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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

Demo Köln

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 13. September 2004

Coordination gegen BAYER-Gefahren demonstriert in Köln gegen ABIC 2004

„Gentechnik-Industrie verspricht das Blaue vom Himmel“

In Köln beginnt heute die Agricultural Biotechnology International Conference (ABIC 2004), die nach eigenen Angaben zu den „weltweit wichtigsten Gentechnik-Konferenzen“ zählt. Neben Wissenschaftlern und Politikern nehmen die 20 größten Agrar- und Nahrungsmittelmultis der Welt teil, darunter Monsanto, Nestlé, Bayer CropScience, Syngenta und BASF.

Umweltgruppen aus ganz Deutschland, darunter Greenpeace, attac und der BUND, demonstrieren heute gegen die Konferenz. Die Aktivisten errichten vor den Kölner Messehallen einen 8 m hohen Maiskolben und pflanzen ein symbolisches Versuchsfeld. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) kritisiert unter dem Slogan „Leben made by BAYER“ das Gentechnik-Engagement des BAYER-Konzerns.

Axel Köhler-Schnura, Vorstand der CBG: „BAYER ist in Europa Marktführer für Gen-Saatgut und drängt mit gentechnisch verändertem Mais, Soja, Reis, Baumwolle und Raps auf den Markt. Ausschließlich aus Profitgründen - mit unabsehbaren Folgen für die Umwelt und die Landwirte in den Ländern des Südens.“

„Die Konzerne versprechen auf der ABIC das Blaue vom Himmel: die Gentechnik soll das Welthunger-Problem lösen und den Verbrauch von Agrogiften verringern. Dabei ist Hunger ein Verteilungsproblem - durch Monokulturen und teures Gentech-Saatgut werden die Probleme noch verschärft. Und gentechnisch veränderte Pflanzen brauchen auf lange Sicht nicht weniger, sondern mehr Pestizide“, so Köhler-Schnura weiter. Die CBG begleitet das Unternehmen BAYER seit 25 Jahren kritisch.

BAYER hat bei der EU eine Importgenehmigung für gentechnisch veränderten Reis beantragt. Millionen Bauern in den Ländern des Südens, die bislang durch Tausch und Eigenzüchtungen ihr Saatgut selbst produzieren, drohen dadurch in Abhängigkeit von multinationalen Konzernen zu geraten oder ihre Existenz zu verlieren. Lokal angepasste Reissorten würden bei einer Zulassung durch Gentech-Sorten verdrängt, was zu erhöhtem Schädlingsaufkommen, verstärktem Einsatz von Pestiziden und einer Verringerung der Artenvielfalt führt. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert die Bundesregierung auf, bei der EU auf eine Ablehnung der Importzulassung für Gen-Reis zu drängen.

Die Zulassung von gentechnisch verändertem Saatgut läuft schleppender an als von der Industrie erwartet: Belgien wies die Zulassung von genmanipuliertem Raps von BAYER zurück. In England wurde die Zulassung von Gen-Mais von BAYER ebenfalls abgelehnt.

Gerne senden wir Fotos von der Aktion in Köln zu

Kanada

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 9. September 2004

Kanada: BAYER erhält Verwarnung von Umweltministerium

Umwelt-Ministerin: „Unternehmen halten sich nicht an Gesetze“

Das Umweltministerium der kanadischen Provinz Ontario hat in zwölf Chemie-Werken Verstöße gegen die Umwelt-Gesetzgebung des Landes festgestellt. Vier der bemängelten Anlagen gehören zum BAYER- Konzern. Im vergangenen Jahr waren aus mehreren Werken giftige Chemikalien ausgetreten, woraufhin das Ministerium intensive Kontrollen angeordnet hatte.

Umweltministerin Leona Dombrowsky übt scharfe Kritik am Verhalten der Chemie-Industrie: „Einige dieser Unternehmen halten sich nicht an die Gesetze. Wir werden jedoch unmissverständlich klar machen, dass wir keine Verschmutzung unserer Gewässer dulden. Es handelt sich um ein sehr ernstzunehmendes Verfahren.“ Den BAYER-Werken am Standort Sarnia waren mehrere Verstöße nachgewiesen worden, darunter Falschdeklaration von Giftmüll, fehlende Zulassung risikoreicher Anlagen und ungenehmigter Umbau einer Abwasseranlage.

Das Ministerium verfügt über ein Team von Spezialisten, das eigens zur Überwachung der Umweltgesetze eingerichtet wurde und das bereits 3.000 Kontrollen risikoreicher Anlagen durchgeführt hat. Im „Chemie- Gürtel“ von Sarnia wurden seit Februar 32 Fabriken kontrolliert. Ministerin Dombrowsky ordnete eine Reihe von Nachrüstungen bemängelter Anlagen an.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Es nötigt Respekt ab, wie die kanadische Regierung die Einhaltung ihrer Umweltgesetzgebung durchsetzt. In Deutschland ist eine solch gründliche Untersuchung von Industrie-Anlagen undenkbar - weder der politische Wille noch das hierfür notwendige Personal wäre vorhanden.“ Mimkes kritisiert jedoch, dass gegen die verantwortlichen Unternehmen keine Strafen verhängt wurden.

In den vergangenen zwölf Monaten war der durch Sarnia fließende St. Clair River dreimal mit giftigen Chemikalien kontaminiert worden. Umliegende Gemeinden mussten die Wasser-Entnahme aus dem Fluss unterbrechen und die Wasserversorgung vorübergehend einstellen.

Pressemitteilung des Umweltministeriums Ontario: www.ene.gov.on.ca/envision/news/2004/090101.htm

Atkins

CBG Redaktion

Presseerklärung vom 8. September 2004

„BAYER profitiert von gefährlicher Mode-Diät“

Pharma-Industrie vertreibt unnütze Nahrungsergänzungsmittel

Rund 40 Millionen Amerikaner befolgen die sogenannte „Atkins-Diät“, die den Verzehr von Fleisch, Käse, Eiern und fetthaltigen Nahrungsmitteln uneingeschränkt erlaubt, die Aufnahme von Kohlenhydraten aus Brot, Reis, Kartoffeln und Nudeln hingegen stark einschränkt. Selbst Obst und Gemüse sollen laut Atkins nur in geringen Mengen gegessen werden. Weil wegen der einseitigen Ernährung Vitamin- und Mineralstoffdefizite drohen, muss die Diät mit der Einnahme von Nährstoffpräparaten begleitet werden.

Ernährungswissenschaftler warnen vor der Atkins-Diät. Professor Klaus Eder aus Halle befürchtet, dass die einseitige Aufnahme von Fett bei längerer Anwendung erhebliche Gefahren birgt - vor allem für Herzkreislauf-Patienten, Schwangere und ältere Menschen. Die eiweißreiche Nahrung belastet die Nieren, und trotz Nahrungsergän-
zungsmitteln drohen Mangelerscheinungen. Die Aufnahme von Ballaststoffen ist zu niedrig, was zu Verdauungsproblemen führt.

Trotz der einhelligen Kritik von Ernährungswissenschaftlern versucht die Pharma-Industrie, von der „Mode-Diät“ zu profitieren. Der Leverkusener BAYER-Konzern brachte im Frühjahr den Vitamin-Cocktail One-A-Day CarbSmart auf den Markt und machte hiermit in den USA bereits 3 Millionen Dollar Umsatz. BAYER´s One-A-Day WeightSmart erzielte sogar 32 Mio Dollar in einem Jahr.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren kritisiert die Unternehmenspolitik: „Natürlich wissen die Verantwortlichen bei BAYER, dass die Atkins-Diät gesundheitsschädlich ist und dass Vitaminpräparate niemals eine ausgewogene Ernährung ersetzen können. Doch der Pharma-Industrie ist die Gesundheit der Betroffenen herzlich egal, solange die Umsätze stimmen.“ Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert eine Verschreibungspflicht sowie strenge Kontrollen von Nahrungs-Ergänzungsmitteln. BAYER hat kürzlich von ROCHE mehrere nicht-verschreibungspflichtige Medikamente übernommen, hierzu gehören auch Vitaminpräparate.

England

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 10. August 2004

England: Klage von BAYER gegen Umweltschützer gescheitert

„Schlag gegen Geheimnistuerei der Konzerne“

Juristische Drohversuche des BAYER-Konzerns gegenüber dem britischen Umweltverband Friends of the Earth (FOE) sind gescheitert. Das Unternehmen versuchte FOE daran zu hindern, Studienergebnisse über Risiken des Pestizids Glufosinat zu veröffentlichen. Obwohl die Untersuchungen in mehreren Ländern frei zugänglich sind, wollte der Konzern bei Zuwiderhandlung hohe Strafzahlungen erzwingen.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: “Wir verurteilen die aggressiven Einschüchterungsversuche von BAYER gegenüber Umwelt-Organisationen. Mit der Macht starker Rechtsabteilungen wird immer wieder verhindert, dass Informationen über Gesundheitsrisiken in die Öffentlichkeit gelangen. Friends of the Earth hat einen Erfolg für die gesamte Umweltbewegung errungen.“ Die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die das Unternehmen seit mehr als 25 Jahren überwacht, war selbst mehrfach Opfer juristischer Attacken des BAYER-Konzerns.

Da Glufosinat zu den meistverwendeten Herbiziden in Europa gehört, hatte Friends of the Earth im Jahr 2000 die britische Umweltbehörde Pesticides Safety Directorate aufgefordert, die Studienergebnisse zu veröffentlichen. BAYER ging gerichtlich gegen die Weitergabe der Daten vor. Doch der Umweltverband kontaktierte parallel amerikanische und skandinavische Ministerien. Schweden und Dänemark sandten die Untersuchungsergebnisse umstandslos zu. „Wir wollten zeigen, dass BAYER diese Daten fälschlich als „top secret“ bezeichnet und der Öffentlichkeit vorenthält, obwohl sie in anderen Ländern frei zugänglich sind“, so Phil Michels von FOE.

Nun holte BAYER die juristische Keule heraus und klagte mit dem Ziel, FOE daran zu hindern, den Besitz der Untersuchungen und ihre Herkunft öffentlich zu machen. Zudem sollte der Umweltverband sich verpflichten, keine weiteren Studien von ausländischen Behörden anzufordern. Selbst die bloße Nennung der Studien-Titel wollte BAYER unter Strafe stellen lassen.

Der Umweltverband bewies Durchhaltevermögen und widersetzte sich den Einschüchterungen – mit Erfolg. BAYER musste sich verpflichten, FOE in vergleichbaren Fällen nicht mehr zu verklagen. „Die Konzern- verantwortlichen dachten, dass wir allein wegen der Verfahrenskosten den Schwanz einziehen würden“, so Phil Michels. „Dies ist ein wichtiges Signal gegenüber dem „Big Business“, dass man uns nicht zum Schweigen bringen kann.“ Tony Jupiter, Direktor von Friends of the Earth, ergänzt: „Unsere Nahrung wird Tag für Tag mit diesen Substanzen behandelt. Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu wissen, welche Risiken von Chemikalien ausgehen, die wir über das Essen, das Wasser und die Luft aufnehmen“. Friends of the Earth schaltete eine website frei, über die die ”Geheim-Studien” angefordert werden können. (http://www.foe.co.uk/campaigns/real_food/news/2004/june/bayer/how_to_obtain.html)

BAYER gehört zu den größten Pestizid-Herstellern der Welt; im Sortiment befinden sich extrem gefährliche Wirkstoffe wie Parathion, Monocrotophos, Fenamiphos und Aldicarb. Der Wirkstoff Glufosinat wird im Obst-, Wein-, Getreide- und Gemüsebau eingesetzt und wird von BAYER auch in Kombination mit gentechnisch verändertem Saatgut (Raps, Mais, Reis, Zuckerrüben) angeboten.

