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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

[Gewerkschaften] STICHWORT BAYER 01/2011

CBG Redaktion

BAYER im Klassenkampf

Kündigungsgrund: Gewerkschaftler

Konsequent drängt der Leverkusener Multi in den USA die Gewerkschaften aus den Werken heraus. Fabriken mit organisierter Arbeiterschaft schließt er gleich reihenweise. Offen setzt BAYER die Beschäftigten unter Druck, keiner Arbeitnehmer-Vertretung beizutreten. Dementsprechend besitzt nur ein Siebtel der US-Belegschaft einen Tarifvertrag. Am Standort Berkeley demonstrierten nun Belegschaftsangehörige gegen Entlassungen und steigenden Arbeitsdruck.

von Philipp Mimkes

Der BAYER-Konzern macht ein Viertel seines Umsatzes in Nordamerika, rund acht Milliarden Euro jährlich. Die 16.300 Beschäftigte arbeiten quer über den Kontinent verteilt an knapp fünfzig Standorten. Längst ist der amerikanische Markt für BAYER wichtiger als das deutsche Standbein.
Traditionell geht der Konzern in den USA besonders rabiat gegen Gewerkschaften vor. Bahnt sich die Gründung einer ArbeitnehmerInnen-Vertretung an, so trommelt das Unternehmen die Belegschaft zusammen und droht mit Arbeitsplatzvernichtung oder Werksschließung. Gewerkschaftsvertreter werden als Faulpelze diffamiert, die es nur auf die Beiträge der Mitglieder abgesehen hätten.

Die Belegschaft weiß, dass die Drohungen ernst gemeint sind: Vier große Werke mit hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad schloss der Multi in den vergangenen Jahren ganz oder größtenteils. In West Haven im Bundesstaat Connecticut machte er im Jahr 2007 eine Pharma-Fabrik mit über tausend gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern komplett dicht; eine Kunststoff-Fabrik in New Martinsville (West Virginia) verlor 2007 die Hälfte ihrer Belegschaft; im Werk Elkhart/Indiana mit einstmals 2.200 überwiegend gewerkschaftlich organisierten Belegschaftsangehörigen hält der Konzern nur noch einen Restbetrieb aufrecht und im kanadischen Sarnia stellte er die Produktion von Kautschuk ein.

Fehlende Tarifverträge
Lediglich in einer Handvoll US-Fabriken sind die einstmals starken Unions überhaupt noch vertreten. Und nur 14 Prozent der US-amerikanischen BAYER-MitarbeiterInnen verfügen über Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen. In keiner anderen Region der Welt liegt dieser Wert so niedrig: Während in Lateinamerika über 40 Prozent der BAYER-Beschäftigten gemeinschaftlich ausgehandelte Verträge zu Löhnen und Arbeitszeiten haben, sind es in Europa fast 90 Prozent. Weltweit besitzen 55 Prozent der Belegschaft einen Tarifvertrag.

Axel Köhler-Schnura vom Vorstand der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN kommentiert: „In seinem Streben nach maximalem Profit fällt der BAYER-Konzern immer wieder durch Bekämpfung der Gewerkschaften auf. Es ist ein Skandal, dass fast die Hälfte der Belegschaft weltweit ohne den Schutz tariflicher Vereinbarungen arbeiten muss.“ Das gewerkschaftsfeindliche Vorgehen des Unternehmens ist zudem ein klarer Verstoß gegen die von BAYER im Nachhaltigkeitsbericht 2009 gemachte Zusage, wonach die „Beschäftigten an allen Unternehmensstandorten die Möglichkeit haben, Arbeitnehmervertretungen zu bilden“.

Entlassungen in Berkeley
Eines der weltweit lukrativsten BAYER-Werke befindet sich im kalifornischen Berkeley. Nur dort wird das Blutfaktor-Präparat KOGENATE produziert, mit dem die Firma allein im vergangenen Jahr 888 Millionen Euro erlöste. Die Behandlung eines einzelnen Patienten mit dem Gerinnungsmittel kann jährlich über €100.000 kosten.

