprüfung kam jemals zu dem Schluss, dass die Verwendung eines unserer registrierten Produkte oder Wirkstoffe mit der Parkinson-Krankheit in Zusammenhang steht.“ 

Selbst innerhalb der Europäischen Union nicht (mehr) zugelassenen, von BAYER aber weiter in andere Länder exportierte Mitteln stellte der Brasilianer eine Unbedenklichkeitserklärung aus, die der Konzern in ganz ähnlicher Form bereits bei der Hauptversammlung von 2023 zur Anwendung brachte. „Allein die Tatsache, dass ein Pflanzenschutzmittel nicht in der EU zugelassen ist, sagt nichts über seine Sicherheit aus. Auch viele andere Zulassungsbehörden aus der ganzen Welt verfügen über robuste und hochentwickelte Regulierungssysteme zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt“, erklärte der Agrar-Manager. BAYER hat sich da kurzerhand ganz eigene Regeln zugelegt. Nach „Das Unternehmen vertreibt keine Pestizide, die nicht in mindestens einem OECD-Staat eine Genehmigung haben“ ein Komma setzen und schreiben: „und meint damit den Gleichbehandlungsansprüchen zu genügen.“ Seinen Leit-Slogan „Science For A Better Life“ wollte es dann auch keineswegs nur selektiv verstanden wissen. „Unsere Strategie bezüglich der Landwirte steht im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und wird in unsere regionale Wirtschaftsstrategie eingegliedert“, versicherte Santos Harun Warui. Aber es gebe nun einmal spezifische lokale Bedürfnisse, meinte er nach der Devise „andere Länder, andere Sitten“.

Die Antworten fielen also wieder einmal dürftig aus. Es gab von Seiten des Managements kein ernsthaftes Interesse, sich mit den von den AktivistInnen vorgebrachten Problematiken auseinanderzusetzen. Darum lautete das Resümee des CBG-Vorstandsmitglieds Jan Pehrke: „Die Themen-Komplexe, die ich und die anderen Konzern-Kritiker bisher angesprochen haben, zeigen, dass BAYER ohne Rücksicht auf Verluste für Mensch, Tier und Umwelt den Profiten nachjagt. Um dem in Zukunft Einhalt zu gebieten, muss der Konzern unter gesellschaftliche Kontrolle gestellt werden.“ ⎜

Die „Operation Ranch Hand“

CBG Redaktion

Agent Orange & Co.

Vor 50 Jahren endete der Vietnam-Krieg. Über drei Millionen Menschen verloren durch die Kämpfe ihr Leben. Als besonders verheerend erwies sich der Einsatz von Agent Orange. Einer der Hauptproduzenten des zur Chemie-Waffe umfunktionierten Herbizids: Die jetzige BAYER-Tochter MONSANTO.

Von Jan Pehrke

Mit der Einnahme Saigons durch die nordvietnamesischen Truppen am 30. April 1975 endete der Vietnam-Krieg. Die Bilanz: über drei Millionen Tote auf vietnamesischer Seite, davon vier Mal so viel ZivilistInnen wie Soldaten, und 58.000 tote US-Kämpfer. Auf das südostasiatische Land gingen sieben Millionen Tonnen Bomben nieder – das 2- bis 3-Fache der im gesamten 2. Weltkrieg abgeworfenen Menge. 

Als besonders tückisch erwies sich der „Herbicidal warfare“ mit Agent Orange und anderen Pestiziden. „Sie versprühten so viel Agent Orange, dass man am Ende ganz nass war“, erinnert sich die Franco-Vietnamesin Tran To Nga an den Tag im Dezember 1966, an dem sie zum ersten Mal mit dem Herbizid in Berührung kam. Transportmaschinen des Typs Fairchild C-123 hatten sich im Tiefflug genähert und ein weißes Pulver herabrieseln lassen. „Das Puder verwandelte sich in eine klebrige Flüssigkeit, die meinen Körper umschloss. Ich musste husten und hatte das Gefühl zu ersticken“, so die 83-Jährige. 

Die US-Armee nutzte den Stoff als Entlaubungsmittel, um die sich im Dschungel verborgen haltenden Vietcong besser vor die Zielfernrohre zu bekommen. Überdies diente er dem Kriegsziel, die Ernten des Gegners zu vernichten und so eine Nahrungsmittel-Krise auszulösen. Eine Fläche von 3,3 Millionen Hektar geriet ins Visier der Sprüh-Flugzeuge, was einem Viertel des Staates entspricht. Über 3.000 Dörfer flogen die Piloten an. Nicht weniger als 46 Millionen Liter Agent Orange und dazu noch einmal 34 Millionen Liter anderer Pestizide gingen von 1962 bis 1971 im Zuge der „Operation Ranch Hand“ auf den südostasiatischen Staat nieder. 

Die Nachfrage des „U. S. Chemical Corps“ war so groß, dass die Konzerne mit der Produktion gar nicht mehr nachkamen und bei der Fertigung Fehler machten. Sie verunreinigten das 2,4,5-T mit Dioxin. 400 Kilogramm dieser Verbindung gelangte auf diese Weise nach Vietnam. Zum Vergleich: Nach einer von Marie-Monique Robin in ihrem Buch „Mit Gift und Genen“ zitierten Studie reichen 80 Gramm der Substanz im Trinkwasser-Netz einer Stadt aus, um acht Millionen EinwohnerInnen zu töten. Durch diese Extra-Ladung Dioxin potenzierte sich die fatale Wirkung des Agent Orange noch, die ohnehin schon immens war. Die Konzentration der Inhaltsstoffe überstieg nämlich diejenige, die sich in dem für „zivile“ Zwecke genutzten Agent Orange findet, um das 50-Fache. 

Die Strategie, Antiunkraut-Mittel und andere Pestizide als Chemiewaffen einzusetzen, entwickelten die britischen Streitkräfte 1940. Anfang der 1950er Jahre erprobten sie den „Herbicidal warfare“ dann im Kampf gegen die malaysische Befreiungsbewegung. Aber erst der Vietnam-Krieg brachte das ganze zerstörerische Potenzial dieser militärischen Praxis ganz zur Entfaltung. 

Zahlreiche Chemie-Multis leisteten dabei Schützenhilfe. Mit die größten Rüstungslieferungen stammten von MONSANTO. Bereits seit 1950 befand sich das Unternehmen im regen Austausch mit der Chemiewaffen-Abteilung des US-Militärs über die Kriegsverwendungsfähigkeit des Wirkstoffs 2,4,5-T. Die entsprechende Akte ist 597 Seiten stark und zu großen Teilen immer noch als „geheim“ deklariert. Überdies wusste der Multi schon früh um die Gefährlichkeit des Stoffes. Aber bei einem Treffen mit weiteren Herstellern des Produkts zur Erörterung der Gesundheitsgefahren übte MONSANTO Druck auf die VertreterInnen anderer Firmen aus, der Regierung der Vereinigten Staaten diese Risiken zu verheimlichen. „Ein kausaler Zusammenhang zwischen Agent Orange und chronischen Krankheiten beim Menschen konnte nicht nachgewiesen werden“, behauptete der Agro-Riese stets in der Öffentlichkeit. Und auf seiner Website stand früher die Rechtfertigung zu lesen, die Flugzeuge hätten das Herbizid versprüht, „um das Leben der US-Soldaten und ihrer Verbündeter zu schützen und zu retten“. 

Seit 2018 gehört MONSANTO zum BAYER-Konzern. Aber auch der will für Agent Orange keine Verantwortung übernehmen. „Es war die US-Regierung, die die Spezifikationen für die Herstellung des Entlaubungsmittels Agent Orange entwickelte und vorgegeben hat, wann, wo und wie es eingesetzt wird. Agent Orange wurde ausschließlich für den militärischen Einsatz auf Anweisung der Regierung von MONSANTO hergestellt“, lautete auf der letzten Hauptversammlung die Antwort an Tricia Euvrard vom „Collectif Vietnam Dioxine“. 