Gentechnik

CBG Redaktion

25.07.2004

Demonstranten ernten Genkartoffeln ab

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Bayer“ war auf dem Transparent am Acker zu lesen. Etwa 30 Personen beteiligten sich am 24. Juli an einer Aktion gegen das Bayer Versuchsfeld in Berge (Prignitz). Aufgerufen hatte das Barnimer Aktionsbündnis gegen Gentechnik und die BUNDjugend Brandenburg. Zielsetzung der Aktion war, auf das Versuchsfeld in Berge hinzuweisen. Nachdem in Lentzke der Genversuch eingestellt wurde, befindet sich in Berge das letzte Versuchsfeld von Bayer in Brandenburg.

Nach einem gentechnikfreien, biologisch angebauten Picknick zogen die Teilnehmer in Schutzanzüge zu dem Versuchsfeld. Es stiegen gelbe Luftballons mit dem Zeichen für biologische Gefahren in die Luft. „Stellen Sie sich vor, die Luftballons wären Pollen. Hiermit spielen wir auf die absurde Diskussion um Koexistenz an. Wir wollen zeigen, dass Lebendiges sich nicht an Grenzen der Flurstücke hält“, so Thomas Janoschka vom Barnimer Bündnis gegen Gentechnik.

Einigen Demonstranten gelang es trotz Polizeischutz und Absperrungen direkt an das Feld zu gelangen und dort einige Pflanzen abzuernten. Unter dem Applaus der anderen Demonstrationsteilnehmer hielten diese die Kartoffelpflanzen in die Luft. Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung wurden angekündigt.

Neben mehreren Verantwortlichen für das Feld und die Versuche war auch der örtliche Landtagsabgeordneter Robert Gemmel (SPD) anwesend. Obwohl dieser im dafür zuständigen Agrarausschuss des Landtages sitzt, war er bisher noch nicht über die Existenz des Feldes informiert worden. Erste Informationen erhielt er aus der Ankündigung für die heutigen Aktionen in der Presse. Das zeigt wieder einmal wie sehr die Gentechnikfirmen die Öffentlichkeit und die demokratischen Institutionen scheuen.

Auf dem Feld in Berge werden Kartoffeln mit einem veränderten Stärkegehalt angebaut. Die Kartoffel enthält ausserdem ein Gen, dass Resistenz gegen das Bayer Herbizit Glufosinat verleiht. Dies bedeutet, dass im Fall eines großflächigen Anbaus der Kartoffel, die Bauern an Bayer Patentgebühren zahlen müssten. Die Landwirte könnten auch nicht einfach wieder zum normalen Kartoffelanbau zurückkehren, da einzelne Knollen der Kartoffel immer im Boden zurück bleiben. Bei Auskreuzungen, z.B. mit dem weitverbreiteten Unkraut „Schwarzer Nachtschatten“ wäre auch dieses gegen das Herbezit resistent. Betreiber des Versuchs ist die Firma Solavista, eine Kooperation des Chemiekonzerns Bayer und der Stärkefirma Avebe. Avebe stellt auf dem internationalen Markt Kartoffelstärke her und betreibt in 5 km Entfernung in Dallmin eine Stärkefabrik.

Die Gruppen kündigte weitere Aktionen gegen das Versuchsfeld an.

Quelle: Freie Heide
Bilder: www.bundjugend-brandenburg.de
Hintergründe: www.gengruppe.de/dosto

Bienensterben

CBG Redaktion

21. Juli 2004

Gemeinsame Presseerklärung des Naturschutzbund NABU, der Coordination gegen BAYER-Gefahren und des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbunds

Imker und Umweltverbände fordern Verbot des Pestizids Gaucho

Bienensterben: Ministerin Künast muss handeln

(Bonn/Berlin) Imker- und Umweltverbände haben ein einstweiliges Verbot des Pestizids Gaucho sowie weiterer Mittel mit dem Wirkstoff Imidacloprid in Deutschland gefordert. Der Wirkstoff stehe in dringendem Verdacht, verantwortlich für das Bienensterben in weiten Teilen Europas zu sein. Der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund, der Naturschutzbund NABU und die Coordination gegen BAYER-Gefahren haben Bundesverbraucherministerin Künast dazu aufgerufen, dem Pestizid bis zur Klärung aller aktuellen Erkenntnisse die Zulassung zu entziehen.

„Künast muss dem Beispiel der französischen Regierung folgen und alle Pestizide, die eine Gefahr für Bienen darstellen, vom Markt nehmen“, sagte Manfred Hederer, Präsident des Deutschen Berufsimkerbundes. Das von der französischen Regierung beauftragte „Comité Scientifique et Technique“ hatte kürzlich festgestellt, dass die Saatgutbehandlung mit Gaucho ein signifikantes Risiko für Bienen darstelle. „Im Sinne eines vorsorgenden Umwelt- und Verbraucherschutzes muss die Zulassung des Mittels nun auch in Deutschland neu geprüft werden“, sagte NABU-Agrarreferent Florian Schöne.

Imidacloprid wird vom Leverkusener Bayer-Konzern hergestellt. In Deutschland wird der Wirkstoff unter den Markennamen Gaucho und Chinook vor allem im Raps-, Zuckerrüben- und Maisanbau eingesetzt. In den vergangenen Jahren starb hierzulande wie in Frankreich fast die Hälfte aller Bienenvölker. Auch die Bestände an Wildbienen und weiteren Insektenarten hätten in den letzten Jahren zum Teil erhebliche Bestandseinbußen erlitten.

Laut BAYER habe eine Studie der französischen Lebensmittelbehörde AFSSA die Vorwürfe gegen Gaucho kürzlich entkräftet. Diese Behauptung wurde von einem AFFSA-Sprecher zurückgewiesen. „Imidacloprid gehört mit einem Umsatz von mehr als einer halben Milliarde Euro jährlich zu den wichtigsten Bayer-Produkten. Deshalb wehrt sich das Unternehmen trotz der gravierenden Umweltschäden mit Zähnen und Klauen gegen Anwendungsverbote“, so Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren.

Für Rückfragen: Manfred Hederer, 08806-922320, Manfred.Hederer@berufsimker.de
Florian Schöne, 030-284984-26, Florian.Schoene@nabu.de , www.NABU.de
Philipp Mimkes, 0211-333 911, info@cbgnetwork.org , www.CBGnetwork.de

Ludwig Erhard

CBG Redaktion

19. Juli 2004

Zur Rolle von Dr. Ludwig Erhard

Erklärung zum 60. Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli

Anlässlich des 60. Jahrestags des Attentats auf Adolf Hitler mehren sich Berichte über den Initiator des deutschen „Wirtschaftswunders“ und Gestalter der „sozialen Marktwirtschaft“, Prof. Dr. Ludwig Erhard. Mit dem Anspruch, zum Widerstandskreis der Männer um den 20. Juli zu zählen, wird von seiner wirklichen Rolle als Retter deutscher Kriegsverbrecher-Konzerne abgelenkt.

Seit 1943 diente Erhard der Reichsgruppe Industrie und der IG Farben als wirtschaftswissenschaftlicher Berater. In dieser Eigenschaft war er in die Pläne der Rettung deutscher Vermögen nach der Schweiz eingeweiht. Nach 1945 konnte er seine politische Karriere für deren Rückführung aus der Schweiz nutzen. Dabei hielfen enge Kontakte zur „Gesellschaft der Schildner zum Schneggen“, einer Schweizer Vereinigung pro-deutscher Bankiers, Professoren, Fabrikanten, Anwälte und Ingenieure. In einem Rückblick auf die ersten Nachkriegsjahre berichtet die „Handelskammer Deutschland-Schweiz“: „Man kann es sich heute kaum vorstellen, was damals dazugehörte, sich für eine Beziehung zu Deutschland einzusetzen und sogar dafür zur Verfügung zu stehen. Die Zivilcourage war diesen `Männern der ersten Stunde` eigen und liess sie ihre vorsichtig gesteckten Ziele erreichen.“

Ab 1955 traf Erhard seine Schweizer Kollegen in neuer Funktion. Zu seinem direkten Partner aus der Kriegszeit zählt Dr. Heinrich Homberger (1896-1980). Homberger, die führende Persönlichkeit des Spitzenverbandes der Schweizerischen Wirtschaft gilt als Architekt der Schweizerischen Außenwirtschaftspolitik im Zweiten Weltkrieg. Unmittelbar nach dem Überfall des faschistischen Deutschlands auf Frankreich erklärte Homberger: „Wir haben nun gute Vorwände, um die Lieferungen an die Westmächte zurückzuhalten (...). Wir können Deutschland zeigen, dass wir bestrebt sind, das zu liefern, was wir in der Lage sind.“ Aus dem Protokoll einer internen Besprechung der schweizerisch-deutschen Verhandlungsdelegation vom 13.Juni 1940 geht hervor, dass Homberger der deutschen Seite Vorschläge für ein Lieferprogramm unterbreiten werde, an denen die Wehrmacht tatsächlich interessiert war.

Neueste Forschungsergebnisse erweitern die Rolle Hombergers als zentrale Figur für Fragen der Nachkriegswirtschaft. Von deutscher Seite signalisierte ein kleiner Kreis den Wunsch nach Partnerschaften mit neutralen Staaten über das Schweizer „Komitee“ . Dieses „Komitee“ bestand aus einer „Dreiergruppe“:
a) den „Schweizer Grossbanken“ : Schweizerische Kreditanstalt (SKA), Schweizer Bankverein (SBV) und Schweizer Bankgesellschaft (SBG)
b) „namhafter Industriefirmen“, und
c) den „zuständigen Bundesressorts“.

Hans Kehrl, Präsident der Reichswirtschaftskammer und Hauptabteilungsleiter im Reichswirtschaftsministerium, der über umfangreiches Material zu den Nachkriegsvorstellungen der Neutralen und befreundeten Länder verfügte, erklärte in einer Rede im März 1944: „Die deutsche Staatsführung will und kann im gegenwärtigen Zeitpunkt keine Generallinie für die deutsche Konzeption einer wirtschaftlichen Nachkriegsgestaltung des kontinentaleuropäischen Raumes geben“. Kehrl selbst fühlte sich berufen, sich für diese Aufgabe im Interesse der deutschen Konzerne einzusetzen.

Im Auftrag von Kehrl nahmen der Leiter der Deutschen Industriekommission und IG-Farben-Vertreter Major Dr. Heinrich Gäfgen und der Leiter der Abteilung Außenwirtschaft der Reichsgruppe Industrie, Dr. Karl Albrecht im Frühjahr 1944 direkte Verbindungen zu den zuständigen schweizerischen Bundesressorts über Homberger auf. Albrecht besuchte im April 1944 Homberger mit dem Ergebnis einer „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ beider Gremien. Im Mai 1944 zog Albrecht den Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG-Farben- Spionagezentrale „Büro Berlin NW 7“, Dr. Reithinger und den Leiter des Industrieforschungs-Instituts in Nürnberg, Dr. Ludwig Erhard hinzu.