Rund 1.500 Menschen sind in Berkeley beschäftigt, von denen sich 430 in der INTERNATIONAL LONGSHORE AND WAREHOUSE UNION (ILWU) organisiert haben.

Trotz der hohen Gewinnmargen für KOGENATE erhielt das Werk im vergangenen Jahr einen Steuernachlass von 13 Millionen Dollar. Der Global Player hatte zuvor damit gedroht, Teile der Produktion zu verlagern und das Werk langfristig zu schließen. Zur Standort-Sicherung dehnten die Gemeinden Oakland und Berkeley ein bestehendes Gewerbegebiet mit erniedrigten Steuersätzen und Stromkosten auf das BAYER-Werk aus. An der Genehmigung der Subvention war auch der damalige Gouverneur Arnold Schwarzenegger beteiligt. Axel Köhler-Schnura: „Es ist nicht hinnehmbar, dass Städte und ganze Länder von hochprofitablen Unternehmen gegeneinander ausgespielt werden. Die Kürzung von Sozialleistungen ist die direkte Folge eines solchen ruinösen Standort-Wettlaufs.“

Trotz der öffentlichen Hilfen kündigte die Werksleitung im Herbst kurzfristige Entlassungen an. Betroffen sind zunächst 39 Personen, größtenteils Gewerkschaftsmitglieder. Donal Mahon von der ILWU: „BAYER hatte im vergangenen Jahr zugesichert, etwaige Entlassungen 45 Tage vorher anzukündigen. Tatsächlich waren es jetzt nur zwei Tage, und es waren doppelt so viele Entlassungen, wie zuvor besprochen. Für den Fall, dass wir ein Schiedsgericht einschalten, hat uns das Unternehmen den Abbau weiterer Arbeitsplätze angedroht“.

Vor den Fabriktoren protestierten daraufhin 150 Belegschaftsangehörige, etwa die Hälfte der Tagesschicht, die eine Wiedereinstellung der gefeuerten KollegInnen forderten. Carey Dall von der ILWU kritisiert den steigenden Arbeitsdruck: „Die anfallende Arbeit, zum Beispiel bei der Reinigung der Produktionsanlagen, bleibt dieselbe. Die verbleibenden Beschäftigten werden von der Geschäftsführung angehalten, mehr und schneller zu arbeiten, ohne hierfür Überstunden zu machen.“ Die Gewerkschaftsvertreter berichten zudem von Drohungen gegen die TeilnehmerInnen der Kundgebung.

IG BCE wenig kämpferisch
Auch in anderen Teilen der Welt kämpft das Unternehmen mit unsauberen Mitteln gegen Arbeitnehmer-Vertretungen: So finanzierte BAYER in den Philippinen eine firmenfreundliche Alternative zur bestehenden Gewerkschaft EMPLOYEES UNION OF BAYER PHILIPPINES und stellte diese Praxis erst nach Intervention des philippinischen Arbeitsgerichts ein. In Brasilien rief das Unternehmen zur Zeit der Diktatur gar das Militär gegen streikende Arbeiter zu Hilfe. Und auch die gegenwärtigen Investitionen in China hängen nicht zum geringsten Teil mit dem dortigen Fehlen freier Gewerkschaften zusammen.

In Europa hingegen musste sich BAYER nach langen Auseinandersetzungen mit der Existenz von Gewerkschaften abfinden. 88 Prozent der Belegschaft besitzen einen Tarifvertrag. Doch noch in den 70er Jahren hatte das Unternehmen in den deutschen Werken die Wahl von Vertrauensleuten innerhalb der Werksmauern verboten, so dass die Abstimmung auf der Straße stattfinden musste.

