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Veröffentliche Beiträge in “SWB 03/2009”

[Quecksilber] STICHWORT BAYER 03/2009

CBG Redaktion

Veraltete Chlor-Fertigung

Produktionsabfall Quecksilber

Chlor ist das Fundament der chemischen Industrie. Bei seiner Herstellung fällt allerdings viel giftiges Quecksilber an, wenn man noch wie BAYER auf Produktionsmethoden aus dem 19. Jahrhundert zurückgreift. Während viele mittelständische Betriebe schon länger auf das Membran-Verfahren setzen, ist die beste verfügbare Technik beim Leverkusener Multi immer noch nicht ganz angekommen.

Von Florian Noto (DEUTSCHER NATURSCHUTZRING)

Das Verfahren zur Herstellung von Chlor ist nicht sonderlich komplex: Durch Salzwasser wird Strom geleitet, dabei entstehen Chlorgas, Wasserstoff und Natriumhydroxid. Für diese sogenannte Chlor-Alkali-Elektrolyse gibt es im Wesentlichen drei Verfahren. In US-amerikanischen Anlagen wird die chemische Reaktion zumeist durch eine durchlässige Asbest-Wand ausgelöst, in Europa kommt häufig das Amalgam-Verfahren mit Quecksilber zur Anwendung. Beide Techniken stammen aus dem 19. Jahrhundert. In Japan dagegen ist fast nur noch die modernere Membran-Methode im Einsatz, die in den 1960er Jahren entwickelt wurde und heute als „beste verfügbare Technik“ gilt. Auch die EU empfiehlt die Umstellung alter Chlorwerke auf die Membran-Technologie, da so kein giftiges Quecksilber oder Asbest freigesetzt und weniger Energie benötigt wird, und bietet den Behörden und den Unternehmen umfangreiche Informationen zu dieser Elektrolyse-Art an.

Subventionspoker
Die Industrie erkennt ebenfalls die Vorteile des Membranverfahrens an. Der „Verband der Chemischen Industrie“ (VCI) schreibt in einem Positionspapier, dass das Membranverfahren 20 bis 30 Prozent weniger Energie benötigt als die veraltete Quecksilbertechnik. Da der hohe Energieverbrauch großen Einfluss auf die Produktionskosten hat, lohnt sich die Umstellung auf die beste verfügbare Technik also auch wirtschaftlich. Die mittelständischen Chlorhersteller haben in den letzten Jahren ihre Anlagen zukunftsfähig umgerüstet. Doch noch sind in Deutschland sechs alte Chlorwerke in Betrieb, die Energie verschwenden und die Umwelt mit jeweils über 100 Kilogramm Quecksilber pro Jahr vergiften - mehr von diesem Schwermetall wird in Deutschland nur noch bei der Kohleverbrennung emittiert. Die Betreiber der restlichen sechs Quecksilberschleudern sind multinationale Chemiekonzerne, die zu den größten der Branche gehören: BAYER hat ein Chlor-Alkali-Werk in Krefeld-Uerdingen, BASF eines in Ludwigshafen, EVONIK eines in Niederkassel-Lülsdorf, INEOS eines in Wilhelmshaven, und AKZO NOBEL hat an den Standorten Ibbenbüren und Frankfurt sogar zwei Anlagen laufen.

Die Konzerne können es sich offenbar leisten, Investitionen hinauszuzögern. Sie drohen mit Werksschließungen und fordern Subventionen für die Modernisierung der Anlagen. Statt den Energieverbrauch zu senken, betreibt die Chemiebranche massive Lobbyarbeit, um vom Handel mit Klima-Emissionsrechten ausgenommen zu werden. Die Verzögerungstaktik führt schließlich zu einem absehbaren Bruch von internationalen Vereinbarungen. Schon 1990 hatten die Anrainerstaaten der Nordsee und des Nordost-Atlantik entschieden, alle Chlorwerke mit dem Quecksilberverfahren so schnell wie möglich umzurüsten oder zu schließen. Spätestens im Jahr 2010 sollte keine dieser Anlage mehr laufen. Diese Vereinbarung ist heute nicht mehr einzuhalten. Sie wurde von den europäischen Chemiekonzernen schon dadurch bewusst umgangen, dass die Betreiber von Chlorfabriken sich selbst „verpflichtet“ haben, ihre Anlagen erst bis zum Jahr 2020 quecksilberfrei zu machen.

Streng vertraulich
Die OSPAR, eine staaten-übergreifende Organisation zum Schutz der nördlichen Meere, veröffentlicht jährlich die Quecksilber-Einleitungen aller Chlorwerke in den Nordost-Atlantik und die Nordsee. Die Daten erhält die Institution von Betreibern der Anlagen. BAYER machte allerdings falsche Angaben, vollständig auf die Membran-Technik umgestellt ist die Anlage in Uerdingen nämlich keineswegs. Der Leverkusener Multi fährt zweigleisig: Neben „dem bei BAYER seit vielen Jahren etablierten Diaphragma-Prozess“, wie es in einer Konzern-Veröffentlichung heißt, kommt auch die neuere genannte Sauerstoffverzehrkathoden-Technologie zur Anwendung.

Die Emissionswerte sind in dem Bericht für die OSPAR dennoch angegeben und lagen bei 88 kg Quecksilber im Jahr 2006. Im europäischen Schadstoff-Emissionsregister PRTR hat der Leverkusener Multi seine Daten gleich ganz schwärzen lassen. Dort sind 196 Betriebe in ganz Deutschland verzeichnet, die Quecksilber freisetzen. Nur bei einer einzigen Anlage sind die Daten als vertraulich eingestuft, und es werden weder der Betreiber noch die Betriebsart oder die genaue Schadstoffbezeichnung genannt. Durch die Kartenansicht erschließt sich aber, dass es sich hierbei um das Werk in Krefeld-Uerdingen handelt. Die Emissionen von einem nicht näher bezeichneten Schwermetall in die Luft sind hier mit 94,9 kg im Jahr 2007 angegeben, dabei handelt es sich vermutlich um Quecksilber. Die Emissionen in Wasser lassen sich nicht identifizieren. Hier sind sechs Schadstoffe jeweils mit dem Oberbegriff „Schwermetall“ bezeichnet, die ausgestoßene Menge variiert von 2,4 bis 490 Kilogramm.

Auch in ihrem Nachhaltigkeitsbericht von 2008 informiert der Global Player nicht über den tatsächlichen Schadstoff-Ausstoß. Bei den Emissionen in Wasser sind Quecksilber und andere Stoffe einfach unter dem Begriff „Schwermetalle“ subsummiert. Dabei macht es einen großen Unterschied, ob 8 bis 10 Tonnen Blei oder Quecksilber freigesetzt werden, denn Quecksilber ist für Menschen und Ökosysteme noch einmal viel giftiger als andere Schwermetalle. Im Wasser wird nämlich elementares Quecksilber von Mikroorganismen zu organischem Methylquecksilber umgewandelt, und dieses Methylquecksilber gelangt über die Nahrungskette in große Speisefische und landet so schließlich auf dem Teller.

Wegen dieser Gesundheitsgefahren haben sich die UN-Mitgliedsstaaten Anfang des Jahres auf ein Quecksilber-Verbot geeinigt. Allerdings gilt dieses nur für den Handel. Als Abfallprodukt bleibt es weiter unbehelligt. Und in Nordrhein-Westfalen noch ein wenig unbehelligter: BAYER sicherte der Landesregierung eine Verringerung der Quecksilber-Fracht zu und erhielt dafür eine Verlängerung der Einleitungsgenehmigung.

Ausstieg ist möglich
Immerhin gibt der Nachhaltigkeitsbericht von BAYER an, dass die Freisetzung von Schwermetallen seit 2006 jedes Jahr zunimmt! BAYER erklärt dies durch ein „umfassenderes Abwasserreporting“. Eine interessante Erkenntnis: Bis 2008 wurden offenbar viele Schadstoffe oder Schadstoffquellen nicht erfasst, und die Zahlen waren zu niedrig. Ob das jetzige Daten-Material der Wahrheit entspricht, weiß nur der Konzern selber.

BAYER muss die Chlorfabrik in Uerdingen auf eine moderne Technik umrüsten, bei der keine Energie mehr verschwendet und kein Quecksilber benötigt wird. Die Genehmigung hierfür hat BAYER bereits 2004 beantragt und erteilt bekommen - aber bis heute nicht umgesetzt. Seit 2007 wurden drei alte Chlorwerke in Deutschland von mittelständischen Unternehmen modernisiert. Nur noch die Konzerne wie BAYER hinken hinterher.

[Endosulfan] STICHWORT BAYER 03/2009

CBG Redaktion

Schlüpfrige Kampagne erfolgreich

BAYER stoppt Endosulfan

Seit zwanzig Jahren verlangt die Umweltbewegung ein Verbot von Endosulfan. Immer wieder wurden tödliche Vergiftungen und schwere Umweltschäden durch das Insektizid dokumentiert. Während der Gebrauch des Präparats in Europa seit langem untersagt ist, steigt der Verbrauch in Ländern des Südens sogar noch an. Nun kam BAYER den Forderungen endlich nach und kündigte als letztes westliches Unternehmen einen Verkaufs-Stopp an.

Von Philipp Mimkes

Die Aktion war nicht nach jedermanns Geschmack: die britische Gruppe PANTS TO POVERTY, die sich für ökologischen Baumwoll-Anbau einsetzt und Unterwäsche aus fairer Produktion vertreibt, forderte ihre UnterstützerInnen Anfang Juli auf, gebrauchte - aber gewaschene - Unterhosen an BAYER zu senden. Damit protestierte die Initiative gegen die Risiken und Nebenwirkungen des Ackergift-Einsatzes auf den Baumwoll-Plantagen. Ihrer Forderung an den Leverkusener Multi, endlich den Verkauf des Uralt-Pestizids Endosulfan zu beenden, schlossen sich in Indien hunderte Baumwollfarmer und Textilarbeiter an. Zudem unterstützten die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG), das PESTIZID AKTIONS-NETZWERK (PAN) und die ENVIRONMENTAL JUSTICE FOUNDATION die schlüpfrige Kampagne.

„Höschen-Hetze gegen BAYER“ titelte daraufhin der Spiegel, dabei offensichtlich Täter und Opfer verwechselnd. Endosulfan ist nämlich einer der großen Killer auf den Baumwoll-Plantagen in Asien und Afrika. Allein im kleinen westafrikanischen Land Benin führte der Einsatz des Pestizids innerhalb von zwei Jahren zu über 50 Todesfällen. In Indien kommt es beinahe täglich zu Vergiftungen. Jüngst starben fünf Schüler, nachdem sie mit Endosulfan vergiftete Milch getrunken hatten.

Der Wirkstoff wirkt direkt auf das zentrale Nervensystem und führt zu epilepsie-artigen Krämpfen, Schäden des Hormonsystems, Erblindungen sowie Leber- und Nierenschäden. Darüber hinaus steht Endosulfan im Verdacht, Krebs auszulösen. Zudem werden viele Vergiftungsfälle indirekt verursacht, durch kontaminiertes Wasser und belastete Nahrungsmittel. Umweltgruppen fordern seit rund zwei Jahrzehnten, den Verkauf von Endosulfan einzustellen, da eine gefahrlose Anwendung, besonders unter Armutsbedingungen, prinzipiell nicht möglich ist. Rund 99 % aller Pestizid-Vergiftungen treten denn auch in Entwicklungsländern auf.

In Deutschland besitzt das Nervengift seit 1991 keine Zulassung mehr. Dennoch vermarktet BAYER den Wirkstoff in anderen Ländern unter den Handelsnamen MALIX, PHASER und THIODAN als letztes westliches Unternehmen weiter, überwiegend für den Einsatz im Baumwollanbau. In das BAYER-Sortiment war das in mittlerweile 62 Ländern verbotene Insektizid im Jahr 2002 durch die Übernahme von AVENTIS CROPSCIENCE gelangt.

Eine Woche nach der Unterhosen-Aktion erreichte ein Mitglied der CBG eine Nachricht der Abteilung „Investor Relations“ von BAYER. Nach dem für den Leverkusener Multi äußerst ungewöhnlichen Eingeständnis: „Wir sind uns dabei bewusst, dass der sachgerechte Umgang mit Pflanzenschutzmitteln unter bestimmten Bedingungen in einigen Ländern der Dritten Welt nicht immer gewährleistet ist“, folgt die Ankündigung, „die Vermarktung des Wirkstoffes Endosulfan bis zum Jahresende 2010 sukzessive in den Ländern, in denen er noch registriert ist, zu beenden.“ Ein großer Erfolg jahrzehntelanger Kampagnen und Lobbyarbeit. Carina Weber, Geschäftsführerin von PAN Germany kommentiert: „Immer wieder haben wir BAYER darauf aufmerksam gemacht, dass Endosulfan viele Schäden und Todesfälle verursacht. Die Entscheidung, die Vermarktung zu beenden, ist daher überfällig.“

Nicht nur auf die menschliche Gesundheit, sondern auch auf die Umwelt hat Endosulfan immense Auswirkungen. Bereits geringe Konzentrationen genügen, um Pflanzen- und Tierwelt nachhaltig zu schädigen. Anfang des Jahres wurde aus Australien ein großes Fischsterben nach einem Einsatz von Endosulfan in Nuss-Plantagen gemeldet. Rund 10 Tonnen Endosulfan waren auch an Bord der philippinischen Fähre „Princess of the Stars“, die im Juni 2008 in einen Taifun geriet und sank, wobei 800 Menschen den Tod fanden. Die Ladung musste aufwendig geborgen werden, um eine Meeres-Verseuchung zu verhindern.

Da der Patentschutz abgelaufen ist, wird der Wirkstoff mittlerweile auch in Entwicklungsländern produziert. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass der Einsatz von Endosulfan und die Zahl der Vergiftungsfälle besonders in Indien dramatisch ansteigt. Die meisten LandarbeiterInnen dort haben keinerlei Zugang zu Schutzkleidung. In solchen Gebieten, in denen der Endosulfan-Einsatz verboten wurde, sank hingegen die Rate von Totgeburten, Missbildungen und neurologischen Schäden deutlich.

Durch den Vermarktungs-Stopp von BAYER rückt nun auch eine internationale Ächtung des Agrogiftes näher. Bislang waren alle Versuche gescheitert, Endosulfan in die betreffenden Konventionen von Stockholm und Rotterdam aufzunehmen. Die beiden Abkommen sehen die Eindämmung des Exports von Giftmüll und von gefährlichen Chemikalien vor. Beide Verfahren scheiterten im Fall von Endosulfan trotz Unterstützung der EU-Kommission bislang an der indischen Regierung. Das Argument, dass schließlich auch westliche Konzerne das Insektizid verkaufen, fällt mit dem Einlenken von BAYER jetzt weg. Deshalb könnte die Vertragsstaaten-Konferenz im Jahr 2011 das globale Aus für Endosulfan einläuten.

[Kurzmeldungen] STICHWORT BAYER 03/2009 – Ticker

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

Wahlerfolge für Pipeline-GegnerInnen
GegnerInnen der Kohlenmonoxid-Pipeline, die BAYER zwischen den Standorten Dormagen und Krefeld plant, haben sich mit beträchtlichem Erfolg an den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen beteiligt. In Erkrath erreichte ein entsprechendes WählerInnen-Bündnis 18 Prozent, die BÜRGER-UNION in Ratingen kam sogar auf 30 Prozent. Auch bei der Landtagswahl im nächsten Jahr dürfte die umstrittene Gasleitung eine große Rolle spielen.

Erfolgreiche Endosulfan-Kampagne
Die britische Gruppe PANTS TO POVERTY, die sich für ökologischen Baumwoll-Anbau einsetzt und Unterwäsche aus fairer Produktion vertreibt, begann im Juli eine schlüpfrige Kampagne gegen BAYERs Ultragift Endosulfan. Sie forderte die Menschen auf, gebrauchte - aber gewaschene - Unterhosen an den Leverkusener Multi zu senden. Hunderte indische BaumwollfarmerInnen und TextilarbeiterInnen unterstützten die Aktion ebenso wie die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG), das PESTIZID AKTIONS-NETZWERK (PAN) und die ENVIRONMENTAL JUSTICE FOUNDATION. Am Ende gab der Agro-Riese sich geschlagen: Er verkündete einen Endosulfan-Verkaufsstopp (siehe auch SWB 3/09).

Pillen-Preise kritisiert
Die Ausgaben der Krankenkassen für Medikamente sind im letzten Jahr um 5,3 Prozent auf 29,2 Milliarden Euro gestiegen. Einen großen Anteil daran haben die von BAYER & Co. neu auf den Markt gebrachten Arzneien. Für solche Pillen dürfen die Hersteller die Preise netterweise nämlich selbst festlegen. Als „systemsprengend“ hat der Pharmakologe Gerd Glaeske diese Kosten bezeichnet und eine Deckelung gefordert. Die ehemalige BAYER-Angestellte Cornelia Yzer wies diese Kritik in ihrer Funktion als Geschäftsführerin des vom Leverkusener Multi mitgegründeten „Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller“ umgehend zurück. Die neuen Produkte seien „kein Kostentreiber“, so Yzer.

KAPITAL & ARBEIT

Datensammler BAYER
Nicht nur bei der DEUTSCHEN BAHN dient die Korruptionsbekämpfung als Vorwand, um die Beschäftigten zu bespitzeln. Auch der Leverkusener Multi benutzt dieses Argument, um die Computer der Belegschaftsangehörigen zu scannen. Die Computer-Software SAP und das Programm „Staan“ ermöglichen es dem Konzern nach den Worten von Günter Müller, dem Bereichsleiter der Unternehmensrevision, hunderttausende von Daten zu eruieren und den Großen Bruder BAYER „under perfect information“ zu stellen.

Weiter Kritik an Beistandskasse
Die BAYER-Beistandskasse hatte im Jahr 2007 auf ihrer Mitglieder-Versammlung Kürzungen beim Sterbegeld, das ca. 6.000 Euro beträgt, vorgenommen (Ticker 3/08). Die Abschläge durch die Streichung des Gewinn-Zuschlages können sich auf zu 2.000 Euro - also ein Drittel der Summe - summieren. Zwei Jahre später haben sich die Wogen immer noch nicht wieder geglättet. Einer Anfechtungsklage gegen den Beschluss gab das Amtsgericht Opladen in erster Instanz statt, woraufhin der Leverkusener Multi in die Berufung ging. Und auch auf der diesjährigen Versammlung stellten Mitglieder Anträge auf Wiedereinführung des Gewinnzuschlages, die der Vorstand allerdings nicht zur Abstimmung stellte. Spekulationen mit Lehman-Zertifikaten sowie ein Schrumpfen der Sterbegelder bei steigenden Sterbezahlen sorgten für zusätzlichen Unmut, der sich in den Abstimmungsergebnissen niederschlug. So verweigerten 150 der 652 Anwesenden dem Vorstand und 147 dem Aufsichtsrat die Entlastung.

ERSTE & DRITTE WELT

Milde NEXAVAR-Gaben
Der Leverkusener Multi verklagt routine-mäßig Pharma-Hersteller, die nach Ablauf der Patentfrist Nachahmer-Produkte von BAYER-Pillen auf den Markt bringen wollen, um sich die lästige Billig-Konkurrenz möglichst lange vom Leibe zu halten (siehe auch RECHT & UNBILLIG). Sogar gegen Generika-Unternehmen in der „Dritten Welt“ geht BAYER gerichtlich vor, obwohl diese die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Medikamenten zu erschwinglichen Preisen sicherstellen. So verlor der Konzern in Indien gerade einen Prozess, der den Nachbau seiner Krebs-Arznei NEXAVAR hinauszuzögern sollte (SWB 1/09). Der wachsenden Kritik an dieser Patent-Praxis begegnet der Pharma-Riese mit milden Gaben: Er erleichtert über spezielle Förderprogramme den Zugang zu NEXAVAR.