Die Reichsgruppe Industrie und die IG Farben legten fest: auf der Grundlage der Akten „wird Herr Dr. Erhard eine systematische und kritische Darstellung der Schweizer Nachkriegsvorbereitung ausarbeiten“. Um den 20. Juli 1944 herum befasste sich Erhard eingehend mit den aus der Schweiz erhaltenen Informationen, um die Haltung der Schweizer Regierung und der Schweizer Wirtschaftskreise zu den deutsch-schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen für die Nachkriegszeit zu erforschen. Die Unabhängige Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg legt im Band 9 „Tarnung, Transfer, Transit“ den heutigen Erkenntnisstand zur seinerzeitigen Haltung der Schweizer Behörden gegenüber den deutschen Produktionsverlagerungen und Verschiebungen dar. Demnach waren die zuständigen Bundesressorts, darunter Dr. Heinrich Homberger über die umfangreichen Vermögensverlagerungen informiert. Die Adenauer`sche „Arbeitsgruppe Schweiz“ und das „Gegenkomitee“ der Schweiz unter Leitung des Generaldirektors von der Schweizerischen Kreditanstalt, Dr. Peter Vieli, erreichten dank der gemeinsamen Hinhaltetaktik, dass die deutschen Unternehmer der RM-Abwertung entgehen konnten. „Die deutschen Vermögen in der Schweiz.... blieben weitgehend erhalten und gelangten im Lauf der fünfziger Jahre an ihre deutschen Eigentümer zurück.“

1977 veröffentlichte die Ludwig-Erhard-Stiftung den Faksimiledruck „Ludwig Erhard: Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung“ aus dem Jahre 1943/44. In seinen Vorbemerkungen stellt er sich als zum engsten Kreis der Verschwörer des 20. Juli vor. In Verzicht auf seine akademische Laufbahn, wegen offizieller Weigerung Mitglied der NSDAP und deren Gliederungen zu werden, habe er mit Hilfe „gestandener Männer“ der deutschen Wirtschaft, den Herren Wilhelm Zangen (Mannesmann-Generaldirektor und Leiter der Reichsgruppe Industrie), Karl Blessing (Vorstandsmitglied der Kontinentale Ölgesellschaft und Mitglied des „Freundeskreises Reichsführer SS“), und Karl Guth (Hauptgeschäftsführer der RGI, Schwager von Erhard) wieder Fuß gefasst. Der zum Tode verurteilte und hingerichtete Goerdeler habe seine Denkschrift erhalten und diese in seinem Testament positiv erwähnt und ihn zum Wirtschaftsberater der neuen Regierung empfohlen.

Erhards Freund, Theodor Eschenburg berichtete über das „Schicksal“ der Kurzfassung der Denkschrift 1943/44, in der es angeblich in den ersten Sätzen geheißen habe, dass es „einwandfrei feststehe, dass Deutschland den Krieg verloren hätte“. Angesichts der Gefahr der Verhaftung wegen Hoch-und Landesverrates, nicht nur Ludwig Erhards sondern auch der Mitwisser seien sämtliche Kopien vernichtet worden. Erhard selbst habe sich den Beobachtungen der Gestapo entzogen, indem er sein Domizil nach Bayreuth verlegen konnte. Zur gleichen Zeit soll er dem Staatssekretär, Mitglied des Zentralen Planungsamtes im Reichswirtschaftsministerium, SS-Führer Otto Ohlendorf bei der Ausarbeitung des letzten Kriegsfinanzierungs-Berichtes „Verordnung zur Sicherung der Deutschen Währung“ vom 3. Januar 1945 als Berater zur Verfügung gestanden haben. Ohlendorf wurde im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozeß 1948 zum Tode verurteilt, und 1951 hingerichtet.

Es war gewiss kein Zufall, dass Prof. Dr. Erhard und Dr. Prentzel, ehemaliger führender IG Farben-Vertreter, sich 1948 als Leiter der „Verwaltung Wirtschaft'“ in der Bizone wiederfanden. Nach der Gründung des Bonner Staates arrangierten sie gemeinsam die „Entflechtung“ der IG Farben-Industrie im Interesse des Chemiekonzerns. Um eine konkurrenzfähige Wirtschaft zu gewährleisten, seien die ehemaligen „leitenden Herren der IG“ gerade die „besten Männer“ für eine Übernahme der Nachfolgegesellschaften. Sie seien „am geeignetsten für die Liquidation und Führung“, zumal diese Herren schon selbst Entflechtungspläne entworfen hätten. Nach alliierten Gesetzen seien zwar Kriegsverbrecher für die Besetzung solcher Posten grundsätzlich auszuschließen, doch „...bei vielen Deutschen (sei) eine innere Wandlung erfolgt.Im Himmel sei mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 1000 Gerechte,“ argumentierte Erhard, verantwortlich für diesbezügliche Entscheidungen in Personalfragen.

Kartelle

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 15. Juli 2004

USA: Millionenstrafe im Kautschuk-Kartell

„Recht und Gesetz sind Fremdwörter für BAYER“

Der BAYER-Konzern muss in den USA 66 Millionen Dollar Strafe zahlen. Das Leverkusener Unternehmen bekannte sich schuldig, mit Konkurrenzfirmen die Preise für Kautschuk-Chemikalien abgesprochen zu haben. Die Preisabsprachen der Konzerne galten für die weltweit wichtigsten Märkte Nordamerika, Europa und Japan.

Philipp Mimkes, Geschäftsführer der Coordination gegen BAYER- Gefahren: „Recht und Gesetz scheinen für BAYER Fremdwörter zu sein. Konzerne müssten viel stärker kontrolliert werden - für multinationale Firmen haben hohe Gewinne stets Priorität gegenüber dem Allgemeinwohl“. Mimkes weist darauf hin, dass durch den Konzentrationsprozess der letzten Jahre informelle Absprachen immer einfacher werden. „BAYER wird immer wieder bei illegalen Preisabsprachen erwischt. Dabei steht zu befürchten, dass die Mehrzahl solcher kriminellen Handlungen unentdeckt bleibt“, so Mimkes weiter.

Das US-Justizministerium hatte heute mitgeteilt, dass sich BAYER vor dem Bundesgericht in San Francisco schuldig bekannte, zwischen 1995 und 2001 mit anderen Herstellern an einem Kartell teilgenommen zu haben. „Das Urteil ist ein großer Schritt im Kampf um die Verbraucherrechte. Das Kartell hat Millionen Amerikaner, die eine breite Palette von Kunststoff-Produkten gekauft haben, schwer geschädigt“, sagte Hewitt Pate, stellvertretender Generalstaatsanwalt der Kartellkommission des Justizministeriums. In den USA werden jährlich Kunststoff-Produkte im Wert von 1 Mrd. $ verkauft.

Auch in Europa laufen Ermittlungen gegen BAYER. Im Herbst 2002 hatte die EU Kommission die BAYER-Zentrale in Leverkusen durchsuchen lassen.

In der Vergangenheit gab es bereits eine große Zahl von Betrugsverfahren gegen den Konzern: So hatte die Tochterfirma Haarmann & Reimer (H&R) in den 90er Jahren mit fünf Wettbewerbern ein Kartell für Zitronensäure gebildet. Dabei hatten die Firmen Verkaufsquoten ausgehandelt und die Endpreise exakt festgelegt. Während der Existenzphase des Kartells verkaufte H&R allein in den USA für 400 Mio. Dollar überteuerte Zitronensäure. Gegen Haarmann & Reimer wurden Strafen von 100 Mio Dollar verhängt - die bis dahin zweithöchste Kartellstrafe in der US-Geschichte.

Ebenfalls in den USA hatte BAYER über Jahre hinweg bei Lieferungen an die staatlichen Gesundheitsprogramme „Medicare“ und „Medicaid“ falsche Preise gemeldet. Dem Staat waren durch die Preismanipulationen jährliche Schäden von rund einer Milliarde Dollar entstanden. Den US-Behörden fielen geheime Firmen-Dokumente zu, in denen die Manipulationen als bewährte „Marketing-Instrumente“ beschrieben wurden. BAYER zahlte schließlich 14 Millionen Dollar Entschädigung.

Bereits in den 80er Jahren beteiligte sich BAYER an einem europaweiten Kartell für den Kunststoff Polyethylen. Auch damals waren Preise und Quoten exakt abgestimmt gewesen.

Sport

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 3. Juli 2004

zur heutigen Feier des 100jährigen Jubiläums von Bayer 04 Leverkusen mit Kanzler Schröder:

„Soziales Engagement nur vorgeschoben“

Bundeskanzler Gerhard Schröder und Innenminister Otto Schily nehmen an der heutigen 100-Jahrfeier des TSV Bayer 04 Leverkusen teil. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die seit 25 Jahren auf die Schattenseiten der BAYER-Geschäftspolitik aufmerksam macht, kritisiert den öffentlichen Schulterschluss der Bundespolitik mit dem Leverkusener Chemie-Konzern.

Philipp Mimkes, Sprecher des Vereins: „Die Ausgaben für die Sportförderung tätigt BAYER allein aus Marketinggründen. Wenn sich das Unternehmen wirklich für das Gemeinwesen einsetzen wollte, müsste BAYER als erstes angemessene Steuern zahlen.“ Dank bilanztechnischer Tricks hat die BAYER AG in den vergangenen Jahren praktisch keine Steuern abgeführt - trotz gleichzeitiger Milliardengewinne. „Gerhard Schröder sollte zu den großen Unternehmen eine kritische Distanz einnehmen.

Konzerne wie BAYER sorgen sich um ihre Gewinne, nicht um das Allgemeinwohl“, so Mimkes weiter. Bundeskanzler Schröder stellte sich in den vergangenen Jahren mehrfach bedingungslos auf die Seite der Chemie-Industrie, zuletzt bei der Diskussion um eine neue EU-Chemikalienpolitik. Auf Druck von BAYER und BASF intervenierte Schröder mehrfach in Brüssel, woraufhin das ambitionierte Umweltprojekt stark verwässert wurde.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren weist darauf hin, dass BAYER immer weniger Geld für den Breitensport bereitstellt und stattdessen in den medienwirksamen Leistungssport investiert. Die Degradierung des Sports zum Imagefaktor wird am besten an der Entwicklung der Fußball-Abteilung deutlich: Die Mannschaft kickt seit der Umwandlung des Vereins in eine GmbH „zum Zweck des Einsatzes als Werbeträger für die BAYER AG“ - so steht es in dem entsprechenden Eintrag im Handelsregister. Für die Umwandlung des Clubs in eine Kapitalgesellschaft mussten 1998 eigens die DFB-Statuten geändert werden. Die BAYER AG hält seitdem 100% der BAYER 04 Leverkusen Fußball GmbH und spart nebenbei Steuern in Millionenhöhe. Die vollständige Übernahme war nach den Regeln des DFB eigentlich nicht erlaubt - Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser setzte jedoch eine „Lex Bayer“ durch.

Besonders durch die Erfolge der Fußballer wurde der Name des Chemiekonzerns in alle Welt transportiert. Philipp Mimkes weiter: „Kritische Berichterstattung, etwa zu Störfällen in BAYER-Werken oder zu Risiken von Pestiziden, wird dadurch immer mehr in den Hintergrund gedrängt.“ Auch für Meinolf Sprink, Sportbeauftragen des Unternehmens, stehen Marketing-Erwägungen an erster Stelle: „Das Sponsoring mit Fußball passt perfekt auf die Schwachpunkte des Images und verbessert es.“ Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Fußballer eine jährliche TV-Präsenz im Wert von mindestens 60 Millionen Mark erkicken.

Protestpostkarten

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 2. Juli 2004

Übergabe von Protest-Postkarten an den Bundestag

„GenFood - Nein Danke“ / Däubler-Gmelin nimmt 11.213 Unterschriften entgegen

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) übergibt heute mehr als zehntausend Protest-Unterschriften an den Bundestag. Die UnterzeichnerInnen fordern ein vollständiges Verbot gentechnisch veränderter Nahrungsmittel in Deutschland, solange die Langzeitrisiken von GenFood und die Haftungsfragen nicht vollständig geklärt sind. Herta Däubler-Gmelin, Vorsitzende des Bundestags-Ausschuss für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, nimmt die Unterschriften entgegen.