Durch Zahlung von vergleichsweise hohen Löhnen und sogenanntes „Co-Management“ gelang es dem Unternehmen, die Gewerkschaften hierzulande weitgehend zu domestizieren. Seit dem 2. Weltkrieg gab es bei BAYER keinen Streik mehr. Selbst die Zerschlagung des Konzerns und die Ausgliederung großer Unternehmensteile durch den jüngst ausgeschiedenen BAYER-Chef Werner Wenning führte zwar zu Demonstrationen, nicht aber zu Arbeitsniederlegungen. Der Schmusekurs der Chemie-Gewerkschaft IG BCE, die möglichst jeden Konflikt mit dem Arbeitgeber vermeidet, führte bei BAYER zur Bildung alternativer Betriebsratsgruppen wie der BELEGSCHAFTSLISTE, den BASISBETRIEBSRÄTEN und den KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT. In den Werken Leverkusen und Wuppertal erhielten diese bei Betriebsratswahlen zum Teil über 40 Prozent der Stimmen.

Kämpferische Gewerkschaften stehen jedoch auch in Europa unter Beschuss: So kündigte BAYER im Antwerpener Werk in den vergangenen Jahren mehrfach die Abmachungen mit der Belegschaft („Service Level Agreements“) auf und forderte „freiwillige“ Lohnkürzungen und verlängerte Arbeitszeiten. Stets steht dabei die Drohung im Raum, die Kunststoff-Produktion nach Krefeld zu verlegen. Die Antwerpener Belegschaft wehrte sich mit Werks-Blockaden und Demonstrationen und konnte den Bruch der betrieblichen Vereinbarungen bislang verhindern.

Und diese Erfahrung haben BAYER-Beschäftigte zu allen Zeiten gemacht: Nur wer sich vom Management nicht durch Zwangsmaßnahmen einschüchtern oder durch sozialpartnerschaftliche Scham-Offensiven einfangen lässt und energisch für seine Rechte eintritt, erreicht etwas.

[Klimaskeptiker] STICHWORT BAYER 01/2011

CBG Redaktion

BAYERs US-Wahlkampf

$108.100 für schlechtes Klima

Während der Leverkusener Multi beharrlich an seinem Image als klima-bewusster Umweltengel arbeitet, tut er im wirklichen Leben alles, um weiterhin Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen zu können. So unterstützte er bei den jüngsten US-Wahlen Kandidaten, die den Klima-Wandel leugnen und sich gegen Obamas Gesetzes-Initiativen sträuben, mit über 100.000 Dollar.

Von Jan Pehrke

BAYERs Klima-Aktivismus scheint keine Grenzen zu kennen: Da gibt es ein BAYER-Klimaprogramm, einen Klima-Preis für Wissenschaftler, einen Klima-Malwettbewerb für Kinder, ein Klimaschutz-Stipendium für SchülerInnen, einen Klima-Check, einen klima-neutralen Werkskindergarten und noch so allerhand mehr. Unbedarfte Beobachter müssen glauben, grüner ginge es kaum. Und das ist auch Sinn der Übung.

Im wirklichen Geschäftsleben sieht es jedoch anders aus. Da zeichnet der Leverkusener Multi für einen Ausstoß von acht Millionen Tonnen Kohlendioxid per anno verantwortlich und tut auf der politischen Ebene alles dafür, eine Verlängerung dieser Lizenz zur Klima-Schädigung zu erhalten. Den dazu von der Bundesregierung benötigten „Mut zum Realismus“ forderte der Konzern jüngst gemeinsam mit anderen Unternehmen auf großflächigen Anzeigen ein. „Damit die Preise für alle bezahlbar bleiben, können wir bis auf Weiteres nicht auf kostengünstige Kohle und Kernenergie verzichten“, hieß es dort. Auf europäischer Ebene ließ der Pharma-Riese nichts unversucht, den Emissionshandel zu torpedieren, der die Kohlendioxid-Absonderungen über ein bestimmtes Volumen hinaus mit Kosten belegt, um Innovationen zu erzwingen. Nicht einmal vor den USA macht der Einfluss BAYERs Halt: Gegen Barack Obamas Versuch, auch in den Vereinigten Staaten einen Markt für CO2-Verschmutzungsrechte zu eröffnen und weitere Regelungen zum Schutz des Klimas zu verabschieden, geht der Global Player entschieden vor.

