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Beitrag veröffentlicht im Januar 2011

[Editorial] STICHWORT BAYER 01/2011

CBG Redaktion

Liebe LeserInnen und Leser,

Thailand gehört zu den führenden Wirtschaftsnationen Südostasiens, aber seine ökonomische Entwicklung ging auf Kosten von Mensch, Tier und Umwelt. Der Fortschrittswettlauf begann in den 1960er Jahren mit erbarmungslosen Waldzerstörungen zur Nutzholz-Gewinnung und setzte sich fort mit einem Ausbau der landwirtschaftlichen Flächen für Reis und Kautschuk und schließlich in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren durch eine rapide Industrialisierung mit giftigen und gefährlichen Technologien.

Das Paradigma der Entwicklung um jeden Preis schloss den wichtigsten Teil des Landes - seine BürgerInnen und Kommunen - weitgehend aus und behinderte den Umweltschutz. Wie vorauszusehen, hat das zu einer nie da gewesenen Vergiftung von Luft, Wasser, Feldern und Fischgründen am Golf von Thailand sowie zu einer Bedrohung der Gesundheit und des Lebensumfeldes von Millionen von Menschen geführt.

Die Industrie-Zone in Map Ta Phut steht im Zentrum dieser verengten Entwicklungsstrategie. Nach Auffassung der Regierung ist dieser Komplex von Öl-Raffinerien, Pestizid-, PVC- und Plastik-Fabriken von BAYER und anderen Unternehmen, Eisen- und Metall-verarbeitenden Betrieben, Kohle- und Gaskraftwerken das Schwungrad, das die Industrie des Landes antreibt. Aus der Perspektive der Zehntausenden von Anwohnern sieht das aber anders aus. Schon ein Atemzug setzt sie lebensgefährdenden Gesundheitsgefahren aus. Map Ta Phut ist vielleicht der giftigste Ort von ganz Thailand.

Das schnelle Wachstum des industriellen Sektors hat bedrohliche Umweltprobleme geschaffen - Luftverschmutzung, Verunreinigung von Gewässern, Verdampfung organischer Verbindungen und Wasserknappheit. Sie alle sind bis heute ungelöst.

Die Krebsrate in der Region ist höher als in jedem anderen Landesteil. Nach einer GREENPEACE-Studie von 2005 atmen die Menschen in der Provinz Rayong einen Cocktail aus giftigen und krebserregenden Chemikalien ein, dessen Konzentration die in westlichen Industrieländern gültigen Grenzwerte um das 60 - 3.000fache überschreitet. Zudem tragen die Errichtung neuer Kohlekraftwerke und der Ausbau energie-intensiver Industrien zum Klimawandel bei, der Zukunftsszenarien zufolge katastrophale Auswirkungen auf das Land haben wird.

Trotzdem haben diese offen zu Tage tretenden Umwelt- und Gesundheitsgefährdungen die Rolle Map Ta Phuts als Schrittmacher der Ökonomie nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, die Industrie-Zone will weiter wachsen und dient der Regierung obendrein als Vorbild bei Plänen für entsprechende Cluster an der Südküste.

Der Fall „Map Ta Phut“ zeigt, dass der besinnungslose Industrialisierungskurs der thailändischen Regierung zu einer schmutzigen Entwicklung führt und die Ressourcen bedroht, die essenziell für eine ökonomische Nachhaltigkeit sind. Diese Ressourcen - das Leben und die Gesundheit der Menschen und deren Basis: das Ökosystem und die Artenvielfalt - werden einem kurzfristigen Wohlstand geopfert, von dem nur ein kleiner Teil der Gesellschaft profitiert.

Ohne Frage ist dies ein ungerechtes und nicht nachhaltiges Entwicklungsparadigma. Es ist ein Paradigma, das Länder in einem Kreislauf von Armut und Umweltzerstörung gefangen hält, der jedem Begriff von Entwicklung widerspricht. Aber Thailand kann diesem Kreislauf entkommen, wenn es begreift, das es ein gerechtes und nachhaltiges Entwicklungsmodell gibt. Die momentane Krise eröffnet eine einzigartige Chance, um das Fundament für eine grünere und fairere Wirtschaft zu legen.

Tara Buakamsri gehört der Südostasien-Sektion von GREENPEACE an

Müllverbrennung

CBG Redaktion

Presse Info der Grünen Krefeld vom 24. März 2011

Grüne zur Müllverbrennung im ChemPark:

Wirtschaftlich ja – ökologisch mitnichten

Kritisiert haben die Grünen die vom ChemPark- Betreiber Currenta angekündigte Verdoppelung des Müllverbrennungsanteils bei der Energiegewinnung. „Es geht dabei nicht um eine mögliche Konkurrenz zur Müllverbrennungsanlage der Stadtwerke Krefeld“, erläutert Ratsherr Rolf Rundmund. Diese hätten bekanntlich bereits gelassen reagiert. Das Problem ergebe sich vielmehr aus der unterschiedlichen Behandlung beider Anlagen nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz. „Danach nämlich“, so Rundmund, „muss die Müllverbrennungsanlage bedeutend strengere Grenzwerte einhalten als die im ChemPark. Im Klartext heißt dies, dass im Uerdinger Currenta Werk Müll zu „schlechteren“ Bedingungen in Bezug auf die gesundheitliche Belastung verwertetet werden kann.“

Der Chemiepark-Betreiber Currenta plant, in einem der beiden Kohlekessel bis zu 25 Prozent an aufbereitetem Gewerbemüll zu verbrennen. In der Anlage sollen jedoch jährlich höchstens 16.000 Tonnen des Ersatzbrennstoffes, dem sogenannten „Fluff“ anstelle von Steinkohle verwendet werden. Dabei handelt es sich um Reste, die nach der Wertstofftrennung übrig bleiben. Im Chemiepark aber nur sogenannte hausmüllähnlichen Abfall aus Gewerbebetrieben. Schon jetzt dürfen in dem Kraftwerk Abfälle aus der Produktion verbrannt werden. Dabei handelt es sich insbesondere um Rückstände aus den Werken in Dormagen und Brunsbüttel und aus dem Uerdinger Chemiepark selbst.

Die Currenta GmbH & Co. OHG (bis 31. Dezember 2007 Firmierung als Bayer Industry Services GmbH & Co. OHG – BIS) in Leverkusen ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Bayer AG, die 60 % der Anteile hält, und der Lanxess AG, die mit 40 % beteiligt ist. Das Unternehmen (BIS) entstand 2002 als eine der drei Dienstleistungsgesellschaften, die im Zuge der Umstrukturierung der Bayer AG von dieser ausgegründet wurden. Mit der Gründung der Lanxess im Jahr 2005 übernahm diese einen Anteil von 40 % an der damaligen BIS.
CURRENTA betreibt den CHEMPARK mit den Standorten Leverkusen, Krefeld-Uerdingen und Dormagen und bietet den dort ansässigen Kunden Infrastruktur- und Dienstleistungen an. Das Unternehmen ist in die fünf Geschäftsfelder Energie, Umwelt, Sicherheit, Chempark-Management und Services gegliedert. CURRENTA beschäftigt zirka 3.400 Mitarbeiter.

