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Veröffentliche Beiträge in “SWB 03/2007”

[Pipeline] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

CO-Pipeline: BAYER allein gegen alle

Der politische Flächenbrand

Der Widerstand gegen die BAYER-Pipeline wächst. Bürgerinitiativen, Kommunen und Parteien protestieren mit Demonstrationen, Mahnwachen, Klagen und Plakataktionen gegen die zwischen den Standorten Dormagen und Krefeld geplante Kohlenmonoxid-Leitung. Aber der Leverkusener Multi hält unberirrt an dem Projekt fest.

Von Jan Pehrke

„Die Empörung in der Ratinger Bürgerschaft - und auch in den anderen betroffenen kreisangehörigen Kommunen - hat eine Dimension angenommen, die einem politischen Flächenbrand gleichkommt“, heißt es in einer Resolution des Ratinger Stadtrates, die den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers auffordert, BAYERs Pipeline-Projekt zu stoppen. Und tatsächlich lodert es an allen Ecken und Enden des Bundeslandes, womit sich ein heißer Herbst ankündigt. Neben Ratingen, Hilden, Monheim, Erkrath und Mettmann haben sich jüngst auch Hubbelrath und Düsseldorf gegen die Röhrenleitung ausgesprochen. Selbst in dem einst in Treue fest zum Bauvorhaben stehenden Duisburg kippt mittlerweile die Stimmung.
Dabei sucht sich der Protest, an dem die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) sich nach Kräften beteiligt, vielfältige Ausdrucksformen. In Duisburg, Erkrath und Hilden fanden Demonstrationen statt. Mehrere Kommunen, Privatpersonen und eine Bürgerinitiative haben Klagen eingereicht. Innenminister Wolfgang Schäuble und BAYER-Chef Werner Wenning erhielten Offene Briefe. Anti-Pipeline-Gruppen und die Bürgermeister von Monheim, Erkrath, Langenfeld und Hilden organisierten gemeinsam eine Plakat-Aktion. Zudem gab es Mahnwachen und Unterschriftensammlungen. Einige hat die Angst vor dem geruchslosen Gift aus der Leitung sogar so weit getrieben, auf den Baustellen Gerät zu beschädigen.
Quer durch die politischen Lager geht die Gegnerschaft, was manchmal zu seltsamen Allianzen und Mesalliancen führt. Die Gräben verlaufen weniger zwischen rechts und links als vielmehr zwischen oben und unten auf der Hierarchie-Leiter sowie BAYER-Nähe bzw. -Ferne. So gab in Duisburg ein grüner Stadtdirektor das Ja-Wort zur Pipeline, während der Monheimer CDU-Bürgermeister Thomas Dünchheim zu den engagiertesten KritikerInnen zählt. Er opponiert sogar gegen die von seiner eigenen Partei geführte schwarz-gelbe Koalition und versagte dem FDP-Minister Andreas Pinkwart einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, „solange sich der stellvertretene Ministerpräsident mit der gesamten Landesregierung weigert, einen Baustopp anzuordnen“. Die Ratsfraktion der SPD befürwortet dagegen das Projekt - kein Wunder, denn das Amt des Fraktionsgeschäftführers bekleidet der Gewerkschaftsfunktionär Werner Bischoff, der früher einmal im BAYER-Aufsichtsrat saß. Der war verständlicherweise not amused, als der DGB-Regionsvorsitzende Hans Peters die GenossInnen mit harschen Worten zu einer Veränderung ihrer Position aufforderte. „Ich wage mir nicht auszudenken, was passieren würde, wenn der DGB aus sozialpolitischen oder arbeitsmarktlichen Erwägungen Enteignungen von BAYER-Unternehmensbereichen zum Wohle der Allgemeinheit nach unserer Verfassung fordern würde. Diesen Aufschrei möchte ich erleben“, polterte Peters. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE reagierte umgehend, stellte die Aussage des Regionsvorsitzenden als „Einzelmeinung“ dar und sorgte dafür, dass sich der nordrhein-westfälische Landesverband des DGB für die Pipeline aussprach. Die Landes-SPD hingegen lehnt diese inzwischen ab, während NRW-Umweltminister Eckhard Uhlenberg wie schon zu Beginn der umstrittenen Giftmüll-Transporte abtaucht und die Arbeit verweigert. „Sie müssen Verständnis haben, dass wir da nicht eingreifen können“, so der CDU-Politiker in gewohnt kleinlauter Manier.
Der Chemie-Multi versuchte derweil, den „politischen Flächenbrand“ mit einer PR-Offensive zu löschen. Der Leverkusener Multi ließ eine Postwurfsendung an 200.000 Haushalte im „Krisengebiet“ verteilen. „Ich möchte Sie mit diesem Schreiben persönlich über den Sachstand zu unserer Kohlenmonoxid-Versorgungsleitung informieren“, setzt der vom Projektleiter Werner Breuer unterzeichnete Brief vertrauenserweckend an, um dann aber alles andere zu tun, als nüchtern und auf individuelle Weise sachdienliche Hinweise zu geben. Vielmehr finden sich in dem Schriftstück nur die altbekannten Textbausteine von der ach so geringen Störungswahrscheinlichkeit bis zum ach so amtlichem „Null Problemo“-Gutachten des TÜV.
Wie wenig die Pipeline wirklich dem neuesten Stand der Sicherheitstechnik entspricht, offenbarte unterdessen ein Bericht des TV-Magazins Monitor mit einem Blick über die Grenze nach Holland. Dort nämlich liegen die Kohlenmonoxid-Leitungen, wenn sie unter Verkehrswegen verlaufen, in 100 Meter breiten Betontunneln unter der Erde, und der Abstand zur Wohnbebauung muss laut Gesetz über 115 Meter betragen. Der einzige Kommentar BAYERs zur Sendung bestand in der Klarstellung, Kohlenmonoxid sei „kein Giftgas, sondern ein giftiges Gas“. Äußerst beruhigend. Weit entfernt davon, niederländische Verhältnisse zu schaffen, erklärte sich das Unternehmen nur zu kleineren Konzessionen bereit. Der Konzern stellte in Aussicht, weniger Druck auf die Leitung zu geben und diese in der Nähe von Wohnsiedlungen mit einem zusätzlichen Betonmantel zu versehen. Zudem wollte der Konzern dem Gas einen Duftstoff zusetzen, damit man es im Falle eines Falles wenigstens riechen kann, die Feuerwehren besser ausstatten und ein zusätzliches Sicherheitsgutachten bestellen. Bei den Pipeline-GegnerInnen verfing dieser mit einem Gesprächsangebot verknüpfte Kompromiss-Vorschlag allerdings nicht. „Wenn wir vernünftig sprechen wollen, kommt nur ein Baustopp in Frage“, so Bürgerinitiativen-Sprecher Dieter Donner.
BAYER hingegen baut schon kräftig, um vollendete Tatsachen zu schaffen, und hat im Juli erste Enteignungen vorgenommen. Deren Berechtigung zweifelt allerdings ein neues Rechtsgutachten des Kölner Jura-Professors Stefan Muckel an. Das Rekurrieren auf eine Sicherung von Arbeitsplätzen reicht seiner Meinung nach nicht aus, ein Handeln im Sinne des Allgemeinwohls in Anspruch zu nehmen und so bewehrt in Eigentumsrechte einzugreifen. Zur Begründung verweist der Rechtswissenschaftler auf das Boxberg-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das dem DAIMLER-Konzern einst die Schaffung einer Teststrecke untersagte. „Das (...)gesetz lässt eine Enteignung mit dem Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen und dadurch die regionale Wirtschaftsstruktur zu verbessern, nicht zu“, heißt es darin nämlich.
Dabei erweist sich die Pipeline schon lange vor der Fertigstellung als Sicherheitsrisiko. Bei dem Versuch, die Leitungen mittels eines Pressverfahrens unter der A3 hindurch zu verlegen, platzte die Fahrbahndecke auf. Bei den anschließenden Reparaturarbeiten ereignete sich dann ein Unfall. Ein LKW-Fahrer raste in die Baustelle und verletzte sich schwer. Auch scheint es schon in der Frühphase zu Materialermüdungen zu kommen. „Die Baugruben sind voll Wasser gelaufen, die Rohre liegen im Wasser und rosten vor sich hin“, beobachtete Pipeline-Gegner Horst Ferber. Wie gefährlich das sein kann, zeigte Ende August die Explosion einer Erdgas-Pipeline bei Weilburg in Hessen. Dort waren Schweißnähte geplatzt, und Gas strömte aus. Die Wucht der Detonation ließ Fensterscheiben in einem Umkreis von 250 Meter zerbersten und verbog Schienengleise auf einem 100 Meter langen Abschnitt !

[Kurzmitteilungen] STICHWORT BAYER 04/2007 – Ticker

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

Giftmüll-Kampagne erfolgreich!
Am 15. Juni 2007 konnte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) einen großen Erfolg feiern. Die Landesregierung lehnte den Import australischen Giftmülls ab und vermasselte BAYER und der Stadt Herten so ein lukratives Gechäft: Allein der Leverkusener Multi hätte mit der Verbrennung von 4.500 Tonnen Hexachlorbenzol einen Umsatz von drei Millionen Euro gemacht. „Wir sind nicht dafür da, die Akzeptanzprobleme der australischen Bevölkerung gegenüber Entsorgungslösungen im eigenen Land zu lösen“, begründete Umweltminister Eckhard Uhlenberg die Entscheidung. Diese Einsicht kam dem CDU-Politiker allerdings reichlich spät, und ohne die Kampagne der CBG und ihrer Bündnispartner gegen das hochriskante Unternehmen hätte sie ihn vermutlich niemals ereilt.

Immer mehr Pipeline-Proteste
Der Widerstand gegen die von BAYER zwischen den Standorten Krefeld und Dormagen geplante Kohlenmonoxid-Pipeline wächst immer weiter (siehe auch SWB 3/07). Neben Ratingen, Hilden, Monheim, Erkrath und Mettmann haben sich jüngst auch Hubbelrath und Düsseldorf gegen die Röhrenleitung ausgesprochen. Selbst in dem einst in Treue fest zum Bauvorhaben stehenden Duisburg kippt mittlerweile die Stimmung. Diese Entwicklung bewog schließlich auch die Landes-SPD, das Projekt abzulehnen. Dabei sucht sich der Protest, an dem die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) sich nach Kräften beteiligt, vielfältige Ausdrucksformen. In Duisburg, Erkrath und Hilden gab es Demonstrationen. Mehrere Kommunen, Privatpersonen und eine Bürgerinitiative haben Klagen eingereicht. Innenminister Wolfgang Schäuble und BAYER-Chef Werner Wenning erhielten Offene Briefe. Anti-Pipeline-Gruppen und die Bürgermeister von Monheim, Erkrath, Langenfeld und Hilden organisierten gemeinsam eine Plakat-Aktion. Zudem finden regelmäßig Mahnwachen und Diskussionsveranstaltungen statt, und die initiierte Unterschriftensammlung brachte es bis Anfang September auf 43.000 UnterzeichnerInnen. Einige hat die Angst vor dem geruchslosen Gift aus der Leitung sogar so weit getrieben, auf den Baustellen Gerät zu beschädigen.

Erfolgreiche Greenwashing-Kampagne
Durch die Kooperation mit der UN-Umweltbehörde UNEP versucht sich BAYER ein grünes Image zu verleihen. Die Ausrichtung einer Konferenz in Leverkusen mit 150 jungen UmweltschützerInnen aus aller Welt sollte Ende August 2007 zum Höhepunkt dieser Anstrengungen werden, das aber verhinderte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN. Sie protestierte vor Beginn der Veranstaltung gegen das Greenwashing und machte die Öffentlichkeit auf die zahlreichen Umweltsünden des Konzerns aufmerksam (siehe auch SWB 3/07).

Kinderarbeitsverfahren eingestellt
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN hatte gegen BAYER gemeinsam mit anderen Initiativen wg. der Kinderarbeit bei den Zulieferern seiner indischen Saatgut-Tochter PROAGRO Klage bei der OECD eingereicht (Ticker berichtete mehrfach). Obwohl das Problem keineswegs beseitigt ist, und eine neue Studie für die nächste Pflanz-Saison sogar eine erhebliche Ausweitung der Beschäftigung von Minderjährigen prognostiziert hat, hat die bundesdeutsche Kontaktstelle der OECD das Verfahren eingestellt. Die Verantwortlichen gaben sich mit den bisher von dem Leverkusener Multi unternommenen Anstrengungen zufrieden. Und den Rest regelt für sie die vom Konzern abgegebene Selbstverpflichtungserklärung (siehe auch SWB 3/07).

Argentinien: Proteste gegen Feldversuche
Nicht nur Costa Rica (siehe SWB 3/07), auch Argentinien will der Leverkusener Agro-Riese nun als Versuchsfeld für sein Gentech-Saatgut nutzen. In Chacabuco beabsichtigt er sogar, zusätzlich noch neue Pestizide zu testen. Doch die Risiken und Nebenwirkungen riefen UmweltschützerInnen auf den Plan. Am Tag der Eröffnung des Geländes protestierten die AktivistInnen in der Stadt gegen das Freiluftlabor - und konnten sich dabei auch auf Material der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN stützen.

Ärzte-Initiative geehrt
Die ÄRZTE-INITIATIVE GEGEN DAS STEINKOHLEWERK UERDINGEN hat den Umweltpreis von Ökoplus bekommen. Die von dem Fachhandelsverbund für umweltgerechtes Bauen gestiftete und von der Grünen-Politikerin Bärbel Höhn überreichte Auszeichnung nahm Dr. Bernd Kaufmann entgegen. Kaufmann hatte auf Einladung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN bereits auf der letzten BAYER-Hauptversammlung gesprochen und den Chemie-Multi aufgefordert, das Bau-Projekt aufzugeben, weil die von Steinkohlekraftwerken emittierten Schadstoffe zu massiven Gesundheitsgefährdungen führen. Zudem schrieb der Mediziner das Editorial des letzten Stichwort BAYER.

Ärzte-Initiative schreibt Hoppe
Die Bundesärztekammer setzt sich regelmäßig für vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen ein. So stritt etwa der Verbandspräsident Jörg-Dietrich Hoppe im letzten Jahr für einen gesetzlich verankerten Nichtraucherschutz. Auf das Feld der Umweltpolitik wollte sich Hoppe allerdings nicht begeben. Die ÄRZTE-INITIATIVE GEGEN DAS STEINKOHLEWERK UERDINGEN hatte ihn in einem Brief aufgefordert, ihr Engagement gegen das auf dem BAYER-Gelände geplante, auch nicht eben wenig Gesundheitsschäden verursachende Steinkohlekraftwerk zu unterstützen, aber da begann für den Oberarzt die Politik. Er könne sich in seiner offiziellen Funktion nicht festlegen, antwortete er seinen Krefelder KollegInnen.

KAPITAL & ARBEIT

BIS: Es kommt noch dicker
Mit der neuen, für die Beschäftigten von BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS) geltenden „Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung“ konnte das Management massive Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen durchsetzen (Ticker 2/07). Die Wochenarbeitszeit erhöhte sich - ohne Lohnausgleich - von 37,5 auf 40 Stunden, was eine Gehaltseinbuße von 6,7 Prozent bedeutet. In den kommenden vier Jahren müssen 40 Prozent der Belegschaft zudem weitere 8,3 Prozent ihres Lohnes opfern, indem sie auf Tariferhöhungen - und wenn das nicht reicht - sogar zusätzlich auf ihr Weihnachtsgeld verzichten. Aber dem BIS-Boss Klaus Schäfer reicht das noch nicht. „Die Technischen Dienste und der Werkschutz liegen in den Kosten noch zu hoch“, sagte er in einem Interview. Vorsichtshalber hat BAYER für die „Technischen Dienste“ schon eine Tochtergesellschaft gegründet, was der erste Schritt zu einer Ausgliederung sein könnte.

Neue BIS-Struktur
Die Rationalisierungsmaßnahmen bei BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS), die zu Jobstreichungen und einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen führten (SWB 1/07), haben auch zu Umstrukturierungen auf organisatorischer Ebene geführt. So reduzierte das Management die Geschäftsfelder von neun auf fünf.

Arbeitsplatzvernichter Nr. 11
Unter den weltgrößten Arbeitsplatzvernichtern nimmt BAYER mit dem Abbau von 6.100 Stellen den 11. Rang ein. In der nationalen Jobstreich-Hitparade belegt der Leverkusener Multi mit einem Beschäftigungsminus von 1.500 an den bundesdeutschen Standorten den vierten Platz.

LANXESS streicht 70 Jobs
Der Arbeitsplatzvernichtungsmotor bei BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS läuft ohne Unterlass. Im Juli 2007 kündigte das Unternehmen an, bei seiner Tochter RHEINCHEMIE 70 Stellen zu streichen, um so das Einsparziel von jährlich fünf Millionen Euro zu erreichen.

LANXESS verkauft LUSTRAN
BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS spaltet sich unaufhaltsam weiter auf. Gnadenlos stößt der Konzern alle unter dem Renditeziel von fünf Prozent bleibenden Bereiche ab. Ende Juni 2007 kündigte der Vorstandsvorsitzende Axel Heitmann den Verkauf von LUSTRAN POLYMERS an, einer hauptsächlich ABS-Kunststoffe für die Autoindustrie herstellenden Tochtergesellschaft. LANXESS bringt LUSTRAN zunächst in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem britischen Chemie-Multi INEOS ein, der die Sparte dann nach zwei Jahren komplett übernimmt. Was die erst 2005 im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen um 500 auf nunmehr 1.600 MitarbeiterInnen reduzierte LUSTRAN-Belegschaft um ihre Zukunft fürchten lässt, sorgte an der Börse für eine Kurssteigerung um 2,5 Prozent.

LANXESS will „Hire and Fire“
BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS hat angekündigt, den bis Ende 2007 geltenden Standort-Sicherungsvertrag, der betriebsbedingte Kündigungen ausschließt, nicht mehr verlängern zu wollen. „Eine Fortsetzung der Standortsicherungsvereinbarung in ihrer jetzigen Form ist bei LANXESS nicht denkbar“, verlautete es aus der Chef-Etage am Rande von Verhandlungen mit GewerkschaftsvertreterInnen über die zukünftigen Arbeitsbedingungen, „in diesem Bereich werden wir nicht sehr kompromissbereit sein“. Auf die Beschäftigten dürften deshalb noch schwerere Zeiten zukommen, denn sogar ohne betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen gelang es dem Unternehmen bereits, seit seiner Gründung über 1.000 Arbeitsplätze zu vernichten.

Sparoffensive bei Kunststoffen
Der Leverkusener Multi hat Rationalisierungsmaßnahmen in der Kunststoffsparte angekündigt, um eine angebliche „Profitabilitätslücke zu Mitbewerbern“ zu schließen. Besonders am Standort Brunsbüttel geht die Angst um, da Arbeitsdirektor Tony Van Osselaer prophezeit hatte, mittelfristig werde BAYER eine der drei MDI-Produktionen aufgeben. „Die Programme haben Stellenabbau nicht zentral zum Ziel, sondern Prozess-Optimierung“, äußerte ein Konzern-Sprecher gegenüber der Financial Times Deutschland zu den Plänen. Aber ein bisschen Arbeitsplatzvernichtung muss neben Umstrukturierungen der Verwaltungsabläufe und Optimierungen bei den Stillstandszeiten und Wartungen der Anlagen schon dabei sein, soll das wohl heißen.

7,5 % mehr Umsatz erwartet
Für BAYER & Co. stimmt die Chemie. Ihre Aktien stiegen von Juli 2006 bis Juli 2007 um 45 Prozent, und der bis Ende des Sommers als Vorsitzender des „Verbandes der Chemischen Industrie“ amtierende BAYER-Chef Werner Wenning erwartet für dieses Jahr ein Umsatzplus von 7,5 Prozent. Auf den Arbeitsmarkt hatte der Boom jedoch kaum Auswirkungen: Die Beschäftigtenzahl stieg gegenüber dem Vorjahr nur geringfügig um 0,6 Prozent auf 436.000 Beschäftigte.

BAYER stellt 20 Pharma-Projekte ein
Im Pharma-Bereich betrachtet BAYER nur noch die vier Gebiete „Herz/Kreislauf“, „Krebserkrankungen“, „Frauengesundheit“ und „diagnostische Bildgebung“ als „Kerngeschäfte“. Arznei-Neuentwicklungen, die in dieses Raster nicht hineinpassen, gibt der Konzern auf. So kündigte Pharma-Chef Arthur Higgins das Aus für 20 Forschungsprojekte an, was viele PharmakologInnen um ihre Arbeitsplätze fürchten lässt.

Wenning verdient über 3 Millionen
Was ein Vorstandsvorsitzender eines DAX-Unternehmens genau an Bezügen erhält, ist nicht leicht zu ermitteln, da sich die Vergütung aus mehreren festen und variablen Komponenten zusammensetzt. Die Unternehmensberatung TOWERS PERRIN hat sich einmal die Mühe gemacht und neben der Grundvergütung auch die Tantiemen, Rücklagen für die Altersversorgung und andere Faktoren mit eingerechnet. Prompt fällt für BAYER-Chef Werner Wenning eine Gehaltserhöhung an. Nicht mehr „nur“ 2,65 Millionen Euro verdient er, wie früher gemeldet (Ticker 2/07), sondern 3,3 Millionen. Im Durchschnitt konnten Wenning und seine Manager-KollegInnen im Geschäftjahr 2006 fünf Prozent mehr Geld einstreichen als anno 2005.

ERSTE & DRITTE WELT

Neue Patente für altes AVELOX?
Die Pharmamultis haben die ärmeren Staaten nicht in ihrer Kundendatei. Deshalb müssen öffentliche oder private Institutionen einspringen, um Medikamenten-Entwicklungen für Krankheiten zu fördern, die besonders häufig in Entwicklungsländern auftreten. Eine solche Organisation ist die „Global Alliance for TB-Drug-Development“ (siehe auch Ticker 2/06). Bill Gates, die Rockefeller Foundation, die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA und diverse andere Vereinigungen finanzieren im Rahmen des Verbundes die Suche nach neuen Tuberkulose-Behandlungsmethoden. So fließt auch Geld für die Erprobung einer Kombinationstherapie von Tbc-Arzneien mit BAYERs Antibiotikum AVELOX; speziell für diesen Forschungsansatz hat Bill Gates im Frühjahr 2006 noch einmal 100 Millionen Dollar locker gemacht. Das Präparat soll den Heilungsprozess beschleunigen, die Bildung Antibiotika-resistenter Bakterienstämme eindämmen und so die Überlebenchancen der PatientInnen erhöhen. In der Fachwelt ist das BAYER-Mittel allerdings umstritten. Der „Arzneimittelverordnungsreport ‚97“ zählt Antibiotika mit Wirkstoffen aus der Gruppe der Fluorchinole wie AVELOX aufgrund der vielen Nebenwirkungen zu den „nicht primär empfehlenswerten Substanzen“. Trotzdem bastelt der Pharma-Riese schon kräftig an neuen Vermarktungschancen für das alte AVELOX in neuen Tuberkulose-Schläuche und hat beispielsweise in Indien schon einen Antrag auf Patentschutz gestellt, der dem Medikament eine Hochpreis-Garantie verleihen würde.