IG FARBEN & HEUTE

Gedenkplatte enthüllt
Im November 2008 hatte die KULTURVEREINIGUNG LEVERKUSEN e. V. mit einer Kundgebung vor dem Tor des BAYER-Chemie„parks“ an die Opfer des vom Pharma-Riesen mitgegründeten IG-FARBEN-Konzerns erinnert. Die AktivistInnen hatten zu diesem Anlass auch geplant, eine Gedenkplatte in den Boden einzulassen, aber die Stadt untersagte dies. Die Kulturvereinigung gab sich jedoch nicht geschlagen und bot dem Memorial auf ihrem eigenen Grundstück eine Heimat. Am 27. Juni 2009 enthüllte der Verein das Erinnerungsmal und eröffnete parallel dazu eine kleine Ausstellung über die Geschichte des Mörderkonzerns.

Karl-Winnacker-Preis verliehen
Karl Winnacker war von 1933 bis 1945 einer der einflussreichsten Manager des von BAYER mitgegründeten Mörderkonzerns IG FARBEN. Das hindert weder den „Marburger Universitätsbund“ noch das „Deutsche Atomforum“ daran, einen „Karl-Winnacker-Preis“ zu verleihen. Die diesjährige Auszeichnung erhielt die Bertelsmann-Miteignerin Liz Mohn. Karl Winnackers Sohn, der Gentechniker und Wissenschaftslobbyist Ernst-Ludwig Winnacker, setzt heute die Familien-Tradition fort und sitzt im BAYER-Aufsichtsrat. Auch aus anderen Nachkommen von IG-Managern ist etwas geworden. So ging Kurt Biedenkopf, Sohn des Technischen Direktors Wilhelm Biedenkopf, in die Politik und bekleidete einflussreiche Ämter für die CDU. Dieser Partei blieb auch die Fritz-ter-Meer-Tochter Charlotte treu, zumindest privat: Sie heiratete den langjährigen CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep.

POLITIK & EINFLUSS

BDI fordert Rohstoff-Strategie
Immer wieder drängen BAYER & Co. die Politik, sich beherzter am Wettlauf um Kupfer, Zink und andere knappe Güter zu beteiligen. Im August 2009 hat der „Bundesverband der Deutschen Industrie“ (BDI) von der Bundesregierung und der EU eine „Rohstoff-Strategie“ eingefordert, um die Versorgung der Wirtschaft mit Ressourcen sicherzustellen. Nach den Vorstellungen des BDI müsste diese unter anderem für den Abbau von Handelshemmnisse sorgen, die europäischen Länder konkurrenzfähiger gegenüber China machen und die Ausweisung von immer mehr ökologischen Schutzgebieten stoppen, damit die Konzerne sich die heimischen Reservoirs besser erschließen können.

Merkel bestaunt BAYER-Modell
Ausgerechnet bei BAYER wollte Bundeskanzlerin Angela Merkel das Energiesparen lernen. Auf der Hannover-Messe ließ die CDU-Politikerin sich mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan und dem südkoreanischen Premierminister Han Seung-Soo im Schlepptau ein Modell zur Ressourcen-Schonung bei technischen Prozessen erläutern, das BAYER gemeinsam mit der Hannover-Messe entwickelt hatte.

Wenning bei Ackermann-Geburtstag
Wenn Angela Merkel für Josef Ackermann von der DEUTSCHEN BANK den Party-Service übernimmt und dessen Geburtstagsessen ausrichtet, darf einer natürlich nicht fehlen: BAYER-Chef Werner Wenning. Er gehörte zu den ca. 30 Gästen, die auf Kosten der SteuerzahlerInnen im Bundeskanzleramt speisten.

BAYER & Co. beim Runden Tisch
„Fortschritte beim zweiten Runden Tisch zur Pflanzen-Genetik“ vermeldete Forschungsministerin Annette Schavan im Juli. Kein Wunder, dass es so rund lief, denn 24 der 30 TeilnehmerInnen erwiesen sich als Anhänger der Risikotechnologie. Er habe sich „wie auf einer Werbeveranstaltung von BASF gefühlt“, klagte Hartmut Vogtmann vom DEUTSCHEN NATURSCHUTZRING dann auch. Jetzt wollen die Initiativen aber nicht mehr länger als Feigenblatt dienen. Sie haben einen neun Punkte umfassenden Katalog zur ökologischen Sicherheitsforschung formuliert, mit dem sich der nächste Runde Tisch befassen soll. Darin fordern NABU, BUND & Co. unter anderem eine systematische Erfassung der gesundheitlichen Risiken von Genpflanzen, die Untersuchung von Wechselwirkungen mit Pestiziden und eine Standardisierung der Zulassungstests.

Reul sitzt EU-Industrie-Ausschuss vor
Der CDU-Politiker Herbert Reul hat den Vorsitz des Industrie-Ausschusses der Europäischen Union übernommen. „Klimapolitik gegen die Industrie ist Unsinn“ gehört zu den Glaubensätzen des Christdemokraten, der generell Zweifel daran hat, „dass der Mensch so viel zur Erderwärmung beiträgt, wie allgemein behauptet wird“ und damit natürlich BAYERs Mann ist. Nicht umsonst hat der EU-Parlamentarier schon 2005 Vorträge beim Leverkusener Multi gehalten.

Thoben in Leverkusen
Die nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin Christa Thoben nahm an der Vorstandssitzung der „Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft“ teil, die im Leverkusener Chemie-„park“ stattfand. Die CDU-Politikerin nutzte sogleich die Gelegenheit, ein Bekenntnis zu den „industriellen Kernen“ des Bundeslandes abzulegen. Wenig später verteidigte die Christdemokratin dann auch BAYERs umstrittene Kohlenmonoxid-Leitung: „Es ist ein wichtiger Schritt zur Sicherung und zum Ausbau des Chemie-Standortes Nordrhein-Westfalen. Durch die Pipeline erhalten die beiden Werke in Krefeld und Dormagen eine gesicherte Perspektive“.

Rüttgers & Oettinger im Baykomm
Die beiden CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und Günther Oettinger besuchten das BAYKOMM in Leverkusen und ließen sich von BAYER-Chef Werner Wenning und Forschungsvorstand Wolfgang Plischke durch die Themenräume führen. Dabei fanden die Manager Gelegenheit, den Politikern die Gentechnik des Hauses als Beitrag zur Lösung des Welternährungsproblems zu verkaufen, BAYER als Klimaschützer in Szene zu setzen und bessere Rahmenbedingungen für die Forschung zu fordern.

Schäfer sitzt NRW-VCI vor
Klaus Schäfer, der Geschäftsführer von BAYERs Chemie„park“-Betreiber CURRENTA, hat den Vorsitz der nordrhein-westfälischen Sektion des „Verbandes der Chemischen Industrie“ (VCI) übernommen. „Ich freue mich sehr, dass ich mich nun auch an der Spitze des Chemieverbandes für den Erhalt und die Stärkung dieses wichtigsten deutschen Chemie-Standortes einsetzen kann“, sagte er nach seiner Wahl.

Schneider Chef-Aufseher bei RWE
Manfred Schneider hat seinen Aufsichtsratschef-Sesseln bei BAYER und LINDE jetzt auch noch den von RWE hinzugefügt. Daneben nimmt Schneider profane Aufsichtsratsmandate bei DAIMLER und TUI wahr. Zudem gehört er dem „Gemeinsamen Beirat“ der ALLIANZ an und leitet das Kuratorium der „Fritz Thyssen Stftung“.

Winnacker kritisiert Seehofer
Der Gentechnik-Multifunktionär Ernst-Ludwig Winnacker, dem seine vielfältigen Kontakte einen Sitz im BAYER-Aufsichtsrat einbrachten, hatte eine ganz ausgezeichnete Beziehung zum ehemaligen CSU-Boss Edmund Stoiber. So leitete er sieben Jahre lang den Wissenschaftlich-Technischen Beirat der Bayerischen Staatsregierung. Da bereitet ihm die zunehmende Gentechnik-Skepsis der Christsozialen unter Horst Seehofer natürlich Sorge. Deshalb setzte er einen Brief an den Ober-Bayern auf. „Ich habe ihm geschrieben, dass ich seine Äußerungen als forschungsfeindlich empfinde und enttäuscht bin, dass er als Ministerpräsident eine solch extreme Haltung einnimmt“, erklärte Winnacker in der Süddeutschen Zeitung. Dessen Gentech-Lobbyismus machte auch die Journalistin misstrauisch: „Die Gegner werfen Ihnen vor, von der Industrie gekauft zu sein“. Aber Mr. Gentechnik focht das nicht an. „Das Argument ist billig“, entgegnete er. Bereits wenige Tage nach dem Interview setzte er seine Mission fort und warb auf dem Münchner Symposion „Grüne Gentechnologie“ für Gen-Mais auf dem Acker.

PROPAGANDA & MEDIEN

BAYER schult Pentagon-Personal
Das Pentagon kauft jährlich Arzneimittel für sieben Milliarden Dollar und zählt zu den Großabnehmern von BAYER-Medikamenten. Darum betreibt der Leverkusener Multi eine intensive Kundenpflege. Besonders gern lädt der Konzern Beschäftigte von Armee-Krankenhäusern zu Kongressen und „Fortbildungs“veranstaltungen ein. Die Kosten - allein die Reisen schlagen mit 46.000 Dollar zu Buche - scheinen eine lohnende Investition zu sein.

PLEON vermarktet Sozialpreis
Der Leverkusener Multi hat einen „ASPIRIN-Sozialpreis“ ausgelobt, den der Konzern an Sozial-Projekte aus dem Gesundheitsbereich verleihen will. Das Konzept für diese PR-Aktion stammt von der Agentur PLEON, die für den Pharma-Riesen in der Vergangenheit bereits BAYERs Kinderarmut-„Sozialarbeit“ betreut hatte. Im Bereich „Health Care“ kann die Werbefirma mit besonderer Kompetenz aufwarten, diese Sparte betreut nämlich die ehemalige grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer. An diese adressierte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) auch ihren Protestbrief. Die CBG sieht durch die Aktion die Aufklärung über gefährliche Nebenwirkungen des „Tausendsassas“ in den Hintergrund gedrängt und misstraut dem Bemühen des Global Players um die Mühseligen und Beladenen. „Es geht uns nicht darum, das Engagement der beim „ASPIRIN-Sozialpreis“ teilnehmenden Organisationen in Frage zu stellen. Aber es ist wohl unstrittig, dass es der BAYER AG bei solchen aus der Portokasse finanzierten Kampagnen nicht um soziales Engagement, sondern ausschließlich um Werbung geht“, heißt es in dem Schreiben an Fischer.

Greenwashing zum Umwelttag

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Pünktlich zum weltweiten Umwelttag am 5.6.09 hatte der Leverkusener Multi im US-amerikanischen Omaha sein Grünwaschprogramm angeworfen. Der Konzern initiierte gemeinsam mit der UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, eine Ausstellung mit Bildern von Kindern zum Thema „Klimawandel“ im Kindermuseum. Zudem spendierte der Konzern im Rahmen der „Sieben Milliarden Bäume“-Kampagne der UNEP 10.000 Dollar für das Anpflanzen von 500 Bäumen regionaler Provenienz im Stadtgebiet.

Greenwashing zum Umwelttag

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Auch im ostfriesischen Aurich wusch sich der Klimasünder BAYER (Kohlendioxid-Ausstoß 2008: 7,57 Millionen Tonnen) am weltweiten Umwelttag die Hände grün und zeigte im städtischen Rathaus von Kindern gemalte Bilder zum Thema „Klimawandel“. Entstanden waren die Exponate im Rahmen eines gemeinsam mit dem UN-Umweltprogramm UNEP veranstalteten Malwettbewerbs.

BAYER eröffnet klima-neutrale Kita
Der Leverkusener Multi betreibt ein Klein-Klein in der Klimapolitik. Während die Kohlendioxid-Emissionen (2008: 7,57 Millionen Tonnen) nur konjunktur-abhängig sinken, versucht der Konzern mit Mini-Projekten zu punkten. So eröffnete er in Monheim eine klima-neutrale Kindertagesstätte und heimste dafür auch noch einen Preis für energie-optimiertes Bauen ein.

Kulturachse Leverkusen-Berlin
BAYER entfaltet zunehmend PR-Aktivitäten in der Hauptstadt. Zu diesem Behufe rief der Konzern die „Kulturachse Leverkusen-Berlin“ ins Leben. Im Rahmen dieses Projekts zeigt er gesponsorte Theaterproduktionen nach der Premiere am Stammsitz auch in Berlin. Darüber hinaus plant der Multi die Förderung zeitgenössischer Dramatik. Zudem will der Agro-Riese seine Kunstsammlung am Regierungssitz zeigen und junge Berliner KünstlerInnen ausstellen. Zur Präsentation des Kulturprogrammes, das BAYER mit Partnern wie der „Hochschule Ernst Busch“, dem Renaissance-Theater und dem Martin-Gropius-Bau durchführt, kam auch der Kulturstaatssekretär André Schmitz ins Rote Rathaus.

VDMJ verleiht BAYER-Preis
Der „Verband Deutscher Medizinjournalisten“ (VDMJ) ist sich für nichts zu schade und hat den von BAYER gestifteten JournalistInnen-Preis für Berichte über Fortschritte in der Nierenkrebs-Therapie mit Malini Guha einer Journalistin verliehen, die in einem Artikel über die von BAYERs Arznei NEXAVAR bewirkten Fortschritte in der Nierenkrebs-Therapie berichtet hatte.

BAYER lehrt Gentechnik
Bereits über 200 Schülerlabore haben die Konzerne in der Bundesrepublik eingerichtet, um Nachwuchs für die Naturwissenschaften zu gewinnen. Mit einer kritischen Aufbereitung der Themen gelingt dies nicht. So durften SchülerInnen des Gymnasium Herkenrath in BAYERs „Baylab plants“ zwar die DNA von Raps isolieren, aber nichts über die „Risiken und Nebenwirkungen“ der Gentechnik lernen.

BAYER lehrt Wasserkunde
Der Leverkusener Multi lädt SchülerInnen nicht nur zu sich in seine Labore ein (s. o.). Er unterhält auch einen Außendienst, um Jugendliche mit Naturwissenschaften nach BAYER-Art vertraut zu machen. So halten ehemalige Beschäftigte wie Gerhard Heywang oder Peter Michael Lange Schulstunden ab. Gerhard Heywang etwa widmete sich im Chemie-Unterricht des Bonner Ernst-Kalkuhl-Gymnasiums dem Thema „Wasser“. „Er demonstrierte die Sprengkraft von Wasser im gefrorenen Zustand und zeigte mit Hilfe von kleinen Glasplättchen, dass Wasser sogar als Klebstoff dienen kann“, zeigte sich der General-Anzeiger begeistert. Der enorme Wasserverbrauch von BAYER (siehe WASSER, BODEN & LUFT) stand natürlich ebenso wenig auf dem Stundenplan wie die massiven Verunreinigungen durch Schadstoff-Einleitungen.

BAYERs Testosteron-Check
Mit großer Anstrengung arbeitet der Leverkusener Multi daran, die „Männergesundheit“ als neues Geschäftsfeld zu etablieren und seinen Potenzpillen und Hormon-Präparaten neue und nur selten zweckdienliche Anwendungsmöglichkeiten zu erschließen. So hat er die Krankheit „Testosteron-Mangel“ erfunden, um seine Hormon-Pillen an den Mann zu bringen, obwohl die Liste der Nebenwirkungen lang ist. Bluthochdruck, Ödeme, Herzkrankheiten, Blutverdickung, Leberschäden und Wachstum der Prostata zählen dazu. Zwecks Erschließung neuer Käuferschichten sucht der Konzern seit Neuestem sogar männer-affine Veranstaltungen wie Oldtimer-Shows und Golfmessen heim und bittet dort zum „Testosteron-Check“.

DRUGS & PILLS

FDA: Qualitätsmängel bei YAZ & Co.
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat zweimal das Bergkamener BAYER-Werk inspiziert und gravierende Mängel bei der Qualitätskontrolle von Wirkstoffen für Verhütungsmittel wie YASMIN und YAZ festgestellt, die seit geraumer Zeit wegen erhöhter Thrombose- und Lungenembolie-Risiken in der Kritik stehen (siehe SWB 3/09). So entdeckten die KontrolleurInnen unreine Pharmastoffe und solche, die in ihrer Stabilität erhebliche Schwankungen aufwiesen, was BAYER durch Tricks bei den Analyse-Verfahren verbergen wollte. Zudem kritisierte die FDA Defizite bei der Reinigung und Wartung der Produktionseinrichtungen. Die Institution setzte dem Konzern eine Frist von 30 Tagen, um die Mängel zu beheben und drohte bei einer mit der Verhängung eines Einfuhrverbotes für Pillen made by BAYER.

Pharma-Forschung unter Einfluss
Seit langem kritisiert die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) den großen Einfluss der Pillen-Hersteller auf Arzneimittelstudien im Allgemeinen und die von BAYER mit der Kölner Universitätsklinik vereinbarte Kooperation auf diesem Gebiet im Besonderen. Auch die ÄrztInnenschaft beobachtet die Entwicklung misstrauisch. So gab der „Deutsche Ärztetag“ eine Expertise zum Thema „Der Einfluss der pharmazeutischen Industrie auf die wissenschaftlichen Ergebnisse und die Publikation von Arzneimittelstudien“ in Auftrag. Das Fazit fiel verheerend aus. So kommen von BAYER & Co. gesponsorte Untersuchungen deutlich öfter zu positiven Ergebnissen als staatlich geförderte. Das geschieht dem Autor Dr. Klaus Lieb zufolge unter anderem durch Veränderungen des Studien-Protokolls, das Zurückhalten von Informationen über Nebenwirkungen und durch die Beschäftigung von GhostwriterInnen. Als Konsequenz aus dem Resultat der Analyse forderte der „Deutsche Ärztetag“ die Bundesregierung auf, eine von den Pharma-Firmen unabhängige Forschung stärker als bisher zu unterstützen.

Studien: Kein ASPIRIN zur Vorbeugung
ForscherInnen der Universität Oxford raten davon ab, ASPIRIN zur Herzinfarkt-Vorbeugung zu nehmen. Die WissenschaftlerInnen werteten Daten aus sechs Studien aus und stellten dem „Tausendsassa“ in einer Risiko/Nutzen-Analyse ein schlechtes Zeugnis aus. So hat das Präparat zwar das Auftreten von Störungen des Herz/Kreislaufsystems um 12 Prozent gesenkt, dafür im Gegenzug aber zu einem 43-prozentigen Anstieg von Gehirnblutungen geführt. Eine Untersuchung des an der Edinburgher „Wolfson Unit“ tätigen Dr. Gerry Fowkes beurteilte die prophylaktische Wirkung von ASPIRIN ebenfalls negativ. Und das, obwohl BAYER zu den Sponsoren der Expertise gehörte.

RENNIE schadet Lunge und Knochen
BAYERs Arznei RENNIE bindet die Magensäure und wirkt so gegen Sodbrennen. Zu den Risiken und Nebenwirkungen der vom Leverkusener Multi und anderen Herstellern angebotenen Präparate gehören die Schädigung des Knochenbaus und die Förderung von Lungenentzündungen, wie neue Studien der Universität Hamburg-Eppendorf und des „Beth Israel Deaconess Medical Centers“ ergaben. Die von den Mitteln neutralisierte Magensäure spielt nämlich bei der Verwertung des für den Knochenaufbaus wichtigen Kalziums eine Rolle, und findet der Körper nicht genug in der Nahrung, so muss er die im Skelett verborgenen Kalzium-Reserven angreifen. Für die Erhöhung des Lungenentzündungsrisikos durch RENNIE & Co. gibt es hingegen keine eindeutige Erklärung. Die WissenschaftlerInnen vermuten, dass die Medikamente mit dem Blocken der Magensäure auch Immunzellen ausschalten, die für die Abwehrkraft des Organismus eine wichtige Funktion erfüllen. Angesichts des alarmierenden Befundes kritisieren die ForscherInnen die viel zu häufige Verwendung der Produkte.

