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Beitrag veröffentlicht im Januar 2000

[Studie] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

Kinderarbeit im indischen Baumwoll-Anbau

Die Rolle multinationaler Saatgut-Produzenten

Recherche: Dr. Davuluri Venkateswarlu
Glocal Research and Consultancy Services, Hyderabad/Indien

Herausgeber in Deutschland:
Coordination gegen BAYER-Gefahren ( www.CBGnetwork.org , info@cbgnetwork.org )
India Committee of the Netherlands ( www.indianet.nl )
Global March Against Child Labour, deutsche Sektion
( www.globalmarch.org )

Juli 2003

Einführung
Das Institut Glocal Research and Consultancy Services (GRCS) aus Hyderabad erforscht die Arbeitsbedingungen in der indischen Landwirtschaft. In der Studie Child Labour and Transnational Seed Companies in Hybrid Cottonseed Production untersucht Dr. Davuluri Venkateswarlu, Direktor des GRCS, die Produktionsbedingungen im indischen Baumwollanbau, den Rückgriff auf Kinderarbeit sowie die Verbindungen zwischen transnationalen Saatgut-Konzernen und lokalen Produzenten.

Die Einführung von hybridem Saatgut in den 70er Jahren veränderte die indische Baumwollproduktion grundlegend: Qualität, Anbaufläche und geerntete Menge erhöhten sich, und es entstand eine hohe Zahl neuer Arbeitsplätze. Hunderte kleiner und mittlerer Firmen übernahmen den Vertrieb des Saatguts. In den 90er Jahren stiegen große Agrokonzerne in das Geschäft ein, so dass der indische Markt für hybride Baumwoll- Saaten heute von sechs multinationalen Unternehmen dominiert wird: Unilever, Bayer, Monsanto, Syngenta, Advanta und Emergent Genetics. Der sehr arbeitsintensive Anbau des Hybrid-Saatguts erfolgt in Tausenden lokaler Baumwoll-Farmen, die zwar nominell unabhängig sind, jedoch durch Qualitäts- und Preisvorgaben sowie langfristige Lieferverträge an die großen Firmen gebunden sind.

Neben positiven Effekten durch die Einführung neuartiger Anbaumethoden gibt es auch beunruhigende Entwicklungen: die hauptsächlich in Süd-Indien gelegenen Zulieferbetriebe beschäftigen in großer Zahl Kinder, überwiegend Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren. Viele Kinder befinden sich in Schuldknechtschaft und sind über Jahre auf den selben Farmen tätig, um Vorschüsse abzuarbeiten. Wegen des hohen Einsatzes von Pestiziden ist ihre Gesundheit häufig beeinträchtigt. Die Saatgut-Multis nehmen auf den Farmen mehrmals pro Jahr Kontrollen vor und sind daher mit den Produktionsbedingungen und dem massenhaften Einsatz von Kindern vertraut.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in Indien insgesamt rund 450.000 Kinder in der Baumwollsaat- Herstellung beschäftigt sind - allein im Bundesstaat Andhra Pradesh rund 250.000. Diese Zahlen übertreffen alle anderen Bereiche, in denen Kinderarbeit vorkommt (u.a. Teppichherstellung, Diamanten schleifen, Verarbeitung von Kalkstein), bei weitem. Die Autoren der Untersuchung werfen den Saatgut-Multis vor, dass sie den Einsatz von Kinderarbeit nicht nur dulden, sondern für diesen aufgrund der niedrigen Rohstoffpreise ursächlich verantwortlich sind.

Die Abbildungen in der vorliegenden Studie zeigen Kinder bei der Herstellung von hybridem Baumwoll-Saatgut.

Arbeitsbedingungen und rechtlicher Status
Zunächst werden die Arbeitsbedingungen in den Baumwoll-Farmen, die rechtliche Situation der ArbeiterInnen sowie Schulausbildung und Gesundheit der angestellten Kinder beschrieben. Hierfür wurden von den Wissenschaftlern des GRCS 22 Saatgut- Betriebe ausgewählt und begutachtet. Für die anschließende Abschätzung der gesamten Zahl arbeitender Kinder wurden die Ergebnisse aus über 100 Farmen berücksichtigt.

Art der Arbeit im Baumwoll-Anbau
Hybrides Saatgut entsteht aus der Kreuzung zweier Pflanzen mit unterschiedlichem Erbgut. Die neu entstandenen Pflanzen sind nicht fortpflanzungsfähig, daher wird jedes Jahr neues Saatgut benötigt. Für die Kreuzung ist ein extrem hoher manueller Aufwand erforderlich, da bei jedem Keim der eigene Samen entfernt und der fremde Samen aufgetragen werden muss. Hierfür müssen zunächst das Deck- und Blumenblatt und der Staubbeutel jeder einzelnen Pflanze entfernt werden. Die Produktion von hybridem Saatgut ist daher sehr arbeits- und kostenintensiv - der Arbeitsaufwand ist rund 10 mal höher als bei konventioneller Baumwolle, die Kosten liegen fast 5 mal höher. Trotz der niedrigen indischen Löhne kostet der Anbau eines Hektars hochwertiger Baumwolle daher rund 150.000 indische Rupien (ca. 3.600 Euro; 1 Euro entspricht 42 Rs).

90% des Arbeitsaufwands erfordert dabei die komplizierte Bestäubung: die Pflanzung eines Hektars mit Hybrid-Baumwollsaatgut erfordert rund 5.500 Arbeitstage pro Jahr, 5.000 Arbeitstage werden allein für die Kreuzung der Pflanzen benötigt. Die Ernte eines Hektars hingegen dauert nur 250 Arbeitstage. Neben dem teuren Saatgut benötigt Hybrid- Baumwolle auch größere Mengen Düngemittel und Pestizide.

Die arbeitsaufwendige Kreuzung der Pflanzen wird hauptsächlich von Kindern, meist Mädchen, durchgeführt. Auch für die Ernte und die Aussaat werden Kinder eingesetzt. Die Arbeit Erwachsener beschränkt sich auf Pflügen, Aussähen und die Ausbringung von Düngemitteln und Pestiziden.

Rechtlicher Status der Kinder
Wegen des hohen Arbeitsaufwands bevorzugen die Produzenten von hybridem Saatgut langfristige Arbeitsverträge. Diese werden meist vor der jeweiligen Aussaat geschlossen. Typischerweise erhalten die Eltern Vorschüsse oder Darlehen, zu deren Abtragung langfristige, oft mehrjährige Verträge geschlossen werden. Von 320 im Rahmen der Studie befragten und in Baumwollfarmen beschäftigten Kindern leben 95 % in solcher Schuldknechtschaft. 70 % waren länger als ein Jahr an den selben Arbeitgeber gebunden.

Die Praxis der Schuldknechtschaft wird von den Saatgut-Herstellern bereitwillig bestätigt: „Wir benötigen die Mädchen die ganze Saison lang. Falls die Kinder nach einigen Monaten nicht mehr kommen, erleiden wir Einbußen. Daher schließen wir im Vorhinein Verträge mit den Eltern ab und zahlen ihnen einen Vorschuss. Wenn wir dies nicht tun würden, bestünde die Gefahr, dass die Kinder nach der Hälfte der Saison bei einem anderen Betrieb anheuern“, so ein Farm-Verwalter.

Die Löhne werden für die ganze Saison (von Mai oder Juni bis Januar oder Februar des folgenden Jahres) festgelegt. Sie hängen vom Bedarf nach Arbeitskräften ab und sind regional verschieden. Generell liegen die Löhne von Kindern sehr viel niedriger als die erwachsener Arbeiter - im Schnitt 18 Rupien (Rs) pro Tag (0,42 Euro), gegenüber 26 Rs (0,62 Euro) für Frauen und 40 Rs (0,95 Euro) für Männer.

Auf den Baumwollfarmen werden sowohl Kinder, die bei ihren Familien leben, als auch Kinder, die ohne Familienangehörige direkt auf der Farm wohnen, eingesetzt. In den meisten Betrieben überwiegen Kinder aus umliegenden Dörfern; in diesem Fall wird der Arbeitsvertrag direkt zwischen der Farm und den Eltern geschlossen. In einigen Regionen, in denen die Saatgutproduktion konzentriert ist und in denen Arbeitskräftemangel herrscht, machen „Migranten-Kinder“ aus anderen Distrikten bis zu 50 % der Angestellten aus. Sie werden von Mittelsleuten, die auf die Anwerbung von Kindern spezialisiert sind, angeheuert und in die Betriebe vermittelt. Der Farm-Besitzer ist für Unterkunft und Verpflegung verantwortlich.

Die Arbeitszeiten werden vertraglich nicht festgelegt und variieren stark. Ortsansässige Kinder arbeiten im Sommer rund 9 Stunden täglich, im Winter zwischen 11 und 12 Stunden. „Migranten-Kinder“ unterstehen einer totalen Kontrolle und arbeiten zwischen 12 und 13 Stunden täglich.

Schulbesuch und Gesundheitsrisiken
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Einsatz in Baumwoll-Farmen stark nachteilig auf die schulische Ausbildung und die Gesundheit auswirkt: rund 60% der eingesetzten Kinder haben nur wenige Jahre eine Schule besucht und diese für die Arbeit in den Feldern verlassen, knapp 30% haben nie eine Schule besucht. Die Darlehen der Saatgut-Produzenten werden meist im Sommer angeboten, wenn auf dem Land kaum Arbeit verfügbar ist und viele Familien finanzielle Probleme erleiden.

Die Arbeit in den Feldern birgt zudem große Gefahren für die Gesundheit der Kinder, denn in keinem anderen Bereich werden so viele Pestizide eingesetzt wie im Baumwoll-Anbau (in Indien rund 55% aller Pestizide). Die Kinder sind hochgefährlichen Wirkstoffen wie Endosulphan, Monocrotophos, Cypermethrin und Mythomyl direkt ausgesetzt.

In herkömmlichen Baumwoll-Farmen wird an Tagen, an denen Pestizide ausgebracht werden, nicht gearbeitet. Saatgut-Betriebe hingegen machen keine solchen Pausen. Die eingesetzten Kinder stehen bei der Arbeit bis zu den Schultern zwischen den Pflanzen und beugen sich über diese, um die Blüten für die Kreuzung auszuwählen. Wegen der Nähe zu den behandelten Pflanzen nehmen sie über die Haut und die Atemwege große Mengen Agrogifte auf. Hierdurch erleiden sie Schäden des Nervensystems, die beobachteten Symptome sind Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit, Schwächeanfälle, Krämpfe und Atemprobleme. Zu den langfristigen Schäden liegen keine Untersuchungen vor.

Untersuchungsergebnisse in 22 Betrieben
Die Autoren der Studie besuchten im vergangenen Frühjahr 22 kleine Zuliefer-Betriebe in den Distrikten Mahaboobnagar und Kurnool. Diese produzieren Saatgut für fünf transnationale Konzerne bzw. deren Tochterfirmen: Hindustan Lever (Unilever), Mahyco (Monsanto), Proagro (Bayer), Syngenta und Advanta. Von den 22 Farmen produzieren 12 für Unilever, je drei für Syngenta und Monsanto und je zwei für Bayer und Advanta.

Die durchschnittliche Fläche der Farmen beträgt knapp ein Hektar (9.700 qm). Insgesamt arbeiteten 486 Kinder in den untersuchten Betrieben - etwa 23 pro Hektar. Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren machten 78 % der Arbeitskräfte aus, Jungen 10 % und Erwachsene 12 %.

Der Großteil der Kinder, rund 90 %, befindet sich in Schuldknechtschaft. Das durchschnittliche Darlehen, das die Eltern bei den Farmbetreibern aufgenommen hatten, beträgt dabei 1.500 Rs (35 Euro). Der Vertrag zwischen Eltern und Betrieb läuft in der Regel zwar nur eine Saison (7-8 Monate), aber meist wird die Anstellung durch die Gewährung weiterer Vorschüsse verlängert. So hatten 68% der zum Zeitpunkt der Untersuchung angestellten Kinder bereits im Vorjahr auf den selben Feldern gearbeitet.

Der Großteil der angestellten Kinder stammt aus niedrig-kastigen oder kastenlosen Familien („Unberührbare“). Die Eltern sind größtenteils selbst arme Landarbeiter oder Bauern mit minimalem Landbesitz. Die Saatgut-Farmer hingegen gehören hohen Kasten an; zum Teil stammen sie aus anderen Regionen und haben ihre Betriebe wegen der billigen Arbeitskräfte in den untersuchten Distrikten angesiedelt. Ihre eigenen Kinder gehen überwiegend (74%) zur Schule und arbeiten nicht in den Familienbetrieben.

In den Gebieten, in denen der Arbeitskräfte-Bedarf nicht gedeckt werden kann, werden Kinder aus weiter entfernten Orten (30 - 100 km) angestellt. Sie werden vom Saatgut-Betrieb in eigenen Unterkünften untergebracht, meist in Gruppen von 10 - 30 Kindern. Ihre Arbeitsbedingungen sind schlechter als die der lokalen Arbeitskräfte, meist gehen sie bereits um fünf Uhr morgens auf die Felder und bleiben bis 18 oder 19 Uhr. Zusätzlich müssen einige von ihnen Hausarbeit verrichten. Von den 486 befragten Kindern waren 135 „Migranten“.

Abschätzung der Gesamtzahl arbeitender Kinder
Die Autoren der Studie berechneten die absolute Zahl der in der Baumwoll-Saatgutproduktion arbeitenden Kinder nach der Größe der bestellten Gesamtfläche, der durchschnittlichen Zahl von ArbeiterInnen pro Hektar sowie dem durchschnittlichen Verhältnis von Kindern zu erwachsenen Arbeitern. Dabei beschränkten sie sich auf den Bundesstaat Andhra Pradesh, in dem sie die Entwicklung seit Jahren dokumentieren. Für die vorliegende Studie wurden 22 Betriebe besucht. Mehr als 100 Betriebe wurden in vorhergehenden Untersuchungen begutachtet, die dort gewonnenen Daten fließen in die Abschätzung mit ein.

Im Schnitt werden in der Baumwoll-Saatgutproduktion 25 Kinder pro Hektar eingesetzt. Da die Hauptarbeit wie oben beschrieben in der Kreuzung der Pflanzen besteht und diese fast ausnahmslos von Kindern verrichtet wird, dürfte der Wert in nicht untersuchten Regionen ähnlich hoch liegen. Demnach stieg die Zahl der arbeitenden Kinder allein in Andhra Pradesh von rund 60.000 in der Saison 1990/91 auf 300.000 im Jahr 1999/2000. In der darauffolgenden Saison lag sie bei etwa 250.000.
Aufgrund von Initiativen der Landesregierung von Andhra Pradesh, NGOs wie der M.V. Foundation sowie internationalen Organisationen wie der ILO und Unicef ist die Gesamtzahl der arbeitenden Kinder in der Saison 2002/2003 gesunken. Aktuelle Zahlen liegen noch nicht vor.

Fall-Studie einer 12jährigen
Die 12jährige Narsamma arbeitet seit drei Jahren in den Baumwollsaat- Feldern eines Farmers im Distrikt Kurnool. Ihr Arbeitgeber produziert auf einem knappen Hektar die Baumwoll-Sorte „Brahma“ für den Saatgut- Multi Unilever.

Narsamma stammt aus einem Dorf, das in etwa 100 km Entfernung liegt. Dort besuchte sie drei Jahre lang die Schule. Obwohl ihre Eltern rund einen Hektar Land besitzen, reicht der Ertrag des Landes wegen der Trockenheit nicht aus. Von einem Arbeitsvermittler hatten sie 1998 ein Darlehen von 2000 Rs (knapp 50 Euro) erhalten, seitdem arbeitet Narsamma jeweils von Juli bis Dezember im Betrieb ihres Arbeitgebers. Zu Beginn erhielt sie 450 Rs pro Monat, heute sind es 800 Rs (19 Euro).
Zusammen mit anderen Kindern ist sie im Viehstall des Familienbetriebs untergebracht. Dieser besteht aus einem einzelnen kleinen Raum, in dem gleichzeitig Viehfutter aufbewahrt wird. Die Tiere werden während der Saison ins Freie ausquartiert.

Jeweils um sechs Uhr morgens macht sie sich auf den Weg in die Felder, wo sie bis 19 Uhr verschiedene Tätigkeiten ausübt (Kreuzung der Pflanzen, Unkraut jäten, Wasser holen, etc.). Im Tagesverlauf hat sie zwei Pausen von 20 min und 60 min. Um 20.30 Uhr erhält sie Abendessen und schaut mit den anderen Kindern im Haus des Verwalters eine Stunde TV, z.T. sortiert sie hierbei Baumwollsamen.

Mehrmals ist sie bei der Arbeit erkrankt, z.T. nach dem Einsatz von Pestiziden und nach längerer Arbeit im Regen. Ein Arzt wurde nicht hinzu gezogen, sie erhielt jedoch für die Zeit hohen Fiebers arbeitsfrei.

Saatgut-Produktion in Indien
Indien war 1970 das erste Land, in dem hybrides Baumwoll-Saatgut großflächig zum Einsatz kam. Die indische Regierung unterstützte den Wandel, indem sie in staatlichen Forschungsinstituten neue Sorten entwickelte und lizenzfrei anbot. Heute wird auf rund 9 Mio. Hektar Land Baumwolle angebaut, auf rund 40 % mit Hybrid-Saatgut. In Indien befinden sich 21 % der weltweit mit Baumwolle bepflanzten Fläche, rund 12% der Weltproduktion stammen aus dem südasiatischen Land. Die Produktion von Saatgut (nicht nur für Baumwolle, sondern auch für Mais, Sonnenblumen und Reis) ist in dem südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh konzentriert.

Neben den patentfreien Sorten sind zahlreiche Weiterentwicklungen privater Unternehmen auf dem Markt. Größtenteils basieren diese zwar auf den von staatlichen Instituten entwickelten Sorten - trotz der staatlich finanzierten Vorarbeit fließen die Lizenzgebühren jedoch ausschließlich an die Unternehmen. Heute machen lizenzfreie Sorten nur noch 20% des weiter wachsenden Marktes aus.

Die Rolle multinationaler Saatgut-Firmen
Allein in Andhra Pradesh vertreiben rund 100 Unternehmen hybrides Saatgut. Die größten Firmen gehören dabei zu multinationalen Saatgut-Konzernen, die auch Lizenzen eigener, patentgeschützter Sorten besitzen: Hindustan Lever (Unilever), Mahyco (Monsanto), Syngenta, Proagro (Bayer) und Advanta. Knapp ein Viertel der in Andhra Pradesh ansässigen Baumwoll-Farmen beliefert diese fünf Konzerne.
Die Zahl der in diesen Betrieben arbeitenden Kinder liegt bei über 50.000. Die Zulieferbetriebe von Unilever beschäftigen rund 25.500 Kinder, Syngenta: 6.500, Monsanto: 17.000, Bayer: 2.000 und Advanta 3.000.

Die indische Regierung hat im vergangenen Jahr die Zulassung für genetisch verändertes Hybrid-Saatgut erteilt. Als erstes wurde die Aussaat sogenannter Bt-Baumwolle von Monsanto erlaubt. Es wird erwartet, dass ursprüngliche Sorten weiter verdrängt werden und der Anteil multinationaler Unternehmen am indischen Saatgut-Markt weiter wächst.

Es folgen Kurzprofile der wichtigsten „Global Player“:

Syngenta India
Tochterfirma der Schweizer Syngenta AG; eines der führenden Saatgut-Unternehmen in Indien und drittgrößter Anbieter weltweit. Der Umsatz von Syngenta India beträgt 4,2 Milliarden Rs (rund 100 Mio Euro). Das Unternehmen entwickelt und vertreibt Hybrid-Saatgut für Mais, Gemüse, Jowar und Baumwolle, der Marktanteil für Baumwolle beträgt 5%. Wie die meisten Unternehmen vertreibt Syngenta auch lizenzfreie Sorten.

Hindustan Lever Limited (HLL)
Tochterfirma des englisch-niederländischen Konzerns Unilever (Knorr, Omo, Langnese, Lipton tea, etc.). HLL wurde bereits 1956 gegründet; die Firma bietet u.a. Reinigungsmittel, Getränke, Tierfutter und Getränke an und ist mit Haushaltswaren in jedem indischen Dorf präsent; gesamter Umsatz: 114 Milliarden Rs (2,7 Mrd Euro); Unilever hält 51,6% von HLL.
Das Saatgut-Geschäft macht einen Umsatz von 950 Millionen Rs jährlich aus, HLL gehört damit zu den fünf größten Anbietern in Indien; neben Baumwoll-Saat wird Saatgut für Mais, Gemüse und Jowar vertrieben. Besonders erfolgreich ist die hybride Baumwoll-Sorte „Brahma“, die ihre Anbaufläche in den vergangenen Jahren vervierfacht hat. HLL vertreibt auch lizenzfreies Saatgut.

