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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

[Brief an EU] Bienensterben

CBG Redaktion

EU Kommission
Generaldirektion SANCO
Director General Robert Madelin

Bienensterben in Süddeutschland

Sehr geehrter Herr Madelin,
in Baden-Württemberg und Bayern kam es im April/Mai 2008 nach der Aussaat von Clothianidin-behandeltem Mais zu einem großflächigen Bienensterben. Mindestens 700 Imker verloren ihre Bestände ganz oder teilweise, insgesamt rund 11.500 Völker. Der Bestand wildlebender Insekten ging ebenfalls stark zurück. Das Insektizid Clothianidin (Produktnamen: Elado, Poncho) wird von der Firma Bayer CropScience hergestellt. Der Wirkstoff wird vor allem im Mais- und Rapsanbau verwendet.
Nach Aussage des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen (Julius Kühn-Institut, JKI) ist „eindeutig davon auszugehen, dass Clothianidin hauptsächlich für den Tod der Bienen vor allem in Teilen Baden-Württembergs verantwortlich ist“. Das JKI untersuchte 66 tote Bienen und wies in 65 Fällen den Wirkstoff Clothianidin nach. In den 14 Bienenproben aus Bayer fand das JKI in sämtlichen Fällen Clothianidin. Die Bienenschäden können laut JKI „nicht mit dem Auftreten von Bienenkrankheiten erklärt werden“.
Durch das großflächige Bienensterben wurde die von Bayer-Vertretern stets vorgebrachte Aussage, dass Beizmittel wie Clothianidin und Imidacloprid nicht direkt mit Bienen in Kontakt kämen, widerlegt. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) reagierte und verbat am 16. Mai die Anwendung von acht Beizmitteln, darunter Imidacloprid und Clothianidin, mit sofortiger Wirkung.
Vertreter von Bayer versuchen, das Bienensterben als einmaligen Vorgang darzustellen, der auf einen fehlerhaften Abrieb der Wirkstoffe bei der Mais-Aussaat zurückzuführen sei. Dabei hatte Dr. Richard Schmuck von Bayer CropScience bei einem Expertengespräch des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums am 8. Mai eingeräumt, dass auch bei einer ordnungsgemäßen Aussaat mit einem Clothianidin-Abrieb zu rechnen sei.
Schon im Jahr 2003 hatte ein Untersuchungsbericht der französischen Regierung festgestellt: „Was die Behandlung von Mais-Saat mit Imidacloprid betrifft, so sind die Ergebnisse ebenso besorgniserregend wie bei Sonnenblumen. Der Verzehr von belasteten Pollen kann zu einer erhöhten Sterblichkeit von Pflegebienen führen, wodurch das anhaltende Bienensterben auch nach dem Verbot der Anwendung auf Sonnenblumen erklärt werden kann“. Imidacloprid und Clothianidin gehören zur Substanzklasse der Neonicotinoide und sind chemisch verwandt. Beide Wirkstoffe wurden in Frankreich im Mais-Anbau verboten bzw. erhielten keine Zulassung.
Hierzu stellen wir folgende Fragen:
1. Clothianidin und Imidacloprid werden als „bienengefährlich“ eingestuft. Dennoch kam die EU im Zulassungsverfahren für Clothianidin zu dem Schluss, dass durch die Anwendung des Mittels keine Risiken für Bienen entstehen. Diese Aussage wurde spätestens durch das aktuelle Bienensterben widerlegt. Teilt die EU-Kommission die Meinung, dass die Zulassung für beide Wirkstoffe zurückgezogen werden muss?
2. Wurden die Ergebnisse des Untersuchungsberichts “Imidaclopride utilisé en enrobage de semences (Gaucho) et troubles des abeilles“ des Comité Scientifique et Technique (CST) bei der EU-Zulassung von Imidacloprid und Clothianidin berücksichtigt? Warum hat die EU nicht das französische Vorsorgeprinzip übernommen?
3. Aus Italien und Slowenien werden ebenfalls Bienensterben durch Clothianidin gemeldet, Slowenien hat die Verwendung des Wirkstoffs verboten. Gab es in den vergangenen fünf Jahren weitere Fälle von Bienensterben durch Neonicotinoide in EU-Mitgliedsländern?
4. Der Clothianidin-Umsatz betrug im vergangenen Jahr 237 Mio Euro, der von Imidacloprid über 500 Mio Euro. Der Hersteller will daher ein dauerhaftes Verbot unbedingt verhindern. In welcher Weise ist Bayer bei der EU vorstellig geworden?

Mit freundlichen Grüßen,

Philipp Mimkes
Coordination gegen BAYER-Gefahren
www.CBGnetwork.org
Tel 0211-333 911, Fax 0211-333 940

Beirat
Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker, ehem. MdB, Burgwald
Dr. Sigrid Müller, Pharmakologin, Bremen
Prof. Dr. Anton Schneider, Baubiologe, Neubeuern
Prof. Jürgen Junginger, Designer, Krefeld
Dr. Erika Abczynski, Kinderärztin, Dormagen
Eva Bulling-Schröter, MdB, Berlin
Dr. Janis Schmelzer, Historiker, Berlin
Wolfram Esche, Rechtsanwalt, Köln
Dorothee Sölle,Theologin, Hamburg (gest. 2003)

Agrogifte

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Information vom 23. Juni 2006

umstrittene Menschen-Versuche mit Agrogiften:

US-Regierung spricht Regeln für Pestizid-Tests mit Industrievertretern ab

Die US-Regierung hat im vergangenen Jahr mit Vertretern der chemischen Industrie die Gesetzgebung zu Menschenversuchen mit Pestiziden abgesprochen. Dies belegen Gesprächsprotokolle, die von dem Umweltverband Public Employees for Environmental Responsibility (PEER) veröffentlicht wurden. Demnach griff die Administration verschiedene Wünsche der Pestizid-Hersteller auf. Insbesondere wurde in dem Anfang des Jahres vorgelegten Gesetz die Möglichkeit eröffnet, Versuche auch an Kindern und schwangeren Frauen durchzuführen. Dies war zuvor nicht nur von Umweltverbänden, sondern auch vom amerikanischen Kongress abgelehnt worden.

An dem Treffen am 9. August 2005 nahmen neben Vertretern der Regierung und der Umweltbehörde EPA auch der amerikanische Verband der Pestizid-Produzenten, CropLife, sowie der BAYER-Konzern teil. BAYER, führender Produzent gefährlicher Agrogifte, drängt seit Jahren darauf, Versuche mit Pestiziden direkt am Menschen durchführen zu dürfen.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „BAYER nahm als einziges Unternehmen an dem Treffen mit der US-Regierung teil. Dies belegt, dass der Konzern zu den treibenden Kräften bei der Zulassung dieser hochgefährlichen Tests gehört. Zynischer Weise ist das Ziel dieser Versuche die Lockerung der Pestizid-Grenzwerte in der Nahrung“.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren bezeichnet den übermäßigen Einfluss großer Unternehmen auf Gesetzgebungsverfahren als undemokratisch. „Es ist nicht hinnehmbar, dass die amerikanische Regierung die Wünsche der Pestizid-Hersteller aufgreift, während Umweltschützer und Gewerkschaften außen vor bleiben“, so Mimkes weiter.

Die Clinton-Regierung hatte der EPA verboten, die Ergebnisse solcher Versuche zu verwenden. Ebenfalls unter Clinton hatte der US-Kongress mit dem „Food Quality and Protection Act“ strengere Grenzwerte für Pestizide in der Nahrung erlassen. Gerade deutsche Chemiefirmen wie BAYER und BASF wollen die schärferen Grenzwerte zu Fall bringen.

Mit den geplanten Menschenversuchen verstoßen BAYER und andere Pestizid-Hersteller auch gegen den Nürnberger Kodex von 1947, der Tests an Menschen nur dann zulässt, wenn „Ergebnisse für das Wohl der Gesellschaft“ zu erwarten sind. Weder den Versuchspersonen noch der Allgemeinheit dienen die Versuche hingegen. „Bayer hat wohl verdrängt, dass der Kodex das Ergebnis der grauenvollen Menschenversuche im Dritten Reich war, zu deren Auftraggebern damals auch BAYER gehörte“, so Philipp Mimkes. „Es ist nicht akzeptabel, dass ein Chemie-Gigant wie BAYER hochgefährliche Pestizide an Menschen ausprobiert“, ergänzt Richard Dixon, Forschungsleiter der internationalen Umweltschutzorganisation Friends of the Earth. „Schlimmer ist aber noch der Versuch, die internationale Ächtung solcher Tests auszuhebeln.“

weitere Informationen:
Protokolle der Gespräche von US Regierung und Pestizidindustrie (engl.)
Umstrittene Menschenversuche (Spiegel Online)
Bayers Menschen-Pestizidtests (taz)
US-Umweltbehörde erlaubt Pestizidversuche am Menschen (Die Welt)

Levitra

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Presse-Info vom 19. Juni 2006

„Unlautere Werbe-Aktionen für Levitra sofort stoppen!“

Potenz-Pille an Fußballfans verteilt / brasilianische Behörden ermitteln

Der BAYER-Konzern lässt in Rio de Janeiro Proben seines Potenz-Mittels Levitra an Fußballfans verteilen. Brasilianische Gesundheitsbehörden kritisieren die Aktion, da das Präparat ohne medizinische Aufsicht ausgegeben wird. Dem Unternehmen droht eine Strafe von 1,5 Millionen Real (600.000 Euro).

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „BAYER muss diese unlauteren und gefährlichen Werbe-Aktionen sofort unterbinden. Die Einnahme von Levitra kann schwere Nebenwirkungen verursachen. Es ist absolut unverantwortlich, ein Medikament wie Lutschbonbons unter die Leute zu bringen“. Die Einnahme von Levitra kann zu Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen und in schweren Fällen zu Erblindung führen.

Die Verkaufserlöse von Levitra bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Prognostiziert wurden einst eine Milliarde Euro jährlich, im vergangenen Jahr waren es gerade einmal 260 Millionen Euro. BAYER reagiert darauf mit dubiosen Werbe-Kampagnen, die bereits in mehreren Ländern verboten wurden. „Die Aktionen in Brasilien zeigen einmal mehr, dass Werbung für Pharmazeutika streng reglementiert und größtenteils verboten werden muss. Die Information über Medikamente gehört in die Hände von Ärzten und unabhängigen Prüfern – nicht in die der Verkäufer“, so Mimkes weiter.

Erst kürzlich hatte BAYER in Australien nach Protesten von Ärzten eine Marketing-Kampagne für Levitra stoppen müssen. Im vergangenen Jahr musste der Konzern in den USA eine TV-Werbung für das Präparat wegen irreführender Angaben und fehlender Warn-Hinweise stoppen. Auch in Deutschland behilft sich BAYER zweifelhafter Marketing-Methoden: so wurde über das unseriöse „Institut für Gesundheitsberatung“ die sogenannte „Levitra-Studie“ verbreitet, die in der irrsinnigen Aussage gipfelte, dass „Potenzprobleme in Deutschland über 60 Milliarden Euro Schaden verursachen“. In Broschüren, mit denen Pharmareferenten über neue Produkte informieren, stellte BAYER die schnelle und lange Wirksamkeit von Levitra heraus - verschwieg aber, dass sich diese Aussage auf Tests mit betäubten Hasen bezog.

Hubert Ostendorf von der Coordination gegen BAYER-Gefahren kritisiert die Flut sogenannter „Lifestyle-Medikamente“ grundsätzlich: „Während jede Bagatelle zum profitträchtigen Makel erklärt wird, fordern Krankheiten wie Malaria und Bilharziose Millionen von Opfern. Die Pharmamultis arbeiten nicht gegen die Geißeln der Menschheit, sondern nur für ihre Dividende“, so Ostendorf.

weitere Informationen:
Bayer: La agencia brasileña encargada del control sanitario predispuso una indagatoria
Australien: Umstrittene Marketing-Methoden für LEVITRA untersagt
FDA Orders Levitra Ad Off the Air

[Übern. Schering] Übernahme Schering

CBG Redaktion

FR, 4. Juli 2006

Bayer hält Jobabbau bei Schering für möglich

Bei der Fusion des Pharmakonzerns Bayer mit dem Berliner Konkurrenten Schering müssen sich die Beschäftigten nach wie vor auf Entlassungen gefasst machen. Bei einem Spitzengespräch mit Betriebsräten vermied Personalchef Richard Pott allerdings konkrete Aussagen zur geplanten Streichung von 6000 Arbeitsplätzen.

Berlin - Kündigungen sollen bei der Verschmelzung von Bayer und Schering nur das äußerste Mittel sein. Dies hat nach Angaben von Schering-Betriebsratschef Norbert Deutschmann der Bayer-Vorstand versichert. Zuvor würden alle anderen Mittel zur „Beschäftigungssicherung“ ausgeschöpft. Dazu gehörten Altersteilzeit, Versetzungen oder interne Job-Agenturen.

Grundlage für Kooperation
Die Sorgen der Schering-Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze seien in Leverkusen angekommen, so Deutschmann. Das Gespräch in der Konzern-Zentrale von Bayer werte man „als einen Schritt aufeinander zu und als Grundlage für eine kooperative Zusammenarbeit“. Anfang August sollen die Gespräche über den Jobabbau als Folge der Pharma-Ehe fortgesetzt werden. Eine gemeinsame Kommission soll über die Kürzungen vor einem Beschluss beraten.

Der Schering-Betriebsrat fordert vor allem, dass bei dem Aderlass Entlassungen vermieden werden. Absolute Schmerzgrenze für einen sozial verkraftbaren Stellenabbau in der Hauptstadt seien maximal 500 Jobs bis 2010. Derzeit beschäftigt Schering noch 5600 Menschen an der Spree und rund 9000 bundesweit. Weltweit arbeiten 25 000 Frauen und Männer für den Weltmarktführer bei Antibabypillen. Deutschmann betont, dass die Schering-Beschäftigten schon durch die vor zwei Jahren gestartete Sparwelle große Belastungen aushalten mussten. Durch die zusätzliche Steigerung der Rendite sollte die Unabhängigkeit gesichert werden. Dazu wurden trotz hoher Gewinne weiterhin Stellen besonders in Deutschland gestrichen. Letztlich schützte aber auch der gestiegene Aktienkurs Schering nicht vor den Übernahmeangeboten von zunächst Merck und dann Bayer.

Höhere Rendite
Bayer-Chef Werner Wenning will durch die Pharma-Ehe die Umsatzrendite vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen von 19 auf 25 Prozent erhöhen. Dazu sollen Einspareffekte von jährlich 700 Millionen Euro beitragen, die besonders durch den Stellenabbau entstehen sollen.

Zunächst wird die Kappung von 6000 Stellen den Konzern aber rund eine Milliarde Euro kosten. Bayer zahlte für die Übernahme fast 17 Milliarden Euro, die vor allem über Kredite sowie Teilverkäufe finanziert werden sollen. Thomas Wüpper

22.06.2006

Schering Betriebsrat setzt Bayer Frist bis 29.Juni

Der Betriebsrat der Schering AG, Berlin, hat der Führung des Bayer-Konzerns eine Frist bis 29. Juni gesetzt, um die Zukunftsängste der Schering-Mitarbeiter auszuräumen. „Der Frust ist sehr hoch“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Norbert Deutschmann am Donnerstag am Rande einer Betriebsversammlung. Zumindest müsse die Bayer AG, die Schering in ihren Konzern integrieren will, zusagen, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen gebe. Auf der Versammlung machten rund 2.000 Mitarbeiter ihrem Frust über die Unsicherheit Luft, in der sie nach Deutschmanns Angaben seit Monaten gelassen werden. Weltweit soll die Übernahme zum Abbau von 6.000 Stellen führen. Der Bayer-Vorstandsvorsitzende Werner Wenning hatte am Vortag bei der Besiegelung der Übernahme erklärt, betriebsbedingte Kündigungen seien nur die „ultima ratio“. Der Schering-Arbeitnehmervertreter interpretierte dies aber nicht als Ausschluss der Maßnahme, sondern als Formulierung, die lediglich die Gesetzeslage widerspiegelt, nach der ohnehin zuvor alle anderen Mittel zur Sanierung ausgeschöpft sein müssten. Der Schering-Vorstandsvorsitzende Hubertus Erlen habe auf der Betriebsversammlung „nicht viel Neues“ gesagt, sagte Deutschmann. Vor allem hätten konkrete Aussagen zur Zukunft der Arbeitsplätze gefehlt. Das Äußerste, was die Arbeitnehmer in Berlin hinnehmen würden, wäre der sozial verträgliche Abbau von 500 Stellen bis 2010, meinte Deutschmann. Als weitere Forderungen nannte der Betriebsratsvorsitzende den Erhalt der bei Schering üblichen sozialen Standards, die Transparenz der Unternehmensentscheidungen und die Offenlegung aller eventuellen Absprachen mit dem gescheiterten Übernahme-Bewerber Merck KGaA. Erlen habe allerdings auf der Betriebsversammlung die Existenz solcher Absprachen, etwa über Kooperationen in bestimmten Bereichen, dementiert. Deutschmann verlangte vor allem, dass den Arbeitnehmern bis zum Beginn der Sommerferien konkrete Perspektiven für ihre Arbeitsplätze eröffnet würden. „Ob die Situation sich zuspitzt, das liegt jetzt bei Bayer“, sagte er. Die Frage, ob und wenn ja, welche Maßnahmen die Belegschaft ergreifen wolle, wenn sich Bayer nicht bis zum 29. Juni äußern sollte, beantwortete Deutschmann nicht.

Berliner Zeitung, 13.06.2006

„Die Headhunter sind schon unterwegs“

Herr Deutschmann, die Schering-Übernahme durch Bayer steht auf der Kippe, weil Konkurrent Merck massenhaft Schering-Aktien kauft. Welche Motive hat Merck?
Ich denke, Merck will daraus einen finanziellen Vorteil ziehen. Auf jeden Fall bedeutet die derzeitige Entwicklung noch mehr Ungewissheit für uns.

Was könnte Schering denn passieren, wenn Bayer nicht zum Zuge kommt?
Das Horrorszenario wäre natürlich, dass Schering zerschlagen wird. Die sehr optimistische Variante wäre, ein gewisses Maß an Selbstständigkeit zu erhalten. Dazwischen liegt ein breites Feld.

Wenn es zur Übernahme von Bayer kommt, sollen rund zehn Prozent der Stellen im neuen Unternehmen wegfallen. Befürchten Sie, dass die Bieterschlacht noch mehr Jobs gefährdet?
Auf jeden Fall! Weil die Erwartungen, für den Verkauf von Schering-Aktien noch mehr herauszuschlagen, steigen. Höhere Preise bedeuten höhere Kosten, höhere Kosten müssen wieder hereingespielt werden. Daraus folgen höhere Einsparungen - und das gefährdet in der Regel noch mehr Arbeitsplätze. Die Zeche nachher sollen die Arbeitnehmer zahlen.

Was kann man dagegen tun?
Wir können nur appellieren an die Vernunft der Akteure. Egal, wer die Schering-Aktien nachher besitzt, der Wert von Schering steckt in den Patenten und Köpfen der Mitarbeiter. Und wenn die Motivation sinkt oder Mitarbeiter Schering verlassen, dann nimmt das Unternehmen Schaden. Daran kann kein künftiger Erwerber ein Interesse haben.

Gibt es denn bereits die Tendenz, dass Top-Leute Schering verlassen?
Die Headhunter sind schon unterwegs und versuchen unsere Leute abzuwerben. Die Frage ist, wann sind die Leute bereit, darauf einzugehen. Wenn sie bei Schering eine Perspektive sehen, dann bleiben sie auch.

Haben Sie noch Hoffnung, dass Bayer die 75 Prozent erreicht?
Ich hoffe, dass Merck letztlich Verantwortung zeigt und nicht nur kurzfristige Interessen hat. Es geht auch um den Pharmastandort Deutschland, der durch die Bieterschlacht weiter geschwächt werden könnte.
Das Gespräch führte Peter Kirnich.

taz, 14. Juni 2006

Schering nur zu Mondpreisen zu haben

Der Übernahmepoker um den Pharmakonzern Schering entscheidet sich heute. Die Darmstädter Firma Merck hat immer mehr Schering-Aktien gekauft - und treibt damit den Preis für die Bayer-Gruppe in die Höhe. Die Belegschaft muss die Zeche zahlen
VON RICHARD ROTHER

Für Berlin und Schering wollten sie nur das Beste, erläuterten die Vertreter des Darmstädter Familienunternehmens Merck wortreich, als sie im März im feinen Hotel Adlon ihre Übernahmepläne den Journalisten erklärten. Nachdem der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer die Merck-Offerte deutlich überbot, erweisen sich heute die Merck-Manager als das, was sie möglicherweise von Anfang an waren: Spekulanten. Heute um 24 Uhr endet die Frist für die Schering-Anleger, das Bayer-Angebot anzunehmen. Merck hatte sich in den vergangen Tagen mit immer mehr Schering-Aktien eingedeckt - vermutlich, um von Bayer Preis- oder weitere Zugeständnisse verlangen zu können. Die Spekulationsmasse ist die Weddinger Pharmafirma .

Denn Bayer muss bis heute Abend 75 Prozent der Schering-Aktien halten. Andernfalls scheitert die Übernahme, aus der die neue Bayertochter Bayer Schering Pharma mit Sitz in Berlin werden soll. Das wissen natürlich auch die Merck-Manager, die bislang mehr als 20 Prozent der Aktien zusammenkauften. Damit haben sie ein Pfund in der Hand, mit dem sie bis heute Abend wuchern können. Entweder, Bayer legt auf sein Angebot in Höhe von 86 Euro je Schering-Aktie noch etwas drauf. Oder aber Bayer bietet den Merck-Managern Teile des gewinnträchtigen Schering-Geschäfts an - etwa Patente, neu zu entwickelnde Medikamente oder ganze Sparten. Gestern schloss Bayer bereits nicht mehr aus, auch einen höheren Preis, als bislang geboten, für Schering zu zahlen.

Verlierer dieses spekulativen Übernahmepokers ist in jedem Fall Schering. Im schlimmsten Fall würde Schering nicht nur von den Leverkusenern geschluckt, sondern zerlegt und teilweise verkauft. Im - nach Lage der Dinge - weniger schlimmen Fall kostet Bayer die Schering-Übernahme nur mehr Geld. Geld, das auf den Konten der Merck-Besitzer landet. Auch dies wird in Berlin zu spüren sein, denn Bayer muss die Übernahme refinanzieren - bislang soll sie 16,5 Milliarden Euro kosten. Die Folge werden weitere Einsparungen sein, auch bei den Personalkosten. Schon jetzt steht jede zehnte Stelle bei Schering durch die Übernahme zur Disposition. Sollte die Übernahme noch teurer werden, dürften weitere hinzukommen.

Bei Schering, dem einzigen Dax-Unternehmen Berlins, herrscht schlechte Stimmung. Die Hängepartie zerre an den Nerven der Beschäftigten, „die Belastung nimmt zu“, sagt Schering-Betriebsratschef Norbert Deutschmann. Die Beschäftigten fühlten sich wie Schachfiguren.

„Der Schering-Übernahme-Poker zwischen Bayer und Merck droht für den Standort Berlin zur Tragödie zu werden“, befürchtet auch die Grünen-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl, Franziska Eichstädt-Bohlig. Deutschland brauche Regeln, um feindliche Übernahmen und Zerschlagungen durch Finanztransaktionen einzudämmen. Da weder die rot-grüne noch die schwarz-rote Bundesregierung in diesem Sinne vorangekommen sind, bleibt Eichstädt-Bohlig nur ein moralischer Appell: „Ich appelliere an die Firma Merck ebenso wie an die Schering-Aktionäre, nicht nur die Steigerung der Kapitalrendite im Auge zu haben, sondern auch die eigene gesellschaftliche Verantwortung für Unternehmenskultur, Arbeitsplätze und Standortsicherheit.“

Wie attraktiv Schering für Investoren ist, zeigen die Zahlen des ersten Quartals dieses Jahres. In den ersten drei Monaten 2006 stieg der Gewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 Prozent auf 174 Millionen Euro. Der Umsatz kletterte um 16 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.

12. Juni 2006

Schering-Betriebsrat befürchtet weiteren Stellenabbau

BERLIN --Der Betriebsratsvorsitzende der Schering AG, Norbert Deutschmann, befürchtet wegen der neu entfachten Bieterschlacht um das Unternehmen einen weiteren Stellenabbau. „Jetzt sind noch mehr Arbeitsplätze in Gefahr“, sagte Deutschmann der Berliner Tageszeitung „BZ“ (Montagausgabe). Durch das Vorgehen der Merck KGaA dürften die Kosten für eine Übernahme steigen. „Und das bedeutet in der Regel, dass diese Kosten die Arbeitnehmer tragen sollen und weitere Jobs wegfallen würden“, warnte Deutschmann.

Schering wollte zunächst keinen Kommentar zu den jüngsten Entwicklungen abgeben. „Wir nehmen das zur Kenntnis“, sagte die stellvertretende Sprecherin Verena von Bassewitz am Montag. Kurz vor dem Fristablauf für das Übernahmeangebot von Bayer hatte sich der Bieterkampf um Schering in den vergangenen Tagen zugespitzt. Die im Bieterstreit unterlegene Darmstädter Merck-Gruppe stockte ihren Schering-Anteil von 5% auf bisher knapp 19% auf und setzte damit ein großes Fragezeichen hinter die schon sicher geglaubte Übernahme Scherings durch den Bayer-Konzern.

12. Juni, Netzeitung

Bayer bei Schering auf Hedgefonds angewiesen

Heimlich und still hat sich Merck mit Schering-Anteilen eingedeckt - für eine Sperrminorität fehlt nicht mehr viel. Die entscheidende Rolle im wieder entfachten Übernahmekampf spielen jetzt die Hedgefonds.

Der im Übernahmekampf um Schering unterlegene Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck liefert sich mit dem Rivalen Bayer einen heftigen Schlagabtausch. Der Darmstädter Konkurrent hält nach eigenen Angaben derzeit mehr als 18 Prozent an Schering und hat damit seinen Anteil deutlich aufgestockt.
Merck versucht offenbar, eine Sperrminorität von 25 Prozent zu erreichen und damit die Übernahme durch Bayer faktisch zu verhindern. Die Frist zur Annahme des Übernahmeangebots des Leverkusener Konzerns läuft noch bis zu diesem Mittwoch.