Axel Köhler-Schnura, Vorstand der CBG: „Der BAYER-Konzern ist in Europa Marktführer für Gen-Saatgut und drängt mit gentechnisch verändertem Mais, Soja, Reis, Zuckerrüben, Baumwolle und Raps auf den Markt. Ausschließlich aus Profitgründen - mit unabsehbaren Folgen für die Umwelt und gegen den Willen der Bevölkerung.“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren weist darauf hin, dass die langfristigen Risiken von GenFood trotz der Versprechungen der Industrie völlig unklar sind. „Die Ankündigungen der Konzerne, mittels Gentechnik das Welthunger-Problem zu lösen oder den Verbrauch von Agrogiften zu verringern, haben sich als bloße Produkteinführungskampagnen erwiesen“, so Köhler-Schnura weiter. Die CBG begleitet das Unternehmen BAYER seit 25 Jahren kritisch.

Global betrachtet hätte die Einführung von gentechnisch verändertem Reis, für den BAYER bei der EU eine Importgenehmigung beantragt hat, die dramatischsten Konsequenzen: Reis ist für 2,5 Milliarden Menschen das Hauptnahrungsmittel. Millionen Bauern, die bislang durch Tausch und Eigenzüchtungen ihr Saatgut selbst produzieren, würden in Abhängigkeit von multinationalen Konzernen geraten. Durch den bereits in der „grünen Revolution“ beobachteten Konzentrationsprozess würde eine große Zahl asiatischer Landwirte die Existenz verlieren. Lokal angepasste Reissorten würden durch Hochertragssorten verdrängt, was zu erhöhten Schädlingsaufkommen, verstärktem Einsatz von Pestiziden und einer Verringerung der Artenvielfalt führt. Die Coordination gegen BAYER- Gefahren fordert die Bundesregierung auf, bei der EU auf eine Ablehnung der Importzulassung für Gen-Reis zu drängen.

Die Zulassung von gentechnisch verändertem Saatgut läuft schleppender an, als von der Industrie erwartet: Belgien wies die Zulassung von genmanipuliertem Raps von BAYER zurück. In England wurde die Zulassung von Gen-Mais von BAYER ebenfalls abgelehnt.

Sollte gentechnisch verändertes Saatgut jedoch zugelassen werden, so verlieren die VerbraucherInnen innerhalb kürzester Zeit die Entscheidungsfreiheit. Untersuchungen in Nordamerika haben ergeben, dass über 90% der von Öko-Landwirten angebauten Pflanzen mit Fremdgenen belastet sind. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert daher eine volle Übernahme der Haftung durch die Gentech- Industrie, falls es zu Schäden von Personen oder der biologischen Vielfalt kommt.

Gerne senden wir Fotos von der Aktion zu; Tel: 0211-333 911

Neonazis

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 2. Juli 2004

Überfall bei Coordinations-Vorstand

Das Vorstandsmitglied der Coordination gegen Bayer-Gefahren, Axel Köhler-Schnura, war mit seiner Familie heute zum wiederholten Male Ziel eines rechtsradikalen Angriffs. Unter Parolen wie „Juden raus!“ wurde am frühen Morgen die Eingangstüre des Hauses zerstört, in dem seine fünfköpfige Familie und er wohnen und in dem sich auch die Büroräume seiner Firma befinden. Nur dank des Sicherheitsglases und anderer Sicherungsmaßnahmen gelang es den Nazis nicht, in das Haus einzudringen.

Axel Köhler-Schnura ist Träger des Preises für Zivilcourage 2000 und ist nicht nur im Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) konzernkritisch aktiv. Er ist national und auch international in der konzernkritischen Bewegung verankert. Er ist Vorstandsmitglied des UmweltFonds, der internationalen Stiftung EthEcon und der DKP Düsseldorf. Er ist aktiv beim Europäischen Sozialforum und mehreren anderen Initiativen und Verbänden. Auch beruflich arbeitet er im sozial- und ökologiepolitischen Bereich. Unter anderem erbringt er Dienstleistungen für eine Obdachlosenorganisation.

Bereits vor zwei Jahren war Köhler-Schnura Ziel eines Neonazi-Angriffs. „Diese Übergriffe richten sich offenkundig gegen konzernkritisches Engagement“, so die CBG. Denn auch das Vorstandsmitglied Hubert Ostendorf war bereits Ziel von Neonazi-Angriffen.

Die CBG verurteilt die widerlichen Nazi-Attacken und stellt fest, dass sich dieser Angriff in eine unendlich lange Liste von rechtsradikaler Verbrechen der jüngsten Zeit einreiht, die auch bereits den Tod zahlreicher Menschen gefordert haben. In diesem Zusammenhang verurteilt die CBG den nachlässigen und Vorschub leistenden Umgang von Behörden und Gerichten mit Nazis und Rechtsradikalen und fordert ein Verbot faschistischer und rechtsradikaler Organisationen.

Für die Behebung der erheblichen Schäden bittet die CBG um Spenden unter dem Stichwort „Nazis stoppen!“ auf das Konto
GLS-Bank 8016 533 000
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[Editorial] STICHWORT BAYER 03/2004

CBG Redaktion

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

die Arbeit in der indischen Baumwollsaat-Produktion ist kein ungefährlicher Job. Ende Juni starb ein dreizehnjähriger Junge, als er Pestizide auf einer Baumwollsaatfarm versprühte. Die Saatgut-Unternehmen bezeichnen solche Vorkommnisse gern als Einzelfälle - doch allein die Kinderrechtsorganisation MV FOUNDATION hat in den vergangenen zwei Jahren 36 Fälle tödlich vergifteter Kinder dokumentiert. Zehntausende Kinder, teilweise nicht älter als acht Jahre, arbeiten in Südindien auf den Feldern - für Cent-Beträge. Da sie keine Schulen besuchen, werden sie niemals aus dem Armuts-Kreislauf ausbrechen können.

Auch die BAYER AG ist in diesem Sektor aktiv und bezieht ihr Saatgut von Zulieferern, die Kinder beschäftigen, genauso wie MONSANTO und andere Agro-Multis. Dies hat die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) im vergangenen Sommer in Deutschland publik gemacht. In einem gemeinsamen Brief haben sich die CBG, GERMANWATCH und der GLOBAL MARCH AGAINST CHILD LABOUR im Dezember an die BAYER AG gewandt und das Unternehmen aufgefordert, endlich Maßnahmen einzuleiten.

Lange hatten sich die Multis gesträubt, Verantwortung für die Beschäftigung von Kindern zu übernehmen - da dies bei ihren Zulieferern geschähe, könnten sie daran nichts ändern. Im September vergangenen Jahres haben sich die Unternehmen, darunter die indische BAYER-Tochter PROAGRO, mit Kinderrechts-Initiativen getroffen und ein wirksames Handeln zur Abschaffung von Kinderarbeit innerhalb eines halben Jahres zugesagt.

Inzwischen ist die doppelte Zeit vergangen und wir warten noch immer auf die
Umsetzung der versprochenen Maßnahmen. Die Kinderrechtsaktivistin Shantha Sinha von der MV FOUNDATION, unsere wichtigste Kontaktperson vor Ort, beschwerte sich Ende Juni, dass bis auf die Veröffentlichung von Statements und Flugblättern sowie internen Treffen nichts passiert sei.

So war zunächst zugesagt worden, dass die Namen der unter Vertrag genommenen Bauern für unabhängige Prüfungen an die MV FOUNDATION übergeben werden. Dann forderten die Unternehmen aus Vertraulichkeitsgründen, statt der Vertragsbauern nur die Dörfer aufzulisten. Aber selbst diese Daten sind von PROAGRO/BAYER Monate nach dem vereinbarten Termin nicht geliefert worden. Auch sollten Muster-Verträge übergeben werden, um zu kontrollieren, ob und in welcher Schärfe die Nichtbeschäftigung von Kindern verlangt wird. Denn erst kürzlich fand sich ein neu unter Vertrag genommener Bauer, der nichts von der Forderung eines Kinderarbeitsverbotes gehört hatte. Auch ist noch nicht belegt, ob in dieser Saison den Bauern wirklich mehr Geld gezahlt wird, wie aus Indien und Deutschland immer wieder gefordert wird. Denn nur dann können die Landwirte es sich leisten, Erwachsene einzustellen.

Inzwischen läuft die nächste Saison auf Hochtouren und noch immer arbeiten Tausende Kinder auf den Feldern. Es ist höchste Zeit, dass Unternehmen wie BAYER wirksame Maßnahmen ergreifen. Wir werden dies gemeinsam mit der CBG und dem GLOBAL MARCH AGAINST CHILD LABOUR weiterverfolgen.

Cornelia Heydenreich arbeitet bei Germanwatch zum Thema Unternehmensverantwortung

[Klage in England] Stichwort BAYER 03/2004

CBG Redaktion

„Schlag gegen Geheimnistuerei der Konzerne“

England: BAYER-Klage gegen Umweltschützer gescheitert

„Dieser Rechtsstreit war absurd“, ärgert sich Phil Michels vom britischen Umweltverband FRIENDS OF THE EARTH. „Was uns nun erlaubt ist, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein: Wir dürfen darauf hinweisen, dass frei zugängliche Studien über Pestizidrisiken bei skandinavischen Umweltbehörden angefordert werden können. Doch genau dies wollte BAYER verhindern - und zwar auf aggressive Art und Weise.“

Die nur für Fachleute verständlichen Untersuchungen („A dietary 2-Generation Reproduction study of HOE 099730; substance, technical in the Sprague Dawley Rat“) waren von BAYER-Toxikologen erstellt worden. Sie beschäftigen sich mit Risiken des Herbizids Glufosinat und wurden im Rahmen von Zulassungsverfahren bei verschiedenen Umweltbehörden eingereicht. Der Unkraut-Killer Glufosinat wird von BAYER meist in Kombination mit gentechnisch verändertem Saatgut (Raps, Mais, Reis, Zuckerrüben) angeboten. Die Gen-Pflanzen sind resistent gegen den Wirkstoff, das heißt, das Pestizid kann in großen Mengen verwendet werden, ohne die „Nutzpflanze“ zu schädigen.

Da Glufosinat zu den meistverwendeten Pestiziden in Europa gehört und immer wieder auf Nahrungsmitteln gefunden wird, forderte FRIENDS OF THE EARTH im Jahr 2000 die britische Umweltbehörde Pesticides Safety Directorate auf, die Studienergebnisse zu veröffentlichen. BAYER witterte eine Veröffentlichung geheimer Firmenunterlagen und ging gerichtlich gegen die Weitergabe der Daten vor.

Parallel kontaktierte der Umweltverband amerikanische und skandinavische Behörden. Schweden und Dänemark sandten die Untersuchungsergebnisse umstandslos zu. „Wir wollten zeigen, dass BAYER diese Daten fälschlich als “top secret„ bezeichnet und der Öffentlichkeit vorenthält, obwohl sie in anderen Ländern frei zugänglich sind“, so Phil Michels. „Und natürlich wollten wir den Leuten sagen, wo sie diese Informationen erhalten können“.

Ein simpler demokratischer Akt, sollte man meinen - doch nun holte BAYER die große juristische Keule heraus und rief im vergangenen Oktober den britischen High Court an. FRIENDS OF THE EARTH sollte daran gehindert werden, den Besitz der Untersuchungen und ihre Herkunft öffentlich zu machen. Der Umweltverband sollte sich verpflichten, keine weiteren Studien von ausländischen Behörden anzufordern. Selbst die bloße Nennung der Studien-Titel wollte BAYER unter Strafe stellen.

Der Umweltverband bewies Durchhaltevermögen und widersetzte sich den Einschüchterungen - mit Erfolg. Nach mehrmonatigem Schwebezustand signalisierte das Gericht, der Argumentation von BAYER nicht zu folgen. In einem Vergleich, der am 29. Juni geschlossen wurde, verpflichtete sich das Unternehmen, FRIENDS OF THE EARTH in vergleichbaren Fällen nicht mehr zu verklagen. Die Organisation schaltete am selben Tag eine website frei, in der erläutert wird, wo die „Geheim-Studien“ angefordert werden können (http://www.foe.co.uk/campaigns/real_food/news/2004/june/bayer/how_to_obtain.html).

