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Beitrag veröffentlicht im “Tag: 7. August 2026

Chemie im Kriegseinsatz

CBG Redaktion

BAYERs Dual-Use-Güter

Die israelische Armee verwendet im Südlibanon das Herbizid Glyphosat und sein Vorprodukt Phosphor als Waffen. Ist der BAYER-Konzern Teil der militärischen Lieferkette? Das Stichwort BAYER ging dieser Frage nach.

Von Jan Pehrke

Der gegenwärtige Nahost-Krieg ist auch ein Chemie-Krieg. So nutzt die israelische Armee IDF das Herbizid Glyphosat, um aus dem Südlibanon eine menschenleere Pufferzone – eine sogenannte Sicherheitszone – zu machen. Auch dessen Vorprodukt elementarer Phosphor findet bei solchen Militär-Aktionen Verwendung. Die Mittel dienen dazu, Ackerböden zu zerstören und den LandwirtInnen so ihre Existenz-Grundlage zu nehmen. 

Glyphosat kommt dabei nach Angaben staatlicher libanesischer Quellen in Konzentrationen zur Anwendung, die die übliche Dosierung um das 20-30-Fache übersteigt. Dementsprechend kontaminiert sind die Böden. Neben Glyphosat-Rückständen stießen WissenschaftlerInnen auf Phosphorsäure und andere Abbau-Produkte wie Cadmium, Blei und Zink. 

Tausende Hektar an Anbau-Flächen gingen so schon verloren. Der libanesische Präsident Joseph Aoun nannte das „einen eklatanten Verstoß gegen die libanesische Souveränität und ein Umwelt- sowie Gesundheitsverbrechen“. Das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte bewertete das Ausbringen von Glyphosat als „ein ernsthaftes humanitäres Risiko“. Für Alessandra Vellucci, Direktorin des Informationsdienstes der Vereinten Nationen (UNIS) in Genf, stellten sich derweil nicht nur Fragen nach den unmittelbaren Auswirkungen, sondern auch danach, „wie sich dies langfristig auf die Rückkehr der Zivilbevölkerung in ihre Häuser und auf ihre Lebensgrundlagen auswirken könnte“.

Den Phosphor gebraucht die israelische Armee auch, um die Menschen im Südlibanon zum Verlassen ihrer Häuser zu bringen. Zu weißem Phosphor verarbeitet, steckt es in Artillerie-Geschossen, die in der Luft explodieren und als Rauch- und Brandbomben wirken. HUMAN RIGHTS WATCH hat einen solchen Einsatz für den 3. März in der Gegend um Yohmor dokumentiert. Ihm ging eine Aufforderung an die BewohnerInnen der Stadt sowie von 50 weiteren kleineren oder größeren Ortschaften im Umkreis voraus, ihr Bündel zu schnüren. Sie sollten sich „mindestens 1.000 Meter von den Dörfern weg auf offenes Gelände begeben“, so die Anweisung des israelischen Militärs.

Zwischen dem 3. März und dem 17. Mai 2026 gingen nach Angaben der libanesischen Initiative PUBLIC WORKS über 36 Regionen im Südlibanon Phosphor-Geschütze nieder. In ihrem Report „Kartographie der Zerstörung. Israels Krieg gegen den Libanon“ verzeichnete die Partner-Organisation von MEDICO INTERNATIONAL seit dem 8. Oktober 2023 das Abfeuern von 397 Phosphor-Geschossen. Die Bomben produzieren Nebelwände enormen Ausmaßes und schützen nach israelischen Angaben auf diese Weise die eigenen Truppen. 

„Die ganze Stadt wurde weiß“, berichtete ein Bewohner von Dheira, das 2023 im Zentrum eines solchen Einsatzes stand. Noch Tage danach klagte er über Atemnot. Auch sonst ist der weiße Phosphor nicht ohne. Am häufigsten verursacht die Substanz Verbrennungen, weil sie sich in Kontakt mit Sauerstoff zumeist sofort entzündet. Und wenn die Geschosse – wie das HUMAN RIGHTS WATCH zufolge manchmal der Fall ist – über hundert in Phosphor getränkte Filz-Stücke enthalten, erstreckt sich der Wirkungsbereich auf Flächen von bis zu 250 Metern Durchmesser. Mit nicht selten verheerenden Folgen. „Die Brand-Wirkung von weißem Phosphor kann zum Tod oder zu grausamen Verletzung führen, die lebenslanges Leid verursachen“, so Ramzi Kaiss von HUMAN RIGHTS WATCH. Zu den anderen Nebenwirkungen zählen Herz/Kreislauf-Probleme sowie Nieren- und Leberschäden. Hunderte Geschädigte gibt es bereits.

Israel hat weißen Phosphor, Glyphosat und andere Herbizide schon zu früheren Zeiten in Nahost-Konflikten zur Anwendung gebracht, im Libanon bereits 1982 und 2006 wieder sowie 2008/09 und 2014-2018 in Gaza. Und auf Pestizide griff die IDF in diesem Jahr nicht nur im Libanon, sondern auch in Syrien zurück. „Das Nordkommando setzt seit mehreren Wochen zivile Sprühflugzeuge ein, um Flächen in der Nähe des Grenzzauns in Syrien und im Libanon zu behandeln und Vegetation zu vernichten, unter deren Deckung sich Terroristen nähern könnten“, vermeldete der israelische TV-Kanal i24News am 2. Februar. 

Damit drängen sich Vergleiche zum „Herbicidal warfare“ mit Agent Orange im Vietnam-Krieg auf. Die jetzige BAYER-Tochter MONSANTO zählte damals zu den Hauptlieferanten des Pestizids, aber auch der Leverkusener Multi trug das Seinige dazu bei, das Chemiewaffen-Arsenal der US-Streitkräfte aufzufüllen. Heute steht er ebenfalls in dringendem Tatverdacht. Der Agro-Riese deckt nach eigenen Angaben nämlich rund 40 Prozent des globalen Glyphosat-Marktes ab, dahinter folgen chinesische Firmen. In der israelischen Einfuhr-Statistik für 2024 dreht sich die Reihenfolge um. Diese führt China als Top-Importeur von Glyphosat an, dahinter kommen Deutschland, die Schweiz, Belgien und Großbritannien.

Die Lieferkette

Was die Phosphor-Geschütze angeht, so ist zumindest für 2023 Art und Herkunft eindeutig belegt. Nach Recherchen von AMNESTY INTERNATIONAL handelte es sich um 155-Millimeter-Artillerie-Geschosse der M-825-Serie aus US-amerikanischer Produktion. Das ging aus ihren Kennnummern hervor. „PB-92“ verweist auf das US-Waffenarsenal in Pine Bluff und 92 auf das Produktionsjahr; „THS-89“ auf das Unternehmen Thiokol Aerospace, das am Standort Minden in Louisiana bis 1994 eine Munitionsfabrik betrieb.

Und damit führt die Spur zum BAYER-Konzern, denn in den USA stellt nur er bzw. seine Tochter-Gesellschaft MONSANTO elementaren Phosphor – Phosphor in Reinform – her. Nahe der Glyphosat-Produktionsstätte Soda Springs fördert das zu MONSANTO gehörende Unternehmen P4 PRODUCTION in einer Tagebau-Mine Phosphorit und gewinnt daraus dann elementaren Phosphor. Der Global Player selbst erklärt dazu: „Elementarer Phosphor kommt in der Natur nicht frei vor. Um ihn für diese verschiedenen Anwendungen herzustellen, muss er aus Phosphat-Erz gewonnen werden. Dies geschieht in einem Verfahren, bei dem hochreiner Kohlenstoff eingesetzt wird, um dem Phosphat den Sauerstoff zu entziehen, sodass reiner elementarer Phosphor zurückbleibt. Weltweit gibt es nur wenige Standorte, an denen alle erforderlichen Voraussetzungen – geeignete Lagerstätten, technische Anlagen und Rohstoffe – für die Herstellung von Phosphor vorhanden sind. Auf dem amerikanischen Kontinent ist der einzige solche Standort Soda Springs im US-Bundesstaat Idaho. Weitere bedeutende Quellen für Phosphor befinden sich in Kasachstan, China und Vietnam.“

So taucht MONSANTO als Phosphor-Produzent dann auch in offiziellen Dokumenten des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums auf. Bei einem dieser Schriftstücke handelt es sich um eine Ausschreibung, in dem die Armee Lieferanten für das von MONSANTO produzierte Phosphor sucht, denn das Unternehmen beliefert die Armee nicht direkt. Diese Ausschreibung gewann die israelische Chemie-Firma ICL. 

Dazu gibt es noch ein zweites Dokument. In diesem beschwert sich ein Konzern, der bei der Ausschreibung zu kurz gekommen ist – PERIMETER – über die Auftragsvergabe. Dort heißt es unmissverständlich: „PERIMETER SOLUTIONS aus Clayton, Missouri, legt Protest gegen die Vergabe eines Vertrags an ICL-IP AMERICA, Inc. aus Saint Louis, Missouri, ein. Der Vertrag wurde im Rahmen der Ausschreibung Nr. W52P1J20R3006 vom Heeresamt für eine bestimmte Menge weißen Phosphors, hergestellt von MONSANTO, vergeben.“

Das Trump-Dekret

Die große Bedeutung für die militärische Verwendung von Phosphor und Glyphosat geht auch aus dem Dekret  Donald Trumps vom 18. Februar 2026 hervor. Diese Executive Order trägt nämlich die Überschrift:

„Förderung der Landesverteidigung durch die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit elementarem Phosphor und Herbiziden auf Glyphosat-Basis“. Als „in Verteidigungslieferketten allgegenwärtig und daher von entscheidender Bedeutung für die militärische Einsatzbereitschaft und die nationale Verteidigung“ bezeichnet das Dekret Phosphor, den Trump bereits im November 2025 als kritischen Rohstoff unter besonderen Schutz gestellt hatte. „Eine zukünftige Verringerung oder die Einstellung der inländischen Produktion von elementarem Phosphor und glyphosat-basierten Herbiziden würde die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten ernsthaft gefährden“, hält es deshalb fest.

Auf der Bilanzpressekonferenz im März 2026 brachte BAYER-Chef Bill Anderson seine Freude über diese Wertschätzung von Glyphosat und Phosphor zum Ausdruck, die er als Rückenstärkung in den juristischen Auseinandersetzungen um das von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Herbizid empfand. „Wir teilen diese Ansicht und werden die Verordnung umsetzen“, sagte Anderson. Auf der Hauptversammlung Ende April bestätigte der Leverkusener Multi das noch einmal. Frühere Belieferungen der US-Army stritt er allerdings trotz der von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) präsentierten Dokumente ebenso ab wie den Einsatz von Glyphosat und weißem Phosphor made by BAYER im Südlibanon.

Unterdessen beschäftigt der chemical warfare im Südlibanon mittlerweile internationale Institutionen. Im März 2026 musste der israelische UN-Botschafter Danny Danon nach einer Eingabe Libanons vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zur Verwendung von weißen Phosphor Stellung nehmen. Konkret konnte oder wollte er dazu allerdings nichts sagen. Es blieb bei der Beteuerung: „Wir tun alles, um zivile Opfer zu vermeiden.“ In Sachen „Glyphosat“ hat der Libanon sich ebenfalls an den Sicherheitsrat gewandt. Da steht eine Reaktion allerdings noch aus. 

Die Bundesregierung war nach einer Anfrage Ina Latendorfs von der Partei „Die Linke“ auch bereits gezwungen, sich mit dem Sachverhalt zu befassen. „Nach Auffassung der Bundesregierung muss jede militärische Maßnahme in einem bewaffneten Konflikt im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht stehen. Diese Haltung bringt die Bundesregierugn auch im Austausch mit den Regierungen in der Region regelmäßig zum Ausdruck“, erhielt sie zur Antwort.

Auf eine entsprechende Anfrage von Abgeordneten der europäischen Links-Fraktion hin äußerte sich die EU-Außenbeauftrage Kaja Kallas etwas ausführlicher als Merz & Co. „Der Einsatz chemischer Waffen durch irgendjemanden, überall, jederzeit und unter jeglichen Umständen stellt einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar“, hielt sie fest. Dabei verwies Kallas sowohl auf die Chemiewaffen-Konventionals auch die UN-Konvention zum „Verbot der militärischen oder sonstigen feindlichen Nutzung umweltverändernder Techniken“ (ENMOD), welche die Vereinten Nationen 1976 unter dem Eindruck von Vietnam verabschiedet hatten.

Kriegsrecht

Israel erklärt, sich bei dem Einsatz der Phosphor-Bomben an internationales Recht zu halten. Das erscheint jedoch zweifelhaft. Zudem erweisen sich die entsprechenden Bestimmungen als unzulänglich. So gelten mit weißem Phosphor bestückte Geschosse offiziell nicht als Chemie-Waffen, weil zuvörderst keine chemische Wirkung beabsichtigt ist. Dass die Bomben diese trotzdem entfalten, interessiert da nicht weiter. Wegen ihrer Feuergefährlichkeit und Fähigkeit, große Rauchwände zu erzeugen, zählen sie zu den Brandwaffen. Für diese ist das Protokoll III der UN-Konvention über bestimmte konventionelle Waffen (CWC) zuständig. Dieses  erlaubt die Verwendungen von Bomben zur Schaffung von Nebelwänden tatsächlich im Grundsatz, macht allerdings bedeutende Einschränkungen: Sie dürfen nicht gegen ZivilistInnen zum Einsatz kommen und auch nicht gegen ein militärisches Ziel, „das sich innerhalb einer Ansammlung von Zivilisten befindet“. Überdies verbietet das Protokoll ausdrücklich, „Wälder oder andere Arten von Pflanzenbewuchs anzugreifen“. 

Und genau solche Verletzungen der Konvention liegen im Südlibanon vor, weil die IDF die Phosphor-Geschosse über Wohngebieten und über Ackerflächen abfeuerte. 

Für Glyphosat gilt dagegen die Chemiewaffen-Konvention, da diese nach Vietnam eine bedeutende Änderung erfuhr. Die überarbeitete Fassung betrachtet jede Chemikalie als chemische Waffe, wenn sie als solche eingesetzt wird, und untersagt einen derartigen Gebrauch. 

Das Weitere regelt die von Kaja Kallas zitierte ENMOD-Konvention, die es definitiv nicht zulässt, „Vegetation zu vernichten, unter deren Deckung sich Terroristen nähern könnten“, wie es der Sender i24News ausdrückte.

Auch für HUMAN RIGHTS WATCH hat Israel im Libanon internationales Recht gebrochen.  Die Organisation kritisiert die Folgen der israelischen Militär-Operationen, bei denen Phosphor, Glyphosat & Co. noch nicht einmal zu den Hauptwaffen zählen, massiv. „Die Möglichkeit, dass die Hisbollah einige zivile Gebäude in den Grenzdörfern des Libanons für militärische Zwecke nutzt, rechtfertigt nicht die großflächige Zerstörung ganzer Dörfer entlang der Grenze“, so Ramzi Kaiss. Die Bilanz bisher: Tausende Tote und rund eine Million Vertriebene.

Die CBG hat sich immer wieder mit BAYERs Chemiewaffen-Tradition beschäftigt, die bis zum Ersten Weltkrieg zurückreicht. Auch zu den neuesten Fällen entfaltete sie viele Aktivitäten. Die Coordination thematisierte die Kriegsverwendungsfähigkeit von Glyphosat und Phosphor im Zuge der Ostermärsche, setzte den Dual-Use der beiden Stoffe auf die Tagesordnung der BAYER-Hauptversammlung, gab Interviews dazu und nahm gemeinsam mit PUBLIC WORKS an einer von MEDICO INTERNATIONAL organisierten Pressekonferenz zur Lage im Libanon teil. Und sie wird dranbleiben. 

Ticker 2/26

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

CBG bei „Wir haben es satt“-Demo

„Haltung zeigen! Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft weltweit“ – unter dieser Losung stand am 17. Januar die diesjährige „Wir haben es satt“-Demo. Rund 8.000 Menschen nahmen teil, darunter auch AktivistInnen der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG). Gemeinsam gingen sie in Berlin für eine Landwirtschaft auf die Straße, die nicht mehr unter dem Einfluss von Großkonzernen wie ALDI, BAYER & Co. steht. „Dieses agro-industrielle Modell sorgt für rund 30 Prozent aller Treibhaus-Emissionen, vergiftet die Gewässer, laugt die Böden aus und macht die Menschen krank“, hieß es in der Pressemitteilung der Coordination. Eine dieser Gesundheitsgefährdungen stellte die CBG auf ihrem Transparent besonders heraus: die Pestizid-Nebenwirkung Parkinson, die bei Bauern und Bäuerinnen nunmehr offiziell als Berufskrankheit anerkannt ist.

CBG bei Rosa-Luxemburg-Konferenz

Auch im Januar 2026 war die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) wieder mit einem Stand bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz vertreten. Das Stichwort BAYER, die Hauptversammlungsberichte, Flyer und andere Auslagen stießen auf reges Interesse. Mit den BesucherInnen, darunter viele alte Weggefährten der Coordination, ergaben sich viele intensive Gespräche. Zudem kamen so einige Unterschriften für die CBG-Kampagne zum sofortigen Glyphosat-Verbot zusammen.

CBG beteiligt sich an EU-Konsultation

Die EU hat in den letzten Monaten zahlreiche Regelungen zur Aufweichung von Gesundheits- und Umweltstandards an den Start gebracht. Das reicht ihr jedoch nicht. Sie will nun auch dafür sorgen, dass diese Vorhaben in Brüssel schneller durchgehen. Das Mittel der Wahl dazu: die Initiative zu einer „besseren Rechtsetzung“. 

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) machte ihre Ablehnung im Rahmen des Beteiligungsprozesses, den das EU-Reglement bei legislativen Akten vorsieht, deutlich. „Die EU gibt damit dem Lobby-Druck der Industrie nach“, hieß es in der Eingabe der Coordination unter anderem. Auch die von der Europäischen Union angeführten Gründe für den Vorstoß akzeptierte die CBG nicht. „Die veränderte geopolitische Lage darf nicht als Vorwand dafür dienen, Vorschriften zum Schutz von Mensch, Tier und Umwelt zu deregulieren – und das auch noch mittels beschleunigter Verfahren“, hielt sie fest.

Die CBG schreibt dem Freitag

Selbst in linken Publikationen fehlt manchmal das Bewusstsein dafür, wie sehr Handelsverträge für ungerechte Welthandelsbeziehungen stehen. So bezeichnete der Freitag entsprechende Vorbehalte als Relikte „einer längst überholten Globalisierungskritik“. Dem widersprach die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) in einem Leserbrief. Sie beschrieb darin die Ungleichgewichte im Warenaustausch zwischen der EU und den vier Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. „Jetzt schon handelt es sich nämlich bei rund 84 Prozent der EU-Exporte in die Mercosur-Staaten um Dienstleistungen und hochwertige Industrieprodukte mit hohem Wertschöpfungsanteil, während sich die Exporte der vier lateinamerikanischen Länder in die Europäische Union zu drei Vierteln aus Rohstoffen und Nahrungsmittel-Grundstoffen mit geringem Wertschöpfungsanteil zusammensetzen“, hieß es deshalb in ihrem Schreiben: „Und die Zoll-Erleichterungen für Industrie-Waren auf der einen Seite und Soja, Mais & Co. auf der anderen Seite, die das Abkommen gewährt, werden dieses Muster fortschreiben und noch einmal forcieren.“ Der Deindustrialisierungsprozess im Mercosur, der in den 1980er Jahren begann, dürfte sich damit noch fortsetzen, warnte die CBG und wies auf das Beispiel Brasilien hin. Dort betrug der Anteil der Industrie-Produktion am Bruttoinlandsprodukt 1986 29 Prozent und schrumpfte auf elf Prozent im Jahr 2021. 

Leider druckte der Freitag den Brief nicht ab.

Studierende fragen die CBG

Im März 2026 erhielt die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) eine Anfrage von einer niederländischen Studentin. Sie schrieb eine Arbeit über BAYERs EU-Lobbying im Zuge des letzten Glyphosat-Zulassungsverlängerungsverfahrens und bat um einige Informationen. Die Coordination gab bereitwillig Auskunft über die vielfältigen politischen Interventionen des Leverkusener Multis in der Sache und konnte der Frau so weiterhelfen. 

SchülerInnen fragen die CBG

Immer wieder bekommt die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) Anfragen von SchülerInnen, die BAYER-relevante Themen im Unterricht behandeln und dazu Referate oder andere Arbeiten anfertigen müssen. Im Januar 2026 ging es um den Umgang des Leverkusener Multis mit seiner NS-Vergangenheit.  Als konkretes Beispiel dienten dabei die Medizinversuche mit KZ-Häftlingen. Die SchülerInnen zeigten sich durchaus beeindruckt von BAYERs neuer Vergangenheitspolitik, die 2023 mit der Gründung der „Hans und Berthold Finkelstein Stiftung“ und der Errichtung eines ZwangsarbeiterInnen-Mahnmals nahe der Konzern-Zentrale einsetzte. Die CBG machte jedoch gerade in Bezug auf die Arznei-Tests in Auschwitz und anderswo deutlich, wie defizitär diese Aufarbeitung noch ist. Noch immer behauptet der Global Player nämlich, das Unternehmen habe der SS die Medikamente in bestem Wissen und Gewissen geliefert und gar nicht gewusst, wie die Erprobungen im Einzelnen abliefen. Und im Fall von Zyklon B lauten die Antworten ähnlich (siehe auch I.G. FARBEN & heute).

Brasil de Fato interviewt die CBG

Sowohl das Pestizid Glyphosat als auch sein Vorprodukt Phosphor kommt im Nahost-Krieg zum Einsatz. In einem Interview, das die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) dem brasilianischen Presse-Medium Brasil de Fato dazu gab, spannte sie einen weiten Bogen von den Anfängen des „herbicidal warfare“ in den 1940er Jahren bis zur Gegenwart.

Aktuell verwendet die israelische Armee nach Recherchen von Human Rights Watch weißen Phosphor in Artillerie-Munition. Laut Washington Post stammt dieser aus den USA. Und da dort nur der BAYER-Konzern in nennenswertem Umfang über die Substanz verfügt, führt die Spur zu ihm (siehe auch POLITIK & EINFLUSS). 

Aber Israel nutzt nicht nur Phosphor, sondern auch Glyphosat selbst als Chemie-Waffe. Das Herbizid dient im Südlibanon zusammen mit anderen Mitteln dazu, Ackerflächen zu zerstören und so ein Niemandsland als Pufferzone zu schaffen. Laut „Euro-Med Human Rights Monitor“ machte die Armee auf diese Weise schon aus 9.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verbrannte Erde.