Hedgefonds halten 20 Prozent
Bayer hatte sich als so genannter Weißer Ritter in den Übernahmekampf zwischen Schering und Merck eingeschaltet und mit 86 Euro je Aktie deutlich mehr geboten als Merck. Das Schering-Management empfahl daraufhin den eigenen Aktionären, das Angebot von Bayer anzunehmen.
Um die notwendigen 25 Prozent der Anteile zu erhalten, könnte das Darmstädter Familienunternehmen mit Hedgefonds zusammen gehen und die Bayer-Pläne mit Schering durchkreuzen oder eine Übernahme durch die Leverkusener in die Länge ziehen. Nach Angaben aus Branchenkreisen halten Hedgefonds bereits rund 20 Prozent an dem Berliner Unternehmen.
Unter den Schering-Großaktionären hatte zuletzt der Münchener Versicherungskonzern Allianz seinen Anteil von elf Prozent an Bayer verkauft. Eigenen Angaben zufolge erwarb Bayer am Aktienmarkt zuletzt zudem 23,09 Prozent der Schering-Aktien zu Preisen von je 84,71 bis 86 Euro. Der Leverkusener Konzern hält damit derzeit mehr als 61 Prozent an Schering.

Frist läuft bis Mittwoch
Bis Mittwoch muss eine Mindestannahmeschwelle von 75 Prozent erreicht werden, damit die Schering-Übernahme zu Stande kommt. „Wir halten uns alle Optionen offen“, sagte ein Sprecher von Merck. In Unternehmenskreisen hieß es jedoch, dass Merck nicht mehr damit rechne, Schering komplett übernehmen zu können. Es werde vielmehr darauf spekuliert, dass Bayer sein Angebot nochmals anhebt.
Beim Schering-Betriebsrat wächst angesichts des neu entflammten Übernahmekampfs die Sorge, der Stellenabbau könnte höher ausfallen als bisher geplant: „Jetzt sind noch mehr Arbeitsplätze in Gefahr“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Norbert Deutschmann der Berliner „B.Z.“.
Mit dem Vorgehen von Merck stiegen die Kosten für die beabsichtigte Übernahme. „Und das bedeutet in der Regel, dass diese Kosten die Arbeitnehmer tragen sollen und weitere Jobs wegfallen würden“, sagte Deutschmann. Zuvor hatte bereits Bayer-Chef Werner Wenning vor den Folgen des Übernahmekampfes gewarnt: „Wir hoffen, dass diese Intervention von Merck nicht zu einer Belastung der Entwicklung von Schering führt.“ (nz)

FTD

Bayer prüft neues Schering-Gebot

von Klaus Max Smolka, Matthias Pindter, Frankfurt, und Peter Kuchenbuch, Hamburg

Für den Fall, dass der aktuelle Kaufversuch scheitert, prüft der Bayer-Konzern, wie sich die Schering-Übernahme dennoch retten lässt. Eine zweite Kaufofferte bleibt dem Konzern rechtlich möglich.

Sollte Bayer aufgrund der Aktienkäufe des Rivalen Merck die für die Übernahme erforderlichen 75 Prozent der Schering-Anteile nicht zusammenbekommen, kann der Leverkusener Konzern bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) beantragen, sich von der zwölfmonatigen Sperrfrist befreien zu lassen. Dies ist möglich, wenn das Zielunternehmen Schering dafür seine Zustimmung gibt. Da Schering den Zusammenschluss mit Bayer unterstützt, wäre ein solches Placet zu erwarten.
Bayers aktuelles Gebot wackelt, weil Merck vorige Woche über die Börse mehr als 18 Prozent der Anteile an Schering zusammengekauft hat. Das gefährdet die Annahmequote von 75 Prozent, die Bayer zur Bedingung für das Übernahmeangebot gemacht hat. Merck hatte zuvor selbst versucht, Schering zu kaufen.
Nach dem deutschen Übernahmegesetz muss ein Bieter ein Jahr warten, bevor er nach einer gescheiterten Offerte wieder beim selben Unternehmen anklopfen darf. Mit dieser Regel hatte Bayer den Schering-Aktionären zuletzt gedroht. Das Unternehmen verlängerte vor knapp zwei Wochen seine Offerte von 86 Euro je Aktie bis zum 14. Juni und betonte, dies sei rechtlich die letztmögliche Verlängerung. Auch am Preis und anderen Gebotsbedingungen sei nichts mehr zu ändern. Die Botschaft dahinter: Jetzt annehmen oder nie.

Übernahme durch Bayer kleineres Übel
Das stimmte formal. Weitgehend unbeachtet blieb, dass Bayer sein Gebot voraussichtlich sehr wohl aufstocken kann. Denn bei Schering sieht man inzwischen die Übernahme durch Bayer als kleineres Übel an. Der Grund: Wenn der Zusammenschluss fehlschlägt, wird der Schering-Kurs vermutlich abstürzen. Die bei hohem Preis eingestiegenen Hedge-Fonds würden wahrscheinlich versuchen, ihr Investment auf andere Weise zu retten als durch den Verkauf an Bayer: Sie würden auf die Veräußerung jener Unternehmensteile drängen, die erst langfristig Erfolg versprechen - beispielsweise der Anti-Krebs-Mittel.
Schering dürfte daher einem Antrag Bayers bei der Bafin zustimmen, sich von der Sperrfrist befreien zu lassen. Die Chancen bei der Behörde stünden dann nicht schlecht. Auf gleiche Weise kam 2005 die niederländische Firma NDO beim IT-Anbieter Arxes im zweiten Anlauf zum Zuge. NDO war in der ersten Runde an einer zu niedrigen Annahmequote gescheitert - so wie es jetzt Bayer droht. Bayer könnte bei einem neuen Gebot die Annahmeschwelle von 75 Prozent herabsetzen.
„Das Gesetz sieht vor, dass die Bafin einer Befreiung zustimmen kann“, sagte eine Sprecherin der Behörde. „Die Bafin hat ein Ermessen und müsste die Bedingungen des Einzelfalls entsprechend würdigen.“ Bayer und Schering wollten sich am Wochenende zu diesem Thema nicht äußern. „Schering steht nach wie vor zu dem Bayer-Angebot“, sagte ein Schering-Sprecher.

Skeptischer Blick der Bafin
Das Schweigen ist wenig verwunderlich: Den Investoren soll nicht signalisiert werden, sie bekämen eine zweite Chance, ihre Anteile anzudienen. In Firmenkreisen ist aber zu hören, dass die Rechtsabteilungen diesen Weg prüfen. Theoretisch wäre auch ein Gebot über eine neue Tochtergesellschaft möglich. Diese Option wird aber dem Vernehmen nach von Bayer verworfen.
Die Bafin würde einen solchen Schritt wohl skeptisch betrachten. „Wenn ein neuer Bieter käme, von dem man wissen würde, dass dahinter der gleiche wirtschaftliche Eigentümer steht, dann wäre zu prüfen, ob das einen Umgehungstatbestand darstellen würde“, sagte die Bafin-Sprecherin.
In jedem Fall ist Bayer fest gewillt, die Akquisition von Schering durchzuführen. Schließlich hat der Leverkusener Konzern schon mit hohem Tempo die Zusammenlegung mit dem Konkurrenten vorbereitet - unterstützt von den Beratungsgesellschaften Deloitte und Egon Zehnder. Leiter des Projekts ist Lambert Courth, Chef der Ländergruppe Großbritannien und Irland. Er führte schon die Integration des Geschäfts mit rezeptfreien Medikamenten, das Bayer 2004 von Roche gekauft hatte.
In Singapur trafen sich nach FTD-Informationen vorige Woche Bayer- und Schering-Manager zu Gesprächen über die Fusion der Asiengeschäfte. Von Montag an sollen rund 80 bis 100 Manager beider Seiten in einem Hotel in Amsterdam über die Integration beraten. Die Unternehmen sind peinlich darauf bedacht, diese Treffen auch intern noch nicht als Teil einer Fusion darzustellen - das ist juristisch heikel, weil sie derzeit noch Wettbewerber sind. Daher sind die Veranstaltungen als „Integration Planning Kick-off Meetings“ deklariert - also erste Treffen zur Planung der Integration.

Sonntags TV

CBG Redaktion

11. Juni 2006, Sonntags TV, ZDF

Schule statt schuften

Initiativen gegen Kinderarbeit

250 Millionen Kinder weltweit arbeiten. Allein in Indien gehen nach Schätzungen von Unicef rund 80 Millionen Jungen und Mädchen nicht zur Schule, sondern schuften in Steinbrüchen oder auf dem Feld. Und das obwohl Kinderarbeit auch in Indien seit Jahren offiziell verboten ist.

In Indien arbeiteten früher viele der Kinder in der Bekleidungsindustrie, doch auf Druck internationaler Organisationen sind hier die Zahlen zurückgegangen. Nun arbeiten sie in Zulieferbetrieben, zum Beispiel in der Zucht von Baumwollsaatgut. Diese Herstellung ist sehr zeitaufwendig: Meist sind es junge Mädchen, die die hybriden Pflanzen von Hand bestäuben.

Kinder als billige Arbeitskräfte
„Ich bin 10 Jahre alt und arbeite von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr abends für 30 Rupees am Tag. Natürlich würde ich gerne zur Schule gehen, aber meine Eltern müssen Schulden zurückzahlen“, erzählt ein Mädchen. 30 Rupees am Tag, das sind gerade mal 60 Cent. Friedel Hütz-Adams kennt diese Zahlen. Er arbeitet seit Jahren für den entwicklungspolitischen Verein Südwind.

Kinderarbeit hat ihm zufolge mehrere Ursachen: „Das Problem ist sozial fundiert, es ist traditionsbedingt, es liegt zum Teil an der Diskriminierung von Bevölkerungsschichten und es liegt auch daran, dass Arbeitgeber lieber billige Kinder als teure Erwachsene einstellen. Die Familie hat dann die Wahl, entweder arbeitet das Kind oder es arbeitet niemand.“

Teure Importware
Häufig arbeiten die Kinder in Steinbrüchen und Kalköfen. Im indischen Madhya Pradesh etwa schleppen Kinder 12 Stunden am Tag Steine. Natürlich ist das nicht legal, doch die Kontrollen sind selten. Viele der Steinbrüche sind nicht registriert und werden illegal betrieben. Arbeitsschutz und das Verbot von Kinderarbeit sind hier Fremdworte. Zur Schule geht hier niemand, stattdessen verdienen diese Jungen oft das Familieneinkommen. Ihre Arbeitskraft ist billiger als die der Erwachsenen, also erhalten sie den Zuschlag.

Friedel Hütz-Adams weist darauf hin, dass in Deutschland mehr und mehr Steine aus Indien, unter anderem auch Granitblöcke und Grabsteine importiert würden. „Also auch eher hochwertige und teure Dinge, bei denen man erst mal denken würde: Da arbeiten keine Kinder mit. Wenn man aber vor Ort in die Minen reinschaut, stößt man auf verheerende Arbeitsbedingungen, große Umweltbelastungen und eben überall auf Kinder.“

Bildung verleiht Würde
Die 12-jährige Lakshmi musste noch vor kurzem wie viele andere Mädchen zwölf Stunden am Tag schuften. Jetzt kann sie die Schule besuchen und hat schon das ganze Alphabet gelernt. Zeit zum Spielen bleibt ihr sogar auch: „Ich spiele mit meinen Freundinnen, das ist ganz toll, das kannte ich vorher gar nicht. Da blieb ja gar keine Zeit übrig, aber jetzt haben wir Zeit für uns. Das ist wirklich toll. Ich bin froh, dass ich hier bin.“

Die Kampagne „Stopp Kinderarbeit - Schule ist der beste Arbeitsplatz“ hat die Deutsche Welthungerhilfe ein Bildungsprojekt ins Leben gerufen, um arbeitenden Kindern in Entwicklungsländern kostenlose staatliche Grundbildung zu ermöglichen. „Bildung macht den Menschen zum Bürger, versetzt ihn in die Lage, seine Rechte wahrzunehmen, selbst wenn am Ende nicht unbedingt ein Arbeitsplatz steht“, sagt Antje Paulsen von der Welthungerhilfe.

Wie viele andere Eltern war auch die Mutter von Lakshmi zunächst gegen den Schulbesuch ihrer Tochter, doch jetzt ist sie stolz auf sie. Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh gehen mittlerweile fast alle Kinder zur Schule.

mit Material von epd

Indien

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Mitteilung vom 8. Juni 2006

Kinderarbeit bei indischen Saatgut-Zulieferern: „BAYER muss Versprechen halten“

Rund 500 Kinder zwischen 8 und 14 Jahren arbeiteten im vergangenen Jahr bei indischen Saatgut-Zulieferern des BAYER-Konzerns. Die Kinder stehen bis zu 13 Stunden täglich auf den Feldern, verdienen weniger als 50 Cent am Tag und tragen wegen der hohen Pestizidbelastung oftmals Gesundheitsschäden davon. In wenigen Wochen beginnt die etwa sechsmonatige Pflanz-Saison.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „Der BAYER-Konzern muss in der nun startenden Pflanz-Saison sicherstellen, dass bei seinen Zulieferern keine Kinder mehr ausgebeutet werden. Alle ehemaligen Kinderarbeiter müssen auf Kosten des Unternehmens eine Schulbildung erhalten.“ Wegen der höheren Löhne, die an Erwachsene gezahlt werden, würden diese Maßnahmen in den betroffenen Regionen auch zu einer Verbesserung der sozialen Lage führen.

Nach internationalen Protesten hatte BAYER im vergangenen Jahr einen Aktionsplan gestartet, das Ziel der Eliminierung von Kinderarbeit bei seinen Zulieferern jedoch verfehlt. Die CBG fordert BAYER nun auf darzulegen, welche Konsequenzen aus den Fehlern des Vorjahres gezogen wurden. „BAYER hat zwar im Frühjahr 2005 unter dem zynischen Titel „Harvest of Happiness“ („glückliche Ernte“) eine breit angelegte Medienkampagne gestartet, jedoch erst im Juli die Zulieferer darauf hingewiesen, dass sie ohne Kinderarbeit produzieren sollten. Zu diesem Zeitpunkt waren aber die Arbeitsverträge bereits unterschrieben, die meisten Zulieferer konnten die Belegschaft nicht mehr austauschen“, so Mimkes weiter.

Die CBG hatte die Problematik vor drei Jahren in Deutschland öffentlich gemacht und eine Kampagne gestartet, der sich inzwischen zahlreiche Verbände angeschlossen haben. Gemeinsam mit dem Global March against Child Labour und Germanwatch reichte der Verein bei der OECD eine Beschwerde wegen Verletzung der Leitlinien für Multinationale Konzerne ein.

„Die im letzten Jahr erfolgte Reduzierung der Kinderarbeit bei Zulieferern von BAYER ist auf den Druck von Nichtregierungsorganisationen aus Deutschland zurückzuführen“ erläutert Dr. Davuluri Venkateswarlu vom Glocal Research and Consultancy Service in Hyderabad. Dr. Venkatesvarlu, dessen Untersuchungen die Kampagne ins Rollen gebracht hatten, fordert weitere Aktionen am Stammsitz von BAYER. „Es war ganz eindeutig, dass die Firma nur aufgrund des Drucks von europäischen Gruppen zu Diskussionen mit uns bereit war“, so Venkatesvarlu. Der Arbeitswissenschaftler kennt die Zustände auf den Feldern aus persönlicher Betroffenheit: seine acht Geschwister arbeiteten als Kinder auf Baumwoll-Feldern, er allein erhielt eine Schulbildung.

Wie schon bei früheren Streitthemen bleibt der Konzern bei der Strategie, seine Kritiker in „gut“ und „böse“ aufzuteilen. Während große Verbände zu Gesprächen eingeladen werden, ließ das Unternehmen ein im Bundeswirtschaftsministerium geplantes Gespräch platzen. Grund für die Absage: die Teilnahme der Coordination gegen BAYER-Gefahren, die angeblich „ideologisch motivierte Kampagnen“ gegen BAYER führe. Dabei hatten die Veröffentlichungen des Vereins die Kampagne in Deutschland überhaupt erst ins Rollen gebracht....

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Kampagnen-Seite

Die Kampagne wird von der Stiftung Menschenwürde + Arbeitswelt, der Stiftung Umverteilen und der Aktion Selbstbesteuerung unterstützt

Kongo

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Info vom 31. Mai 2006

Kein Blut für BAYER

Nein zum Bundeswehr-Einsatz im Kongo

Der deutsche Bundestag stimmt morgen über den Einsatz der Bundeswehr im Kongo ab. Ein Truppenkontingent von bis zu 750 Mann soll die dort im Juli stattfindenden Wahlen absichern, so die offizielle Begründung. Aber es gibt auch inoffizielle Motive: Auf die Frage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ob „wirtschaftliche Interessen, Versorgungs- und Ressourcensicherung“ eine Rolle spielen, antwortete Verteidigungsminister Franz Josef Jung: „Das gehört dazu“. Tatsächlich sieht die Bundeswehrsatzung seit den 90er Jahren ausdrücklich die Sicherung wirtschaftlicher Ressourcen für die deutsche Wirtschaft als Auftrag für Einsätze vor.

Und im Kongo hat sie viel zu sichern: Gold, Diamanten, Kupfer, Wolfram, Germanium, Kobalt und Tantal. Bei letzterem handelt es sich um ein seltenes Metall, dessen weltweit führender Weiterverarbeiter die BAYER-Tochter HC STARCK ist. Besonders der Handyboom bescherte dem Unternehmen astronomische Gewinne mit dem Metall, das sich als Werkstoff in Kondensatoren, Flugzeugmotoren und Airbags findet. Während des Bürgerkrieges in dem afrikanischen Staat schreckte HC STARCK nicht einmal davor zurück, über Mittelsmänner mit Warlords, welche die Tantal-Minen kontrollierten, Geschäfte zu machen. Weil dies wesentlich zur Finanzierung des blutigen Treibens beitrug, verurteilte die UN diese an Beschaffungskriminalität grenzende Politik von HC STARCK und anderen Firmen scharf.

Die Soldaten sollen für die Interessen deutscher Konzerne ihren Kopf hinhalten. BAYER hat in diesem Geschäft reichhaltige Erfahrung. Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg waren führende Vertreter des Multis an Vorbereitung und Planung beteiligt und arbeiteten geopolitische Strategien aus, die sich an den Rohstoffvorkommen orientierten. Hubert Ostendorf von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Die Militarisierung der deutschen Außenpolitik hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Bundeswehr greift für die Interessen der großen Konzerne zu den Waffen. Diese Entwicklung muss gestoppt werden. Kein Blut für BAYER!“.

Auf dem im vergangenen Jahr vom BDI abgehaltenen Kongress „Rohstoffsicherung - Herausforderung für die Industrie“ suchten HC STARCK- und BAYER-VertreterInnen gemeinsam mit ihren KollegInnen nach neuen Wegen, um an die dringend benötigten Bodenschätze heranzukommen. Im Gefolge des Meetings bildete sich eine Arbeitsgemeinschaft „Internationale Rohstoff-Fragen“, welcher mit Karl Heinz Dörner der Präsident der „Wirtschaftsvereinigung Metalle“, vorsitzt. Im März veranstaltete diese die Tagung „Für eine sichere Rohstoffversorgung“. Zu den prominentesten „unberechenbaren politischen Regimen“, die für die ressourcen-abhängige bundesdeutsche Industrie ein „geostrategisches Risiko“ darstellen, nannte Dörner den Kongo. Und im Zuge der immer selbstbewusster auftretenden deutschen Außenpolitik traten Dörner & Co. offen für den Einsatz von Waffen zur Minimierung derartiger „geopolitischer Risiken“ ein. Rudolf Adam von der „Bundesakademie für Sicherheitspolitik“ etwa optierte für „militärische Kräfte“, „um bestimmte Handelsrouten freizuhalten“ und sprach sich für von bundesdeutscher Seite initiierte regime changes aus.

Die entsprechenden Vorarbeiten dafür laufen im Kongo schon lange. Bereits im Jahr 2004 übernahmen Bundeswehr-Stabsoffiziere die Ausbildung kongolesischer Soldaten; der BGS schult derweil Sicherheitskräfte. Zudem unterstützt die Bundesregierung die Armee Nambias, die bereits während des Bürgerkriegs in die Kampfhandlungen eingriff und auch im Juli Flankenschutz geben könnte. Die Generäle bereiten die Soldaten dabei auf das Schlimmste vor. Infanterie und Eliteeinheiten werden nach Angaben des Brigadegenerals Johann Berger prophylaktisch auf „schreckliche Bilder“ eingestellt, denn: „Wer nicht physisch, psychisch und mental entsprechend ausgebildet ist, braucht da gar nicht erst hingehen. Ein zerfetzter Mensch sieht nicht gut aus“.

Lesen Sie auch den Artikel „Die Bayer-Tochter und der Krieg im Kongo“

Addyston

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Erklärung vom 30. Mai 2006

Bayer/Lanxess-Werk im amerikanischen Addyston

Erhöhte Krebsrate rund um Chemie-Fabrik

Amerikanische Gesundheitsbehörden haben in der Nachbarschaft des Chemie-Werks Addyston eine stark erhöhte Rate von Krebserkrankungen festgestellt. Die vom Ohio Department of Health veröffentlichte Studie zeigt, dass die Zahl der Krebs-Fälle 76% höher liegt als zu erwarten gewesen wäre. Die Fabrik im Bundesstaat Ohio wird von der deutschen Firma LANXESS, einer Ausgliederung des BAYER-Konzerns, betrieben. Die Untersuchung war nach einer Vielzahl von Störfällen, die von der Werksleitung teilweise verheimlicht worden waren, angeordnet worden.

Allein 13 der rund tausend Einwohner von Addyston erkrankten zwischen 1996 und 2003 an Lungenkrebs, statistisch zu erwarten wären drei Fälle. Auch die Zahl der Fälle von Darm- und Nierenkrebs lag dreimal höher als normal. Paul Koval, Toxikologe von der US-Umweltbehörde EPA: „Wir haben diese Probleme erwartet, unsere Sorgen werden durch die Ergebnisse der Studie bestätigt.“ Tim Ingram, Leiter der zuständigen Gesundheitsbehörde, nennt die Resultate der Untersuchung „beunruhigend“.

Die EPA hatte nach mehreren Freisetzungen der giftigen Chemikalien Acrylnitril und Butadien berechnet, dass sich das Krebsrisiko der Anwohner um rund 50% erhöhen würde. Eine Grundschule in direkter Nachbarschaft des Werks wurde daraufhin geschlossen. Die Werks-Leitung von LANXESS wies zwar die Verantwortung für die hohe Zahl von Krebs-Fällen zurück, kündigte aber gleichzeitig an, 4 Millionen Dollar zur Verhinderung weiterer Störfälle zu investieren. Die Gesundheitsbehörden wollen nun bis zum Herbst in einer weiteren Studie feststellen, wie viele der Erkrankungen direkt von den Emissionen der Chemie-Fabrik ausgelöst wurden.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Die Vernachlässigung von Gesundheit und Umwelt zugunsten von Konzernprofiten hat bei BAYER und LANXESS System. Das Werk in Addyston stößt selbst im „Normalbetrieb“ jährlich 700 Tonnen Schwefeldioxid, Stickoxide, Kohlenmonoxid und Feinstäube aus. Dies ist ebensowenig hinzunehmen wie die Zahl von über hundert Unfällen in einem Jahr. Die Produktion gefährlicher Stoffe wie Acrylnitril oder Phosgen hat schlichtweg nichts in der Nähe von Wohngebieten zu suchen – weder in den USA noch hier in Deutschland.“

weitere Informationen:
Artikel aus dem „Cincinnati Enquirer“ und dem „Columbus Dispatch“
Lanxess-Werk in Addyston/USA: Anwohner protestieren gegen Störfälle und Luftverschmutzung
Neues Deutschland: Krebsfälle am Chemie-Werk

Policosanol

CBG Redaktion

Deutsches Ärzteblatt, 17. Mai 2006

Kubanischer Lipidsenker auf Placeboniveau - Studie zum Nahrungsergänzungsmittel Policosanol

Wirkstoff in One-A-Day-Tabletten von Bayer enthalten

Köln - Policosanol, ein zumeist aus Zuckerrohr gewonnener Extrakt, wird im Internet als natürliche Alternative zu den ärztlich verordneten Lipidsenkern beworben. Doch in einer in Deutschland durchgeführten randomisierten kontrollierten Studie, die jetzt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2006; 295: 2262-2269) publiziert wurde, war das „hochwertige Herzvitamin“ (so eine Google-Anzeige) nicht besser wirksam als ein Placebo.

Policosanol (nicht zu verwechseln mit dem juckreizstillenden Dermatikum Polidocanol) ist eine Mischung aus aliphatischen Alkoholen, die aus Zuckerrohr (aber auch aus Weizenkeimen, Reisschalen und Bienenwachs) isoliert werden. In Deutschland ist es als Nahrungsergänzungsmittel in Apotheken erhältlich. Es darf offiziell nicht mit dem Hinweis auf seine lipidsenkende Wirkung beworben werden, doch die entsprechenden Botschaften erhält der Verbraucher über entsprechende Internetseiten. Schon der erste Treffer bei einer Google-Suche informiert den Patienten darüber, dass Policosanol bei der Senkung des Cholesterins „genauso wirksam ist wie die Statine“, die doch recht teuer seien, „auch wenn sie erstattet werden“.

Die Wirkung wird teilweise durch wissenschaftliche Studien belegt, die auch die Pharmazeutische Zeitung, Organ der deutschen Apotheker, zu einer relativ positiv-pharmakologischen Bewertung kommen lässt. Tatsächlich wurden mehr als 80 Studien zu Policosanol durchgeführt, von denen die meisten allerdings von einer einzelnen Forschergruppe in Kuba durchgeführt wurden, wie Heiner Berthold von der Universität Köln und Geschäftsführer der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft im JAMA schreibt. Publiziert wurde jedoch auch eine Negativstudie aus den Niederlanden. Wissenschaftler der Firma Unilever konnten keine lipidsenkende Wirkung eines Extraktes ausmachen (Metabolism 2004; 53: 1309-14). Auch die jetzt von Berthold und Mitarbeitern durchgeführte Studie, die von der Firma Madaus gesponsort wurde, findet keinen Hinweis auf eine den Statinen vergleichbare Wirkung.

An der multizentrischen placebokontrollierten Doppelblindstudie hatten 143 Patienten mit Hypercholesterinämie oder kombinierter Hyperlipidämie teilgenommen. Einschlusskriterien waren ein LDL-Cholesterin von über 150 mg/dl, wenn die Patienten außer einer bekannten Koronaren Herzkrankheit höchstens einen weiteren Risikofaktor hatten. Wenn zwei oder mehr Risikofaktoren vorlagen, qualifizierte ein LDL-Cholesterin zwischen 150 und 189 mg/dl zur Teilnahme.

Die Patienten wurden auf 5 Gruppen randomisiert, in denen ihnen Policosanol in Tagesdosierungen von 10, 20, 40 oder 80 mg/d oder ein Placebo verordnet wurden. In keiner de fünf Gruppen sank der LDL-Cholesterinwert um mehr als 10 Prozent, wobei sich die Ergebnisse in den vier Policosanol-Armen nicht signifikant von Placebo unterschieden. Auch in den sekundären Endpunkten der Studie, namentlich dem protektivem HDL-Cholesterin erzielte Policosanol keine Wirkung.