Zwar gilt BAYER seit dem Ersten Weltkrieg als „Erfinder der Chemiewaffe“ und war bis weit in die 1980er Jahre hinein bekannt als „weltweit führender Chemiewaffen-Konzern“, aber das Pentagon direkt oder über das mit MONSANTO seit 1954 betriebene Gemeinschaftsunternehmen MOBAY mit Agent Orange beliefert zu haben, bestreitet der Leverkusener Multi seit 2016 mit windiger Argumentation. Die Produktion von Agent-Orange-Bestandteilen und anderen Pestiziden für die Kriegsverwendung hingegen nicht. So stellte der Global Player jährlich 700 bis 800 Tonnen des „Agent Orange“-Grundstoffes 2,4,5-T her und verkaufte einen Teil davon an die französische Firma PROGIL. Diese wiederum verarbeitete es weiter und exportierte es nach Vietnam. Eine Aktennotiz der BOEHRINGER AG belegt dies: „BAYER und PROGIL haben auf dem 2,4,5-T-Sektor seit Jahren (Vietnam) zusammengearbeitet“. Der Global Player verleugnet diese Kooperation nicht, hält allerdings fest: „Über die weitere Verwendung des Wirkstoffes bei der PROGIL liegen keine Erkenntnisse vor.“ In einer früheren Äußerung zu diesem Thema räumt er hingegen durchaus die Möglichkeit ein, „dass Tochter-Unternehmen beziehungsweise Drittfirmen 2,4,5-T-haltige Pflanzenbehandlungsmittel auf den amerikanischen Markt brachten“. 

Andere ebenfalls als Kampfstoffe einsetzbare Agro-Chemikalien wie Agent Green, Zineb und Dalapon veräußerte das Unternehmen dem US-Militär ebenfalls. Teilweise legten die Substanzen dabei einen weiten Weg zurück. Einige von ihnen gelangten über Konzern-Niederlassungen in den damals autoritär regierten Staaten Spanien und Südafrika zur US-Tochter CHEMAGRO und von dort dann zu den Militärbasen. Die Zeitschrift International Defense Business konnte für das Jahr 1972 sogar genau den Wert von BAYERs Kriegsbeitrag beziffern: Rund eine Million Euro stellte die Aktiengesellschaft für die verschiedenen Chemikalien in Rechnung. ExpertInnen des Unternehmens standen der US-Army gemeinsam mit ihren Kollegen von HOECHST aber auch direkt vor Ort mit Rat und Tat zur Seite. Als medizinische HelferInnen getarnt, arbeiteten sie dem US-amerikanischen Planungsbüro für B- und C-Waffeneinsätze in Saigon zu. Die transatlantische Kooperation vermochte sich dabei sogar auf alte Verbindungen zu stützen: Die Abstimmung zwischen den US-amerikanischen und bundesdeutschen Chemie-Firmen übernahm die General Aniline and Film Corporation, eine ehemalige US-Tochter der I.G. FARBEN. 

Mehr als 4,8 Millionen Vietnamesen waren den zu Chemiewaffen umgerüsteten Pestiziden ausgesetzt. Drei Millionen von ihnen leiden noch heute darunter. Krankheiten wie Leukämie, Lungen-, Brust- und Leberkrebs, Diabetes, Tuberkulose und chronische Kopfschmerzen lösten die Mittel aus. Über 100.000 Kinder kamen mit Fehlbildungen auf die Welt. 

Auch viele GIs erlitten durch Agent Orange Gesundheitsstörungen und führten so MONSANTOs patriotischer Beteuerung, der Einsatz des Mittels sei erfolgt, „um das Leben der US-Soldaten und ihrer Verbündeter zu schützen und zu retten“, ad absurdum. Die Armee-Angehörigen zogen vor Gericht, um die Konzerne zur Rechenschaft zu ziehen. 180 Millionen Dollar musste MONSANTO ihnen 1984 gemeinsam anderen Chemie-Riesen im Rahmen eines Vergleichs zahlen und fast die Hälfte der Summe selbst aufbringen, da sein Agent Orange den höchsten Dioxingehalt aufwies. 

VietnamesInnen haben dagegen überhaupt noch kein Geld von den Produzenten der Pestizide erhalten. Eine entsprechende Klage wies der Oberste Gerichtshof der USA im Jahr 2009 ab. Tran To Nga versucht es jetzt in Frankreich. Sie zog gegen MONSANTO und 13 weitere Unternehmen vor Gericht, denn ihr Leben ist durch Agent Orange tief gezeichnet. Die Franco-Vietnamesin leidet unter der Blutkrankheit Alpha-Thalassämie, unter Chlorakne und einer Herzfehlbildung, die sie ihrer ersten Tochter weitervererbte. Schon nach 17 Monaten starb das Kind daran. Auch die anderen beiden Töchter Trans haben an Agent Orange noch schwer zu tragen. 

Den ersten Prozess verlor Tran To Nga. Das Berufungsverfahren ging im August 2024 ebenfalls zu Gunsten der Konzerne aus. Die RichterInnen billigten ihnen einen Immunitätsstatus zu, weil sie im Auftrag eines souveränen Landes – den USA – handelten. Die vietnamesische Regierung reagierte umgehend darauf. „Vietnam bedauert das Urteil des Pariser Berufungsgerichts und hat seine Haltung in dieser Angelegenheit wiederholt zum Ausdruck gebracht. Obwohl der Krieg beendet ist, haben seine schwerwiegenden Folgen weiterhin tiefgreifende Auswirkungen auf unser Land und unsere Bevölkerung, einschließlich der langfristigen und schwerwiegenden Folgen von AO/Dioxin“, hieß es aus Hanoi. 

Tran To Nga ließ sich von der Entscheidung nicht entmutigen. Sie kündigte an, vor das französische Verfassungsgericht zu ziehen. „Es ist nicht nur mein Kampf, sondern auch der von Millionen von Opfern“, sagt sie. 

80 Jahre Kriegsende

CBG Redaktion

Keine Stunde Null für BAYER

Am Tag der Befreiung, der sich am 8. Mai 2025 zum 80. Mal jährte, mussten BAYER und andere deutsche Großunternehmen das Schlimmste befürchten. Die Alliierten betrachteten die Industrie nämlich als willigen Helfer der Nazis. Und „härter als alle anderen trat die IG FARBEN auf“, urteilten sie über den vom Leverkusener Multi mitgegründeten Mörder-Konzern. Aber es sollte anders kommen. Für den Chemie-Riesen schlug keine Stunde Null. Bald schon galt wieder „Business as usual“. Zu einer Aufarbeitung der Vergangenheit fühlte sich die Aktien-Gesellschaft da nicht bemüßigt. Erst seit einigen Jahren ändert sich das – ein bisschen jedenfalls.

Von Jan Pehrke

1945 kam die nationalsozialistische Diktatur zu ihrem Ende. Und das hätte eigentlich auch das Ende für BAYER und die anderen Konzerne bedeuten müssen, die 1925 die I.G. FARBEN gegründet hatten. Diese Gesellschaft bildete nämlich das industrielle Rückgrat des deutschen Faschismus. So erstellte sie die Blaupause für den Vierjahresplan, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft wehrtüchtig machten. Als es dann 1939 soweit war, konnte das Unternehmen die Armee fast alleine ausstatten. Zudem betätigten sich Beschäftigte der Auslandsniederlassungen als Spione und fertigten Karten-Material für Bombenangriffe an. An der Vernichtungspolitik wirkte die I.G. FARBEN ebenfalls mit. Sie errichtete in unmittelbarer Nähe zu Auschwitz ein eigenes Werk, um Zugriff auf ZwangsarbeiterInnen zu haben, während ihre Tochter-Firma DEGESCH den FaschistInnen mit dem Zyklon B ihre grausamste Mordwaffe bereitstellte. „Sollte es zu Wirtschaftsklagen kommen, würde das Material den Verteidigern den Schlaf rauben“, schwante deshalb dem IG-Vorstandsmitglied Georg von Schnitzler.

Das Gesetz Nr. 9 des Alliierten Kontrollrates befasste sich dann auch explizit mit dem Multi. Es wollte dazu beitragen, „dass Deutschland nie mehr zu einer Bedrohung für seine Nachbarn oder den Weltfrieden werden kann (...) unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die IG FARBEN wissentlich und an führender Stelle am Aufbau und der Produktion des deutschen Rüstungspotenzials beteiligt war“. Darum ordnete das Paragraphen-Werk eine Beschlagnahme des Firmen-Vermögens und eine Zerschlagung an.

