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Beiträge verschlagwortet als “Kinderarbeit”

[SWR] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

Beitrag SWR 1 - Sonntagmorgen, 10.08.2003

von Silke Arning

Anmoderation:
Die Zahl ist unvorstellbar: 450 000 Kinder arbeiten in Indien im Baumwollanbau - das belegt eine Studie indischer Wissenschaftler, die jetzt veröffentlicht wurde. Die Kinder werden vor allem bei der Herstellung des Saatguts eingesetzt. Und dieses Saatgut wiederum wird von internationalen Firmen bestellt. Auf der Anklagebank sitzen Konzerne wie Monsanto, Unilever, Advanta, Syngenta und auch der deutsche Bayer Konzern.

12 Jahre erst ist Narsamma alt und doch ist sie schon eine ganz routinierte Arbeiterin. Seit drei Jahren schuftet sie in den Baumwollsaatfeldern im Süden Indiens. 19 Euro verdient sie im Monat. Narsamma ist ein typischer Fall, so die Studie der indischen Wissenschaftler aus Hyderabad. Es sind fast nur Mädchen im Alter zwischen 6 und 14 Jahren, die auf den kleinen Betrieben beschäftigt werden. Kinder armer Bauern berichtet Rainer Kruse von der deutschen Sektion des global March gegen Kinderarbeit. Global March und die Coordination gegen Bayer Gefahren haben die Studie über die Kinderarbeit in Deutschland herausgegeben:

Rainer Kruse:
„Und um diese Kinder zu gewinnen, gibt es sogenannte seed-organizer, also Saatgut- Organisierer und Werber, die dann in die Dörfer der Umgebung gehen. Meistens in der Sommerzeit, wenn es wenig Arbeit gibt und es den armen Familien ziemlich dreckig geht. Dann bieten sie Vorschüsse an mit der Garantie ,dass die Kinder anschließend in die Produktionsgebiete kommen und dort über mehrere Monate hinweg arbeiten.“

Schuldknechtschaft nennt Rainer Kruse dieses Arbeitsverhältnis. Morgens um Fünf beginnt der Arbeitstag: Um das begehrte hochwertige Saatgut zu gewinnen, müssen die Mädchen zwei unterschiedliche Baumwollpflanzen miteinander kreuzen. Ein aufwendiges Verfahren, das nur in Handarbeit funktioniert. Damit sind sie bis Abends sechs, sieben Uhr beschäftigt. Zwei Pausen verteilt auf anderthalb Stunden sind erlaubt. Um verlässliche Erntearbeiter zu bekommen, sind die Farmen daran interessiert, die Kinder durch langjährige Verträge zu binden. Ein geregelter Schulbesuch ist unter diesen Umständen nicht drin. Kinder ohne Zukunftsperspektiven.

Rainer Kruse:
„Für uns ist ein besonderes Problem, dass im Baumwollbereich Pestizide massivst eingesetzt werden, denen sind die Kinder massiv ausgesetzt. Tagsüber, wenn sie in Feldern stehen bis über die Schultern in den Baumwollsträuchern und diese verschiedenen Pflanzengifte aufnehmen über die Haut und die Atemwege, die das Nervensystem beeinflussen. Wir wollen sehen, dass wir auch eine Gesundheitsstudie auf den Tisch bekommen.“

Keine gute Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Unternehmen, für die das Saatgut bestimmt ist. „Wir beschäftigen keine Kinder“, lautet die Auskunft des deutschen Bayer-Konzerns. Zu weiteren Auskünften ist man dort nicht bereit. Tatsache ist: Die Firmen haben keine direkten Verträge mit den Saatgutfarmen, sie beziehen die Ware über Zwischenhändler zu Preisen, die sie vor der Saison bereits festgelegt haben. Konditionen, die den Farmern wiederum kaum einen Spielraum lassen. Für sie sind daher die billigsten Arbeitskräfte die besten. Und das sind die Kinder. Das wissen auch die großen Unternehmen sagt Rainer Kruse.

Rainer Kruse:
„Sie wissen darüber und haben zum Teil in ihren Verträgen einen Passus drin, dass Kinderarbeit nicht zugelassen ist. Aber sie fühlen sich offenbar nicht sehr verantwortlich dafür, das durchzusetzen. Es müssen ganz konkret Kontrollen durchgeführt und darauf geachtet werden, dass Erwachsene den Arbeitsplatz bekommen. Jedes arbeitende Kind nimmt einem Erwachsenen den Job. Das halte ich auch für sehr wichtig bei der großen Massenarbeitslosigkeit in Indien. Weil auch immer wieder gesagt wird, dass sei ja gar nicht so schlimm, wenn die Kinder arbeiteten und sie müssten eben mitarbeiten.“

Kinderarbeit

CBG Redaktion

Presseerklärung vom 31. Juli 2003

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Global March Against Child Labour (deutsche Sektion)
India Committee of the Netherlands

Kinderarbeit im indischen Saatgut-Anbau

Bayer, Monsanto und Unilever in der Kritik

Die heute veröffentlichte Studie „Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau - die Rolle multinationaler Saatgut-Konzerne“ enthüllt, wie internationale Saatgutfirmen von Kinderarbeit in ihrer schlimmsten Form profitieren. Auf der Anklagebank sitzen die Konzerne Monsanto, Unilever, Advanta und Syngenta sowie der deutsche Bayer-Konzern.

Der sehr arbeitsintensive Anbau von Baumwoll-Saatgut in Südindien erfolgt in kleinen Zuliefer-Betrieben, die zwar nominell unabhängig, jedoch durch Qualitäts- und Preisvorgaben sowie durch langfristige Lieferverträge an die Konzerne gebunden sind. Die hauptsächlich in Andhra Pradesh gelegenen Farmbetriebe beschäftigen Zehntausende Kinder - überwiegend Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren.

Von Werbeagenten werden sie ihren Eltern in Notzeiten für einen Vorschuss gezielt abgeworben und gehen dann in den Frondienst - auf oft bis zu 100 km entfernt gelegenen Saatgutfarmen. Viele sind über Jahre auf den selben Feldern tätig, um immer wieder neue Vorschüsse abzuarbeiten. Für eine 12 - Stunden-Schicht erhalten sie unter 50 Cent. Giftigen Pestiziden ausgesetzt ist ihre Gesundheit im besonderen Maße gefährdet - ein schlimmer Verstoß gegen die Konvention 182 der ILO. Vom Schulbesuch sind sie ausgeschlossen, damit ist jede Chance verbaut, aus dem Armutskreis ausbrechen zu können.

Die Saatgut-Konzerne nehmen auf den Farmen mehrmals pro Jahr Kontrollen vor und räumen „Probleme mit Kinderarbeit“ ein, schieben jedoch die Verantwortung auf die Zulieferer. Die Farm-Betreiber hingegen verweisen auf die niedrigen Abnahmepreise für das Saatgut, die eine rentable Produktion nur mit Hilfe von Kinderarbeit ermöglichen.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Es wäre für die Firmen ein Leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahmepreise sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und diesbezüglichen Kontrollen das Problem zu lösen. Es ist beschämend, dass reiche Konzerne wie Bayer von der Ausbeutung von Kindern profitieren.“

Rainer Kruse von der deutschen Sektion des Global March Against Child Labour : „Das Beispiel macht sehr deutlich, dass Kinderarbeit, weil sie so billig zu haben ist, den Erwachsenen die Arbeitplätze nimmt. Der deutsche Bayer-Konzern könnte eine Vorreiterrolle bei der Befreiung der Kinder aus der Fron übernehmen, indem er den Farmern angemessene Abnahmepreise zahlt - geknüpft an die Bedingung, “unverzüglich Erwachsene auf Mindestlohnbasis einzustellen„. Der beachtliche Erfolg bei der Bekämpfung der Kinderarbeit in der Teppichindustrie durch die Einführung des Warenzeichens Rugmark zeigt, dass Bayer die Leiden der Kinder in seinem Bereich beenden könnte.“

Die Untersuchung wurde vom indischen Forschungsinstitut Glocal Research and Consultancy Services durchgeführt und wird von der deutschen Sektion des Global March Against Child Labour, der Coordination gegen BAYER-Gefahren und dem India Committee of Netherlands gemeinsam herausgegeben.

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
www.CBGnetwork.org
info@cbgnetwork.org
Tel: 0211 - 333 911

Global March Against Child Labour (deutsche Sektion)
www.globalmarch.org
kruserainer@surfeu.de
Tel/Fax: 0711 - 467381

India Committee of the Netherlands
www.indianet.nl
g.oonk@antenna.nl

[Presseerklärung] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

Presseerklärung vom 31. Juli 2003

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Global March Against Child Labour (deutsche Sektion)
India Committee of the Netherlands

Kinderarbeit im indischen Saatgut-Anbau

Bayer, Monsanto und Unilever in der Kritik

Die heute veröffentlichte Studie „Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau - die Rolle multinationaler Saatgut-Konzerne“ enthüllt, wie internationale Saatgutfirmen von Kinderarbeit in ihrer schlimmsten Form profitieren. Auf der Anklagebank sitzen die Konzerne Monsanto, Unilever, Advanta und Syngenta sowie der deutsche Bayer-Konzern.

Der sehr arbeitsintensive Anbau von Baumwoll-Saatgut in Südindien erfolgt in kleinen Zuliefer-Betrieben, die zwar nominell unabhängig, jedoch durch Qualitäts- und Preisvorgaben sowie durch langfristige Lieferverträge an die Konzerne gebunden sind. Die hauptsächlich in Andhra Pradesh gelegenen Farmbetriebe beschäftigen Zehntausende Kinder - überwiegend Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren.

Von Werbeagenten werden sie ihren Eltern in Notzeiten für einen Vorschuss gezielt abgeworben und gehen dann in den Frondienst - auf oft bis zu 100 km entfernt gelegenen Saatgutfarmen. Viele sind über Jahre auf den selben Feldern tätig, um immer wieder neue Vorschüsse abzuarbeiten. Für eine 12 - Stunden-Schicht erhalten sie unter 50 Cent. Giftigen Pestiziden ausgesetzt ist ihre Gesundheit im besonderen Maße gefährdet - ein schlimmer Verstoß gegen die Konvention 182 der ILO. Vom Schulbesuch sind sie ausgeschlossen, damit ist jede Chance verbaut, aus dem Armutskreis ausbrechen zu können.

Die Saatgut-Konzerne nehmen auf den Farmen mehrmals pro Jahr Kontrollen vor und räumen „Probleme mit Kinderarbeit“ ein, schieben jedoch die Verantwortung auf die Zulieferer. Die Farm-Betreiber hingegen verweisen auf die niedrigen Abnahmepreise für das Saatgut, die eine rentable Produktion nur mit Hilfe von Kinderarbeit ermöglichen.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Es wäre für die Firmen ein Leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahmepreise sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und diesbezüglichen Kontrollen das Problem zu lösen. Es ist beschämend, dass reiche Konzerne wie Bayer von der Ausbeutung von Kindern profitieren.“

Rainer Kruse von der deutschen Sektion des Global March Against Child Labour : „Das Beispiel macht sehr deutlich, dass Kinderarbeit, weil sie so billig zu haben ist, den Erwachsenen die Arbeitplätze nimmt. Der deutsche Bayer-Konzern könnte eine Vorreiterrolle bei der Befreiung der Kinder aus der Fron übernehmen, indem er den Farmern angemessene Abnahmepreise zahlt - geknüpft an die Bedingung, “unverzüglich Erwachsene auf Mindestlohnbasis einzustellen„. Der beachtliche Erfolg bei der Bekämpfung der Kinderarbeit in der Teppichindustrie durch die Einführung des Warenzeichens Rugmark zeigt, dass Bayer die Leiden der Kinder in seinem Bereich beenden könnte.“

Die Untersuchung wurde vom indischen Forschungsinstitut Glocal Research and Consultancy Services durchgeführt und wird von der deutschen Sektion des Global March Against Child Labour, der Coordination gegen BAYER-Gefahren und dem India Committee of Netherlands gemeinsam herausgegeben.

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
www.CBGnetwork.org
info@cbgnetwork.org
Tel: 0211 - 333 911

Global March Against Child Labour (deutsche Sektion)
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kruserainer@surfeu.de
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India Committee of the Netherlands
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g.oonk@antenna.nl

[taz] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

Die tageszeitung vom 31. Juli 2003

Kinderarbeit für Wucherzinsen

Wie das 12-jährige Mädchen Narsamma arbeiten in Indien nach Schätzungen 450.000 Kinder in Schuldknechtschaft, um für transnationale Konzerne Baumwollsaat herzustellen. Von fünf Global Playern stellen sich nur zwei ihrer Verantwortung

von KATHARINA KOUFEN

Als der Regen ausblieb und die Ernte verdorrte, liehen sich Narsammas Eltern von einem Arbeitsvermittler 2.000 indische Rupien - das sind etwa 50 Euro. Das war 1998. Seitdem muss Narsamma auf einem Baumwollsaatfeld arbeiten, um den Kredit zu tilgen. Umgerechnet 19 Euro im Monat verdient die 12-Jährige inzwischen, am Anfang war es nur die Hälfte.

Wie Narsamma arbeiten in Indien rund 450.000 Kinder in der Baumwollsaatindustrie, hat eine Studie des Instituts Glocal Research and Consultancy Services (GRCS) aus Hyderabad ergeben. 95 Prozent von ihnen in Schuldknechtschaft: Ihre Eltern, meist arme Bauern aus den niederen Kasten, leihen sich Geld bei so genannten Arbeitsvermittlern und verleihen im Gegenzug ihre Kinder. Und weil die Gläubiger Wucherzinsen verlangen - 165 Prozent im Jahr oder 20 Prozent pro Woche sind keine Seltenheit - sind die 6- bis 14-Jährigen, zum größten Teil Mädchen, auf Jahre hin dem Arbeitsvermittler oder dem Besitzer des Saatgutbetriebs ausgeliefert.

Der Saatgutbetrieb, in dem Narsamma arbeitet, produziert auf einem Hektar die Baumwollsorte „Brahma“. Dieses hybride Saatgut entsteht durch die Kreuzung zweier Pflanzen mit unterschiedlichen Erbanlagen. Das Ergebnis ist ein Saatgut, das ertragreicher ist, aber steril. Das heißt: Anstatt aus dem Eigenanbau Saatgut für die nächste Aussaat zu gewinnen, müssen die Bauern jede Saison neue Ware beim Hersteller kaufen. Im Fall von Narsamma ist das die holländisch-britische Firma Unilever. Für sie produziert der Farmer, bei dem Narsamma arbeitet, Saatgut.

„Brahma“ wird von der indischen Unilever-Tochter Hindustan Lever Limited (HLL) für das Vierfache dessen verkauft, was die Zulieferer erhielten. „Aufgrund der geringen Erzeugerpreise ist der Einsatz von Kindern fast vorprogrammiert“, so die Studie. „Die Verwendung erwachsener und damit teurerer Arbeiter würde den Gewinn des lokalen Betriebs praktisch auf null senken.“

Die Herstellung von hybridem Saatgut ist arbeitsintensiv: Bei jedem Keim muss der eigene Samen entfernt und der fremde Samen aufgetragen werden. Die Kinder müssen sich dicht über die Pflanzen beugen, um die Blüten für die Kreuzung auszuwählen. Dabei, so die Studie, „nehmen sie über die Haut und die Atemwege große Mengen Agrogifte auf“. Auf den Baumwollfeldern werden besonders viele Pestizide eingesetzt. Auch während die Pflanzen gespritzt werden, müssten die Kinder weiterarbeiten, berichten die Autoren.

Sie arbeiten den ganzen Tag - laut der Studie im Sommer rund neun, im Winter elf bis zwölf Stunden täglich. Kinder, die von auswärts kommen und auf der Farm oft in leer stehenden Ställen untergebracht sind, arbeiten bis zu 13 Stunden am Tag.

Im Zuge der Recherche besuchten die Verfasser der Studie im Frühjahr letzten Jahres 22 kleine Zulieferbetriebe im Süden Indiens. Sie fanden heraus, dass dort Saatgut für fünf transnationale Konzerne und deren indische Tochterfirmen hergestellt wird: für Unilever, die amerikanische Firma Monsanto, die Schweizer Syngenta AG, die niederländische Advanta - und für den deutschen Bayer-Konzern.

Konfrontiert mit dem Vorwurf der Kinderarbeit, reagierten die Unternehmen unterschiedlich. Die Unilever Tochter HLL wies darauf hin, dass sie keinen direkten Kontakt zu den Saatgutfarmern habe. Die Lieferverträge würden von Zwischenhändlern ausgehandelt. Auch Advanta und Monsanto wiesen die Verantwortung für Kinderarbeit von sich.

Syngenta hingegen ging in die Offensive: „Wir möchten uns der Verantwortung stellen“, sagte Shantu Shataram, bei Syngenta für die Beziehung zu den Aktionären zuständig. In der laufenden Anbausaison hat die Schweizer Firma daher wie nach eigenen Angaben auch Bayer einen Passus in die Verträge mit den Zwischenhändlern aufgenommen, nach dem „keine Kinder beim Anbau des Saatguts eingesetzt werden“.

taz Nr. 7118 vom 31.7.2003, Seite 8, 132 Zeilen (TAZ-Bericht), KATHARINA KOUFEN
http:www.taz.de/pt/2003/07/31/a0083.nf/text.ges,1

Baumwolle in Indien

In Indien befinden sich 21 Prozent der weltweit mit Baumwolle bepflanzten Fläche. Die Produktion für Saatgut ist in dem südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh konzentriert. Indien war 1970 das erste Land, das hybrides -also aus der Kreuzung zweier Sorten entstandenes, steriles -Baumwoll-Saatgut großflächig herstellte. Heute wird auf 9 Mio. Hektar Land Baumwolle angebaut - fast die Hälfte mit Hybrid-Saatgut. Nur noch 20 Prozent der Sorten sind lizenzfrei - für die anderen 80 Prozent müssen die Bauern bei jeder Aussaat Gebühren bezahlen.
Studie: www.cbgnetwork.de

Bayer: Absichten besser als Wirklichkeit

Eine Studie indischer Wissenschaftler wirft dem Saatguthersteller vor, für Kinderarbeit verantwortlich zu sein.

BERLIN taz Auf seiner Internetseite weist der Bayer-Konzern darauf hin, dass er sich für Menschenrechte, Arbeitsstandards, Umweltschutz einsetzt - und gegen Kinderarbeit. Doch genau diesem Vorwurf müssen sich der Saatgutproduzent Bayer und vier andere Konzerne jetzt stellen. Das indische Institut Glocal Research and Consultancy Services (GRCS) stellt heute in Deutschland eine Studie zum Thema Kinderarbeit auf indischen Saatgutfeldern vor.

Rund 450.000 Kinder arbeiten in der Produktion von indischem Hybridsaatgut, so die Studie. Sie arbeiten für Bauern, die an die Firmen Bayer, Unilever, Monsanto, Syngenta und Advanta verkaufen. Der Autor der Studie und GRCS-Direktor, Davuluri Venkateswarlu, wirft den großen Saatgutfirmen in Europa und Nordamerika vor, „den Einsatz von Kinderarbeit nicht nur zu dulden, sondern auch dafür verantwortlich zu sein“. Die Preise, die die Saatgutkonzerne an ihre indischen Lieferanten zahlten, seien so gering, dass diese nicht an Kinderarbeit vorbeikämen.
Bayer wies die Vorwürfe zurück: „Weder wir noch unsere indische Tochterfirma beschäftigen Kinder, das passt nicht zum Bayer-Image“, sagte ein Konzernsprecher der taz. In die Verträge mit den Zulieferern seien mittlerweile ebenfalls „Richtlinien gegen Kinderarbeit“ aufgenommen worden. "KK

http:www.taz.de/pt/2003/07/31/a0011.nf/text

UN

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 31.08.2002

Der Ausverkauf der Vereinten Nationen

Hintergründe zum Umweltgipfel von Johannesburg

„Die Einstellung der Vereinten Nationen gegenüber dem Privatsektor hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Kooperation kommt heute vor Konfrontation.“ Mit diesen Worten wirbt Kofi Annan, General-
sekretär der UN, für den „Global Compact“, einem Abkommen zwischen ursprünglich 44 multinationalen Konzernen und den Vereinten Nationen. Aus Deutschland dabei: die Chemie-Konzerne BASF, Aventis und Bayer, die Autobauer BMW und DaimlerChrysler sowie die Deutsche Bank.

In dem vor zwei Jahren unterzeichneten Compact bekennen sich die Unternehmen zu neun Grundsätzen aus den Bereichen Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Einhaltung der Menschenrechte. Die Prinzipien basieren auf der Erklärung der Menschenrechte von 1949, dem Weltsozialgipfel von 1995 und dem Umweltgipfel von Rio 1992. Außerdem verpflichten sich die Konzerne, Musterprojekte zu initiieren und somit ihr Engagement zu belegen. Um den Fortschritt im Rahmen der Kooperation zu dokumentieren, will die UN geprüfte Fallbeispiele veröffentlichen, die der Öffentlichkeit zur Begutachtung freistehen.

Zweifelhafte Partnerschaften

Die Bekanntgabe der Vereinbarung, der sich mittlerweile mehrere hundert Firmen angeschlossen haben, erfolgte nach einjährigen Verhandlungen von Kofi Annan mit der International Chamber of Commerce (ICC), der weltweit größten Lobbyorganisation multi-
nationaler Unternehmen. Die ICC vertritt weltweit rund 7000 Firmen, wird jedoch von rund 50 Großkonzernen dominiert. In den Verhandlungen mit der UN setzte der Lobbyverband eine unternehmerfreundliche Formulierung der „Prinzipien“ des Compact sowie - vor allem - deren völlige Unverbindlichkeit durch.

Mit der ICC suchte sich Annan ausgerechnet diejenige Organisation aus, die sich in der Vergangenheit am vehementesten gegen internationale Umwelt-Abkommen gewehrt hat. Sowohl die Formulierung des Kyoto-Protokolls zur Senkung des CO2-Ausstoßes wie auch die Biodiversitäts-Konvention, das Protokoll von Montreal zum Schutz der Ozonschicht und die Basel-Konvention gegen Giftmüllhandel wurden von der ICC als unpraktikabel und wirtschaftsfeindlich gegeißelt und durch anhaltenden Druck auf die Politik abgeschwächt.

Lobbypolitik von Rio ....

Erstmals wurden die Konzerne bei der Vorbereitung des Umweltgipfels von Rio 1992 als gleichberechtigte Partner internationaler Institutionen behandelt. Das 160 Konzerne umfassende World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) war maßgeblich bei der Erstellung der Tagesordnung und des Abschlussdokumentes beteiligt. So setzte sich die neoliberale Sichtweise durch, nach der freie Märkte und Wirtschaftswachstum eine Voraussetzung von Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung sind und nach der die Industrie ein solches Wachstum nur garantieren könne, wenn sie ohne bindende Rahmen-
bedingungen arbeiten kann. Stattdessen werden seit Rio „freiwillige Selbstverpflichtungen“ propagiert, bei deren Nicht-Einhaltung jedoch keine Konsequenzen drohen.

Kein Zufall war es, dass ebenfalls 1992 die UN Kommission zu Transnationalen Konzernen (UNCTC) ersatzlos geschlossen wurde. Die UNCTC war die einzige UN-Organisation, die seit den 70er Jahren die Aktivitäten der Multis überwachte. Der Versuch der UNCTC, weltweit bindende Regeln für Arbeitssicherheit, Einhaltung von Gesetzen und Umweltschutz aufzustellen, war der Industrie ein ständiger Dorn im Auge.

.... bis Johannesburg

1995 bildeten ICC und WBCSD gemeinsam, speziell für die Vorberei-
tung des Gipfels in Johannesburg, einen weiterer Lobbyverband: die Business Action for Sustainable Development (BASD) mit dem blumigen Motto „People, Planet, Prosperity“ (Menschen, Planet, Wohlstand). Geleitet wird die BASD ausgerechnet von Sir Mark Moody Stuart, zuvor Chef des Ölkonzerns Shell, der seit Jahren Ziel zahlreicher Kampagnen von Umweltschützern und Menschenrechtlern ist. Stuart hat als Shell-Boss die Versenkung der Ölplattform Brent Spar sowie das Engagement in Nigeria, das zur tragischen Exekution von Ken Saro-
Wiwa führte, zu verantworten. Die Rolle des BASD in Johannesburg beschreibt Stuart siegessicher: „Wir möchten auf dem Umweltgipfel eine konstruktive Rolle spielen. Die Industrie ist Teil der Lösung bei der Schaffung einer nachhaltigen Entwicklung“.