Die Kölner Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass das Medikament keine relevanten lipidsenkenden Eigenschaften hat, jedenfalls nicht bei dem verwendeten Extrakt und nicht bei weißen Patienten. Worauf die Unterschiede zu den in Kuba durchgeführten Studien beruhen, bleibt offen, doch auch diese Studien haben die Wirkung, sofern sie wirklich bestehen sollte, nur hinsichtlich der Laborparameter untersucht. Was völlig fehlt, sind Daten zu den klinisch relevanten Endpunkten, also etwa der Reduktion von kardialen Ereignissen. /rme

Hinweis: Policosanol wird von Bayer in „One-A-Day Cholesterol plus Vitamins“-Tabletten angeboten. Weitere Infos

Preisabsprachen

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Information vom 28. April 2006

Strafanzeige wegen Kartellbetrug:

Verantwortliche hinter Gitter!

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) hat heute bei der Staatsanwaltschaft Köln Strafanzeige gegen den Vorstandsvorsitzenden des BAYER-Konzerns, Werner Wenning, sowie den Aufsichtsrats-Chef Manfred Schneider gestellt. Der Verein wirft den Managern vor, die andauernde Beteiligung des Unternehmens an illegalen Preisabsprachen geduldet oder angeordnet zu haben.

BAYER war in den vergangenen Jahren in einer Vielzahl von Fällen des Kartell-Betrugs überführt worden. Allein im abgelaufenen Geschäftsjahr musste das Unternehmen 275 Millionen Euro zur Begleichung von Kartellstrafen zurückstellen.

„Bei diesen Kartell-Absprachen geht es um Summen in dreistelliger Millionenhöhe. Es ist undenkbar, dass Entscheidungen in dieser Größenordnung ohne Wissen des Vorstands getroffen werden. Der Vorstandsvorsitzende und sein Vorgänger müssen persönlich in Haftung genommen werden. Erst wenn die verantwortlichen Manager Gefängnisstrafen fürchten müssen, kann von einem abschreckenden Effekt ausgegangen werden“, so Philipp Mimkes von der CBG.

Illegale Preisabsprachen ziehen sich wie ein roter Faden durch die 140jährige Firmengeschichte. Nach Einschätzung der Coordination gegen BAYER-Gefahren bleibt die Mehrzahl illegaler Preisabsprachen unentdeckt. „Die Zeche zahlen Verbraucher und Steuerzahler“, so Mimkes weiter. „Es ist nicht einzusehen, dass die Verantwortlichen für Millionen-Betrügereien nicht strafrechtlich belangt werden.“

Eberhard Reinecke, Anwalt der CBG, erläutert in der Strafanzeige: „Der große Umfang derartiger Kartellabsprachen und die Vorsorge in der Bilanzierung belegen ganz eindeutig, dass es sich hier nicht um einzelne Ausrutscher, sondern um eine systematische Geschäftspolitik handelt. Der Vorstand der Bayer AG macht sich daher der Veruntreuung schuldig“. Für Reinecke ist es eine „gesetzgeberische Fehlleistung ersten Ranges“, dass Kartell-Vergehen bislang nur mit Bußgeldern und zivilrechtlichen Schadensersatzansprüchen geahndet werden.

Auf politischer Ebene gibt es neuerdings Bestrebungen, die Verantwortlichen in den Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen. EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes stuft private Klagen gegen Kartelle daher als „zentrales Mittel der Bekämpfung rechtswidriger Absprachen“ ein. Nach der Verhängung einer Kartellstrafe von 58 Mio Euro gegen BAYER kündigte Kroes an: „Ich werde dafür sorgen, dass Kartelle weiterhin aufgedeckt, strafrechtlich verfolgt und bestraft werden. Mit der jüngsten Entscheidung gebe ich ein sehr starkes Signal an die Unternehmensvorstände, dass Kartelle nicht toleriert werden und an die Anteilseigner, dass sie sorgfältig darauf achten sollen, wie ihre Unternehmen geführt werden.“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren wird auf der heutigen Hauptversammlung des Konzerns die Nicht-Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat fordern. Weitere kritische Redebeiträge in der Versammlung befassen sich mit den negativen Auswirkungen der Schering-Übernahme für die Belegschaft, irreführenden Aussagen des BAYER-Vorstands zum Klimaschutz und dem Gentechnik-Engagement des Konzerns.

Lesen Sie hier die vollständige Strafanzeige,einen Artikel aus der Frankfurter Rundschau, und einen Artikel aus der taz

Einige der Kartelle, an denen BAYER in den vergangenen Jahren beteiligt war:

· Von 1996 bis 2001 sprach der Leverkusener Konzern mit den Konkurrenten Flexsys und Crompton die Preise für Kautschuk-Chemikalien ab. Die EU-Kommission verhängte ein Bußgeld von 58,88 Mio Euro, in den USA zahlte BAYER zusätzlich 66 Mio Dollar;
· Im Herbst 2004 wurde BAYER in den USA zu einer Strafe von 33 Mio Dollar verurteilt. Zwischen 1998 und 2002 hatte sich der Konzern an einem Kartell für Polyole beteiligt;
· ebenfalls im Herbst 2004 wurde BAYER zu einer Strafe von 4,7 Mio Dollar verurteilt; hierbei ging es um Preisabsprachen beim Verkauf von Acrylonitril;
· im Oktober 2005 wurde Bayer in Portugal und Brasilien zu Kartellstrafen verurteilt. In beiden Fällen ging es um Pharmazeutika. Die Strafe in Portugal betrug rund 5 Mio Euro, die Laufzeit des Kartells dort war 2001-2004;
· in den USA hat BAYER über Jahre hinweg bei Lieferungen an die staatlichen Gesundheitsprogramme „Medicare“ und „Medicaid“ falsche Preise gemeldet. Dem Staat waren durch die Preismanipulationen jährliche Schäden von rund einer Milliarde Dollar entstanden. Den US-Behörden fielen geheime Firmen-Dokumente zu, in denen die Manipulationen als bewährte „Marketing-Instrumente“ beschrieben wurden. BAYER zahlte die Rekord-Strafe von 257 Mio Dollar;
· in Italien hat Bayer mit Konkurrenzfirmen die Preise für Diabetes-Tests abgesprochen. Bayer und vier weitere Unternehmen wurden 2003 zu Strafen von insg. 30 Mio verurteilt. Das Kartell lief von 1996 bis 2001;
· 1997 wurde die damalige BAYER-Tochter Haarmann+Reimer zu 50 Mio Dollar Strafe verurteilt, hinzu kamen Klagen von geschädigten Firmen. H+R hatte von 1991 bis 1995 den Preis für Zitronensäure mit Konkurrenten abgestimmt;
· Bereits in den 80er Jahren beteiligte sich BAYER an einem europaweiten Kartell für den Kunststoff Polyethylen. Preise und Quoten der Kartell-Teilnehmer wurden vorab exakt abgestimmt.

28.06.2006, Dow Jones

EU-Kommission schraubt Strafen für Kartellsünder nach oben

EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes ist der Auffassung, dass es acht Jahre nach Annahme der ersten Leitlinien für Kartellstrafen an der Zeit sei, „die Anwendung dieser Regeln im Licht der Erfahrung zu verfeinern“. Die Änderungen würden „den Unternehmen drei klare Signale senden: Verstoßt nicht gegen die Kartellregeln; wenn ihr es doch tut, stoppt den Verstoß so schnell wie möglich und tut es danach nie wieder“, erklärte Kroes in Brüssel.

Tatsächlich können die Strafen künftig drakonische Ausmaße annehmen. Als größte Neuerung verfügte die Behörde die Anhebung der Höchststrafe. Lag die Grenze für einen „Kartellsünder“ bislang bei 10% seines Jahresumsatzes, können die EU-Wettbewerbskontrolleure künftig Bußgelder von bis zu 30% des Umsatzes verhängen. Damit das Unternehmen die Strafe richtig in der Bilanz spürt, wird der Betrag noch mit den Jahren multipliziert, an denen es am Kartell beteiligt war.

Und um Unternehmen die Lust an einer Kartellbildung gänzlich zu nehmen, kann die EU-Kommission künftig zusätzlich eine so genannte „Eintrittsgebühr“ verlangen. Die Strafe nur für Teilnahme an Absprachen kann unabhängig von der Dauer zwischen 15% und 25% eines Jahresumsatzes betragen. Die Strafen für Wiederholungstäter können zudem verdoppelt werden. Bisher lag der Aufschlag bei 50%. Jene Unternehmen, die ein Kartell verraten, gehen wie bisher straffrei aus.

Allein in den Jahren 2003 bis 2005 hat die EU-Kommission Kartellbußgelder in Höhe von rund 1,5 Mrd Euro verhängt. Die größten Einzelstrafen mussten bislang Microsoft wegen eines Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung (497 Mio Euro) und Hoffman La-Roche wegen Teilnahme an einem Vitamin-Kartell (462 Mio Euro) zahlen. Das Geld fließt, so es denn gerichtlich bestätigt wird, in den allgemeinen EU-Haushalt und mindert damit die Beitragszahlungen der EU-Staaten.

Kroes und ihre Vorgänger Karel Van Miert und Mario Monti haben Kartellen seit Jahren den Kampf angesagt und die Abteilungen der EU-Behörde entsprechend aufgerüstet. Derzeit vergeht kaum ein Quartal ohne Razzien bei Unternehmen, die die EU-Kommission der Kartellbildung verdächtigt, zuletzt bei großen Energieversorgern unter anderem in Deutschland. Die EU-Kommission erwägt auch, ähnlich wie in den USA, Privatklagen auf Schadensersatz zu ermöglichen.
Dirk Müller-Thederan,

Fussball

CBG Redaktion

25. April 2006

Bayer-Geschäftsstelle von Steuerfahndung Köln aufgesucht

Leverkusen (dpa) - Die Steuerfahndung Köln hat im Zuge der Finanzaffäre um den früheren Bundesliga-Manager Reiner Calmund die Geschäftsstelle von Bayer Leverkusen aufgesucht. Wie der Verein mitteilte, ging es dabei um die steuerrechtliche Einordnung einer Transferentschädigung in Höhe von umgerechnet rund 900 000 Euro. Das Geld sei 1998 für einen kroatischen Fußball-Spieler gezahlt worden. Gegen Calmund wird wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Dabei geht es um ungeklärte Bargeldzahlungen an einen Spielervermittler.

26. März 2006, Spiegel Online

MANIPULATIONSVERDACHT: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Calmund

75 Tage vor dem WM droht der Fußball-Bundesliga ein Manipulationsskandal. Im Zentrum: Reiner Calmund. Die Staatsanwaltschaft Köln hat gegen den Ex-Manager von Bayer Leverkusen Ermittlungen wegen des Verdachts schwerer Untreue eingeleitet.

Köln - „Wir haben ernstzunehmende Hinweise erhalten, wonach die 580.000 Euro nicht wie von Herrn Calmund angegeben als Option auf künftige Spielereinkäufe eingesetzt wurden, sondern um Fußballspieler zu schmieren“, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld heute auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters. Mit dem Schmiergeld sollten laut Feld nach bisherigem Ermittlungsstand Fußballspieler eines Bundesligaclubs manipuliert werden. Calmund werde in Kürze erstmals als Beschuldigter vernommen, so Feld. Nach Angaben des Oberstaatsanwalts wird außer gegen Calmund auch gegen einen Spielerberater ermittelt. Zu weiteren Einzelheiten nahm er zunächst nicht Stellung.
Der SPIEGEL hatte berichtet, Calmund habe in Gegenwart hochrangiger Werksvertreter von Bayer mehrfach von Spielmanipulationen gesprochen. Dies dokumentiere eine zwölfseitige Stellungnahme, die Bayer-Anwalt Werner Graf am 9. März der Kölner Staatsanwaltschaft zugestellt habe. Die dortigen Strafverfolgungsbehörden würden seit Anfang März gegen Calmund wegen des Verdachts der Untreue ermitteln. Im Mai 2004 habe der Ex-Manager demnach davon gesprochen, im Bundesligaspiel der Leverkusener gegen 1860 München in der Saison 2002/2003 sei „etwas gelaufen“.
In der Stellungnahme der Bayer Leverkusen Fußball GmbH ist laut SPIEGEL davon die Rede, dass Calmund von Spielerberater Volker Graul „Hilfe“ bei dieser für das abstiegsgefährdete Bayer extrem wichtigen Partie angeboten bekommen habe - für 580.000 Euro. 500.000 davon sollten, so wird Calmund im Schriftstück zitiert, von Graul an drei Münchner Spieler ausgezahlt, den Rest habe der Spielerberater behalten wollen.
Nachdem Bayer das für den Bundesliga-Verbleib des Teams wichtige Spiel am 33. Spieltag der Saison 2002/03 gegen 1860 dann tatsächlich gewonnen habe, wolle Calmund die Auszahlung an den Spielerberater veranlasst haben. Calmunds Anwalt Seitz bestritt diesen Zusammenhang. „Die 580.000 Euro haben definitiv nichts mit Spielmanipulation zu tun.“ Sein Mandant hatte bisher immer darauf bestanden, dieses Geld für Spieleroptionen verwendet zu haben. Ob es sich bei dem von Oberstaatsanwalt Feld neben Calmund nicht genannten Beschuldigten um Graul handelt, steht aber noch nicht fest.

SZ vom 13.04.2006: Der flotte Otto in der Spielwaren-Abteilung

Südafrika

CBG Redaktion

Presse-Info vom 23. April 2006
Coordination gegen BAYER-Gefahren

zur Hauptversammlung der Bayer AG am 28. April:

Durban/Südafrika: Grundwasser weiterhin mit giftigem Chrom belastet

Das Grundwasser rund um das Chemiewerk der Firma Lanxess im südafrikanischen Durban ist weiterhin mit hochgiftigem Chrom belastet. Bürgerinitiativen fordern eine Überprüfung der Fabrik durch unabhängige Gutachter. Desmond D´sa von der South Durban Community Environmental Alliance (SDCEA): „Bayer und Lanxess verhalten sich arrogant gegenüber der Bevölkerung. Über Jahre hinweg hat die Werksleitung von der Vergiftung der Umgebung gewusst, doch bis heute gibt es keine Untersuchung der Anwohner auf mögliche Gesundheitsschäden hin. Wir sind es Leid, als Abfalleimer der Fabrik zu dienen.“ Die SDCEA fordert medizinische Untersuchungen aller Anwohner sowie die Ersetzung der Trinkwasser-Rohre in der Nähe des Werks auf Kosten der Firma.

Die Fabrik war bis zur Ausgliederung der Lanxess AG im vergangenen Jahr vom Leverkusener Bayer-Konzern betrieben worden. Grundwasser-Messungen des Durban Institute of Technology in der Umgebung des Werks ergaben bis zu 4800 mg Chrom/Liter - mehr als das 50.000fache der natürlichen Belastung. Nach Angaben des Unternehmens geht die Kontamination auf „historische Verunreinigungen“ zurück, wie diese in den Untergrund gelangten, sei jedoch unklar. Den Anwohnern werde dringend empfohlen, das Wasser aus angrenzenden Brunnen weder zum Kochen noch zum Trinken zu verwenden.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Die Chrom-Fabrik in Durban war bereits für eine Vielzahl von Vergiftungsfällen verantwortlich. Wir fordern die Firma Bayer, die das Werk in den letzten Jahrzehnten betrieben hat, auf, das Gelände gründlich zu dekontaminieren und alle Vergiftungsopfer angemessen zu entschädigen“.

Llwellyn Leonard von der südafrikanischen Umweltorganisation groundWork kritisiert, dass das Unternehmen mehrere Anfragen unbeantwortet ließ: “Wir brauchen eine gründliche Untersuchung. Wenn die Firma sich weigert, alle relevanten Informationen zu veröffentlichen, müssen die Büros von Bayer durchsucht werden.“

Bayer hatte die Firma Chrome Chemicals 1968 übernommen und dort bis in die 90er Jahre sechswertiges Chrom hergestellt. Wegen mangelhafter Sicherheits-Einrichtungen kam es in dem Betrieb zu einer großen Zahl von Vergiftungsfällen. Ein Drittel der Belegschaft erlitt bleibende Gesundheitsschäden. Chrom VI wird von der Weltgesundheitsorganisation als „krebserregend“ eingestuft. Selbst die Apartheids-Regierung hatte 1976 in einem Bericht Sicherheitsmängel und Gesundheitsprobleme der Belegschaft moniert.

Die Kampagne wird unterstützt vom Katholischen Fonds

[taz Berlin] tageszeitung

CBG Redaktion

taz vom 21.4.2006

Konzerne machen Berlin zum Rummelplatz

Große deutsche Firmen nutzen zentrale Orte Berlins während der Fußball-WM als Werbekulisse - zum Nulltarif

BERLIN - Einen besseren Ort konnte der Sportartikelhersteller Adidas für sein Werbeprojekt zur Fußball-Weltmeisterschaft nicht finden. Nur ein paar Schritte vor dem Reichstag errichtet er gerade ein Ministadion mit 9.000 Sitzplätzen und Großleinwänden - und erhofft sich, ganz nebenbei, werbewirksame Fernsehbilder vor historischer Kulisse.
In der Hauptstadt wird derzeit heftig über Kommerz im öffentlichen Raum gestritten. Denn vor der WM drängen Großkonzerne mit Werbeprojekten massiv wie nie ins Stadtbild, unterstützt von Senat, Bezirken und dem Weltfußballverband Fifa. „Es ist bedenklich, wie sich die öffentlichen Instanzen den Konzerninteressen unterordnen“, sagt der Berliner Linkspartei-Landeschef Klaus Lederer. Und die Grünen-Politikerin Franziska Eichstädt-Bohlig wettert: „Berlin macht sich zum nationalen Rummelplatz.“ Sie vermutet hinter der Adidas-Arena die „Sehnsucht nach Disneyland“.
Gleich mehrere Projekte erregen die Gemüter. Die Telekom hat den Fernsehturm mit Klebefolie zum Riesenfußball umdekoriert. Allerdings leuchtet dieser in der Konzernfarbe Magenta, was der sonst silbern schimmernden Kugel einen dezenten Akne-Look verpasst. Der Senat steht hinter der Aktion. „Im Kommunikationsgewitter vor der WM brauchen wir spektakuläre Bilder, die ein positives Bild der Hauptstadt transportieren“, sagt ein Sprecher. Das Bild des Fernsehturms werde vor, während und nach der WM „milliardenfach gedruckt und gesendet“.
Spektakuläre Bilder bieten auch andere Wahrzeichen - dank der Initiative „Deutschland - Land der Ideen“. Bundesregierung und deutsche Konzerne haben sich zu einem Public Private Partnership zusammengetan, das Budget von 22 Millionen Euro teilen sich beide Seiten. Unter der Regie der Initiative wurden an anderen historisch bedeutsamen Orten riesige Skulpturen aus Kunststoff aufgestellt. Sie sollen den Ideenreichtum deutscher Erfinder symbolisieren, so der Pressetext. Das Konzerninteresse wird dabei kaum kaschiert: Ein paar Meter vor dem Brandenburger Tor steht ein Auto aus Plastik, das ein aktuelles Audi-Modell kopiert. Im Regierungsviertel liegen Stollenschuhe, die drei Streifen zieren. Eine Texttafel lobt den Erfindungsgeist von Adolf Dassler, dem Adidas-Gründer. Hinter dem Reichstag macht sich eine überdimensionierte Tablette mit stilisiertem Bayer-Kreuz breit.
Die Sprecherin der Initiative, Steffi Würzig, räumt „eine sehr große Ähnlichkeit“ mit den Produkten ein. Linkspartei-Chef Lederer wird deutlicher: „Das Stadtbild wird von einer Skulpturengalerie der Großkonzerne degradiert.“ Eichstädt-Bohlig lästert, der Senat überlasse den Firmen die hoch verschuldete Stadt als „kostenlose Werbefläche“.
Die Stadtkulissen gibt's quasi zum Nulltarif. Der Fernsehturm gehört der Telekom. Für die Plasteskulpturen fallen keine Mietgebühren an, sagt Sprecherin Würzig. Nur Bearbeitungs- und andere Gebühren würden bezahlt. Und Adidas zahlt für seine Arena - außer den Kosten für die Wiederherstellung des Areals - nur normale Straßennutzungsgebühren, so der Senatssprecher. „Es ist erschreckend, wie bedenkenlos der Senat auf die Einnahmen verzichtet“, kommentiert Eichstädt-Bohlig.ULRICH SCHULTE

19. April 2006, taz Berlin

Bayer, Telekom, Adidas: Die verschenkte Stadt

Großkonzerne nutzen die Fußball-WM zur großflächigen Selbstdarstellung. Fernsehturm, Reichstag und Brandenburger Tor werden zu Werbetafeln degradiert. Die Stadt bekommt dafür kaum einen Cent


Durchgewalkte Ideen

Vor dem Reichstag macht sich eine Kopfschmerztablette aus Plastik breit. Vor dem Brandenburger Tor kauert ein Auto. Im Spreebogenpark schimmern Stollenschuhe. Die ästhetischen Bankrotterklärungen, die derzeit als „Walk of Ideas“ angepriesen werden, haben zwei Dinge gemeinsam: Sie okkupieren die wichtigsten Orte der Stadt, und sie haben nichts mit der Fußball-WM zu tun. Willkommen zum Berliner Schlussverkauf.
Ersonnen haben den Skulpturenpark Konzerne und die Bundesregierung. Das „Public Private Partnership“ richtet mehr Schaden an, als ein paar Touristen zu verstören. Die Firmen bekommen öffentlichen Raum en masse, Bilder vor toller Kulisse, Imagepflege. Die Stadt bekommt: nichts. Miete werde nicht gezahlt, so eine Sprecherin.
Was laut Pressetext zeigen soll, wie pfiffig deutsche Denker sind, zeigt in Wirklichkeit, wie einfallslos die Konzerne sind. Ihre Skulpturen kopieren ihre Produkte: Die Schuhe zieren drei Streifen, die Tablette das Bayer-Kreuz, das Auto bildet ein neues Audi-Modell nach. Es ist deshalb eine glatte Lüge, wenn Jürgen Thumann, der Chef des Industrieverbands, behauptet, ein Tourist, der das Auto vor dem Tor fotografiere, nehme ein „Bild von Deutschland“ mit nach Hause. Er klebt sich Audi-Werbung ins Album. Und irgendwo im Hintergrund kommt Deutschland auch noch vor. Die Konzerne degradieren nicht nur die Stadt zur Kulisse, sie bauen sich gleich eigene Symbole. Der Chemiekonzern BASF, der das Auto lackiert hat, nennt es „Berlins neues Wahrzeichen“.
Verwunderlich ist dies alles nicht. Natürlich wollen Konzerne ihre Marken in Raum und Köpfe drücken. Traurig ist, dass Berlin sich immer wieder dem Kommerz in die Arme wirft. Als das Brandenburger Tor restauriert wurde, behängte es die Telekom mit einer Werbeplane. Bei der Enthüllung seilte sich ein fast vergessener Modemacher aus einem Ballon ab, öffnete einen Riesenreißverschluss, die Plane fiel. Die Welt staunte, Berlin war ganz bei sich. ULRICH SCHULTE

Der verballerte Fernsehturm

Kaum ein Berlin-Film kommt ohne ihn aus, am liebsten wird er von den Dächern in Prenzlauer Berg in Szene gesetzt: der Berliner Fernsehturm, den die DDR 1969 zum Gedenken an ihren 20. Geburtstag am Alexanderplatz errichtete. 35 Jahr später ist er ein besonderes Beispiel dafür, wie sich das arme Berlin an einen Bonner Großkonzern für null verkauft. Die Deutsche Telekom AG, der der Turm gehört, darf ihn zur Fußball-Weltmeisterschaft der Herren umsonst als Werbefläche missbrauchen - und klebt einen magentafarbenen Pseudofußball auf die Turmkugel. So als ob jeder Häuslebauer sein Dach als Reklamefläche vermarkten dürfte.
Dabei ist die Idee, die Fernsehturmkugel zur WM als überdimensionalen Fußball zu gestalten, an sich genial - und sie wäre bei adäquater Umsetzung eine weltweite Werbung für Berlin, das wirtschaftlich zunehmend auf Touristen angewiesen ist. Die verballerte Kopie am Himmel über Berlin ist nur eines: hässlich.
Ein Fußball ist schwarz-weiß - jedenfalls war er es so lange, bis die Marketing-Abteilungen der Sportartikelhersteller auf die Idee kamen, jedes Jahr ein neues Design zu entwerfen, um mehr Bälle zu verkaufen. Eines ist aber ein Fußball nie: rosa. So erinnert der beklebte Turm nun auch eher an das Gesicht eines pickeligen Jungstars denn an einen Fußball.
Doch der Telekom ging es offensichtlich eher um die penetrante Verbreitung ihrer Hausfarbe als um eine Hommage an das bevorstehende Fußballfest. Deshalb prangt jetzt auch noch ein riesiges Telekom-T auf der Kugel. Das ist nicht nur konsequent, sondern dreist. Wenn schon Werbung, dann soll der Konzern wenigstens dafür bezahlen - damit in den brachen Berliner Schulen vernünftige Internet-Zugänge installiert oder Fußbälle für den Sportunterricht angeschafft werden können. RICHARD ROTHER

Die Stadionkopie

Der Asphalt ist schon da. Über der Rasenfläche zwischen Bundestag und Bundeskanzleramt erstreckt sich die dunkelgraue Masse und lässt das Grauen erahnen, der auf ihm stattfinden soll: Veteranen-Fußballspiele und TV-Sendungen mit Johannes B. Kerner und Thomas Gottschalk.
Nur 45 Meter vom Reichstagsgebäude entfernt entsteht die „Adidas World of Football“. Ein Nachbau des Olympiastadions im Verhältnis 1 zu 33, umgeben von Bolzplätzen mit Kunststoffrasen, Bühnen und einem „Hospitality“-Bereich für 250 Personen. „Biertrinken und in die Gegend gucken“-Bereich klang wohl zu wenig erbaulich. Auf ihren 40.000 Quadratmetern wird die kleine Fußballwelt beweisen, dass es in der großen Welt keinen zivilisatorischen Fortschritt gibt. Eher eine Wiederholung der deutschen Geschichte als Farce.
Früher schmähte Kaiser Wilhelm II. das deutsche Parlament als „Quasselbude“. Heute lobt ein illegitimer „Kaiser“ Franz Beckenbauer eine Quasselbude direkt vor dem deutschen Parlament. Früher schämte sich halb Deutschland für das von Nazi-Architekten um- und fertig gebaute Olympiastadion am Stadtrand. Heute scheint sich halb Deutschland zu freuen über ein von einem Privatunternehmen hingeklotztes, nachgebautes Olympiastadion mitten in der Stadt.
Das ist mitnichten ein Zeichen neuer Entspanntheit im Umgang mit historisch prekären Stätten. Es ist die Kapitulation verantwortlicher Berliner Behörden vor der Frage: Wie geht die deutsche Hauptstadt mit symbolisch aufgeladenen Orten um? Anstatt dies mit eigenen Konzepten zu beantworten, will sich der Senat davon befreien. In der Hoffnung, dass Asphalt, Kunstrasen und Stahlträger die Diskussion um den Grund darunter bis zum Finale am 9. Juli begraben. Doch auch die Übereignung öffentlichen Raums an einen Konzern zu Werbezwecken ist eine Antwort. Wie es sich für Berlin bis heute gehört, ist sie zutiefst provinziell. MATTHIAS LOHRE

DER RABE RALF - Die Berliner Umweltzeitung

Deutschland - Land ohne Ideen

Audi-Vorstandschef Winterkorn hat im Beisein von Sozialminister Müntefering und weiteren Politikern, Fußballern und Rennfahrern im April vor dem Brandenburger Tor eine überdimensionale Autoskulptur enthüllt. Sie ist Teil der WM-Imagekampagne „Deutschland - Land der Ideen“. Die metallisch glänzende Plastik soll ein „Symbol für das Autoland Deutschland“ sein.