POLITIK & EINFLUSS

CEFICs Extrem-Lobbying
In Brüssel treiben rund 15.000 LobbyistInnen ihr Unwesen. Einer ihrer größten Arbeitgeber ist CEFIC, der Europa-Verband der Chemie-Industrie. 140 MitarbeiterInnen beschäftigt die Dependance von BAYER & Co. - zum Vergleich: die Sache der LandwirtInnen vertreten trotz des umfangreichen EU-Agrarhaushalts nur 60 Personen.

Bisphenol-Grenzwerte gelockert
BAYER zählt zu den größten Herstellern der Chemikalie Bisphenol A, die in Alltagsgegenständen wie Mineralwasser- und Babyflaschen sowie Konservendosen enthalten ist. Die Substanz wirkt hormon-ähnlich und stört so die Entwicklung des Gehirns, Stoffwechselprozesse und die Fortpflanzungsfähigkeit. In der Vergangenheit hat Bisphenol A häufig die zulässigen Grenzwerte überschritten, weshalb Anwendungsbeschränkungen drohten. Die Chemie-Multis veranlasste das aber nicht, vorsichtiger mit dem gefährlichen Stoff umzugehen. Im Gegenteil, sie gingen den umgekehrten Weg und übten über ihren Lobby-Verband CEFIC (s. o.) Druck auf Brüssel aus, die Grenzwerte zu lockern. Und die EU tat wie geheißen. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) kritisierte dieses willfährige Verhalten scharf. „Statt schwächerer Grenzwerte brauchen wir einen verbesserten Schutz der Bevölkerung. Wir fordern ein sofortiges Verbot von Bisphenol A in allen Produkten, die mit Nahrungsmitteln in Kontakt kommen“, kommentierte die CBG die Entscheidung in einer Presseerklärung.

EU-LobbyistInnen gegen Transparenz
Mit einem Zentralregister will die EU-Kommission den Brüsseler Lobby-Dschungel lichten. Nach dem Willen der AntichambriererInnen in Diensten von BAYER & Co. soll allerdings so einiges im Dunkeln bleiben. So verwehren sie sich vehement dagegen, in Zukunft die Höhe des Honorars für ihre „Beratungstätigkeiten“ offen zu legen. Die Organisation LOBBYCONTROL wertet das als einen Versuch, „das Register zu entkernen und jeglicher Substanz zu entkleiden“.

Lobbykosten: 2 Millionen
In den USA unterliegen LobbyistInnen der Auskunftspflicht. Deshalb weiß die Öffentlichkeit auch, welche Politikfelder BAYER besonders lieb und teuer sind. Im ersten Halbjahr 2007 gab der Konzern insgesamt zwei Millionen Dollar für Lobby-Aktivitäten aus und legte das Geld an, um ein Wörtchen bei Gesetzesvorhaben zur Patentreform, zur Umwelt- und Energiepolitik, zur Arzneisicherheit und zum internationalen Handel mitzureden.

Abwehrbündnis gegen Asien
Im Mai 2007 kam nach Informationen von german-foreign-policy.com der „Transatlantic Business Dialogue“ (TABD) unter der Schirmherrschaft von Angela Merkel in Berlin zusammen. Auf der Tagesordnung des Treffens der mächtigsten Konzernlenker der Welt, an dem auch BAYER-VertreterInnen teilnahmen, stand der neue Ost-West-Konflikt auf den Weltmärkten. Um sich gegen die wachsende Konkurrenz aus Asien zu wappnen, schlossen die ManagerInnen ein „Abwehrbündnis über den Atlantik“, wie es die Financial Times Deutschland nannte. Den größten Schutzwall sollte dabei der Gesundheitsbereich bilden, weil er nach den Worten von David Sampson aus dem US-Wirtschaftsministerium „einen extremen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit der Länder“ hat. Als Rezepte zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit empfahlen die Bosse eine Senkung der Gesundheitsausgaben, eine Harmonisierung der Arznei-Zulassungen sowie mehr Steuergelder für die Pharma-Forschung. Bundesforschungsministerin Annette Schavan stellte sogleich mehr Mittel dafür in Aussicht, und auch EU-Kommissar Günter Verheugen signalisierte die Bereitschaft, die Abwehrkräfte von BAYER & Co. zu stärken. „Wir brauchen dringend eine starke Pharma- und Medizintechnikindustrie in Europa, um die Kosten unserer Systeme in den Griff zu bekommen“, sagte er auf der TABD-Konferenz.

Schlechtes Klima beim Klima-Gipfel
Beim von Angela Merkel initiierten Klima-Gipfel sorgten BAYER & Co. für ein schlechtes Klima. Mit dem Ansinnen, bis zum Jahr 2020 durch die Steigerung der Energie-Effizienz und Investitionen in Windkraft und andere klimaschonende Verfahren den Kohlendioxid-Ausstoß um 40 Prozent zu senken, nehme die Bundesregierung die „schleichende Deindustrialisierung Deutschlands billigend in Kauf“, polterten die Konzern-Bosse.

Emissionshandel darf nichts kosten
Vor einigen Jahren hat die EU den Emissionshandel mit Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten eingeführt. Er sieht vor, BAYER & Co. CO2-Emissionen nur in einer bestimmten Menge zu gestatten. Alles, was über ein bestimmtes Limit hinausgeht, sollte den Konzernen teuer zu stehen kommen, weil sie dafür Verschmutzungsrechte kaufen müssten. Damit wollte Brüssel Anreize zu Klimaschutz-Maßnahmen schaffen. Diese blieben allerdings weitgehend aus: Die Lizenzen zum CO2-Ausstoß waren so großzügig bemessen und überdies kostenlos, dass die Schornsteine der Industrie weiterhin nach Lust und Laune qualmen konnten. Im Juni 2007 hat die Bundesregierung nun beschlossen, von der Stromindustrie für 10 Prozent dieser Zertifikate Geld zu verlangen. Sofort brach ein Sturm der Entrüstung los. Der „Bundesverband der Deutschen Industrie“ (BDI) sieht durch die neue Regelung das Produzieren in Deutschland bestraft und warnt vor den Folgen für BAYER und andere Massenverbraucher: „Das wird sich auf die Wettbewerbsfähigkeit unserer energie-intensiven Industrie negativ auswirken“.

Wenning will Übernahmeschutz
BAYER-Chef Werner Wenning hat in einem Interview mit der Welt am Sonntag die Einrichtung einer nationalen Kommission gefordert, welche die Aufgabe hat, die bundesdeutschen Unternehmen „in gut begründeten Ausnahmefällen“ vor feindlichen Übernahmen zu schützen. Besonders bei politisch motivierten Investitionen sind nach Meinung des Managers staatliche Abwehrkräfte gefragt. „Wenn Fonds zum Beispiel aus Russland oder China bei ihren Investments im Ausland möglicherweise nationale Interessen der jeweiligen Regierungen verfolgen, können wir das nicht so einfach zulassen“, so Wenning. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zufälligerweise derselben Ansicht und bereitet eine Lösung auf europäischer Ebene vor. Während der Bundesverband der Industrie„ entsprechende Pläne skeptisch beurteilt, stellte sich auch der CDU-Wirtschaftsrat hinter Merkel. Wozu nimmt Wolfgang Große Entrup, der Leiter des BAYER-Stabes “Politik und Umwelt„, dort schließlich auch einen wichtigen Posten ein!?

Wenning will “Waffengleichheit„
Die Sprache der ManagerInnen wird angesichts der sich verschärfenden globalen Konkurrenz zunehmend aggressiver. Von der Welt am Sonntag zu seinen Erwartungen an die PolitikerInnen befragt, antwortete BAYER-Chef Werner Wenning: “Wir brauchen eine Wirtschaftspolitik, die uns im internationalen Kontext Waffengleichheit verschafft„. Anschließend präsentierte er seine Wunschliste und zählte ein innovationsfreundliches Klima im Allgemeinen und mehr Forschungsförderung im Besonderen, niedrigere Energiekosten und Steuersenkungen auf. Den Einwurf des Interviewers, die Unternehmenssteuerreform hätte den Konzernen doch gerade erst niedrigere Tarife eingeräumt, ließ der BAYER-Boss nicht gelten: “Das bringt zuwenig Entlastung„.

Peters im Vorstand der Chemie-Arbeitgeber
Die Mitglieder des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC) wählten den BAYER-Mann Jan H. Peters und Klaus Hofer von BRAUN MELSUNGEN zu Stellvertretern des Vorsitzenden Eggert Voscherau (BASF).

Higgins neuer EFPIA-Vorsitzender
Der BAYER HEALTHCARE-Chef Arthur J. Higgins steht seit April 2007 dem “Europäischen Dachverband der Pharma-Industrie„ (EFPIA) vor. Er will das Amt vor allem dazu nutzen, schnellere Zulassungsverfahren für Arzneimittel zu erreichen. “Schafft zwei, drei, viele LIPOBAY-GAUs„ scheint also seine Maxime zu sein.

BAYER-Frau oberste Arbeitsschützerin
Nach Meinung von Bundesminister Franz Müntefering wissen ManagerInnen am besten, was Beschäftigten gut tut bzw. schadet. Er machte die Geschäftsführerin der BAYER-Tochter JENAPHARM, Isabel Rothe, zur Präsidentin der “Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin„.

Harte Globalisierungszeiten
Der Vorsitzende des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC), der BASF-Manager Eggert Voscherau, sieht am Horizont härtere Zeiten aufziehen. Auf der BAVC-Mitgliederversammlung im Juni 2007 sagte er mit Blick auf die gewalttätigen Auseinandersetzungen beim G8-Gipfel in Heiligendamm: “Wir müssen die Herausforderungen des globalisierten Wettbewerbs hier am Standort Deutschland annehmen, wenn wir nicht kostspielige Sozialkonflikte in Kauf nehmen wollen„. Die Chemiebranche ist Voscherau zufolge allerdings gegen solche Verwerfungen dank der mit den Gewerkschaften praktizierten Sozialpartnerschaft gut gewappnet. Die Aushöhlung der Flächentarifverträge seit Anfang der 90er Jahre führte er als Beispiel für die gelungene Zusammenarbeit zwischen Kapital & Arbeit an. “Ich bin überzeugt, dass diese pragmatische Umgangsweise es den Chemie-Sozialpartnern ermöglichen wird, in Zukunft auch komplizierte Probleme im Interesse der Chemie-Branche und ihrer Beschäftigten zu lösen„, so der BAVC-Vorsitzende auf der letzten Mitgliederversammlung der Organisation.

BAYER regiert mit
Wie das TV-Magazin Monitor im vergangenen Jahr enthüllte, arbeiten ca. 100 EmissärInnen von Unternehmen und Verbänden in Ministerien mit (Ticker 4/06). Die Initiative LOBBYCONTROL hat jetzt auf einer Website die genauen Tätigkeitsbereiche der “WirtschaftspolitikerInnen„ aufgelistet. So kümmert sich eine BAYER-Beschäftigte im Umweltministerium um die Forschung auf den Gebieten Umwelt und Gesundheit im Allgemeinen und die Aktionspläne von EU und Weltgesundheitsorganisation zu diesen Themen im Besonderen. Daneben hat sie sich im Referat “Umwelteinwirkungen auf die menschliche Gesundheit„ die Bewertung von Bauprodukten vorgenommen - und dabei denen aus dem Hause BAYER bestimmt keine schlechten Noten erteilt. Was ihre Kollegin derweil im Wirtschaftsministerium so treibt, konnte LOBBYCONTROL bisher nicht ermitteln.

BAYER beim G8-Gipfel
Auf der Tagesordnung des G8-Gipfels in Heiligendamm stand auch die Produkt-Piraterie, mit der die Konzerne so ihre liebe Last haben. Der Leverkusener Multi nutzte das Großkopferten-Treffen deshalb als Produktmesse und stellte im Kühlungsborner Medienzentrum sein Lasergerät PROTEXXION vor, das angeblich genau zwischen Original und Fälschung unterscheiden kann (siehe auch Ticker 2/07).

BAYER & Co. sponsorn den Staat
Die Konzerne haben die Regierungstätigkeit im großen Umfang finanziell unterstützt, wie aus dem 2. Zweijahresbericht über Sponsoring-Leistungen an die Bundesverwaltung hervorgeht, den das “Bundesministerium des Inneren„ Ende Juli 2007 veröffentlichte. Geld- und Sachleistungen in einer Größenordnung von 80 Millionen Euro brachten die Unternehmen in den Jahren 2005 und 2006 auf. BAYER befand sich natürlich auch unter den “edlen Spendern„. Der Leverkusener Multi griff dem Auswärtigen Amt bei der Ausrichtung der “Deutschen Kultur- und Wirtschaftswoche„ im australischen Brisbane mit einer Spende von 6.551 Euro unter die Arme. Zudem unterstützte der Konzern das Sommerfest von Bundespräsident Horst Köhler finanziell und durfte dafür den Park des Schlosses Bellevue als Werbeplattform nutzen.

Wenning im “BerlinBoard„
BAYER-Chef Werner Wenning gehört dem von Klaus Wowereit geleiteten 12köpfigen “BerlinBoard„ an, welches laut Eigenauskunft “Kompetenzen aus unterschiedlichen Feldern für einen positiven Wandel der Stadt bündelt„. Wie nicht anders zu erwarten, wenn Top-Manager wie Wenning, Mathias Döpfner von der AXEL SPRINGER AG und Hartmut Ostrowski von BERTELSMANN ein Päckchen schnüren, wird die Stadt zum Produkt. Der Rat der 12 will eine “Markenstrategie Berlins„ entwickeln und “Anregungen zur strategischen Positionierung„ geben. Eine Marktforschungsstudie hat das BerlinBoard auch schon in Auftrag gegeben und eine Werbekampagne ist gleichfalls geplant.

EU prüft Biokraftstoff-Quotengesetz
Die Bundesregierung hat schon vor einiger Zeit mit dem “Biokraftstoffquoten-Gesetz„ großzügige Ökosteuer-Ausnahmeregelungen für BAYER und andere Großverbraucher von Energie beschlossen (Ticker 1/07). In Kraft ist das neue Paragraphenwerk allerdings noch nicht, da die Genehmigung von Seiten der EU noch aussteht. Diese prüft derzeit, ob es sich bei der geplanten Entlastung nicht um ein gegen die Wettbewerbsregeln der Union verstoßendes Steuergeschenk handelt. Aber Finanzminister Peer Steinbrück rechnet fest damit, dass die Brüsseler Kommission das Projekt abnickt: “Wir sind zuversichtlich, dass sie dies macht„.

Köhler und Rüttgers bei BAYER
In diesem Jahr feierte BAYER “100 Jahre Kulturförderung„. Das Geburtstagskind ist allerdings schon recht schwach auf den Beinen. In den letzten Jahren sparte der Leverkusener Multi kräftig Mittel ein, schloss Werksgalerie und -bibliothek, strich die Unterstützung für Kleinkunst-Veranstaltungen und kürzte die Zuschüsse für den “Kunstverein Galerie-Werkstatt„. Er hält es offenbar nicht mehr für nötig, die Belegschaft mit einer großzügigen “Kulturpolitik„ bei Laune zu halten. Trotzdem konnte der Festakt mit prominenten Gästen wie Bundespräsident Horst Köhler und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers aufwarten. In seiner Rede sprach letzterer Kultur und kultureller Bildung eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben zu, da zum Geschäftemachen Kreativität nötig sei. BAYER scheint vor allem von Gangsterfilmen gelernt zu haben.

PROPAGANDA & MEDIEN

Eine BAYER-Zensur findet statt
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN hat die genaueren Umstände ermittelt, die zum Verkaufstopp des Filmes “100 % Baumwolle„ führten (Ticker 2/07). Der Leverkusener Multi hat dem SWR als mitproduzierendem Sender im Falle einer nochmaligen Ausstrahlung mit einer Klage gedroht, da die Dokumentation falsche Angaben über BAYER-Pestizide mache. Das inkriminierte Ackergift Monocrotophos habe der Konzern in Indien längst vom Markt genommen, so das Unternehmen. Dieser Vorwurf geht ins Leere, denn “100 % Baumwolle„ entstand im Jahr 2003, und der Pharma-Riese kündigte den Verkaufsstopp auf dem Halbkontinent erst Ende 2004 an. Zudem stießen MitarbeiterInnen des EINE WELT NETZES NRW bei Recherchen vor Ort noch 2005 auf die Agrochemikalie. Trotzdem knickte der SWR ein und versprach, das Werk künftig nur noch mit einem Hinweis auf das inzwischen nicht mehr erhältliche Monocrotophos auszustrahlen. Die Filmemacher selber schreckten vor einer rechtlichen Auseinandersetzung offenbar zurück und haben den Vertrieb der DVD inzwischen eingestellt.

Spielerischer Pillen-Konsum
“Spielerisch„ will der Leverkusener Pharma-Multi den Umsatz seines umstrittenen Schmerzmittels ALEVE bei Jugendlichen steigern. Als Teil einer Marketing-Offensive soll das online-Spiel “Aleviator„ diese dazu animieren, “eine online-Verschwörung gegen kritische websites„ zu verhindern - und öfter zu den Pillen zu greifen. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) hat diese Bauernfängerei in einer Presseerklärung angesichts der Risiken und Nebenwirkungen des Präparats scharf verurteilt und BAYERs Einsatz für die freie Meinungsäußerung mit Blick auf das Vorgehen des Konzerns gegen eine kritische Website der CBG als “zynische Verdrehung der Realität„ bezeichnet. Auch die im Rahmen der ALEVE-Kampagne geleisteten Spenden an den US-Umweltverband CONSERVATION FUND kritisierte die Coordination als billigen PR-Trick.

Informieren statt werben?
“Werbung heißt jetzt Information„, mit dieser Umwidmung wollen BAYER & Co. auf EU-Ebene das Reklameverbot für verschreibungspflichtige Medikamente aufweichen, das den Geschäften nicht eben zuträglich ist. Nachdem ein entsprechender Versuch 2003 gescheitert ist, sieht es nun besser aus. “Viele Patientengruppen erkennen die Pharma-Industrie als legitime Quelle von Informationen an„ meint die EU-Kommission, und auch der besonders industrie-freundliche Industrie-Kommissar Günther Verheugen signalisiert Wohlwollen.

BAYER & Co. entdecken den Pharma-Kunden
Auf die Frage, warum es die Pharma-Industrie nicht schafft, sich als eine positive, Nutzen bringende Branche darzustellen, antwortete die Hauptgeschäftsführerin des von BAYER gegründeten “Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller„ (VFA), Cornelia Yzer: “In weiten Kreisen der Bevölkerung wird es immer noch als unredlich gesehen, mit dem Gut Gesundheit im marktwirtschaftlichen Sinne zu wirtschaften. Dabei ist marktwirtschaftliches Verhalten eine Voraussetzung für den Erfolg der innovativen Pharma-Industrie„. Ganz in diesem Sinne erachtet es die ehemalige BAYER-Angestellte als Fehler, die PatientInnen lange Zeit nicht als Kunden betrachtet und die Marketing-Strategien nur auf die Ärzteschaft ausgerichtet zu haben. Das soll sich jetzt ändern. Die Pillen-Produzenten wollen Robin Hood spielen und sich der armen Kranken annehmen, die angeblich unter den Einsparmaßnahmen der GesundheitspolitikerInnen leiden. Was die Pharma-Lobbyistin in diesem Zusammenhang mit Blick auf das neu gegründete “Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen„ (IQWIG) Rationierung nennt, ist jedoch bloss das Aussortieren von Hochpreismedikamenten ohne Zusatznutzen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen.

Perfide Milchpulver-Werbung
Muttermilch ist für Babys gesünder als Milchpulver-Mixe. Darum untersagen viele Länder den Unternehmen, für entsprechende Produkte, wie sie z. B. BAYERs Tochtergesellschaft NOVALAC als “infant feeding solutions„ anbietet, zu werben. Die Konzerne versuchen aber mit allen Mitteln, das Verbot zu umgehen. Auf den Philippinen klagen die Multis gegen das entsprechende Paragraphen-Werk. In Australien entziehen sich die Unternehmen dem Gesetz, indem sie ihre Waren als Nahrungsergänzungsmittel anpreisen, die Eisenmangel vorbeugen oder befleißigen sich anderer Täuschungsmanöver. Auf einer Anhörung des australischen Parlamentes zum Thema “Stillen„ verglich der Wissenschaftler Colin Binns die Methoden von BAYER & Co. deshalb mit den skrupellosen Reklame-Strategien der Tabak-Konzerne.

VFA diagnostiziert Pillen-Mangel
ÄrztInnen in der Bundesrepublik sitzt der Rezeptblock so locker wie in kaum einem anderen Land. Deshalb müssen die Krankenkassen Jahr für Jahr mehr Geld für Medikamente ausgeben. Aber den Pharma-Riesen reicht das noch nicht. Ihre Lobbyorganisation, der von BAYER gegründete “Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller„, gab eine Studie zur Arzneimittelversorgung in Auftrag und siehe da: Es existieren große Versorgungslücken, Millionen Menschen darben nach dem Stoff von BAYER & Co..

Keine Einkaufsgemeinschaft für Strom
BAYER & Co. klagen seit Jahren über zu hohe Energiepreise. Im Herbst 2006 schritten die Multis zur Tat und planten Einkaufsgenossenschaften für Strom, um Kosten zu sparen. RWE, ENBW & Co. ließen sich darauf allerdings nicht ein, unterbreiteten den Großverbrauchern lediglich günstigere Angebote. Der Leverkusener Multi reagiert auf die Malaise mit der Beteiligung am Bau von Steinkohle-Kraftwerken (siehe SWB 2/07), ohne Rücksicht auf deren klimaschädigenden Kohlendioxid-Ausstoß zu nehmen.

Noch ‘ne Klima-Erklärung
Mit BAYER, DAIMLER/CHRYSLER, SHELL und 47 anderen Global Playern unterzeichnete der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan Ende Juli 2000 in New York den “Global Compact„, eine unverbindliche Vereinbarung zur Umsetzung internationaler Menschenrechts-, Sozial- und Umweltstandards (Ticker 4/00). Im Gegenzug berechtigt die Unterschrift BAYER & Co., mit dem UN-Emblem zu werben. Darüber hinaus sicherte Kofi Annan den Multis Unterstützung bei ihrer Forderung nach einer weiteren Liberalisierung des Welthandels zu. Bei der jüngsten Konferenz des “Global Compact„, die am 5. und 6. Juli in Genf stattfand, gaben der Leverkusner Multi und die anderen “Global Player„ auch mal wieder eine der vielen ebenso wohlfeilen wie folgenlosen Erklärungen zum Klimaschutz ab, welche die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN mit konkreten Fakten aus BAYERs Kohlendioxid-Bilanz konterkarierte.

