Lars-Ulla Krajewski: Gefahren der Dhünnaue-Öffnung
Sehr geehrte (Damen und ? ) Herren von Vorstand und Aufsichtsrat,
sehr geehrte Damen und Herren Aktionärinnen und Aktionäre,
Mein Name ist Ulla Krajewski, und ich spreche für die Coordination gegen Bayer-Gefahren. Das Thema meiner Rede ist die Dhünnaue.
Ich fasse mich sehr kurz, weil ich am Ende 6 Fragen zu stellen habe.
Die Dhünnaue ist Europas größte Giftmülldeponie, und sie soll geöffnet werden für den Neubau der erweiterten Leverkusener Autobahnbrücke. In der Dhünnaue lagern fast 1 Mio. t. gefährlicher Rückstände aus der Chemie-Produktion wie z. B. Quecksilber, Arsen, Chrom, Blei sowie Chlor-Verbindungen, die munter mit organischen Verbindungen reagieren, so dass niemand genau weiß, was dort im Boden konkret vor sich geht. Die Deponie wurde nach oben und an den Seiten abgedichtet, dennoch entweichen permanent Gase. Nach unten ist die Deponie offen, so dass ständig verseuchtes Wasser abgepumpt und gereinigt wird, und zwar 750 Kubikmeter stündlich.
Für die fraglos notwendige Sanierung der Rheinbrücke und die Lenkung der künftig eher noch zunehmenden Verkehrsströme existieren im. Wesentlichen 2 Konzepte:
Einerseits die Kombilösung mit einem langen Tunnel unter dem Rhein incl. Abgasfilterung sowie einer kurzen alten oder neuen Brücke – oder andererseits der Neubau einer breiteren, wohl 10-spurigen Rheinbrücke verbunden mit der Öffnung der Giftmülldeponie.
Für die Kombilösung mit langem Tunnel würde sprechen, dass die giftigen Altlasten in Ruhe gelassen würden, dass die AnwohnerInnen vor dem Auto- und LKW-Verkehr geschützt würden, dass die Abgaswerte der EU wieder eingehalten werden könnten sowie dass mehr Verkehrsraum für FußgängerInnen und RadfahrerInnen geschaffen werden könnte.
Für den Neubau einer breiten Rheinbrücke ohne langen Tunnel würden die zunächst geringeren Kosten sprechen. Jedoch ist zu erwarten, dass dieser Neubau nicht sehr lange halten wird, weil sich erstens der Baugrund Dhünnaue permanent setzt und die Brückenpfeiler auf keinem wirklich festen Grund stehen würden. Zudem ist dieser Boden chemisch äußerst reaktionsfreudig, was zu Beschädigungen an den Brückenpfeilern selber führen kann.
Im Jahr 2013 hat die Bayer-Tochter Currenta einen Brandbrief an den Bundesverkehrsminister, den Landesverkehrsminister sowie Straßen.NRW gesandt, um vor dem Tunnel zu warnen. Man drohte mit einer „negativen Wirkung“ auf den Industriestandort Leverkusen. Angeblich wären Gefahrguttransporte durch den langen Tunnel nicht möglich. Inzwischen liegt hingegen ein von der Stadt Leverkusen beauftragtes Gutachten vor, welches besagt, dass dies unter der Beachtung von Sicherheitsvorkehrungen sehr wohl möglich wäre. Die Reaktion von Currenta bestand lediglich im Beharren auf dem Autobahnneubau. Außerdem wurde bekannt, dass Bayer die Haftung für einen Teil der Giftmülldeponie auf den öffentlichen Bauherren, nämlich Straßen.NRW, übertragen konnte. Eine Klage gegen diesen Haftungsübergang war nicht erfolgreich.