Das Kunstwerk gehört zum so genannten „Walk of Ideas“, den sechs Skulpturen an prominenten Plätzen in Berlin bilden. Im März war bereits eine riesige Aspirin-Tablette vor dem Reichstag aufgestellt worden. Das Kampagnen-Budget von 20 Millionen Euro wird zur Hälfte aus öffentlichen Mitteln finanziert.

Die Frage, warum ausgerechnet die Spritfresser und Rußschleudern der deutschen Autoindustrie und die zweifelhaften Praktiken der Bayer AG so besonders gute Ideen sein sollen, um sie der ganzen Welt vorzuführen, wird wohl leider erst spätere Generationen beschäftigen.

[Aids] Welt Hämophilietag

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
18. April 2006

Offener Brief an den Weltverband der Hämophilen (World Federation of Hemophilia)

„Kooperation mit BAYER sofort beenden“

Sehr geehrte Damen und Herren,

mehrere Tausend Bluter sind weltweit durch Bayer-Produkte fahrlässig mit HIV infiziert worden. Die Aids-Gefahr für Bluter war frühzeitig bekannt, aus Kostengründen wurden aber damals die bestehenden Sicherungsverfahren nicht eingesetzt. Die Firma Cutter, Tochter-Unternehmen von Bayer, war zu dieser Zeit Weltmarktführer für Blutprodukte.

Sicherlich ist Ihnen auch bekannt, dass Bayer kontaminertes Blut nach Asien exportierte, nachdem der Verkauf in Europa und den USA verboten wurde. Tausende von Bluter mussten hierfür mit ihrem Leben bezahlen.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die den Konzern seit 25 Jahren überwacht, fordert eine Entschuldigung von Bayer und eine gerechte Entschädigung für die Betroffenen. Außerdem muss gegen die Verantwortlichen bei Bayer strafrechtlich vorgegangen werden.

Obwohl die Kontamination hätte vermieden werden können, weigern sich die beteiligten Konzerne bis heute, den Betroffenen eine angemessene finanzielle Entschädigung zu zahlen. In den USA zum Beispiel erklärten sich die Unternehmen lediglich dazu bereit, den Infizierten eine Pauschale von 100.000 US$ zu bezahlen. Da diese Summe aber nicht einmal die Behandlungskosten deckt, zogen zahlreiche Betroffene vor Gericht.

Vor diesem Hintergrund ist es für uns unverständlich, dass die „World Federation of Hemophilia“ von Bayer Geld zur Finanzierung des Welt-Hämophilietags annimmt. Das Unternehmen möchte hiermit von seiner Rolle bei der wissentlichen Infizierung Tausender Bluter ablenken. Die Verbände, die die Bluter in aller Welt vertreten, dürfen sich für diese Zwecke nicht missbrauchen lassen. Wir fordern Sie auf, die Kooperation mit Bayer einzustellen.

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.

Turbofressen

CBG Redaktion

Presse-Information vom 13. April 2006
Coordination gegen BAYER-Gefahren

BAYER-Konzern sponsort Fress-Turniere

„Wettbewerbe widersprechen allem, was wir über gesunde Ernährung wissen“

Elf Pfund Käsekuchen in neun Minuten, 53 hot dogs in zwölf Minuten, 167 Chicken Wings in 32 Minuten, 57 Kuhhirne in einer Viertelstunde - dies sind einige der Rekorde, die von dem Wettess-Verband International Federation of Competitive Eating (IFoCE) anerkannt werden. Finanziert wird die Vereinigung unter anderem von dem deutschen BAYER-Konzern. Die mit 40.000$ Preisgeld dotierten Alka-Seltzer US Open of Competitive Eating sind sogar nach dem von BAYER hergestellten Schmerzmittel Alka-Seltzer benannt.

Hubert Ostendorf von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Welchen Schwachsinn will sich die Werbeabteilung von BAYER eigentlich noch ausdenken? Es ist wohl für jedermann einleuchtend, dass unmäßiges Essen gesundheitsschädlich ist. Bezeichnenderweise bietet der Konzern auch Mittel gegen Diabetes an – eine Krankheit, die wesentlich auf Übergewicht zurückzuführen ist.“ Ostendorf erinnert auch daran, dass Alka-Seltzer den Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure enthält. „Der unsachgemäße Gebrauch von Acetylsalicylsäure kann zu Magenblutungen und sogar Todesfällen führen – hiervon erfährt man in der Werbung für Alka-Seltzer natürlich nichts“, so Ostendorf weiter. Der Fress-Verband IfoCE nennt Alka-Seltzer einen “ständigen Begleiter von Wett-Essern in der ganzen Welt”.

Auch Ärzte und Ernährungsberater weisen auf Nebenwirkungen des Turbofressens hin – u.a. Sodbrennen, Übelkeit, Durchfall und Blähungen, Magenrisse und Entzündungen der Speiseröhre. Von Übergewicht ganz zu schweigen. „Diese Wettbewerbe widersprechen allem, was wir über gesunde Ernährung wissen“, urteilt auch Bonnie Taub-Dix, Sprecherin der Amerikanischen Diätetischen Gesellschaft (American Dietetic Association). Ein Großteil ihrer Landsleute kämpfe mit der Volkskrankheit Fettleibigkeit, sagt die Expertin, umso weniger Verständnis habe sie für Fress-Wettkämpfe.

BAYER hatte das 75-jährige Jubiläum von Alka-Seltzer Ende März mit dem angeblich „größten Buffet der Welt“ begangen. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert den Konzern auf, die Förderung von Fress-Wettbewerben sowie verharmlosende Pharma-Werbung einzustellen.

taz: mit Wettessen ist nun Schluss
International Federation of Competitive Eating: http://www.ifoce.com/index.php

[HV Reden] STICHWORT BAYER 02/2006

CBG Redaktion

Kapitale Kapital-Kritik

BAYER auf der Anklagebank

Acht Konzern-KritikerInnen ergriffen auf der BAYER-Hauptversammlung das Wort und präsentierten dem Konzern-Vorstand eine Gewinn- und Verlustrechnung ganz anderer Art. Von A wie Arbeitsplatzvernichtung bis V wie Völlerei-Sponsoring reichten dabei ihre Posten.

Von Jan Pehrke

Ralf-Jochen Ehresmann eröffnete den Reigen der GegenrednerInnen. Der PDSler hatte die illegalen Kartellbildungen bereits auf den früheren Hauptversammlungen immer wieder angeprangert und beschied dem BAYER-Chef Werner Wenning deshalb: „Die Erklärung vermag nicht zu überzeugen, es handle sich nur um einen Ausrutscher“. Als einen solchen stellte der Vorstandsvorsitzende auch das Sponsoring eines Freßwettbewerbs in den USA dar, dessen TeilnehmerInnen sich mit Verputz-Rekorden wie elf Pfund Käsekuchen in neun Minuten, 53 hot dogs in zwölf Minuten und 167 Chicken Wings in 32 Minuten brüsten. Angesichts der „Problematik des Übergewichts“ in den westlichen Ländern fehlte Ehresmann jedes Verständnis dafür, warum gerade ein Pharma-Konzern einen „Verein für vergleichende Völlerei“ unterstützt. Wenning zeigte sich unerwartet reumütig. „Das kann man kritisieren“, räumte er ein. Dann (kultur)relativierte der Große Vorsitzende aber gleich. Da „in anderen Ländern andere Sitten herrschen“, habe man im Homeland des Fastfood die Namenspatronage für ein Fließband-Fressen als eine angemessene PR-Aktivität betrachtet. Zudem seien die Erlöse des Kampfessens teilweise denen zugute gekommen, deren Essenskämpfe keinen sportlichen, sondern einen existenziellen Charakter haben - den Ärmsten der Armen. Aber schließlich hatte der Manager doch ein Einsehen und versprach, bei Fresswettbewerben künftig Werbe-Enthaltsamkeit zu üben, wobei die Kampagne der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) zu diesem Thema diesen Erkenntnisprozess wohl nicht unwesentlich gefördert hat.

Bei Andrea Will (DKP) gab er sich hingegen wieder gewohnt unnachgiebig. Will hatte eine flammende Rede gegen den Klassenkampf von oben im Allgemeinen und die im Zuge der SCHERING-Übernahme geplante Vernichtung von 6.000 Arbeitsplätzen im Besonderen gehalten. „Für Sie mögen es nur ökonomische Kennziffern sein, für die Männer und Frauen geht es um ihre Lebensplanung“, wetterte die Kommunistin und erinnerte den Konzernherren an den „Eigentum verpflichtet“-Passus des Grundgesetzes. Dem sah Wenning jedoch schon dadurch Genüge getan, dass „die Maßnahmen fair und sozial durchgeführt“ werden. Soziale Arbeitsplatzvernichtung in der Sozialen Marktwirtschaft - BAYER macht's möglich.

In Ländern der „Dritten Welt“ braucht der Konzern noch weniger Rücksicht auf irgendwelche Paragrafen zu nehmen und handelt entsprechend, wie Jens Elmer vom Eine-Welt-Netz-NRW berichtete. Der Chemie-Multi duldet in Indien nicht nur Kinderarbeit bei den Zulieferern seiner Tochtergesellschaft PROAGRO, er legt auch doppelte Standards beim Vertrieb von Pestiziden an. Trotz der Versicherung von BAYER, den Verkauf des zur Top-Gefährlichkeitsklasse gehörenden Ultragiftes Monocrotophos Ende 2004 eingestellt zu haben, fand es der „Dritte Welt“-Aktivist bei seinem Besuch in Andrah Pradesh auf den Regalen der Händler. „Die Quittung habe ich ihnen hier mitgebracht“, eröffnete Elmer den Ungläubigen im Publikum und erinnerte den Konzern an sein Versprechen, alle Klasse-1-Pestizide aus dem Verkehr zu ziehen. Wenning antwortete, Bayer habe 2005 einen Rückruf gestartet, der offenbar aber offenbar mancherorts mit sehr leiser Stimme erfolgte, denn: „Im indischen Markt halten wir es vor, da es verlangt wird“. Deshalb vermochte er es auch nicht völlig auszuschließen, dass Geschäftsleute Monocrotophos weiterhin verkaufen. Das auf der Hauptversammlung vor elf Jahren gegebene Versprechen geriet ihm indes zu einer unverbindlichen Zukunftsvision, an der er leicht festhalten kann. „Die Ziele haben nach wie vor Gültigkeit“, bekräftigte der BAYER-Chef. Und bis der Konzern auf die Zielgerade eingebogen ist, dürfte Monocrotophos nicht nur in Indien noch viel Unheil anrichten.

Aber die Schadensbilanz von BAYERs Landwirtschaftsabteilung reicht noch weiter. Als einer der weltweit größten Saatgut-Produzenten sorgt der Chemie-Multi mit seiner Marktmacht für ein Abnehmen der Artenvielfalt und zwingt die LandwirtInnen durch seine hybriden, nicht für die Wiederaussaat geeigneten Sorten jedes Jahr neu zum Kauf von Wegwerfprodukten. Auch bei der neuesten „Errungenschaft“ ist BAYER laut Gregor Kaiser von der Initiative FREIE SAAT STATT TOTE ERNTE mit von der Partie: der Terminator-Technologie. Dieses auf Genmanipulation beruhende Hightech-Verfahren, über das die UN wegen möglicher Risiken und Nebenwirkungen ein Moratorium verhängt hat, macht die Saaten schon ab Werk steril und so zu einer perfekten Ware. BAYER hält in dem Bereich mehrere Patente. Gregor Kaiser fragte beim Vorstandsvorsitzenden nach, ob der Agroriese schon an der Entwicklung von Terminator-Saatgut arbeitet. Der Ober-BAYER verneinte: „Wir sind gegen den Einsatz von Terminatoren bei (...) Futterpflanzen, wenn sie dazu dienen, Bauern an der Wiederaussaat zu hindern“. Der Konzern setzt ihm zufolge lieber auf das Hybridsaatgut als altbewährte Abhängigkeitstechnologie. Bei der Umrüstung von Pflanzen zur kleinen Pharmafabriken, die Impfstoffe - „vielversprechende Vakzine“ - oder andere Substanzen produzieren, sprach er sich dagegen für die Verwendung der Risikotechnologie aus.

Bevor solche Arzneistoffe den Weg in die Apotheken finden, müssen viele Affen, Hunden und Ratten in den Laboren der Pillen-Produzenten ihr Leben lassen. Von „Millionen und Milliarden von Tieren, die zutiefst gequält werden“ sprach Lana Fitsch vom KÖLNER ALLERWELTSHAUS auf der Hauptversammlung. Das ließ auch Werner Wenning nicht ungerührt. Er bekundete, dass ihm „das Thema eine Herzensangelegenheit“ sei. Aber lange ließ er sein Herz nicht sprechen: „Doch ich muss Ihnen sagen, dass Tierversuche nach wie vor notwendig und vom Gesetzgeber vorgeschrieben sind“. Andere Verfahren ständen halt nicht zur Verfügung, so Wenning achselzuckend, dabei wäre es an BAYER & Co., welche zu entwickeln.

Wie es nach der neuen EU-Chemikalienverordnung REACH auch die Aufgabe der Konzerne wäre, nach Alternativen für besonders gesundheitsgefährdende Chemikalien zu suchen. Als eine solche betrachtete Daniela Rosche von WOMEN IN EUROPE FOR A COMMUN FUTURE das von BAYER in rauen Mengen produzierte Bisphenol A, das Brustkrebs, Fortpflanzungstörungen und Gehirnschäden verursachen kann. Roche wollte deshalb vom Vorstandsvorsitzenden wissen, ob das Unternehmen bereits an Substitutionsverfahren arbeite. Aber Wenning sah dazu keinen Anlass. „Fakt ist nun, dass nach über 50 Jahren Gebrauch“ und „zahlreichen Studien“ kein Grund zur Besorgnis über Bisphenol A bestehe, entgegnete er der Chemiekritikerin.

Gegen REACH an sich habe er aber nichts, solange dessen Verbraucherschutzmaßnahmen Zukunftsmusik blieben. „BAYER unterstützt die Zielsetzung“, sagte der mit Bekenntnissen zu hehren Zielen diesmal äußerst großzügige, mit konkreten Angaben zur Umsetzung aber umso knausrigere Große Vorsitzende. Und so wird das Unternehmen wohl bis auf Weiteres gesundheitsgefährende Produkte produzieren, Arbeitnehmerrechte missachten und Antikartell-Gesetze brechen, weil es nur ein Gesetz kennt, das des Profits. Dessen Logik, die auch zu der von den KonzernkritikerInnen aufgemachten Gewinn- und Verlustrechnung führte, hat der von Axel Köhler-Schnura zitierte Karl Marx immer noch am besten erfasst. „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens“, schrieb der alte Rauschebart.

[Ticker 02/2006] STICHWORT BAYER 02/2006 – Ticker

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

CBG verklagt BAYER
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) hat den Leverkusener Chemiemulti wegen seiner zahlreichen illegalen Preisabsprachen verklagt. Da die inzwischen aufgeflogenen Kartelle unmöglich ohne das Wissen der verantwortlichen Konzern-Manager entstanden sein können und sich die Rückstellungen für zu erwartende Strafzahlungen mittlerweile auf 275 Millionen Euro belaufen, sieht die CBG den Tatbestand der Veruntreuung als erfüllt an. „Die Verantwortlichen müssen persönlich in Haftung genommen werden“, forderte CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes in einer Presseerklärung zur Strafanzeige.

Klimaschwindel: Loske schreibt BAYER
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) hatte BAYER beim Klimaschwindel ertappt und die vom Konzern stets mit stolzgeschwellter Brust vorgetragene Zahl von 60 Prozent weniger Kohlendioxid auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Wie die CBG nachwies, hatte der Multi die Reduzierung mitnichten durch Investionen in den Umweltschutz erreicht, sondern durch Betriebsschließungen, Verkäufe von Unternehmensteilen und ein Outsourcing der Energie-Produktion. Dies gab auch dem grünen Bundestagsmitglied Reinhard Loske zu denken, der das Unternehmen zuvor für seine Klimapolitik mit grünen Weihen ausgestattet hatte. Er forderte den Vorstand auf, zu den Tricksereien Stellung zu nehmen und kündigte an, sein Lob öffentlich zu widerrufen, sollte BAYER die Vorwürfe nicht entkräften können.

Anfrage wg. Kinderarbeit
Noch immer besteht die Belegschaft bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO zu 20 Prozent aus Kindern. Darum hat die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) diesen Skandal in den Deutschen Bundestag eingebracht. Über die LINKSPARTEI stellte sie eine parlamentarische Anfrage zu dem Thema. Die Antwort spricht Bände. „Die Bundesregierung teilt die Auffassung, dass Kinderarbeit eine Menschenrechtsverletzung darstellt“, schreibt Rot-Schwarz, um dann ihre Ohnmacht hinsichtlich des Treibens von BAYER zu bekunden: „Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ist freiwillig und daher nicht einklagbar“.

Monitor macht BAYER Beine
Der Bericht des TV-Magazins Monitor über Kinderarbeit bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatguttochter PROAGRO hat dem Konzern Beine gemacht. „BAYER war geschockt über die Monitor-Reportage“, meldete der Anti-Kinderarbeitsaktivist Dr. Davuluri Venkateswarlu der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN aus dem fernen Indien. PROAGRO-ManagerInnen haben ihn unmittelbar nach der Sendung kontaktiert, um mit ihm einen Aktionsplan für die nächste Pflanzsaison auszuarbeiten. Was aus dem Vorhaben wird, bleibt allerdings abzuwarten.

Vorläufiges Aus für Terminator-Technologie
Auf der UN-Konferenz im brasilianischen Curitiba haben BAYER & Co. eine empfindliche Niederlage erlitten. Es ist ihnen nicht gelungen, die DelegiertInnen zu einer Aufhebung des Moratoriums für Terminator-Saatgut zu bewegen. In dieser Technologie, Saaten mittels Gentechnik steril zu machen und so die LandwirtInnen daran zu hindern, sie in der nächsten Pflanzsaison wiederauszusähen, sahen die Agromultis ein wirksames Instrument zu einer Erweiterung der Kontrolle über die Nahrungsmittelkette (SWB 1/06). Aber das auch von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN unterstützte, breit angelegte Aktionsbündnis TERMINATOR-TECHNOLOGIE ÄCHTEN - FREIE SAAT STATT TOTE ERNTE machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. „Ohne den massiven politischen Druck für eine Beibehaltung des Moratoriums wäre den Saatgutmultis die Aufhebung gelungen“, meint Roland Röder von der AKTION 3.WELT SAAR. Jetzt versucht die Kampagne, das Terminator-Tabu ins bundesdeutsche Gentechnik-Gesetz einfließen zu lassen.

CBG auf Anti-Gentech-Konferenz
Im April 2006 trafen sich Gentech-GegnerInnen auf Kreta zu einer Konferenz, auf der auch die Arbeit der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) in einem Workshop vorgestellt wurde. Die Resonanz war positiv: „Es war eine gelungene Veranstaltung, viele Menschen wurden über Anti-Gentech-Aktivitäten informiert - und glaubt es mir! - vielen von ihnen war unbekannt, wie tief BAYER da drin steckt“, schrieb einer der Organisatoren der CBG.

GREENPEACE gegen BAYER-Studie
BAYER, BASF und andere Genmultis finanzieren über ihren Verband „CropLife“ ein Institut, dessen Untersuchungen den Geldgebern stets die erwünschten Ergebnisse liefern. So publizierten die WissenschaftlerInnen in Italien eine Untersuchung, welche die Gefahren von Kreuzungen gentechnisch veränderter Pflanzen mit konventionell oder ökologisch angebauten Sorten herunterspielt. Die Initiativen GREENPEACE und LEGAMBIENTE reagierten sofort und korregierten die Aussagen der AuftragsforscherInnen.

Italien: LandwirtInnen gegen Genreis
Der Leverkusener Chemie-Multi hatte bei der EU vor einiger Zeit einen Antrag auf Import-Genehmigung für eine gentechnisch gegen das Anti-Unkrautmittel LIBERTY LINK (Wirkstoff: Glufosinat) resistent gemachte Reis-Sorte gestellt (siehe GENE & KLONE). Der italienische LandwirtInnenverband „Confederazione italiana agricoltori“ hat sich streng dagegen ausgesprochen, diese Erlaubnis zu erteilen.

Protest gegen EU-Forschungspolitik
Die Europäische Kommission greift zur Beglückung von BAYER & Co. mal wieder tief in die Tasche. Die EU will Forschungen im Agrarbereich mit einem Schwerpunkt auf der Gentechnik von 2007 bis 2013 mit 2,5 Milliarden Euro fördern (siehe SWB 4/04), während sie Untersuchungen zum Umwelt- oder VerbraucherInnenschutz kein Geld zur Verfügung stellt. Aus Protest gegen diese Subventionspolitik haben das GENETHISCHE NETZWERK, GREENPEACE und andere Initiativen einen Offenen Brief an Europa- und Bundestagsabgeordnete geschrieben.

BIS-Proteste in Brunsbüttel
Im Herbst 2005 kam es am BAYER-Standort Brunsbüttel zu Protesten von 150 MitarbeiterInnen von BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS), weil die Konzernzentrale sich Zeit dabei lässt, die Sparte in die Teilgesellschaft BAYER MATERIAL SCIENCE zu integrieren. Die BIS, die innerhalb des Konzernverbundes die Chemie„parks“ betreibt, steht seit geraumer Zeit wegen angeblich zu schlechter Geschäftszahlen unter Druck (siehe SWB 1/06), und die Beschäftigten sehen sich durch eine Zusammenlegung mit der Kunststoff-Abteilung besser vor einer drohenden Arbeitsplatzvernichtung geschützt. „Wir lassen keinen Keil zwischen BMS und BIS treiben“ und „Schluss mit der Hinhaltetaktik“ schrieben die Belegschaftsangehörigen deshalb auf ihre Demonstrationsschilder. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE bekommt sogar Rückendeckung vom Werksleiter Roland Stegmüller und will die Fusion notfalls vor Gericht erstreiten.

Proteste in Antwerpen
Im Antwerpener Werk von BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS will die Geschäftsleitung die Beschäftigten zu Mehrarbeit zwingen. In einem Interview schwärmte das Vorstandsmitglied Koemm von chinesischen Verhältnissen mit jährlichen Lohnkosten von 10 - 15.000 Euro für eine 48-Stunden-Woche und klagte insbesonders über die angeblich zu großzügigen Urlaubsregelungen in der belgischen Niederlassung. Die beiden Gewerkschaften ABVV und ACV reagierten sofort. Sie traten mit einem Flugblatt an die Öffentlichkeit und kündigten Widerstand an, falls LANXESS zur Tat schreiten sollte: „Wir werden zum richtigen Zeitpunkt hart reagieren“.

Bisphenol: Land wiegelte ab
Im letzten Jahr machte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN der Öffentlichkeit die Ergebnisse einer neuen Studie zu den hirnschädigenden Wirkungen der von BAYER in großen Mengen hergestellten Chemikalie BISPHENOL A zugängig. Auf der Basis dieser neuen Informationen fragten BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bei der Landesregierung Nordrhein-Westfalen an, ob sie Handlungsbedarf sehe. Aber Rüttgers Club wiegelte ab. Die MinisterInnen verwiesen in ihrer Antwort auf eine ältere Studie des „Bundesinstitutes für Risikobewertung“, die der NRW-Regierung zufolge befand, „dass für Säuglinge und Kleinkinder aus der üblichen Verwendung von Polycarbonatflaschen kein gesundheitliches Risiko durch Bisphenol A resultiert“ Zudem stehe es den VerbraucherInnen ja frei, auf diese Flaschen zu verzichten und zu Glas zu greifen. Ansonsten wartet die CDU/FDP-Koalition die Resultate der zur Zeit auf europäischer Ebene vorgenommenen neuen Risiko-Bewertung ab. Das BISPHENOL A kann also in BAYERs Homeland einstweilen unbehelligt weiter seine gefährlichen Kreise ziehen.

CBG schreibt Bluterorganisationen
In den achtziger Jahren hatte BAYER es aus Profit-Gründen unterlassen, seine Blutplasma-Produkte einer keimtötenden Hitze-Behandlung zu unterziehen, um das Risiko einer „AIDS“-Infektion zu senken. Als die US-Gesundheitsbehörde FDA die Einführung des Verfahrens schließlich zur Pflicht machte und den Abverkauf der unbehandelten Chargen verbot, lieferte der Konzern die Altlasten einfach nach Asien. Insgesamt starben durch die Geschäftspraktiken von BAYER & Co. Tausende Bluter an AIDS. Seither versucht der Leverkusener Chemiemulti das Vertrauen der Bluter über eine großzügige Unterstützung der Patienten und ihrer Verbände zurückzugewinnen. So hat das Unternehmen erst jüngst 2,7 Millionen Dollar für Forschungen zur Bluterkrankheit gespendet und mit der US-Organisation „National Hemophilia Foundation“ ein Autorennen zu Gunsten von Blutern veranstaltet. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) hat den Weltbluterverband „World Federation of Hemophilia“ in einem Offenen Brief deshalb aufgefordert, diese durchsichtige Strategie zu durchkreuzen und die Kooperationen mit dem Leverkusener Multi zu beenden.

GREENPEACE kritisiert Lebensmittelaufsicht
Im Herbst 2005 führte GREENPEACE eine Untersuchung zur Pestizid-Belastung von Obst und Gemüse durch und förderte hohe Giftwerte zu Tage (siehe SWB 1/06). Die Spitzenposition nahm dabei eine Substanz aus dem Hause BAYER ein: FOLICUR fand sich in 8,2 Prozent aller Proben. Das Ergebnis der Studie deutete auf ein eklatantes Versagen der den einzelnen Bundesländern unterstehenden Lebenmittelkontrollbehörden hin. Diesen hat GREENPEACE jetzt genauer auf den Zahn gefühlt und 16 von ihnen wegen zu seltener Überprüfungen und unzureichend ausgestatteter Labore die Note „mangelhaft“ erteilt.