Omeprazol-Lizenz erworben
BAYER hat von ASTRAZENECA die Lizenz für Omeprazol erworben. Der Leverkusener Multi will das Mittel gegen Sodbrennen in einer rezeptfreien 20-Milligramm-Version mit einer Wirkstoff-Konzentration von 20 Milligramm unter dem Namen ANTRA auf den Markt bringen. Dafür hat der Konzern auch grünes Licht vom Bundesrat bekommen, der seinem Antrag auf die Aufhebung der Verschreibungspflicht für das Omeprazol light stattgab.

XARELTO: US-Zulassung verzögert sich
Während die Europäische Union BAYERs Gerinnungshemmer XARELTO bei schweren orthopädischen OPs zugelassen hat, verzögert sich die US-Genehmigung weiter. Wegen des erhöhten Risikos von Gefäß-Verschlüssen, Blutungen, Herz/Kreislaufstörungen und Leberschäden sowie ungeklärter Langzeitwirkung forderte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA weitere Unterlagen an (Ticker 1/09). Der Leverkusener Multi hat offenbar Mühe, diese bereitzustellen. Erst im vierten Quartal des Jahres will der Konzern der FDA die Daten übergeben.

FDA warnt vor ALKA SELTZER & Co.
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA macht Schmerzmittel mit der Wirksubstanz Acetaminophen für jährlich 1.600 schwerwiegende Leberschäden - manchmal sogar mit Todesfolge - verantwortlich. Deshalb zieht die Institution verschreibungspflichtige Arzneien mit diesem Inhaltsstoff aus dem Verkehr. Für die geringere Dosen dieser Substanz enthaltenen freiverkäuflichen Pharmazeutika schreibt die Behörde eine Senkung des Acetaminophen-Gehaltes vor. Davon sind BAYER-Produkte wie ALKA SELTZER, MIDOL und BAYER SELECT betroffen.

Diabetikum-Vermarktung in China
Der Leverkusener Multi hat vom polnischen Pharma-Hersteller BIOTON die Exklusiv-Rechte zum Vertrieb des Diabetikums SCILIN in China erworben.

BAYER testet Verhütungspflaster
Der Leverkusener Multi testet Antibaby-Pflaster mit den Wirkstoffen Ethinylestradiol und Gestoden. Mit einer Zulassung rechnet er für 2012.

Neuer Ballon-Katheder
MedizinerInnen weiten PatientInnen mit verengten Gefäßen in einer OP mittels eines Ballon-Katheders die Arterien. BAYER hat jetzt die Zulassung für einen Ballon-Katheder beantragt, der mit einem Medikament beschichtet ist und so das erneute Zuwachsen der Gefäße effektiver verhindern soll.

Alzheimer-Marker in 3. Testphase
Die Universität von Nagasaki hatte ein Verfahren entwickelt, das Eiweißablagerungen im Gehirn mittels eines radioaktiven Markers visuell darstellen und so angeblich zur Früherkennung von Alzheimer dienen kann. BAYER sicherte sich durch einen Vertrag mit der japanischen Hochschule die Exklusivrechte an dieser Technologie und startete klinische Prüfungen, die sich mittlerweile in der dritten und letzen Phasse befinden.

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Studie: GAUCHO tötet Bienen
Im letzten Winter haben britische ImkerInnen ein Fünftel ihrer Bienenvölker verloren. Eine daraufhin von den Initiativen BUGLIFE und SOIL ASSOCIATION durchgeführte Untersuchung machte Pestizide wie Imidacloprid, Wirkstoff von BAYERs Saatgut-Behandlungsmittel GAUCHO, mitverantwortlich für das Bienensterben. Als Konsequenz daraus forderten die Gruppen ein Verbot von GAUCHO und anderen Mitteln, wie es die Bundesrepublik und andere Staaten in Europa für bestimmte Anwendungsbereiche schon ausgesprochen haben.

Bienensterben global
Im letzten Jahr hat BAYERs Saatgut-Beizmittel PONCHO in Süddeutschland ein verheerendes Bienensterben ausgelöst. Deshalb dürfen die LandwirtInnen das Produkt in der Bundesrepublik vorerst auf Maisfeldern nicht mehr ausbringen. Andere Länder reagierten hingegen nicht. Nach einem Massentod von Bienen in Österreich (Ticker 2/09) beklagten nun auch ImkerInnen in Kroatien und Japan große Verluste.

Berufskrankheit „Parkinson“
Pestizide haben Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem. Besonders Menschen, die täglich mit Agrochemikalien umgehen, setzen sich einem Gesundheitsrisiko aus. So erkranken LandwirtInnen häufiger an Parkinson als der Durchschnitt der Bevölkerung. Die landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft hat deshalb - allerdings erst nach einer Klage - pestizid-bedingten Parkinson als Berufskrankheit anerkannt. Einen ähnlichen Fall hatte vor einiger Zeit das Landessozialgericht Mainz positiv entschieden.

Diuron am Bau
Die verbesserte Wärmedämmung führt zu kälteren und feuchteren Außenfassaden. Weil das die Häuserwände anfälliger für Pilzbefall macht, greifen die BesitzerInnen häufig zu Anstrichen mit Agrochemie-Zusätzen. Regen spült die Gifte dann ins Grundwasser. Bei einer Untersuchung des schweizer Wasserversorgers EAWAG enthielt ein Liter Abfluss allein bis zu 7.000 Mikrogramm von BAYERs Pestizid-Wirkstoff Diuron.

Weiterhin Klasse-I-Pestizide
Auf der BAYER-Hauptversammlung von 1995 hatte der Vorstand zugesagt, bis zum Jahr 2000 alle Pestizide der Gefahrenklasse I vom Markt zu nehmen. Dieses Versprechen hat der Leverkusener Multi immer noch nicht eingelöst. Dem Nachhaltigkeitsbericht von 2008 zufolge „gibt es weiterhin Produkte, deren Einsatz notwendig ist und für die noch immer keine Alternativen verfügbar sind“. Zudem machten regionale Unterschiede beim Schadinsekten-Aufkommen angeblich eine „Standardlösung unmöglich“.

GENE & KLONE

Saatgut mit T25 verunreinigt
GREENPEACE hat konventionell angebautes Mais-Saatgut untersucht und Verunreinigungen mit gentechnisch manipulierten Saaten festgestellt. In 22 der 386 Proben fanden sich Gentechnik-Spuren. In den meisten Fällen führten diese zu MONSANTO, aber auch der Leverkusener Multi wurde ertappt. So wiesen die WissenschaftlerInnen in Maispflanzen aus Hessen, dessen Saatgut aus Kanada stammte, den BAYER-Mais T25 nach, den gentechnische Verfahren resistent gegen die Herbizide BASTA und LIBERTY gemacht haben.

Glyphosat schädigt Zellen
Das BAYER-Pestizid Glyphosat, das in den Mitteln GLYPHOS, KEEPER und USTINEX enthalten ist, hat es in sich. Der Wirkstoff, den der Konzern ab 2010 auch in Kombination mit seiner gentechnisch gegen die Substanz resistent gemachten „GlyTol“-Baumwolle anbieten will, kann menschliche Zellen schädigen. Nach einer Untersuchung französischer ForscherInnen von der Universität Caen löste die Agrochemikalie noch in 100.000facher Verdünnung binnen 24 Stunden ein komplettes Zellsterben aus.

USA genehmigen Gen-Baumwolle
Die USA haben BAYERs GlyTol-Baumwolle eine Genehmigung erteilt. Der Agro-Riese will die per Gentechnik immun gegen den Herbizid-Wirkstoff Glyphosat gemachte Pflanze ab 2010 vermarkten. Ob die BAYER-Baumwolle Hitze und Trockenheit besser trotzt als die Laborfrüchte des Konkurrenten MONSANTO? Bei denen ließen die klimatischen Verhältnisse nämlich die Glyphosat-Resistenz schwinden, weshalb die Gewächse dem Glyphosat-Großeinsatz nicht gewachsen waren und en masse eingingen.

Tallowamin tötet Frösche
Nicht nur Glyphosat als Wirkstoff von MONSANTOs Produktlinie ROUND-UP, auf die auch BAYER im Rahmen einer Kooperation mit dem Agro-Riesen zurückgreift (s. u.), steht in der Kritik (s. o.) Der ROUND-UP-Hilfsstoff Tallowamin hat jetzt ebenfalls die Aufmerksamkeit von ForscherInnen auf sich gezogen. US-amerikanischen WissenschaftlerInnen zufolge hat die Substanz für ein Massensterben von Fröschen und Kröten gesorgt. Das „Bundesamt für Verbraucherschutz“ hat von dem US-Unternehmen und anderen Anbietern bereits neue Daten angefordert und droht mit einer Aberkennung der Zulassung.

Mehr Kooperation mit MONSANTO
Schadinsekten gewöhnen sich zunehmend an die Pestizide, welche die Hersteller im Kombipack mit ihren gegen diese Wirkstoffe resistenten Genpflanzen verkaufen. Deshalb gehen BAYER & Co. nach der Devise „Doppelt hält besser“ immer mehr dazu über, ihre Sorten gleich gegen mehrere Agrochemikalien immun zu machen. So haben BAYER und MONSANTO bereits vor zwei Jahren einen umfangreichen Technologie-Transfer vereinbart. Der US-amerikanische Agro-Riese darf laut Vertrag BAYERs LIBERTY-Resistenzen zusätzlich zum Bt- oder Glyphosat-Gen in seine Raps- oder Soja-Kreationen einbauen und der Leverkusener Multi im Gegenzug auf MONSANTO-Entwicklungen zurückgreifen. Jetzt weiteten die beiden Unternehmen ihre Zusammenarbeit nochmals aus. Der US-Gigant erhält für seinen Gen-Raps Zugang zur LIBERTY-Technologie, während der bundesdeutsche Konzern für seine Rapssorten die MONSANTO-Entwicklung ROUNDUP-READY verwenden kann.

DUPONT kauft BAYER-Lizenzen
Auch der Agro-Riese DUPONT versucht, die nachlassende Widerstandskraft seiner Genpflanzen gegen Schadinsekten durch die Zusammenstellung neuer Giftcocktails aufzuhalten. Das Unternehmen erwarb vom Leverkusener Multi die Rechte zum Einbau von Resistenzen gegen das Pestizid Glufosinat in seine Sorten. Zudem hat das US-amerikanische Unternehmen Zugriff auf BAYERs Dual-Bt-Patent, welches das Bestücken seiner Produktlinien mit dem für Insekten tödlichen Bacillus thuringiensis erlaubt. Das den Agrarmarkt beherrschende Oligopol versucht also momentan, die sich aus der Genpflanzen-Monokultur ergebenden Probleme dadurch zu lösen, dass es den Oligopol-Giftschrank zwecks Pseudo-Diversifizierung gemeinsam nutzt.

Einzelstaatliche Gentechnik-Verbote?
Bislang galt in Sachen „Gentechnik“ einheitliches EU-Recht. Nach einer Genehmigung aus Brüssel konnte der Anbau im Prinzip starten. Da aber immer mehr Mitgliedsländer doch Wege fanden, der grünen Gentechnik auf ihren Feldern kein grünes Licht zu geben, stehen jetzt einzelstaatliche Lösungen zur Debatte. Wenn die letzte Entscheidung wieder bei den einzelnen Staaten liegt, bräuchten diese sich nicht mehr gleich für europa-weite Zulassungsverbote auszusprechen, kalkulieren die Befürworter der Risikotechnologie, während die Gentech-GegnerInnen sich von der Reform mehr „Nein“-Voten auf Länder-Ebene erhoffen.

Lizenz auf Krebsmoleküle erworben
BAYER hat vom US-amerikanischen Gentech-Unternehmen CELERA die Rechte an fünf Eiweiß-Substanzen erworben, die bei Krebskrankheiten eine Rolle spielen und deshalb angeblich als Ansatzpunkte für die Entwicklung von Gegenmitteln dienen können.

NEXAVAR immer noch zu teuer
Das britische Pendant zum bundesdeutschen „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“, die Sondergesundheitsbehörde NICE, hatte im letzten Jahr eine Kosten/Nutzen-Analyse von BAYERs Gentech-Arznei NEXAVAR bei der Indikation „Nierenkrebs“ vorgenommen. Das Ergebnis fiel negativ aus, weshalb die Krankenkassen für eine Behandlung nicht zahlten. Der Leverkusener Multi focht die Entscheidung an, aber die NICE blieb bei ihrem Urteil. Ob die Institution NEXAVAR als Leberkrebs-Medikament positiver gegenübersteht, bleibt abzuwarten. Die Prüfungen laufen noch.

Mehr Indikationen für NEXAVAR?
Der Leverkusener Multi versucht unentwegt, das Anwendungssspektrum seiner zur Behandlung von fortgeschrittenem Nieren- und Leberkrebs zugelassenen Gentech-Arznei NEXAVAR zu erweitern. Nachdem das Medikament als Haut- und Bauchspeicheldrüsen-Therapeutikum versagte, setzt der Konzern nun auf die Indikationen „Brustkrebs“ und „fortgeschrittener Lungenkrebs“, für die er in Tests auch erste Behandlungserfolge wie „keine weitere Verschlimmerung der Krankheit“ vermeldet.

PFLANZEN & SAATEN

Saatgut-Forschung in Cartagena
BAYERs Saatgut-Tochter NUNHEMS expandiert beständig. Im US-amerikanischen Parma baut sie für 15 Millionen Dollar ihr Werk aus, und im spanischen Cartagena hat di Firma ein Forschungszentrum eröffnet, das neue Melonen-, Salat-, Artischocken- und Paprika-Sorten entwickeln will.

Kooperation mit Reis-Institut
BAYER hat mit dem chinesischen Reis-Institut CNRRI eine Kooperation vereinbart. Die beiden Vertragspartner wollen gemeinsam an der Erforschung und Entwicklung von neuen hybriden, also sterilen und nicht zur Wiederaussaat bestimmten Sorten arbeiten. Diese Arten ermöglichen dem Agro-Riesen ein besonders gutes Geschäft, da die LandwirtInnen jedes Jahr neue Saaten kaufen müssen.

WASSER, BODEN & LUFT

Wolfenbüttel: schwierige Sanierung

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Bis BAYER den aufgegebenen Standort Wolfenbüttel (siehe Ticker 4/08) besenfrei übergeben kann, dürften Jahrzehnte vergehen. Die Sanierung des verseuchten Boden gestaltet sich nämlich schwieriger als erwartet. Nicht nur 325 Kilgramm Pestizide schlummern im Erdreich, sondern auch 3.000 Kilogramm Benzol sowie Lösungsmittel, Mineralöle und Schlacken. Für den größten Schadstoff-Eintrag hatte 1978 - damals betrieb SCHERING auf dem Gelände eine Chemie-Produktion - eine Explosion gesorgt, denn mit dem Löschwasser versickerte ein ganzer Chemie-Cocktail. Jetzt muss das vergiftete Grundwasser über 16 Brunnen an die Oberfläche gepumpt und einer großen Filteranlage zugeführt werden. Nach Auskunft des Geologen Jürgen Röhrs wird die Reinigung 50 Jahre in Anspruch nehmen - BAYER will es hingegen in einer Dekade schaffen. Und zu allem Überfluss verursachen die Maßnahmen zusätzliche Schäden: NachbarInnen klagen schon über Risse in den Wänden ihrer Häuser. Trotzdem erhielten die Arbeiten höchstministeriellen Segen. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel lobte die Sanierung bei einem Lokaltermin. „BAYER CROPSCIENCE ist ein hochgradig professionelles Unternehmen“, so der SPD-Politiker.

Sanierung der Wolfenbütteler Deponie
Zu dem aufgegebenen Standort Wolfenbüttel gehörte auch die Sondermüll-Deponie in Klein Biewende. SCHERING als Vorbesitzer des Werkes und BAYER entsorgten dort von 1967 bis 2004 ihre Produktionsabfälle. Da die letzte Ruhestätte für die Chemie-Gifte nur unzureichend gesichert war, sorgten die Schadstoffe für eine erhebliche Umweltbelastung. Deshalb muss der Leverkusener Multi nun umfangreiche Sanierungsmaßnahmen durchführen. Er geht dabei ähnlich vor wie in Sachen „Dhünnauc“ (siehe SWB 3/04). Statt die Deponie auszuräumen, mumifiziert der Konzern sie aus Kostengründen nur. Er zieht Sperrwände ein und dichtet alles nach oben hin mit Ton, Erde und Kunststoff ab. Nach unten hin bleibt hingegen alles offen, weshalb das Unternehmen später permanent das verunreinigte Wasser abpumpen muss. Zudem sah BAYER sich nicht genötigt, die AnwohnerInnen über die Arbeiten zu informieren, was auf einigen Unmut stieß. „Die Politik des Unternehmens ist eine Katastrophe“, zürnte etwa der Bürgermeister des angrenzenden Remlingen, Klaus-Günter Warnecke (SPD).

Siedlung über BAYER-Altlast
Bis zum Jahr 2003 betrieb BAYER im englischen Hauxton nahe Cambridge ein Werk. Bei der Schließung hinterließ der Konzern in Boden und Grundwasser jede Menge Altlasten. Trotzdem will die Gemeinde auf dem Areal Wohnhäuser errichten lassen. Einen Investor hat sie schon gefunden. Dessen ersten Sanierungsplan, der nicht viel mehr als Schönheitsreparaturen vorsah, lehnten die LokalpolitikerInnen allerdings ab. Erst der zweite fand ihre Gnade, obwohl ehemalige BAYER-Beschäftigte im Stadtrat vor der Genehmigung warnten. „Auf diesem Gelände sollte niemals gebaut werden und ich würde dort nie ein Haus kaufen“, sagte etwa Deborah Roberts.

Produktionsrückstand Quecksilber
Der Leverkusener Multi hat seine Chlor-Produktion anders als viele mittelständische Betriebe immer noch nicht komplett auf das Membran-Verfahren umgestellt, bei dem kein giftiges Quecksilber als Produktionsrückstand mehr anfällt. Zudem ist dem Konzern als einzigem der 196 Quecksilber-Emittenten in der Bundesrepublik das Kunststück gelungen, die Größenordnung der Umweltbelastung durch dieses Schwermetall als „vertraulich“ deklarieren zu können (siehe auch SWB 3/09).

CO2-Bilanz: 7,57 Mio. Tonnen
Der Leverkusener Multi hat im Geschäftsjahr 2008 7,57 Millionen Tonnen klima-schädigende Treibhausgase ausgestoßen. 4 Millionen Tonnen davon stammen „aus eigener Herstellung“; 3,57 Millionen Tonnen entstanden bei der Produktion zugekaufter Energie. Die Summe setzt sich aus 92,1 Prozent Kohlendioxid, 7,5 Prozent Lachgas und 0,4 Prozent Kohlenwasserstoffe zusammen. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das einen Rückgang von 7,1 Prozent. Auf umweltfreundliche Investitionen ist diese Reduzierung jedoch nur zum Teil zurückzuführen. Sie „resultiert aus konjunkturellen Veränderungen und Maßnahmen zur Verringerung des besonders klima-wirksamen Lachgases (N2O) in unserer Salpeter-Anlage in Köln-Worringen“, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht.

