Operation „COP30“
Der BAYER-Konzern hat auf der Klima-Konferenz der Vereinten Nationen im brasilianischen Belém weder Kosten noch Mühe gescheut, um sich als Teil der Lösung zu präsentieren. Bei einem jährlichen Treibhausgas-Ausstoß von rund drei Millionen Tonnen erfordert das ja auch einige Anstrengungen. Aber Proteste sorgten dafür, dass die Bluewashing-Strategie nicht aufging.
Von Jan Pehrke
Mit nicht weniger als 19 LobbyistInnen reiste der BAYER-Konzern im November 2025 zur Klima-Konferenz der Vereinten Nationen nach Brasilien. Kein Multi bot mehr auf. Der Leverkusener Multi wollte in Belém nämlich den Klima-Retter geben, und dem stand so einiges im Wege: 2024 stieß er nicht weniger als drei Millionen Tonnen an Treibhausgasen aus und bezog seine Energie zu 78 Prozent aus fossilen Quellen.
Entsprechend viele fleißige Hände braucht es zum „Bluewashing“, wie KritikerInnen die Image-Kosmetik mit Hilfe der UN nennen. Für solche Aufgaben hat das Unternehmen sogar eine Spezial-Beauftragte: Marcela Chacón. Sie ist BAYERs „General Director for United Nations Relations & Global Affairs.
Die Casa BAYER
Der Global Player steuerte seine Aktivitäten bei der COP 30 von der „Casa BAYER“ aus, einer alten Villa im historischen Stadtkern Beléms. Er konnte dort sogar noch jede Menge Untermieter aufnehmen. Die DEUTSCHE BANK, SIEMENS, der „Bundesverband der deutschen Industrie“ und dessen nordamerikanisches Pendant „U.S. Chambers of Commerce“ nutzten das Haus ebenfalls als Bluewaschsalon bzw. als „einen einzigartigen Ort für Austausch und Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Organisationen und und der Zivilgesellschaft“. Darüber hinaus beherbergte es noch den „United Nations Populations Fund“ und das zum SPRINGER-Konzern gehörende Nachrichten-Portal politico.
Über 20 Events fanden dort statt. Die Casa bildete auch den passenden Rahmen, um das Regenwald-Projekt von DEUTSCHER BANK, SIEMENS, SYMRISE und BAYER vorzustellen. Nach dem Motto „Warum Kohlendioxid vermeiden, wenn mensch es auch kompensieren kann“ haben die vier Unternehmen einen Fonds aufgelegt, der es Firmen erlaubt, CO2-Verschmutzungsrechte für ihre Klima-Sünden direkt bei den beiden lateinamerikanischen Staaten Honduras und Suriname zu erwerben. Und die Konzerne fanden für ihre Show auch den passenden Moderator: den TV-Promi Eckhart von Hirschhausen.
Auch hohen Besuch erhielt BAYER in der Casa nicht zu knapp. So konnte der Leverkusener Multi den brasilianischen Gesundheitsminister Alexandre Rocha Santos Padilha begrüßen. Angehörige der Regierung von Zambia schauten ebenfalls vorbei. Seit der Agro-Riese in Kabwe eine große Anlage zur Maissaatgut-Produktion in Betrieb genommen hat, pflegt er nämlich eine besondere Beziehung zu dem Land. Und nicht zuletzt fanden sich Mitglieder der Bundesregierung ein. So machte etwa Bundesumweltminister Carsten Schneider BAYER seine Aufwartung.
Mit dem zum SPRINGER-Konzern gehörenden Medium politico ging der Global Player während der COP 30 eine Medien-Partnerschaft ein. Es gab Bill Anderson die Gelegenheit, sich lang und breit als Klima-Kümmerer in Szene zu setzen und sendete von der Casa aus die „BAYER event series“.
Die „neue“ Landwirtschaft
Damit nicht genug, referierte die International Labour Organisation (ILO) in der „Casa BAYER“ über die Herausforderungen, die der Klimawandel an den Arbeitsschutz stellt. Und schließlich nutzte das Unternehmen seinen COP-Stützpunkt, um eine Art von Ackerbau zu präsentieren, die seiner Ansicht nach den Herausforderungen des Klimawandels gewachsen ist – und das alles, ohne das bisherige Geschäftsmodell in Frage zu stellen: die regenerative Landwirtschaft. Da sich das aus dem Munde von ManagerInnen vielleicht nicht allzu überzeugend anhört, hatte die Aktien-Gesellschaft sich etwas anderes überlegt. „Die faszinierende brasilianische Landwirtin Aline Vick berichtete über die Vorteile regenerativer Praktiken zur Verbesserung der CO2--Bilanz und der Bodengesundheit auf ihren Feldern“, wie BAYERs PR-Manager David Christoph Lerch auf LinkedIn festhielt.