Soli-Erklärung zum Debanking

Seit einiger Zeit greift die Praxis des Debanking um sich. Die Banken kündigen politisch unliebsamen Organisationen oder Privatpersonen einfach die Konten wie etwa der Journalistin Gaby Weber, mit der die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) schon oft zusammengearbeitet hat. Darum hat die Coordination auf ihrer Webseite eine Solidaritätserklärung veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: „Gesellschaftliche Teilhabe ist unverzichtbar für ein demokratisches Land, und dafür wiederum ist der Zugang zum Finanzverkehr unabdingbar. Wird dieser erschwert oder gar verunmöglicht, so werden die Existenz, die Arbeit und die gesellschaftliche Wirksamkeit zivilgesellschaftlicher, politischer und oppositioneller Gruppen bedroht.  Gleiches gilt für Einzelpersonen. Debanking ist ein Angriff auf demokratische Grundrechte.“

Debanking: CBG unterstützt Antrag

Bei einem der Geldhäuser, die Debanking betreiben, hat die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) nicht nur ein Konto, sondern hält auch Genossenschaftsanteile. Das ist bei der GLS-Bank der Fall, die der DKP ihr Konto kündigte. Das eröffnete der Coordination die Möglichkeit, zur anstehenden Genossenschaftsversammlung einen Antrag zu unterstützen, der eine Rücknahme der Konto-Kündigung fordert.

Saatgut-Festival in Düsseldorf

Das Düsseldorfer Saatgut-Festival fand am 14. März im Geschwister-Scholl-Gymnasium nahe des Düsseldorfer Volksgartens statt. Dort drehte sich alles um Vielfalt, Ökologie und Umweltschutz. Hobby-GärtnerInnen sollte der Zugang zu freiem Saatgut und zum Wissen rund um den Anbau und Erhalt von selten gewordenen und alten Sorten ermöglicht werden. Das angebotene Saatgut war frei von geistigen Eigentumsrechten und lässt sich, ohne seine Eigenschaften zu verlieren, weiter vermehren. Das Saatgutfestival war somit ein großer überregionaler Markt für freies Saatgut – ergänzt um eine Tauschbörse, um praktische Wissensvermittlung und weitere Informationsangebote. 

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) war mit einem Infostand vertreten und sammelte Unterschriften für einen „Glyphosat-Stopp jetzt!“. Auch auf die anstehenden Aktionen rund um die BAYER-Hauptversammlung am 24. April wies die Coordination hin. Das alles stieß auf reges Interesse, so dass die CBG ein positives Fazit ziehen konnte.

CBG beim Kölner Saatgut-Festival

Auch 2026 war die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) wieder mit einem eigenen Infostand auf dem Kölner Saatgutfestival vertreten, das diesmal zehnjähriges Jubiläum feiern konnte. Gemeinsam mit weiteren Organisationen wie GREENPEACE, der Verbraucherzentrale NRW sowie FIAN informierte die Coordination über ihre aktuellen Kampagnen-Themen und sammelte vor allem Unterschriften für einen „Glyphosat-Stopp jetzt!“. Aktueller Anlass war der von BAYER mit AnwältInnen von Glyphosat-Geschädigten ausgehandelte Vergleichsvorschlag. Demnach will der Konzern über einen Zeitraum von 21 Jahren hinweg 7,25 Milliarden Dollar zur Beilegung vorliegender und zukünftiger Klagen zahlen, wobei die Summen Jahr für Jahr abnehmen. Die CBG überzeugt dies nicht, denn der Vorschlag enthält einige heikle Regelungen und lässt viele Fragen offen. 

Auch auf die anstehenden Aktionen rund um die BAYER-Hauptversammlung wies die CBG hin. Veranstalter des Saatgutfestivals waren unter anderem der VEREIN ZUR ERHALTUNG DER NUTZPFLANZENVIELFALT (VEN) und die Volkshochschule Köln. Neben einer Tauschbörse für selbst geerntetes Saatgut und Gelegenheiten zum Kauf alter Obst- und Gemüsesorten bot das Programm auch Vorträge rund um Sortenerhalt, Vermehrung und Aussaat an. Hinzu kamen Informationen über die aktuellen Deregulierungsbestrebungen in der Gentechnik und im Saatgutrecht, das große Konzerne begünstigt und die Vielfalt unserer Kulturpflanzen bedroht. 

Blockade-Aktion gegen Lobbyismus

Am 9. Februar 2026 hat Extinction Rebellion in Brüssel den Eingang des Hauses blockiert, in dem der europäische Chemieverbands CEFIC seinen Sitz hat. „Sein toxisches Lobbying vergiftet unser Wasser, unsere Körper und unsere Demokratie“, erklärte die Gruppe zur Begründung der Aktion gegen den Lobby-Club, der unter anderem die Interessen von Bayer, BASF, ExxonMobil, Shell, Solvay und TotalEnergies vertritt. Nicht nur deshalb unterstützte die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) die Blockade, sondern auch, weil der Leverkusener Multi selbst in dem Gebäude residiert: Er unterhält dort sein sogenanntes Verbindungsbüro. 

„Von dem Gebäude in der Rue Belliard 40 aus betreiben BAYER & Co. ihre Einflussarbeit mit viel Geld. Vor allem die Vereinfachungspakete der EU zur Aufweichung von Gesundheits- und Umweltschutzstandards prägten sie maßgeblich mit, ohne dafür durch demokratische Prozesse legitimiert zu sein. Darum hält die Coordination gegen BAYER-Gefahren das Protest-Mittel des zivilen Ungehorsams, zu dem Extinction Rebellion gegriffen hat, für angebracht“, hieß es in ihrer Presseerklärung.

CBG beim Vereinsjubiläum

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) kooperiert schon  lange mit dem VEREIN EHEMALIGER HEIMKINDER SCHLESWIG-HOLSTEIN. Zu den vielen Martyrien, die die sogenannten Pfleglinge über sich ergehen lassen mussten, gehörten nämlich auch im Auftrag von BAYER & Co. vorgenommene Medikamentenversuche. Mehrmals stellten die Vereinsmitglieder den Leverkusener Multi auf den Hauptversammlungen deshalb schon zur Rede. 

Darum gehörte die CBG auch mit zu den Gästen, mit denen der Verein am 14. März 2026 in Bad Malente sein 15-jähriges Bestehen nachfeierte.

Günther Jesumann hob zu Anfang seines Festvortrags erst einmal die Bedeutung des Vereins für die Vereinsmitglieder selbst hervor. In ihm haben viele von ihnen nämlich erstmals etwas gefunden, was es draußen in der Gesellschaft für sie nicht gab: Vertrauen, Verständnis und menschliche Wärme. Erst danach begann Jesumann seinen Rückblick auf die lange grausame Geschichte der Heimerziehung in Deutschland und die noch recht kurze Geschichte der Aufarbeitung. 

BAYER & Co. nahmen in seiner Rede keine kleine Rolle ein,  schlossen sie doch mit den Klinik-ÄrztInnen einen teuflischen Pakt, der aus den Heimkindern Versuchskaninchen für die Pharma-Industrie machte. Die MedizinerInnen der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig-Hesterberg zeigten sich hocherfreut darüber, dass „die Pharma-Industrie uns ermöglicht, ihre Medikamente zu erproben“ und der Leverkusener Multi darüber, dass die DoktorInnen ihm ihre Zöglinge so eilfertig auslieferten. Dafür revanchierte er sich auch entsprechend und lud schon mal zu exklusiven Bootspartien auf dem Rhein ein, mit einem kleinen Symposium im Schlepptau. 

Das Ende der schwarzen Pädagogik läutete Jesumann zufolge erst die Studierenden-Bewegung von 1968 ein. Die Opfer allerdings gerieten erst im Jahr 2000 verstärkt in den Fokus, in das dann auch die Gründung des Vereins der ehemaligen Heimkinder fiel, wie Irene Johns vom Kinderschutzbund hervorhob.

Eines der damaligen Gründungsmitglieder, Günter Wulf, schilderte im Gespräch mit Günther Jesumann noch einmal seine schlimmen Erfahrungen, deren Ausmaß vielleicht am besten die Episode seiner Flucht verdeutlicht. Wulf seilte sich mittels Bettlaken aus der Psychiatrie ab, wurde aber schon kurz danach aufgegriffen. Er landete auf einer Polizei-Wache und musste die Nacht in einer Zelle verbringen, aber im Vergleich zu Hesterberg kam ihm die Behandlung dort wie Bullerbü vor. Ausdrücklich entschuldigte sich die Bischöfin Nora Steen als Repräsentantin eines der Träger der damaligen Einrichtungen an dem Tag noch einmal bei den ehemaligen Heimkindern für das ihnen dort zugefügte Unrecht.

Wulfs Leidensgenosse Frank Wagle nahm sich in einem Video-Einspieler BAYERs Ex-Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann vor, den er 2019 auf der Hauptversammlung des Konzerns erlebte. Noch immer war ihm dabei die Empörung über die Kaltschnäuzigkeit des Managers anzumerken, mit der dieser damals wider besseren Wissens bekundet hatte, in den Archiven des Unternehmens würde sich nichts zu den Medikamentenversuchen finden. 

Und an Wagle war es zum Schluss auch, das zu formulieren, was ihn, Günter Wulf und alle anderen Vereinsmitglieder bei ihrer Arbeit leitet: „[D]ass nicht mehr vorkommt, was vorgekommen ist.“

Die Wort-Kosmetik von BAYER & Co.

Die Süddeutsche Zeitung hat einmal gesammelt, welchen Wortnebel die Unternehmen verbreiten, wenn es eigentlich um ganz schnöde Arbeitsplatzvernichtung geht. Bei MUNICH RE heißt das ominös „Ambition 2030“ und das entsprechende Programm „Sustain“ und bei MERCEDES „Next Level Performance“. Den Vogel aber schießt für die SZ BAYER ab: „Besonders rätselhaft ist das, was der Agrarchemie- und Pharmakonzern BAYER schon seit einiger Zeit an Rhetorik-Kunst anbietet. Es geht um ein Organisationsmodell, das BAYER-Chef Bill Anderson auf den Namen ‚Dynamic Shared Ownership‘ (DSO) getauft hat, also in etwa: Dynamisch geteiltes Eigentum. Nun ist es nicht so, als wären die Leverkusener jetzt zu einer Art sozialistischem Produktionsbetrieb geworden. Es geht um mehr Eigenverantwortung für alle, weniger Führungsebenen für den Konzern – und – man ahnt es schon: einen Stellenabbau für viele.

Geier BAYER

Die DEUTSCHE UMWELTHILFE (DUH) verleiht jedes Jahr den „Goldenen Geier“ für die dreisteste Umweltlüge. Dieses Mal unter den Nominierten: der BAYER-Konzern. Verdient hat er sich das durch die Behauptung, seine Pestizide hätten „außergewöhnlich wenige Umweltauswirkungen“, wo Glyphosat & Co. doch laut DUH „Bienen schädigen, Böden belasten und Gewässer kontaminieren“. Ein „dreistes Greenwashing im Namen der Biodiversität“ attestiert die Organisation dem Leverkusener Multi deshalb. Die Stimme der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN ist dem Agro-Riesen schon sicher.

MEZIS kritisiert hohe Pillen-Preise

Die ÄrztInnen-Initiative MEIN ESSEN ZAHL ICH SELBST (MEZIS), die keine kleinen Aufmerksamkeiten von der Pharma-Industrie annimmt, verortet die Finanzierungsprobleme des Gesundheitssystems nicht auf der Einnahmen-, sondern auf der Ausgaben-Seite. Sie nimmt hierbei besonders die von den Pillen-Riesen verlangten Mondpreise für neue Medikamente in den Blick. Der BAYER-Konzern etwa veranschlagt für eine Packung seines Krebsmittels NUBEQA mit 112 Tabletten rund 3.500 Euro.

„In schöner Regelmäßigkeit werden jedes Jahr neue Rekordausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel gemeldet – für 2024 ein weiteres Plus von fünf Milliarden Euro“, hält die Organisation fest. Der Bundesregierung wirft MEZIS in diesem Zusammenhang Tatenlosigkeit vor: „Wie bereits befürchtet, hat der letzte Pharma-Gipfel der Regierung wenig Konkretes gerade bei den wirklich dringlichen Fragen gebracht – z. B. warum die Versicherten immer höhere Beiträge zahlen sollen, gleichzeitig die Umsätze der pharmazeutischen Industrie verlässlich steigen“, konstatiert MEZIS. 

I.G. FARBEN & HEUTE

81 Jahre Auschwitz-Befreiung

Am 27. Januar 2026 jährte sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee zum 81. Mal. Über eine Millionen Menschen brachten die Nazis dort um. 

Der BAYER-Konzern wirkte als wesentlicher Teil der I.G. FARBEN an der Tötungsmaschinerie mit, wie die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) in einem Beitrag zu dem Gedenktag auf ihrer Website darlegte. Das Chemie-Konglomerat unterhielt auf dem Gelände ein eigenes KZ, beschäftigte zahllose SklavenarbeiterInnen und führte Menschenversuche durch. Und auch zum industriellen Massenmord lieferte die I.G.-Tochter DEGESCH die Tatwaffe: Zyklon B.

Beim Nürnberger I.G.-FARBEN-Prozess sagten die verantwortlichen I.G.-Vorstände Carl Wurster, Wilhelm-Rudolf Mann und Heinrich Hörlein aus, von diesem Verwendungszweck nichts gewusst zu haben. Was die florierenden Auschwitz-Geschäfte mit dem Giftgas anging, seien sie von einer „Insektenplage im Osten“ ausgegangen, behaupteten die Manager – und kamen damit durch. Die RichterInnen sprachen sie vom Vorwurf der „Teilnahme am Massenmord“ frei. 

Dabei gab es erdrückende Beweise für das Gegenteil. Die BASF stellt die „Teilnahme am Massenmord“ deshalb inzwischen nicht mehr in Abrede. Sie veröffentlichte im letzten Jahr, als sich die Gründung der I.G. FARBEN zum 100. Mal jährte, auf ihrer Webseite ein umfangreiches Dossier über „[e]in belastetes Kapitel deutscher Industrie-Geschichte“. Zu Zyklon B hieß es da: „Heute geht die historische Forschung davon aus, dass man im Konzern auf oberster Ebene hiervon wusste.“

Von BAYER hingegen fehlt ein solches Bekenntnis bis heute. 

BITS & BYTES

Verkaufsförderung durch FIELDVIEW

Die digitale Landwirtschaft sammelt mit Hilfe von Drohnen, Sensoren und Satelliten-Bildern Informationen über das Wetter, die Bodenbeschaffenheit, Pflanzenkrankheiten und Schadinsekten. BAYER gehört mit „FieldView“ zu den größten Anbietern in diesem Bereich. Auf 120 Millionen Hektar Ackerboden – fast das 7-Fache der gesamten landwirtschaftlichen Flächen Deutschlands – in 24 Ländern der Erde kommt das System mittlerweile zum Einsatz. Wobei der Leverkusener Multi seinen KundInnen natürlich stets „die volle Kontrolle über ihre Daten“ lässt.

Dem Konzern zufolge hilft das Tool den LandwirtInnen, „Betriebsabläufe und Erträge zu optimieren“. Aber nicht nur das. „Die FIELDVIEWTM-Plattform liefert ihnen wertvolle Erkenntnisse und erhöht zugleich den Absatz von BAYER-Produkten, da die LandwirtInnen die Leistung der Produkte über die digitale Benutzer-Oberfläche erfassen und vergleichen können“, konstatiert der Agro-Riese. Er liefert sogar gleich die Zahlen dazu: „So hat BAYER in den USA fünf Prozent mehr Maissaatgut an Kunden verkauft, die FIELDVIEWTM Plus nutzen, als an solche, die das System nicht nutzen.“

POLITIK & EINFLUSS

Trumps Glyphosat-Order

Am 18. Februar 2026 wurde Donald Trump höchstpersönlich zum Schutzpatron von Glyphosat: Er stufte das Herbizid mitsamt seinem Vorprodukt Phosphor per Dekret als systemrelevant ein. „Förderung der Landesverteidigung durch die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit elementarem Phosphor und Herbiziden auf Gyphosat-Basis“ war seine „Executive Order“ überschrieben. Als „in Verteidigungslieferketten allgegenwärtig und daher von entscheidender Bedeutung für die militärische Einsatzbereitschaft und die nationale Verteidigung“ bezeichnet die Anordnung Phosphor. Unter anderem findet es in Rauchbomben und Blendgranaten sowie in Halbleitern, „die für zahlreiche Verteidigungstechnologien wesentlich sind“, Verwendung.

Und da es in den USA nur einen Produzenten von Phosphor und Pestiziden auf Glyphosat-Basis gibt – nämlich BAYER – würde die Schließung der Fertigungsstätte in Soda Springs Trump zufolge die nationale Sicherheit bedrohen. Bereits im November 2025 hat er Phosphor deshalb als „kritischen Rohstoff“ kategorisiert. 

Auch die zivile Nutzung von Glyphosat in  der Landwirtschaft gilt dem Dekret zufolge als systemrelevant, da ohne BAYER als Hauptlieferant angeblich eine Abhängigkeit von Importen aus China drohe.

Extrem-Lobbyismus in Brüssel

Der BAYER-Konzern schädigt durch seine Produktion und seine Produkte Mensch, Tier und Umwelt massiv. Um dieses zum Segen des Profits weiterhin tun zu können und in der Lage zu sein, Regulierungsversuche von Seiten der Politik abzuwehren, entfaltet der Global Player umfangreiche Lobby-Aktivitäten. Allein sein Brüsseler Verbindungsbüro verfügte 2025 über einen Etat von bis zu 6,4 Millionen Euro. 

61 Personen gingen dort im letzten Jahr der Einflussarbeit nach, neun davon besaßen einen direkten Zugang zum Europäischen Parlament. Auf nicht weniger als 74 Politikfelder erstreckten sich ihre Tätigkeiten. Dazu zählten z. B. die „Farm to Fork“- Strategie, die Biodiversitätsstrategie, der Zero Pollution Action Plan, das Bodenschutz-Gesetz, die Wasser-Richtlinie, das EU-Klimagesetz, die Industrieemissionen-Richtlinie, die PFAS-Regulierung, die Chemikalien-Regulierung, das EU-Patentrecht, die Regulierung der Pestizid-Rückstände, das Exportverbot für innerhalb der EU verbotene Pestizide, die neuen Gentechniken, der EU-Mercosur-Vertrag und die Omnibus-Vereinfachungspakete.

33 Mal trafen sich die BAYER-LobbyistInnen dabei direkt mit EU-KommissarInnen oder deren Kabinettsmitgliedern. Auf der Tagesordnung standen dabei Themen wie die Omnibus-Vereinfachungspakete, BAYERs Afrika-Strategie, das Verhältnis der EU zu den USA, die Regulierung der neuen Gentechniken, die Chemikalien-Regulierung, die Gesundheitspolitik der EU und der Clean Industrial Deal.

Darüber hinaus gehört der Agro-Riese unzähligen Verbänden an, die ihrerseits Lobbyarbeit betreiben. Zu nennen sind hier etwa der europäische Verband der Chemie-Industrie CEFIC, Business Europe, „FluoroProducts and PFAS for Europe“, die „European Federation of Pharmaceutical Industries“ und CropLife Europe.

Damit nicht genug, engagiert BAYER zusätzlich auch noch PR-Firmen für Lobby-Aufgaben. So arbeitete PENTA für den Leverkusener Multi in Sachen „Green Deal“ und „Farm to Fork Strategy“, Rud Petersen Public Affairs in Sachen „Pestizide“ „Farm to Fork“ und „Gemeinsame Agrarpolitik“ und EUTOP unter anderem in Sachen „PFAS“, „Chemikalien-Regulierung“, „Bodenschutz-Gesetz“, „Arznei-Rückstände in der Umwelt“ und „Omnibus-Vereinfachungspakete“.

BAYER sponsort Sicherheitskonferenz

Zur Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) finden sich Jahr für Jahr wichtige PolitikerInnen ein. Das macht das Meeting auch für den BAYER-Konzern interessant. „Die Firmen wollen schlichtweg Zugang zu den Entscheidungsträgern“, zitiert Die Zeit ein ehemaliges Regierungsmitglied. Ganz billig ist das allerdings nicht. „Unter 200.000 Euro musst Du dich gar nicht erst blicken lassen“, versicherte ein Insider der Wochenzeitung. Aber der Leverkusener Multi kann das locker aufbringen. Manchmal kauft er sich sogar die Möglichkeit, unter dem Signet der MSC eigene Veranstaltungen durchzuführen wie im letzten Jahr eine zur Ernährungssicherheit. In der Task Force Ernährungssicherheit, die die MSC ins Leben gerufen hat, ist BAYER deshalb naturgemäß auch vertreten. Der oberste Öffentlichkeitsarbeiter des Unternehmens, Matthias Berninger, vertritt dort die Interessen des Global Players. 

Kein einheitlicher „Benehmensstatus“

Seit Jahren fordert der BAYER-Konzern schnellere Genehmigungsverfahren für Pestizide bzw. „eine Entpolitisierung der Zulassung und mehr Wertschätzung und Realismus in der Debatte um Risiken und Nutzen von Pflanzenschutzmitteln“. In Sachen „Verschlankung der behördlichen Zusammenarbeit“ hatte der Agro-Riese auch schon eine Idee. Er schlug im Frühjahr 2025 vor, dem Umweltbundesamt (UBA) das Vetorecht bei den Verfahren zu nehmen und es stattdessen auf eine Ebene mit dem Julius-Kühn-Institut und dem „Bundesinstitut für Risikoforschung“ zu stellen. Einen einheitlichen „Benehmensstatus“ will der Global Player so generieren. 

Die Politik zeigte sich dafür durchaus auch aufgeschlossen, aber die AgrarministerInnen-Konferenz votierte dagegen. Die Vetos der drei grünen LandwirtschaftsministerInnen aus Hamburg, Bremen und Niedersachsen gaben dabei den Ausschlag. Die Bundesregierung hat ebenfalls keine Pläne mehr, den Einfluss des UBA zu beschränken. „Es sind keine rechtlichen Änderungen hinsichtlich des Status des Bundesumweltamtes als Einvernehmensbehörde vorgesehen“, hieß es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage von Bündnis90/Die Grünen. 

