Tilman Massa (Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre)BAYER und die Sustainable Development Goals in Lateinamerika
Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat,
mein Name ist Tilman Massa, ich bin vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.
„Si es Bayer, es bueno“ („Wenn es von Bayer kommt, ist es gut“), so lautet Ihr historischer Werbespruch in Lateinamerika. Das nicht alles gut ist, was von Bayer kommt, lässt sich auch an Ihrem Bekenntnis zu den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen 2030, den Sustainable Development Goals (SDGs), sehen.
Aus unserer Sicht tragen Sie nur unzureichend zum Erreichen der Ziele bei – erst recht mit der Übernahme von Monsanto.
Sie geben stolz an, vor allem SDG 2, den Hunger zu beenden und nachhaltige Landwirtschaft zu fördern, und SDG 3, ein gesundes Leben für alle zu gewährleisten, als „zentrale Elemente“ Ihres Nachhaltigkeitsprogramms eingeführt zu haben. Dass der Einsatz Ihrer Herbi- und Fungiziden, aber vor allem auch Monsantos Glyphosat für diese Ziele höchst umstritten ist, werden auch Sie zugeben müssen.
Bei der Diskussion, ob Glyphosat nun laut der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) „wahrscheinlich krebserregend“ ist und daher von der EU verboten werden sollte, und den Folgen Ihrer Fusion kommt eines viel zu kurz: Die wirklich leidtragenden Menschen leben im Globalen Süden, und das unabhängig davon, ob Glyphosat nun krebserregend ist oder nicht. Das hat drei Gründe:
1. Menschen im Globalen Süden sind Glyphosat direkt ausgeliefert
Erster Grund: In Ländern wie Argentinien und Brasilien wächst ein Großteil des Sojas, mit dem die deutsche Fleischindustrie am Laufen gehalten wird. Zwischen 2008 und 2010 nutzte Deutschland durchschnittlich eine Fläche von 4,4 Millionen Hektar Land in Südamerika für die Produktion von Futtermitteln. Dort sind Menschen auf ganz andere Weise Glyphosat ausgesetzt. Mit Flugzeugen wird das Gift auf den in Monokultur wachsenden Plantagen gesprüht. Wer in einem Dorf wohnt, das an diese Plantagen angrenzt, kommt direkt mit dem Herbizid in Kontakt. Die Folgen sind ein massiver Anstieg an Krebserkrankungen, an Fehlbildungen bei Kindern, an Fehlgeburten. Argentinische ForscherInnen halten den Zusammenhang zwischen dem Agrargift und den Erkrankungen für erwiesen.
SDG 3 sieht im Unterpunkt vor, bis 2030 die Zahl der Todesfälle und Erkrankungen aufgrund gefährlicher Chemikalien und der Verschmutzung und Verunreinigung von Luft, Wasser und Boden erheblich zu verringern. Ich frage Sie: Wie wollen Sie in Zukunft diese direkte Gesundheitsgefährdung durch Glyphosat und allen Ihren Herbi- und Fungiziden begegnen, um im Sinne von SDG 3 ein gesundes Leben für alle Menschen zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern?
2. Sie fördern industrialisierte, nicht nachhaltige Landwirtschaft
Zweiter Grund: Monsanto und Glyphosat stehen für eine industrialisierte Landwirtschaft, die nicht nachhaltig ist. Sie schadet Insekten, die für ein Fortbestehen allen Lebens unverzichtbar sind. Sie befördert das Artensterben. Die Nitratbelastung im Grundwasser ist zu hoch. In der industrialisierten Fleischwirtschaft werden so viele Antibiotika verfüttert, dass zunehmend resistente Keime entstehen, die hochgefährlich sind. Und schließlich: Der Anteil der Pflanzen, die resistent gegen Glyphosat sind, steigt stetig.
