Vertrag zu Gunsten BAYERs
Ab Mai 2026 tritt der Handelsvertrag, den die EU mit den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay abgeschlossen hat, vorläufig in Kraft. Einer der Hauptprofiteure des Deals: Der BAYER-Konzern.
Von Jan Pehrke
„Ich denke mal jenseits von der EU und Nordamerika ist uns Lateinamerika kulturell am nächsten, und deswegen zwingt sich eine Kooperation fast auf. Für uns bei BAYER ist Lateinamerika eine ganz, ganz wichtige Region, und zwar quer über unsere gesamten Geschäfte“, sagte BAYERs Pharma-Vorstand Stefan Oelrich bei einer Veranstaltung des „Lateinamerika-Ausschusses der deutschen Wirtschaft“. Brasilien bezeichnete er dabei als den weltweit zweitgrößten Markt für den Konzern. „Von daher ist glaube ich das EU-Mercosur-Abkommen nicht nur von zentraler Bedeutung, sondern wegweisend dafür, dass wir Wohlstand und Wachstum vor allem durch mehr Freihandel erreichen können“, fuhr er fort.
Diese Begeisterung verwundert nicht. Der Leverkusener Multi und andere Chemie-Giganten zählen neben den Auto-Herstellern und Maschinenbauern zu den Hauptprofiteuren der Zollstreichungen, die der Handelsvertrag vorsieht, beliefen sich die Sätze doch bisher für Chemikalien auf bis zu 18 Prozent und für Pharmazeutika und Pestizide auf bis zu 14 Prozent. Die den Mercosur-Mitgliedern im Gegenzug gewährten Einfuhr-Erleichterungen kommen dem Agro-Riesen ebenfalls zugute. Diese betreffen nämlich bevorzugt Agrarrohstoffe wie Soja oder Mais, was eine Steigerung der Anbau-Flächen und damit auch eine Steigerung des Genpflanzen- und Pestizid-Absatzes erwarten lässt.
2024 beliefen sich die Exporte von BAYER & Co. in die Region nach Angaben des „Verbandes der Chemischen Industrie“ (VCI) auf einen Wert von 4,3 Milliarden Euro. Chemische Erzeugnisse standen dabei für 2,5 Milliarden Euro; Pharmazeutika für 1,8 Milliarden. Fast die Hälfte aller Arznei-Einfuhren in die Mercosur-Zone stammen aus der EU, bei den Grund- und Zwischenstoffen beträgt der Anteil 20 Prozent. Und diese Zahlen dürften mit dem Ende Februar 2026 vorläufig in Kraft getretenen Handelsabkommen noch einmal kräftig steigen. Die EU rechnet mit einem jährlichen Zuwachs der gesamten Ausfuhren um 39 Prozent auf einen Wert von 49 Milliarden Euro.
Extrem-Lobbyismus
Dementsprechend viel investierte BAYER in die Lobby-Arbeit für den Vertrag, sowohl in Europa als auch in Lateinamerika. Jenseits des Atlantiks galt es zunächst einmal, das Bild der dortigen Agro-Industrie in den Augen der EuropäerInnen positiver zu gestalten. Die Herausforderung bestand vor allem darin, dem Cashcrops-Ödland einen grünen Anstrich zu verleihen. Der Leverkusener Multi hat zu diesem Behufe den Brüsseler Thinktank ECIPE verpflichtet. Das sogenannte EU-Mercosur-Projekt lag dabei in den Händen von Emily Rees, die einige Berufsjahre als EU-Beauftragte von APEX, der brasilianischen Agentur für Export- und Investitionsförderung, in der belgischen Hauptstadt verbracht hat. Sie legte den GroßagrarierInnen ans Herz, sich kleinzumachen. „Die Europäer legen Wert auf Produkte aus kleinen, regionalen Erzeugerbetrieben“, sagte sie bei der Vorstellung einer von APEX lancierten PR-Kampagne.