Neusprech im Agrar-Ministerium

„Pestizid“ ist ein schlimmes Wort für eine schlimme Sache. Darum spricht der BAYER-Konzern lieber von „Pflanzenschutzmitteln“. Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) tut es ihm jetzt gleich und setzte im Bundeslandwirtschaftsministerium den Neusprech durch. „Dabei gibt es Sprachpuristen, die bereits den Begriff „Pestizid“ verharmlosend finden“, kommentierte die FAZ süffisant.

BAYER & Co. schreiben Warken

Im Dezember 2023 hat die damalige Bundesregierung eine „Pharma-Strategie“ beschlossen, um den Pillenstandort Deutschland zu stärken. Das demselben Zweck dienende Format des „Pharma-Dialogs“ existiert schon seit 2014. Das alles honorieren BAYER & Co. im Prinzip auch, dann jedoch kommt das große Aber: „Gleichwohl treibt uns die Sorge um, dass die einschneidenden globalen Herausforderungen (…) sich noch nicht in der Dialog-Arbeit widerspiegeln“, schreiben der von BAYER gegründete „Verband der forschenden Arzneimittelhersteller“ und andere Pharma-Organisationen in einem Brief an Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU). „Zu unserer Enttäuschung nehmen wir zur Kenntnis, dass im Rahmen unterschiedlicher Arbeitsgruppen verschiedene Spar-Instrumente behandelt werden, welche die Arzneimittel-Versorgung treffen und die Zielsetzung des Dialogs konterkarieren würden“, heißt es darin. Konkret benennt die Industrie in dem Schreiben unter anderem Überlegungen zu einer Begrenzung der Mondpreise für patentgeschützte Präparate und zur Abschaffung einiger Sonderregelungen des „Arzneimittellieferengpass-Bekämpfungsgesetzes“. Die wachsenden Arzneimittel-Ausgaben – 2025 stiegen sie gegenüber dem Vorjahr um 4,9 Prozent auf 56,4 Milliarden Euro – erweisen sich nämlich immer mehr als Gesundheitssystemsprenger. BAYER & Co. zeigen sich jedoch erwartungsgemäß nicht bereit, einen Beitrag zur Verringerung der Kosten-Explosion zu leisten.

Reform im Steuerparadies

Der BAYER-Konzern nutzt die hiesigen Steuer-Oasen Schönefeld und Monheim exzessiv für das, was der frühere Vorstandsvorsitzende Werner Baumann einmal „eine veränderte regionale Ergebnis-Verteilung“ genannt hat. In Monheim, wo der Gewerbesteuer-Hebesatz mit 250 Punkten deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 437 Punkten liegt, hat der Global Player seine Patent-Abteilung angesiedelt. Dorthin müssen die Tochter-Gesellschaften für die Nutzung von geistigem Eigentum oder Marken-Rechten etwa an ASPIRIN Geld überweisen. Diese Ausgaben machen sie dann an ihren Standorten steuermindernd geltend, während sie in Monheim als Einnahmen finanzamtstechnisch kaum ins Gewicht fallen. 

In Schönefeld (Hebesatz: 240 Punkte) haben gleich sechs Immobilien-Gesellschaften des Agro-Riesen ihre Briefkasten-Adresse. Und auch am Stammsitz Leverkusen sieht es für ihn gut aus. Die Stadt ist mit einem Hebesatz von 250 Punkten nämlich auch in den Steuersenkungswettbewerb eingetreten.

Aber jetzt ziehen über den Steuer-Paradiesen etwas dunklere Wolken auf. Mitte Januar hat sich das Bundeskabinett auf einen Mindest-Hebesatz von 280 Punkten geeinigt.

Haushaltsgesetz ohne Lex BAYER

Mit enormen Lobby-Aufwand versucht BAYER in den USA, Glyphosat per Gesetz Immunität zu verschaffen. In den Bundesstaaten Georgia und North Dakota ist das dem Konzern schon gelungen. Darüber hinaus wollte er im neuen Haushaltsgesetzes einen entsprechenden Passus unterbringen. Anfangs sah es auch gut aus. Appelle wie derjenige der Demokraten-Politikerin Chellie Pingree, die die MandatsträgerInnen aufgefordert hatte: „Lasst uns diesen Zusatz in Stücke reißen! Lasst uns eine klare Botschaft senden, dass wir nicht zulassen werden, dass umweltverschmutzende Unternehmen die Wahrheit über krebserregende Chemikalien verbergen, und dass wir immer für die öffentliche Gesundheit kämpfen werden statt für den Reichtum von Unternehmen!“, schienen wirkungslos zu verhallen. 

Aber schlussendlich konnten Pingree und ihre MitstreiterInnen doch einen Erfolg verbuchen. Der BAYER-Paragraf flog raus. „Ich habe einfach eine Grenze gezogen und gesagt, dass dies nicht im Gesetzentwurf bleiben kann“, sagte Chellie Pingree gegenüber dem Guardian: „Es gab intensive Lobbyarbeit von BAYER. Das war ein ziemlich harter Kampf.“ 

Endgültig vom Tisch ist die Sache Pingree zufolge jedoch nicht. Ihrer Ansicht nach wird der Agro-Riese jetzt andere legislative Wege suchen. „Ich glaube nicht, dass es vorbei ist“, so die Demokratin.

Soja-Moratorium passé

In Brasilien erreichte die Agrar-Lobby eine Aufhebung des Soja-Moratoriums, mit dem sich die führenden Agrarrohstoff-Händler BUNGE, CARGILL, LOUIS DREFUS und COFCO – auf großen öffentlichen Druck hin – darauf verständigt hatten, kein Soja aus nach 2008 gerodeten Regenwald-Gebieten mehr zu vermarkten. Der Bundesstaat Mato Grosso, eine Landwirtschaftshochburg, erließ ein Gesetz, dass alle Unternehmen, die sich freiwillig zu höheren Standards als den vorgeschriebenen verpflichten, von staatlichen Förderungen ausnimmt. Der  Präsident Luiz Inácio Lula da Silva reichte zwar umgehend eine Verfassungsklage gegen das Paragrafen-Werk ein, scheiterte damit jedoch. 

Der Unternehmensverband Abiove, der BUNGE & Co. vertritt, zögerte nicht lange und erklärte seinen Rückzug aus dem Moratorium. Nun können die Kettensägen wieder loslegen, neuen Ackergrund erschließen und so auch den Verkauf von Soja-Pflanzen und Pestiziden aus dem Hause BAYER ankurbeln. Das Umweltforschungsinstitut für das Amazonas-Gebiet, IPAM, rechnet dadurch bis 2045 mit bis zu 30 Prozent mehr Abholzungen.

BAYER mit Merz in China

Der BAYER-Konzern betreibt in China fünf Produktionsanlagen und fünf sogenannte Innovationszentren; 7.000 Menschen beschäftigt er in dem Land.  „Sowohl aus Innovations- als auch aus Marktperspektive ist China einer der wichtigsten strategischen Pfeiler von BAYER“, sagte BAYER-Chef Bill Anderson Anfang November 2025 in Shanghai auf der Messe „China International Import Expo (CIIE) dann auch. „Unser Engagement für Investitionen in diesem Markt ist unerschütterlich“, so der Verstandsvorsitzende. Selbstverständlich gehörte er deshalb der Wirtschaftsdelegation an, die Bundeskanzler Friedrich Merz Ende Februar 2026 auf seiner Reise ins Reich der Mitte begleitete. Vor Ort bezeichnete Anderson die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und China als so umfangreich wie sonst kaum eine zwischen zwei Staaten auf der Welt. „Beide Staaten würden von einer weiteren Stärkung dieser Verbindung enorm profitieren und bei einer Schwächung viel verlieren“, hielt er gegenüber Table.Media fest. Dementsprechend sprach der US-Amerikaner sich gegen ein Zurückfahren des Handels mit der Volksrepublik aus, wie es De-risking-Strategien vorsehen.

PROPAGANDA & MEDIEN

Noch mehr Ghostwriting?

Im Dezember 2025 zog das Medizin-Journal Regulatory Toxicology and Pharmacology eine Glyphosat-Studie zurück, die es 1999 veröffentlicht hatte. Die Untersuchung, die bei den Verfahren zu den Zulassungsverlängerungen des Herbizids eine große Rolle gespielt hat und immer noch spielt, war nämlich von Geisterhand geschrieben – derjenigen von der jetzigen BAYER-Tochter MONSANTO. Dementsprechend wohlwohlend fiel ihr Urteil über das Ackergift aus.

Die beiden WissenschaftlerInnen, die die Fachzeitschrift zu diesem Schritt veranlassten – Sasha Kaurov und Naomi Oreskes – haben nach Informationen von Die Zeit eine weitere mehr als fragwürdige und ebenfalls sehr einflussreiche Studien-Arbeit zu Glyphosat entdeckt. Deshalb fordern sie das Wissenschaftsmagazin, das diese publiziert hat, nun auf, ebenfalls Konsequenzen zu ziehen. Der Verlag reagierte prompt. Er kündigte an, den Fall prüfen und „zeitnah reagieren“ zu wollen. BAYER beschwichtigt hingegen. MONSANTO habe an der „überwiegenden Mehrheit der Studien“ nicht mitgewirkt, erklärte Konzern-Sprecher Philipp Blank. Und überhaupt: „Weltweit herrscht unter führenden Regulierungsbehörden Einigkeit darüber, dass Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung sicher und nicht krebserregend ist.“

PR in Sachen „Elinzanetant“

BAYER & Co. ist es gelungen, die Wechseljahre zu einer Krankheit zu erklären. KritikerInnen bezeichnen das als „die Medikalisierung körperlicher Umbruchphasen im Leben von Frauen“. Der Leverkusener Multi aber erschließt diesen Markt unverdrossen. So hat er im Jahr 2020 die Biotech-Firma KANDY gekauft, die ein ohne Hormone auskommendes Mittel gegen Hitzewallungen als häufige Begleiterscheinung der Wechseljahre in der Pipeline hatte: Elinzanetant. Nach Zulassungen in Großbritannien, Kanada, Australien und der Schweiz erteilten im November 2025 auch die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA und die EU Genehmigungen für das Medikament. 

Der Pharma-Riese will es unter dem Namen LYNKUET vermarkten und rechnet mit einem Umsatz von bis zu einer Milliarde Euro. Dazu muss er allerdings viel Werbung machen. Im Zuge dessen kaufte er sich in das US-Magazin The Atlantic ein. Dort verbreitete der Konzern unter dem Titel „A frank talk about menopause“ einen langen Artikel über eine – wiederum gemeinsam mit The Atlantic veranstaltete – ExpertInnen-Runde zum Thema „Hitzewallungen“. „Sponsor content by BAYER“ stand ganz klein über dem Text.

DRUGS & PILLS

Pharmaceutical-Umsatz steigt

Der Umsatz von BAYERs Pharmaceutical-Sparte erhöhte sich im Geschäftsjahr 2025 gegenüber 2024 um 1,7 Prozent. Dafür sorgten nach Angaben des Konzerns vor allem „signifikante Zuwächse“ durch das Krebs-Therapeutikum NUBEQA, das zur Behandlung von Nierenerkrankungen und Herz-Insuffizienz zum Einsatz kommende KERENDIA, das Langzeit-Kontrazeptivum MIRENA sowie der Röntgen-Kontrastmittel ULTRAVIST und CT FLUID DELIVERY. Das konnte zurückgehende Zahlen beim Gerinnungspräparat XARELTA und dem Augenmedikament EYLEA auffangen.

Der Gewinn vor Sondereinflüssen ging dennoch zurück, weil der Leverkusener Multi viel Geld in Werbemaßnahmen zur Produkteinführung neuer Mittel investierte (s. o.). Zudem stiegen die Forschungsausgaben. Darüber hinaus wirkte sich noch der hohe Dollar-Kurs negativ aus.

„Consumer Health“-Umsatz stagniert

Der Umsatz von BAYERs Sparte mit den nicht rezeptpflichtigen Mitteln wie etwa ASPIRIN betrug im Geschäftsjahr 2025 5,8 Milliarden Euro. Gegenüber 2024 veränderte er sich kaum. Einbußen musste der Konzern vor allem bei Nahrungsergänzungsmitteln und Präparaten gegen Allergien und Erkältungen hinnehmen. Der Gewinn vor Sondereinflüssen ging um 1,8 Prozent auf 1,34 Milliarden Euro zurück.

ASKBIO stoppt Gentherapie-Versuche

BAYERs Tochterfirma ASKBIO hat Versuche zur Gentherapie von Morbus Pompe – eine durch einen Gendefekt ausgelöste Muskel-Erkrankung – abgebrochen. ROCHE stoppte eine entsprechende Erprobung ebenfalls. DENALI musste nach einer Intervention der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA sogar aufhören, weil schon die präklinische Phase zu viele Risiken und Nebenwirkungen erwarten ließ. Auch bei ASTELLAS wurde die Behörde aktiv, weil bei einem Probanten Nervenschäden aufgetreten waren. Aber nach einer Prüfung durfte das Unternehmen die Test-Reihe fortsetzen.

Antibiotika schädigen die Darmflora

Antibiotika können die Darmflora schädigen. Das fand ein ÄrztInnen-Team um den Epidemologen Gabriel Baldanzi von der Universität Uppsala heraus. Bei PatientInnen, die die Mittel eingenommen hatten, schrumpfte das Mikrobiom um bis zu einem Drittel, was den MedizinerInnen zufolge das Risiko für Darmkrebs, Diabetes und Übergewicht erhöht. Fluorochinolone, der Inhaltsstoff von BAYERs CIPROBAY, zählt dabei zusammen mit Clindamycin und Flucloxacillin zu den Substanzen, die die Mikroben am aggressivsten angreifen.

Aber auch sonst ist CIPROBAY nicht ohne. Besonders häufig kommen Lädierungen von Muskeln und Sehnen vor. Darüber hinaus zählen Herzinfarkte, Unterzuckerungen, Hepatitis, Autoimmun-Krankheiten, Leber- oder Nierenversagen und Erbgut-Schädigungen zu den Risiken und Nebenwirkungen. Störungen des Zentralen Nervensystems, die sich in Psychosen, Angst-Attacken, Verwirrtheitszuständen, Schlaflosigkeit oder anderen psychiatrischen Krankheitsbildern manifestieren, beobachteten WissenschafterInnen ebenfalls schon.

AGRO & CHEMIE

Pestizide als Chemie-Waffen

In Brasilien greifen die GroßagrarierInnen zu einem drastischen Mittel, um indigene und traditionelle Gemeinschaften zu vertreiben und deren Land in Beschlag zu nehmen: Dem Versprühen von Ackergiften per Flugzeug oder Drohne. Nach einem Monitoring-Bericht, den der Geograf Prof. Dr. Ronaldo Barros Sodré gemeinsam mit der LandarbeiterInnen-Gewerkschaft FETAEMA und dem Netzwerk für Agrarökologie von Maranhão (RAMA) erstellt hat, gingen 2025 allein im Bundesstaat Maranhão Pestizid-Salven über 110 Ansiedlungen von indigenen oder traditionellen Gemeinschaften und 29 Gemeinden nieder. Seit Januar 2025 darf dabei auch Glyphosat wieder zum Einsatz kommen: Ein Gericht hob das elf Jahre lang geltende Sprüh-Verbot auf.

Sodré und seine MitstreiterInnen sprechen in diesem Zusammenhang von „chemischer Gewalt“ als Teil einer Expansionsstrategie der GroßagrarierInnen. Sie reichten deshalb bei der UNO eine Beschwerde wegen „chemischer Kriegsführung“ ein. 

Gift-Export boomt

Unter den von BAYER & Co. exportierten Pestiziden befinden sich zahlreiche, die innerhalb der Europäischen Union wegen ihrer Gefährlichkeit keine Zulassung (mehr) haben. 35 dieser Wirkstoffe führen die Hersteller in teilweise sehr hohen Stückzahlen in Nicht-EU-Staaten aus. Das ergab eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen. Der Leverkusener Multi ist mit 14 Ackergiften dabei: beta-Cyfluthrin, Clothianidin, Cyproconazol, Flubendiamide, Flufenacet, Flutamone, Imidacloprid, Mancozeb, Metribuzin, Oxadiazon, Penflufen, Probineb, Thiacloprid und Thiophanat-methyl. Mengenmäßig stechen Mancozeb mit 2.563 Tonnen und Probineb mit 1399 Tonnen heraus.

Gift boomt

Auf der Biodiversitätskonferenz der UN im Jahr 2022 haben sich die Mitgliedsländer darauf verständigt, den Pestizid-Einsatz bis zum Jahr 2030 zu halbieren, um den weltweiten Verlust der Artenvielfalt einzudämmen. Eine ForscherInnen-Gruppe um Ralf Schulz von der „Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau“ überprüfte jetzt, wie es um dieses Ziel steht. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Für sechs der acht genauer untersuchten Organismen hat die Belastung zugenommen. Als Ursache dafür nennen die WissenschaftlerInnen die zunehmende Verwendung von hochgiftigen Agro-Chemikalien. „Die Verringerung der Toxizität ausgebrachter Pestizidmischungen ist entscheidend für das Erreichen des UN-Reduktionsziels“, lautet ihr Resümee deshalb. 

Als das Land mit der höchsten Toxizitätsrate machten Schulz und sein Team Brasilien aus, dann folgen China, Argentinien, die USA und die Ukraine. Vor allem die Soja-Plantagen sind dafür verantwortlich. Ihr Beitrag zur Gift-Last ist im Verhältnis zu der von ihnen eingenommenen Ackerfläche überproportional hoch, wie die Studie feststellt. Dabei handelt es sich zumeist um Gen-Soja, das nach den Versprechungen von BAYER & Co. eigentlich – ebenso wie alle anderen Laborfrüchte – eine Reduzierung der Pestizid-Anwendungen nach sich ziehen sollte. „Dies unterstreicht, dass Gentechnik nicht zwangsläufig zu einer Verringerung der TATs (total applied toxicity; dt.: insgesamt applizierte Toxizität, Anm. Ticker) führt und diese – wie in den USA beobachtet (…) – sogar erhöhen kann“, konstatiert die Untersuchung aus diesem Grund. 

Die kontaminierteste Frucht ist die Kartoffel, dank Paraquat und des nicht zuletzt von BAYER vermarkteten Mancozeb. Rang zwei nimmt Zuckerrohr ein, hier sorgen hauptsächlich 2-Cyhalothrin und Diuron für die hohen Werte. Bei der Baumwolle auf dem Platz dahinter bewerkstelligen das Acetochlor und das – auch vom Leverkusener Multi verkaufte – Imidacloprid. Auf Position vier findet sich Soja und auf der Position fünf Mais (Hauptinput: Chlorpyrifos und Glyphosat).

Brasilien: 9.729 Pestizid-Vergiftungen

Brasilien ist das Land mit dem global gesehen größten Agrochemie-Verbrauch, was entsprechende Folgen hat. Im Jahr 2025 registrierten die Behörden  9.729 Pestizid-Vergiftungen – eine Steigerung von 84 Prozent im Vergleich zu 2015. Der BAYER-Konzern hat daran gehörigen Anteil, denn viele der Mittel stammen von ihm. Der Pharma-Vorstand Stefan Oelrich bezeichnete den Staat jüngst als den weltweit zweitgrößten Markt für den Leverkusener Multi. 

Parkinson als Berufskrankheit

Im März 2024 empfahl der „Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten“ (ÄSVB), „Parkinson-Syndrom durch Pestizide“ bei LandwirtInnen als Berufskrankheit anzuerkennen. Das „Bundesministerium für Arbeit und Soziales“ erlaubte der „Fachöffentlichkeit“ vor der formalen Einleitung des Verfahrens zur Aufnahme von Parkinson in die Berufskrankheiten-Liste noch, dazu Stellung zu nehmen. Im Herbst 2025 erschien dann eine aktualisierte Fassung der Empfehlung, die „vereinzelt Ergänzungen“ enthielt. Im Kern handelt es sich dabei um Abschwächungen. So lautet die genaue Bezeichnung der Berufskrankheit nun „Parkinson-Syndrom durch langjährig, häufig und selbst angewendete Pestizide“. Um die Definition von „langjährig“ und „häufig“ dürften bei den Anerkennungsverfahren so einige Kontroversen entstehen. 

Glyphosat-Absatz steigt

Im Jahr 2022 belief sich der Glyphosat-Absatz in Deutschland auf 3.915 Tonnen. 2023 sank er um 40 Prozent auf 2.349 Tonnen, weil Ende des Jahres die Entscheidung über die Zulassungsverlängerung anstand und Zweifel über den Ausgang bestanden. 2024 hingegen war wieder Business as usual angesagt. 4.100 Tonnen des von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften Herbizids setzten die HändlerInnen ab. 

Erneutes Comeback für Dicamba

Das Ackergift Dicamba, das hauptsächlich in Kombination mit Gen-Pflanzen Verwendung findet, verursacht Ernte-Schäden. Das Herbizid bleibt nämlich nach dem Ausbringen nicht einfach an Ort und Stelle, sondern verflüchtigt sich und treibt zu Ackerfrüchten hin, die gegen den Stoff nicht gentechnisch gewappnet sind und deshalb eingehen. 2019 geschah dies allein in den USA auf einer Fläche von mehr als 400.000 Hektar. Viele FarmerInnen zogen deshalb gegen die Hersteller vor Gericht. Ein erster Prozess endete für BAYER und BASF im Februar 2020 mit der Verurteilung zu einer Zahlung von 265 Millionen Dollar Schadensersatz. 2020 verbot der „U.S. Court of Appeals for the Ninth Circuit“ den weiteren Einsatz. Trotzdem ließ die Umweltbehörde EPA das Mittel vier Monate später wieder zu. 2024 erfolgte ein weiterer gerichtlicher Bann und im Februar 2026 nun eine erneute EPA-Genehmigung. Zusätze zur Reduzierung der Verflüchtigung sollen es nun richten, obwohl sich diese Instrumente in der Vergangenheit bereits als unwirksam erwiesen haben. Darüber hinaus gelten nur noch bei besonders hohen Temperaturen Beschränkungen. Dementsprechend hart fällt die Kritik von Umweltverbänden wie dem CENTER FOR BIOLOGICAL DIVERSITY aus. BAYER hingegen jubilierte – die Wahlkampf-Spenden an Trump & Co. haben sich wieder einmal als lohnende Investition erwiesen.