Ihre Entscheidung, Monsanto zu übernehmen, ist daher auch eine Entscheidung für diese Form der Landwirtschaft und gegen nachhaltige Entwicklung und Landwirtschaft, auch wenn Sie das Gegenteil behaupten. Ihr Saatgut muss jede Saison neu gekauft, immer neues Land urbar gemacht, immer neuer und immer mehr Dünger aufgebracht werden. Die Anbaupflanzen sind weniger vielfältig, weniger anpassungsfähig. Und wir haben noch nicht angefangen, darüber zu sprechen, was diese Form der Landwirtschaft mit den Menschen macht. So kann nachhaltige Landwirtschaft nicht aussehen, so kann kein Beitrag zum Erreichen der SDGs geleistet werden.
SDG 2 sieht im Unterpunkt vor, „die landwirtschaftliche Produktivität und die Einkommen von kleinen Nahrungsmittelproduzenten, insbesondere von Frauen, Angehörigen indigener Völker, landwirtschaftlichen Familienbetrieben zu verdoppeln, unter anderem durch den sicheren und gleichberechtigten Zugang zu Grund und Boden, anderen Produktionsressourcen und Wissen.“ Wie wollen Sie sicherstellen, dass auch Kleinbauern sicheren und gleichberechtigten Zugang zu Ihrem Wissen haben werden?
3. Ihre Übernahme von Monsanto gefährdet Ernährungssouveränität
Dritter Grund: Die Übernahme von Monsanto bedroht die Ernährungssouveränität – also die Fähigkeit, die Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu bestimmen. Staaten werden stärker beeinflussbar und schlicht erpressbar, wenn sie marktbeherrschenden Konzernen wie dem Ihren gegenüberstehen.
Mit Ihrer Übernahme von Monsanto hat die vorerst letzte Konzentrationswelle ihren Abschluss gefunden: Erst schluckte ChemChina Syngenta, dann schlossen sich DuPont und Dow Chemical zusammen und nun Ihre Übernahme von Monsanto. Ein Triopol beherrscht nun den Markt. Da ändert es auch nichts, dass Sie BASF etwas vom Kuchen abgeben.
Bayer katapultiert sich weltweit auf Platz 1 bei Pflanzenschutzmitteln und beim Saatgut, mit jeweils einem Drittel Marktanteil. Zum Vergleich: Mitte der 1990er Jahre hielten die damals zehn größten Unternehmen der Saatgutindustrie noch einen Marktanteil von unter einem Drittel. Bei gentechnisch veränderten Pflanzen hat Bayer-Monsanto mit einem Schlag über 90 Prozent Marktanteil. Bayer-Monsanto wird damit zum zentralen Player bei der Frage nach der Ernährung von sieben Milliarden Menschen.
Angesichts einer bis zum Jahr 2050 auf zehn Milliarden Menschen steigenden Weltbevölkerung ist es keine sehr demokratiekompatible Aussicht, wenn nur noch drei Konzerne den Ursprung der Ernährung kontrollieren. Und dass diese zum Wohle der 800 Millionen Hungernden in der Welt fusionieren, kann ebenso bezweifelt werden. Die Baumwoll-Kleinbäuerin in Indien wird es wie der ghanaische Tomaten-Bauer oder die auf den ejidos Mais anbauenden mexikanischen Gemeinschaften spüren, was es bedeutet, wenn Ihre – Bayers – geballte Konzernmacht auf noch mehr Profit aus ist. Oder haben Sie vor, aus Menschlichkeit den Bäuerinnen und Bauern das Saatgut zum Vorzugspreis zur Verfügung stellen?
Wenn Staaten nun versuchen sollten, durch regulatorische Bestimmungen den Schutz von Mensch und Umwelt zu garantieren oder bei drohenden Hungerkrisen Patente und Gebühren auf Nachbau infrage zu stellen, dann haben Sie nun noch bessere Karten, um das zu verhindern.
SDG 2 sieht weiter vor, „die genetische Vielfalt von Saatgut, Kulturpflanzen sowie Nutz- und Haustieren und ihren wildlebenden Artverwandten zu bewahren, unter anderem durch (…) den Zugang zu den Vorteilen aus der Nutzung der genetischen Ressourcen und des damit verbundenen traditionellen Wissens sowie die ausgewogene und gerechte Aufteilung dieser Vorteile.“ Ich frage Sie: Wie wollen Sie konkret die genetische Vielfalt von Saatgut mit diesen Anforderungen schützen?