So hat er bei den US-amerikanischen Kongress-Wahlen im November 2010 gemeinsam mit anderen europäischen Unternehmen die Widersacher des US-Präsidenten in Sachen „Umweltpolitik“ massiv unterstützt. 240.000 Dollar spendeten BAYER, BASF, BP, SOLVAY & Co.; mit 108.100 Dollar trug der Leverkusener Multi mehr als die Hälfte dazu bei. 1.000 Dollar erhielt Republikaner James Inhofe für Debatten-Beiträge wie „Die Erderwärmung ist der größte Schwindel, der dem amerikanischen Volk jemals vorgesetzt wurde“. Elf weitere den Klimawandel in Abrede stellende Politiker bedachte das Unternehmen mit Summen zwischen 1.000 und 10.000 Dollar. Zwölf Senatoren, die Obamas Klima-Gesetz ablehnen, beglückte der Gen-Gigant mit insgesamt 78.200 Dollar, wobei er sich bei GegnerInnen des Präsidenten aus den eigenen, demokratischen Reihen besonders erkenntlich zeigte. Die Republikanerin Lisa Murkowski schließlich bekam ein Wahlkampf-Geschenk für ihr im Senat - einstweilen gescheitertes - Bemühen, der Umweltbehörde EPA das Recht zu nehmen, den Treibhausgas-Ausstoß zu regulieren.

„Öl-Gesellschaften und andere Unternehmen spenden Millionen für Kampagnen, die Luftreinhalte- und Saubere-Energie-Standards aufweichen, und gefährden damit die Gesundheit und Prosperität des Landes“, erregte sich Obama über den Einsatz der Firmen. Und sein Berater David Axelrod nannte die Wahlkampf-Spenden von Big Business, die sich auf über 75 Millionen Dollar beliefen und zum allergrößten Teil den RepublikanerInnen zugute kamen, „eine Bedrohung unserer Demokratie“.

Auch bundesdeutsche PolitikerInnen prangerten die Praxis der Konzerne an. „Es ist ein Skandal, wenn große deutsche Firmen wie BAYER und BASF sich zu Hause als Klimaschützer aufspielen, im US-Wahlkampf dann aber die extremsten Klimaschutz-Gegner finanziell unterstützen, um weltweite Vereinbarungen zu torpedieren“, wetterte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ulrich Kelber, und die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Bärbel Höhn kritisierte die „tätige Beihilfe zur Klimazerstörung“ ebenfalls vehement. Besonders die Perfidie von BAYER & Co., auf der einen Seite europäische Alleingänge in der Klimapolitik abzulehnen und auf internationale Lösungen zu pochen, auf der anderen Seite dann aber die solche internationalen Lösungen am heftigsten hintertreibenden Klimaschutz-Opponenten aus den USA zu subventionieren, stieß hierzulande auf Empörung.

Der Leverkusener Multi hingegen weist alle Schuld von sich. Als „völlig abwegig“ bezeichnete das Unternehmen den Vorwurf, systematisch Klimaschutz-GegnerInnen zu unterstützen. Es habe sich lediglich um freiwillige Spenden von BAYER-Beschäftigten gehandelt, erklärte ein Pressesprecher. Allerdings lassen die Gesetze in den Vereinigten Staaten auch gar keine andere Möglichkeit zu. Und dass ausgerechnet BAYERs US-Boss Gregory S. Babe zu den Großspendern zählt, räumt jeden Zweifel am offiziellen Charakter der Sache aus. Zudem zählt der Agro-Riese bereits seit längerem zu den Sponsoren von konservativen Thinktanks wie dem „Science Media Center“ und dem „Institute of Ideas“, die sich redlich bemühen, wissenschaftliche Beweise für die Nicht-Existenz des Klimawandels in Umlauf zu bringen (siehe Ticker 4/09).