Da sich das Mutterunternehmen aus dem Saatgut-Markt zurückgezogen hat, wurde im Jahr 2002 das Saatgutgeschäft von HLL in das Joint-Venture „Paras Extra Growth Seed Ltd“ ausgegliedert. Hieran hält HLL 26%, 74% liegen beim US-Unternehmen Emergent Genetic.

Monsanto/Mahyco
Der US-Konzern Monsanto ist weltweit der zweitgrößte Saatgut-Hersteller (Umsatz 2000: 1,6 Milliarden US $). Das Unternehmen hält Patente auf Bt-Gensequenzen (Bacillus Thuringiensis) und sogenannte Terminatorgene.
1997 hat Monsanto 26% der Firma Mahyco erworben, eines in ganz Indien präsenten Saatgut-Erzeugers. Ausserdem wurde mit Mahyco das 50:50 Joint-Venture Mahyco Monsanto Biotech (MMB) gegründet. MMB ist die erste Firma in Indien, die die Zulassung für gentechnisch veränderte, hybride Baumwollsaaten (Bt-Baumwolle) erhielt. MMB steht zudem mit Proagro (Bayer) in Verhandlungen über einen gemeinsamen Vertrieb von Bt-Baumwolle.

Proagro Seeds (Bayer)
Die Proagro Gruppe mit Sitz in Neu Delhi umfasst die Firmen Proagro Seed Company, Proagro-PGS India, Hybrid Rice International und MISR Hytech; sie gehört zu den fünf größten Anbietern von Saatgut in Indien. Die Proagro Seed Company ist bei Mais und Sorghum die Nummer eins, bei Sonnenblumen Nummer zwei; die Firma vertreibt auch Viehfutter und hybrides Baumwoll-Saatgut. Proagro-PGS ist auf Gemüse-Saatgut spezialisiert. Hybrid Rice International ist größter indischer Produzent von hybridem Reis, das Unternehmen ist präsent auf allen großen Märkten in Südost-Asien. MISR Hytech produziert hybride Gemüsesaaten und Getreide, vor allem in Nordafrika.

Die Proagro Gruppe gehört seit der Übernahme der Aventis CropScience AG für 7,2 Milliarden Euro zum Bayer-Konzern. Bayer ist weltweit zweitgrößter Anbieter für genetisch veränderte Pflanzen. Auf dem indischen Markt ist das Unternehmen mit Pharmazeutika und Pestiziden seit mehr als 100 Jahren präsent. Stammsitz von Bayer India ist Thale bei Bombay (weitere Infos: www.CBGnetwork.de).

Wie die meisten Konkurrenten vertreibt Proagro auch lizenzfreies Saatgut. Die Produktion von Baumwoll-Saatgut ist auf den Bundesstaat Andhra Pradesh konzentriert.

Advanta India Limited
Advanta India Ltd (früher: ITC Zeneca Ltd) ist die indische Tochter von Advanta B.V., die aus einem Zusammenschluss von Astra Zeneca Seeds (England) und Vanderhave Seeds (Holland) entstandt. Die Firma gehört weltweit zu den zehn größten Saatgut-Herstellern. Advanta India produziert hauptsächlich hybrides Saatgut, der Konzern ist Marktführer bei Sonnenblumen. Das Unternehmen produziert Baumwoll-Saatgut zum größten Teil in Andhra Pradesh.

Selbstverpflichtungserklärungen und Verbindungen zu Zulieferern
Die im vorstehenden Kapitel genannten Firmen nennen sich ausnahmslos „sozial verantwortungsbewusste Unternehmen“. So heißt es in einer Selbstverpflichtungserklärung von Unilever: „Um Erfolg haben zu können, müssen wir uns gegenüber unseren Angestellten, Kunden und der ganzen Gesellschaft zu den höchsten Standards unternehmerischen Verhaltens bekennen. Dies ist unser Weg zu einem nachhaltigen und profitablen Wachstum unserer Geschäfte und der Schaffung langfristiger Werte für unsere Aktionäre und Mitarbeiter“.

Bezüglich des Mindestalters seiner Angestellten und des Problems der Kinderarbeit heißt es im Report „Sozialbericht - Unilevers Ansatz für sozial verantwortungsbewusstes Handeln“: „Unilevers Richtlinien befolgen die “International Labour Organisation Convention on Minimum age„ und die neue “Konvention 182„, die die schlimmsten Formen von Kinderarbeit verbieten. Alle Tochterfirmen von Unilever kontrollieren diesbezüglich regelmäßig ihre Geschäftstätigkeit und haben eine Befolgung der Richtlinien zugesagt. Zum Beispiel gilt in Indien für alle Angestellten ein Mindestalter von 18 Jahren. Unsere Auftragnehmer und lizenzierten Hersteller müssen diesen Standard ebenfalls einhalten.“ (1)

Die Firma Syngenta behauptet: „Als Branchenführer in vielen Bereichen nehmen wir unsere ethische, soziale, wissenschaftliche und ökologische Verantwortung ernst. Das Vertrauen und die Zuversicht von Aktionären, Angestellten und Kunden, wie auch von Regierungen, Aufsichtsbehörden und Nachbargemeinden unserer Werke können wir nur gewinnen und behalten, wenn das Unternehmen bezüglich Fairness, Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit höchste Standards erfüllt.“

Monsanto, Bayer und Advanta bekennen sich in ähnlicher Weise zu sozialer Verantwortung. Unilever, Syngenta und Bayer sind Mitglieder des „Global Compact“, einer gemeinsamen Initiative der Vereinten Nationen und multinationaler Konzerne, mit der Menschenrechte, Sozialstandards und Umweltschutz befördert werden sollen. (2)

Die Aktivitäten der fünf untersuchten Konzerne im indischen Baumwoll-Anbau sind sicherlich nicht mit ihren eigenen Selbstverpflichtungs-Erklärungen vereinbar. Obwohl sie nicht direkt Kinder beschäftigen, kontrollieren sie doch grundlegend den gesamten Herstellungsprozess hybriden Saatguts - insbesondere die lokalen Saatgut-Hersteller, die Kinder tausendfach beschäftigen. Hierauf wird im nächsten Kapitel ausführlich eingegangen.

Verbindungen zwischen Konzernen und lokalen Farm-Betrieben
Die indische Gesetzgebung verbietet sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen den Besitz größerer Mengen Land. Die Agro-Konzerne sind daher bei der Produktion von Saatgut auf kleine landwirtschaftliche Hersteller angewiesen. In der Regel treten die großen Unternehmen mit den eigentlichen Produzenten nicht direkt in Kontakt; stattdessen schließen sie langfristige Lieferverträge mit Zwischenhändlern ab (sogenannten „seed organizers“), die das Saatgut ihrerseits von den Farmen aufkaufen (3). Die „seed organizers“ stellen dabei ein eher junges Phänomen dar: bis etwa 1990 wurden Lieferverträge direkt zwischen Saatgut-Unternehmen und lokalen Produzenten ausgehandelt. Erst durch den gestiegenen Bedarf und die viel höhere Zahl von Anbietern wurde die Einschaltung von Mittlern notwendig.

Die Verträge zwischen Agro-Unternehmen und „seed organizers“ legen vorab alle relevanten Größen fest: verwendete Sorten, produzierte Menge, Qualität, Vorschüsse und insbesondere den Abnahme-Preis des produzierten Saatguts. Die Bedingungen werden von den Zwischenhändlern an die lokalen Farmer weiter gereicht.

„Die Unternehmen sind an der Auswahl der lokalen Betriebe nicht beteiligt. Sie geben uns Zielgrößen vor, und wir wählen die landwirtschaftlichen Betriebe aus, die zu den vorgegebenen Bedingungen liefern können. Die Verträge, die wir mit den Zulieferern schließen, sind praktisch identisch mit denen, die wir mit den Abnehmern unterzeichnen. Wir liefern den Farmern Saatgut und erläutern ihnen die Qualitätsvorgaben der Unternehmen. Sofern wir Vorschüsse der Firmen erhalten, leiten wir diese an die Kleinbetriebe weiter. Das Unternehmen prüft nach der Ernte die Qualität und die Sortenreinheit und zahlt uns aus, wir bezahlen dann die Farmer“, erläutert ein Zwischenhändler von Syngenta. Zwischen der Abgabe der Ernte und der endgültigen Bezahlung der Kleinbetriebe liegen rund 4-5 Monate.

Obwohl also die Saatgut-Konzerne mit den lokalen Produzenten nicht selbst Verträge schließen, üben sie durch die Lieferung von Saatgut, die Bereitstellung von Kapital und die Festlegung des Abnahmepreises eine fast vollständige Kontrolle über die Farmer und die Arbeitsbedingungen aus. Zudem nehmen die Unternehmen direkt auf den Feldern regelmäßige Qualitätskontrollen vor und sind daher mit der Situation vor Ort und dem Einsatz von Kindern bestens vertraut.

Obwohl die „seed organizers“ die Verträge mit den Farmern schließen, sind sie bei der Festlegung der Abnahmepreise vollkommen abhängig - diese werden von den Unternehmen festgelegt. Die Zwischenhändler erhalten schlicht eine Provision (15-20 Rs für ein 750g Paket). Weder die Farmer noch die Zwischenhändler haben das Recht, Saatgut an Dritte zu verkaufen.

Die Gewinnspannen für die Unternehmen sind hoch. Beispielsweise lag der Verkaufspreis der Baumwoll-Saat „Brahma“ von HLL im vergangenen Jahr fast viermal höher als der Betrag, den die Zulieferer erhielten. Syngentas „Sandocot 35“ wurde für mehr als den dreifachen Erzeugerpreis verkauft.

Aufgrund der geringen Erzeugerpreise ist der Einsatz von Kindern fast vorprogrammiert - die Verwendung erwachsener (und damit teurerer) Arbeiter würde den Gewinn der lokalen Betriebe praktisch auf Null senken. Die Kosten für die Produktion eines Kilogramms Baumwollsaat liegen gegenwärtig bei etwa 220 Rs. Der von den Saatgut-Unternehmen gezahlte Preis beträgt etwa 290 Rs, der Gewinn der Farmer also etwa 70 Rs. Etwa die Hälfte der Kosten für die lokalen Betriebe entfallen auf Löhne. Wie oben erläutert liegen die Löhne für Kinder bei nicht einmal der Hälfte derer von Männern (18 Rs zu 40 Rs pro Tag). Eine Beschäftigung von männlichen Erwachsenen würde die Arbeitskosten von 110 Rs pro kg also in etwa verdoppeln - und damit den Farmer den gesamten Gewinn kosten.

Die im Rahmen der Studie befragten Farmer gaben denn auch zwei Gründe für den Einsatz von Kindern an: die niedrigen Löhne und die leichtere Kontrollierbarkeit. Stellvertretend ist die Aussage eines Betriebsleiters, der für Hindustan Lever produziert: „Uns wird ständig gesagt, dass wir keine Kinder beschäftigen sollen. Wenn wir aber Erwachsene einstellen müssten, hätten wir die doppelten Lohnkosten. Die Verkaufspreise machen es unmöglich für uns, erwachsene Arbeiter zu beschäftigen, denn obwohl unsere Kosten von Jahr zu Jahr steigen, bleiben die von den Unternehmen festgelegten Abnahme-Preise praktisch konstant. Zu Beginn der 90er Jahre zahlten wir einen Tageslohn von 8 Rs, und für ein Paket Saatgut (NHH 44 Hybrid) erhielten wir 150 Rs. Heute hat sich der Tageslohn auf 20 Rs mehr als verdoppelt, aber von den Unternehmen erhalten wir trotzdem nur 180 Rs pro Paket. Unsere Einnahmen sind dementsprechend gesunken.“ (4)

Aktuelle Initiativen gegen Kinderarbeit
Die Regierung des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh hat die Abschaffung von Kinderarbeit zu einem ihrer vorrangigsten Ziele erklärt. Unterstützt wird sie von lokalen NGOs und Medien. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO und die UN Entwicklungsorganisation UNDP haben zudem Projekte in den besonders betroffenen Distrikten gestartet. Im Rahmen einer Aufklärungskampagne der Regierung wurden 120 Fälle von Kindern dokumentiert, die in der Baumwollsaatgut-Produktion arbeiten, und ihre Arbeitgeber angemahnt.

Mehrere NGOs haben außerdem die großen Saatgutkonzerne um Stellungnahmen gebeten. Im Folgenden werden die Antworten dokumentiert:

Hindustan Lever (HLL)
Erstmals im Juni 2001 tauchten Medienberichte über die Verbindung von Kinderarbeit und Saatgutproduzenten auf. (5) HLL reagierte mit einer Pressemitteilung: „HLL arbeitet mit “seed organizers„ zusammen, die ihrerseits mit einer großen Zahl von Farmern in Verbindung stehen. Es gibt keinerlei direkte Kontakte zwischen HLL und Saatgut-Farmern. HLL kontrolliert die Auswahl der Farmer durch die Mittelsleute nicht. Typischerweise stellt der seed organizer den Farmern Saatgut zur Verfügung und vereinbart vorab die Abnahme der Ernte. Die Farm- Besitzer arbeiten in der Regel mit ihrer ganzen Familie in den Feldern und stellen bei Bedarf zusätzliche Arbeitskräfte ein. Weder HLL noch die Zwischenhändler sind bei der Auswahl der Arbeitskräfte beteiligt.“ (6)

Gegenüber der Entwicklungshilfe-Organisation NOVIB stellt ein Sprecher von Unilever fest: „Ich kann versichern, dass HLL im Kontext der Baumwollsaat-Aktivitäten keinen Gebrauch von Kinderarbeit macht. Dies gilt auch für die Unternehmen, die HLL beliefern. HLL führt regelmäßig Ortsbesuche durch, befragt seine Zulieferer und lässt sich den Nicht-Einsatz von Kindern bestätigen. Bezüglich der Situation auf den Feldern ist die Situation weniger eindeutig. Wir nehmen an, dass beim Anbau der von uns gekauften Baumwoll-Saaten keine Zwangsarbeit eingesetzt wird. In Indien - wie auch in anderen Entwicklungsländern - ist es allerdings üblich, dass Kinder auf den Feldern ihrer Familien arbeiten. Dies ist gängig in Gesellschaften, in denen Kinder als tätige Mitglieder der Familie gelten und als solche zum Einkommen der Familie beitragen müssen. Dies unterscheidet sich selbstverständlich von anderen Formen von Zwangsarbeit.“

HLL hat sein Saatgut-Geschäft kürzlich in das gemeinsam mit Emergent Genetics gegründete Joint-Venture „Paras Extra Growth Seed Ltd“ ausgegliedert. Bei einem Treffen von Saatgutfirmen, NGOs und Regierungsstellen am 3. August 2002 erklärte Mohan Rao, Sprecher von Paras Extra Growth: „Wir räumen ein, dass im Anbau von hybridem Baumwoll-Saatgut Kinderarbeit vorkommt. Dies ist ein reales Problem, dem wir uns als Saatgut-Industrie stellen müssen.“

Vertreter von Advanta, Proagro/Bayer und Mahyco/Monsanto äußerten sich auf Anfrage gegenüber dem Autor der Studie fast gleichlautend. Stellvertretend wird hier die Antwort von Mahyco zitiert.

Mahyco
„Unser Unternehmen beschäftigt weder selbst Kinder, noch ermutigt es seine Zulieferer dies zu tun. Wir sind aber nicht verantwortlich für die Zustände in landwirtschaftlichen Betrieben, mit denen wir direkt keine Verträge abschließen. Wir stimmen darin überein, dass Kinderarbeit in der Saatgut-Produktion weit verbreitet ist und dass die Saatgut-Industrie diesem Problem Aufmerksamkeit schenken muss. Wir müssen neue Technologien entwickeln, die den Arbeitsaufwand verringern. Unser Unternehmen hat neue, sterile Sorten entwickelt, die den Arbeitsaufwand halbieren.“7

Advanta
Advanta steht als einziger großer Saatgut-Produzent direkt mit lokalen Betrieben in Kontakt. Das Unternehmen lehnt dennoch jede Verantwortung für Kinderarbeit ab, da es selbst keine Kinder beschäftigt. Ein lokaler Vertreter der Firma äußerte, dass „unsere Firma keine Kinder beschäftigt und wir den Farmern keine Regeln vorschreiben können, da sie nicht bei uns beschäftigt sind. Die meisten Farmer, mit denen wir kooperieren, bestellen ihre Felder selbst. Hierbei werden auch ihre Kinder eingesetzt, der Einsatz von Kindern außerhalb der Familie ist geringer.“8

Obwohl die Saatgut-Farmer keine Angestellten von Advanta sind, übt die Firma in der Realität einen beträchtlichen Einfluss aus. So schreiben die Verträge zwischen Advanta und den Kleinbetrieben eine Kontrolle des Konzerns über den gesamten Produktionsprozess und die Arbeitspraktiken der Farmer fest. Wörtlich heißt es in einem solchen Vertrag, „der Saatgut-Farmer willigt darin ein, dass die gesamte Arbeit auf dem festgelegten Feldern unter Aufsicht und Leitung von Bevollmächtigten der Firma geschieht. Hierzu gehören die Bewässerung der Felder, Düngung, gegebenenfalls Anwendung von Pestiziden, Bestäubung, Entfernung von Unkräutern und schließlich zum vom Unternehmen festgelegten Zeitpunkt die Ernte. Während der Dauer des Vertrages haben Vertreter der Firma Zugang zu den vorher festgelegten Feldern, um den Fortgang der Arbeiten zu begutachten und die Umsetzung aller Abmachungen des Vertrages zu kontrollieren.

Kürzlich hat Advanta in die Verträge einen zusätzlichen Absatz aufgenommen, der die Einhaltung aller Gesetze bezüglich Kinderarbeit fordert. Das Unternehmen hat aber keine ernsthaften Anstrengungen unternommen, die Einhaltung dieser Klauseln zu erzwingen.

Syngenta
Die Firma Syngenta steht seitens europäischer Investment-Firmen unter Druck, das Problem Kinderarbeit anzugehen. Vertreter der Dresdner RCM Global Investors, einer britischen Tochterfirma der Dresdner Bank, haben in einem Gespräch mit Syngenta verlangt, keinerlei Kinderarbeit bei der Produktion von Saatgut zuzulassen. In Anbetracht möglicher negativer Presseberichte hat die Führung des Unternehmens beschlossen, dem Problem aktiv zu begegnen. Im oben genannten Treffen zwischen Saatgut-Unternehmen, NGOs und Regierungsstellen am 3. August 2002 in Hyderabad äußerte Dr. Shanthu Shataram, Leiter der Abteilung “Stakeholder Relation„: “Wir sind bei Syngenta sehr besorgt wegen des Problems der Kinderarbeit bei der Herstellung von Baumwoll-Saatgut. Wir möchten uns unserer Verantwortung stellen. Obwohl wir keine Kinder beschäftigen sind wir Teil des Problems. Jetzt wollen wir Teil der Lösung sein, um Kinderarbeit zu eliminieren.„

Tatsächlich hat Syngenta im vergangenen Jahr einige Schritte unternommen, um den Einsatz von Kindern zu verringern. In der gegenwärtigen Anbau-Saison wurde in die Verträge mit den “seed organizers„ erstmals ein Absatz aufgenommen, demnach “keine Kinder beim Anbau des Saatguts eingesetzt werden„. Die Zwischenhändler wurden zudem aufgefordert, mit einer größeren Zahl von Klein- und Familienbetrieben zusammen zu arbeiten, da das Management von Syngenta davon ausgeht, dass in Familienbetrieben weniger Kinder eingesetzt werden. Ausserdem wurden Konsultationen mit lokalen NGOs vereinbart.