Mit der regenerativen Landwirtschaft will die Branche die bösen Geister von radikaleren Ansätzen wie der Agrar-Ökologie vertreiben, die eine umfassendere Abkehr von der Landwirtschaft alten Stils vorsehen. Ein bisschen mehr Boden- und Wasserschutz, Agroforst-Systeme und ein Rückgriff auf kohlenstoff-arme Technologien sollen es bei der regenerativen Landwirtschaft richten. Ein Verzicht auf Pestizide, Mineraldünger, Gentechnik und industrielle Tierhaltung sieht das Konzept nicht vor. Glyphosat firmiert darin sogar als Klimaretter, weil es das CO2 freisetzende Pflügen unnötig macht und eine Direktsaat ermöglicht. Dabei gibt es kaum eine Agro-Chemikalie mit einem größeren CO2-Fußabdruck als Glyphosat, denn der Produktionsprozess am Standort Soda Springs verschlingt immens viel Energie.
Die AgriZone
Aber BAYER war bei Weitem nicht das einzige Landwirtschaftsunternehmen, das bei der COP30 massiv Präsenz zeigte. Insgesamt gehörte Big Agro zu dem Industrie-Zweig mit den umfangreichsten Aktivitäten in Belém. Über 20 Multis und 29 Industrie-Vereinigungen waren am Start, um vergessen zu lassen, dass sich der Anteil des Nahrungsmittel-Sektors an den globalen Treibhausgas-Emissionen auf ein knappes Drittel beläuft. Über 300 LobbyistInnen arbeiteten daran.
Und was dem Leverkusener Multi seine Casa war, das war der Gesamt-Branche die AgriZone. Von diesem Ort aus unternahm sie es, „eine positive Botschaft über den Landwirtschaftssektor in der Klima-Agenda“ zu verbreiten. Die Stimme BAYERs durfte auch hier nicht fehlen. Der Konzern firmierte als „diamond sponsor“ der AgriZone.
Dabei hatte der Sektor zunächst andere Pläne. Nicht wenige seiner VertreterInnen standen der Klimakonferenz äußerst reserviert gegenüber. Ein Interessensverband plante sogar eine Art Gegengipfel, die „COP do Agro”. Erst nach einer Intervention staatlicher Stellen nahm er davon Abstand. In dieser Phase schaltete sich die Embrapa ein, die staatliche brasilianische Forschungsgesellschaft für Agrarwirtschaft. Sie schlug der Branche vor, in die Offensive zu gehen und sich auf der COP30 eine eigene Operationsbasis zu schaffen. Das taten BAYER & Co. mit ihrer Unterstützung dann auch. Die Politik half ebenfalls. So führte Brasiliens Landwirtschaftsminister Carlo Fávaro seine Geschäfte während der COP von der AgriZone aus und gab ihr damit einen offiziösen Anstrich.
Auf einer Veranstaltung des brasilianischen „Verbandes für Landwirtschaft und Viehzucht“ (CNA) erläuterte der Politiker Zequinha Marinho, der Präsident der Kommission für Landwirtschaft und Agrarreform im brasilanischen Senat, den neuen Modus operandi: „Jetzt ist es an der Zeit, proaktiv zu handeln, denn wenn wir dies nicht tun, werden die offizielle Linie und die Regierungsbehörden die COP-Diskussion übernehmen und prägen.“
BAYER & Co. legten sich dabei mächtig ins Zeug, Über 400 Events fanden dort statt. Außer BAYER unter anderem mit von der Partie: Die Bill Gates Foundation, BASF, NESTLÉ, CARGILL, PEPSICO, YARA, JOHN DEERE und zahlreiche Branchen-Verbände. Auf der Tagesordnung standen dabei Themen wie Klimaanpassung, digitale Landwirtschaft, Ernährungssicherheit, CO2-Speicherung im Boden und neue technische Entwicklungen.
Die Proteste
So einfach kamen BAYER & Co. mit ihrem Programm jedoch nicht durch. Die Agro-Riesen sahen sich auf der Klima-Konferenz mit massiver Kritik konfrontiert. So gab es am 11. November vor dem Eingang der AgriZone Aktionstheater von MST, einer Organisation von Landlosen, Kleinbauern und -bäuerinnen. Der Tod, der von den Tellern kommt, stand auf dem Spielplan, und der Gevatter trug eine Glyphosat-Sprühflasche auf dem Rücken. Dazu skandierten die MSTlerInnen dann Lieder mit Texten wie: „AgriZone, du täuschst mich nicht, das Grün dieses Dollars rettet unseren Amazonas nicht.” Aber die MST-AktivistInnen enterten auch die AgriZone selbst, um ein Konstrastprogramm zu den Selbstinszenierungen BAYER & Co. zu bieten.