Am Ende lohnten sich die Investitionen von BAYER. Aus der so genannten midterm-election gingen die Republikaner im Allgemeinen und die Klimawandel-BestreiterInnen im Allgemeinen gestärkt hervor. Das bedeutet das Ende für den „American Clean Energy and Security Act“ von Obama. Und auch das bisher vor allem von der auf BAYERs Payroll stehenden Lisa Murkowki vorangetriebene Projekt, die Klimaschutz-Kompetenzen der Umweltbehörde EPA zu beschneiden, dürfte Erfolg haben. Der demokratische Senator John Rockefeller hat bereits eine Gesetzes-Initiative angekündigt, welche die jüngst erlassenen strengeren EPA-Auflagen für CO2-Emissionen zwei Jahre lang aussetzen will. Es sieht also düster aus für den Himmel über Amerika - und nicht nur für den. „Vieles spricht dafür, dass sich das ‚Zeitfenster‘ für eine umfassende gesetzliche Neuregelung der amerikanischen Energie- und Klimaschutz-Politik für eine längere Zeit geschlossen hat“, kommentiert die Faz und prognostiziert „global tiefe und langanhaltende Auswirkungen“.

[Ticker] STICHWORT BAYER 01/2011 Ticker

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

Jahrestagung 2010
Am 13. November 2010 fand die gut besuchte Jahrestagung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) statt. Sie widmete sich dieses Mal dem Thema „Störfall-Risiken der chemischen Industrie - Pipelines, Kohlekraftwerke und Phosgen-Produktion“. Das Eröffnungsreferat hielt der pensionierte Chemie-Lehrer Dr. Walther Enßlin. Unter dem Titel „Geballte Risiken: Die Chemie-Industrie in NRW“ sprach er über die umwelt- und gesundheitsschädigende Herstellung von Chlor und Kunststoffen, gefährliche Endprodukte wie Bisphenol A und längst entwickelte schonendere Verfahren, die BAYER & Co. jedoch aus Profitgründen nicht anwenden. Anschließend gab CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes einen Überblick über die Geschichte der Störfälle beim Leverkusener Multi, vom GAU während der Sprengstoff-Produktion 1917 mit zehn Toten bis zu den Desastern der Gegenwart. Die Gefahren der nahen Zukunft, die der Konzern durch die Kohlenmonoxid-Pipeline heraufbeschwören will, standen nach der Mittagspause im Mittelpunkt. Rainer Kalbe von der Bürgerinitiative STOPP CO-PIPELINE präsentierte eine umfassende Liste aller „Risiken und Nebenwirkungen“ der Giftgas-Röhre und stellte dar, wie der Pharma-Riese schon durch Pfusch am Bau den Grundstein dafür legt. Im Anschluss daran beschrieb der Kinderarzt Dr. Gottfried Arnold, der eine MedizinerInnen-Initiative gegen die Rohrleitung ins Leben gerufen hatte, die tückische Wirkung des Gases. Farb- und geruchslos, schaltet es den Organismus im Katastrophen-Fall binnen Sekunden aus, wogegen weder BAYER noch die Feuerwehren oder die Notfall-Kliniken gewappnet sind. Was ein Besucher während der Diskussion bemerkte, kann als Resümée der Veranstaltung gelten. Er habe heute noch „viel Niederschmetternderes“ über BAYER erfahren als das, was er bereits im Zusammenhang mit der CO-Pipeline lernen musste, sagte er. Und eben dies, die aktuelle Auseinandersetzung um die Giftgas-Röhre in den Kontext der allgemeinen „BAYER-Gefahren“ zu stellen und so den Blick auf einen Systemfehler profit-orientierter Produktion zu eröffnen, war es, was der CBG bei der Konzeption der Jahrestagung vorgeschwebt hatte.