Resümee
Die meisten transnationalen Saatgut-Unternehmen schließen keine direkten Verträge mit lokalen Saatgut-Produzenten ab. Dennoch ist die Aussage, wonach die Konzerne keinen Einfluss auf die Farmer und den Produktionsprozess ausüben, falsch. Obwohl die Firmen an der Saatgut- Produktion nicht direkt beteiligt sind, geben sie durch die Bereitstellung von Saatgut und die Festlegung von Abnahme-Preisen und Qualitätsstandards die wichtigsten Größen vor. Vertreter der Firmen nehmen zudem mit Hilfe der “seed organizers" häufige Kontrollen auf den Feldern vor (mindestens drei pro Saison), um die Umsetzung aller Vorschriften zu kontrollieren und um technischen Beistand zu leisten.

Es ist nicht wahr, dass kleine Farmen keine Kinder beschäftigen. Wie oben gezeigt, beschäftigen praktisch alle Betriebe Arbeitskräfte außerhalb der Familie - im Baumwoll-Saatanbau macht die Arbeit von außerhalb rund 90% aus. Selbst Kleinbetriebe stellen aufgrund der Arbeitsintensität eine hohe Zahl von ArbeiterInnen ein.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Aktivitäten multinationaler Saatgut-Unternehmen in Indien nicht mit den Erklärungen der Firmen zu sozial verantwortlichem Handeln vereinbar sind. Die Konzerne stellen zwar selbst keine Kinder an, üben aber zentralen Einfluss auf lokale Saatgut-Farmer aus, die ihrerseits Kinder in großer Zahl beschäftigen.

Die Unternehmen Syngenta, Unilever, Advanta und Emergent Genetics haben auf die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung reagiert und angekündigt, mit NGOs und der Landesregierung von Andhra Pradesh zusammen zu arbeiten. Bayer und Monsanto haben bislang nicht reagiert.
Es wäre für die großen Saatgut-Unternehmen ein Leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahme-Preise sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und diesbezüglichen Kontrollen das Problem zu lösen. Bislang sind solche ernsthaften Initiativen ausgeblieben.

Übersetzung und Layout: Coordination gegen BAYER-Gefahren
In Kooperation mit: Stiftung Menschenwürde & Arbeitswelt (Berlin) und Stiftung Umverteilen (Berlin)

1 ‚‘Social Review - Unilever‚s approach to corporate social responsibility‘'. (von der Unilever website : www.unilever.com
2 Eine Analyse der von Bayer beim Global Compact eingereichten Musterprojekte findet sich unter: http://www.cbgnetwork.org/home/UN_Global_Compact/un_global_comp act.html
3 von den in dieser Studie genannten Firmen schließt allein die Firma Advanta in einigen Gebieten direkte Verträge mit lokalen Produzenten.
4 Interview mit dem Saatgut-Hersteller Pullareddy am 21. Januar 2002
5 `Even Multinationals Employ Child Labour for Profit`, The Hindu Business Line, 21.6.2001
6 nach The Hindu Businessline, 25.6.2001
7 Interview mit Mr. Bapairaju, Produktionsleiter von Mahyco im Distrikt Kurnool, 21-1-2002
8 Interview mit einem Mitarbeiter von Advanta, der anonym bleiben möchte, Kurnool 22.2.2002

[Artikel epd] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

epd Entwicklungspolitik, Heft 8/9, April 2004

Agromultis tolerieren Kinderarbeit im Saatgutanbau

Shanta Sinha kritisiert Halbherzigkeit der Konzerne

„Derzeit geht es ziemlich langsam voran“, klagt Shanta Sinha, Hauptaktivistin der indischen Kinderrechtsorganisation MV Foundation. Sie spricht von nur schleppenden Fortschritten beim Kampf gegen Kinderarbeit im Baumwollsaatgutanbau. In der Produktion von hybridem Baumwollsaatgut sind heute in Indien mehr Kinder beschäftigt als in anderen bekannten Produktionsbereichen wie der Teppichherstellung oder der Verarbeitung von Edelsteinen. Die Vertragslandwirte stellen Kinder ein, vor allem Mädchen, weil diese für wesentlich weniger Geld pro Stunde arbeiten als Erwachsene. Das Saatgut wird über Zwischenhändler an große Agrarmultis verkauft. Eine Studie des indischen Instituts „Global Research and Consultancy Service“ hatte im Jahr 2003 diese Zusammenhänge aufgezeigt und die Verantwortung von multinationalen Saatgutunternehmen hervorgehoben, u.a. der Bayer-Tochter ProAgro (vgl. epd-Entwicklungspolitik 16/17 2003, S. 11).

„Anfangs hat keine der multinationalen Firmen überhaupt akzeptiert, dass sie für die Ausbeutung von Kindern in der Baumwollsaatgutproduktion verantwortlich ist. Aber der Druck durch Medien und Advocacy-Gruppen in Europa zwang sie dazu, mit der MV Foundation Gespräche zu führen“, berichtet Shanta Sinha. Doch die Unternehmen können entscheiden, bei wem sie das Saatgut einkaufen und haben Einfluss auf die Verträge und damit auch die Möglichkeit, Kinderarbeit zu unterbinden. „Inzwischen haben alle zugestimmt, sich gemeinsam für die Abschaffung von Kinderarbeit einzusetzen. Innerhalb des Verbandes der Saatgutindustrie hat sich eine ‚Child Labour Eradiction Group‚ gegründet, die sich regelmäßig mit den Bauern trifft, um das Problem der Kinderarbeit zu erörtern. Sie haben akzeptiert, dass sie Teil des Problems sind und deshalb Verantwortung übernehmen müssen, um das Problem zu lösen.“

Was tun sie wirklich
Als konkrete Initiative schlug z.B. ProAgro/Bayer vor, eine Bewusstseinskampagne zu starten, dass Kinder nicht arbeiten sollten. „Wir haben ihnen erzählt, dass jeder Mensch im Distrikt Kurnool weiß, dass Kinderarbeit nicht gut ist - dafür braucht kein Bewusstsein geschaffen werden“. Was die MV Foundation dagegen fordert, ist ein klares Bekenntnis der Konzerne gegen Kinderarbeit. „Es ist nicht ausreichend, dass sie nur in ihre Verträge eine Klausel aufnehmen, dass Kinder nicht eingestellt werden sollen. Das haben sie im vergangenen Jahr auch gemacht und es hat sich nichts verändert. Sie müssen eine wirksame Ansage an die Bauern geben, dass sie keine Kinderarbeit tolerieren werden“, so Shanta Sinha. Gleichzeitig soll diese Verpflichtung auch den Medien mitgeteilt werden. Und die Vereinbarungen müssen natürlich auch kontrolliert werden. Darüber hinaus ist es notwendig, dass die Konzerne mehr zahlen, damit auch erwachsene Arbeitskräfte bezahlt werden können.

Druck aus Deutschland ist wichtig
Neben den Gesprächen und der Kontrolle vor Ort ist es aber auch wichtig, bei den Konzernzentralen im Norden Druck zu entfalten. Neben der moralischen Selbstverständlichkeit, dass Kinderarbeit nicht zu tolerieren ist, fordern auch internationale Regelungen von den Unternehmen, Kinderarbeit zu unterbinden. Die Normen 138 und 182 der internationalen Arbeitsorganisation ILO wenden sich gegen Kinderarbeit, ebenso fordern die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, keine Kinder einzustellen, und dass diese Regelungen auch für die Zulieferer gelten. Darüber hinaus hat sich Bayer mit dem Beitritt zum Global Compact selbst dazu bekannt, keine Kinderarbeit zu tolerieren.

Deshalb haben die Coordination gegen Bayer-Gefahren, Germanwatch und der Global March against Child Labour an die Bayer AG geschrieben, um ihre Besorgnis über die Verwicklung deutscher Konzerne in Kinderarbeit in Indien auszudrücken und unverzügliche Gegenmaßnahmen gefordert. Im Antwortbrief zählt die Bayer AG eine ganze Reihe von Aktivitäten auf, zur Forderung nach höherer Bezahlung nimmt sie jedoch nicht Stellung.

Vor Ort hat ProAgro von selbst das Gespräch mit der MV Foundation gesucht und anerkannt, dass Kinderarbeit ein ernsthaftes Problem sei, in Deutschland hätte man sich bis zum Bayer-Aufsichtsrat damit befasst. „Niemand von uns hat die europäischen Lobbyisten erwähnt, aber es war ganz eindeutig, dass die Firma nur aufgrund des Drucks von dieser Seite zu Diskussionen mit uns kommen würden“, unterstreicht Shanta Sinha die Bedeutung dieser Kooperation von lokalen und internationalen Aktivisten.

Aktuell fordert die MV Foundation von den Unternehmen, dass die Verträge mit den Zulieferern der MV Foundation zugänglich gemacht werden. Sie wollen wissen, ob die Unternehmen klar genug die Nichteinstellung von Kindern fordern. „Wir haben ihnen erklärt, dass während es auf der höchsten Ebene der Unternehmen sichtbar Druck gab, keine Kinder zu beschäftigen, dieser Druck nicht ausreichend genug bis in die untersten Ebenen kommuniziert wurde.“

Diese Saison ist entscheidend
„Es geht immer wieder auf und ab“, bedauert Shanta Sinha. Und für die aktuell im März angelaufene Saison zeichnet sich noch keine entscheidende Verbesserung ab, dabei bezeichnet Shanta Sinha diese als „entscheidend für die Kinder in diesem Gebiet“. In diesen Wochen werden die neuen Verträge mit den Bauern abgeschlossen. Und es ist noch nicht so, dass das Problem schon fast gelöst wäre, wie es die Konzerne gerne darstellen. Es gibt noch genügend Hinweise auf Kinderarbeit.

Shanta unterstreicht: „Wir sind komplett vorbereitet und würden als Wächter zur Verfügung stehen.“ In 4.300 Dörfern ist die MV Foundation aktiv, über 80.000 Freiwillige unterstützen ihre Arbeit. Durch die eingerichteten ,Kinderschutzkomitees‘ wollen sie Informationen sammeln und diese der Saatgutindustrie und dem Arbeitsministerium auf Distriktebene zukommen lassen. In Zusammenarbeit mit dem Labour Department sollen Mitteilungen an alle Arbeitgeber - die Bauern und die Saatgutindustrie - geschickt und ihnen mit rechtlichen Schritten gedroht werden. Wenn sich jedoch keine Fortschritte verzeichnen lassen, dann sind sowohl in Indien als auch in Deutschland noch weitere Schritte möglich und in Vorbereitung, um Druck auf die Unternehmen auszuüben. Das Thema soll auch Ende April bei der Aktionärsversammlung der Bayer AG zur Sprache gebracht werden.

Cornelia Heydenreich arbeitet bei Germanwatch zum Thema Unternehmensverantwortung

[Aktionsbericht] Bäume, Blumen, BAYER-Gefahrstoffe

CBG Redaktion

Gartenkunst am Giftmüll

Am 16. April 2005 öffnete die Leverkusener Landesgartenschau (LAGA) ihre Pforten und lockte die BesucherInnen mit dem Slogan „Neuland entdecken“ auf das Gelände. Für die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und andere Gruppen war das kein Grund zum Feiern, sondern zum Protestieren. Was nach Ansicht von Konzern und Stadt den krönenden Abschluss der Abdichtungsarbeiten an BAYERs Giftmüll-Deponie bildete, erschien den KritikerInnen nämlich als plumper Versuch, Gras über eine nach ökologischen Kriterien unzureichende Bau-Maßnahme wachsen zu lassen.

Ein buntes Völkchen hatte sich am Eröffnungstag der LAGA vor dem Haupteingang versammelt, um auf die unter der Grasnarbe tickende chemische Zeitbombe hinzuweisen: CBGler, Antifas in weißer Schutzkleidung, DKPler mit Gasmaske, die BUND-JUGEND, AnhängerInnen des Leverkusener Wahlbündnisses LAUF, MLPDler und Unabhängige. Der Polizei wurde es schon bald zu bunt. Sie wollte die COORDINATION mit ihrem Transparent „Neuland entdecken - Giftmüll verstecken“ außer Sichtweite der BesucherInnen auf die gegenüberliegende Straßenseite verbannen, wovon die OrdnungshüterInnen erst zähe Verhandlungen abbrachten. Der Theatergruppe der BUND-JUGEND wiesen sie einen Platz zwischen Nebeneingang und Parkplatz zu. Diese Maßnahme hatte allerdings einen unerwünschten Nebeneffekt. Nicht wenige Gartenschaulustige hielten die pantomimische Darbietung über die Stadt, den BAYER-Müll und den Tod nämlich für einen Teil des offiziellen Rahmenprogramms.

Aber da hatten sie BAYER und Leverkusen zuviel Kritikoffenheit zugetraut. Sie verfolgten mit der LAGA ganz andere Pläne. „Die Leute sollen Frieden mit dem Gelände schließen“, diese Intention verfolgt die Schau laut ihrem Geschäftsführer Hans-Max Deutschle. Leverkusens SPD-Oberbürgermeister Ernst Küchler sah in Blumen, Bäumen und Beeten sogar ein Zeichen dafür, dass BAYERs Hometown keine reine Industriestadt mehr sei und beim Strukturwandel auf einem gutem Weg. Der damals noch amtierende NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück stimmte ihm in seiner Eröffnungsrede zu und lobte, mit der LAGA sei „auf einer der größten Altlasten Europas im wahrsten Sinne des Wortes attraktives ‚Neuland‚ entstanden“. Bärbel Höhn machte im Spätherbst ihrer Zeit als Landesumweltministerin sogar ein neues „Naherholungsgebiet“ aus.

Allzu nah durfte mensch ihm jedoch nicht kommen, dann entpuppten sich die Grünflächen nämlich als potemkinische Dörfer. Auf sehr unsicherem Grund entfaltete sich die Blumenpracht. Die LandschaftsgärtnerInnen konnten keine Bäume mit tiefem Wurzelwerk einpflanzen, weil dieses bis in den Giftmüll gereicht hätte. Teilweise mussten sie bis zu acht Meter hohe Erdschichten aufschütten, um den Blumen festen, guten Mutterboden unter ihren Lebensadern zu gewähren - Natur mit beschränkter Haftung. Hochbauten gestattete die LAGA-Direktion ebenfalls nicht, und Außengastronomie nur in Leichtbauweise. Es sollten auf keinen Fall schwere Fundamente auf die Altlast drücken und so eventuell die schlafenden Chemie-Geister wecken oder den unter der Erde verlegten Versorgungsleitungen der BAYER-Anlagen in die Quere kommen.

Oberirdisch setzt das nur wenig einladende Panorama aus Überlandleitungen und Produktionsstätten des Konzerns dem „Naherholungsgebiet“ enge Grenzen. Auf dem Areal selber stören seltsame Apparaturen, nur unzureichend mit „Kunst“ verkleidet, den Gartenkunst-Genuss. Sechs Brunnen haben auf der LAGA die Aufgabe, den Pegelstand des Wassers zu kontrollieren, bei Erreichen einer bestimmten Marke könnte der Rhein sonst die Produktionsabfälle unterspülen und die Gifte ausschwemmen. Große Messstationen ermitteln überdies permanent, ob sich die Belastung des Grundwassers noch in den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen hält.

Eine Jahrhundert-Aufgabe: „Wie sich das Gelände innerhalb der nächsten 100 Jahre verhalten werde, sei allerdings nicht gänzlich vorherzusehen“, räumt der LAGA-Landschaftsarchitekt Rüdiger Brosk denn auch ein. Die Waz eröffnet ebenfalls wenig schöne Aussichten: „Setzungspegel und Grundwasserkontrollen wird es hier auf ewig geben“. Zwischen Chrom, Chlor & Co. stimmt die Chemie nämlich immer noch - sie reagiert munter miteinander drauflos. Darüber hinaus bilden sich durch Abbauprozesse neue giftige Gase. Dementsprechend sieht das Sickerwasser der Altlast aus. 750 Kubikmeter muss BAYER stündlich abpumpen und im Klärwerk reinigen.

Um ein „Work in Progress“ handelt es sich bei der Dhünnaue also, weil Konzern und Stadt das Areal nicht sanierten, sich stattdessen für eine bloße Absicherung der Altlast entschieden. Den Unterschied erläuterte Klaus Stief vom Umweltbundesamt 1988 auf einem Umweltschutz-Forum in Köln. „Unter Sanierungsmaßnahmen versteht man Maßnahmen, die zu einer Beseitigung des Gefährdungspotenzials der Altlast führen. Unter Sicherungsmaßnahmen werden Maßnahmen verstanden, welche die Gefährdung der Umwelt vermindern oder auch zeitlich befristet unterbinden, die allerdings das Gefährdungspotenzial nicht beseitigen. Man erreicht einen Zeitgewinn. Irgendwann, in der Regel innerhalb von Jahrzehnten, werden die Sicherungsmaßnahmen unwirksam werden. Man wird sie wiederholen müssen“, führte er in seinem Vortrag aus. Aber das verdrängen die Verantwortlichen laut Stief nur allzu gern. „Obwohl durch die Wahl des Wortes ‚Sicherungsmaßnahmen‘ im Gegensatz zu dem Wort ‚Sanierungsmaßnahmen‚ jedermann die zeitlich befristete Wirksamkeit und die ständige Unterhaltungs- und Reparaturbedürftigkeit der Maßnahmen klar werden soll, neigt man in der Praxis wohl immer dazu zu hoffen, dass man das Altlastenproblem ‚vom Halse‘ hat, wenn sie gesichert ist. Das wird sich in der Regel irgendwann einmal als verhängnisvoller Irrtum herausstellen“, stellt der Diplom-Ingenieur fest.

Da hat der Experte die LAGA-Lage richtig erfasst. Im Katalog zur Ausstellung, die sich auf der Gartenschau der Geschichte der Dhünnaue und ihrer Abdichtung widmet, heißt es lapidar: „Aufwändige Technik löst das Altlast-Problem“. Eine Sanierung war nach BAYERs Ansicht nicht möglich. „Aufgrund der früher üblichen ungeordneten Ablagerung der überwiegend festen und im geringen Maße auch pastösen und flüssigen Abfälle sind die Belastungen sehr ungleichmäßig verteilt. Eine gezielte Sanierung einzelner Teilbereiche kommt deshalb nicht in Frage“, schreiben die AusstellungsmacherInnen. Eine glatte Lüge, wie ein Blick auf die Schweizer Deponie Kölligen beweist. 350.000 Tonnen Gefahrgut lagerten dort ein - und Giftmüll-Trennung betrieben die „Entsorger“ ebenso wenig wie in Leverkusen. Trotzdem entschieden sich die Verantwortlichen für eine Komplett-Sanierung mit Auskofferung des verseuchten Areals - und mussten es auch. Die Gesetze des Landes untersagen nämlich Baumaßnahmen, die den Giftaustritt nicht stoppen und als „Langzeit-Provisorien“ eine jahrhundertelange Überwachung erfordern. So kann sich die Schweiz freuen, schon im Jahr 2025 keine gefährlichen Zeitbomben mehr im Boden ticken zu haben.

In der Bundesrepublik sträubten sich BAYER & Co. stets aus Kostengründen gegen eine solche ökologisch sinnvolle Lösung. Einer genaueren Überprüfung halten ihre Argumente indes nicht stand. Sicherungsmaßnahmen erfordern zwar am Anfang keinen so hohen finanziellen Aufwand wie Sanierungsmaßnahmen, rechnet man aber die bei „Langzeit-Provisorien“ anfallenden Betriebs- und Reparaturkosten hinzu, so halten sich die Ausgaben in einem vergleichbaren Rahmen. Allein für die Reinigung des Sickerwassers muss BAYER jährlich einen Millionen-Betrag aufbringen. Was bei der Dhünnaue noch so alles an Ausgaben anfallen könnte, weiß niemand genau, denn Langzeituntersuchungen über die Beständigkeit des verbauten Materials existieren nicht, und viele Entwicklungen sind nicht vorhersehbar. So musste die Stadt Hamburg 1994 unvermittelt bei der bloß gesicherten Altlast auf dem Gelände der ehemaligen Waffenfabrik STOLZENBURG „nachbessern“, weil das nahe gelegene Wasserwerk die Trinkwasser-Gewinnung drosselte und der Grundwasser-Spiegel sich in der Folge gefährlich nah an die giftigen Produktionsrückstände heranschob.