Paradigmenwechsel

Zu all diesen Maßnahmen kam es jedoch nicht. Das hatte vornehmlich drei Gründe. Zum Ersten änderten sich in den USA die politischen Kräfteverhältnisse. Zum Zweiten unterhielt die US-Industrie umfangreiche Geschäftsbeziehungen zu deutschen Konzernen und verlangte von der Regierung, ihre Absatzgebiete zu sichern statt eine „Tabula rasa“-Strategie umzusetzen. Zum Dritten schließlich spaltete sich die Anti-Hitler-Koalition, und im Kalten Krieg war wieder ein starkes Deutschland gefragt, das als „Frontstaat“ agieren konnte. Und so wandelte sich die Einstellung gegenüber dem Land, das den Kontinent mit einem beispiellosen Vernichtungsfeldzug überzogen hatte. Statt einem „industrial disarmament“ stand jetzt nur noch eine Entflechtung der Wirtschaft auf dem Programm, und selbst diese führten die Alliierten nur halbherzig durch.

Von den ursprünglich geplanten 50 „independent units“ blieben in einem ersten Schritt noch zwölf I.G.-Nachfolger und dann mit BAYER, BASF, HOECHST und CASELLA gar nur noch vier übrig. Damit unterschied sich die Lösung nicht mehr allzu sehr von den Nachkriegsplänen der I.G. selbst, welche vorsahen, den Zentralismus abzubauen und mehr auf Regionalisierungen zu setzen. Das Quartett konnte großzügigerweise mit fast dem gesamten Kapital der in den westlichen Besatzungszonen gelegenen I.G.-Niederlassungen operieren, das Vermögen der 24 in der Sowjetzone gelegenen Firmen-Sitze musste es hingegen abschreiben. Die Westmächte behielten jedoch bloß zehn Prozent des Grundvermögens der I.G. FARBEN ein. BAYER bekam von dem schmutzigen Geld im Mai 1952 mit 387 Millionen D-Mark den höchsten Betrag. Dann folgten die BASF mit 340 Millionen, HOECHST mit 285 Millionen und CASSELLA mit 34 Millionen.

BAYER hatte von der britischen Besatzungsmacht bereits im Juni 1945 die Erlaubnis für das Anlaufen bestimmter Fertigungsreihen erhalten. So verließen bald schon wieder Chlor, Arzneien, Wurmmittel und Kunststoff-Borsten für Bürsten die Anlagen. Dementsprechend stieg die Beschäftigten-Zahl. „Schneller, als sich jemand in der ‚Stunde Null’ hätte vorstellen können, wuchsen Belegschaft und Produktion am Niederrhein wieder an, konstatierte die Firmenchronik „Meilensteine“ zufrieden. Von 1.730 ArbeiterInnen im April 45 auf fast 11.000 im April 46 erhöhte sich der Personalstand. 

„Zu 90 Prozent obsiegt“

Auch persönlich kamen von Schnitzler und seine KollegInnen beim Nürnberger Prozess gegen die I.G. FARBEN glimpflich davon. Insgesamt 23 I.G.-ManagerInnen mussten sich vor den RichterInnen verantworten. Die Anklagepunkte reichten von Planung und Führung von Angriffskriegen und Teilnahme am Massenmord über verbrecherische Experimente an Menschen und Unterhalt eines firmen-eigenen KZs bis hin zu Nötigung zu Zwangsarbeit. Aber Verurteilungen zogen die wenigsten nach sich. So erhielten alle 23 in Sachen „Teilnahme am Massenmord“ Freisprüche. Büßen für das Liefern von Zyklon B an die KZs mussten in anderen Verfahren nur Bruno Tesch und Karl Weinbacher von der DEGESCH-Handelsfiliale TESTA sowie Gerhard Peters als technischer Geschäftsführer der DEGESCH.

Von Schnitzler & Co. versicherten den RichterInnen hingegen, von dem Verwendungszweck des Zyklon B in den Konzentrationslagern nichts gewusst zu haben, und kamen damit durch. Weder der immens steigende Absatz des eigentlich zum Einsatz gegen Schadinsekten bestimmten Mittels ab 1942 noch die Änderungswünsche der Besteller – sie wollten ein geruchsloses Gas, so dass es zunächst unbemerkt ausströmen kann – habe sie stutzig gemacht, beteuerten sie. DEGESCH-Aufsichtsratmitglied Wilhelm-Rudolf Mann, Carl Wurster und Heinrich Hörlein erklärten sich die hohen Liefermengen angeblich mit einer „Insektenplage im Osten“. Selbst die Angestellten vor Ort in Auschwitz auf der Baustelle des I.G.-Werkes – es sollte die größte Chemie-Fabrik in ganz Osteuropa werden – sagten aus, nicht gewusst zu haben, was für ein Stoff in den Gaskammern als Mord-Instrument diente.

Dabei gab es erdrückende Beweise für das Gegenteil, obwohl die I.G. FARBEN 1945 zahlreiche Unterlagen vernichtet hatte. Der frustrierte Chef-Ankläger Josiah E. DuBois Jr. zählt in seinem Buch „The Devil’s Chemists“ einige auf. So räumte Gerhard Peters ihm zufolge bei Vernehmungen ein, Hörlein und Wurster über die vielen Lieferungen nach Auschwitz inklusive der Gaskammern in Kenntnis gesetzt zu haben. Im Prozess selbst nahm er das jedoch wieder zurück. 

Auch zitierte DuBois aus der Aussage des österreichischen Auschwitz-Häftlings Gustav Herzog, wonach dort allen klar war, was passierte. „In der kurzen Zeit, in der ich draußen arbeitete, und in der langen Zeit, in der ich im Büro arbeitete und meine Mitgefangenen mir von den Ereignissen draußen erzählten, gewann ich aus den Gesprächen den hundertprozentigen Eindruck, dass jeder Zivilist auf dem I.G.-Gelände davon wusste. Sie sprachen zynisch von einem ‚Zyklon‘, weil das Gas ‚Zyklon‘ hieß“, gab Herzog zu Protokoll. Und DEGESCH-Beschäftigte waren ebenfalls im Bilde, wie Peter Hayes in seinem Buch über die DEGUSSA, den zweiten DEGESCH-Anteilseigner neben der I.G. FARBEN, darlegt. Peters‘ Geschäftsführer-Kollege Hans-Ulrich Kaufmann machte sogar den Vorschlag, sich sicherheitshalber schriftlich bestätigen zu lassen, dass Zyklon B in den KZs nur bestimmungsmäßig als Biozid Verwendung findet.

Verurteilungen erfolgten nur zu den Anklagepunkten „Zwangsarbeit“ und „Raub und Plünderung“. Freiheitsstrafen von anderthalb Jahren bis zu acht Jahren für 13 I.G.-Manager verhängten die RichterInnen. Aber spätestens nach drei Jahren waren alle wieder frei. „Zu 90 Prozent obsiegt“, lautete deshalb das Fazit von Fritz ter Meer. 1956 kehrte er zu BAYER zurück und übernahm auch gleich den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden, den er bis 1964 innehatte. 

Im Zeichen einer solchen Kontinuität ist an eine Aufarbeitung der Vergangenheit natürlich nicht zu denken. Erste wirkliche Schritte in diese Richtung unternahm der Leverkusener Multi eigentlich erst in diesem Jahrzehnt. Auch zum 8. Mai wurde er aktiv. Auf seine Initiative hin haben 49 Firmen zum 80. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus eine Erklärung veröffentlicht, in der sie sich zu ihrer Mitschuld an der Terror-Herrschaft bekennen. „Deutsche Unternehmen trugen dazu bei, die Herrschaft der Nationalsozialisten zu festigen. Auf ihren eigenen Vorteil bedacht, waren viele Unternehmen und ihre damaligen Akteure verstrickt“, konstatieren die Firmen. Sie ziehen daraus die Lehre, „die Zerbrechlichkeit der Demokratie immer wieder zu erkennen“ und Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu schützen. 