Bindende Regeln ausgehebelt

Weder WBCSD noch BASD stellen Mindestanforderungen bei der Aufnahme neuer Mitglieder. So finden sich im WBCSD, dem „grünen Gewissen“ der Industrie, Ölfirmen wie BP, StatOil, TotalFinaElf und ChevronTexaco, die Autobauer DaimlerChrysler, Nissan, Ford und General Motors, Chemie-Konzerne wie Dow, DuPont, BASF, ICI und Aventis sowie Gentech-Anbieter wie Monsanto, PowerGen und Bayer. Zu den Unterstützern des BASD gehören neben dem Weltverband der Chemischen Industrie und dem Bund der Deutschen Industrie auch das Europäische Atomforum und die World Nuclear Association.

Hauptaktivität des BASD sind die anekdotenhafte Veröffentlichung von „Musterprojekten“ einzelner Firmen, darunter mehrere Atomenergie-
Projekte sowie ein Gas-Pipeline-Projekt. Schon Anfang 2002 protzte BASD-Chef Stuart, dass der Verband „sehr enge Verbindungen zu den Vereinten Nationen aufgebaut hat, um die Ideen der Wirtschaft für die Struktur des Gipfels einzubringen“. Offenbar mit Erfolg: Hieß es im Januar im Entwurf für das Abschlussdokument noch „ein multinationales Abkommen, das die Verantwortlichkeiten von Unternehmen benennt, soll auf den Weg gebracht werden“, so finden sich im letzten Entwurf vor Beginn des Gipfels wolkige Formulierungen wie „Förderung der Verantwortung der Wirtschaft im Sinne einer Nachhaltigen Entwicklung“. Bindende Regeln bezüglich der Einhaltung von Menschenrechten oder dem Umweltschutz sind in dem Entwurf nicht mehr enthalten.

Kofi Annan: Büttel der Konzerne

Der Global Compact stellt den vorläufigen Höhepunkt der „Kooperation“ von Vereinten Nationen und multinationalen Unternehmen dar. Nach Angaben der UN haben mittlerweile mehrere hundert Konzerne den Vertrag unterschrieben - allerdings werden bislang nur 81 Unternehmen öffentlich genannt, darunter so illustre Namen wie Shell, BP, Novartis, Nokia, Nike, ABB und Deutsche Bank.

Annan wirbt um weitere Mitglieder, indem er sich unumwunden zum Anwalt einer konzerngesteuerten Globalisierung macht: „Sowohl die Vereinten Nationen als auch die Wirtschaft dienen einem höheren Zweck: dem Schutz der Menschheit.„ Das Abkommen werde einen Dialog zwischen der Industrie und „anderen sozialen Gruppen“ ermöglichen, so dass “Unternehmen, die sich zu den Prinzipien des Global Compact bekennen, dem Druck der Zivilgesellschaft viel besser begegnen können.“

Fehlende Kontrolle

Bei der Auswahl der Partner aus der Wirtschaft legen die UN keine noch so tiefe Messlatte an: alle Unternehmen – vom Hersteller von Atomkraft-
werken bis hin zu Ölkonzernen - werden akzeptiert. Informationen unabhängiger Beobachter über das Verhalten der Firmen holen die UN nicht ein. Nach der Unterzeichnung durch das jeweilige Unternehmen erfolgt keinerlei Überprüfung der Einhaltung der Prinzipien oder der „Musterprojekte“ – sämtliche Übereinkünfte sind „non-binding“, also unverbindlich.

Die Firmen nutzen die publicity-trächtige Verbindung mit der wichtigsten internationalen Organisation weidlich: fast alle beteiligten Unternehmen rühmen ihr vorbildliches Engagement im Rahmen des Abkommens auf ihren homepages und in eigens veröffentlichten Broschüren. In den Geschäftsberichten von DaimlerChrysler und Bayer wird sogar eine Rede von Kofi Annan als Grußwort abgedruckt - mit Foto und UN-Logo.

Kritik wird lauter

Seit Anfang des Jahres wird die Kritik am Schmusekurs der UN mit der Wirtschaft lauter. Zahlreiche Gruppen kritisieren, dass profitorientierte Konzerne ihre eigenen Regeln aufstellen, anstatt durch die Legislative zu verbindlichen Standards gezwungen zu werden. Der internationale Umweltverband Friends of the Earth beklagt eine „schleichende Übernahme der Vereinten Nationen durch die Privatwirtschaft“ und befürchtet, dass „auf Freiwilligkeit beruhende Abkommen die Verab-
schiedung bindender Regeln verzögern“ und damit mehr Schaden anrichten als Gutes tun.

In der Allianz für eine wirtschaftsunabhängige UN haben sich zwanzig Umwelt-, Gesundheits- und Entwicklungs-Organisationen aus allen Teilen der Welt zusammen geschlossen. Der Verband kritisiert die Einflussnahme der Konzerne als undemokratisch und befürchtet eine Gefährdung des Ansehens und der Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen - mit weitreichenden Konsequenzen für die zahlreichen Missionen der UN.

In einem gemeinsamen Brief an Kofi Annan fordert die Allianz die UN auf, keine Partnerschaften mit Unternehmen einzugehen. Der Unter-
schied zwischen gemeinnützigen und demokratisch legitimierten Institutionen auf der einen und profitorientierten Konzernen auf der anderen Seite dürfe nicht verwischt werden. Die UN müsse ein Forum einrichten, das Bewertungen der „Musterprojekte“ entgegennimmt, Verstöße gegen die Prinzipien des Compact untersucht und lernunwillige Firmen ausschließt. Die teilnehmenden Unternehmen müssten alle Ziele und Konventionen der UN und ihrer Tochterorganisationen aktiv unterstützen - andernfalls könnten sich Firmen gleichzeitig im Licht der UN sonnen und deren Ziele, z.B. das Kyoto Abkommen gegen die Erderwärmung, hintertreiben.

Erste Widerstände in der UN

Die bisherigen Veröffentlichungen über die Anstrengungen der Unternehmen zeigen, dass es auch innerhalb der UN Bedenken gegen die Zusammenarbeit gibt. Auf einem „Learning Forum“ 15 Monate nach Inkrafttreten des Abkommens äußerten UN-Offizielle, dass „keines der eingebrachten Musterprojekte die Kriterien eines Fallbeispiels im Rahmen des Global Compact erfüllt“. Auch zwei Jahre nach Unter-
zeichnung des Vertrags findet sich auf der website der UN keine anerkannte Fallstudie. Die zahlreichen vorgestellten Projekte werden unverbindlich als „Beispiele des Engagements der Wirtschaft“ geführt.

Kritiker fragen, wie die Öffentlichkeit die Fortschritte des Compact begutachten soll, wenn selbst die angeblichen Musterfirmen zwei Jahre nach Unterzeichnung der Vereinbarung kein einziges Beispiel für nachhaltiges Verhalten anführen können. Sogar die unternehmerfreund-
liche New York Times kritisierte, dass „der Global Compact den größten und reichsten Unternehmen erlaubt, sich in eine blaue UN-Flagge zu hüllen, ohne irgendetwas Neues dafür zu tun“.

Fallbeispiel Bayer AG

Um die fehlende Bereitschaft der Unternehmen aufzuzeigen, wirkliche Schritte in Richtung eines sozial und ökologisch verantwortungsbewuss-
ten Handelns zu gehen, sollen nun exemplarisch die Referenzprojekte der Bayer AG untersucht werden. Der Leverkusener Chemie-, Pharma- und Gentechnik-Riese, der jährlich rund 28 Milliarden Euro umsetzt und dessen Imperium rund 240 Tochterfirmen umfasst, gehört zu den Erstunterzeichnern des Global Compact. Auf seiner homepage befindet sich ein eigener Bereich, der umfangreich über die Kooperation mit der UN informiert. Neben einem leicht verfremdeten Logo der Vereinten Nationen findet sich das Bekenntnis „Die Global Compact Prinzipien decken sich mit den unternehmenspolitischen Prinzipien von Bayer. Unsere technische und wirtschaftliche Kompetenz ist für uns mit der Verantwortung verbunden, zum Wohle des Menschen zu arbeiten und unseren Beitrag für eine dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung zu leisten.“

In der Realität hatten in der fast 140jährigen Bayer-Geschichte Profite stets Vorrang gegenüber Umweltschutz und sozialen Werten: Zu Beginn des letzten Jahrhunderts vermarktete der Konzern aggressiv das „Hustenmittel“ Heroin, obwohl die drohenden Heroin-Abhängigkeiten längst bekannt waren. Im ersten Weltkrieg erfand die Firma Chemische Kampstoffe und setzte sich vehement für deren Verwendung ein. Im Rahmen der IG Farben war der Konzern tief in das Dritte Reich verstrickt und war für Menschenversuche, den Tod Tausender Zwangsarbeiter und die Plünderung der eroberten Gebiete verantwortlich. In den 80er Jahren wurden Tausende Bluter durch Bayer-Produkte mit HIV infiziert - der Konzern hatte trotz Kenntnis des Ansteckungsrisikos auf Testverfahren verzichtet und noch Jahre nach Auftreten der ersten Infektionen alte Chargen verkauft. Aktuelle Skandale umfassen die jahrelang bekannten Nebenwirkungen von Lipobay, denen mindestens 100 Patienten zum Opfer fielen, sowie die umstrittenen Versuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen.

Global Compact Projekte von Bayer

Bayer ist Mitglied hunderter einflussreicher Lobbygruppen - neben der oben genannten ICC und dem WBCSD sind die wichtigsten der European Table of Industrialists, der Trans-Atlantic Business Dialogue, die Global Crop Protection Federation und EuropaBio. Um das Engagement im Rahmen des Compact zu belegen, dokumentiert Bayer auf seiner homepage vier Projekte:

1. finanzielle Unterstützung für die brasilianische Abrinq-Stiftung, die gegen Kinderarbeit kämpft;
2. Medikamenten-Spende an die Weltgesundheitsorganisation WHO im Rahmen eines Programms gegen die Schlafkrankheit;
3. Anstrengungen gegen die Ausbreitung von Antibiotika-
Resistenzen;
4. Trainingsprogramme für brasilianische Bauern und Landarbeiter.

Außerdem spendete Bayer Medikamente nach den Erdbeben in Indien und El Salvador und spendete nach dem 11. September eine Million Dollar an amerikanische Hilfsorganisationen.

Die genaue Bewertung der Spenden an die WHO, an die Abrinq-Stiftung sowie nach den genannten Naturkatastrophen fällt schwer, da Bayer die Höhe der Aufwendungen nicht veröffentlicht. Im Geschäftsbericht des Unternehmens wird jedoch keine Spende erwähnt, die höher als 1 Million Euro ist.

Es ist instruktiv, diese Summen mit den von Bayer gezahlten bzw. nicht gezahlten Steuern zu vergleichen: Lagen die weltweiten Unternehmens-
Steuern von Bayer im Jahr 2000 noch bei rund 1,15 Milliarden Euro, so wurden diese im vergangenen Jahr um fast 90% reduziert: gerade noch 150 Millionen Euro überwies der Konzern an Bund und Länder. Allein das Land NRW musste 250 Millionen Euro abschreiben.

Zu verdanken hatte Bayer dieses Steuer-Geschenk einem alten Bekannten: Heribert Zitzelsberger. Bevor Hans Eichel ihn als Staatssekretär mit der Unternehmenssteuer-„Reform“ betraute, war er Leiter der Steuer-Abteilung bei Bayer. „Keinem der Berliner Großkopfeten hat die deutsche Groß-Industrie so viel Wohltaten zu verdanken wie Heribert Zitzelsberger“, kommentierte die Berliner Zeitung.

Sämtliche wohltätigen Gaben von Bayer machen also maximal einige Prozent der eingesparten Steuern aus. Die Öffentlichkeit wäre mit angemessenen Steuern, über die sie frei verfügen könnte, weit besser bedient als mit einzelnen, willkürlich verteilten Spenden.

Initiative „Agrovida“

Bayer ist weltweit der zweitgrößte Pestizidhersteller. Im Bereich der hochgefährlichen Insektizide, mit denen sich jährlich zehntausende Landarbeiter tödlich vergiften, ist der Leverkusener Konzern die Nummer eins. 1995 versprach das Unternehmen, innerhalb von fünf Jahren alle Pestizide der Gefahrenklasse 1 („extrem gefährlich“) vom Markt zu nehmen. Bis heute wurde dieses Versprechen allerdings nicht umgesetzt.

Um „die Risiken für Mensch und Umwelt zu minimieren“, startete Bayer in Südbrasilien die Initiative „Agrovida“. Im Rahmen des Programms sollen „mehrere tausend Menschen“ in den sicheren Umgang mit Pflanzenschutzmitteln eingeführt werden. Die Firma selbst gibt zu, dass „das Training vielleicht nur ein erster Schritt“ sein könne.

Abgesehen davon, dass nur eine Einführung in den Organischen Landbau eine wirklich nachhaltige Maßnahme gewesen wäre: einige tausend Personen zu schulen, mag sinnvoll sein oder auch nicht, es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Millionen Landarbeiter in Ländern des Südens hochtoxische Bayer-Produkte verwenden, ohne jemals eine Schulung erhalten zu haben und ohne über angemessene Schutzkleidung zu verfügen.

Nach Angaben der UN treten jährlich mehr als 10 Millionen Pestizid-
Vergiftungen auf. Ein von der UN-Abteilung FAO initiierter Kodex zum Verkauf von Agrogiften wurde von Bayer zwar unterschrieben, wird jedoch von der Firma täglich verletzt: laut Kodex sollen Pestizide der Gefahrenklasse 1 nur an „trainierte und zertifizierte Personen“ verkauft werden, die einen Ganzkörperschutz tragen. Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden, sollen die Mittel laut Kodex vom Markt genommen werden. Zahlreiche Recherchen von Journalisten und Umweltverbänden belegen jedoch, dass sämtliche Bayer-Produkte an jedermann verkauft werden und von Landarbeitern ohne Kenntnis der Gefahren und ohne Schutz verwendet werden.

Die im Rahmen des Global Compact vorgestellte Initiative muss also als Augenwischerei bezeichnet werden. Ein verantwortungsbewusstes Handeln wäre nur durch eine Einhaltung des FAO-Kodex und einen Verkaufs-Stopp der risikoreichsten Wirkstoffe zu erreichen.

Antibiotika und resistente Bakterien

Nach Angaben der WHO gehören Antibiotikaresistenzen zu den größten medizinischen Problemen des 21. Jahrhunderts. Längst besiegt geglaubte Krankheiten breiten sich wieder aus, da resistente Keime mit herkömmlichen Antibiotika nicht mehr bekämpft werden können. Einer der Hauptgründe für die Ausbreitung von Resistenzen ist der massen-
hafte Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht. In der EU landen mehr als die Hälfte aller Antibiotika im Tierstall - es entstehen resistente Bakterienstämme, etwa von Salmonellen, die über die Nahrungskette in den menschlichen Körper gelangen und unbehandelbare Infektionen auslösen können.

Bayer gehört weltweit zu den größten Herstellern von Antibiotika und ist zudem drittgrößter Hersteller von Veterinärprodukten. Die Substanz-
klasse der Fluoquinolone vermarktet der Konzern sowohl für Menschen („Ciprobay“) als auch für Tiere („Baytril“). In Deutschland ist Baytril seit 1995 zugelassen und wird in großem Umfang zur Behandlung von Schweinen verwendet, als Fütterungsarznei wurde das Präparat nach Protesten wieder vom Markt genommen. In den USA wird das Präparat an Hühner, Truthähne und Rinder verfüttert.

Das Unternehmen hat die Initiative „Libra“ gestartet, in derem Rahmen „Ärzte, Patienten und Entscheidungsträger“ über die Gefahren von Resistenzen informiert werden, um „den unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika einzuschränken“. Blumig heißt es auf der Bayer-website: „Libra ist das lateinische Wort für Waage. Sie symbolisiert die Ausgewogenheit der Antibiotika-Therapie.“ Und weiter: „Nur so kann die Wirksamkeit dieser Arzneimittel zum Schutze der Bevölkerung erhalten bleiben. Damit passt das Bayer-Engagement in idealer Weise zum Global Compact und seinen Zielen.“

In der Realität trägt aber gerade der massenhafte Verkauf von Baytril zur Entstehung von Resistenzen bei: Nach Erkenntnis der US-Gesundheits-
behörde Food and Drug Administration (FDA) entstehen allein durch die Verfütterung von Fluoquinolonen an Hühner resistente Keime, mit denen jährlich mehr als 5.000 Amerikaner infiziert werden. Nach Angaben der FDA sind Fluoquinolone eine „wichtige Ursache“ für Infektionen mit Campylobacter Bakterien. Bis zu 80% der verkauften Hühner enthalten zum Teil resistente Campylobacter-Bakterien.

Die Behörde ersuchte daher die beiden Hersteller, Abbott und Bayer, das Präparat vom Markt zu nehmen. Während Abbott direkt reagierte, legte das deutsche Unternehmen Beschwerde ein. In den USA bildete sich daraufhin eine Koalition von Ärzteverbänden und Umweltorgani-
sationen, um ein Einlenken von Bayer zu erreichen. Vertreter der Initiative befürchten, dass im Laufe des mehrjährigen Beschwerde-
verfahren die Zahl der Resistenzen stark ansteigt und Fluoquinolone unbrauchbar geworden sind.

Kritische Anfragen von Journalisten oder engagierten Privatpersonen beantwortet Bayer seit vergangenem Jahr routinemäßig mit einem Verweis auf den Global Compact und den darin enthaltenen Anstrengungen. Es bleibt der Zivilgesellschaft überlassen, diese Aktivitäten als Ablenkungsmanöver zu enttarnen.

[Studie] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

Kinderarbeit im indischen Baumwoll-Anbau

Die Rolle multinationaler Saatgut-Produzenten

Recherche: Dr. Davuluri Venkateswarlu
Glocal Research and Consultancy Services, Hyderabad/Indien

Herausgeber in Deutschland:
Coordination gegen BAYER-Gefahren ( www.CBGnetwork.org , info@cbgnetwork.org )
India Committee of the Netherlands ( www.indianet.nl )
Global March Against Child Labour, deutsche Sektion
( www.globalmarch.org )

Juli 2003

Einführung
Das Institut Glocal Research and Consultancy Services (GRCS) aus Hyderabad erforscht die Arbeitsbedingungen in der indischen Landwirtschaft. In der Studie Child Labour and Transnational Seed Companies in Hybrid Cottonseed Production untersucht Dr. Davuluri Venkateswarlu, Direktor des GRCS, die Produktionsbedingungen im indischen Baumwollanbau, den Rückgriff auf Kinderarbeit sowie die Verbindungen zwischen transnationalen Saatgut-Konzernen und lokalen Produzenten.

Die Einführung von hybridem Saatgut in den 70er Jahren veränderte die indische Baumwollproduktion grundlegend: Qualität, Anbaufläche und geerntete Menge erhöhten sich, und es entstand eine hohe Zahl neuer Arbeitsplätze. Hunderte kleiner und mittlerer Firmen übernahmen den Vertrieb des Saatguts. In den 90er Jahren stiegen große Agrokonzerne in das Geschäft ein, so dass der indische Markt für hybride Baumwoll- Saaten heute von sechs multinationalen Unternehmen dominiert wird: Unilever, Bayer, Monsanto, Syngenta, Advanta und Emergent Genetics. Der sehr arbeitsintensive Anbau des Hybrid-Saatguts erfolgt in Tausenden lokaler Baumwoll-Farmen, die zwar nominell unabhängig sind, jedoch durch Qualitäts- und Preisvorgaben sowie langfristige Lieferverträge an die großen Firmen gebunden sind.

Neben positiven Effekten durch die Einführung neuartiger Anbaumethoden gibt es auch beunruhigende Entwicklungen: die hauptsächlich in Süd-Indien gelegenen Zulieferbetriebe beschäftigen in großer Zahl Kinder, überwiegend Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren. Viele Kinder befinden sich in Schuldknechtschaft und sind über Jahre auf den selben Farmen tätig, um Vorschüsse abzuarbeiten. Wegen des hohen Einsatzes von Pestiziden ist ihre Gesundheit häufig beeinträchtigt. Die Saatgut-Multis nehmen auf den Farmen mehrmals pro Jahr Kontrollen vor und sind daher mit den Produktionsbedingungen und dem massenhaften Einsatz von Kindern vertraut.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in Indien insgesamt rund 450.000 Kinder in der Baumwollsaat- Herstellung beschäftigt sind - allein im Bundesstaat Andhra Pradesh rund 250.000. Diese Zahlen übertreffen alle anderen Bereiche, in denen Kinderarbeit vorkommt (u.a. Teppichherstellung, Diamanten schleifen, Verarbeitung von Kalkstein), bei weitem. Die Autoren der Untersuchung werfen den Saatgut-Multis vor, dass sie den Einsatz von Kinderarbeit nicht nur dulden, sondern für diesen aufgrund der niedrigen Rohstoffpreise ursächlich verantwortlich sind.

Die Abbildungen in der vorliegenden Studie zeigen Kinder bei der Herstellung von hybridem Baumwoll-Saatgut.

Arbeitsbedingungen und rechtlicher Status
Zunächst werden die Arbeitsbedingungen in den Baumwoll-Farmen, die rechtliche Situation der ArbeiterInnen sowie Schulausbildung und Gesundheit der angestellten Kinder beschrieben. Hierfür wurden von den Wissenschaftlern des GRCS 22 Saatgut- Betriebe ausgewählt und begutachtet. Für die anschließende Abschätzung der gesamten Zahl arbeitender Kinder wurden die Ergebnisse aus über 100 Farmen berücksichtigt.

Art der Arbeit im Baumwoll-Anbau
Hybrides Saatgut entsteht aus der Kreuzung zweier Pflanzen mit unterschiedlichem Erbgut. Die neu entstandenen Pflanzen sind nicht fortpflanzungsfähig, daher wird jedes Jahr neues Saatgut benötigt. Für die Kreuzung ist ein extrem hoher manueller Aufwand erforderlich, da bei jedem Keim der eigene Samen entfernt und der fremde Samen aufgetragen werden muss. Hierfür müssen zunächst das Deck- und Blumenblatt und der Staubbeutel jeder einzelnen Pflanze entfernt werden. Die Produktion von hybridem Saatgut ist daher sehr arbeits- und kostenintensiv - der Arbeitsaufwand ist rund 10 mal höher als bei konventioneller Baumwolle, die Kosten liegen fast 5 mal höher. Trotz der niedrigen indischen Löhne kostet der Anbau eines Hektars hochwertiger Baumwolle daher rund 150.000 indische Rupien (ca. 3.600 Euro; 1 Euro entspricht 42 Rs).

90% des Arbeitsaufwands erfordert dabei die komplizierte Bestäubung: die Pflanzung eines Hektars mit Hybrid-Baumwollsaatgut erfordert rund 5.500 Arbeitstage pro Jahr, 5.000 Arbeitstage werden allein für die Kreuzung der Pflanzen benötigt. Die Ernte eines Hektars hingegen dauert nur 250 Arbeitstage. Neben dem teuren Saatgut benötigt Hybrid- Baumwolle auch größere Mengen Düngemittel und Pestizide.

Die arbeitsaufwendige Kreuzung der Pflanzen wird hauptsächlich von Kindern, meist Mädchen, durchgeführt. Auch für die Ernte und die Aussaat werden Kinder eingesetzt. Die Arbeit Erwachsener beschränkt sich auf Pflügen, Aussähen und die Ausbringung von Düngemitteln und Pestiziden.

Rechtlicher Status der Kinder
Wegen des hohen Arbeitsaufwands bevorzugen die Produzenten von hybridem Saatgut langfristige Arbeitsverträge. Diese werden meist vor der jeweiligen Aussaat geschlossen. Typischerweise erhalten die Eltern Vorschüsse oder Darlehen, zu deren Abtragung langfristige, oft mehrjährige Verträge geschlossen werden. Von 320 im Rahmen der Studie befragten und in Baumwollfarmen beschäftigten Kindern leben 95 % in solcher Schuldknechtschaft. 70 % waren länger als ein Jahr an den selben Arbeitgeber gebunden.