PFLANZEN & SAATEN

Neue Erdbeer-Sorte

Im Jahr 2023 hat der BAYER-Konzern die „Erdbeer Assets“ des britischen Unternehmens NIAB erworben. Daher stammt auch die erste Sorte, die er nun vertreiben will. „BAYA SOLARA bringt viele Vorteile für Landwirte, indem sie hohes Ertragspotenzial, Resistenz gegen Krankheiten und weniger Arbeitsaufwand kombiniert“, verspricht der Konzern. „Da die Arbeitskraft eine der größten Herausforderungen für die Züchter  darstellt, ist es sehr wichtig, eine Sorte zu haben, die leicht zu ernten ist“, betont der Leverkusener Multi. 

Er rechnet sich gute Absatz-Chancen aus. Die Nachfrage nach Erdbeer-Saatgut wächst nämlich, weil der Anbau nicht mehr an bestimmte Regionen gebunden ist. Infolge des Klimawandels gehen immer mehr AnbauerInnen dazu über, Erdbeeren in Treibhäusern zu kultivieren, wo den Früchten ungünstige Temperaturen nichts mehr anhaben können. 

Neben Erdbeer-Saatgut bietet der Agro-Riese im Segment „Vegetable Seeds“ noch Tomaten, Gurken, Brokkoli, Karotten, Blumenkohl, Auberginen, Salat, Melonen, Zwiebeln, Paprika, Spinat, Zuckermais und Wassermelonen an.

WASSER, BODEN & LUFT

CO2 en masse

Im Geschäftsjahr 2025 stieß der BAYER-Konzern 3,37 Millionen Tonnen an Treibhaus-Gasen aus. 1,89 Millionen Tonnen fielen beim selbsterzeugten Strom an, 1,48 Millionen Tonnen beim zugekauften. Unter Berücksichtigung der vor- und nachgelagerten Lieferketten kommt der Leverkusener Multi auf 11,89 Millionen Tonnen CO2.

Fossil BAYER

Der Gesamtenergie-Verbrauch des BAYER-Konzerns lag 2025 bei 8,855 Millionen Megawattstunden (2024: 9,055 Millionen). Dabei entstammten 6,440 Millionen fossilen Quellen (2024: 7,058 Millionen). Das macht einen Anteil von 72,7 Prozent aus (2024: 77,9 Prozent).

Ausschreibung für Entsorgungsanlage

Millionen Tonnen Munition, Bomben, Minen und chemische Kampfstoffe aus zwei Weltkriegen lagern auf dem Grund von Nord- und Ostsee, darunter auch die einst von BAYER entwickelten Substanzen Lost, Tabun und Sarin. Da die Metall-Umhüllung der Chemie-Waffen mittlerweile korrodiert, treten die Gifte aus. Das stellt nicht nur für aquatische Lebewesen, sondern auch für Menschen eine große Gefahr dar. Trotzdem tat sich jahrzehntelang nichts. 2022 initiierte die damalige Bundesregierung aber endlich ein dreijähriges Sofort-Programm. Dazu gehörte nicht zuletzt ein Pilot-Projekt zum Aufspüren und zur Bergung eines kleinen Teils der Minen, Bomben und Kampfstoffe. Dieses fand im Herbst 2025 seinen Abschluss – mit alarmierenden Befunden. „Bei den Test-Bergungen waren manche Patronenhüllen schon stark verfallen, auch wurden gänzlich frei liegende Explosivstoffe gefunden“, so Bundesumweltminister Carsten Schneider. Teilweise spürten die ForscherInnen noch metertief im Meeresboden Altmunition auf. „Solche Funde unterstreichen, dass zeitnah gehandelt werden muss (…)“, so der SPD-Politiker. Darum will er den „Bau einer weltweit einmaligen schwimmenden Entsorgungsanlage für Munitionsaltlasten auf See“ auf den Weg bringen. Das Vergabe-Verfahren läuft bereits. Allerdings dürfte es Schwierigkeiten bereiten, dafür ein Unternehmen zu gewinnen. Und ob die gegenwärtige Finanzlage es zulässt, die Haushaltsmittel für ein solches Vorhaben bereitzustellen, steht auch noch in Frage.

Widerstand gegen Wasser-Richtlinie

Arznei- und Kosmetikarückstände verunreinigen die Gewässer stark. Rückstände von über 400 Substanzen spürten ForscherInnen auf. Die Konzentrationen überschritten die Orientierungswerte teilweise um den Faktor 10. Dagegen kommen die Klärwerke nicht mehr an. Deshalb brachte die EU im Herbst 2024 die Kommunale Abwasserrichtlinie auf den Weg, die bis 2045 den Einbau weiterer Reinigungsstufen vorschreibt. Da das immense Investitionen erfordert, sieht die Regelung vor, BAYER & Co. einen Großteil der Kosten – mindestens 80 Prozent – tragen zu lassen.

Dagegen wehren sich die Unternehmen mit allen Mitteln. So droht der von BAYER gegründete „Verband der forschenden Arzneimittelhersteller“ (VFA) mit massiven Konsequenzen. „Wird einem Pharmaunternehmen eine Zahlungspflicht auferlegt, sieht es sich für die betreffenden Medikamente mit einer veränderten Kostensituation konfrontiert. Es muss sich dann überlegen, wie es reagiert, was ggf. auch die Möglichkeit einer Marktrücknahme einschließt“, erklärte der VFA. Der „Verband der Chemischen Industrie“ fordert gemeinsam mit anderen Lobby-Organisationen indes eine Aussetzung der Richtlinie. Einige Hersteller zogen sogar vor Gericht. Mitte Februar 2026 wies der Europäische Gerichtshof die Klagen jedoch ab. 

Baubeginn für RWEs Transportleitung

Die Pläne von RWE zur Rekultivierung der Tagebau-Regionen im Rheinischen Revier sehen vor, aus den Gruben Bade-Seen zu machen – mit Wasser aus dem Rhein. Im März 2026 begann der Konzern mit dem Bau einer 45 Kilometer langen Rheinwasser-Transportleitung und einer Pump-Station. Jährlich bis zu 400 Millionen Kubikmeter Wasser will der Strom-Gigant so befördern. Laut RWE handelt es sich dabei um das europa-weit größte Bau-Projekt; die Investitionssumme beläuft sich auf rund eine Milliarde Euro. Wasserentnahme-Entgelt ist darin jedoch nicht enthalten. Mit Verweis auf eine „behördlich angeordnete Benutzung“ verweigert das Unternehmen die Zahlung. 

Wegen des zunehmenden Wassermangels stößt das Projekt jedoch auf massiven Widerstand. Ein zusätzliches Problem stellt die Verunreinigung des Rheinwassers dar, das alles andere als ungetrübtes Bade-Vergnügen verspricht. Der BUND verweist dabei auf die Einleitungen von BAYER & Co. aus dem Leverkusener Chem-„Park“. „RWE muss das Rheinwasser aufbereiten und reinigen“, fordert die Organisation deshalb. Das will der Strom-Gigant allerdings lediglich prüfen.

STANDORTE & PRODUKTION

Leverkusen überschuldet

Seit Jahren zahlt der BAYER-Konzern an seinem Stammsitz Leverkusen kaum noch Gewerbesteuer, was den Etat der Stadt in arge Bedrängnis bringt und die Kommune bereits die Finanzautonomie gekostet hat. So steht sie unter Aufsicht der Bezirksregierung und muss einem auf zehn Jahre ausgelegten Haushaltssicherungskonzept folgen, um von den Schulden runterzukommen. Aber selbst das trägt jetzt nicht mehr. Die Gewerbesteuer-Einnahmen für 2025 beliefen sich nämlich nicht wie erhofft auf 180 Millionen Euro, sondern blieben um rund 30 Millionen Euro dahinter zurück. „Bedauerlicherweise haben sich bei einigen relevanten Gewerbesteuer-Zahlenden unterjährig erhebliche Veränderungen gegenüber der Einschätzung aus dem Frühjahr ergeben“, gab die Verwaltung im August 2025 laut Rheinischer Post bekannt.

Um wen es sich dabei genau handelt, sagte die Stadt mit Verweis auf das Steuergeheimnis nicht. „Klar ist jedoch, dass es vor allem Unternehmen aus dem Chem„park“ sind, die die Hauptsteuerlast tragen“, hält die Zeitung fest: „Deren Ertragslage hatte sich laut aktuellem Controlling-Bericht der Finanzverwaltung besonders auf die Steuerzahlungen ausgewirkt. Brachten 2022 noch 26 Chemie-Betriebe 131,9 Mio. Euro Gewerbesteuer in die Stadtkasse, so waren es 2024 nur noch 997.527 Euro von 21 verbliebenen Betrieben.“

Der Kommune blieb infolgedessen nichts anderes übrig, als bei der Bezirksregierung zu beantragen, das Haushaltssicherungskonzept auf 15 Jahre zu strecken. Das lehnte die Behörde allerdings ab.  

Aber trotz allem weigerte sich der Rat der Stadt standhaft, den – hauptsächlich BAYER & Co. zuliebe –  abgesenkten Gewerbesteuer-Satz wieder anzuheben und sich dem Bundesdurchschnitt von 437 Punkten anzunähern (siehe auch POLITIK & EINFLUSS). Momentan liegt jener nämlich bei steuerparadiesischen 250 Punkten. Die Parteien lehnten einen entsprechenden Antrag von Bündnis 90/Die Grünen mit den Stimmen von CDU, SPD, AfD, FDP und Obladen Plus ab. Mit den Grünen votierten nur die Fraktionsgemeinschaft aus Volt und Bürgerliste, die Linke und die Klimaliste. 

ÖKONOMIE & PROFIT

DAX-Gewinner BAYER

Der BAYER-Konzern zählt zu den Gewinnern des Börsenjahres 2025. Um über 90 Prozent legte der Aktien-Kurs gegenüber 2024 zu. Höhere Steigerungsraten verzeichneten nur RHEINMETALL, SIEMENS ENERGY, die COMMERZBANK und die DEUTSCHE BANK.

BAYER in den Epstein Files

Der Geschäftsbereich der Firma von Jeffrey Epstein umfasste unter anderem Vermögensverwaltung, Investment-Banking und Anlage-Beratung. Auch mit BAYER-Aktien spekulierte das Unternehmen. Dementsprechend taucht der Leverkusener Multi in den Epstein Files oft auf. Meistens ging es dabei um Käufe und Verkäufe. In den Akten finden sich aber auch kurs-relevante Informationen zu Schadensersatz-Prozessen, anderen Verfahren oder zur Einstellung der ersten Trump-Administration zu BAYERs MONSANTO-Deal.

IMPERIUM & WELTMARKT

BAYERs Geoökonomie

Die Corona-Pandemie, die Kriege in der Ukraine sowie im Nahen und Mittleren Osten, Trumps Zoll-Politik  – all dies hatte massive Auswirkungen auf das Weltwirtschaftssystem. Beim BAYER-Konzern schlug sich das in einer veränderten regionalen Verteilung des Umsatzes nieder. Während der Anteil von Europa und Nordamerika an der Gesamtsumme relativ stabil blieb, ist eine Verlagerung weg von der Asien/Pazifik-Region mit China als stärkstem Partner hin nach Lateinamerika zu beobachten.

2025 hatte Nordamerika einen Anteil von 36,7 Prozent am Gesamt-Umsatz des Leverkusener Multis, 2024 einen von 35,4 Prozent und 2019 – dem letzten Jahr vor Corona – einen von 34,6 Prozent. Europa kam 2025 auf 29,7 Prozent, 2024 auf 30 Prozent und 2019 auf 30,3 Prozent. Die Asien/Pazifik-Region trug 2025 16,5 Prozent zum Gesamt-Umsatz bei, 2024 17,2 Prozent und 2019 19,7 Prozent. Lateinamerikas Anteil lag 2025 bei 17,1 Prozent, 2024 bei 17,4 Prozent und 2019 bei 15,4 Prozent.

RECHT & UNBILLIG

Glyphosat: neuer Vergleichsvorschlag

BAYER hat mit AnwältInnen von Glyphosat-Geschädigten einen Vergleichsvorschlag erarbeitet. Demnach will der Konzern über einen Zeitraum von 21 Jahren hinweg 7,25 Milliarden Dollar zur Beilegung vorliegender und zukünftiger Klagen zahlen, wobei die Summen Jahr für Jahr abnehmen. 

Wie nicht anders zu erwarten, enthält die Vorlage jedoch einige heikle Regelungen und lässt viele Fragen offen. So begrenzt der geplante Sammel-Vergleich die Haftung auf kaum mehr als zwei Dekaden. Zudem bleibt mit fortschreitender Zeit immer weniger Geld für neu Erkrankte übrig. „Das Gefährdungspotenzial von Glyphosat kennt kein Ablauf-Datum, also muss der Anspruch auf Entschädigung so lange bestehen, wie das Mittel auf dem Markt ist. Eine Deckelung mag BAYER zwar die erhoffte ‚finanzielle Planungssicherheit‘ bescheren, das darf aber hier nicht der Maßstab sein“, hielt die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) deshalb in ihrer Pressemitteilung fest.

Darüber hinaus gilt die Vereinbarung nur für KlägerInnen, die am Non-Hodgkin-Lymphom – einer bestimmten Form des Lymphknoten-Krebses – leiden, Geschädigte mit anderen Tumor-Diagnosen gehen leer aus. Auch tritt der Deal nur in Kraft, wenn ihm genügend Betroffene zustimmen und der überwiegende Teil der 67.000 noch zur zur Verhandlung anstehenden Fälle damit ad acta gelegt werden kann.

Die Börsen reagierten dennoch zunächst euphorisch auf die Ankündigung. Erst nachdem die FinanzanalystInnen sich mit dem Kleingedruckten befasst hatten, sank die Aussicht auf eine unbeschwertere Profit-Jagd des Leverkusener Multi – und dementsprechend auch der Kurs der BAYER-Aktie wieder.

Patent-Klage gegen PFIZER & Co.

BAYER hat Klage gegen vier Hersteller von Corona-Impfstoffen eingereicht. Pfizer, Biontech und  Moderna wirft der Konzern vor, bei der Produktion ein Patent seiner Tochter-Gesellschaft MONSANTO verletzt zu haben. Konkret handelt es sich dabei um ein gentechnisches Verfahren auf mRNA-Basis zur Stärkung der Widerstandskraft von Nutzpflanzen. Johnson & Johnson legt der Leverkusener Multi noch einen anderen Verstoß gegen Vorschriften zum Schutz des geistigen Eigentums zur Last.

An der Entwicklung von Impfstoffen gegen Corona hatte der Pharma-Riese sich mit Verweis auf fehlende Antiifektiva-Kompetenz nicht beteiligt. Jetzt aber behauptet er, mit der patent-geschützten Technik über den Schlüssel zu verfügen, um eine der „größten Herausforderungen der Impfstoff-Entwicklung zu lösen“. Der einfache Grund: Der Global Player will etwas von den Milliarden abhaben, die die Konkurrenz mit den Mitteln verdiente. Der Vorgang zeigt wieder einmal, wie absurd die Patent-Bestimmungen sind. Sie gehören abgeschafft, weil sie den medizinischen Fortschritt behindern. 

Das sieht BAYER naturgemäß anders: „Das Patentsystem bietet einen wichtigen, berechenbaren Rahmen für die Förderung wissenschaftlicher Erkenntnisse, indem es Unternehmen für einen begrenzten Zeitraum die Möglichkeit gibt, zumindest eine angemessene Lizenzgebühr für die unbefugte Nutzung ihrer patentierten Erfindungen zu erhalten.“ Überdies stehe es dem Konzern fern, „die laufenden Bemühungen von MODERNA im Zusammenhang mit COVID oder die Entwicklung von Impfstoffen für eine Vielzahl anderer Krankheiten durch MODERNA zu beeinträchtigen“. Er will nichts weiter als ein paar Milliönchen.

Wieder einmal unlautere Werbung

„Wir verpflichten uns (…) zu ethischer Werbung und Kommunikation für alle unsere Produkte und Leistungen“, heißt es bei BAYER. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Immer wieder müssen sich die Gerichte mit Gesetzes-Verstößen des Konzerns beschäftigen. Der letzte Fall betraf die Werbung einer prominenten Influencer-in für das Schmerzmittel ASPIRIN PLUS C. Gleich zwei Verstöße hatten die RichterInnen hier ausgemacht. In den Spots fehlte das obligatorische: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke.“ Zudem dürfen die Pharma-Unternehmen laut Paragraf 11 des Heilmittelwerbegesetzes „Personen, die auf Grund ihrer Bekanntheit zum Arzneimittel-Verbrauch anregen können“, nicht für PR-Kampagnen engagieren. 

EU-Mercosur-Vertrag: Rechtsprüfung

Vom EU-Mercosur-Vertrag profitieren auf der einen Seite BAYER & Co., weil sie ihre Produkte jetzt größtenteils zollfrei nach Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay exportieren können und auf der anderen Seite die großen Agrarbetriebe, weil der Deal ihnen noch mehr Einfuhren von Soja, Mais und anderen Ackerfrüchten in die europäische Union erlaubt.  Mit entsprechenden Konsequenzen: noch mehr Pestizide, noch mehr Regenwald-Abholzungen und noch mehr Vertreibungen von indigenen Gemeinschaften. 

Das Abkommen und die Art und Weise, wie es zustandegekommen ist, wirft allerdings auch einige juristische Fragen auf. Darum hat das EU-Parlament eine rechtliche Überprüfung beantragt. Sofort brach eine Woge der Kritik los. „Offensichtlich haben noch immer zu viele den Ernst der Lage nicht verstanden. Europäische Souveränität muss sich im konkreten Handeln beweisen, die Zeit der wohlfeilen Lippenbekenntnisse ist vorbei. Wenn Europa im internationalen Kräftemessen mit Chinas aggressiver Subventionspolitik und Trumps eskalierender Zoll-Spirale bestehen will, müssen wir erwachsen werden“, mit diesen Worten schallt Cem Özdemir die acht der zwölf deutschen Parteimitglieder, die im EU-Parlament für den Prüfantrag gestimmt hatten. Besonders schwer wog der allseits erhobene Vorwurf, bei der Abstimmung gemeinsame Sache mit den extrem rechten Parteien gemacht zu haben. Dabei haben 144 EU-Abgeordnete aus unterschiedlichen Fraktionen und Nationen für den Antrag votiert. Rechte durften sich der Eingabe explizit nicht anschließen. Sie mussten eine eigene auf den Weg bringen, die nicht die erforderliche Mehrheit erhielt. 

Warum fraktionsübergreifend so viele EU-PolitikerInnen eine rechtliche Bewertung des Vertrags für erforderlich hielten, interessierte kaum ein Medium, dabei gibt es dafür gute Gründe. So hat die EU-Kommission ihn kurzerhand gesplittet, um die Möglichkeit zu haben, den Handelsteil ohne Zustimmung der nationalen Parlamente in Kraft zu setzen. Und ob dies noch durch das Mandat gedeckt ist, das von der Leyen & Co. vom Europäischen Rat erhalten haben, bedarf nach Ansicht der Abgeordneten-Gruppe der Prüfung. Auch der in dem Kontrakt verankerte Ausgleichsmechanismus wirft für sie Fragen auf. „Wenn wegen einer europäischen Umwelt-Gesetzgebung zum Beispiel Brasilien weniger Exporte in die Europäische Union hat, kann es auf Schadensersatz oder auf Ausgleich klagen. Damit könnte das Mercosur-Abkommen eine Gefahr für die autonome Gesetzgebungskompetenz der EU werden“, gibt die grüne EU-Parlamentarierin Anna Cavazzini zu bedenken. Für das Vorsorge-Prinzip der Europäischen Union birgt der Deal den PolitikerInnen zufolge ebenfalls Gefährungspotenzial, weil er eine Absenkung der Kontroll-Anforderungen für Agrar-Importe vorsieht. Deshalb mahnt die Resolution auch hier eine Klärung durch den Europäischen Gerichtshof an.

Die harsche Reaktion auf ihr Abstimmungsverhalten blieb bei den deutschen EU-Grünen nicht ohne Wirkung. Sie versicherten, sich einem vorläufigen Inkrafttreten des Handelsvertrags nicht in den Weg stellen zu wollen. 

BAYER zieht Räumungsklage zurück

Der BAYER-Konzern beabsichtigt im Berliner Stadtteil Wedding Wohnraum en masse zu vernichten. Nicht weniger als 18 Häuser in unmittelbarer Nähe seines Werksgeländes will er abreißen und damit nicht nur 140 Wohnungen, sondern auch noch eine Kindertagesstätte, KünstlerInnen-Ateliers, Gewerbebetriebe und Büroräume dem Erdboden gleichmachen.

„Die betroffenen Gebäude sind planungsrechtlich nicht mehr für Wohnzwecke ausgewiesen“, erklärte der Global Player und beantragte den Abriss. Das Bezirksamt Berlin-Mitte stimmte dem zu. Daraufhin stellte der Leverkusener Multi den MieterInnen des Mettmannkiezes wegen „nichtwirtschaftlicher Verwertbarkeit“ der Immobilien die Kündigungen aus. Aber einige MieterInnen auf der Tegeler Straße wehrten sich. Sie folgten der Räumungsaufforderung nicht. Darum reichte der Agro-Riese eine Räumungsklage ein. Einen Tag vor dem Gerichtstermin zog er diese jedoch wieder zurück. Offenbar fürchtete BAYER schlechte Presse. Eine Betroffene reagierte spürbar erleichtert: „Das war ein hartes Jahr, und ich merke, wie hoch die Belastung war. Jetzt darf der Stress erst einmal abfallen, und ich bin überglücklich.“ 

Immer zu Diensten

CBG Redaktion

Brüssel als Büttel von BAYER & Co.

BAYER & Co. treiben die EU mit ihren Deregulierungsforderungen vor sich her. Aber auch der Widerstand gegen den Abbau von Bestimmungen zum Gesundheits- und Umweltschutz wächst.

Von Jan Pehrke

„CEFIC = Toxic lobby – area closed“ prankte am 9. Februar 2026 groß über dem Sitz des europäischen Chemie-Verbandes CEFIC in Brüssel. In Gasmasken, mit gelben Schutzanzügen und gelb-schwarzen Warnbändern ausgestattet blockierten über 100 AktivistInnen von Extinction Rebellion den Eingang des Gebäudes des europäischen Chemieverbands CEFIC an der Rue Belliard. „Sein toxisches Lobbying vergiftet unser Wasser, unsere Körper und unsere Demokratie“, erklärte die Gruppe zur Begründung. Gelbe Tonnen mit Totenkopf-Emblem und ebenfalls gelbe Schilder mit der Aufschrift „Climate Crime Scene“ vervollständigten das Bild. Auch eine Umbenennung nahmen die ProtestlerInnen, denen die belgische GREENPEACE-Sektion zur Hand ging, vor. Aus dem „Conseil Européen des Fédérations de l’industrie Chimique“ machten sie kurzerhand den „Council for Ecocide, Famine and Irreversible Collapse“, also den „Verband für Ökozid, Hunger und irreversiblen Kollaps“.