Über diese ganze Problematik findet sich im Katalog zu der LAGA-Ausstellung „Die Dhünnaue gestern und heute“, die „eine offene Chronik über Fortschritt und Verantwortung“ sein will, nichts. Es fängt schon schlecht an. Der Konzern hat angeblich nicht nur nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ sorglos seine Abfälle am Rhein entsorgt, er wollte der Stadt damit auch einen wirksamen Hochwasserschutz bieten. Dass die „gute Tat“ vielleicht doch nicht so gut für Leverkusen war, stellte sich laut Text erst Ende der achtziger Jahre heraus. „Ende 1987 steht fest: Eine Gefährdung der Bewohner in der Wiesdorfer Dhünnaue kann nicht ausgeschlossen werden“. Aber selbst dann ist alles nur halb so schlimm, denn die Wissenschaft hat festgestellt: „Insgesamt kann eine akute Gefährdung der Bevölkerung mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden“. Der Herr Professor Einbrodt von der Universität Aachen war so nett. Vorher hat es nach Aussage von BAYER nur einige Klagen wegen Geruchsbelästigung gegeben und „unerwartete Schwierigkeiten“ im Zuge der geplanten Wohnbebauung über der Deponie. Eine Baugrund-Untersuchung meldete nämlich Zweifel daran an, ob der Beton dem chemischen Untergrund standhalten würde und sagte zudem eine Absenkung der Häuser voraus. Sie sollte Recht behalten. Später ergaben Messungen eine hohe Chrom-Belastung von Kellern. Die Stadt Leverkusen quartierte die Mietparteien um und schloss eine Schule. Nach Darstellung der AusstellungsmacherInnen geschah das alles nur „vorsorglich“. Die ungewöhnlich hohe Krebsrate im Umfeld der Schule - laut SPIEGEL fünf Tote, 15 Erkrankungen - verschwiegen sie.

Nicht nur diese Fälle hätten genug Grund für Entschädigungsklage geboten. Die Erleichterung darüber, dass „die Stadt Leverkusen und die BAYER AG juristischen Streit vermieden haben und sich in allen Fragen auf partnerschaftliche Lösungen verständigten“, ist den Konzern-AutorInnen deshalb deutlich anzumerken. Sie vermelden in Sachen Dhünnaue „Mission erfüllt“ und meinen so „eine Voraussetzung für die nachhaltige Entwicklung der Stadt“ geschaffen zu haben. Das Einzige, was sich auf dem Areal jedoch nachhaltig entwickelt, ist die Last der Altlast für die nachfolgenden Generationen.

[Artikel Spiegel] Landesgartenschau

CBG Redaktion

„DER SPIEGEL“, Ausgabe 13/92, S. 80 bis 85

Bitterfeld am Rhein

Leverkusen erlebt einen beispiellosen Chemieskandal. Bei Menschen, die auf einer Giftmüllkippe leben, häufen sich Krebserkrankungen.

Von 1968 bis 1987 hatte Bernward Prinz an der Gemeinschaftshauptschule im Leverkusener Stadtteil Wiesdorf unterrichtet. Als Werkkunstlehrer musste Prinz häufig in die Abstellräume im Keller, und da, erinnert sich der Pädagoge, „stank es schon mal“. Vor zwei Jahren, Prinz war als Konrektor an eine Kölner Schule gewechselt, spürte der 49jährige Schluckbeschwerden. Der sechste Arzt, den Prinz aufsuchte, stellte eine deprimierende Diagnose: „Tonsillen-Karzinom“, ein Krebs der Mandeln. Fünf schwere Operationen hat der Pädagoge seither durchlitten, nun erwartet er seine Zwangspensionierung.

Edwald Möller war Hausmeister an der Wiesdorfer Schule. Im Keller des Gebäudes trocknete er in seinen 20 Dienstjahren nach Rhein-Hochwassern „Pfützen mit Farben, so schillernd wie ein Regenbogen“. Hin und wieder fand der Pedell „bunte Ausblühungen hinter abbröckelndem Putz“. Im Jahr 1989, lange nach seiner Pensionierung, klagte der damals 70jährige über Schlaflosigkeit und Schweißausbrüche. Ärzte teilten dem Kranken mit, er leide an „chronisch-lymphatischer Leukämie“, einem Blutkrebs.

Der Ort, an dem Möller und Prinz jeweils 20 Jahre lang wirkten, lässt sich unwirtlicher kaum denken: Eine Aschenbahnlänge trennt die 1960 errichtete Schule an der Wiesdorfer Adolfsstraße vom dröhnenden Lärm der Autobahn Al im Norden. Im Westen schmiegen sich die Schulgebäude und ein benachbarter Kindergarten eng an den Autobahnzubringer Westring. Von Süden her grüßen die qualmenden Schlote des Chemieweltkonzerns Bayer (165000 Beschäftigte, über 40 Milliarden Mark Jahressumsatz).

An Abgase und Autolärm hatten sich die Anrainer der sogenannten Dhünnaue in Leverkusen wohl oder übel gewöhnen müssen. Einen Schock aber löste bei vielen die Mitteilung aus, dass sie gleichsam auf einer gigantischen Müllkippe hocken: einer Deponie von 68 Hektar, auf der die Bayer AG zwischen den zwanziger Jahren und 1963 Schutt, Produktionsrückstände und andere giftigen Chemiemüll abgeladen hatte.

Wie in einem „Fortsetzungsdrama ohne Ende“, sagt Marianne Hurten, Grünen-Abgeordnete im Düsseldorfer Landtag. Die Grünen-Politikerin, zugleich Betriebsrätin der Bayer-Werke, vergleicht die Dhünnaue mit der meistverseuchten Chemieregion im deutschen Osten: „Die Bitterfelder haben ihren Silbersee“, sagt sie, „in der Farbenstadt Leverkusen war alles etwas bunter - eben eine Farbkloake“.

Bereits im Mai 1989 hatte die „Beratende Ingenieursgesellschaft Dr.-Ing. Björnsen“ in einem Gutachten für die Stadt Leverkusen gefordert, die Dhünnaue südlich der Al „unverzüglich“ zu sichern und zu versiegeln: „Geeignete Maßnahmen“ seien von Nöten, um „die Kontaktmöglichkeit Mensch-Boden zu unterbinden“.

Auf dem bislang untersuchten Areal dürfe „keine landwirtschaftliche und gärtnerische Nutzung des Bodens“ mehr erfolgen. Die Altlast solle „nicht mehr als Lebensraum für Pflanzen und Tiere genutzt werden“.
Was die Bayer AG einst - im Einvernehmen mit der von ihr finanziell weitgehend abhängigen Stadt Leverkusen - alles in die Dhünnaue gekippt hat, ist heute nur noch zu erahnen. Bislang wurden lediglich Proben aus dem 25 Hektar umfassenden Gebiet südlich der Al und westlich der Schule Adolfsstraße entnommen. Allein hier hat der Chemiekonzern rund drei Millionen Tonnen Müll abgeladen.

Womöglich, warnte bereits der Düsseldorfer FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Joachim Kühl nach Gesprächen mit Bayer-Beschäftigten, sei das „Gefährdungspotential“ der Dhünnaue-Deponie größer als die Bedrohung durch die Gifte „in der Erde von Bitterfeld“. Diese Befürchtung hätten ihm Mitarbeiter der Umweltschutzabteilung von Bayer anvertraut.

Die vom Ingenieurbüro Björnsen ausgewerteten Boden- und Wasserproben stützen das Szenario von einem Bitterfeld am Rhein: „Im Oberboden“ der Deponie fanden sich „auffällig hohe Konzentrationen“ von Schwermetallen und giftigen organischen Verbindungen wie Chlorbenzole, Chlortoluole und polychlorierte Biphenyle.
Der „eigentliche Deponiekörper“ ist sogar „mit einem erweiterten Spektrum an Schadstoffen und in deutlich höheren Konzentrationen belastet“; die giftigen Schwermetalle Chrom und Blei finden sich in schier unglaublichen Konzentrationen (22 beziehungsweise 34 Gramm je Kilogramm - g/kg), für Chlorbenzole wurden Werte bis zu 45 g/kg gemessen.

Das Grundwasser ist im gesamten Untersuchungsbereich durch deponiebürtige Stoffe deutlich belastet; „Kratzproben von Kellerfußböden in den Häusern der Siedlung Rheinallee belegen, dass die Deponie ihr Gift gleichsam ausschwitzt - nachgewiesen wurden Blei (21 g/kg), Chrom (20 g/ kg) und eine ganze Palette giftiger organischer Verbindungen.

Die Luft nahe dem Boden “außerhalb bebauter Flächen„ weist “relative Konzentrationen„ von Schadstoffen wie Benzol auf; im Laub von Pflanzen wurden “erhöhte Gehalte„ an Schwermetallen wie Blei, Chrom, Arsen und Cadmium entdeckt. “Mehr als 20„ der 57 in den Proben nachgewiesenen “Stoffe bzw. Stoffgruppen„ gelten als “kanzerogenverdächtig„ oder sind sogar “nachgewiesenermaßen krebserregend„.

Vollends zum Skandal wird der Fall Dhünnaue durch den Umstand, dass, allen Warnungen zum Trotz, noch immer 106 Familien auf der Giftmüllkippe zwischen Rhein und Al leben - in Häusern, die zwischen 1952 und 1953 errichtet wurden.
Und: Nach wie vor unterrichten Lehrer ihre Schüler an der Gemeinschaftshauptschule Adolfsstraße, tummeln sich Pennäler auf dem Schulhof, bringen Eltern ihre Kinder in den benachbarten Kindergarten. Den Betroffenen, so beschwichtigte noch vor vier Wochen der SPD-Landtagsabgeordnete Ludgerus Hovest, sei durch das “Verbreiten von Horrorgemälden„ nicht geholfen.

Nötig, so der SPD-Politiker, sei vielmehr die “Analyse des Problems, das Aufzeigen von Lösungen und deren Umsetzung„. Die “Altlast Dhünnaue„, bestätigte SPD-Umweltminister Klaus Matthiesen die Sicht des Genossen Hovest, sei “ein hochkomplexer und schwieriger Fall, zu dem es bundesweit bisher kaum eine Parallele gibt„.

Ruchbar wurde der Umweltskandal 1987, als für einen Teil der Dhünnaue zu Planungszwecken eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgenommen wurde. Damals waren, unter anderem in Kellerräumen der Schule, alarmierende Konzentrationen von Giften wie Xylol entdeckt worden.

Was seither geschah, liest sich wie eine Chronik des Versagens: Die Stadt reagierte auf die Xylol-Funde von 1987 lediglich mit ein paar Empfehlungen -die Gartennutzung müsse eingeschränkt werden, Kinder dürften nicht mehr auf den Wiesen der Dhünnaue spielen, unbefestigte Wege und Freiflächen wurden mit einem “Begehungsverbot„ (Ordnungsstrafe: 200 Mark) belegt.

Im Februar 1988 bekannte sich Bayer zu seinen Altlasten und gelobte, sich an der Sanierung der Deponie zu beteiligen. Einen Monat später verlangten Leverkusener Ärzte, die Bewohner der Deponie aus medizinischen Gründen umgehend umzusiedeln. Juni desselben Jahres begann der medizinische Gutachter Hans Joachim Einbrodt mit der Untersuchung von 828 Betroffenen. Im Februar 1989 wurden Kinder aus der Adolfsstraße erneut überprüft.

Ergebnis: 25 Prozent der Probanden von 1988 wiesen “auffällige Befunde„ des Blutbildes auf. Bei 16 Prozent der untersuchten Schüler fanden sich Veränderungen am Blutbild. Eine “akute„ Gefährdung der Betroffenen vermochte der Gutachter zwar nicht zu erkennen, er riet gleichwohl dazu, die Schule zu schließen. Denn über eine mögliche “chronische Gefährdung der Probanden„, so Einbrodt, könne er keine Aussagen machen.

Im Februar 1990 mahnte schließlich auch das Gesundheitsamt die Politiker, “die Einrichtung Schule und Kindergarten aus Vorsorgegründen„ zu verlegen - doch wieder geschah nichts.

Den meisten Lehrern und Schülern der Adolfsstraße dämmerte erst später, in welchem Maße ihre Gesundheit womöglich durch die Giftmülldeponie bedroht wird. Letztes Jahr, so erinnert sich Barbara Ulbricht, Lehrerin der Schule Adolfsstraße, sei ein kranker Kollege von der Schulaufsicht angerufen worden: Er möge sich doch, wurde dem Pädagogen mitgeteilt, “mal vom Amtsarzt untersuchen lassen„.

Im Dezember letzten Jahres schließlich erfuhren die Lehrkräfte, dass es an ihrer Schule in den letzten 15 Jahren insgesamt 15 Krebserkrankungen gegeben habe, darunter fünf mit tödlichem Ausgang - weit mehr, als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Und jetzt erst, so bestätigte die Staatsanwaltschaft Köln, wird “in Sachen Schule Adolfsstraße„ wegen des Verdachts der Gesundheits- und Körperverletzung ermittelt.

“Patentrezepte„, beschwichtigt nun die Stadt Leverkusen die verbitterten Bewohner und Anrainer der Giftdeponie am Rhein, habe es “für die Dhünnaue leider nicht gegeben„. Immerhin, lobten die Kommunalverwalter ihr eigenes Engagement, seien von den 259 Familien der Siedlung Rheinallee “heute 156 versorgt„ mit neuem Wohnraum; Ende dieses Monats “sollen es 189 sein„. Bis zum Oktober, verspricht die Stadt, werde “das Kapitel „neue Wohnungen“ abgeschlossen„ sein.
Ein anderes Kapitel des Skandals ist noch nicht einmal angegangen worden: Zwei Tage vor Weihnachten 1989 hatte die Firma Bayer, festtäglich gestimmt, versprochen, das Gelände mit ihrer Müll-Altlast mittels einer Spundwand abzusichern - geschätzte Kosten: 150 Millionen Mark.

Doch bis zum heutigen Tag ist nicht eine einzige Stahlplanke von der versprochenen Spundwand eingerammt worden. Dabei warnen Experten, dass Deponiegifte schon bei mittlerem Rheinwasserstand mit dem Grundwasser ins Landesinnere geschwemmt und bei ablaufendem Rheinwasser in den Strom gesogen werden.

Insgesamt zehn Verträge sind bislang zwischen der Bayer AG und der Stadt Leverkusen abgeschlossen worden. Dieser von der Stadt so genannte “partnerschaftliche„ Weg wurde eingeschlagen, weil es, wie Minister Matthiesen erläutert, “wegen der Unklarheit der Rechtslage nicht erfolgversprechend erschien„, gegen den Konzern mit “Ordnungsverfügungen vorzugehen„.
Zu den Betroffenen, die unter dem Hickhack leiden, zählen auch die Bewohner eines Altenheimes am Rande der Deponie. “Über den Fortbestand des Altenwohnheims„, so die Stadt, werde “in nächster Zeit in Abstimmung zwischen allen Beteiligten" eine Entscheidung gefällt.

Vor den Alten sind die Haustiere evakuiert worden: Der Verein für Deutsche Schäferhunde e.V., der das Gebiet der Deponie lange Zeit als Klub- und Übungsgelände nutzte, hat das giftbelastete Areal bereits verlassen.

Kampagne gegen GenFood

CBG Redaktion

mehr als 20.000 Personen haben den folgenden Aufruf unterzeichnet:

Kampagne gegen GenFood

Das EU-Verbot gentechnisch veränderter Nahrungsmittel steht kurz vor dem Fall. Ein Sieg der Gentechnik-Lobby, angeführt von Konzernen wie BAYER und MONSANTO. Die Folgen für Landwirte und Verbraucher sind unabsehbar, denn bislang liegen keine Langzeituntersuchungen über die Risiken von Gen-Pflanzen vor.

Die USA bezeichnen das EU-Verbot gentechnisch veränderter Pflanzen als „Wettbewerbsnachteil“. Präsident Bush reichte eine Klage bei der Welthandelsorganisation ein – und dient damit ironischerweise besonders einem deutschen Unternehmen: dem BAYER-Konzern. BAYER CROPSCIENCE ist in Europa Marktführer für Gen-Saatgut und drängt mit gentechnisch verändertem Mais, Soja und Raps auf den Markt. Die EU-Kommission scheut den Konflikt mit den USA und hat angekündigt, dass das Verbot im Lauf des Jahres fällt.

[Offener Brief] Kampagne Pestizide Peru

CBG Redaktion

Pestizidvergiftungen in Peru: Offener Brief an Bayer AG

13. März 2003

BAYER AG
Vorstandsvorsitzender W. Wenning
51368 Leverkusen

Sehr geehrter Herr Wenning,

im Oktober 1999 wurden im peruanischen Andendorf Tauccamarca rund 50 Schulkinder durch Pestizide vergiftet. 24 Kinder starben, 22 weitere erlitten schwere innere Verletzungen.

Der peruanische Kongress berief einen Untersuchungsausschuss ein, der im vergangenen Herbst seinen Abschlussbericht vorlegte. Demnach führten Vergiftungen mit dem BAYER-Produkt „Folidol“ zu der Tragödie. Der Untersuchungsausschuss wirft dem BAYER-Konzern sowie den zuständigen Behörden mangelnde Sicherheitsvorkehrungen vor und fordert eine Entschädigung durch BAYER sowie die peruanische Regierung.

In der Hauptstadt Lima haben einige der betroffenen Familien Klage gegen BAYER eingereicht. Neben finanzieller Entschädigung fordern sie ein Verbot hochtoxischer Pestizide, um ähnliche Katastrophen in der Zukunft zu verhindern. Nun wurde bekannt, dass Anwälte von BAYER bei einer Anhörung im Januar eine Abweisung der Klage gefordert haben. Als Gründe wurden Verjährung sowie Unklarheiten in der Klageschrift angeführt.

Wir verurteilen sowohl die Forderung nach Abweisung der Klage als auch die Argumentationsweise Ihrer Anwälte. Das Vorgehen des BAYER- Konzerns stellt eine zynische Mißachtung des über die peruanischen Familien gebrachten Leids dar. Wir stellen uns auf die Seite des peruanischen Kongresses, der die Schuld für diese Todesfälle u.a. bei BAYER verortet. Wir fordern daher eine sofortige Anerkennung dieser Schuld und eine sofortige Entschädigung der betroffenen Familien durch ihr Unternehmen.

Die Verzögerung bei der Einreichung der Klage beruhte auf Repressionen der diktatorischen Fujimori-Regierung, die bis zum Sommer 2001 die Ermittlungen und juristische Schritte blockierte. Die „Unklarheiten“ in der Klageschrift (dort wird von einer Vergiftung durch Methyl Parathion oder Ethyl Parathion gesprochen) beziehen sich auf widersprüchliche Angaben der Behörden: während die Polizei von einer Vergiftung durch Methyl Parathion (ein weißliches Pulver, das Milchpulver ähnelt, von BAYER unter dem Handelsnamen „Folidol“ vertrieben) sprach, machte der damalige Präsident Fujimori den Wirkstoff Ethyl Parathion (ein flüssiges Pestizid) verantwortlich.

Wir fordern Sie auf, sich Ihrer Verantwortung als Vorstandsvorsitzender des BAYER-Konzerns zu stellen, anstatt die Hinterbliebenen mit juristischen Tricks hinzuhalten. Wir wiederholen zugleich die Forderung von Initiativen aus aller Welt nach einem Verkaufs-Stopp für alle Wirkstoffe der WHO-Toxizitätsklasse I.

Für den Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren

Axel Köhler-Schnura
Philipp Mimkes

[Übersichtsartikel] Die Bayer-Tochter und der Krieg im Kongo

CBG Redaktion

H.C. Starck finanziert Rebellengruppen

Die Hügel um die Stadt Mumba im Osten des Kongo sind mit Stollen und kleinen Bergwerken übersäht. Beim Untergang der Sonne klettern Minenarbeiter aus den schlecht befestigten Gräben, einige umklammern Plastiktüten mit schwarzem Sand. Die Arbeit ist hart und gefährlich - hunderte von Arbeitern wurden in den vergangenen Jahren in einstürzenden Stollen begraben. Zweimal wöchentlich kommen schwer bewaffnete Soldaten in die Region 50 km nordwestlich von Goma und kaufen den bröckeligen Sand für zehn bis zwanzig Dollar pro Kilo an – ein Vermögen in diesem Teil der Welt.
Coltan – die Abkürzung von Colombo-Tantalit – enthält das seltene Metall Tantal. Das extrem hitze- und säureresistente und einfach zu verarbeitende Edelmetall wird für die Produktion von Handys, Flugzeugmotoren, Airbags, Nachtsichtgeräten und hochmodernen Kondensatoren verwendet. Das Pentagon stuft Tantal als strategischen Rohstoff ein. Die wichtigsten Reserven liegen in Australien, Brasilien und Zentralafrika - in keinem Land der Welt aber spielt Tantal eine so große ökonomische Rolle wie in der Demokratischen Republik Kongo.
Als Coltan vor zwei Jahren im Verlauf des Handy-Booms knapp wurde, schoss der Preis in die Höhe. An der Londoner Metallbörse stieg der Tantalpreis zwischen Februar 2000 und Januar 2001 von 75 auf knapp 400 Dollar pro Kilo. Die steigenden Preise führten zu einem Konzentrationsprozess, bei dem nur die zahlungskräftigsten Firmen noch zum Zuge kamen. Die Aussichten auf fette Profite riefen zahlreiche Kleinhändler auf den Plan, die sich nach unkonventionellen neuen Bezugsquellen wie dem Kongo umsahen. Viele kongolesische Goldgräber wechselten das Fach und schürften nun nach dem unscheinbaren Mineral.