Die Praxis der Schuldknechtschaft wird von den Saatgut-Herstellern bereitwillig bestätigt: „Wir benötigen die Mädchen die ganze Saison lang. Falls die Kinder nach einigen Monaten nicht mehr kommen, erleiden wir Einbußen. Daher schließen wir im Vorhinein Verträge mit den Eltern ab und zahlen ihnen einen Vorschuss. Wenn wir dies nicht tun würden, bestünde die Gefahr, dass die Kinder nach der Hälfte der Saison bei einem anderen Betrieb anheuern“, so ein Farm-Verwalter.

Die Löhne werden für die ganze Saison (von Mai oder Juni bis Januar oder Februar des folgenden Jahres) festgelegt. Sie hängen vom Bedarf nach Arbeitskräften ab und sind regional verschieden. Generell liegen die Löhne von Kindern sehr viel niedriger als die erwachsener Arbeiter - im Schnitt 18 Rupien (Rs) pro Tag (0,42 Euro), gegenüber 26 Rs (0,62 Euro) für Frauen und 40 Rs (0,95 Euro) für Männer.

Auf den Baumwollfarmen werden sowohl Kinder, die bei ihren Familien leben, als auch Kinder, die ohne Familienangehörige direkt auf der Farm wohnen, eingesetzt. In den meisten Betrieben überwiegen Kinder aus umliegenden Dörfern; in diesem Fall wird der Arbeitsvertrag direkt zwischen der Farm und den Eltern geschlossen. In einigen Regionen, in denen die Saatgutproduktion konzentriert ist und in denen Arbeitskräftemangel herrscht, machen „Migranten-Kinder“ aus anderen Distrikten bis zu 50 % der Angestellten aus. Sie werden von Mittelsleuten, die auf die Anwerbung von Kindern spezialisiert sind, angeheuert und in die Betriebe vermittelt. Der Farm-Besitzer ist für Unterkunft und Verpflegung verantwortlich.

Die Arbeitszeiten werden vertraglich nicht festgelegt und variieren stark. Ortsansässige Kinder arbeiten im Sommer rund 9 Stunden täglich, im Winter zwischen 11 und 12 Stunden. „Migranten-Kinder“ unterstehen einer totalen Kontrolle und arbeiten zwischen 12 und 13 Stunden täglich.

Schulbesuch und Gesundheitsrisiken
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Einsatz in Baumwoll-Farmen stark nachteilig auf die schulische Ausbildung und die Gesundheit auswirkt: rund 60% der eingesetzten Kinder haben nur wenige Jahre eine Schule besucht und diese für die Arbeit in den Feldern verlassen, knapp 30% haben nie eine Schule besucht. Die Darlehen der Saatgut-Produzenten werden meist im Sommer angeboten, wenn auf dem Land kaum Arbeit verfügbar ist und viele Familien finanzielle Probleme erleiden.

Die Arbeit in den Feldern birgt zudem große Gefahren für die Gesundheit der Kinder, denn in keinem anderen Bereich werden so viele Pestizide eingesetzt wie im Baumwoll-Anbau (in Indien rund 55% aller Pestizide). Die Kinder sind hochgefährlichen Wirkstoffen wie Endosulphan, Monocrotophos, Cypermethrin und Mythomyl direkt ausgesetzt.

In herkömmlichen Baumwoll-Farmen wird an Tagen, an denen Pestizide ausgebracht werden, nicht gearbeitet. Saatgut-Betriebe hingegen machen keine solchen Pausen. Die eingesetzten Kinder stehen bei der Arbeit bis zu den Schultern zwischen den Pflanzen und beugen sich über diese, um die Blüten für die Kreuzung auszuwählen. Wegen der Nähe zu den behandelten Pflanzen nehmen sie über die Haut und die Atemwege große Mengen Agrogifte auf. Hierdurch erleiden sie Schäden des Nervensystems, die beobachteten Symptome sind Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit, Schwächeanfälle, Krämpfe und Atemprobleme. Zu den langfristigen Schäden liegen keine Untersuchungen vor.

Untersuchungsergebnisse in 22 Betrieben
Die Autoren der Studie besuchten im vergangenen Frühjahr 22 kleine Zuliefer-Betriebe in den Distrikten Mahaboobnagar und Kurnool. Diese produzieren Saatgut für fünf transnationale Konzerne bzw. deren Tochterfirmen: Hindustan Lever (Unilever), Mahyco (Monsanto), Proagro (Bayer), Syngenta und Advanta. Von den 22 Farmen produzieren 12 für Unilever, je drei für Syngenta und Monsanto und je zwei für Bayer und Advanta.

Die durchschnittliche Fläche der Farmen beträgt knapp ein Hektar (9.700 qm). Insgesamt arbeiteten 486 Kinder in den untersuchten Betrieben - etwa 23 pro Hektar. Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren machten 78 % der Arbeitskräfte aus, Jungen 10 % und Erwachsene 12 %.

Der Großteil der Kinder, rund 90 %, befindet sich in Schuldknechtschaft. Das durchschnittliche Darlehen, das die Eltern bei den Farmbetreibern aufgenommen hatten, beträgt dabei 1.500 Rs (35 Euro). Der Vertrag zwischen Eltern und Betrieb läuft in der Regel zwar nur eine Saison (7-8 Monate), aber meist wird die Anstellung durch die Gewährung weiterer Vorschüsse verlängert. So hatten 68% der zum Zeitpunkt der Untersuchung angestellten Kinder bereits im Vorjahr auf den selben Feldern gearbeitet.

Der Großteil der angestellten Kinder stammt aus niedrig-kastigen oder kastenlosen Familien („Unberührbare“). Die Eltern sind größtenteils selbst arme Landarbeiter oder Bauern mit minimalem Landbesitz. Die Saatgut-Farmer hingegen gehören hohen Kasten an; zum Teil stammen sie aus anderen Regionen und haben ihre Betriebe wegen der billigen Arbeitskräfte in den untersuchten Distrikten angesiedelt. Ihre eigenen Kinder gehen überwiegend (74%) zur Schule und arbeiten nicht in den Familienbetrieben.

In den Gebieten, in denen der Arbeitskräfte-Bedarf nicht gedeckt werden kann, werden Kinder aus weiter entfernten Orten (30 - 100 km) angestellt. Sie werden vom Saatgut-Betrieb in eigenen Unterkünften untergebracht, meist in Gruppen von 10 - 30 Kindern. Ihre Arbeitsbedingungen sind schlechter als die der lokalen Arbeitskräfte, meist gehen sie bereits um fünf Uhr morgens auf die Felder und bleiben bis 18 oder 19 Uhr. Zusätzlich müssen einige von ihnen Hausarbeit verrichten. Von den 486 befragten Kindern waren 135 „Migranten“.

Abschätzung der Gesamtzahl arbeitender Kinder
Die Autoren der Studie berechneten die absolute Zahl der in der Baumwoll-Saatgutproduktion arbeitenden Kinder nach der Größe der bestellten Gesamtfläche, der durchschnittlichen Zahl von ArbeiterInnen pro Hektar sowie dem durchschnittlichen Verhältnis von Kindern zu erwachsenen Arbeitern. Dabei beschränkten sie sich auf den Bundesstaat Andhra Pradesh, in dem sie die Entwicklung seit Jahren dokumentieren. Für die vorliegende Studie wurden 22 Betriebe besucht. Mehr als 100 Betriebe wurden in vorhergehenden Untersuchungen begutachtet, die dort gewonnenen Daten fließen in die Abschätzung mit ein.

Im Schnitt werden in der Baumwoll-Saatgutproduktion 25 Kinder pro Hektar eingesetzt. Da die Hauptarbeit wie oben beschrieben in der Kreuzung der Pflanzen besteht und diese fast ausnahmslos von Kindern verrichtet wird, dürfte der Wert in nicht untersuchten Regionen ähnlich hoch liegen. Demnach stieg die Zahl der arbeitenden Kinder allein in Andhra Pradesh von rund 60.000 in der Saison 1990/91 auf 300.000 im Jahr 1999/2000. In der darauffolgenden Saison lag sie bei etwa 250.000.
Aufgrund von Initiativen der Landesregierung von Andhra Pradesh, NGOs wie der M.V. Foundation sowie internationalen Organisationen wie der ILO und Unicef ist die Gesamtzahl der arbeitenden Kinder in der Saison 2002/2003 gesunken. Aktuelle Zahlen liegen noch nicht vor.

Fall-Studie einer 12jährigen
Die 12jährige Narsamma arbeitet seit drei Jahren in den Baumwollsaat- Feldern eines Farmers im Distrikt Kurnool. Ihr Arbeitgeber produziert auf einem knappen Hektar die Baumwoll-Sorte „Brahma“ für den Saatgut- Multi Unilever.

Narsamma stammt aus einem Dorf, das in etwa 100 km Entfernung liegt. Dort besuchte sie drei Jahre lang die Schule. Obwohl ihre Eltern rund einen Hektar Land besitzen, reicht der Ertrag des Landes wegen der Trockenheit nicht aus. Von einem Arbeitsvermittler hatten sie 1998 ein Darlehen von 2000 Rs (knapp 50 Euro) erhalten, seitdem arbeitet Narsamma jeweils von Juli bis Dezember im Betrieb ihres Arbeitgebers. Zu Beginn erhielt sie 450 Rs pro Monat, heute sind es 800 Rs (19 Euro).
Zusammen mit anderen Kindern ist sie im Viehstall des Familienbetriebs untergebracht. Dieser besteht aus einem einzelnen kleinen Raum, in dem gleichzeitig Viehfutter aufbewahrt wird. Die Tiere werden während der Saison ins Freie ausquartiert.

Jeweils um sechs Uhr morgens macht sie sich auf den Weg in die Felder, wo sie bis 19 Uhr verschiedene Tätigkeiten ausübt (Kreuzung der Pflanzen, Unkraut jäten, Wasser holen, etc.). Im Tagesverlauf hat sie zwei Pausen von 20 min und 60 min. Um 20.30 Uhr erhält sie Abendessen und schaut mit den anderen Kindern im Haus des Verwalters eine Stunde TV, z.T. sortiert sie hierbei Baumwollsamen.

Mehrmals ist sie bei der Arbeit erkrankt, z.T. nach dem Einsatz von Pestiziden und nach längerer Arbeit im Regen. Ein Arzt wurde nicht hinzu gezogen, sie erhielt jedoch für die Zeit hohen Fiebers arbeitsfrei.

Saatgut-Produktion in Indien
Indien war 1970 das erste Land, in dem hybrides Baumwoll-Saatgut großflächig zum Einsatz kam. Die indische Regierung unterstützte den Wandel, indem sie in staatlichen Forschungsinstituten neue Sorten entwickelte und lizenzfrei anbot. Heute wird auf rund 9 Mio. Hektar Land Baumwolle angebaut, auf rund 40 % mit Hybrid-Saatgut. In Indien befinden sich 21 % der weltweit mit Baumwolle bepflanzten Fläche, rund 12% der Weltproduktion stammen aus dem südasiatischen Land. Die Produktion von Saatgut (nicht nur für Baumwolle, sondern auch für Mais, Sonnenblumen und Reis) ist in dem südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh konzentriert.

Neben den patentfreien Sorten sind zahlreiche Weiterentwicklungen privater Unternehmen auf dem Markt. Größtenteils basieren diese zwar auf den von staatlichen Instituten entwickelten Sorten - trotz der staatlich finanzierten Vorarbeit fließen die Lizenzgebühren jedoch ausschließlich an die Unternehmen. Heute machen lizenzfreie Sorten nur noch 20% des weiter wachsenden Marktes aus.

Die Rolle multinationaler Saatgut-Firmen
Allein in Andhra Pradesh vertreiben rund 100 Unternehmen hybrides Saatgut. Die größten Firmen gehören dabei zu multinationalen Saatgut-Konzernen, die auch Lizenzen eigener, patentgeschützter Sorten besitzen: Hindustan Lever (Unilever), Mahyco (Monsanto), Syngenta, Proagro (Bayer) und Advanta. Knapp ein Viertel der in Andhra Pradesh ansässigen Baumwoll-Farmen beliefert diese fünf Konzerne.
Die Zahl der in diesen Betrieben arbeitenden Kinder liegt bei über 50.000. Die Zulieferbetriebe von Unilever beschäftigen rund 25.500 Kinder, Syngenta: 6.500, Monsanto: 17.000, Bayer: 2.000 und Advanta 3.000.

Die indische Regierung hat im vergangenen Jahr die Zulassung für genetisch verändertes Hybrid-Saatgut erteilt. Als erstes wurde die Aussaat sogenannter Bt-Baumwolle von Monsanto erlaubt. Es wird erwartet, dass ursprüngliche Sorten weiter verdrängt werden und der Anteil multinationaler Unternehmen am indischen Saatgut-Markt weiter wächst.

Es folgen Kurzprofile der wichtigsten „Global Player“:

Syngenta India
Tochterfirma der Schweizer Syngenta AG; eines der führenden Saatgut-Unternehmen in Indien und drittgrößter Anbieter weltweit. Der Umsatz von Syngenta India beträgt 4,2 Milliarden Rs (rund 100 Mio Euro). Das Unternehmen entwickelt und vertreibt Hybrid-Saatgut für Mais, Gemüse, Jowar und Baumwolle, der Marktanteil für Baumwolle beträgt 5%. Wie die meisten Unternehmen vertreibt Syngenta auch lizenzfreie Sorten.

Hindustan Lever Limited (HLL)
Tochterfirma des englisch-niederländischen Konzerns Unilever (Knorr, Omo, Langnese, Lipton tea, etc.). HLL wurde bereits 1956 gegründet; die Firma bietet u.a. Reinigungsmittel, Getränke, Tierfutter und Getränke an und ist mit Haushaltswaren in jedem indischen Dorf präsent; gesamter Umsatz: 114 Milliarden Rs (2,7 Mrd Euro); Unilever hält 51,6% von HLL.
Das Saatgut-Geschäft macht einen Umsatz von 950 Millionen Rs jährlich aus, HLL gehört damit zu den fünf größten Anbietern in Indien; neben Baumwoll-Saat wird Saatgut für Mais, Gemüse und Jowar vertrieben. Besonders erfolgreich ist die hybride Baumwoll-Sorte „Brahma“, die ihre Anbaufläche in den vergangenen Jahren vervierfacht hat. HLL vertreibt auch lizenzfreies Saatgut.

Da sich das Mutterunternehmen aus dem Saatgut-Markt zurückgezogen hat, wurde im Jahr 2002 das Saatgutgeschäft von HLL in das Joint-Venture „Paras Extra Growth Seed Ltd“ ausgegliedert. Hieran hält HLL 26%, 74% liegen beim US-Unternehmen Emergent Genetic.

Monsanto/Mahyco
Der US-Konzern Monsanto ist weltweit der zweitgrößte Saatgut-Hersteller (Umsatz 2000: 1,6 Milliarden US $). Das Unternehmen hält Patente auf Bt-Gensequenzen (Bacillus Thuringiensis) und sogenannte Terminatorgene.
1997 hat Monsanto 26% der Firma Mahyco erworben, eines in ganz Indien präsenten Saatgut-Erzeugers. Ausserdem wurde mit Mahyco das 50:50 Joint-Venture Mahyco Monsanto Biotech (MMB) gegründet. MMB ist die erste Firma in Indien, die die Zulassung für gentechnisch veränderte, hybride Baumwollsaaten (Bt-Baumwolle) erhielt. MMB steht zudem mit Proagro (Bayer) in Verhandlungen über einen gemeinsamen Vertrieb von Bt-Baumwolle.

Proagro Seeds (Bayer)
Die Proagro Gruppe mit Sitz in Neu Delhi umfasst die Firmen Proagro Seed Company, Proagro-PGS India, Hybrid Rice International und MISR Hytech; sie gehört zu den fünf größten Anbietern von Saatgut in Indien. Die Proagro Seed Company ist bei Mais und Sorghum die Nummer eins, bei Sonnenblumen Nummer zwei; die Firma vertreibt auch Viehfutter und hybrides Baumwoll-Saatgut. Proagro-PGS ist auf Gemüse-Saatgut spezialisiert. Hybrid Rice International ist größter indischer Produzent von hybridem Reis, das Unternehmen ist präsent auf allen großen Märkten in Südost-Asien. MISR Hytech produziert hybride Gemüsesaaten und Getreide, vor allem in Nordafrika.

Die Proagro Gruppe gehört seit der Übernahme der Aventis CropScience AG für 7,2 Milliarden Euro zum Bayer-Konzern. Bayer ist weltweit zweitgrößter Anbieter für genetisch veränderte Pflanzen. Auf dem indischen Markt ist das Unternehmen mit Pharmazeutika und Pestiziden seit mehr als 100 Jahren präsent. Stammsitz von Bayer India ist Thale bei Bombay (weitere Infos: www.CBGnetwork.de).

Wie die meisten Konkurrenten vertreibt Proagro auch lizenzfreies Saatgut. Die Produktion von Baumwoll-Saatgut ist auf den Bundesstaat Andhra Pradesh konzentriert.

Advanta India Limited
Advanta India Ltd (früher: ITC Zeneca Ltd) ist die indische Tochter von Advanta B.V., die aus einem Zusammenschluss von Astra Zeneca Seeds (England) und Vanderhave Seeds (Holland) entstandt. Die Firma gehört weltweit zu den zehn größten Saatgut-Herstellern. Advanta India produziert hauptsächlich hybrides Saatgut, der Konzern ist Marktführer bei Sonnenblumen. Das Unternehmen produziert Baumwoll-Saatgut zum größten Teil in Andhra Pradesh.

Selbstverpflichtungserklärungen und Verbindungen zu Zulieferern
Die im vorstehenden Kapitel genannten Firmen nennen sich ausnahmslos „sozial verantwortungsbewusste Unternehmen“. So heißt es in einer Selbstverpflichtungserklärung von Unilever: „Um Erfolg haben zu können, müssen wir uns gegenüber unseren Angestellten, Kunden und der ganzen Gesellschaft zu den höchsten Standards unternehmerischen Verhaltens bekennen. Dies ist unser Weg zu einem nachhaltigen und profitablen Wachstum unserer Geschäfte und der Schaffung langfristiger Werte für unsere Aktionäre und Mitarbeiter“.

Bezüglich des Mindestalters seiner Angestellten und des Problems der Kinderarbeit heißt es im Report „Sozialbericht - Unilevers Ansatz für sozial verantwortungsbewusstes Handeln“: „Unilevers Richtlinien befolgen die “International Labour Organisation Convention on Minimum age„ und die neue “Konvention 182„, die die schlimmsten Formen von Kinderarbeit verbieten. Alle Tochterfirmen von Unilever kontrollieren diesbezüglich regelmäßig ihre Geschäftstätigkeit und haben eine Befolgung der Richtlinien zugesagt. Zum Beispiel gilt in Indien für alle Angestellten ein Mindestalter von 18 Jahren. Unsere Auftragnehmer und lizenzierten Hersteller müssen diesen Standard ebenfalls einhalten.“ (1)

Die Firma Syngenta behauptet: „Als Branchenführer in vielen Bereichen nehmen wir unsere ethische, soziale, wissenschaftliche und ökologische Verantwortung ernst. Das Vertrauen und die Zuversicht von Aktionären, Angestellten und Kunden, wie auch von Regierungen, Aufsichtsbehörden und Nachbargemeinden unserer Werke können wir nur gewinnen und behalten, wenn das Unternehmen bezüglich Fairness, Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit höchste Standards erfüllt.“

Monsanto, Bayer und Advanta bekennen sich in ähnlicher Weise zu sozialer Verantwortung. Unilever, Syngenta und Bayer sind Mitglieder des „Global Compact“, einer gemeinsamen Initiative der Vereinten Nationen und multinationaler Konzerne, mit der Menschenrechte, Sozialstandards und Umweltschutz befördert werden sollen. (2)

Die Aktivitäten der fünf untersuchten Konzerne im indischen Baumwoll-Anbau sind sicherlich nicht mit ihren eigenen Selbstverpflichtungs-Erklärungen vereinbar. Obwohl sie nicht direkt Kinder beschäftigen, kontrollieren sie doch grundlegend den gesamten Herstellungsprozess hybriden Saatguts - insbesondere die lokalen Saatgut-Hersteller, die Kinder tausendfach beschäftigen. Hierauf wird im nächsten Kapitel ausführlich eingegangen.

Verbindungen zwischen Konzernen und lokalen Farm-Betrieben
Die indische Gesetzgebung verbietet sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen den Besitz größerer Mengen Land. Die Agro-Konzerne sind daher bei der Produktion von Saatgut auf kleine landwirtschaftliche Hersteller angewiesen. In der Regel treten die großen Unternehmen mit den eigentlichen Produzenten nicht direkt in Kontakt; stattdessen schließen sie langfristige Lieferverträge mit Zwischenhändlern ab (sogenannten „seed organizers“), die das Saatgut ihrerseits von den Farmen aufkaufen (3). Die „seed organizers“ stellen dabei ein eher junges Phänomen dar: bis etwa 1990 wurden Lieferverträge direkt zwischen Saatgut-Unternehmen und lokalen Produzenten ausgehandelt. Erst durch den gestiegenen Bedarf und die viel höhere Zahl von Anbietern wurde die Einschaltung von Mittlern notwendig.

Die Verträge zwischen Agro-Unternehmen und „seed organizers“ legen vorab alle relevanten Größen fest: verwendete Sorten, produzierte Menge, Qualität, Vorschüsse und insbesondere den Abnahme-Preis des produzierten Saatguts. Die Bedingungen werden von den Zwischenhändlern an die lokalen Farmer weiter gereicht.

„Die Unternehmen sind an der Auswahl der lokalen Betriebe nicht beteiligt. Sie geben uns Zielgrößen vor, und wir wählen die landwirtschaftlichen Betriebe aus, die zu den vorgegebenen Bedingungen liefern können. Die Verträge, die wir mit den Zulieferern schließen, sind praktisch identisch mit denen, die wir mit den Abnehmern unterzeichnen. Wir liefern den Farmern Saatgut und erläutern ihnen die Qualitätsvorgaben der Unternehmen. Sofern wir Vorschüsse der Firmen erhalten, leiten wir diese an die Kleinbetriebe weiter. Das Unternehmen prüft nach der Ernte die Qualität und die Sortenreinheit und zahlt uns aus, wir bezahlen dann die Farmer“, erläutert ein Zwischenhändler von Syngenta. Zwischen der Abgabe der Ernte und der endgültigen Bezahlung der Kleinbetriebe liegen rund 4-5 Monate.

Obwohl also die Saatgut-Konzerne mit den lokalen Produzenten nicht selbst Verträge schließen, üben sie durch die Lieferung von Saatgut, die Bereitstellung von Kapital und die Festlegung des Abnahmepreises eine fast vollständige Kontrolle über die Farmer und die Arbeitsbedingungen aus. Zudem nehmen die Unternehmen direkt auf den Feldern regelmäßige Qualitätskontrollen vor und sind daher mit der Situation vor Ort und dem Einsatz von Kindern bestens vertraut.

Obwohl die „seed organizers“ die Verträge mit den Farmern schließen, sind sie bei der Festlegung der Abnahmepreise vollkommen abhängig - diese werden von den Unternehmen festgelegt. Die Zwischenhändler erhalten schlicht eine Provision (15-20 Rs für ein 750g Paket). Weder die Farmer noch die Zwischenhändler haben das Recht, Saatgut an Dritte zu verkaufen.

Die Gewinnspannen für die Unternehmen sind hoch. Beispielsweise lag der Verkaufspreis der Baumwoll-Saat „Brahma“ von HLL im vergangenen Jahr fast viermal höher als der Betrag, den die Zulieferer erhielten. Syngentas „Sandocot 35“ wurde für mehr als den dreifachen Erzeugerpreis verkauft.

Aufgrund der geringen Erzeugerpreise ist der Einsatz von Kindern fast vorprogrammiert - die Verwendung erwachsener (und damit teurerer) Arbeiter würde den Gewinn der lokalen Betriebe praktisch auf Null senken. Die Kosten für die Produktion eines Kilogramms Baumwollsaat liegen gegenwärtig bei etwa 220 Rs. Der von den Saatgut-Unternehmen gezahlte Preis beträgt etwa 290 Rs, der Gewinn der Farmer also etwa 70 Rs. Etwa die Hälfte der Kosten für die lokalen Betriebe entfallen auf Löhne. Wie oben erläutert liegen die Löhne für Kinder bei nicht einmal der Hälfte derer von Männern (18 Rs zu 40 Rs pro Tag). Eine Beschäftigung von männlichen Erwachsenen würde die Arbeitskosten von 110 Rs pro kg also in etwa verdoppeln - und damit den Farmer den gesamten Gewinn kosten.

