Am Tag der Befreiung, der sich am 8. Mai 2025 zum 80. Mal jährte, mussten BAYER und andere deutsche Großunternehmen das Schlimmste befürchten. Die Alliierten betrachteten die Industrie nämlich als willigen Helfer der Nazis. Und „härter als alle anderen trat die IG FARBEN auf“, urteilten sie über den vom Leverkusener Multi mitgegründeten Mörder-Konzern. Aber es sollte anders kommen. Für den Chemie-Riesen schlug keine Stunde Null. Bald schon galt wieder „Business as usual“. Zu einer Aufarbeitung der Vergangenheit fühlte sich die Aktien-Gesellschaft da nicht bemüßigt. Erst seit einigen Jahren ändert sich das – ein bisschen jedenfalls.
Von Jan Pehrke
1945 kam die nationalsozialistische Diktatur zu ihrem Ende. Und das hätte eigentlich auch das Ende für BAYER und die anderen Konzerne bedeuten müssen, die 1925 die I.G. FARBEN gegründet hatten. Diese Gesellschaft bildete nämlich das industrielle Rückgrat des deutschen Faschismus. So erstellte sie die Blaupause für den Vierjahresplan, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft wehrtüchtig machten. Als es dann 1939 soweit war, konnte das Unternehmen die Armee fast alleine ausstatten. Zudem betätigten sich Beschäftigte der Auslandsniederlassungen als Spione und fertigten Karten-Material für Bombenangriffe an. An der Vernichtungspolitik wirkte die I.G. FARBEN ebenfalls mit. Sie errichtete in unmittelbarer Nähe zu Auschwitz ein eigenes Werk, um Zugriff auf ZwangsarbeiterInnen zu haben, während ihre Tochter-Firma DEGESCH den FaschistInnen mit dem Zyklon B ihre grausamste Mordwaffe bereitstellte. „Sollte es zu Wirtschaftsklagen kommen, würde das Material den Verteidigern den Schlaf rauben“, schwante deshalb dem IG-Vorstandsmitglied Georg von Schnitzler.
Das Gesetz Nr. 9 des Alliierten Kontrollrates befasste sich dann auch explizit mit dem Multi. Es wollte dazu beitragen, „dass Deutschland nie mehr zu einer Bedrohung für seine Nachbarn oder den Weltfrieden werden kann (…) unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die IG FARBEN wissentlich und an führender Stelle am Aufbau und der Produktion des deutschen Rüstungspotenzials beteiligt war“. Darum ordnete das Paragraphen-Werk eine Beschlagnahme des Firmen-Vermögens und eine Zerschlagung an.
Paradigmenwechsel
Zu all diesen Maßnahmen kam es jedoch nicht. Das hatte vornehmlich drei Gründe. Zum Ersten änderten sich in den USA die politischen Kräfteverhältnisse. Zum Zweiten unterhielt die US-Industrie umfangreiche Geschäftsbeziehungen zu deutschen Konzernen und verlangte von der Regierung, ihre Absatzgebiete zu sichern statt eine „Tabula rasa“-Strategie umzusetzen. Zum Dritten schließlich spaltete sich die Anti-Hitler-Koalition, und im Kalten Krieg war wieder ein starkes Deutschland gefragt, das als „Frontstaat“ agieren konnte. Und so wandelte sich die Einstellung gegenüber dem Land, das den Kontinent mit einem beispiellosen Vernichtungsfeldzug überzogen hatte. Statt einem „industrial disarmament“ stand jetzt nur noch eine Entflechtung der Wirtschaft auf dem Programm, und selbst diese führten die Alliierten nur halbherzig durch.