Rohstoffe finanzieren Waffenkäufe
Der kongolesische Reichtum an Gold, Diamanten, Mineralien und Kupfer weckt seit jeher Begehrlichkeiten. Auf Seiten der kongolesischen Regierung ist die Übertragung von Schürfrechten an militärische Verbündete gut dokumentiert: Ölförderlizenzen gingen an Angola, Diamanten- und Kobaltminen an Simbabwe, Abbaurechte für Diamanten an Namibia. Die Rebellenarmeen, die rund die Hälfte des Staatsgebietes kontrollieren, verkaufen Holz, Kaffee, Diamanten und Gold. So verzehnfachte das mit den Aufständischen verbündete Uganda im Laufe des Krieges seine Goldexporte.
Die von Ruanda unterstützte Rebellengruppe RCD (Kongolesische Sammlung für Demokratie), die den Osten des Kongos beherrscht, finanziert sich hauptsächlich durch Coltan. Die RCD kontrolliert den Export, erhebt pro Tonne bis zu 10.000 Dollar Steuern und finanziert damit Waffenkäufe und Sold. ”Wir befinden uns schließlich im Krieg”, erklärte ihr Kommandant Adolphe Onusumba Anfang 2001, ”wir müssen unsere Soldaten ausrüsten und bezahlen. Der Coltan-Verkauf bringt in einem guten Monat eine Million Dollar .” Der Export läuft über die ruandische Hauptstadt Kigali, russische Antonov-Flugzeuge liefern den Rohstoff nach Europa und bringen auf dem Rückflug Waffen mit.
Neben dem Anheizen des Bürgerkriegs bewirkt der ungeregelten Abbau von Coltan auch die Zerstörung des Lebensraumes einer der letzten großen Menschenaffen-Populationen. Teile des Nationalparks Kahuzi-Biega, in dem einige Tausend Elefanten und Flachlandgorillas lebten, sind von den Minenarbeitern zerstört worden. Hauptnahrungsquelle im Dschungel ist das sogenannte „Bushmeat“ - Affen, Elefanten, Vögel und Krokodile.

Zwei bis drei Millionen Opfer
Der Belgier Erik Kennes, der die Auswirkungen von Bürgerkrieg und Rohstoffabbau für die Zivilbevölkerung untersucht, fasst die Situation wie folgt zusammen: „Die Bevölkerung arbeitet bis zur Entkräftung, um die Armeen zu ernähren, die sie ausbeuten.“ Das in Goma ansässige Pole-Institut schreibt in einer Studie über die sozialen Auswirkungen des Coltanbooms, dass Bauern ihre Felder brachliegen lassen oder in ihnen nach Coltan graben, statt Lebensmittel anzupflanzen. „Folgen wie Jugendkriminalität, Rückgang der Einschulungsquote, Zunahme von Gewalt und Prostitution oder der Umstand, dass Männer mit Taschen voller leicht verdienten Geldes ihre Familien verlassen, belasten das bereits durch den Krieg betroffene soziale Gefüge.“
Nach Angaben der UNO hat der Bürgerkrieg im Kongo seit 1998 2-3 Millionen Opfer gefordert, zum größten Teil durch Vertreibungen, Hunger und Krankheiten. Der Krieg im Kongo ist somit weltweit der verlustträchtigste Konflikt der vergangenen Jahre.

UN fordern Embargo
Die Hintergründe des Krieges beleuchtet ein Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen, der vor allem die Lage im Osten des Kongo beleuchtet. Demnach dreht sich „der Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo hauptsächlich um Zugang zu, Kontrolle von und Handel mit fünf mineralischen Ressourcen: Coltan, Diamanten, Kupfer, Kobalt und Gold.“ Weiter heißt es: „Die Folgen der illegalen Ausbeutung führen zu massiver Verfügbarkeit finanzieller Ressourcen für Ruandas Armee.“
Ruanda ist seit Beginn des Krieges die wichtigste militärische Kraft im Kongo, wobei lange Zeit unklar blieb, wie das winzige und vom eigenen Bürgerkrieg gezeichnete Land die enormen Kosten eines Kampfes an einer 1000 Kilometer langen Frontlinie finanzieren konnte. Der offizielle Militärhaushalt von Ruanda reicht kaum für den Sold der eigenen Armee. Ruandas Armee hat am Handel mit Coltan „über einen Zeitraum von 18 Monaten mindestens 250 Millionen Dollar verdient“, schätzt der UN-Bericht. „Dies reicht, um den Krieg zu finanzieren. Hierin liegt der Teufelskreis des Krieges. Coltan hat der ruandischen Armee die Fortdauer ihrer Präsenz in der Demokratischen Republik Kongo ermöglicht.“
Die UNO scheut sich nicht, auch die Verantwortlichen in den Ländern des Nordens zu nennen: ”Die Verbindung zwischen der Fortsetzung des Konflikts und der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht einige, die nicht zu den Konflikt-Parteien zählen, eine Schlüsselrolle gespielt hätten, willentlich oder nicht.” Genannt werden die Firmen H. C. Starck, Cabot und Ningxia. Der Bericht empfiehlt ein temporäres Embargo für Mineralienexporte. Der UN Sicherheitsrat folgte diesem Votum auf Druck der USA allerdings nicht und beschloss lediglich, weitere Untersuchungen durchzuführen.

Bayer-Tochter verheddert sich in Widersprüche
Die in der UNO-Untersuchung genannte Firma H.C. Starck ist eine hundertprozentige Tochter des Leverkusener Bayer-Konzerns. Nach Recherchen der Washington Post wurde bis ins vergangene Jahr etwa die Hälfte des kongolesischen Tantalits von Starck weiter verarbeitet. Auch RCD-Sprecher Kin-Kiey Mulumba bestätigt: „Es gibt viele Deutsche, die Coltan kaufen“.
Die Firma gehört weltweit zu den wichtigsten Käufern seltener Metalle und ist Weltmarktführer bei der Tantal-Verarbeitung. Zu den wichtigsten Kunden von Starck gehört die Siemens-Tochter Epcos, die auf die Produktion von Chips spezialisiert ist.
Hauptsächlich durch den Tantal-Boom stieg der Umsatz der Firma im Jahr 2000 allein um über 50%. Im Bayer-Geschäftsbericht heißt es denn auch euphorisch: „Tantal heißt das Metall, ohne das heutzutage kein elektronisches Gerät mehr auskommt. Als feines Pulver dient es zur Herstellung leistungsstarker Elektrolyt-Kondensatoren, die in Handys, Personal-Computern oder CD-Spielern eingesetzt werden. Die Bayer-Tochtergesellschaft H. C. Starck produziert einen großen Teil des Weltbedarfs an diesem Spezialpulver - und ist damit sehr erfolgreich.“
H.C. Starck weist auf Anfrage jegliche Verantwortung von sich, verheddert sich dabei aber in Widersprüche. Ein Brief der Coordination gegen BAYER-Gefahren vom Dezember 2000 (sechs Monate vor Veröffentlichung des UN Berichts), in dem sich der Verein nach den Partnern im Kongo und der Höhe der Aufwendungen erkundigte und in dem die Gefahr einer Finanzierung des Bürgerkriegs ausgesprochen wurde, wurde lapidar beantwortet – aus Wettbewerbsgründen könnten die gewünschten Auskünfte nicht erteilt werden. Wenige Monate später erklärte Firmensprecher Manfred Bütefisch, ”in der Praxis ist nur schwer nachvollziehbar, ob Rohstoffe aus der Krisenregion oder anderen Teilen Afrikas stammen”. Auch dass Händler, die in Deutschland Tantal anbieten, sich aus dem Kongo versorgen, könne man „nicht ausschließen“. Einen Monat später erfolgt die Rolle rückwärts: ”H.C. Starck bezieht keine Rohstoffe aus der Krisenregion”. Einen Nachweis blieb die Firma aber schuldig, da sie ihre Zulieferer nicht nennen will.
Nachdem Recherchen verschiedener Medien eine Verbindung zwischen der Bayer-Tochter und den Händlern im Osten des Kongo nachwiesen, ruderte das Unternehmen erneut zurück: Im Oktober 2001 gab Unternehmenssprecher Bütefisch in einem Interview zu, ”wir beziehen unser Material direkt aus der Stadt Goma von einem uns bekannten Händler. Nach allen Informationen, die uns vorliegen, ist es absolut sauber.” Bütefisch gab sich weiterhin „fest davon überzeugt, dass von dem Geld für Coltan-Lieferungen weder Rebellen unterstützt noch Entwicklungen begünstigt würden, die eine Verletzung des angrenzenden Nationalparks zur Folge hätten“. Es bleibt Bütefischs Geheimnis, wie das Unternehmen Rohstoffe aus dem Ost-Kongo beziehen will, ohne die Rebellen zu unterstützen - da die RCD Steuern auf Coltan-Ausfuhren erhebt, liefe die Argumentation des Unternehmens auf Schmuggel hinaus.
Gegenüber der Financial Times war sich H. C. Starck auch nicht zu schade, dreist zu lügen: ”Wir sind erst durch den Bericht der Vereinten Nationen Mitte April 2001, der Verf. auf die besondere Situation in dieser Region aufmerksam geworden” - also sechs Monate nach der abschlägig beschiedenen Anfrage der Coordination gegen BAYER-Gefahren. Zudem lasse sich das Unternehmen die Seriösität ihrer Geschäftspartner durch das Auswärtige Amt bestätigen. Das AA hingegen weist auf Nachfrage darauf hin, dass es grundsätzlich keine amtlichen Stellungnahmen pauschaler Art über die Seriösität einzelner ausländischer Firmen abgebe .

Recherche nach „Wallraff-Methode“
Auch gegenüber dem Journalisten Klaus Werner, Autor des „Schwarzbuch Markenfirmen“, verweigerte das Unternehmen mit Verweis auf ”interne Daten” jegliche Auskunft. Ob die Firma das wertvolle Pulver auch aus dem Kongo bezieht, gab Sprecher Bütefisch auch nach beharrlichem Insistieren nicht preis: ”Ich werde weder das eine noch das andere sagen.” Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, sah sich Klaus Werner deshalb gezwungen, die Wallraff-Methode anzuwenden. Er schlüpfte in die Haut eines Tantalit-Händlers aus dem Kongo, legte sich die Internet-Identität ”Robert Mbaye Leman, Wohnort: Arusha, Tansania, Beruf: Rohstoffhändler” zu und mailte H. C. Starck ein Angebot. Die Antwort kam postwendend: ”Wir sind generell interessiert am Kauf allen Tantalit-Rohmaterials. Lassen sie uns bitte eine Analyse, eine Probe und ihre Preis-Vorstellung zukommen. Nachdem wir diese Informationen bekommen haben, werden sie schnell unsere Antwort erhalten.” Um der möglichen Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit zu entgehen, trat H. C. Starck/Thailand als Kauf-Interessent auf - wozu ist man schließlich ein Welt-Konzern!
Die schmutzige Quelle ”Kongo” schmälerte das Interesse an dem Tantalit ebenso wenig wie das Bekenntnis Lemans/Werners, er beziehe die Ware über die SOMIGL. Diese Firma wurde von der RCD gegründet und handelt nicht nur mit Bodenschätzen, sondern auch mit Waffen und nimmt es dabei mit den Zoll-Bestimmungen nicht immer genau. ”Geschäft ist Geschäft” - darauf können sich eben alle Beteiligten an der Kriegswirtschaft jederzeit einigen.

Die Lügen und das Geschäft gehen weiter
Nach der Veröffentlichung eines weiteren UN Berichts im Sommer diesen Jahres kam von Starck eine letzte Kehrtwendung: „Seit August 2001 kauft H.C. Starck kein Material aus Zentralafrika mehr.“ Erneut behauptet das Unternehmen, in der Vergangenheit keine Abgaben an Rebellengruppen geleistet zu haben. Wenige Monate später entpuppte sich jedoch auch diese Aussage als Lüge: in einem weiteren Untersuchungsbericht wies die UNO nach, dass H.C. STARCK von der in Bukavu/Kongo ansässigen Firma EAGLE WING weiterhin Coltan bezieht. Zudem bezog die thailändische Niederlassung von STARCK falsch deklariertes Coltan, das ebenfalls aus dem Kongo stammte - nach Angaben der UNO war STARCK die Herkunft des Materials bekannt. Auch die Aussage der Firma, in der Vergangenheit lediglich mit Partnern kooperiert zu haben, die „keine Abgaben an Rebellenorganisationen leisten oder geleistet haben oder in anderer Form mit diesen kooperieren“ wird als unwahr bezeichnet. Nach Meinung der UNO verstoße die Firma somit gegen die Richtlinien der OECD für multinationale Konzerne.
Eine weitere Spur führt nach Angaben der UNO aus dem Kongo nach Kasachstan: Große Teile des in Zentralafrika geschürften Coltans werden an die Atomfabrik Ulba Metallurgical Plant geliefert. H.C. STARCK hat in der Vergangenheit bei der Entsorgung von Giftstoffen eng mit der kasachischen Atomindustrie kooperiert, ob STARCK auch über den Umweg nach Kasachstan Coltan bezieht, wollte die Firma auf Anfrage erwartungsgemäß nicht beantworten.
Wer die Coltan-Minen in Zukunft kontrolliert, ist zur Zeit unklar. Durch den Abzug der ruandischen Regierungstruppen im Herbst 2002 wurde die RCD stark geschwächt, so dass andere Gruppen den Handel mit Rohstoffen übernehmen könnten. Eine andere Entwicklung indes ist absehbar: der Handel mit dem Element Niob wird an Bedeutung gewinnen. In einer Verlautbarung der Siemens-Tochter Epcos heißt es: „Mit Niob-Kondensatoren werden Werte erreichbar sein, die höchstkapazitative Tantal-Kondensatoren um den Faktor 2 bis 3 übertreffen“. Den Kongo braucht das nicht zu stören. Denn Niobium, auch Colombium genannt, ist der andere Bestandteil von Coltan.

[Hauptversammlung] Rede Pater Gregor Böckermann

CBG Redaktion

Pater Gregor Böckermann von den „Weiße Väter - Afrikamissionare“ am 27. April 2001 auf der Hauptversammlung der Bayer AG in Köln

Sehr geehrte Damen und Herren Aktionäre, verehrte Vorstands-
mitglieder,

wenn morgen jemand sein altes Handy gegen das neueste Modell eintauscht, dann heizt er mit hoher Wahrscheinlichkeit den verheerenden Bürgerkrieg im Kongo indirekt mit an. Wenn der Kunde auch noch gleichzeitig Bayer-Aktien besitzt, dann verlängert er mit hoher Wahrscheinlichkeit den Krieg sogar direkt. Denn Bayer hat mit diesem Bürgerkrieg eine Menge zu tun.

In der Demokratischen Republik Kongo, dem früheren Zaire, liegt der Stoff, mit dem Handy- und Computerträume wahr werden. Colombo-Tantalum, kurz Coltan, heißt das Erz. Durch den Handy- und PC-Boom ist die weltweite Nachfrage sprunghaft angestiegen.

Die Bayer-Tochter H.C. Starck mit Sitz in Goslar gehört beim Handel mit Tantalumprodukten zur Weltspitze. Der vor wenigen Tagen veröffentlichte UN-Bericht zur - Zitat - „illegalen Ausplünderung der natürlichen Ressourcen“ in der DRC kommt zu der Kernaussage - ich zitiere: „Der Konflikt dreht sich hauptsächlich um Zugang zu, Kontrolle von und Handel mit fünf mineralischen Ressourcen“, darunter auch Coltan. Der UN-Bericht nennt explizit die Bayer-Tochter H.C. Starck als Bezieherin von kongolesischem Coltan. Die Hamburger Umweltorganisation „Rettet den Regenwald“ hat den Bayer-Vorstand deswegen schriftlich aufgefordert, vorläufig auf den Einsatz von Mineralien aus dem Bürgerkriegsland zu verzichten.

Ich frage den Vorstand, ob er dieser Forderung nachkommen wird?

Der UN-Bericht bezeichnet die Konzerne, die mit kongolesischen Mineralien handeln, als - Zitat - „Motor des Konfliktes“. Laut UN-Bericht „kennen die importierenden Konzerne die tatsächliche Herkunft des Coltan.“ Bayer bereichert sich demnach vorsätzlich an der Veredlung eines Metalls, dessen Förderung den Krieg im Kongo anheizt - ja, sogar noch verlängert. Denn von den Coltanerlösen werden Waffen gekauft. Oder andersherum: Ohne den Handel mit Mineralien wie Coltan wäre der Krieg gar nicht finanzierbar.

Rund 250.000 Menschen fielen dem Bürgerkrieg bisher zum Opfer, eine Million Menschen wurde vertrieben, die Natur ist schwer geschädigt. Bayer hat gegenüber „Rettet den Regenwald“ bisher lediglich zugesagt, keine Mineralien aus Regenwaldgebieten in der DRC mehr zu beziehen, in denen der Coltanabbau schwere Umweltschäden hinterläßt.

Ich frage den Vorstand: Trifft es zu, dass H.C. Starck weiter Coltan aus anderen Gebieten in der DRC bezieht. Und falls ja, ist es mit den Bayer
Unternehmensgrundsätzen vereinbar, dass der Konzern dadurch laut UN-Bericht direkt zur Verlängerung eines blutigen Krieges beiträgt?

In den Unternehmensleitsätze heißt es, ich zitiere: „Produktverantwortung endet nicht am Werkstor. Bayer-Produkte müssen den Grundsätzen von Responsible Care (verantwortliches Handeln) und Sustainable Development (nachhaltige, zukunftsverträgliche Entwicklung) entsprechen.

Bayer hat inzwischen mitgeteilt, H.C. Starck beziehe seine Rohstoffe u.a. von etablierten Händlern, mit denen das Unternehmen bereits seit vielen Jahren zusammenarbeite. Aus der Einschränkung “unter anderem" ergibt sich, dass H.C. Starck seine Rohstoffe auch von nicht etablierten Händlern bezieht bzw. bezogen hat.

Ich frage den Vorstand: Wie können Sie sicher stellen, dass Coltan-Lieferanten von H.C. Starck, die Sie nicht zu den etablierten Händlern zählen, kein Material aus der DRC liefern?

Ich frage weiter: Sind Sie in der Lage und bereit, der Öffentlichkeit die Namen sämtlicher Händler zu nennen, von denen H.C. Starck Coltan aus der DRC direkt oder über die Nachbarländer bezieht bzw. in der Vergangenheit bezogen hat?

Wie gesagt: 250.000 Tote hat der Krieg gefordert und eine Million zu Flüchtlingen gemacht. Wer ein neues Handy kauft, beteiligt sich womöglich indirekt an dem Gemetzel. Wer eine Bayer-Aktie besitzt, ist vielleicht sogar direkt mit verantwortlich. Wer den Konzern führt, erst Recht.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Coltan aus dem Kongo

CBG Redaktion

Kriegsgewinnler Bayer

Über 2 Millionen Tote sind dem Krieg im Kongo seit 1997 zum Opfer gefallen. Ein Bericht der UNO vom 23. April 2001 stellt fest, dass die Kämpfe hauptsächlich wegen des Zugangs zu Rohstoffquellen geführt werden, neben Gold und Diamanten steht Tantalit im Zentrum des Interesses. Das Mineral enthält Tantal, welches besonders in Handys und elektronischen Schaltkreisen Verwendung findet.