Die im Rahmen der Studie befragten Farmer gaben denn auch zwei Gründe für den Einsatz von Kindern an: die niedrigen Löhne und die leichtere Kontrollierbarkeit. Stellvertretend ist die Aussage eines Betriebsleiters, der für Hindustan Lever produziert: „Uns wird ständig gesagt, dass wir keine Kinder beschäftigen sollen. Wenn wir aber Erwachsene einstellen müssten, hätten wir die doppelten Lohnkosten. Die Verkaufspreise machen es unmöglich für uns, erwachsene Arbeiter zu beschäftigen, denn obwohl unsere Kosten von Jahr zu Jahr steigen, bleiben die von den Unternehmen festgelegten Abnahme-Preise praktisch konstant. Zu Beginn der 90er Jahre zahlten wir einen Tageslohn von 8 Rs, und für ein Paket Saatgut (NHH 44 Hybrid) erhielten wir 150 Rs. Heute hat sich der Tageslohn auf 20 Rs mehr als verdoppelt, aber von den Unternehmen erhalten wir trotzdem nur 180 Rs pro Paket. Unsere Einnahmen sind dementsprechend gesunken.“ (4)

Aktuelle Initiativen gegen Kinderarbeit
Die Regierung des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh hat die Abschaffung von Kinderarbeit zu einem ihrer vorrangigsten Ziele erklärt. Unterstützt wird sie von lokalen NGOs und Medien. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO und die UN Entwicklungsorganisation UNDP haben zudem Projekte in den besonders betroffenen Distrikten gestartet. Im Rahmen einer Aufklärungskampagne der Regierung wurden 120 Fälle von Kindern dokumentiert, die in der Baumwollsaatgut-Produktion arbeiten, und ihre Arbeitgeber angemahnt.

Mehrere NGOs haben außerdem die großen Saatgutkonzerne um Stellungnahmen gebeten. Im Folgenden werden die Antworten dokumentiert:

Hindustan Lever (HLL)
Erstmals im Juni 2001 tauchten Medienberichte über die Verbindung von Kinderarbeit und Saatgutproduzenten auf. (5) HLL reagierte mit einer Pressemitteilung: „HLL arbeitet mit “seed organizers„ zusammen, die ihrerseits mit einer großen Zahl von Farmern in Verbindung stehen. Es gibt keinerlei direkte Kontakte zwischen HLL und Saatgut-Farmern. HLL kontrolliert die Auswahl der Farmer durch die Mittelsleute nicht. Typischerweise stellt der seed organizer den Farmern Saatgut zur Verfügung und vereinbart vorab die Abnahme der Ernte. Die Farm- Besitzer arbeiten in der Regel mit ihrer ganzen Familie in den Feldern und stellen bei Bedarf zusätzliche Arbeitskräfte ein. Weder HLL noch die Zwischenhändler sind bei der Auswahl der Arbeitskräfte beteiligt.“ (6)

Gegenüber der Entwicklungshilfe-Organisation NOVIB stellt ein Sprecher von Unilever fest: „Ich kann versichern, dass HLL im Kontext der Baumwollsaat-Aktivitäten keinen Gebrauch von Kinderarbeit macht. Dies gilt auch für die Unternehmen, die HLL beliefern. HLL führt regelmäßig Ortsbesuche durch, befragt seine Zulieferer und lässt sich den Nicht-Einsatz von Kindern bestätigen. Bezüglich der Situation auf den Feldern ist die Situation weniger eindeutig. Wir nehmen an, dass beim Anbau der von uns gekauften Baumwoll-Saaten keine Zwangsarbeit eingesetzt wird. In Indien - wie auch in anderen Entwicklungsländern - ist es allerdings üblich, dass Kinder auf den Feldern ihrer Familien arbeiten. Dies ist gängig in Gesellschaften, in denen Kinder als tätige Mitglieder der Familie gelten und als solche zum Einkommen der Familie beitragen müssen. Dies unterscheidet sich selbstverständlich von anderen Formen von Zwangsarbeit.“

HLL hat sein Saatgut-Geschäft kürzlich in das gemeinsam mit Emergent Genetics gegründete Joint-Venture „Paras Extra Growth Seed Ltd“ ausgegliedert. Bei einem Treffen von Saatgutfirmen, NGOs und Regierungsstellen am 3. August 2002 erklärte Mohan Rao, Sprecher von Paras Extra Growth: „Wir räumen ein, dass im Anbau von hybridem Baumwoll-Saatgut Kinderarbeit vorkommt. Dies ist ein reales Problem, dem wir uns als Saatgut-Industrie stellen müssen.“

Vertreter von Advanta, Proagro/Bayer und Mahyco/Monsanto äußerten sich auf Anfrage gegenüber dem Autor der Studie fast gleichlautend. Stellvertretend wird hier die Antwort von Mahyco zitiert.

Mahyco
„Unser Unternehmen beschäftigt weder selbst Kinder, noch ermutigt es seine Zulieferer dies zu tun. Wir sind aber nicht verantwortlich für die Zustände in landwirtschaftlichen Betrieben, mit denen wir direkt keine Verträge abschließen. Wir stimmen darin überein, dass Kinderarbeit in der Saatgut-Produktion weit verbreitet ist und dass die Saatgut-Industrie diesem Problem Aufmerksamkeit schenken muss. Wir müssen neue Technologien entwickeln, die den Arbeitsaufwand verringern. Unser Unternehmen hat neue, sterile Sorten entwickelt, die den Arbeitsaufwand halbieren.“7

Advanta
Advanta steht als einziger großer Saatgut-Produzent direkt mit lokalen Betrieben in Kontakt. Das Unternehmen lehnt dennoch jede Verantwortung für Kinderarbeit ab, da es selbst keine Kinder beschäftigt. Ein lokaler Vertreter der Firma äußerte, dass „unsere Firma keine Kinder beschäftigt und wir den Farmern keine Regeln vorschreiben können, da sie nicht bei uns beschäftigt sind. Die meisten Farmer, mit denen wir kooperieren, bestellen ihre Felder selbst. Hierbei werden auch ihre Kinder eingesetzt, der Einsatz von Kindern außerhalb der Familie ist geringer.“8

Obwohl die Saatgut-Farmer keine Angestellten von Advanta sind, übt die Firma in der Realität einen beträchtlichen Einfluss aus. So schreiben die Verträge zwischen Advanta und den Kleinbetrieben eine Kontrolle des Konzerns über den gesamten Produktionsprozess und die Arbeitspraktiken der Farmer fest. Wörtlich heißt es in einem solchen Vertrag, „der Saatgut-Farmer willigt darin ein, dass die gesamte Arbeit auf dem festgelegten Feldern unter Aufsicht und Leitung von Bevollmächtigten der Firma geschieht. Hierzu gehören die Bewässerung der Felder, Düngung, gegebenenfalls Anwendung von Pestiziden, Bestäubung, Entfernung von Unkräutern und schließlich zum vom Unternehmen festgelegten Zeitpunkt die Ernte. Während der Dauer des Vertrages haben Vertreter der Firma Zugang zu den vorher festgelegten Feldern, um den Fortgang der Arbeiten zu begutachten und die Umsetzung aller Abmachungen des Vertrages zu kontrollieren.

Kürzlich hat Advanta in die Verträge einen zusätzlichen Absatz aufgenommen, der die Einhaltung aller Gesetze bezüglich Kinderarbeit fordert. Das Unternehmen hat aber keine ernsthaften Anstrengungen unternommen, die Einhaltung dieser Klauseln zu erzwingen.

Syngenta
Die Firma Syngenta steht seitens europäischer Investment-Firmen unter Druck, das Problem Kinderarbeit anzugehen. Vertreter der Dresdner RCM Global Investors, einer britischen Tochterfirma der Dresdner Bank, haben in einem Gespräch mit Syngenta verlangt, keinerlei Kinderarbeit bei der Produktion von Saatgut zuzulassen. In Anbetracht möglicher negativer Presseberichte hat die Führung des Unternehmens beschlossen, dem Problem aktiv zu begegnen. Im oben genannten Treffen zwischen Saatgut-Unternehmen, NGOs und Regierungsstellen am 3. August 2002 in Hyderabad äußerte Dr. Shanthu Shataram, Leiter der Abteilung “Stakeholder Relation„: “Wir sind bei Syngenta sehr besorgt wegen des Problems der Kinderarbeit bei der Herstellung von Baumwoll-Saatgut. Wir möchten uns unserer Verantwortung stellen. Obwohl wir keine Kinder beschäftigen sind wir Teil des Problems. Jetzt wollen wir Teil der Lösung sein, um Kinderarbeit zu eliminieren.„

Tatsächlich hat Syngenta im vergangenen Jahr einige Schritte unternommen, um den Einsatz von Kindern zu verringern. In der gegenwärtigen Anbau-Saison wurde in die Verträge mit den “seed organizers„ erstmals ein Absatz aufgenommen, demnach “keine Kinder beim Anbau des Saatguts eingesetzt werden„. Die Zwischenhändler wurden zudem aufgefordert, mit einer größeren Zahl von Klein- und Familienbetrieben zusammen zu arbeiten, da das Management von Syngenta davon ausgeht, dass in Familienbetrieben weniger Kinder eingesetzt werden. Ausserdem wurden Konsultationen mit lokalen NGOs vereinbart.

Resümee
Die meisten transnationalen Saatgut-Unternehmen schließen keine direkten Verträge mit lokalen Saatgut-Produzenten ab. Dennoch ist die Aussage, wonach die Konzerne keinen Einfluss auf die Farmer und den Produktionsprozess ausüben, falsch. Obwohl die Firmen an der Saatgut- Produktion nicht direkt beteiligt sind, geben sie durch die Bereitstellung von Saatgut und die Festlegung von Abnahme-Preisen und Qualitätsstandards die wichtigsten Größen vor. Vertreter der Firmen nehmen zudem mit Hilfe der “seed organizers" häufige Kontrollen auf den Feldern vor (mindestens drei pro Saison), um die Umsetzung aller Vorschriften zu kontrollieren und um technischen Beistand zu leisten.

Es ist nicht wahr, dass kleine Farmen keine Kinder beschäftigen. Wie oben gezeigt, beschäftigen praktisch alle Betriebe Arbeitskräfte außerhalb der Familie - im Baumwoll-Saatanbau macht die Arbeit von außerhalb rund 90% aus. Selbst Kleinbetriebe stellen aufgrund der Arbeitsintensität eine hohe Zahl von ArbeiterInnen ein.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Aktivitäten multinationaler Saatgut-Unternehmen in Indien nicht mit den Erklärungen der Firmen zu sozial verantwortlichem Handeln vereinbar sind. Die Konzerne stellen zwar selbst keine Kinder an, üben aber zentralen Einfluss auf lokale Saatgut-Farmer aus, die ihrerseits Kinder in großer Zahl beschäftigen.

Die Unternehmen Syngenta, Unilever, Advanta und Emergent Genetics haben auf die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung reagiert und angekündigt, mit NGOs und der Landesregierung von Andhra Pradesh zusammen zu arbeiten. Bayer und Monsanto haben bislang nicht reagiert.
Es wäre für die großen Saatgut-Unternehmen ein Leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahme-Preise sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und diesbezüglichen Kontrollen das Problem zu lösen. Bislang sind solche ernsthaften Initiativen ausgeblieben.

Übersetzung und Layout: Coordination gegen BAYER-Gefahren
In Kooperation mit: Stiftung Menschenwürde & Arbeitswelt (Berlin) und Stiftung Umverteilen (Berlin)

1 ‚‘Social Review - Unilever‚s approach to corporate social responsibility‘'. (von der Unilever website : www.unilever.com
2 Eine Analyse der von Bayer beim Global Compact eingereichten Musterprojekte findet sich unter: http://www.cbgnetwork.org/home/UN_Global_Compact/un_global_comp act.html
3 von den in dieser Studie genannten Firmen schließt allein die Firma Advanta in einigen Gebieten direkte Verträge mit lokalen Produzenten.
4 Interview mit dem Saatgut-Hersteller Pullareddy am 21. Januar 2002
5 `Even Multinationals Employ Child Labour for Profit`, The Hindu Business Line, 21.6.2001
6 nach The Hindu Businessline, 25.6.2001
7 Interview mit Mr. Bapairaju, Produktionsleiter von Mahyco im Distrikt Kurnool, 21-1-2002
8 Interview mit einem Mitarbeiter von Advanta, der anonym bleiben möchte, Kurnool 22.2.2002

[Dormagen] 90 Fragen von Dormagener Bürgerinnen und Bürgern an die Bayer AG

CBG Redaktion

Gesammelt von der Dormagener Agenda 21 und übergeben am 4. Februar 2007, dem „Tag der offenen Tür“ der Bayer-Sondermüllverbrennungsanlage.

? Wie ist gewährleistet, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen - ausgelöst durch die Verbrennung der Hexachlorbenzol-Verbindungen - garantiert vermieden werden?
_________________________

Es wird stets argumentiert, dass die behördlichen Grenzwerte eingehalten werden. Unbeantwortet bleiben aber die Fragen:

? Welche absoluten Emissionen von Dioxin, HCB und anderen Giftstoffen werden durch die geplante HCB-Verbrennung entstehen?

? Mit welchen Mengen welcher Giftstoffe sind Schlacken und Filterstäube belastet?

? Wie soll über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte verhindert werden, dass toxische Schlacken und Filterstäube Luft und Wasser vergiften?

? Welche Mengen welcher Giftstoffe wurden im vergangenen Jahr verbrannt? Welche Mengen stammten nicht von Bayer?

? Wie hoch ist der Anteil von Fremdmüll im kommenden Jahr?

? Aus welchen Ländern stammt der Sondermüll?
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In dem Schreiben von Bayer an die Dormagener Haushalte heisst es sinngemäss, das NRW Umweltministerium habe keinen Zweifel an dem Know How von Bayer in dieser Sache. Dies ist eine Beschönigung der Tatbestände, wenn man folgende Antwort von Herrn Dr. Michalzik aus dem NRW Umweltministerium liest: „Herr Uhlenberg teilt grundsätzlich Ihren Unmut über Giftmüllexporte von Australien nach Europa bis hierher nach NRW. Er hat mich gebeten, Ihnen für Ihre e-mail zu danken und Ihnen zu antworten.

? Woher wissen wir, dass nicht in gleichem Maße, wie hier die Aussage des NRW Umweltministeriums beschönigt wurde, auch die Emissions-Grenzwerte verschleiert werden?

? Welche Krankheiten drohen uns nach diesem öffentlichen „Menschenversuch“? Wird hier nach dem Motto agiert: Die Unglücksfälle von heute sind die Grenzwerte von morgen?

? Warum soll die Verbrennung am dichtbesiedeltsten Standort Deutschlands erfolgen zu Lasten extrem vieler Menschen?

? Wieviel Giftmüll und welche Art plant Bayer in den kommenden Jahren zu akquirieren, um diesen in Dormagen zu verbrennen? (Zahlen)

? Welcher Geldbetrag fliesst bei dem Deal zwischen Bayer und Orica?

? Was passiert mit den Abfallprodukten aus der Verbrennung? Werden diese tatsächlich für den Straßenbau eingesetzt?
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Sehr geehrter Dr. Walter Leidinger, Leiter des Bayer-Chemieparks Dormagen,
mit Datum vom 25. Januar 2007 haben Sie mich davon unterrichtet, dass geplant ist, Sonderabfälle aus Australien (Mengen?) zusätzlich zu den bislang 65.000 Tonnen verschiedener Sonderabfälle im Bayer-Chemiepark Dormagen zu entsorgen. Das aus Australien gelieferte Hexachlorbenzol soll verbrannt und die Rauchgase sollen gereinigt werden. Die Rauchgase würden dann die vorgeschriebenen Grenzwerte unterschreiten.

Mir liegt als Wasserwirtschaftler insbesondere die Güte unserer Gewässer am Herzen. Deshalb frage ich Sie:

? Werden beim Rauchgasreinigen auch Wässer mit Schadstoffen belastet?

? Wieviel Schadstoffe gelangen davon gegebenenfalls in die Gewässer?
a) als Konzentration?
b) als Mengen?

? Wie sind Konzentrationen und Mengen in ihrer Umweltwirksamkeit zu bewerten?

Mit freundlichen Grüßen
Edgar Ephan (Diplomingenieur TH), Delhoven

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? Zwar lassen sich viele chemische Substanzen beim Verbrennungsprozeß bei z.B. bei 1000 Grad Cel. im Ofen spalten, einige fügen sich aber - aufgrund ihrer hohen Affinität zueinander kurz oberhalb des Schornsteins wieder zusammen, so dass sie keineswegs zerstört sind und das Gefährdungspotential somit weiter besteht.
Meine Frage: An welchem Punkt wird gemessen? Grenzwerte lassen sich leicht einhalten, wenn man dazu an der „richtigen“ Stelle mißt. Also: Wo genau wird gemessen?
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? Wenn aus der Anlage nichts herauskommt. Wozu braucht man dann einen Schornstein? Nur für den Störfall?
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Mitglieder des Stadtrates zeigten sich offenbar vom Ausmaß des „Mülltourismus“ der Fa. Bayer überrascht. Manche Ratsmitglieder hatten offenbar das Gefühl, früher „über den Tisch gezogen“ worden zu sein.

? Als die Stadt Dormagen in einer Rats- oder Planungsausschuss-Sitzung Bayer zugestimmt hat, dass Chemiemüll auch von außerhalb des Bayer-Werksgeländes herangeführt und verbrannt werden soll, war da vonseiten Bayer eindeutig transparent gemacht worden, dass auch Giftmüll aus anderen Bundesländern bzw. sogar aus dem Ausland vermarktet werden soll?

? Könnte da nicht- im juristischen Sinne - ein Dissenz zum Zeitpunkt dieses Vertragsabschlusses bzw Genehmigungsverfahrens vorgelegen haben, der diese Überraschung der Ratsmitglieder erklärt und den es aufzuarbeiten gilt?

? Wie hat Bayer dazu in den Entscheidungsgremien aufgeklärt?

Bayer betrachtet mit Stolz seine technologische Marktführerschaft auf dem Gebiet der HighTec-Müllverbrennung. Es steht zu erwarten, dass dieses Geschäft ausgebaut werden soll.

? Welche Kapazität hat die Sondermüllverbrennungsanlage heute?
? Zu wieviel Prozent ist die Anlage ausgelastet?
? Welche Kapazitätserwartungen bestehen für die nächsten 5 Jahre?

Bayer behauptet, sich völlig korrekt im Rahmen aller vorgegebenen Grenzwerte des Umweltbundes- oder Landesamtes zu verhalten.

? Hat Bayer bei der Festlegung der Grenzwerte und Formulierung dieses komplizierten technischen Sachverhaltes zur Genehmigung der Anlage dem Umweltamt mit seinem Sachverstand „beratend“ zur Seite gestanden?
? Steht die Ausweitung des Gefahrgut-Lagers auf dem Gelände in logischem Zusammenhang mit einer möglichen Ausweitung der Sondermüll-Verbrennungsaktivitäten?

„Es gibt immer ein Restrisiko“ sagte der Leiter der Verbrennungsanlage in der ngz vom 27.1.2007.
? Ist dieses Restrisiko quantifiziert worden?
? Bildet Bayer dafür laufend aus seinen Gewinnen (geschätzte 3 Millionen Euro aus dem laufenden australischen Geschäft) Rückstellungen?
? Wer zahlt im Katastrophenfall? Wer hat die Versicherung übernommen?
? Wie ist das Störfall-Management organisiert?
? Was passiert z.B. bei totalem Stromausfall, der sich - trotz vermeintlich getrennt gesicherter Stromnetze - doch noch ereignen könnte?
? Was passiert im Brandfall mit dem Löschwasser?

Erhalt und Schaffung von Arbeitsplätzen ist immer ein klassisches Argument für Wirtschafts-aktivitäten, die unter Beschuß geraten sind.
? Wieviele Arbeitsplätze hat die Anlage geschaffen? In wieviel Schichten?
? Sind das Vollzeitarbeitsplätze? Wieviele sind angelernte Arbeitskräfte? Sind das alles Fachkräfte?
? Wenn mehr als die Hälfte der Mitarbeiter in Großunternehmen üblicherweise innerlich gekündigt haben, woher kommt dann die Gewissheit, dass im Störfall - auch charakterlich - alles richtig gemacht wird und nicht vordringlich die eigene Haut gerettet wird? (vgl. auch den aktuellen Beinahe-Störfall im schwedischen Atomkraftwerk von Vattenfall)

Im Brief des Chemieparkleiters heißt es „Wir leisten mit der umweltgerechten Entsorgung von derartigen Sonderabfällen einen aktiven Beitrag zum weltweiten Umweltschutz.“
? Wird dabei nur die Gewinnsteigerung vor Ort als Handlungsmaxime gesehen und die komplette Umweltbelastung aufgrund des 16.000 km langen Transportes von Australien völlig ausgeblendet, weil man dafür ja nicht zuständig ist und demzufolge keine Verantwortung trägt?
? Auch dieser Transport-bedingte Umweltschaden ließe sich ja als Folge des Bayer-Angebotes quantifizieren?
? Im Schreiben an die Nachbarn verwendet die PR-Abteilung eine Serie von „selbstverliehenen Güte-Siegeln“ als Placebos gegen die Angst vor dem Gefährdungspotential aus der SMV-Anlage: „modernste Technik - verantwortungsvoller Umgang - bestens ausgebildet - umweltverträglich entsorgt - Stoffkreislauf sicher und umweltgerecht entsorgt - unsere Expertise an der Weltspitze - aktiven Beitrag zum Umweltschutz - höchste Sicherheitsstandards - vollständig verbrannt - aufwändige Rauchgasreinigung - Grenzwerte deutlich unterschreiten - permanent gemessen - online zur Verfügung gestellt.“

Vertrauen in die Zusagen der chemischen Industrie als Nachbar muß über Jahre organisch gewachsen sein. „Großes Verständnis für Ungewissheiten ... auch in Bezug auf Ihr eigenes Wohlbefinden.“ äußert mitfühlend der Chemieparkleiter.
? Woher nimmt Bayer den Glauben, mit einem solchen PR-Brief das gewachsene Mißtrauen bei vielen Menschen in der Nachbarschaft verringern zu können?
? Wohnt der Leiter des Chemieparks selbst in unmittelbarer Nähe seines Chemieparks und genießt dort die von ihm verantwortete frische Luft?
? Hat der Leiter des Chemieparks Kinder, die dort im Freien zur Schule oder in den Kindergarten gehen?
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Bei der Verbrennung von HCB ist mit der Entstehung von geringen Mengen Dioxin (2,3,7,8-TCDD, Tetrachlordibenzodioxin; 100.000 mal giftiger als Natriumcyanid) zu rechnen (immerhin 10-1000 ng/kg Abfall http://www.xfaweb.baden-wuerttemberg.de/alfaweb/berichte/tba18- 95/hcb0068.html

  • Heading5090_ ).

? Liegt der Grund für die Verteilung der relativ geringen Abfallmenge auf 2,5 Jahre darin, dass nur durch die damit verbundene Verdünnung die vorgeschriebenen Grenzwerte eingehalten werden können?

? Warum sollen die Behälter aus Brunsbüttel in Leverkusen umgeladen werden, obwohl Dormagen über einen eigenen Gleisanschluss verfügt? Birgt nicht jedes unnötige Umladen Risiken?

? Wie bewertet Bayer (oder BIS) die Tatsache, dass die australische Verursacherfirma die Verantwortung für die Entsorgung ans Ausland überträgt?
Eine wirtschaftliche Betreibung einer modernen Anlage ist sicher auch in Australien möglich.

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Bezüglich der Giftmülltransfers möchte ich einfach nur wissen:
? Sind alle relevanten Verträge bereits unterschrieben (wovon ich ausgehe)?
? Welche Laufzeiten haben diese Verträge?.

Wenn vertraglich alles unter Dach und Fach ist, halte ich die Sache für unumkehrbar. Damit hätten wir wieder ein Beispiel für profitorientierte Konzernpolitik, die völlig an den Interessen der Bürger unserer Stadt vorbei geht und diese zudem noch belasten bzw. gefährden.
? Natürlich werden durch die Lieferungen auch Arbeitsplätze gesichert. Aber man muß sich fragen, zu welchem Preis und auf wessen Kosten?