Ärger im Pillenparadies
Nirgendwo auf der Welt verdienen BAYER & Co. mit ihren Pillen so viel Geld wie in den USA. Für die Rheuma-Arznei CELEBREX etwa müssen die US-AmerikanerInnen mit 222 Dollar fast doppelt so viel berappen wie ihre NachbarInnen in Kanada, wo die Pillen nur 135 Dollar kosten. Darum hat der Bürgermeister der Stadt Springfield, die für ihre kommunalen Angestellten eine eigene Krankenversicherung unterhält, die Mitglieder nun aufgefordert, ihre Medikamente per Internet in Kanada zu bestellen. So sparte die Gemeinde drei Millionen Dollar im Jahr und brachte Big Pharma auf die Palme. Die US-Gesundheitsbehörde gab den Pillenriesen dagegen Rückhalt und warnte vor Sicherheitsrisiken. „Das Einzige, was nicht mehr sicher ist, sind die Gewinne der Pharma-Industrie“, entgegnete daraufhin Isaac BenEzera als Sprecher einer SeniorInnen-Initiative und verwies auf die Zahl von jährlich 18.000 Menschen, die sterben müssen, weil sie sich dringend benötigte Medikamente nicht leisten können.

PAN schreibt Gabriel
Das PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK (PAN) hat den Umweltminister Sigmar Gabriel und den Landwirtschaftsminister Horst Seehofer in einem Offenen Brief aufgefordert, mit der Umsetzung eines Beschlusses der AgrarministerInnen-Konferenz vom 4. März 2005 zu beginnen, der eine Reduzierung des Einsatzes der Pestizide von BAYER & Co. auf den Äckern um 15 Prozent bis 2015 vorsieht.

VDPP fordert Arznei-Bedarfsprüfung
Der VEREIN DEMOKRATISCHER PHARMAZEUTINNEN UND PHARMAZEUTEN (VDPP) hat gefordert, bei Zulassungsverfahren für Medikamente auch nach dem Kriterium zu entscheiden, ob die neue Arznei wirklich gebraucht werde. Eine solche Bedarfsprüfung als vierte Hürde wäre in den Augen des VDPP-Vorständlers Dr. Thomas Schulz ein wirksames Mittel gegen die Pillen- und Kostenflut im Gesundheitswesen.

Sicherheitsinitiative der ABVV
Am US-amerikanischen BAYER-Standort Baytown ereignete sich am 18.6.2005 ein tödlicher Unfall (Ticker 1/06). Die Arbeitssicherheitsbehörde Osha untersuchte den Fall und stellte massive Verfehlungen BAYERs fest. Sie wies „ernsthafte Verstöße“ gegen die Sicherheitsbestimmungen nach, weshalb eine „hohe Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls oder ernsthafter körperlicher Schäden“ bestanden hätte. Die Berichterstattung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN über diesen Fall nahm die im Antwerpener BAYER-Werk aktive sozialistische Gewerkschaft ABVV zum Anlass, an die Firmenleitung eine Anfrage zur Sicherheitslage in ihrem Werk zu stellen, das mit der Baytowner Produktionsstätte nahezu baugleich ist. Die Antwort aus der Zentrale bezeichneten die ArbeiternehmervertreterInnen als „sehr unklar und nicht zufriedenstellend“.

Greenwashing-Aktivitäten in Vietnam
Auch in Vietnam stellt sich der Leverkusener Chemie-Multi mittlerweile unter Verweis auf seine Kooperationen mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen als grüner Musterschüler dar. Die staatliche Nachrichtenagentur des Landes hat sich in diese Greenwashing-Aktivitäten einspannen lassen. Deshalb hat die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN die Redaktion in einem Brief über das Umweltsündenregister des Konzerns aufgeklärt.

KAPITAL & ARBEIT

Betriebsratswahlen: Erfolge für Linke
Bei den letzten Betriebsratswahlen beim Leverkusener Multi errangen fortschrittliche Gruppen innerhalb der IG BERBBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) zum Teil große Erfolge. Die BELEGSCHAFTSLISTE des Wuppertaler BAYER-Werkes erreichte ihr bisher bestes Ergebnis und verfehlte mit 49,8 Prozent der Stimmen die Betriebsratsmehrheit nur knapp. Bei BAYER INDUSTRY SERVICES erreichten die BASISBETRIEBSRÄTE sieben Sitze und die KOLLEGEN UND KOLLEGINNEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT einen. Die IG BCE kam dort auf 17 Sitze, VERDI auf vier. Im Leverkusener BAYER-Werk errangen die BASISBETRIEBSRÄTE vier Mandate und die DURCHSCHAUBAREN drei, während die IG BCE 28 und VERDI zwei gewann. Der größten Coup gelang alternativen Gewerkschaftsgruppen bei SCHERING. Die Angst vor Arbeitsplatzverlusten im Zuge der Fusion mit BAYER hat einer linken Gruppierung die Mehrheit im Betriebsrat verschafft.

17 % weniger Lohn für PersonalerInnen
Wenn die Konzerne drastische Einsparungen vornehmen, die traurige Botschaft aber nicht persönlich überbringen wollen, heuern sie zumeist externe Beratungsgesellschaften als Briefträger an. So auch BAYER. Der Konzern ließ die Unternehmensberatung HACKETT die Aufwändungen in Verwaltung und Personalwesen prüfen, und siehe da: HACKETT eruierte ein Einsparpotenzial von 200 Millionen Euro durch eine Konzentration der Aufgaben auf einen Standort. „Shared Services Center“ (SSC) heißt das neue Modewort. Vorher von den einzelnen Landesgesellschaften bearbeitete Bereiche wie Lohnabrechnung, Pensionierungsfragen und ähnliches will der Chemie-Multi nun bündeln. Um die Standortfrage für eine solche Ausgründung zu klären, inszenierte er dann schnell noch einen Unterbietungswettbewerb zwischen Barcelona und Leverkusen. Der Stammsitz trug den „Sieg“ davon. 17 Prozent weniger Lohn, die 40-Stunden-Woche und der Wegfall von 100 Stellen - dieses Angebot war nicht zu schlagen. „Unbestreitbar werden mit diesen Regelungen Arbeitsbedingungen für die betroffenen Arbeitsplätze mittel- und langfristig nicht verbessert. Auf der anderen Seite wären diese Arbeitsplätze in Deutschland nicht zu halten gewesen. Das Niveau der Arbeitsbedingungen in dem SSC wird nicht mehr das Niveau der Arbeitsbedingungen bei BAYER sein, aber es ist das Niveau vergleichbarer Arbeitsbedingungen in Deutschland/Leverkusen“, kommentierte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Thomas de Win das Verhandlungsergebnis. Auch in Asien und Nordamerika plant der Konzern jetzt solche Rationalisierungsmaßnahmen in den Personalabteilungen.

Vorstandsgehälter: + 9 Prozent
Die Bezüge von BAYERs Vorstandsriege erhöhten sich 2005 gegenüber dem vorigen Geschäftsjahr um neun Prozent. Würden die Gewerkschaften eine solche Forderung nach Lohnsteigerung stellen, bräche nicht nur in der Konzernzentrale des Pharmariesen ein Sturm der Entrüstung los.

Von BAYER zur IG-BCE-Spitze
Der designierte Nachfolger von Hubertus Schmoldt an der Spitze der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) ist ein BAYER-Mann. Bevor Michael Vassiliadis 1986 in den Apparat der Gewerkschaft wechselte, war er im Dormagener BAYER-Werk als Chemielaborant tätig. Auch unter seiner Ägide dürfte die IG BCE nicht von ihrem Kurs abweichen, den Beschäftigten die von BAYER & Co. auf die Agenda gesetzten Unzumutbarkeiten zumutbar zu machen. So hat Vassiliadis an der Verlängerung der Lebensarbeit an sich nichts auszusetzen. In bester Co-Management-Manier beschäftigt ihn lediglich die Frage, wie die GewerkschaftlerInnnen diesen Rückfall in die Steinzeit der Arbeitsbedingungen vor Ort am besten organisieren können.

Billiglohnland Bundesrepublik
Bei den Lohnstückkosten, also dem Quotienten aus Lohnkosten und Umsatz, nimmt die Bundesrepublik unter den sieben großen Industrieländern den vorletzen Platz ein. Nur in Japan war die Arbeit noch billiger. Dies ergab eine Studie der Volkswirtschaftsabteilung der DEUTSCHEN BANK.

Schmoldt für Kombilöhne
Der Vorsitzende der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE), Hubertus Schmoldt, der auch dem BAYER-Aufsichtsrat angehört, hat sich für die Einführung von Kombilöhnen ausgesprochen. Wie die Unternehmer hält der Gewerkschaftler die Höhe der Gehälter für eine Ursache der Arbeitslosigkeit. Deshalb möchte er Sonderangebote für BAYER & Co. einführen und entwarf ein Kombilohn-Modell. Nach seinen Vorstellungen soll die „Bundesagentur für Arbeit“ künftig für 20 Prozent des Entgeltes von gering Qualifizierten aufkommen und so für die Industrie einen neuen Niedriglohnsektor schaffen.

Das Chemie-Geschäft boomt
Bei der ersten Pressekonferenz in seiner Funktion als Präsident des „Verbandes der Chemischen Industrie“ konnte BAYER-Chef Werner Wenning mit guten Zahlen aufwarten. Die Produktion von BAYER & Co. erhöhte sich um sechs Prozent. Der Umsatz stieg um sieben Prozent, wobei sich das Umsatzwachstum gegenüber den Vorjahren sogar verdoppelte. Trotzdem vernichteten die Chemie-Unternehmen ein Prozent ihrer Arbeitsplätze. Nur noch 440.600 Beschäftigte zählt die Branche. Mit immer weniger Personalkosten erwirtschaften die Firmen also immer exorbitantere Gewinne. Für Wenning dürften sie aber gerne noch etwas exorbitanter sein. Er kritisierte die im Vergleich zu den USA und Großbritannien am Standort Deutschland um ein Drittel höheren Arbeitskosten und die um fünf Prozent niedrigere Umsatzrendite.

Weitere Arbeitsplatzvernichtung bei LANXESS
BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS läutet die dritte Sparrunde ein. Durch die Vernichtung von 250 Arbeitsplätzen - vor allem im Bereich der Herstellung von ABS-Kunststoffen - soll diese ab 2009 50 Millionen Euro erbringen. Dafür will Vorstandschef Axel Heitmann unter anderem eine Niederlassung in Brasilien schließen und Rationalisierungsmaßnahmen am US-Standort Addyston einleiten, wo das LANXESS-Werk zuletzt immer wieder durch Schadstoff-Austritte negative Schlagzeilen machte. Auch den Produktionen in Indien und Thailand drohen Einschnitte. Zur Begründung der Stellenstreichungen verwies Heitmann auf die zu große Anzahl von Geschäftsfeldern, die nicht seinen Rendite-Erwartungen entsprechen. „Immer noch rund 25 Prozent unseres Umsatzes sind nicht profitabel, weitere 30 Prozent sind nicht zufriedenstellend“, so der Verstandsvorsitzende. Es dürfte also noch das Arbeitsplatzabbau-Programm Nr. 4 folgen.

LANXESS-Ausverkauf geht weiter
BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS die Investmentbanken CREDIT SUISSE und LEHMAN BROTHERS beauftragt, Abnehmer für die Sparten „ABS-Kunststoffe“ und „Textilchemikalien“ zu finden. Sollte dies gelingen, würde der Konzern um ein Siebtel seiner Größe schrumpfen.

Dormagen: Werkschutz privatisiert
Der nach Meinung der Konzernleitung zu kostenintensiv arbeitende Chemie„park“-Betreiber BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS) beginnt mit der Umsetzung seines Sparprogramms. In Dormagen hat er den Werkschutz an einem Tor bereits einer Fremdfirma übertragen (siehe auch SWB 1/06).

Weniger Verbesserungsvorschläge
Reichten die BAYER-Beschäftigten im Jahr 2004 noch 17.000 Verbesserungsvorschläge ein, so schrumpfte deren Zahl anno 2005 auf 9.600 - eine Nebenwirkung der innerhalb des Konzernverbundes vernichteten Arbeitsplätze. Nur BAYERs Undankbarkeit bleibt konstant. Der Konzern spart durch die Innovationen pro Jahr neun Millionen Euro ein, schüttet an Prämien jedoch nur einmalig 2,4 Millionen aus.

Mehr Sonderzahlungen
Der Leverkusener Chemie-Multi steigerte seinen Gewinn im Geschäftsjahr 2005 um 134 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro. Da war dann auch ein höheres Almosen für die Beschäftigten drin: Der Konzern hob die jährlichen Sonderzahlungen um ein Drittel auf 59 Millionen Euro an. Das Unternehmen behielt sich allerdings vor, von dem Betrag 2,3 Prozent einzubehalten. Angeblich soll dieser Obulus dem Erhalt von 1.000 Arbeitsplätzen an den bundesdeutschen Standorten dienen.

ERSTE & DRITTE WELT

Zinnschlacke aus dem Kongo
Der Kongo ist eines der rohstoffreichsten Länder Afrikas. Die BAYER-Tochter HC STARCK hat in der Vergangenheit nicht einmal davor zurückgeschreckt, mit den Bürgerkriegsparteien Handel zu treiben, um in den Besitz von Coltan zu kommen (Ticker berichtete mehrfach). Aber das Interesse HC STARCKs beschränkte sich keinesfalls nur auf dieses seltene Metall. Nach Informationen von german-foreign-policy.com verhandelten FirmenvertreterInnen im Sommer 2003 auch über Zinnschlacke-Lieferungen mit zwielichtigen Geschäftspartnern. Darum begrüßt die BAYER-Gesellschaft selbstverständlich den Einsatz der Bundeswehr im Kongo als Maßnahme zur Herstellung der „Versorgungssicherheit“ mit Coltan & Co. (siehe auch SWB 2/06).

Bill Gates hilft BAYER
Die Pharmamultis haben die ärmeren Staaten nicht in ihrer Kundendatei. Deshalb müssen öffentliche oder private Institutionen einspringen, um Medikamenten-Entwicklungen für Krankheiten zu fördern, die besonders häufig in Entwicklungsländern auftreten. Eine solche Organisation ist die „Global Alliance for TB-Drug-Development“. Bill Gates, die Rockefeller Foundation, die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA und diverse andere Vereinigungen finanzieren im Rahmen des Verbundes die Suche nach neuen Tuberkulose-Behandlungsmethoden. So fließt auch Geld für die Erprobung einer Kombinationstherapie von Tbc-Arzneien mit BAYERs Antibiotikum AVALOX; speziell für diesen Forschungsansatz hat Bill Gates im Frühjahr 2006 noch einmal 100 Millionen Dollar locker gemacht. Das Präparat soll den Heilungsprozess beschleunigen, die Bildung Antibiotika-resistenter Bakterienstämme eindämmen und so die Überlebenschancen der PatientInnen erhöhen. In der Fachwelt ist das BAYER-Mittel allerdings umstritten. Der „Arzneimittelverordnungsreport ‚97“ zählt Antibiotika mit Wirkstoffen aus der Gruppe der Fluorchinole wie AVALOX aufgrund der vielen Nebenwirkungen zu den „nicht primär empfehlenswerten Substanzen“.

IG FARBEN & HEUTE

Britische SARIN-Experimente
1936 entwickelte der IG-FARBEN-Chemiker Gerhard Schrader das Giftgas SARIN, was dann auch im Namen zum Ausdruck kommt: S für Schrader und A für den Giftgas-Abteilungsleiter der von BAYER mitgegründeten IG FARBEN, Otto Ambros. Mit eben diesem Gas führte die britische Armee 1953 Experimente durch. In einer Militärklinik applizierten WissenschaftlerInnen SARIN auf die Haut von fünf Soldaten. Einer von ihnen, Ronald Maddison, starb eine Stunde später. Mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tod entschuldigte sich die Regierung bei den Hinterbliebenen Maddisons und zahlte ihnen eine Entschädigung in Höhe von 146.000 Euro.

POLITIK & EINFLUSS

BAYER kooperiert mit dem BKA
Die Sicherheitsabteilungen der Konzerne im Ausland verfügen über mehr Personal als der Außendienst des Bundeskriminalamts. Deshalb sind die Multis nicht selten besser über die ETA in Spanien, das Organisierte Verbrechen in Russland oder islamistische Gefahren im Bilde als das BKA, bei dem viele der jetzigen Sicherheitsbeauftragen von BAYER & Co. ihre Karrieren begannen. Von diesem Wissensvorsprung will die Behörde jetzt profitieren und die Unternehmen im Gegenzug großzügiger mit Informationen versorgen. Zu diesem Behufe trafen sich im April 2006 ca. 70 WirtschaftsvertreterInnen mit den BKAlerInnen. „Es ist eine Tagung, wie es sie in dieser Form und Größenordnung noch nicht gegeben hat“, kommentierte die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit den Schulterschluss zwischen den Executives und der Exekutive.

Wenning berät Merkel
BAYER-Chef Werner Wenning hat künftig einen ganz kurzen Dienstweg zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er gehört mit anderen Top-ManagerInnen dem vom ehemaligen Siemens-Chef Heinrich von Pierer geleiteten „Rat für Innovation und Wachstum“ an. Das Gremium will der Kanzlerin in nächster Zeit „to dos“ in Sachen „grüne Gentechnik“, „Unternehmenssteuerreform“ und „Forschungspolitik“ unterbreiten.

BAYER & Co. kritisieren Umweltpolitik
Der „Bundesverband der deutschen Industrie“ hat in Tateinheit mit der „Deutschen Industrie- und Handelskammer“ (DIHK) eine Kehrtwende in der Umweltpolitik gefordert. Die Lobbyvereine von BAYER & Co. kritisierten unter anderem die Vorschriften zur Luftreinhaltung, zum Deponierungsverbot von organischen Abfällen und zum Handel mit C02-Verschmutzungsrechten. Zudem nehmen die Verbände Anstoß an dem von der Bundesrepublik beschlossenen Kohlendioxid-Reduktionsziel von 40 Prozent bis zum Jahr 2020. „Diese Festlegung ist aus unserer Sicht nicht akzeptabel“, so der DIHK-„Umweltexperte“ Hermann Hüwels.

Großzügige C02-Verschmutzungsrechte
Nach dem Gesetz der EU zum Emissionshandel dürfen BAYER & Co. nur bis zu einem bestimmten Oberwert CO2 ausstoßen, für darüber hinaus gehende Kontingente müssen sie Verschmutzungsrechte hinzukaufen. Dadurch hofften die PolitikerInnen Anreize für Investitionen in umweltschonender Technologie geschaffen zu haben, was die Wirtschaftslobby aber qua Durchsetzung großzügiger Bemessungsgrenzen zu verhindern wusste. In der ersten Runde teilte die Bundesregierung den Konzernen Verschmutzungsrechte zum Nulltarif zu. In der zweiten Zuteilung bekam die Stromwirtschaft nur 85 Prozent der benötigten Kohlendioxid-Zertifikate, die Industrie hingegen 98,5 Prozent. BAYER & Co. müssen also gerade mal Verschmutzungsrechte in der Größenordnung von 1,5 Prozent erwerben oder ihren CO2-Ausstoß entsprechend senken. Als Grund für die schonende Behandlung der Unternehmen gab die Bundesregierung an, deren Wettbewerbsfähigkeit nicht unnötig gefährden zu wollen. Das Erreichen der Klimaschutzziele rückt damit in weite Ferne.

Stromsubvention für BAYER & Co.
Wenn in der Bundesrepublik Branchen wie z. B. die Chemie-Industrie besonders viel Energie und Strom verbrauchen, so belohnt sie der Gesetzgeber. Er ersparte BAYER & Co. den vollen Ökosteuer-Satz und plant jetzt weitere Entlastungen. Die große Koalition will unter anderem die Chemie-, Metall- und Baustoff-Industrie von der Energie- und Stromsteuer befreien. Das Steuergeschenk kostet 20 Millionen im Jahr, und auch die Finanzierung geht zu Lasten der Umwelt. Finanzminister Peer Steinbrück besorgt das Geld nämlich durch eine Kürzung der Biokraftstoff-Förderung.

Zuviel Staat in China
Chinas Wirtschaft boomt. Eine Studie der DEUTSCHEN BANK prognostiziert für die Chemie-Industrie alle zwölf Monate Umsatzsteigerungen von zehn Prozent bis zur Marke „400 Milliarden Dollar“ im Jahr 2015. Aber BAYER und die anderen im Land vertretenen Global Player plagen auch Sorgen. So betätigen sich die in Staatsbesitz befindlichen Chemie-Unternehmen als Aufseher über ihre ausländische Konkurrenz. Zudem ist die Zulassung von neuen Produkten mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden. Darum haben BAYER & Co. jetzt über die Europäische Handelskammer die Errichtung einer unabhängigen Regulierungsbehörde und einen Rückzug des chinesischen Staates aus dem Wirtschaftsleben gefordert.

BAYER reist mit Merkel nach China
Wenn ein(e) bundesdeutsche Kanzler(in) eine Reise tut, darf Begleitung von BAYER & Co. nicht fehlen. Die Deutschland AG bestimmte diesmal sogar die Planung des Trips und erreichte eine Vorverlegung des eigentlich erst für den Herbst geplanten Besuches. Den Bossen schien angesichts der Aktiviäten anderer Länder Eile geboten, konnte doch in der Vergangenheit die ausländische Konkurrenz „bei Auftragsvergaben viel häufiger (...) mit einem Regierungsvertreter aus der Heimat punkten“, wie die Bosse beklagten. Auch die Agenda Angela Merkels diktierten die Industrievertreter. So setzten sie der Bundeskanzlerin die immer wieder von chinesischen Unternehmen begangenen Patentverletzungen auf die Tagesordnung. Gegen diese ist der Leverkusener Multi Ende November 2005 sogar gerichtlich vorgegangen. Er verklagte 17 in China ansässige Unternehmen, die BAYERs patentgeschützten Pestizid-Wirkstoff Imidacloprid in Europa vertreiben wollten.

BAYER will Sawicki nicht

Schwarz-Rot plant, zur Begrenzung der steigenden Medikamentenkosten eine „Zweitmeinungspflicht“ einzuführen, nach der ÄrztInnen, die eine neue und daher teurere Arznei verschreiben wollen, dieses nicht ohne den Segen eines zweiten Mediziners bzw. Medizinerin tun können. Zudem soll nach dem Willen der Bundesregierung das Kölner „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWIG) bei ihren Expertisen zu einzelnen Medikamenten künftig das Preis/Leistungsverhältnis stärker in die Bewertung einfließen lassen. Nach längeren Verhandlungen stimmte der von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller“ dem Vorhaben zu. Im Gegenzug verlangte er aber die Ablösung des IQWIG-Chefs Dr. Peter Sawicki. Aus der Sicht BAYERs wundert das kaum. Sawicki hat sich nämlich in der Vergangenheit immer wieder kritisch über Wirkungen und Nebenwirkungen von BAYER-Arzneien wie GLUCOBAY, ADALAT und TRASYLOL geäußert.

Forschen ohne Haftung
Da haben die LobbyistInnen von BAYER & Co. mal wieder ganze Arbeit geleistet. Bundesforschungsministerin Annette Schavan kündigte an, die GenwerkInnen künftig unbeschwerter forschen zu lassen und ihnen eine Haftung für eventuelle Labor-GAUs zu ersparen. Ein entsprechendes Gesetz ist bereits in Vorbereitung.

EU: Gentech-Gesetz vertagt
Die sonst so regelungswütige EU lässt sich in Sachen „einheitliche Richtlinien für die grüne Gentechnik“ Zeit. Noch immer dürfen die Mitgliedsländer nach eigenem Gusto Lizenzen für Freisetzungsversuche an BAYER & Co. vergeben und Abstandsbestimmungen festlegen, weshalb vor allem Spanien zur Gentech-Spielwiese für die Agromultis mutiert. Als „unfähig“ bezeichnete die grüne EU-Parlamentarierin Hiltrud Breyer die EU-Kommission deshalb. Diese zeigte sich aber von der Kritik unbeeindruckt und sah auch im April 2006 auf einer Gentechnik-Konferenz in Wien keinen erhöhten Handlungsbedarf für eine einheitliche gesetzliche Lösung.

Verheugen gegen Gentechnik-Blockade
BAYER, BASF sowie andere europäische Gengiganten riefen, und EU-Kommissar Günter Verheugen kam und lieferte den Konzernen die gewünschte Rückendeckung in Sachen „grüne Gentechnik“. Auf einem Kongress des Lobbyclubs „EuropaBio“ im September 2005 bezeichnete er die Förderung von Gentech-Entwicklungen als wichtigstes Ziel seiner Amtszeit. „Neue Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft, höhere Ernteerträge, bessere Futter- und Lebensmittelqualität und erneuerbare Ressourcen“ - dies alles und noch viel mehr hält die Risikotechnologie seiner Meinung nach bereit. Nur noch ein Problem gibt es, die vielen EuropäerInnen, die sich dieser Meinung partout nicht anschließen mögen und Druck auf ihre ParlamentarierInnen ausüben. Genau da will Verheugen jetzt ansetzen. „Wir werden Gespräche mit den Mitgliedsstaaten führen müssen“, kündigte er zur Freude von BAYER & Co. an.

EPA-Bediensteter in Diensten von BAYER & Co.
Ein hochrangiger Angestellter der US-Umweltbehörde EPA hat die Seiten gewechselt und bei einer Rechtsanwaltskanzlei angeheuert, die vorrangig Chemiemultis vertritt. In Sachen „Pestizidversuche an Menschen“ legte James Aidala sich für seine neuen Herren schon einmal mächtig ins Zeug und focht bei einem Meeting mit der Bush-Administration engagiert dafür, BAYER & Co. auch noch zu erlauben, ihre Ackergifte an Kindern zu testen (s. u.).

Pestizidtests an Kindern?
Anfang des Jahres hat die US-Umweltbehörde EPA dem Druck von BAYER & Co. nachgegeben und Menschenversuche mit Pestiziden erlaubt. Die Konzerne spekulieren nämlich darauf, dass die Gifte im Inneren des homo sapiens längst nicht solchen Schaden anrichten, wie vom „Tiermodell“ aus hochgerechnet, und erwarten von den Erprobungen am Menschen eine Lockerung der Grenzwerte. Aber die Lösung geht ihnen noch nicht weit genug. Jean Reimers von BAYER CROPSCIENCE, andere Industrievertreter sowie der Lobbyist James Aidala (s. o.) forderten die Bush-Administration bei einem Meeting im Weißen Haus auf, auch Pestizidtests mit Kindern und schwangeren Frauen zu erlauben.