Dass unter ökonomischen Gesichtspunkten für Currenta viel dafür spreche, verstärkt auf die billige Müllverbrennung zu setzen, sei aus Sicht des Unternehmens nachvollziehbar. Die ökologischen Folgen durch einen erhöhten Schadstoffausstoß seien allerdings sehr bedenklich, so die Kritik der Grünen. Dies entspreche weder der Zielsetzung des von der Bezirksregierung aufgelegten Luftreinhalteplans noch werde so eine Entlastung der Bevölkerung im direkten Umfeld - also insbesondere in Uerdingen, Elfrath und Gartenstadt – erreicht.
„Die von Currenta großmundig propagierte Linie, mit der Erhöhung der Müllverbrennung werde die Energieerzeugung im Unternehmen umweltfreundlicher, entbehrt bei genauem Hinsehen jeder Grundlage“, merkt Rundmund abschließend an.

Müllverbrennung bei BAYER

[Yasmin] STICHWORT BAYER 01/2011

CBG Redaktion

BAYER vs. Kontrazeptiva-Opfer

YASMIN vor Gericht

Die Klagen gegen BAYERs Verhütungspillen aus der YASMIN-Produktfamilie häufen sich. In den USA liegen bereits 4.800 vor, und hierzulande beginnen im Herbst Schadensersatz-Prozesse von zwei Frauen, die durch die Mittel Lungenembolien erlitten haben. Der Leverkusener Multi lässt sich davon aber nicht abhalten, neue Versionen von YASMIN & Co. herauszubringen. Zudem drängen Nachahmer-Präparate von anderen Herstellern auf den Markt. Die Zahl der Toten und Geschädigten dürfte sich also noch erhöhen.

Von Jan Pehrke

„Die Pharma-Industrie muss sich auf schwerere Zeiten einstellen. Mutmaßliche Medikamenten-Opfer gehen vor allem in Deutschland dazu über, Konzerne wie BAYER, PFIZER oder MERCK & CO. zu verklagen. Die Folgen für die Unternehmen sind schwer kalkulierbar“, schrieb die WirtschaftsWoche im September 2010. Besondere Rechenprobleme hat der Leverkusener Multi, denn auf ihn kommen gleich drei Verfahren zu. Opfer des Schwangerschaftstests DUOGYNON, den das jetzt zum Konzern gehörende Pharma-Unternehmen SCHERING ab den 1950er Jahren vermarktete, haben eine Auskunftsklage eingereicht, um alte Firmen-Dokumente einsehen zu können. Zudem haben Felicitas Rohrer und Kathrin Weigele, die beide durch BAYER-Verhütungsmittel Lungen-Embolien erlitten hatten (SWB berichtete mehrfach), Schadensersatz-Prozesse angestrengt.

Dabei geht es den jungen Frauen nicht um Geld. „Ich will, dass BAYER ehrlich über die erhöhte Thrombose-Gefahr aufklärt“, sagt die Jura-Studentin Kathrin Weigele. Und ihr Rechtsanwalt Martin Jensch nennt mit Blick auf wissenschaftliche Untersuchungen, die YASMIN, YASMINELLE und YAZ ein im Vergleich mit älteren Pillen größeres Thromboembolie-Risiko bescheinigten, einen weiteren Beweggrund: „Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen eine gefährlichere Pille mit Lifestyle-Faktoren auf den Markt wirft, nur um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen“. Der Pharma-Riese hält dagegen weiterhin eisern zu YASMIN & Co., „weil deren positives Nutzen/Risiko-Profil fortbesteht“ und angeblich „Todesfälle bei Anwenderinnen kombinierter oraler Kontrazeptiva sehr selten“ sind. Deshalb zeigte er sich auch zuversichtlich hinsichtlich des Ausgangs der juristischen Auseinandersetzung. „BAYER ist überzeugt, gute Argumente gegen die erhobenen Ansprüche zu haben und beabsichtigt, sich zur Wehr zu setzen“, so Konzern-Sprecher Michael Diehl.

Aber offenbar nicht so überzeugt, als dass der Global Player nicht für den Falles des Falles vorgesorgt hätte. Rücklagen in Höhe von 130 Millionen Euro hat er in Sachen „Verhütungsmittel“ gebildet. Besonders vor der US-amerikanischen Justiz hat BAYER Angst. Das dortige Rechtssystem kennt nämlich das verbraucher-freundliche Instrument der Sammelklage, das schon oft zu Millionen-Strafen für die Multis geführt hat. Und bei bis dato 4.800 Klagen kann das für den Konzern ganz schön teuer werden.

Die EU berät seit 2007 über die Einführung einer solchen Möglichkeit, bisher jedoch haben Lobby-Druck von BAYER & Co. sowie Interventionen der französischen und der bundesdeutschen Regierung ein entsprechendes Paragraphen-Werk unter Verweis auf die ach so böse „US-amerikanische Klage-Industrie“ immer verhindert. Und sollte Brüssel die Regelung wirklich einmal verabschieden, so dürfte sie gegenüber ihrem US-Pendant deutlich harmloser ausfallen.

Die schwarz-gelbe Koalition zeigt sich auch sonst nicht gewillt, im Sinne der PatientInnen tätig zu werden, wie eine Anfrage der Grünen zum Fall „DUOGYNON“ ergab. Die Partei wollte wissen, ob CDU und FDP gedächten, die Stellung von Pharma-Opfern gegenüber den Pillen-Riesen in rechtlichen Auseinandersetzungen zu verbessern. Aber die Parteien sehen keinen Handlungsbedarf. „Die Bundesregierung hat die Rechte geschädigter Patientinnen und Patienten bereits in erheblichem Maße gestärkt“, antworteten Merkel & Co. und wiesen auf die Verschärfung der Auskunftspflichten von Unternehmen, die Ausdehnung des Schmerzensgeld-Anspruchs und die Anhebung der Haftungshöchstgrenzen hin. „Anlass für weitere Ausweitungen der Haftungsregelungen besteht daher nicht“, erklärte Schwarz-Gelb abschließend.

Vom bundesdeutschen Rechtssystem hat BAYER deshalb nicht allzu viel zu befürchten. Einen „erzieherischen Wert“ könnten dagegen die schlechten Geschäftszahlen für YASMIN & Co. haben. Der Umsatz mit den Pillen ist im dritten Quartal 2010 gegenüber dem Vorjahr um 24 Prozent auf 243 Millionen Euro gesunken. Das liegt jedoch nicht nur an der „schlechten Presse“, sondern auch an einer wachsenden Konkurrenz durch Nachahmer-Präparate, deren Einführung der Leverkusener Multi erfolglos durch Prozesse zu verhindern suchte. Aber der Konzern baute vor und entwickelte pünktlich zum Ablauf des Patents neue Versionen mit kleinen Abweichungen wie ein Vitamin-B-haltiges YAZ, um Marktanteile zurückzuerobern. De facto gibt es heutzutage also mehr YASMIN-Produkte denn je in den Apotheken.