Auch der Generaldirektion Handel der EU-Kommission stellte ECIPE sein Projekt vor, „eine andere, ausgewogenere und vielfältigere Perspektive“ zum Handelskontrakt entwerfen zu wollen, was die Direktion anschließend ausdrücklich „begrüßte“. Im Juni 2021 nahmen sich Rees & Co. dann vor, die Befürchtungen zu zerstreuen, der Vertrag könnte die Abholzungen von Regenwald forcieren. Zu diesem Behufe initiierten sie in Zusammenarbeit mit „Business Europe“, dem Lobby-Verband von BAYER & Co. am EU-Sitz, eine Veranstaltung, die „auf Grundlage von Fakten und Zahlen die Beziehung zwischen Handelsabkommen und Entwaldung analysieren“ wollte. Was die Initiative FRIENDS OF THE EARTH EUROPE eine „Greenwashing Extravaganza“ nannte, stieß ganz auf das Wohlwollen des damaligen Handelskommissars Valdis Dombrovskis. Er dankte BAYER persönlich „für das Organisieren des wichtigen ‚Business Europe‘-events“.
In Brasilien entfaltete darüber hinaus der Unternehmensverband „CropLife Brasil“ Aktivitäten. Er schickte sich dabei sogar an, das Herz Greta Thunbergs zu erobern. „Wir wollen Greta zeigen, dass wir keine Schurken sind“, bekundete der damalige geschäftsführende Präsident, der ehemalige BAYER-Manager Christian Lohbauer.
Aber natürlich blieb auch der Leverkusener Multi selbst nicht untätig und verhehlte das auf der Hauptversammlung von 2023 auch gar nicht. So antwortete der zu der Zeit als Vorstandsvorsitzender amtierende Werner Baumann ganz freimütig auf die Frage Ludwig Essigs vom NETZWERK GERECHTER WELTHANDEL nach BAYERs Lobby-Arbeit in Sachen „EU-Mercosur“. „BAYER hat in Berlin, Brüssel und beispielsweise auch in Brasilien im Rahmen seiner Verbandsmitgliedschaften an zahlreichen Treffen teilgenommen, bei denen das EU-Mercosur-Abkommen angesprochen worden ist. In Brüssel fanden darüber hinaus beispielsweise Gespräche mit der GD Trade [Generaldirektion Handel, Anm. SWB] und der GD Agri [Generaldirektion Agrar, Anm. SWB] statt“, erklärte Baumann damals.
Die Nebenwirkungen
Genauer betrachtet handelt es sich bei dem EU-Mercosur-Deal um einen Vertrag, den die Großagrarier vor allem Brasiliens und Argentiniens mit der europäischen Industrie zu Lasten Dritter geschlossen haben. Für Mensch, Tier und Umwelt hält das Handelsabkommen nämlich beträchtliche Nebenwirkungen bereit. Die Acker- und Weideflächen drohen sich durch die Aussicht auf bessere Geschäfte mit Agrargütern und Fleisch auf den EU-Märkten noch weiter in die für das Weltklima so wichtigen Regenwälder hineinzufressen. Das setzt die indigenen und traditionellen Gemeinschaften dann noch einmal zusätzlichem Vertreibungsdruck aus. Die ohnehin schon hohen Belastungen für Wasser, Boden, Luft und die Biodiversität, die mit dem agro-industriellen Modell einhergehen, dürften auch noch einmal zunehmen, während in den EU-Staaten ein Höfesterben dräut, weil viele LandwirtInnen nicht zu den Kosten ihrer Mercosur-KollegInnen produzieren können. Darüber hinaus ist der Deal geeignet, die Handelsungleichgewichte zwischen Europa und Lateinamerika zu verstärken, denn während die EU-Länder zu rund 84 Prozent Dienstleistungen und verarbeitete Industrie-Güter mit hohem Wertschöpfungsanteil in die Mercosur-Region ausführen, bestehen die Exporte Argentiniens, Brasiliens, Paraguays und Uruguays zu rund 75 Prozent aus Agrar-Rohstoffen, Bodenschätzen und Energie-Trägern.
Somit ist durch die Aufhebung der Zölle eine Beschleunigung der Deindustrialisierung in den vier Ländern zu erwarten. In Brasilien setzte diese schon in den 1980er Jahren mit der Schulden-Krise und den nachfolgenden „Strukturanpassungsprogrammen“ von Weltbank und „Internationalem Währungsfonds“ ein. Betrug der Anteil der Industrie-Produktion am Bruttoinlandsprodukt 1986 29 Prozent, so schrumpfte er bis zum Jahr 2021 auf elf Prozent.