Reis-Konferenz gesponsort
BAYER verspricht sich von seinem in der EU bisher nicht zugelassenem, gegen das Herbizid LIBERTY resistenten Gentech-Reis, der sich jüngst aus ungeklärten Gründen in Handelsreis-Sorten wie UNCLE BEN wiederfand und damit einen großen Skandal auslöste, große Umsätze. Deshalb will sich der Leverkusener Multi schon mal die potenziellen Kunden gewogen machen und sponsorte die Konferenz “Reisanbau in nicht-tropischen Ländern„, die in Italien stattfand.

Scrabble-Sponsoring
Der Leverkusener Multi hat in Indien die nationale Scrabble-Meisterschaft finanziell unterstützt.

Greenwashing in Südafrika
Um sich auch in Südafrika das Image eines Umweltengels zu geben, unterstützt BAYER den dort ansässigen Naturschutzverband ENDANGERED WILDLIFE TRUST.

IG FARBEN & HEUTE

ZwangsarbeiterInnen-Entschädigung abgeschlossen
Über acht Millionen ZwangsarbeiterInnen leisteten während des Dritten Reiches Sklavendienste. Zehntausende von ihnen leisteten Fronarbeit bei den von BAYER mitgegründeten IG FARBEN. Allein beim Aufbau des Werkes in Auschwitz starben rund 30.000 von ihnen. In den 90er Jahren forderten die Überlebenden Entschädigungszahlungen von BAYER & Co. und drohten mit Sammelklagen. Die rot-grüne Bundesregierung sprang den Unternehmen zur Seite, um Imageschäden abzuwenden und langwierige Prozesse zu verhindern. Sie regte die Gründung der Bundesstiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft„ an, dessen Kapital die Unternehmen noch nicht einmal allein aufzubringen brauchten: die Hälfte kam aus Steuermitteln. Erst nach einem endlosen Gefeilsche mit den Opfer-VertreterInnen um die Entschädigungssummen konnte die Bundesstiftung mit den ersten Zahlungen beginnen. Im Juni 2007 schloss sie ihre Arbeit ab. Aber längst nicht alle ZwangsarbeiterInnen erhielten Geld, nur 1,665 Millionen Anträge akzeptierte die Organisation. Darum wurde am 12. Juni nichts aus der Feierstunde, zu der Bundespräsident Horst Köhler ins Schloss Bellevue geladen hatte. Vor den Toren protestierten nicht entschädigte SklavenarbeiterInnen. Von der Stiftung bleibt jetzt nur noch der Zukunftsfonds. Mit einem Jahresbudget von ca. acht Millionen Euro fördert er Geschichtsprojekte, Begegnungen und vergibt Stipendien. Damit es bei der Aufarbeitung nicht allzu konzern-kritisch zugeht, will die Bundesregierung die Position der Wirtschaft im Vergabe-Gremium stärken. “Das ist ein Schlag ins Gesicht aller NS-Opfer, die auch Opfer des deutschen Großkapitals waren„, kritisiert die Linkspartei-Abgeordnete Ulla Jelpke dieses Vorgehen.

KONZERN & VERGANGENHEIT

Senfgas im Abessinien-Krieg
Das vom BAYER-Forscher Fritz Haber während des Ersten Weltkrieges entwickelte Senfgas erfreute sich bei Diktatoren großer Beliebtheit. Zuletzt verwendete es Saddam Hussein 1987 und 1988 bei seinen Attacken auf kurdische Dörfer, denen Zehntausende Menschen zum Opfer fielen. Den verheerendsten Gebrauch allerdings machte Mussolini 1935 im Abessinien-Krieg, der Historikern heute als “erster faschistischer Vernichtungskrieg„ gilt, von der Chemie-Waffe. Der britische Arzt John Melly erlebte die Massaker als Augenzeuge. “Das ist kein Krieg, es ist auch kein Blutbad, es ist die Folterung wehrloser Männer, Frauen und Kinder mit Bomben und Giftgas„, berichtete der damalige Leiter des Britischen Roten Kreuzes.

Drei Phosgen-Tote vor 1983
Obwohl das im Ersten Weltkrieg als Giftgas eingesetzte Phosgen zu den gefährlichsten chemischen Stoffen zählt,
verwendet BAYER die Substanz nach wie vor als Grundstoff. Im Jahr 2004 versuchte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN gemeinsam mit dem BUND vergeblich, eine weitere Ausweitung der Produktion in Krefeld zu verhindern. Die erste begann 1983 und war genauso umstritten. Ein zufällig entdeckter Artikel aus dieser Zeit schildert nicht nur die Auseinandersetzungen, sondern erwähnt auch die Opfer, welche die Herstellung der Substanz unter den BAYER-Beschäftigten bereits gefordert hatte. Drei Männer kamen in der Vergangenheit bei Unfällen mit der Chemikalie ums Leben.

Alte MOBAY-Sünden
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN hat anlässlich der neuen Kooperation von BAYER mit MONSANTO auf dem Gebiet der Gentechnik die alten Bande zwischen den beiden Konzernen aufgearbeitet und stieß dabei durch Zufall auch auf das Sündenregister von BAYERs US-amerikanischem Tochter- Unternehmen MOBAY. Der Chemie-Multi hat es 1970 übernommen und bis 1992 in Alleinbesitz gehalten. In dieser Zeit hat sich MOBAY diverser Vergehen schuldig gemacht. 1975 flog eine Kartellabsprache auf, für welche die Firma eine Millionen-Strafe zahlen musste. 1990 erhielt MOBAY eine Sanktion wg. fehlender Warnhinweise auf Pestiziden, die zum Export bestimmt waren. Und 1991 flog ein Im- und Export-Schwindel in großem Ausmaß auf: Falschdeklarationen in 400 Fällen kosteten die BAYER-Tochter 4,75 Millionen Dollar.

Strafe wg. Gift-Importen
Wie der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN erst jetzt bekannt wurde, erlegte die US-Umweltbehörde EPA dem Leverkusener Multi im Jahr 1996 eine 500.000-Dollar-Strafe wg. der illegalen Herstellung und Ausfuhr von “giftigen Substanzen„ auf.

DRUGS & PILLS

Schlaganfälle durch ASPIRIN
BAYER bewirbt ASPIRIN aggressiv als Mittel zur Prophylaxe von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Mit Erfolg: Nahmen Anfang der 80er Jahre nur ca. vier Prozent der Schlaganfall-Opfer zur Verhinderung weiterer Gehirnschläge ASPIRIN, so stieg ihre Zahl ab 2000 auf 40 Prozent, weil immer mehr PatientInnen auf die blutverdünnende Wirkung des Medikamentes setzen. Nach einer Studie der Universität Oxford erhöht aber gerade dieser Effekt das Risiko für den hämorrhagischen Schlaganfall, der nicht wie der ischämische durch einen Gefäßverschluss, sondern durch eine Blutung im Gehirn entsteht, denn ASPIRIN regt den Blutfluss an. Deshalb warnen die ForscherInnen, das BAYER-Präparat könne bald den Bluthochdruck als Hauptrisikofaktor für diese Art des Schlaganfalls ablösen. Ungeachtet dessen hat der Leverkusener Multi gerade wieder eine Megastudie zur Untersuchung der vorbeugenden Effekte des “Tausendsassas„ in Auftrag gegeben.

Erneute TRASYLOL-Überprüfung
Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie hatte dem vor allem zur Blutstillung bei Bypass-Operationen verwendeten BAYER-Mittel TRASYLOL lebensgefährliche Nebenwirkungen von Nierenversagen über Schlaganfälle bis hin zu Herzinfarkten attestiert (SWB 1/06). Die US-amerikanische Arzneiaufsicht FDA überprüfte das Medikament daraufhin, entschied sich aber gegen einen Entzug der Zulassung, weil dem Leverkusener Multi eine Irreführung der Behörden gelungen war. Der Pharma-Riese hatte der Institution eine selbst in Auftrag gegebene Untersuchung verschwiegen, die zu alarmierenden Befunden gekommen war, was einen großen Skandal auslöste (siehe SWB 4/06). Inzwischen hat eine weitere Expertise die gesundheitsgefährdenden Effekte der Arznei nachgewiesen. WissenschaftlerInnen der “Ischemia Research and Education Foundation„ stellten ein im Vergleich zur Referenz-Gruppe um zwei Drittel höheres Sterblichkeitsrisiko fest; 21 Prozent der mit TRASYLOL behandelten PatientInnen kamen um. Nicht zuletzt dieses Forschungsergebnis hat die FDA veranlasst, das umstrittene Medikament erneut auf den Prüfstand zu stellen. Aber zu einem Verbot konnte sich die Institution nicht durchringen. Sie forderte den Pharma-Riesen lediglich auf, den Beipackzettel um einige Warnhinweise zu ergänzen und zusätzliche Sicherheitsstudien in Auftrag zu geben.

Bekenntnis zu mehr Transparenz
Nachdem der Skandal um verheimlichte Untersuchungsergebnisse zu TRASYLOL aufflog (s. o.), gelobte BAYER Besserung. Der Konzern kündigte mehr Transparenz an und will seine StudienleiterInnen jetzt zu einer besseren Übermittlung der Erkenntnisse anhalten. “BAYER ist zuversichtlich, dass mit den jetzt vorgenommenen Prozess-Verbesserungen derartige Versäumnisse in Zukunft nicht wieder auftreten können„, gab sich das Unternehmen leutselig.

Weniger Krebs durch weniger Hormone
Für BAYER machen typische Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen und Schweißausbrüche einen Pharma-Einsatz der Hormone Estradiol und Drospirenon unausweichlich. Was nach Darstellung des Konzerns “ein ganzheitlich ausgerichteter Therapieansatz, der auf den langfristigen Erhalt der Lebensqualität im Klimakterium zielt„, ist und auf den Namen “Menopause Management„ hört, bezeichnet das arznei-telegramm als “ein riesiges, unkontrolliertes Experiment mit den Frauen„. Oft mit tödlichem Ausgang: Bei vier Millionen Anwenderinnen in der Bundesrepublik schätzt eine Expertise die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle auf 3.000 und die Zahl der Thrombosen auf 7.000. Zudem erhöhen die Hormontherapien das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. MedizinerInnen mussten sogar eine Studie abbrechen, die beabsichtigte, das genauer zu ergründen, weil dieser Zusammenhang schon früh offen zu Tage trat und die ForscherInnen die Frauen nicht länger einer Gesundheitsgefährdung aussetzen wollten. BAYER möchte von dieser “Nebenwirkung„ allerdings nichts wissen, für die es jetzt erneut eindrucksvolle Belege gibt. Gemeinsam mit einem Rückgang der Verordnungen - nahmen im Jahr 1998 noch 16,9 Prozent aller Frauen in den Wechseljahren Hormonpräparate, so waren es 2004 “nur„ noch 10,1 Prozent - sank die Zahl der Brustkrebs-Neuerkrankungen um 10 bis 15 Prozent. “Diese Assoziation ist schon außerordentlich beeindruckcnd„, kommentiert der Lübecker Onkologe Jürgen Dunst. Ob diese auch die “Gynäkologische Fachgesellschaft„ beeindruckt, die in Sachen “Hormone„ bislang wacker zu BAYER & Co. hielt, bleibt abzuwarten.

Neue Sparte “Männergesundheit„
BAYERs Gesundheitsdivision hat die neue Abteilung “Männergesundheit„ eröffnet. Darin fasst der Pharma-Riese das Geschäft mit dem Potenzmittel LEVITRA sowie mit den Testosteron-Präparaten TESTOGEL und NEBIDO zusammen, die sich auch unter SportlerInnen trotz der Nebenwirkung “Krebs„ größerer Beliebtheit erfreuen (siehe SPORT & MEDAILLEN). Wenn es Frauenärzte und die entsprechenden Krankheiten gibt, dann besteht da doch auf der anderen Seite eine Marktlücke, denkt sich der Pharmariese und will sich ein lukratives Geschäftsfeld erschließen, denn “Männergesundheit ist ein Selbstzahlermarkt„, wie die Financial Times Deutschland weiß. Fehlen nur noch die entsprechenden Gesundheitsstörungen, aber die finden sich: BAYER hat bereits “männliche Wechseljahresstörungen„ ausgemacht und hält mit NEBIDO, dessen Name sich nicht zufällig an “Libido„ anlehnt, bereits das passende Produkt parat.

LEVITRA: massive Kombinationswirkungen
Nach US-amerikanischen Studien interagiert BAYERs Potenzmittel LEVITRA massiv mit anderen Medikamenten. Die Kombinationswirkungen mit Antipilzmitteln beispielsweise können zu Bluthochdruck, Augenproblemen und Priapismus, einer schmerzhaften Dauererektion des Penises, führen. Zudem drohen bei Beikonsum von LEVITRA Herzgefäßstörungen. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat deshalb eine Reduzierung der Dosis vorgeschrieben, wenn LEVITRA gemeinsam mit bestimmten anderen Pillen geschluckt wird. Zudem hat die Behörde den Leverkusener Multi veranlasst, den Beipackzettel mit neuen Warnhinweisen zu versehen.

USA: Mangelhafte Arznei-Aufsicht
Der LIPOBAY-Skandal mit seinen über 100 Toten und andere Pharma-GAUs haben in den USA Zweifel an der Arbeit der US-Zulassungsbehörde FDA gesät. Die Institution ging in die Offensive und beauftragte das “Institute of Medicine„ mit einer Untersuchung. Die Expertise deckte viele Mängel auf und empfiehlt zahlreiche Veränderungen. So sollte die FDA nach Meinung der VerfasserInnen selbst Medikamenten-Untersuchungen durchführen, statt sich auf die Ergebnisse von BAYER & Co. zu verlassen und die Analyse der vorhandenen Pillen-Daten verbessern. Zudem treten die WissenschaftlerInnen dafür ein, Pharmazeutika auch nach der Zulassung noch zu kontrollieren und neue Arzneien vorsorglich mit Warnhinweisen zu versehen. Von der Industrie verlangten die WissenschaftlerInnen mehr Transparenz und dachten dabei vermutlich auch an den Leverkusener Multi: Der Pharma-Riese hatte der FDA unlängst negative Studienergebnisse zum Produkt TRASYLOL verschwiegen (Ticker 2/07).

Anti-Aging-Mittel GYNODIAN
BAYER macht mit dem Hormonpräparat GYNODIAN Millionen-Umsätze. In letzter Zeit preisen es Websites trotz der Nebenwirkung “Krebs„ auch als Verjüngungsmittel an. “Damit wird viel Schindluder getrieben„, kritisiert Angela Clausen von der Verbraucherzentrale NRW deshalb das exzessive Schlucken von GYNODIAN & Co..

Aus für ASOPRISNIL
BAYER stellt die Entwicklung des Medikamentes ASOPRISNIL ein, für das der Konzern schon einen Umsatz von über 250 Millionen Euro prognostiziert hatte. Die Arznei sollte zur Behandlung von gutartigen Gebärmutter-Geschwülsten dienen, hatte aber bei der klinischen Erprobung selber zu Wucherungen an der Gebärmutterschleimhaut geführt, die operativ entfernt werden mussten.

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Chile: Aus für Methamidophos & Co.?
2005 kamen in Chile 19 Menschen durch Pestizide ums Leben; insgesamt 785 Vergiftungen registrierten die Behörden. Für 97 Fälle - mit Abstand die meisten - war der von BAYER unter dem Namen TAMARON vermarktete Pestizid-Wirkstoff Methamidophos verantwortlich. Diese besorgniserregende Lage hat chilenische Abgeordnete veranlasst, einen Antrag zum Verbot von Agrochemikalien der beiden höchsten Gefährlichkeitsklassen 1a und 1b in den Kongress einzubringen. Wenn das chilenische Parlament wirklich ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, würde die Produktpalette, die BAYER in dem südamerikanischen Land gemeinsam mit Geschäftspartnern vertreibt, um Methamidophos (TAMARON), Methamidophos + Cyfluthrin (BAYTHROID), Azinphos Methyl (COTNION), Formetanate HCI (DICARZOL), Methiocarb (MESUROL), und Deltamithrine + Endosulfan (DECISDAN) schrumpfen.

Glyphosate verringert Ernte-Ertrag
Der Pestizid-Wirkstoff Glyphosate, enthalten unter anderem in den BAYER-Mitteln GLYPHOS und USTINEX G, schädigt nicht nur die menschliche Gesundheit, indem er etwa Krebs- und Atemwegserkrankungen auslöst (Ticker 2/07), sondern auch die Ackerflächen. Die Substanz entzieht den Böden die für das Pflanzenwachstum wichtigen Spurenelemente wie Mangan oder Magnesium und sorgt so für Missernten. In Brasilien etwa schrumpfte der Ertrag von Soja-Feldern nach der Glyphosate-Behandlung um 75 Prozent.

GENE & KLONE

BAYER-Raps ist überall
Kaum hat sich die Aufregung um den bis in die Supermärkte vorgedrungenen Genreis LL601 gelegt, da sorgt der Leverkusener Multi für einen neuen Skandal. Die Aufsichtsbehörden entdeckten bei einer Routine-Untersuchung Spuren von BAYERs genmanipulierten Raps-Saaten BASTA und LIBERTY-LINK, die gegen das Herbizid Glufosinat resistent sind, in herkömmlichem Raps-Saatgut des Unternehmens DEUTSCHE SAATVEREDELUNG. Sie ordneten deshalb die Vernichtung der auf einer Fläche von 1.500 Hektar ausgesähten Pflanzen an. Die Verunreinigung weiterer Felder dürfte das allerdings nicht verhindern, weil sich das Saatgut bis zu 15 Jahren im Boden hält und die Pollen kilometerweit fliegen können. Dabei wurde BAYERs erst seit März in der EU zugelassener Gentech-Raps nicht zum ersten Mal auffällig. Auch in Kanada und Australien kontaminierte er bereits andere Saaten.

EFSA: Gen-Soja unbedenklich
BAYER hat bei der EU einen Antrag auf Genehmigung des Importes von Gen-Soja gestellt, das gegen das Herbizid Glufosinat resistent ist. Der wissenschaftliche Beirat der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA hat dazu eine positive Stellungnahme abgegeben, da ihm keine Hinweise auf mögliche Gefahren für Umwelt und menschliche Gesundheit vorlagen, wie es aus Brüssel hieß. Nach den Erfahrungen mit dem “baugleichen„ Gen-Mais von BAYER, der schon drei Monate nach seiner Zulassung auf herkömmliches Mais-Saatgut übergriff (s. o.), liegen diese nun vor. Es fragt sich bloß, ob die ExpertInnen darauf reagieren.

Schädigungen durch Gen-Mais
WissenschaftlerInnen haben in der Vergangenheit schon mehrfach die gesundheitsgefährdende Wirkung von Genpflanzen belegt. Einen neuerlichen Tierversuch, bei denen Genmais Leber und Nieren von Ratten schädigte, hätten die ForscherInnen vom “Committee for Independent Research and Genetic Engineering„ sich also sparen können.

Brasilien: umstrittener Gen-Mais
Ein brasilianischer Bundesrichter hat die erst vor kurzem erfolgte Genehmigung von BAYERs Gen-Mais mit eingebauter Resistenz gegen das Herbizid LIBERTY wieder aufgehoben (siehe auch Ticker 2/07). Als Begründung gab er die Schutzbedürftigkeit einheimischer Sorten an. Das letzte Wort über den LL-Mais dürften die Gerichte aber noch nicht gesprochen haben.

Gen-Baumwolle nach Südafrika?
BAYER hat in Südafrika eine Import-Zulassung für eine gen-manipulierte Baumwoll-Art beantragt, die eine eingebaute Resistenz gegenüber dem Herbizid LIBERTY besitzt. Das AFRICAN CENTRE FOR BIOSAFETY hat sich in einem umfangreichen Gutachten gegen eine Genehmigung ausgesprochen. Die WissenschaftlerInnen befürchten negative Folgen für die kleinen BaumwollfarmerInnen, warnen vor Einkreuzungen in konventionelle Sorten und der unkontrollierten Verbreitung des Antibiotikaresistenz-Genes. Zudem weisen die ForscherInnen auf den im Vergleich zu herkömmlicher Baumwolle höheren Gehalt von gesundheitsschädlichem Gossypol und auf den niedrigeren Gehalt von Vitamin E hin, was einen Einsatz als Tierfutter erschwert.

Kein Genreis auf den Philippinen?
GREENPEACE hat auf den Philippinen Einspruch gegen die Zulassung von BAYERs LL62-Genreis erhoben, der in Tateinheit mit der Sorte LL601 einen der größten Gen-GAUs der jüngeren Geschichte ausgelöst hatte. Wegen der von dem Labor-Reis ausgehenden Gefahren für die Umwelt, die Gesundheit, die Biodiversität und die konventionelle Landwirtschaft stellte die Umweltorganisation den Antrag auf ein Moratorium, dem das Gericht auch stattgab. Endgültig ist der Genreis in dem Land damit aber noch nicht vom Tisch.

Kooperation mit MONSANTO
BAYER, MONSANTO, SYNGENTA und einige andere Anbieter beherrschen den Markt für Gentech-Pflanzen. Die Auswahl ist dementsprechend überschaubar, und die Schadinsekten beginnen sich langsam an die Ackerfrüchte mit MONSANTOS Bt-Gift bzw. die Kombipacks mit dem Herbizid Glyphosate oder BAYERs LIBERTY zu gewöhnen. Wohl nicht zuletzt deshalb haben BAYER und MONSANTO einen umfangreichen Technologie-Transfer vereinbart. Der US-amerikanische Agro-Riese darf künftig zum Beispiel BAYERs LL-Resistenzen zusätzlich zum Bt- oder Glyphosate-Gen in seine Raps- oder Soja-Kreationen einbauen und der Leverkusener Multi im Gegenzug auf MONSANTO-Entwicklungen zurückgreifen. So will das Oligopol die Risiken und Nebenwirkungen des Oligopols in Grenzen halten, ob's hilft?

Neue Arzneimittelverordnung der EU
Die EU hat eine Verordnung zu neuartigen Arznei-Therapien verabschiedet. Gentechnik-KritikerInnen wie die grüne Europaabgeordnete Hiltrud Breyer befürchteten im Vorfeld, die neue Regelung könne das bundesdeutsche Stammzellgesetz unterlaufen, das - noch - die Nutzung von nach dem 1.1.2002 gewonnenen Zelllinien verbietet. Diese Ängste erwiesen sich vorerst als unbegründet, da das Paragraphen-Werk den Mitgliedsländern die Entscheidung über die Gewinnung von menschlichen Stammzellen zu medizinischen Zwecken überlässt. BAYER & Co. waren mit dem Abstimmungsergebnis dennoch zufrieden, da es die Grundlage für ein EU-weites Zulassungsverfahren für Gentherapie, Zelltherapie und Gewebezüchtung legt, dessen ethische Standards sich nicht auf dem höchsten Niveau einpendeln dürften. Industriekommissar Günter Verheugen zeigte sich aus gleichen Motiven ebenfalls erfreut. “Die heutige Abstimmung im Parlament ebnet den Weg für eine baldige Verabschiedung der dringend notwendigen Verordnung, die von Patienten und Industrie mit Ungeduld erwartet wird„, so der SPD-Politiker.

