Anatomie eines Pharma-Skandals
Das Buch „Fehlbildungen durch Schwangerschaftstest – DUOGYNON®-Skandal endlich aufgedeckt“ von Margret-Rose Pyka, G. F. Gerdes und Dr. Reinhard Seeber beschreibt die katastrophalen Wirkungen des Hormonpräparats aus der Sicht von Betroffenen und WissenschaftlerInnen. Darüber hinaus widmet es sich dem langen Kampf der Geschädigten und ihrer Angehörigen gegen die Pharma-Industrie und ihre StatthalterInnen in der Politik.
Von Sibylle Arians
Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist verdammt, sie zu wiederholen‘, sagt der Philosoph Santayana. Insofern soll unsere Geschichte auch eine Mahnung sein an alle, die glauben, so etwas könne sich nicht wiederholen“ – diese Worte haben die AutorInnen Margret-Rose Pyka, G. F. Gerdes und Dr. Reinhard Seeber ihrem Buch vorangestellt. Es ist ein Zeugnis, das berührt, ja aufwühlt und wütend macht. Und den Gerechtigkeitssinn wachrüttelt: Da muss doch noch was zu machen sein!!! Das alles schafft das 2023 erschienene Werk „Fehlbildungen durch Schwangerschaftstest – DUOGYNON®-Skandal endlich aufgedeckt“.
Doch vorab: Worum handelt es sich bei DUOGYNON genau? Das Mittel wurde zwischen 1950 und der „freiwilligen“ Rücknahme vom Markt durch den Hersteller Schering Anfang der 1980er Jahre als hormoneller Schwangerschaftstest eingesetzt. Spätestens seit Anfang der 70er Jahre stand es auch in der Öffentlichkeit im Verdacht, beim Ungeborenen, aber auch bei den Müttern schwere gesundheitliche Schädigungen bewirken zu können Krebs, Totgeburten, Missbildungen unterschiedlicher Art und als Folgen davon unsägliches Leid von Kindern und Eltern durch die Missbildungen selbst, Operationen und Klinikaufenthalte, Vorwürfe und Selbstvorwürfe und Schuldgefühle plagten die Betroffenen. All das könnte wesentlicher besser zu ertragen sein, hätte es eine Anerkennung der reproduktionstoxischen Wirkung durch den Hersteller Schering und dessen Rechtsnachfolger BAYER gegeben. Aber es sollte nicht sein.
Das Buch widmet sich dem Themen-Komplex aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Im ersten Teil schreibt Margret-Rose Pyka, selbst Mutter einer von DUOGYNON schwer geschädigten Tochter, über die langen Leidenswege betroffener Familien, lässt sie zu Wort kommen, gibt ihnen Namen und Gesicht.
Aber der BAYER-Konzern behauptet stets, dass beim Medizinprodukt DUOGYNON kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Einnahme und den gemeldeten Fällen embryonaler Missbildungen bestehe. Margret-Rose Pyka musste sich das auf den Hauptversammlungen des Leverkusener Multi, bei denen sie die Vorstände zur Rede stellte, immer wieder anhören. Seitdem erste Zweifel an der Unschädlichkeit des Medikaments aufkamen, wiederholen und verbreiten sie diese Litanei.
Bisher wurden bei Prozessen in Sachen „DUOGYNON“ firmeninterne Unterlagen zurückgehalten, was den Verdacht erhärtet, dass viel Leid hätte verhindert werden können, wenn die Schering-Oberen die in diesen Dokumenten festgehaltenen Bedenken mehrerer Beschäftigter ernstgenommen und das Mittel sofort vom Markt genommen hätten.
Über die steinige Odyssee der Betroffenen zu Konzernverantwortlichen, Sachverständigen, Aufsichtsbehörden, Gerichten und ParlamentarierInnen schreibt G. F. Gerdes im zweiten Teil. Und über die Mauern der Abwehr, der Lügen und des Schweigens, auf die die Geschädigten stießen.
Im dritten, wissenschaftlichen Teil zeigt der Arzt und Diplom-Chemiker Reinhard Seeber fünf Wege auf, wie sich die in DUOGYNON eingesetzten synthetischen Sexualsteroide an die DNA von Embryo und Mutter binden. Die daraus entstehenden DNA-Addukte (Additionsprodukte) können zu Mutationen und Krebs führen. Diese Erkenntnisse vermochte Seeber auf der Basis naturwissenschaftlicher Experimente aus Deutschland, der Schweiz und den USA, die bis ins Jahr 1923 zurückreichen, zusammenzugetragen. Sie erklären eindeutig die Schäden bei den DUOGYNON-Opfern. An den konzern-seitig vorgelegten und auch an der vom „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“in Auftrag gegebenen Studie kritisiert der Mediziner unter anderem, dass nicht eine einzige Angaben zur Pharmakokinetik – also zur Verteilung, Aufnahme und Abbau des Hormon-Präparats im Körper – enthalten. Nur so wäre es möglich gewesen, Wechselwirkungen des Mittels und seiner Metabolite mit körpereigenen Prozessen festzustellen, meint er. Es ist klar: Nach den Naturgesetzen war DUOGYNON dazu bestimmt, mit der DNA zu reagieren, auch wenn die BAYER AG, schließlich einer der pharmazeutischen Weltmarktführer, das kategorisch ausschließt. Damit disqualifiziert der Konzern sich selbst. Oder muss mensch den Verantwortlichen unterstellen, dass sie wissentlich, um den Profit aus der Vermarktung von DUOGYNON nicht zu gefährden, die fatalen Risiken leugneten und das bis heute tun, um nicht in Regress genommen zu werden? ⎜
Fehlbildungen durch Schwangerschaftstest
Margret-Rose Pyka, G. F. Gerdes, Dr. Reinhard Seeber
ISBN 978-3-7575-3956-6
erschienen im Eigenverlag 2023