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) begrüßte diese Stellungnahme. Allerdings kritisierte sie den Leverkusener Multi für die nur halbherzige Aufarbeitung seiner Vergangenheit. So widmet er der Zeit des Nationalsozialismus auf seiner Website keinen eigenen Abschnitt. Stattdessen behandelt der Global Player sie als einen Abschnitt der Periode, die er mit dem Jahr 1925 beginnen und 1945 enden lässt. Darüber hinaus spielt der Konzern die aktive Rolle herunter, die die I. G. FARBEN in der Diktatur gespielt hat. Das Regime habe die I.G. „als einen der ‚kriegs- und lebenswichtigen‘ Betriebe der deutschen Wirtschaft“ eingestuft, steht da zu lesen. Dabei war es die Interessensgemeinschaft, die die Blaupause für den Vierjahresplan erarbeitete, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft kriegstüchtig machten. Auch weist die Darstellung viele Lücken auf: kein Wort zu den Wahlkampf-Spenden an die NSDAP, kein Wort zur Einbindung von I.G.-Managern in das NS-System, kein Wort zu Zyklon B und kein Wort zu den medizinischen Experimenten mit KZ-Häftlingen. 

Mit der 1988 publizierten Firmen-Chronik „Meilensteine“ verhält es sich ähnlich. „Die Mobilisierung der Wirtschaft folgte den Plänen der Regierung“, heißt es dort etwa und weiter: „Die Behandlung der Zwangsarbeiter wurde durch staatliche Vorschriften bis ins Detail geregelt“. Auch mit deren Beschäftigung bei der Errichtung einer Produktionsanlage in unmittelbarer Nähe von Auschwitz hatte die I.G. FARBEN angeblich nicht viel zu tun: „Nachdem das Oberkommando der Wehrmacht den Plan für das I.G.-Werk genehmigt hatte, erteilte Göring Himmler den Auftrag, den Bau mit Häftlingen zu unterstützen.“ Und mit der Verurteilung von Fritz ter Meer zu sieben Jahren Haft in Nürnberg hadern die „Meilensteine“ ebenfalls: „In der Industrie war man bestürzt über dieses Urteil. Man wusste, dass ter Meer kein Nazi gewesen war. Alles nur „die Folge einer Zwangslage, in der die meisten nicht anders gehandelt hätten“. 

Überdies tut sich BAYER in der Praxis schwer damit, „die Zerbrechlichkeit der Demokratie immer wieder zu erkennen“ und entsprechend zu handeln, wie Hans van Scharen vom Corporate Europe Observatory dem Konzern auf der letzten Hauptversammlung in Bezug auf Trump vorwarf. Der Global Player unterstützte den Republikaner nämlich im Wahlkampf massiv durch Spenden. Sein Vorstandsvorsitzender nahm sogar als einziger Chef eines DAX-Unternehmens persönlich an der Amtseinführung teil. Dass der Politiker den Klimawandel leugnet, abfällig über Minderheiten spricht, Gerichtsurteile missachtet und an Kongress und Senat vorbeiregiert, stört den Agro-Riesen dabei nicht groß, ist die Aktien-Gesellschaft doch wiederum „auf ihren eigenen Vorteil bedacht“. Sie sieht unter der Trump-Administration bessere Chancen für ein Ende der juristischen Probleme mit Glyphosat als unter den Demokraten. Von Scharens Großvater Karel musste in Auschwitz auf der I.G.-Baustelle Zwangsarbeit leisten, ohne dafür je eine Entschädigung erhalten zu haben. „Aus tragischen historischen Ereignissen wie diesem sollten wir lernen und ähnliche private und kollektive Fehleinschätzungen und Fehler vermeiden“, resümierte Hans van Scharen. Aber gerade das vermisste er beim Leverkusener Multi.  „Leider sehen wir heute, wie BAYER als großes europäisches Unternehmen sich einer neuen und schockierenden Diktatur anbiedert, die sich direkt vor unseren Augen entwickelt: der von Donald Trump in Washington“, hielt der Belgier fest. 

Eine große Resonanz in der Presse erfuhr die von BAYER initiierte Erklärung nicht. Offenbar bestand kein großes Interesse, sich mit der Rolle der Unternehmen in der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen. Nach der Einschätzung von Ulrich Sander, der dem „Verband der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) angehört, ist sogar ein Rollback zu beobachten. Immer mehr Erinnerungsorte tilgen die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus. So schloss die Dortmunder Gedenkstätte Steinwache den Themenraum „Die Schwerindustrie setzte auf Hitler“. „Das politische Engagement der deutschen Großunternehmen beim Aufstieg des Nationalsozialismus wird in der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren eher als gering eingestuft“, lautete die Begründung. Und in Oberhausen verschwand die Losung „Faschismus kommt nicht über Nacht, er wird vom Kapital gemacht“ im Depot.

http://Keine Stunde Null für BAYER

Merz & Co. liefern

CBG Redaktion

Eine gute Wahl für BAYER

Dass die Regierung Merz als offener Sachwalter deutscher Konzerninteressen antreten würde, das wurde allgemein erwartet. Dass die SPD an der Regierung auch das bisschen fortschrittliche Inhalte in ihrem Programm sofort und ohne Bedenken über Bord schmeißen würde, auch. Und trotzdem: Von der Ampel-Regierung in Sachen Dreistigkeit bereits viel gewöhnt, wundert es einen doch, wie offen die Generaloffensive im Dienst der Multis von Schwarz-Rot propagiert wird. Einer der größten Nutznießer: BAYER 

Von Peer Clausen

Klimaschutz sei auch ein konservatives Anliegen, hält die FAZ fest. Deshalb plädiert die Zeitung dafür, der neuen CDU/SPD-Regierung einen gewissen Vertrauensvorschuss zu geben: Das wird schon. Die Wissenschaft bleibt jedoch skeptisch. Sie verweist auf die schon unter der Ampel-Regierung gerissenen Klima-Ziele in den Sektoren „Gebäude“ und „Verkehr“ und sieht jetzt bei Schwarz-Rot kein gesondertes Bemühen, das wettzumachen. „Zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht klar, wie die Bundesregierung das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2045 erreichen will“, konstatiert das Klimarat-Mitglied Marc Oliver Bettzüge, keinesfalls ein Grüner. Der Kölner Professor für Energiewirtschaft war bis 2016 wissenschaftlicher Beirat des CDU-Wirtschaftsrats. 

Und tatsächlich: Bisher klingt das alles ganz und gar nicht fortschrittlich. Unter Klimapolitik verstehen Merz & Co. nämlich die Lippenbekenntnisse zu den Klimazielen, die die Umweltbewegung bereits als unzureichend kritisiert hatte. Erschwerend kommen dann noch Milliardengeschenke an die Energiekonzerne als Anreiz für den „Ausbau erneuerbarer Energien“, neue Gaskraftwerke, die Beibehaltung des Status Quo in Sachen Bahnruinierung mit einem nur vagen Bekenntnis zu einem noch erschwinglichen Deutschlandticket und billige Energie für die Wirtschaft – Stichwort „Industriestrompreis“ – hinzu.

Nach diesem geiern vor allem die Damen und Herren aus den energieintensiven Branchen, das heißt in besonderem Maße die Chemie und damit BAYER. Das Konzept ist simpel: Deckelung des Strompreises auf fünf Cent pro Kilowattstunde für die Industrie durch Subventionen aus Steuergeldern – also weitere Milliardengeschenke an die Großkonzerne. Der „Verband der Chemischen Industrie“ freut sich und fordert: „Jetzt geht es darum, aus guten Absichten konkrete Ergebnisse zu machen.“

Die Aussage von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche: „Deutschland meldet sich zurück“ in diesem Zusammenhang zeigt außerdem, dass es hier nicht nur um simple Subventionen geht.  Der Energiesektor ist auch von strategischem Interesse für die Bundesrepublik: Mittelfristig ist das erklärte Ziel, sich noch deutlich unabhängiger vor allem von russischer Energie, aber auch insgesamt von ausländischen Energie-Importen zu machen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass auch die Rüstungsindustrie und ihre Zulieferer wie Stahl-Unternehmen ausgesprochen energieintensiv sind. 

Eigentlich beabsichtigten CDU und SPD auch, die Stromkosten für Privathaushalte zu senken und schrieben das sogar in ihren Koalitionsvertrag. Diesem Teil des Entlastungspakets stellte sich jedoch die Realität in den Weg. „Der Koalitionsvertrag trifft hier auf die finanzielle Wirklichkeit“, erklärte Reiche. Und der Kanzler erläuterte: „Wenn wir mehr machen könnten, würden wir mehr machen, aber wir müssen auch einen Blick auf den Bundeshaushalt haben“. Diese Entscheidung löste allerdings eine Welle des Protestes aus, weshalb Schwarz-Rot doch noch ein Einsehen haben könnte.