Indikationserweiterung für CAMPATH?
Bisher durften MedizinerInnen das von BAYER und GENZYME gemeinsam entwickelte Gentech-Medikament CAMPATH bei der chronisch-lymphatischen Leukämie nur einsetzen, wenn die PatientInnen bereits mit anderen Arzneien vorbehandelt waren oder eine Therapie mit Fludarabin nicht den gewünschten Erfolg erbracht hatte. Jetzt hat der Pharmariese aber eine Zulassung auch für den Ersteinsatz beantragt.

PFLANZEN & SAATEN

BAYER-Tochter übernimmt SEEDEX
Die BAYER-Tochter NUNHEMS hat sich darauf spezializiert, mittels biotechnologischer Methoden im Erbgut von Gemüse nach besonderen Eigenschaften zu fahnden und auf Basis der Funde neue Sorten zu züchten (siehe auch Ticker 2/07). Jetzt hat die Firma den südkoreanischen Saatgut-Anbieter SEEDEX übernommen. Als “Akquisition eines hervorragenden Genpools für Peperoni und Kohl„ bezeichnete der Leverkusener Konzern den Deal, mit dem das Unternehmen seinen Status als Saatgut-Mogul weiter ausbaut.

Reis-Geschäfte mit Diktatoren
BAYER hat in der Vergangenheit nicht davor zurückgeschreckt, Geschäfte mit dem südafrikanischen Apartheidsregime oder Militärdiktaturen in Südamerika zu machen. Deshalb gehört der Leverkusener Chemie-Multi jetzt zu den wenigen Global Playern, die in dem von Generälen regierten Burma noch wirtschaftliche Aktivitäten entfalten. Während die auch nicht gerade zimperlichen Konzerne REEBOK und PEPSI COLA das Land bereits verlassen haben, hat der Agro-Riese es als Absatzmarkt für eine spezielle Reis-Art auserkoren. Im Moment führt der Saaten-Mogul gerade einen Test mit einer hybriden, also sterilen und nicht zur Wiederaussaat bestimmten Sorte durch. BAYER-Manager Harald Printz will die Militärdiktatur damit in die Lage versetzen, auf dem Reis-Markt mit Thailand zu konkurrieren. “Ich weiß nicht, wann der Staat sich öffnen wird. Aber wir sind darauf vorbereitet. Wenn es 20 Jahre dauert, dauert es eben 20 Jahre. Wir haben eine längerfristige Perspektive. Wir glauben, wenn wir Jahr für Jahr weitermachen, haben wir später eine gute Marktposition„, erläutert er die Geschäftspolitik des Unternehmens. Diese hat sogar die bekannte indische Aktivistin Vandana Shiva auf den Plan gerufen. Das Beispiel in ihrem Heimatland vor Augen, warnte sie: “Die multinationalen Konzerne haben den ganzen Sektor für landwirtschaftliche Bedarfsgüter wie Samen und Agrochemikalien übernommen. Wenn diese Unternehmen teure Samen und Pestizide auf den Markt drücken, dann verkaufen sie das auf Kredit-Basis, und diese Kredite können die kleinen LandwirtInnen nicht zurückzahlen. Die Erfahrung, die Indien machen musste, ist ein Zeichen dafür, was Burma vielleicht bevorsteht„, so Shiva. Sie übte auch konkret Kritik an dem Hyprid-Reis, weil er steril ist und die FarmerInnen ihn deshalb nicht jedes Jahr wieder neu aussäen können. Zudem sei er anfälliger für Pflanzenkrankheiten und stelle einen Angriff auf das traditionelle landwirtschaftliche Wissen um die Artenvielfalt des Reises dar. Shiva machte sogar eine Wahlverwandtschaft zwischen BAYER und Burma aus. “Diese Agro- und Biotech-Riesen errichten eine Diktatur. Sie verwandeln sogar Demokratien in Diktaturen. Sie sollten definitiv nicht in Burma sein - sie sollten nirgendwo sein. Sie sollten auch nicht in demokratischen Gesellschaften sein, weil sie freie Gesellschaften wie Indien in eine Diktatur verwandeln, wo nicht mehr die Landwirte selbst, sondern nur die Agro- und Saatgut-Multis entscheiden.„ Aber gerade unter den Bedingungen einer autoritären Regierung fällt es schwer, sich gegen den Wirtschaftsimperialismus der Global Player zur Wehr zu setzen. “Es ist gefährlich, etwas Öffentliches wie eine Demonstration zu machen. Wir müssen eine gute Strategie gegen BAYER haben„, sagt etwa Achmad Yakub von der internationalen Kleinbauern-Organisation VIA CAMPESINA. Er hofft durch Graswurzel-Aktivitäten wie kleine Boykotts etwas erreichen zu können und hat einen flammenden Appell an BAYER gerichtet, sich aus dem Land zurückzuziehen.

GIFTIG, ÄTZEND & EXPLOSIV

PCBs schädigen das Immunsystem
Polychlorierte Biphenyle (PCB) bauen sich nur sehr langsam ab. Obwohl bereits 1985 verboten, findet sich die gefährliche Industriechemikalie, zu deren Hauptanbietern BAYER zählte, deshalb immer noch in der Umwelt. Besonders Fische weisen einen hohen PCB-Gehalt auf. In die Nahrungskette gelangt, kann die Substanz Gesundheitsstörungen auslösen. So beobachtete eine dänische ForscherInnen-Gruppe um den Mediziner Carsten Heilmann bei Kindern von den Färöer-Inseln, wo Meerestiere ein Grundnahrungsmittel darstellen und die PCB-Werte im Blut um das Zehnfache über dem nordeuropäischen Normalwert liegen, eine Schwächung des Immunsystems, die den Erfolg von Schutzimpfungen gegen Tetanus oder andere Krankheiten gefährdet.

PCBs und Pestizide in Kinderblut
Das Umweltbundesamt untersuchte Blut und Urin von 1.790 Kindern auf Giftstoffe und wurde bei allen fündig. Die bereits 1985 verbotenen Polychlorierten Biphenyle (PCB), zu deren größten Produzenten BAYER gehörte, fanden sich flächendeckend in den Proben. UBA-Präsident Andreas Troge nahm diesen traurigen Befund zum Anlass, ein eindringliches Plädoyer für einen vorbeugenden Gesundheitsschutz zu halten, denn “der Bremsweg ist kolossal lang„. Auch Pestizide tummelten sich nicht zu knapp in den Körpern der Kleinen. Troge vermutet hier vor allem mit Agrochemikalien vergiftete Fruchtsäfte als Ursache.

WASSER, BODEN & LUFT

CO2-Ausstoß erhöht
Mit der anziehenden Konjunktur zieht auch der klima-schädigende Kohlendioxid-Ausstoß an. Das “Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung„ rechnet mit einer Erhöhung von einem Prozent für das Jahr 2007 und nennt als Hauptverantwortliche an erster Stelle die Chemie-Branche. Also dürften auch BAYERs CO2-Emissionen die zuletzt ausgewiesenen 7,5 Millionen Tonnen übersteigen.

Viel Restmüll
BAYER ist nach Selbstauskunft “Feuer und Flamme für schwierige Abfälle„. Allein an den bundesdeutschen Standorten betreibt der Konzern sechs Verbrennungsanlagen und hat aus der “Entsorgung„ ein lukratives Geschäftsfeld gemacht, auch wenn ihm jüngst ein Deal mit australischem Giftmüll durch die Lappen ging (AKTION & KRITIK). Dabei schlucken allein die beiden Öfen in Leverkusen-Bürrig jährlich 360.000 Tonnen Abfall. Für die Umwelt soll das alles kein Problem sein. “Problematische Stoffe werden durch nahezu vollständige Oxidation zerstört„, meint der Leverkusener Multi, und das bisschen Kohlenmonoxid, Schmutzwasser, Asche und Schlacke fällt nicht weiter ins Gewicht. UmweltaktivistInnen machen allerdings eine andere Rechnung auf. Demnach fällt pro Tonne Restmüll 250 Kilogramm Schlacke und 30 Kilogramm Filterstaub aus der Rauchgasreinigung an.

STANDORTE & PRODUKTION

Neue Kunststoff-Anlage
BAYER plant den Bau einer neuen Anlage zur Herstellung von Polymerpolyole-Kunststoffen, einem Vorprodukt für Weichschäume. Ob der Konzern die Fertigungsstätte in Dormagen oder Antwerpen errichten wird, hat er noch nicht entschieden. Wie bereits seit einigen Jahren üblich, spielt der Leverkusener Multi in Frage kommende Standorte gegeneinander aus und initiiert einen Unterbietungswettbewerb für die neue Fertigungsstätte, die angeblich mit 25 Prozent weniger Energie auskommen und dank verbesserter Technologien auch den Anteil der gesundheitsgefährdenden leicht flüchtigen Verbindungen im Endprodukt senken soll.

BAYER VITAL zieht um
Die neben BAYER/SCHERING zweite Gesundheitssparte des Global Players, BAYER VITAL, will im Jahr 2009 ein neues sechsstöckiges Verwaltungsgebäude beziehen, das im Leverkusener Chemiepark an der Stelle des alten AGFA-Hauses entsteht. Die Modalitäten geben einen Einblick in die komplizierten Verhältnisse innerhalb der BAYER-Holding, in der jede Teilgesellschaft selbstständig agiert. Bauherr des Bürokomplexes ist nämlich die BAYER AG, welche die Immobilie an BAYER VITAL und andere Interessenten weitervermietet.

Darmstädter gewinnen Architektur-Preis
Der Schrumpfungsprozess BAYERs hat über die Jahre auf dem Leverkusener Werksgelände ziemliche Lücken entstehen lassen, die auch die Anwerbung von Fremdfirmen im Rahmen des Chemiepark-Konzeptes nicht hat füllen können. Deshalb hat der Konzern eine preiswerte Lösung der Probleme initiiert, die ihm überdies die Planungshoheit gewährt. Er hat seine Beziehungen zur BDI-Unterabteilung “Kulturkreis der deutschen Wirtschaft„ spielen lassen und einen mit 10.000 Euro dotierten Architekturpreis für das Projekt “Leverkusen: vom BAYER-Werk zum Chemiepark„ ausgeschrieben. Im Mai 2007 gab der Multi die Gewinner bekannt. Den ersten Preis errangen die beiden Darmstädter Architekturstudenten Gael Hémon und Guillaume Tripoteau mit ihrem Projekt “Cubiquitol 27mg„.

Mehr Pestizide aus Köln-Hürth
Das BAYER-Werk am Standort Köln-Hürth weitet die Pestizid-Produktion um 50 Prozent aus.

IMPERIUM & WELTMARKT

Aus für Kunststoff-Gemeinschaftsunternehmen
BAYER hat 1998 gemeinsam mit GENERAL ELECTRIC das Unternehmen EXATEC gegründet, um Autoscheiben aus Kunststoff zu produzieren. Jetzt kündigte der Konzern den Ausstieg aus dem Joint Venture an, das 45 MitarbeiterInnen beschäftigte.

Erkältungsmittel-Deal mit TOPSUN
BAYER hat das Geschäft mit Erkältungsmitteln inklusive des Produktionsstandortes Gaitianli in Qidong vom chinesischen Pharma-Unternehmen TOPSUN übernommen und erwartet insbesonders durch das populäre Produkt WHITE & BLACK eine Stärkung seiner Position im wachsenden Landesmarkt für verschreibungsfreie Arzneien.

BAYER-Tochter übernimmt SEEDEX
Die BAYER-Tochter NUNHEMS hat den südkoreanischen Saatgut-Anbieter SEEDEX übernommen (siehe auch PFLANZEN & SAATEN).

Konkurrenz aus dem Nahen Osten
Ölförderländer wie Saudi Arabien, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate versuchen zunehmend, den wertvollen Rohstoff selbst weiterzuverarbeiten und so ihren Anteil an der Wertschöpfungskette zu erhöhen. Die im Golfkooperationsrat zusammengeschlossenen Staaten wollen bis 2015 ca. 500 Milliarden Dollar in den Ausbau von Förderanlagen und den Aufbau von Chemie-Werken investieren. Damit dürfte für BAYER & Co. eine ernsthafte Konkurrenz erwachsen. Schon jetzt nimmt der saudische Konzern SABIC in der Rangliste der weltgrößten Plaste & Elaste-Unternehmen den sechsten Rang ein.

Global Player Nr. 74: BAYER
Auf der Rangliste der weltweit umsatzkräftigsten Unternehmen verbesserte sich BAYER im Geschäftsjahr 2006 von Platz 75 auf Platz 74. Am heimischen Standort ist der Konzern die Nr. 11.

ÖKONOMIE & PROFIT

Übernahmegerüchte
Mitte August machten Gerüchte die Runde, NOVARTIS habe BAYER als Opfer einer feindlichen Übernahme auserkoren. In der Folge der Spekulationen stieg der Aktienkurs des Leverkusener Multis binnen kurzem um 10 Prozent. Obwohl der Konzern Aufkauf-Gefahren Ernst nimmt und erst jüngst bei einer Investmentbank die Erarbeitung einer Abwehrstrategie in Auftrag gegeben hat, hielten die meisten BeobachterInnen einen solchen Coup von NOVARTIS für eher unwahrscheinlich. Und bisher hat das Schweizer Unternehmen auch noch keine Fakten geschaffen. Warum denn also so viel Rauch um nichts? Die Faz hat dafür zwei Erklärungen: Entweder hat Agro-Riese das Gerücht selbst in die Welt gesetzt, um seinen Börsenwert zu erhöhen, oder aber NOVARTIS lancierte es mit dem Ziel, von anderweitigen Übernahmeplänen abzulenken.

Bye-Bye Wall Street
Mit großem Brimborium hat der Leverkusener Multi im Jahr 2001 die Notierung der BAYER-Aktie an der New Yorker Börse gefeiert. Nun hat der Konzern kleinlaut seinen Abschied von der Wall Street verkündet, was vorher bereits andere bundesdeutsche DAX-Unternehmen wie BASF getan haben. Zu geringes Handelsvolumen, zu hoher finanzieller Aufwand, gab der Pharma-Riese zur Begründung an. BAYER hat vor allem das nach dem ENRON-Skandal eingeführte “Sarbanes-Oxley-Gesetz" zu schaffen gemacht, das für mehr Transparenz sorgen sollte: Die strengen Auflagen zur Informationspflicht drohten immer das eine oder andere schmutzige Geschäf

[UNEP] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

Öko-Nepp mit UNEP

Editorial von Philipp Mimkes, Geschäftsführer Coordination gegen BAYER-Gefahren

Liebe Leserinnen und Leser,

Ende August fand in Leverkusen eine Konferenz der UN-Umweltbehörde UNEP statt, an der 150 jugendliche Umweltschützer aus aller Welt teilnahmen. Finanziert wurde die viertägige Tagung ausgerechnet vom Chemie- und Pharmaunternehmen BAYER. Der Konzern stellte nicht nur die Räumlichkeiten zu Verfügung, sondern gestaltete auch Teile des Programms, organisierte eine Werksführung und betrieb die Konferenz-Webseite. BAYER-Chef Werner Wenning eröffnete die Konferenz gemeinsam mit NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, UNEP-Direktor Achim Steiner sowie Umweltminister Sigmar Gabriel.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert ein Ende der Zusammenarbeit von UNEP und BAYER-Konzern. Lobbyisten von BAYER bekämpften in der Vergangenheit sämtliche Anstrengungen zum Umweltschutz - vom Kyoto-Protokoll bis hin zur EU-Chemikaliengesetzgebung REACH. BAYER produziert zahlreiche hochgefährliche Produkte und emittiert große Mengen von Schadstoffen und Treibhausgasen. Die Kooperation mit einem Umweltsünder wie BAYER beschädigt daher die Glaubwürdigkeit des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.

Grundsätzlich gilt: Unternehmen verfolgen Gewinn-Interessen, die zwangsläufig mit dem Allgemeinwohl in Konflikt treten - gerade im Umweltbereich. Es ist daher nicht hinnehmbar, dass die Vereinten Nationen einen Konzern als gleichberechtigten Partner behandeln und dadurch aufwerten. Aufgabe der UNEP sollte es stattdessen sein, die Verantwortung multinationaler Unternehmen für ökologische Probleme auf die Tagesordnung zu setzen und sich für weltweit verbindliche ökologische und soziale Standards einzusetzen.

Um sich ein grünes Image zuzulegen, startete BAYER Dutzende von Kooperationen mit Umweltgruppen, medizinischen Fachgesellschaften, Selbsthilfegruppen und Umwelt-Medien. Die Firma nutzt diese Kooperationen in ihrer Außendarstellung weidlich - z.B. auf ihrer homepage, dem Geschäftsbericht und zahllosen Werbebroschüren. Reale Veränderungen der Geschäftspolitik resultieren aus den Vorzeigeprojekten nicht.

Die UNEP-Spitze versicherte uns zwar in einem Antwortschreiben, die selben Ziele wie wir zu verfolgen („we share the same goal of making industry leaders more responsible“), stellte die Kooperation mit BAYER aber nicht in Frage. Leider mussten wir sogar beobachten, dass Vertreter der UNEP irreführende Behauptungen des Konzerns zum Thema Umweltschutz ungeprüft wiederholten. Mitglieder unseres Netzwerks protestierten daher bei der Eröffnung der Konferenz (s. Seite ). Auch Teilnehmer der Tagung kritisierten uns gegenüber die Abhängigkeit der UNEP von privatwirtschaftlichen Interessen und diskutierten die Kehrseiten der Geschäftspolitik von BAYER sogar während der Konferenz.

Es ist uns damit gelungen, Teile der Öffentlichkeit und der Medien auf die Instrumentalisierung einer dem Allgemeinwohl verpflichteten Institution aufmerksam zu machen. Zudem haben wir erreicht, dass sich alle Beteiligten - UNEP, BAYER und die Jugendlichen aus aller Welt - intensiv mit unserer Kritik beschäftigten. Dies allein ist nicht wenig in einer Zeit, in der der gesellschaftliche und politische Einfluss großer Firmen allgegenwärtig ist (und selten hinterfragt wird).

„Ich wusste gar nichts von BAYER ...“

Am 27. August wurde in Leverkusen die „Internationale Jugendumweltkonferenz“ der Vereinten Nationen eröffnet - finanziert und mitausgerichtet vom BAYER-Konzern. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN protestierte erfolgreich gegen die Vereinnahmung einer öffentlichen Institution durch privatwirtschaftliche Interessen und löste dadurch eine Diskussion unter den 180 TeilnehmerInnen aus.

Schon das Hinweisschild, das die BesucherInnen auf den richtigen Weg zur „International Youth Conference“ ins Leverkusener Erholungshaus von BAYER leiten sollte, war verräterisch. Einträchtig rahmten darauf das BAYER-Kreuz und das Logo der UN-Umweltbehörde UNEP den Slogan „Partner für Jugend und Umwelt“ ein. Und als Partner präsentierten sich der Global Player und die UNEP dann auch im weiteren Verlauf: Gemeinsam eröffneten BAYER-Chef Werner Wenning und UNEP-Direktor Achim Steiner die Tagung mit den 180 „UmweltbotschafterInnen“ aus aller Herren Länder, und unisono lobten SprecherInnen des Konzerns und der Umweltbehörde die Zusammenarbeit über den grünen Klee. Auch am Rednerpult gaben sich MitarbeiterInnen von BAYER und UNEP das Mikrofon in die Hand, wenn nicht gerade die für zusätzliches Dekorum sorgenden Politiker Sigmar Gabriel und Jürgen Rüttgers ihren Segen zu dem ungewöhnlichen Joint venture gaben.
Der 24-jährige Iraner Morteza Farajian hingegen war erstaunt: „Ich wusste gar nichts von BAYER - ich hatte eine Einladung von den UN.“ Deutlicher wird Axel Köhler Schnura, Vorstandsmitglied der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG): „Die Profitinteressen von BAYER treten zwangsläufig mit dem Allgemeinwohl in Konflikt, besonders im Umweltbereich. Das, was da als Kooperation zwischen BAYER und der UNEP läuft, ist Greenwashing für BAYER und eine Unterwanderung der UNO durch die Konzerne“ (s. hierzu auch Seite 3).

Protest in Leverkusen
Mitglieder der CBG forderten anlässlich der Eröffnungs-Zeremonie in Leverkusen lautstark ein Ende der Kooperation. Die aus aller Welt auf Kosten von BAYER eingeflogene Presse sowie die TeilnehmerInnen der Jugendkonferenz wurden von den Aktivisten mit englischsprachigen Informationen versorgt. Auf Transparenten hieß es „UNEP: Stop Greenwashing BAYER“ und „Widerstand gegen BAYER-Global“.
Schon im Vorfeld hatte das Netzwerk NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel aufgefordert, die Teilnahme an der Eröffnungsfeier abzusagen und sich stattdessen für eine angemessene Finanzierung der UNEP aus öffentlicher Hand einzusetzen. Die Notwendigkeit, Unterstützung von privatwirtschaftlicher Seite anzunehmen, war nämlich erst durch die rückläufige finanzielle Ausstattung der UNEP durch die Mitgliedsstaaten entstanden.
Sigmar Gabriel verweigerte jedoch das Gespräch mit den Aktivisten und bezeichnete die Kritik als „abenteuerlich“. BAYER sei „ein Vorzeigeunternehmen, das wirtschaftlichen Erfolg und Engagement für den Umweltschutz vorbildlich vereinbare“. Auch Jürgen Rüttgers hastete weiter, als er von Mitgliedern der CBG angesprochen wurde. Vergleichsweise differenziert äußerte sich ausgerechnet BAYER-Chef Werner Wenning, der einräumte: „Wir wissen, dass wir Teil des Umweltproblems sind“, um dann jedoch zu verkünden, BAYER habe seine Emissionen bereits „drastisch reduziert“ und sei in Sachen Umweltschutz „Teil der Lösung“.

Eindimensionale Ausrichtung
Wie eindimensional die meisten PolitikerInnen und öffentlichen Institutionen auf die „Vertreter des Marktes“ ausgerichtet sind, dokumentierte UNEP-Direktor Achim Steiner in seiner Begrüßungsrede: „Mit wem denn sonst als den Unternehmen sollten wir uns zusammensetzen?“ Man möchte entgegnen, wie wäre es mit den Umweltverbänden? Oder mit Umweltbehörden, der Gewerbeaufsicht oder StaatsanwältInnen? Oder WissenschaftlerInnen? Als Referenten waren all diese marktfernen Elemente offenbar nicht interessant genug, stattdessen sprachen Mitarbeiter von BAYER zu „Erneuerbaren Energien in Deutschland“ oder zu „Industriellem Umweltschutz“.