TierschützerInnen provozierte die AgriZone ebenfalls. „Es ist zutiefst beunruhigend, dass auf der COP30 eine dritte Zone entsteht, die sich ausschließlich den Interessen der Agrarindustrie widmet“, so Elodie Guillon von World Animal Protection. Andrea Echeverri von der Global Forest Coalition pflichtete ihr bei: „Die AgriZone ist nichts anderes als ein riesiger Greenwashing-Raum.“ Und Prayash Adhikari vom Asian Peoples’ Movement on Debt and Development empörte sich in gleicher Weise über das Schaufenster, das die COP30 den Konzernen zur Verfügung stellte. „Asiatische Bauern, Fischer und Frauen sind gezwungen, die Welt zu ernähren, während sie selbst hungern müssen. Deshalb dürfen wir dieses Greenwashing von BAYER, Nestlé, JBS und ihren Verbündeten in der Regierung nicht unwidersprochen lassen. Wir wissen, dass die industrielle Landwirtschaft in hohem Maße zur Nahrungsmittel- und Klimakrise beigetragen hat, und wir können nicht zulassen, dass die Agrarindustrie damit davonkommt. Nahrung, Land und Wasser sind für die Menschen da, nicht für den Profit!“, erklärte er.
Cristina Hernandez Hurtado vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) setzte in Belém BAYERs Gen-Soja auf die Agenda, für dessen Anbau nicht selten Kettensägen den Weg freimachen müssen. „Diese Rodungen gehen oft mit Zwangsräumungen oder der Vertreibung indigener und bäuerlicher Gemeinschaften einher“, erläuterte Hurtado. Damit nicht genug, kommen bei diesen Vertreibungen manchmal Pestizide als „chemische Waffe“ zum Einsatz, wie Ilson Soares von der indigenen Gemeinschaft der Guarani berichtete. Aber selbst, wenn Gewaltakte ausbleiben, beeinträchtigen die Soja-Monokulturen das Leben in den Dörfern massiv. „Wir haben keine Freiheit. Und viele Gemeinden grenzen an Ackerland. Daher werden die Pestizide fünf Meter, zehn Meter von den Häusern der Guarani entfernt versprüht“, so Soares. Das ECCHR hat deshalb bei der OECD eine Beschwerde gegen BAYER eingereicht. Dazu wollte der Leverkusener Multi sich während der COP aber nicht äußern. Er beließ es bei hohlen Phrasen zur Nachhaltigkeit und zum Klimawandel, dessen Bekämpfung, „gemeinsame Anstrengungen entlang der gesamten Kette“ erfordere.
Aber nicht nur vor Ort gab es Proteste. Am 14. November 2025 fand der weltweite Klimastreik zur COP30 statt. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) beteiligte sich in Düsseldorf und ergriff dort auch das Wort. Der Autor dieser Zeilen berichtete von den Anstrengungen BAYERs und anderer Multis auf der Klima-Konferenz, ihre CO2-Fußspuren zu verwischen und der Tatort-Sicherung durch diverse NGOs. Am Ende seiner Rede übermittelte er die Botschaft eines brasilianischen Kooperationspartners der CBG. „Wir dürfen uns keine Illusionen über die COP machen. Die durch das kapitalistische System verursachte Umweltkrise wird nicht von Regierungen gelöst werden, die von Unternehmen kontrolliert werden, die von der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen profitieren. Die Finanzierung der ‚AgriZone für nachhaltige Landwirtschaft‘ durch Unternehmen wie BAYER und Nestlé und die Anwesenheit von Vertretern von Syngenta in der Schweizer Delegation sind ein Beweis für das Scheitern der COP. Entweder werden die Lösungen von den Menschen selbst entwickelt, oder es wird keine Lösung geben“, erklärte Alan Tygel von der Permanenten Kampagne gegen Agrargifte und für das Leben.
Zuvor schon hatte die CBG die COP30 bei einer Aktion gegen den EU-Mercosur-Vertrag vor dem Kanzleramt in Berlin zum Thema gemacht. Auch floss der SWB-Artikel zur Klima-Konferenz aus dem letzten Heft in einen längeren Text des CORPORATE EUROPE OBSERVATORY zu BAYERs COP-Aktivitäten ein, der im EUobserver erschien.