Von den ursprünglich geplanten 50 „independent units“ blieben in einem ersten Schritt noch zwölf I.G.-Nachfolger und dann mit BAYER, BASF, HOECHST und CASELLA gar nur noch vier übrig. Damit unterschied sich die Lösung nicht mehr allzu sehr von den Nachkriegsplänen der I.G. selbst, welche vorsahen, den Zentralismus abzubauen und mehr auf Regionalisierungen zu setzen. Das Quartett konnte großzügigerweise mit fast dem gesamten Kapital der in den westlichen Besatzungszonen gelegenen I.G.-Niederlassungen operieren, das Vermögen der 24 in der Sowjetzone gelegenen Firmen-Sitze musste es hingegen abschreiben. Die Westmächte behielten jedoch bloß zehn Prozent des Grundvermögens der I.G. FARBEN ein. BAYER bekam von dem schmutzigen Geld im Mai 1952 mit 387 Millionen D-Mark den höchsten Betrag. Dann folgten die BASF mit 340 Millionen, HOECHST mit 285 Millionen und CASSELLA mit 34 Millionen.
BAYER hatte von der britischen Besatzungsmacht bereits im Juni 1945 die Erlaubnis für das Anlaufen bestimmter Fertigungsreihen erhalten. So verließen bald schon wieder Chlor, Arzneien, Wurmmittel und Kunststoff-Borsten für Bürsten die Anlagen. Dementsprechend stieg die Beschäftigten-Zahl. „Schneller, als sich jemand in der ‚Stunde Null’ hätte vorstellen können, wuchsen Belegschaft und Produktion am Niederrhein wieder an, konstatierte die Firmenchronik „Meilensteine“ zufrieden. Von 1.730 ArbeiterInnen im April 45 auf fast 11.000 im April 46 erhöhte sich der Personalstand.
„Zu 90 Prozent obsiegt“
Auch persönlich kamen von Schnitzler und seine KollegInnen beim Nürnberger Prozess gegen die I.G. FARBEN glimpflich davon. Insgesamt 23 I.G.-ManagerInnen mussten sich vor den RichterInnen verantworten. Die Anklagepunkte reichten von Planung und Führung von Angriffskriegen und Teilnahme am Massenmord über verbrecherische Experimente an Menschen und Unterhalt eines firmen-eigenen KZs bis hin zu Nötigung zu Zwangsarbeit. Aber Verurteilungen zogen die wenigsten nach sich. So erhielten alle 23 in Sachen „Teilnahme am Massenmord“ Freisprüche. Büßen für das Liefern von Zyklon B an die KZs mussten in anderen Verfahren nur Bruno Tesch und Karl Weinbacher von der DEGESCH-Handelsfiliale TESTA sowie Gerhard Peters als technischer Geschäftsführer der DEGESCH.
Von Schnitzler & Co. versicherten den RichterInnen hingegen, von dem Verwendungszweck des Zyklon B in den Konzentrationslagern nichts gewusst zu haben, und kamen damit durch. Weder der immens steigende Absatz des eigentlich zum Einsatz gegen Schadinsekten bestimmten Mittels ab 1942 noch die Änderungswünsche der Besteller – sie wollten ein geruchsloses Gas, so dass es zunächst unbemerkt ausströmen kann – habe sie stutzig gemacht, beteuerten sie. DEGESCH-Aufsichtsratmitglied Wilhelm-Rudolf Mann, Carl Wurster und Heinrich Hörlein erklärten sich die hohen Liefermengen angeblich mit einer „Insektenplage im Osten“. Selbst die Angestellten vor Ort in Auschwitz auf der Baustelle des I.G.-Werkes – es sollte die größte Chemie-Fabrik in ganz Osteuropa werden – sagten aus, nicht gewusst zu haben, was für ein Stoff in den Gaskammern als Mord-Instrument diente.
Dabei gab es erdrückende Beweise für das Gegenteil, obwohl die I.G. FARBEN 1945 zahlreiche Unterlagen vernichtet hatte. Der frustrierte Chef-Ankläger Josiah E. DuBois Jr. zählt in seinem Buch „The Devil’s Chemists“ einige auf. So räumte Gerhard Peters ihm zufolge bei Vernehmungen ein, Hörlein und Wurster über die vielen Lieferungen nach Auschwitz inklusive der Gaskammern in Kenntnis gesetzt zu haben. Im Prozess selbst nahm er das jedoch wieder zurück.