Die Bauernfrage

Unter dem Vorwand, den Bauern und Bäuerinnen zu helfen, plant die Regierung Merz zudem, die Klimaschutzvorgaben für den Agrar-Bereich zu lockern. Zwar wird die Wiedereinführung der Agrardiesel-Subvention tatsächlich eine Entlastung auch für kleinere Höfe bringen, alles in einem werden von den angekündigten Maßnahmen jedoch vor allem die landwirtschaftlichen Großbetriebe profitieren, so wie auch die Ankündigung der Lockerungen bei den Klima- und Umweltschutzbestimmungen den Agrarmultis wie BAYER sehr gelegen kommt. Und der „Industrieverband Agrar“ (IVA), dem auch der Leverkusener Multi angehört, freut sich noch auf ein weiteres Geschenk aus Berlin. „Das europäische Pflanzenschutzrecht ist so streng und damit innovationsfeindlich, dass nur einer von sechs weltweit neu zugelassenen Wirkstoffen auch in der EU genehmigt wird. Zugleich hat die neue Bundesregierung das komplizierte deutsche Zulassungssystem als Nadelöhr identifiziert und will für schnelle Verfahren durch eine, wie es im Koalitionsvertrag heißt, ‚Verschlankung der behördlichen Zusammenarbeit‘ sorgen“, frohlockt der Lobbyverband. Und in der Tat, die Bundesregierung greift hier einen lange gehegten Wunsch des BAYER-Konzerns auf. 

Investitionsbooster 

Als „Investitionsbooster“ bezeichnen die GroßkoalitionärInnen derweil ein weiteres Vorhaben, nämlich die Möglichkeit für Sonderabschreibungen von 30 Prozent für „Investitionsausgaben“. Auch das ist ein freiwilliger Verzicht des Staates auf Steuereinnahmen zugunsten der Großindustrie. Diese darf nun all ihre wegen Finanzierungsbedenken zurückgehaltenen Projekte aus der Schublade holen und auf Kosten der SteuerzahlerInnen realisieren. Nach Berechnungen der Rheinischen Post dürften die deutschen Unternehmen so rund sieben Milliarden Euro sparen.

Der EON-Vorstandsvorsitzende Leonhard Birnbaum zeigt sich dementsprechend zufrieden. „Deutschland kann sich das Wachstums- und Investitionspaket leisten. Allerdings nur, wenn es konsequent investiert wird. Es ist kein Reformersatz. Es ist kein Freibrief für noch mehr Umverteilung“, so frech tönt es aus den Chefetagen, ganz so, als sei dieses Paket kein Milliardengeschenk an die Konzerne, für das andere zahlen müssten.

„Die Wirtschaftslobby war laut und bekommt nun wieder, was sie möchte. 2001 und 2008 wurden die Steuern auf Unternehmensgewinne bereits deutlich reduziert. Jetzt erleben wir eine weitere Runde im Steuersenkungsspiel. Mit weniger Steuern werden sich die Herausforderungen nicht bewältigen lassen“, so fasste Achim Truger (einer der „Wirtschaftsweisen“) die Situation im Gespräch mit der taz treffend zusammen. Die von Olaf Scholz zur Corona-Zeit auf den Weg gebrachte „Bazooka“ mit ihrer Erhöhung der Verlustrücktragsgrenze sowie den erweiterten Abschreibungs- und Steuerstundungsmöglichkeiten erwähnte Truger da noch nicht einmal.

Die damaligen Steuerentlastungen entzogen Bund, Länder und Kommunen enorme Summen und trugen nicht wenig zu der jetzt allseits – und paradoxerweise besonders von der Wirtschaft – beklagten Verrottung Infrastruktur bei. Auch jetzt befürchten Länder und Kommunen wieder Einnahme-Verluste und übten dementsprechend lautstark Kritik. Selbst der Vizefraktionsvorsitzende der Grünen, Andreas Audretsch, findet klare Worte: „Das wird ganz vielen Kommunen in Deutschland das Genick brechen.“ 

Die Gewerkschaft Ver.di forderte zuletzt die vollständige Übernahme der anfallenden Kosten durch den Bund – darauf wird die neue Bundesregierung jedoch sicherlich nicht eingehen. Aber ein paar milde Gaben hat sie schon zugesichert und damit erst einmal für Ruhe gesorgt.

Der Vater der ersten großen Unternehmenssteuerreform von 2001 war übrigens BAYERs ehemaliger Finanzchef Heribert Zitzelsberger. Mit den Worten: „Wir haben mit Herrn Zitzelsberger unseren besten Mann entsandt und gehen davon aus, dass er in unserem Sinn tätig wird“, kommentierte der damalige Vorstandsvorsitzende Manfred Schneider den Wechsel in die Politik. Und das tat Zitzelsberger dann auch nicht zu knapp. Schon bald durfte sich der Leverkusener Multi über eine Rücküberweisung des Finanzamts in der Höhe von 200 bis 300 Millionen Euro freuen. Der damalige nordrhein-westfälische Finanzminister Peer Steinbrück sprach der FAZ zufolge von „gigantischen“ Steuerausfällen und klagte: „Wir zahlen unterm Strich mehr, als wir einnehmen.“ „Keinem der Berliner Großkopfeten hat die deutsche Großindustrie so viel Wohltaten zu verdanken wie Heribert Zitzelsberger“, resümierte die Zeitung.

Aber Veronika Grimm, auch eine sogenannte „Wirtschaftsweise“ und gleichzeitig Aufsichtsrätin bei SIEMENS ENERGY, genügen die Subventionen noch nicht. Sie fordert weitere Deregulierungsmaßnahmen und bedauert, dass das EU-Lieferkettengesetz nicht bereits im Koalitionsvertrag grundsätzlich „hinterfragt“ wurde. Damit tut sie der neuen Regierung jedoch Unrecht, denn Merz bemüht sich in Brüssel redlich um eine Abwicklung, denn damit erledigt sich der Lieferketten-Passus in der Koalitionsvereinbarung von selbst. Dort sollten die EU-Regeln nämlich noch das Vakuum füllen, das das geplante Schreddern des deutschen Lieferketten-Gesetzes hinterlässt. „Darüber hinaus schaffen wir das nationale Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz (LkSG) ab. Es wird ersetzt durch ein Gesetz über die internationale Unternehmensverantwortung, das die Europäische Lieferketten-Richtlinie (CSDDD) bürokratiearm und vollzugskräftig umsetzt“, hatte es da noch geheißen. Wie nötig entsprechende Regelungen sind, zeigt indes ein Blick in BAYERs Lieferkettenbericht, der zahlreiche Verstöße gegen Menschenrechte sowie Arbeitsschutz- und Gesundheitsbestimmungen dokumentiert.

Noch mehr Geschenke

In Sachen „Elektronischer Patientenakte“ will die GroKo den Medizinmultis ebenfalls beispringen und das bisher auf Freiwilligkeit setzende Konzept ab dem 1. Oktober in eine „verpflichtende sanktionsbewehrte Nutzung“ umwandeln. Damit werden die Befürchtungen von DatenschützerInnen wahr, die in der ePA vor allem eine riesige Datensammlung sahen, die den Unternehmen, nicht aber den PatientInnen nützt. Im Koalitionsvertrag nennen die Parteien das dann ein: „offeneres und positiveres Datennutzungsverständnis“. Diese Daten fließen auch dem „Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit“ zu, das sich mit dem „Gesundheitsverhalten“ der Bevölkerung befasst und auf dieser Grundlage „Kosten im Gesundheits- und Sozialsystem zu reduzieren“ versucht. 

Aber das Wohlergehen der Pillen-Riesen liegt Schwarz-Rot auch ganz allgemein am Herzen. „Wir stärken die industrielle Gesundheitswirtschaft, insbesondere die pharmazeutische Industrie und Medizintechnik, als Leitwirtschaft“, bekunden die Parteien im Koalitionsvertrag. Dazu beabsichtigen sie z. B. das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) „mit Blick auf die ‚Leitplanken‘ und auf personalisierte Medizin“ weiterzuentwickeln. Die Leitplanken betreffen die Preise von neuen Pharmazeutika mit gar keinem oder nur geringen Zusatznutzen. Bisher mussten sich diese Minderleister an den Kosten der Vergleichstherapie orientieren. 