Ich beginne mit der:
Frage 1: Welche Überlegungen haben den Ausschlag gegeben, dass Sie sich im Jahr 2013 für den Neubau der Rheinbrücke und die Öffnung der Dhünnaue entschieden haben? Waren es tatsächlich Bedenken, ob der Gefahrguttransport auch durch einen Rheintunnel geführt werden kann, oder war es nicht vielmehr die Aussicht, sich von der Haftung für einen Gutteil der Dhünnaue-Deponie elegant zu verabschieden?
Frage 2: Nachdem im März 2017 das Argument mit dem angeblich unmöglichen Gefahrguttransport durch den Tunnel hinfällig geworden war, haben Sie da nochmals nachgedacht und alle Argumente für die verschiedenen Lösungen gegeneinander abgewogen? Oder haben Sie der Übertragung der Haftung für Teile der Deponie auf die öffentliche Hand nicht widerstehen können, so dass ein Abrücken von der Antastung der Dhünnaue-Deponie unmöglich erschien?
Hier komme ich zur Frage 3: Was passiert mit dem verseuchten Wasser, welches unter dem Teil der Deponie entweicht, für den Sie sich der Haftung entledigt haben? Wird das Wasser weiter gereinigt, wenn ja von wem, und erhalten Sie ggf. Geld dafür?
Zusammenhängend damit meine Frage 4: Wieviel verseuchtes Wasser, in qm3 pro Stunde, ist aus Ihrem Haftungsbereich gefallen? In der Leverkusener Bevölkerung besteht nämlich die Befürchtung, dass Sie einen viel größeren Teil der Dhünnaue-Deponie abgegeben haben, als es für die Bauarbeiten angemessen bzw. nachvollziehbar gewesen wäre.
Dies alles kann natürlich zu erheblichen Imageschäden führen, wenn es publik wird. Darum komme ich zur nächsten Frage 5: Was gedenken Sie im Falle des Falle zu tun, wenn es zu einer Umweltkatastrophe in Leverkusen und Umgebung kommen sollte, oder gar zum GAU: Sie besitzen ohne Zweifel die größten Kenntnisse über Ihre Hinterlassenschaften und über toxikologische Wirkungen, die sich nach derzeitigem Kenntnisstand entfalten könnten: Wollen Sie so handeln wie in der Vergangenheit, ich nenne einmal 2 Beispiele, vor gut 30 Jahren im indischen Bhopal sowie vor 10 Jahren im US-amerikanischen Institute, wo Sie nach schweren Unfällen händeringend von öffentlichen Behörden um Informationen angefragt wurden, aber keine verwertbaren Informationen herausgerückt haben? In Bhopal nach der größten Chemiekatastrophe der Menschheitsgeschichte wurden Ihre Experten stattdessen lediglich gesichtet, wie sie Opfer zählten und Statistiken anfertigten. Würden sie sich das hier im Rheinland auch erlauben? Oder machen Sie sich über diese Fragen noch keine Gedanken nach dem Motto: „Et hätt noch immer jot jejange?“ !
Ich komme zur letzten Frage Nr. 6: Sind Sie nicht auch selber ein wenig in Sorge über die öffentliche Wahrnehmung der Marke Bayer und die Schäden an Ihrem Image, insbesondere in Ihrem Stammland und in der Umgebung Ihres Stammsitzes? Die Entscheidung, den weltweit unbeliebtesten Chemiekonzern Monsanto zu übernehmen, hat nicht nur UmweltschützerInnen und VerbraucherschützerInnen auf die Barrikaden gebracht, sondern auf der letzten Hauptversammlung zu einhelliger Kritik der Aktionäre geführt. Nach meiner Erinnerung hat nicht ein Redner/eine Rednerin die Fusion begrüßt, sondern alle haben Bedenken oder sogar harsche Kritik geäußert. Diese Sache ist noch lange nicht verdaut, und schon bringen Sie die BürgerInnen mit Ihrem nächsten Projekt in Wallung. Da werden auch schmerzhafte Erinnerungen an die geplante CO-Pipeline von Dormagen nach Krefeld angetriggert, die nicht dadurch verblasst sind, dass Sie diesen Klotz am Bein in Richtung Covestro outgesourct haben. Für die AnwohnerInnen ist es exakt das Gleiche, und zwar für alle Betroffenen quer durch den Industriestandort Rheinland! (Der Engländer würde sagen: „piling the agony“ Aber in dieser Versammlung ist ja leider die englische Sprache verboten. Ich fahre auf deutsch fort und bin auch schon am Ende angekommen:)
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Falls Sie als Aktionäre ebenfalls nicht einverstanden sind mit der Geschäftspolitik und diese Versammlung noch vor der Abstimmung verlassen wollen, lassen Sie Ihr Stimmrecht nicht verfallen, sondern übergeben Sie Ihren Stimmkartenblock an uns kritische Aktionäre, wir befinden uns vorne links. Sie haben das Recht, uns für Sie abstimmen zu lassen. Vielen Dank!