„Die Verantwortlichen bei BAYER dachten, dass wir allein wegen der Verfahrenskosten den Schwanz einziehen würden“, so Phil Michels weiter. „Dies ist ein wichtiges Signal gegenüber dem “Big Business„, dass man uns nicht zum Schweigen bringen kann.“ Tony Jupiter, Direktor von FRIENDS OF THE EARTH, ergänzt: „BAYER hat umsonst seine Muskeln spielen lassen und musste einen demütigenden Rückzieher machen. Dies ist ein wichtiger Erfolg, um der Geheimnistuerei bei der Zulassung von Pestiziden und Chemikalien ein Ende zu bereiten“. Jupiter fordert eine Verpflichtung der Hersteller, alle toxikologischen Daten von sich aus zu veröffentlichen - auch damit sie von unabhängigen Wissenschaftlern überprüft werden können: „Unsere Nahrung wird Tag für Tag mit diesen Substanzen behandelt. Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu wissen, welche Risiken von Chemikalien ausgehen, die wir über das Essen, das Wasser oder die Luft aufnehmen“, so Jupiter weiter.

BAYER gehört zu den größten Pestizid-Herstellern der Welt. Im Sortiment befinden sich extrem gefährliche Wirkstoffe wie Parathion, Monocrotophos, Fenamiphos und Aldicarb. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN, die ebenfalls mehrfach von BAYER verklagt wurde, gratulierte FRIENDS OF THE EARTH zu dem mutigen Verhalten.
von Philipp Mimkes

[Ökologie am Ende?] STICHWORT BAYER 03/2004

CBG Redaktion

Ökologie - nachhaltig am Ende?

BAYER & Co. setzen das Primat der Ökonomie durch

Nicht nur beim Chemikalien-Gesetz, auch beim anderen großen umweltpolitischen Vorhaben der letzten Zeit, dem Emissionshandel, setzten die Unternehmen ihre Interessen durch, indem sie dunkelgrüne Untergangsszenarien entwarfen. „Ich befürchte, dass Umweltminister Trittin auf dem besten Wege ist, aus Deutschland eine weitgehend industrie-freie Zone zu machen“, prophezeite beispielsweise BAYER-Chef Werner Wenning erfolgreich. Bedeutet diese Entwicklung das Ende eines Essentials rot-grüner Politik, der Versöhnung von Ökonomie und Ökologie? Hat der Beginn seiner Karriere überhaupt je Anlass zu Hoffnung gegeben? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich die Jahrestagung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) am 27. November. Stichwort BAYER bietet vorab eine Diskussionsgrundlage.

von Jan Pehrke

„Nach unserer Überzeugung gibt es keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Ökologie und Ökonomie“, heißt es im BAYER-Umweltbericht von 1997. „Beides zu verbinden, ist unser Anspruch“, beteuert der Chemie-Multi darin treuherzig. Die Versöhnung von Wirtschaft und Umwelt stellt nach Ansicht von NRW-Wirtschaftsminister Harald Schartau sogar einen Wettbewerbsvorteil dar. Die Grünen preisen derweil das „Erneuerbare-Energien-Gesetz“ als „kleines Wirtschaftswunder“, weil die Windräder ihrer Auffassung nach den Arbeitsmarkt zum Rotieren bringen. Auch Bundesforschungsminsterin Edelgard Bulmahn sieht Synergie-Effekte. Wer weniger Ressourcen verbrauche, könne seine Produkte auf den Weltmärkten günstiger anbieten, rechnet sie vor. Eine „innovative Kläranlage“ für die Stadt Teheran erwies sich Bulmahn zufolge als lukratives Export-Geschäft, das der bundesdeutschen Wirtschaft hundert Millionen Euro einbrachte. Und solche Deals möchte künftig die Subventionspraxis ihres Hauses befördern; es beabsichtigt, die Umweltforschung stärker nach wirtschaftlichen Kriterien auszurichten. Für Projekte der Produktlinie „Nachhaltig“ wie „Nachhaltiges Wirtschaften“, Nachhaltige Regionen„ und “Nachhaltige Gesellschaft„ stellt das Forschungsministerium deshalb 160 Millionen Euro zur Verfügung.

Der Emissionshandel brachte die neue Wahlverwandtschaft auf den Begriff. Nach diesem Modell dürfen die Unternehmen nur bis zu einer bestimmten Obergrenze Kohlendioxid kostenfrei ausstoßen. Für darüber hinaus gehende Kontingente müssen sie Verschmutzungsrechte hinzukaufen, was zu Investitionen in umweltschonende Technologie ermuntern soll. “Ein wirtschaftliches Instrument, mit dem man Umweltziele erreichen will„ - diesen Ansatz erklärte die konservative Faz zum “Lieblingskind der Ökonomen„. An der Ökosteuer finden die WirtschaftswissenschaftlerInnen bestimmt ebenfalls Gefallen, denn sie funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Sie sanktioniert gesellschaftlich unerwünschte Effekte wie hohen Energie-Verbrauch und fördert erwünschte wie eine Aufbesserung der Rentenkassen.

Zusätzlich sanft gebettet wird der Ö & Ö-Schmusekurs durch flankierende Maßnahmen wie “freiwillige Selbstverpflichtungen„ der Konzerne, ihrem eigenen Umwelt-TÜV, dem Öko-Audit, und den so genannten “integrierten Umweltschutz„. Dazu zählt auch BAYERs Anlage zur Herstellung des Kautschuks Therban. Der Bund förderte den Bau dieser vergleichsweise emissionsarmen Produktionsstätte durch einen zins-verbilligten Millionen-Kredit, weshalb - eine Hand wäscht die andere - der Chemie-Multi bei der Einweihung Bundesumweltminister Jürgen Trittin als Stargast begrüßte und diesem damit eine medien-wirksamen Auftritt verschaffte.
Als der Politiker allerdings die Rahmenbedingungen für die Transaktionen mit den Verschmutzungsrechten ausarbeitete, zerriss das “grüne Band der Sympathie„. Die Ökonomie in Gestalt von Wolfgang Clement, BAYERs Mann in Sachen “Profit-Sicherung„, zeigte der Ökologie in Gestalt von Jürgen Trittin schnell die Grenzen auf. Hatte Bundeskanzler Schröder als umtriebiger Genosse der Bosse in Brüssel schon zahlreiche Korrekturen am Entwurf durchgesetzt und beispielsweise Chemie-Anlagen vor der Teilnahme am Emissionshandel verschonen können, so kündigte Clement den ohnehin schon faulen Kompromiss kurz vor Toresschluss noch einmal auf. Die Einpeitscher aus der Wirtschaft drängten in routinierter Panik zu Nachverhandlungen. “Die Arbeitslosigkeit, die so entsteht, hat eine Farbe: Sie ist grün„, warnte etwa der BDI-Vorsitzende Michael “Rocky„ Rogowski. Und so kam es zum Ö & Ö-Deal: Am Ende brauchte die Industrie ihre jährlichen Ausstoß von 505 Millionen Tonnen Kohlendioxid gerade mal um zwei Millionen zu reduzieren, wollte sie keine Lizenzen zu weiterer Luftverschmutzung kaufen. Die Öko-Steuer besserte ebenfalls nicht die Öko-Bilanz, sondern allenfalls die Zahlen-Werke von BAYER & Co. Rot-Grün gestand den Industrie-Zweigen mit besonders hohem Energie-Verbrauch nämlich so großzügige Ausnahmeregelungen zu, dass diese durch die eingesparten Renten-Beiträge sogar noch auf ein Plus kamen.

Ein anderes EU-Vorhaben drohte sich hingegen negativ in den Büchern niederzuschlagen: die Vorschrift, Tausende niemals auf ihre gesundheitsschädliche Wirkung hin untersuchte Substanzen erstmals testen zu lassen. Seit 1980 vorbereitet, immer wieder hinausgezögert, nun endlich kurz vor der Umsetzung. Für Schröder, Blair und Chirac stellte dies ein Grund dar, persönlich beim damaligen EU-Präsidenten Romano Prodi vorzusprechen und Profit-Schaden abzuwenden - eine erfolgreiche Intervention. Damit solche konzertierten Aktionen in Zukunft nicht mehr nötig sind, haben sie die Europäische Union auf eine “proaktive Wettbewerbspolitik„ verpflichtet. Künftig müssen sich Umwelt-Gesetze und andere Regelungen einer Folge-Abschätzung unterziehen und ihre Wirtschaftsverträglichkeit nachweisen. Als obersten Folge-Abschätzer plant Gerhard Schröder darüber hinaus, einen für die Industrie-Politik zuständigen Superkommissar zu installieren, was allerdings noch auf den Widerstand des neuen Kommissionspräsidenten José Manuel Durão Barroso stößt.

Seit sich die Ökologie also mit der Ökonomie auf ein gemeinsames Terrain begeben hat, befindet sie sich auf einer schiefen Ebene. Und das, obwohl eine konsequente Umweltpolitik nötiger denn je wäre. Wenige Monate nachdem Minister Trittin den Vorsatz der Regierung Kohl, die CO2-Emission bis zum Jahr 2005 um 25 Prozent senken zu wollen, auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt hat, bezeichnete eine Studie des Pentagon die Erd-Erwärmung als globales Risiko Nr. 1 - und nicht etwa islamistische Gotteskrieger. Die WissenschaftlerInnen sagten Klima-Katastrophen und in der Folge die Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen, Kriege um zur Neige gehende Ressourcen und Migrationsbewegungen weg von unbewohnbar gewordenen Gebieten voraus. Auf anderen Feldern sieht es nicht besser aus. Asthma, Allergien, Neurodermitis und andere Umweltkrankheiten nehmen zu, die Zahl der Pestizid-Vergifteten liegt unverändert jährlich bei ca. drei Millionen, das Artensterben schreitet unaufholsam voran, und welche Gefahren die Gentechnik heraufbeschwört, ist noch gar nicht auszumachen.

Aber wie kam es überhaupt zu dieser gefährlichen Liebschaft zwischen Ökologie und Ökonomie? Zu Beginn der Umweltbewegung wäre sie unvorstellbar gewesen. Unter dem Einfluss der 1972 erschienenen “Club of Rome„-Studie “Die Grenzen des Wachstums„ sah die weltweit agierenden ökologischen Initiativen in der von BAYER & Co. entfachten wirtschaftlichen Dynamik auf der Jagd nach Maximal-Profit eine Bedrohung für die Lebensgrundlagen aller Menschen. Bis weit in die 80er Jahre hinein waren die Aktivitäten der verschiedenen Gruppen von diesem Bewusstsein getragen.

In jahrzehntelangem Kampf gelang es, in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die dramatische Situation zu schaffen. Die Wirtschaft aber unterschätzte die Dynamik der Bewegung und beschränkte sich weitgehend auf dümmlich-platte Abwehr-Argumente, die nur noch die Zustimmung für die Umweltgruppen beförderte. Entsprechend geriet die Politik zunehmend unter Druck und begann zu handeln. So kam es beispielsweise zur Debatte über den Ausstieg aus der Atomkraft.

Einen Wandel leitete 1987 das Erscheinen des “Brundtland-Reports„ ein. Er lieferte die Losung, welche die Umweltpolitik der kommenden Jahrzehnte bestimmen sollte: “Nachhaltige Entwicklung„. Dieses Begriffswerkzeug eignete sich vorzüglich dazu, zusammenzuschmieden, was nicht zusammengehört. Auf einmal war es nämlich nicht mehr das Wachstum an sich, das an ökologische Grenzen stieß, sondern bloß das “schlechte„ Wachstum. Das “gute grüne„ Wachstum hingegen, das so genannte qualitative, gestattete der Industrie weiterhin profit-trächtige Expansion. Damit stand dann einer Liaison von Wirtschaft und Umweltschutz grundsätzlich nichts mehr im Wege. Der “Zauberspruch„ schaffte es sogar, den Umweltgipfel 1992 in Rio zu okkupieren und damit die globale Umweltbewegung auf die falsche Fährte zu setzen. Kein größerer Öko-Verband, der nicht die “Nachhaltigkeit„ entdeckte - nicht zuletzt deshalb, weil für “nachhaltige„ Projekte die regierungsamtlichen Finanz-Quellen munter sprudelten.