Das lohnt sich für die Industrie aber nicht. Deshalb wettert BAYERs Arznei-Chef Stefan Oelrich gegen die Leitplanken für das, was er statt Pharma-Flops „Schritt-Innovationen“ nennt.  „Anreize für die Entwicklung verbesserter Therapie-Ansätze und für weitere Behandlungsoptionen werden vermindert und die Markt-Einführung dieser Schritt-Innovationen in Deutschland gefährdet. Was jetzt verlagert und in anderen Ländern investiert wird, das wird nicht mehr zurückkommen. Das kann nicht der Wunsch der Politik im Sinne einer stabilen Versorgung der Bevölkerung in Deutschland sein“, erklärte er. Die Politik hat seine Signale offensichtlich gehört. 

Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) verhielt sich bisher weitestgehend handzahm gegenüber dem BAYER-Konzern unter Verweis auf die angespannte wirtschaftliche Lage des Unternehmens. Der „Sozialpartner“ BAYER dankt es ihr, indem er die Bundesregierung in Tateinheit mit anderen Firmen zum Großangriff aufs Arbeitsrecht beordert: So will die neue Koalition die bisherige tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden, die in Deutschland mit der Novemberrevolution 1918 erkämpft wurde, durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden ersetzen. Damit wären tägliche Arbeitszeiten von bis zu 12 Stunden möglich, wenn ein entsprechender Ausgleich stattfindet. Besonders die chemische Industrie mit ihrem Schichtsystem, das auf konstante Produktion angewiesen ist, dürfte sich über diese Regelung erheblich freuen. Absehbar ist auch, dass es hier nicht einfach um eine Flexibilisierung geht, sondern um eine schrittweise Aufweichung der bisherigen Maximalarbeitszeiten. Das kritisiert der DGB dementsprechend auch, die Mitgliedsgewerkschaft IG BCE hält sich leider bis dato eher zurück. 

Diese Offensiven gegen erkämpfte Rechte durch die neue Regierung sind dabei im Kontext der internationalen Lage zu sehen: Es geht um die Konditionierung der ArbeiterInnen, das schrittweise Gewöhnen an den „Ausnahmezustand“, das Abtrainieren vom Arbeitskampf und die „Standortstärkung“ gegen den „systemischen Konkurrenten“ China sowie das Ausloten von Handlungsspielräumen gegenüber den USA. Zwar forderten zuletzt einige LobbyvertreterInnen mehr Offenheit gegenüber dem chinesischen Markt, auch aus Angst vor den Unwägbarkeiten, die die brachiale trump`sche Außenhandelspolitik mit sich bringt, aber die Regierung Merz setzt trotzdem weiterhin auf das sogenannte „De-Risking“, also eine Zurückhaltung gegenüber einem Engagement in dem Land, um größere Abhängigkeiten zu vermeiden.

Fazit

Die neue Regierung, so lässt sich wenig überraschend zusammenfassen, handelt also vor allem im Interesse der deutschen Großindustrie und damit auch der BAYER AG. CORRECTIV berichtete bereits Anfang des Jahres über die Lobbyverbindungen von und rund um Friedrich Merz vor allem in die Chemie- und Stahlindustrie hinein, bspw. aus seiner Zeit als Aufsichtsratschef des BAYER-Großaktionärs BLACKROCK Deutschland. Dazu kommen noch seine engen Verbindungen zu BASF aus seiner Zeit bei der Anwaltskanzlei MAYER BROWN und die Kontakte, die er über den CDU-Wirtschaftsrat knüpfte. Auch bei Dinnern, die BAYER ausrichtete, netzwerkte Merz.

Aber es geht nicht nur um seine Person, weder Klingbeil mit seinen engen Kontakten zur deutschen Waffenindustrie noch die restlichen Regierungsmitglieder bilden hier eine Ausnahme. Eine große Koalition für das Kapital also.

BAYER schließt Werk

CBG Redaktion

Keine Pestizide mehr aus Frankfurt

Im Mai 2025 kündigte der BAYER-Konzern die Abwicklung der Cropscience-Niederlassung in Frankfurt und weitere Maßnahmen zur Profitsteigerung der Agro-Sparte an. Die Gewerkschaft protestiert entschieden gegen die Pläne.

Von Jan Pehrke

„Wir werden den Standort nicht aufgeben und kämpfen für die Rechte der Kolleginnen und Kollegen“, mit diesen Worten reagierte die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von BAYER, Heike Hausfeld, auf das Vorhaben des Konzerns, die Cropscience-Niederlassung in Frankfurt abzuwickeln. Sie kritisierte die immer kürzere Abfolge der Veränderungszyklen beim Agro-Riesen und sprach von einem „Zustand des permanenten Ausnahmezustands“. Francesco Grioli vom Vorstand der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE pflichtete ihr bei: „Diese Schließungspläne sind eine Zäsur in der 162-jährigen Konzerngeschichte und stehen im Widerspruch zum erklärten BAYER-Bekenntnis zum Heimatstandort Deutschland.“ Auch die Politik meldete sich zu Wort. „Die Schließung eines hessischen Standorts ist für uns völlig inakzeptabel“, so Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori. „Sie widerspricht den Prinzipien der Sozialpartnerschaft, auf denen unsere Arbeitswelt beruht“, hielt der Sozialdemokrat fest.

BAYER hingegen erklärte: „Wir bekennen uns ausdrücklich zum Standort Deutschland. Um diesem Bekenntnis in Zeiten erheblicher Herausforderungen gerecht zu werden, müssen wir uns jedoch neu ausrichten.“ Einige Krokodilstränen vergoss der Konzern dabei auch über die schwierigen Entscheidungen, „die schmerzhaft für viele Kolleginnen und Kollegen sind“

Für den Entschluss, den Betrieb in Frankfurt mit den 500 Beschäftigten aufzugeben und in Dormagen 200 von 1.200 Arbeitsplätze zu vernichten, machte er vor allem die wachsende Konkurrenz durch preiswertere Pestizide aus China verantwortlich. „In den vergangenen Jahren haben Hersteller von Pflanzenschutzmittel-Generika (Nachahmerprodukte nach Ablauf der Patentfrist, Anm. SWB) in Asien große Überkapazitäten aufgebaut. Sie drängen mit bleibenden Niedrigstpreisen in den Markt, die teilweise unter den Herstellungskosten von Pflanzenschutzmitteln in Europa liegen“, sagte BAYER-Chef Bill Anderson Mitte Mai 2025 bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für das erste Quartal 2025. In seiner Hauptversammlungsrede Ende April hatte er sogar von einem Markt gesprochen, der „zunehmend von Generika aus Asien geflutet wird“. 

Auch über „zunehmende regulatorische Beschränkungen“ klagte der Agro-Riese. Er beanstandete die gestiegenen Ansprüche bei der Genehmigung neuer Mittel und das härtere Vorgehen gegen gesundheitsschädliche alte Mittel. Hier vermisste der Leverkusener Multi in seinen Abrechnungen besonders schmerzlich das wegen seines Gefährdungspotenzials in der EU nicht mehr zugelassene Insektizid MOVENTO und das in den USA wegen eines Übergreifens auf Nutzpflanzen aus dem Verkehr gezogene Herbizid Dicamba.

Zudem, so BAYER, verschärften „nationale Export-Hemmnisse“ die Lage. Die Ampelregierung hatte zwar die Ausfuhr von innerhalb der EU verbotenen Pestiziden in andere Länder nicht generell untersagt, das bis Anfang 2025 „grün“ geführte Landwirtschaftsministerium betrieb in den Augen des Global Players aber Obstruktionspolitik, indem es bestimmte für den Export benötigte Dokumente wie Ursprungszeugnisse nicht ausstellte.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) lässt die vom Vorstand angegebenen Gründe für den Kahlschlag nicht gelten. „Wie immer bei BAYER müssen die Beschäftigten für Management-Fehler büßen“, kommentierte sie die Kürzungspläne. So hat BAYER CROPSCIENCE immer nur auf den von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften Milliardenseller Glyphosat gebaut und die Forschung nach anderen, womöglich sogar weniger gefährlichen Wirkstoffen vernachlässigt. Die Konsequenz: Der Konzern musste hier in Ermangelung neuer Einnahmequellen von der Substanz leben. Stattdessen floss ein Großteil des Geldes der Agrarsparte in die neue und die alte Gentechnik. BAYER habe es nie geschafft, „sich aus der Glyphosat-Abhängigkeit zu lösen, die schon die alte MONSANTO-Führungsriege befallen hatte“, befindet das Manager Magazin dann auch.