Beiträge verschlagwortet als “BAYER HV 2018”
Dr. Beate Kirk Duogynon und die Hormonspirale Mirena
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich spreche zum Thema Frauenarzneimittel, und es wundert mich nicht, dass ich vergessen wurde, denn das Thema interessiert bei Bayer wohl nicht so besonders. Aber okay ... ich halte jetzt meine ursprüngliche Rede (Beate Kirk hatte sich frühzeitig in die RednerInnen-Liste eingetragen, wurde aber trotzdem nicht aufgerufen, erst nach ihrer Beschwerde konnte sie ans Mikrofon treten, Anm. CBG)
„Paracelsus würde sich vor Lachen krümmen.“
Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name ist Beate Kirk und ich spreche zum Thema Duogynon und zur Hormonspirale Mirena.
Sehr geehrter Herr Baumann,
Meine Frage an Sie als führenden Repräsentanten Ihres forschenden Arzneimittelunternehmens lautet:
Ist das, was Sie persönlich auf die Fragen von Dr. Arnold zum Fall Duogynon von sich gegeben haben, allen Ernstes der teratologische (Teratologie: Erforschung von Missbildungen, Anm. CBG) Wissensstand im Hause Bayer?
Ich bin Apothekerin, ich bin Pharmaziehistorikerin, und ich bin erschüttert.
Und ich persönlich halte die Aussagen aus dem Hause Bayer für hochgradig unglaubwürdig.
Den Fall Duogynon möchte ich nicht erneut schildern.
Aufgrund der Redebeiträge, Veröffentlichungen und Rechtsstreitigkeiten früherer Jahre ist er Ihnen unzweifelhaft ein Begriff.
Am 13. Februar 2018 wurden die Forschungsergebnisse des Arbeitskreises um den Aberdeener Wissenschafter Dr. Neil Vargesson in „Nature“ veröffentlicht.
Vargesson hat mit den Inhaltsstoffen von Duogynon Tabletten Missbildungen an Zebrafischen erzeugen können. Durch diese Tierexperimente wurden die am Menschen gewonnenen Erfahrungen bestätigt.
Das ist übrigens eine Art Analogiefall zur Reproduktion der „Contergan“-typischen Missbildungen durch Somers bei Tierexperimenten an Kaninchen.
Ihr Haus wurde im Fall „Duogynon und Aberdeener Forschungsergebnisse“ um Stellungnahme gebeten. Die Antwort sinngemäß: Damit sei nichts bewiesen, Tierversuche an Primaten wären erforderlich. Grundsätzlich seien Experimente an geeigneten Versuchstieren nicht auf den Menschen übertragbar.
Dieses Statement aus dem Hause Bayer konnte ich zuerst kaum glauben.
Gerade im Hause Bayer sollte bekannt sein:
„Die Dosis macht das Gift“.