Diskussion initiiert
Anders als bei der Führungsebene sah es bei den TeilnehmerInnen aus. Die CBG hatte die Mitglieder des „Youth Advisory Council“ der UNEP, das die Konferenz mit vorbereiten sollte, vorab angeschrieben und auf die Verantwortung von BAYER für Umweltprobleme in aller Welt hingewiesen.
In einer vorsichtig formulierten Stellungnahme kündigten die „Youth Advisors“ an, die von der CBG gesammelten Informationen in der Konferenz zu diskutieren und gegenüber Vertretern von BAYER zur Sprache zu bringen. Deutlicher wurde Juan Hoffmaister, Jugend-Koordinator für Nordamerika. „Es macht uns traurig, dass die Regierungen ihre finanzielle Unterstützung der UNEP so weit zurückgefahren haben, dass die UNEP zu anderen Mitteln greifen musste, um ihre Kosten zu decken“, schrieb Hoffmaister der CBG. Auch über die Umweltschutz-Ambitionen des Leverkusener Multis machte er sich keine Illusionen. „Die finanzielle Unterstützung der UNEP durch BAYER bedeutet nicht, dass Umweltschutz für BAYER irgendeine Rolle spielt. Dem Unternehmen geht es ausschließlich um den Werbeeffekt. Ich wäre sehr enttäuscht, wenn wir uns in Leverkusen nicht gegen die weitere Zusammenarbeit mit BAYER aussprechen würden - Konzerne dürfen keine Kontrolle über unser Leben ausüben“, so Hoffmaister. Aber die Großkopferten wollten ihm diese Frustration nicht ersparen: Am Rande der Eröffnungsfeier unterzeichneten UNEP und BAYER einen neuen, dreijährigen Kooperationsvertrag.

KASTEN
Neben der Polizei „schützten“ auch Sicherheitskräfte der Konzerntochter BAYSECUR das Veranstaltungsgebäude. Dabei kam es zu einem Übergriff gegen einen der friedlichen Demonstranten. Als die TeilnehmerInnen aus den Bussen austiegen, und er Flugblätter verteilen wollte, stürmten plötzlich mehrere Security-Männer auf ihn los. Sie packten ihn von allen Seiten, versuchten ihn in den Würgegriff zu nehmen und ihm die Flugblätter wegzunehmen. Aber er konnte sich losreißen. Obwohl private Sicherheitsdienste im öffentlichen Raum nicht zu solchen Handlungen befugt sind, sahen die unmittelbar neben dem Demonstranten stehenden PolizistInnen dem Angriff seelenruhig zu. Der Anwalt der Coordination gegen BAYER-Gefahren erstattete Strafanzeige.

weitere Informationen

[Biosprit] Energiepflanzen

CBG Redaktion

Nachwachsender Wahnsinn

Die „Biosprit-Lüge“ entwickelt eine katastrophale Dynamik, die die Welt erschüttert. Doch auch der weltweite Widerstand wächst.
Von Werner Paczian (Rettet den Regenwald)

Innocence Dias starb einen grausamen Tod. Seine Mörder stachen sieben Mal auf ihn ein und schnitten ihm die Kehle durch. Jahrzehntelang hatte er den Guerillakrieg im kolumbianischen Departement Antioquia und den Terror durch paramilitärische Gruppen und Drogenbarone überlebt. Innocence Dias starb paradoxerweise, weil die Welt durch „grüne“ Energie besser werden soll.

Sein Fehler war, dass er sein Land nicht an eine Gruppe von Paramilitärs verkaufen wollte, die eines Tages in seinem Dorf Llano Rico auftauchte. Nach dem Mord gab Dias` Familie auf und floh. Heute wachsen auf dem Land der Vertriebenen Ölpalmen der Agrarsprit-Firma Urapalma, mit der die Paramilitärs zusammengearbeitet haben.

Große Regenwaldflächen sind in dem südamerikanischen Land inzwischen in Palmöl-Plantagen verwandelt worden, angeheizt durch den „Energiedurst“ in den Industriestaaten auf sogenannte „umweltfreundliche“ Energie aus nachwachsenden Rohstoffen. Der Boom hat katastrophale Konsequenzen für Tausende kolumbianische Kleinbauern. „Paramilitärische Gruppen gehen auf der Suche nach Land für Palmöl mit brutaler Gewalt vor“, berichtet der britische Entwicklungshelfer Dominic Nutt, der kürzlich Kolumbien besucht hat. „Sie sagen dem Kleinbauern einfach: Wenn du nicht verkaufst, verhandeln wir morgen mit deiner Witwe.“

Fast jeden Tag bringt heute irgendein PR-Dienst irgendwo auf der Welt einen Bericht, wonach gerade eine neue wunderbare grüne Ära anbricht - die Ära der Biotreibstoffe. Obwohl die Ölkonzerne das schwarze Gold noch lange aus dem Boden pumpen werden, besteht der ungeschriebene, globale Konsens, dass es dringend nötig ist, den Ölverbrauch zu drosseln. Das „böse“ Öl ist ganz schwer mitverantwortlich für Umweltverschmutzung, schlechte Luft, Krankheiten und vor allem - die Klimakatastrophe.

Gottlob hat die Menschheit einen Ausweg aus diesem Desaster gefunden: Nachwachsende Rohstoffe wie Palmöl, Mais, Soja oder Zuckerrohr, mit denen unsere Häuser beheizt, unsere Einkaufspassagen erleuchtet und unsere Autos mit Allradantrieb und Klimaanlage betrieben werden können. Treibhausgase würden deutlich reduziert, wenn unsere Autos mit Biosprit fahren, bei dem die Pflanzen das ausgestoßene CO2 vorher gebunden haben. Länder ohne eigene Ölproduktion würden in Sachen Energie unabhängiger, Kleinbauern hätten ein Einkommen, weil sie ihre Energiepflanzen auf dem Weltmarkt anbieten könnten. Arme Länder würden plötzlich reich, weil sie ihre Energie vom Acker überall auf der Welt anbieten könnten.

Alles eine gigantische, globale Lüge! Tatsächlich ist schon die Bezeichnung „Bioenergie“ bewusste Manipulation. Die Vorsilbe suggeriert, dass die Produkte organisch und umweltfreundlich erzeugt werden. Der Begriff „Agrarenergie“ beschreibt viel treffender die zerstörerischen Prozesse, die mit der industriellen landwirtschaftlichen Energieproduktion verbunden sind.

Agrarenergie rettet nicht das Klima, sondern zerstört Regenwälder, Savannen und Moore und heizt damit die Klimakatastrophe sogar zusätzlich an. Kleinbauern und Indigene werden teils brutal von ihren Ländereien vertrieben. Als Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau verschärft Agrarenergie den weltweiten Hunger und wird zum sozialen Sprengsatz. Die Gentechnik-Industrie träumt endlich vom globalen Durchbruch und schmiedet gemeinsam mit Öl-, Pestizid-, Saatgut- und Autokonzernen an einem globalen Energiekartell, das Milliarden an Subventionen erhält. Obwohl inzwischen Hunderttausende Ethanol- und Palmölsklaven im Namen des Agrarenergie-Booms schuften, wird eine größere Unabhängigkeit vom Erdöl trotzdem mitnichten erreicht.

Bio, Business oder Big Bio-Business?
Die Hoffnung, Energie aus nachwachsenden Rohstoffen könne die Macht der Öl-, Energie- und Autoindustrie brechen, ist eine naive Ansicht. Der Agrarsprit-Boom wurde nicht ausgelöst von Umweltaktivisten oder Politikern, die ein echtes Interesse daran haben, die Klimakatastrophe und Umweltzerstörung zu verhindern. Die Lawine losgetreten haben die weltweit mächtigsten Multis und ihre politischen Lakaien.

Mit dabei sind riesige Konzerne aus der Öl-, Auto-, Chemie- und Gentechnik- Industrie und globale Investment-Fonds. Nahrungsmittelmultis wie Cargill und Archer Daniels Midland Company (ADM) kontrollieren schon heute die Lebensmittelproduktion in weiten Teilen der Erde. Die Agrarenergie eröffnet ihnen zusätzliche Märkte. Superkonzerne wie Monsanto, Syngenta, Bayer und BASF investieren wie wild in Agrarpflanzen, die den Anforderungen der Agrarsprit- Produzenten entsprechen. Noch gezieltere und höhere Erträge verspricht die Gentechnik-Industrie.

Für die Ölkonzerne ist der Boom ein gefundenes ökonomisches Fressen. Einerseits können sie ihre Petrodollars in die Zukunftsbranche Agrarsprit investieren, andererseits können sie in ihrem angestammten Business weitermachen, weil auch die Nachfrage nach fossilen Rohstoffen laut diversen Prognosen steigen wird. Für die Automobilindustrie ist der Agrarsprit-Boom die perfekte Ablenkung von Forderungen, endlich spritarme Autos zu produzieren oder sogar weniger Pkw als bisher. Abgerundet wird der Agrarsprit-Boom durch Investment- Unternehmen, die die Branche mit ausreichend Kapital füttern.

Es herrscht Goldgräberstimmung wie zu Rockefellers Zeiten. Der Ölkonzern BP kooperiert mit dem chemischen und biotechnologischen Unternehmen DuPont, um eine neue Generation von genmanipuliertem Pflanzenkraftstoff zu entwickeln. Toyota arbeitet mit BP in Kanada daran, Ethanol aus Zellulose herzustellen. VW hat einen Vertrag mit ADM abgeschlossen. Royal Dutch Shell ist dabei, eine zweite Generation von Agrartreibstoffen zu entwickeln, und versucht sich an Ethanol aus Lignin und Zellulose. Und Cargill, der Aground Nahrungsmittelriese, hat begonnen, selbst Pflanzendiesel herzustellen.

Aus deutschen Landen frisch in den Tank - das ist der Trend. Die Verbio AG verwandelt hauptsächlich Rapsöl in Agrardiesel, arbeitet aber an Verfahren, um verstärkt Soja- und Palmöl verwenden zu können. Andere deutsche Unternehmen investieren in Holland und Belgien, die mit ihren Häfen Rotterdam und Antwerpen die größten europäischen Umschlagsplätze für Agrarsprit werden wollen. E.ON und RWE planen den Bau kombinierter Steinkohle- und Biomassekraftwerke. Die Südzucker-Tochter CropEnergies errichtet eine Ethanolfabrik im belgischen Wanze.

Mitte August 2007 teilte das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) in Münster mit, in Deutschland würden immer mehr Produktionsanlagen zur Herstellung von Agrardiesel errichtet, die Kapazitäten würden in diesem Jahr auf ein Rekordniveau steigen. Nach einer aktuellen Analyse seien für das laufende Jahr zusätzliche Anlagen mit einer Jahreskapazität von 1,54 Millionen Tonnen geplant, so das IWR. Die gesamte Kapazität zur Produktion von Agrardiesel steige bis Ende des Jahres um über 40 Prozent auf rund 5,4 Millionen Tonnen (2006: 3,8 Millionen Tonnen).

Frankenstein-Sprit
Die großen Gewinner des landwirtschaftlichen Jahrhundertbluffs „Bioenergie“ sind die Gentech-Konzerne. Während Genfood bis heute von den meisten Verbrauchern abgelehnt wird, können sich Automotoren nicht wehren. Mit genmanipulierten Rohstoffen zur Agrarenergiegewinnung versucht die Branche hoffähig zu werden. Unter Beteiligung von BASF Plant Science experimentieren Forscher beispielsweise mit genmanipulierten Manioksorten, die höhere Stärkeanteile produzieren. Die Zulassung der Gensorten wird die industrielle Maniokproduktion zur Energieerzeugung in vielen tropischen Regionen forcieren. Dem traditionellen Anbau dieses Grundnahrungsmittels hingegen droht die Verdrängung.

In den USA sind 70 Prozent der Mais- und Sojapflanzen gentechnisch verändert. In Südamerika dominiert Monsanto den Markt mit seinem genmanipulierten Soja, das resistent ist gegen „Roundup“, ein Herbizid, das krebsfördernd ist und Missbildungen hervorruft. Die Gentech-Konzerne testen längst Sorten, die speziell für die Produktion von Agrartreibstoffen entwickelt wurden. Syngenta hat in die Maissorte 3272 das Enzym Alpha-Amylase eingepflanzt, ein starkes Allergen. Gelangen die Gene dieses Enzyms in die Nahrungskette, wäre das ein Super-GAU.

Die Millionen Kleinbauern, die angeblich vom Agrarenergie-Boom endlich zu Wohlstand kommen, sucht man vergebens in dem neuen Big Business. Stattdessen beherrschen global agierende Konzerne, milliardenschwere Investoren und Großgrundbesitzer den Markt, die es längst zu Reichtum gebracht haben. Trotzdem erhält der Agrartreibstoffsektor weltweit so viele Subventionen aus öffentlichen Geldern wie kaum eine andere Branche. Die „Global Subsidies Initiative“ hat errechnet, dass allein die US-Steuerzahler den Agrosprit-Boom mit jährlich rund 5,5 bis 7,3 Milliarden US-Dollar subventionieren.

Auch die Bundesregierung, die EU und wir Verbraucher subventionieren die Produktion und den Einsatz von „Agrarkraftstoffen“ oder zahlen künstlich erhöhte Endpreise. Ende Juli 2007 mahnte ausgerechnet der Sachverständigenrat für Umweltfragen eine Umkehr in der Förderpolitik an, das Gremium wurde pikanterweise von der Bundesregierung selbst eingerichtet. „Der vielfach verbreitete Eindruck, Biomasse könne in absehbarer Zeit einen großen Teil der fossilen Brennstoffe - klimafreundlich - ersetzen, ist wissenschaftlich nicht tragbar“, schreiben die Sachverständigen in einem Sondergutachten und kritisieren die bestehenden Subventionen für Agrarenergie.

Klimaschutz durch Klimakiller
Agrarenergie bremst nicht den Klimawandel, sie heizt ihn kräftig an. Allein durch das Abfackeln von Regenwäldern und Torfgebieten in Südostasien, um Platz für Palmölplantagen zu schaffen, werden Megatonnen CO2 freigesetzt, bevor auch nur ein Gramm CO2 bei uns eingespart werden kann.

In Brasilien, das weltweit führend in der Produktion von Ethanol als Treibstoff ist, stammen 80 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen nicht vom Autoverkehr, sondern von Brandrodung und Abholzung, teils als Folge der Ausweitung der Soja- und Zuckerrohrplantagen.

Schon heute ist ein wesentlicher Grund für die Klimakatastrophe das Agrobusiness selbst und das damit verbundene globale Ernährungssystem. Die Landwirtschaft ist für 14 Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich. Wichtigster Einzelgrund ist der Einsatz gigantischer Mengen Kunstdünger, wodurch permanent Stickoxide in die Atmosphäre gelangen, die sogar noch wesentlich schädlichere Klimagase sind als CO2.

Laut „Stern Review“, eine Studie zu Ökonomie und Klimawandel im Auftrag der britischen Regierung, werden die gesamten Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft bis zum Jahr 2020 um etwa 30 Prozent ansteigen. Die sogenannten Entwicklungsländer werden ihren Verbrauch von chemischen Düngemitteln während desselben Zeitraums verdoppeln, Folge auch des Agrarenergie- Booms. Die Klimakatastrophe ausgerechnet mithilfe der Agrarindustrie bekämpfen zu wollen, ist wie den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben - vielleicht noch schlimmer.

Die Erdöl-Lüge
Immerhin befreit uns die Agrarenergie von der Geißel Erdöl, die uns seit Jahrzehnten erpressbar macht, so die Befürworter der „grünen“ Revolution. Wenn sich jemand mit Erdöl auskennt, dann sind es die Ölkrieg führenden Experten um Bush und Co. Laut Daten des „International Energy Outlook“ der US-Regierung aus 2006 steigt der globale Energieverbrauch zwischen 2003 und 2030 um 71 Prozent. Der Verbrauch an Erdöl werde um 50 Prozent steigen, der von Kohle, Erdgas und Erneuerbaren Energien sich jeweils nahezu verdoppeln, und die Nuklearenergie werde um ein Drittel wachsen. Nach dem US-amtlichen Bericht wird die Erneuerbare Energie inklusive Agrartreibstoffen 2030 nicht mehr als magere neun Prozent des globalen Energieverbrauchs ausmachen.

Völlig unrealistisch ist daher die Annahme, dass die weltweiten Acker den globalen Energieverbrauch decken können. Selbst wenn die USA ihre gesamte Mais- und Soja-Ernte in Agrarsprit verarbeiteten, könnten damit lediglich 12 Prozent des nationalen Benzinverbrauchs und nur sechs Prozent des nationalen Dieselverbrauchs gedeckt werden. Weshalb klar ist, dass die Agrotreibstoffdiskussion vor allem auf die sogenannten Entwicklungsländer abzielt.

Für die Weltbank mit ihrer lateinamerikanischen Tochter, die inter-amerikanische Entwicklungsbank, ist das größte südamerikanische Land, Brasilien, der ideale Ort für die Agrartreibstoffexpansion, weil es dort noch viel Platz für neue Anbauflächen gebe. Die Weltbank-Tochter rechnet mit 120 Millionen Hektar potenziell verwertbarem Ackerland. Ähnliche Berichte rechnen vor, dass Lateinamerika, Südostasien und Afrika zusammen rund 50 Prozent des global benötigten Agrartreibstoffs produzieren könnten, wenn man die dortigen „ineffektiven“ traditionellen Bauernkulturen durch industrielle, „effektive“ Agrarplantagen ersetze. Ein Vorgang, der beispielhaft bereits in Brasilien vorgeführt wird: Allein zwischen 1985 und 1996 wurden dort 5,3 Millionen Menschen von ihrem Land vertrieben - um Platz vor allem für Soja- und Eukalyptusplantagen sowie für Rinderweiden und Zuckerrohrplantagen zu schaffen.

Die Entwicklungshilfe-Lüge
Agrartreibstoffe bekämpfen nicht die Armut in den Ländern des Südens - sie bekämpfen vielmehr die Armen. Die große Mehrheit der Bauern dort besitzt nur wenig Land. Die Produktion auf kleinen Flächen zur Deckung des weltweiten Energiebedarfs ist nicht rentabel. Für Agrarkraftstoffe werden daher ganze Landstriche in industrielle Monokulturen umgewandelt. Das Geschäft machen Konzerne und Großgrundbesitzer. Die Folge sind schwerste Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen.

In Kolumbien wurden Dörfer von Flugzeugen und Hubschraubern aus bombardiert. Sobald die Überlebenden ihre Heimat verlassen haben, wird ihr Land konfisziert, der Wald abgeholzt und in Palmölplantagen verwandelt. Diese dienen dann der Produktion von pflanzlichem Diesel für die Reichen. Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen haben gewaltsame Vertreibungen und Drohungen durch die Agrarsprit-Mafia auch in Indonesien, Malaysia, Ecuador, Peru, Kamerun, Uganda und anderen Ländern des Südens dokumentiert.

In Tansania etwa sollen Tausende Kleinbauern aus elf Dörfern dem britischen Konzern „Sun Biofuels PLC“ weichen, der im Kisarawe-Distrikt an der Küste auf 9.000 Hektar Jatropha-Ölpflanzen anbauen will - es fehlt nur noch die formale Unterschrift von Präsident Jakaya Kikwete. Das Agrarenergie-Geschäft stinkt geradezu nach Korruption und ist offenbar so lukrativ, dass „Sun Biofuels PLC“ über 630 Millionen Dollar Entschädigungen an 2.840 Haushalte zahlen will.

Weiter nördlich geht es den letzten afrikanischen Elefanten in Äthiopien an den Kragen. Dort will die Münchener Firma „Flora Ecopower AG“ im offiziellen Schutzgebiet „Babile Elephant Sanctary“ Rizinusölpflanzen anbauen. Die Genehmigung für die Plantagen im Schutzgebiet mit noch rund 260 Elefanten erteilten die lokalen Behörden ohne Umweltverträglichkeitsprüfungen für 45 Jahre. Ein Firmensprecher verteidigt das Agrarsprit-Projekt als „neues Konzept der Entwicklungshilfe“.

Benzin statt Brot
„Die Produktion von Agrartreibstoffen kann weltweit zu Hunderttausenden zusätzlichen Hungertoten führen“, warnte im Juni 2007 Jean Ziegler, UN-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung. Der bekannte Soziologe und frühere Schweizer Parlamentarier beschuldigt die EU, Japan und die USA der „totalen Heuchelei“, weil sie Agrartreibstoffe förderten, um ihre eigene Abhängigkeit von Ölimporten zu verringern. Dadurch erhöhe sich der Druck auf Land, das für Nahrungsmittelproduktion benötigt werde.

Weil weltweit immer mehr Nahrungsmittel zur Energiegewinnung verbrannt werden, hungern noch mehr Menschen auf der Erde. Die Ärmsten der Armen können finanziell mit Autobesitzern nicht konkurrieren. Der mexikanische „Tortilla-Krieg“ lieferte dafür bereits ein Beispiel. Aufgrund der Verteuerung von Importmais verdoppelte sich in Mexiko der Preis für Maismehl und die daraus hergestellten Tortilla-Fladen, dem Hauptnahrungsmittel der armen Bevölkerung.

US-Agronomen haben berechnet, dass bei fortgesetzter Verbrennung von Nahrungspflanzen die Zahl der Hungernden von rund 850 Millionen auf 1,2 Milliarden Menschen im Jahr 2025 steigen könnte. Das Getreide, das umgewandelt in Ethanol zur Füllung des Tanks eines Oberklassewagens notwendig ist, kann einen Menschen während eines ganzen Jahres ernähren. In Indonesien kochen inzwischen immer mehr Menschen mit gebrauchtem Pommesfett, weil sie sich das traditionell verwendete und nährstoffreiche Palmöl nicht mehr leisten können, seit der Palmölpreis im Zuge der Agrarsprit-Revolution sprunghaft angestiegen ist.

Agrartreibstoffe konkurrieren mit Nahrungsmitteln nicht nur um Land, sondern auch um das Wasser, das die Ackerfrüchte zum Wachsen brauchen. Das internationale Wasser-Management- Institut kalkuliert, dass in einem Land wie Indien jeder Liter Zuckerrohr-Ethanol 3.500 Liter an Wasser verbraucht.

Mitte August 2007 legten Forscher auf der Internationalen Wasserwoche in Stockholm Studien vor, die eindeutig belegen: Weltweit ist nicht ausreichend Wasser vorhanden, um den Bedarf an Lebensmitteln zu decken und außerdem große Mengen Pflanzen für die Gewinnung von Agrarsprit anzubauen.

Todes-Sprit
Obwohl auch die Ethanol-Produktion sehr wasserintensiv ist, hat US-Präsident Bush im Frühjahr 2007 ein historisches Bündnis mit dem brasilianischen Präsidenten Lula geschlossen: eine „OPEC des Ethanols“. Die Zuckerrohrbarone klatschen seitdem in die Hände und träumen von einer 55-prozentigen Steigerung der Anbauflächen, um die Nachfrage aus Europa und den USA abzudecken. Rund 200.000 Migranten aus Brasiliens Nordosten schneiden pro Saison im Süden das Zuckerrohr mit Macheten - 12 Stunden am Tag, in der prallen Sonne und für einen Hungerlohn. Jedes Jahr sterben Dutzende dieser „Ethanol-Sklaven“ an Erschöpfung oder Hitzschlag.

Frei Betto, brasilianischer Befreiungstheologe, Bestsellerautor und Zeitungskolumnist, spricht schlicht von „Todes- Sprit“. Der Zuckerrohranbau in Brasilien beruhe seit der Kolonialzeit auf extremer Ausbeutung, Umweltvernichtung und Abzweigung öffentlicher Gelder.