„BAYER CROPSCIENCE muss endlich so auftreten, wie es für einen Weltmarktführer angemessen ist“, fordert Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann jetzt. Als Mittel der Wahl dazu hat der Vorstand einen Fünfjahresplan mit einem klaren Planziel auf den Weg gebracht: 3,5 Milliarden Euro mehr Umsatz und eine Milliarde Euro mehr Gewinn bis zum Jahr 2030. 

Am Tag der Bilanzpressekonferenz präsentierte der Global Player im Zuge eines „Investor Updates“ Einzelheiten dazu. Im Pestizidbereich rechnet er nicht mit einem Nachlassen des Preisdrucks. Deshalb greift der Konzern zu drastischen Mitteln wie einer „Straffung des Produkt-Portfolios“ und einer „Optimierung des Produktionsnetzwerks“. Durch die Schließung von Werken wie in Frankfurt und Einschnitte wie diejenigen in Dormagen zeigt er sich entschlossen, binnen fünf Jahren 500 Millionen Euro einzusparen. Statt Massenware beabsichtigt der Agro-Riese nun mehr innovative Produkte herzustellen: „Innovation ist der Schlüssel“.  Ganz ähnlich reagierte er seinerzeit im Kunststoff-Geschäft, als günstige Plaste & Elaste aus Asien seine Gewinn-Bilanz eintrübte. 

Überdies hat BAYER fünfzehn „‚Focus‘ markets“ identifiziert. In diesen Ländern, in denen die Aktiengesellschaft heute schon 70 Prozent ihres Umsatzes macht, will sie ihre Anstrengungen nun noch verstärken. In den 48 Ländern der zweiten Kategorie mit einem Umsatzanteil von 25 Prozent und den über 70 Ländern der dritten Kategorie mit einem Umsatz-Anteil von fünf Prozent plant der Leverkusener Multi hingegen eine Reduzierung der Aktivitäten. Die dortigen Marketing- und Forschungskapazitäten schlägt er den „Focus markets“ zu. Im neuseeländischen Hastings zum Beispiel schloss der Konzern im Juni 2025 schon eine Forschungsstation. Und weiteres Einsparpotenzial eröffnen dann das Outsourcing, das Eingehen von Kooperationen und das Vergeben von Produktionslizenzen an Dritte.

Aber das Unternehmen möchte sich auch neue Märkte jenseits des Pestizid- und Saatgutgeschäfts erschließen. Hierbei setzt es vor allem auf Mittel auf nicht-chemischer Basis – sogenannte Biologika sowie auf Biokraftstoffe. Das alles findet nicht mehr unter der Ägide von Bob Reiter als Forschungsleiter statt. BAYER trennte sich vom MONSANTO-Urgestein und verpflichtete auch einen neuen „Chief Financial Officer“. 

Den BAYER-Beschäftigten stehen unruhige Jahre bevor. Frankfurt, Dormagen und Hastings dürften erst der Auftakt gewesen sein. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN stellt sich in diese Zeiten auf die Seite der Belegschaft und wird ihr Möglichstes gegen die Arbeitsplatzvernichtungspläne der Vorstandsetage tun. 

Die CBG zum Tag der Befreiung

CBG Redaktion

Am heutigen 8. Mai jährt sich der Tag zum 81. Mal, an dem die Alliierten dem Zweiten Weltkrieg und der faschistischen Gewaltherrschaft ein Ende setzten. 

Der BAYER-Konzern hatte einen wesentlichen Anteil an dieser Gewaltherrschaft. Die von ihm mitgegründete I.G. FARBEN diente dem Hitler-Regime durch üppige Parteispenden an die NSDAP als Steigbügelhalter und bildete fortan das industrielle Rückgrat der Diktatur. I.G.-Obere übernahmen wichtige Funktionen im NS-Staat. So fungierten sie beispielsweise als Wehrwirtschaftsführer. Überdies arbeitete die Interessensgemeinschaft die Blaupause für den Vierjahresplan aus, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft kriegstüchtig machten. Als es dann 1939 soweit war, konnte das Unternehmen die Armee fast alleine ausstatten. Im Schlepptau der Raubzüge nahm es sofort die chemischen Anlagen der überfallenden Länder in Beschlag. Zudem betätigten sich Beschäftigte der Auslandsniederlassungen als Spione und fertigten Karten-Material für Bombenangriffe an. 

An der NS-Vernichtungspolitik wirkte die I.G. FARBEN ebenfalls mit. Ihre Tochterfirma DEGESCH lieferte den Nazis mit Zyklon B die grausamste Mordwaffe. Zudem errichtete der Konzern in unmittelbarer Nähe zu Auschwitz ein eigenes Werk, um beim Bau auf ZwangsarbeiterInnen zugreifen zu können. Später unterhielt er in der Nähe der Baustelle sogar ein firmen-eigenes KZ. Damit nicht genug, nutzte die I.G. die Häftlinge auch noch als Versuchskaninchen für medizinische Experimente. 

„Sollte es zu Wirtschaftsklagen kommen, würde das Material den Verteidigern den Schlaf rauben“, schwante deshalb dem I.G.-Vorstandsmitglied Georg von Schnitzler. Und zunächst sah es auch ganz danach aus. Aber es kam anders. Die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse widmeten der I.G. FARBEN zwar einen eigenen Verfahrensstrang, und von den 23 angeklagten Managern landeten auch 13 im Gefängnis, sie mussten ihre Haftstrafen allerdings nicht voll abbüßen. 

Der Anklagepunkt „Teilnahme am Massenmord“ führte für keinen von ihnen zu einer Verurteilung. Die I.G.-Vorstände Carl Wurster, Wilhelm-Rudolf Mann und Heinrich Hörlein sagten vor Gericht aus, von dem Verwendungszweck von Zyklon B nichts gewusst zu haben. Was die florierenden Auschwitz-Geschäfte mit dem Stoff anging, seien sie von einer „Insektenplage im Osten“ ausgegangen, behaupteten Wurster & Co. – und kamen damit durch.

Auch kam es im Zuge des Kalten Krieges nicht wie ursprünglich vorgesehen zu einer radikalen Zerschlagung des Mörder-Konzerns. Es blieb bei einer Entflechtung, die die tragenden Säulen BAYER, BASF und HOECHST unangetastet ließ. Resultat: Kaum 20 Jahre nach dem Neustart erreichten die drei Gesellschaften für sich allein eine Größe, die derjenigen der I.G. FARBEN in ihren besten Zeiten entsprach. 

EU-Mercosur-Abkommen vorläufig in Kraft

CBG Redaktion

Scharfe Kritik vom Netzwerk Gerechter Welthandel

Die Europäische Kommission und die vier Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay werden den Handelsteil des umstrittenen EU-Mercosur-Abkommens ab dem 1. Mai 2026 anwenden. Damit schafft die Kommission Fakten, noch bevor der Gerichtshof der Europäischen Union seine Stellungnahme vorgelegt und das Europäische Parlament sein Votum abgegeben hat. Dabei hatte das Parlament bereits am 21. Januar 2026 beschlossen, das Abkommen dem Gerichtshof zur rechtlichen Prüfung vorzulegen.

Das bundesweite Netzwerk für Gerechten Welthandel und seine Mitgliedsorganisationen schließen sich der transatlantischen Kritik zahlreicher Umwelt-, Landwirtschafts-, Entwicklungs- und Verbraucherverbände an.