Für den Pharma-Sektor der Mercosur-Nationen sagt die „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP) ein Fabriken-Sterben bereits voraus. „Einerseits bietet die Mercosur-Region der EU eine wertvolle Gelegenheit, ihren Handelsaustausch zu diversifizieren. Andererseits wird der Marktwettbewerb, den das Handelsabkommen im Falle eines Abschlusses fördern wird, den Mercosur-Partnern unweigerlich schaden und die lokale Produktion drosseln“, heißt es in der Studie „Der Mercosur als möglicher Partner der EU bei pharmazeutischen Lieferketten“. Die SWP mahnt die Pharma-Riesen zwar, es mit der Marktverdrängung nicht zu weit zu treiben, weil auch sie ein Interesse an einer Ausweitung ihrer globalen Arznei-Lieferketten haben müssten, aber ob BAYER & Co. dem Gehör schenken, steht doch sehr in Frage.
Ein weiteres Merkmal des ungerechten Welthandels stellen die doppelten Standards dar. So vertreiben die Agro-Riesen in Lateinamerika viele Pestizide, die innerhalb der EU wegen ihres Gefährdungspotenzials keine Zulassung (mehr) haben. Diese Mittel tragen nicht wenig zu dem großen Ausmaß an Vergiftungen teil, die die Menschen dort erleiden. Die Behörden in Brasilien, dem Land mit dem weltweit höchsten Pestizid-Verbrauch, registrierten im Jahr 2025 9.729 Fälle – eine Steigerung von 84 Prozent im Vergleich zu 2015.
Viel Kritik
Wegen all dieser Risiken und Nebenwirkungen sieht sich das EU-Mercosur-Abkommens massiver Kritik ausgesetzt. Die „Toxic Trade Tour“ zog im letzten Herbst durch halb Europa, um auf die fatalen Folgen der Agro-Chemikalien aufmerksam zu machen, die durch den Deal noch leichter Zugang zu den Märkten der vier lateinamerikanischen Staaten finden. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN war bei der Aktion in Berlin vor dem Bundeskanzleramt dabei. „Wir beteiligen uns an der ‚Toxic Trade Tour‘ gegen das geplante EU-Mercosur-Abkommen, weil der BAYER-Konzern massiv an dem Toxic Trade mit den Pestiziden beteiligt ist. Die beiden Mercosur-Länder Brasilien und Argentinien zählen zu den Hauptabsatz-Gebieten seiner Agrochemikalien, von denen so einige zu allem Übel noch wegen ihrer Gefährlichkeit keine EU-Genehmigung haben“, hielt der CBGler Jan Pehrke dort fest.
Alan Tygel von der brasilianischen PERMANENTEN KAMPAGNE GEGEN AGRARGIFTE UND FÜR DAS LEBEN befürchtet ebenfalls eine Forcierung des agro-indu-striellen Modells durch den Handelsvertrag. „Das Abkommen in seiner jetzigen Form ist sehr gefährlich für die landwirtschaftlichen Familienbetriebe und für die Weiterentwicklung der Agrarökologie. Im Kern begünstigt es die Einfuhr von Industrieprodukten wie Pestiziden und die Ausfuhr von Agrar-Grundstoffen. Das ist genau das, was wir im Moment nicht brauchen”, sagte er in einem Interview mit Stichwort BAYER.
Auch für viele indigene und traditionelle Gemeinschaften ist das Abkommen sehr gefährlich. Die Aussicht auf mehr Absatz-Chancen in Europa ermuntert Big Agro nämlich, seine Anbau- und Weideflächen noch mehr auszuweiten – und dafür kennt es nur eine Richtung: den Regenwald, Refugium hunderter indigener Völker. Aus diesem Grund bezeichnete Kretã Kaingang, Vertreter der südbrasilianischen Kaingang, das Vertragswerk auf einer von grünen EU-ParlamentarierInnen intiierten Konferenz in Brüssel als eine „tödliche Übereinkunft“. Der im letzten Jahr verstorbene brasilianische Fotograf Sebastião Salgado sah dieses einzigartige Biotop ebenfalls durch den Kontrakt gefährdet. „Die Europäer müssen Druck auf ihre Politiker ausüben, dass diese keinen Vertrag unterzeichnen, der den Regenwald des Amazonas bedroht. Also auf keinen Fall den aktuellen Handelsvertrag mit den Mercosur-Staaten“, mahnte er.