Die BAYER-LobbyistInnen traf es gleich mit, denn das sogenannte Verbindungsbüro des Leverkusener Multis befindet sich im selben Haus. Nicht zuletzt deshalb unterstützte neben GREENPEACE und CANCER COLÈRE aus Frankreich auch die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) die Aktion. „Von dem Gebäude in der Rue Belliard 40 aus betreiben BAYER & Co. ihre Einflussarbeit mit viel Geld. Vor allem die Vereinfachungspakete der EU zur Aufweichung von Gesundheits- und Umweltschutzstandards prägten sie maßgeblich mit, ohne dafür durch demokratische Prozesse legitimiert zu sein. Darum hält die Coordination gegen BAYER-Gefahren das Protest-Mittel des zivilen Ungehorsams, zu dem Extinction Rebellion gegriffen hat, für angebracht“, hieß es in der Presseerklärung der Coordination.

Extrem-Lobbyismus

Nicht weniger als 99 LobbyistInnen stehen in Diensten der CEFIC. Der Etat des Verbandes belief sich im vergangenen Jahr auf 45 Millionen Euro. BAYER kam auf über sechs Millionen Euro. 61 Einfluss-ArbeiterInnen beschäftigte der Agro-Riese in Brüssel. Besonderen Hindernissen sehen diese sich nach den Bekundungen eines Chemie-Managers nicht gegenüber. „Der Zugang ist direkt und unkompliziert – Ich würde es nicht einmal Lobby-Arbeit nennen. Es wirkt eher wie: Die Industrie erteilt der Politik Aufträge“, erläuterte er dem Recherche-Portal Correctiv.

Bei BAYER deckten diese Aufträge 74 Politikfelder ab. Von der „Farm to Fork“- und der Biodiversitätsstrategie über die Wasser- und Industrieemissionen-Richtlinie bis hin zur PFAS-Regulierung und den „Vereinfachungspaketen“ reichte die Palette.

33 Mal trafen sich BAYER-EmissärInnen direkt mit EU-KommissarInnen oder deren KabinettsvertreterInnen. Auf der Tagesordnung standen dabei Themen wie die Afrika-Strategie des Global Players, das Verhältnis der EU zu den USA, die Chemikalien-Regulierung, die Neuen Gentechniken, Künstliche Intelligenz, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Pharma-Industrie und der Clean Industrial Deal. 

Die meisten Meetings fanden jedoch zu den Omnibus-Vereinfachungspaketen statt. Und hier lieferte die EU dann auch im Rekordtempo. Im letzten Jahr hat sie zahlreiche Vorhaben zur Aufweichung von Gesundheits-, Sozial- und Umweltvorschriften auf den Weg gebracht oder schon beschlossen. Unter anderem nahm sich die Europäische Union die Lieferketten-Richtlinie sowie die Regelungen zum Umgang mit Chemikalien, den neuen Gentechniken und dem Schadstoff-Ausstoß von Industrie-Anlagen vor. Auch die Bestimmungen zum Schutz von Gewässern, Feuchtgebieten und Mooren stehen zur Disposition. 

Mit dem „Omnibus-Vereinfachungspaket“ zur Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit beabsichtigen von der Leyen & Co sogar, Pestizid-Genehmigungen zu entfristen und auf Dauer zu stellen. Zusätzlich trifft die EU-Kommission auf formaler Ebene Vorsorge. Mit der Initiative für eine „bessere Regulierung“ will sie dafür sorgen, dass die Omnibusse in Brüssel schneller durchkommen und nicht mehr so viele Stationen passieren müssen. 

Tatort Antwerpen

Das Datum für die „Schließung“ der CEFIC-Zentrale hatte Extinction Rebellion dabei mit Bedacht gewählt. Auf den Mittwoch der Woche hatte der Verband nämlich seinen Industrie-Gipfel mit über 300 ManagerInnen aus allen Branchen in Antwerpen anberaumt, der vor zwei Jahren einen wesentlichen Impuls für die Deregulierungsmaßnahmen setzte. Auf der Gästeliste auch diesmal wieder: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Mit den entsprechenden Benimm-Regeln hatte sie sich zuvor durch ein Dinner mit mehr als einem Dutzend LobbyistInnen von Business Europe sowie einer Zusammenkunft mit RepräsentantInnen des „European Round Table for Industry“ vertraut gemacht. Friedrich Merz, Emmanuel Macron, der belgische Ministerpräsident Bart De Wever und weitere hohe RepräsentantInnen von EU-Ländern vervollständigten die anwesende PolitikerInnen-Riege.

Und am Tag darauf fand dann im belgischen Alden Biesen ein Sondertreffen des Europäischen Rates statt. Die „Arbeit an der Wettbewerbsfähigkeit“ stand da auf der Tagesordnung. Deshalb gehörten auch Mario Draghi und Enrico Letta zu den Eingeladenen, die mit ihren Reports den Instrumenten-Kasten für die „neue ökonomische Politik“ der EU zusammengestellt und – wen wundert’s – eine „große Quelle regulatorischer Bürden“ entdeckt hatten. Diese Terminierung zeigte für Extinction Rebellion „kristallklar, wer in der EU wirklich das Sagen hat“. 

Entsprechend devot verhielten sich die PolitikerInnen dann auch. „Geben Sie uns Ihre Zehn Gebote“, bat De Wever die Konzern-LenkerInnen im Vorfeld: „Was hindert Sie daran, heute wettbewerbsfähig zu sein?“ Die Angesprochenen ließen sich nicht lange bitten. „Europa braucht jetzt einen ambitionierten Kurswechsel mit ambitionierten Reformentscheidungen, die schnell und pragmatisch umgesetzt werden – weg von der Überregulierung, hin zum Wachstum“, erklärte die Initiative „Made in Germany“, der außer BAYER noch 122 weitere Unternehmen und Finanzinvestoren angehören. Ähnliche Forderungen stellten der „Bundesverband der deutschen Industrie“ und die „Deutsche Industrie- und Handelskammer“ auf. Dem BASF-Chef und derzeitigem CEFIC-Präsidenten Martin Kamieth reichten indessen die Omnibus-Vereinfachungspakete nicht: „Eine wettbewerbsfeindliche Regulierung bleibt wettbewerbsfeindlich, auch wenn man sie einfacher macht.“ 

Darum ging er in die Vollen und stellte den EU-Emissionshandel mit Treibhausgas-Verschmutzungsrechten in der jetzigen Form zur Disposition. Dieser sogenannte ETS sieht vor, BAYER & Co. Emissionen nur in einem bestimmten Umfang zu gestatten. Wenn die Konzerne über ein festgesetztes Limit hinaus klimaschädigende Stoffe in die Luft blasen, müssen sie Verschmutzungsrechte kaufen, was den Zweck verfolgte, sie zu einem Umstieg auf klima-freundlichere Energieträger zu bewegen. Nur bekommen die Unternehmen diese Zertifikate schon lange weitgehend kostenlos zugeteilt, so dass die Lenkungswirkung ausbleibt. Für die nächsten Jahre stehen allerdings Preissteigerungen an, was den Unternehmen nicht passt. Kamieth hält das Handelssystem zwar prinzipiell für den richtigen Ansatz, „aber wir stehen mit dem ETS ziemlich allein da. Der Rest der Welt hat nicht mitgemacht“. Deshalb will der Manager erst einmal länger als geplant Zertifikate zum Nulltarif und dann eine „grundlegende Reform“. 

„Die Chemie-Branche greift das Herzstück der Klimapolitik an“, resümierte die FAZ. Und Friedrich Merz erklärte sich umgehend bereit, es zu opfern. „Das System wurde eingeführt, um die CO2-Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig den Unternehmen den Übergang zu CO2-freien Produktionslinien zu ermöglichen“, so der Bundeskanzler: „Sollte dies nicht möglich sein und es sich nicht um das richtige Instrument handeln, sollten wir sehr offen für eine Überarbeitung oder zumindest für eine Verschiebung sein.“ Unmittelbar nach dieser Ansage sank der Aktien-Kurs von HEIDELBERG MATERIALS drastisch. Der Zement-Multi hatte nämlich viel Geld in die – umstrittene – Technologie zur CO2-Speicherung gesteckt mit dem Kalkül, dass sich das aufgrund der steigenden CO2-Preise langfristig auszahlen würde. Daran zweifelten die Börsen nun aber zunehmend. Seit Beginn der Diskussion um den Emissionshandel verlor das Papier fast 20 Prozent an Wert. Auch ansonsten versicherte der Bundeskanzler BAYER & Co. gemeinsam mit seiner italienischen Amtkollegin Giorgia Meloni Beistand. „Unternehmen und Bürger müssen eine Entlastung von regulatorischen Auflagen spüren. Wir fordern daher weitere Rücknahmen und Vereinfachungen von EU-Initiativen auf breiter Front und werden gemeinsam mit der Europäischen Kommission daran arbeiten“, heißt es in einem gemeinsam für das Ratstreffen auf dem Schloss von Alden Biesen verfassten Papier. Als „Zombie-Initiativen“ bezeichnete Friedrich Merz die EU-Regulierungen in diesem Zusammenhang.

Die freundlichen Gäste

In seiner Rede auf dem CEFIC-Gipfel am 11. Februar bekräftigte er das alles dann noch einmal. „Bundeskanzler Friedrich Merz sprach sich in Antwerpen für weitreichende Reduzierungen von Regeln für die Wirtschaft aus“, verlautete aus dem Bundespresseamt. Zur Vertiefung des Binnenmarkts kündigte der Christdemokrat überdies ein EU-weites Rechtssystem für Unternehmen an, das dem Rechtsrahmen der 27 Mitgliedsländer übergeordnet ist, das sogenannte 28. Regime. Zudem stellte er die Schaffung eines gemeinsamen Energiemarktes und die Erleichterung von Mega-Fusionen in Aussicht. „Die Zeit zu handeln ist jetzt“, hielt Merz fest. Schon am morgigen Tag in Alden Biesen stehe eine ehrgeizige europäische Wettbewerbsagenda auf der Tagesordnung, versicherte er der versammelten ManagerInnen-Riege.

Ursula von der Leyen erstattete derweil über die Arbeit ihrer Kommission Bericht. „Letztes Jahr bin ich zu Beginn des neuen Mandats zu Ihnen gekommen, um Ihnen unsere Agenda vorzustellen“, hob sie an und fuhr anschließend nach ein paar Umwegen fort: „In dem Jahr, das seitdem vergangen ist, haben wir die Ärmel hochgekrempelt, und nun sehen wir die ersten Ergebnisse“. Zehn Omnibus-Pakete verbuchte sie auf der Haben-Seite der Kommission und bezifferte auch gleich den Geld-Wert: „[S]ie machen einen Bürokratie-Abbau in Höhe von 15 Mrd. EUR jedes Jahr aus.“ Darüber hinaus gehörten neu abgeschlossene Handelsabkommen, 60 Projekte zur Beschaffung kritischer Rohstoffe, schnellere Genehmigungsverfahren, laxere Vorschriften für staatliche Beihilfen und ein Batterie-Booster-Paket zu ihrer stolz präsentierten Bilanz. 

Nur an den Emissionshandel mochte sie nicht ran. Allerdings versprach sie den Konzernen mehr Einnahmen aus den Zertifikate-Versteigerungen für Dekarbonisierungsvorhaben. Während die EU diesen Transfer schon leiste, hinken die Mitgliedsstaaten hier in den Augen von Ursula von der Leyen noch hinterher. „Ich glaube, es ist höchste Zeit – und ich werde dieses Thema bei unserer Veranstaltung morgen ansprechen –, dass die Mitgliedsstaaten mehr tun und sich unserem Unterstützungsniveau annähern“, sagte sie. Darüber hinaus stellte sie Anstrengungen zur Senkung der Energie-Preise wie etwa die Schaffung einer Energie-Union und eine Reduzierung der Stromsteuern in Aussicht. 

Aber Ursula von der Leyen hatte noch mehr Gastgeschenke dabei, denn mit dem bisher auf den Weg Gebrachten und billigerem Strom sah sie ihre Bringschuld nicht erfüllt: „Natürlich muss noch mehr kommen, und mehr kommt auch. Sie haben echte und schnellere Veränderung eingefordet, und Europa ändert sich, auch wenn es noch mehr Tempo machen muss.“ Darum kündigte sie einen Rechtsakt zur Beschleunigung der Industrie – den sogenannten industrial accelerator act – an. Zudem annoncierte die Kommissionspräsidentin den Aufbau eines EU-Kapitalmarktes – notfalls auch unter Abweichung vom Konsens-Prinzip. „Wir wollen es als 27 vollbringen. Wenn dies aber bis Ende diesen Jahres nicht möglich ist, werde ich eine vertiefte Zusammenarbeit mit jenen vorschlagen, die Tempo machen wollen“, so von der Leyen. Auch beim „Bürokratie-Abbau“ sah sie noch Luft nach oben. „Es ist Zeit für einen gründlichen Hausputz bei den Regulierungen, und zwar auf allen Ebenen“, konstatierte die Politikerin. Als konkretes Beispiel nannte sie dabei die bisherige Möglichkeit der Mitgliedsländer, EU-Richtlinien nicht 1:1, sondern mit ergänzenden Auflagen in nationales Recht zu überführen.

Da hatten Merz und von der Leyen also ein nettes Bündel für BAYER & Co. geschnürt. Dementsprechend überschrieb das Webportal Euractiv seinen Artikel zur CEFIC-Zusammenkunft mit „Antwerpener Industrie-Treffen zeigt, wer Europa wirklich regiert“. Entsprechend gut war die Stimmung unter den Konzern-Chefs danach. „Die Industrie war selbst überrascht über die hochrangigen Staatsgäste und die vielen Versprechen. Vor wenigen Jahren wäre das undenkbar gewesen“, so der oben bereits zitierte Chemie-Manager zu den Correctiv-ReporterInnen.

Leyen & Co. ließen sich die in Antwerpen zugesicherten weiteren Lieferungen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie am nächsten Tag auf der informellen Klausurtagung der EU in Alden Biesen bloß noch einmal beglaubigen. Aus diesen Maßnahmen will die EU-Kommission demnächst einen Aktionsplan schmieden und zur Abstimmung stellen. 

Anfang März lancierte die Kommission schon einmal den „industrial accelerator act“, der die Restbestände des Green Deals mit einer Wirtschaftsförderung zu verbinden sucht – ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Im Einzelnen sieht das Gesetz vor, europäische Unternehmen aus energie-intensiven Branchen wie Chemie, Zement und Aluminium sowie Auto-Hersteller bei Fördermaßnahmen und öffentlichen Aufträgen zu unterstützen, wenn sie bestimmte ökologische Standards erfüllen. Auch grüne Technologie „made in Europe“ beabsichtigen von der Leyen & Co. zu protegieren. Für Stahl-Importe planen sie überdies, eine „Grün-Quote“ einzuführen. Damit nicht genug, will die EU – wie bereits in ihrem „Aktionsplan für die chemische Industrie“ vom Juli 2025 angedroht – einige Chemikalien sogar als systemrelevant einstufen und deren Produktion dementsprechend fördern. Bei der Auswahl hat die Branche dann selbstverständlich auch ein Wörtchen mitzureden. Die zusammen mit dem Aktionsplan gegründete „Critical Chemicals Alliance“ steht der Kommission beratend zur Seite.

Nicht umsonst also hatte Ursula von der Leyen den ManagerInnen in Antwerpen versprochen, der „industrial accelerator act“ werde „eine stabile Nachfrage für die Branchen schaffen und einen positiven Wachstumszyklus auslösen“.

Eine Welle des Protestes

Aber gegen eine EU, die BAYER & Co. im heiligen Namen des Wirtschaftswachstums Vorgaben zum Schutz von Mensch und Umwelt im Akkord-Tempo aus dem Weg räumt, machen nicht nur EXTINCTION REBELLION, CANCER COLÈRE, GREENPEACE und die CBG mobil. Die EUROPEAN GRANDPARENTS FOR CLIMATE, FRIENDS OF THE EARTH EUROPE und der WWF zogen am Wochenende vor dem EU-Meeting nach Alden Biesen, um das Ereignis in den Fokus zu rücken und ihren Unmut über die Abbrucharbeiten am Green Deal kundzutun.

Von den wohl „von Unternehmen am stärksten gekaperten Veranstaltungen, die die EU je erlebt hat“, sprach derweil das CORPORATE EUROPE OBSERVATORY im Rückblick auf die Woche. GERMAN WATCH äußerte ebenfalls Kritik. Die Initiative berief sich dabei auf den Draghi-Report selbst, obwohl dieser als Zeuge der Anklage nicht so recht taugt, mahnt doch auch er das Lichten von Vorschriften an. „Eine Verengung der Diskussion über die Wettbewerbsfähigkeit auf die Vereinfachung von Regulierung und teils sogar die Abschwächung von Klima-Regeln geht hingegen am Kern des Draghi-Berichts vorbei“, konstatierte die NGO indes. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt der Europäische Gewerkschaftsbund. Statt „Entbürokratisierungen“ forderte er mehr Investitionen. „Die konservative Rechte und Arbeitgeberverbände präsentieren Deregulierung als Lösung, als ob Europas Zukunft durch den Abbau von Schutzmaßnahmen statt durch den Aufbau langfristiger Kapazitäten gesichert werden könnte“, hielt der EGB fest. Dessen Pendant zur Hans-Böckler-Stiftung, das European Trade Unions Institute (ETUI), warnte besonders vor der Demontage von Beschäftigten-Rechten durch das mit dem „28. Regime“ ins Haus stehende neue EU-Unternehmensrecht für innovative Firmen, die EU Inc. Die Mitbestimmung, das kollektive Aushandeln von besseren Arbeitsbedingungen, Lohnniveaus und Sozialstandards sieht das ETUI durch den geplanten Rechtsrahmen bedroht. Selbst der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für Giftstoffe und Menschenrechte, Dr. Marcos A. Orellana, schaltete sich ein. „Die EU-Vorschriften gehören zu den strengsten weltweit. Allerdings könnten die jüngsten Vorschläge der Europäischen Kommission die bestehenden Vorschriften schwächen und damit das Recht auf Gesundheit und eine gesunde Umwelt beeinträchtigen“, sagte er in einem Interview mit dem Portal euobserver.

Auch offene Briefe und Petitionen wurden an den Start gebracht. „Wir erleben derzeit ein systematisches Rollback zen-traler Maßnahmen zum Schutz von Klima, Umwelt und sozialen Rechte – mühsam errungene Fortschritte werden nun hinter verschlossenen Türen gegen Zugeständnisse von Unternehmen eingetauscht. Bislang hat die EU schnell und entschlossen im Sinne von Umweltverschmutzern, rechtsbrüchigen Unternehmen und Aktionären gehandelt, nicht jedoch im Sinne der Menschen“, heißt es in einem vom CORPORATE EUROPE OBSERVATORY initierten offenen Brief. Die mehr als 270 Organisationen, die unterzeichnet haben (natürlich auch die CBG), fordern die EU darin auf, nicht vor dem Kapital zu kapitulieren und „die Rechte der Öffentlichkeit auf Gesundheit, eine lebenswerte Umwelt und angemessene Arbeitsbedingungen zu verteidigen“. Das Europäische Umweltbüro, hinter dem rund 180 Organisationen aus 40 Ländern stehen, brachte unterdessen die Petition „Hände weg vom Naturschutz“ auf den Weg, die an die Brüsseler PolitikerInnen appelliert, dem Lobbydruck standzuhalten und „die bestehenden Naturschutzgesetze zu verteidigen“. 

Sogar die EU-Ombudsbeauftragte Teresa Anjinho, der die Dienstaufsicht obliegt, musste sich nach Beschwerden von BürgerInnen mit den Deregulierungen befassen und von der Leyen & Co. mahnen: „Das Versäumnis der Kommission, eine breit angelegte, ausgewogenere Konsultation der Interessenträger zu den in den Rechtssachen Omnibus und GAP (Gemeinsame Agrar-Politik, Anm. SWB) in Rede stehenden Legislativ-Vorschlägen anzustreben, kann keine gute Verwaltung sein.“

BAYER & Co. legen unterdessen noch nach. Mitte Februar präsentierte Business Europe einen Forderungskatalog zur Deregulierung der Sozialstandards. Potenzial für „Vereinfachungen“ machten die Konzerne unter anderem bei den Richtlinien zur Lohn-Transparenz, zur Plattformarbeit, zur Transparenz bei den Arbeitsbedingungen und zur Arbeitszeit-Erfassung aus. Auch bei den Bestimmungen zum Arbeitsschutz, den Umgang mit chemischen und anderen gefährlichen Stoffen betreffend, sahen sie Handlungsbedarf. 

Aber aus der großen Party am 18. Februar zur Lancierung der Vorschläge wurde nichts. Es hatten sich mit FRIENDS OF THE EARTH, dem europäischen Dachverband der Gewerkschaften für Beschäftigte im öffentlichen Dienstes – der EPSU – und anderen Organisationen nämlich ungebetene Gäste eingefunden. Obwohl angemessen gekleidet für die „Great Deregulation Gala“, durften sie nicht mitfeiern und mussten draußen bleiben.

Und es ist zu hoffen, dass die nächsten Schritte zur Aufweichung der Regelungen zum Schutz von Mensch, Tier und Umwelt auch auf ein Kontra stoßen. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN wird alles dafür tun. ⎜

BAYERs Versuchskaninchen

CBG Redaktion

Neue Studie über Arznei-Tests in NRW-Heimen

Von den 1950ern bis in die 1980er Jahre hinein haben Heime und andere Einrichtungen Kindern und Jugendlichen massenhaft Medikamente von BAYER & Co. ohne ausreichende medizinische Indikation verabreicht. Zudem stellten sie der Pharma-Industrie ihre Schutzbefohlenen als Versuchskaninchen für Arznei-Tests zur Verfügung. Wie sich die Situation in Nordrhein-Westfalen darstellte, untersucht eine neue Studie.