„Die Vorab-Inkraftsetzung des umstrittenen EU-Mercosur-Abkommens, ohne die Entscheidung des Europäischen Parlaments und die Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof abzuwarten, ist nicht nur kurzsichtig, sondern demokratieschädlich.“

Ludwig Essig, Koordinator des Netzwerks Gerechter Welthandel

„BAYER, VW, Thyssenkrupp & Co. haben die entsprechenden Sektoren in den Mercosur-Staaten nichts entgegenzusetzen. Darum dürfte sich der Deindustrialisierungsprozess noch einmal beschleunigen, weshalb sich der länderübergreifende lateinamerikanische Gewerkschaftsdachverband CCSCS auch klar gegen den Deal aussprach. Es ist ein Hohn, dass der Handelskontrakt ausgerechnet am 1. Mai vorläufig in Kraft tritt.“

Jan Pehrke (Coordination gegen BAYER-Gefahren)

„Indigene Gemeinschaften drohen zu den größten Verlierern dieses Abkommens zu werden. Während in Europa über wirtschaftliche Vorteile diskutiert wird, nehmen vor Ort Landverlust, Vertreibung und Umweltzerstörung zu. Aus indigenen Territorien wird wirtschaftlicher Profit gezogen, ohne dass die Gemeinschaften fair in Entscheidungen einbezogen werden." 

Jan Königshausen (Referent für Indigene Völker, Gesellschaft für bedrohte Völker) 

Mit der vorläufigen Anwendung des Handelsabkommen leistet die EU-Kommission den Arbeiter*innen beiderseits des Atlantiks einen Bärendienst. Hunderttausende von Arbeitsplätzen im Mercosur stehen auf dem Spiel, während Beschäftigte in der europäischen Landwirtschaft um ihre Existenz bangen. Dieses Abkommen an einem 1. Mai in Kraft zu setzen, ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich für gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne einsetzen. 

Bettina Müller, Referentin für Handels- und Investitionspolitik bei PowerShift e.V.

Zum Hintergrund

Der Gerichtshof der Europäischen Union prüft nach dem Parlamentsbeschluss im Januar drei Kernfragen:

erstens, ob die Aufspaltung des Abkommens in einen Handels- und einen politischen Teil die Beteiligungsrechte nationaler Parlamente umgeht;

zweitens, ob der sogenannte Rebalancing-Mechanismus europäische Umwelt-, Gesundheits- und Verbraucherschutzgesetze unter Druck setzt, weil bereits neue Schutzregeln bei angeblicher Beeinträchtigung von Handelsvorteilen Gegenmaßnahmen auslösen könnten;

drittens, ob dadurch das europäische Vorsorgeprinzip geschwächt wird.

Gerade der Rebalancing-Mechanismus ist hoch umstritten: Er schafft bestehende Standards nicht automatisch ab, kann aber einen erheblichen Abschreckungseffekt auf künftige Gesetzgebung erzeugen. Neue Regeln – etwa zur EU-Entwaldungsverordnung, zu Lieferketten oder Agrarimporten – könnten aus Angst vor Streitverfahren oder handelspolitischen Gegenmaßnahmen verzögert oder abgeschwächt werden.

In der Kritik steht das Abkommen insgesamt wegen drohender Entwaldung und Klimafolgen, wachsendem Preisdruck auf bäuerliche Betriebe, unzureichendem Schutz von Arbeits- und Menschenrechten, möglichem Druck auf Umwelt- und Verbraucherschutzstandards sowie eines wahrgenommenen Demokratiedefizits durch die Vertragsaufspaltung.

CBG reicht Gegenanträge ein

CBG Redaktion

10 Einsprüche gegen BAYERs Profit-Jagd

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) hat zur Hauptversammlung des BAYER-Konzerns, die am 24. April stattfindet, zehn Gegenanträge eingereicht. 

Gleich zwei davon setzen die Verwendung von Glyphosat als Chemie-Waffe auf die Tagesordnung. Im Südlibanon will die israelische Armee mit Hilfe des Herbizids eine menschenleere Pufferzone schaffen. Sie gebraucht die Substanz, um Äcker zu zerstören und den LandwirtInnen so ihre Lebensgrundlage zu nehmen. Dem „Euro-Med Human Rights Monitor“ zufolge fielen dem schon Anbau-Flächen in einer Größenordnung von 9.000 Hektar zum Opfer. 

Das Glyphosat-Vorprodukt Phosphor dient ebenfalls dazu, aus dem Grenzgebiet im Südlibanon eine „Sicherheitszone“ zu machen. Zu weißem Phosphor verarbeitet, steckt es in Artillerie-Geschossen, die in der Luft explodieren und als Rauch- oder Brandbomben wirken. Human Rights Watch dokumentierte eine solche Detonation am 3. März in der Gegend um Yohmor, der eine Aufforderung an die BewohnerInnen der Stadt sowie von 50 Dörfern der Umgebung vorausging, ihre Häuser zu verlassen. „Die brandfördernde Wirkung von weißem Phosphor kann zum Tod oder zu grausamen Verletzungen führen, unter denen die Betroffenen ihr Leben lang leiden“, warnt die Organisation.

Der zweite Gegenantrag zum Thema befasst sich mit Brasilien als Einsatzort von Glyphosat als Chemie-Waffe. Dort lassen GroßgrundbesitzerInnen das Mittel von Flugzeugen oder Drohnen aus versprühen, um Indigene zu vertreiben und sich deren Land anzueignen.

Agrochemikalien widmen sich darüber hinaus noch zwei weitere Gegenanträge der CBG. Einer hat das Gefährdungspotenzial derjenigen Mittel zum Gegenstand, die zu den PFAS gehören, ein anderer beschäftigt sich konkret mit der Pestizid-Nebenwirkung „Parkinson“. Auch zur politischen Landschaftspflege des Leverkusener Multis bei der EU in Brüssel und dem vom Konzern mit besonderem Lobby-Einsatz bedachten EU-Mercosur-Vertrag legte die Coordination Gegenanträge vor. Zusätzliche stellte sie zu den von BAYER bis in die 1970er Jahre hinein betriebenen Arznei-Tests mit Heimkindern, den Aufsichtsratswahlen und den virtuellen Hauptversammlungen, zu denen die CBG keinen Anlass mehr sieht.

„Unsere Gegenanträge greifen die unterschiedlichsten Missstände auf, eines aber verbindet diese: Sie sind zurückzuführen auf BAYERs gnadenlose Profit-Jagd“, so Brigitte Hincha-Weisel vom Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren abschließend.

Kundgebung zur BAYER-Hauptversammlung

CBG Redaktion

BAYERs Hauptversammlung naht. Am. 24. April ist es wieder so weit. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) steckt mitten in den Vorbereitungen. Wir tun alles dafür, damit der Leverkusener Multi sich an dem Tag wieder mit einer kraftvollen Konzern-Kritik konfrontiert sieht, obwohl er sich davor mit einer Hauptversammlung im Online-Format zu wappnen gedenkt. 

Dazu brauchen wir bei der CBG aber Unterstützung. Wir wollen trotz allem auch Protest in Präsenz zeigen und halten vor der Unternehmenszentrale eine Kundgebung ab. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) hat ihr Kommen bereits angekündigt. Auch Vertreter*innen des „Vereins zum Erhalt der Nutzpflanzen-Vielfalt“ (VEN) und von IFOAM, der „Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbau-Bewegungen“, stoßen wieder mit dazu. 

Das Schwerpunkt-Thema der CBG dieses Mal: „Glyphosat als Chemie-Waffe“. Neben allem anderen gehört das Herbizid nämlich auch noch zu den Dual-Use-Gütern. Momentan kommt es im Nahost-Krieg zum Einsatz. Und in Brasilien lassen Großgrundbesitzer*innen Glyphosat versprühen, um Indigene zu vertreiben und sich deren Land anzueignen. Dazu werden CBG-Aktivist*innen sprechen. Zu dem Krieg, den BAYER gegen die Natur führt, wird es ebenfalls eine Rede geben. Die Eingriffe zu ihrer „Verbesserung“ mittels Gen-Manipulationen stehen im Mittelpunkt eines weiteren Beitrags. 

Die Redeliste ist noch nicht geschlossen. Bei Interesse bitte bei der CBG melden.

Also kommt zahlreich! Stellt den BAYER-Konzern bei seiner Flucht ins World Wide Web durch Protest in Präsenz! 
Kundgebung vor der Konzernzentrale: 24.04.2026
10.00 Uhr
Kaiser-Wilhelm-Allee 3, Leverkusen
S-Bahn-Haltestelle Leverkusen-Chempark
Wegbeschreibung: die Otto-Bayerstr. hochgehen, nach rechts in die Düsseldorferstr. einbiegen und dann die erste Straße links
Die Stiftung GEKKO unterstützt die Aktionen.