Als jemand, der seine Stadt am Fuße der Schornsteine liebt, fühle ich mich sehr betroffen und frage mich zudem:
? Wird mein kleines Grundstück/Häuschen nicht wertgemindert? Wer will denn jetzt noch freiwillig hier wohnen bzw. sich hier ansiedeln?

Ich sehe Schwierigkeiten für die Wachstumspolitik Dormagens voraus. Der Imageschaden ist sicher nicht zu unterschätzen: denn im Bewußt-sein der Menschen ist Dormagen als Wohnstadt weiter unattraktiv geworden.
? Welchen Anteil haben unsere Verwaltungsführung und unsere Ratsherren und -damen daran?
Sie haben schließlich einen Eid geschworen und sich verpflichtet alles zum Wohle der Stadt und ihren Bewohnern zu tun. Damit sind auch und gerade unsere Kinder gemeint, denn sie werden mit den Auswirkungen der Müllvernichtung zu tun haben, wenn es uns schon lange nicht mehr gibt.
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Es ist doch nur logisch, dass sich die Bürger der betroffenen Städte Sorgen darüber machen, wenn einer der 12 giftigsten Stoffe in ihrem direkten Lebensraum in die Luft geblasen werden soll. Es existiert m.E. derzeit noch keine Technologie auf der Welt, die diesen Stoff emissonsfrei entsorgen kann.
? Wie kann es sein, dass die Profitgier der Betreiber der Verbrennungsanlagen vor unserer Gesundheit rangiert?

* Wie ist es rechtlich überhaupt möglich, einen hier seit langem verbotenen Giftstoff vom anderen Ende der Welt einzuführen und zu entsorgen?
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? Kann es sein, dass die Bezirksregierung nicht einschreitet, weil sie einen Prozeß von Bayer mit Schadensersatzansprüchen fürchtet, dem sie nicht gewachsen ist?
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Alle reden über die wachsende Klimakatastrophe durch stetige Aufheizung der Erdatmosphäre:

? Womit wird der Ofen geheizt?
? Wieviel Energie wird dabei verbraucht?
? Wird entstandene Wärme genutzt oder verpufft sie?
? Welche CO2-Belastung ist damit zusätzlich verbunden? Kauft dazu Bayer zusätzlich Verschnutzungsrechte?
? Ist diese Bayer- Müllverbrennungsanlage nicht ebenfalls dazu angetan, das Klima aufzuheizen?
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? Welche Bayer-eigenen und fremden Teilbetriebe auf dem Chemiepark liefern schon jetzt mengenmäßig welche Emissionen? Und welche weiteren sind geplant?
Bitte eine Liste der Teilbetriebe übergeben.

? Können die verschiedenen Emissionen miteinander reagieren und unkontrollierbar in ihren Auswirkungen werden?

? Wie ist gewährleistet, dass die SMV-Anlage nach jeweils neuesten Erkenntnissen weiter entwickelt und ausgebaut wird?

? Wer von den Überwachungsbehörden hat dazu so viel Fachkenntnisse, um das Geschehen bei der Giftmüll-Verbrennung zu beurteilen?

Ist die Genehmigungsbehörde bei solchen von Bayer mit Stolz präsentierten, im Weltmarkt einzigartigen und konkurrenzlosen Chemieanlagen nicht tatsächlich auf die Mitarbeit der Bayer-Spezialisten angewiesen?

Wer gewährleistet dann die dringend benötigte fachliche Neutralität der Prüfinstanzen?
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? Was passiert mit den Rückständen aus der Verbrennung?

? Was wird in Zukunft noch alles auf dem Gelände von Bayer-Industry-Services stattfinden, ohne dass die Bevölkerung davon erfährt?

? Können Kinder bei uns überhaupt noch gesund aufwachsen?
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? Inwieweit übernimmt der Bayer-Konzern noch soziale Verantwortung in der Gesellschaft?

? Reduziert sich etwa inzwischen seine Verantwortung nur noch auf den wirtschaftlichen Erfolg?

? Wer - von neutraler Stelle - quantifiziert die Kosten, die z.B. bei der Verbrennung von Hexachlorbenzol bei der normalen Bevölkerung z.B. durch Atemwegserkrankungen anfallen?
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? Wie sieht der gesamte Zeithorizont im Genehmigungsverfahren der Bayer Sondermüllverbrennungsanlage in Dormagen aus?
Wann wurden welche Stufen von wem genehmigt?

? Und wie sieht die Planung für die nächsten 5 - 10 Jahren aus?
? Wie stark wird dieser lukrative Dienstleistungsbereich ausgebaut?
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? Wie will Bayer nach der PR-wirksamen Serie ...

1. Risiken und Nebenwirkungen des Medikamentes „Lipobay“

2. „mittelbare Beteiligung an gesundheitsschädlicher Kinderarbeit auf Indiens Baumwoll-Plantagen“,

3. „versehentliches Auftreten von Gen-technisch verunreinig-tem Reis aus den USA in deutschen Lebensmittel-Supermärk-ten“

4. der Auflösung des Zugehörigkeitsgefühls der Mitarbeiter zur Bayer-Familie, aufgrund der Zergliederung der Unternehmensteile

5. und jetzt hier vor Ort: das Bekanntwerden des Ausmasses an Verbrennung an gefährlichem Giftmüll für ferne Länder in der Welt mit erheblichem Gefährdungspotentail für die Menschen in der Region.

... das Vertrauen der Dormagener Menschen und Nachbarn zurückgewinnen? ______________________________________________________________

Wirtschaftliche Interessen konkurrieren mit den Zielen der Klimaforscher, deren Schlussfolgerungen inzwischen weltweit Konsens und unbestritten sind.

? „Global denken und lokal handeln“ ist ein Grundsatz der Lokalen Agenda 21 abgeleitet aus dem Kioto-Protokoll und der Konferenz von Rio. Ist diese Aussage auch relevant für Bayer Dormagen?

? Fühlt sich Bayer als Global Player von den Prognosen der aktuellen Klimakonferenz in Paris angesprochen?

? Welchen Beitrag gedenkt Bayer in Zukunft zur Verbesserung des Weltklimas zu leisten? Und würde davon auch Bayer Industry Services berührt sein?
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Bei der Verbrennung von Chemie- und Plastikabfällen bilden sich Dioxine und Furane. Das sind flüchtige krebserzeugende Gase, die - meines Wissens - kein katalytisches Verfahren und kein Filter einfangen kann. Sie werden dabei frei gesetzt. Zum anderen: Der schädlichste Raum liegt um den Kamin in einem Radius von 5 km Umgebung. Hier rieselt das Zeug runter. In diesem Radius ist die höchst belastete Zone. In diesem Radius liegen aber auch - wenn man sich den Stadtplan von Dormagen anschaut, viele Schulen und Kindergärten. Besonders betroffen wären Kinder und ältere Menschen.
? Übernimmt Bayer Industry Services hier die Garantie für eine körperliche Unversehrtheit speziell in dieser Zone? Wer haftet persönlich bei Bayer dafür?
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? Mit der stillschweigenden Ausweitung des Geschäfts- und Bearbeitungs-volumens der Sondermüll-Verbrennungsanlage auf z.B. die Verbrennung von hochtoxischen Hexachlorbenzol-Verbindungen aus Australien (die jetzt die Spitze eines Eisbergs von verborgenen überregionalen Sondermüll-Aktivitäten signalisiert) könnte Bayer Industry Services da nicht eine Fülle von Anfragen zur Wertminderung von nahen privaten und geschäftlichen Immobilien-Eignern auslösen?
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? In welchen Behältnissen soll der Giftmüll angeliefert werden?
? Wie lange lagert der Giftmüll bereits in den Transportbehältnissen?
? Bei welcher Temperatur soll das HCB verbrannt werden?
? Welche Endprodukte entstehen bei der Verbrennung? Dioxine ?
? Was geschieht mit den Dioxinen?
? Welche Schadstoffe bleiben übrig und welche Mengen werden als Emmission in die Luft abgegeben?
? Welche Schadstoffe bleiben in der Schlacke zurück?
? Wie hoch ist der Schadstoffantei in der Verbrennungsschlacke?
? Was passiert mit der Verbrennungsschlacke?
? Warum sollen wenige an der Giftverbrennung gut verdienen und andere die zusätzliche Giftbelastung ertragen?
? Es sollte kein Problem sein geeignete Anlagen für die Entsorgung beim Verursacher des Giftmülls zu erstellen?

Hermann und Ute Kienle,

Offener Brief an Herrn Dr. Leidinger, Bayer Industry Services

Sehr geehrter Herr Dr. Leidinger,

vielen Dank für Ihr Informationsschreiben vom 25.01.2007. Ihre Argumente für eine Verbrennung des australischen Giftmülls in Dormagen konnten uns nicht überzeugen. Anscheinend zählt für Sie nur die wirtschaftliche Seite. Als verantwortlicher Werksleiter kommt uns in Ihrem Handeln die soziale, menschliche Seite zu kurz. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen und Versicherungen werden Prozentanteile bei der Verbrennung in die Atmosphäre gelangen. Da wir bereits in einem äußerst belasteten Ballungsgebiet wohnen - angefangen von der Erdölchemie, Braunkohlewerke bis hin nach Alu Norf - sollten keine weiteren Umweltbelastungen hinzukommen. Wo bleibt bei Ihnen die Gesundheitsvorsorge für die Menschen die hier wohnen? Was nützen die schwarzen Zahlen, wenn die Menschen mittelfristig erkranken. Sie können letztlich nicht ausschließen, dass die Verbrennung des hochgiftigen Giftes aus Australien nicht schädlich ist. Ich erinnere nur an verschiedene Bayer Medikamente, die zunächst als vollkommen verträglich verkauft wurden, und nach einigen Jahren stellten sich die hochgradigen Gesundheitsschäden ein. Intuitiv fühlen die Menschen in unserer Region, dass es nicht in Ordnung ist, wenn Sie aus rein wirtschaftlichen Erwägungen den Giftmüll aus Australien hier verbrennen wollen. Insofern haben die Bewohner in Australien die Manager überzeugen können, welche Gefahren von Hexachlorbenzol ausgehen.

Der Hinweis, dass es in Australien noch nicht die hochwertige Verbrennungstechnik gibt, kann letztlich nicht zum Schaden der heimischen Bevölkerung heran gezogen werden. Was in Australien für die Menschen gilt, sollte hier genauso verantwortungsbewusst wahrgenommen werden. Wir schlagen vor, dass die moderne Verbrennungstechnik in Australien ebenfalls gebaut wird. Solange muss der Giftmüll weiter in Australien zwischengelagert werden. Es ist einfach ein Unding, wenn der Giftmüll rund 16.000 KM um die halbe Welt auf Schiffen nach Deutschland transportiert werden soll.

Wir appellieren an Ihr menschliches Gewissen, denken sie in erster Linie verantwortungsvoll an die Menschen die hier Leben! Stoppen Sie die Verhandlungen für den Giftmülltransport von Australien nach Dormagen.
Mit freundlichen Grüßen
Hermann und Ute Kienle

Hauptversammlung

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 18. März 2004

Bilanzpressekonferenz der BAYER AG

Kritische Aktionäre reichen Gegenanträge ein

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren reicht anlässlich der heutigen Bilanzpressekonferenz der BAYER AG Gegenanträge zur Hauptversammlung des Konzerns ein. „BAYER war im vergangenen Geschäftsjahr für eine Vielzahl von Missständen verantwortlich. Der Vorstand hat diese verursacht oder nicht verhindert, weshalb ihm die Entlastung verweigert werden muss“, heißt es in dem Antrag.

Im vergangenen Geschäftsjahr war der Konzern für eine Vielzahl von Skandalen verantwortlich:

Kinderarbeit bei indischen Zulieferern des Konzerns;
Behinderung freier Gewerkschaftsarbeit bei Bayer Philippines;
Forcierung von Gen-Nahrung gegen den Wunsch der Bevölkerungsmehrheit;
Mit-Verantwortung für das europaweite Bienensterben durch Verkauf des Insektizids Gaucho;
Gefährdung Tausender Patienten durch den Verkauf unwirksamer oder gefährlicher Pharmazeutika.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren macht seit 20 Jahren in den BAYER-Hauptversammlung auf die Schattenseiten der Konzernpolitik aufmerksam. Kritiker aus dem In- und Ausland werden die Gegenanträge in der Versammlung am 30. April begründen.

Es folgt der vollständige Text der Gegenanträge:

Gegenantrag zu TOP 2: Der Vorstand wird nicht entlastet

* Die von der Coordination gegen BAYER-Gefahren veröffentlichte Studie „Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau“ enthüllt, wie Saatgut-Konzerne von Kinderarbeit in ihrer schlimmsten Form profitieren: der indische Markt für hybride Baumwoll-Saaten wird von fünf multinationalen Unternehmen dominiert, darunter eine Tochterfirma von BAYER. Die Zulieferer der Multis beschäftigen Zehntausende Kinder, überwiegend Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren. Viele Kinder befinden sich in Schuldknechtschaft, sind also über Jahre von ihren Familien getrennt, um Darlehen abzuarbeiten. Eine Schulbildung erhalten sie nicht, damit bleiben sie ihr Leben lang im Armutskreislauf gefangen. Die Saatgut- Konzerne kontrollieren die Farmen mehrmals pro Jahr - es wäre für die Firmen ein Leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahmepreise sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und diesbezüglichen Kontrollen das Problem zu lösen. Die Kampagne der Coordination gegen BAYER-Gefahren hat dazu geführt, dass Vertreter von BAYER die Verantwortung für die Zustände bei ihren Zulieferern übernahmen und Abhilfe versprachen. Bislang ist unklar, ob die Kinder tatsächlich durch erwachsene Arbeitskräfte ersetzt werden - unabhängig davon ist einem Vorstand, der über Jahre hinweg Kinderarbeit bei seinen Zulieferern toleriert, die Entlastung zu verweigern.
* In den Philippinen versucht BAYER, gewählte Gewerkschafts-
vertreter aus den Werken zu drängen. Mehreren Gewerkschaftern wurde gekündigt, geltende Tarifverträge wurden nicht eingehalten, und mit Unterstützung der Firmenleitung wurde eine unternehmensnahe Gewerkschaft gegründet. Trotz mehrerer Gerichtsbeschlüsse wurden die Gewerkschaftsbeiträge seit mehreren Jahren nicht an die rechtmäßigen Arbeitnehmervertreter von der EMPLOYEES UNION OF BAYER PHILIPPINES ausgezahlt.
* Im südindischen Baumwollgürtel kommt es zu einer hohen Zahl von Vergiftungen durch Pestizide der Firma BAYER. Dies belegen Recherchen der TV-Journalistin Inge Altemeier. Da die Landarbeiter nicht über die Risiken des Gifteinsatzes aufgeklärt werden und keine Schutzkleidung besitzen, kommt es täglich zu Todesfällen. BAYER dominiert den indischen Pestizidmarkt. Große Mengen von in Europa nicht mehr zulassenen Agrogiften wie Monocrothopos lässt der Konzern von Subunternehmern produzieren - besonders im Industriegebiet von Vapi. Aufgrund fehlender Sicherheitsstandards sind Unfälle dort an der Tagesordnung. Das Grundwasser ganzer Landstriche ist mit dem Agrogift verseucht, so dass sich die Bewohner aus Tankwagen versorgen müssen und hierfür einen großen Teil ihres Einkommens aufbringen müssen. Die von BAYER vertriebenen Pestizide gelangen über die Baumwolle auch in die Textilproduktion. Die dort beschäftigten Arbeiterinnen atmen die Gifte in großen Mengen ein. Im Textilstandort Tripur beträgt die Lebenserwartung daher lediglich 35 Jahre.
* Das von US-Verbraucheranwalt Ralph Nader herausgegebene Magazin Multinational Monitor hat die BAYER AG auf die Liste der „Ten Worst Corporations 2003“ gesetzt. In der jährlich veröffentlichten Aufstellung werden Firmen aufgeführt, die „Verbraucher betrügen, die Umwelt verseuchen und Arbeiterrechte missachten“. Mehrere Skandale führten zu der Nominierung: jahrelang hatte BAYER Medikamente überteuert abgerechnet und das amerikanische Gesundheitsprogramm MedicAid um Millionenbeträge geprellt. Im Mai 2003 bekannte sich BAYER in einem Strafverfahren des Betrugs schuldig. Zivilrechtlich wurde der Konzern zusätzlich zu Zahlungen von rund 250 Millionen Dollar verurteilt. Im vergangenen Sommer brachten Recherchen der New York Times ans Licht, dass BAYER in den Achtziger Jahren ungetestetes Blutplasma nach Asien exportierte, während in den USA und Europa bereits sichere Präparate angeboten wurden. Zahlreiche asiatische Bluter infizierten sich mit HIV. Ebenfalls die New York Times enthüllte im vergangenen Jahr interne Dokumente, nach denen Mitarbeiter von BAYER die Risiken des Cholesterin-Senkers Lipobay frühzeitig kannten und das Management warnten. Trotzdem wurde das Präparat auf den Markt gebracht. Lipobay wird für mindestens 100 Todesfälle verantwortlich gemacht, rund 10.000 Klagen gegen BAYER sind noch anhängig.
* Der geplante Verkauf der Chemiesparte NewCo zieht erhebliche Nachteile für die Belegschaft nach sich. Tausenden MitarbeiterInnen drohen Einkommensverluste oder sogar der Verlust des Arbeitsplatzes. Bereits nach dem Lipobay-Desaster hatte der Vorstand Tausende von Arbeitsplätzen vernichtet. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert eine dauerhafte Beschäftigungs- und Gehaltsgarantie für alle Angestellten des Unternehmens.
* Der BAYER-Konzern ist mehrfach bei Bundeskanzler Schröder und Wirtschaftsminister Clement vorstellig geworden, um die Reform des EU-Chemikalienrechts zu verhindern. BAYER verbreitete zudem abenteuerliche Studien, wonach die Reform hunderttausende Arbeitsplätze vernichten würde. EU-Umweltkommissarin Margot Wallström hat daraufhin die deutsche Chemie-Wirtschaft der Lüge bezichtigt: wenn durch das Regelwerk tatsächlich Arbeitsplätze verloren gingen, gestehe die Industrie ein, dass tatsächlich zahlreiche Substanzen wegen ihrer Gefährlichkeit aus dem Verkehr gezogen werden müssten. Dies hätten die Konzerne aber immer bestritten. „Ich mag insbesondere die Panikmache der deutschen Chemie-Industrie nicht“, so Wallström. Der BAYER-Konzern produziert eine lange Liste hochgefährlicher Chemikalien: Weichmacher, Chlororganika, das hormonaktive Bisphenol A und hunderte von Pestiziden. In der Vergangenheit mussten zahlreiche BAYER-Produkte wegen der Vergiftung Tausender Menschen vom Markt genommen werden, u.a. PCBs, Holzschutzmittel und Pentachlorphenol.
* 80% der VerbraucherInnen lehnen Gentechnik im Essen ab. Denn trotz der gebetsmühlenartig wiederholten Versicherung der Industrie, dass Gen-Nahrung sicher und „tausendfach getestet“ sei, sind die langfristigen Risiken bis heute völlig unklar. So verdoppelte sich in den USA seit Einführung von Gen-Pflanzen die Zahl Nahrungsmittel-induzierter Krankheiten und Allergien. Frühere Versprechen („veränderte Gensequenzen können nicht auf herkömmliche Pflanzen überspringen“) stellten sich samt und sonders als falsch heraus. In Belgien wurde im Frühjahr der Antrag von BAYER auf Zulassung von Gen-Raps wegen unkalkulierbarer Risiken für die Umwelt abgelehnt. Trotzdem hält BAYER an dieser Risikotechnologie fest und hat die Zulassung gentechnisch veränderte Pflanzen in verschiedenen europäischen Ländern beantragt.
* Auf Druck des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) verzichtete die Bundesregierung auf die Einführung einer „Positivliste für Medikamente“ und des „Institut für Qualitätssicherung in der Medizin“. Die Positivliste hätte die Möglichkeit erbracht, nutzlose und risikoreiche Medikamente aus dem Leistungskatalog zu streichen. Hierdurch wären eine Verbesserung der Versorgung und Einsparungen in Milliardenhöhe zu erreichen. Der VFA wurde 1994 auf Initiative von BAYER gegründet und wird von Cornelia Yzer, früher Justitiarin bei BAYER, geleitet.

Gegenantrag zu TOP 3: Der Aufsichtsrat wird nicht entlastet

Begründung: Der Aufsichtsrat kommt seiner Kontrollfunktion nur ungenügend nach und soll daher nicht entlastet werden. Es folgen Beispiele einer umweltfeindlichen Konzernpolitik, die vom Aufsichtsrat mitgetragen werden:

* Am 13. Februar 2004 kam es im BAYER-Werk Baytown/USA zu einer Explosion im Bereich der TDA-Produktion. Auch in Deutschland stellt BAYER im großen Maßstab Toluylendiamin her - erst vor vier Monaten wurde im Werk Dormagen die weltweit größte TDA-Anlage in Betrieb genommen. Trotzdem ließ der Konzern einen Brief der Coordination gegen BAYER-Gefahren unbeantwortet, in dem sich der Verein nach den Ursachen des Störfalls und den Risiken für die Anwohner des Dormagener Werks erkundigt.
* Der BAYER-Konzern beteiligte sich an illegalen Geheim- Gesprächen der US-Umweltbehörde EPA mit Pestizidherstellern. Ziel der Konzerne ist eine Aufweichung der Pestizid-Grenzwerte.
* Das von der französischen Regierung beauftragte Comité Scientifique et Technique stellte kurz vor Weihnachten in einem Untersuchungsbericht fest, dass „die Saatgutbehandlung mit dem Pestizid Gaucho ein signifikantes Risiko für Bienen darstellt“. Französische Untersuchungsrichter leiteten zudem Ermittlungen gegen Bayer CropScience sowie gegen dessen Vorsitzenden Franck Garnier ein. Der Vorwurf lautet auf Handel mit „giftigen landwirtschaftlichen Produkten mit Schädigungen für die Gesundheit von Mensch oder Tier“. Der BAYER-Konzern behauptete daraufhin, eine Studie der französischen Lebensmittelbehörde AFSSA würde die Vorwürfe gegen Gaucho entkräften. Ein Sprecher der AFFSA wies diese Darstellung jedoch zurück: „Unsere Studie zeigt, dass der Wirkstoff Imidacloprid unter bestimmten Bedingungen zum Tod von Bienen führen kann.“ Fast die Hälfte aller Bienenvölker in Mitteleuropa fiel dem großen Bienensterben der letzten Jahre zum Opfer. Trotzdem weigert sich BAYER, das hierfür mitverantwortliche Insektizid vom Markt zu nehmen.
* In den USA ist ein geheimes Strategiepapier der Chemie-Industrie in die Öffentlichkeit gelangt: Demnach wollen die im American Chemistry Council zusammengeschlossenen Unternehmen (darunter BAYER) auf „schmutzige Tricks“ zurückgreifen, um vorsorgende Sicherheits-Tests von Chemikalien zu verhindern. Eine auf Schmutzkampagnen spezialisierte Werbeagentur soll Umweltaktivisten von ehemaligen Agenten ausspionieren lassen, Pseudo-Bürgerinitiativen gründen, fachfremde Organisationen (z.B. Minderheiten- oder Frauenorganisationen) als „unabhängige“ Bündnispartner kaufen und das Vorsorgeprinzip durch Öffentlichkeits-Kampagnen „stigmatisieren“. Ein selten deutliches Beispiel für den Machtmißbrauch großer Konzerne.
* Zu Beginn des Jahres musste BAYER in Kanada unlautere Werbekampagnen für Pestizide einstellen. Die irreführende Verwendung von Begriffen wie „sicher“, „umweltfreundlich“ oder „staatlich geprüft“ vermittelte den falschen Eindruck, dass staatliche Stellen den Einsatz von Pestiziden empfohlen hatten. Die Regulierungsbehörde Pest Management Regulatory Agency folgte einem Antrag der Umweltorganisation Earth Action. Betroffen ist u.a. das BAYER-Insektizid Admire. Neben der Einstellung der Werbekampagne verhängte die Behörde ein Bußgeld. Die Verharmlosung der immensen Gefahren von Pestiziden hat bei BAYER Tradition. So verstößt der Konzern seit Jahren gegen den Kodex der Welternährungsorganisation FAO, wonach Pestizidwerbung grundsätzlich auf Umwelt- und Gesundheitsrisiken hinweisen muss.