Auch zitierte DuBois aus der Aussage des österreichischen Auschwitz-Häftlings Gustav Herzog, wonach dort allen klar war, was passierte. „In der kurzen Zeit, in der ich draußen arbeitete, und in der langen Zeit, in der ich im Büro arbeitete und meine Mitgefangenen mir von den Ereignissen draußen erzählten, gewann ich aus den Gesprächen den hundertprozentigen Eindruck, dass jeder Zivilist auf dem I.G.-Gelände davon wusste. Sie sprachen zynisch von einem ‚Zyklon‘, weil das Gas ‚Zyklon‘ hieß“, gab Herzog zu Protokoll. Und DEGESCH-Beschäftigte waren ebenfalls im Bilde, wie Peter Hayes in seinem Buch über die DEGUSSA, den zweiten DEGESCH-Anteilseigner neben der I.G. FARBEN, darlegt. Peters‘ Geschäftsführer-Kollege Hans-Ulrich Kaufmann machte sogar den Vorschlag, sich sicherheitshalber schriftlich bestätigen zu lassen, dass Zyklon B in den KZs nur bestimmungsmäßig als Biozid Verwendung findet.
Verurteilungen erfolgten nur zu den Anklagepunkten „Zwangsarbeit“ und „Raub und Plünderung“. Freiheitsstrafen von anderthalb Jahren bis zu acht Jahren für 13 I.G.-Manager verhängten die RichterInnen. Aber spätestens nach drei Jahren waren alle wieder frei. „Zu 90 Prozent obsiegt“, lautete deshalb das Fazit von Fritz ter Meer. 1956 kehrte er zu BAYER zurück und übernahm auch gleich den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden, den er bis 1964 innehatte.
Im Zeichen einer solchen Kontinuität ist an eine Aufarbeitung der Vergangenheit natürlich nicht zu denken. Erste wirkliche Schritte in diese Richtung unternahm der Leverkusener Multi eigentlich erst in diesem Jahrzehnt. Auch zum 8. Mai wurde er aktiv. Auf seine Initiative hin haben 49 Firmen zum 80. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus eine Erklärung veröffentlicht, in der sie sich zu ihrer Mitschuld an der Terror-Herrschaft bekennen. „Deutsche Unternehmen trugen dazu bei, die Herrschaft der Nationalsozialisten zu festigen. Auf ihren eigenen Vorteil bedacht, waren viele Unternehmen und ihre damaligen Akteure verstrickt“, konstatieren die Firmen. Sie ziehen daraus die Lehre, „die Zerbrechlichkeit der Demokratie immer wieder zu erkennen“ und Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu schützen.
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) begrüßte diese Stellungnahme. Allerdings kritisierte sie den Leverkusener Multi für die nur halbherzige Aufarbeitung seiner Vergangenheit. So widmet er der Zeit des Nationalsozialismus auf seiner Website keinen eigenen Abschnitt. Stattdessen behandelt der Global Player sie als einen Abschnitt der Periode, die er mit dem Jahr 1925 beginnen und 1945 enden lässt. Darüber hinaus spielt der Konzern die aktive Rolle herunter, die die I. G. FARBEN in der Diktatur gespielt hat. Das Regime habe die I.G. „als einen der ‚kriegs- und lebenswichtigen‘ Betriebe der deutschen Wirtschaft“ eingestuft, steht da zu lesen. Dabei war es die Interessensgemeinschaft, die die Blaupause für den Vierjahresplan erarbeitete, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft kriegstüchtig machten. Auch weist die Darstellung viele Lücken auf: kein Wort zu den Wahlkampf-Spenden an die NSDAP, kein Wort zur Einbindung von I.G.-Managern in das NS-System, kein Wort zu Zyklon B und kein Wort zu den medizinischen Experimenten mit KZ-Häftlingen.