Brief an Joschka Fischer

CBG Redaktion

Außenminister Joschka Fischer
Auswärtiges Amt
11013 Berlin

20. Oktober 2003

Philippinen: Kriminalisierung von Umweltschützern und Journalisten

Sehr geehrter Joschka Fischer,

aus den Philippinen erreicht uns die Nachricht, dass Dr. Romy Quijano seitens philippinischer Regierungsvertreter juristischen Attacken ausgesetzt ist.

Dr. Quijano ist Arzt und lehrt Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Manila. Seit rund 20 Jahren arbeitet er u.a. zu Gesund-
heitsrisiken von Pestiziden. Er ist Vorsitzender der philippinischen Sektion des Pesticide Action-Network (PAN) und gehört zu den Leitern des International POPs Elimination Network (IPEN), einem Zusammenschluss von 300 Umweltorganisationen aus aller Welt. Zudem ist er NGO-Repräsentant im Intergovernmental Forum on Chemical Safety, dem mehr als 100 Regierungen angehören.

Seit 1997 hat Dr. Quijano eine Reihe von Untersuchungen in dem Dorf Kamukhaan auf Mindanao vorgenommen. In unmittelbarer Nachbarschaft des Dorfs befindet sich eine große Bananenplantage in Besitz der Lapanday Agricultural Development Corporation (LADECO). Auf der Plantage werden in großem Umfang Pestizide eingesetzt, darunter Wirkstoffe, die von der Weltgesundheitsorganisation als „extrem gefährlich“ klassifiziert werden. Sowohl bei den Arbeitern als auch in der benachbarten Gemeinde trat eine hohe Zahl von Vergiftungsfällen auf. Auch die umliegenden Felder und Gewässer sind stark vergiftet.

Dr. Quijano hat mit lokalen Helfern medizinische Untersuchungen der Dorfbevölkerung vorgenommen und sowohl Trinkwasser- als auch Urinproben auf Pestizidbelastungen hin untersucht. Im März 2000 veröffentlichte Dr. Quijano die Ergebnisse gemeinsam mit seiner an den Recherchen beteiligten Tochter Ilang-Ilang Quijano unter dem Titel Poisoned Lives in der Philippine Post (den Artikel finden Sie im Anhang). Auch der philippinische Fernsehsender ABS-CBN sowie mehrere internationale Medien berichteten über den Fall.

Die Firma LADECO besitzt 40 Plantagen im ganzen Land und ist der größte philippinische Produzent und Exporteur von Südfrüchten (besonders Bananen). Anwälte des Unternehmens reichten im August 2000 Strafanzeige wegen Verleumdung gegen Dr. Quijano und seine Tochter sowie vier Journalisten ein (Leti Boniol (Inquirer desk editor), Danilo Mariano (ABS-CBNnews.com editor), Carlos Conde (New York Times Korrespondent) und Nick Legaspi (Malaya deskperson)). Die Klage wurde im Frühjahr 2001 vom Gericht in Davao City/Mindanao abgewiesen, da die Veröffentlichung der Recherchen von „öffentlichem Interesse“ sei. Das Gericht bezeichnete die Veröffentlichung als „written in good faith to call the attention of the public to the present state of health and risks of the residents of Kamukhaan, and for the government to take appropriate action“.

LADECO befindet sich in Besitz der Familie Lorenzo, einer der wohlhabendsten Familien des Landes. Eine politische Wendung erhält der Fall dadurch, dass Luis Lorenzo Jr., seit langem Beraterin von Präsidentin Gloria Arroyo, im vergangenen Oktober zum Landwirtschaftsminister aufgestiegen ist. In dieser Funktion leitet Lorenzo auch die philippinische Pestizid-Regulierungsbehörde Fertilizer and Pesticide Authority (weitere Informationen zur Familie Lorenzo im Anhang).

Am 4. Juli 2003 entschied das philippinische Justizministerium überraschend, die Abweisung der strafrechtlichen Klage durch das Gericht in Davao City aufzuheben und den Fall neu zu verhandeln. Zwar wurde Dr. Quijanos Anwalt mitgeteilt, dass kein Haftbefehl vorliege. Dennoch wurde Romy Quijano am 8. September verhaftet und erst nach Zahlung einer Kaution wieder freigelassen. Der Haftbefehl bezog sich auch auf die mitangeklagten Journalisten, wurde jedoch nur bei Dr. Quijano vollstreckt.

Wir möchten Sie zunächst auf diesen groben Fall von Unterdrückung wissenschaftlicher und journalistischer Arbeit hinweisen. Wir arbeiten seit vielen Jahren mit Dr. Quijano zusammen und kennen ihn als engagierten und unbestechlichen Streiter gegen Risiken von Chemikalien und Pestiziden. Alles deutet darauf hin, dass die ungewöhnliche Wendung des Prozesses auf Druck des Landwirtschaftsministers und Mit-Besitzers der LADECO, Luis Lorenzo zustande kam. (Dr. Quijano ist im übrigen nicht das erste Mal juristischen Attacken ausgesetzt. Nachdem er zu Beginn der 90-er Jahre Gesundheitsrisiken des Pestizids Endosulfan veröffentlicht hatte, klagte die deutsche Firma Hoechst gegen ihn und verlangte 22 Millionen Peso Schadenersatz. Die Klage wurde abgewiesen, Endosulfan wurde kurze Zeit später in den Philippinen verboten.)

Wir möchten Sie bitten, alle Institutionen, mit denen Sie auf den Philippinen kooperieren, auf den Fall aufmerksam zu machen. Darüber hinaus möchten wir Sie bitten, bei der philippinischen Regierung gegen die Kriminalisierung unabhängiger Umweltschützer zu protestieren und eine sofortige Einstellung des (offenbar politisch gewollten) Verfahrens zu fordern.

Für eine möglichst umgehende Antwort wären wir dankbar.
Mit freundlichen Grüßen,

Philipp Mimkes
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Postfach 15 04 18
40081 Düsseldorf

gez. Niklas Reese
Philippinenbüro e.V. Bullmannaue 11
D-45327 Essen

gez. Friedhelm Meyer
Solidarische Kirche im Rheinland
Borchemstr. 5
40597 Düsseldorf

Hintergrundmaterialien LADECO/Familie Lorenzo
LADECO is owned by Lapanday Holdings, one of the country‚s largest producers and exporters of fresh fruit, taking an 11% share of the total market. In 1999, Lapanday accounted for 33% of the total banana export market in the Philippines. Although bananas are the company‘s main product, they also produce pineapples, mangos, seafood and processed fruits.

Lapanday owns 40 plantations in Mindanao, which represent 6,200 hectares of land and employ 7,300 people. Luis Lorenzo Sr. acquired the Guihing, Lapanday, and Callawa farms from the Ayala-Aboitiz group in 1982. The Lapanday farms produced and packed Cavendish bananas for Del Monte. In 1997, Lapanday‚s expanded from being a grower and packer for multinational brands to being a exporter and regional produce supplier. The first Philippine brands of fresh fruit were introduced to the global market - „Mabuhay,“ „Estrella,“ and „Aloha“ - all grown and packed in farms owned and managed by Global Fruits Corporation, a fully owned Lapanday subsidiary.

On October 2001, Luis Lorenzo Jr. was appointed by Pres. Gloria Macapagal-Arroyo as Presidential Adviser for the Creation of One Million Jobs.

On October 2002, Lorenzo was appointed as Cabinet Secretary of the Department of Agriculture (DA) by Arroyo. According to Lorenzo‘s biodata in the DA's official website, he is the Chairman & CEO of Lapanday Holdings Corporation, and Chairman of Lapanday Foods Corporation.

Previous Positions/Affiliations
* Chairman, Philippine Banana Growers and Employers Association, Inc.

[Rede Lars Neumeister] Rede von Lars Neumeister (PAN) auf der BAYER Aktionärsversammlung am 28. April 2000

CBG Redaktion

Sehr geehrte Damen und Herren,

am Anfang meiner Rede möchte ich aus dem Geschäftsbericht der BAYER AG aus dem Jahre 1995 zitieren. Im Abschnitt Arbeitsgebiet Landwirtschaft heißt es dort unter anderem:
“Mit einem “Drei Punkte Programm” haben wir uns hinsichtlich Forschung, Entwicklung und Vertrieb der Pflanzenschutz-Produkte klare Ziele für die kommenden fünf Jahre gesetzt, um wichtige Aspekte wie Umweltschutz und Produktsicherheit noch weiter voranzubringen. So werden wir die eingesetzte Produktmenge je Anwendung noch weiter reduzieren und Produkte der WHO-Toxizitätsklasse 1 schrittweise durch Präparate mit geringerer Giftigkeit ersetzen.”

An dieser Stelle möchte ich den Vorstand fragen, wie weit die Ziele des 3 Punkte Programms im Jahr 1999 umgesetzt wurden. Denn 5 Jahre später sind diese Wirkstoffe immer noch auf dem Markt und tragen zur Vergiftung von Mensch und Umwelt bei. Ein besonders schockierendes Beispiel wurde uns durch das Pestizid Aktions- Netzwerk in den Philippinen bekannt. Menschen und die Umwelt wurden dort durch Pestizide vergiftet.

Unter anderem wurden dort die BAYER Wirkstoffe Fenamiphos und Carbofuran ausgebracht. Beide Wirkstoffe gehören zur höchsten Giftigkeitsklasse der Weltgesundheitsorganisation. Im Dorf Kamukhaan, das seit 19 Jahren von Bananen-Plantagen umgeben ist, klagen die BewohnerInnen über akute Vergiftungserscheinungen sowie chro-nische Krankheiten wie Krebs, Asthma und Anämie. Pestizide werden dort nach der Ausbringung oft direkt durch die Luft ins Dorf eingetragen. Die Flüsse und das Grundwasser sind verschmutzt und die wenigen verbliebenen Fische kontaminiert. Allein im Juli 1999 starben neun Menschen an den Folgen von Pestizidvergiftungen. Im Dorf geborene Kinder kommen häufig mit körperlichen Missbildungen und geistigen Behinderungen auf die Welt. Viele sterben während oder kurz nach der Geburt. Nicht nur die direkten Einwirkungen durch Pestizide schädigen die Bewohner des Dorfes. Alle wirtschaftlichen Grundlagen des Dorfes sind durch den Chemikalieneinsatz auf den Plantagen beeinträchtigt. Die Kokospalmen trugen keine Früchte mehr und mussten gefällt werden. In den Flüssen befinden sich kaum noch Fische. Auf den durch Agrochemikalien unfruchtbar gewordenen Böden ist es sehr schwierig geworden, Marktfrüchte anzubauen oder die Selbstversorgung zu sichern. Vieh und Geflügel zu erzeugen, ist fast unmöglich, weil die Tiere immer wieder durch die Pestizideinwirkung getötet werden. Durch die Vermarktung von Pestiziden der Giftigkeitsklassen “extrem gefährlich” und “hoch gefährlich” der Weltgesundheitsorganisation sind Produzenten wie die BAYER AG mit verantwortlich für die Gesundheits- und Umweltschäden in den Philippinen.
Die Vorkommnisse in den Philippinen widersprechen den klaren Zielsetzungen BAYERs und ich frage Sie, ob Sie dazu Stellung nehmen können?

Zum Abschluss meiner Rede möchte ich aus dem Geschäftsbericht der BAYER AG aus dem Jahr 1999 zitieren. In der Einleitung heißt es: “Die technische und wirtschaftliche Kompetenz des Unternehmens ist für uns mit der Verantwortung verbunden, zum Nutzen der Menschen zu arbeiten und unseren Beitrag für eine dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung zu leisten.” Wir stellen nun die Frage an den Vorstand: Wird BAYER dieser Verantwortung gerecht und das Ziel aus dem Jahr 1995, die “...Produkte der WHO- Toxizitätsklasse 1 schrittweise durch Präparate mit geringerer Giftigkeit ersetzen” im Jahr 2000 erreichen?
- Vielen Dank.

Auf die Rede von Lars Neumeister (PAN Germany) äußerte der BAYER-Vorstand, das “Drei Punkte Programm” verlaufe planmäßig, über die Vorkommnisse in den Philippinen sei ihnen nichts bekannt, man werde sich darüber aber informieren.

[Kamukhaan] Kamukhaan: das Dorf, die Pestizide und der Tod

CBG Redaktion

Von Dr. Romeo Quijano und Philipp Mimkes

Der Ort sieht öde und verlassen aus. Fast könnte man ihn für eine Geisterstadt halten, doch dann sieht man einige kraftlose Menschen zwischen den schäbigen Hütten sitzen. Die 700 Bewohner des Dorfes Kamukhaan auf der philippinischen Insel Mindanao sind einem Tod auf Raten geweiht: Vor 20 Jahren kamen mit dem Bau einer Bananen-Plantage Vergiftungen, Krankheiten und Armut ins Land. Seitdem werden die Früchte fast täglich mit Pestiziden besprüht, die Gifte töten Menschen, Tiere und Pflanzen. Während die „makellosen“ Bananen ihre Reise in ferne Länder antreten, zahlen die Bewohner von Kamukhaan den Preis für die agro-industrielle Produktion.

Kamukhaan war nicht immer das Ödland, das es heute ist. Wie die Ältesten wehmütig erzählen, war das Dorf einst reich an natürlichen Ressourcen. Niemand brauchte zu hungern. Es gab Bäume und alle Arten von Vegetation, der See war voller Leben. Die Dorfbewoh- nerInnen, die vom Fischfang oder dem Getreideanbau lebten, hatten stets mehr als genug, um ihre Familien zu ernähren und ein einträgliches Leben zu führen. Das Landstück, auf dem jetzt die Plantage angesiedelt ist, war einst in Besitz der Familie Buloy. Der 71jährige Diego Buloy, letzter Überlebender der Clans, erzählt: „Die Abgesandten der Firma Gadeco gaben vor, auf dem Land Rinder züchten zu wollen. Aber sie betrogen uns, und wir leiden immer noch an den Folgen.“

Gadeco, in der Hand einer Großgrundbesitzer-Familie, produziert hauptsächlich für die US Unternehmen Del Monte und Chiquita. Die in Kamukhaan eingesetzten Agrochemikalien stammen von der amerikanischen Firma Du Pont und den deutschen Anbietern Bayer und Aventis. Gadeco versprach ein „banana dreamland“ und Wohlstand für die ganze Region. Die Realität sieht anders aus: ödes, karges Land, ein verseuchter See und kranke, verarmte Menschen, die gezwungen sind, giftige Luft zu atmen.

Seit dem Bau der Plantage sind die DorfbewohnerInnen zwei- bis dreimal im Monat direkt den per Flugzeug versprühten Pestiziden ausgesetzt. Nicht einmal in ihren Hütten können sie den Ackergiften entkommen. Ihre Augen brennen, und die Haut beginnt zu jucken. „Kinder, die auf der Straße gespielt haben, kehren hustend nach Hause zurück und klagen über schmerzende Augen“, erzählt Alona Tabarlong. Vorher kerngesunde Kinder und Erwachsene sind heute extrem krankheitsanfällig, die verschiedensten Krankheiten breiten sich unter den Dorfbewohnern aus. Sie bekommen leicht Fieber und leiden regelmäßig unter Schwächeanfällen, Schwindelgefühlen, Übelkeit und Husten-Attacken. Andere haben Asthma, einen Kropf, chronischen Durchfall oder Anämie (Blutarmut). Bei einigen Erwachsenen haben die Ärzte Krebs diagnostiziert.

Chronische Krankheiten und plötzliche Todesfälle sind in Kamukhaan alltäglich. Ein Angestellter der Dorf- Verwaltung bestätigt, dass im vergangenen Monat fünf Menschen an Durchfall oder hohem Fieber gestorben sind. Und Nanette Rodriguez berichtet: „Allein im vergangenen Juli sind neun Menschen gestorben. Schon vorher sind viele krank geworden, von denen einige mittlerweile tot sind. Deshalb gingen wir zum Geschäftsführer der Plantage. Aber er sagte, die Gesellschaft komme nicht für unsere Krankenhaus- Rechnungen auf, da es unser verschmutztes Wasser sei, dass die Krankheiten verursache. Die Ärzte im Hospital bestätigten, dass unser Wasser-Reservoir mit Pestiziden vergiftet ist, die durch die Erde gesickert sind.“

„Erst gestern verlor eine Frau zwei ihrer Kinder“ erzählt ein Dorfbewohner. Babys kommen oftmals krank oder mit Missbildungen zur Welt. Viele haben von Geburt an schwere Hautleiden. Nicht selten sterben die Säuglinge bei der Niederkunft oder kurz danach. Die Pestizide haben eine fatale Auswirkung auf die geistige und körperliche Entwicklung der Kinder, viele versäumen wegen ihrer Krankheitsanfälligkeit häufig die Schule. Die 8jährige Lilibeth Hitalia beispielsweise ist wegen ihres chronischen Durchfalls zu häufigen Krankenhaus- Aufenthalten gezwungen. „Bei ihrer Geburt war sie sehr klein, und sie begann erst mit vier Jahren zu sprechen. Noch immer hat sie ein beeinträchtigtes Auffassungsvermögen“, sagt uns ihre Mutter.

Auch die Getreide- und Gemüsefelder des Dorfes leiden unter den Giften. Seitdem auf der Plantage Pestizide verspritzt werden, tragen die Kokosbäume keine Früchte mehr, die DorfbewohnerInnen waren gezwungen, die Bäume zu fällen. Der Boden ist unfruchtbar geworden, so dass der Getreideanbau zur Selbstversorgung oder Sicherung des Lebensunterhalts kaum noch möglich ist. Die Aufzucht von Schweinen, Hühnern und anderen Tieren wird immer schwerer, da viele während der Spritz-Phasen verenden. Die Einwohner von Kamukhaan vermuten, dass ihr 50 Meter unter dem Erdboden liegendes Wasser-Reservoir verseucht ist. Während der Niederschlagszeit nimmt das Regenwasser die Pestizide von den Feldern auf und fließt in Richtung Dorf, wo der Wasserstand manchmal Hüfthöhe erreicht. Die Bewohner sind gezwungen, durch das Wasser zu waten, die darin spielenden Kinder werden oftmals krank.

Die Pestizide verschonen auch den Fluss und den See nicht - Hauptquellen für Nahrung und Lebensunterhalt. Das Wasser, in dem es einst vor Fischen nur so wimmelte, ist heute pestizidverseucht. Fischer erinnern sich noch an die Zeit vor 30 Jahren „als wir jeden Tag 200 Kilogramm Fisch fingen. Heutzutage sind wir froh, wenn es noch zwei Kilo sind“. Das Fischsterben ist in Kamukhaan Alltag geworden. Einige BewohnerInnen sind auf den vergifteten Fisch als Nahrungsmittel angewiesen und deshalb häufig krank. Schon oft hat sich die Dorfbevölkerung bei den Plantagenbesitzern beschwert, aber diese lehnen jede Verantwortung ab. Einmal zogen die Fischer mit toten Fischen, Wasser- und Bodenproben ins Rathaus, aber auch dort stießen ihre Klagen auf taube Ohren. Jetzt, da die Pestizide die natürlichen Lebensgrundlagen des Ortes zerstören, gehen die DorfbewohnerInnen, die vorher nie Hunger leiden mussten, oftmals mit leerem Magen ins Bett.

Der Möglichkeit beraubt, Tätigkeiten als Fischer oder Bauer auszuüben, sind viele Männer genötigt, auf der Plantage zu arbeiten. Die Pestizide werden nicht nur von der Luft aus versprüht, die Arbeiter spritzen auch direkt über ihren Köpfen und stehen stundenlang im Chemikalien-Nebel. Eine angemessene Schutzkleidung erhalten sie nicht, gegen die Pestizid-Dämpfe werden nur Stoff-Masken ausgeteilt. Hände, Füße und Beine bleiben ungeschützt und kommen ständig mit den Pestiziden in Kontakt. Ein Training für die Handhabung der Gifte existiert nicht - lediglich eine kurze Einweisung. Ein Arbeiter erzählt, wie er durch die zwischen den Bananen-Stauden angelegten Kanäle waten musste, in dem das vergiftete Wasser bis zu den Schenkeln reichte und in seine Schuhe lief. Durch eine Infektion verlor er zwei Zehen, für die Behandlung musste er selber aufkommen.

Eines der am häufigsten eingesetzen Agrogifte in der Plantage ist Fenamiphos (Produktname Nemacur), das vom Leverkusener Bayer-Konzern hergestellt wird. Fenamiphos wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO in die Gefahrenklasse Ia („extrem gefährlich“) eingestuft. Das Unternehmen Bayer hatte Mitte der 90er Jahre angekündigt, bis Ende des Jahrzehnts alle Pestizide der Klassen Ia und Ib („hoch gefährlich“) vom Markt zu nehmen - das Versprechen wurde aber bislang gehalten.