[Artikel] Kölner Stadt-Anzeiger

CBG Redaktion

29.04.06, Leverkusener Anzeiger

Wenning über Demonstranten verärgert

VON JAN STING,

Bayer lud zur Hauptversammlung in die Kölner Messe ein. 5600 Aktionäre kamen in die neue Halle. Beim gastronomischen Service muss noch etwas nachgebessert werden. Die Bilanzen schmeckten den Teilhabern besser.
Soziales Engagement steht einem Unternehmen gut zu Gesicht. Als Bayer am Freitag seine Aktionäre zur Hauptversammlung in die Kölner Messe einlud, zeigte man zur Einstimmung einen Film mit eindrücklichen Bildern aus den Suppenküchen der brasilianischen Dependance in Belfordt Roxo, berichtete über Fußballschulen, Bildungsangebote, die wissenschaftliche Nachwuchsförderung - kurzum: Es war das Bekenntnis zum global verantwortlichen Handeln. Aber Applaus kam nur beiläufig, wirkte wie eine Höflichkeitsfloskel.

Angeprangert
Der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning betonte im Anschluss trotzdem, „dass es nicht nur wichtig ist, für unsere Aktionäre Werte zu schaffen, sondern dass wir auch unserer besonderen Rolle als verantwortliche Bürger unserer Gesellschaft gerecht werden.“ Wie passte es da aber ins Bild, dass die nordrhein-westfälische Initiative „Eine Welt Netz“ sich vor der Messehalle mit Transparenten aufstellte, auf denen man den erneuten Einsatz von Kinderarbeitern auf indischen Baumwoll-Plantagen anprangerte, die für die Bayer-Tochter Pro-Agro Saatgut produzieren?
Wenning reagierte verärgert auf diesen neuerlichen Seitenhieb, wertete die Vorwürfe als „starkes Stück“ und „bewusste Verdrehung der Tatsachen“. Er versicherte, dass Bayer ein umfassendes Projekt zur Bekämpfung von Kinderarbeit entwickelt habe und Bayer CropScience dieses auch gezielt umsetze. Seitens der Kleinaktionäre zeigte man sich unschlüssig, wie man das Thema zu bewerten habe. „Vielleicht könnte man mal detailliert aufklären“, sagte Monika Bohnenkamp aus St. Augustin.
Ein Ehepaar aus dem Münsterland stieß sich an der gigantischen Leinwand-Inszenierung von Vorstand und Aufsichtsrat. Dass die Hauptversammlung ein Gegengewicht bilde, wie es der Idee der Kontrolle entsprechen würde, könne hier keiner mehr erkennen. 36 Meter lang und sechs Meter hoch war die Bühne. Und wie Norbert Drekopf, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit bei Bayer Industrie Services, betonte, hatte man in der Vorbereitung so seine Probleme mit der Beschallung der riesigen Messehalle. 5600 Gäste zählte man zur Mittagszeit. Und damit war man beim nächsten Problem. Weil jeder Aktionär bei Senf und Ketchup für insgesamt 11 500 Würstchen selbst auf die Tube drücken durfte, so Drekopf, verzögerte sich der Zeitplan der Bayer-Gastronomie.

Essen wichtig
Ein Fehler. Das Ehepaar aus Münster zum Beispiel zog ohne Verköstigung enttäuscht wieder ab. Und auch Monika Bohnenkamp monierte: „Für Pensionäre - und da gibt es ja viele unter den Aktionären - ist das Essen eben wichtig.“ Aber es gab auch zufriedene Teilhaber. Hans-Peter Klein aus der Pfalz zeigte sich glücklich über die Entwicklung seiner Aktien. Kurz vor dem Lipobay-Skandal hatte er sich mit Bayer-Aktien eingedeckt und dafür BASF-Aktien abgegeben. Lange habe er sich über diesen Schritt geärgert. Aber: „Langsam liegen sie ja wieder beim Einstiegskurs.“
Wenning bilanzierte ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2005, und auch im ersten Quartal des laufenden Jahres setze sich der Erfolgskurs fort. Nun stehe man mit Schering vor der größten Übernahme der Unternehmensgeschichte. Wachstum ist angesagt, der Anteil des Gesamt-Pharmaumsatzes soll von 25 auf 70 Prozent und damit auf über sechs Milliarden Euro steigen. Als zukünftige Kernbereiche nannte Wenning die Krebsforschung, Kardio- und Hämatologie sowie die Gynäkologie.

29.04.06, KSTA

Zweifel am Schering Deal

VON WILLI FELDGEN,

6000 Anteilseigner auf der Hauptversammlung in der Kölner Messe.
Köln - Das vom Bayer-Vorstand als große Wachstumschance gefeierte Vorhaben der Übernahme von Schering stößt bei den Anteilseignern der Leverkusener auf einige Vorbehalte. Das Thema stand zwar nicht auf der Tagesordnung, aber doch im Mittelpunkt der Diskussionen auf der Hauptversammlung am Freitag in der Kölner Messe. Zu dem Aktionärstreffen kamen über 6100 Anteilseigner in die neue Messehalle 9, rund 600 mehr als im Vorjahr. Für die Hauptversammlung selbst wendet der Bayer-Konzern nach Angaben von Vorstandschef Werner Wenning 2,3 (Vorjahr 2,0) Millionen Euro auf. Hinzu kommen 1,2 Millionen Euro für Erstellung und Versand der Einladungsunterlagen.

Atemberaubende Dimension
Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) äußerte Zweifel an der Angemessenheit des Kaufpreises für Schering: Das von Bayer vorgelegte Angebot in Höhe von 16,5 Milliarden Euro entspreche immerhin zwei Drittel des gesamten Bayer-Wertes an der Börse. Bayer biete den Schering-Aktionären einen „enormen“ Kaufpreis, der um 40 Prozent über dem Kurs der Schering-Aktie vor den ersten Übernahmegerüchten liege. Dies sei eine „atemberaubende Dimension“.
Sie kritisierte zudem, dass die Schering-Übernahme den Aktionären nicht zum Beschluss vorgelegt werde, sondern dieser Deal allein von Vorstand und Aufsichtsrat abgesegnet worden sei. Im vergleichsweise geringfügigen Fall der Abspaltung von Lanxess sei dagegen eigens eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen worden. „Um wie viel mehr müsste da unsere Zustimmung auch für die Schering-Übernahme eingeholt werden“, sagte Keitel.
Aktionärsvertreter Hans-Martin Buhlmann stellte ähnlich kritische Fragen. Vor einem Jahr hätte Bayer den Wettbewerber aus Berlin noch um acht Milliarden Euro billiger haben können, stellte Buhlmann unwidersprochen fest: „Musste es erst ein Übernahmeangebot von Merck geben, damit Bayer auch auf Schering aufmerksam wurde?“
Hans Richard Schmitz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hielt die Höhe der Dividende von 95 Cent pro Aktie für 2005 für nicht angemessen. Immerhin sei das Bayer-Ergebnis gegenüber dem Vorjahr um 133 Prozent gestiegen, die Dividende aber nur um gut die Hälfte dieses Wertes. Von der Rekordausschüttung von 1,40 Euro pro Aktie für das Jahr 2000 sei man schließlich „noch ein gutes Stück entfernt“.
Zu der Kennzahl von rund 6000 Arbeitsplätzen, die nach der Fusion weltweit wegfallen sollen, sagte Wenning, dies sei lediglich ein Wert, der sich an ähnlichen Fusionen orientiere. Der Integrationsprozess werde fair ablaufen. Bei dem Stellenabbau werde es „nicht Gewinner auf der einen und Verlierer auf der anderen Seite geben“. Den Job machten künftig „die Allerbesten - unabhängig davon, von welchem Unternehmen sie kommen“.
Weitere Themen der stundenlangen Diskussion waren zum Beispiel das finanzielle Engagement beim Fußballverein Bayer 04, die Verstrickung des Konzerns in immer neue Kartellverfahren, die immer noch nicht vollständig gestoppte Kinderarbeit bei Bayer-Zulieferern in Indien, Tierversuche bei Wirksamkeits- und Verträglichkeitstests von neuen Medikamenten und die Emissions-Bilanzen des Konzerns.

[epd] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

epd Entwicklungspolitik, Carolin Callenius

Multis tolerieren Kinderarbeit im Saatgutanbau

Internationale Konzerne wie Bayer, Unilever, Syngenta und Monsanto profitieren von ausbeuterischer Kinderarbeit auf den Felder ihrer Saatgut- Zulieferbetriebe, behauptet am Beispiel des indischen Baumwollanbau die jüngst veröffentlichte Studie des indischen Instituts Global Research and Consultancy Services. Hochgerechnet seien 450.000 Kinder in der Herstellung des Hybrid-Saatguts beschäftigt. Wenn sich auch die genaue Zahl streiten lässt, so nicht über die Tatsache, dass das Ausmaß die bereits international bekannten Sektoren mit Kinderarbeit in Indien, wie Teppichherstellung und Diamanten-Verarbeitung bei weitem übersteigt.

Die kritisierten Unternehmen beschäftigen nicht selbst unmittelbar Kinder. Die Produktion erfolgt in Tausenden lokaler Baumwoll-Farmen, die nominell unabhängig sind. Jedoch kontrollieren sie indirekt durch Qualitätsvorgaben, die Lieferung von Saatgut, die Bereitstellung von Kapital, langfristige Lieferverträge und die Festlegung der Abnahme-
preise den gesamten Saatgut-Herstellungsprozess. Insbesondere der Abnahmepreis ist für die Anstellung von Kindern verantwortlich. Würden die Farmer statt Kinder für 18 Rupien am Tag, erwachsene Arbeiter (26 Rupien für Frauen, 40 Rupien für Männer am Tag) anstellen, schmölze ihr Gewinn restlos dahin. Deshalb sei ihre Handlungsmöglichkeit gering, resümiert der Autor der Studie Davuluri Venkateswarlu.

Erst durch die flächendeckende Einführung von Hybrid-Saatgut in den 70er Jahren entstanden die spezialisierten Saatgutbetriebe. Die selbst nichtfortpflanzungsfähigen Baumwollsamen werden aus einer Kreuzung zweier Sorten gewonnen. In einem extrem arbeitsintensiven Vorgang müssen zunächst das Deck- und Blumenblatt und der Staubbeutel jeder einzelnen Pflanze entfernt werden. Für die Bewirtschaftung eines Hektar Baumwollpflanzen zur Saatgutherstellung werden 5.500 Arbeitstage im Jahr benötigt. 90 Prozent des Arbeitsaufwands allein erfordert die komplizierte Bestäubung, für vor allem von Mädchen im Alter zwischen 6 und 14 Jahren erledigt wird. Gerechtfertigt wird die Kinderarbeit vor allem damit, dass die Pflanzen selbst sehr niedrig seien und Kinder aufgrund ihrer Fingerfertigkeit gut für die Arbeit geeignet seien. Vielfach wird vorgegeben, dass nur Kinder aus Bauernfamilien an der Produktion beteiligt werden.

Die Situation stellt sich in der Studie anders dar. Ein Teil der Kinder müsse in „Schuldknechtschaft“ leben, so Rainer Kruse von der deutschen Sektion des Global March Against Child Labour. Sie werden von Werbern angeworben, die den überwiegend sehr armen Eltern in Zeiten geringer Einkünfte ein Darlehen anbieten. Daraufhin müssen die Kinder die ganze Saison (7 - 8 Monate) für die Arbeitgeber schuften. Die Arbeitszeiten sind nicht festgelegt – und für Kinder, deren Familien nicht ortsansässig betragen bis 12 -13 Stunden täglich. Die Arbeit auf den Feldern birgt große Gefahr für die Gesundheit der Kinder. Bis zu den Schultern stehen sie zwischen den Pflanzen, die zuvor mit Agro- Chemikalien behandelt wurden. Langfristige Folgen sind noch nicht bekannt, aber schon jetzt klagen viele über Kopfschmerzen, Atemprobleme oder Orientierungslosigkeit.

Die wenigsten der Kinderarbeiter haben eine Schule besucht. Das wichtigste Ziel für das Aktionsnetzwerks Global March sei daher, so Kruse, „dass die Kinder wieder in die Schule zu bekommen und ihnen damit langfristig einen Weg aus der Armut zu ermöglichen“. Zu diesem Zweck würde konkret, vor Ort mit den Firmen und Behörden zusammengearbeitet.

Als erste Landesregierung hat Andra Pradesh den Beschluss gefasst, die Kinderarbeit abzuschaffen. In gemeinsamer Anstrengung mit NROs (vor allem der MV-Foundation), der Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) und Unicef konnte hier die Gesamtzahl der arbeitenden Kinder in der zurückliegenden Saison gesenkt werden.

Die fünf kritisierten Konzerne haben alle Absichtserklärungen abgegeben bezüglich ihrer sozialen Verantwortung. Drei Unternehmen sind Mitglied des „Global Compact“, einer Initiative der Vereinten Nationen und der multinationalen Konferenzen, um Menschenrechte, Sozialstandards und Umweltschutz zu befördern. Fast alle Konzerne lehnen programmatisch Kinderarbeit ab. Auf Rückfrage erklärt Bayer, dass weder bei ihnen noch bei ihrem indischen Tochterunternehmen Kinder in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, lässt Norbert Lemken Sprecher des Konzern wissen.

Schon seit ein bis zwei Jahren gebe es in den Verträgen mit Bauern die klare Bedingungen, dass ohne Kinderarbeit produziert werden müsse, so Michael Stopford zuständig bei Syngenta für die Öffentlichkeitsarbeit globaler Themen im Gespräch mit epd-Entwicklungspolitik. Zur Einhaltung dieser Klausel sei zunächst das interne Management-System verantwortlich. In diesem Jahr hat Syngenta alle sieben Stufen der Produktion und Vermarktung geschult und das interne Management verbessert. Syngenta ist sicher, dass sie schon im kommenden Jahr Kinderarbeit auf ihren Feldern der Vergangenheit angehören wird, verkündet Stapford.

Syngeta beansprucht eine „moralische Führungsrolle“ und hat im Kreise der Konzerne eine koordinierende Funktion übernommen. Gemeinsam mit den anderen Unternehmen will es vor Ort in einer Task-Force mit Behörden und Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten. Von Seiten der Nichtregierungsorganisationen wächst die Ungeduld, nicht Absichtserklärungen sondern konkrete Kontroll-Schritte werden erwartet. Die Aussage von Bayer lässt hoffen: „Für den Bereich der Kindarbeit sind wir derzeit dabei, weitere Änderungen in den Verträgen mit den Zulieferfirmen aufzunehmen“, als Kontrollmechanismen stellen sie sich „zusätzliche Audits der Vertragspartner sowie klare Hinweise auf ein Verbot der Kinderarbeit in der Saatgutproduktion“ vor. Inwiefern alle Konzerne einem externen Monitoring zu Sicherstellung der Umsetzung zustimmen werden, bleibt zunächst offen. Auch Syngenta wollte gegenüber epd-Entwicklungspolitik noch keine Details dazu nennen.

Global March Against Child Labour fordert die Konzerne auf, die Abnahmepreise zu erhöhen. Der Bayer-Konzern, so ihre Pressemittei-
lung, könnte eine Vorreiterrolle bei der Befreiung der Kinder aus der Fron übernehmen, indem er Farmern angemessene Abnahmepreise zahlt, geknüpft an die Bedingung unverzüglich Erwachsene auf Mindestlohn-
basis einzustellen. Syngenta-Sprecher Stopford sieht in den Preisen nicht das Problem. Die Preise für Hybridsaatgut seien gut. Keiner der Produzenten habe gesagt, sie würden nicht mehr für Syngenta produzieren, wenn sie auf Kinderarbeit verzichten müssen – „wenn aber die Analyse stimmt, würden wir natürlich mehr bezahlen“.

Davuluri Venkateswarlu, Autor der Studie wird im Herbst diesen Jahres erneut die Situation auf den Produktionsbetrieben des Hybrid-Saatguts untersuchen. Dieses wird die dritte unabhängige Untersuchung in Reihe sein, an der auch Veränderungen ablesbar sein werden.

Kinderarbeit

CBG Redaktion

Jens Elmer, Eine Welt Netz NRW

Rede zur Jahreshauptversammlung von Bayer am 28.April 2006

Sehr geehrter Herr Wenning,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates,
sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Jens Elmer. Ich arbeite für das Eine Welt Netz NRW, den Dachverband entwicklungspolitischer Organisationen und Vereine in Nordrhein-Westfalen.

In meinem kurzen Beitrag möchte ich nicht so sehr auf die finanziellen, sondern mehr auf die moralischen Werte des Konzerns eingehen.

Vor eineinhalb Jahren haben unsere indischen Partnerorganisationen uns gebeten, darauf aufmerksam zu machen, dass in der Zulieferkette der Bayer AG Kinderarbeit existiert. Die 100%ige Bayer Tochter Pro Agro Seed Company aus Indien kauft Saatgut für Baumwolle von Zulieferfarmen auf, die Kinder beschäftigen.

Lassen Sie mich kurz erläutern, warum diese Form der Kinderarbeit nicht
mit der Hilfe im elterlichen Betrieb vergleichbar ist, die Sie, geehrte Damen und Herren, möglicherweise aus Deutschland kennen.

Schon achtjährige Mädchen arbeiten bis zu 12 Stunden täglich in der sengenden Hitze auf den Feldern. Sie dürfen selbst dann nicht vom Feld gehen, wenn giftige Pestizide gesprüht werden. Bei meinem Besuch in Indien vor 6 Monaten berichteten mir Kinder von Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen, einige mussten ins Krankenhaus. Der Schulbesuch bleibt ihnen verwährt und somit auch die Chance, dem Kreislauf der Armut zu entrinnen.

Diese Zustände finden sich nicht direkt bei Bayer selbst, sondern bei Zulieferbetrieben. Es stellt sich hier ganz allgemein die Frage, ob multinationale Konzerne nicht nur bei sich auf die Einhaltung der Menschenrechte achten müssen, sondern auch bei ihren Zulieferern.

Die OECD-Leitlinien für multinationale Unternehmen beantworten diese Frage klar: Die Verantwortung soll sich auch auf Zulieferbetriebe beziehen.
Aus diesem Grund reichten im Jahr 2004 Nichtregierungsorganisationen Beschwerde gegen Bayer beim Bundeswirtschaftsministerium ein wegen Verletzung der OECD-Leitsätze. Die Beschwerde ist noch nicht entschieden.
Dazu meine erste Frage an Sie: Wie möchten Sie die seit 2 Jahren anhängige Beschwerde zum Ende führen?

Bayer weiß von der Kinderarbeit in der Zulieferkette seit 2003. Erst durch Medienberichte, zuletzt im ARD-Fernsehmagazin Monitor, und öffentlichen Druck in Deutschland hat Bayer langsam angefangen, seine Verantwortung wahrzunehmen. Bayer entwickelte im Jahr 2005 einen Aktionsplan. Daher kam es in der abgelaufenen Erntesaison zu einer Reduzierung der Kinderarbeit von 1500 auf 450, wie der indische Wissenschaftler Dr. Davuluri Venkateswarlu ermittelte. Diese Reduzierung begrüßen wir.

Das bedeutet aber andererseits, dass der Weltkonzern Bayer seinen Jahresgewinn von etwa 1,7 Mrd. € im Jahr 2005 auch auf dem Rücken indischer Kinder erwirtschaftet hat.

Sicherlich ist Kinderarbeit in Indien verbreitet, viele kleine lokale Firmen profitieren davon. Es darf aber bezweifelt werden, dass sich Bayer mit diesen Firmen auf eine Stufe stellen möchte – sowohl von den eigenen moralischen Ansprüchen als auch von den finanziellen Möglichkeiten her!

Vor diesem Hintergrund meine zweite Frage an den Vorstand:
Inwieweit können Sie sich vorstellen, die Kinder, die jahrelang auf den Zulieferfarmen von Bayer gearbeitet haben, finanziell zu entschädigen?

Das Thema BAYER und Kinderarbeit zieht immer weitere Kreise: Einige Finanzinstitute wie Ethix und SAM, zuständig für den Dow Jones Sustainability Index, sowie mehrere kirchliche Invstoren wie die Schwedische Kirche, wandten sich mit kritischen Nachfragen zum Thema Kinderarbeit an Nichtregierungsorganisationen, indische Partnerorganisationen und einige auch an BAYER. Ebenso kontaktierte der Norwegian Government Petroleum Fund, der nach eigenen Angaben 0,77% der BAYER-Aktien hält, Nichtregierungsorganisationen.

Sehen Sie, sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes, es auch als finanzielles Risiko an, wenn Finanzinstitute und große Investoren sich über die Mißachtung der Menschenrechte und sozialer Standards bei Nichtregierungsorganiationen und bei Ihnen selbst erkundigen?

Einer Studie von indischen Wissenschaftlern und der Universität Oxford zufolge liegt der Hauptgrund für Kinderarbeit in den zu niedrigen Abnahmepreisen, die Bayer den Farmern zahlt: BAYER ist bereit, 5 Prozent mehr zu zahlen, doch 37 Prozent wären nötig, damit die Farmer statt Kinderlöhnen höhere Erwachsenenlöhne auf Basis des gestzlichen Mindestlohnes zahlen könnten.

Möchte Bayer in Zukunft um 37% erhöhte Abnahmepreise zahlen, um den Farmern die Befähigung zu geben, Erwachsenen die Mindestlöhne zu zahlen und auf Kinderarbeit zu verzichten?

Bisher lehnt BAYER höhere Abnahmepreise mit dem Argument ab, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Abnahmepreisen und der Abschaffung der Kinderarbeit. Vielmehr verweisen Sie auf Maßnhamen zur Produktivitätsteigerung.

Wie sollen diese Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung aussehen? Wie werden die Farmer geschult? Wird Bayer genetisch verändertes Saaatgut einsetzen?

Schon im letzten Jahr war Bayer zuversichtlich, Kinderarbeit in der Zulieferkette zu unterbinden. Dies ist, wie eben geschildert, leider nicht gelungen.

Daher meine Frage: Was wird Bayer dieses Jahr ändern, damit nicht wieder Kinder unter katastrophalen Bedingungen für Bayer-Gewinne arbeiten müssen?

Nun zum letzen Punkt:
Bei meinem Besuch in Indien berichteten mir Ärzte in Krankenhäusern von Erwachsenenen und Kindern, die nach der Pestizidausbringung mit schweren Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Darunter sind auch Todesfälle. Sie haben bereits in Ihrem Jahresbericht der Bayer AG von 1995 zugesagt, bis zum Jahr 2000 alle Pestizide vom Markt zu nehmen, die in die Gefahrenklasse 1 der Weltgesundheitsorganisation eingestuft werden.
Auf eine Anfrage bezüglich des Pestizides Monocrotophos, eingestuft in Klasse 1, haben Sie im November 2005 geantwortet: „Der Verkauf von Monocrotophos wurde Ende 2004 eingestellt. Wir haben Restbestände aus dem Handel zurückgerufen und diese sachgerecht entsorgt.!“
Wir konnten aber im September 2005 noch Monocrotophos von Bayer, ein Pestizid der Klase 1, in Indien kaufen. Die Quittung habe ich Ihnen hier mitgebracht. Es steht auch noch auf den offiziellen Verkaufslisten von Bayer in Indien.
Daher meine Frage: Wie ist es zu dieser Fehlinformtion gekommen?
Abschliessend meine letzte Frage an Sie: Wann lösen Sie endlich Ihr Versprechen von 1995 ein, alle Pestizide der Klasse 1 vom Markt zu nehmen?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit

Hauptversammlung

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 15. März 2005

zur heutigen Bilanzpressekonferenz der BAYER AG:

Kritische Aktionäre reichen Gegenanträge ein

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren reicht zeitgleich zur heutigen Bilanzpressekonferenz der BAYER AG Gegenanträge zur Hauptversammlung des Konzerns ein. Das Unternehmen missachtet demnach den Schutz der Umwelt und schädigt mit seinen Produkten Tausende Personen. „Der Vorstand trägt hierfür die Verantwortung, weshalb ihm die Entlastung verweigert werden muss“, heißt es in dem Antrag.