Mit der 1988 publizierten Firmen-Chronik „Meilensteine“ verhält es sich ähnlich. „Die Mobilisierung der Wirtschaft folgte den Plänen der Regierung“, heißt es dort etwa und weiter: „Die Behandlung der Zwangsarbeiter wurde durch staatliche Vorschriften bis ins Detail geregelt“. Auch mit deren Beschäftigung bei der Errichtung einer Produktionsanlage in unmittelbarer Nähe von Auschwitz hatte die I.G. FARBEN angeblich nicht viel zu tun: „Nachdem das Oberkommando der Wehrmacht den Plan für das I.G.-Werk genehmigt hatte, erteilte Göring Himmler den Auftrag, den Bau mit Häftlingen zu unterstützen.“ Und mit der Verurteilung von Fritz ter Meer zu sieben Jahren Haft in Nürnberg hadern die „Meilensteine“ ebenfalls: „In der Industrie war man bestürzt über dieses Urteil. Man wusste, dass ter Meer kein Nazi gewesen war. Alles nur „die Folge einer Zwangslage, in der die meisten nicht anders gehandelt hätten“.
Überdies tut sich BAYER in der Praxis schwer damit, „die Zerbrechlichkeit der Demokratie immer wieder zu erkennen“ und entsprechend zu handeln, wie Hans van Scharen vom Corporate Europe Observatory dem Konzern auf der letzten Hauptversammlung in Bezug auf Trump vorwarf. Der Global Player unterstützte den Republikaner nämlich im Wahlkampf massiv durch Spenden. Sein Vorstandsvorsitzender nahm sogar als einziger Chef eines DAX-Unternehmens persönlich an der Amtseinführung teil. Dass der Politiker den Klimawandel leugnet, abfällig über Minderheiten spricht, Gerichtsurteile missachtet und an Kongress und Senat vorbeiregiert, stört den Agro-Riesen dabei nicht groß, ist die Aktien-Gesellschaft doch wiederum „auf ihren eigenen Vorteil bedacht“. Sie sieht unter der Trump-Administration bessere Chancen für ein Ende der juristischen Probleme mit Glyphosat als unter den Demokraten. Von Scharens Großvater Karel musste in Auschwitz auf der I.G.-Baustelle Zwangsarbeit leisten, ohne dafür je eine Entschädigung erhalten zu haben. „Aus tragischen historischen Ereignissen wie diesem sollten wir lernen und ähnliche private und kollektive Fehleinschätzungen und Fehler vermeiden“, resümierte Hans van Scharen. Aber gerade das vermisste er beim Leverkusener Multi. „Leider sehen wir heute, wie BAYER als großes europäisches Unternehmen sich einer neuen und schockierenden Diktatur anbiedert, die sich direkt vor unseren Augen entwickelt: der von Donald Trump in Washington“, hielt der Belgier fest.
Eine große Resonanz in der Presse erfuhr die von BAYER initiierte Erklärung nicht. Offenbar bestand kein großes Interesse, sich mit der Rolle der Unternehmen in der Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen. Nach der Einschätzung von Ulrich Sander, der dem „Verband der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) angehört, ist sogar ein Rollback zu beobachten. Immer mehr Erinnerungsorte tilgen die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus. So schloss die Dortmunder Gedenkstätte Steinwache den Themenraum „Die Schwerindustrie setzte auf Hitler“. „Das politische Engagement der deutschen Großunternehmen beim Aufstieg des Nationalsozialismus wird in der Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren eher als gering eingestuft“, lautete die Begründung. Und in Oberhausen verschwand die Losung „Faschismus kommt nicht über Nacht, er wird vom Kapital gemacht“ im Depot.