Von Sibylle Arians

In etlichen Einrichtungen der stationären Jugendhilfe, in Heimen und Psychiatrien waren junge Menschen Missbrauch und Gewalt in körperlicher, sexueller oder auch psychischer Form ausgeliefert. Manche starben daran. Fast alle Betroffenen leiden zeitlebens an körperlichen und seelischen Traumata. Eine besondere Form der Quälereien stellte die Verabreichung von Medikamenten dar. Und diesen Torturen geht nun die Studie „Missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen seit der Gründung des Landes bis in die 1980er Jahre“ nach. Verfasst hat sie der Düsseldorfer Medizin-Historiker Heiner Fangerau zusammen mit einem Team von WissenschaftlerInnen.

Die AutorInnen machen zwei Formen irregulärer Medikamentenvergabe aus: die Applikation zu außermedizinischen Zwecken wie etwa der Ruhigstellung und die Applikation zu Test-Zwecken im Rahmen von Arznei-Prüfungen. Bei Letzterem unterscheiden sie dann noch einmal zwischen Heilversuchen mit neuartigen Mitteln und Experimenten. Ging es bei Ersterem um Disziplin und andere fragwürdige Ziele, so spielten bei den Medikamentenprüfungen häufig auch wissenschaftlicher Ehrgeiz, die Erwartung neuer Heilerfolge oder die Aussicht auf Geld eine Rolle – alles auf Kosten von Not und Leid der anempfohlenen jungen Menschen. Und BAYER & Co. haben für die Arzneimittel-Erprobungen nicht nur Honorare an die ÄrztInnen gezahlt, sondern die Einrichtungen zudem noch großzügig mit Medikamenten versorgt.

Offenbar stellte der alltägliche Medikamentenmissbrauch in Einrichtungen wie die Gabe von „hohe(n), teils toxische(n) Mengen an Neuroleptika bzw. Medikamente in kritischen Kombinationen“ (S. 42) die deutlich häufigere, ja alltägliche Form des Missbrauchs dar. Die Untersuchungen darüber nehmen viel Raum in dem Werk ein. Entwürdigende Praktiken dienten dazu, den Willen der Betroffenen zu brechen. Die Interviews mit ihnen im Kapitel 4 sind ausnahmslos erschütternd. Gewiss trägt das Buch in hervorragender Weise zur Aufklärung und Anerkennung der erlittenen Gewalt bei.

Dass medikamentöse Gewalt keine Ausnahme war und nicht nur von einzelnen Ärztinnen und Ärzten, Pflegerinnen und Pflegern, Erzieherinnen und Erziehern und kirchlichen Ordensmitgliedern ausgeübt wurde und immer noch wird, wird bei der Lektüre schnell deutlich. Gleich zu Beginn des ersten Kapitels erwähnen die AutorInnen den Fall Michael Winterhoff. Dieser ist ein aufschlussreicher Beleg dafür, dass bis heute teilweise in der Fürsorge- und Heimerziehung sowie in der pädiatrischen Praxis an gewaltvollen Behandlungsmethoden festgehalten wird: Winterhoff ist ein bekannter Buchautor und Kinder- und Jugendpsychiater aus Bonn.  Er wurde nach Drucklegung des Buches, am 4. März 2026, nach einjähriger Verhandlung wegen Körperverletzung in sieben Fällen sowie fahrlässiger Körperverletzung in einem Fall zu neun Monaten Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Weit über 20 weitere Fälle werden noch verhandelt: Erst im Dezember 2021 schloss er seine Praxis und beendete seine Behandlungen in Heimen. 

Historisch gesehen wurde Kindern über Generationen hinweg keine eigene Persönlichkeit zugesprochen. Mensch folgte einem Erziehungsbild, wie es die „schwarze Pädagogik“ der 1910er  und 1920er Jahre prägte. Kinder und Jugendliche galten als noch „unfertige“, zu erziehende und zu formende Wesen ohne eigenes Persönlichkeitsrecht. Vielleicht auch begünstigt von Personal- und Finanzknappheit, wurden in einer Vielzahl von Einrichtungen schwierige und störende Zöglinge und PatientInnen ruhiggestellt. In den Krankenakten findet sich eine breite Palette von Verhaltensweisen, die als Anlässe dafür herhalten mussten, etwa dass die Krankenhausroutine durcheinanderzugeraten drohte. Dabei hätten ihre Opfer meist schlicht nur eine deutlich stärkere personelle Zuwendung gebraucht.  Meist geschah die Medikamentierung ohne Wissen und Zustimmung der Eltern – und erst recht ohne Rücksicht auf Interessen und Befindlichkeit der Betroffenen selbst.  

Die Tests von BAYER & Co.

Der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN geht es verstärkt um die Schuld der Pharmaunternehmen am Leid der Kinder und Jugendlichen. Dazu stellen die AutorInnen fest, dass es auch bei Medikamenten-Tests keine Aufklärung der Betroffenen und nachfolgend eine Einwilligung von ihnen bzw. ihrer gesetzlichen VertreterInnen gab. Das bewegte sich in einer rechtlichen Grauzone, denn erst ab 1978 – durch das Inkrafttreten des Arzneimittelgesetzes von 1976 – waren Einwilligungen eindeutig gesetzlich gefordert.  

Die Erprobung von neuen Medikamenten und Wirkstoffkombinationen war damals in Heimen durchaus gängige Praxis. Dort lebten nämlich kontrollierbare und unterprivilegierte Menschengruppen, die eine leichte Beute waren: Halbwaisen und Waisen, verwahrloste, straffällig gewordene Kinder oder solche mit geistigen Beeinträchtigungen. 

Heimkinder und Kinder in Heilbehandlung waren also bevorzugte Versuchskaninchen der Pharmaindustrie für Psychopharmaka, Neuroleptika, Impfstoffe und andere Mittel. Genannt werden in der Studie u. a. Geigy (Novartis), Thomae, Grünenthal, Höchst Sanofi, Janssen Pharmaceutica, Roche AG, Sandoz, Kali Chemie, Rhône-Poulenc und – wie könnte es anders sein? – die BAYER AG, bzw. die Farbenfabriken Bayer Aktiengesellschaft als ihr Vorgänger. Unter anderem die Versuche des Leverkusener Multis mit den Mitteln AOLEPT, LUMINAL und MEGAPHEN finden Erwähnung.

Teils ging es um die Erprobung (noch) nicht zugelassener Mittel, teils darum, Anhaltspunkte für die Dosierungsempfehlungen registrierter Medikamente zu erhalten oder um Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. „In der Summe bleibt festzuhalten, dass es in Wuppertal-Aprath (durchaus in Kooperation mit anderen bergischen Heilstätten und Kliniken) ausgiebige Testungen von Medikamenten, vor allem von der Firma BAYER, gegeben hat. Dabei ist es auch zu zahlreichen dokumentierten Nebenwirkungen gekommen“, heißt es auf S. 201. Allerdings ist davon auszugehen, dass das, was dokumentiert wurde, nur die Spitze des Eisbergs ist, zumal ungünstige oder gar fatale Nebenwirkungen meistens gar nicht erst dokumentiert wurden. Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen wurde vom Autor-Innenteam zusammengetragen, um ein möglichst vollständiges Bild zu erhalten. Die eigentlich bestehende Dokumentationspflicht wurde oft missachtet, da sie ohnehin nicht wirksam überprüft wurde. Ganz gleich, ob dies aus Schludrigkeit oder Vertuschungsabsicht geschah: auch damals waren sich viele Verantwortliche dessen bewusst, dass ihr Tun zumindest ethisch bedenklich war und eindeutig gegen ihre Standespflichten verstieß. Häufig erfüllten die schlimmen Schädigungen der Betroffenen den Tatbestand der (schweren) Körperverletzung – auch nach damaligen Maßstäben. (Erläuterung: Was da gemacht wurde, entsprach – vor dem Hintergrund der verbrecherischen Menschenversuche während des Nazi-Regimes und dem im Anschluss an die Nürnberger Ärzteprozesse formulierten „Nürnberger Kodex“ von 1947 – nicht der medizinischen Ethik der Nachkriegszeit. Darin heißt es nämlich, dass: „…die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson unbedingt erforderlich (ist). Das heißt, dass die betreffende Person im juristischen Sinne fähig sein muss, ihre Einwilligung zu geben; dass sie in der Lage sein muss, unbeeinflusst durch Gewalt, Betrug, List, Nötigung, Übervorteilung oder irgendeine andere Form der Überredung oder des Zwanges, von ihrem Urteilsvermögen Gebrauch zu machen; dass sie das betreffende Gebiet in seinen Einzelheiten hinreichend kennen und verstehen muss, um eine verständige und informierte Entscheidung treffen zu können“.  Dieser Kodex galt offenbar am wenigsten für Mädchen, besonders pädagogisch auffällige und schwer erkrankte bzw. „intelligenzgeminderte“ Kinder und Jugendliche. Diese dienten besonders häufig als Versuchskaninchen, denn von ihnen war weniger Gegenwehr zu erwarten. Erschreckenderweise spielten Verantwortliche in den Heimen mit.

BAYER als Top Player

Art und Umfang der Medikamenten-Testungen und der missbräuchlichen Handhabung registrierter sowie nicht registrierter Medikamente von BAYER werden  sichtbar in den Länderstudien  (Niedersachsen und Schleswig-Holstein), in früheren Studien zu NRW und den von der AutorInnen-Gruppe untersuchten Beispielen im Kapitel 7. BAYER war besonders aktiv in der ehemaligen Kinderheilstätte Aprath (Wülfrath), in der Kinderheilstätte Godeshöhe (Bad Godesberg) in der Kinderklinik der Städtischen Krankenanstalten Düsseldorf, der Heilstätte Großhansdorf bei Hamburg sowie der Kinder- und Jugendabteilung des Landeskrankenhauses Schleswig.

Ist es wohl ein Zufall, dass das 1964 eröffnete Forschungs- und Entwicklungszentrum von BAYER unweit der ehemaligen Klinik Aprath liegt? „Schon seit mindestens 1953 gab es in der Aprather Klinik selbst Gebäude mit Ställen und Laboren, und es ist nicht auszuschließen, dass die Versuche in der Klinik Aprath (…) sowie die zahlreichen Erprobungen in der Heilstätte Bergisch Land in Wuppertal-Ronsdorf auch ein Motiv für die Auswahl des BAYER-Forschungsstandorts in Aprath lieferten. Die Untersuchung dieser These muss aber weiteren Forschungen vorbehalten bleiben“, so die VerfasserInnen.

Bemerkenswert ist auch das Kapitel 7.5 über hormonelle Schwangerschaftstests mit DUOGYNON im Tecklenburger Mädchenheim „Im Sonnenwinkel“. Dieses Medizin-Produkt war bereits zur damaligen Zeit sehr umstritten, weil es in Zusammenhang gebracht wurde mit Aborten und mit Fehlbildungen bei Neugeborenen – und es durchaus weniger problematische Testmethoden gab. Höher dosiert, als es zum Schwangerschaftstest erforderlich war, nutzten Frauen das Präparat auch als Mittel zur Abtreibung. Es ließ sich wohl schwer nachvollziehen, wann, mit welcher Intention und wie oft es im Tecklenburger Mädchenheim eingesetzt wurde, aber es ist nicht auszuschließen, dass ein Absterben des Fötus billigend in Kauf genommen wurde. DUOGYNON wurde hergestellt von der Firma SCHERING, die 2006 von der BAYER AG gekauft wurde. Damit ist sie auch Rechtsnachfolgerin in Fragen der Verantwortung für die Entschädigung von Personen, die durch den Schwangerschaftstest Schaden nahmen.

Verantwortung?!

Wer hatte damals die Verantwortung, und wer hat sie jetzt? Die ehemaligen und aktuellen Träger der betroffenen Kinder- und Jugendeinrichtungen haben – teils ausgesprochen zögerlich – ein gewisses Interesse an der Aufarbeitung entwickelt und dazu beigetragen, dass die oft verdrängte Geschichte von Heimkindern in Deutschland mehr Aufmerksamkeit bekommen und die Betroffenen eine Stimme erhalten, aber eine proaktive Herangehensweise ist das noch lange nicht.Vielmehr scheint es, nicht zuletzt durch fehlende Transparenz und fehlende Unabhängigkeit von Beschwerdeprüfungen und Kontrollen, eher darum zu gehen, das gesamte System zu schonen. Dieses System ist dem AutorInnen-Team zufolge äußerst komplex: „In fast allen rekon-struierten Zusammenhängen waren nicht nur mehrere Personen beteiligt, sondern es wurden unterschiedliche organisationale, infrastrukturelle und systembezogene Ebenen benannt oder sichtbar. Hierzu gehörten ÄrztInnen, ApothekerInnen, Arzneimittelproduzent-Innen, pädagogisches Fachpersonal und (Sozial-)PädagogInnenverbände oder -organisationen ebenso wie BetreiberInnen von Heimen wie u. a. die Kirchen, die Heimaufsicht, das „System“ der Jugend-, Sozial- und Gesundheitsfürsorge und ‚die Politik‘ als überzeitliche Repräsentanten einer Gesellschaft.“ (S.235)  

Formen der unabhängigen Kontrolle sind kaum zu erkennen.  Auf den drei unterschiedlichen Ebenen (System-, Organisations- und personelle Ebene) gab es sehr unterschiedliche Verantwortungskonstel-lationen. Vor allem durch den äußeren Druck von Betroffenenorganisationen und ihren UnterstützerInnen aus der Zivilgesellschaft – darunter JournalistInnen, die sich der Not der ehemaligen Heiminsassen angenommen haben – ist Bewegung in die Sache gekommen. Vor allem dadurch wurde hier und das gut eingespielte Gefüge aufgebrochen, das aus Trägern, Verbänden, Kammern und Ämtern in der Verantwortungsgemeinschaft für die Schutzbefohlenen besteht sowie der medizinischen Organisationsstruktur mit den Pharma-Firmen im Zentrum. 

Mitglieder des VEREIN EHEMALIGER HEIMKINDER SCHLESWIG-HOLSTEIN kamen 2019 erstmals zu einer BAYER-Hauptversammlung und konfrontierten dort den Vorstand 2019 direkt mit den Menschenversuchen. Und sie ließen nicht locker. 2025 ergriff Günter Wulf, der die Arznei-Versuche von 1964 bis 1972 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig-Hesterberg erleiden musste, wiederum das Wort. „Bei jahrelangen Misshandlungen und unter 8-jähriger Dauermedikation, bei der die Pharma-Unternehmen unvorstellbar hohe Gewinne einstreichen konnten, da ihnen ja ‚günstige Probanden‘ für ihre Medikamententests zur Verfügung standen, nämlich wir Heim- und Psychiatrie-Kinder, bin ich heute dankbar dafür, dass ich diese medikamentöse Vergewaltigung, die überhaupt keinen therapeutischen Nutzen hatte, tatsächlich überstanden habe, wenngleich Nervenschäden nicht ausblieben“, berichtete er.

Wulf forderte BAYER deshalb auf, Verantwortung zu übernehmen. Das lehnte das Unternehmen jedoch ab. „Herr Wulf – Sie hatten gefragt, wann sich die BAYER AG dazu bereiterklärt, für die an Heimkindern angeblich begangene Körperverletzung einzustehen“, hob Pharma-Chef Stefan Oelrich in seiner Antwort an, um Günter Wulf dann zu bescheiden: „Die Forderung nach einer finanziellen Beteiligung lehnen wir ab, da wir weder für die Zustände in den damaligen Heimen noch für die Handlungen der Mitarbeiter Verantwortung übernehmen können.“

Dabei zählte der Leverkusener Multi die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig-Hesterberg zu den „50 für uns wichtigsten Prüfer[n]“. Deshalb hielt er sie auch schon mal mit einer Bootspartie auf dem Rhein bei Laune, deren Pflichtteil – ein Symposion zu einem getesteten Präparat – sicherlich schnell absolviert war.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fragte in den vergangenen Jahren regelmäßig nach, wie es denn aussieht mit Entschädigungszahlungen für lebenslang erlittenes Leid. Hier sieht es extrem mau aus: Der Fonds Heimerziehung, finanziert von Bund, Ländern, Kommunen sowie katholischer und evangelischer Kirche nicht aber von BAYER & Co., bewilligte dafür insgesamt 120 Millionen Euro. Er wurde eingestellt, kurz nachdem die „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ Anfang 2017 die Arbeit aufnahm. Ende 2022 stellte auch sie den Betrieb ein mit der Begründung, dass die Pharma-Unternehmen kategorisch eine Mitverantwortung negierten und nicht zur Finanzierung beitragen wollten. 

Das gleiche Schicksal erlitt der Fonds, den die schleswig-holsteinische Landesregierung auflegen wollte. „Angesichts des aktuell nicht erkennbaren Interesses der übrigen Verantwortungsträger an einer finanziellen Beteiligung an weiteren Unterstützungsleistungen“, sah diese sich gezwungen, das Projekt zu stoppen. Auch an dem „Gespräch der Verantwortungsträger“, das Kiel während der ersten Amtsperiode von Ministerpräsident Daniel Günther ins Leben gerufen hatte, zeigten BAYER & Co. kein Interesse. „Wir haben hier ganz überwiegend die Resonanz bekommen, dass die Übernahme von Verantwortung durchgängig negiert wurde“, antwortete das Sozialministerium auf eine Anfrage der CBG.

Und das Opferentschädigungsgesetz des Bundeslandes hilft den Betroffenen auch nicht groß weiter. Gerade einmal sechs ehemalige Heimkinder kamen mit ihren Anträgen durch. Die meisten von ihnen wurden nicht einmal angehört und erhielten die Ablehnung auf dem Postweg zugestellt. Die Regierung Günther hat dann noch eine Bundesratsinitiative zur „Einführung einer monatlichen Zuwendung zum Ausgleich des Leids und Unrechts ehemaliger Heimkinder“ gestartet“, die auch eine Beteiligung der Pharma-Industrie vorsah. Aber für dieses Vorhaben hat Schwarz-Grün nicht genügend andere Bundesländer gewinnen können.

NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) bekundete bei der Vorstellung der Studie Anteilnahme und bot eine Entschuldigung an. „Mit der Beteiligung am Fonds Heimerziehung und an der Stiftung Anerkennung und Hilfe hat die Landesregierung sich umfassend und aktiv an der Anerkennung erlittenen Leids beteiligt“, sagte er. Das hörte sich allerdings unaufrichtig an: Die insgesamt 100 Millionen des Landes NRW sind längst ausgeschöpft, die Stiftung ist längst abgewickelt, und die Geschädigten kämpfen noch immer um genau das, was die Stiftung versprach: Anerkennung und Hilfe.

Zusammenfassung

Die Autorinnen und Autoren beschreiben exemplarisch Formen und Ausmaß der missbräuchlichen Gabe von Medikamenten an Kinder und Jugendliche in nordrhein-westfälischen Einrichtungen. Sie geben Betroffenen eine Stimme und tragen damit sehr dazu  bei, dass die Geschädigten gehört werden und dass ihnen geglaubt wird. Sie untersuchen die Machenschaften innerhalb der beteiligten Strukturen und suchen zu ergründen, wer damals  in der Verantwortung stand und wer heute für die Gewalt in der Geschichte der Institutionen einsteht. Dabei stoßen sie auf riesige Defizite hinsichtlich der Bereitschaft staatlicher und kirchlicher Träger sowie der Pharma-Unternehmen, Transparenz zu schaffen und Verantwortung zu übernehmen. Archive zugänglich zu machen (BAYER, Merck) führte keineswegs zur Verantwortungsübernahme für das Leid der menschlichen Versuchskaninchen. 

Damit hierfür der nötige politische Druck entsteht, ist die Arbeit von Betroffenen-Organisationen wie dem VEREIN EHEMALIGER HEIMKINDER SCHLESWIG-HOLSTEIN essenziell. Er konnte im März 2026 in Bad Malente sein 15-jähriges Bestehen nachfeiern und versicherte dort der CBG, in seinem Engagement nicht nachlassen zu wollen. ⎜

Heiner Fangerau, Silke Fehlemann, Sylvia Wagner, Carolin Ehlke, Carolin Oppermann, Wolfgang Schröer (Hrsg.)

Missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen seit der Gründung des Landes bis in die 1980er Jahre

Beltz Juventa 2026

ISBN 978-3-7799-9358-2 Print

ISBN 978-3-7799-9359-9 E-Book (PDF)

DOI 10.3262/978-3-7799-9359-9

BAYERs Glyphosat-Strategie

CBG Redaktion

Der Konzern verfährt mehrgleisig

Der BAYER-Konzern will die juristischen Nebenwirkungen seines von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften Pestizids Glyphosats auf unterschiedlichen Wegen eindämmen und vermeldete dabei jüngst – dank millionenschweren Lobby-Einsatzes – Erfolge. 

Von Jan Pehrke

„Was die signifikante Eindämmung der Rechtsrisiken in den USA angeht, so verfolgt das Unternehmen eine mehrgleisige Strategie, die Schritt für Schritt umgesetzt wird“, heißt es bei BAYER seit geraumer Zeit zum Fall „Glyphosat“ mit seinen rund 65.000 noch anhängigen Entschädigungsklagen. Zum einen versucht der Konzern, beim Obersten Gerichtshof der USA, dem Supreme Court, ein Urteil in seinem Sinne zu erwirken. Zum anderen verhandelt er mit den AnwältInnen der Geschädigten. Und dann bemüht der Agro-Riese sich noch darum, auf bundesstaatlicher und zentralstaatlicher Ebene Gesetze zu lancieren, die dem umstrittenen Herbizid Immunität verschaffen.

Der Leverkusener Multi unternimmt enorme Lobby-Anstrengungen, um diese Ziele zu erreichen und generell ein positiveres Glyphosat-Bild zu entwerfen. So arbeitet er daran, das Pestizid als unverzichtbar für die LandwirtInnen darzustellen. Auch reklamiert der Konzern „Systemrelevanz“ für sein Produkt. Dazu beschwört er sogar eine gelbe Gefahr herauf, weil außer BAYER nur noch China das Mittel in größerem Maßstab herstellt. Sollte das Unternehmen sich aus juristischen Gründen gezwungen sehen, das Herbizid vom Markt zu nehmen, droht hier eine Abhängigkeit, warnt der Agro-Riese in seinem Horror-Szenario.

Mit über neun Millionen Dollar pflegte er 2025 die politische Landschaft in den USA. 45 EinflussarbeiterInnen standen in seinen Diensten oder gehörten zu einer der der 13 Lobby-Firmen, die er zusätzlich engagierte. 