Die meisten Landarbeiter werden befristet angestellt und erhalten keinerlei Sozialleistungen oder Krankenfürsorge. Für eine 10stündige Schicht müssen sie sich mit einem Lohn von 45 Pesos (2 DM) - weniger als der gesetzliche Mindestlohn - oder gar mit Naturalien abspeisen lassen. „Manchmal erhalten wir 90 Pesos für besonders harte Tätigkeiten“ berichtet einer. Doch dieser Betrag reicht auch in den Philippinen nicht aus, eine Familie zu ernähren, erst recht nicht für eine medizinische Behandlung. Beschwerden ziehen eine sofortige Kündigung mit sich. Arbeiter, die Informationen über die Arbeitsbedingungen an Journalisten weitergegeben hatten, wurden unter Druck gesetzt, ihre Aussagen zurückzuziehen. Andernfalls wurden ihnen Klagen angedroht.

Zwei Männer, die den Wirkstoff Paraquat verspritzten, kamen ins Krankenhaus - einer von ihnen starb. Viele Arbeiter klagen ständig über Schwindelanfälle, Schwächegefühle oder Hautjucken und können deshalb häufig nicht zur Arbeit kommen. Edward Rama, der die Bananen jede Woche mit dem in den USA nicht zugelassenen Wirkstoff Bitertanol behandelt (enthalten in den Bayer-Produkten Baycor und Baymat), berichtet, dass er leicht ermüdet, Fieber bekommt und unter Magenproblemen sowie Hautjucken leidet.

Auch in so abgelegenen Orten wie Kamukhaan zeigen sich die Auswirkungen einer grenzenlosen Globalisierung. Die Bewohner des Ortes stehen möglicherweise vor ihrer Auslöschung: ihr Gesundheits- Zustand verschlechtert sich ständig, die Felder sind erschöpft, andere Einkommens-Quellen gibt es nicht. Die Menschen versinken in Armut und Hoffnungslosigkeit, doch nur wenige nehmen davon Notiz.
Die Dorf-Ältesten haben resigniert: „So sehr wir uns auch anstrengen, wir können gegen diese mächtigen Leute nichts ausrichten“. Solange es Dörfer wie Kamukhaan gibt, ist die Schlacht gegen Ungerechtigkeit, menschliche Gier und Unterdrückung nicht gewonnen.

Dr. Romeo Quijano ist Arzt und lehrt Pharmakologie an der Universität Manila
Philipp Mimkes ist Physiker und Journalist. Er ist Mitglied der Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.

Bayer-Pestizide im philippinischen Bananen-Anbau

CBG Redaktion

Seit dem Frühjahr 2000 kooperieren wir mit dem philippinischen Arzt und Pharmakologen Dr. Romeo Quijano, der Anwohner und Arbeiter von Bananenplantagen auf Pestizid-Schäden untersucht. Bitte lesen Sie einen ausführlichen Bericht über ökologische und gesundheitliche Probleme rund um die Bananen- Plantage im Dorf Kamukhaan auf der Insel Mindanao, in der u.a. das Pestizide Nemacur von Bayer zum Einsatz kommt. Fotos zeigen Plantagenarbeiter beim Ausbringen der Agrogifte und Flugzeuge, die Plantage und Dorfbewohner mit Pestiziden besprühen.

Day of No Pesticides

CBG Redaktion

update 16. Sept. 2011: BAYER nimmt tödliche Pestizide vom Markt

Offener Brief an BAYER zum Day of No Pesticides

Die Bayer AG kündigte 1995 an, hochgiftige Pestizide innerhalb von 5 Jahren weltweit vom Markt zu nehmen. Dieses Versprechen wurde bis heute nicht umgesetzt. Die Umweltverbände Coordination gegen BAYER- Gefahren, WWF Deutschland und Pestizid Aktions- Netzwerk schrieben daher einen Offenen Brief (s. unten) an die Bayer AG, in dem sie einen Verkaufs-Stopp der gefährlichsten Agrogifte fordern.
Über 200 Organisationen aus 40 Ländern, darunter der große amerikanische Umweltverband Friends of the Earth, und 400 Einzelpersonen unterzeichneten bereits den Brief (s.u.).

[Gewässer NRW] Die Giftfracht der Flüsse

CBG Redaktion

Während die Belastung der Gewässer durch Schwermetalle und andere Schadstoffe in den letzten Jahren spürbar abgenommen hat, stellt der Pestizid-Eintrag eine zunehmende Gefahr für die Flüsse dar. Dieser Sachverhalt bewog das Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen dazu, die Wasser-Verunreinigungen durch die sogenannten „Pflanzenschutzmittel“ genauer zu untersuchen. Das Ergebnis des gerade erschienenen Gewässergüteberichts ist alarmierend: In nahezu allen Oberflächengewässern des Bundeslandes konnten Agrochemikalien nachgewiesen werden.

Pestizide entstanden im Ersten Weltkrieg als Nebenprodukte chemischer Kampfstoffe. Entsprechend gefährlich sind sie für Mensch und Umwelt. Die Substanzen können unter anderem Krebs, Parkinson und Erbgut-Schädigungen auslösen sowie Kopfschmerzen, Muskelkrämpfe und Nervenleiden hervorrufen. In die Gewässer Nordrhein-Westfalens gelangen die Gifte durch den Gebrauch in der Landwirtschaft, Anwendungen im Kleingarten-Bereich und durch die Einleitungen der Pestizid-Produktionsanlagen von Bayer-Dormagen Bayer-Wuppertal. Die vorgeschalteten Kläranlagen müssen die Chemie ungehindert passieren lassen, denn sie verfügen nicht über geeignete Vorrichtungen, um die Gifte zu neutralisieren. In Rhein, Ruhr, Wupper und Emscher bedrohen die Pestizide die Ökosysteme der Flusslandschaften.

Da Trinkwasser in Nordrhein-Westfalen vorwiegend aus Oberflächen-
gewässern gewonnen wird, stellen die Chemie-Cocktails auch die Wasser-Wirtschaft vor ernsthafte Probleme. Schon ein Gramm eines Agrochemie-Wirkstoffes lässt 10.000 Kubikmeter Rheinwasser den vorgeschriebenen Trinkwasser-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter überschreiten. Die Wasserwerke sind deshalb gezwungen, immense Summen in Aufbereitungssysteme wie Aktivkohlefilter- Anlagen zu investieren. Das Lebenselixier Wasser wird so zu einem immer teureren Gut.

Im Bereich Landwirtschaft gibt es zahlreiche Wege, auf denen die Pestizide in die Oberflächengewässer geraten. Teilweise werden Flüsse einfach mitübersprüht oder dienen als Auffangbecken für die bei der Ausbringung verwehte Agrochemie. Kleinere Mengen der Gifte verdunsten am Boden, steigen auf und regnen beim ersten Niederschlag wieder auf die Flüsse und Bäche ab. Regnet es so stark, dass der Erdboden die Flüssigkeit nicht mehr aufnehmen kann, kommt es zu Oberflächenabflüssen, die die Pestizide in die Gewässer spülen. Dort sammelt sich auch dasjenige verunreinigte Wasser, das Drainagesysteme den Anbauflächen zur Steigerung des Pflanzen-
wachstums entziehen. Nach Angaben des Gewässergüteberichts stellen unter den Agrochemikalien die Unkrautvernichtungsmittel (Fachbegriff: Herbizide) die Hauptproblemgruppe dar, weil sie in den größten Mengen ausgebracht werden. Unter den zehn meistverwandten - und am häufigsten in den Proben nachgewiesenen - Wirkstoffen waren mit Glyphosat, Chlortoluron, Metamitron und MCPA vier Wirkstoffe, die vom Marktführer Bayer hergestellt werden.

Die größte Gefahr für die Gewässer-Qualität bedeuten allerdings die im Heim und Garten-Bereich verspritzten Unkrautvernichtungsmittel. Hier ist das von Bayer hergestellte Diuron unangefochten die Giftquelle Nr.1. Es zählt zu den sogenannten Total-Herbiziden, die im chemischen Rundumschlag allem „Wildwuchs“ den Garaus machen. Die Substanz dringt tief in das Erdreich ein, da sie über die Wurzeln der „Unkräuter“ wirkt und hat eine extrem lange Halbwertzeit. Besonders die Anwendung auf befestigten Flächen wie Gartenwegen, Garagen- Vorplätzen und Parkplätzen führt zu massiven Wasser-Belastungen, denn dort kann das Gift nicht versickern und wird vom Regen in die Kanalisation gespült. Von den Klärwerken aus gelangt es dann in die Flüsse. Das NRW-weite Messprogramm wies Diuron in 73 % aller Wasserproben nach; die mittlere Konzentration lag bei 0,72 Nano-
gramm pro Liter.

Die Pestizid-Produktion in Dormagen und Wuppertal-Elberfeld hat mit ihren Direkt-Einleitungen einen Anteil von 5-10 % an den Agrochemie-
Rückständen. Im - bereits vorbehandelten - Abwasser des Dormagener Werkes fanden die Fluss-Kontrolleure die sieben Wirkstoffe Chlorpropham, Diuron, Metabenzthiazuron, Metamitron, Metribuzin, Pencycuron und Triadimefon. Alle überschritten den zulässigen Trinkwasser-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. Triadimefon wurde in allen Proben festgestellt. Die mittlere Konzentration betrug 9,5 Mikrogramm pro Liter; die auf den Tag umgerechnete Proben- Durchschnittsmenge 500 Gramm. In den Einleitungen der Wuppertaler Bayer-Anlage tummelten sich die Wirkstoffe Fenamiphos, Isofenphos, Triadimefon und Triadimenol. Durch die Bank lagen die Mengen über dem Trinkwasser-Grenzwert. Zum höchsten Aussschlag der Messgeräte führte Triadimenol mit einer Konzentration von 44 Nanogramm pro Liter und einem durchschnittlichen Frachteintrag pro Tag von 150-200 Gramm.

Eine verheerende Auswirkung auf das Ökosystem der Wupper hatten 1990 und 1991 zwei Unfälle, bei denen große Mengen Isofenphos und Fenamiphos in den Fluss gelangten. Dies bedeutete das Todesurteil für Wasserflöhe, Kleinkrebse und Insektenlarven und führte laut Gewässergütebericht zu „einer Verödung der Gewässerstrecke von der werkseigenen Kläranlage bis zur Mündung“. Mittlerweile hat sich die Situation durch Produktionsverlagerungen zu Lasten anderer Flüsse und durch technische Maßnahmen etwas gebessert. Aber noch immer ist die Wasserqualität des Fließgewässers nicht gut. In der Güteklassen-Einteilung, die von I-IV reicht, liegt die untere Wupper bei II-III und der Bereich unterhalb der Kläranlage Buchenhofen bei III.

Der Gewässergütebericht enthält zahlreiche Empfehlungen an Bayer, wie die Pestizid-Schäden zu verringern wären. Ein Vorschlag der ExpertInnen ist die Einführung abwasserfreier Herstellungsverfahren oder alternativ die chemisch-physikalische Behandlung der Abwasser-
teilströme. Ein weiterer regt die verbesserte Selbstüberwachung mit anschließender Veröffentlichung der Ergebnisse an. Zudem hält das Landesumweltamt eine Verstetigung der Produktion für geboten. Die en bloc-Herstellung von nur saisonal benötigten Pestiziden führt in den Gewässern nämlich zu Spitzenwerten, die wie chemische Keulen wirken. Auf eine Nachfrage bei der Behörde, ob Bayer die Ratschläge denn beherzigt habe, kommt erwartungsgemäß ein „Nein“ als Antwort. Dafür hätte sich das umweltpolitische Klima zu sehr verändert, so ein Beamter in leicht resigniertem Tonfall. An eine Umwandlung der Empfehlungen in gesetzliche Auflagen möchte er schon gar nicht denken. Trotz der immensen Kosten, die für die Wasserwerke durch die aufwendige Herausfilterung der Schadstoffe entstehen, wird die Politik hier für geraume Zeit keinen Handlungsbedarf sehen.

Nur auf einem Gebiet musste der Hersteller Bayer klein beigeben: Nachdem die Ausbringung von Diuron auf den Gleisanlagen der Bahn AG schon seit längerer Zeit untersagt ist, beugte sich der Konzern dem anhaltenden öffentlichen Druck und kündigte an, das Produkt künftig nicht mehr für den Kleingarten-Bereich anzubieten. Im Obstbau bleibt Diuron aber zum Leidwesen der Flüsse weiter im Einsatz.

Der Gewässergütebericht gibt einen erschreckenden Einblick in die Wasser-Verunreinigungen durch Pestizide. Die Schadensbilanz ist umso alarmierender, als sie gar nicht das ganze Ausmaß der Agrochemie-Vergiftungen aufzeigt. Die Auswirkungen von Insektiziden vernachlässigte der Bericht ebenso wie die von Schwebstoffen und Sedimenten als Pestizid-Bestandteile. Nicht untersucht wurden auch die Direkt-Einleitungen von Pestizid-Vorprodukten aus den Formulierungsbetrieben. Den Folgen, die die Gift-Frachten für die Kleinstlebewesen der Flüsse haben, ging die Behörde ebenfalls nicht systematisch nach. Was also genau so alles im Fluss ist, weiß niemand.

[Stellungnahme Diuron] gemeinsame Stellungnahme

CBG Redaktion

Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany), Tel. 040-3991 9100, Fax: 040-390 7520
Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. (CBG), Tel. 0211-333 911, Fax: 0211-333 940
WWF Deutschland, Tel. 0421-65846-14, Fax: 0421-65846-26

„Fehler im Vegetations-Management bei der Bahn soll Pestizid-Einsatz rechtfertigen“

Umweltverbände kritisieren geplante Wiederzulassung von Diuron

(Hamburg, 2. November 2000): Das Pestizid Aktions-Netzwerk, WWF Deutschland und die Coordination gegen BAYER-Gefahren kritisieren die geplante Wiederzulassung des Herbizids Diuron auf Gleisanlagen zur Bekämpfung des Pflanzenbewuchses. Die Umweltverbände halten eine Aufhebung des derzeit geltenden Anwendungsverbotes für nicht akzeptabel und fordern Maßnahmen, um die Diuron-Belastung in Grund- und Oberflächengewässern deutlich zu reduzieren.

Die geplante Wiederzulassung von Diuron wird mit dem verstärkten Wildpflanzenbewuchs der Gleise begründet. Diuron tötet jedoch nicht nur Pflanzen, sondern versickert im Boden und belastet Gewässer, Grund- und Trinkwasser. Es ist giftig für viele Wasserlebewesen und steht im Verdacht, beim Menschen Krebs auszulösen und das Hormonsystem zu beeinflussen. Das Umweltbundesamt hat die Wiederzulassung des u.a. von der Leverkusener Bayer AG vermarkteten Herbizids empfohlen, das Bundeslandwirtschaftsministerium legte kürzlich einen entsprechenden Entwurf vor.

In einer detaillierten Stellungnahme des Pestizid Aktions-Netzwerk heißt es, dass der Ruf nach Diuron auf Missmanagement bei der Bahn beruht. Der starke Bewuchs sei darauf zurückzuführen, dass die Bahn seit 1996 die Mittel für die Gleis- und Böschungspflege erheblich reduziert habe und bestehende ungiftige Alternativen nicht einsetzt. Die Bahnunternehmen der Schweiz und Österreichs betreiben bereits seit 1992 ihre Vegetationskontrolle ohne Bodenherbizide wie Diuron.

Die Deutsche Bahn hatte 1993 eine Studie beim Institut Fresenius in Auftrag gegeben, die die Grundwasserbelastung durch den Einsatz von Diuron exemplarisch an fünf Standorten untersucht. Die Studie erfasst jedoch weder die Gefährdung des Oberflächenwassers noch bewertet sie die zahlreichen vorliegenden Untersuchungen zur Gewässerbe-
lastung durch Diuron. Der freiwillige Diuronverzicht der DB AG im Jahr 1996 und das Verbot der Anwendung von Diuron auf Gleisanlagen 1997 sind auf der Basis eines Kenntnisstandes getroffen worden, der nach Ansicht der Umweltverbände nichts an seiner Gültigkeit verloren habe.

Auch die Betreiber von Wasserwerken kritisieren die geplante Wiederzulassung. Ortwin Rodeck von der Gelsenwasser AG: „Bundesweit müsste ein dreistelliger Millionenbetrag aufgewendet werden, um das Diuron aus dem Trinkwasser zu filtern.“

Gerne senden wir Ihnen den vollen Wortlaut der Stellungnahme zu

[Aufruf] NIE WIEDER!

CBG Redaktion

Die „Mordgesellschaft“ IG FARBEN sofort auflösen - ZwangsarbeiterInnen endlich entschädigen!

Im Jahr 1947/48 standen die Verantwortlichen der IG FARBEN in Nürnberg vor einem internationalen Gericht. Die Anklagepunkte lauteten u.a.: Beteiligung an Vorbereitung und Durchführung des Angriffskriegs Nazi-Deutschlands, Sklaverei sowie Raub und Plünderung. Heute existiert diese Verbrecher-AG noch immer.

Verantwortung für Krieg und Naziverbrechen
Die IG FARBEN, der Zusammenschluß von AGFA, BASF, BAYER, HOECHST und einiger kleinerer deutscher Chemiefirmen, steht wie kaum ein anderer Konzern für die enge Verflechtung zwischen der deutschen Wirtschaft und dem nationalsozialistischen Terror-Regime der Nazis. Die IG FARBEN profitierte von der Politik der NSDAP wie die Nazis von der Unterstützung der IG FARBEN profitierten. Die IG FARBEN war der größte Einzel-Finanzier der NSDAP; baute maßgeblich Hitler auf, befürwortete ausdrücklich dessen Kriegspläne und schaffte mit ihren Hitler persönlich gemachten Zusicherungen der Lieferung von Treibstoff, Munition etc. überhaupt erst die Möglichkeit für die Nazis, einen internationalen Krieg loszubrechen. Der Vorstand der IG FARBEN legte seine Interessen z.B. in einem Papier mit dem Titel „Neuordnung“ nieder. Dort plante die IG FARBEN die (wirtschaftliche) Eroberung der Welt im Gefolge der nationalsozialistiischen Heerscharen.

Die IG FARBEN mit ihren Niederlassungen, Töchtern und Verbindungen in aller Welt, auch in den USA, verdiente auf beiden Seiten der (West-) Front. Sowohl die Nazi-Bomber, als auch die Maschinen der West- Alliierten flogen mit IG FARBEN-Sprit. Die IG FARBEN verdiente an todbringenden Waffen, an Medikamenten für sterbende Soldaten und zivilen Kriegsopfern, an der „Industrialisierung“ des Völkermords in den KZs, an der massenhaften Versklavung von Häftlingen und „Feindbevölkerung“ sowie an der Einverleibung aller nur irgend geeigneten „eroberten“ Betriebe.

Perverse Verbrechen und Massenmord
In ihrer Profitgier hat die IG FARBEN perverse Verbrechen und Massenmord begangen. Der Konzern perfektionierte das von IG FARBEN-Gründer Carl Duisberg bereits im Ersten Weltkrieg „erfundene“ System der Zwangsarbeit. In allen Werken des Konzerns wurden Abertausende von ArbeitssklavInnen bis zum Tod geknechtet. Mit dem Terrror-Instrument der SS wurde jeder Widerstand unterdrückt.
Für geringste Beträge von der SS „gekaufte“ Häftlinge wurden von den IG FARBEN-Wissenschaftlern in grausamen „medizinischen“ und anderen Versuchen bei vollem Bewußtsein zu Tode gequält. Der KZ-Arzt Mengele, der in berüchtigten Versuchen Häftlinge zu Tode brachte, wurde direkt von der IG FARBEN finanziert. Der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung und an den Sinti und Roma wurde mit dem IG FARBEN- Giftgas Zyklon B „perfektioniert“. Im IG FARBEN eigenen KZ Auschwitz III Monowitz (IG Monowitz) und seinen Nebenlagern fanden ca. 30 Tausend Häftlinge den Tod durch brutalste Ausbeutung.