Emanzipation in Leverkusen?
Diese Klarstellung war anscheinend nötig: „Werner Wenning ist nicht der zweite Bürgermeister von Leverkusen“, betonte Ernst Küchler (SPD) als erster Bürgermeister der Stadt - „und man ahnt, dass es unter den Vorgängern schon mal anders war“, kommentierte die Zeit. Aber der zivilcouragierte OB zerrte an der Leine und wartete gar nicht erst auf das Plazet von BAYER zum geplanten Abriss des ehemaligen Konzern-Kaufhauses sowie des Rathauses. Er fasste sich ein Herz, klopfte selbst beim Oberbayer an und wurde doch tatsächlich mit einem gnädigen „Mach mal“ belohnt. Der erste Schritt in die Selbstständigkeit?

Pinkwart bei BAYER
Anfang Juni 2006 besuchte der NRW-Innovationsminister Andreas Pinkwart das Leverkusener BAYER-Werk, um eine vermeintliche Innovation in Augenschein zu nehmen: den mit Plaste & Elaste made by BAYER verfertigten neuen WM-Ball. Dieser ist jetzt nämlich dank der mittels BAYER-Kunststoffen zu Wege gebrachten Erhöhung der Schichtdicke des Obermaterials noch runder! Nur 1 Prozent fehlt noch zur physikalisch korrekten Kugel. Der Minister kriegte sich kaum wieder ein. „Dieser Ball und die darin steckende Materialforschung ist ein gutes Beispiel für die Innovationskraft des Landes“, lobte er.

MCS darf es nicht geben
Der an multipler Chemikalienunverträglichkeit (MCS) leidende Stefan Reiring kämpft seit langem für seine Rechte und hat es tatsächlich geschafft, dass die Rentenversicherung MCS bei ihm als Krankheit anerkennt. Im Zuge dieser Arbeit hat er minutiös dokumentiert, wie BAYER & Co. versuchen, diese Erkrankung als eine psychisch bedingte abzutun, um ungefährdet weiterhin gesundheitsschädliche Chemikalien produzieren zu können. Als ein Instrument hierfür gilt ihnen die „Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin“, der neben BAYER, BASF, SHELL, WACKER-CHEMIE, zahlreiche andere Konzerne sowie Berufsgenossenschaften und UniversitätsvertreterInnen angehören. Die Gesellschaft produziert dann auch Entlastungsgutachten auf Bestellung, wobei die der Einrichtung verbundenen WissenschaftlerInnen nicht mal vor Fälschungen zurückschrecken, um die Existenz der multiplen Chemikalienunverträglichkeit zu leugnen.

Bushs‘ Gesundheitsreform
Die Wahlkampf-Spenden des Leverkusener Chemie-Multis für George W. Bush in Höhe von 120.000 Dollar zahlen sich aus (siehe auch Ticker 2/03). Der US-Präsident brachte eine für die Pharmariesen äußerst lukrative Gesundheitsreform auf den Weg. Er führte eine Krankenversicherung mit Kopfpauschale ein, welche die MitgliederInnen monatlich 25 Dollar kostet, dazu kommen noch diverse Zuzahlungen. Zu den prominentesten Kritikern des so genannten Prescription Drug Plans zählt der demokratische Senator Edward Kennedy. Er zitierte Berechnungen, nach denen 61 Prozent des Krankenversicherungsgeldes als Profite bei BAYER & Co. landen.

PROPAGANDA & MEDIEN

Werbung für ASPIRIN als Herzmittel
Die herzinfarkt-vorbeugende Wirkung von ASPIRIN ist in der Fachwelt sehr umstritten (siehe auch DRUGS & PILLS). Trotzdem wirbt BAYER in großen Anzeigen für ASPIRIN als Mittel zur Stärkung des Herzens.

Neue VFA-Kampagne
Der von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller“ (VFA) hat eine neue Kampagne gestartet. Unter dem Motto „Forschung ist die beste Medizin“ wirbt der Lobby-Verein für die ach so innovativen Pharmariesen. Leider ist es mit ihrem Erfindungsreichtum nicht allzu weit her. So verbucht die US-Gesundheitsbehörde FDA nur knapp ein Viertel der 995 seit 1990 in den Vereinigten Staaten neu zugelassenen Medikamente unter der Rubrik „medizinischer Fortschritt“. Bei drei Viertel von ihnen handelt es sich dagegen um Schein-Innovationen, welche bloß die Funktion haben, ökonomische Fortschritte für BAYER & Co. einzuleiten. Zudem haben in sehr vielen Fällen staatliche Forschungseinrichtungen die Grundlage für bislang unbekannte Arznei-Therapien gelegt, und die Kreativität von BAYER & Co. bestand lediglich darin, dieses Wissen einzukaufen.

TIERE & VERSUCHE

Wieder mehr Tierversuche
Seit 1997 steigt die Zahl der Versuchstiere wieder kontinuierlich. Verendeten in jenem Jahr „nur“ 1,5 Millionen Kreaturen in den Laboren von BAYER & Co., so starben 2004 bereits 2,2 Millionen einen grausamen Tod. Tatsächlich dürften es noch eine halbe Million mehr sein, denn neuerdings finden die vor allem in der Grundlagenforschung vorgenommenen Tötungen zu wissenschaftlichen Zwecken keine Aufnahme in die Statistiken mehr.

DRUGS & PILLS

Pillen-Paradies USA
In den USA betragen die Gesundheitskosten 14 Prozent des Bruttosozialproduktes. Einen großen Anteil daran haben die exorbitant hohen Pillenpreise, welche die Vereinigten Staaten zu einem Profit-Paradies von Big Pharma machen. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente belaufen sich auf jährlich 728 Dollar - zum Vergleich: In der Bundesrepublik sind es „nur“ 393 Dollar. Als Folge davon stehen staatliche Einrichtungen wie „Medicaid“, die für sozial Schwache die Arznei-Kosten übernehmen, vor dem Finanzkollaps. Auf 14 Milliarden beläuft sich allein in Florida ihr jährlicher Etat. Die bisherigen Steigerungsraten zugrunde gelegt, müsste der Bundesstaat 2015 bereits 60 Prozent seines gesamten Haushaltes für „Medicaid“ aufwänden.

Patentschutz ist Profitschutz
Über die Apotheken-Theken gehen in der Bundesrepublik zu 53 Prozent Nachahmerpräparate, zu 27 Prozent patentgeschützte Arzneien und zu 20 Prozent Originalmedikamente, deren Patent abgelaufen ist. Aber der Umsatz-Anteil der patentgeschützten Pillen beträgt 61 Prozent. Darum versucht BAYER mittels Scheininnovationen wie etwa CIPROBAY zum Inhalieren die Lizenz zum Gelddrucken möglichst lange zu behalten.

Pillen im Praxistest
Unbedarfte ZeitgenossInnen halten es für den Zweck von Arzneimitteltests, den Risiken und Nebenwirkungen der Präparate auf die Spur zu kommen. Weit gefehlt. Die von BAYER & Co. durchgeführten Untersuchungen sollen vor allem die Wirksamkeit der getesteten Substanz belegen und werden auch so gestaltet. Bei dem so genannten „Studien-Design“ arbeiten die PharmakologInnen mit viel Fingerspitzengefühl daran, gerade so viele Testpersonen zu haben, um den pharmazeutischen Effekt belegen zu können. Sie wissen nämlich genau, dass eine Ausweitung der Testzone auch die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Nebenwirkungen erhöht und so die Zulassung gefährdet. So stellen sich bei 20 bis 25 Prozent aller neu auf den Markt gekommenen Medikamente unerwünschte Arzneieffekte ein, welche die Pharma-ForscherInnen während der klinischen Erprobungen „übersehen“ hatten. Großbritannien hat darauf jetzt reagiert und BAYER & Co. verpflichtet, auf den Packungen der Neuheiten als Warnhinweis ein schwarzes Dreieck anzubringen. Auch erstatten ihnen die Krankenkassen in der „Bewährungszeit“ ebenso wenig den vollen Preis für die Arznei wie sie es in den meisten anderen Ländern tun - die Bundesrepublik bildet da eine unlöbliche Ausnahme.

Pharma-DrückerInnen im Krankenhaus
BAYER & Co. nutzen massiv Krankenhäuser als Startrampen zur Einführung neuer Arzneien. Die Pharma-Riesen gewähren den Kliniken großzügige Rabatte für die Pillen und spekulieren dann darauf, dass die HausärztInnen der PatientInnen die Medikation zu normalen Marktkonditionen fortführen, was diese allzuoft auch tun.

Pharma-DrückerInnen in Praxen
An 170 Tagen im Jahr erhält eine bundesdeutsche MedizinerInnen-Praxis durchschnittlich Besuch von einem der 15.500 Pillen-ReferentInnen in Diensten von BAYER & Co.

ASPIRIN: Kein Herzinfarkt-Schutz
Die vorbeugende Einnahme von ASPIRIN schützt Frauen nicht vor Herzinfarkten. Dies ergab eine Untersuchung mit 40.000 weiblichen Probandinnen, welche ein WissenschaftlerInnen-Team um Paul Ridger von der Harvard Medical School vorgenommen hat. Bei Schlaganfällen stellten die ForscherInnen indes einen geringen prophylaktischen Effekt fest. Die Nebenwirkungen überwogen allerdings die von BAYER eifrig beworbenen Wirkungen: Bei den Testpersonen kam es teilweise zu schweren Blutungen.

Streit um ASPIRIN-Resistenz
In den USA gelang es BAYER mit einem großem Werbe-Aufwand, ASPIRIN als herzinfarkt-vorbeugendes Medikament zu etablieren, obwohl diese Wirkung in der Fachwelt umstritten ist (s. o.). Jetzt aber droht die Kampagne ein Opfer ihres Erfolges zu werden. In den medizinischen Zeitschriften mehren sich die Artikel über eine ASPIRIN-Resistenz. Allerdings haben viele AutorInnen Verbindungen zu Pharma-Konzernen, die ASPIRIN-Tests oder Alternativ-Produkte herstellen. WissenschaftlerInnen mit - nicht immer offen gelegten - Verbindungen zu BAYER wiederum schreiben fleißig Entwarnungsaufsätze, so dass sich die Medienmanipulationen gegenseitig neutralisieren und unbeteiligte BeobachterInnen gar nicht mehr wissen, was nun eigentlich Sache ist.

Asthma durch CIPROBAY & Co.
Mit Antibiotika wie BAYERs CIPROBAY behandelte Kleinkinder tragen ein höheres Risiko, im späteren Leben an Asthma zu erkranken. Dies ergab eine Studie eines WissenschaftlerInnen-Teams unter Leitung von Fawziah Marra, die an der Universität von British Columbia in Vancouver durchgeführt wurde. Marra kritisierte deshalb die gängige Verschreibungspraxis der MedizinerInnen, die sogar Antibiotika-Rezepte ausstellen, wenn CIPROBAY & Co. - wie im Fall von Virus-Infektionen - gar nichts ausrichten können.

Höheres Infarkt-Risiko durch ADALAT
Nach einer bereits 1995 von Dr. Bruce Psaty im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlichten Studie senken BAYERs ADALAT und andere zur Bluthochdruck-Behandlung eingesetzte Kalzium-Antagonisten das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko der PatientInnen nicht in dem Maße wie die - weit billigeren - Entwässerungstabletten (Diuretika). Der Hersteller PFIZER reagierte sofort und machte Psatys Universitätsleitung Druck. Auch der Leverkusener Pharmariese entfaltete Aktivitäten. Er ließ einen eingekauften Experten „Arztbriefe“ schreiben, in denen er versuchte, Entwarnung in Sachen „ADALAT“ zu geben. Aber das ging nach hinten los. „PFIZER hat mehr zur Bekanntheit unserer unerwünschten Studie beigetragen, als ich allein es je vermocht hätte. Und BAYER vielleicht auch“, sagte der Mediziner. Die US-Gesundheitsbehörde FDA änderte im Jahr 2003 aufgrund der Erkenntnisse von Psaty ihre Behandlungsrichtlinien für Bluthochdruck und empfahl Diuretika statt Kalzium-Antagonisten. BAYER & Co. interventierten umgehend und hatten nach langer Arbeit 2006 schließlich Erfolg. Die FDA berief 12 ExpertInnen zur Ausarbeitung neuer Therapieregeln, von denen acht Verbindungen zur Pharma-Industrie hatten, unter ihnen William R. Hiatt, der im Auftrag BAYERs die segensreiche Wirkung von ADALAT bei infarktgefährdeten DiabetikerInnen entdeckte. Und so bekam die Behörde, was sie bestellte. „Eine Vielzahl von Arzneien unterschiedlicher Medikamentenklassen, deren einzige Gemeinsamkeit es ist, den Bluthochdruck zu senken, können das Herzinfarktrisiko reduzieren“, stellte das abhängige Gremium fest und rehabilierte ADALAT & Co. damit wieder.

Vitamine senken Cholesterinspiegel nicht
Nach einer an der Universität Köln von Dr. Heiner Berthold durchgeführten Studie ist BAYERs Vitamin-Präparat ONE-A-DAY-CHOLESTEROL PLUS ebenso wenig wie vergleichbare Mittel geeignet, den Cholesterinspiegel zu senken. Die Cholesterin-Werte der pillenschluckenden Testpersonen unterschieden sich von den aus der Plazebogruppe nicht. Damit dokumentierten die WissenschaftlerInnen die Wirkungslosigkeit des ONE-A-DAY-CHOLESTEROL PLUS-Inhaltstoffes Policosanol, eines alkoholischen Zuckerrohr-Exstraktes.

GENE & KLONE

Gentech stillt Hunger nicht
BAYER-ManagerInnen preisen gentechnisch veränderte Pflanzen gerne als Mittel zur Lösung des Hungerproblems an. Dieses Argument findet jedoch immer weniger FürsprecherInnen. So erklärte der Generalsekretär der Welternährungsorganisation FAO, Jacques Diouf, 2005 auf einer Konferenz in Kopenhagen: „Bei dem Ziel, die Halbierung der Zahl der Hunger leidenden Menschen bis 2015 zu erreichen, hat der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen keine Priorität“. Dazu wären nach Meinung des Wissenschaftlers Harald Witt vielmehr Maßnahmen wie die Züchtung dürreresistenter Pflanzen, eine Verbesserung der Bewässerung und Investitionen in die Infrastruktur nötig.

Kritik an EU-Lebensmittelbehörde
Die innerhalb der EU für die Genehmigung von Gentech-Pflanzen zuständige Lebensmittelbehörde EFSA sieht sich wachsender Kritik ausgesetzt. Die Institution entscheidet nämlich stets nach der Aktenlage der Konzerne. Ohne eigene Untersuchungen zu Risiken und Nebenwirkungen der Laborfrüchte durchzuführen, bilden alleine die Unterlagen von BAYER & Co. die Grundlage für ihre Urteile, die infolgedessen auch allzu oft positiv ausfallen. Umweltkommissar Stavros Dimas räumte auf einer Konferenz in Wien dann auch Handlungsbedarf ein. „Viele Mitgliedsstaaten fordern, mögliche Langzeiteffekte auf die Umwelt stärker zu berücksichtigen“, so Dimas. Er sicherte deshalb zu, die Arbeitsweise der EFSA zu überprüfen. Aber eine Reform dürfte sich gegenüber der sehr industrie-freundlichen EU-Kommission nur sehr schwer durchsetzen lassen.

Genreis-Sicherheitsstudie fehlt
Der Leverkusener Chemie-Multi hatte bei der EU vor einiger Zeit einen Antrag auf Import-Genehmigung für eine gentechnisch gegen das Anti-Unkrautmittel LIBERTY LINK (Wirkstoff: Glufosinat) resistent gemachte Reis-Sorte gestellt. Die zuständigen Stellen verlangten von BAYER jedoch zusätzliche Sicherheitsstudien. Da der Konzern diese nicht rechtzeitig beibringen konnte, verzögert sich die Entscheidung weiter.

Genreis in Südamerika
In Europa wagte es BAYER gar nicht erst, eine Anbaugenehmigung für genmanipulierten Reis zu beantragen, schon das Verfahren zur Erlaubnis des Genreis-Importes stellt den Konzern vor einige Probleme (s. o.). Deshalb hält das Unternehmen nach Ländern, die das alles nicht so eng sehen (können), Ausschau und versucht jetzt in Südafrika und Brasilien grünes Licht zum Anpflanzen des Labor-Reis' zu bekommen.

Tabakpflanzen gehen in Betrieb
Noch in diesem Jahr will BAYER den Startschuss zur Produktion von Proteinen mit Hilfe von Tabakpflanzen geben. Eine entsprechende Pilotanlage geht 2007 in Betrieb. Als „extrem preisgünstig“ rühmt der Konzern diese Herstellungsart und demonstriert damit einmal mehr, um was es sich bei der Gentechnologie vorrangig handelt: um ein Verfahren zur Kostensenkung.

SCHERINGs Gentech-Erbe
Mit dem Kauf von SCHERING gelangen neben KOGENATE und NEXAVAR mit BETAFERON und LEUKINE weitere Gentech-Medikamente in die Produktpalette von BAYER. Den Wachstumsfaktor LEUKINE mit dem Wirkstoff Sargramostim setzen MedizinerInnen in der Chemotherapie von älteren Leukämie-PatientInnen ein, um die Gefahr von Infektionen zu reduzieren. Bei dem Multiple-Sklerose-Präparat BETAFERON handelt es sich um alten Wein in neuen Schläuchen. Der Wirkstoff Interferon ist nämlich altbekannt, lediglich die Produktionsweise bedient sich gentechnischer Verfahren.

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Totgeburten durch Pestizide
In den Gebieten um die mexikanischen Städte Villa Guerrero und Tenancingo, wo es sehr viele kleine BlumenzüchterInnen gibt, kommt es auffallend häufig zu Tot- und Missgeburten. Nach Meinung von WissenschaftlerInnen spielt dabei der Einsatz von hochgiften Pestizidwirkstoffen wie Monocrotophos und Methamidophos, die auch in BAYER-Ackergiften enthalten sind, eine große Rolle. Die zuständigen Behörden haben diese Agrochemikalien schon vor längerer Zeit verboten, aber da die Mittel weniger kosten als neue, bieten Händler sie den ZüchterInnen immer noch an. Aus dem gleichen Grund treibt Monocrotophos auch in Indien noch sein Unwesen (siehe auch SWB 2/06).

Biozidrückstände in Kartoffeln
Auch nach der Ernte bleiben viele Ackerfrüchte nicht vor Pestiziden verschont. Um beispielsweise das Auskeimen von Kartoffeln zu verhindern, behandeln die LandwirtInnen sie mit Chemikalien wie Chlorpropham oder Thiabendazol, wie sie auch BAYER anbietet. Diese Substanzen lassen sich dann auch in den Knollen nachweisen. So hat das Lebensmittelinstitut Oldenburg in 39 Prozent aller untersuchten Proben Rückstände von Chlorpropham gefunden, die aber glücklicherweise alle unter der gesetzlich festgelegten Höchstgrenze lagen.

Chlorpyrifos schädigt den Organismus
Chlorpyrifos, Wirkstoff der BAYER-Insektenmittel BLATTANEX, PROFICID und RIDDER, greift schon in geringsten Dosen das Nervensystem an. Nach einem von J. E. Aldridge und anderen ForscherInnen in der Zeitschrift Environmental Health Perspectives veröffentlichten Aufsatz steigert es den Ausstoß des Botenstoffes Serotonin, was zu Depressionen und Verhaltensstörungen führen kann. Einer in dem Fachorgan Epidemiology publizierten Untersuchung zufolge senkt Chlorpyrifos zudem den Testosteron-Spiegel im Körper und wirkt sich so schädigend auf die Fruchtbarkeit aus. Trotz zahlreicher ähnlicher Befunde über neurotoxologische Risiken und Nebenwirkungen von Chlorpyrifos hat die EU HobbygärtnerInnen und LandwirtInnen die Anwendung des Organophosphates weiterhin erlaubt. Die Zulassung als Haushaltsinsektizid unterzieht Brüssel gerade einer Überprüfung.

Obst und Gemüse voller Pestizide
Die EU fahndete in 60.000 im Jahr 2004 genommenen Lebensmittelproben nach Pestiziden und wurde fast jedes zweite Mal fündig. 47 Prozent des Obstes und Gemüses wiesen Spuren von Agrochemikalien auf - so viel wie nie seit den 1996 begonnenen Tests. Zu allem Unglück tummelten sich in mehr als einem Fünftel der Proben gleich mehrere Ackergifte von BAYER & Co.. „Die Lage ist inzwischen ernst“, kommentierte der GREENPEACE-Chemieexperte Manfred Krautter die Untersuchungsergebnisse, „doch während Chemieindustrie und Landwirte immer mehr Gifte auf Äckern und Obstplantagen spritzen, greifen weder EU-Kommission noch die Verbraucher- und Landwirtschaftsminister der Länder gegen die steigende Giftbelastung ein“.

Sichere Lebensmittel durch BAYER?
„Lebensmittel waren noch nie so sicher wie heute. Damit dies auch so bleibt, hat BAYER CROPSCIENCE (BCS) ein “Food Chain Team„ eingerichtet, das in Zukunft Obst- und Gemüsebauern, Lebensmittelproduzenten, Importeure und Händler weltweit in allen Belangen der Produktionen unterstützen will“, vermeldet das Propagandaorgan BAYER report. Es verhält sich wohl eher so: Die ständigen Meldungen über Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln drohen sich mittlerweile geschäftsschädigend auszuwirken, so dass der Konzern sich zumindest zu symbolischen Aktionen zur Herauslösung der Pestizidkette aus der Nahrungskette veranlasst sah.

Bienensterben geht weiter
Die Meldungen über das Sterben von Bienenvölkern, die Agrochemikalien zum Opfer fallen, reißen nicht ab. Im Frühjahr wandten sich ein spanischer und ein serbischer Imker mit der Bitte um Informationen zum BAYER-Pestizid GAUCHO, das in Frankreich wegen seiner bienenschädlichen Wirkung für einige Anwendungen bereits verboten ist, an die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (siehe auch RECHT & UNBILLIG).

WASSER, BODEN & LUFT

Weitere Chrom-Untersuchungen
Das Grundwasser in der Umgebung des im südafrikanischen Durban gelegenen BAYER-Werks ist stark durch Krebs erregende Chrom-Verbindungen belastet (siehe auch SWB 4/04). Auf Druck der Initiative SOUTH DURBAN ENVIRONMENTAL ALLIANCE haben die ManagerInnen der jetzt zu LANXESS gehörenden Niederlassung mit der Sanierung begonnen und einen Austausch der Wasserrohre veranlasst. Aber kooperationswillig zeigt sich die Chefetage nur bedingt. So hat sich LANXESS nicht an die Zusage gehalten, gemeinsam mit den UmweltschützerInnen entnommene Wasserproben auch im Labor zu analysieren.

GIFTIG & ÄTZEND & EXPLOSIV

PCBs beeinflussen weiblichen Zyklus
Polychlorierte Biphenyle (PCB) verändern den Menstruationszyklus. Das haben WissenschaftlerInnen des „National Institute of Health“ herausgefunden. Sie untersuchten 2.300 Frauen und stellten einen Zusammenhang zwischen einer erhöhten PCB-Menge im Blut und einem verlängerten Zyklus fest. Bis zu ihrem Verbot 1985 gehörte der Leverkusener Multi zu den Hauptanbietern der hauptsächlich als Weichmacher, Kühlmittel oder Isoliermaterial verwendeten Substanz, die sich nur äußerst langsam abbaut und deshalb immer noch ihre gesundheitsschädliche Wirkung entfaltet.

Bisphenol bis zum bitteren Ende
Die EU zeigt sich von neueren Untersuchungen zur Gefährlichkeit von Bisphenol A (siehe Ticker 1/06) unbeeindruckt. Nach Ansicht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit hat Biphenol A, das unter anderem in Innenbeschichtungen von Konservendosen Verwendung findet, weder eine Krebs erregende noch eine Erbgut schädigende Wirkung, wenn die Aufnahmemenge 0,15 Milligramm pro Kilo Körpergewicht nicht übersteigt. BAYER braucht sich um den Absatz der Chemikalie also vorerst keine Sorgen zu machen.

Giftige Gerbstoffe in Schuhen
Nach einer Stichproben-Untersuchung der WDR-Sendung markt befinden sich in vielen Schuhen giftige Chemikalien. Jedes dritte der 20 getesteten Sandalen-Paare wies eine Chrom-(VI)-Konzentration auf, die über dem zulässigen Grenzwert lag. Das Metall kann Allergien und in höheren Konzentrationen auch Krebs auslösen. Den Anfang der Produktionskette von Chrom (VI) fand das TV-Team in einer Gerberei: ein dicker Sack mit BAYERs CHROMOSOL. Dabei handelt es sich um einen Stoff zum Gerben des Leders. Immer wenn nach dem Gerbprozess Chromverbindungen im Leder verbleiben, können sie mit Sauerstoff reagieren, woraus dann die gefährliche Chrom (VI)-Verbindung entsteht.

PLASTE & ELASTE

BAYER investiert 700 Millionen
BAYER MATERIAL SCIENCE will bis 2008 die Summe von 700 Millionen Euro investieren. Einen Großteil der Summe steckt der Teilkonzern in Errichtung bzw. Ausbau von Fertigungsstätten in China. Ein weitere Teil geht ins US-amerikanische Baytown, wo das Unternehmen die gefährliche Chlorchemie vorantreiben will. Der Rest bleibt für den Umbau der MATERIAL SCIENCE-Zentrale in Leverkusen übrig.

NANO & CO.

BAYER entwickelt Nanoröhrchen
Die Nanotechnik arbeitet mit mikroskopisch kleinen Werkstoffen. BAYER hat nach diesem Verfahren jetzt winzige Kohlenstoff-Röhrchen entwickelt, die andere Materialien leitfähiger machen oder elektromagnetisch abschirmen. Aber aus medizinischer Sicht gilt das „small is beautiful“ nicht. UmweltschützerInnen warnen vor der Nanotechnologie, weil bei der Fertigung der feinen Substanzen ebenso feine Stäube entstehen, die alle Filteranlagen passierend in die Luft gelangen - und von dort auch in den menschlichen Organismus, wo sie Atemwegserkrankungen auslösen können. Auch zur Produktsicherheit von Waren mit Nanoteilchen bestehen noch viele Fragen.

BAYER macht bei „Nanocare“ mit
Wer wäre geeigneter, die Gefährlichkeit der Nanotechnologie (s. o.) zu untersuchen, als die Konzerne, die mit dieser viel Geld verdienen wollen, dachte sich die Bundesregierung und unterstützt einen Forschungsverbund von BAYER und anderen Konzernen, Universitäten und Forschungseinrichtungen mit fünf Millionen Euro. 2,6 Millionen gibt die Industrie dazu, damit sie an Ergebnissen auch tatsächlich das bekommt, was sie haben will.