Als oberster Lobbyist agiert dabei BAYER-Chef Bill Anderson selbst: Er war der einzige Vorstandsvorsitzende eines deutschen DAX-Unternehmens, der der feierlichen Amtseinführung Donald Trumps beiwohnte. Noch dazu sponserte der Global Player den Event. Mitte  Juni 2026 sprach Anderson dann persönlich bei der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA vor. Er traf mit dessen Chef Lee Zeldin und drei seiner MitarbeiterInnen zusammen. Darunter befand sich auch Nancy Beck, die sich durch ihren vormaligen Job beim Lobby-Verband „American Chemistry Council“ für die Aufgabe „qualifiziert“ hatte. Und die Gespräche verliefen alles andere als fruchtlos. „Die Unterstützung durch die Regierung erfolgte größtenteils nach dem Treffen vom 17. Juni“, hielt die Journalistin Carey Gillam im Guardian fest. 

Dementsprechend groß war die Empörung. „Wenn der CEO eines der größten Unternehmen der Welt sich mit politischen Amtsträgern einer US-Aufsichtsbehörde trifft, zeigt das, wie viel Macht und Einfluss diese Konzerne auf Entscheidungen haben, die sehr reale Folgen für die Gesundheit aller Amerikaner haben können“, konstatierte Nathan Donley vom Center for Biological Diversity. Whitney Di Bona von der Organisation DRUGWATCH erzürnte das Meeting ebenfalls. „Es ist besorgniserregend, dass der CEO eines großen Pestizid-Herstellers private Treffen mit der EPA abhalten kann, um über die Begrenzung der Haftung des Unternehmens zu sprechen“, hielt die Juristin fest. „Wir sollten uns auch fragen, ob die Behörde denselben Gesprächsraum den Tausenden von Menschen eingeräumt hat, die angeben, nach der Anwendung von Roundup an Krebs erkrankt zu sein, oder den Familien, die Angehörige verloren haben“, meinte di Bona. Der Leverkusener Multi erklärte indes nur trocken, solche Zusammenkünfte seien ein „normaler Bestandteil des Zulassungsverfahrens“.

Ansonsten setzte der Leverkusener Multi gezielt auf LobbyistInnen aus dem Trump-Umfeld. Dazu zählten unter anderem Brian Ballard, der Fundraiser für den 2024er Wahlkampf und Hauptinhaber von BALLARD PARTNERS, und seine Angestellten Daniel McFaul, Mike Rubino und Hunter Morgen, die Trump in seiner ersten Amtsperiode als Berater zur Seite standen. Ihre ehemaligen KollegInnen Pam Bondi und Susie Willes gingen den umgekehrten Weg. Bondi ist jetzt Justizministerin und Susie Willes Trumps Stabschefin. Andere „LandschaftspflegerInnen“ BAYERs verfügen über nützliche berufliche Erfahrungen bei der US-amerikanische Umweltbehörde EPA, dem Landwirtschaftsministerium oder dem Justizministerium.

Damit lässt sich schon so einiges reißen. Und so konnte Anderson auf der Bilanzpressekonferenz Anfang März 2026 verkünden: „Unsere mehrgleisige Strategie kommt insgesamt gut voran.“ Unter anderem vermeldete er Erfolge bei der Operation „Supreme Court“.

Der Supreme Court

Die Verurteilungen zu Schadensersatz-Zahlungen in den meisten bisherigen Glyphosat-Prozessen erfolgten, weil der BAYER-Konzern es nach Meinung der RichterInnen versäumte, ausreichend vor den Risiken und Nebenwirkungen des Herbizids zu warnen. Als Rechtsgrundlage dafür dienten entsprechende gesetzliche Bestimmungen der Bundesstaaten. Die VerteidigerInnen des Global Players führten zur Entlastung regelmäßig die US-amerikanische Umweltbehörde EPA an, die das Pestizid nicht als krebserregend einstuft; sie konnten sich damit allerdings zumeist nicht durchsetzen. 

Darum versuchte BAYER, ein Grundsatz-Urteil in der Sache vom obersten Gericht der USA – dem  Supreme Court – zu erwirken. Aber obwohl die formalen Kriterien dazu vorlagen – zwei gegensätzliche RichterInnen-Sprüche, die nach Klärung durch eine übergeordnete Instanz verlangten – gelang das jahrelang nicht.

Zweimal scheiterte das Unterfangen bereits. So riet die von Joe Biden nominierte Generalanwältin Elizabeth Prelogar dem Gericht im Jahr 2022 davon ab, sich der Causa zu widmen. Das US-amerikanische Pestizid-Recht – der „Federal Insecticide, Fungicide and Rodenticide Act“ (FIFRA) – erlaube den einzelnen Bundesstaaten, selbst spezielle Vorschriften zu erlassen, wenn diese den FIFRA-Vorgaben nicht explizit widersprächen, argumentierte sie. „Die Genehmigung der EPA für eine Kennzeichnung, die nicht vor bestimmten chronischen Risiken warnt, bedeutet nicht, dass eine amtliche Anordnung, die solche Warnungen vorsieht, außer Kraft gesetzt wird“, hielt die Juristin damals fest. 

Aber nach der Regierungsübernahme von Donald Trump wendete sich das Blatt. Anfang Dezember 2025 empfahl der von Trump eingesetzte Generalanwalt Dean John Sauer dem Gericht, sich den Fall „Glyphosat“ vorzunehmen. Der Rest war dann nur noch Formsache. Schon im Januar 2026 erklärte der Supreme Court die Bereitschaft, sich mit der Frage zu befassen, wer in Sachen „Warnhinweis“ das letzte Wort hat, die EPA oder der FIFRA. 

Der BAYER-Konzern jubilierte und bezeichnete die Entscheidung des Supreme Courts, die sofort den Aktien-Kurs steigen ließ, als „eine gute Nachricht für die Landwirte in den USA, die regulatorische Klarheit benötigen“. Aber das sollte erst der Anfang sein. „Ähnliche Rechtsgrundlagen wie im Federal Insecticide, Fungicide, and Rodenticide Act (FIFRA) gibt es auch in anderen Bereichen, etwa bei medizinischen Produkten, Lebensmitteln und für die Automobilbranche. In den USA muss jetzt juristisch klargestellt werden, dass Unternehmen nicht auf Basis des Rechts einzelner Bundesstaaten bestraft werden können, wenn sie sich an Kennzeichnungsvorgaben des US-Bundesrechts halten“, erklärte die Aktien-Gesellschaft.

Dieser Sichtweise widersprach jedoch die Initiative FARM ACTION, die die Interessen der US-amerikanischen Kleinbauern und -bäuerinnen vertritt. „BAYER bezeichnet die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs als ‚gute Nachricht für Landwirte‘, doch sie kommt in erster Linie den Interessen der Unternehmen zugute, während Landwirte und Landarbeiter an vorderster Front keine Handhabe haben, wenn sie durch BAYERs Produkte geschädigt werden“, hielt sie fest. Die Organisation Earthjustice rechnet im Falle einer Entscheidung zugunsten des Leverkusener Multis ebenfalls mit dem Schlimmsten. „Das würde bedeuten, dass Unternehmen, sobald die EPA ein Etikett genehmigt hat, neue wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren, Beweise über die durch ihre Pestizide verursachten Schäden zurückhalten und dennoch ihrer Verantwortung entgehen könnten, wenn Menschen krank werden.  Das macht keinen Sinn, zumal die Pestizid-Vorschriften der EPA oft hinter dem Stand der Wissenschaft zurückbleiben“, so EARTHJUSTICE. 

Der Geschädigten-Anwalt Brent Wisner rechnet nicht mit einem Sieg BAYERs, weil sich in der Vergangenheit mehrere der RichterInnen des Supreme Courts gegen das „Top down“-Prinzip positioniert hätten, die dem zentralstaatlichen Recht Vorrang vor dem Recht der Bundesstaaten einräumt. „Wenn diese konservativen Richter ihren früheren Urteilen treu bleiben, sollte dies ein leichter Sieg für die Kläger werden. Die Stärkung der Befugnisse der EPA ist eine liberale Idee“, prophezeit er. Wisner dürfte hier vor allem die Entscheidung des Supreme Courts im Fall „Bates v. Dow Agrosciences“ aus dem Jahr 2005 im Sinn gehabt haben, nur hatten da Dennis Bates und andere Erdnuss-FarmerInnen auf das EPA-Primat gepocht, während der Multi sich auf die FIFRA-Vorschriften stützte.

Überdies ist die Haltung der EPA zu Glyphosat so eindeutig nicht. Sie vollzog im Laufe der Zeit so einige Wandlungen. Da das Mittel seine Zulassung 1974 auf der Basis von Studien des Unternehmens IBT Laboratorys erhalten hatte, das 1983 des Wissenschaftsbetrugs in zahlreichen Fällen überführt wurde, forderte die EPA damals zur Sicherheit eine neue Untersuchung der jetzigen BAYER-Tochter MONSANTO. Das Ergebnis: Glyphosat erhöht das Nierenkrebs-Risiko signifikant. Die Umweltbehörde reagierte und führte das Herbizid ab 1985 als „potenziell krebserregend für Menschen“. Aber der Agro-Gigant gab nicht auf. Er behauptete einfach, den WissenschaftlerInnen seien bei den Versuchen Fehler unterlaufen – und kam damit durch. MONSANTO hatte nämlich beste Beziehungen zum seinerzeit regierenden Ronald Reagan und seiner Administration. 

Der BAYER-Konzern aber zeigt sich zuversichtlich, mit einem Urteil zu seinen Gunsten schon bald einen Teil der Ernte seiner politischen Landschaftspflege einholen zu können. Es kam dann auch bereits Unterstützung von höchster Stelle. Die Trump-Administration machte vom US-amerikanischen Rechtsinstitut des „Amicus Curiae“ Gebrauch, das es auch Unbeteiligten erlaubt, Stellungnahmen zu laufenden Rechtsstreitigkeiten abzugeben, und verwandte sich für den Leverkusener Multi. Die Regierung stellte sich hinter BAYERs Position, der EPA die Entscheidung zu überlassen, „welche Warnhinweise für Pestizide notwendig sind, um die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu schützen“. Bundesstaaten hier mitreden zu lassen, würde zu einer „Kakophonie“ führen, hieß es in dem Statement. Bei zwei der UnterzeichnerInnen handelte es sich dabei um alte Bekannte des Global Players. Sarah M. Harris und Aaron Z. Roper standen vor ihrer Trump-Zeit in Diensten der Großkanzlei WILLIAMS & CONNOLLY LLP, die in Sachen „Glyphosat“ und anderen Fällen schon oft für BAYER tätig war. 

Weitere „Amicus Curiae“-Briefe dieser Art schrieben unter anderem „CropLife America“, die „National Corn Growers Association“, die „American Farm Bureau Federation“, das „National Cotton Council of America“ und die „National Association of Wheat Growers“. Dafür bedankte sich Bill Anderson auf der Bilanzpressekonferenz artig. „[S]tarke Unterstützung durch Stellungnahmen von der US-Regierung, von 15 US-Bundesstaaten, der US-Handelskammer und vielen anderen“, vermeldete er. Aber auch Briefe, die die Rechtsposition der einzelnen Bundesstaaten gegenüber der EPA stützen, gab es. EARTH JUSTICE und die „Atlantic Legal Foundation“ setzten solche Schreiben auf.

Lex Glyphosat

BAYER setzt im Kampf um Glyphosat allerdings nicht nur auf den Supreme Court, der sich ab dem 27. April mit dem Fall befassen und bis Ende Juni eine Entscheidung vorlegen will. Zusätzlich ist der Konzern dabei, auf bundes- und zentralstaatlicher Ebene Gesetze zu lancieren, die dem Herbizid Immunität verschaffen. In South Dakota und Georgia gelang ihm das bereits. Weitere Anläufe unternimmt er in neun anderen Bundesstaaten. 

Der Versuch, über die föderale Ebene hinauszugehen und in das US-Haushaltsgesetz einen entsprechenden Paragrafen hineinzuschmuggeln, scheiterte einstweilen allerdings. Der Passus schaffte es bis in den Entwurf, flog dann aber raus. Maßgeblichen Anteil daran hatte Chellie Pingree von den Demokraten. „Ich habe einfach eine Grenze gezogen und gesagt, dass dies nicht im Gesetzentwurf bleiben kann“, sagte sie gegenüber dem Guardian: „Es gab intensive Lobbyarbeit von BAYER. Das war ein ziemlich harter Kampf.“ Endgültig vom Tisch ist die Sache Pingree zufolge jedoch nicht. Ihrer Ansicht nach wird der Agro-Riese jetzt andere legislative Wege suchen. „Ich glaube nicht, dass es vorbei ist“, so die Demokratin.

BAYERs Vergleichsangebot

Am 17. Februar 2026 unternahm der BAYER-Konzern einen weiteren Schritt, um seine „mehrgleisige Strategie“ umzusetzen. Er präsentierte einen 600 Seiten starken Vergleichsvorschlag, den er gemeinsam mit AnwältInnen von Glyphosat-Geschädigten erarbeitet hatte. Demnach will das Unternehmen über einen Zeitraum von 21 Jahren hinweg 7,25 Milliarden Dollar zur Beilegung vorliegender und zukünftiger Klagen zahlen, wobei die Summen Jahr für Jahr abnehmen. 

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren überzeugte das Angebot nicht. „Diese Vorlage enthält einige heikle Regelungen und lässt viele Fragen offen“, konstatierte sie in ihrer Pressemitteilung. So begrenzt der geplante Sammel-Vergleich die Haftung auf kaum mehr als zwei Dekaden. Zudem bleibt mit fortschreitender Zeit immer weniger Geld für neu Erkrankte übrig. Darüber hinaus gilt die Vereinbarung nur für KlägerInnen, die am Non-Hodgkin-Lymphom – einer bestimmten Form des Lymphknoten-Krebses – leiden. Geschädigte mit anderen Tumor-Diagnosen gehen leer aus. Auch tritt die Übereinkunft nur in Kraft, wenn ihr genügend Betroffene zustimmen und der überwiegende Teil der rund 65.000 noch zur zur Verhandlung anstehenden Fälle damit ad acta gelegt werden kann. 

Wie viele dieser 65.000 KlägerInnen die AnwältInnen, die den Deal mit ausgehandelt haben, repräsentieren, gab der Leverkusener Multi nicht bekannt. 14 nicht an den Verhandlungen beteiligte Kanzleien scherten bereits aus. Der Deal würde BAYER „eine nahezu vollständige Haftungsfreistellung“ gewähren, ihren MandantInnen dafür aber nur „unzureichende Gegenleistungen“ bieten, monierten sie. Zudem machten die JuristInnen, die rund 20.000 Geschädigte vertreten, eine Bevorzugung professioneller Glyphosat-AnwenderInnen gegenüber Privat-NutzerInnen aus. Das Zustandekommen des Vorschlags „hinter verschlossenen Türen“ stieß ebenfalls auf Kritik. 

Der Agro-Riese reagierte gelassen auf die Vorhaltungen. Er sei darüber „nicht überrascht“ und auf eine „intensive Debatte“ vorbereitet. Die AnwältInnen, die mit dem Global Player am Tisch gesessen hatten, blieben nicht so cool. Die Deal-Verweigerer würden bewusst „das Risiko einer Insolvenz von MONSANTO in Kauf nehmen“, echauffierten sie sich.

Trumps Glyphosat-Order

Am 18. Februar 2026 wurde Donald Trump höchstpersönlich zum Schutzpatron von Glyphosat: Er stufte das Herbizid mitsamt seinem Vorprodukt Phosphor per Dekret als systemrelevant ein. „Förderung der Landesverteidigung durch die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit elementarem Phosphor und Herbiziden auf Gyphosat-Basis“ war seine „Executive Order“ überschrieben. Als „in Verteidigungslieferketten allgegenwärtig und daher von entscheidender Bedeutung für die militärische Einsatzbereitschaft und die nationale Verteidigung“ bezeichnet die Anordnung Phosphor. Unter anderem findet es in Rauchbomben und Blendgranaten sowie in Halbleitern, „die für zahlreiche Verteidigungstechnologien wesentlich sind“, Verwendung.

Und da es in den USA nur einen Produzenten von Phosphor und Pestiziden auf Glyphosat-Basis gibt – nämlich BAYER – würde die Schließung der Fertigungsstätte in Soda Springs Trump zufolge die nationale Sicherheit bedrohen. Bereits im November 2025 hat er Phosphor deshalb als „kritischen Rohstoff“ kategorisiert. 

Tatsächlich kommt Phosphor bereits im Nahost-Krieg zum Einsatz. Die israelische Armee hat ihn nach Recherchen von „Human Rights Watch“ in Artillerie-Munition verwendet. Laut Washington Post stammt dieser Phosphor aus den USA. Die Spur führt also zu BAYER. Der Konzern bestreitet jedoch, das Militär zu beliefern, was einigermaßen unglaubhaft erscheint. Zukünftig will er es jedoch auf jeden Fall tun. Bill Anderson zeigte sich auf der Bilanzpressekonferenz im März 2026 angetan von Trumps Executive Order über die Unverzichtbarkeit von Glyphosat für zivile und militärische Zwecke und bekundete: „Wir teilen diese Ansicht und werden die Verordnung umsetzen.“

Aber Israel nutzt nicht nur Phosphor, sondern auch Glyphosat selbst in kriegerischen Auseinandersetzungen. Das Herbizid dient im Südlibanon zusammen mit anderen Pestiziden als Chemie-Waffe, um Ackerflächen zu zerstören. Laut „Euro-Med Human Rights Monitor“ machte die Armee so schon aus 9.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verbrannte Erde.

Was die zivile Nutzung von Glyphosat angeht, so verfing bei Donald Trump BAYERs Warnung vor der gelben Glyphosat-Gefahr, die ohne BAYER als Hauptlieferant durch Importe aus China drohe. Auch Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit und die Einkommenssituation der Landwirt-Innen prophezeit das Dekret. „Angesichts der Gewinnmargen, mit denen Landwirte derzeit konfrontiert sind, würden größere Einschränkungen beim Zugang zu Herbiziden auf Glyphosat-Basis zu wirtschaftlichen Verlusten für die Landwirte führen und es ihnen unmöglich machen, den wachsenden Bedarf an Nahrungs- und Futtermitteln zu decken“, heißt es darin.

Aber noch nicht einmal alle Republikaner-Innen mochten dem beipflichten. Besonders die AnhängerInnen von „Make America Healthy Again“ gingen auf Distanz. So kritisierte Thomas Massie den Vorstoß scharf. „Die am 18. Februar erlassene Executive Order  erweitert die Produktion dieser Chemikalie und gewährt den Herstellern gleichzeitig Haftungsschutz. Der Kongress sollte sicherstellen, dass die Amerikaner ihr Recht behalten, vor Gericht Rechtsmittel einzulegen, wenn sie glauben, durch dieses Produkt geschädigt worden zu sein“, so Massie. Der Abgeordnete aus Kentucky warf Trump vor, dem Einfluss des Lobbyings von BAYER erlegen zu sein und brachte gemeinsam mit Chellie Pingree den „No Immunity für Glyphosate Act“ ins Repräsentantenhaus ein. „ Wenn ‚Make America Healthy Again‘ das Ziel ist, sollte die Regierung ihre Befugnisse nicht dazu nutzen, die Produktion von Glyphosat zu fördern oder zu schützen“, sagte er zur Begründung.

Fazit

Bei BAYERs mehrgleisiger Strategie zur Behandlung der juristischen Nebenwirkungen von Glyphosat erscheinen einige Ziel-Bahnhöfe in Sichtweite. Aber die CBG wird weiterhin alles dafür tun, um den Konzern zu zwingen, die Verantwortung für die durch das Pestizid verursachten Gesundheitsschäden zu übernehmen und ein Verbot zu erreichen. ⎜

Das EU-Mercosur-Abkommen

CBG Redaktion

Vertrag zu Gunsten BAYERs

Ab Mai 2026 tritt der Handelsvertrag, den die EU mit den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay abgeschlossen hat, vorläufig in Kraft. Einer der Hauptprofiteure des Deals: Der BAYER-Konzern.

Von Jan Pehrke

„Ich denke mal jenseits von der EU und Nordamerika ist uns Lateinamerika kulturell am nächsten, und deswegen zwingt sich eine Kooperation fast auf. Für uns bei BAYER ist Lateinamerika eine ganz, ganz wichtige Region, und zwar quer über unsere gesamten Geschäfte“, sagte BAYERs Pharma-Vorstand Stefan Oelrich bei einer Veranstaltung des „Lateinamerika-Ausschusses der deutschen Wirtschaft“. Brasilien bezeichnete er dabei als den weltweit zweitgrößten Markt für den Konzern. „Von daher ist glaube ich das EU-Mercosur-Abkommen nicht nur von zentraler Bedeutung, sondern wegweisend dafür, dass wir Wohlstand und Wachstum vor allem durch mehr Freihandel erreichen können“, fuhr er fort.
Diese Begeisterung verwundert nicht. Der Leverkusener Multi und andere Chemie-Giganten zählen neben den Auto-Herstellern und Maschinenbauern zu den Hauptprofiteuren der Zollstreichungen, die der Handelsvertrag vorsieht, beliefen sich die Sätze doch bisher für Chemikalien auf bis zu 18 Prozent und für Pharmazeutika und Pestizide auf bis zu 14 Prozent. Die den Mercosur-Mitgliedern im Gegenzug gewährten Einfuhr-Erleichterungen kommen dem Agro-Riesen ebenfalls zugute. Diese betreffen nämlich bevorzugt Agrarrohstoffe wie Soja oder Mais, was eine Steigerung der Anbau-Flächen und damit auch eine Steigerung des Genpflanzen- und Pestizid-Absatzes erwarten lässt.
2024 beliefen sich die Exporte von BAYER & Co. in die Region nach Angaben des „Verbandes der Chemischen Industrie“ (VCI) auf einen Wert von 4,3 Milliarden Euro. Chemische Erzeugnisse standen dabei für 2,5 Milliarden Euro; Pharmazeutika für 1,8 Milliarden. Fast die Hälfte aller Arznei-Einfuhren in die Mercosur-Zone stammen aus der EU, bei den Grund- und Zwischenstoffen beträgt der Anteil 20 Prozent. Und diese Zahlen dürften mit dem Ende Februar 2026 vorläufig in Kraft getretenen Handelsabkommen noch einmal kräftig steigen. Die EU rechnet mit einem jährlichen Zuwachs der gesamten Ausfuhren um 39 Prozent auf einen Wert von 49 Milliarden Euro.