VOC-Bilanz: 3.160 Tonnen
Der Leverkusener Multi hat mit 3.160 Tonnen im Jahr 2008 mehr flüchtige organische Verbindungen (VOC) an die Umwelt abgegeben als 2007 (2.870 Tonnen). Verantwortlich für den höheren Ausstoß der gesundheitsschädlichen Stoffe war eine Steigerung der Produktion im überalteten Pestizid-Werk Vapi (Indien), womit eine verstärkte Emission von Lösemittel-Dämpfen einherging. Laut Nachhaltigkeitsbericht will BAYER prüfen, ob die Anlage ihre VOC-Bilanz verbessern kann.

Ozon-Schädigung: plus 16 Prozent
Der Leverkusener Multi hat 2008 mit 17,1 Tonnen rund 16 Prozent mehr ozonschicht-schädigende Substanzen emittiert als 2007. Und schon in jenem Jahr war der Ausstoß stark gestiegen. Verantwortlich für diese Erhöhung in beiden Fällen: das nicht dem neuesten Standard der Technik entsprechende Pestizid-Werk im indischen Vapi. Im letzten Herbst hat der Konzern endlich die Konsequenz gezogen und eine Modernisierung der Dreckschleuder angekündigt.

Etwas weniger Co & Co.
Der Leverkusenener Multi hat im Geschäftsjahr 2008 den Ausstoß von Kohlenmonoxid (CO) leicht von 2.000 Tonnen auf 1.700 gesenkt. Die Schwefeloxid-Emissionen sanken von 3.600 Tonnen auf 3.200 Tonnen, hauptsächlich weil der Konzern seine Dreckschleuder im indischen Vapi mittlerweile mit einem schwefelärmeren Brennstoff befeuert. Die Stickstoffoxid-Bilanz blieb weitgehend unverändert. Um 100 Tonnen auf 3.900 Tonnen reduzierte sich der Wert. Dabei gilt es dem Pharma-Riesen als Erfolgsmeldung, seine Anlage in Bergkamen schon jetzt so umgerüstet zu haben, dass sie mit 75mg/Nm3 passgenau auf den ab 2012 vorgeschriebenen Stickstoffoxid-Grenzwert geeicht ist.

Etwas weniger Schadstoffe im Abwasser
Die Abwasser-Bilanz des Leverkusener Multi sieht 2008 etwas besser aus als im Vorjahr. Das liegt jedoch nur zum Teil an Umweltschutz-Maßnahmen: Die Produktionsrückgänge infolge der Wirtschaftskrise wirkten sich ebenso stark aus. So produzierte BAYER 2008 mit 68,4 Millionen Kubikmeter Abwasser 12 Millionen weniger als im Vorjahr. Entsprechend reduzierte sich der Anteil der darin herumschwimmenden Schadstoffe etwas. Die Phosphorfracht sank von 990 Tonnen auf 780 Tonnen. Die Einleitungen organischer Verbindungen reduzierten sich von 1.770 Tonnen auf 1.590 Tonnen und die von anorganischen Salzen von 825.000 Tonnen auf 812.000 Tonnen. Der Wert für Stickstoff blieb mit 670 Tonnen fast gleich. Dafür fanden sich mehr Schwermetalle made by BAYER in den Gewässern wieder: 10,4 Tonnen (2007: 8,9 Tonnen). Der Pharma-Riese begründet das mit allerdings nicht mit einer schmutzigeren Produktion, sondern gibt „einem umfassenderen Abwasser-Reporting“ die Schuld für den Anstieg.

Mehr Abfall
BAYER produziert immer mehr Abfall. Die Gesamtmenge, die 2006 noch 649.000 Tonnen betrug, stieg 2007 auf 928.000 Tonnen und 2008 noch einmal auf 1.077.000 Tonnen. Auch die Zahlen für gefährlichen Müll erhöhten sich: von 570.000 Tonnen im Jahr 2006 auf 617.000 Tonnen 2007 und 670.000 Tonnen 2008. Mit 45 Prozent landete ein Großteil der Produktionsrückstände auf der Deponie, 24 Prozent gingen in den Verbrennungsofen und lediglich 28 Prozent wurden wiederverwertet (davon wahrscheinlich noch ein großer Teil in ökologisch bedenklichen Müllkraftwerken).

Kohlekraftwerk: Steigt GETEC aus?
Bei dem Projekt, auf dem Gelände des Brunsbütteler BAYER-Werkes ein Steinkohle-Kraftwerk zu errichten, treten offensichtlich Schwierigkeiten auf. Nach Informationen der Wilsterschen Zeitung will der Hannoveraner Energieversorger GETEC das Vorhaben aufgeben und VATTENFALL oder RWE überlassen. Das Unternehmen dementiert einstweilen die Gerüchte, räumt aber Probleme ein. „Vor dem Hintergrund der augenblicklichen Wirtschaftskrise ist die Einwerbung von Industriepartnern schwieriger geworden“, so GETEC-Sprecherin Neele Gehrt.

Immenser Wasserverbrauch
BAYER verbraucht dem Nachhaltigkeitsbericht 2008 zufolge jährlich 438 Millionen Kubikmeter Wasser. Das sind mehr als eine Millionen Kubikmeter pro Tag. 58 Prozent davon entnimmt der Chemie-Multi Oberflächengewässern, und 32 Prozent dem Grundwasser. Allein das Leverkusener Werk entzog dem Rhein im letzten Jahr 45 Millionen Kubikmeter und verbrauchte 85 Millionen Kubikmeter Grundwasser.

NRW schafft „Wasser-Cent“ ab
Der Wasserdurst des Leverkusener Multis ist enorm (s. o.). Um ihn etwas zu zügeln, hatte die rot-grüne Landesregierung den Wasser-Cent eingeführt; 4,6 Millionen Euro zahlte BAYER im vergangenen Jahr. Allerdings tat das Unternehmen alles, um sich von dieser Last zu befreien. Erst im August hatte Konzern-Chef Werner Wenning den „Wasser-Cent“ in einem Bild-Interview als einen „Investitionshemmer“ bezeichnet. „Das ‚Wasserentnahmegesetz‘ beispielsweise schwächt die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Industrie und schreckt potenzielle Investoren ab“, wetterte Wenning. Sein Ruf fand Gehör. Die gelbe-schwarze Koalition in Düsseldorf schaffte die Steuer ab, was umgehend auf Kritik stieß. „Der Wasserverbrauch des Leverkusener BAYER-Werks liegt rund doppelt so hoch wie der Trinkwasserbedarf der benachbarten Millionenstadt Köln! Dies ist ein schwerwiegender Eingriff in die Natur, der nicht dauerhaft zu rechtfertigen ist. Der enorme Verbrauch von BAYER zeigt, dass der „Wasser-Cent“ dringend notwendig ist, um den Wasserverbrauch zu verringern“, protestierte Philipp Mimkes von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) in der Presse-Erklärung, welche die Coordination gemeinsam mit dem BUND und dem BUNDESVERBAND BÜRGERINITIATIVEN UMWELTSCHUTZ (BBU) herausgab.

NANO & CO.

Nano-Partikel schädigen Nervenzellen
Nano leitet sich vom griechischen Wort für Zwerg ab. Die Nanotechnik beschäftigt sich folglich mit der Entwicklung von mikroskopisch kleinen Werkstoffen. Mit seinen Nano-Röhrchen ist der Leverkusener Multi mittlerweile in die Großproduktion eingestiegen. Für die Risiken und Nebenwirkungen dieser „Zukunftstechnologie“ fühlt er sich allerdings nicht verantwortlich. Dabei gibt es immer mehr alarmierende Hinweise. So können Nano-Stoffe nach einer Untersuchung der Universität Edinburgh das Gewebe angreifen und ähnlich wie in der Vergangenheit Asbest Entzündungen auslösen (siehe Ticker 2/08). Irische ForscherInnen haben Wirkungen von Nano-Partikeln auf das Immunsystem nachgewiesen. Und ForscherInnen der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA haben in einem Reagenzglas-Versuch mit Nano-Teilchen aus Titandioxid schädigende Effekte auf Nervenzellen festgestellt.

PRODUKTION & SICHERHEIT

BAYER baut MIC-Tanks ab
Seit langem kritisiert die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) die Sicherheitslage am BAYER-Standort Institute. So forderte die Coordination auf Hauptversammlungen immer wieder, die Tanks mit der Bhopal-Chemikalie Methyl Isocyanat (MIC) abzubauen. Noch vier Monate vor der Explosion vom 28. August 2008, die zwei Menschenleben forderte und die schlimmsten Befürchtungen der CBG bestätigte, wies der Konzern die Warnungen als „unbegründet“ zurück. Nun endlich scheint der Chemie-Multi ein Einsehen zu haben. Er kündigte an, die MIC-Lager um 80 Prozent zu reduzieren und die Produktion des Pestizides Carbofuran einzustellen. Aber auch so bleibt die BAYER-Niederlassung das Chemie-Werk in den USA mit dem größten MIC-Reservoir. Zudem kommt in der Produktion immer noch das gefährliche Giftgas Phosgen zum Einsatz. Darum setzt die CBG trotz des Erfolges ihr Engagement fort. „Wir fordern von BAYER, in der Kunststoff- und Pestizidproduktion neue Verfahren zu entwickeln und künftig auf Giftgase wie MIC und Phosgen ganz zu verzichten“, erklärte Geschäftsführer Philipp Mimkes.

STANDORTE & PRODUKTION

AKW-Panne legt Brunsbüttel lahm
Alle Räder stehen still, wenn es VATTENFALL will: Die Abschaltung des Atomkraftwerks Krümmel führte zu einem Spannungsabfall, der die Kunststoff-Herstellung im Brunsbütteler BAYER-Werk stoppte. Erst über eine Woche danach konnte der Multi die Produktion wieder aufnehmen. Ob er nach dem Zwischenfall immer noch ein glühender Anhänger der Atomkraft bleibt?

BAYER investiert in Bitterfeld
Der Leverkusener Multi investiert am Standort Bitterfeld sieben Millionen Euro in die Modernisierung der Pillen-Produktion.

BAYER deinvestiert in Krefeld
BAYER schließt die Kunststoff-Forschungsabteilung in Krefeld/Uerdingen (siehe auch SWB 3/09). Der Chemie-Multi will die wissenschaftliche Arbeit in Leverkusen konzentrieren, um eine stärkere Anbindung an das Marketing-Ressort zu gewährleisten, wie es offiziell heißt. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Rationalisierungsmaßnahme. Von den 132 Beschäftigten können nämlich nur 74 nach Leverkusen umziehen. 45 Jobs in den Laboren entfallen für immer, vor allem im Polyurethan-Bereich. Zudem hat die Abwicklung Folge-Wirkungen, denn 40 Stellen hängen direkt von der Entwicklungssparte ab. Einen „Aufschrei der Entrüstung“ hat die Ankündigung des Konzerns laut Westdeutscher Zeitung ausgelöst. „Die Auswirkungen auf die Menschen und den Standort Uerdingen wären bei einer tatsächlichen Realisierung der Unternehmensvorstellung fatal“, warnt die Betriebsratsvorsitzende Petra Kohnen. Die Wellen schlagen so hoch, weil die Belegschaftsangehörigen bereits seit längerem ein Ende der Niederlassung in Krefeld befürchten.

BAYER erpresst den Standort Berkeley
Der Leverkusener Multi droht dem Standort Berkeley, Teile der Herstellung des Blutproduktes KOGENATE abzuziehen, wenn er nicht in den Genuss von Steuernachlässen, Strom-Rabatten und anderen Vergünstigungen kommt. Auf 19 Millionen Dollar belaufen sich die Forderungen von BAYER. Und die Erpressung scheint Erfolg zu haben. Die Stadt Oakland signalisierte schon, die Niederlassung in ihre Sondertarife gewährende Sonderwirtschaftszone aufzunehmen.

BAYER schwächt Wuppertal
BAYERs Pharma-Standort Berlin wächst auf Kosten anderer Niederlassungen. So zieht der Pharma-Riese das Produkt-Team für das neue Mittel XARELTO, das Thrombosen nach Knie- und Hüftgelenksoperationen verhindern soll, von Wuppertal ab und verlegt es nach Berlin.

IMPERIUM & WELTMARKT

Dekkers folgt Wenning
BAYER hat den Niederländer Marjin Dekkers zum Nachfolger des Vorstandsvorsitzenden Werner Wenning bestimmt. Damit besetzt zum ersten Mal ein BAYER-Externer und Ausländer den Chef-Posten. Dekkers spricht allerdings Deutsch, was der Konzern sich auch ausbedungen hat. „Der Chef eines deutschen Großunternehmens muss sich ohne Dolmetscher mit der Kanzlerin und den Arbeitnehmer-Vertretern unterhalten können“, hieß es zur Begründung. Die anderen Qualitäten des Holländers wie „Durchsetzungsvermögen“, „Beste Drähte zu den Kapitalmärkten“ und lassen ebenso wenig etwas Gutes für die Zukunft erwarten wie die Tatsache, dass er bei seinem früheren Arbeitgeber THERMO FISHER SCIENTIFIC ein umfassendes Restrukturierungsprogramm inklusive des Verkaufs mehrerer Firmenteile initiierte. Die BAYER-Manager Klaus Kühn und Arthur Higgins, die sich ebenfalls Hoffnungen auf den BAYER-Vorsitz gemacht hatten, verließen das Unternehmen nach Bekanntgabe der Entscheidung zu Gunsten Dekkers umgehend.

BTS baute Schwefelsäure-Anlage
BAYER TECHNOLOGY SERVICES (BTS) hat für den Bleihersteller BERZELIUS in Stolberg bei Aachen eine Schwefelsäure-Anlage errichtet, die trotz höherer Produktivität angeblich weniger schädliches Schwefeldioxid freisetzt als vergleichbare Fertigungsstätten.

ÖKONOMIE & PROFIT

BAYER spart Steuern
Bei der Verkündung der Geschäftszahlen für das erste Halbjahr 2009 konnte BAYER-Chef Werner Wenning eine Steigerung des Geldmittel-Zuflusses um „erfreuliche“ 57,4 Prozent auf fast 1.4 Milliarden vermelden, was er unter anderem auf „niedrigere Ertragssteuerzahlungen“ zurückführte. Auf die Kassen des Bundes, des Landes und der Kommunen mit BAYER-Werken dürften also unerfreulichere Zeiten zukommen.

Pensionsversicherungsbeitrag steigt
Wenn Unternehmen Insolvenz anmelden, dann stehen auch die Betriebsrenten zur Disposition. In solchen Fällen springt der Pensionssicherungsverein (PSV) ein. Da die Zahl der Firmenpleiten in Zeiten der Krise allerdings drastisch steigt, reichen die Ressourcen der Versicherung nicht mehr aus. Deshalb erhöhte sich für BAYER der Beitragssatz um das Siebenfache auf 70 Millionen Euro.

Kreditversicherungsbeiträge steigen
Der Leverkusener Multi hat Kreditversicherungen in einem Volumen von ca. 300 Millionen Euro abgeschlossen, um vor Zahlungsausfällen seiner Kunden gewappnet zu sein. Im Zuge der Wirtschaftskrise agieren ALLIANZ & Co. allerdings vorsichtiger und limitieren die Deckungssumme. „BAYER hat ebenso wie andere Chemie-Unternehmen eine Welle von Limitkürzungen bekommen. Darüber sind wir überhaupt nicht erfreut“, sagt BAYERs Versicherungsmann Gregor Köhler. Auch das Anheben der Preise, mit dem die Versicherungskonzerne ihre Verluste an den Kapitalmärkten kompensieren wollen, hebt seine Stimmung nicht. Deshalb droht Köhler der Branche damit, eine eigene Kreditversicherung aufzumachen, wie in den 90er Jahren. Damals hatten BAYER, BASF und HOECHST das in Luxemburg ansässige - und immer noch existierende - Unternehmen INDURISK gegründet, weil ihnen die verlangten Umwelthaftungsprämien zu hoch erschienen.

UNFÄLLE & KATASTROPHEN

Explosion in Bergkamen
In dem Bergkamener Werk von BAYER SCHERING kam es am 5.9.09 bei der Entladung eines Containers mit flüssigen Metallalkyl-Resten, die für die Rückstandsverbrennungsanlage bestimmt waren, zu einer großen Explosion und zwei kleineren Folge-Detonationen. Vier Beschäftigte erlitten einen Schock und mussten sich ärztlicher Behandlung unterziehen. 170 Feuerwehrleute brauchten zwei Stunden, um den Großbrand unter Kontrolle zu bringen. Für den Chemie-Multi war das alles kein Grund zur Beunruhigung. „Eine Gefahr für die Bevölkerung hat zu keiner Zeit bestanden“, erklärte er. Dies sahen Sachverständige, welche die Vorgänge später untersuchten, anders. Sie sprachen von einem „unheimlichen Glück“, dass die vier Belegschaftsangehörigen gehabt hätten, außer einem Schock keine ernsthaften Verletzungen erlitten zu haben. Den ExpertInnen zufolge hat eine defekte Pumpe zu dem großen Knall geführt.

Gas-Austritt in Kansas
Am BAYER-Standort Kansas City kam es am 11.8.09 zu einem Gas-Austritt. Aus einem Zylinder, den eine Fremdfirma geliefert hatte, entwich durch eine Leckage die giftige und ätzende Substanz Chlorwasserstoff.

Phosgen-Austritt in Baytown
Wie der Leverkusener Multi in seinem Nachhaltigkeitsbericht dokumentiert, trat 2008 am Standort Baytown durch eine Leckage Phosgen aus, das zu den gefährlichsten Chemiestoffen überhaupt zählt.

Salzsäure tritt aus
Durch einen defekten Tank trat 2008 laut Nachhaltigkeitsbericht am BAYER-Standort New Martinsville Salzsäure aus.

Ethylenoxid tritt aus
Laut Nachhaltigkeitsbericht wurden 2008 auf dem Gelände des BAYER-Werkes im US-amerikanischen Channelview aus einem Eisenbahn-Waggon 150 Kilogramm Ethylenoxid freigesetzt.

Institute: 2 Arbeiter vergiftet
Am BAYER-Standort Institute war es am 28. August 2008 zu einer Explosion gekommen, in deren Folge zwei Männer starben. Aber auch die Aufräumarbeiten gefährden die Belegschaft. So kamen zwei Arbeiter bei der Instandsetzung einer Rohrleitung in Kontakt mit dem Pestizid-Wirkstoff Carbuforan und mussten sich in ärztliche Behandlung begeben. Der Zwischenfall erreignete sich, weil der Leverkusener Multi sich nicht veranlasst sah, die Belegschaftsangehörigen zum Tragen von Schutzkleidung anzuhalten. Die US-amerikanische Arbeitsschutzbehörde OSHA hatte das bereits nach dem ersten Vorkommnis dieser Art gerügt.

RECHT & UNBILLIG

Preisabsprachen im Pharma-Bereich
Der Leverkusener Multi kann es nicht lassen und ist wieder mal in einen Kartell-Fall verwickelt. Die rumänische Wettbewerbsbehörde hat wegen des Verdachts auf Preis-Absprachen zwischen Pillen-Produzenten und Zwischenhändlern Büros der Pharma-Hersteller BAYER, BAXTER, BELUPO PHARMACEUTICAL und SINTOFARM durchsucht. „Der pharmazeutische Sektor besitzt Priorität für die Wettbewerbsbehörde. Wenn immer es nötig ist, werden wir intervenieren, damit die Bevölkerung Zugang zu Medikamenten erhält, deren Preise auf freiem Wettbewerb beruhen“, sagte Bogdan Chiritoiu, der Präsident der rumänischen Kartellbehörde, zur Begründung der Hausdurchsuchungen.

