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Beitrag veröffentlicht im Mai 2026

BAYER schließt Werk

CBG Redaktion

Keine Pestizide mehr aus Frankfurt

Im Mai 2025 kündigte der BAYER-Konzern die Abwicklung der Cropscience-Niederlassung in Frankfurt und weitere Maßnahmen zur Profitsteigerung der Agro-Sparte an. Die Gewerkschaft protestiert entschieden gegen die Pläne.

Von Jan Pehrke

„Wir werden den Standort nicht aufgeben und kämpfen für die Rechte der Kolleginnen und Kollegen“, mit diesen Worten reagierte die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von BAYER, Heike Hausfeld, auf das Vorhaben des Konzerns, die Cropscience-Niederlassung in Frankfurt abzuwickeln. Sie kritisierte die immer kürzere Abfolge der Veränderungszyklen beim Agro-Riesen und sprach von einem „Zustand des permanenten Ausnahmezustands“. Francesco Grioli vom Vorstand der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE pflichtete ihr bei: „Diese Schließungspläne sind eine Zäsur in der 162-jährigen Konzerngeschichte und stehen im Widerspruch zum erklärten BAYER-Bekenntnis zum Heimatstandort Deutschland.“ Auch die Politik meldete sich zu Wort. „Die Schließung eines hessischen Standorts ist für uns völlig inakzeptabel“, so Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori. „Sie widerspricht den Prinzipien der Sozialpartnerschaft, auf denen unsere Arbeitswelt beruht“, hielt der Sozialdemokrat fest.

BAYER hingegen erklärte: „Wir bekennen uns ausdrücklich zum Standort Deutschland. Um diesem Bekenntnis in Zeiten erheblicher Herausforderungen gerecht zu werden, müssen wir uns jedoch neu ausrichten.“ Einige Krokodilstränen vergoss der Konzern dabei auch über die schwierigen Entscheidungen, „die schmerzhaft für viele Kolleginnen und Kollegen sind“

Für den Entschluss, den Betrieb in Frankfurt mit den 500 Beschäftigten aufzugeben und in Dormagen 200 von 1.200 Arbeitsplätze zu vernichten, machte er vor allem die wachsende Konkurrenz durch preiswertere Pestizide aus China verantwortlich. „In den vergangenen Jahren haben Hersteller von Pflanzenschutzmittel-Generika (Nachahmerprodukte nach Ablauf der Patentfrist, Anm. SWB) in Asien große Überkapazitäten aufgebaut. Sie drängen mit bleibenden Niedrigstpreisen in den Markt, die teilweise unter den Herstellungskosten von Pflanzenschutzmitteln in Europa liegen“, sagte BAYER-Chef Bill Anderson Mitte Mai 2025 bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für das erste Quartal 2025. In seiner Hauptversammlungsrede Ende April hatte er sogar von einem Markt gesprochen, der „zunehmend von Generika aus Asien geflutet wird“. 

Auch über „zunehmende regulatorische Beschränkungen“ klagte der Agro-Riese. Er beanstandete die gestiegenen Ansprüche bei der Genehmigung neuer Mittel und das härtere Vorgehen gegen gesundheitsschädliche alte Mittel. Hier vermisste der Leverkusener Multi in seinen Abrechnungen besonders schmerzlich das wegen seines Gefährdungspotenzials in der EU nicht mehr zugelassene Insektizid MOVENTO und das in den USA wegen eines Übergreifens auf Nutzpflanzen aus dem Verkehr gezogene Herbizid Dicamba.

Zudem, so BAYER, verschärften „nationale Export-Hemmnisse“ die Lage. Die Ampelregierung hatte zwar die Ausfuhr von innerhalb der EU verbotenen Pestiziden in andere Länder nicht generell untersagt, das bis Anfang 2025 „grün“ geführte Landwirtschaftsministerium betrieb in den Augen des Global Players aber Obstruktionspolitik, indem es bestimmte für den Export benötigte Dokumente wie Ursprungszeugnisse nicht ausstellte.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) lässt die vom Vorstand angegebenen Gründe für den Kahlschlag nicht gelten. „Wie immer bei BAYER müssen die Beschäftigten für Management-Fehler büßen“, kommentierte sie die Kürzungspläne. So hat BAYER CROPSCIENCE immer nur auf den von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften Milliardenseller Glyphosat gebaut und die Forschung nach anderen, womöglich sogar weniger gefährlichen Wirkstoffen vernachlässigt. Die Konsequenz: Der Konzern musste hier in Ermangelung neuer Einnahmequellen von der Substanz leben. Stattdessen floss ein Großteil des Geldes der Agrarsparte in die neue und die alte Gentechnik. BAYER habe es nie geschafft, „sich aus der Glyphosat-Abhängigkeit zu lösen, die schon die alte MONSANTO-Führungsriege befallen hatte“, befindet das Manager Magazin dann auch.

„BAYER CROPSCIENCE muss endlich so auftreten, wie es für einen Weltmarktführer angemessen ist“, fordert Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann jetzt. Als Mittel der Wahl dazu hat der Vorstand einen Fünfjahresplan mit einem klaren Planziel auf den Weg gebracht: 3,5 Milliarden Euro mehr Umsatz und eine Milliarde Euro mehr Gewinn bis zum Jahr 2030. 