Magere Ergebnisse
Und was passierte auf der Hauptbühne der COP30 ? Nicht viel. Dabei hatte Brasiliens Präsident Lula da Silva zu Beginn der Klima-Konferenz eindringlich gemahnt, zu liefern. „Wenn wir es nicht schaffen, über Reden hinaus zu konkreten Maßnahmen zu gelangen, werden unsere Gesellschaften das Vertrauen nicht nur in die COPs, sondern auch in den Multilateralismus und die internationale Politik im Allgemeinen verlieren“, so Lula. „Die Zeit der Absichtserklärungen ist vorbei. Jetzt ist es Zeit für Aktionspläne. Deshalb starten wir heute die COP der Wahrheit“, erklärte er.
Seine Worte verhallten allerdings ungehört. So stellte die deutsche Politik ihr Desinteresse an der Konferenz fast ostentativ zur Schau. Bundeskanzler Merz jettete nur für eine kurze Ansprache nach Belém und brachte es dabei noch fertig, seinen Stadtbild-Diskurs zu internationalisieren. „Wer von euch würde gerne hierbleiben“, fragte er seinen journalistischen Begleittross und zerschlug damit einiges diplomatisches Porzellan.
In seiner Rede firmierte Klimaschutz als das, was übrig bleibt, wenn die „Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaften“ gesichert ist. Und da bleibt nicht viel, zumal die Bundesregierung im Vorfeld ganze Arbeit geleistet hatte. Sie bremste den Ausbau erneuerbarer Energien zugunsten neuer Gaskraftwerke und erlaubte die CO2-Abspeicherung. Um die Forderungen der Industrie nach billigerem Strom zu erfüllen, beschloss Schwarz-Rot darüber hinaus gleich ein ganzes Maßnahmen-Bündel. Die Koalition verlängerte die auslaufende Stromsteuer-Senkung, gewährte einen Zuschuss zu den Übertragungsnetzkosten, weitete die Strompreis-Kompensation aus und kündigte die Einführung eines Industriestrom-Preises an. Auch in Brüssel legte sich die Bundesregierung für die Wirtschaft ins Zeug. Sie stritt mit großem Einsatz gegen das Verbrenner-Aus und für kostenlose CO2-Verschmutzungszertifikate.
Folglich musste es Merz in Belém bei ein wenig Ablass-Handel belassen. Er stellte Geld für den von Brasilien ins Leben gerufenen Investmentfonds zum Schutz des Regenwalds in Aussicht. „Deutschland unterstützt die ‚Tropical Forest Forever Facility‘. Wir werden einen namhaften Beitrag zum Gelingen dieser Initiative beisteuern“, tat er kund. Bundesumweltminister Schneider nannte dann ein paar Tage später die konkrete Summe: eine Milliarde Euro. Ansonsten hatte der SPD-Politiker bei der COP nicht mehr viel tun. Außer dem Besuch bei BAYER stand bei dem Hobby-Angler nur noch ein Fototermin mit einem Fischer an. Seine Kollegin Reem Alabali (SPD) verfuhr ähnlich. Die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ließ sich medien-wirksam mit einer Bäuerin von einem Projekt zur nachhaltigen Kakao-Produktion ablichten, das Deutschland fördert. Mehr ward von ihr dann nicht gesehen.
Andere VertreterInnen der Bundesregierung musste vor ihrer Abreise nur noch einen kleinen Job erledigen. Sie stellten sich hinter einen verbindlichen Plan zum Ausstieg aus den fossilen Energien, den Brasilien vorgelegt hatte. Aber ohne diplomatische Vorarbeit wie z. B. Konsultationen mit den Erdöl fördernden Ländern war dieser Vorstoß von vornherein zum Scheitern verurteilt. So endete die COP30 ohne konkrete Ergebnisse. Die Vorgabe der Klimakonferenz von Paris, die Erderwärmung auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen, schien keinen der Verantwortlichen mehr groß zu interessieren. „Die Abschlusserklärung von Belém hat die Antwort erbracht, dass wir dieses Ziel nicht mehr erreichen können“, sagte Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgen-Forschung dann auch. Genauso pessimistisch urteilt der Wirtschaftsgeografie-Professor Christian Zeller. „Es kann keinen nicht-fossilen Kapitalismus geben. Der Akkumulationszwang lässt sich auf der Grundlage erneuerbarer Energien nicht einlösen. Eine kapitalistische Energie-Wende ist unmöglich“, befand Zeller. ⎜