Patentklage scheitert
Ende letzten Jahres wollte der Leverkusener Multi in Indien die Zulassung einer Nachahmer-Version seines Krebsmedikamentes NEXAVAR verhindern und ging deshalb juristisch gegen den Hersteller CIPLA und die Genehmigungsbehörde vor. Das Gericht wies die Klage im August 2009 jedoch ab und stellte so die Versorgung armer Menschen mit billigen Arzneien sicher (siehe auch SWB 3/09).

BAYER entschädigt Blutplasma-Opfer
Weltweit starben in den 80er Jahren Tausende Bluter durch HIV-verseuchte Blutprodukte an AIDS. Zudem übertrugen die Präparate Hepatitis-C. Obwohl BAYER & Co. das Risiko bekannt war, weigerten die Konzerne sich aus Kostengründen lange Zeit, eine Hitze-Behandlung der Mittel zur Abtötung der Krankheitskeime vorzunehmen. Deshalb sah sich das Unternehmen mit vielen Prozessen konfrontiert. Ein Jahrzehnte lang währender Rechtsstreit ging erst 2009 zuende. Der Konzern willigte schließlich ein, SammelklägerInnen eine Entschädigung zu zahlen.

BAYER mahnt Duckhome ab
Der Leverkusener Multi hat das Internet-Portal Duckhome wegen eines Kommentars zu einem BAYER-kritischen Beitrag abgemahnt. Der Text „BAYER - so ein richtig schmutziger Turbokapitalismus“ hatte einen recht umfassenden Einblick in das Sündenregister des Konzerns von Arbeitsplatzvernichtung und Bienensterben über die Gentechnik und die Kohlenmonoxid-Pipeline bis hin zu giftigen Pestiziden gewährt. Einen Leser hat das zu der Frage veranlasst, ob gegen den Vorstandsvorsitzenden Werner Wenning ein Notwehrrecht besteht. Das sah der Agro-Riese als „ehrverletzend“ an und leitete rechtliche Schritte gegen Duckhome ein. Der Betreiber der Website beruft sich hingegen auf die Meinungsfreiheit und kündigte an, den Rechtsstreit nötigenfalls bis zur letzten Instanz durchzufechten.

BAYER verklagt TEVA
Der Leverkusener Multi verklagt routine-mäßig Pharma-Hersteller, die nach Ablauf der Patentfrist Nachahmer-Produkte von BAYER-Pillen auf den Markt bringen wollen, um sich die lästige Billig-Konkurrenz möglichst lange vom Leibe zu halten. Jetzt traf es wieder einmal das Unternehmen TEVA. Der bundesdeutsche Pharma-Riese wirft dem Pillen-Produzenten, der eine Generika-Version des Potenzmittels LEVITRA plant, Patent-Verletzung vor. Damit heißt es bereits zum dritten Mal „BAYER vs. TEVA“. Jüngst geriet diese Klage-Praxis ins Visier der Brüsseler Wettbewerbskommission. Diese betrachtet die gerichtlichen Auseinandersetzungen als Indiz dafür, „dass die Pharma-Märkte nicht so gut funktionieren, wie sie sollten“, so Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes. Die Gesundheitssysteme kostet die juristische Verzögerungstaktik zur Verhinderung preiswerterer Arznei-Alternativen Milliarden von Euro.

YASMIN-Patent ungültig
Seit langem schwelt zwischen BAYER und dem jetzt zu TEVA gehörenden Pharma-Unternehmen BARR ein Patentstreit um die Verhütungspille YASMIN (Zu den Nebenwirkungen siehe SWB 3/09). In einem ersten Verfahren erkannte der Richter dem Leverkusener Multi kein geistiges Eigentum auf das Kontrazeptivum zu. Der Konzern ging in Revision, einigte sich aber zwischenzeitlich mit seinem Konkurrenten darauf, ihn gegen eine Umsatzbeteiligung mit dem YASMIN-Wirkstoff zu beliefern. Im August 2009 scheiterte dann auch der Einspruch des Pharma-Riesen. Dem Gericht zufolge reicht eine pharmazeutische Ausbildung, um das Mittel anzurühren; einen Patentschutz könne BAYER dafür nicht beanspruchen.

Klage wg. Vitamin-Werbung
Die VerbraucherInnenschutz-Organisation THE CENTER FOR SCIENCE IN THE PUBLIC INTEREST will den Leverkusener Multi verklagen, falls dieser falsche Angaben in der Werbung für das Vitamin-Präparat ONE-A-DAY nicht korrigiert. BAYER spricht dem Mittel eine Prostatakrebs vorbeugende Wirkung zu, obwohl Studien diese Aussage nicht bestätigen. So hat das „National Institute of Health“ eine ursprünglich auf 12 Jahre angelegte Untersuchung zu diesem Thema wegen sich abzeichnender negativer Ergebnisse vier Jahre früher als geplant beendet. Statt positiver Effekte auf Prostatakrebs machte das Institut ein erhöhtes Diabetes-Risiko durch den Vitamintabletten-Konsum aus.

Baytown-Unfall: BAYER zahlt
Am 26. September 2006 war es im Baytowner BAYER-Werk zu einer Explosion gekommen, bei der 22 Belegschaftsangehörige Gesundheitsstörungen erlitten und zur Behandlung ins Krankenhaus mussten. Die verletzten Beschäftigten strengten eine Schadensersatzklage gegen den Konzern an. Im Sommer 2009 erhielten sie schließlich im Rahmen eines Vergleiches Schmerzensgeld: Ein Gutachten der US-amerikanischen Arbeitsschutzbehörde OSHA hatte dem Leverkusener Multi „grobe Fahrlässigkeit“ in Sicherheitsfragen nachgewiesen.

EU: Sammelklagen auf Eis gelegt
Die EU hat den Plan, Sammelklagen nach US-Vorbild zu ermöglichen, vorerst auf Eis gelegt. Die Europäische Volkspartei (EVP), welche den Kommissionsvorschlag in den Ausschüssen schon empfindlich verwässert hatte, griff sogar zum Mittel der politischen Erpressung, um dieses Instrument des VerbraucherInnenschutzes zu Fall zu bringen. Der EVP-Fraktionsvorsitzende Joseph Daul warnte den Kommssionspräsidenten José Manuel Barroso nicht nur in einem Brief vor dem „möglichst radikal formulierten Kommissionsvorschlag“, er machte auch die EVP-Stimmen zu Barrosos Wiederwahl davon abhängig, dass der Politiker das Vorhaben stoppt. Zur Wiedervorlage kommt es erst im Herbst - und dann wohl nur in einer nochmals abgeschwächten Form. Den Leverkusener Multi, der vehement Lobby-Aktivitäten gegen das Projekt entfaltet hatte, wird das freuen. Millionen-Klagen, wie sie Opfer seines Cholesterin-Senkers LIPOBAY in den USA eingereicht hatten, muss der Konzern in Europa höchstwahrscheinlich nie entgegensehen.

Prozess gegen Broschüre
Die von der Projektwerkstatt Sassen herausgegebene Broschüre „Organisierte Unverantwortlichkeit“ widmet sich den Gentechnik-Seilschaften zwischen BAYER & Co., der Politik und Wissenschaftseinrichtungen. Jetzt hat der ehemalige sachsen-anhaltinische Wirtschaftsminister Horst Rehberger gegen die Publikation, in die auch Recherchen der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN eingeflossen sind, vor dem Landgericht Saarbrücken eine Verbotsklage eingereicht.

FORSCHUNG & LEHRE

EU stärkt Standortforschung
Das europäische Forschungsnetzwerk „F3 Factory“ plant, neue Produktionsverfahren für die Chemie zu entwickeln. „Flexibler, schneller, ressourcen-effizienter und energiesparender“ soll es in den „Fabriken der Zukunft“ zugehen - und sicher auch weniger personal-intensiver. Mit 18 Millionen Euro unterstützt die EU den Verbund, dem neben BAYER, BASF, PROCTER & GAMBLE auch Hochschulen und staatliche Wissenschaftsinstitutionen angehören, um europäische Standortpolitik im Sinne der Lissabon-Strategie zu betreiben, die aus Europa „die wettbewerbsfähigste wissensgestützte Wirtschaft der Welt“ zu machen gedenkt. „Mittels schnellerer und flexiblerer Herstellungsverfahren wollen die Experten die weltweite Technologie-Führerschaft der europäischen Chemie-Industrie nachhaltig stärken und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern“, heißt es dazu in BAYERs Propaganda-Postille direkt.

Kooperation mit dem Liverpooler IVCC
BAYER CROPSCIENCE hat eine Forschungskooperation mit dem „Innovative Vector Control Consortium“ (IVCC) aus Liverpool vereinbart. Ziel der Zusammenarbeit ist es, neue Insektizid-Wirkstoffe zu finden, um der Mücken Herr zu werden, die Malaria übertragen. Gegen viele alte Mittel haben die Tiere nämlich bereits Resistenzen ausgebildet.

BAYER sponsort SIFE
Die StudentInnen-Organisation SIFE „eröffnet den Studenten bereits während des Studiums ein Forum auf nationaler wie auf internationaler Ebene, um persönliche Kontakte zu Entscheidungsträgern namhafter Unternehmen aufzubauen“, so die Selbstauskunft des Verbandes. Deren „Country Coordinator“ ist deshalb praktischerweise gleich über das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG zu erreichen. Der Draht zu BAYER könnte auch nicht kürzer sein. Der Leverkusener Multi gehört nämlich nicht nur zu den Sponsoren, er stellt mit Jörg Krell auch den Präsidenten von SIFE Deutschland. Dem BAYER-Manager gefällt dabei vor allem das „soziale Engagement“ der SIFElerInnen in der „Dritten Welt“, wo die Konzern-Kontakt Suchenden laut SIFE-Homepage „als Unternehmer im besten Sinne wirtschaftliche Perspektiven für Dritte“ eröffnen, denn „ethisch verantwortliches Handeln hat für die Unternehmen an Bedeutung gewonnen“, meint Krell. Er denkt dabei natürlich bloß an die Bedeutung für die Öffentlichkeitsarbeit.

BAYERs Forschungspolitik
Hinter BAYERs Vorgehen, verstärkt Kooperationen mit Hochschulen wie der Universität Köln einzugehen und hoffnungsvolle Arznei-Kandidaten von anderen Unternehmen einzukaufen, steckt System. „Große Unternehmen sind gut, um Produkte zu entwickeln, zur Zulassung zu bringen, zu vermarkten, sagte der BAYER-SCHERING-Pharmachef Andreas Fibig in einem Tagesspiegel-Interview. Für Grundlagenforschung ist der Leverkusener Multi seiner Meinung nach nicht so gut gerüstet. Darum lautet Fibigs Devise: „Wir müssen neue Wege finden und Partnerschaften bilden. Da kommen vor allem kleinere Biotech-Unternehmen sowie akademische Einrichtungen in Frage“. Hatte der Konzern sich in der Vergangenheit stets voller Stolz als „Forschender Arzneimittelhersteller“ bezeichnet, so scheint sich der Pharma-Riese nun von dieser Unternehmensphilosophie zu verabschieden.

SPORT & MEDAILLEN

LEVITRA bald auf Doping-Liste?
Der LEVITRA-Wirkstoff Sildenafil weitet die Blutgefäße und verbessert so die Sauerstoff-Aufnahme. Das hat auch doping-willige SportlerInnen auf die Potenzpillen von BAYER & Co. aufmerksam gemacht und die Antidoping-Agentur WADA auf den Plan gerufen. Die Institution debattiert derzeit darüber, die Mittel auf die Doping-Liste zu setzen.

[Indien] STICHWORT BAYER 03/2009

CBG Redaktion

BAYERs Patentklage scheitert

„Ein spekulativer Vorstoß“

Ende letzten Jahres wollte der Leverkusener Multi in Indien die Zulassung einer Nachahmer-Version seines Krebsmedikamentes NEXAVAR verhindern und ging deshalb juristisch gegen den Hersteller CIPLA und die Genehmigungsbehörde vor. Das Gericht wies die Klage im August 2009 jedoch ab und stellte so die Versorgung armer Menschen mit billigen Arzneien sicher.

Von Jan Pehrke

„Das Gericht muss beobachten, dass das vorliegende Verfahren eines ist, dass als spekulativer Vorstoß charakterisiert werden könnte, als ein Versuch, der Politik durch gerichtliche Entscheidungen das Leben schwer zu machen“, so ereiferte sich der Richter Ravindra Bhat vom High Court in New Delhi über einen von BAYER angestrengten Prozess. Bhat sorgte dafür, dass es bei einem Versuch blieb und wies die Patent-Klage ab, mit welcher der Leverkusener Multi die Zulassung einer billigen Generika-Version seines Krebsmedikamentes NEXAVAR unterbinden wollte. „Wir sind sehr glücklich, dass das Gericht die Bedeutung des Zugangs zu Medikamenten erkannt und BAYERs Versuch, einen Politik-Wechsel herbeizuführen, verhindert hat“, sagte YK Sapru von der Krebs-Selbsthilfegruppe CPAA, die in der juristischen Auseinandersetzung an der Seite der Zulassungsbehörde und des Generika-Unternehmens CIPLA stritt. Der Leverkusener Multi war hingegen von der Aussicht, dass sich bald auch Arme NEXAVAR leisten können und die patent-geschützten Extra-Profite bald etwas spärlicher fließen, alles andere als begeistert. „BAYER HEALTHCARE ist enttäuscht, lehnt das Gerichtsurteil ab und prüft die Einlegung von Rechtsmitteln“, so ein Sprecher.

Die vom Pharma-Riesen Ende letzten Jahres eingereichte Klage stellte ein Novum in der Geschichte der Justiz dar. Niemals vorher hatte ein Unternehmen versucht, mit Verweis auf angeblich verletzte Patentrechte in ein Zulassungsverfahren einzugreifen. Darum erkannten die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und andere Initiativen inner- und außerhalb des Subkontinents sofort die gesundheitspolitische Dimension des Vorstoßes und protestierten vehement. „BAYER versucht nicht nur, seine eigenen Monopolrechte zu wahren, das Unternehmen will auch einen Präzedenzfall schaffen und so andere Firmen davon profitieren lassen“, kritisierte etwa Amit Sen Gupta vom indischen PEOPLE‘S HEALTH MOVEMENT.

Dabei erlaubt das TRIPS-Abkommen, das streng über den Schutz geistigen Eigentums im internationalen Güterverkehr wacht, ausdrücklich die Zulassung von Nachahmer-Medikamenten, auch wenn das Patent für das Ursprungspräparat noch gilt. Eine Lizenz zum Vertrieb der Pharmazeutika haben die Generika-Hersteller damit freilich noch nicht, die Regelung will nur eine rasche Verfügbarkeit der Medikamenten-Kopien nach Ablauf der Schonzeit sicherstellen. Der Leverkusener Multi kannte diesen Paragraphen natürlich und versuchte, ihn mit juristischen Winkelzügen zu umgehen. So behauptete er, das von CIPLA hergestellte NEXAVAR-Double hätte einen anderen Wirk-Mechanismus als das Original. Ein durchsichtiges und leicht zu vereitelndes Manöver, das seinen Zweck dennoch nicht ganz verfehlte, wie Ravindra Bhat feststellte. „Selbst wenn solche Klagen nicht zum Erfolg führen, haben sie jedoch häufig den kurzfristigen Effekt, dass Konkurrenten durch einstweilige Verfügungen blockiert werden. Dies geschah auch im vorliegenden Fall. Der Antragsteller hat eine unabhängige Bewertung von CIPLAs Antrag erfolgreich verzögert“, erläuterte der Richter.

Diese Verzögerungstaktik wendet BAYER fast schon routinemäßig an. Aktuell prozessiert der Pillen-Riese gerade gegen das Generika-Unternehmen TEVA - bereits zum dritten Mal. Aber auch sonst lässt sich Big Pharma nicht lumpen. 700 entsprechende Gerichtsverfahren zählte ein EU-Bericht zwischen 2000 und 2007. Die Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes sah darin ein Indiz dafür, „dass die Pharma-Märkte nicht so gut funktionieren, wie sie sollten“ und kündigte Maßnahmen gegen die unlauter auf dem Rechtsweg erstrittenen Patent-Verlängerungen an. Nicht zuletzt die immensen Kosten von ca. drei Milliarden Euro, die BAYER & Co. den Gesundheitssystemen damit aufbürden, haben sie zu diesem Schritt bewogen.

Im Prinzip hat die Europäische Union jedoch gar nichts gegen die Privatisierung von Wissen, wie sie im Patentrecht zum Ausdruck kommt. In ihrer Außenhandelspolitik setzt sie sich sogar für länger währende Copyrights ein - nur eben ohne juristische Tricks. So dringt die EU derzeit in Verhandlungen mit Kolumbien auf eine Verlängerung der Patentlaufzeiten für Medikamente von 20 auf 25 Jahre. Die den Zulassungen vorausgegangenen Arznei-Tests will Brüssel nicht mehr wie bisher nach fünf, sondern erst nach elf Jahren zugänglich machen. „Gerade in Zeiten der Krise muss die EU neue Instrumente suchen, um ökonomisch zu wachsen“, sagt Marianne Gumaelius von der „Generaldirektion Handel“ der EU-Kommission zur Begründung der Standort-Politik.

Diese betreibt Brüssel auch gegenüber Indien. Darum nahm Dr. Dieter Lehmkuhl vom Vorstand der deutschen Sektion der ÄRZTE ZUR VERHÜTUNG DES ATOMKRIEGES (IPPNW) die Niederlage BAYERs vor dem High Court zum Anlass, an die EU zu appellieren, ihrerseits die PatientInnen-Interessen stärker zu berücksichtigen. „Die EU-Kommission ist nun aufgefordert, in ihren Verhandlungen über bilaterale Handlungsbeziehungen und geistige Eigentumsrechte mit Indien dem Menschenrecht auf Gesundheit Vorrang vor Handels- und Gewinninteressen einzuräumen“, so Lehmkuhl.

[Krise] STICHWORT BAYER 03/2009

CBG Redaktion

BAYERs Krisenmanagement, Teil IV

„Robust in schwierigem Umfeld“

Der Leverkusener Multi hält an dem Ziel fest, mit einer Gewinn-Einbuße von fünf Prozent durch die Krise zu kommen und tut alles dafür: Arbeitsplatzvernichtung, Produktionsstilllegungen, Zusammenlegung von Abteilungen und Effizienz-Programme.

Von Jan Pehrke

„Robust in schwierigem Umfeld“ hielt sich der Leverkusener Multi im 1. Halbjahr 2009 nach Meinung des BAYER-Chefs Werner Wenning. In den Zahlen seines Zwischenberichtes ausgedrückt heißt das: knapp sechs Prozent weniger Umsatz und sieben Prozent weniger Gewinn als im Vorjahreszeitraum. Und im zweiten Jahresviertel blieb der Konzern Wenning zufolge ganz im Soll. „Insgesamt hat das 2. Quartal unsere Erwartungen voll erfüllt“, so der Vorstandsvorsitzende.

Besonders für den Kunststoff-Bereich schienen diese nicht allzu hoch gewesen zu sein. Während die Gesundheitssparte 8,3 Prozent mehr umsetzte und die Landwirtschaftsabteilung 2,7 Prozent, gingen die Zahlen für BAYER MATERIAL SCIENCE (BMS) um mehr als 30 Prozent zurück. Gegenüber dem ersten Quartal zeichnete sich jedoch ein leichter Aufwärtstrend ab, was Wenning als „Anzeichen für eine Bodenbildung“ deutete. Also gab der Ober-BAYER sich weiter zuversichtlich, mit einer Gewinn-Einbuße von fünf Prozent durch die Krise zu kommen. „An unseren ambitionierten Ergebnis-Zielen für das Gesamtjahr 2009 halten wir fest“, verkündete er.