Den langen Weg von schüchternen Annäherungsversuchen bis zu einer festen Beziehung skizziert das Positionspapier “Dem Öko-Neoliberalismus widerstehen„ der Basisgruppe Reiskirchen der Initiative LANDFRIEDENSBRUCH sehr detailliert. Den VerfasserInnen zufolge setzten die Diskussionen über die Vereinbarkeit von Ökologie & Ökonomie um 1990 ein. 1992 bot dann der “Erste deutsche Umwelt-Tag„ in Würzburg die erste Gelegenheit zu einem Tête à Tête zwischen Umweltschutz-Verbänden und Umweltschmutz-Konzernen. Es war ein schlechter Tag für die Umwelt. Radikalere Gruppen mussten draußen bleiben, viele andere wollten nicht rein, so dass die VeranstalterInnen Verluste machten. Aber es war ein guter Tag für BAYER & Co. In dem überschaubaren Rahmen bahnten sich erste Diskussionen zwischen Industrie-VertreterInnen und Umweltbewegten an. Die CBG hatte diesen GAU kommen sehen und ebenso gegen den Ausschluss bestimmter Gruppen wie gegen die Co-Finanzierung durch die Unternehmen protestiert. Der Leverkusener Chemie-Multi ließ den am Umwelt-Tag aufgenommenen Gesprächsfaden nicht wieder abreißen. “Chemie im Dialog„ nannte BAYER die Treffen mit KritikerInnen, die allerdings nicht allzu kritisch sein durften. Die CBG hat nie eine Einladung des Multis erhalten - und würde sie wohl auch nicht annehmen.

Auf publizistischem Gebiet rückten die Bereiche “Wirtschaft„ und “Umwelt„ ebenfalls enger zusammen. Die Frankfurter Rundschau und die taz vereinigten die beiden Ressorts und “suggerieren damit, dass Ökologie ein Teilproblem der Ökonomie wäre bzw. nur über diese umsetzbar ist„, wie die Basisgruppe Reiskirchen schreibt. Eine wichtige Richtschnur für den Schmusekurs stellte die vom BUND und MISEREOR herausgegebene und vom “Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie„ durchgeführte Studie “Zukunftsfähiges Deutschland - ein Beitrag zu einer globalen nachhaltigen Entwicklung„ dar. Die in hunderttausendfacher Auflage verbreitete und von den Multis in hohen Mengen für Propaganda-Zwecke georderte “Umweltschutz-Bibel gab abermals „grünes Licht“ für eine Steigerung des Bruttosozialprodukts. Folgerichtig formulierte ihr Autor, Reinhard Loske, „Thesen zur Erneuerung bündnisgrüner Umweltpolitik“, die unumwunden auf Brautschau gingen. In dem Text heißt es unter anderem, dass „in manchen Bereichen aus Feindbildern wie der chemischen Industrie Vorbilder geworden“ sind.

Das Darmstädter Öko-Institut gelangte in seiner 1997 publizierten Untersuchung des HOECHST-Konzerns, mittlerweile „Lost in Globalization“, zu einem ähnlich positiven Ergebnis. „Inzwischen hat sich HOECHST in einer Weise verändert, die beim ersten Kontakt unvorstellbar war“, bescheinigten die ehemals kritischen WissenschaftlerInnen dem IG-Farben-Nachfolger. Die wundersame Verwandlung machten sie vor allem an der Trennung von der Chemie-Sparte fest. Allerdings hatte den ManagerInnen nicht ihr schlechtes grünes Gewissen den Verkauf eines lukrativen Unternehmensteils eingeflüstert. Sie folgten vielmehr bloß der von den Aktien-Märkten ausgegebenen Strategie „Konzentration auf das Kern-Geschäft“. Diesen ökonomischen Gesamtzusammenhang ignorierte das Öko-Institut einfach, wie Herbert Steeg in seiner Stichwort BAYER-Kritik von „HOECHST Nachhaltig“ konstatierte (Heft 4/98). Es beschränkte sich lediglich darauf, gemeinsam mit dem Unternehmen unverbindliche Leitlinien für eine „nachhaltige“ Produktion aufzustellen und zwei grüne Vorzeige-Projekte zu begutachten. Aber nicht einmal das ausgestellte „Nachhaltigkeitstestat“ für Dachabdichtungen aus Kunststoff und den Lebensmittel-Konservierungsstoff Sorbinsäure, beides für den Export nach China bestimmt, hält strengeren ökologischen Maßstäben stand. „Wer Umweltschutz auf die Optimierung des Bestehenden reduziert, der reduziert den Umweltschutz, der wird schließlich von der Industrie aufgesaugt und am Ende völlig unkenntlich“, lautete deshalb die inzwischen von der Wirklichkeit bestätigte Prognose von Herbert Steeg.

Es hatten sich also nicht so sehr die Konzerne als vielmehr die Umweltbewegten verändert. Immer weniger AktivistInnen der ersten Stunde fanden sich in ihren Reihen. PragmatikerInnen, die niemals bei Aktionen die Macht der Konzerne zu spüren bekommen hatten, ersetzten sie. Und ganz pragmatisch kümmerten sich die neuen Öko-ManagerInnen auch um das auskömmliche Überleben ihrer Organisationen. Der BUND FÜR UMWELT- UND NATURSCHUTZ (BUND) nahm Spenden von BAYER an. Die Zeitschrift natur & kosmos richtete gemeinsam mit dem Leverkusener Chemie-Multi einen Wettbewerb zur Ermittlung des schönsten Naturfotos aus und bot ihm damit eine ausgezeichnete Plattform fürs „Greenwashing“. Die Grünen-Zeitschrift Schrägstrich schließlich druckte eine Anzeige des Pharma-Riesen (siehe auch SWB 1/04) und anderer Global Player. Der Einzug der Partei in Landes- und Bundesparlamente sowie auf die entsprechenden Regierungsbänke beschleunigte den „Abschied von gestern“ dann noch einmal.

So wurde die Ökologie-Bewegung, was sie heute zu weiten Teilen ist. Gefangen im faustischen Pakt mit der Industrie, muss sie sich sogar ermahnen lassen, doch auch die „ökonomische Nachhaltigkeit“ im Auge zu haben. Sponsoring und Berater-Verträge mit der Industrie haben konsequente Aktionen gegen die Urheber der Umweltverschmutzung längst ersetzt. Aber es gibt noch immer Gruppen, die eine Kooperation mit BAYER & Co. ablehnen und in Wort und Tat deutlich machen, dass ein wirklicher Schutz von Mensch, Tier und Umwelt radikale gesellschaftliche Veränderungen verlangt. Um diese Position zu stärken, ist es erst einmal notwendig, die Maxime von der „Nachhaltigen Entwicklung“ als ideologischer Brückenkopf zwischen Ökologie & Ökonomie einer Fundamentalkritik zu unterziehen und den Umwelt-Gedanken als Ganzes wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. In Teilgebiete wie „Atomkraft“, „Klimaschutz“, „Chemikalien-Gesetz“ aufgesplittet, bietet er sich nämlich zu mundgerecht dar, um den grünen RealpolitkerInnen Bauchschmerzen zu bereiten. Aber vielleicht fallen uns am 27. November auf der CBG-Jahrestagung „Ökonomie frisst Ökologie - Goldene Bilanzen für BAYER & Co.“ ja noch ganz andere Auswege aus der nachhaltigen Krise der Ökologie ein.

[Interview Dollacker] STICHWORT BAYER 03/2004

CBG Redaktion

Interview mit Annik Dollacker (Bayer CropScience)

„Wenn Sie Bestände haben, dann müssen sie die verkaufen“

In ihrem Film „100 % Baumwolle - Made in India“ haben Inge Altemeier und Reinhard Hornung die Vergiftungen indischer LandwirtInnen durch BAYER-Pestizide dokumentiert. In ihrem neuen Werk beschäftigen sie sich nochmals mit der Materie und stellten den Leverkusener Chemie-Multi zur Rede. Stichwort BAYER dokumentiert das Interview.

Den riesigen Pestizid-Markt in Indien teilen sich im Wesentlichen: DUPONT, NOVARTIS und BAYER. Die Marke BAYER steht bei den indischen Baumwollbauern für Qualität. Und dies, obwohl in Indien Pestizide verkauft werden, die in Europa verboten sind. Wir wollen wissen, warum der Weltkonzern das macht. Es vergehen Wochen, bis wir die Zusage für ein Interview bekommen. In Monheim treffen wir dann gleich auf drei Pressebeauftragte. Wir bekommen vorformulierte Antworten auf unsere vorher schriftlich eingereichten Fragen.

Frage: Was sagt BAYER zu den vielen kranken Baumwollbauern in Indien, die als Analphabeten die giftigen Pestizide ausbringen.

Annik Dollacker: Es ist natürlich dann der Punkt, wo der Landwirt die Produkte letztendlich ausbringt und wo er sicherstellen muss und auch er die Verantwortung Übernehmen muss, dass er die Produkte korrekt ausbringt, so wie es auch in der Gebrauchsinformation steht, und dass er eben auch versucht eben Unfälle zu vermeiden, wo es nur irgendwie geht.

Frage: Und wenn das nicht passiert?

Dollacker: Tja, wie gesagt, irgendwo liegt die Verantwortung auch bei dem Anwender selbst.

Die Pressesprecher zeigen uns das sogenannte Tropicarium. Wir wollen aber nicht die exotischen Pflanzen bewundern, sondern wissen, warum BAYER in Indien bis heute ein Mittel verkauft, dass seit mehr als 10 Jahren in Deutschland nicht mehr zugelassen ist.

Dollacker: Ganz klar Monocrotophos. Wir verkaufen dieses Jahr Restbestände aus, es wird durch ein modernes, besseres Pflanzenschutzmittel ersetzt und auch das ist genau das Beispiel oder ein Beispiel dafür, dass wir also unsere Produktpalette ständig erneuern, nach den neueren Erkenntnissen.

Frage: Jetzt ist aber doch eigentlich dieser Prozess, dass es abgesetzt werden sollte, schon sehr lange im Gange, warum dauert das so lange?

Dollacker: Das dauert in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich lange, einfach auch auf Grund der ökonomischen Bedingungen in den Ländern. Viele der älteren Produkte sind patentfrei und sehr kostengünstig für die Landwirte, die verlangen nach den Produkten.

Frage: Also, das heißt, Sie haben da keine Möglichkeit, das dann vom Markt zu nehmen oder wie kann man sich das dann vorstellen? Ihr Name steht ja drauf auf dem Produkt.

Dollacker: Gut, ich hab ja gesagt, wir nehmen es vom Markt. Wenn Sie Bestände haben, dann müssen sie die verkaufen, einfach auch um die...

Hier unterbricht ein anderer Pressesprecher das Interview. Schon seit 1996 verspricht BAYER, das Pestizid Monocrotophos vom Markt zu nehmen.