Und dementsprechend mehr Opfer. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) erreichen gehäuft Zuschriften von Geschädigten. „Obwohl vielleicht meine Lungenembolie und Lungenentzündung mit Herzrhythmus-Störungen im Gegensatz zu Frau Rohrers und Frau Weigeles letztendlich noch glimpflich ablief, plagen auch mich immer noch Schmerzen und der Gedanke, dass es wieder passieren könnte. Mein geschwächtes Immunsystem und die Kraftlosigkeit verursachten, dass ich vier Monate nicht arbeiten konnte, heute nicht mehr den Arbeitsalltag und die damit verbundene Belastbarkeit als Architektin im Architekturbüro meistern kann und meinen Arbeitgeber wechseln musste“, heißt es in einer Leidensgeschichte.

Ein schlimmeres Schicksal blieb der Betroffenen nur mit viel Glück erspart, denn die ÄrztInnen haben die Symptome anfangs nicht richtig zu deuten vermocht. Als sie sich das erste Mal mit akuter Atemnot bei der Notaufnahme eines Krankenhauses meldete, schickten die Doktoren sie mit einem Bündel Schmerzmittel wieder nach Hause. Auch beim zweiten Mal reagierten sie zunächst nicht anders, obwohl die Architektin Schwierigkeiten hatte, sich überhaupt noch auf den Beinen zu halten. Die MedizinerInnen wollten bei einer so jungen Frau an keine ernsthafte Erkrankung glauben. Nur ein Mediziner: ihr Vater. Der HNO-Arzt rief im Hospital an und veranlasste eine Computer-Tomographie. „Glück für mich, und der Grund, warum ich heute noch hier sitze. Leider hat aber nicht jede Frau einen Vater, der Arzt ist und mitdenkt“, hält das YASMINELLE-Opfer fest.

Auch bei einer Studentin dauerte es lange, bis die Diagnose „Thromboembolie“ und die Ursache „YAZ“ feststand - zu lange. Sie ging mit Rücken- und Brustschmerzen zum Arzt und erhielt Schmerzmittel verschrieben. Doch die Beschwerden dauerten an. Der Mediziner empfahl, einen Orthopäden zu konsultieren und stellte ein weiteres Schmerzmittel-Rezept aus. Nach ca. zehn Tagen, als auch noch Husten und Atemnot dazu kamen, fuhr die Frau ins Krankenhaus. „Nach dem CT stand fest, dass ich eine beidseitige Lungenembolie habe und eine Thrombose in der gesamten linken Beckenvene. Die Ärzte waren total geschockt und konnten sich nicht erklären, wie das bei einer Frau in meinem Alter (30 Jahre) in diesem Ausmaß passieren kann“, berichtet die Studentin. Fieberhaft fahndeten die Mediziner nach einem möglichen Auslöser, und nach zahllosen ergebnislosen Untersuchungen blieb schließlich nur noch die Pille als Möglichkeit übrig.

Eine mangelhafte Aufklärung durch die ÄrztInnen beklagt die junge Frau ebenso wie viele andere Lungenembolie-Patientinnen. Die MedizinerInnen haben bei YASMIN & Co. nur die niedrige Wirkstoff-Konzentration im Blick und wähnen sich auf der sicheren Seite. Die Studentin war es, die nach negativen Erfahrung mit Kontrazeptiva zunächst kein Verhütungsmittel zur Behandlungen ihres Hautausschlags und der Folgen des prämenstruellen Syndroms einnehmen wollte, aber der Arzt beruhigte sie: „Der Gynäkologe erzählte mir dann, dass es bei den heutigen Pillen kaum noch Unverträglichkeiten gebe und empfahl mir ein niedrig dosiertes Produkt für junge Frauen: die Pille YAZ“. Von den Risiken und Nebenwirkungen dieser Kontrazeptiva wissen Doktoren oft nichts. Auch nichts von der Faktor-V-Leiden-Mutation, einem Gen-Defekt, der zu Blutgerinnungsstörungen führt und so die Thrombose-Gefahr erhöht. Bei zwei der Frauen, welche die CBG kontaktiert hatten, diagnostizierten die Doktoren während ihres Klinik-Aufenthaltes diesen Defekt - insgesamt tritt er bei fünf Prozent der Bevölkerung auf. „Deshalb verstehe ich nicht, warum die Faktor-V-Leiden-Mutation durch eine Untersuchung nicht zuerst ausgeschlossen wird, bevor eine Verhütungspille vom Arzt verordnet wird“, fragt sich eine von ihnen. Manche MedizinerInnen können nicht einmal ihre eigenen Kinder schützen. So hat sich sogar eine Ärztin bei der CBG gemeldet, deren beide Töchter nach der Einnahme der BAYER-Pillen Thrombosen bekamen.

Zu allem Übel wächst die Verdunklungsgefahr auch noch durch das perfide zielgruppen-gerechte Marketing. Ehe sich die 30-jährige Studentin versah, hatte der Gynäkologe ihr in der Praxis schon ein Gratispaket YAZ überreicht, „nett verpackt mit Beauty Etui, Schminkspiegel, Werbebroschüre“. Der Leverkusener Multi hält zudem kleine Herzen zum Herunterladen aufs Handy bereit und schmückt den Beipackzettel mit Blümchen. „Dass diese kleinen süßen Pillen nicht Zuckerdrops, sondern Medizin mit starken Nebenwirkungen sind, die auch zum Tod führen können“, geht darüber verloren, kritisiert eine Leidensgenossin diese Praxis gegenüber der Coordination.

Darüber hinaus preist BAYER YASMIN, YAZ, YASMINELLE und PETIBELLE als Lifestyle-Präparate mit „Beauty-Effekt“, „Feel-good-Faktor“ und „Figur-Bonus“ an. Eine Praxis, die Ulrich Hagemann, als Pharmazeut beim „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM) für die Arzneimittelsicherheit zuständig, verurteilt. „Wir sehen das kritisch. Die Firmen werben mit den Nebeneffekten, und teilweise ist das grenzwertig falsch“, sagte er in einem Tagesspiegel-Interview. Einschreiten will er jedoch nicht: „Um irreführende Arzneimittel-Werbung müssten sich die Landesgesundheitsbehörden kümmern“.