Harte Zeiten bei BMS
Leidtragende dieser Ambitionen sind die Beschäftigten. Besonders hart trifft es dabei die BMS-Belegschaft. Neben temporären kündigte der Konzern auch dauerhafte Stilllegungen von Produktionsanlagen an, um die Auslastungsquote der übrig gebliebenen Fertigungsstätten zu steigern. Die Börse honorierte das umgehend. „Positiv einzuschätzende Anpassungen der Produktionskapazitäten“ veranlassten S&P EQUITY RESEARCH zu einer Kaufempfehlung für die BAYER-Aktie.

Zudem erhöht das Unternehmen den Umfang seines 2007 begonnenen, 300 Millionen Euro schweren Sparprogrammes nochmals um 50 Millionen Euro, womit es auch nicht bei der ursprünglich vorgesehenen Streichung von 1.500 Stellen bleibt.

So kostet etwa die Schließung der Forschungssparte am Standort Krefeld zusätzliche Arbeitsplätze. BAYER will die wissenschaftliche Arbeit in Leverkusen konzentrieren, um eine stärkere Anbindung an das Marketing-Ressort zu gewährleisten, wie es offiziell heißt. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Rationalisierungsmaßnahme. Von den 132 Beschäftigten können nämlich nur 74 nach Leverkusen umziehen. 45 Jobs in den Laboren entfallen für immer, vor allem im Polyurethan-Bereich, denn bei der sich nur über den Preis verkaufenden Kunststoff-Massenware sieht der Chemie-Multi keinen Forschungsbedarf mehr.

Für Krefeld hat die Zusammenlegung weitreichendere Folgen; nach Einschätzung des Betriebsrats hängen noch einmal 40 Posten direkt von der Entwicklungsabteilung ab. Entsprechend wütend fielen die Reaktionen aus. Einen „Aufschrei der Entrüstung“ hat die Ankündigung des Konzerns laut Westdeutscher Zeitung ausgelöst. „Die Auswirkungen auf die Menschen und den Standort Uerdingen wären bei einer tatsächlichen Realisierung der Unternehmensvorstellung fatal“, warnt die Betriebsratsvorsitzende Petra Kohnen. Die Wellen schlagen so hoch, weil die Belegschaftsangehörigen bereits seit längerem das Ende der Niederlassung in Krefeld befürchten. Arbeiteten dort einst 12.000 Beschäftigte, so sind es jetzt gerade noch 1.430. Und ein stärkeres Zeichen dafür, dass BAYER für die Fertigungsstätte keine Zukunft mehr sieht als die Abwicklung der Forschung, gibt es wohl kaum.

Darüber hinaus vernichtet die Sparte auch in anderen Niederlassungen Arbeitsplätze für WissenschaftlerInnen. Zudem verringert sie die Schichtstärken und streicht Jobs im Rechnungswesen und Controlling. BMS-Chef Patrick Thomas hat mehr oder weniger offen den innerbetrieblichen Sozialdarwinismus ausgerufen und setzt auf „Menschen, die sich beweisen wollen, dass sie zu den Gewinnern zählen“.

Bittere Pillen
Bittere Pillen hält BAYER auch für die Pharma-Beschäftigten bereit, obwohl der Gewinn vor Steuern im zweiten Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahres-Zeitraum um 12 Prozent auf 1,1 Milliarden stieg. Aber BAYER-SCHERING-Vorstand Andreas Fibig spürt Auswirkungen der Krise auf dem Pillen-Markt. In Ländern, wo die Kranken ihre Medikamente selber zahlen müssen, zwingt die schlechte wirtschaftliche Lage die Menschen, weniger Arzneien zu kaufen. Zudem fahren die Staaten, die viel Geld für die Ankurbelung der Konjunktur ausgegeben haben, ihre Ausgaben im Gesundheitsbereich zurück. Da gerät BAYERs Klassenziel von 32 Prozent Umsatzrendite in Gefahr.

Also plant der Konzern umfangreiche Umstrukturierungen. „Horizon“ heißt das Rationalisierungsprogramm, dessen angebliche Unausweichlichkeit der Multi seinen Beschäftigten auch mit Ausschnitten aus Obama-Reden zur Gesundheitsreform demonstrieren wollte. Wo der US-Präsident beherzt „Yes, we can“ sagt und sich anschickt, für die medizinische Versorgung der Ärmsten der Armen Big Pharma ein wenig zu schröpfen, reagiert BAYER mit einem „Yes, we must“ und verkündet einen Horrorkatalog für die Belegschaftsangehörigen. Aber die Beschäftigen ließen sich nicht so leicht gegen Barack Obama in Stellung bringen. „Wir haben Verständnis für einen Präsidenten, der trotz Krise die Krankenversicherung zumindest für die Kinder seines Landes in Angriff bringen möchte. Kein Verständnis haben wir, dass von BAYER weiter die Shareholder-Ideologie bedient wird, die maßgeblich diese Krise mitverursacht hat“, heißt es in der Juni-Nummer des von linken GewerkschaftlerInnen herausgegebenen BAYER-SCHERING-Info.

„Horizon“ umfasst zahlreiche Ausgliederungsmaßnahmen. BAYER-SCHERING-Chef Fibig hat sich nämlich vorgenommen, die Produktivität vor allem mit Hilfe externer Partner zu steigern. So beabsichtigt der Pharma-Riese, Werkschutz-Aufgaben outzusourcen. Im Sektor „Toxikologie“ möchte er bei den Expertisen den Fremdvergabe-Anteil erhöhen. Gleiches strebt das Unternehmen bei den Pharma-Studien an. Mit der Kölner Universitätsklinik ist es da schon handelseinig geworden, weshalb für die Klinische-Pharmakologie-Abteilungen in Wuppertal und Berlin natürlich weniger zu tun bleibt und eine Zusammenlegung droht. Die Kooperation mit Köln geht dabei noch weit über Arznei-Tests hinaus und umfasst verschiedenste Forschungsbereiche, und mit anderen Bildungseinrichtungen schließt BAYER fast im Wochentakt entsprechende Verträge ab. Das vernichtet nicht nur Forschungsarbeitsplätze innerhalb des Konzerns, sondern gefährdet auch die Unabhängigkeit der Wissenschaft. Wegen dieser Folgewirkungen kritisiert das BAYER-SCHERING-Info die Pläne scharf: „Horizon spiegelt die Ratlosigkeit eines Managements wieder, das den Hals nicht voll kriegen kann (...) Diese Art zu Wirtschaften gefährdet das soziale Gefüge in der Gesellschaft“.

Die Begründung für die Notwendigkeit des Rationalisierungsprogramms kommt dem Blatt auch vertraut vor. Es sei im Wesentlichen das, was der Global Player bei jeder Kostensenkungsrunde vorbringe, nur die Gewinnvorgaben würden immer unbegreiflicher werden, urteilt das Info. Tatsächlich stellt sich manchmal die Frage, ob das noch die Krise ist oder bloß BAYER-Business as usual. Am ehesten wohl beides. Das Unternehmen begreift die momentane ökonomische Situation als günstige Gelegenheit, lang gehegte Effizienz-Projekte zu verwirklichen und steht damit nicht allein. „Jetzt kann man alte Strukturen schleifen“, frohlockte der Managementberater Jörg Hild unlängst in einem Faz-Artikel. Er empfiehlt darin unter anderem den Abbau paralleler Strukturen und die Erhöhung des Automatisierungsgrades - eben das setzt der Chemie-Multi im Kunststoff-Bereich gerade um.

Sicherheitsrisiken
Dabei leiden die Beschäftigten schon jetzt unter einer unerträglichen Arbeitsbelastung. In Wuppertal musste sogar die Personalabteilung einschreiten, wie die BASIS BETRIEBSRÄTE, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem Flugblatt vom September 2008 dokumentierten.
„Leider, aus gegebenem Anlass, möchte ich Ihnen das Arbeitszeitgesetz (...) ans Herz legen“, heißt es in einem Schreiben an die SchichtleiterInnen. Die PersonalerInnen sahen sich gezwungen, die Vorgesetzten daran zu erinnern, ihren Untergebenen die gesetzliche vorgeschriebene Ruhezeit von 11 Stunden zu gewähren. Zudem kritisierten sie die gängige Praxis, die Beschäftigten ausstempeln zu lassen, um sie länger als 10 Stunden im Betrieb halten zu können.

Im Kunststoffbereich führt die Arbeitsverdichtung zu hohen Sicherheitsrisiken. Angesichts von Messwarten-Zusammenlegungen, Personalreduktion und Schichtmeistern, die mitarbeiten müssen statt ihrer Aufsichtspflicht nachzukommen, stellt sich für einen Belegschaftsangehörigen die Frage, „ob man noch in der Lage ist, Prozesse alle zu beherrschen, und die anstehende Arbeit überhaupt noch bewältigt bekommt“, wobei er auf das abschreckende Beispiel eines Chlor-Austritts verweist. Wer Kritik an diesen Zuständen übt, bekommt sofort Druck, weshalb bei BMS ein Klima der Angst herrscht. Das Fazit des BASIS-Mannes lautet: „Die Sicherheit wird mit Füßen getreten. Es wird sich tot gespart auf Kosten der Mitarbeiter. Hier stellt sich die Frage, wie man dann auf Dauer bei längerer Lebensarbeitszeit diesen immer mehr steigenden Druck aushalten kann“.

Sozialpartnerschaft forever
Und was macht der Gewerkschaftsmainstream der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE)? Er nimmt die Krise und die damit für die Beschäftigten verbundenen neuen Zumutungen keinesfalls zum Anlass, seinen Kuschelkurs mit den Unternehmen in Frage zu stellen. „Der IG BCE bleibt der IG BCE. Wir werden auch in Zukunft unsere Sozialpartnerschaft mit den Arbeitgebern pflegen, denn die hat uns erfolgreich gemacht“, bekannte Gewerkschaftsboss Michael Vassiliadis in einem Interview. Und machte sich dann auch umgehend zum Klassensprecher des Leverkusener Multis, indem er mehr Akzeptanz für Bio- und Nanotechnik und Kohlekraftwerke forderte. Dabei scheute er nicht mal davor zurück, die PolitikerInnen in die Pflicht zu nehmen, um solchen umstrittenen Forschungen und Projekten zu einem besseren Ruf zu verhelfen. „Ich wünsche mir, dass Politiker bei konkreten Entscheidungen nicht umfallen. Ich fordere industriepolitische Solidarität“, so Vassiliadis. Als sich in Krefeld zeigte, dass BAYER diese Politik nicht honoriert und trotzdem fleißig durchrationalisiert, war der Katzenjammer groß. „Wir als DGB haben uns nicht so vehement für das geplante Kraftwerk und die CO-Pipeline eingesetzt, um jetzt vom Konzern an der Nase herumgeführt zu werden“, empörte sich der Kreisvorsitzende Ralf Köpke. Aber Sozialpartner dürfte er dennoch bleiben.

Nicht einmal das Ansteigen der Arbeitslosigkeit nach dem Auslaufen des Stillhalte-Abkommens, in dem sich die Konzerne der Politik gegenüber verpflichtet haben, bis zur Bundestagswahl von Entlassungen abzusehen, wird wohl das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Unternehmen belasten. Und das, obwohl Peer Steinbrück prognostiert: „Es wird erhebliche Verteilungskonflikte geben“ und Manager wie der MAN-Chef Hakan Samuelsson bereits einen heißen Herbst ankündigen. „Deutschland ist momentan vor Veränderungen sicher“, sagte er einen Monat vor dem 27. September, „Aber nach der Wahl wird sich die Botschaft ändern“.

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[GenReis Indien] STICHWORT BAYER 03/2009

CBG Redaktion

Indien vs. BAYER-Gentechnik

„Hände weg von unserem Reis!“

BAYER führt in Indien Freisetzungsversuche mit gen-manipuliertem Reis durch. Wegen der damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen statteten GREENPEACE-AktivistInnen dem Gen-Gigant einen Hausbesuch auf den Feldern ab. Sie stellten „Biohazard“-Warnschilder auf und errichteten spezielle Vogelscheuchen, damit die „Zukunftstechnologie“ sich vom Acker mache. Der Leverkusener Multi zeigte sich wenig dialogfreudig und reichte eine Klage gegen 35 Personen ein.

Von Jan Pehrke

Vor zwei Jahren hat die indische Regierung abrupt Freisetzungsversuche mit gen-manipuliertem Basmati-Reis gestoppt: Der Gen-GAU made by BAYER hatte sich globalisiert und Asien erreicht. Seinen Ausgang hatte er Anfang 2006 in den USA genommen, als ein Verarbeitungsunternehmen eine Verunreinigung seiner Chargen mit der noch gar nicht zugelassenen Sorte LL601 bemerkte. Im Frühjahr 2007 erreichte der Skandal schließlich bundesdeutsche Supermärkte. Bei ALDI & Co. fand sich die gegen das Herbizid LIBERTY resistente LL-Laborfrucht in normalem Handelsreis wieder. Die EU reagierte und erließ ein Import-Verbot für US-amerikanischen Reis. Indien als zweitgrößtem Reis-Produzent der Welt führte das die Gefahr einer Kontamination seiner Ernten vor Augen. Zu deren Schutz verhängte der Staat deshalb in den hauptsächlich für den Export arbeitenden Agrar-Hochburgen ein Genreis-Moratorium.

Der Leverkusener Multi hatte schon 2004 davon Abstand genommen, Indien als Versuchsfeld für seine Gen-Pflanzen zu benutzen. Allerdings nicht ganz freiwillig. Vorausgegangen waren massive Proteste von GREENPEACE. So hatten sich AktivistInnen elf Stunden lang an das Eingangstor der BAYER-Zentrale in Mumbai gekettet und das Transparent „BAYER vergiftet unsere Nahrung“ hochgehalten. Dieser Gegenwehr konnte der Konzern letztlich nicht standhalten. Wenig später verkündete er: „BAYER gibt die Forschung an gen-manipulierten Pflanzen in Indien auf“. Man wolle seinen Schwerpunkt künftig auf die normale Pflanzen-Züchtung verlegen, hieß es in der Erklärung.

Dieses Versprechen hielt gerade mal zwei Jahre. Ab 2006 testete der Multi in dem Dorf Chinnakanjarla, das 45 Kilometer von Hyderabad im Bundesstaat Andhra Pradesh liegt, LIBERTYLINK-Reis. Er hielt es dabei weder für nötig, die örtlichen Behörden um eine Genehmigung zu ersuchen noch die PächterInnen oder BesitzerInnen des umliegenden Farmlandes über etwaige Gefahren zu informieren. Für GREENPEACE ein klarer Fall von „Corporate Crime“, weshalb die Initiative dem Global Player erneut einen Besuch abstattete. „Hände weg von unserem Reis“, lautete die Forderung der Umweltorganisation, der die Organisation Nachdruck verlieh, indem sie „Biohazard“-Warnschilder aufstellte und Vogelscheuchen gegen die Gentechnik-Plage errichtete.

Europäischen Reisanbau-Ländern mochte der Agro-Riese seine Gentech-Pflanzen nicht zumuten. „Es ist unethisch von BAYER, die wenigen reis-anbauenden EU-Staaten zu schützen, indem der Konzern in Spanien, Italien, Griechenland, Portugal oder Frankreich keine Zulassung beantragt. Das Unternehmen gefährdet lieber die Nahrungsmittelsicherheit in den armen Ländern“, empörte sich deshalb Dr. Suman Sahai von der indischen Initiative GENE CAMPAIGN. „Das Risiko exportieren, den Reis importieren“ heißt die Devise des Gen-Giganten. Und diese Geschäftsstrategie erlaubt es dem Konzern nicht nur, dem Akzeptanz-Problem der Risiko-Technologie in Europa auszuweichen, sie erspart ihm auch das aufwändige Zulassungsprozedere. Für eine „Heimholung“ des Reis‘ reicht nämlich eine EU-Importgenehmigung.

Aber selbst diese erhält BAYER nicht so einfach. Mehrere Staaten verweigerten die Zustimmung, und eine ursprünglich für April geplante Entscheidung verschob der EU-Ausschuss für Lebensmittel und Tiergesundheit einstweilen (SWB 2/09). Dabei spielen bestimmte „Nebenwirkungen“ bei der Bewertung gar keine Rolle. So empfahl die „Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit“ (EFSA) eine Bewilligung des Antrages, obwohl sie das Auskreuzungsrisiko als hoch einschätzte - aber damit sollen sich nach Meinung der EFSA allein die Anbau-Länder herumschlagen.

Wie auch mit der Bedrohung der Artenvielfalt. Drückt der Leverkusener Chemie-Multi den LL-Reis nämlich mit all seiner Wirtschaftsmacht auf den Markt, so bleibt den LandwirtInnen nur die Alternative: Friss oder stirb. Das damit verbundene Aussterben von Arten ist jedoch nicht nur vom Standpunkt reiner Naturliebe aus bedauerlich, es hat auch dramatische praktische Folgen. Die Bauern und Bäuerinnen haben über Generationen hinweg ihre Saaten aufbewahrt und so eine ganze Reis-Bibliothek zusammengetragen. Wenn sich dann eine Sorte mal als besonders anfällig erweist, konsultieren sie ihre Sammlung und suchen eine widerstandsfähigere aus. Diese Biodiversität droht zu verschwinden - schon jetzt gibt es bloß noch zwei gegen eine weit verbreitete Pflanzen-Krankheit gewappnete Reis-Sorten.

Indien müsste auch die sozio-ökonomischen Folgen der LIBERTYLINK-Kultivierung tragen, wenn es zu einem kommerziellem Anbau käme. Da die „grüne Gentechnik“ kapitalintensiv ist, verlangt sie nach großen Anbauflächen - zu große für viele Reisbauern und -bäuerinnen. Deshalb zwingt die „Zukunftstechnologie“ viele FarmerInnen dazu, die Feldwirtschaft aufzugeben und in die Elendsgürtel rund um die Megacitys ziehen. Weit davon entfernt, dem Hunger Einhalt zu gebieten, verstärkt Gentech auf dem Acker die soziale Misere in den Ländern des Südens also noch.

Die Folgen des BAYER-Reis‘ für das körperliche Wohl sind auch nicht ohne. Der LIBERTY-Wirkstoff Glufosinat, den der Leverkusener Multi in Kombination mit dem Reis vertreiben will, weil er die Pflanze per Gentechnik gegen die Substanz immun gemacht hat, hat es nämlich in sich. Er gehört zu den 17 Ackergiften, die wegen erwiesener Gefährlichkeit unter das neue Pestizidgesetz der Europäischen Union fallen (SWB 1/09) und keine Zulassung mehr erhalten dürfen.

Da kommt also eine Menge zusammen. „Die unbeantworteten Fragen zu den gesundheitlichen, ökologischen und sozio-ökonomischen Effekten der gentechnischen Veränderung des Grundnahrungsmittels für zwei Drittel des Landes“ führte der indische GREENPEACEler Rajesh Krishnan dann auch zur Begründung des Lokaltermins auf dem BAYER-Feld in Chinnakanjarla an.

Die Fragen beantwortete der Konzern auch diesmal nicht. Stattdessen schaltete er die Justiz ein und verklagte 35 ProtestlerInnen wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und Einschüchterung. Sofort setzte eine große Solidarisierungskampagne ein. Hunderte Menschen fotografierten sich mit einem Schild „Sperrt mich auch ein, ich sage nein zu Gen-Reis“ - in der Hand. Am 24. Juli präsentierten junge Gentechnik-GegnerInnen den BAYER-ManagerInnen der Niederlassung in Tolichowki diese Selbstanklagen. „Hunderte Bürger aus allen Teilen des Landes, die sich sogar verhaften lassen würden, um unseren Reis zu retten, stehen für die große Angst der indischen Öffentlichkeit vor der gentechnischen Veränderung unseren Reises“, sagte Rajesh Krishnan auf der Kundgebung vor den Toren des Agro-Multis.