Der Boom beim Zuckerrohranbau bewirkt laut Frei Betto eine gewaltige Binnenmigration, Slumwachstum, die Zunahme von Morden und Rauschgifthandel sowie Kinderprostitution. „Weil sich der Sojaanbau im Südosten Brasiliens durch die Ethanolproduktion verringert, kommt es zu einer starken Ausweitung der Sojaflächen in Amazonien. Und dies bedeutet rücksichtslose Urwaldzerstörung.“

Frei Betto fordert deswegen die Lula-Regierung auf, sich um die Hungernden des Landes zu kümmern, anstatt die Zuckerrohrbarone noch reicher zu machen.

Die BtL-Lüge
Die Wunderwaffe der Agrarsprit-Fetischisten heißt BtL - „Biomass to Liquid“. Doch die als besonders ökologisch propagierte zweite Generation von Agrartreibstoffen, hergestellt aus den Pflanzenresten der land- und forstwirtschaftlichen Produktion, ist keine ökologische Wunderwaffe, sondern eine zusätzliche ökologische Gefahr. Alle Biomasse, die zum Beispiel für die Ethanolproduktion verbrannt wird, kehrt nicht mehr in die Erde zurück. Die ohnehin durch die agro-industrielle Landwirtschaft verarmten Böden werden dadurch noch stärker erodiert und benötigen eigentlich die organischen Reststoffe zur Regeneration.

Jede Sekunde werden schon heute 2.420 Tonnen Boden in die Weltmeere gespült. Was das bedeutet, spüren vor allem diejenigen Ureinwohner und Kleinbauern weltweit, die seit Generationen ihre Böden angepasst bewirtschaften.

Immer heftiger werden ihre Vorbehalte gegen den Agrarenergie-Boom. Anfang Juli 2007 protestierten Indigenenvertreter in Paris auf einer Tagung der „Convention on Biodiversity“ gegen die aggressive Vermarktung von Agrarenergie. Durch die riesigen Monokulturen würden systematisch indigene Rechte verletzt, die Armut verstärkt, die Artenvielfalt zerstört und traditionelle Kulturen vernichtet. Anfang 2007 forderten lateinamerikanische Umweltgruppen in einem offenen Brief an die Europäische Union: „Wir wollen Ernährungssouveränität, keine Biotreibstoffe. Der durch die Länder des Nordens verursachte Klimawandel lässt sich nicht dadurch aufhalten, dass nun neue Probleme in unserer Region geschaffen werden.“ Auch die brasilianische Landlosenbewegung MST und das weltweite Netzwerk Vía Campesina warnen: „Wir können keine Tanks füllen, während Mägen leer bleiben.“ Beim Sozialforum in Mali im Februar 2007 schließlich sagten Hunderte von Aktivisten den Monokulturen der Energiepflanzen, den sogenannten „Grünen Wüsten“, den Kampf an. In Europa haben vor wenigen Wochen über 100 Umweltgruppen von der EU ein sofortiges Moratorium für Agrarkraftstoffe gefordert.

Nachdruck aus dem „Regenwald Report 3/2007“, http://www.Regenwald.org

[CO2 Bilanz] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

Kampagne der CBG erfolgreich:

BAYER legt CO2-Emissionen offen

Erstmals veröffentlichte der BAYER-Konzern die Höhe seines Ausstoßes von Treibhausgasen und erfüllte damit eine langjährige Forderung der Coordination gegen BAYER-Gefahren. In der Hauptversammlung hatte BAYER auf diesbezügliche Fragen beharrlich geschwiegen, was sogar zu Kritik einer Unternehmensberatung führte. Mit Emissionen in Höhe von 7,9 Millionen Tonnen CO2 gehört der Konzern weiterhin zu den großen Klimasündern des Landes. Aktuell beteiligt sich BAYER an den Planungen für ein Steinkohlekraftwerk, das jährlich allein 4,4 Mio Tonnen Kohlendioxid in die Luft blasen würde.

von Philipp Mimkes

In seinem im Juli 2007 erschienenen „Nachhaltigkeitsbericht“ veröffentlichte der BAYER-Konzern neben den sogenannten „direkten“ Emissionen“ seiner Werke erstmals auch den Ausstoß von Treibhausgasen seiner Energie-Zulieferer. Der bislang von BAYER angegebene CO2-Ausstoß von jährlich 4,0 Millionen Tonnen wird durch diese „indirekten“ Emissionen in Höhe von 3,9 Mio Tonnen fast verdoppelt.
Zudem will BAYER von nun an darauf verzichten, Emissionsminderungen, die allein aus dem Verkauf von Unternehmensteilen resultieren, als Umweltschutz-Maßnahme zu deklarieren. Die noch im Frühjahr von BAYER-Chef Wenning getätigte Aussage, der Konzern habe den Ausstoß klimaaktiver Gase in den vergangenen 15 Jahren um 70% reduziert, wird im aktuellen „Nachhaltigkeitsbericht“ folgerichtig nicht aufrecht erhalten.
Damit kommt das Unternehmen Forderungen der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) nach. Die CBG hatte im vergangenen Jahr nachgewiesen, dass die von BAYER behauptete Reduktion der CO2-Emissionen zum größten Teil auf den Verkauf einer Tochterfirma sowie den gestiegenen Fremd-Bezug von Energie zurückzuführen war – also auf bilanziellen Umbuchungen, die nichts mit Klimaschutz zu tun haben. Medien, Umweltverbände und eine Reihe von Parlamentariern hatten sich der Kritik angeschlossen und die irreführende Außendarstellung des Konzerns kritisiert.

„begrenzte Relevanz“
Die Unternehmensberatung Arthur D. Little hatte in ihrer Beurteilung des vorherigen Nachhaltigkeitsberichts moniert: „Zusätzlich zum Energieverbrauch werden auch die CO2-Emissionen berichtet. Allerdings ist diese Information von begrenzter Relevanz, weil Emissionen aus der Produktion extern erzeugter Energie nicht berücksichtigt werden und die berichtete Reduzierung zum Teil aus dem zunehmenden „Out-sourcing“ der eigenen Energieerzeugung resultiert.“
Noch im vergangenen Jahr hatte der Konzern in der Hauptversammlung die Beantwortung entsprechender Fragen abgelehnt. Einen Brief des Bundestagsabgeordneten Reinhard Loske (Bündnis90/Grüne), in dem Loske nach den Emissionen der Energie-Zulieferer fragte, beantwortete BAYER-Vorstandsmitglied Udo Oels: „BAYER bezieht seit jeher an seinen Standorten weltweit Energie von diversen Versorgern, die auf unterschiedlicher Basis und mit verschiedener Technik Strom und Dampf erzeugen. Eine konzernweite Umrechnung in CO2-Äquivalente würde auf zu vielen Annahmen beruhen, als dass valide Zahlen zu berechnen wären“.

Chemie ist Klimasünder

  • 3


Zwölf Monate später war eine Veröffentlichung „valider Zahlen“ offenbar doch möglich – was nicht wirklich verwundert, da die Energieversorger über ihre Emissionen genau Buch führen (müssen), und auch der Schwester-Konzern BASF bereits seit mehreren Jahren den CO2-Ausstoß seiner Energie-Zulieferer veröffentlicht.
Die Chemie-Industrie bleibt somit hierzulande nach Strom- und Metallproduktion der Klimasünder Nr. 3. Insgesamt kommt die deutsche Industrie auf Emissionen in Höhe von 550 Millionen Tonnen CO2 und nimmt in Europa den Spitzenplatz ein. Wirklicher Klimaschutz wäre nur mit einer drastischen Reduktion dieser industriellen Emissionen möglich.

Industrie bremst
In der Öffentlichkeit bezeichnet sich BAYER stets als Vorbild in Sachen Klimaschutz. Weder im Geschäftsbericht noch auf der homepage oder in zahlreichen Pressemitteilungen fehlt der Hinweis auf die „Vorreiterrolle bei der Reduktion der Emissionen, durch die der Konzern sowohl die nationalen als auch die internationalen Zielvorgaben bereits heute übertroffen hat“.
Der Konzern trat zudem einer Reihe von Klima-Initiativen bei („Caring for Climate“, „Global Roundtable on Climate Change“, „Combat Climate Change“, etc) und wurde dafür sogar im Bundestag gelobt. Gemein ist diesen Initiativen jedoch, dass sie auf freiwillige Maßnahmen setzen und staatliche Eingriffe verhindern sollen. Prof. Jürgen Rochlitz von der Kommission für Anlagensicherheit des Umweltministeriums: „Initiativen wie „Caring for Climate“ reihen sich ein in die große Zahl von Absichtserklärungen, mit deren Hilfe die Industrie eine verbindliche Reduktion von Treibhausgas-Emissionen verhindern will. Wirksamer Klimaschutz wird damit nicht befördert – im Gegenteil.“

Forderungen an Politik
Die Präsentation der geschönten Klimabilanz verband BAYER-Chef Werner Wenning in den vergangenen Jahren stets mit Forderungen an die Politik. Auf der Wunschliste standen neben der Befreiung von der Ökosteuer und der Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes besonders ein entschärfter Emissionshandel. Gemeinsam mit 14 anderen Vorstandsvorsitzenden hatte Wenning im Winter einen Brief an Kanzlerin Merkel geschrieben und darin die von der EU vorgesehenen verbindlichen Emissions-Minderungen attackiert („gefährden Wachstum und Investitionen am Standort Deutschland“).
Uwe Friedrich Vorstand der CBG: „In der Öffentlichkeit stellt Werner Wenning den BAYER-Konzern als Vorreiter beim Klimaschutz dar. Gleichzeitig nutzte Wenning die irreführenden Zahlen, um eine Abschwächung gesetzlicher Regelungen zu fordern“. Es bleibt abzuwarten, ob nun nach Veröffentlichung der tatsächlichen, weit höheren Emissionen diese Forderungen aufrecht erhalten werden.

Prüfstein Kohlekraftwerk
Aktuell beteiligt sich BAYER an der Planung eines Steinkohlekraftwerks in Uerdingen, das über Jahrzehnte hinweg jährlich 4,4 Millionen Tonnen Kohlendioxid produzieren würde (da hierfür Kohle aus Australien und Südamerika importiert soll, kämen die beim Transport anfallenden Emissionen noch hinzu). Auch Gefahrstoffe wie Schwefeldioxid und Stickoxide würden in großer Zahl ausgestoßen (s. SWB 2/2007).
Nachdem der Krefelder Stadtrat das Projekt aus Klimaschutzgründen zunächst abgelehnt hatte – mit den Stimmen von CDU und SPD! –, nutzt BAYER den Einfluss der weitgehend konzernhörigen IGBCE auf die SPD, um doch noch eine Baugenehmigung zu erhalten. „Wenn BAYER den Klimaschutz wirklich ernst nehmen würde, müsste das Unternehmen sofort auf den Einsatz einer solchen Dinosaurier-Technologie verzichten“, so Uwe Friedrich weiter.

Die Kampagne zum Thema

[IG BCE] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

BAYER & die Chemie-Gewerkschaft

Wohin treibt die IG BCE?

Die diesjährige Jahrestagung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN will einmal genauer die Rolle der Gewerkschaften bei BAYER untersuchen. Zur Einstimmung veröffentlicht Stichwort BAYER einen Text, der die Politik der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE während der Auseinandersetzung bei BAYER INDUSTRY SERVICES genauer beleuchtet.
Von Adi Reiher

Auf der Bilanzpressekonferenz nach dem ersten Halbjahr 2007 konnte BAYER-Chef Werner Wenning beindruckende Zahlen vorlegen. Der BAYER-Gewinn aus dem operativen Geschäft (vor Steuern, Abschreibungen und Sondereinflüssen) legte im zweiten Quartal um 30 Prozent auf 1,18 Milliarden Euro zu.
Der Überschuss stieg unter dem Strich um 46 Prozent auf 660 (Vorjahresquartal 452) Millionen Euro. „Das zweite Quartal ist für BAYER sehr gut verlaufen. Damit schließen wir an den hervorragenden Start in das Jahr 2007 an“, sagte Wenning und fügte bezogen auf die gesamte Chemie-Industrie hinzu, dass ein Ende der guten Konjunktur überhaupt noch nicht zu erkennen sei.
AnalystInnen sprechen von den guten Geschäften in Asien, wenn es um die Gründe für die explodierenden Gewinne geht. Tatsächlich dürfte dafür aber der Ausgang des fast halbjährigen Arbeitskampfes bei der BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS) ausschlaggebend gewesen sein. Vordergründig ging es um die 6.000 MitarbeiterInnen der BAYER-Tochtergesellschaft, die der Konzern im Herbst vergangenen Jahres ausgliedern wollte. 600 Stellen sollten gestrichen, länger gearbeitet, Löhne gekürzt und die Kolleginnen und Kollegen aus dem Chemietarif entlassen werden.
Mit ungewohnter Wucht setzte sich die Belegschaft zur Wehr. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) organisierte innerhalb weniger Wochen mehrere Demonstrationen, an denen sich Tausende beteiligten. Daneben riefen die alternativen BASISBETRIEBSRÄTE zu verschiedenen Aktionen auf, an denen bis zu 800 Kolleginnen und Kollegen teilnahmen. Eine Montagsdemo wurde über ein halbes Jahr lang zu einer festen Institution. Viele Initiativen und Belegschaften aus Leverkusen und Umgebung solidarisierten sich. Diese Aktionen zeigten Wirkung. Kurz vor Weihnachten 2006 rückte BAYER-Chef Wenning von den ursprünglichen Plänen ab und kündigte an, dass es für die BIS-MitarbeiterInnen einen „innovativen Haustarifvertrag“ geben werde. Die Montagsdemonstrationen gingen trotzdem unvermindert weiter.
Die IG BCE und die Konzernführung verhandelten monatelang, ohne die Belegschaft über den Stand der Verhandlungen zu informieren. Für Ende März wurde ein Ergebnis angekündigt. Doch es wurde Ende April, bis es so weit war. Nun wurde deutlich, warum alles so lange gedauert hatte. Nicht nur über die BIS-Leute sprachen Konzern-Leitung und Gewerkschaft. Nein, IG BCE und der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hatten gleich einen Haustarif für sämtliche Servicegesellschaften der Chemischen Industrie abgeschlossen.
Nicht nur die 6.000 Kolleginnen und Kollegen von BIS, sondern mehrere andere Sparten wurden aus dem Chemietarif-Vertrag entlassen und müssen ab sofort unter wesentlich schlechteren Bedingungen arbeiten. Der einzige - aber nicht zu unterschätzende - Erfolg des Widerstandes war, dass betriebsbedingte Entlassungen vermieden werden konnten. Damit erreichte die IG BCE, dass ihr Nimbus, nur sozialverträglichen Maßnahmen zuzustimmen, gewahrt blieb. Doch in allen anderen Punkten setzte sich der Unternehmer durch.
Gleichzeitig mit dem neuen Haustarif wurde die Verlängerung der Ende 2007 auslaufenden Standortvereinbarung zwischen der BAYER AG und dem Gesamtbetriebsrat bekannt gegeben. Damit wurde für die etwa 80.000 BAYER-Beschäftigten zumindest vorübergehend Arbeitsplatzsicherheit geschaffen. Mit der wichtigen Einschränkung, dass diese Regelung für die BAYER/SCHERING AG nicht galt. Zehntausende der dortigen Kolleginnen und Kollegen sind damit betriebsbedingten Kündigungen ausgeliefert, die so sicher kommen werden wie das Amen in der Kirche.
Auch diese unsoziale Vereinbarung wirft tiefe Schatten auf die Verhandlungsstrategie der Gewerkschaft. Statt alle im Chemiebereich Beschäftigten zu schützen und zu vertreten, ahmt die IG-BCE-Führung die Konzentration des Chemie-Multis auf das so genannte Kerngeschäft nach. Ausgliederungen und verdeckten Entlassungen hat die IG BCE in den vergangenen zehn Jahren immer wieder zugestimmt. Zwischen 1998 und 2005 ist die Belegschaft der BAYER AG damit um ein Drittel von 120.000 auf knapp über 100.000 Beschäftigte geschrumpft.
Gleichzeitig hat sich die Wertschöpfung pro MitarbeiterInnen von 85 000 Euro im Jahre 1998 auf 130 000 Euro im Jahre 2005 erhöht. Auch wenn sich in diesem Zeitraum die Lohnsumme von 6,7 Mrd. Euro auf 5,3 Mrd. Euro verringert hat, hat der/die einzelne ChemiearbeiterIn nicht unbedingt weniger in der Lohntüte. Tatsächlich sind bei Wegfall übertariflicher Leistungen die Löhne um 10 bis 15 Prozent gestiegen. Der Gewinn des Konzern allerdings um 50 Prozent.
Das ist das Geheimnis des „erfolgreichen“ Wirtschaftens der BAYER AG: Die Strategie der Konzentration auf das sogenannte Kerngeschäft. Das ist der Bereich, in dem die Wertschöpfung schon immer am größten war. Der aber ohne Zuarbeit nicht existieren könnte. Diese Zuarbeit aber gliedert man aus, entlässt sie in den Niedriglohnbereich und fährt so „automatisch“ höhere Gewinnen ein.
Dass ein großer Teil der Belegschaft im Elend der Niedrigtariflöhne landet, interessiert Wenning und Co. weniger.
Allerdings ist es doch erstaunlich, dass die IG BCE dieses Spiel mitmacht. Selbst wenn man das dort vorgebrachte Argument der Realpolitik ernst nimmt, verwundert es doch, warum sich die Gewerkschaftsführung nicht fragt, wann dieser Schrumpfungsprozess zum Verschwinden der eigenen Klientel führt. Wer garantiert der IG BCE, dass das Kerngeschäft nicht so klein geklopft wird, dass auch die IG BCE zur Marginalie wird?
Ihr unternehmertreues Verhalten könnte darauf hinauslaufen, dass die Gewerkschaftsführung zur Zeit ihr eigenes Grab schaufelt. Die einzige Alternative wäre die kämpferische Vertretung aller Kolleginnen und Kollegen im Chemiebereich. Ändert die IG BCE ihre Strategie nicht, droht die Strafe des Unterganges.

[Tuberkulose] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

BAYERs Tuberkulose-Forschung

Hilfe zur Selbsthilfe

BAYER hat die Entwicklung von Medikamenten gegen vor allem arme Länder heimsuchende Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose schon vor Jahrzehnten eingestellt, weil sie nicht genügend Profit versprachen. Jetzt nimmt der Leverkusener Multi die Forschungen wieder auf. Aber eine Entwicklungshilfe stellt dies nur für die eh schon reichlichen Konzern-Profite dar.

Von german-foreign-policy.com

BAYER & Co. verlangen umfassende Profitgarantien für ihre Mitwirkung an der Bekämpfung von AIDS, Malaria und Tuberkulose in den „Entwicklungsländern“. Die Mittel sollen von Fonds der Vereinten Nationen und anderer internationaler Organisationen zur Verfügung gestellt werden, deren Aufstockung beim G8-Gipfel im Juni beschlossen worden war. Dazu üben die Unternehmen erheblichen Druck auf UN-Abteilungen aus, die für die Bekämpfung tropischer Armutskrankheiten zuständig sind. Gefordert werden umfassender Patentschutz und Abnahmegarantien für die Medikamente, privilegierte Marktzugänge insbesondere in den Staaten Afrikas, der an kapitalistischen Standards ausgerichtete Ausbau des dortigen Gesundheitswesens und die Ausbildung medizinischen Personals unter der Ägide der Arzneimittelkonzerne. Außerdem soll die Pharmaforschung subventioniert werden. Die Vereinten Nationen haben sich ihrerseits mit so genannten Public Private Partnerships auf eine enge Kooperation mit der Industrie festgelegt und sind zur Erfüllung von deren Bedingungen praktisch gezwungen. Zu den Profiteuren gehört der deutsche BAYER-Konzern, der sich die Erprobung eines umstrittenen Tuberkulose-Medikaments aus einem internationalen Hilfsfonds finanzieren lässt. Angebliche Hilfsgelder für die globalen Armutszonen fließen auf diese Weise nach Deutschland zurück.
Anlass der jüngst vorgetragenen Forderungen der deutschen Pharmaindustrie war die Ankündigung der sieben reichsten Industrienationen und Russlands auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm. Dort hatte es geheißen, man wolle den 2002 von den Vereinten Nationen eingerichteten „Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria“ bis 2010 mit insgesamt 44 Milliarden Euro ausstatten. Der Anteil der Bundesrepublik beläuft sich dabei auf 400 Millionen Euro. Mittels der „Public Private Partnerships“ soll die Versorgung der größtenteils in Entwicklungsländern lebenden Kranken mit lebenswichtigen Medikamenten BAYER & Co. überlassen werden. AIDS, Tuberkulose und Malaria fordern jährlich etwa sechs Millionen Todesopfer weltweit - unter anderem, weil die notwendigen Präparate für die Betroffenen dank der Hochpreis-Politik der Pharma-Riesen oftmals unerschwinglich sind.

Bedarfsplanung
Die deutschen Forderungen betreffen unter anderem die Lieferung von HIV/AIDS-Medikamenten an afrikanische Staaten. Dazu verlangte der Vorsitzende des von BAYER gegründeten „Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA), Dr. Dr. Andreas Barner, von der Weltgesundheitsorganisation WHO und internationalen Hilfsorganisationen verbindliche „Voraussagen über die benötigten Präparatemengen“ und eine „systematische Bedarfsplanung“.(1) Um ihren Bevölkerungen den Zugang zu den lebenswichtigen Medikamenten zu ermöglichen, müssten die afrikanischen Staaten außerdem für die „Abschaffung der noch immer weit verbreiteten Einfuhrzölle und Steuern auf Medikamente“ sorgen. Nur so könne der „Boden für mehr internationale Hilfe“ unter Beteiligung der Pharmaunternehmen bereitet werden, erklärte Barner.

Monopole
Die Strategie der Arzneimittelkonzerne, die Lieferung lebensnotwendiger Medikamente an die Armen in Entwicklungsländern von Steuererleichterungen und Profitgarantien abhängig zu machen, setzt sich auf dem Gebiet der Patentrechte fort. Ohne diese Rechte, so Barner, würden die Unternehmen „das Interesse verlieren, erfinderisch tätig zu sein“, da jeder „beliebige Wettbewerber“ sie um die „Früchte der Arbeit“ bringen könne.(2) Durch Patentgebühren werden die Preise für Medikamente gegen HIV/AIDS und andere Armutskrankheiten wie Tuberkulose und Malaria künstlich hochgehalten. Dies beschert BAYER & Co. unabhängig von den Produktionskosten hohe Extragewinne. Ihr Kampf für den „Schutz des geistigen Eigentums“ richtet sich insbesondere gegen indische Arzneimittelhersteller, welche die in Entwicklungsländern benötigten Präparate weit günstiger produzieren als ihre westlichen Konkurrenten und sie damit für die Betroffenen überhaupt erst bezahlbar machen.