Milde Strafen im Zeichen des Kalten Krieges
Das Urteil für die Kriegsverbrecher der IG FARBEN vom 29. Juli 1948 entsprach in keinster Weise den Verbrechen: nach 152 Verhandlungs-
tagen gab es nur Minimalstrafen für einige Angeklagte von bis zu acht Jahren Haft. Das Urteil stand im Zeichen des bereits ausgebrochenen Kalten Krieges. Die westlichen Aliierten hatten beschlossen, die alten Eliten zu rehabilitieren, um ein wirtschaftlich starkes Westdeutschland als „Bollwerk gegen den Kommunismus“ aufbauen zu können.

Die weiteren geplanten Prozesse, die unter anderem gegen SIEMENS, KRUPP, DRESDNER BANK und DEUTSCHE BANK hätten geführt werden sollen, fanden gar nicht mehr statt. Bereits am 31. Januar 1951 wurden die noch in Haft befindlichen Manger und Direktoren der IG FARBEN begnadigt. Alle Konzern-Führer fanden sich in Westdeutschland in Top-Positionen wieder, viele bei den Nachfolge-Firmen der IG FARBEN, bei BAYER, HOECHST und BASF. Selbst mit dem Bundes-
verdienstkreuz wurden IG FARBEN-Verbrecher ausgezeichnet.

Weder Reue noch Einsicht
Die IG FARBEN müßten nach dem Urteil von 1948 seit spätestens 1953 aufgelöst sein. Aber die „Mordgesellschaft“ existiert noch immer!
Seit nunmehr fast 50 Jahren zieht sie noch immer Profite aus ihren in Reichsmark notierten Aktien. Gleichzeitig verweigert sie - und mit ihr die anderen Nachfolge-Konzerne BASF, BAYER und HOECHST - gerechte und angemessene Wiedergutmachung für die Opfer und Angehörigen der Opfer ihrer Terror-Tätigkeit in der Zeit des Hitler-Faschismus. Sie setzen darauf, daß die Opfer sterben, die Ansprüche stellen könnten.

Und heute?
Seien wir uns stets bewußt: Jede der IG FARBEN-Firmen BASF, BAYER und HOECHST/AVENTIS ist heute um ein Vielfaches mächtiger und gigantischer als die IG FARBEN seinerzeit. Die Profitgier der großen deutschen Konzerne und Banken hat bereits zweimal dazu beigetragen, die Welt innerhalb eines Jahrhunderts in Schutt und Asche zu legen.
Die IG FARBEN hatte wesentlichen Anteil daran. Ohne Aufarbeitung der Vergangenheit besteht jederzeit die Gefahr einer Wiederholung.

Wir rufen auf zur Demonstration:
Einmal jährlich bereitet eine Demonstration den Aktionären, die zur Hauptversammlung der IG FARBEN anreisen, ein „Spalier der Schande“ und konfrontiert sie mit den Forderungen. In aller Regel findet die Hauptversammlung in Frankfurt statt. Termin und Ort der aktuell anstehenden Demonstration können bei uns erfragt werden.

Wir fordern:

* Die IG FARBEN i.A. muß ihre Geschäfte sofort beenden, der Handel mit diesen „Blut-Aktien“ muß unterbunden werden.
* Sofortige Auszahlung des Restvermögens der IG FARBEN an die Überlebenden der Zwangs- und Sklavenarbeit.
* Die angemessene Entschädigung aller IG FARBEN-ZwangsarbeiterInnen und ihrer Hinterbliebenen durch die IG FARBEN sowie die Nachfolgefirmen muß endlich erfolgen.
* Die Ansprüche der Opfer müssen vererbbar werden.
* Die IG FARBEN und die Nachfolgefirmen müssen die Finanzierung und den Erhalt der die IG FARBEN betreffenden Gedenkstätten Auschwitz und Schwarzheide sicherstellen.
* Die IG FARBEN und die Nachfolger müssen endlich freien Zugang zu ihren Archiven gewähren.

Zur Unterstützung der Forderungen bitten wir um Unterzeichnung dieses Aufrufs.

ErstunterzeichnerInnen:

* Aktion Alternativer BASF-AktionärInnen/Mannheim
* Aktion Sühnezeichen Friedensdienste/Berlin
* Auschwitzkomitee/Hamburg
* Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte/Köln
* Coordination gegen BAYER-Gefahren/Düsseldorf
* Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre/Köln
* Deutscher Gewerkschaftsbund/Frankfurt
* Forschungsgruppe ZYKLON B/Dessau
* Interessengemeinschaft der Verfolgten des Nazi-Regimes - Bund der Antifaschisten/Berlin
* Interessengemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime/Stuttgart * Lagergemeinschaft Auschwitz/Frankfurt
* Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten/Hannover
* Verein zur Erforschung der IG FARBEN in Auschwitz/Hamburg

Weitere UnterzeichnerInnen:

agimos verlag/Kiel * Aktion Courage/Hilden * Aktionskonferenz Nordsee/Bremen * Allgemeiner StudentInnenausschuß Fachhochschule/Bielefeld * Allgemeiner StudentInnenausschuß Gesamthochschule/Duisburg * Allgemeiner StudentInnenausschuß Heinrich Heine Universität/Düsseldorf * Allgemeiner StudentInnenausschuß Justus-Liebig-Universität/Gießen * Allgemeiner StudentInnenausschuß Technische Universität/Braunschweig * Allgemeiner StudentInnenausschuß Technische Universität/Clausthal * Allgemeiner StudentInnenausschuß Universität/Dortmund * Allgemeiner StudentInnenausschuß Universität/Hannover * Allgemeiner StudentInnenausschuß Universität Köln Ökologiereferat/Köln * Alternative Liste GHS/Duisburg * Alternative Liste/Radevormwald * Anti-Atom-Gruppe StadtpiratInnen/Darmstadt * Antifaschistische Initiative/Hameln-Pymont * Antifaschistisches Jugendbündnis/Darmstadt * Antifa/Dessau * Antirassistische Initiative/Berlin * Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise/München * Arbeitskreis IG FARBEN/Aachen * Arbeitskreis Widerstand und Arbeitergeschichte/Waldkirch * Arbeitskreis Wissenschaftlicher Tierschutz/Stuttgart * Berliner Vereinigung ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener/Berlin * Bündnis 90/Die Grünen Niedersachsen/Hannover * Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz/Bonn * Bundesfachtagung der Chemiefachschaften/Aachen * Bundesverband gegen Giftgas/Pirmasens * BUNDjugend/Darmstadt * Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen/Frankfurt a.M. * Deutsche Gewerkschaftsjugend/Frankfurt a.M. * Deutsche Kommunistische Partei Parteivorstand/Essen * Die Grünen im Umlandverband/Frankfurt a. M. * „Dritte“ Welt Haus/Frankfurt * Eine Welt Laden/Geisenheim * Fachschaft Chemie Technische Universität/Braunschweig * Förderkreis Friedenserziehung und Völkerverständigung/Bochum * Frauen gegen Gen- und Reproduktionstechnologie/Frankfurt * Friedenskreis/Rothenburg * Friedensladen/Heidelberg * Gewerkschaft Holz und Kunststoff/Frankfurt a. M. * Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten/Frankfurt a. M. * Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Stadtverband/Bonn * Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Studierendengruppe/Bonn * Grüne Alternative/Witten * Grüne Jugend/Frankfurt * Grüne Liga/Berlin * Grüner Weltladen/Berlin * Industriegewerkschaft Medien/Berlin * Industriegewerkschaft Medien/Frankfurt a. M. * Industriegewerkschaft Medien Hauptvorstand/Stuttgart * Industriegewerkschaft Metall/Frankfurt a. M. * Infoladen ‚Volk und Wissen‘/Dessau * Initiative F.E.N.I./Bremen * Institut für Ökologie und Aktions-Ethnologie/Köln * Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit/Berlin * Internationale Liga für Menschenrechte/Berlin * Interessengemeinschaft Komunale Trinkwasserversorgung in Bayern/Rothenbuch * junge welt LeserInneninitiative/Hameln-Pymont * Jungsozialisten in der SPD Bundesvorstand/Bonn * Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär/Berlin * Kommunistische Partei Deutschlands/Erfurt * Koryphäe/Oldenburg * Kreis für friedenspolitische und demokratische Bildung/Kirchberg * Lagergemeinschaft und Gedenkstätte KZ Moringen/Moringen * Linke Liste/Aachen * Marxistische Blätter/Essen * Marxistisch Leninistische Partei Deutschlands/Essen * Missionszentrale der Franziskaner/Bonn * Naturfreundejugend/Schwerte * Netzwerk Selbsthilfe/Berlin * Ökologische Linke BundessprecherInnenrat/Frankfurt * Partei des Demokratischen Sozialismus Bundesvorstand/Berlin * Pax Christi Deutsches Sekratariat/Bad Vilbel * Projektwerkstatt/Darmstadt * Radiogruppe im AJZ/Bielefeld * Selbstorganisation der Zivildienstleistenden/Frankfurt * Schmetterling Verlag/Stuttgart * Solidarische Kirche/Mönchengladbach * TIAMAT/Düsseldorf * Über den Tellerrand hinaus - Initiative für eine Welt/Bonn * Unrast Verlagskollektiv/Münster * Verband der demokratischen Pharmazeutinnen und Pharmazeuten/Hamburg * Verein zur Förderung der Partnerschaft mit den Völkern der Dritten Welt/Blaustein Herrlingen * Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten Landesverband Hessen/Frankfurt a.M. * Verein ‚Leben und Arbeiten im Gallus und Griesheim‘/Frankfurt a.M. * Verlag Neuer Weg/Essen * Weltladen Bonn

Elisabeth Fritsch/Wien (Austria) * Dietrich Schmiedel/Diest (Belgium) * Ina Ranson-Schmidt/Versailles (France) * Rudy Kennedy/London (Great Britain) * Fred Knoller/London (Great Britain) * Prof. Dr. Grigorij E. Wedel/Woronesh (Russia) * Committee for Appropriate Acknowledgment/Pittsburgh (USA) sowie ca. 1.500 Einzelpersonen

[Dankschreiben] Dankschreiben aus Taiwan

CBG Redaktion

Liebe Freundinnen und Freunde,

Gemeinsam haben wir einen großen Sieg errungen: BAYER-Chef Manfred Schneider mußte im März bekanntgegeben, daß die umstrittene TDI-Fabrik in meiner Heimat Taiwan nicht gebaut wird. Nachdem die Regierung der Provinz Taichung ein Referendum über das Projekt angekündigt hatte, verzichtete der Konzern auf den Bau der Anlage. Augenscheinlich wünscht der Konzern keine Mitbestimmung der betroffenen Bevölkerung! Vorausgegangen waren zweijährige Proteste der örtlichen Bevölkerung, große Demonstrationen und die Gründung der Bürgerinitiative „Anti-Bayer Action Union“. Der Unmut meiner Landsleute richtete sich vor allem gegen das großspurige Auftreten der BAYER- Vertreter: die taiwanesische Regierung sollte quasi umsonst einen Bauplatz zur Verfügung stellen und auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung verzichten, die Bevölkerung wurde über das Projekt in keiner Weise informiert, und jeder Protest wurde als „kommunistisch“ diffamiert. Auch mit platten Unwahrheiten, in arrogantem Stil vorgebracht, wurde argumentiert. „Wir bauen die sichersten Anlagen der Welt, bei BAYER hat es noch nie einen Störfall gegeben“, so ein Firmensprecher. Als ich auf der letzten BAYER-Hauptversammlung auf die Probleme in meiner Heimat hinwies, wurde mir vom großen Vorsitzenden lediglich beschieden, ich „solle hier keine vorbereitete Rede vortragen“. Die AktivistInnen der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) haben uns in der Auseinandersetzung unschätzbare Hilfe geleistet. Ohne sie hätten wir nicht von den Problemen mit BAYER in anderen Ländern erfahren. Über den Besuch des CBG-Vorstandsmitglieds Uwe Friedrich in Taiwan und seine Kritik an der gefährlichen TDI-Produktion haben Zeitungen und Fernsehen im ganzen Land berichtet. Und als im letzten Sommer eine TDI-Anlage in Dormagen explodierte, hat die CBG uns sofort informiert und Fotos und Fernsehberichte zugeschickt. Hierdurch wurde die Diskussion in Taiwan nach-haltig beeinflußt und ein vorläufiger Baustopp erreicht. Dieser Erfolg gegen den übermächtigen Konzern konnte nur durch die erfolgreiche internationale Kooperation errungen werden!

Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, und der CBG an dieser Stelle zu ihrem 20sten Jubiläum gratulieren. Wir freuen uns über Euer Engagement, Euern Mut und Euern langen Atem! Die multinationalen Konzerne scheinen heute die wahren Herrscher der Welt zu sein, und die Politiker scheuen jede Auseinandersetzung mit ihnen. Daher ist es umso wichtiger, dass Bürgerinitiativen, Umweltschutzverbände und Betroffene ihre Interessen bündeln und den Mächtigen auf die Finger schauen. Die deutsch-taiwanesische Zusammenarbeit ist hierfür ein gelungenes Beispiel.

Ihre Uie-Liang Liou

Taiwan: gefährliches Werk verhindert

CBG Redaktion

 

Der taiwanesischen Anti Bayer Action-Union und der Coordination gegen BAYER-Gefahren ist es gelungen, den Bau eines gefährlichen Werkes mitten in der Stadt Taichung zu stoppen. Das Vorhaben, das schon in der ersten Ausbaustufe Investitionen in Höhe von 450 Millionen Mark erforderte, wurde nach massiven Protesten aufgegeben.

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CBG Redaktion

wissenschaftlich-humanitäres komitee (whk)
Mehringdamm 61
10961 Berlin
www.whk.de

Pressemitteilung vom 2. März 2005

Pharma-Gigant BAYER: AIDS-Leichen im Keller

Konzern will „AIDS bekämpfen“ und wirbt mit Homopaar „for a better Life“/ whk: Unternehmen trägt Mitschuld an tausendfachem AIDS-Tod

Mit einem Schwulenpaar wirbt der BAYER-Konzern derzeit in halbseitigen Tageszeitungsinseraten für seine Diagnosemethode zur Resistenzbestimmung bei HIV. Hierzu erklärt das wissenschaftlich-humanitäre komitee (whk):

Offenbar hocherfreut über profitverheißende Meldungen zu medikamentenresistenten HIV-Virenstämmen schaltet der weltweit agierende BAYER-Konzern derzeit - unter anderem in der Tageszeitung Die Welt vom 1. März - halbseitige Werbeanzeigen mit einem aneinandergeschmiegten Männerpaar. Unter dem Slogan „Diagnostik verbessern - AIDS bekämpfen“ verspricht der Konzern dabei unter anderem „Science for a better life“.

Vollständig heißt es im Anzeigetext: „AIDS ist weiterhin weltweit auf dem Vormarsch. Alle sechs Sekunden infiziert sich ein Mensch mit HIV. Alle zehn Sekunden stirbt ein Mensch an AIDS. Weltweit gibt es bereits 42 Millionen infizierte Menschen. HIV ist ein tückisches Virus, da es immer neue Formen annimmt und deshalb schnell gegen Medikamente resistent wird. Daher hat BAYER Health Care eine neue Diagnostik entwickelt - eine Methode zur HIV-Resistenzbestimmung. Ein wichtiger Schritt, um Patienten gezielter und individueller helfen zu können.“

Für das whk sind diese Äußerungen blanker Hohn. Es ist allgemein bekannt, daß sich BAYER aus der Erforschung wirksamer Medikamente gegen HIV und AIDS weitgehend zurückgezogen hat. Wenn der Konzern nun schwulen Männern, die in den westlichen Industriestaaten nach wie vor am meisten von AIDS betroffen sind, ausgerechnet die Methode der Resistenzbestimmung nun als wichtigen Schritt gezielter und individueller „Hilfe“ verkaufen will, ist das mehr als zynisch.

Vor dem Hintergrund des von BAYER-Medikamenten verursachten weltweiten AIDS-Skandals bekommt die Anzeige sogar den Charakter einer regelrechten Desinformationskampagne. Es sei daran erinnert, daß mit HIV- und Hepatitis-C-Viren verseuchte Medikamente der hundertprozentigen BAYER-Tochter CUTTER seit Beginn der 80er Jahre Tausende von Menschen mit der Bluter-Krankheit das Leben gekostet haben. Anstatt seine verseuchten Medikamente im Sondermüll zu entsorgen, hatte das BAYER-Unternehmen sie seinerzeit massenweise zur Medikation nach Asien, Südamerika und Europa verhökert. In einzelne asiatische Länder wurde AIDS nachweislich erst durch BAYER-Medikamente eingeschleppt, die Krankheit war dort vorher nicht aufgetreten. Während sich damals Firmenmanager in Japan bei den AIDS-Opfern und deren Angehörigen entschuldigen mußten, warten die meisten von BAYER verursachten AIDS-Opfer bis heute vergeblich auf Entschädigung.

Es ist längst erwiesen, daß BAYER um die Gefährlichkeit seiner verseuchten Produkte wußte und die hochinfektiösen Medikament aus reiner Profitgier an ahnungslose Abnehmer verkaufte. Entsprechende Dokumente waren am 27. September 2004 unter anderem in der WDR-Sendung „Tödlicher Ausverkauf“ zu sehen. Auch das in Deutschland ansässige konzernkritische Netzwerk „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ (CBG) und die New York Times haben bereits mehrfach über Hintergründe berichtet. Das whk erinnert daran, daß BAYER-Produkte zahlreiche Bluter auch in Deutschland und Frankreich mit HIV infizierten. In Frankreich war es deswegen Mitte der 80er Jahre sogar zu einer Regierungskrise gekommen. Gesundheitsminister Laurent Fabius mußte seinerzeit zurücktreten, zwei Beamte des Gesundheitsamtes wanderten sogar in den Knast. In Deutschland hat sich BAYER bislang weder bei seinen Opfern entschuldigt, noch sind BAYER-Manager je juristisch zur Rechenschaft gezogen worden.

Das Sündenregister von BAYER ist bekanntlich viel länger. Weil BAYER immer wieder die Gefährlichkeit seiner nicht nur von Pharma-Produkten wie dem Cholesterin-Senker Lipobay verschwieg, war der Global Player in den Jahren 2001 und 2004 bereits zwei Mal auf Liste der „zehn übelsten Unternehmen“ des von dem US-Bürgerrechtler Ralph Nader herausgegebenen Magazins Multinational Monitor BAYER gelandet. Demnach hatte der Chemie-Riese das US-Gesundheitsprogramm „MedicAid“, das die Arzneiversorgung von sozial Schwachen organisiert, durch fingierte Rechnungen um Millionen-Summen betrogen. Nach Angaben der CBG verzögerte die US-Gesundheitsbehörde im Jahr 2003 wegen möglicher Gesundheitsgefährdungen die Zulassung der Potenzpille Levitra, die BAYER in den USA zusammen mit dem ebenfalls im Bereich AIDS und HIV aktiven Unternehmen GlaxoSmithKline vermartet. Und Entschädigungsklagen jüdischer KZ-Opfer, die durch BAYER-Präparate in Birkenau und Auschwitz unfruchtbar gemacht worden waren, hat das Unternehmen immer wieder abgeschmettert.

In dem vor zwei Jahren erschienenen „Schwarzbuch der Markenfirmen“ bescheinigen dessen Verfasser dem Konzern unumwunden, BAYER bleibe „unangefochten“ an der Spitze der „bösen Konzerne“ und dies „nicht nur weil BAYER in allen Geschäftsfeldern - Chemie, Pharmazie, Agrobusiness und Rohstoffgewinnung - eine destruktive Phantasie an den Tag legt, was die Mißachtung ethischer Prinzipien betrifft“, sondern auch, „weil BAYERs Kommunikationspolitik offenbar im 19. Jahrhundert stecken geblieben ist. Da wird vertuscht, daß einem die Haare zu Berge stehen.“ (www.markenfirmen.com)

Das whk fordert nunmehr die kommerzielle Szenepresse dringend auf, ihren letzten Rest an Glaubwürdigkeit nicht durch die Annahme potentieller Anzeigenaufträge des BAYER-Konzerns mutwillig zu verspielen. Die verlogene und im Kern homophobe BAYER-Werbung gehört nicht in die Blätter schwuler Emanzipation. Ärzte und medizinisches Personal sollten prüfen, ob sie bei der Diagnose und Behandlung von HIV-Infizierten auf gleichartige Produkte anderer Firmen zurückgreifen können.

Das whk ruft die Szene zu Protesten gegen die Werbekampagne auf.
Rückfragen: 0162/6673642 (Dirk Ruder)