Veranlasst hat das BfArM dagegen eine Änderung des Beipackzettels. Darauf muss BAYER nun auf die Nebenwirkung „venöse Thromboembolie“ (VTE) hinweisen. Der Leverkusener Multi tut dies aber sehr verklausuliert und ohne das besondere Risiko hervorzuheben, das nach zahlreichen Untersuchungen von dem YASMIN-Wirkstoff Drospirenon ausgeht. Stattdessen verweist der Multi auf eine von ihm selbst in Auftrag gegebene und von dem Institut eines ehemaligen Beschäftigten durchgeführte Studie. Das ZEG Berlin machte für YASMIN kein höheres Gefährdungspotenzial aus und stellte kurz danach auch dem Dienogest-haltigen VALETTE einen Persilschein aus. Das industrie-unabhängige arznei-telegramm traut diesen Befunden jedoch nicht. „Untersuchungen dieses Zentrums ergeben regelmäßig für die Hersteller oraler Kontrazeptiva günstige Ergebnisse“, urteilte die Fach-Publikation. Und für andere Produkte aus der Arznei-Familie liegen laut Konzern noch keine Daten vor: „Das VTE-Risiko für YAZ ist derzeit unbekannt“.

Mit einem Beipackzettel, der immer noch nicht Klartext spricht, als einzigster Konsequenz aus einem Pharma-Skandal mit bislang 190 Toten allein in den USA und zahllosen Versehrten wollen sich die Betroffenen jedoch nicht zufrieden geben. Sie planen, eine Selbsthilfegruppe Drospirenon-Geschädigter zu gründen und eine kritische Website aufzubauen. Zusätzliche Aufmerksamkeit dürfte ihre Aufklärungskampagne durch den Beginn der zwei Schadensersatz-Prozesse erhalten. Die Wirtschaftswoche sieht, zumal darüber hinaus noch die DUOGYNON-Auskunftsklage bevorsteht, schon schwere Zeiten auf BAYER zukommen. „Für die Leverkusener (...) wird es in den kommenden Monaten schwer werden, aus den Schlagzeilen zu kommen“, prophezeit das Blatt.

MIC

CBG Redaktion

Presse Information vom 18. März 2011
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Bhopal-Gas: BAYER beendet endgültig Produktion von MIC

Klage von Anwohnern erfolgreich / tödlicher Störfall 2008 / „Mitarbeiter müssen Ersatz-Arbeitsplätze erhalten!“

Der BAYER-Konzern hat soeben angekündigt, die Produktion der Chemikalie Methyl Isocyanat (MIC) in seinem US-Werk in Institute endgültig zu beenden. Eine Klage von Anwohnern, die ein Wieder-Anfahren der Anlage aus Sicherheitsgründen ablehnen, führte damit zum Erfolg. MIC erlangte traurige Berühmtheit durch die Katastrophe von Bhopal, der mindestens 10.000 Menschen zum Opfer fielen. Das Werk in Institute, das 2001 von BAYER übernommen wurde, war die letzte Fabrik in den USA, in der MIC in großen Mengen produziert und gelagert wurde.

Maya Nye, Sprecherin der Initiative „People Concerned about MIC“ und eine der Klägerinnen: „Ich bin glücklich über die Entscheidung, wir alle sind dadurch sicherer“. Die Bürgerinitiative kämpfte seit 25 Jahren für eine Beendigung der MIC-Produktion in der Fabrik. BAYER hatte bereits im Januar einen Produktions-Stopp angekündigt, allerdings erst für Mitte 2012.

Auch die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) forderte seit der Übernahme der Fabrik durch BAYER eine Beendigung der Produktion von MIC und Phosgen. Wiederholt sprachen Vertreter der CBG in der BAYER-Hauptversammlung zum Thema. Der BAYER-Vorstand hatte die Forderungen stets als „unbegründet“ zurückgewiesen. Philipp Mimkes vom Vorstand der CBG: „Wir gratulieren den Anwohnern zu diesem wichtigen Erfolg! BAYER muss nun sicherstellen, dass die Mitarbeiter angemessene Ersatz-Arbeitsplätze erhalten. Zudem fordern wir grundsätzlich, dass die chemische Industrie auf den großtechnischen Einsatz tödlicher Chemikalien wie MIC und Phosgen verzichtet.“

Zuletzt war es in der Anlage im August 2008 zu einer schweren Explosion gekommen, deren Erschütterungen in einem Umkreis von mehr als 15 Kilometer zu spüren waren. Zwei Arbeiter verloren das Leben. Der US-Kongress kam in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Explosion das „Desaster von Bhopal in den Schatten hätte stellen können“.

Die US-Aufsichtsbehörde Chemical Safety Board (CSB) veröffentlichte im Januar einen Untersuchungsbericht, wonach gravierende Sicherheitsmängel zu der Explosion geführt hatten. Laut CSB waren beim Hochfahren einer Produktionsanlage die Sicherheits-Systeme vorsätzlich außer Kraft gesetzt worden. Nur glückliche Umstände hätten die Beschädigung eines benachbarten MIC-Tanks verhindert. Dr. Rafael Moure-Eraso, Vorsitzender der CSB: „Ein Austritt signifikanter Mengen MIC hätte tödliche Folgen haben können. Diese Sorge wurde von Anwohnern legitimerweise seit Jahrzehnten geäußert.“ Den Tod der Arbeiter bezeichnete Dr. Moure-Eraso als „umso tragischer, da er hätte vermieden werden können“.

Vertreter von BAYER hatten unter Eid zugegeben, dass die Firma Anti-Terrorgesetze dazu missbrauchen wollte, die öffentliche Diskussion über die Sicherheitslage in Institute abzuwürgen. Gleichzeitig versuchte der Konzern, Bürgerinitiativen und kritische Journalisten in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Der US-Kongress urteilte: „BAYER hat den Sicherheitskräften entscheidende Informationen vorenthalten, hat den Ermittlern der Bundesbehörden nur eingeschränkten Zugang zu Informationen gewährt, hat die Arbeit von Medien und Bürgerinitiativen unterminiert und hat die Öffentlichkeit unrichtig und irreführend informiert.“

weitere Informationen:
·BAYER to finally quit production of Bhopal chemical
·alle Infos zur MIC-Kampagne

Phosgen

CBG Redaktion

Presse Info vom 14. März 2011
Coordination gegen BAYER-Gefahen

Bayer erhöht Phosgen-Produktion in Brunsbüttel

Giftgas im 1. Weltkrieg / „phosgenfreie Verfahren zur Serienreife bringen“

Die Firma BAYER MaterialScience hat heute bekannt gegeben, die Kunststoff-Produktion im Werk Brunsbüttel mehr als zu verdoppeln. Statt 200.000 Tonnen des Weichschaums TDI sollen 420.000 Tonnen des Hartschaums MDI produziert werden. Hierfür soll eine bestehende Anlage umgerüstet und wesentlich erweitert werden. Mit einer Inbetriebnahme sei 2015/16 zu rechnen.