„Si es Bayer, es bueno“ – der Werbespruch wird mit der Übernahme von Monsanto auch in Zukunft nicht der Wahrheit entsprechen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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Mute Schimpf (Friends of the Earth Europe): Digitalisierung der Landwirtschaft
Zu der Übernahme von Monsanto durch Bayer habe ich drei Fragen. Ich arbeite für Friends of the Earth Europe, einem der größten europäischen Umweltverbände mit Mitgliedsorganisationen in 33 Ländern in Europa.
Erstens:
Im Moment befindet sich der Agrarsektor in einem der größten Umstrukturierungsprozesse seit Jahrzehnten. Damit meine ich nicht die Fusion mit Monsanto, sondern die Digitalisierung der Landwirtschaft. Diese wird sowohl die Unternehmen, aber auch die Forschungslandschaft und vor allen Dingen die Landwirtschaft selbst innerhalb kurzer Zeit in einer Art und Weise verändern, die wir uns heute noch kaum vorstellen können.
Bayer sieht hier großes Potenzial und hat dementsprechend investiert. Welche Investitionen hat Bayer hier in den letzten fünf Jahren getätigt?
Ein Argument für die Digitalisierung ist das Potenzial, weniger Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Hier habe ich eine Frage zu der Logik dahinter: Wenn tatsächlich weniger Pflanzenschutzmittel vertrieben werden, worin besteht das wirtschaftliche Interesse von Bayer, einen der umsatzstärksten Sektoren abzubauen, und woher soll dann der Umsatz kommen? Und worin liegt die Attraktivität für Bayer?
Zweitens:
Im Kontext der Fusion mit Monsanto habe ich Fragen zu den Auswirkungen auf die Digitalsparte von Bayer. In den USA sind mehr als 93 % der Farmer besorgt über die Fusion mit Monsanto aufgrund ihrer Erfahrungen mit anderen Agrarfusionen, die zu weniger Innovation, steigenden Saatgut- und Pflanzenschutzmittelpreisen führten.
Marktanalysen haben mehrfach berichtet, dass die Kombination der jeweiligen Digitalsparten zwischen Bayer und Monsanto eine der wichtigsten Motivationen für die Fusion sei.
Mit wem gibt es Kooperationen von Bayer und von Monsanto im Bereich Digitalisierung?
Welche Verpflichtungen und Lizenzabkommen gibt es mit den russischen Behörden, um von dort grünes Licht für die Fusion zu bekommen?
Wie wird sich die künftige Zusammenarbeit mit BASF gestalten, wenn nach Auflagen der US-Behörden die Bayer Digital-Sparte an BASF veräußert wird?
Drittens:
Sowohl Bayer als auch Monsanto setzen beide auf Gene-Editing und Märkte mit gentechnisch verändertem Saatgut. In Europe ist ein gentechnisch verändertes Saatgut ein Ladenhüter und wird auf weniger als 1 Prozent der Ackerflächen angebaut.
In den kommenden Wochen fällt der Europäische Gerichtshof sein Urteil über Gene-editing. Der Generalanwalt hat bereits gefolgert, dass alle neue Gentechniken als Gentechnik zu definieren sind, das Urteil soll klären, ob alle Gene-Editing Techniken wie Crispr vollständig als Gentechnik reguliert werden und damit der Kennzeichnung- und Zulassungspflicht unterliegen oder nicht. Bayer hat vor allem über diverse Lobby-Vereinigungen kommuniziert, dass diese GVO nicht in den Geltungsbereich des Gentechnikrechts fallen sollen und damit die Transparenz für den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft einschränkt.
Wird Bayer in Zukunft die Vorgaben des Gentechnikrechts anerkennen oder weiter versuchen, hier die Wahlfreiheit von Verbrauchern, Landwirten und Züchtern zu untergraben?