Vertrieb
Der VFA-Vorsitzende Barner hingegen hält es für einen „Irrtum“, dass „Gesundheitsprobleme“ durch das „Brechen von Patenten“ gelöst werden könnten.(3) Er fordert stattdessen von den Entwicklungsländern, die „Kompetenzen der forschenden Pharmaunternehmen“ künftig verstärkt in ihre Gesundheitsprogramme einzubeziehen und in eine „solide Gesundheitsinfrastruktur“, insbesondere in das Apothekenwesen, zu investieren. Vom Ausbau des Gesundheitssektors und der Schulung medizinischen Personals unter ihrer Ägide erhoffen sich die deutschen Arzneimittelkonzerne einen optimierten Vertrieb und damit eine Erhöhung des Absatzes ihrer Produkte.

MOXIFLOXACIN
Exemplarisch führt die BAYER AG vor, wie angebliche Hilfsgelder in die Wohlstandszentren der westlichen Welt umgelenkt werden sollen. Der Pharmariese versucht derzeit mit Unterstützung einer internationalen Hilfsorganisation, sein Antibiotikum MOXIFLOXACIN auf den Märkten der Entwicklungsländer zu etablieren. Die „Global Alliance for TB Drug Development“ (TB Alliance), die ihre Geldmittel von privaten Stiftungen und den Regierungen der USA, Großbritanniens, der Niederlande und Irlands erhält, finanziert mit 100 Millionen Dollar eine aufwendige Testreihe, welche die Wirksamkeit von MOXIFLOXACIN gegen Tuberkulose (TB) unter Beweis stellen soll. Die Forschungsförderung, die BAYER gewährt wurde, umfasst nach Aussage der TB Alliance Marktanalysen („(a)nalyze drug market conditions“) sowie die Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern, Arzneimittelhändlern und Anwälten in Entwicklungsländern.(4) Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass MOXIFLOXACIN dort innerhalb kürzester Zeit nach Abschluss der Erprobungsphase als Standardmedikament zugelassen wird („ensure the rapid adoption of a new drug regimen“).

Millions of doses
KritikerInnen ziehen die Wirksamkeit von MOXIFLOXACIN gegen Tuberkulose in Zweifel und verweisen auf gravierende Nebenwirkungen des Medikaments. Die Warnung erinnert an Ergebnisse unabhängiger Studien, denen zufolge deutsche Pharmakonzerne in Entwicklungsländern oft unsinnige und unwirksame Medikamente auf den Markt bringen. Wirksam hingegen sind die Gewinne. Das gilt auch für die BAYER AG und das umstrittene MOXIFLOXACIN. Das Unternehmen, das jährlich MOXIFLOXACIN-Präparate im Wert von mehr als 500 Millionen Dollar absetzt, erwartet von positiven Testergebnissen den zusätzlichen Verkauf von Millionen Arzneimittelgaben („millions of doses“) in den Entwicklungsländern.

(1), (2) Richtige Weichenstellungen für Aids-Bekämpfung in Afrika; Pressemitteilung des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller e.V. Nr. 023/2007, 08.06.2007
(3) Forschende Pharmaindustrie entschlossen, die Gesundheit in Afrika zu verbessern; Pressemitteilung des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller e.V. Nr. 021/2007, 31.05.2007
(4) New TB Drugs Urgently Needed to Replace Treatment from the 1960s. Second Gates Grant to TB Alliance Quadruples Initial Support; tballiance.org

[Kinderarbeit] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

Neue Studie kritisiert BAYER

Kinderarbeit und kein Ende

Die Kinderarbeit bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO droht zur Dauereinrichtung zu werden. Obwohl BAYER, MONSANTO & Co. nach öffentlichem Druck schon im Jahr 2003 ankündigten, diesen Missstand binnen sechs Monaten abstellen zu wollen, leisten allein bei den Vertragspartnern des Leverkusener Multis immer noch über 300 Minderjährige Frondienste, wie die neue Studie „Seeds of Change“ des indischen Wissenschaftlers Davuluri Venkateswarlu nachweist. Und die Zahl der KinderarbeiterInnen dürfte im nächsten Jahr noch beträchtlich ansteigen, denn der Konzern will die Saatgut-Produktion auf dem Subkontinent versechsfachen!

Von Jan Pehrke

Im Jahr 2003 veröffentlichte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) die Übersetzung einer Studie über Kinderarbeit in Indien. Nach Recherchen des indischen Instituts „Glocal Research and Consultancy Services“ (GRCS) schufteten Zehntausende Kinder ab sechs Jahren über 13 Stunden am Tag auf den Feldern von Betrieben, die Saatgut für BAYER, MONSANTO und andere Agro-Riesen herstellten. Die Untersuchung erregte in der Bundesrepublik großes Aufsehen. Fernsehen und Presse berichteten, und die Konzerne gerieten gehörig unter Druck. Sie gelobten jedoch Besserung und kündigten an, das Problem binnen sechs Monaten aus der Welt zu schaffen. BAYER wollte mit Initiativen vor Ort kooperieren und ein Kontrollsystem aufbauen, den Ausschluss von Kinderarbeit mit den Zulieferern vertraglich vereinbaren und darüber hinaus „Entwicklungshilfe“ in den verarmten Regionen leisten.
Nach Ablauf der Frist war das Problem allerdings noch in der Welt. Selbst drei Jahre später hatte es BAYER trotz einiger Fortschritte nicht bewältigt. Immer noch war jede/r fünfte Beschäftigte auf den Saatgut-Farmen ein Kind. Die FeldinspektorInnen überprüften mit 185 acres (ca. 76 Hektar) zwei Drittel der Anbauflächen und stießen dabei auf 251 Minderjährige, eine Quote von 1,35 pro acre. In Dr. Davuluri Venkateswarlus Auswertung der Pflanzsaison 2006/07, die auf einer Stichproben-Untersuchung von 61 der 281 acres mit den Saatgut-Kulturen beruht, sank diese Kennzahl auf 1,1. Der Kinderarbeitsanteil reduzierte sich auf 11,2 Prozent - bei den MONSANTO-Zulieferern betrug dieser „nur“ fünf Prozent.
„Das Problem ist noch weit entfernt davon, gelöst zu sein“, lautet deshalb das Resümee der Studie „Seeds of Change“. Der Rückgang der Zahlen sei zwar ermutigend, aber um das gesteckte Ziel der Abschaffung der Kinderarbeit in der Saatgut-Produktion zu erreichen, müssten BAYER und MONSANTO ihre Anstrengungen verstärken, so Venkateswarlun. Als einen wichtigen Grund, warum nach wie vor so viele Kinder auf den Feldern arbeiten, nennt der Forscher die niedrigen Abnahme-Preise für die Saaten. Die Initiativen vor Ort hatten den Agro-Multis deshalb geraten, den FarmerInnen mehr Geld zu geben, damit diese vermehrt Erwachsene einstellen könnten. Aber BAYER & Co. weigerten sich, so dass die jungen InderInnen weiterhin den „Preis der Kindheit“ (Davuluri Venkateswarlu) zahlten. Der Leverkusener Multi startete stattdessen ein Schulungsprogramm zur Erhöhung der Produktivität, das den FarmerInnen zu einem höheren Einkommen verhelfen sollte. Ein „totaler Fehlschlag“, konstatiert der Wissenschaftler. Nur vier der von ihm befragten 22 LandwirtInnen gelang es, ihre Erträge zu steigern. Einige erlitten sogar Einbußen.
Darüber hinaus hielt sich der Agro-Riese nicht an die Zusage, die Saatgut-Bauern und -Bäuerinnen mittels Prämien und Sanktionen zum Verzicht auf KinderarbeiterInnen zu bewegen und nur noch mit den Kooperationswilligen unter ihnen zusammenzuarbeiten. Durch dieses Anreizsystem hätte BAYER wirklich „Seeds of Change“ pflanzen können, aber der Konzern zog es vor, seine Zulieferer bis auf einen komplett auszutauschen. „So musste BAYER mit der ganzen Aufklärungskampagne wieder bei Null anfangen“, hält Dr. Venkateswarlu fest.
Zudem hatte der Global Player nicht wie zugesichert mit allen Saatgut-Produzenten Verträge unterzeichnet, die Kinderarbeit ausschließen. Dies tat er nur in Andhra Pradesh, wo die Initiativen vor Ort am meisten Druck ausübten, nicht aber in „ruhigeren“ Regionen wie Karnataka und Tamilnadu. Darum gab BAYER wohl auch - anders als MONSANTO - bis heute das Material über das Monitoring der Saatgut-Farmen in Karnataka nicht frei. Auch bezüglich der Daten für Andhra Pradesh ließ es der Multi lange an Transparenz vermissen. Er hielt die MV FOUNDATION und andere Organisationen immer wieder hin und nahm an an anberaumten Treffen nicht teil. Nur die FondsmanagerInnen der „grünen“ Geldanlagen durften mehr wissen. Ihnen präsentierte der Gen-Gigant die erhobenen Daten - zumindest einen Teil davon. Er dokumentierte nämlich nur die Ergebnisse der Erstinspektionen auf den Feldern, nicht aber die der nachfolgenden Stippvisiten, bei denen die KontrolleurInnen regelmäßig auf mehr minderjährige Beschäftigte als beim vorherigen Besuch stießen. Zudem befleißigte sich der Konzern recht eigenwilliger Rechen-Methoden, weshalb das Ergebnis stimmte: ein KinderarbeiterInnen-Anteil von 1,5 Prozent an der Gesamtbelegschaft und eine Quote von 0,08 Kindern pro acre! Und im nächsten Jahr will BAYER die ganze Daten-Erhebung in die eigene Hand nehmen, um dann wohl endgültig virtuell Vollzug melden zu können.
Auf symbolische Politik beschränkt blieben der Studie zufolge weitgehend auch die flankierenden Maßnahmen in den Bereichen „Handhabung von Pestiziden“ und „Bildung“. Am positivsten beurteilt Dr. Venkateswarlu noch die Anstrengungen zur Vermeidung von Pestizid-Vergiftungen bei der Saatgut-Zucht wie kostenlose Bereitstellung von Schutzkleidung und Schulungen für den Umgang mit den Agrochemikalien. Allerdings setzte der Leverkusener Multi hier gleichfalls eher auf Einmal-Effekte statt auf Langfristigkeit. Die Unterweisungen waren schnell heruntergerissen, und eine Überprüfung der alltäglichen Praxis auf den Feldern erfolgte nicht, moniert Venkateswarlu. Als totaler Flop erwiesen sich die so genannten Learning Centers, in denen die KinderarbeiterInnen ihre versäumten Schulstunden nachholen sollten. Die Einrichtungen erreichten nie ihre anvisierte Zielgruppe, weshalb MONSANTO diesen Versuch auch schon aufgegeben hat.
Der Leverkusener Multi aber will weiter in Bildung investieren, denn es lohnt sich - vor allem für ihn. Mit großem Tamtam gab der Konzern Ende August seine finanzielle Unterstützung für ein landwirtschaftliches Ausbildungszentrum in Hyderabad bekannt. „Diese neue Einrichtung wird dazu beitragen, unterpriviligierten Kindern in ländlichen Regionen ein besseres Leben zu ermöglichen“, sagte BAYER-CROPSCIENCE-Chef Friedrich Berschauer bei der feierlichen Vertragsunterzeichnung. Vor allem wird es dazu beitragen, dem Agro-Riese kompetente MitarbeiterInnen zuzuführen, nicht zuletzt weil BAYER netterweise „auch einen Beitrag zur Entwicklung des Lehrplans leisten“ will. Von dem Ziel der Abschaffung von Kinderarbeit ist in der Presseerklärung hingegen gar nicht mehr die Rede, nur weit vager von bedürftigen Kindern, die es zu schützen gilt.
Und das hat seinen Grund: PROAGRO hat nämlich vor, die Saatgut-Herstellung in Indien auszuweiten, was zwangläufig ein Ansteigen der Kinderarbeit zur Folge hat. Das Agrar-Unternehmen kündigte an, in der kommenden Pflanzsaison die Anbauflächen von 281 acres auf 1.800 acres - also um mehr als das Sechsfache! - auszuweiten.
Die Züchtung überlässt die Konzern-Außenstelle allerdings dem indischen Multi RAASI; PROAGRO übernimmt lediglich die Vermarktung des Saatguts. Der Vertrag enthält zwar einen Passus über den Ausschluss von Kinderarbeit, aber Papier ist geduldig. Bereits 2006/07 standen 120 acres der BAYER-Saatgutzüchtung unter RAASI-Kuratel, und über das Lippenbekenntnis, man wolle RAASI bitten, alle notwendigen Schritte zur Verhinderung der Beschäftigung von Minderjährigen einzuleiten, kam BAYER nicht hinaus. „Trotz des Wissens um Kinderarbeit auf RAASI-Farmen versuchte PROAGRO nie, RAASI zu einer klaren Anti-Kinderarbeits-Politik zu bewegen“, stellt Venkateswarlu fest. Darum dürfte mit weit mehr als nur einer Versechsfachung der bisherigen Zahl von ca. 300 KinderarbeiterInnen zu rechnen sein.
Das Fazit der Studie ist deshalb wenig optimistisch. „Wenn Unternehmen eine klare Strategie zum Thema „Kinderarbeit“ haben, sind sie gehalten, diese ungeachtet der Produktionsorte oder Art der Geschäfte umzusetzen. Das passiert aber nicht. Beide Unternehmen reagieren nur auf Druck oder wenn Probleme benannt werden. Ein verantwortlicher Konzern müsste aber aus Prinzip und aus unternehmerischer Verantwortung überall auf der Welt und alle seine geschäftlichen Aktivitäten umfassend eine solche Politik praktizieren“, heißt es in „Seeds of Change“.
Die bundesdeutsche Kontaktstelle der OECD, vor welche die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN und andere Initiativen den Fall gebracht haben, war da anderer Meinung. Sie schloss die Akten und vertraute der Selbstverpflichtungserklärung von BAYER, „weiterhin aktiv gegen Kinderarbeit einzutreten“. Was jedoch nicht allzusehr verwundert, denn die OECDler waren dem Leverkusener Multi während des Verfahrens sogar so weit entgegengekommen, dass sie gegen die Verfahrensgrundlagen verstießen und BAYERs Drängen, keinem Vertreter der CBG gegenüberzutreten zu müssen, nachgaben.

[Rosia] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

Streiks bei BAYER Italia

„Wir werden die Opfer des Zusammenschlusses mit SCHERING sein“

Die Beschäftigten der BAYER-Niederlassung im italienischen Rosia streiken für den Erhalt ihres Werkes. Philipp Mimkes sprach mit einer lieber anonym bleiben wollenden Gewerkschaftlerin über den Arbeitskampf.

Welche Gewerkschaften sind in Rosia vertreten?
Es gibt die drei großen Gewerkschaften FILCEM, FILLEA und UILCEM, die zusammen die FEMCA, die Dachgewerkschaft für die pharmazeutische Industrie, bilden

Seit wann gehört das Werk zu BAYER?
BAYER kaufte es 1996.

Was wird in Rosia produziert?
Wir packen Faktor-VIII-Produkte ab, die von BAYER unter dem Namen KOGENATE und von AVENTIS unter dem Namen HELIXATE verkauft werden. Zudem packen wir andere Plasma-Produkte für TALECRIS ab.

Wieviele Leute arbeiten in Rosia?
Momentan 95.

Wie hoch ist der Organisationsgrad?
Über 60 Prozent.

Wie ist das Verhältnis von Arbeitern und Leitenden Kräften?
Es gibt unter den Mitgliedern nur drei Top-Manager und sechs andere Führungskräfte. Die restlichen 86 sind Arbeiter.

Gab es auch früher schon Auseinandersetzungen zwischen dem Management und den Gewerkschaften?
Ja, nach der Absage, Rosia zum zentralen europäischen Standort für Blutplasma-Produkte zu machen.

Gab es schon einmal Streiks in Rosia?
Nein, nur jetzt.

Was sind die Ursachen für den Konflikt, und wie sehen die Forderungen der Gewerkschaft aus?
Unser Werk arbeitet effizient und profitabel, warum also die Produktion verlagern und das Werk schließen? Wir werden die Opfer des Zusammenschlusses mit SCHERING sein und wollen neue Jobs, nicht bloß ein bisschen Geld.

Wann begannen die Streiks?
Anfang 2007.

Welche Ziele verfolgt das Management?
Es verteilt die Produktion auf andere Standorte, wickelt das Werk ab, ohne es zu Produkt-Engpässen kommen zu lassen und versucht die Beschäftigten woanders unterzubringen.

Wieviele Beschäftigte nehmen an den Streiks teil?
Fast alle, sogar solche aus dem unteren Management.

Gibt es Solidarität auch von draußen oder von den Medien?
Ja.

Was macht die Provinz-Regierung?

Sie würde Siena gerne zu einem Zentrum für die Gentech-Industrie machen, aber dazu braucht sie investionsfreudige Unternehmen.

Bekommt ihr Unterstützung von in- oder ausländischen BAYER-Niederlassungen?
Überhaupt nicht.

Seit Ihr in Kontakt mit bundesdeutschen Gewerkschaften?
Nein.

Gibt es etwas, was wir hier in Deutschland für Euch tun könnten?
Ich bin mir nicht sicher, ob es uns helfen kann, wenn unsere Situation in Deutschland bekannt wird, aber es dürfte in der Öffentlichkeit sicher auf Interesse stoßen. Unser Traum wäre es, wenn BAYER hier einiges Geld investieren und die Produktion ausbauen würde, wie der Konzern es 1996 den Beschäftigten sowie den Regional- und Bundespolitikern versprochen hat. Oder - etwas weniger utopisch - wenn er das Werk an ein anderes Unternehmen verkaufen würde, das dieses tun und die Arbeitsplätze erhalten würde.

Streiks auch in Belgien

[Burma] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

Reis-Tests in Burma

Hybride Geschäfte

Der Leverkusener Multi hat sich ein neues Testfeld für hybride Reis-Sorten erschlossen: die Militärdiktatur Burma.

Von Jan Pehrke

BAYER hat in der Vergangenheit nicht davor zurückgeschreckt, Geschäfte mit dem südafrikanischen Apartheidsregime oder Militärdiktaturen in Südamerika zu machen. Deshalb gehört der Leverkusener Chemie-Multi jetzt zu den wenigen Global Playern, die in dem von Generälen regierten Burma noch wirtschaftliche Aktivitäten entfalten. Während die auch nicht gerade zimperlichen Konzerne REEBOK und PEPSI COLA das Land bereits verlassen haben, hat der Agro-Riese es als Absatzmarkt für eine spezielle Reis-Art auserkoren. Im Moment führt der Saaten-Mogul gerade einen Test mit einer hybriden, also sterilen und nicht zur Wiederaussaat bestimmten Sorte durch. BAYER-Manager Harald Printz will die Militärdiktatur damit in die Lage versetzen, auf dem Reis-Markt mit Thailand zu konkurrieren. „Ich weiß nicht, wann der Staat sich öffnen wird. Aber wir sind darauf vorbereitet. Wenn es 20 Jahre dauert, dauert es eben 20 Jahre. Wir haben eine längerfristige Perspektive. Wir glauben, wenn wir Jahr für Jahr weitermachen, haben wir später eine gute Marktposition“, erläutert er die Geschäftspolitik des Unternehmens. Diese hat sogar die bekannte indische Aktivistin Vandana Shiva auf den Plan gerufen. Das Beispiel in ihrem Heimatland vor Augen, warnte sie: „Die multinationalen Konzerne haben den ganzen Sektor für landwirtschaftliche Bedarfsgüter wie Samen und Agrochemikalien übernommen. Wenn diese Unternehmen teure Samen und Pestizide auf den Markt drücken, dann verkaufen sie das auf Kredit-Basis, und diese Kredite können die kleinen LandwirtInnen nicht zurückzahlen. Die Erfahrung, die Indien machen musste, ist ein Zeichen dafür, was Burma vielleicht bevorsteht“, so Shiva. Sie übte auch konkret Kritik an dem Hybrid-Reis, weil er steril ist und die FarmerInnen ihn deshalb nicht jedes Jahr wieder neu aussäen können. Zudem sei er anfälliger für Pflanzenkrankheiten und stelle einen Angriff auf das traditionelle landwirtschaftliche Wissen um die Artenvielfalt des Reises dar. Shiva machte sogar eine Wahlverwandtschaft zwischen BAYER und Burma aus. „Diese Agro- und Biotech-Riesen errichten eine Diktatur. Sie verwandeln sogar Demokratien in Diktaturen. Sie sollten definitiv nicht in Burma sein - sie sollten nirgendwo sein. Sie sollten auch nicht in demokratischen Gesellschaften sein, weil sie freie Gesellschaften wie Indien in eine Diktatur verwandeln, wo nicht mehr die Landwirte selbst, sondern nur die Agro- und Saatgut-Multis entscheiden.“

Aber gerade unter den Bedingungen einer autoritären Regierung fällt es schwer, sich gegen den Wirtschaftsimperialismus der Global Player zur Wehr zu setzen. „Es ist gefährlich, etwas Öffentliches wie eine Demonstration zu machen. Wir müssen eine gute Strategie gegen BAYER haben“, sagt etwa Achmad Yakub von der internationalen Kleinbauern-Organisation VIA CAMPESINA. Er hofft durch Graswurzel-Aktivitäten wie kleine Boykotts etwas erreichen zu können und hat einen flammenden Appell an BAYER gerichtet, sich aus dem Land zurückzuziehen.

[Costa Rica] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

Gen-Saaten aus Costa Rica

BAYERs Gentech-Hinterland

Costa Rica ist ein Gentechnik-Paradies. Weder spezielle Gesetze noch Zulassungsverfahren oder Kontrollen trüben das Klima. Folglich boomt der „Freisetzungstourismus“. BAYER und andere Agro-Multis lassen in dem zentralamerikanischen Staat ihre Baumwoll- und Sojasaaten für den Weltmarkt vermehren. Welche höllischen Folgen dies für das Land hat, dokumentiert das GEN-ETHISCHE NETZWERK in der Broschüre „Die heimliche Kontamination“.