Am Tag der Bilanzpressekonferenz präsentierte der Global Player im Zuge eines „Investor Updates“ Einzelheiten dazu. Im Pestizidbereich rechnet er nicht mit einem Nachlassen des Preisdrucks. Deshalb greift der Konzern zu drastischen Mitteln wie einer „Straffung des Produkt-Portfolios“ und einer „Optimierung des Produktionsnetzwerks“. Durch die Schließung von Werken wie in Frankfurt und Einschnitte wie diejenigen in Dormagen zeigt er sich entschlossen, binnen fünf Jahren 500 Millionen Euro einzusparen. Statt Massenware beabsichtigt der Agro-Riese nun mehr innovative Produkte herzustellen: „Innovation ist der Schlüssel“.  Ganz ähnlich reagierte er seinerzeit im Kunststoff-Geschäft, als günstige Plaste & Elaste aus Asien seine Gewinn-Bilanz eintrübte. 

Überdies hat BAYER fünfzehn „‚Focus‘ markets“ identifiziert. In diesen Ländern, in denen die Aktiengesellschaft heute schon 70 Prozent ihres Umsatzes macht, will sie ihre Anstrengungen nun noch verstärken. In den 48 Ländern der zweiten Kategorie mit einem Umsatzanteil von 25 Prozent und den über 70 Ländern der dritten Kategorie mit einem Umsatz-Anteil von fünf Prozent plant der Leverkusener Multi hingegen eine Reduzierung der Aktivitäten. Die dortigen Marketing- und Forschungskapazitäten schlägt er den „Focus markets“ zu. Im neuseeländischen Hastings zum Beispiel schloss der Konzern im Juni 2025 schon eine Forschungsstation. Und weiteres Einsparpotenzial eröffnen dann das Outsourcing, das Eingehen von Kooperationen und das Vergeben von Produktionslizenzen an Dritte.

Aber das Unternehmen möchte sich auch neue Märkte jenseits des Pestizid- und Saatgutgeschäfts erschließen. Hierbei setzt es vor allem auf Mittel auf nicht-chemischer Basis – sogenannte Biologika sowie auf Biokraftstoffe. Das alles findet nicht mehr unter der Ägide von Bob Reiter als Forschungsleiter statt. BAYER trennte sich vom MONSANTO-Urgestein und verpflichtete auch einen neuen „Chief Financial Officer“. 

Den BAYER-Beschäftigten stehen unruhige Jahre bevor. Frankfurt, Dormagen und Hastings dürften erst der Auftakt gewesen sein. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN stellt sich in diese Zeiten auf die Seite der Belegschaft und wird ihr Möglichstes gegen die Arbeitsplatzvernichtungspläne der Vorstandsetage tun. 

Die CBG zum Tag der Befreiung

CBG Redaktion

Am heutigen 8. Mai jährt sich der Tag zum 81. Mal, an dem die Alliierten dem Zweiten Weltkrieg und der faschistischen Gewaltherrschaft ein Ende setzten. 

Der BAYER-Konzern hatte einen wesentlichen Anteil an dieser Gewaltherrschaft. Die von ihm mitgegründete I.G. FARBEN diente dem Hitler-Regime durch üppige Parteispenden an die NSDAP als Steigbügelhalter und bildete fortan das industrielle Rückgrat der Diktatur. I.G.-Obere übernahmen wichtige Funktionen im NS-Staat. So fungierten sie beispielsweise als Wehrwirtschaftsführer. Überdies arbeitete die Interessensgemeinschaft die Blaupause für den Vierjahresplan aus, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft kriegstüchtig machten. Als es dann 1939 soweit war, konnte das Unternehmen die Armee fast alleine ausstatten. Im Schlepptau der Raubzüge nahm es sofort die chemischen Anlagen der überfallenden Länder in Beschlag. Zudem betätigten sich Beschäftigte der Auslandsniederlassungen als Spione und fertigten Karten-Material für Bombenangriffe an. 

An der NS-Vernichtungspolitik wirkte die I.G. FARBEN ebenfalls mit. Ihre Tochterfirma DEGESCH lieferte den Nazis mit Zyklon B die grausamste Mordwaffe. Zudem errichtete der Konzern in unmittelbarer Nähe zu Auschwitz ein eigenes Werk, um beim Bau auf ZwangsarbeiterInnen zugreifen zu können. Später unterhielt er in der Nähe der Baustelle sogar ein firmen-eigenes KZ. Damit nicht genug, nutzte die I.G. die Häftlinge auch noch als Versuchskaninchen für medizinische Experimente. 

„Sollte es zu Wirtschaftsklagen kommen, würde das Material den Verteidigern den Schlaf rauben“, schwante deshalb dem I.G.-Vorstandsmitglied Georg von Schnitzler. Und zunächst sah es auch ganz danach aus. Aber es kam anders. Die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse widmeten der I.G. FARBEN zwar einen eigenen Verfahrensstrang, und von den 23 angeklagten Managern landeten auch 13 im Gefängnis, sie mussten ihre Haftstrafen allerdings nicht voll abbüßen. 

Der Anklagepunkt „Teilnahme am Massenmord“ führte für keinen von ihnen zu einer Verurteilung. Die I.G.-Vorstände Carl Wurster, Wilhelm-Rudolf Mann und Heinrich Hörlein sagten vor Gericht aus, von dem Verwendungszweck von Zyklon B nichts gewusst zu haben. Was die florierenden Auschwitz-Geschäfte mit dem Stoff anging, seien sie von einer „Insektenplage im Osten“ ausgegangen, behaupteten Wurster & Co. – und kamen damit durch.

Auch kam es im Zuge des Kalten Krieges nicht wie ursprünglich vorgesehen zu einer radikalen Zerschlagung des Mörder-Konzerns. Es blieb bei einer Entflechtung, die die tragenden Säulen BAYER, BASF und HOECHST unangetastet ließ. Resultat: Kaum 20 Jahre nach dem Neustart erreichten die drei Gesellschaften für sich allein eine Größe, die derjenigen der I.G. FARBEN in ihren besten Zeiten entsprach.