Im vergangenen Geschäftsjahr war der Konzern erneut für eine Reihe von Skandalen verantwortlich:

* Preisabsprachen mit Konkurrenz-Unternehmen;
* Verkauf hochgefährlicher Pestizide in Entwicklungsländer;
* Kinderarbeit bei indischen Zulieferern;
* Störfälle, bei denen regelmäßig giftige Chemikalien austragen;
* Gefährdung von Patienten durch den Verkauf unwirksamer oder gefährlicher Pharmazeutika.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren macht seit 20 Jahren auf die Schattenseiten der Konzernpolitik von BAYER aufmerksam und wird die Gegenanträge in der Hauptversammlung am 29. April erläutern. Im Folgenden dokumentieren wir den Antrag im vollen Wortlaut:

An die BAYER AG
51368 Leverkusen

Gegenanträge zur BAYER-Hauptversammlung am 29. April 2005

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit zeigen wir an, dass wir zu den Punkten 2 bis 6 der Tagesordnung den Vorschlägen des Vorstands und des Aufsichtsrats widersprechen und die anderen Aktionäre veranlassen werden, für die folgenden Gegenanträge zu stimmen. Um Mitteilung dieser Gegenanträge sowie der nachstehenden Begründungen gemäß §§ 125, 126 AktG dürfen wir bitten.

Gegenantrag zu TOP 2: Der Vorstand wird nicht entlastet
Begründung: Der BAYER-Konzern verursachte im vergangenen Geschäftsjahr eine Vielzahl von Missständen. Der Vorstand trägt hierfür die Verantwortung, weshalb ihm die Entlastung verweigert werden muss.
Es folgt eine Auswahl aktueller Problemfälle:

* BAYER tätigt regelmäßig Preisabsprachen mit der Konkurrenz und wurde dabei allein im vergangenen Jahr vier Mal erwischt. Im Sommer musste der Konzern 66 Millionen Dollar Strafe zahlen - BAYER hatte sich gegenüber US-Behörden schuldig bekannt, mit anderen Herstellern die Preise für Kunststoff-Zusätze abgesprochen zu haben. Im Herbst erhielt BAYER erneut eine hohe Strafe, diesmal 33 Mio Dollar wegen eines Kartells mit mehreren Polyester-Produzenten. Kurz darauf musste der Konzern illegale Absprachen beim Verkauf von Kautschuk-Chemikalien einräumen und 4,7 Mio Dollar Strafe zahlen. In Portugal wurde BAYER wegen Preisabsprachen beim Verkauf von Diabetes-Tests verurteilt. Illegale Kartelle sind bei BAYER seit vielen Jahren an der Tagesordnung. Diese Praxis wird vom Vorstand augenscheinlich gedeckt.

* Die von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) im Jahr 2003 veröffentlichte Studie „Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau“ enthüllte, wie internationale Saatgut-Konzerne von Kinderarbeit profitieren. Zulieferer der indischen BAYER-Tochter ProAgro beschäftigten demnach mehr als 2.000 Kinder zwischen sechs und 14 Jahren. Sprecher von BAYER bekannten sich nach Veröffentlichung der Studie zu ihrer Verantwortung und versprachen Abhilfe. Neue Untersuchungen zeigen aber, dass sich die Situation bei ProAgro kaum gebessert hat: auch im vergangenen Jahr arbeiteten rund 1.650 Kinder für Zulieferer der Firma. Dies ist unvereinbar mit den Standards der ILO, der OECD und der UNO.

* Seit den 20er Jahren finanziert BAYER Politiker - seinerzeit bekannt als das „System Duisberg“. Zahlreiche Mitarbeiter des Konzerns wurden Abgeordnete und sogar Minister. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren nahm die aktuelle Diskussion zum Anlass, einen Offenen Brief an das Unternehmen zu senden. Darin fragten wir nicht nur, welche Abgeordnete ein Gehalt oder Zuwendungen vom BAYER-Konzern bezogen haben, sondern auch, in welche staatliche Einrichtungen (Behörden, Forschungseinrichtungen, Universitäten) Mitarbeiter des Unternehmens abgestellt wurden. Der Konzern bleibt bis heute eine Antwort schuldig. Generell beantwortet BAYER nur solche Fragen, die dem Unternehmen genehm sind - ein klarer Widerspruch zur Kampagne „Chemie im Dialog“.

* In der Umgebung des mittlerweile von der LANXESS AG betriebenen Werks Durban/Südafrika wurden hochgefährliche Chromverbindungen im Grundwasser gefunden. Den Anwohnern wurde dringend empfohlen, das Wasser aus angrenzenden Brunnen weder zum Kochen noch zum Trinken zu verwenden. LANXESS streitet die Verantwortung nicht ab, behauptet aber, seit 1991 kein Chrom mehr herzustellen; die Verunreinigung wäre von Altlasten ausgegangen. BAYER hatte die Firma Chrome Chemicals in Durban 1968 übernommen. Wegen mangelhafter Sicherheits-Einrichtungen erlitt ein Drittel der Belegschaft bleibende Gesundheitsschäden. Mindestens acht Arbeiter starben an Lungenkrebs, zwei weitere an Tuberkulose. Selbst die Apartheids-Regierung hatte 1976 in einem Bericht Sicherheitsmängel und Gesundheitsprobleme der Belegschaft moniert. Nach Protesten südafrikanischer Gewerkschaften sowie der Coordination gegen BAYER-Gefahren, die zu umfangreichen Medienberichten führten, schloss BAYER 1991 die Chrom-Produktion und entließ einen Großteil der Beschäftigten. Eine Kompensation der betroffenen Arbeiter sowie der Hinterbliebenen unterblieb. Die Vergiftung des Grundwassers zeigt, dass BAYER zudem versäumt hat, in den vergangenen 14 Jahren eine Dekontamination des Geländes vorzunehmen.

* Ein US-Gericht hat BAYER im vergangenen Jahr zu 400.000 Dollar Schadensersatz verurteilt. Der 33-jährige Miguel Valverde hatte vor sechs Jahren einen Schlaganfall erlitten, nachdem er drei Tage das Erkältungsmittel Alka-Seltzer Plus eingenommen hatte. Die Geschworenen stellten fest, dass BAYER ein „mangelhaftes, gefährliches Pharmaprodukt“ vertrieben hatte, obwohl ungefährliche Alternativprodukte verfügbar waren. Alka Seltzer Plus enthielt bis zum Jahr 2000 den Inhaltsstoff Phenylpropanolamin (PPA), der das Risiko eines Schlaganfalls um das Anderthalb- bis Dreifache steigen lässt. BAYER kannte die Risiken von PPA seit Jahrzehnten. Die Pharma-Industrie hielt jedoch ihre eigenen Studien zurück, um die Umsätze PPA-haltiger Medikamente von mehreren Hundert Millionen Dollar pro Jahr nicht zu gefährden. Schlimmer noch: Unter Führung von BAYER legten die Hersteller Gegengutachten vor und drohten mit Klagen, um ein Verbot seitens der US-Gesundheitsbehörde zu verzögern. Hunderte Menschen mussten diese Strategie mit dem Leben bezahlen. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert zusätzlich eine strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen bei BAYER und anderen Unternehmen.

* Rund 40 Millionen Amerikaner befolgen die sogenannte „Atkins-Diät“, die den Verzehr von Fleisch, Eiern und fetthaltigen Nahrungsmitteln uneingeschränkt erlaubt, die Aufnahme von Brot, Reis, Obst und Gemüse hingegen stark einschränkt. Ernährungswissenschaftler warnen eindringlich vor Mangelerscheinungen, Verdauungsprobleme und Kreislauferkrankungen. Trotzdem versucht die Pharma-Industrie, von der „Mode-Diät“ zu profitieren. Der BAYER-Konzern brachte speziell zur Ergänzung der Atkins-Diät den Vitamin-Cocktail CarbSmart auf den Markt und machte hiermit mehrere Millionen Dollar Umsatz. Den Verantwortlichen bei BAYER sollte bekannt sein, dass die Atkins-Diät gesundheitsschädlich ist und dass Vitaminpräparate niemals eine ausgewogene Ernährung ersetzen können. Wieder einmal zeigt sich, dass der Pharma-Industrie die Gesundheit der Bevölkerung herzlich egal ist - solange die Umsätze stimmen.

Gegenantrag zu TOP 3: Der Aufsichtsrat wird nicht entlastet
Begründung: Der Aufsichtsrat kommt seiner Kontrollfunktion nur ungenügend nach und soll daher nicht entlastet werden. Es folgen Beispiele einer umweltfeindlichen Konzernpolitik, die vom Aufsichtsrat mitgetragen werden:

* Beinahe täglich kommt es in BAYER-Werken zu gefährlichen Unfällen - auch eine Folge der fortschreitenden Ausdünnung der Belegschaft. Eine kleine Auswahl von Ereignissen im zweiten Halbjahr 2004: Im Werk Addyston (USA), das seit 2005 von LANXESS betrieben wird, traten allein neun Mal giftige Chemikalien aus. Am 23.11.04 kam es im Brunsbütteler BAYER-Werk zu einer Explosion, fünf Beschäftigte mussten im Krankenhaus behandelt werden. Am 29.9.04 trat im Uerdinger BAYER-Werk Aktivkohle aus, acht MitarbeiterInnen kamen ins Krankenhaus. Ebenfalls in Uerdingen traten am 11. Dezember 400 Kilo der giftigen Adipin-Säure aus. Am 3. November stiegen im Dormagener Werk nach einem Stromausfall Chlor und Nitrose-Gas auf, ein 15-jähriger Junge atmete giftiges Chlor ein und kam ins Krankenhaus. Da die Chlorgas-Wolke in Richtung Bahngleise trieb, musste die Feuerwehr den angrenzenden Zug-Verkehr sperren. Am 26.8.04 kam es im Werk von GE BAYER SILICONES zu einem Zwischenfall: bei Reparatur-Arbeiten an einem Kesselwagen schlug dieser Leck, giftige Salzsäure-Dämpfe stiegen auf.

* Die Umweltbehörde im kanadischen Bundesstaat Ontario unterzog rund dreißig Werke im Chemiegürtel von Sarnia einer gründlichen Prüfung. In den vergangenen Jahren hatte die Wasserversorgung der umliegenden Gemeinden mehrmals wegen Lecks und Störfällen unterbrochen werden müssen. Zwanzig Fabriken, darunter vier von BAYER, erhielten im vergangenen Jahr Abmahnungen. Die Verweise wurden erteilt wegen fehlender Betriebsgenehmigungen, ungenügender Deklaration von Giftmüll und nicht-genehmigtem Umbau von Anlagen. Die Umweltministerin von Ontario übte scharfe Kritik am Verhalten der Chemie-Industrie.

* Im südindischen Baumwollgürtel kommt es weiterhin zu einer hohen Zahl von tödlichen Vergiftungen durch BAYER-Pestizide. BAYER dominiert den indischen Pestizidmarkt und lässt große Mengen von in Europa nicht mehr zulassenen Agrogiften wie Monocrothopos von Subunternehmern produzieren. Aufgrund fehlender Sicherheitsstandards sind Unfälle an der Tagesordnung, das Grundwasser ganzer Landstriche ist verseucht.

* In mehreren BAYER-Fabriken soll aus Kostengründen die Werks-Feuerwehr abgeschafft werden, u.a. in Wuppertal und Wolfenbüttel. Im Notfall vergeht mehr Zeit, bis Hilfe von außerhalb eintrifft. Die Sicherheit der Belegschaft wird aus Profitgründen aufs Spiel gesetzt.

* Der Umweltverband Friends of the Earth hat in den vergangenen Jahren mehrere Studien zu Risiken von Pestiziden gesammelt. Größtenteils handelt es sich um Untersuchungen von BAYER zu dem Agrogift Glufosinat. Als BAYER davon Wind bekam, wollte der Konzern eine Veröffentlichung der legal erhaltenen Studien gerichtlich untersagen. Nach dem Willen des Konzerns sollte Friends of the Earth nicht einmal den Titel der Studien oder die Adresse, wo die Untersuchungen angefordert werden können, nennen dürfen. Dies ist nicht der erste Fall, in dem der Konzern die Arbeit von Umweltschützern juristisch angreift. Gerichtlich konnte BAYER seine Forderungen jedoch nicht durchsetzen.

* Im vergangenen Jahr tauchten bislang unbekannte Firmen- Unterlagen auf, die belegen, dass BAYER tausende asiatischer Bluter mit seinem Gerinnungspräparat KOATE bewusst dem HIV-Risiko aussetzte. In den achtziger Jahren hatte die BAYER- Tochter Cutter nicht hitze-behandelte und daher mit einem hohen AIDS-Risiko behaftete Chargen des Blutplasma-Produkts nach Asien geliefert - in den USA war der Verkauf zu diesem Zeitpunkt bereits verboten worden. Trotzdem weigert sich das Unternehmen, die Betroffenen angemessen zu entschädigen. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert strafrechtliche Konsequenzen für die verantwortlichen BAYER-Manager.

Gegenantrag zu TOP 4: Wir schlagen vor, Axel Köhler Schnura, Diplom Kaufmann, Düsseldorf als Vertreter der Anteilseigner in den Aufsichtsrat zu wählen.
Begründung: Axel Köhler-Schnura kontrolliert den BAYER-Konzern seit mehr als 25 Jahren. Er ist Gründer der Coordination gegen BAYER- Gefahren e.V., Postfach 15 04 18, 40081 Düsseldorf, Telefon: 0211-333 911, und hat zahlreiche Verstöße des Konzerns gegen Menschenrechte und Umweltschutzauflagen publik gemacht. Somit ist er prädestiniert für eine gründliche, von Profitinteressen unabhängige Kontrolle des Vorstands der BAYER AG.

Gegenantrag zu TOP 5: § 12 Abs. 1 der Satzung (Vergütung des Aufsichtsrats) wird aufgehoben und wie folgt neu gefasst: „Jedes Mitglied des Aufsichtsrats erhält neben dem Ersatz seiner Auslagen eine jährliche feste Vergütung von 5.000 Euro. Eine darüber hinausgehende variable Vergütung erfolgt nicht.“

Gegenantrag zu TOP 6: §14 und §15 der Satzung bleiben unverändert
Begründung: Durch die geplante Änderung der Satzung wird die Teilnahme an der Hauptversammlung erschwert. Hierdurch würde die Kontrolle von Vorstand und Aufsichtsrat weiter behindert werden.

Für den Vorstand der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN e.V.
Axel Köhler-Schnura
Philipp Mimkes

[junge Welt] Hauptversammlung 2005

CBG Redaktion

29.04.2005, junge Welt

Mehr Profit, weniger Jobs

Bayer präsentiert glänzende Geschäftszahlen. »Sparprogramm« sorgte für höhere Dividenden, Manager- und Aufsichtsratsvergütungen. Tausende Arbeitsplätze vernichtet

Die Bayer-Aktionäre dürfen auf der heute stattfindenden Hauptversammlung zufrieden mit ihrem Unternehmen sein. Der Leverkusener Multi hob seinen Umsatz um mehr als eine Milliarde auf 29,76 Milliarden Euro und erhöhte seinen Shareholdern deshalb die Dividende auf 55 Cent je Aktie. Auch sich selbst genehmigte die Chefetage einen kleinen Bonus: Die vier Vorstandsmitglieder strichen gut zwei Millionen Euro mehr ein als im Geschäftsjahr 2003. Allein Bayer-Boß Werner Wenning kam bei einem Jahresgehalt von 2,36 Millionen Euro auf eine Lohnerhöhung von 48 Prozent. Da mag auch der Aufsichtsrat nicht länger zurückstehen. Er will sich von den Aktionären eine Aufstockung der Grundvergütung um 20000 auf 60000 Euro im Jahr genehmigen lassen. Hinzu kommen erfolgsabhängige Zahlungen von etwa 30000 Euro – lukrativer war Kopfnicken selten.Generiert wurde der Geldregen durch ein Kosteneinsparungsprogramm mit einem Volumen von einer Milliarde Euro und das Abstoßen von Betriebsteilen. Die Rationalisierungsoffensive vernichtete allein an den bundesdeutschen Standorten 2400 Arbeitsplätze, dieses Jahr trifft es weitere 750 Stellen. Zusätzliche Jobs kostet die Trennung von Teilen des Kunststoff- und Chemiegeschäfts. Plaste und Elaste erschwerten das Erreichen des Profitziels von 19 Prozent allzu sehr und firmieren nunmehr selbständig unter dem Namen »Lanxess«. Seit das neue Unternehmen im Januar an die Börse ging, setzten nicht etwa seine Aktien, sondern die von Bayer zum Höhenflug an. Lanxess hingegen wartet allmonatlich mit Hiobsbotschaften auf. Im April erst kündigte die neue Firma zwei Werksschließungen und die Beseitigung von über 1000 Arbeitsplätzen an.Trotzdem brachten nicht etwa die wachsenden Erträge den Konzern dazu, aus der Portokasse zur Abwechslung auch mal wieder Gewerbesteuer zu zahlen. Eine Betriebsprüfung durch das Finanzamt deckte vielmehr ein paar nicht ganz legale Steuertricks auf und zwang Bayer zu Nachzahlungen. Aber nicht nur auf Kosten von Jobs und Staatseinnahmen versucht der Pillenproduzent sein Kapital zu mehren, auch zu Lasten der Umwelt. Nicht zuletzt die starke Arbeitsverdichtung im Konzern führt zu einer Zunahme von Störfällen. Allein im US-amerikanischen Addyston kam es binnen acht Wochen zweimal zum Austritt von krebserregendem Acrylnitril-Gas. Der Global Player schreckt nicht einmal davor zurück, sich der Kinderarbeit zu bedienen: Bei den Zulieferfirmen seiner indischen Saatgut-Tochter ProAgro leisten bis zu 1650 Kinder Frondienste. Zudem erweist sich der rechtliche Rahmen oftmals als zu eng für ein vernünftiges Wirtschaften. Dreimal stand der weltgrößte Agrochemie-Produzent wegen illegaler Preisabsprachen bei Kunststoffen und einmal wegen Kartellbildungen bei Diabetesgeräten vor Gericht. Die gezahlten Strafen summierten sich dabei auf über 100 Millionen US-Dollar. Dennoch kann sich Bayer-Chef Wenning das neuerliche Aufkommen von Kapitalismuskritik nicht erklären. »Ich verstehe gar nicht: Wen meint Herr Müntefering eigentlich«, gestand er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wenig anzufangen wußte Wenning auch mit der Frage: »Ab welcher Höhe wird Profit unanständig. Wo beginnt der Exzeß, vor dem Müntefering warnt?« »Mit diesen Schlagworten kann ich nichts anfangen«, antwortete er. Da werden die Coordination gegen Bayer-Gefahren und die von ihr eingeladenen Initiativen dem Konzernchef in ihren Gegenreden zum Geschäftsbericht auf dem Aktionärstreff gehörig auf die Sprünge helfen müssen.
Udo Hörster

[Aktionsbericht] Hauptversammlung 2004

CBG Redaktion

Proteste bei BAYER-Hauptversammlung

Genfood & Kapital-Klone

Von Udo Hörster

Den Weg zur BAYER-Hauptversammlung in den Kölner Messehallen mussten sich die AktionärInnen durch das Straßen-Theater der BUNDjugend bahnen, die einen pantomimischen Tanz um das Goldene Kalb „Genfood“ aufführte. Alsdann begrüßte sie die traurige Gestalt eines jungen Managers im feinen Zwirn, buchstäblich an die Kette der Gentechnik gelegt. Unmittelbar vor dem Eingang in die heiligen Hallen des Profits erwartete die Aktien-HalterInnen schließlich ein Spalier von GenforscherInnen in steril-weißer Einheitskluft. Auf Bauchläden boten sie Gen-Mais feil, beworben mit dem Slogan „Leben - made by BAYER“. Parallel dazu verteilten sie Beipack-Zettel mit den Risiken und Nebenwirkungen. Vielleicht mochte deshalb keine/r herzhaft in die Zukunftstechnologie beißen.

Im Saal selber kleideten die ProtestlerInnen ihre Kritik an der grünen Gentechnik in Worte. „Ärzte warnen vor den Gefahren“, mahnte Geert Ritsema von FRIENDS OF THE EARTH EUROPE. Ein ganzes Bündel von Risiken zählte er auf: die Bedrohung der Artenvielfalt, mehr Umweltschäden durch erhöhte Pestizid-Ausbringungen und Einkreuzungen in Wild-Pflanzen. Als besonders schwerwiegend betrachtete er die Gefährdung der Sicherheit von Reis, Asiens Lebensmittel Nr. 1, durch BAYERs Herbizid-resistente Sorte LL 62. Neun von 15 Ländern der Europäischen Union teilten laut Ritsema diese Einschätzung: Sie erhoben Bedenken gegen die vom Leverkusener Chemie-Multi bei der EU beantragte Import-Genehmigung. Zuvor hatte Belgien schon gentechnisch verändertem Raps die Zulassung verweigert und Großbritannien Gen-Mais nur unter so hohen Sicherheitsauflagen genehmigt, dass BAYER die Risiken nicht tragen mochte und auf einen Anbau verzichtete. Als Resümee zitierte Geert Ritsema die Äußerung eines - politisch völlig unverdächtigen - Sprechers der DZ-BANK: „Genfood ist ungefähr so attraktiv wie die Atombombe“. Er forderte den Unternehmensvorstand aus diesem Grund auf, sich die Frage zu stellen: „Sollen wir Genfood gegen den Willen der meisten Europäer durchsetzen?“.

Aber nicht nur in Europa, auch in Südamerika stößt die „grüne Gentechnik“ auf breite Ablehnung, berichtete Lutz Weischer von der BUNDjugend. Gerade in den armen Ländern verfängt die PR-Strategie der Multis, gentechnisch veränderte Nutz-Pflanzen als Mittel gegen den Welthunger anzupreisen, nicht, weil sie der Realitätsprüfung nicht standhält. „Hunger ist ein Verteilungsproblem“, ergibt diese Weischer zufolge nämlich. Nicht Hochtechnologie, sondern Zugang zu Land und erschwinglichem Saatgut könnte die Lage der Menschen dort verbessern. Und da wirkt die Gentechnik nach Meinung des BUND- Aktivisten kontraproduktiv. Kapital-intensiv und deshalb auf große Anbau-Flächen angewiesen, befördert sie das Bauernsterben und treibt so nur noch mehr Menschen ins Elend. „Sind Sie bereit, auf diese Behauptung zu verzichten?“, fragte Lutz Weischer deshalb BAYER-Chef Werner Wenning.

Dazu war der Angesprochene nicht bereit. Allerdings musste er in seiner Antwort auf die Gegen-Redner die Akzeptanz-Probleme der grünen Gentechnik einräumen. In bemerkenswerter Offenheit nannte der Vorstandsvorsitzende auch die Gründe dafür. „Der Vorteil liegt bei den Anbietern“, gab er zu, weil die Technologie vor allem eine „effizientere Produktion“ erlaube. Die KonsumentInnen haben also selbst nach Meinung Wennings überhaupt nichts von den Labor-Kreationen - aber er arbeitet daran. Durch qualitätssteigernde Maßnahmen wie Erhöhung des Vitamin-Gehaltes will er einen „Nutzen für den Verbraucher“ schaffen und das Genfood popularisieren. Mit dem „Vitamin-A-Reis“ vermeinten die Agro-Multis schon einmal so einen massenwirksamen Superstar gefunden zu haben, dessen Karriere allerdings im Nirvana endete. Auf die von Ritsema und Weischer geäußerten Sicherheitsbedenken ging Werner Wenning mit keinem Wort ein - sie existierten für ihn schlicht nicht. Die Zulassungsverweigerungen beruhten ihm zufolge nicht auf „wissenschaftlichen Erkenntnissen“, sondern hatten ausschließlich „politische Gründe“.

Ähnlich dürftig fielen die Ausführungen des Vorstandsvorsitzenden zum Geschäftsgebahren der Konzern-Gesellschaft HC STARCK im Kongo aus. Friedhelm Meyer von der SOLIDARISCHEN KIRCHE IM RHEINLAND (SOKI) legte dar, wie die BAYER-Tochter dort durch den Aufkauf von Coltan-Erz zur Finanzierung des Bürgerkriegs beiträgt. Schon in seinen Bemerkungen zu den von der CBG eingereichten Gegen-Anträgen hatte Werner Wenning dies kategorisch bestritten: „HC STARCK hat die Rebellen zu keiner Zeit unterstützt“. Bei dem BAYER-Manager Thomas Porz, der 2003 auf dem ökomenischen Kirchentag an einer Diskussion zu dem Thema mit der Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul teilnahm, hörte sich das ganz anders an. Das Unternehmen habe Coltan bis 2001 ganz offen und ab dann „lediglich über einen Spot-Markt - also nicht direkt“ aus dem Kongo bezogen, zitierte ihn Meyer.