Von Jan Pehrke

Große Berge von gentechnisch manipulierter BAYER-Baumwolle türmen sich am Rand eines im costa-ricanischen Kanton Cañas gelegenen Feldes auf. LandarbeiterInnen des Agro-Unternehmens SEMILLAS DEL TRÓPICO haben die gegen das Anti-Unkrautmittel LIBERTY LINK immunen Ackerfrüchte aus dem Boden gerissen, um Platz für Erdnuss-Kulturen zu schaffen. Mit einer Extra-Dosis Pestizid wollen sie verhindern, dass die Nüsse später einen baumwollenen Beigeschmack erhalten, aber zum Erbgut-Joint-Venture wird es wohl trotzdem kommen. Vom Winde verweht, dürfte die Baumwoll-Saat bald auch noch ganz woanders aufgehen: Überall im Land - am Straßenrand, auf Wiesen und in Vorgärten - finden sich nämlich ausgewilderte Gentech-Pflanzen. „Für diese Saaten, die in den USA und in Europa verkauft werden, zahlen wir in den Erzeugerländern einen hohen Preis, denn sie stellen bei uns ein Risiko dar für die Biovielfalt, die menschliche Gesundheit und die Umwelt“, meint deshalb die südamerikanische Gentechnik-Kritikerin María Isabel Manzur

Und die meisten Costa-RicanerInnen wissen gar nicht, was ihnen da blüht. Die LandwirtInnen, von denen die Agro-Multis das Land zum Spottpreis von ca. 200 Euro pro Hektar für ihre Pflanzungen pachten, wenn sie nicht auf die Dienste von Kontrakt-Partnern wie SEMILLAS DEL TRÓPICO zurückgreifen, geben auf Nachfrage nur die Losungen aus den Werbebroschüren der Gen-Giganten wieder. Auf seinem Land fänden Experimente statt, mit deren Hilfe der Hunger in der Welt bekämpft werden soll, erzählte ein Farmer der NETZWERK-Rechercheurin Ute Sprenger. Andere bereiten sich aus den Baumwoll-Blättern sogar Tee oder halten sich das Malvengewächs als Zierpflanze im Garten. Der Staat verhält sich ähnlich arglos. Besondere Bestimmungen zum Anbau gentechnisch veränderter Kulturen wie etwa Zulassungsverfahren oder regelmäßige Feld-Kontrollen gibt es nicht - Näheres regelte bis vor kurzem lediglich ein Zusatz im Pflanzenschutzgesetz.

BAYER & Co. verbuchen dies unter „Standort-Vorteil“. Aber es ist beileibe nicht der einzige, den Costa Rica bietet: Bereits seit 1982 richtet sich das Land unter dem Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds verstärkt nach den Bedürfnissen des Weltmarktes aus. Die Agenturen des Kapitals zwangen der „Reichen Küste“, wie die wörtliche Übersetzung von „Costa Rica“ lautet, einen rigiden Sparkurs auf. Die Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Soziales sanken, und die Arbeitslosigkeit stieg. Zu Beginn der 90er Jahre musste der Staat weitere „Strukturanpassungen“ vornehmen. So auf Kurs gebracht, produzieren Industrie - vornehmlich in den steuerparadiesischen Schwitzbuden der Freihandelszonen - und Landwirtschaft hauptsächlich für den Export.

1991 öffnete sich Costa Rica auch den Gen-Giganten. Neben dem „unbürokratischen“ Umgang der Behörden mit den Laborfrüchten lockte die Agro-Multis vor allem das günstige Klima, das mehrere Ernten pro Jahr zulässt. Damit bot das Land die idealen Produktionsvoraussetzungen für das, was den Grundstoff der Gentechnik-Industrie bildet: das Saatgut. Vermehrungsbetriebe, die Saaten für den Weltmarkt herstellen, nahmen bald immer mehr Ackerfläche ein. 1997 stieg der jetzt zu BAYER gehörende AVENTIS-Konzern in großem Stil mit Soja-Saatgut ein, später sollte noch Baumwolle dazukommen. Mittlerweile erstrecken sich die Pflanzungen der Multis schon auf ca. 1.400 Hektar - und das bei einem Land von der Größe Niedersachsens! „Wir sind Zeugen davon, wie die multinationalen Unternehmen und das Landwirtschaftsministerium die Region Guanacaste in ein riesiges Feld für einen unkontrollierten Freilandversuch verwandelt haben“, klagt die Bürgerrechtlerin Ana Julia Arana.

BAYER hat hauptsächlich das Unternehmen SEMILLAS OLSON mit der Vermehrung von Soja- und Baumwoll-Saatgut betraut. Diese gegen das BAYER-Pestizid LIBERTY LINK resistenten Sorten sind zwar in Costa Rica gar nicht zugelassen, aber größere Probleme bereitet das nicht. SEMILLAS OLSON stellt für den -zumindest auf dem Papier bestehenden - zusätzlichen staatlichen Kontrollaufwand einfach nur 50 Dollar pro Morgen zusätzlich in Rechnung. Um eine dem neuesten technischen Stand entsprechende Produktion der LL-Saaten zu gewährleisten, hat BAYER sogar den SEMILLAS-OLSON-Maschinenpark aufgestockt und eine Entkörnungsanlage zur Trennung der Baumwoll-Saatkörner von der Faser errichten lassen. Keinen Modernisierungsbedarf sieht der Konzern hingegen bei den Arbeitsbedingungen. Schuften auf den Saatgutfeldern seiner indischen Zulieferer zahlreiche Kinder (s. S. ), so leisten in Costa Rica vornehmlich Frauen Frondienste. Sie verdingen sich als Tagelöhnerinnen auf den Feldern, suchen die passenden Pflanzen aus, befruchten sie und verschließen dann die Blüten, dabei immer den Agrochemikalien ausgesetzt. Viele von ihnen leiden deshalb an Schwächeanfällen, Übelkeit und Kopfschmerz.

Im Jahr 2003 sollte alles noch schlimmer kommen. Das Freihandelsabkommen zentralamerikanischer Staaten mit den USA wollte den multinationalen Konzernen noch mehr Sonderrechte einräumen, ihnen den Zugriff auf den öffentlichen Sektor sowie den unvergleichlichen Artenreichtum des Landes sichern und die ohnehin schon um ihre Existenz kämpfenden LandwirtInnen durch die Erleichterung von Agrar-Importen weiter unter Druck setzen. Aber die dritte Stufe des Neoliberalismus zündete in Costa Rica bislang nicht. Ein breites Bündnis aus GewerkschaftlerInnen, LandwirtInnen, UmweltschützerInnen und SchülerInnen und StudentInnen lief Sturm gegen die Pläne. Im Februar demonstrierten in der Hauptstadt San José 100.000 Menschen gegen die CAFTA-Verträge. „Was heute hier abgelaufen ist, stellt nur den Beginn einer langen, intensiven Mobilisierung gegen den Ausverkauf Costa Ricas dar“, verkündeten die VeranstalterInnen.

So nahm im Jahr 2003 eine Gegenbewegung zu einer Politik ihren Anfang, die sich zunehmend an den Bedürfnissen des internationalen Kapitals orientierte. Und im Zuge dieses Emanzipationsprozesses geriet auch der von BAYER & Co. betriebene „Freisetzungstourismus“ in den Blick der KritikerInnen. Es bildeten sich regelrechte „Bio-Bürgerwehren“. Die RED DE COORDINACIÓN DE BIODIVERSIDAD untersuchte Mais und Soja aus den USA nach Genspuren. Andere Gruppen befassten sich mit den Risiken und Nebenwirkungen der Saatgut-Vermehrungsbetriebe für die konventionelle Landwirtschaft, während sich das COMITÉ CÍVICO DE CAÑAS auf die Suche nach gentechnischem Wildwuchs machte - und angesichts der völlig überforderterten staatlichen Aufsichtsbehörde nicht lange suchen brauchte. „Wir schlagen deshalb vor, einen tiefgreifenden Richtungswechsel in der Landwirtschaft vorzunehmen, um so einen gesünderen Ansatz für unsere Agrar-Produktion zu suchen. Sozusagen eine Alternative zu diesem Produktionstyp, der nur einigen wenigen Unternehmen dient, gleichzeitig aber dem Land enorme Kosten verursacht“, lautete das Resümee des Komitees.

In das vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) im Zuge des Cartagena-Protokolls über biologische Sicherheit für Costa Rica vorbereitete Gentechnik-Gesetz fanden solche Vorschläge allerdings keinen Eingang. Obwohl das Abkommen eine BürgerInnen-Beteiligung ausdrücklich vorsieht, mussten die Initiativen draußen bleiben. Drin waren hingegen BAYER & Co. - nicht umsonst sponsort der Leverkusener Multi bereits seit Jahren Jugendprogramme der UNEP (siehe S. ). So bastelte dann BAYERs Kooperationspartner SEMILLAS DEL TRÓPICO neben dem Nahrungsmittel-Mogul NESTLE und dem zu MONSANTO gehörenden, größten Saatgut-Vermehrer DELTA & PINE mit an dem Paragraphen-Werk. Und so sieht es auch aus. Nicht den leisesten Zweifel hegt der Entwurf am Segen der Gentechnik, und die SkeptikerInnen sollen Vorsorge-Prinzip und Inspektionen beruhigen. Aber ja nicht zuviel! Die Feldstudien sind nämlich Privatsache: Nach dem Prinzip der freiwilligen Selbstkontrolle können die Unternehmen selbst dafür so genannte AuditorInnen verpflichten. Dies sei gerade so, als solle der Wolf Schafe hüten, kritisiert Fabían Pancheco vom Koordinationskreis Biodiversität.

Und als Wolf ist BAYER beileibe nach Costa Rica gekommen. In gewohnt imperialistischer Manier profitiert der Konzern von dem Wohlstandsgefälle, das es erlaubt, seine „Zukunftstechnologie“ mittels archaischer Arbeitsbedingungen und vormoderner staatlicher Strukturen fit für den Weltmarkt zu machen. Aber die nachholende Entwicklung schreitet in dem zentralamerikanischen Land voran, getragen von denen, die das zunehmend nervösere Agro-Business eine „Koalition extremer Umweltschützer“ nennt.

Die Broschüre „Die heimliche Kontamination“ ist über das GEN-ETHISCHE NETZWERK zu beziehen.

[Gaucho] STICHWORT BAYER 03/2007

CBG Redaktion

BAYER-Pestizid mitverantwortlich

Das globale Bienensterben

Ein „mysteriöses Bienensterben“ macht seit dem Frühjahr Schlagzeilen. Allein in den USA dezimierten sich die Bestände um 70 Prozent - über eine Million Bienenvölker verendeten. Aber „mysteriös“ ist daran nicht allzu viel: Seit Jahren steht das BAYER-Pestizid GAUCHO als Bienenkiller in der Kritik.

Von Jan Pehrke

„Manchmal verschwinden die Bienen nicht einfach, sondern flattern umher und hängen in großen Trauben an den Blumen oder anderswo in der Nähe des Bienenstocks. Sie hören auf, Pollen zu sammeln, und der Bienenstock kommt so nur auf einen Bruchteil der sonst üblichen 60 bis 80 Kilogramm Honig - wenn die Produktion nicht ganz zusammenbricht (...) Einige Völker schwärmen umher, ohne die Zelle zur Aufzucht der Königin fertiggestellt zu haben. Viele Befruchtungen scheitern, manche Bienenstämme verlassen den Stock ohne ihre Königin“ - was die belgische Imkerin Janine Kievits hier an Krankheitssymptomen beschreibt, hat es sogar schon zu einem Eintrag bei Wikipedia gebracht: Colony Collapse Disorder (CCD), der Bienenvolk-Kollaps.

In den USA hat das CCD schon die Hälfte der 2,5 Millionen Bienenvölker zum Verschwinden gebracht; um ca. 70 Prozent dezimierten sich die Bestände. Aber auch aus einer Vielzahl anderer Länder wie Italien, Spanien, der Schweiz, Deutschland, Polen, England, Griechenland, Belgien, Kanada und Brasilien gibt es besorgniserregende Verlustmeldungen. Hierzulande hat es rund 25 Prozent der Bienen dahingerafft. Professionelle ImkerInnen, die in der Bundesrepublik nur eine Minderheit bilden, hat es sogar ähnlich hart getroffen wie ihre in den Vereinigten Staaten noch weit zahlreicher vertretenen KollegInnen. Manfred Hederer, der Präsident des „Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes“ hat 60 Prozent seiner Bienen verloren. „Der Todeskampf der Honigbiene und der Imkerei in Deutschland hat begonnen“, sagte er deshalb in einem Zeit-Interview.

Und dieser Todeskampf hat Folgen weit über die Imkerei hinaus, denn die Biene ist in ein komplexes Ökosystem eingebunden. Sie bestäubt unter anderem Obstbäume, Beeren, Raps und Sonnenblumen. Rund ein Drittel der Ernährung des Menschen hängt so am Honigtropf der Bienen. „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr“, soll Albert Einstein 1949 deshalb einmal gesagt haben. Während die ExpertInnen noch über die Autorschaft des Zitats streiten, scheint es sich mehr und mehr als düstere Prophetie zu erweisen. Als „größte allgemeine Bedrohung unserer Lebensmittelversorgung“ hat Kevin Hackett vom US-amerikanischen Landwirtschaftsministerium die Sterbewelle unlängst bezeichnet, und für die Insektenforscherin May Berenbaum ist sie ein Menetekel: „Das Bienensterben könnte eine Warnung an uns sein, dass etwas sehr aus dem Gleichgewicht geraten ist“.

Ursachenforschung
Wie ist diese Schieflage entstanden? Einigen erscheint sie als ein großes Rätsel. „USA: Mysteriöses Bienensterben“, so lauteten die Überschriften vieler Zeitungen. Andere machen für das „Bienen-AIDS“ die wie Industriebetriebe geführten US-Imkereien verantwortlich. „Sie sind riesig, verfügen über mehrere Tausend Völker, und die Imker reisen zur Bestäubung von Plantagen mit ihren Bienen durchs Land“, so der Bienen-Experte Werner Mühlen. Nach Ansicht des Bienenkunde-Referenten der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen erhöht die „Massenbienenhaltung“ die Ansteckungsgefahr der Insekten, während die großen Touren quer durch die Vereinigten Staaten die flächendeckenden Verluste erklären. Manche schreiben sie hingegen der flurbereinigten Landwirtschaft zu, die den Tieren mit ihren Monokulturen und Wiesen schon vor der Blüte zu Leibe rückenden Mähdreschern die natürlichen Lebensgrundlagen raubt. Nicht wenige wiederum sehen in der Varroa-Milbe den Auslöser für die Todesfälle. Manfred Hederer lässt das nicht gelten. „Die Milbe ist es nicht“, sagte er in einem SWB-Interview, und sein Kollege Wolfgang Stöckmann pflichtet ihm bei: „Das ist die Erklärung der Bieneninstitute, die uns unsachgemäße Pflege unserer Völker vorwerfen. Wir Imker wissen, dass der Parasit nicht der eigentliche Grund ist“. Wie sollte er auch: Er treibt nämlich schon seit 1977 sein Unwesen, als ihn WissenschaftlerInnen des Bieneninstitutes Oberursel gemeinsam mit zu Forschungszwecken importierten asiatischen Honigbienen einschleppten, und der große Hunger kann die Varroa-Milbe nicht plötzlich über Nacht überkommen haben.

Wanted: GAUCHO
Stöckmann und Hederer haben einen ganz anderen Schuldigen ausgemacht, BAYERs Saatgutbehandlungsmittel GAUCHO mit dem Wirkstoff Imidacloprid. Und damit stehen die beiden nicht allein. „Der Hauptverdächtige ist nach Meinung vieler Wissenschaftler das am weitesten verbreitete Insektizid auf dem Planeten: Imidacloprid“, schreibt die US-amerikanische Zeitung Star-Ledger. Es ist nämlich der höchsteigene Bestimmungszweck von Insektiziden, Insekten zu töten, und zwischen „guten“ und „schlechten“ Exemplaren dieser Spezies können die Mittel nicht unterscheiden. Deshalb führt der GAUCHO-Beipackzettel unter Risiken und Nebenwirkung auch „bienengefährlich“ auf, was schon einer Selbstanzeige gleichkommt. Nicht zuletzt die von den ImkerInnen beobachteten Symptome wie Orientierungslosigkeit und unerklärliche Verhaltensänderungen sprechen für Agrochemikalien als Ursache von CCD, denn Pestizide sind Nervengifte. Und was selbst bei Menschen massive Gesundheitsstörungen hervorrufen kann, haut die beste Biene um, denn die Tiere reagieren äußerst empfindlich auf Schadstoffe. Ihr Immunsystem ist zur Abwehr von Toxinen deutlich schlechter ausgestattet als das vergleichbarer Insekten wie Mücken oder Fliegen, weshalb WissenschaftlerInnen sie sogar als Biodetektoren einsetzen, um Giftquellen aufzuspüren.

Aus all diesen Gründen laufen BienenzüchterInnen seit Jahren Sturm gegen BAYERs Pestizid. Erst im April diesen Jahres begaben sich ImkerInnen gemeinsam mit UmweltschützerInnen auf einen Trauermarsch für Bienen zum Brüsseler Hauptquartier des Leverkusener Multis. Auf Einladung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN hin haben BienenhalterInnen den Konzern auch schon auf den AktionärInnen-Versammlungen mit dem unheilvollen Wirken der Agrochemikalie konfrontiert. Am unerbittlichsten stritten französische BienenbesitzerInnen, die binnen zehn Jahren 90 Milliarden Bienen verloren hatten, wider den Leverkusener Multi. Und ihr Engagement hatte Erfolg: ab dem Jahr 1999 untersagte Frankreich die Ausbringung von GAUCHO auf Sonnenblumen- und Maisfeldern. Einen Präzedenz-Fall schufen die Behörden damit allerdings nicht; überall sonst auf der Welt darf das Pestizid weiter sein Unwesen treiben.

BAYER leugnet
Trotz der erdrückenden Beweislast für eine Mitverantwortung von Gaucho für das Bienensterben - und dem hauseigenen Warnhinweis „bienengefährlich“ - streitet BAYER alle Schuld ab und verweist zur Entlastung auf entsprechende Tests. An der wissenschaftlichen Aussagekraft dieser Untersuchungen, die jüngst auch wieder zur Zulassung des GAUCHO in seiner Bienengefährlichkeit kaum nachstehenden Wirkstoffes Clothiandin (Handelsnamen: ELADO, PROSPER und PONCHO) führten, bestehen jedoch erhebliche Zweifel. Sie sind nämlich „made by BAYER“ und ignorieren die GAUCHO-kritische Fachliteratur konsequent. Zudem gehen die Studien nur den unmittelbar tödlichen Effekten der Mittel nach, ihre Langzeitwirkung ziehen sie nicht in Betracht. Und obwohl die EU-Direktive 91/414/EEC für Pestizide, die wie das BAYER-Produkt eine bestimmte Konzentration pro Hektar überschreiten, Versuche an Bienenlarven vorschreibt, erwirkte der Leverkusener Multi eine Ausnahmegenehmigung. Das gebeizte Saatgut komme ja nicht direkt mit den Insekten in Kontakt, argumentierte der Konzern. Diese Entfernung überbrückt das Mittel allerdings durch sein „Sitzfleisch“. Während die LandwirtInnen Ackergifte nämlich nur zu bestimmten Perioden versprühen, „verstrahlen“ Beizen die Ackerfrüchte während der ganzen Blütezeit. Nicht umsonst wiesen ForscherInnen denn auch GAUCHO-Spuren im Pollen und Nektar der Bienen nach. Aber trotz des Protestes von über 20 Umweltschutz- und Imkerorganisationen setzte EU ihre Direktive nicht wieder in Kraft.

Wie systematisch BAYER das Studien-Design im Fall von Clothiandin frisierte, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten, hat der „Berufs- und Erwerbsimkerbund“ in einem Offenen Brief an das „Bundesamt für Verbraucherschutz“ dokumentiert. So hat der Konzern seine elf Feldversuche nicht ganz zufällig mit erst im Sommer erblühenden Kulturpflanzen wie Sonnenblumen und Mais durchgeführt. Wenn diese nämlich in voller Pracht stehen, dann haben die Bienen ihren Appetit längst an Winterraps und anderen Frühentwicklern gestillt und entsprechende Vorräte an Pollen und Nektar angelegt. Zudem haben die Insekten ihr Reservoir an unbelasteter Nahrung durch Ausflüge auf nicht zum Testgebiet gehörende Ackerflächen erhöht. Dies alles hielt die ELADO-Belastung in Grenzen und sorgte für wenig alarmierende Befunde bei den Rückstandsmessungen.

Todesfälle waren während des nur drei Wochen dauernden Versuches ebenfalls kaum zu beklagen: Auf dem vor dem Bienenstock ausgelegten weißen Tuch fanden sich nur wenige verendete Bienen. Das lag allerdings nicht an der Bekömmlichkeit von ELADO, sondern am Sozialverhalten der Insekten. Kranke Tiere verlassen nämlich zum Sterben ihren Stock, um ihr Volk keiner Ansteckungsgefahr auszusetzen. „Hierbei handelt es sich um imkerliches Grundwissen“ ereifert sich Manfred Hederer über die Leverkusener Verfahrenstechnik. Etwas „geirrt“ hat BAYER sich auch bei den Angaben zur Halbwertzeit von Clothianidin. Während der Konzern auf seiner Webpage 120 Tage angibt, zitiert Hederer mit 990 Tagen die weit höheren Zahlen der US-Umweltbehörde. Die Stadt New York konnte ihm zufolge nicht einmal eine Halbwertzeit ermitteln, da der Zahn der Zeit auch nach 25 Monaten noch kein bisschen an dem Mittel genagt hatte. „Die (schlechte) Qualität der Studien schürt den Verdacht, dass Clothianidin für unsere Bienen zu einer großen Gefahr werden wird“, lautet deshalb die Schlussfolgerung des Offenen Briefes, der zudem auf eine entsprechende Kritik der kanadischen Zulassungsbehörde an BAYER verweist. Als Konsequenz aus diesen Mängeln fordern die ImkerInnen, dem Mittel die Zulassung wieder zu entziehen, bis gesicherte Kenntnisse über seine Giftigkeit vorliegen.

Der Blick nach Frankreich zeigt, wie erfolgreich solche Maßnahmen sein können. Dort haben die Bienen nach den erlassenen Anwendungsbeschränkungen für GAUCHO zum ersten Mal nach 12 Jahren ihre Honigerträge gesteigert. Allerdings profitieren nicht alle Regionen in gleichem Maße von dem Bann, wie es andererseits in den USA auch Landstriche gibt, in denen der Bienenfleiß trotz GAUCHO nicht abnimmt. Als alleinige Ursache für CCD kommt das Produkt deshalb nicht in Frage. In dem Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren wie agrar-industrielle Flurbereinigungen, Massenbienenhaltung, Milbenbefall und Gift-Exposition nimmt das Pestizid jedoch eine bedeutende Rolle ein. Es versetzt das Immunsystem der Tiere in ständige Alarmbereitschaft, weshalb es zusätzlichen Belastungen nicht mehr standhalten kann. „Inzwischen sind die Völker (...) derart durch die Pestizide geschwächt, dass ihnen die Milbe den Rest gibt“, erläutet Wolfgang Stöckmann den Zusammenhang.

Durch die menschlichen Eingriffe im Zuge der industrialisierten Landwirtschaft geht es in der Natur also kaum mehr natürlich zu. In der Tat ist etwas sehr aus dem Gleichgewicht geraten, wenn Kulturpflanzen mit den Bienen ihre eigenen Lebensspender vernichten. Dieser paradoxalen Logik folgend, hat der französische Imkerverband UNAF vor zwei Jahren zu einem ungewöhnlichen Mittel gegriffen. Er startete mit einem Programm, die Tiere verstärkt in Städten anzusiedeln. Und wirklich scheint den Insekten ihr Exil in der pestizid-unbelasteten Zivilisation gut zu tun. Nach dem Willen der UNAF sollen jetzt alle europäischen Länder diesem Beispiel folgen.

„Verraten und Verkauft“ - Das deutsche Bienenmonitoring