Dies sind die Fakten:
Aufgrund von Zeitzeugenberichten ist bekannt, dass Duogynon in den 1960er und 1970er Jahren mittels Überdosierung als Abortivum verwendet wurde. Die Einnahme von 4 oder 6 statt der in der Gebrauchsanweisung empfohlenen 2 Tabletten führte zum Abbruch der Schwangerschaft.
Wie ist dies möglich bei vollständiger Unschädlichkeit?
Paracelsus würde sich vor Lachen krümmen.
Als logisches Fazit der Forschungsergebnisse aus Schottland teilten die britische Premierministerin Theresa May und der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt dem britischen Parlament im Februar 2018 mit: Es wird eine Neubewertung geben.
In Großbritannien soll jetzt alles auf den Tisch kommen.
Und in Deutschland?
Wie geht es im „Fall Duogynon“ hierzulande weiter?
Das liegt auch bei Ihnen, meine Damen und Herren Aktionäre.
Die Fa. Bayer blickt auf eine langjährige Erfahrung in Sachen Auswirkungen von Arzneistoffen auf das ungeborene Kind zurück. In den Roten Listen der Jahrgänge von 1969 bis 1980 wurde das Arzneimittel Cyren mit dem Inhaltsstoff DES in der Produktpalette der Fa. Bayer durchgängig aufgelistet. Zu den Erfahrungen mit DES-haltigen Arzneimitteln sei verwiesen auf den Bericht der Bundesregierung vom 30. Oktober 1990.
Im Fall Duogynon bemühen sich seit 2009 Vertreter der „Kindergeneration“, Licht ins Dunkel zu bringen. Aber die Fa. Bayer beharrte bisher auf Verjährung.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Arzneimittel-„Katastrophen“ verjähren grundsätzlich nicht.
In Großbritannien wird also jetzt alles nochmal gründlich untersucht.
Diese Aufklärungsarbeit muss hier bei uns in Deutschland auch geleistet werden.
Mit oder ohne Unterstützung des Bayer-Konzerns.
Für Sie als Mitglieder des Vorstandes und als Aktionäre und Aktionärinnen wäre das erstere besser. Stehen Sie endlich zu Ihrer Verantwortung.
Gern richte ich Ihnen an dieser Stelle schöne Grüße aus. Die Betroffenen kämpfen weiter und haben den Verein Netzwerk Duogynon gegründet. Es geht weiter.
Ein aktueller Arzneimittel aus dem Hause Jenapharm/Bayer macht übrigens anscheinend ähnliche Probleme wie Duogynon: die Hormonspirale Mirena mit dem Inhaltsstoff Levonorgestrel.
Sehr geehrter Herr Baumann,
in der Info an die Gynäkologen wird dringend empfohlen, beim Eintritt einer Schwangerschaft unter liegender Hormonspirale „die Mirena“ trotz erhöhter Abortgefahr zu entfernen.
Als Grund wird die Gefahr der Virilisierung, also Vermännlichung, von weiblichen Föten genannt.
Sehr geehrter Herr Baumann,
es geht um Mädchen. Sind deren Schicksale Ihnen persönlich eigentlich egal?
Schwangerschaften unter Hormonspirale sind keinesfalls selten.
In der Presse wurde 2017 über den Fall „Baby Dexter“ berichtet.
Einfach mal googeln. Ob Dexter Spätfolgen von 9 Monate Levonorgestrel-Input aus der Hormonspirale im Plazentagewebe der Gebärmutter direkt nebenan haben wird, wird erst sein Leben zeigen.
Als Pharmaziehistorikerin und Apothekerin, die sowohl den Fall Contergan als auch den Fall Duogynon kennt, bin ich entsetzt, dass ein börsen-notiertes Unternehmen wie Bayer sich aufs Ignorieren und Aussitzen versteift hat.
Ich persönlich finde das skandalös und auf Dauer auch für Bayer suboptimal.
Ich plädiere dafür, diesen Vorstand auf keinen Fall zu entlasten.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