MDI und TDI sind Vorprodukte bei der Herstellung von Polyurethanen. Mit der geplanten Erweiterung würde sich auch die Menge des tödlichen Gases Phosgen, das in der Polyurethan-Herstellung als Vorprodukt verwendet wird, jährlich um Zehntausende Tonnen erhöhen. Phosgen, das im 1. Weltkrieg von BAYER als Kampfgas produziert wurde, ist für den Menschen schon in geringsten Dosen tödlich. Die Phosgen-Chemie gilt als die gefährlichste Technologie in Deutschland nach der Atomkraft. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fordert seit Jahren phosgenfreie Verfahren in der Produktion von Kunststoffen. Entsprechende Verfahren existieren bislang nur im Labormaßstab.

BAYER hat vor wenigen Wochen angekündigt, in Dormagen ein Polyurethan-Forschungslabor zu bauen. Philipp Mimkes vom Vorstand der CBG: „Wir fordern den Konzern auf, alle Anstrengungen darauf zu konzentrieren, eine phosgenfreie Produktion von Polyurethan und Polycarbonat zur Serienreife zu bringen. Vorher sollten keine neuen Anlagen genehmigt werden, denn bei einer Lebensdauer von 30-35 Jahren würde diese gefährliche Produktionsweise sonst für Jahrzehnte festgeschrieben!“.

Dass die Risiken für Anwohner und Belegschaft nicht nur theoretischer Natur sind, zeigt der schwere Störfall im BAYER-Werk Institute (USA) vor zwei Jahren. Die Explosion war in einem Umkreis von 10 Meilen zu spüren. Ein Untersuchungs-Ausschuss des US-Kongresses kam zu dem Ergebnis, dass nur glückliche Umstände eine Katastrophe wie in Bhopal verhindert hätten. Auch im Werk Institute wird Phosgen in großen Mengen produziert.

In Deutschland stellt Bayer in Brunsbüttel, Dormagen und Krefeld-Uerdingen Kunststoffe auf Phosgen-Basis her. In der Produktion von Polyurethanen kam es bei Bayer wiederholt zu schweren Störfällen.

alle Informationen zur Kampagne

[BAYER HV 2011] Hauptversammlung 2011

CBG Redaktion

Protestaktion zur BAYER-Hauptversammlung am 29. April: Ein Video von der Kundgebung, Bilder von den Protesten der Imker, zwei Aktionsberichte, eine ausführliche Bilddokumentation sowie weitere Fotos

Medienecho

=> Kölner Stadt-Anzeiger: Heftige Proteste und hitzige Reden
=> ausführlicher Artikel zum Verlauf der Hauptversammlung
=> Wirtschaftswoche: Aktionäre streiten um Bayer
=> Rheinische Post: Peta und Imker demonstrieren gegen Bayer
=> erster Aktionsbericht
=> Artikel im Handelsblatt
=> Gegenwind für Marijn Dekkers
=> Kampf um die Wahrheit
=> BAYER: Gene, Gifte & Geschäfte

Presse Infos
=> Bienensterben: avaaz Übergibt 1,2 Mio Unterschriften
=> Protest von PETA gegen Tierversuche für BAYER-Produkte
=> Gefährliche Antibaby-Pillen: Betroffene protestieren in HV
=> BAYER zahlt erneut weniger Steuern
=> Imker kündigen Proteste zur BAYER-Hauptversammlung an
=> Kundgebung gegen Kohlenmonoxid-Pipeline

Gegenanträge
=> CBG reicht Gegenanträge zur Bayer Hauptversammlung ein
=> Gegenantrag zu Phosgen-Chemie und sinkenden Steuerzahlungen
=> Gefährliche Kontrazeptiva: Gegenantrag zur BAYER-HV
=> Gegenantrag zu Bienensterben durch BAYER-Pestizide
=> Grausame Tierversuche: Gegenanträge der People for the Ethical Treatment of Animals (Peta)
=> Duogynon-Opfer reichen Gegenantrag ein

[Steuern] Steuer-Abschreibungen

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse Information vom 2. März 2011

Abschreibungen durch Wegfall der Marke „Schering“:

BAYER zahlt erneut weniger Steuern

Die BAYER AG rechnet sich vor dem Fiskus arm und kann dadurch erneut die Höhe der gezahlten Ertragssteuern reduzieren. Die Zeche wird von der arbeitenden Bevölkerung beglichen, deren Abgaben- und Steuerlast weiter steigt. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert eine angemessene Beteiligung großer Konzerne an der Finanzierung des Gemeinwesens.

Der Leverkusener BAYER-Konzern hat am Montag die Bilanz für das vergangene Geschäftsjahr vorgelegt. Darin ist unter anderem ein Verlust in Höhe von 405 Millionen Euro wegen des Wegfalls der Marke „Schering“ ausgewiesen. BAYER-Chef Marijn Dekkers hatte Anfang Februar angekündigt, weltweit nur noch unter dem Markennamen „BAYER“ aufzutreten und den Namen der 2006 übernommenen Schering AG aufzugeben.

Die Presse kommentiert dementsprechend: „Schering verdirbt Bayer die Bilanz“ (Berliner Morgenpost) und „Aus für Name Schering belastet Bayer-Bilanz“ (Die Welt). Tatsächlich handelt es sich bei dem Vorgang aber um eine Abschreibung - der angenommene Wert der Marke wird aus der Bilanz genommen -, nicht jedoch um reale Zahlungen.

Trotz ihres virtuellen Charakters führt die Abschreibung dazu, dass der Konzern für 2010 einen niedrigeren Profit ausweisen kann und daher weniger Steuern zahlt - obwohl Umsatz und Gewinn deutlich stiegen. Die von BAYER gezahlten Abgaben befinden sich bereits seit Jahren auf Talfahrt: Lagen die Ertragssteuern zwischen 1997 und 2000 noch bei rund einer Milliarde Euro, so fielen sie 2009 auf 511 Millionen Euro und nun auf 411 Millionen Euro.

Jan Pehrke vom Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren kritisiert: „Die Konzerne entziehen sich immer weiter ihrer Verantwortung für die Allgemeinheit - zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung, die über steigende Steuern und Abgaben die Zeche zahlen muss. Es ist nicht hinzunehmen, dass BAYER und Co. immer weniger zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen.“ Pehrke bezeichnet die von den Konzernen vorgelegten Bilanzen als „Verschiebe-Bahnhöfe ohne wirkliche Aussagekraft“ und kritisiert zudem die von BAYER angekündigten Entlassungen.

Der von BAYER tatsächlich erzielte Gewinn lag im vergangenen Jahr bei über sieben Milliarden Euro, ein Plus von fast zehn Prozent. Der Umsatz stieg gar um zwölf Prozent. Der Konzern protzt dementsprechend mit einer Gewinnquote (Gewinn auf den Umsatz) von satten 20,2 Prozent. Für die Aktionäre steht daher mehr Geld zu Verfügung: Die Dividenden liegen bei 1,16 Milliarden Euro (Vorjahr: 973 Mio €), pro Aktie 1,50 €, sieben Prozent mehr als im Vorjahr (1,40 €).