[Genfood] STICHWORT BAYER 03/2004

CBG Redaktion

Aktion gegen GenFood

Coordination übergibt im Reichstag 12.000 Unterschriften - mit Mühe

„Herr Ostendorff, gehen Sie zum Südeingang, ich hole Sie dort ab“, sagte die Mitarbeiterin von Herta Däubler-Gmelin, kurz: HDG, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Landwirtschaft und Ernährung. Zum Glück, habe ich gedacht, als ich dort zusammen mit Janis Schmelzer, unserem Historiker aus dem Beirat der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) ankam. Denn hier warteten nicht - wie vor dem Hauptportal, also dort, wo „Dem deutschen Volke“ steht - Hunderte von schaulustigen Reichstagsbesuchern in einer endlosen Schlange auf Einlass. Wir hatten uns dort zuvor bei strahlendem Sonnenschein wirksam in Pose gesetzt, mit einem Transparent, auf dem steht: „Stoppt BAYER-Gentechnik“.

Also, vor dem Südeingang. Hinter einer Panzerglasscheibe sitzen blau-uniformierte Sicherheitskräfte. „Hier kommt nur rein, wer angemeldet ist“, sagt einer im scharfen Ton zu mir. „Aber wir sind angemeldet“, protestiere ich. Doch das könne nicht sein, so die Entgegnung, unsere Namen stünden nicht auf seinen Zetteln. Ich rufe im Büro von HDG an. Die Mitarbeiterin komme, wir sollen draußen warten. Dann ist sie da. Wir tauschen Pässe gegen Besucherausweise, gehen durch die Schleuse, werden abgetastet, unsere Sachen werden kontrolliert, laufen über ein Röntgenlaufband. Unser Plakat, eine großkopierte notarielle Urkunde, auf der fast 12.000 Unterschriften gegen Genfood bestätigt werden, dürfen wir aus unersichtlichen Gründen nicht mitnehmen. Aber wir selbst dürfen passieren, zunächst. „O.k., Sie können durch“, heißt es gnädig. Wir folgen der HDG-Mitarbeiterin, doch nach ein paar Schritten ist Schluss. Hektisch kommt ein Polizist in Grün auf uns zu. „Sie dürfen hier nicht rein.“ Warum nicht, sagt er nicht, nur: „Befehl von oben!“ Ich dachte, diesen Spruch gäbe es seit langer Zeit nicht mehr. Wir werden wie Verbrecher rausgeschickt. „Sie können die Urkunde draußen, vor der Tür, übergeben“, sagt der Polizist. Natürlich nicht die vergrößerte, die bleibt konfisziert. Also gut, die Mitarbeiterin der Ex-Justizministerin ruft ihre Chefin an. Wir spekulieren über die Gründe unseres Rausschmisses. Steckt Verfassungsschutz dahinter? Unterdessen ruft die evangelische Presseagentur an, will Infos. Ich argumentiere: Gentechnik verdrängt natürliche Sorten, bringt Bauern in die Abhängigkeit der Konzerne, verschärft die Armut und ruiniert die Gesundheit. Da kommt Herta Däubler-Gmelin, sichtlich verärgert. „Wo ist denn der Ostendorff?“ Ich gehe lächelnd auf Sie zu, stelle mich vor. „Nein, nein, sagt sie, der Ostendorff, wo ist der Ostendorff?“ Ich beginne zu begreifen. Sie meint nicht mich, sondern den Namensvetter und grünen Abgeordneten und Landwirt Friedrich Ostendorff, der Mitglied bei der CBG ist und mir empfohlen hatte, die Unterschriften bei Frau Däubler-Gmelin abzugeben. Dies hatte ich bei der telefonischen Bitte um einen Termin erwähnt. Ich kläre den Sachverhalt auf und will schon die Urkunde überreichen, als die bekannte Politikerin an der Personenkontrolle vorbei hechtet und schimpft, dass man so nicht mit ihrer Zeit umgehen könne. Sie ist verständlicher Weise sauer, dass man sie hat herunterkommen lassen. Wortstark setzt sie durch, dass wir nun doch rein dürfen - nach erneuter Personenkontrolle.

Oben, im zweiten oder dritten Stock, im Foyer, setzen wir uns auf eine Ledercouch, ich links, Janis rechts, die Ausschussvorsitzende in der Mitte. Wir überreichen die Urkunde und erzählen HDG von der CBG. Sie zeigt sich sehr interessiert, fragt nach unserem persönlichen Engagement. Janis berichtet, er sei promovierter Historiker, der vor allem zur IG FARBEN forscht und überreicht sein neustes Buch. Ich erzähle von den Anfängen der Coordination in Wuppertal, von unseren Kampagnen, der kritischen Aktionärstätigkeit auf den Hauptversammlungen. Frau Däubler-Gmelin hört freundlich zu, ihre Verärgerung ist völlig gewichen, sie ist professionell und nett. Ein Foto durften wir leider nicht machen, doch ihre Mitarbeiterin hat dann doch einige (nicht allzu gute) Erinnerungsschnappschüsse mit unserer mitgebrachten Digitalkamera aufgenommen.

Im Foyer hängt ein großformatiges Bild der berühmten Künstlerin Katharina Sieverding, das ich sehr bewundere. Zuvor hatte ich im Treppenhaus schon Arbeiten von Georg Baselitz gesehen. Wir erfahren, dass es eigens Kunstführungen durch den Reichstag gibt. Frau Däubler-Gmelin hat nun keine Zeit mehr, doch ihre Mitarbeiterin darf uns noch in den Andachtsraum, den ZERO-Star Günther Uecker gestaltet hat, führen. So endet unsere Unterschriftenaktion bei Nagelkunstwerken jenes Mannes, der sich stets gegen die Verletzung des Menschen durch den Menschen künstlerisch eingesetzt hat und dies heute immer noch tut. Ein gutes Omen gegen den Genwahn? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall aber ein Vormittag, der die Gefahren dieser neuen Technik, bei der der BAYER-Konzern Vorreiter ist, erneut ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat.
Hubert Ostendorf

[Gen-Kartoffeln] STICHWORT BAYER 03/2004

CBG Redaktion

Aktion gegen BAYER-Versuchsfeld

DemonstrantInnen ernten Gen-Kartoffeln ab

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie BAYER“ war auf dem Transparent am Acker zu lesen. Etwa 30 Personen beteiligten sich am 24. Juli an einer Aktion gegen das BAYER-Versuchsfeld in Berge (Prignitz). Aufgerufen hatten das BARNIMER AKTIONSBÜNDNIS GEGEN GENTECHNIK und die BUNDJUGEND BRANDENBURG. Ziel der Aktion war, auf das Versuchsfeld in Berge hinzuweisen. Nachdem in Lentzke der Gen-Versuch eingestellt wurde, befindet sich in Berge das letzte Versuchsfeld von BAYER in Brandenburg.

Nach einem Picknick mit gentechnik-freien, biologisch angebauten Lebensmitteln zogen die TeilnehmerInnen in Schutzanzügen Richtung Versuchsfeld. Es stiegen gelbe Luftballons mit dem Zeichen für biologische Gefahren in die Luft. „Stellen Sie sich vor, die Luftballons wären Pollen. Hiermit spielen wir auf die absurde Diskussion um Koexistenz an. Wir wollen zeigen, dass Lebendiges sich nicht an Grenzen der Flurstücke hält“, so Thomas Janoschka vom BARNIMER BÜNDNIS GEGEN GENTECHNIK. Einigen DemonstrantInnen gelang es trotz Polizeischutz und Absperrungen direkt an das Feld zu gelangen und dort einige Pflanzen abzuernten. Unter dem Applaus der anderen Demonstrationsteilnehmer hielten diese die Kartoffel-Pflanzen in die Luft. Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung wurden angekündigt.

Neben mehreren Verantwortlichen für das Feld und die Versuche war auch der örtliche Landtagsabgeordneter Robert Gemmel (SPD) anwesend. Obwohl dieser im dafür zuständigen Agrar-Ausschuss des Landtages sitzt, war er bisher noch nicht über die Existenz des Feldes in Kenntnis gesetzt worden. Erste Informationen erhielt er aus der Ankündigung für die heutigen Aktionen in der Presse. Das zeigt wieder einmal, wie sehr die Gentechnik-Firmen die Öffentlichkeit und die demokratischen Institutionen scheuen.

Auf dem Feld in Berge werden Kartoffeln mit einem veränderten Stärkegehalt angebaut. Die Kartoffel enthält ausserdem ein Gen, dass sie resistent gegen das BAYER-Herbizid LIBERTY mit dem Wirkstoff Glufosinat macht. Dies bedeutet, dass LandwirtInnen, welche die Kartoffeln anbauen wollen, an BAYER Patent-Gebühren zahlen müssen. Sie könnten auch nicht einfach wieder zum normalen Kartoffel-Anbau zurückkehren, da einzelne Knollen der Frucht immer im Boden zurückbleiben. Bei Auskreuzungen, z. B. mit dem weitverbreiteten Unkraut „Schwarzer Nachtschatten“ wäre auch dieses gegen das Herbizid resistent.

Betreiber des Versuchs ist die Firma SOLAVISTA, eine Gemeinschaftsunternehmen des Leverkusener Chemie-Multis mit der Stärkefirma AVEBE. AVEBE stellt auf dem internationalen Markt Kartoffelstärke her und betreibt unweit des Versuchsfeldes in Dallmin eine Stärke-Fabrik. Die Gruppen kündigten weitere Aktionen gegen das Versuchsfeld an.
von BUNDJUGEND BRANDENBURG UND BARNIMER AKTIONSBÜNDNIS GEGEN GENTECHNIK

[Genpatent] STICHWORT BAYER 03/2004

CBG Redaktion

BAYER erhält Patent auf Gen-Pflanzen

GREENPEACE-Einspruch gescheitert

Mit der Gentechnik entdeckten BAYER & Co. Bestandteile von Menschen, Tieren und Pflanzen als Rohstoff für Produkt-Entwicklungen. Aber damit die Natur zur Ware werden kann, müssen die Konzerne Copyright auf ihre Kreationen beanspruchen dürfen. Genau das gestatteten die damaligen Bestimmungen zum Schutz des geistigen Eigentums jedoch nicht. Patente auf „im Wesentlichen biologische Verfahren“ schlossen sie aus. Deshalb drängten die Global Player die Politik dazu, die Regelungen den Unternehmensinteressen anzupassen. Zunächst überwanden so Bakterien die biologischen Gattungsgrenzen des Paragrafen-Werks. Dann nahmen peu à peu immer höhere Lebewesen die Hindernisse.

Eine andere große Hürde stand den Multis indes noch im Weg. Als patentierbar sahen die Vorschriften nur Erfindungen an, und Erfindungen waren BAYERs Labor-Funde wie Darmkrebs-Zellen, Stärke-Moleküle oder bestimmte Stoffwechsel-Proteine beim besten Willen nicht. Also schmuggelten die Gen-Giganten den Begriff „Entdeckung“ in die Gesetzes-Bücher. Am 15.6. 2004 brachte der Pharma-Riese dann ein weiteres Tabu zu Fall. Das in München ansässige Europäische Patentamt erteilte BAYER ein Patent auf gentechnisch gegen das Anti-Unkrautmittel BASTA immunisierte Pflanzen wie Mais, Bohnen, Reis und Tomaten, und zwar „alle Pflanzen-Zellen, -Teile, Pflanzen und Samen“ umfassend.

Damit hat die Behörde zum ersten Mal einen Urheber-Schutz auf Pflanzen-Sorten gewährt. Das entspricht zwar nicht den Statuten, aber BAYERs findige Patent-AnwältInnen tricksten die Behörde aus. Sie vermieden in den Anmelde-Unterlagen einfach das Wort „Pflanzen-Sorten“ und profitierten so von den zu vage formulierten Patent-Bestimmungen. Ebenso vage formulierten die ExpertInnen des Münchner Amtes in der Verhandlung ihre Vorbehalte gegen den Einspruch von GREENPEACE und KEIN PATENT AUF LEBEN. Ihrer Auffassung nach könne ein Patent auch einzelne Pflanzen-Sorten umfassen; einen Anspruch auf geistiges Eigentum an einer bestimmten Pflanzen-Sorte insgesamt sei jedoch ausgeschlossen. Das verstehe, wer will. Trotzdem hat das Urteil niemanden so richtig überrascht. Die Beschwerde-Kammer ist nämlich keine unabhängige Instanz, sondern eine Unterabteilung des EPA.