Auch die bekannte Schauspielerin Amala Akkineni bekannte sich schuldig. „Der Vater unserer Nation, Mahatma Ghandhi, gab uns ein Beispiel vor und zeigte, dass bestimmte Bürgerrechte nicht verhandelbar sind. Das Recht auf sichere Nahrung ist eines davon“, so Akkineni. Bei der derzeitigen Regierung in New Delhi stößt das nicht auf ungeteilte Zustimmung. Während der Umweltminister Gen-Food ablehnt, spricht sich der Landwirtschaftsminister dafür aus. Vor der Umweltbewegung liegt also noch eine Menge Arbeit. Von BAYERs Einschüchterungsversuchen wird sie sich dabei jedoch nicht abhalten lassen. „Sie können die Aktivisten einsperren, nicht aber den Aktivismus“, gibt sich Jayakrishna von GREENPEACE kämpferisch.

Infos zur Kampagne

[Zensur] STICHWORT BAYER 03/2009

CBG Redaktion

Interview-Abdruck verhindert

BAYER & die Pressefreiheit

Ende letzten Jahres hat die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit zwei Vertretern der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) geführt. BAYER war damit gar nicht einverstanden. Also zeigte der Leverkusener Multi den Jungs in München mal, wer im Lande das Sagen hat, und sorgte für ein Verschwinden des Textes im Archiv. Und das war kein Einzelfall. Zur Pressefreiheit hatte der Konzern immer schon ein gestörtes Verhältnis.

Von Jan Pehrke

Der 30. Geburtstag der CBG im letzten Jahr bot für den Journalisten Caspar Dohmen von der Süddeutschen Zeitung den Anlass dafür, ein Gespräch mit zwei Vorstandsmitgliedern über die konzern-kritische Arbeit zu führen. Es hatte unter anderem die Entstehung der CBG und die Möglichkeiten der Einflussnahme auf große Konzerne zum Gegenstand. Als konkrete Beispiele dienten Störfälle in BAYER-Werken, die umstrittene Kohlenmonoxid-Pipeline quer durch NRW sowie die Verbrennung von Giftmüll. Auch der Leverkusener Chemie-Multi war von dem SZ-Redakteur um eine Stellungnahme gebeten worden. Statt einer Antwort intervenierte ein Vertreter des Konzerns bei der Zeitung. Was er genau vortrug, ist unbekannt. Klar sind nur die Abläufe - und das Ergebnis. Dohmen tat alles, um den Text retten und bat um Belege zu den getätigten Aussagen. Zwar konnte keine Passage inhaltlich beanstandet werden, dennoch erreichte der Global Player sein Ziel: Das Interview verschwand in der Schublade.

Axel Köhler-Schnura vom Vorstand der CBG erklärte dazu: „Dies ist eine nicht hinnehmbare Einflussnahme von BAYER auf die Medien. Leider kein Einzelfall, sondern Steuerung der Medien im Interesse der Sicherung der Konzern-Profite. Mit einer Politik von Zuckerbrot in Form von Anzeigenetats in dreistelliger Millionenhöhe und Peitsche in Form von Zensur wird eine freundliche Berichterstattung erzwungen. Im Nebeneffekt werden dabei auch Demokratie und freie Berichterstattung zu Grunde gerichtet.“ Die CBG hat Beschwerde beim Presserat eingelegt, der sich des Falls auch angenommen hat.

An der Person des bei der Süddeutschen Zeitung etatmäßig für BAYER zuständigen Redakteurs, Stefan Weber, lässt sich das ungute Zusammenspiel von Medien und Multis exemplarisch illustrieren: Weber hat persönlichen Zugang zu den Verantwortlichen im Konzern und erhält häufig Exklusiv-Meldungen – die härteste Währung im Mediengeschäft. Wenn BAYER eine neue Anlage in China einweiht, fährt Weber (vermutlich auf Firmenkosten) mit nach Shanghai. Im Gegenzug verzichtet der Wirtschaftsredakteur seit Jahren auf jegliche kritische Berichterstattung. Anders als KollegInnen aus anderen SZ-Redaktionen griff Weber beispielsweise nicht ein einziges Mal eine Meldung der CBG auf. Und es gibt genug willige Wirtschaftsjournalisten wie Weber, die sich BAYERs Pflege der Presselandschaft gern angedeihen lassen.

Die Coordination dokumentiert seit vielen Jahren den unlauteren Umgang des Unternehmens mit den Medien, der seit Gründung des Unternehmens im Jahr 1863 zum Kerngeschäft gehört. Einen Großteil der „kurzen Dienstwege“ ist der Konzern dabei wohl unerkannt gegangen, aber schon die bekannt gewordenen reichen, um das Ausmaß der BAYER-Pressearbeit zu dokumentieren. So mussten die Magazine Spiegel und Stern nach kritischen Berichten von 1982 bis 1995 auf Anzeigen aus Leverkusen verzichten. O-Ton aus der Zentrale des Chemie-Multis: „Damit die Jungs in Hamburg mal lernen, wer hier das Sagen hat“. Das lernten auch „Die Jungs aus Köln“. Ein im Express schon fest eingeplanter Bericht über die BAYER-Hauptversammlung und Gegen-Aktivitäten verschwand nach einem kurzen Anruf aus Leverkusen aus dem Blatt. Die Düsseldorfer Stadtillustrierte Überblick musste hingegen ein Artikel über Störfallrisiken teuer bezahlen. Kurz nach dem Erscheinen stornierte BAYER eine regelmäßig erscheinende ASPIRIN-Anzeige. In den USA gelangte kürzlich nach einem Störfall in einem BAYER-Werk ein Strategiepapier des Konzerns in die Öffentlichkeit, in dem empfohlen wird, kritische Medien zu „marginalisieren“. Ein derartiges Vorgehen hat der Agro-Riese systematisiert. So erteilte er seinen leitenden Öffentlichkeitsarbeitern einst eine Weisung, missliebige JournalistInnen dem Leverkusener „Hauptquartier“ zu melden: Dort hätte man die Mittel, negative Berichterstattung zu unterbinden.

In jüngster Zeit häufen sich Abmahnungen gegen Blogs und Internet-Zeitungen. So erhielt die Redaktion von Lifegen.de eine Klageandrohung, weil sie eine Meldung der CBG zu Nebenwirkungen von Verhütungsmitteln nachgedruckt hatte. Zwar blieb Lifegen ebenso wie der ebenfalls vom Global Player inkriminierte Blog duckhome standhaft und wäre juristisch auch nicht zu belangen gewesen, aber andere Betreiber im Internet knicken angesichts massiver Drohungen („strafrechtliche und zivilrechtliche Konsequenzen, weitere Ansprüche bleiben vorbehalten“) oft ein.

Ein besonderer Dorn im Auge ist dem Konzern die Berichterstattung des WDR. Regelmäßig versucht er, kritische TV-Berichte des Senders zu verhindern, kürzlich z. B. den Film „Unter tödlichem Verdacht“, der die von BAYER verschwiegenen Risiken der Arznei TRASYLOL enthüllte (wenige Tage nach der Ausstrahlung musste das Präparat vom Markt verschwinden). Auch eine Dokumentation des Journalisten Frans van der Meulen über Vergiftungen durch Holzschutzmittel wollte der Multi kippen. Bei einem Monitor-Beitrag über die mit Hilfe eines BAYER-Patents entwickelten Chemie-Waffen VX und VE gelang ihm das 1984. Eine Interview-Anfrage zu dem Thema reichte, um die Rechtsabteilung ein- und den Film auszuschalten. Redakteur Gerd Ruge teilte den Autoren Peter Kleinert und Jörg Heimbrecht mit, der Beitrag könne „leider nicht gesendet werden“, weil BAYER „im Hause interveniert“ hätte und er sich dem beugen müsse.

Besonderen Anstoß erregte 1990 eine „Montagsreportage“. Darin gab der damalige Werksleiter des Leverkusener BAYER-Werkes, Dietrich Rosahl, zu, von der Umweltverschmutzung durch die Dhünnauer Altlast-Deponie gewusst zu haben. Da dieses Geständnis zu einem Strafverfahren führte, intervenierte der Pharma-Riese umgehend beim WDR-Fernsehdirektor Günter Struve.
Die Sendung „Vor Ort“ war zum letzten Mal live vor Ort, als sie über einen Gusathion-GAU in Dormagen berichtete. Die dort ausgestrahlten Orginaltöne waren für den Konzern zu schwer zu ertragen. Seither kamen die Lokaltermine aus der Konserve. Nach einem anderen unliebsamen Fernsehbeitrag verteilten die PropagandistInnen um den kürzlich in Rente gegangenen BAYER-Pressechef Heiner Springer gar Tausende von Flugblättern mit der Überschrift: „WDR - Da hilft nur noch abschalten“. Den damaligen WDR-Intendanten Friedrich Nowottny wollte BAYER über den Rundfunkbeirat stürzen, da er den Wünschen des Konzerns nicht vollständig nachkam.

Aber auch andernorts kümmerte sich der Gen-Gigant um „saubere Leinwände“. So verklagte er 1988 den SWF nach einem Report-Beitrag über das BAYER-Ackergift NEMACUR, das die JournalistInnen Dr. Imre Kerner und Dagni Kerner-Radek für schwerwiegende Gesundheitsstörungen im Raum Tübingen verantwortlich gemacht hatten. Besonders skandalös dabei: Der in den Bodenproben nachgewiesene NEMACUR-Wirkstoff Fenamiphos besaß in der Bundesrepublik gar keine Zulassung. BAYER leitete juristische Schritte ein, und das dem Konzern immer schon recht wohlgeneigte Kölner Landgericht gab der Klage nach Richtigstellung und Unterlassung statt.

Nicht einmal die Sport-Berichterstattung ist vor dem Pillen-Produzenten sicher, gilt es doch, die als „Plastik-Club“ verschriene Fußball-Abteilung vor Anfeindungen zu schützen. Dem ZDF-Sportstudio warf der Konzern dereinst in dieser Sache „unterlassene Hilfeleistung“ vor, denn es strahlte das dem Sportclub bei einem Pokalspiel entgegenschallende Pfeifkonzert ohne redaktionellen Eingriff aus. „Wir haben uns immer noch mit einer sehr unangebrachten öffentlich-rechtlichen Arroganz auseinanderzusetzen“, tobte der ehemalige Sport-Direktor Jürgen von Einem, „So geht man nicht mit Kunden um“. Ein verräterischer Satz: Als Kunde mit Anspruch auf Dienstleistungen definiert BAYER in aller Offenheit sein Verhältnis zu den Medien. Und als ein solcher verlangte der Konzern bei einem TV-Film über einen vertuschten Störfall auch Drehbuch-Einsicht. Das ZDF verbat sich das und bekam umgehend Schwierigkeiten bei der Motivsuche. BAYER und andere Chemie-Multis erteilten auf ihren Firmen-Arealen keine Drehgenehmigung. Der Film „Unser täglich Gift gib‘ uns heute“ von Frederico Füllgraf über den Pestizid-Einsatz in Brasilien hielt für den Agro-Riesen alles, was der Titel versprach. Also übte er Druck auf die Evangelische Kirche als Verleiher aus und sorgte für ein Verschwinden des Werkes aus dem Programm.

Interviews mit der Coordination stören den Global Player auch schon länger. Als die Eröffnung einer Produktionsanlage in Bitterfeld einen bitteren Beigeschmack zu bekommen drohte, weil ein CBGler im Radio Mephisto über die ökologischen Nebenwirkungen des Werkes und BAYERs Einflussnahme bei der Treuhand plauderte, rief BAYERs Presse-Chef direkt aus London bei der Radiostation an und forderte Sendeplatz ein - den er natürlich auch prompt bekam.

Selbst eine Buchveröffentlichung hintertrieb der Pharma-Riese bereits. Gegen das Werk „Der Dormagener Störfall“ von Klas Ewert Everwyn, inspiriert von einem Gusathion-GAU bei BAYER, zog er Anfang der 80er Jahre vor Gericht. „Es ist doch etwas anderes, ob man sich mit der Kritik an gegenwärtigen Zuständen auseinanderzusetzen hat, oder ob ein Schriftsteller BAYER einfach diffamiert“, meinte der Konzern. Er drohte mit einer Prozesslawine und erreichte in einem Vergleich die Streichung des Namens „BAYER“ aus dem Text. Jegliche Ähnlichkeit des im „Dormagener Störfall“ erwähnten Unternehmens mit einem tatsächlich existierenden hatte der Autor als zufällig darzustellen. „Da es sich um ein Auftragswerk der Stadt Dormagen handelt, war es für mich zwingend, das dort ansässige große Chemiewerk für meine Legende heranzuholen. Ich will weder das Werk noch seine Menschen diffamieren“, lautete die am Anfang des Oeuvres abzudruckende Erklärung (ein Artikel zu der Kontroverse erschien im SPIEGEL).

Für das Buch „Es war einmal ein Fluss“ hieß es dank BAYER auch selbst bald „Es war einmal“: Nach einer kleinen Intervention aus Leverkusen verschwand die Chronik des langsamen Verschwinden eines Wasserlaufs durch eine Überdosis Chemie vom Markt.

Bei so einer energischen Pressearbeit konnte der Konzern die Coordination natürlich nicht schonen. 1990 mahnte er ein Titelbild von Stichwort BAYER ab, und 2001 untersagte er die Nutzung eines bestimmten Domain-Namens. An der CBG war es dann auch, in einem Aufruf unter der Überschrift „Gefahren für die Demokratie“ die von BAYER ausgehenden Risiken und Nebenwirkungen zu benennen, was die Demokratie dann noch mehr in Gefahr brachte. Der Leverkusener Multi ging 1987 nämlich gerichtlich gegen die folgende Passage vor: „In seiner grenzenlosen Sucht nach Gewinnen und Profiten verletzt BAYER demokratische Prinzipien, Menschenrechte und politische Fairness. Missliebige Kritiker werden bespitzelt und unter Druck gesetzt, rechte und willfährige Politiker werden unterstützt und finanziert“. In den ersten Instanzen bekam das Unternehmen Recht. Die Coordination musste bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen und ein erhebliches finanzielles Wagnis eingehen, um dem Recht auf Meinungsfreiheit fünf Jahre nach Beginn des Verfahrens wieder Geltung zu verschaffen. Aber gebrochen ist die Multi-Macht auf Medien immer noch nicht, wie nicht zuletzt das auf dem Müllhaufen der Presse-Geschichte gelandete CBG-Interview beweist.

[Yasmin] STICHWORT BAYER 03/2009

CBG Redaktion

Gefährliche Verhütungsmittel

Kill Pill

Im letzten Jahr starb die 24-jährige Australierin Tanya Hayes an einer Lungenembolie, „verursacht durch Faktoren, die mit der Einnahme von Verhütungsmitteln zusammenhängen“, wie die Diagnose lautete. Einer jungen Schweizerin wurde BAYERs Pille YASMIN ebenfalls zum Verhängnis: Auch sie erlitt eine Lungenembolie und ist nun schwerstbehindert. Der deutschen YASMINELLE-Nutzerin Felicitas Rohrer blieb dieses Los knapp erspart. „Dass ich noch lebe, ist ein Wunder und auf unglaublich tolle Arbeit der Ärzte und einige glückliche Umstände zurückzuführen. Um zu verhindern, dass weitere junge Frauen ein ähnliches oder sogar tödliches Schicksal erleiden, muss die Problematik publik gemacht werden“, forderte die Frau gemeinsam mit der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) in einer Presse-Information.

Von Jan Pehrke

Tanya Hayes litt seit ihrem elften Lebensjahr unter Akne. Da das Medikament, mit dem die Studentin die Hautkrankheit behandelte, bei Schwangerschaften die Leibesfrucht zu schädigen vermag, nahm sie auch ein Verhütungsmittel ein. Zu BAYERs YASMIN griff die 24-Jährige, weil sie sich von der Pille eine positive Wirkung auf die Hautausschläge versprach - eine in der Werbung immer wieder herausgehobene Nebenwirkung des Präparates.

Vier Monate nach der Einnahme von YASMIN klagte die junge Frau plötzlich über Atembeschwerden und starken Husten, nahm diese Gesundheitsstörungen aber nicht allzu ernst. Wenig später folgte der Zusammenbruch. Auf einem Restaurant-Parkplatz versagte der Kreislauf, und knapp fünf Stunden später war Tanya Hayes tot. Die MedizinerInnen diagnostizierten eine Lungenembolie infolge von verdicktem Blut „verursacht durch Faktoren, die mit der Einnahme von Verhütungsmitteln zusammenhängen“.

Die Schwerstbehinderung der 18-jährigen Céline hängt ebenfalls mit der Einnahme von YASMIN, das als Wirkstoffe die beiden Hormone Ethinylestradiol und Drospirenon enthält, zusammen. Die Schweizerin erlitt eine Lungenembolie, die das Gehirn von der Sauerstoff-Zufuhr abschnitt. Seither ist der Teenager ein Pflegefall, unfähig, sich zu artikulieren und selbstständig zu bewegen. Anders als sonst üblich, versuchte der Leverkusener Multi nicht, alle Verantwortung von sich zu weisen - zumindest nicht gleich. „Der Fall von Céline ist ein besonders tragischer Ausgang von einer schweren, aber seltenen Nebenwirkung“, gab eine Konzern-Sprecherin zu. Deshalb sagte das Unternehmen auch zu, als die Familie den Pharma-Riesen wegen der hohe Kosten für die Rehabilitation um Unterstützung bat. Es wollte die Zahlungen jedoch nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen und bat sich ein Stillschweigen über die Höhe der Summe aus. Der Anwalt der Familie ging auf diese Bedingungen jedoch nicht ein. Da zeigte der Multi, dass er auch anders kann und ruderte zurück. „Ob die Lungenembolie auf einer Einnahme unseres Präparates YASMIN beruht, ist nicht belegt“, schrieb BAYER dem Juristen.

Keine Einzelfälle
Wie der Fall „Tanya Hayes“ in Australien, so erregte der Fall „Céline“ in der Schweiz großes Aufsehen. Das Nachrichten-Magazin 10vor10 widmete dem Schicksal Célines einen Beitrag, und danach konnten sich ÄrztInnen, Kliniken und Beratungseinrichtungen vor Anrufen besorgter Frauen kaum retten. Die schweizer Aufsichtsbehörde „Swissmedic“ kündigte an, die verfügbaren Studien zu YASMIN noch einmal eingehend zu analysieren. Die Pillen-Konsumentinnen wollten allerdings nicht so lange warten und stiegen auf andere Kontrazeptiva um - die YASMIN-Verkäufe brachen um ein Drittel ein. PatientInnen-Verbände hätten diese am liebsten bei Null gesehen: Sie forderten ein Verbot der Pille.

Dafür gibt es gute Gründe, denn um Einzelfälle handelte es sich bei den Embolien von Tanya Hayes und Céline nicht. 50 Tote durch YASMIN bzw. YAZ - die beiden Pillen unterscheiden sich nur geringfügig voneinander - verzeichnet die US-Gesundheitsbehörde FDA im Zeitraum von 2004 bis 2008. Ihr bundesrepublikanisches Gegenstück, das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM), zählt sieben Verstorbene seit dem Jahr 2000, wiegelt aber zugleich ab - ein Kausalzusammenhang sei im Einzelfall nicht sicher belegt. Der Leverkusener Multi wusste da natürlich mehr, zog es aber vor zu schweigen. Solche Angaben würden die Kundinnen nur verunsichern, beschied BAYER-Sprecherin Astrid Kranz dem Journalisten von der Berner Zeitung.