Mit Hilfe der sogenannten Sondereinflüsse, also allen nur irgend möglichen Positionen, mit denen sich der erwirtschaftete Gewinn runterrechnen lässt, sollen die Steuern maximal reduziert werden. Insgesamt machte BAYER solche Sonderabschreibungen von 1,7 Mrd. Euro geltend, „die im Wesentlichen aus außerplanmäßigen Abwertungen und Rechtsfällen resultieren“ (Zitat Bayer Geschäftsbericht). Neben der Tilgung des Markennamens Schering müssen auch Prozesskosten für die Abwehr von Entschädigungen von Medikamenten-Opfern für Steuersenkungen herhalten. Dies liegt auf bewährter Linie: Bereits die rot-grüne Unternehmenssteuer-Reform von 2001 hatte wesentlich zum Einbruch der Konzern-Abgaben geführt. BAYER zahlte damals jahrelang keine Gewerbe- und Körperschaftssteuer. Das Gesetz war vom damaligen Staatssekretär im Finanzministerium, Heribert Zitzelsberger, ausgearbeitet worden. Zitzelsberger hatte zuvor die Abteilung für Steuerfragen bei BAYER geleitet.

Informationen zum Thema
· Artikel „Kein Gewinn im Sinne des Steuerrechts“
· Kritische Aktionäre protestieren gegen Steuergeschenke an Konzerne

[Thailand] STICHWORT BAYER 01/2011

CBG Redaktion

Baustopp gestoppt

Mehr Bisphenol aus Map Ta Phut

Im thailändischen Map Ta Phut liegt eine der größten Industriezonen der Welt. Sie sollte noch größer werden, aber den AnwohnerInnen reichten schon die bisherigen Umweltbelastungen. Sie klagten, und im letzten Jahr gab ein Gericht ihnen Recht. Es stoppte 76 Bauvorhaben, darunter zwei von BAYER. Jetzt aber steht alles wieder auf Anfang: Eine höhere Instanz hob das Urteil auf - lediglich zwei Unternehmungen fanden nicht die Gnade der Richter.

„Umweltschutz bekommt auch in Schwellenländern ein deutlich höheres Gewicht“, schrieb die Junge Welt anlässlich der Entscheidung eines thailändischen Gerichts im September 2009, 76 Bauvorhaben in der Industriezone Map Ta Phut wegen der damit verbundenen Gefahren für Mensch, Tier und Umwelt vorerst zu stoppen. Als „Symbol eines Wandels“ fasste der Autor den Richter-Spruch auf und prophezeite einem Viertel der Projekte das endgültige Aus.

Diese optimistische Vorhersage traf nicht ein. Ein Jahr später hob eine höhere Instanz das Urteil auf und gab für 74 der 76 geplanten Anlagen grünes Licht. Kurz vorher hatte die thailändische Regierung eine Schwarze Liste mit elf Unternehmungen veröffentlicht, bei denen Nachbesserungsbedarf im Bereich „Umweltverträglichkeit“ besteht. Die vom Leverkusener Multi avisierten Erweiterungen - eine Erhöhung der Kapazität der Bisphenol-A-Produktion um 55.000 Tonnen auf jährlich 280.000 und eine Erhöhung der Polycarbonat-Produktion um 25.000 Tonnen auf 275.000 - fanden sich darauf nicht. Der Leverkusener Multi reagierte erleichtert. Aber so ganz ungetrübt war die Freude von BAYERs Thailand-Chef Dominikus von Pescatore nicht: „Über die Auflagen herrscht jetzt Klarheit, aber anhaltende Sorge bereitet uns die Akzeptanz bei den Gemeinden“.

Berechtigterweise, denn schon bald zogen 500 DemonstrantInnen durch die Provinzhauptstadt Rayong, die 29 der 33 an das Industriegebiet angrenzenden Gemeinden repräsentierten. Der Protestzug nahm Kurs auf das Gesundheitsamt, wo er eine Veröffentlichung der Map-Ta-Phut-Krankenakten verlangte. Zudem forderten die TeilnehmerInnen, weitere sieben Projekte auf die Schwarze Liste zu setzen. Das hatte eine Kommission unter Leitung des ehemaligen Premierministers Anand Panyarachun vorgeschlagen, während der Wissenschaftler Renu Vejaratpimol von der Bangkoker Silpakorn-Universität sogar 35 Projekten besondere Gefährlichkeit bescheinigte.

Unterstützung erhielten das EASTERN PEOPLE‚S NETWORK und andere Gruppen von GREENPEACE. Auf ihrer „Zeit zur Umkehr“-Tour durch südostasiatische Gewässer machte die „Rainbow Warrior“ auch vor Map Ta Phut fest. Die Mannschaft blockierte am Protesttag den Eingang zum Verwaltungsgebäude der Industriezone und installierte vor den Toren eine Uhr, auf der ein Countdown abläuft, um die Dringlichkeit von Maßnahmen vor Augen zu führen. Mit der Ankündigung von Premierminister Abhisit Vejjajiva, eine größere Pufferzone zwischen dem Industrie-Areal und den angrenzenden Gemeinden einzurichten und seine Ausdehnung zu limitieren, ist es nach Meinung des Umweltverbandes nicht getan. „Der Premier kann den Ruf der Thailänder nicht überhören, die von allen ökologisch bedenklichen Industrien verlangen, sich nach Umwelt- und Gesundheitsstandards auszurichten“, so Von Hernandez von GREENPEACE-Südostasien.

Entwicklung um jeden Preis
Weggehört haben Vejjajiva und seine Vorgänger eine ganze Weile. „Entwicklung um jeden Preis“ - diese Devise hat die PolitikerInnen in Sachen „Map Ta Phut“ geleitet. Hatte Thailand seine Politik lange nach dem Modell der Import-Substitution ausgerichtet und die heimische Wirtschaft durch hohe Zölle geschützt, so änderte sich das in den achtziger Jahren. Der Staat schwenkte wie seine Nachbarn auf eine export-orientierte Produktion um und strebte einen Anschluss an den Weltmarkt im Schnelldurchlauf an. Und als Tempomacher hatte die Regierung in ihrem nationalen Entwicklungsplan Map Ta Phut auserkoren.

Mit einem Gasfeld vor der Haustür und guten Verkehrsanbindungen an der Ostküste gelegen, entstand auf einem Areal von 672 Hektar bald eine der größten Industriezonen der Welt, die weiter und weiter wuchs. Heutzutage hat sich die Fläche gegenüber den Anfangszeiten fast verdoppelt. 45 Petrochemie-Anlagen, 12 Chemie-Werke, zwei Öl-Raffinerien, acht Kohlekraftwerke, eine Müllverbrennungsanlage und eine Deponie haben dort mittlerweile Platz gefunden; nicht weniger als 200 Schornstein blasen Schadstoffe in die Luft. BAYER ist mit einer Bisphenol- und einer Makrolon-Anlage vertreten, inzwischen den Besitzer gewechselt haben Werke zur Produktion von metallischen und keramischen Pulvern sowie des Kunststoffes Acrylnitril-Butadien-Styrol.