STANDORTE & PRODUKTION

Pipeline für BAYER & Co.
Seit 1998 plant das Land Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit BAYER & Co. ein Pipeline-System zum Transport des Kunststoff-Vorproduktes Propylen, das die Hafenstädte Rotterdam und Antwerpen mit den Chemie-Standorten der Region verbindet. Als ein Zeichen dafür, „dass wir die chemische Grundversorgung erstmals als eine öffentliche Infrastruktur-Aufgabe sehen“, wollte der ehemalige Landesvater Wolfgang Clement das Röhrenwerk verstanden wissen. Im Januar 2006 bewilligte die EU das Vorhaben und sicherte auch finanzielle Unterstützung zu. Zu den Kosten von 200 Millionen Euro steuert Brüssel nicht weniger als 22 Millionen bei, das Land NRW überweist 18,7 Millionen, und für den Rest kommt ein von BAYER & Co. gegründetes Konsortium auf. Wirtschaftsministerin Christa Thoben begründete die angesichts der Kassenlage unerwartete Spendabilität der Landesregierung arbeitsmarktpolitisch: „Das Projekt sichert 10.000 Arbeitsplätze in NRW“, so die CDU-Politikerin.

Aus für Feuerwehr in Wolfenbüttel
Schon seit geraumer Zeit versucht BAYER, die Werksfeuerwehren überall, wo es geht, aufzulösen. Nachdem der Konzern die BrandlöscherInnen in Wuppertal abwickelte (Ticker 1/06), mussten jetzt die Wolfenbütteler KollegInnen dran glauben. Da der Agromulti an diesem Standort die Pestizidwirkstoff-Produktion aufgab, entfiel auch die gesetzliche Pflicht, eine eigene Feuerwehrtruppe zu unterhalten, was das Unternehmen sich nicht zweimal sagen ließ. So sparte es einmal mehr auf Kosten der Sicherheit.

IMPERIUM & WELTMARKT

BAYER verkauft Infektiva-Sparte
Der Leverkusener Multi zählt Medikamente zur Behandlung von Infektionskrankheiten nicht länger zu seinem „Kerngeschäft“ und verkaufte die Sparte an die SANTO HOLDING AG.

BAYER verkauft Impfstoff-Werk
Der Leverkusener Multi hat ein Werk in Köln, das Impfstoffe gegen die Maul- und Klauenseuche herstellte, an AKZO-NOBEL verkauft. Wieviele Arbeitsplätze der Deal kosten wird, teilten die Unternehmen nicht mit.

BAYER big in Japan
Der Leverkusener Multi will in den nächsten zwei Jahren 130 Millionen Euro in Japan investieren, wobei Aufwändungen für die Instandhaltung der Produktionsanlagen und für Informationstechnik den Schwerpunkt bilden.

Chinas Gesundheitsmarkt wächst
Die chinesische Regierung plant, in die medizinische Versorgung zu investieren, das Krankenversicherungssystem auszubauen und privat betriebene Apotheken und Krankenhäuser zuzulassen. Unter den Pharmamultis hat dies eine Goldgräberstimmung ausgelöst. Mit einem Umsatz von 250 Millionen Dollar siebtgrößter Pillenproduzent im Land, erwartet BAYER nun kräftige Ertragssteigerungen. Binnen weniger Jahre will es der Leverkusener Multi in dem Land zudem in die Top 3 der Pillenriesen schaffen.

POLITIK & ÖKONOMIE

BAYER die Nr. 57
In der Rangliste der weltweit größten Industrie-Unternehmen nimmt BAYER Platz 57 ein. In der Bundesrepublik ist der Konzern die Nummer 10.

PRODUKTION & SICHERHEIT

Mehr Krebs in Addyston
In Addyston, dem US-amerikanischen Standort von BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS im Bundesstaat Ohio, gehören Störfalle zum Normalfall. Seit der Leverkusener Multi das Werk 1996 von MONSANTO übernahm, ereigneten sich dort 66 Unfälle. Im Herbst 2004 traten zweimal in kurzen Abständen die Krebs erregenden Chemikalien Acrylonitril und Butadien aus. Nach diesen GAUs hat die US-Umweltbehörde EPA eine Untersuchung über die Häufigkeit von Krebs in Addyston angeordnet. Das Ergebnis war erschreckend. Die Erkrankungsrate lag 76 Prozent über dem Landesdurchschnitt.

EU lehnt Phosgen-Beschwerde ab
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN hatte im Jahr 2004 gemeinsam mit dem BUND bei der EU eine Beschwerde zur Erweiterung der Phosgen-Produktion im Uerdinger BAYER-Werk eingereicht. Die Gefährlichkeit des Gases im Allgemeinen und das Fehlen einer Umweltverträglichkeitsprüfung im Besonderen hatten die beiden Initiativen zu diesem Schritt veranlasst. Zwei Jahre später (!) kam nun die Antwort. Weder an der von BAYER über die Phosgen-Produktion verhängten Nachrichtensperre noch an dem ausbleibenden Sicherheitscheck nahm die Europäische Union Anstoß.

RECHT & UNBILLIG

Privatklage wg. Kunststoff-Kartell
Kartelle sind Vereinbarungen von Großkonzernen zu Lasten dritter: der VerbraucherInnen. Sie müssen nämlich die erhöhten Preise, auf die sich die Multis geeinigt haben, zahlen. Aus diesem Grund hat im Mai 2006 die Kanadierin Anne Johnson BAYER, BASF und andere Firmen verklagt. Sie will nicht hinnehmen, wegen der von BAYER & Co. vorgenommenen Preisabsprachen im Kunststoffgeschäft ungebührlich viel für Autositze, Möbel, Hockeyschläger oder Isoliermaterial aus Schaumstoff auf den Tisch gelegt zu haben und verlangt von den Unternehmen eine Entschädigung in Höhe von 15 Millionen Dollar.

CIPROBAY-Freispruch aufgehoben
Im Jahr 1997 hatte BAYER einen Patentstreit mit dem Pharma-Unternehmen BARR beigelegt. Gegen die Zahlung von 400 Millionen Dollar willigte BARR ein, keine CIPROBAY-Nachahmerversion auf den Markt zu bringen, ehe der Patentschutz für das Antibiotikum ausläuft. Betroffene PatientInnen, die sich durch diese Einigung um ein preiswertes CIPROBAY-Generikum gebracht sahen, reichten wegen Verstoßes gegen das Kartellgesetz daraufhin eine Sammelklage ein. Im April 2005 wies ein Bundesgericht diese zurück. Knapp ein Jahr später jedoch hob eine höhere Instanz dieses Urteil auf, weshalb der Rechtsstreit „PatientInnen gegen BAYER“ in die nächste Runde gehen kann.

Süllhöfer gibt nicht auf
Seit nunmehr 35 Jahren prozessiert der Düsseldorfer Heinz Süllhöfer gegen BAYER, weil der Leverkusener Chemie-Multi sich seine Erfindung einer Kunststoffplatten-Maschine widerrechtlich angeeignet hat (Ticker berichtete mehrfach). Mittlerweile haben die juristischen Auseinandersetzungen seine finanziellen Mittel erschöpft. Deshalb beantragte er Prozesskosten-Beihilfe, um weiter für sein Recht streiten zu können. Das Gericht lehnte dieses jedoch ab, weil es bisher nicht zu einer strafrechtlichen Verurteilung von BAYER gekommen ist. Um diese herbeizuführen, reichte Süllhöfer unter Berufung auf einen ähnlich gelagerten Fall wiederum Klage ein, der die RichterInnen wiederum nicht stattgaben. Gegen das Urteil legte der ehemalige Hotelier Beschwerde ein. Eine Antwort steht noch aus.

Frankreich: GAUCHO bleibt verboten
Im Jahr 2004 untersagte der französische Staat die Ausbringung des BAYER-Pestizides GAUCHO auf Maisfeldern, da das Ackergift den Tod tausender Bienenvölker verursacht hatte. Der Leverkusener Multi legte gegen die Entscheidung Widerspruch ein, konnte sich aber nicht durchsetzen. Ende April 2006 bestätigten die zuständigen Stellen das Verbot.

Klage gegen AGFA GEVAERT
Ende 2004 hat die ehemalige BAYER-Tochter AGFA GEVAERT ihre Fotosparte an den Unternehmer Hartmut Emans veräußert. Ein halbes Jahr später war diese pleite. Emans gibt AFGA GEVAERT die Schuld an der Insolvenz und hat den belgischen Konzern vor einem Schiedsgericht auf eine Entschädigung in dreistelliger Millionen-Höhe verklagt. Emans wirft der AGFA-Muttergesellschaft vor, ihm durch den Entzug der Rechte an der Marke „AGFA“ eine erfolgreiche Geschäftspolitik unmöglich gemacht zu haben und ihn bei den Verhandlungen über die Ertragsaussichten von AGFA-PHOTO getäuscht zu haben. Bezifferte das AGFA GEVAERT-Management in dem Verkaufsprospekt die von 2005 bis 2007 zu erwartenden Gewinne auf 446 Millionen, so kam eine interne Vorstandsvorlage auf ein Minus von 477 Millionen. Zudem hat die Geschäftsleitung Einnahmen nicht an AGFA-PHOTO weitergeleitet.

AGFA-Beschäftigte erfolgreich
Auch nach Meinung des Solinger Arbeitsgerichtes ging es bei dem Verkauf von AGFA-PHOTO (s. o.) nicht mit rechten Dingen zu, weshalb noch Ansprüche ehemaliger Beschäftigter gegen die Muttergesellschaft AGFA GEVAERT bestehen. Mit ihrem Urteil gab sie einer Klage einstiger AGFA-PHOTO-WerkInnen statt, die noch ausstehende Zahlungen aus Vorruhestands- oder Altersteilzeit-Vereinbarungen eingeklagt hatten. Nach Meinung ihres Rechtsanwaltes könnte dieses Beispiel Schule machen und die AGFA GEVAERT Millionen kosten.

FORSCHUNG & LEHRE

Pittsburgh: BAYER stiftet Professu

[Schering] STICHWORT BAYER 02/2006

CBG Redaktion

BAYER + SCHERING = - 6.000 Jobs

Pharmadeal mit Nebenwirkungen

Ende März 2006 kaufte der Leverkusener Multi den Berliner Pillen-Produzenten SCHERING für 16.3 Milliarden Euro. Und wie im Wirtschaftsleben üblich, ist das neue Pharma-Ganze weniger als die Summe seiner Teile: BAYER-Chef Werner Wenning kündigte als „Synergie-Effekt“ den Wegfall von 6.000 der 60.000 Arbeitsplätze an.

Von Jan Pehrke

Mit immer weniger Beschäftigten machen die DAX-Unternehmen immer mehr Profit. Durchschnittlich um 30 Prozent stiegen ihre Erlöse im Geschäftsjahr 2005. BAYER lag noch über 100 Prozent darüber und erhöhte den Gewinn von 0,685 Millarden auf 1,597 Millarden Euro. Da fragt sich natürlich: Wohin mit dem Geld? Der Leverkusener Multi tat es EON, LINDE und BASF nach und ging erst einmal auf Shopping-Tour. Ende März erstand er den Berliner Arznei-Hersteller SCHERING. Er überbot den ebenfalls interessierten MERCK-Konzern um 1,7 Milliarden und bekam für 16,3 Milliarden den Zuschlag. Soviel zahlte der Leverkusener Multi noch nie in seiner Firmengeschichte für eine Übernahme.
Im Zuge des LIPOBAY-Skandals hatte er zur Stärkung der angeschlagenen Pillen-Sparte schon einmal einen SCHERING-Kauf erwogen. Der Vorstand entschied sich dann aber doch für ein defensives Krisenmanagement und begann mit dem Rückbau des Gesundheitsbereiches zu einem „mittelgroßen europäischen Pharma-Unternehmen“. Mit dem neuen Deal ist diese Strategie passé. Zum Umsatz von 3,8 Milliarden mit ASPIRIN & Co. kommen jetzt noch 9,1 SCHERING-Milliarden dazu, womit die Arzneimittel-Abteilung sich zur größten innerhalb des Konzerns auswächst und BAYER von Rang 14 auf Rang 12 der Global Player in diesem Segment vorrückt.
Die Berliner machten ihr Geld als die globale Nr. 1 im Markt-Segment „Verhütungsmittel“ sowie mit den umstrittenen Hormon-Präparaten für Frauen in den Wechseljahren und hatten unter anderem Mittel zur Behandlung von Krebs, Mulipler Sklerose, Herz- und Blutkrankheiten im Angebot. Rückschläge in der Forschung hatten den Aktienkurs fallen lassen und SCHERING zu einem Übernahme-Kandidaten gemacht. Die Vorstandsetage legte als Reaktion darauf ein Kostensenkungsprogramm auf und strich 2.000 Arbeitsplätze. Aber wie so oft zahlte sich dieses Opfer für die Belegschaft nicht aus. Die Bosse verkauften schließlich doch, und Wenning als neuer Hausherr kündigte als erste Amtshandlung weitere Rationalisierungsmaßnahmen an. 6.000 der 60.000 Stellen will er streichen. MERCK hätte sich mit einem Minus von 3.000 bis 4.000 Stellen begnügt, aber die von vielen ExpertInnen als überhöht angesehenen Kosten für den Deal haben halt ihren Preis ...
Die SCHERING-Beschäftigten reagieren entsprechend. „Die Stimmung ist beschissen. Wie soll sie auch sein, wenn angekündigt wird, dass 6.000 Stellen gestrichen werden sollen“, sagte ein beim Gebäudemanagement-Mitarbeiter einem Journalisten der „Welt am Sonntag“. Für den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Norbert Deutschmann stehen die Gewinner und Verlierer ebenfalls fest. „Die Gewinner sind die Besitzer großer Aktienpakete, diejenigen, die zuletzt noch spekulativ eingestiegen sind, und die Investmentbanken. Verlierer werden erst einmal die Arbeitnehmer sein, in beiden Unternehmen“, so Deutschmann gegenüber der Berliner Zeitung. Sein BAYER-Kollege Thomas de Win stimmte dem Deal dagegen zu: „Wir begrüßen die Transaktion“. Er bezeichnet die Arbeitsplatzvernichtung zwar als „großes Problem“, bekundet aber, damit leben zu können, zumal BAYER die Abwicklung „sozialverträglich“ gestalten will. Nicht einmal das ist allerdings gesichert. In einem Interview ließ Wenning die Frage unbeantwortet, ob es zu betriebsbedingten Kündigungen komme.
Die BELEGSCHAFTSLISTE, eine alternative Gruppe innerhalb der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) im Wuppertaler BAYER-Werk enthielt sich in ihrer Presseerklärung einer eigenen Stellungnahme. Sie sondierte stattdessen die Gemütslage der Beschäftigten und machte ein Meinungsspektrum aus, das von Zustimmung bis zu Ängsten reicht. Zu denen sahen angesichts der Stellenstreichorgie auch die BELEGSCHAFTLER Anlass. Sie fürchten um das Überleben der bislang 19 Produktionsstandorte im Allgemeinen und um das Wuppertaler Pharmazentrum im Besonderen, da das Management eine Verlegung des Health-Care-Hauptsitzes nach Berlin angekündigt hat. Deshalb fordert die Liste von BAYER eine Bestandsgarantie für Wuppertal sowie die Zusage, bis Ende 2012 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.
Die BASIS-BETRIEBSRÄTE, eine andere alternative IG-BCE-Gruppe, haben unter den Beschäftigten sowohl Optimismus als auch Besorgnis und sogar Panik ausgemacht und reihen sich in die Fraktion der Besorgten ein. Um der Belegschaft eine Möglichkeit zum Austausch und vielleicht sogar zum gemeinsamen Handeln zu bieten, haben sie MitarbeiterInnen-Treffs eingerichtet.
Die dritten im Alternativ-Bunde, die KOLLEGEN UND KOLLEGINNEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, veröffentlichen in ihrem Flugblatt vom März 2006 keinen Artikel zum SCHERING-Thema, geben aber einem Beschäftigten Gelegenheit, seiner Verärgerung über den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Thomas de Win Ausdruck zu verleihen. „Also was macht unser oberster Interessensvertreter? Zuerst begrüßt er mit dem obersten Boss des Unternehmens dessen Absichten, um uns die Suppe auslöffeln zu lassen, die er uns eingebrockt hat. Das ist keine Interessensvertretung, sondern Co-Management, wie es im Buche steht“, ereifert sich der Mann. Dieser Kritik schließt sich eine Beschäftigte im Internet-Forum der BASIS-BETRIEBSRÄTE an. „Die Politiker Merkel und Wowereit schreien auf, weil es wieder 6.000 Arbeitsplätze mehr gibt, und was macht unser Betriebsratsvorsitzender de Win? Der jubelt mit Wenning und sagt: ‚Wir machen weiter wie bisher und bauen sozialverträglich ab'“, schreibt die Frau.
Nach Schätzungen der IG BCE plant Bayer, hierzulande „auf die nette Art“ 600 Jobs zu streichen - eine sehr optimistische Schätzung. Die vom Unternehmen angegebenen Baustellen für den Kahlschlag, Verwaltung und Forschungseinrichtungen, sind nämlich zum großen Teil in der Bundesrepublik angesiedelt und entsprechend gefährdet. Zudem will der Global Player zur Finanzierung der Übernahme seine Gesellschaften HC STARCK und WOLFF WALSRODE abstoßen. Nach Lage der Dinge werden wohl bei einem Finanzinvestoren landen, wobei kaum alle aus der Belegschaft an Bord bleiben dürften.
Diese Aussichten bewogen sogar Angela Merkel, einzugreifen. Sie ersuchte Werner Wenning um ein Gespräch und appellierte schon im Vorfeld an ihn, die „Anpassung“, wie die Bundeskanzlerin die Arbeitsplatzvernichtung nennt, doch bitte nicht zu Lasten bundesdeutscher Arbeitsplätze vorzunehmen.
Wie patriotisch oder unpatriotisch BAYER den Stellenabbau letztendlich vornimmt, dürfte allerdings nur Standort-PolitikerInnen interessieren. Auf die Beschäftigten kommen in jedem Fall harte Zeiten zu. Ihnen steht im Zuge der Fusionskonfusion ein gnadenloser Ausscheidungswettkampf bevor. Er vergiftet das Betriebsklima, lässt so die Arbeitsleistungen sinken, produziert 6.000 Überflüssige und setzt die Übriggebliebenen einem erhöhten Druck aus.
Aber die Belegschaften sind nicht die einzigen Übernahme-Verlierer. Auch die Finanzminister schauen in die Röhre, denn BAYER & Co. dürfen hierzulande steuerfrei einkaufen. „In Deutschland können als einzigem Industrie-Land der Welt alle Ausgaben (auch Schuld-Zinsen für Beteiligungen) de facto voll steuerlich abgesetzt werden“, lüften Lorenz Jarass und Gustav M. Obermair in ihrem Buch die „Geheimnisse der Unternehmenssteuern“. BAYERs Finanzabteilung hat auch schon mal durchgerechnet. Mit jährlichen Abschreibungen in Höhe von 800 Millionen bis 2016 will sie die Finanzämter düpieren. Am Stammsitz Leverkusen schreibt der Kämmerer den Multi schon seit einiger Zeit ab. Dank des Erwerbs der rezeptfreien ROCHE-Medikamente und der Landwirtschaftssparte von AVENTIS zaubert der Konzern Verlustvorträge und Ähnliches aus dem Hut und zahlt dort seit fünf Jahren kaum noch Gewerbesteuer.
Bei solchen Steuergesetzen, die überdies zu einem Gutteil hausgemacht sind - BAYERs ehemaliger Finanzchef Heribert Zitzelsberger war unter Rot-Grün als Eichels Staatssekretär so nett - musste der Konzern natürlich zugreifen. Der Multi hat auch nicht viele Wachstumsalternativen. Nirgendwo außer in China tun sich neue Absatzmärkte auf, in den Hochpreis-Pillenparadiesen Japan und Vereinigte Staaten sieht sich der Konzern politischem Druck gegenüber, und aus den eigenen Arznei-Laboren hat er auch keine Blockbuster zu erwarten. So entschloss er sich einfach, Umsatz dazuzukaufen und die Profite durch Rationalisierungsmaßnahmen zu erhöhen. Von 19 auf 25 Prozent will Wenning die Umsatzrendite bei dem neu zusammengesetzten Pharmariesen steigen sehen.

[Aktienbesitz] Hauptversammlung

CBG Redaktion

Die Macht des Großkapitals

Kleinaktionäre dürfen am Profit riechen - mehr ist nicht drin

Es ist schon ein übler Trick: Die Konzerne lassen sich den Ausbau ihrer Profit- und Ausbeutungsmaschinierie von denjenigen mitfinanzieren, die davon mit Arbeitsplatzvernichtung, Sozialabbau und Verschlechterung der Lebensbedingungen am härtesten betroffen sind, von der arbeitenden Bevölkerung. Mittlerweile besitzen rund 16 Prozent aller deutschen Haushalte Aktien. Macht haben diese ca. 12 Millionen KleinaktionärInnen allerdings keine. Auch bei BAYER nicht.
Von Axel Köhler-Schnura

Es ist die pure Nötigung. Die Berichterstattung über Aktienkurse ist ohne jeden Bezug zu den Alltagssorgen der breiten Bevölkerung, aber dennoch gibt es mittlerweile keine Nachrichtensendung mehr, in der nicht die kleinste Kursschwankung gewürdigt wird. Ungeachtet aller Gefahren durch Krieg, Wirtschaftskrise und Börsencrash sollen so die Menschen gelockt werden, ihre mühsam ersparten Euros in Aktien zu „investieren“. Ganze Kegelclubs wandeln sich zu (Klein-)Aktionärsvereinigungen.

BAYER profitiert vom Börsenfieber

Von dem derart losgetretenen Börsenfieber profitiert auch der BAYER-Konzern. Zählte die Muttergesellschaft des BAYER-Konzerns im Jahr 1993 noch 295.000 AktionärInnen, so waren es acht Jahre später im Jahr 2001 fast doppelt so viele: 496.000 Personen, Firmen und Institutionen besitzen heute ca. 766 Millionen BAYER-Aktien und stellen das Grundkapital des BAYER-Konzerns in Höhe von ca. 1,96 Milliarden Euro. Jede der nennwertlosen BAYER-Aktien hat damit einen Wert von 2,56 Euro.

Die BAYER-Aktie ist breit in die Haushalte von Otto Normalverbraucher vorgedrungen: Den größten Anteil an den BAYER-AktionärInnen stellen mit ca. 93 Prozent die Privatpersonen; das macht immerhin 465.000 Personen aus. Während jedoch die 7 Prozent Firmen und Institutionen 76 Prozent des Kapitals von BAYER besitzen, halten die PrivataktionärInnen lediglich 24 Prozent, also gerade einmal 0,5 Milliarden Euro des Grundvermögens des Konzerns. Untersuchen wir die 465.000 privaten AnteilseignerInnen weiter, so stellen wir fest, das 92 Prozent maximal 600 Aktien im Depot haben. 427.000 BAYER-AktionärInnen halten also Depots mit einem Nennwert von maximal 1.536 Euro. Damit besteht die große Masse der BAYER-AktionärInnen aus Mini- und KleinstaktionärInnen.

Die Machtlosigkeit von Otto Normalaktionär

Doch so beeindruckend der hohe Anteil von Klein- und KleinstaktionärInnen an der Gesamtzahl der BAYER-AktionärInnen ist, so beschämend ist ihr geringer Einfluss. Dieser geht defacto gegen Null. Werden von den 496.000 AktionärInnen die Groß- und GrößtaktionärInnen aussortiert, so muss davon ausgegangen werden, dass etwa 446.000 AnteilseignerInnen bzw. 90 Prozent gerade einmal ca. 5 Prozent des Kapitals besitzen, mithin also 95 Prozent des Kapitals bei ca. 10 Prozent aller AktionärInnen liegen. Etwa 50.000 GroßaktionärInnen besitzen 1,86 Milliarden Euro des Grundkapitals, während 446.000 KleinaktionärInnen gerade einmal zusammen auf 100 Millionen Euro kommen. An diesem Punkt ist übrigens auch Schluss mit der Informationsfreudigkeit des BAYER-Konzerns. Es gibt keine Informationen aus der zuständigen BAYER-Abteilung, alle Angaben beruhen auf Schätzungen der Coordination gegen BAYER-Gefahren, die diese anhand der Präsenzliste und der von ihr vertretenen Depots vorgenommen hat.

Der nominale Einfluss der Klein- und KleinstaktionärInnen von 5 Prozent wird zusätzlich gedrückt, weil sie ihre Aktien in aller Regel nicht selbst vertreten, sondern sich von der Bank vertreten lassen, bei der die Aktien im Depot liegen. Diese sogenannte Regelung des Depotstimmrechtes schmälert den Einfluss der KleinaktionärInnen weiter und stärkt die Macht der Banken.

Die Macht der GroßaktionärInnen

76 Prozent, also mehr als Dreiviertel des Kapitals, befinden sich bei 31.000 Banken, Investmentgesellschaften und anderen institutionellen Anlegern. Hinzu kommen die bereits erwähnten privaten Groß- und GrößtaktionärInnen. Besonders sind jene zu nennen, die zum Kreis der 946 Multi-Milliardäre gehören, die die Wirtschaft der Welt regieren. Allerdings wird man deren Namen vergeblich in den Registern der Aktiengesellschaften suchen, denn sie verstecken sich doppelt und dreifach getarnt im Bereich der institutionellen AnlegerInnen.

Aufgrund eigenen Besitzes halten 2.276 Banken und Versicherungen bei BAYER 55 Prozent aller BAYER-Aktien. Zu ihrer Macht hinzu addieren sich die 12 Prozent, die mehrere Tausend Investmentgesellschaften halten. Oftmals sind die Investmentgesellschaften direkte Töchter der Banken. Die 2,9 Prozent, die 6.853 Anleger aus Industrie und Handel halten bzw. die 5,5 Prozent, die bei 14.537 nicht näher spezifizierten „Sonstigen“ liegen, fallen da bereits kaum noch ins Gewicht.

Hinzu kommt das Depotstimmrecht. Es sorgt dafür, dass alleine die DRESDNER BANK im Rahmen der Hauptversammlung 30 und mehr Prozent aller BAYER-Aktien vertritt und die DEUTSCHE BANK z.B. weitere 17 Prozent. Damit vertreten alleine diese beiden Banken fast 50 Prozent aller Aktien, wobei die DEUTSCHE BANK die meisten inländischen Aktien hält.

Wenn es also auf den ersten Blick so aussieht, als befände sich das BAYER-Kapital von 3,6 Milliarden Mark in breitem Streubesitz, so stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, das Gegenteil ist der Fall: Viele Hunderttausend AktionärInnen besitzen so gut wie nichts, einige wenige GroßaktionärInnen und GrößtaktionäreInnen besitzen nahezu alles: Es kann davon ausgegangen werden, das eine Zahl von lediglich ca. 5.000 AktionärInnen 80 und mehr Prozent des Kapitals besitzen.