Neue Risiken
Grund zur Verunsicherung besteht in der Tat. Gerade von den neuen Pillen der so genannten 3. Generation geht eine große Gefäßverschluss-Gefahr aus. Innovativ ist also vor allem ihr Gefährdungspotenzial. Schon bis September 2006 gingen der „Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft“ 33 Berichte über thromboembolische Ereignisse ein, wie das industrie-unabhängige Fachblatt arznei-telegramm schreibt. Kommen bei älteren Mitteln mit Wirkstoffen wie Levonorgestrel ca. 20 entsprechende Zwischenfälle auf 100.000 Frauenjahre, so weisen Untersuchungen mit Drospirenon-Pillen Quoten von 30-40/100.000 über 46/100.000 bis zu 137/100.000 aus. Also liegt das Thrombose-Risiko von Drospirenon-haltigen Mitteln wie YASMIN, YASMINELLE, YAZ und AIDA, die sich nur durch den jeweiligen Ethinylestradiol-Gehalt voneinander unterscheiden, bis um das 7fache über demjenigen von Medikamenten der 2. Generation. Eine neue Studie von Dr. Frits Rosendaal, Professor an der niederländischen Universität Leiden, erhebt nicht ganz so hohe Zahlen. Hier nehmen Thrombosen unter Drospirenon „lediglich“ um das 6fache zu, und das auch nur im Vergleich zur Häufigkeit bei Pillen-abstinenten Frauen. Aber Rosendaals Zahlen reichten dem „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM) zusammen mit den Daten einer anderen Expertise, nun endlich ein wenig Aktivität zu zeigen. „Diese beiden aktuellen Studien werden zurzeit vom BfArM in Kooperation mit den Arzneimittelbehörden der anderen EU-Länder bewertet. Basierend auf dieser Bewertung wird über die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen entschieden werden“, verlautete aus Bonn.

Bislang hatte sich das BfArM bei seiner Einschätzung auf eine Untersuchung gestützt, die auch BAYER gern zitierte. Die EURAS-Studie des Berliner ZEG-Institutes brachte für den Leverkusener Multi den Erweis, „dass YASMIN-Anwenderinnen kein höheres Venenthrombose- und kein höheres Embolie-Risiko im Vergleich zu Anwenderinnen anderer niedrig dosierter Antibabypillen haben“. Bei diesem Urteil half allerdings offensichtlich, dass mit Jürgen C. Dinger ein ehemaliger Beschäftigter der vom Leverkusener Multi aufgekauften SCHERING-Werke zu den Leitern gehört und das ZEG ohnehin in dem Ruf der Industrie-Nähe steht.

Die US-Gesundheitsbehörde FDA hatte schon bei der Zulassung Bedenken. Die Einrichtung verlangte zusätzliche Informationen zur Unbedenklichkeit von BAYER, erst danach genehmigte sie die Pille. Zudem hat die Einrichtung jüngst bei Betriebsinspektionen erhebliche Mängel in puncto Reinheit und Stabilität der YASMIN-Wirkstoffe festgestellt. Norwegen hat das BAYER-Produkt im Jahr 2002 unter besondere Beobachtung genommen, und der „Berufsverband der niederländischen Allgemeinärzte“ warnt seine Mitglieder ausdrücklich vor der Verordnung von YASMIN, das BAYERs Tochterfirma JENAPHARM auch unter dem Produktnamen PETIBELLE vermarktet.

Schlank und krank
Was YASMIN so gefährlich macht, ist genau diejenige Eigenschaft, die der Pharma-Riese aggressiv bewirbt und dem Pharmazeutikum den zweifelhaften Status eines Lifestyle-Präparates verleiht. Der immer wieder beschworene „Figur-Bonus“ ist nämlich der Thrombose-Malus, denn indem das Dropirenon dem Körper Wasser entzieht, das er durch den anderen YASMIN-Wirkstoff Ethinylestradiol sowie durch körpereigenes Testosteron eingelagert hat, macht es zugleich das Blut zähflüssiger und steigert so die Embolie-Gefahr.

Aber auch sonst ist der Stoff nicht ohne. So ist er imstande, den Kalium-Spiegel auf einen gesundheitsgefährdenden Wert zu erhöhen. Zudem besteht chemisch eine enge Verwandtschaft mit der Substanz Spironolakton, das sich in Tierversuchen als krebserregend erwiesen und bei klinischen Erprobungen Gesundheitsstörungen verursacht hat, weshalb die Anwendung nun starken Einschränkungen unterliegt. Darüber hinaus löst das Drospirenon in Tateinheit mit dem Ethinylestradiol überdurchschnittlich oft Bauchspeicheldrüsen-Entzündungen aus. Auch Schlaganfälle und Krebserkrankungen sind verzeichnet. Wegen dieses umfangreichen Krankheitskataloges gibt es in den USA schon vier Klagen von YAZ- und YASMIN-Geschädigten, und es dürften noch mehr werden. Das arznei-telegramm hat das Unheil kommen sehen und warnte schon frühzeitig. „Wir raten von der Verordnung ab“, schrieb das Fachblatt über YASMIN.

Leider befolgten MedizinerInnen diesen Rat nicht. Sie verschrieben das Medikament fleißig und ließen so im letzten Jahr den Umsatz des Global Player mit Pillen der YASMIN-Familie um über 17 Prozent auf 1,22 Milliarden Euro steigen. Damit sind YASMIN & Co. nicht nur BAYERs Top-Seller im Pharma-Bereich - sie nehmen auch die Spitze des gesamten Verhütungsmittel-Weltmarktes ein. Über die Gründe für diesen Erfolg bestehen kaum Zweifel. „Es sind alles Lifestyle-Faktoren, weshalb die Mädchen die Pille verlangen“, so Franziska Maurer-Marti von der „Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe“.

Gezielte Werbeverstöße
Darum stellt BAYER auf den websites der Pillen auch den „Beauty-Effekt“, den „Feel-good-Faktor“ oder den „Figur-Bonus“ als Verkaufsargument heraus. Bei der Markteinführung von YASMIN im Jahr 2000 erhielt der Global Player für diese Strategie breite publizistische Unterstützung. „Neue Antibabypille macht sogar schlank“, jubilierte die BZ. Da mochten weder die Taz - „schlanker und fitter“ - noch die Ärztezeitung nachstehen, die „Verhütung ohne Gewichtszunahme“ attestierte. Desweiteren schneidet der Pharma-Riese seine Werbe-Aktionen passgenau auf eine junge Zielgruppe zu. Er hält kleine Herzen zum Herunterladen aufs Handy bereit und übt sich in Verpackungskunst. So erhielt Céline die für sie so unheilvollen YASMIN-Tabletten von ihrem Arzt in einem neckischen rosa Täschchen überreicht. Genau diese gesundheitsgefährende Geschäftsstrategie das YASMINELLE-Opfer Felicitas Rohrer. „Fatal an dieser Pille ist, dass sie sich gezielt an junge Mädchen richtet. Die erste Packung kommt in einem schicken, silberfarbenen Schächtelchen mit Schminkpinsel daher. Zusammen mit dem angeblichen Vorteil, dass man nicht an Gewicht zunimmt, erhöht das die Akzeptanz bei jungen Frauen natürlich enorm. Aber sie erfahren nichts davon, dass sie damit ein höheres Risiko für Thrombosen und Embolien haben.“, so Rohrer in der Presse-Information der CBG.

Bei seinen verkaufsfördernden Maßnahmen schreckt der Leverkusener Multi nicht einmal vor Rechtsbrüchen zurück. Obwohl das Heilmittelwerbegesetz es untersagt, preisen der Konzern und seine Tochterfirma JENAPHARM YASMIN & Co. im Internet kräftig an. Dabei sorgt der Pharma-Riese auch dafür, dass der Weg vom neutralen GOOGLE-Suchwort „Pille“ directement zu den BAYER-Verhütungsmitteln führt. Allerdings fällt das nicht gleich auf. Die Sites geben sich den Anstrich unabhängiger VerbraucherInnen-Information. Der Hinweis auf den Pharma-Multi als Hersteller findet sich oft nur im Kleingedruckten.

„Da das Verbot der Laien-Werbung (DTC = Direct To Consumer) für verschreibungspflichtige Arzneimittel selbst Anfängern im Pharma-Marketing bekannt ist, gehen wir von einem gezielten Verstoß aus. Offensichtlich soll (...) auch getestet werden, ob das Werbeverbot hierzulande noch durchgesetzt wird“, konstatiert das arznei-telegramm. Mit dem politischen Willen zu einer Durchsetzung steht es beileibe nicht zum Besten, wie die BUKO PHARMA-KAMPAGNE erfahren musste. Die Initiative prangerte ebenfalls BAYERs unlautere Pillen-Reklame an, welche die Kontrazeptiva als Medikamente gegen Akne und das ominöse „premenstruelle Syndrom“ annoncierte sowie YASMIN-Nebenwirkungen wie Brust- oder Gebärmutterkrebs verschwieg. Aber die Behörden interessierte das kaum. Die Bezirksregierung Köln reagierte gar nicht auf den Buko-Hinweis. Auf Nachfrage erhielt die Initiative die Antwort, BAYER plane eine Überarbeitung des Webauftrittes. Diese bestand dann in einer automatischen Weiterleitung von www.yasmin.de auf www.pille.com, außer der Adresse ändert sich jedoch nicht viel.

Das „Thüringer Landesamt für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz“ strengte zwar in Sachen VALETTE und PETIBELLE ein Ordnungswidrigkeitsverfahren an, stellte es aber umgehend wieder ein. „Im Vergleich sind die Internet-Seiten der Konkurrenz-Produkte ähnlich aufgebaut“, befanden die VerbraucherschützerInnen. An deren Sehkraft bestehen allerdings Zweifel. So nahmen die Behörden-MitarbeiterInnen eine Umgestaltung der VALETTE-Seite wahr, die gar nicht stattgefunden hatte. Erst nach einem Bericht des SWR-Sendung Odysso tat sich etwas: Die Webpage verschwand aus dem Netz, meldete sich allerdings bald in alter Frische zurück. Erst nachdem sich auch die ZDF-Sendung Frontal 21 der Sache angenommen hatte, war die Seite dann mal weg. Den dort von einer BUKO-Aktivistin heftig kritisierten Werbespruch „Selbst junge Mädchen, die (noch) gar kein Verhütungsmittel benötigen, wenden allein aus dem Grund gern eine geeignete Pille an“ wollte BAYER dann doch nicht mehr auf die Zielgruppe loslassen.

In den USA existieren keine Werbe-Beschränkungen für verschreibungspflichtige Medikamente, BAYER & Co. dürfen ihre Produkte auf allen Kanälen propagieren. Dafür funktioniert die Aufsicht manchmal besser als hierzulande. Die Gesundheitsbehörde FDA ließ es BAYER im Gegensatz zu ihren bundesdeutschen Pendants nicht durchgehen, YAZ als Mittel gegen Akne und das „premenstruelle Syndrom“ zu bewerben und die unerwünschten Arznei-Effekte herunterzuspielen. Letzteres empfand die US-Behörde als „besonders besorgniserregend, weil einige dieser Risiken erheblich, sogar lebensbedrohlich sind“. Also verbot sie nicht nur den entsprechenden TV-Spot, sie zwang den Leverkusener Multi außerdem dazu, den Sachverhalt klarzustellen - bisher einmalig in der FDA-Geschichte. So heißt es in der neuen Pillen-Promotion nun: „Vielleicht haben Sie Werbespots für YAZ gesehen, die nicht ganz klar waren. Die FDA will, dass wir ein paar Punkte in diesen Spots korrigieren“.

Zu allem Überfluss lösen YASMIN und PETIBELLE das Versprechen einer Gewichtsabnahme kaum ein. Während die Nebenwirkungen der „Pillen-Diät“ in beunruhigender Weise durchschlagen, fällt der fast als Hauptwirkung inserierte „Figur-Bonus“ kaum ins Gewicht. Gerade einmal 300 Gramm weniger als die ProbandInnen der Vergleichsgruppe brachten die armen YASMIN-Schluckerinnen in einer Studie auf die Waage. In einer anderen Untersuchung verloren die Frauen die Pfunde nicht dauerhaft. Aber selbst an diesen geringen Abnehm-Effekten bestehen noch Zweifel. „Es fällt auf, dass in beiden Studien die Frauen in der Drospirenon-Gruppe ein etwas höheres durchschnittliches Ausgangsgewicht haben“, kritisiert das arznei-telegramm das Studien-Design. Frits Roosendaal hat in seiner Arbeit ebenfalls keine diätische Wirkung festgestellt. „Dafür gibt es keine klaren Beweise“, hielt der Mediziner fest.

Nicht nur YASMIN
Die fand er aber für das Gefährdungspotenzial auch anderer BAYER-Mittel; es ist also nicht nur das Drospirenon allein. So übersteigt das Thrombose-Risiko von der Pille DIANETTE, die neben Ethinylestradiol noch das Testosteron bindende Anti-Androgen Cyproteron-Acetat enthält, noch dasjenige von YASMIN. Um das 7fache liegt es über dem, das Frauen tragen, die keine Kontrazeptiva nehmen. Das wurde im Juni dieses Jahres der 33-jährigen Engländerin Helen Schofield zum Verhängnis, die wegen Perioden-Schmerzen und Gewichtszunahme auf DIANETTE umgestiegen war. Wie Tanya Hayes bekam sie kurz nach der Verordnung der Pille, die neben dem Ethinylestradiol noch das Testosteron bindende Anti-Androgen Cyproteron-Acetat enthält, zunächst Husten und erlitt dann wenige Wochen später einen Zusammenbruch - Diagnose: Lungenembolie. Helens Mutter erhob schwere Vorwürfe gegen die Ärztin ihrer Tochter und forderte von der britischen Aufsichtsbehörde eine umgehende Überprüfung der Sicherheit von DIANETTE. „Für einige Menschen mag das ja gut funktionieren, für mich aber ist es ein todbringendes Medikament“, so Kay Schofield.

Den Thrombose-Tod bringen können noch weitere BAYER-Verhütungsmittel der 3. Generation. MELODEN, MELIAN, MYVLAR, GYNERA und MIRELLE schreiben WissenschaftlerInnen ebenfalls ein erhöhtes Thrombose-Risiko zu.

Aber auch ältere Präparate steigern die Embolie-Gefahr. Diese geht hauptsächlich von den in allen Produkten enthaltenen weiblichen Hormonen aus, welche die Produktion von Blut verdickenden Gerinnungsfaktoren in der Leber anregen, was die Wahrscheinlichkeit von Verklumpungen und schließlich Gefäßverschlüssen erhöht. Bereits bis Ende 1989 erhielten die bundesdeutschen Aufsichtsbehörden 119 Meldungen über thromboembolische Nebenwirkungen. Damals besonders in der Kritik: Das von dem heute zu BAYER gehörenden Unternehmen SCHERING produzierte FEMOVAN mit den Hormon-Wirkstoffen Gestoden und Ethinylestradiol. Einer 19-jährigen Engländerin hatte die vom Hersteller als „supersanft“ bezeichnete Pille den Thrombose-Tod gebracht. Als das SCHERING-kritische Netzwerk SCHAN den Fall vor die Hauptversammlung des Jahres 1989 brachte, zeigte sich die Konzern-Spitze ungerührt. „Es gibt kein Medikament ohne Nebenwirkungen“, beschied der Vorstandsvorsitzende Guiseppe Vita den KritikerInnen knapp.

Sechs Jahre später kamen gleich drei Studien zu bedrohlichen Befunden bei FEMOVAN und anderen Gestoden-haltigen Antibabypillen. Darunter befand sich peinlicherweise auch eine vom Berliner Pharma-Riesen mit fünf Millionen Euro gesponsorte Expertise. Selbst diese kam nicht umhin, eine „sehr leichte Assoziation“ zwischen der „niedrigst dosierte(n) Antibabypille“ (O-Ton SCHERING) und thromboembolischen Ereignissen zu konzedieren. Die bundesdeutsche Gesundheitspolitik beunruhigte das zunächst nicht weiter. Erst als die englischen Behörden Alarm schlugen und eine britische Anwaltskanzlei das Mandat von 200 Geschädigten übernahm, wachte das BfArM auf. „Bundesinstitut warnt vor Antibabypillen - erhöhtes Thromboserisiko?“, meldete damals die Faz. Die Aufsichtsbehörde drohte SCHERING und den anderen Pillen-Produzenten sogar mit einem vorläufigen Entzug der Zulassung. Allerdings blieb es bei der Drohung. Es fanden sich wieder einmal genug willige WissenschaftlerInnen, die Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellten.

Aber wie bei YASMIN beginnt auch bei den anderen Verhütungsmitteln von BAYER die Liste der Risiken und Nebenwirkungen mit „Lungenembolie“ erst. Bei DIANETTE etwa kommen noch „Depressionen“ erschwerend dazu. Nachdem im Jahr 2006 100 entsprechende Meldungen bei dem britischen Arzneiaufsichtsamt eingegangen waren, sah es sich zu einer Examination gezwungen, die jedoch ohne weiterreichende Konsequenzen blieb. Die FEMOVAN-Krankenakte hingegen enthält noch „Herzinfarkt“ und „Schlaganfall“. Damit wartet das Sündenregister von TRIQUILAR (Wirkstoffe: Ethinylestradiol und Levonorgestrel) ebenfalls auf. Der einstige SCHERING-Pharmakologe Michael Briggs wollte diesen Eintrag zwar mittels einer gefälschten Studie löschen, aber der Schwindel flog auf. So findet er sich neben Gebärmuttererkrankungen und Zystenbildungen nach wie vor auf dem Beipackzettel.

Der Grund für diese unsanften Effekte: FEMOVAN & Co. weisen zwar wirklich niedrigere Wirkstoff-Konzentrationen auf, diese bleiben dem Körper dafür jedoch länger erhalten und können durch eine erhöhte Serumkonzentration - bei FEMOVAN lag der Wert um das Vier- bis Fünffache über demjenigen von anderen Pillen - eine Menge Schaden anrichten.

Das kann auch BAYERs Hormonspirale MIRENA. Zu den unerwünschten Arznei-Effekte zählen unter anderem Brustkrebs, Herz/Kreislauf-Krankheiten, Bauchhöhlen-Schwangerschaften, Zysten, Zyklusstörungen und Zwischenblutungen. Die bundesdeutsche MIRENA-Website vermerkt nur einen Bruchteil davon, und das auch noch unter dem verharmlosenden Oberbegriff „Begleiterscheinungen“. In den USA zeigt sich der Konzern nicht auskunftsfreudiger. Darum fordern MIRENA-Geschädigte dort in einem Aufruf bereits, diese Schwarze Liste zu komplettieren.

Der Leverkusener Multi kennt die Nachteile hormoneller Schwangerschaftsverhütung nur allzu gut. Aus diesem Grund hat er sich auch einmal auf die Suche nach Alternativen begeben. Seit geraumer Zeit wickelt er diesen Bereich jedoch ab, wie der BAYER-SCHERING-Forschungschef Andreas Busch in einem Interview erklärte: „Wir werden die laufenden Forschungsprojekte voranbringen, aber wir wollen nicht mehr nach komplett neuen Mechanismen suchen“. Dafür läuft das Geschäft mit den alten Mechanismen offenbar einfach zu gut.

Noch jedenfalls, denn nicht nur Felicitas Rohrer hofft darauf, dass ihr Beispiel eine abschreckende Wirkung entfaltet: „Dass ich noch lebe, ist ein Wunder und auf unglaublich tolle Arbeit der Ärzte und einige glückliche Umstände zurückzuführen. Um zu verhindern, dass weitere junge Frauen ein ähnliches oder sogar tödliches Schicksal erleiden, muss die Problematik publik gemacht werden“.

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