„Kontrolle? Fehlanzeige!“, kommentierte deshalb der Weser-Kurier das Urteil.
BAYER aber jubilierte: „Eine gute Entscheidung für Innovationen“. Entscheidungen dieser Art haben den Konzern in Tateinheit mit BASF zu einem Monopolisten in Sachen „gen-manipuliertes Saatgut“ gemacht. Sie verfügen gemeinsam über 50 Prozent aller bundesrepublikanischen Patente in diesem Bereich.

„Eine sehr verhängnisvolle Grundsatz-Entscheidung“ nannte Christoph Then von GREENPEACE hingegen den Tabu-Bruch. „Diese Patente zwingen Landwirte in Europa und weltweit in direkte Abhängigkeit der Konzerne und gefährden damit die Welternährung“, so der Gentechnik-Experte. Then zufolge dürfte BAYER in Zukunft das Gen-Saatgut zusammen mit dem Herbizid BASTA im Kombi-Pack anbieten und den LandwirtInnen alljährlich Lizenz-Gebühren für die Saaten abverlangen. Um das zu verhindern, unterstützt der Bauernverband die GREENPEACE-Forderung nach einer neuen, präziser gefassten EU-Patentrichtlinie.

Auch die Umwelt erlitt am 15.6. eine Niederlage. Da das Pestizid BASTA Mais, Reis, Tomaten und Bohnen nichts anhaben kann, ist ein sorgloserer Umgang mit dem Ackergift absehbar. Das haben bisherige Studien ebenso gezeigt wie eine Reduzierung der Artenvielfalt beim Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen. Deshalb ist es jetzt an VerbraucherschützerInnen und anderen Gentechnik-GegnerInnen, durch Protest-Aktionen ihren Einspruch gegen den gescheiterten Einspruch zu artikulieren.

von Jan Pehrke

[Ludwig Erhard] STICHWORT BAYER 03/2004

CBG Redaktion

Des Mörderkonzerns williger Helfer

Ludwig Erhard und die IG FARBEN

Anlässlich des 60. Jahrestags des Attentats auf Adolf Hitler mehren sich Berichte über den Initiator des deutschen „Wirtschaftswunders“ und Gestalter der „sozialen Marktwirtschaft“, Prof. Dr. Ludwig Erhard. Mit dem Ansinnen, ihn zum Widerstandskreis der Männer um den 20. Juli zu zählen, wird von seiner wirklichen Rolle als Retter deutscher Kriegsverbrecher-Konzerne abgelenkt.

Von Janis Schmelzer

Seit 1943 diente Ludwig Erhard der Reichsgruppe Industrie und den IG FARBEN als wirtschaftswissenschaftlicher Berater. In dieser Eigenschaft war er in die Pläne der Rettung deutscher Vermögen durch Überführung in die Schweiz eingeweiht. Nach 1945 konnte er seine politische Karriere für deren Rückführung aus der Schweiz nutzen. Dabei halfen enge Kontakte zur „Gesellschaft der Schildner zum Schneggen“, einer Schweizer Vereinigung pro-deutscher Bankiers, Professoren, Fabrikanten, Anwälte und Ingenieure. In einem Rückblick auf die ersten Nachkriegsjahre berichtet die „Handelskammer Deutschland-Schweiz“: „Man kann es sich heute kaum vorstellen, was damals dazugehörte, sich für eine Beziehung zu Deutschland einzusetzen und sogar dafür zur Verfügung zu stehen. Die Zivilcourage war diesen ‚Männern der ersten Stunde‘ eigen und liess sie ihre vorsichtig gesteckten Ziele erreichen.“
Ab 1955 traf Erhard seine Schweizer Kollegen in neuer Funktion. Zu einem direkten Partner aus der Kriegszeit zählt Dr. Heinrich Homberger (1896-1980). Homberger, die führende Persönlichkeit des „Spitzenverbandes der Schweizerischen Wirtschaft“ gilt als Architekt der Schweizerischen Außenwirtschaftspolitik im Zweiten Weltkrieg. Unmittelbar nach dem Überfall des faschistischen Deutschlands auf Frankreich erklärte Homberger: „Wir haben nun gute Vorwände, um die Lieferungen an die Westmächte zurückzuhalten (...). Wir können Deutschland zeigen, dass wir bestrebt sind, das zu liefern, was wir in der Lage sind.“ Aus dem Protokoll einer internen Besprechung der schweizerisch-deutschen Verhandlungsdelegation vom 13.Juni 1940 geht hervor, dass Homberger der deutschen Seite Vorschläge für ein Lieferprogramm unterbreiten werde, an denen die Wehrmacht tatsächlich interessiert war. Neueste Forschungsergebnisse erweitern die Rolle Hombergers als zentrale Figur für Fragen der Nachkriegswirtschaft. Von deutscher Seite signalisierte ein kleiner Kreis den Wunsch nach Partnerschaften mit neutralen Staaten über das Schweizer „Komitee“ . Dieses „Komitee“ bestand aus einer „Dreiergruppe“ der Schweizer Großbanken, namhafter Industrie-Firmen und den zuständigen Bundes-Ressorts.
Hans Kehrl, Präsident der Reichswirtschaftskammer und Hauptabteilungsleiter im Reichswirtschaftsministerium, der über umfangreiches Material zu den Nachkriegsvorstellungen der Neutralen und befreundeten Länder verfügte, erklärte in einer Rede im März 1944: „Die deutsche Staatsführung will und kann im gegenwärtigen Zeitpunkt keine Generallinie für die deutsche Konzeption einer wirtschaftlichen Nachkriegsgestaltung des kontinentaleuropäischen Raumes geben“. Kehrl selbst fühlte sich berufen, sich für diese Aufgabe im Interesse der deutschen Konzerne einzusetzen.
Im Auftrag von Kehrl nahmen der Leiter der Deutschen Industriekommission und IG-FARBEN-Vertreter Major Dr. Heinrich Gäfgen sowie der Leiter der Abteilung „Außenwirtschaft“ der Reichsgruppe Industrie, Dr. Karl Albrecht, im Frühjahr 1944 direkte Verbindungen zu den zuständigen schweizerischen Bundesressorts über Homberger auf. Albrecht besuchte im April 1944 Homberger mit dem Ergebnis einer „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ beider Gremien. Im Mai 1944 zog Albrecht den Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG-FARBEN-Spionagezentrale „Büro Berlin NW 7“, Dr. Reithinger, und den Leiter des Industrieforschungs-Instituts in Nürnberg, Dr. Ludwig Erhard hinzu.
Die Reichsgruppe „Industrie“ und die IG FARBEN legten fest: Auf der Grundlage der Akten „wird Herr Dr. Erhard eine systematische und kritische Darstellung der Schweizer Nachkriegsvorbereitung ausarbeiten“. Um den 20. Juli 1944 herum befasste sich Erhard eingehend mit den aus der Schweiz erhaltenen Informationen, um die Haltung der Schweizer Regierung und der Schweizer Wirtschaftskreise zu den deutsch-schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen für die Nachkriegszeit zu erforschen. Die unabhängige Expertenkommission „Schweiz-Zweiter Weltkrieg“ legt im Band 9 „Tarnung, Transfer, Transit“ den heutigen Erkenntnisstand zur seinerzeitigen Haltung der Schweizer Behörden gegenüber den deutschen Produktionsverlagerungen und Verschiebungen dar. Demnach waren die zuständigen Bundesressorts, darunter Dr. Heinrich Homberger über die umfangreichen Vermögensverlagerungen informiert. Die Adenauer'sche „Arbeitsgruppe Schweiz“ und das „Gegenkomitee“ der Schweiz unter Leitung des Generaldirektors von der Schweizerischen Kreditanstalt, Dr. Peter Vieli, erreichten dank der gemeinsamen Hinhalte-Taktik, dass die deutschen Unternehmer der RM-Abwertung entgehen konnten. „Die deutschen Vermögen in der Schweiz.... blieben weitgehend erhalten und gelangten im Lauf der fünfziger Jahre an ihre deutschen Eigentümer zurück.“
1977 veröffentlichte die Ludwig-Erhard-Stiftung den Faksimiledruck „Ludwig Erhard: Kriegsfinanzierung und Schulden-Konsolidierung“ aus dem Jahre 1943/44. In seinen Vorbemerkungen stellt Erhard sich als zum engsten Kreis der Verschwörer des 20. Juli gehörig vor. In Verzicht auf seine akademische Laufbahn, wegen der offiziellen Weigerung Mitglied der NSDAP und deren Gliederungen zu werden, habe er mit Hilfe „gestandener Männer“ der deutschen Wirtschaft, den Herren Wilhelm Zangen (MANNESMANN-Generaldirektor und Leiter der Reichsgruppe „Industrie“), Karl Blessing (Vorstandsmitglied der KONTINENTALEN ÖLGESELLSCHAFT und Mitglied des „Freundeskreises Reichsführer SS“), und Karl Guth (Hauptgeschäftsführer der RGI, Schwager von Erhard) wieder Fuß gefasst. Der zum Tode verurteilte und hingerichtete Goerdeler habe seine Denkschrift erhalten, diese in seinem Testament positiv erwähnt und ihn zum Wirtschaftsberater der neuen Regierung empfohlen. Erhards Freund, der Politik-Wissenschaftler Theodor Eschenburg, berichtete über das „Schicksal“ der Kurzfassung der Denkschrift 1943/44, in der es angeblich in den ersten Sätzen geheißen habe, dass es „einwandfrei feststehe, dass Deutschland den Krieg verloren hätte“. Angesichts der Gefahr der Verhaftung wegen Hoch-und Landesverrates, nicht nur Ludwig Erhards, sondern auch der Mitwisser seien sämtliche Kopien vernichtet worden. Erhard selbst habe sich den Beobachtungen der Gestapo entzogen, indem er sein Domizil nach Bayreuth verlegen konnte. Zur gleichen Zeit soll er dem Staatssekretär, Mitglied des Zentralen Planungsamtes im Reichswirtschaftsministerium, SS-Führer Otto Ohlendorf, bei der Ausarbeitung des letzten Kriegsfinanzierungs-Berichtes „Verordnung zur Sicherung der Deutschen Währung“ vom 3. Januar 1945 als Berater zur Verfügung gestanden haben. Ohlendorf wurde im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozeß 1948 zum Tode verurteilt, und 1951 hingerichtet.
Es war gewiss kein Zufall, dass Prof. Dr. Erhard und Dr. Prentzel, ehemaliger führender IG FARBEN-Vertreter, sich 1948 als Leiter der „Verwaltung Wirtschaft“ in der Bizone wiederfanden. Nach der Gründung des Bonner Staates arrangierten sie gemeinsam die „Entflechtung“ der IG FARBEN-Industrie im Interesse des Chemie-Konzerns. Um eine konkurrenzfähige Wirtschaft zu gewährleisten, seien die ehemaligen „leitenden Herren der IG“ gerade die „besten Männer“ für Leitungspositionen bei den Nachfolge-Gesellschaften. Sie seien „am geeignetsten für die Liquidation und Führung“, zumal diese Herren schon selbst Entflechtungspläne entworfen hätten. Nach alliierten Gesetzen seien zwar Kriegsverbrecher für die Besetzung solcher Posten grundsätzlich auszuschließen, doch „...bei vielen Deutschen (sei) eine innere Wandlung erfolgt. Im Himmel sei mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 1000 Gerechte,“ argumentierte Erhard, verantwortlich für diesbezügliche Entscheidungen in Personalfragen.