Extrem-Lobbyismus
Dementsprechend viel investierte BAYER in die Lobby-Arbeit für den Vertrag, sowohl in Europa als auch in Lateinamerika. Jenseits des Atlantiks galt es zunächst einmal, das Bild der dortigen Agro-Industrie in den Augen der EuropäerInnen positiver zu gestalten. Die Herausforderung bestand vor allem darin, dem Cashcrops-Ödland einen grünen Anstrich zu verleihen. Der Leverkusener Multi hat zu diesem Behufe den Brüsseler Thinktank ECIPE verpflichtet. Das sogenannte EU-Mercosur-Projekt lag dabei in den Händen von Emily Rees, die einige Berufsjahre als EU-Beauftragte von APEX, der brasilianischen Agentur für Export- und Investitionsförderung, in der belgischen Hauptstadt verbracht hat. Sie legte den GroßagrarierInnen ans Herz, sich kleinzumachen. „Die Europäer legen Wert auf Produkte aus kleinen, regionalen Erzeugerbetrieben“, sagte sie bei der Vorstellung einer von APEX lancierten PR-Kampagne.
Auch der Generaldirektion Handel der EU-Kommission stellte ECIPE sein Projekt vor, „eine andere, ausgewogenere und vielfältigere Perspektive“ zum Handelskontrakt entwerfen zu wollen, was die Direktion anschließend ausdrücklich „begrüßte“. Im Juni 2021 nahmen sich Rees & Co. dann vor, die Befürchtungen zu zerstreuen, der Vertrag könnte die Abholzungen von Regenwald forcieren. Zu diesem Behufe initiierten sie in Zusammenarbeit mit „Business Europe“, dem Lobby-Verband von BAYER & Co. am EU-Sitz, eine Veranstaltung, die „auf Grundlage von Fakten und Zahlen die Beziehung zwischen Handelsabkommen und Entwaldung analysieren“ wollte. Was die Initiative FRIENDS OF THE EARTH EUROPE eine „Greenwashing Extravaganza“ nannte, stieß ganz auf das Wohlwollen des damaligen Handelskommissars Valdis Dombrovskis. Er dankte BAYER persönlich „für das Organisieren des wichtigen ‚Business Europe‘-events“.
In Brasilien entfaltete darüber hinaus der Unternehmensverband „CropLife Brasil“ Aktivitäten. Er schickte sich dabei sogar an, das Herz Greta Thunbergs zu erobern. „Wir wollen Greta zeigen, dass wir keine Schurken sind“, bekundete der damalige geschäftsführende Präsident, der ehemalige BAYER-Manager Christian Lohbauer.
Aber natürlich blieb auch der Leverkusener Multi selbst nicht untätig und verhehlte das auf der Hauptversammlung von 2023 auch gar nicht. So antwortete der zu der Zeit als Vorstandsvorsitzender amtierende Werner Baumann ganz freimütig auf die Frage Ludwig Essigs vom NETZWERK GERECHTER WELTHANDEL nach BAYERs Lobby-Arbeit in Sachen „EU-Mercosur“. „BAYER hat in Berlin, Brüssel und beispielsweise auch in Brasilien im Rahmen seiner Verbandsmitgliedschaften an zahlreichen Treffen teilgenommen, bei denen das EU-Mercosur-Abkommen angesprochen worden ist. In Brüssel fanden darüber hinaus beispielsweise Gespräche mit der GD Trade [Generaldirektion Handel, Anm. SWB] und der GD Agri [Generaldirektion Agrar, Anm. SWB] statt“, erklärte Baumann damals.

Die Nebenwirkungen
Genauer betrachtet handelt es sich bei dem EU-Mercosur-Deal um einen Vertrag, den die Großagrarier vor allem Brasiliens und Argentiniens mit der europäischen Industrie zu Lasten Dritter geschlossen haben. Für Mensch, Tier und Umwelt hält das Handelsabkommen nämlich beträchtliche Nebenwirkungen bereit. Die Acker- und Weideflächen drohen sich durch die Aussicht auf bessere Geschäfte mit Agrargütern und Fleisch auf den EU-Märkten noch weiter in die für das Weltklima so wichtigen Regenwälder hineinzufressen. Das setzt die indigenen und traditionellen Gemeinschaften dann noch einmal zusätzlichem Vertreibungsdruck aus. Die ohnehin schon hohen Belastungen für Wasser, Boden, Luft und die Biodiversität, die mit dem agro-industriellen Modell einhergehen, dürften auch noch einmal zunehmen, während in den EU-Staaten ein Höfesterben dräut, weil viele LandwirtInnen nicht zu den Kosten ihrer Mercosur-KollegInnen produzieren können. Darüber hinaus ist der Deal geeignet, die Handelsungleichgewichte zwischen Europa und Lateinamerika zu verstärken, denn während die EU-Länder zu rund 84 Prozent Dienstleistungen und verarbeitete Industrie-Güter mit hohem Wertschöpfungsanteil in die Mercosur-Region ausführen, bestehen die Exporte Argentiniens, Brasiliens, Paraguays und Uruguays zu rund 75 Prozent aus Agrar-Rohstoffen, Bodenschätzen und Energie-Trägern.
Somit ist durch die Aufhebung der Zölle eine Beschleunigung der Deindustrialisierung in den vier Ländern zu erwarten. In Brasilien setzte diese schon in den 1980er Jahren mit der Schulden-Krise und den nachfolgenden „Strukturanpassungsprogrammen“ von Weltbank und „Internationalem Währungsfonds“ ein. Betrug der Anteil der Industrie-Produktion am Bruttoinlandsprodukt 1986 29 Prozent, so schrumpfte er bis zum Jahr 2021 auf elf Prozent.
Für den Pharma-Sektor der Mercosur-Nationen sagt die „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP) ein Fabriken-Sterben bereits voraus. „Einerseits bietet die Mercosur-Region der EU eine wertvolle Gelegenheit, ihren Handelsaustausch zu diversifizieren. Andererseits wird der Marktwettbewerb, den das Handelsabkommen im Falle eines Abschlusses fördern wird, den Mercosur-Partnern unweigerlich schaden und die lokale Produktion drosseln“, heißt es in der Studie „Der Mercosur als möglicher Partner der EU bei pharmazeutischen Lieferketten“. Die SWP mahnt die Pharma-Riesen zwar, es mit der Marktverdrängung nicht zu weit zu treiben, weil auch sie ein Interesse an einer Ausweitung ihrer globalen Arznei-Lieferketten haben müssten, aber ob BAYER & Co. dem Gehör schenken, steht doch sehr in Frage.
Ein weiteres Merkmal des ungerechten Welthandels stellen die doppelten Standards dar. So vertreiben die Agro-Riesen in Lateinamerika viele Pestizide, die innerhalb der EU wegen ihres Gefährdungspotenzials keine Zulassung (mehr) haben. Diese Mittel tragen nicht wenig zu dem großen Ausmaß an Vergiftungen teil, die die Menschen dort erleiden. Die Behörden in Brasilien, dem Land mit dem weltweit höchsten Pestizid-Verbrauch, registrierten im Jahr 2025 9.729 Fälle – eine Steigerung von 84 Prozent im Vergleich zu 2015.

Viel Kritik
Wegen all dieser Risiken und Nebenwirkungen sieht sich das EU-Mercosur-Abkommens massiver Kritik ausgesetzt. Die „Toxic Trade Tour“ zog im letzten Herbst durch halb Europa, um auf die fatalen Folgen der Agro-Chemikalien aufmerksam zu machen, die durch den Deal noch leichter Zugang zu den Märkten der vier lateinamerikanischen Staaten finden. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN war bei der Aktion in Berlin vor dem Bundeskanzleramt dabei. „Wir beteiligen uns an der ‚Toxic Trade Tour‘ gegen das geplante EU-Mercosur-Abkommen, weil der BAYER-Konzern massiv an dem Toxic Trade mit den Pestiziden beteiligt ist. Die beiden Mercosur-Länder Brasilien und Argentinien zählen zu den Hauptabsatz-Gebieten seiner Agrochemikalien, von denen so einige zu allem Übel noch wegen ihrer Gefährlichkeit keine EU-Genehmigung haben“, hielt der CBGler Jan Pehrke dort fest.
Alan Tygel von der brasilianischen PERMANENTEN KAMPAGNE GEGEN AGRARGIFTE UND FÜR DAS LEBEN befürchtet ebenfalls eine Forcierung des agro-indu-striellen Modells durch den Handelsvertrag. „Das Abkommen in seiner jetzigen Form ist sehr gefährlich für die landwirtschaftlichen Familienbetriebe und für die Weiterentwicklung der Agrarökologie. Im Kern begünstigt es die Einfuhr von Industrieprodukten wie Pestiziden und die Ausfuhr von Agrar-Grundstoffen. Das ist genau das, was wir im Moment nicht brauchen”, sagte er in einem Interview mit Stichwort BAYER.
Auch für viele indigene und traditionelle Gemeinschaften ist das Abkommen sehr gefährlich. Die Aussicht auf mehr Absatz-Chancen in Europa ermuntert Big Agro nämlich, seine Anbau- und Weideflächen noch mehr auszuweiten – und dafür kennt es nur eine Richtung: den Regenwald, Refugium hunderter indigener Völker. Aus diesem Grund bezeichnete Kretã Kaingang, Vertreter der südbrasilianischen Kaingang, das Vertragswerk auf einer von grünen EU-ParlamentarierInnen intiierten Konferenz in Brüssel als eine „tödliche Übereinkunft“. Der im letzten Jahr verstorbene brasilianische Fotograf Sebastião Salgado sah dieses einzigartige Biotop ebenfalls durch den Kontrakt gefährdet. „Die Europäer müssen Druck auf ihre Politiker ausüben, dass diese keinen Vertrag unterzeichnen, der den Regenwald des Amazonas bedroht. Also auf keinen Fall den aktuellen Handelsvertrag mit den Mercosur-Staaten“, mahnte er.
Die brasilianische Geologin Larissa Bombardi und ihre Ko-Autorin Audrey Changoe stoßen sich ihrer Studie zur Lobby-Arbeit von BAYER & Co. dagegen an der Art und Weise des ökonomischen Austausches, den der Deal fest- und fortschreibt. „Seit dem späten 15. Jahrhundert haben Europäer in der Region Rohstoffe abgebaut und natürliche Ressourcen und landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Monokulturen nach Europa exportiert. Dieses Muster ist in den heutigen europäischen Handelsbeziehungen mit den Mercosur-Staaten nach wie vor deutlich erkennbar“, schreiben die beiden. Und der Vertrag steht für sie in genau dieser Tradition: „Die im EU-Mercosur-Abkommen vorgesehene Handelsliberalisierung wird diese neokoloniale Beziehung zementieren.“ Die Landlosen-Bewegung MST teilt diese Ansicht und sieht durch das Vertragswerk „historische Ungleichgewichte reproduziert“.
Den ehemalige brasilianische Außenminister und heutigen Sonderberater des Landes für internationale Beziehungen, Celso Amorim, treiben diese Ungleichgewichte ebenfalls um. „Brasiliens Deindustrialisierung war eine der schnellsten und perveresten, da sie gute Arbeitsplätze schlicht vernichtete“, sagte er in einem Interview. Darum sprach sich auch der länder-übergreifende lateinamerikanische Gewerkschaftsdachverband CCSCS gegen die Handelsvereinbarung aus. „Wir machen unsere Völker auf die katastrophalen Auswirkungen aufmerksam, die dieses Abkommen auf das Produktionssystem der Region im Allgemeinen und auf bestimmte strategische Produktionszweige im Besonderen haben wird“, hieß es in einem Kommuniqué. Zu den betroffenen Bereichen zählte der Verbund unter anderem die Automobil-Industrie, den Technologie-Sektor, den Seeverkehr und das öffentliche Beschaffungswesen. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist sich dieser Folgen eigentlich durchaus bewusst. „Die Deindustrialisierung muss gestoppt werden, damit wir mehr hochwertige Arbeitsplätze schaffen können. Der Export von Rohstoffen ist wichtig, aber trotz des damit verbundenen wachsenden Technologie-Gehalts ist er anfälliger für internationale Preiszyklen“, hieß es in einer Ende Mai 2023 gemeinsam mit Vizepräsident Geraldo Alckmin abgegebenen Erklärung. Die Regierung legte in dem Jahr auch ein 60 Milliarden Dollar schweres Förderpaket zur Stärkung der Industrie auf, aber der EU-Mercosur-Vertrag konterkariert diese Bemühungen.

Ein bisschen Hoffnung
Diese Aspekte spielten in der öffentlichen Diskussion um den Kontrakt kaum eine Rolle. Zumeist fanden als GegnerInnen des Deals nur die europäischen LandwirtInnen Erwähnung, die durch Abkommen mehr Agrar-Importe erwarteten und das als Gefahr für ihren Berufsstand betrachteten. Als mehr oder weniger beklagenswerte Fortschrittsopfer erschienen sie in den Medien. Wenn es hoch kam, schafften es noch die doppelten Pestizid-Standards in die Berichterstattung. Und sogar eine linke Zeitung wie der Freitag konnte Vorbehalte gegen die aktuell anstehenden Handelsverträge als Relikte „einer längst überholten Globalisierungskritik“ abtun, was die Coordination zu einem Leserbrief herausforderte.
Diese Darstellungen trugen nicht wenig dazu bei, die Akzeptanz der Übereinkunft zu erhöhen. Aber so ganz in trockenen Tüchern ist er trotzdem noch nicht; es gibt also noch Hoffnung. Die Europäische Union setzt den Deal ab Mai 2026 einstweilen nur vorläufig in Kraft. Das EU-Parlament hat ihm nämlich noch nicht zugestimmt. Zudem steht noch die von diesem veranlasste Rechtsprüfung durch den Europäischen Gerichtshof an. Daran störten von der Leyen & Co. sich jedoch nicht groß. Schon von Anfang an hatte die EU sich aller möglichen Tricks bedient, damit die Vereinbarung durchkommt. So spalteten sie den Vertrag in ein Partnerschaftsabkommen und ein Handelsabkommen auf, um den Handelsteil an den Parlamenten vorbeischmuggeln zu können. Diese intransparente, undemokratische Art und Weise, mit dem Abkommen umzugehen, ist für die CBG nur ein Grund mehr, gemeinsam mit dem NETZWERK GERECHTER WELTHANDEL alles dafür zu tun, es doch noch zu verhindern. ⎜

CBG bei „Wir haben Agro-Industrie satt“

CBG Redaktion

Vereint gegen Big Agro

Auch 2026 reiste die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN wieder nach Berlin und trat dort für ein Landwirtschafts- und Ernährungssystem ein, das nicht mehr von ALDI, BAYER, CARGILL und Konsorten dominiert ist. 

Von Jan Pehrke

Bei den diesjährigen Gegenveranstaltungen zur „Grünen Woche“ mit der traditionellen „Wir haben Agro-Industrie satt“-Demonstration als Höhepunkt bildete die Macht-Konzentration im Nahrungsmittel-Bereich einen Schwerpunkt. Deren Risiken und Nebenwirkungen geraten nämlich immer mehr in den Fokus. So stellte der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Michael Fakhri, Mitte Oktober 2025 bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen seinen Bericht „Konzern-Macht und Menschenrechte im Nahrungsmittel-Sektor“ vor, der mit einem alarmierenden Befund aufwartete. „Die Macht der Unternehmen im Nahrungsmittel-Sektor ist stark konzentriert, sodass eine relativ kleine Gruppe von Menschen die Nahrungsmittelsysteme so gestalten kann, dass sie dem obersten Ziel der Gewinnmaximierung dienen und nicht dem Gemeinwohl“, hielt Fakhri fest. Eindringlich wartete er deshalb vor den Folgen dieser Entwicklung für das Recht auf Nahrung.

Im Vorfeld hatte der UN-Sonderberichterstatter Initiativen aus der ganzen Welt um Input zu dem Konzernmacht-Report gebeten. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) hat sich gemeinsam mit FIAN beteiligt. Aber nicht nur deshalb findet der BAYER-Konzern in dem UN-Dokument als nicht gerade kleiner Teil des Problems Erwähnung, beherrscht er doch 23 Prozent des globalen Saatgut-Geschäfts und 15 Prozent des Pestizid-Geschäfts. Die Top 4 in beiden Bereichen kommen dem Bericht zufolge zusammen auf Marktanteile von 56 bzw. 61 Prozent.

Kaum mehr als einen Monat später veröffentlichte die Monopolkommission dann ihr Sondergutachten „Wettbewerb in der Lebensmittel-Lieferkette“ und sah angesichts des Ergebnisses Handlungsbedarf. „Diese Markt- und Machtveränderungen in der Lebensmittel-Lieferkette machen aus Sicht der Monopolkommission eine wirksamere Kontrolle gegen Machtmissbrauch erforderlich“, hielt sie fest.

Dementsprechend hieß es im Aufruf der Coordination zur „Wir haben Agro-Industrie satt“-Demonstration: „Fast alle Bereiche der Agrar-Wirtschaft dominieren einige wenige Konzerne – mit fatalen Folgen für Mensch, Tier und Umwelt. Dagegen gilt es am 17. zu protestieren.“ Dabei thematisierte die CBG nicht nur die oligopol-artigen Strukturen in den Terrains von BAYER wie etwa dem Saatgut- und Ackergift-Segment, sondern auch die vergleichbaren Phänomene in den Sektoren „Ackerflächen“, „Tier-Arzneien“, „Mast-Geflügel“, „Lebensmittel-Einzelhandel“ und „Traktoren“. „Dieses agro-industrielle Modell sorgt für rund 30 Prozent aller Treibhaus-Emissionen, vergiftet die Gewässer, laugt die Böden aus und macht die Menschen krank“, so ihr Resümee.

In Berlin selbst kam das alles am 12. Januar im Rahmen der Präsentation des „Konzernatlas“ bei der „Heinrich Böll Stiftung“ zur Sprache. „[E]in Problem, das dringend – so meinen wir – mehr politischer Aufmerksamkeit bedarf“, nannte Imme Scholz vom Stiftungsvorstand da die „Konzentration von Markt-Macht in der Hand weniger großer Player vom Saatgut bis zum Supermarkt“. 

Bei der Vorstellung des „Kritischen Agrarberichts 2026“ stand das Thema ebenfalls auf der Tagesordnung. „[E]ine große systemische Übermacht“ wurde da ausgemacht und die Frage aufgeworfen, wie es unter diesen Rahmenbedingungen überhaupt noch möglich ist, Politik zu machen.

Die Agrarwissenschaftlerin Sophie von Redecker machte den Vorschlag, Zwischenräume zu nutzen. Als positives Beispiel dafür nannte sie LA VIA CAMPESINA, die Bewegung der Kleinbauern und -bäuerinnen. 

Diese setzen von Redecker zufolge nämlich im Kleinen ein ökologisches und soziales Modell von Landwirtschaft um, das der Konzern-Macht etwas entgegensetzt und sich der Ernährungssouveränität verpflichtet sieht. „Sie erzeugen Hoffnung und begründen diese materiell durch ihr Tun“, schreiben sie und Anne Klingenmeier in ihrem Beitrag zum Agrarbericht. 

Einige zeigten sich selbst bei der nicht eben aussichtsreichen Lage unverdrossen und gaben die Losung aus: „Bleibet auf dem Lande und wehret euch täglich“. Nicht wenige wiederum motivierte die gegenwärtige Konstellation zu einem „Jetzt erst recht“.

Für die CBG stand in der Woche auch noch anderes an. So besuchte sie einen Workshop zu PFAS, den der grüne Bundestagsabgeordnete Karl Bär abhielt. Der BAYER-Konzern gehört nämlich weltweit zu den zwölf größten Produzenten dieser Ewigkeitschemikalien. Zahlreiche seiner Pestizide enthalten solche Stoffe, die massive Gesundheitsstörungen verursachen können. Dazu zählen unter anderem Krebs, eine Schwächung des Immunsystems, Fruchtbarkeitsstörungen, Schädigungen des Embryos im Mutterleib, Herz/Kreislauferkrankungen, Diabetes und Leber-Krankheiten. 

Die Bemühungen der PolitikerInnen, diesen Gefahren entgegenzutreten, schätzten die Workshop-TeilnehmerInnen als arg defizitär ein. Seit Anfang Januar 2026 gilt zwar ein EU-weiter Grenzwert für PFAS-Rückstände in Gewässern, aber ansonsten geschieht in Brüssel kaum etwas. Deutschland, Norwegen, die Niederlande, Dänemark und Schweden haben ihren ursprünglich strengen Regulierungsvorschlag inzwischen abgeschwächt, und selbst diese Light-Version steht angesichts der derzeitigen Deregulierungswelle vor einer ungewissen Zukunft.

Auf die Agenda der großen „Wir haben Agroindustrie satt“-Demonstration am 17. Januar setzte die Coordination die Pestizid-Nebenwirkung „Parkinson“. „Parkinson für die Bauern – Profite für BAYER & Co.“ stand auf ihrem Transparent zu lesen. Seit dem März 2024 ist es nämlich offiziell: Agro-Chemikalien können krank machen, denn in diesem Monat empfahl der „Sachverständigenbeirat Berufskrankheiten“ (ÄSVB), „Parkinson-Syndrom durch Pestizide“ bei LandwirtInnen als Berufskrankheit anzuerkennen. Das steht jetzt auch, wenngleich es den Agro-Riesen auf den letzten Drücker noch gelang, Abschwächungen – bzw. „vereinzelt Ergänzungen“ durchzuboxen. So lautet die genaue Bezeichnung der Berufskrankheit nun „Parkinson-Syndrom durch langjährig, häufig und selbst angewendete Pestizide“, was die Anerkennungsrate senken dürfte. Besonders hoch ist diese eh nicht. Eine Zahl von 550 Fällen meldete die „Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau“ (SVLFG) im Januar. 1.100 Anträge lehnte sie ab, verursacht die Krankheit doch enorme Kosten. Nicht zuletzt deshalb erhöhte die SVLFG ihre Beiträge im letzten Jahr um satte 20 Prozent. Für die CBG stellt das keine Lösung dar. Sie tritt dafür ein, dem Verursacherprinzip Geltung zu verschaffen und fordert, BAYER & Co. an den finanziellen Lasten zu beteiligen.

Rund 8.000 Menschen gingen an dem Tag für eine Agrar-Wende auf die Straße. Eine Kolonne von 45 Treckern führte sie an. Deshalb zogen die VeranstalterInnen eine positive Bilanz: „Gemeinsam haben wir es auch dieses Jahr wieder geschafft, unseren Protest laut, bunt und inhaltsstark öffentlich zu machen“. Dann also bis zum nächsten Mal, Berlin. ⎜