Umweltschutz hat den Leverkusener Multi bei der Errichtung der Fertigungsstätten als letztes interessiert. Beim Bau der Makrolon-Fabrik etwa setzte er ganz andere Prioritäten. „Doch vor dem ersten Spatenstich haben die Planer und Finanzfachleute das Sagen. Eine detaillierte, weit in die Zukunft gerichtete Cashflow-Rechnung soll den ‚Wert‘ der Investition für das Unternehmen sicherstellen, soll auf Basis der Rohstoff-, Fertigungs- und Vertriebskosten sowie anderer Einflussfaktoren die zukünftigen Erlöse in Relation zu den Investitionsausgaben bringen“, heißt es in der Konzern-Publikation Zukunft gestalten.

Der in Map Ta Phut entfesselte Raubtier-Kapitalismus von BAYER & Co. hat Thailand den zweifelhaften Ruf eines Pantherstaates eingebracht, der sich gemeinsam mit Indonesien, Malaysia und den Philippinen auf die Fährte der Tigerstaaten Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur begeben hat. Und der Beute-Hunger der Unternehmen ist ungebrochen, aber 76 neue Freßstellen wollten ihnen die AnwohnerInnen dann doch nicht einräumen, sich mit der staatlichen Umweltbehörde einig wissend, die bereits 1999 die Grenzen des Wachstums erreicht gesehen und vor weiteren Schadstoff-Emittenten gewarnt hatte.

Doppelte Standards
Die ca. 36.000 Anwohner der Industriezone und die über 100.000 WanderarbeiterInnen in der Region haben unter den alten Dreckschleudern nämlich schon genug zu leiden. Einen Mix von 40 Schadstoffen machten Wissenschaftler im Himmel über Map Ta Phut aus, darunter auch die besonders gefährlichen leicht flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs) Benzol, Toluol, Styrol und Xylen. Nach einer GREENPEACE-Untersuchung von 2005 überschreiten die Konzentrationen die in westlichen Ländern geltenden Standards um das 60- bis 3.000fache. „Das ist ein Beweis für doppelte Standards“, kommentierte Denny Larson vom GLOBAL COMMUNITY MONITOR die Zahlen. Im Wasser fanden ForscherInnen neben Chemikalien vor allem Schwermetalle in bedenklichen Größenordnungen. Cadmium überschritt die Zumutbarkeitsgrenze um das 6fache, Zink um das 10fache, Mangan um das 34fache, Blei um das 47fache und Eisen um das 151fache. Vielerorts existiert deshalb keine öffentliche Trinkwasser-Versorgung mehr - die AnwohnerInnen müssen ihren Bedarf im Supermarkt decken.

BAYERs Zahlen
Der Leverkusener Multi hat seinen Anteil an dieser Gemengelage, wenn auch seine Produktionen längst nicht zu den schlimmsten zählen. Auskunft darüber geben die Nachhaltigkeitsberichte der thailändischen BAYER-Zentrale, die eigentlich fast Map-Ta-Phut-Berichte sind, denn sonst unterhält der Konzern in dem Land nur noch eine Herbizid-Fertigungsstätte am Standort Bangpoo.

Geschmückt mit einem Geleitwort des damaligen Industrieministers Chaiwuti Bannawat breitet der Global Player sein neuestes Zahlenwerk aus. Diese Amtshilfe kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es einige Lücken aufweist. So fehlen beispielsweise sämtliche Angaben zu Schwermetallen. Über seine nicht mehr dem neuesten Stand der Technik entsprechende Polycarbonat-Herstellung - der Multi greift immer noch auf das ultragiftige Phosgen zurück, obwohl es bereits Alternativen gibt - hüllt das Unternehmen auch den Mantel des Schweigens. Und über die Risiken und Nebenwirkungen des Produktes Bisphenol vor allem für VerbraucherInnen informiert der Global Player ebenfalls nicht.

Aber trotzdem kommt noch so einiges zusammen. Fast 163.000 Tonnen klima-schädigendes Kohlendioxid bläst BAYER von Thailand aus in die Atmosphäre, 880 Kilogramm Kohlenmonoxid, 330 Kilogramm Schwefeldioxid und 1,68 Tonnen Stickoxide. Bis 2006 lagen diese Werte und vor allem diejenigen für flüchtige organische Verbindungen (VOCs) noch bedeutend höher, denn erst seit vier Jahren nutzt der Konzern Gas statt des besonders umweltschädigenden Öls als primären Energieträger. In den Jahren 1997/98 stank es bei BAYER sogar so sehr zum Himmel, dass die Behörden einen Produktionsstopp verhängen mussten.

Während das Unternehmen den Gewässern 2009 4,6 Millionen Kubikmeter sauberes Wasser entnahm, belastete es diese im Gegenzug mit einer großen Giftfracht. Der Pharma-Riese leitete 82.731 Tonnen anorganische Salze, 19 Tonnen organische Kohlenstoffe und 3,76 Tonnen Stickstoff in die Flüsse ein. Nur die Phosphor-Werte konnte es gegenüber 2007 durch eine Umstellung der Polycarbonat-Produktion stark senken: von 110 Tonnen auf 780 Kilogramm. Und was für den Multi nicht auf dem Luft- oder Wasserwege zu entsorgen war, sparte er für die Deponien oder Rückstandsverbrennungsanlagen auf. Ein Berg von 990 Tonnen Giftmüll und 2.600 Tonnen sonstigem Abfall sammelte sich in Map Ta Phut und Bangpoo an.

Enorme Krankheitsraten
Das alles bleibt für die AnwohnerInnen nicht ohne Folgen. Wer die Chemie-Gerüche seit 17 Jahren als Teil des Alltags begreifen muss wie die 31-jährige Mod, die der Journalistin von The Nation ihren wahren Namen lieber verschweigt, dessen Körper kapituliert irgendwann. Mod hat Leukämie und ist bei weitem nicht die einzige in Map Ta Phut. „Im letzten Jahr starb einer meiner früheren Klassenkameraden an der Krankheit“, erzählt sie unter Tränen in dem Interview. Auf 100.000 Personen kommen in der Industriezone nach Zahlen des „Nationalen Krebs-Instituts“ sechs Leukämie-Fälle, im Landesdurchschnitt beträgt die Rate bei 3,55. Für Krebs lauten die Werte 182,45 zu 122,6. Schon 1998 war eine Studie der „International Agency on Cancer“ (IARC) zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen gekommen. Deshalb ließ die damalige thailändische Regierung die Untersuchung rasch im Giftschrank verschwinden, wo sie bis zum Jahr 2007 blieb. Auch die Rate der Babys mit Geburtsfehlern ist auf einem Besorgnis erregenden Stand. Sie steigerte sich von 48,2 pro 100.000 im Jahr 1997 auf 163,8 im Jahr 2001 - eine Erhöhung um 300 Prozent! Atemwegs- und Hautkrankheiten treten ebenfalls gehäuft auf.