Der ehemalige Pfarrer, andere SOKI-MitstreiterInnen sowie CBGler haben auf dem gemeinsamen Kirchentagsstand noch ein zusätzliches Kapitel aus dem Sündenregister des Leverkusener Chemie-Multis aufgeschlagen: Die Gesundheitsgefährdungen durch Pestizide. Meyer machte auf Schätzungen der WHO aufmerksam, wonach jährlich bis zu 20.000 Menschen durch die Ackergifte sterben. Als aktuelles Beispiel nannte er die zahlreichen Vergiftungsfälle unter indischen Baumwoll- FarmerInnen durch BAYERs Monocrotophos und andere Agro- Chemikalien. Zu diesem traurigen Anlass erinnerte Friedhelm Meyer den Vorstand an ein auf der Hauptversammlung von 1995 abgegebenes Versprechen, bis zum Jahr 2000 alle Pestizide der höchsten Toxizitätsklasse durch solche geringerer Giftigkeit zu ersetzen. Davon wollte Wenning allerdings nichts mehr wissen. Seiner Ansicht nach hatte es sich dabei nur um eine unverbindliche Absichtserklärung gehandelt, zu der er sich immer noch ohne Risiko bekennen konnte: „Die Ziele bleiben bestehen“. Auch ansonsten sollten nur Worte helfen - Aufklärung und Schulungen der LandwirtInnen - konkrete Maßnahmen zur Senkung der Todesraten stellte der BAYER-Chef dagegen nicht in Aussicht.

Information und Diskussionen - das sah der Konzern-Chef auch als probates Mittel zur Abschaffung von Kinderarbeit bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO an. Cornelia Heydenreich von GERMAN WATCH zeichnete der AktionärInnen- Versammlung ein plastisches Bild von den menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen 6 bis 14-Jährige - vor allem Mädchen - auf den Feldern Frondienste leisten, oft noch in Schuldknechtschaft. Eine Studie des indischen GRCS-Institutes hatte die Missstände ans Licht gebracht, die CBG veröffentlichte die deutsche Übersetzung. Dadurch geriet der BAYER-Konzern unter politischen Druck und musste handeln. PROAGRO übernahm die Verantwortung für die Kinderarbeit, was auch recht und billig ist, schließlich lassen die niedrigen Abnahme-Preise für das Saatgut den LandwirtInnen keine andere Möglichkeit als Minderjährige zu beschäftigen. Zudem trafen Konzern-ManagerInnen mit VertreterInnen der indischen Kinderrechtsinitiative MAMIDIPUDI VENKATARANGAIYA FOUNDATION (MV) zusammen und führten Gespräche mit anderen Agro-Multis. Jetzt allerdings gibt es nach Angaben von MV ein Rollback. PROAGRO wälzt die Verantwortung wieder auf die Saatbauern ab und gewährt der Initiative keinen Einblick in die angeblich Kinderarbeit ausschließenden neuen Verträge. Deshalb verlangte Heydenreich von Wenning, Klartext zu reden: „Wieviel Kinder sind bei Zulieferern von BAYER beschäftigt?“ und „Sind Sie bereit, höhere Preise zu zahlen?“

Darauf blieb der Große Vorsitzende die Antwort schuldig. Stattdessen verlegte er sich darauf, abzustreiten, dass BAYER selbst Kinder angestellt hätte - und entkräftete damit einen Vorwurf, den Cornelia Heydenreich gar nicht erhoben hatte - eine plumpe Ablenkungsstrategie.
Erwachsene Beschäftigte haben beim Pharma-Riesen auch nicht unbedingt ein besseres Los. Uwe Friedrich (CBG) lieferte dafür ein Fall-Beispiel aus den Philippinen. Der Ingenieur Juanito Facundo war Gewerkschaftsvorsitzender der EMPLOYEES UNION OF BAYER PHILIPPINES (EUBP). Er organisierte unter anderem Streiks und sagte in Arbeitsgerichtsprozessen zu Gunsten von Kollegen aus. BAYER versuchte diese Arbeit nach Kräften zu behindern. Sie unterstützte die kapital-freundlichere Konkurrenz-Gewerkschaft, hielt der EUBP Mitgliedsbeiträge vor und konsultierte sie nicht wie vorgeschrieben bei Entlassungen. Schließlich überreichte die Geschäftsführung Facundo und einer ebenso engagierten Kollegin sogar die fristlose Kündigung. Poltische Motive dafür stritt der BAYER-Vorsitzende vehement ab. „Im Rahmen einer Rationalisierung“ hätte der Gewerkschaftler gehen müssen, so Wenning. Seltsam nur, dass BAYER für den „Wegrationalisierten“ schon bald nach einem gleichwertigen Ersatz suchte ...

Auch an den bundesdeutschen Standorten gerät die Belegschaft zunehmend unter Druck. „In den Werken herrscht eine schlechte Stimmung“, schilderte Andrea Will von der DKP den ZuhörerInnen die Lage vor Ort, sogar Hochqualifizierte flüchteten vor dem immer größer werdenden Druck schon in die Frühpension. Angesichts dieser Vergeudung menschlicher Schöpfungskraft kritisierte Will den Vorstandsvorsitzenden: „BAYER ist nur so viel wert, wie die Mitarbeiter, die dort arbeiten - das ist ihnen nicht klar!“. Der Kragen platzte der Vorstandsriege, als Andrea Will für ihre Forderungen nach Sicherung der Arbeitsplätze und gerechter Entlohnung von den anwesenden ca. 6.000 AktionärInnen auch noch starken Applaus erhielt. Da brach der Widerspruch zwischen den GroßaktionärInnen, BankvertreterInnen und BAYER-Managern und der Masse der KleinaktionärInnen offen auf.

Axel Köhler-Schnura von der CBG beschäftigte sich in seiner Rede ebenfalls mit der Arbeitsplatz-Vernichtung, der erhöhten Arbeitsdichte, dem Abbau betrieblicher Sozialleistungen und den immer neuen Rationalisierungsmaßnahmen. Er warf dem Konzern vor, aufgrund seiner Macht weit über den Konzernrahmen hinaus für die gesellschaftliche Entwicklung zu sozialer Kälte und rücksichtsloser Profitorientierung verantwortlich zu sein. Der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Manfred Schneider wurde nicht umsonst erst unlängst von der Springerpresse zum „mächtigsten Mann Deutschlands“ erkoren, so das CBG- Vorstandsmitglied. Den im Aufsichtsrat sitzenden Vorsitzenden der IG BCE, Hubertus Schmoldt, forderte er auf, endlich konsequent Front zu machen gegen sozialen Kahlschlag, Arbeitsplatzvernichtung und Umweltzerstörung bei BAYER. Als „sozialen Krieg“ bezeichnete Köhler-Schnura BAYERs Unternehmenspolitik und erinnerte daran, welch hervorgehobene Rolle der Konzern beim in der Bundesrepublik tobenden Klassenkampf von oben spielt. Mit der Lancierung der „Standort-Debatte hat BAYER “die Erpressung der Öffentlichkeit bis zur Perfektion entwickelt„, so der CBGler. Und sich höchstpersönlich um die Umverteilung gekümmert: der Kopf der “Unternehmenssteuerreform„ im Hause Eichel war nämlich niemand anders als der ehemalige BAYER- Finanzchef Heribert Zitzelsberger. Sogar die seitdem vergeblich auf die Gewerbesteuer vom Konzern wartenden Bürgermeister an den Standorten hat das schon zu Demonstrationen auf die Straße getrieben, empörte sich Köhler-Schnura. “Von einer Steuervermeidungsstrategie kann nicht die Rede sein„, wies Werner Wenning in seiner Nicht-Antwort die Anschuldigungen Wills und Köhler-Schnuras zurück.

Je schamloser der Konzern seine Profit-Interessen zum Schaden der Beschäftigten und der Standorte verfolgt, desto vehementer entwirft er in der Öffentlichkeit das Bild einer verschworenen BAYER-Gemeinschaft. So ziert den Umschlag der Hauptversammlungsbroschüre ein Foto, das die versammelte Belegschaft des Werkes in Berkeley zeigt. In Einheitskluft, mit Einheitslächeln und mit einheitlich gen Himmel gereckten Armen präsentieren sie stolz die Früchte ihrer Arbeit. Hubert Ostendorf von der CBG gemahnte das an entsprechende propagandistische Kraftakte aus der Zeit des Nationalsozialismus. Noch ein anderer Fall demonstrierte für den Galeristen den beispiellos unsensiblen Umgang mit der Vergangenheit: Die Beteiligung am Bau des Holocaust-Mahnmals. “Ein Konzern, der von Zwangsarbeitern profitiert hat, profitiert jetzt vom Gedenken an die Opfer„, protestierte der CBGler.

Für diese Profite geht der Chemie-Multi immer noch über Leichen, so Ostendorf. In den 80er Jahren lieferte er nicht hitze-behandelte und deshalb mit hohem AIDS-Risiko behaftete Blut-Präparate nach Fernost, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon entsprechende Verfahren gab. Die Folge: hunderte Bluter starben. “Eine tragische Entwicklung„, nannte das Werner Wenning und wies den Vorwurf zurück, BAYER würde PatientInnen “bewußt Risiken aussetzen„. Die Präparate hätten “dem neuesten Stand der Technik„ entsprochen und seien nach den “besten wissenschaftlichen Erkenntnissen„ hergestellt, versicherte er wenig überzeugend.

Ein Teil einer solchen nach “dem neuesten Stand der Technik„ gebauten Anlage zur Produktion von TDA-Kunststoff explodierte Anfang des Jahres im texanischen Baytown. Kilometer-weit war der Knall zu hören, gab CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes den AktionärInnen einen Eindruck vom Ausmaß des Störfalls. Über den Unfall-Hergang schweigt der Pharma-Riese sich aus - “aus Wettbewerbsgründen„. Hinter den Kulissen jedoch entfaltete er eine fieberhafte Aktivität. SicherheitsexpertInnen aus bundesdeutschen Werken reisten an und betrieben Ursachen-Forschung. Die Panik hatte einen Grund, erläuterte Mimkes: BAYER hatte am Standort Dormagen nämlich gerade Europas größte TDA-Anlage in Betrieb genommen. “Die Prozesse sind grundsätzlich unterschiedlich„, beschwichtigte Wenning und sagte das, was BAYER-Chefs in solchen Fällen immer sagen: “Es bestand zu keinem Zeitpunkt Gefahr für die Bevölkerung„. Großzügig erklärte er sich trotzdem bereit, die “Sicherheitsstandards weiter zu verbessern„.

Wie BAYER im Gegenteil alles tut, um Sicherheitsstandards zu verwässern, legte der CBG-Geschäftsführer am Beispiel des Chemikalien-Gesetzes der EU dar. Die Kommission wollte dem Vorsorge-Prinzip Geltung verschaffen und den Chemie-Unternehmen zur Auflage machen, 70.000 niemals getestete chemische Substanzen erstmals auf ihre Gefährlichkeit hin zu untersuchen. Aber BAYER und die anderen betroffenen Konzerne gingen zum Extrem-Lobbying über, an dessen Ende vom ursprünglichen Entwurf nicht mehr viel übrig war. In den USA betrieben die Multis laut Mimkes Vorsorge gegen das Vorsorge-Prinzip, um entsprechende Regelungen schon im Vorfeld zu verhindern. Ihr Verband ACC engagierte die berühmt-berüchtigte PR-Agentur NICHOLS-DEZENHALL und gab eine Schmutz-Kampagne in Auftrag. Die “schmutzigen Hände„ dafür fand die Agentur unter anderem unter ehemaligen CIA- und FBI-AgentInnen. Und die dachten sich zahlreiche Undercover-Maßnahmen aus: Bespitzelung von Umwelt-AktivistInnen, Gründung von chemie-freundlichen Pseudo- Bürgerinitiativen und ebensolcher “unabhängiger„ Institute. “Das kann man nur als perfide bezeichnen„, kommentierte Philipp Mimkes. Für den Versammlungsleiter Manfred Schneider war das zu harter Tobak. Er forderte den CBGler auf, seine Rede abzubrechen. Der Geschäftsführer ließ sich jedoch nicht beirren und klärte das Auditorium weiter darüber auf, was bei BAYER wirklich hinter den hehren Bekenntnissen zum Umweltschutz à la “Responsible Care„ und “Sustainable Development„ steckt.

Mit seiner Intervention griff Aufsichtsratsvorsitzender Schneider zum gröbsten Mittel zur Abwehr von Kritik. Ansonsten begnügten sich er und Wenning damit, die Beiträge der kritischen AktionärInnen als “sachlich unzutreffend„, “bloße Behauptungen„, “jeder Grundlage entbehrend„, “Halbwahrheiten„ und “nicht nachvollziehbar„ abzuqualifizieren. Axel Köhler-Schnura hatte das alles schon aus den Vor-Mündern von Schneider und Wenning gehört, den Ex-Aufsichtsratschefs Hermann Josef Strenger und Herbert Grünewald . Er präsentierte dem Vorstand mit Verweis auf die wg. des LIPOBAY-Skandals nötig gewordenen Schadensersatz-Rückstellungen in Höhe von 300 Millionen Euro die Rechnung für diese Ignoranz: “Sie sehen, wie sich unsere Fakten im Laufe der Zeit wieder als millionen-schwere Verlust-Wahrheiten in die Berichte der Vorsitzenden einschleichen„.

Dazu sagten die Manager nichts. Nur wenn es um Zahlen ging, wurden Werner Wenning und Aufsichtsrat-Chef Manfred Schneider redseliger. Damit kennen sie sich aus und stellten es unter anderem dadurch unter Beweis, dass sie die Aufsichtsrats-Vergütungen im Zuge der Dividenden-Kürzung von 90 auf 50 Cent von dieser Richtgröße abkoppelten und an den Brutto-Cashflow banden - nicht umsonst sitzen schließlich Cash-Experten vom Schlage eines Josef “V„ Ackermann in dem Gremium.

Stimmen und Gegenstimmen
Mehr als 200.000 Aktien wurden der CBG und dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre bereits vor der Hauptversammlung übertragen. In den Abstimmungen stimmten bis zu 3 Millionen Aktien mit “Nein". Weitere ca. 1 Mio. Stimmen enthielten sich und sprachen sich so gegen den Vorstand aus. Das waren zwar nur einige wenige Prozent, also die Minderheit aller Aktien, aber klar die Mehrheit der anwesenden AktionärInnen. BAYER bleibt also auf Profitkurs, der Widerstand wurde jedoch mehr als deutlich.

Flugblätter

CBG Redaktion

Flugblätter der Coordination gegen BAYER-Gefahren zum Downloaden

Anklage: Mord! Duogynon Opfer sind nicht vergessen! (2016)

BAYER-MONSANTO Fusion: Fusion stoppen! (2016)

BAYER-MONSANTO Fusion: Hochzeit des Todes stoppen! (2016)

Gefährliche Pestizide: Glyphosat stoppen! (2015)

angezeigter Text

Plastikmüll im Ozean: Mikroplastik verbieten! (2015)

„...legendär“: Die CBG im Spiegel der Medien (2015)

Keine Pestizide und Genfood durch die Hintertür: TTIP stoppen! (2014)

Blutige Kohle (2013)

Import von GenReis verhindern (2013)

Antibiotika in der Massentierhaltung (2012)

Ausbeutung von Bodenschätzen (2012)

Tödliche Pharma-Studien (2012)

Kampagne Bienensterben (update 2012)

Plünderung natürl. Ressourcen

Umweltverseuchung Thailand (2011)

Risiken von Nanotubes (2011)

Gewerkschaften bei BAYER unter Beschuss (2011)

Keine Zulassung für GenFood! (2010)

Risiken von Kontrazeptiva (2010)

Generika retten Menschenleben

Kohlekraftwerke, Müllverbrennung, Giftgasproduktion: aktuellen Probleme zu BAYER

Dormagen: Keine Erweiterung der Phosgen-Produktion!

Brunsbüttel: Umweltrisiko durch neue Anlagen

Bienensterben durch BAYER-Pestizide

Zur UN-Biodiversitätskonferenz

Gefährliches Pharmamarketing

CO-Pipeline stoppen!

Import von australischem Giftmüll stoppen!

Klima-Emissionen von Bayer

Kampagne gegen Kinderarbeit in Indien

Grundwasser Vergiftung in Südafrika

Proteste Menschenversuche mit Pestiziden (2005)

Proteste gegen die Landesgartenschau in Leverkusen (2005)

Aktiv mit Erfolg - Aktionen der Coordination gegen BAYER-Gefahren (2005)

GenReis von Bayer - Gefahr für asiatische Landwirte (2004)

GenFood - Hände weg von unserer Nahrung (2004)

Bayer auf der Liste der „10 worst corporations“ (2004)

Gentech: Geheimkampagne von Metro, Bayer und Monsanto (2003)

Die Uno im Würgegriff der Konzerne

Vogelsterben durch Bayer-Pestizid (2003)

Aktiv gegen KonzernMacht (2002)

keine Steuergeschenke an Großkonzerne (2002)

Bayer am Pranger - der Lipobay-Skandal (2001)

[Artikel epd] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

epd Entwicklungspolitik, Heft 8/9, April 2004

Agromultis tolerieren Kinderarbeit im Saatgutanbau

Shanta Sinha kritisiert Halbherzigkeit der Konzerne

„Derzeit geht es ziemlich langsam voran“, klagt Shanta Sinha, Hauptaktivistin der indischen Kinderrechtsorganisation MV Foundation. Sie spricht von nur schleppenden Fortschritten beim Kampf gegen Kinderarbeit im Baumwollsaatgutanbau. In der Produktion von hybridem Baumwollsaatgut sind heute in Indien mehr Kinder beschäftigt als in anderen bekannten Produktionsbereichen wie der Teppichherstellung oder der Verarbeitung von Edelsteinen. Die Vertragslandwirte stellen Kinder ein, vor allem Mädchen, weil diese für wesentlich weniger Geld pro Stunde arbeiten als Erwachsene. Das Saatgut wird über Zwischenhändler an große Agrarmultis verkauft. Eine Studie des indischen Instituts „Global Research and Consultancy Service“ hatte im Jahr 2003 diese Zusammenhänge aufgezeigt und die Verantwortung von multinationalen Saatgutunternehmen hervorgehoben, u.a. der Bayer-Tochter ProAgro (vgl. epd-Entwicklungspolitik 16/17 2003, S. 11).

„Anfangs hat keine der multinationalen Firmen überhaupt akzeptiert, dass sie für die Ausbeutung von Kindern in der Baumwollsaatgutproduktion verantwortlich ist. Aber der Druck durch Medien und Advocacy-Gruppen in Europa zwang sie dazu, mit der MV Foundation Gespräche zu führen“, berichtet Shanta Sinha. Doch die Unternehmen können entscheiden, bei wem sie das Saatgut einkaufen und haben Einfluss auf die Verträge und damit auch die Möglichkeit, Kinderarbeit zu unterbinden. „Inzwischen haben alle zugestimmt, sich gemeinsam für die Abschaffung von Kinderarbeit einzusetzen. Innerhalb des Verbandes der Saatgutindustrie hat sich eine ‚Child Labour Eradiction Group‚ gegründet, die sich regelmäßig mit den Bauern trifft, um das Problem der Kinderarbeit zu erörtern. Sie haben akzeptiert, dass sie Teil des Problems sind und deshalb Verantwortung übernehmen müssen, um das Problem zu lösen.“

Was tun sie wirklich
Als konkrete Initiative schlug z.B. ProAgro/Bayer vor, eine Bewusstseinskampagne zu starten, dass Kinder nicht arbeiten sollten. „Wir haben ihnen erzählt, dass jeder Mensch im Distrikt Kurnool weiß, dass Kinderarbeit nicht gut ist - dafür braucht kein Bewusstsein geschaffen werden“. Was die MV Foundation dagegen fordert, ist ein klares Bekenntnis der Konzerne gegen Kinderarbeit. „Es ist nicht ausreichend, dass sie nur in ihre Verträge eine Klausel aufnehmen, dass Kinder nicht eingestellt werden sollen. Das haben sie im vergangenen Jahr auch gemacht und es hat sich nichts verändert. Sie müssen eine wirksame Ansage an die Bauern geben, dass sie keine Kinderarbeit tolerieren werden“, so Shanta Sinha. Gleichzeitig soll diese Verpflichtung auch den Medien mitgeteilt werden. Und die Vereinbarungen müssen natürlich auch kontrolliert werden. Darüber hinaus ist es notwendig, dass die Konzerne mehr zahlen, damit auch erwachsene Arbeitskräfte bezahlt werden können.

Druck aus Deutschland ist wichtig
Neben den Gesprächen und der Kontrolle vor Ort ist es aber auch wichtig, bei den Konzernzentralen im Norden Druck zu entfalten. Neben der moralischen Selbstverständlichkeit, dass Kinderarbeit nicht zu tolerieren ist, fordern auch internationale Regelungen von den Unternehmen, Kinderarbeit zu unterbinden. Die Normen 138 und 182 der internationalen Arbeitsorganisation ILO wenden sich gegen Kinderarbeit, ebenso fordern die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, keine Kinder einzustellen, und dass diese Regelungen auch für die Zulieferer gelten. Darüber hinaus hat sich Bayer mit dem Beitritt zum Global Compact selbst dazu bekannt, keine Kinderarbeit zu tolerieren.

Deshalb haben die Coordination gegen Bayer-Gefahren, Germanwatch und der Global March against Child Labour an die Bayer AG geschrieben, um ihre Besorgnis über die Verwicklung deutscher Konzerne in Kinderarbeit in Indien auszudrücken und unverzügliche Gegenmaßnahmen gefordert. Im Antwortbrief zählt die Bayer AG eine ganze Reihe von Aktivitäten auf, zur Forderung nach höherer Bezahlung nimmt sie jedoch nicht Stellung.

Vor Ort hat ProAgro von selbst das Gespräch mit der MV Foundation gesucht und anerkannt, dass Kinderarbeit ein ernsthaftes Problem sei, in Deutschland hätte man sich bis zum Bayer-Aufsichtsrat damit befasst. „Niemand von uns hat die europäischen Lobbyisten erwähnt, aber es war ganz eindeutig, dass die Firma nur aufgrund des Drucks von dieser Seite zu Diskussionen mit uns kommen würden“, unterstreicht Shanta Sinha die Bedeutung dieser Kooperation von lokalen und internationalen Aktivisten.

Aktuell fordert die MV Foundation von den Unternehmen, dass die Verträge mit den Zulieferern der MV Foundation zugänglich gemacht werden. Sie wollen wissen, ob die Unternehmen klar genug die Nichteinstellung von Kindern fordern. „Wir haben ihnen erklärt, dass während es auf der höchsten Ebene der Unternehmen sichtbar Druck gab, keine Kinder zu beschäftigen, dieser Druck nicht ausreichend genug bis in die untersten Ebenen kommuniziert wurde.“

Diese Saison ist entscheidend
„Es geht immer wieder auf und ab“, bedauert Shanta Sinha. Und für die aktuell im März angelaufene Saison zeichnet sich noch keine entscheidende Verbesserung ab, dabei bezeichnet Shanta Sinha diese als „entscheidend für die Kinder in diesem Gebiet“. In diesen Wochen werden die neuen Verträge mit den Bauern abgeschlossen. Und es ist noch nicht so, dass das Problem schon fast gelöst wäre, wie es die Konzerne gerne darstellen. Es gibt noch genügend Hinweise auf Kinderarbeit.

Shanta unterstreicht: „Wir sind komplett vorbereitet und würden als Wächter zur Verfügung stehen.“ In 4.300 Dörfern ist die MV Foundation aktiv, über 80.000 Freiwillige unterstützen ihre Arbeit. Durch die eingerichteten ,Kinderschutzkomitees‘ wollen sie Informationen sammeln und diese der Saatgutindustrie und dem Arbeitsministerium auf Distriktebene zukommen lassen. In Zusammenarbeit mit dem Labour Department sollen Mitteilungen an alle Arbeitgeber - die Bauern und die Saatgutindustrie - geschickt und ihnen mit rechtlichen Schritten gedroht werden. Wenn sich jedoch keine Fortschritte verzeichnen lassen, dann sind sowohl in Indien als auch in Deutschland noch weitere Schritte möglich und in Vorbereitung, um Druck auf die Unternehmen auszuüben. Das Thema soll auch Ende April bei der Aktionärsversammlung der Bayer AG zur Sprache gebracht werden.

Cornelia Heydenreich arbeitet bei Germanwatch zum Thema Unternehmensverantwortung