Abnehmende Präsenz

Es gibt noch ein interessantes Phänomen. Auf den Hauptversammlungen tritt lediglich ein Bruchteil des Kapitals in Erscheinung. Im Jahr 2007 lag bei BAYER diese „Präsenz“ bei 57 Prozent. Es waren also 436,6 Millionen Aktien auf der Hauptversammlung vertreten. An den Abstimmungen nahmen sogar lediglich 434,9 Millionen Aktien teil. Wo stecken die fehlenden mehrere Hundert Millionen Aktien bzw. weshalb sind sie nicht präsent? Entsprechend der bereits vorgerechneten Aktienverteilung auf Groß- und KleinaktionärInnen können die fehlenden KleinaktionärInnen außer Betracht bleiben. Ob da einige Tausend fehlen oder sich vertreten lassen, ändert an der Präsenz herzlich wenig. Anders die GroßaktionärInnen. Hier bekommt die Frage tatsächlich Gewicht, weshalb derart viele Aktien nicht vertreten sind.

Bei der Beantwortung der Frage muss zunächst eine andere Frage geklärt werden: Ist es überhaupt von Bedeutung, wenn z.B. GrößtaktionärInnen, die wesentlich Prozente des Kapitals besitzen, nicht teilnehmen? - Nein, das ist in aller Regel nicht der Fall. Denn aufgrund der Macht des gehaltenen Kapitals, können sie alle wichtigen Fragen außerhalb der Hauptversammlung klären. Sie betrachten Vorstand und Aufsichtsrat sowieso als Angestellte, die zu tun und zu lassen haben, was sie bestimmen und vorgeben. Die Hauptversammlung hat da keinerlei Bedeutung mehr. Entsprechend muss davon ausgegangen werden, dass es die größten der AktionärInnen sind, die bei den Hauptversammlungen nicht präsent sind. Zumal es diesen auch ganz angenehm ist, wenn ihre Namen, selbst die doppelt und dreifach getarnten, nicht in den Präsenzlisten der Hauptversammlungen auftauchen.

Und es gibt noch andere Namen, die die Öffentlichkeit der Hauptversammlungen scheuen. Da sind die Summen die in die Geldwäscheströmen der internationalen Wirtschaftskriminalität verstrickt sind und da sind mit Sicherheit auch die Mafia und andere lichtscheue Vermögende zu nennen. Diese sind derart konspirativ getarnt, dass sie nicht einmal in den regelmäßig veröffentlichten Listen der reichsten Menschen der Welt in Erscheinung treten. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass es Kriminelle gibt, die zur Klasse der Milliardäre gehören, dort aber in den offiziellen Listen vergeblich gesucht werden. Und sie haben ihr Geld ebenso wie Bill Gates und andere in Aktien investiert.

Immer mehr Stimmrechte an KritikerInnen

Angesichts dieser Machtverhältnisse ist es pure Demagogie von Aktionärsdemokratie zu faseln wie es die Konzerne und die konzerngesteuertern PolitikerInnen und Medien ständig tun. Tatsächlich ist es so, dass die GroßaktionärInnen die absolute Macht haben und derart auch das Management steuern. Die KleinaktionärInnen geben dabei nur eine diese Verhältnisse verschleiernde Kulisse ab.

Störend dabei allerdings diejenigen KleinaktionärInnen, die sich von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre vertreten lassen. Seit Jahren sammeln diese beiden Organisationen die kritische Kleinaktionärsopposition, die sich Umweltschutz, Menschenrechten, Frieden und sozialer Gerechtigkeit verpflichtet sehen, und bieten demManagement der banken und Konzerne gleichermaßen die Stirn. Vor dem Hintergrund der Mehrheitsverhältnisse hinsichtlich der Aktien- und Kapitalverteilung bringen sie auf den Hauptversammlungen zwar lediglich geringe bis verschwindende Prozente aller Stimmen auf, werden jedoch defacto von Tausenden der anwesenden Klein-AktionärInnen unterstützt.

Bei der diesjährigen Hauptversammlung des BAYER-Konzerns stimmten beispielsweise bis zu 5,7 Millionen Aktien bzw. bis zu ca. 1,4 Prozent mit den KritikerInnen der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG). Mehrere Hundert AktionärInnen hatten bereits vor der Hauptversammlung ihre Stimmrechte an die CBG abgetreten. Da davon auszugehen ist, dass zuvorderst die KleinaktionärInnen mit den KritikerInnen stimmen und in deren Depots sich wie dargestellt maximal 600 Aktien befinden, wurden die CBG also von mehreren Tausend AktionärInnen unterstützt. Geht man davon aus, dass angesichts der immer drängender werdenden Umweltprobleme und der offenkundigen Profitgier des Konzerns auch einige mittlere und größere AktionärInnen mit den Kritischen stimmen, kann mit großer Sicherheit von zwei bis dreitausend AktionärInnen ausgegangen werden, die die Opposition bilden. Wobei stets klar ist, dass sie wie dargestellt, symbolisch handeln und mit ihren Nein-Stimmen nur ein Zeichen setzen können.

Zumal zu allem hinzu der Trick mit den Enthaltungen hinzu kommt. Enthaltungen fallen bei BAYER nämlich grundsätzlich unter den Tisch. Da viele KleinaktionärInnen sich jedoch oftmals nicht zu einem klaren „Nein“ gegen den Vorstand entscheiden können, enthalten sie sich. Und verschenken damit ihre Stimme. Im Jahr 2007 wurden bei den Abstimmungen bis zu 20 Millionen Enthaltungen bei den Abstimmungsergebnissen nicht berücksichtigt. Die sagenhaften Zustimmungsergebnisse für den Vorstand von 98 und mehr Prozent wären bei Berücksichtigung der Enthaltungen deutlich geringer ausgefallen. Aber auch nicht unter die 90-Prozent-Marke abgesunken. Dafür sorgt in jedem Fall die Macht des Großkapitals.

---- Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) arbeitet als Netzwerk in 56 Ländern. Informationen über die CBG in sieben Sprachen unter www.CBGnetwork.org. Die CBG arbeitet weitgehend ehrenamtlich und erhält aufgrund ihrer konsequent konzernkritischen Haltung keinerlei Förderung und finanzielle Unterstützung. Sie ist auf Spenden und Frödermitgliedschaften angewiesen. Spenden Sie auf das Konto GLS-Bank 8016 533 000 BLZ 430 609 67 (bzw. europaweit BIC/GENODEM1GLS und IBAN/DE88 430 609 67 8016 533 000). Für eine Fördermitgliedschaft wenden Sie sich an (0)211 - 26 11 210 bzw. an info@cbgnetwork.org. Sollten Sie aus irgendwelchen Gründen eine oder mehrere BAYER-Aktien besitzen, übertragen Sie die Stimmrechte an die CBG, Postfach 18 90 88, 40081 Düsseldorf/Deutschland.

Unanständig: 39 Prozent Kapitalrendite

Von Dividende, Nennwert und Börsenwert

BAYER-Aufsichtsratschef Dr. Manfred Schneider bekannte einmal: „Wir sind auf Profit aus, das ist unser Job!“ Für das Jahr 2006 wurde auf der Hautversammlung 2007 ein Gewinn von einem Euro je Aktie ausgeschüttet, also satte ca. 39 Prozent Kapitalrendite je Aktie mit einem Wert von 2,56 Euro.

Vielfach wird die Dividende ins Verhältnis zum Kurswert gesetzt, und da machen sich der eine Euro je Aktie natürlich nicht so glänzend. Der Kurswert liegt derzeit bei etwa bei 50 Euro. Die Differenz zwischen Nenn- und Kurswert ergibt sich aufgrund des Handels der Aktie an der Börse und ist mithin nichts als ein Spekulationsaufschlag, der sich aus dem Handel der Aktie an der Börse ergibt und der sich permanent aufgrund von Angebot und Nachfrage verändert. Um die Kapitalrendite zu ermitteln muss der Wert herangezogen werden, der sich aus der Teilung des Grundkapitals durch die Stückzahl aller Aktien ergibt, und der ist bei BAYER 2,56 Euro.

Widerstand und Gegenwehr

Kritische BAYER-AktionärInnen

Als 1982 das erste Mal KritikerInnen auf der Aktionärsversammlung des Chemie-Giganten aus Leverkusen das Wort ergriffen, hörten ihnen gerade einmal 1.200 verblüffte AktionärInnen zu. Was diesen da, zu Gehör gebracht wurde, sprengte ihr Vorstellungsvermögen. Da änderte es auch nichts, dass Vorstand und Aufsichtsrat alles in immer gleichlautender Formulierung als „haltlos“ von sich wiesen. Es ging um haarsträubende Fälle von Umweltverseuchung, Menschenrechtsverletzungen, Gefährdung menschlicher Gesundheit und Todesfälle aufgrund gefährlicher Produkte und Produktionen, Ausbeutung, Kriegstreiberei und Sozialabbau – kurzum um die hässliche Kehrseite der Gewinn- und Umsatzmilliarden. „Wenn das alles stimmt, was hier vorgetragen wird, dann sitzen da nur lauter Gangster!“ rief ein fassungsloser Aktionärsvertreter und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die BAYER-Vorstandsriege.

In den folgenden Jahren erhöhte sich die Zuhörerschaft kontinuierlich. Bis schließlich weit mehr als 25.000 AktionärInnen nach Köln anreisten, um die bis dahin noch nie dagewesene Schelte des BAYER-Managements live mitzuerleben. Ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte deutscher Aktiengesellschaften. Der TAGESSPIEGEL/Berlin brachte es so auf den Punkt: „Jahr für Jahr meldet sich auf der Hauptversammlung der Leverkusener BAYER AG die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN zu Wort. Die bestorganisierte Kritikergruppe liefert einen Alternativen Geschäftsbericht.“

BAYER reagierte. Zunächst versuchte sich der Konzern in Abschreckung. Er gründete die Initiative „Malocher gegen Schmarotzer“ und ließ in propere weiße Overalls gekleidete Werkschutzleute vor der Aktionärshauptversammlung agitieren. Das ging voll daneben, denn die anreisenden AktionärInnen erkannten nicht in den KritikerInnen die „Schmarotzer“, sondern fühlten sich selbst verunglimpft und feuerten den verkappten Malochern der BAYER-Propaganda-Abteilung die Flugblätter erbost vor die Füße. BAYER lernte, strich die „Schmarotzer“, nannte seine Abschreckungstruppe fürderhin „Die Malocher“ und stellte ihr Werkschutzleute mit selbstgebastelten DKP-Fahnen zur Seite. Auf diese Weise sollte bei den AktionärInnen Sympathie für die BAYER-freundlichen Blumen verteilenden „Malocher“ und Antipathie gegenüber den „kommunistischen“ KritikerInnen erzeugt werden. Doch auch diesmal blieben die gewünschten Effekte aus, die AktionärInnen begriffen alles nur als weitere Belebung ansonsten stinklangweiliger Hauptversammlungsroutinen.

Also griff der Chemie-Gigant zu drastischeren Mitteln. Er kürzte die Versorgung der AktionärInnen, die immerhin einen ganzen langen Tag in der stickigen Luft der Kölner Messehallen ausharren müssen, auf ein Minimum. Auf streng rationierte Marken gab es abstoßende in Plastik verpackte Papp-Sandwiches und Getränke. War es früher selbstverständlich, dass die AktionärInnen, die ja immerhin das Geld für den Betrieb gaben, mit Filmen der BAYER-Tochter AGFA und mit Kosmetika aus eigener Produktion beschert wurden, so wurden jetzt diese Aktionärspräsente ersatzlos gestrichen. Und auch die Eintrittskarten für die Hauptversammlung wurden am Rande der Legalität beschränkt. Stehen jedem Aktionär für jede seiner Aktien eine Eintrittskarte zu, so wurde jetzt nur noch eine Eintrittskarte je Depot ausgegeben.

Insgesamt gelang es dem Konzern so, die Zahl der anreisenden AktionärInnen auf ca. 6.000 herunter zu drücken, doch dabei blieb es. Seit nunmehr 25 Jahren muss der Konzern es sich gefallen lassen, dass auf seiner Hauptversammlung die Hauptthemen nicht Gewinn und Dividende, sondern Umweltverbrechen, Produktionsgefahren, Menschenrechtsverletzungen und Sozialabbau sind.

BAYER global

War BAYER nach der Erhebung von 2001 noch überwiegend im Besitz deutscher AktionärInnen, so hat sich das inzwischen nach einer Erhebung aus dem November 2006 geändert. Danach werden inzwischen 73 Prozent des Kapitals im Ausland gehalten. Dabei führen die USA mit 37,9 Prozent, gefolgt von Großbritannien mit 20,8 Prozent, der Schweiz mit 3,6 Prozent, dem Rest von Europa mit 10,1 Prozent und dem Rest der Welt mit 0,6 Prozent. Von den 37,9 Prozent derAktien, die in den USA gehalten werden, entfallen weit mehr als 20 Prozent alleine auf zwei Investmentfonds. Die Capital Research and Management Company in LosAngeles hält inzwischen mehr als 10 Prozent des BAYER-Kapitals, desgleichen hat die The Capital Group Companies aus Los Angeles (USA) ebenfalls die 10-Prozent-Marke überschritten. Beides ein möglicher Hinweis darauf, dass sich US-Milliardäre bei BAYER eingekauft haben.

Die Bosse greifen in die Kasse

Bei BAYER gibt es für Belegschaftsangehörige drei Aktienerwerbs-Programme. Da ist zunächst für die einfachen Belegschaftsangehörigen (BAYER-Deutsch: „Tarifmitarbeiter und leitende Kräfte der unteren Ebenen“) das „Aktienbeteiligungsprogramm“. Unter bestimmten Voraussetzungen können BAYER-MitarbeiterInnen zu vergünstigten Bedingungen oder im Ausgleich als Prämienleistung Aktien erwerben. Über diese Anteile können sie allerdings nicht frei verfügen, es gelten sehr restriktive Bedingungen für den Verkauf dieser Papiere.

Anders bei den „oberen Führungskräften“. Ihnen werden BAYER-Aktien im Rahmen eines „Aktien-Incentive-Programms“ gratis und zur freien Verfügung zugewiesen. „Sofern bestimmte Erfolgs- und Haltekriterien erfüllt werden“, über die sich der Leiter des BAYER-Ressorts Corporate Investor Relations, Dr. Alexander Rosar, nicht weiter äußert.

Die BAYER-Bosse schließlich, die im Jahr 2006 je Person 2,5 Mio Euro verdienten, (BAYER-Deutsch: „Mitarbeitergruppe der höchsten Vertragsstufe“) können sich ungehindert im Rahmen eines sogenannten „Aktien-Options-Programms“ bedienen. Hier weisen sich die Herren (Damen gibt es in der BAYER-Vorstandsriege nicht) z.B. im Rahmen von Neu-Emissionen ganze Kontingente „junger Aktien“ zum weit unter Börsenkurs liegenden Vorzugspreisen per Beschluss selbst zu. Dies kommt einem legalen Griff in die Kasse gleich.

Vor dem Hintergrund dieser Aktien-Programme für das Management wird deutlich, dass der „einfache“ Belegschaftsaktionär mit Sicherheit erheblich weniger Aktien im Depot hat, als die von BAYER gemeldeten durchschnittlich von 311 Aktien je Mitarbeiterdepot. Und der Vorstandsvorsitzende, Dr. Wenning, nennt mit Garantie ein Vielfaches dieses Durchschnitts sein Eigen.

Die BelegschaftsaktionärInnen

Zu der Gruppe der PrivataktionärInnen gehören 50.000 bundesdeutsche Beschäftigte von BAYER-Werken und Tochter-Unternehmen. Diese BelegschaftsaktionärInnen halten 2,1 Prozent des Gesamtkapitals. In jedem dieser Mitarbeiterdepots, die bei COMMERZBANK, DEUTSCHE BANK und der SPARKASSE Leverkusen geführt werden, liegen durchschnittlich 311 Aktien im Nennwert von gerade einmal 800 Euro. Damit finanzieren die Beschäftigten den Konzern zwar mit 39,9 Mio. Euro, gehören aber grundsätzlich zu den KleinstaktionärInnen. Ausländischen MitarbeiterInnen werden laut dem Chef des BAYER-Ressorts Corporate Investor Relations, Dr. Alexander Rosar, grundsätzlich keine Belegschaftsaktien angeboten.

[Lanxess] STICHWORT BAYER 02/2006

CBG Redaktion

Unternehmen wirbt mit Umweltzertifikat

LANXESS betreibt Greenwashing

Die ehemals zum BAYER-Konzern gehörende Chemie-Abspaltung LANXESS zeigt sich als gelehriger Schüler des Leverkusener Multis: Sie stellt sich mit Hilfe zweifelhafter Umwelt-Zertifikate als Umweltengel dar.

Von Susanne Bareiß-Gülzow

LANXESS in Marl hisste zum 10-jährigen Bestehen des Umweltaudits auch seine EMAS-Flagge. Damit wollte der Betrieb dokumentieren, dass sie auf freiwilliger Basis Umweltschutz praktizieren, der weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht. Die EMAS-Flagge steht außerdem für Transparenz und Glaubwürdigkeit. Alles Auszeichnungen, die man sich bei einem ehemaligen Tochterunternehmen von Bayer kaum vorstellen kann, das mit der Muttergesellschaft von einst immer noch gemeinsam die Chemieparks unterhält. Es ist nur eine Frage der Zeit und der umweltpolitischen Bewertung, bis nach den Marler Erfahrungen auch in den anderen Chemieparks die EMAS-Flaggen wehen werden.
EMAS ist die Abkürzung für „Eco-Management und Audit-Scheme“ und stellt die höchste europäische Auszeichnung für systematisches Umweltschutzmanagement dar. Betriebe bewerten und verbessern auf Basis dieser europäischen Verordnung fortlaufend ihre eigene Umweltleistungen und veröffentlichen ihre Daten in einer von einem unabhängigen Umweltgutachter geprüften Umwelterklärung. Dafür dürfen sie mit dem EMAS-Logo werben.
Auch die Marler LANXESS-Niederlassung, früher BAYER/Buna, scheut sich nicht, ihre Umweltleistungen - genauer: sein EMAS-Logo - öffentlichkeitswirksam einzusetzten. Was die Auszeichnung angeht, so stellt sich das Unternehmen an der Lippe somit auf Augenhöhe mit dem NABU Stuttgart und weiteren fünf BUND-Geschäftsstellen in Baden-Württemberg, die auch EMAS-geprüft sind. Mit ihrer Teilnahme wollten diese aber den Anspruch an Umweltschutz gegenüber sich selbst dokumentieren und ihn einer internen und externen kritischen Prüfung unterziehen.
Doch eine kritische Prüfung der Umwelterklärung kann bei Lanxess nicht stattgefunden haben. In der letzten Zeit stolpert der VSR-Gewässerschutz immer häufiger über die von sogenannten unabhängigen Gutachtern geprüften Umwelterklärungen von Konzernen. So wurden schon die Urananreicherungslage von URENCO in Gronau und die beiden E.ON-Atomkraftwerke Isar 1 und 2 mit EMAS für ihre Leistungen im „Umweltschutz“ ausgezeichnet. Deshalb forderte der VSR-Gewässerschutz Anfang dieses Jahres die Umwelterklärung von LANXESS in Marl an. Doch zugeschickt wurde nur eine gemeinsame Erklärung des Chemieparks Marl, die noch bis 2007 gültig ist. Auch diesmal wurde man wieder mit einer neuen Interpretationen der EMAS-Richtlinie konfrontiert.
„Umwelterklärungen sind ‚Röntgenbilder', die einen tiefen Einblick in die eigenverantwortlichen erbrachten Leistungen eines konsequent und systematisch praktizierten betrieblichen Umweltschutz ermöglichen“, heißt in der Broschüre des Unweltgutachterausschuss (UGA) (1). Wenn ein Arzt auf den Röntgenbildern so wenig Aussagekräftiges erkennen könnte, wie der VSR-Gewässerschutz beim Suchen in der Umwelterklärung von LANXESS und den anderen Unternehmen im Chemiepark, bräuchte man nicht mehr zu röntgen.
EMAS soll eigentlich den Umweltschutz in den Betrieben vorantreiben. Deshalb fördern auch die Umweltverbände BBU, BUND und NABU im Umweltgutachterausschuss und durch eigene Projekte diese Umweltprüfung für Betriebe. Der UGA soll ein unabhängiges Beratungs- und Lenkungsgremium für das Öko-Audit sein. Ihm gehören 25 Mitglieder an, welche die verschiedenen Interessengruppen „Wirtschaft“, „Gewerkschaften“, „Umwelt- und Wirtschaftsverwaltungen des Bundes und der Länder“, „Umweltgutachter“ und „Umweltverbände“ vertreten. Hier trifft man auf Vertreter großer Konzerne wie E.ON und DEGUSSA sowie auf UmweltgutachterInnen, die zweifelhafte Standorte zertifiziert haben. Der Umweltgutachter der Atomkraftwerke Isar 1 und 2 Werner Wohlfarth ist sogar stellvetretender UGA -Vorsitzender. Wenn schon einer der Vertreter der Umweltgutachter im UGA selbst einem AKW eine EMAS-Zertifizierung ausstellt, zeigt sich, dass sich hier der Umwelt-TÜV weit von den Zielen entfernt, welche die Umweltinitiativen damit verbanden.
LANXESS profitiert davon, dass DEGUSSA auf dieses Umweltzertifikat setzt. Die DEGUSSA-TOCHTER INFRACOR ist in dem Chemiepark für die Ver- und Entsorgung der ansässigen Unternehmen zuständig. Auffällig ist, dass der Chemiepark Wolfgang in Hanau, wo DEGUSSA ähnlich auftritt, durch die gleiche Gutachterorganisation EMAS zertifiziert worden ist. Der Leiter des DEGUSSA-Konzernbereichs „Umwelt, Sicherheit, Gesundheit und Qualität“, Dr. Jochen Rudolph, ist auch einer der stellvetretenden Vorsitzender im UGA und einer der sogenannten unabhängige Gutachter, Michael Sperling, stellvertretendes Mitglied im gleichen Ausschuss.
Auch wenn die Umweltverbände BUND, NABU und BBU dort ebenso vertreten sind, konnten sie nicht verhindern, dass die VertreterInnen der großen Konzerne und UmweltgutachterInnen Richtlinien und Voraussetzungen für EMAS in ihrem Sinne gestalten.
Das nutzen dann DEGUSSA und LANXESS für ihre Standorte aus. Außerdem können die UmweltvertreterInnen auch nicht verhindern, dass sich die Konzerne ihre Gutachter selbst aussuchen. Da die UmweltgutachterInnen auf die Aufträge aus der Industrie angewiesen sind, sind sie kaum unabhängig. Die wirklich auf die Umwelt bedachten VertreterInnen anderer Interessengruppen tun sich natürlich schwer, gegen Ausschussmitglieder vorzugehen. Man kennt sich und sieht lieber über kritsche Zertifizierungen hinweg.
Mit EMAS ausgezeichnete Unternehmen verpflichten sich zur kontinuierlichen Verbesserung ihrer Umweltleistung. Dazu werden die einzelnen Ziele im öffentlich zugänglichen Umweltbericht dargestellt. Bei LANXESS ist nur eine Maßnahme genannt. So soll die Lärmbelästigung durch die Optimierung der Dampfregelung beim Fackelbetrieb bis 2006 verringert werden. Die anderen in den Bericht aufgenommenen Unternehmen planten wesentlich mehr Verbesserungen. Auch wenn zu den Umwelterklärungen noch weitere Maßnahmen hinzukommen werden, ist hier die Darstellung einfach nur lächerlich.
Über die Konzentrationen der Schadstoffe im Abwasser kann man zu den einzelnen auf dem Gelände tätigen Betrieben im Umweltbericht nichts entnehmen. Es wird nur die Abwasserfracht des gesamten Chemieparks angegeben. Die Kläranlage vom Chemiepark Marl erledigt alles zentral. Sicher ist das eine kostengünstige Betreibungsform, wogegen auch nichts einzuwenden ist. Aber wenn verschiedene Abwässer gemischt werden, ohne dass vorher die Belastung angegeben wurde, ist nicht mehr klar, ob Verantwortliche bei LANXESS die gesamte Umweltbelastung durch das eigene Abwasser richtig einschätzen. Leider lassen sich auch viele Problemstoffe auf diese Weise durch das Abwasser der anderen Unternehmen verdünnen und dadurch verstecken. Das führt dann aber nicht zu einem gutem betrieblichen Umweltmanagement. Ob Unternehmen wie LANXESS Schadstoffe im Abwasser betriebsintern noch verringern könnten, ist so wegen fehlender Information nicht zu beurteilen. Doch profitiert LANXESS durch den Zusammenschluss im Chemiepark von den Erleichterungen beim Abwasserrecht, die den EMAS-zertifizierten Betrieben in NRW wie auch in anderen Bundesländern inzwischen als Anreiz gewährt werden. Wenn staatliche Kontrollen verringert werden, sollte der Öffentlichkeit die „Vorbildlichkeit“ der einzelnen Konzerne in Bezug auf Umweltschutz auch in der Umwelterklärung dargestellt werden. Dies ist bei der „gemeinsamen Umwelterklärung“ aber nicht der Fall.
EMAS-Umwelterklärungen sind die „ökologischen Visitenkarten“ ihrer Herausgeber. Hier kann man sich in der Öffentlichkeit gut darstellen. Daher sollen diese Firmen auch den offenen Dialog in der Öffentlichkeit suchen - doch davon ist man bei BAYER & Co. noch meilenweit entfernt. Man denke nur daran, dass vor Jahren das Abwasser bei BAYER einfach zum Betriebsgeheimnis erklärt wurde, woraufhin ein Richter korrigierend eingreifen musste.
Was bleibt, ist eine Umwelterklärung, die LANXESS Nutzen bringt, aber die Öffentlichkeit nicht wirklich über die Umweltfaktoren informiert. Die BürgerInnen erfahren immer noch nicht, wie nachhaltig das Unternehmen überhaupt arbeitet. Schon 1993 versuchte BAYER sich in Dormagen durch ein Ökoaudit sauberer darzustellen. Obwohl in den Folgejahren keine erneute Validierung dieser Umweltauszeichnung gelang, wirbt das Werk auf seiner Homepage immer noch damit. Genauso soll dieses überaus fragliche Instrument jetzt LANXESS grüner erscheinen lassen als dieser Konzern ist.

Die Autorin Susanne Bareiß-Gülzow ist Mitarbeiterin des VSR-Gewässerschutzes. Der Artikel „Umweltprädikat für einen Atommeiler“ ist in der Waterkant Nr. 2/2005 erschienen. Er kann auch unter www.vsr-gewaesserschutz.de abgerufen werden.

1)Umweltgutachterausschuss: Die EMAS-Umwelterklärung fundiert und anschaulich gestaltet; 2003
2)Chemiepark Marl: Gemeinsame Umwelterklärung von 2004