Die brasilianische Geologin Larissa Bombardi und ihre Ko-Autorin Audrey Changoe stoßen sich ihrer Studie zur Lobby-Arbeit von BAYER & Co. dagegen an der Art und Weise des ökonomischen Austausches, den der Deal fest- und fortschreibt. „Seit dem späten 15. Jahrhundert haben Europäer in der Region Rohstoffe abgebaut und natürliche Ressourcen und landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Monokulturen nach Europa exportiert. Dieses Muster ist in den heutigen europäischen Handelsbeziehungen mit den Mercosur-Staaten nach wie vor deutlich erkennbar“, schreiben die beiden. Und der Vertrag steht für sie in genau dieser Tradition: „Die im EU-Mercosur-Abkommen vorgesehene Handelsliberalisierung wird diese neokoloniale Beziehung zementieren.“ Die Landlosen-Bewegung MST teilt diese Ansicht und sieht durch das Vertragswerk „historische Ungleichgewichte reproduziert“.
Den ehemalige brasilianische Außenminister und heutigen Sonderberater des Landes für internationale Beziehungen, Celso Amorim, treiben diese Ungleichgewichte ebenfalls um. „Brasiliens Deindustrialisierung war eine der schnellsten und perveresten, da sie gute Arbeitsplätze schlicht vernichtete“, sagte er in einem Interview. Darum sprach sich auch der länder-übergreifende lateinamerikanische Gewerkschaftsdachverband CCSCS gegen die Handelsvereinbarung aus. „Wir machen unsere Völker auf die katastrophalen Auswirkungen aufmerksam, die dieses Abkommen auf das Produktionssystem der Region im Allgemeinen und auf bestimmte strategische Produktionszweige im Besonderen haben wird“, hieß es in einem Kommuniqué. Zu den betroffenen Bereichen zählte der Verbund unter anderem die Automobil-Industrie, den Technologie-Sektor, den Seeverkehr und das öffentliche Beschaffungswesen. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist sich dieser Folgen eigentlich durchaus bewusst. „Die Deindustrialisierung muss gestoppt werden, damit wir mehr hochwertige Arbeitsplätze schaffen können. Der Export von Rohstoffen ist wichtig, aber trotz des damit verbundenen wachsenden Technologie-Gehalts ist er anfälliger für internationale Preiszyklen“, hieß es in einer Ende Mai 2023 gemeinsam mit Vizepräsident Geraldo Alckmin abgegebenen Erklärung. Die Regierung legte in dem Jahr auch ein 60 Milliarden Dollar schweres Förderpaket zur Stärkung der Industrie auf, aber der EU-Mercosur-Vertrag konterkariert diese Bemühungen.
Ein bisschen Hoffnung
Diese Aspekte spielten in der öffentlichen Diskussion um den Kontrakt kaum eine Rolle. Zumeist fanden als GegnerInnen des Deals nur die europäischen LandwirtInnen Erwähnung, die durch Abkommen mehr Agrar-Importe erwarteten und das als Gefahr für ihren Berufsstand betrachteten. Als mehr oder weniger beklagenswerte Fortschrittsopfer erschienen sie in den Medien. Wenn es hoch kam, schafften es noch die doppelten Pestizid-Standards in die Berichterstattung. Und sogar eine linke Zeitung wie der Freitag konnte Vorbehalte gegen die aktuell anstehenden Handelsverträge als Relikte „einer längst überholten Globalisierungskritik“ abtun, was die Coordination zu einem Leserbrief herausforderte.
Diese Darstellungen trugen nicht wenig dazu bei, die Akzeptanz der Übereinkunft zu erhöhen. Aber so ganz in trockenen Tüchern ist er trotzdem noch nicht; es gibt also noch Hoffnung. Die Europäische Union setzt den Deal ab Mai 2026 einstweilen nur vorläufig in Kraft. Das EU-Parlament hat ihm nämlich noch nicht zugestimmt. Zudem steht noch die von diesem veranlasste Rechtsprüfung durch den Europäischen Gerichtshof an. Daran störten von der Leyen & Co. sich jedoch nicht groß. Schon von Anfang an hatte die EU sich aller möglichen Tricks bedient, damit die Vereinbarung durchkommt. So spalteten sie den Vertrag in ein Partnerschaftsabkommen und ein Handelsabkommen auf, um den Handelsteil an den Parlamenten vorbeischmuggeln zu können. Diese intransparente, undemokratische Art und Weise, mit dem Abkommen umzugehen, ist für die CBG nur ein Grund mehr, gemeinsam mit dem NETZWERK GERECHTER WELTHANDEL alles dafür zu tun, es doch noch zu verhindern. ⎜