Am schlimmsten hatten Ende der 90er Jahre die SchülerInnen der Phan-Pittayakarn-Schule zu leiden. Eigentlich trennte sie eine Pufferzone von den Industrie-Ansiedlungen, aber im Zuge von Produktionserweiterungen hatte diese eine Öl-Raffinerie in Beschlag genommen. Direkt an den Zaun der Bildungseinrichtung grenzend, setzte sie die Klassen direkt den Emissionen von organischen Verbindungen und anderen Stoffen aus. Die Folge: 1997 und 1998 mussten rund 1.000 SchülerInnen und LehrerInnen wegen Vergiftungserscheinungen wie Atem-Problemen, Kopfschmerzen und Übelkeit ins Krankenhaus. Die staatlichen Stellen leugneten jedoch einen Zusammenhang. Die Werte für die Chemikalien hätten die Toleranz-Grenzen nicht überschritten, verlautete aus dem Umweltschutzamt. Darum verlegte der Bildungsminister die Schule auch erst ein paar Jahre später aus der unmittelbaren Gefahrenzone.

Die Umweltschäden haben ebenfalls ein großes Ausmaß angenommen. Die Giftstoffe gehen als saurer Regen nieder und zerstören die Ernten der LandwirtInnen in der Umgebung. Die Schadstoff-Einleitungen in die Gewässer lassen die Fische sterben und nehmen den FischerInnen die Lebensgrundlage. Und der Landhunger der Unternehmen hat einen Sandstrand-Streifen von 10 Kilometer Länge gefressen, weshalb die Küste jetzt erodiert und das Meer immer dichter an Map Ta Phut heranrückt.

AnwohnerInnen wehren sich
Gegen all das wehren sich die AnwohnerInnen und Umweltinitiativen schon lange. In den Jahren 2000 und 2003 gingen sie gegen die massiven Geruchsbelästigungen durch die Industrie-Anlagen vor. Während der großen Trockenheit 2005 führte der große Durst von BAYER & Co. (s. o.) zu einer Auseinandersetzung um die Nutzung der Wasservorräte. Die Politik tat lange Zeit nichts, nicht zuletzt weil viele Amtsträger Verbindungen zu den Konzernen in Map Ta Phut hatten. Erst 2007 geschah etwas. Die Regierung setzte eine Kommission ein und verabschiedete einen Maßnahmen-Plan. Auf die Realisierung wollten die Map Ta PhuterInnen allerdings nicht warten. Sie forderten strengere Umweltauflagen für die Industriezonen ein und strengten deshalb 2008 sogar einen Prozess an. Im März 2009 erhielten sie Recht; die RichterInnnen ordneten an, Map Ta Phut binnen 60 Tagen zur „Pollution Control Area“ zu erklären. Auch gegen die Erweiterungspläne von BAYER & Co. leiteten die Betroffenen juristischen Schritte ein, sich dabei auf den Artikel 67 der 2007 unter der Militärregierung neu entstandenen Verfassung berufend, der für neue Projekte Umweltverträglichkeitsprüfungen vorschreibt. Die Politik hatte das zwar noch nicht in Gesetzesform gegossen, aber BAYER & Co. könnten diese Übergangszeit nicht dazu nutzen, ihre Projekte durchzubringen, urteilte ein Gericht im September 2009. Im Sinne eines vorsorglichen Gesundheitsschutzes stoppte es die Bauvorhaben - bis es ein Jahr später selbst gestoppt wurde.

Ungebrochenes Engagement
BAYERs Thailand-Boss Dominikus von Pescatore begrüßte die Aufhebung des Moratoriums auf einer Pressekonferenz und hatte auch gleich den betriebswirtschaftlichen Nutzen durchgerechnet. „Wenn die Projekte ans Netz gehen, kann BAYER Effizienz und Umsatz im nächsten Jahr um zehn Prozent steigern“, frohlockte er.
Dem thailändischen Industrieminister Chaiwuti Bannawat, der im Sommer erst die Konzern-Zentrale in Leverkusen besuchte hatte, stellte er in einem Gespräch sogar noch drei weitere Fabrik-Investitionen in Aussicht - allerdings unter Vorbehalt. China käme als Standort auch in Frage, erklärte der Hochwohlgeborene, um sich Wohlverhalten auszubedingen. Wie von Pescatore sich dieses in puncto „Umweltschutz“ so vorstellt, hatte er der Bangkok Post bereits im Mai 2010 verraten. Die neuen Regulierungen sollten klar formuliert und nicht zu bürokratisch sein, forderte er und drohte unverblümt: „Momentan räumt BAYER Thailand für Investitionen in der Region Priorität ein, aber wenn es weiter politische Unsicherheiten und nicht einschätzbare Regulierungen bei Investitionen gibt, wird das Land diesen Status verlieren“.

Nachdem der Global Player grünes Licht für seine Bisphenol- und Polycarbonat-Fertigungen erhalten hatte, schlug er jedoch aus gegebenem Anlass erstmal grünere Töne an. Der Chef von BAYER MATERIAL SCIENCE, Patrick Thomas, zeigte sich in einem Statement zuversichtlich, dass die Umweltprobleme in Map Ta Phut gelöst werden könnten.

Diese Zuversicht fehlt den AnwohnerInnen. Bereits als noch Aussicht darauf bestand, gemäß dem Vorschlag der Panyarachun-Kommission wenigstens 18 Projekte aufzuhalten, dämpfte der frühere Premier bei einem Lokaltermin die Hoffnung der AnwohnerInnen auf gesündere Lebensbedingungen. Es sei noch ein langer Weg bis dahin, und die Kommunen müssten sich einstweilen selbst helfen, sagte er. Das trieb vielen Map Ta PhuterInnen die Tränen in die Augen, wie Penchom Saetang von ECOLOGICAL ALERT AND RECOVERY THAILAND (EARTH) Stichwort BAYER berichtete. Aber selbst nach dem niederschmetternden Urteil haben sie und ihre Gruppe, die anderen Initiativen und die AnwohnerInnen noch nicht aufgegeben. Sie haben bei der Regierung offiziell Beschwerde gegen die allzu kurze Schwarze Liste eingelegt und erörtern die Möglichkeit einer Klage gegen den Baustopp-Stopp. Die AktivistInnen wissen nämlich, welche Bedeutung das weitere Schicksal Map Ta Phuts für die Zukunft des Landes hat und lassen keinen Zweifel an der Richtung, in die sich der Staat ihrer Meinung nach zu bewegen hätte: „Thailand muss beginnen, seine Industrie-Politik komplett zu überdenken, sich seiner wirtschaftlichen Probleme stellen und Arbeitsplätze schaffen, ohne die Gesundheit der Menschen und die Umwelt zu zerstören“. von Jan Pehrke