Erfolgreiche Endosulfan-Kampagne
Jahrelang hatte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) den Leverkusener Multi aufgefordert, den in der Bundesrepublik schon längst verbotenen, besonders gefährlichen Pestizid-Wirkstoff Endosulfan auch in anderen Ländern nicht mehr zu vertreiben. Im letzten Jahr erklärte sich der Konzern endlich dazu bereit (SWB 3/09). Aber vorher gab es noch einmal einen Schlussverkauf. Das Unternehmen warf alle Restbestände auf den Markt, was zu hohen Belastungen führte (siehe auch SWB 1/11). Besonders hart traf es brasilianische Bio-LandwirtInnen. Ihre Soja-Ernte wies so große Endosulfan-Rückstände auf, dass sie unverkäuflich ist. Daraufhin initiierte die schweizer Fairtrade-Organisation GEBANA eine Kampagne, welche die CBG nach Kräften unterstützte. Und der öffentliche Druck führte schließlich auch zu einem Teil-Erfolg. Während andere Hersteller das Mittel immer noch verkaufen, hat BAYER das Endosulfan-Pestizid THIODAN in dem Land mit sofortiger Wirkung vom Markt genommen und die Restbestände sogar selbst bei der lokalen Kooperative abgeholt.

Kraftwerkserörterungstermin

  • 1


Nicht nur gegen das Kohlekraftwerk, das in BAYERs Krefelder Chemie-„Park“ geplant ist, haben Initiativen mit Einwändungen protestiert, sondern auch gegen die auf dem Brunsbütteler Werksgelände projektierte Dreckschleuder. Bei einem Erörterungstermin, der prüfte, ob das Vorhaben den Bestimmungen zum Immissionsschutz und zum Wasserrecht genügt, präsentierten die KraftwerksgegnerInnen eine lange Mängelliste. So befürchten sie neben dem großen Lärm vor allem eine Belastung der Elbe durch das Kühlwasser. 30.000 Liter Wasser saugt das Kraftwerk pro Sekunde ein, inklusive der darin schwimmenden Fische, die dadurch ihren Tod finden. Es gibt zwar Fischscheuch-Anlagen, aber für die speziellen Verhältnisse in Brunsbüttel hat die beauftragte Firma noch nie eine gebaut. Wie wenig solche Vorrichtungen manchmal nützen, zeigt das nahe gelegene Atomkraftwerk. Trotz elektronischer Impulsgeber zum Verscheuchen der Fische sammeln sich jährlich bis zu 160 Tonnen verendeter Tiere in dem AKW an. Auch die Wiedereinleitung des aufgeheizten Kühlwassers bereitet Probleme, weil die Erwärmung vielen Flußbewohnern das Leben schwer macht. Die vorgelegten Unterlagen zur Ausbreitung der warmen Brühe gaben darüber allerdings wenig Aufschluss. Sie stammten nämlich aus einem früheren Genehmigungsverfahren des Betreibers GETEC, wie die UmweltschützerInnen aufdeckten, die auch eine Klage gegen den Bau vorbereiten.

Kraftwerkserörterungstermin

  • 2


Gegen das von TRIANEL auf dem Gelände von BAYERs Chemie„park“ in Krefeld geplante Kohlekraftwerk gibt es erheblichen Widerstand. So haben wegen des Kohlendioxid-Ausstoßes von jährlich ca. 4,4 Millionen Tonnen und der zu erwartenden Belastungen von Mensch und Umwelt mit Feinstaub, Schwermetallen und Radioaktivität über 22.000 Privatpersonen, Nachbarstädte und Initiativen Einspruch gegen das Projekt erhoben. Auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN zählt dazu. Bei dem einwöchigen Erörterungsverfahren gelang es dem Betreiber nicht, die Einwände zu zerstreuen. „Keiner der in unserer 355-seitigen schriftlichen Stellungnahme vorgebrachten Kritikpunkte konnte seitens TRIANEL entkräftet oder gar ausgeräumt werden“, stellte etwa Dirk Jansen vom BUND fest und forderte das Unternehmen deshalb auf, den Genehmigungsantrag zurückzuziehen.

DUOGYNON-Anfrage in England
Der hormonelle Schwangerschaftstest PRIMODOS der heute zu BAYER gehörenden Firma SCHERING hat ab den 1950er Jahren zu tausenden Todgeburten geführt. Darüber hinaus kamen unzählige Kinder mit schweren Missbildungen zur Welt. Die Opfer des ebenfalls unter dem Namen DUOGYNON vermarkteten Produkts fordern den Konzern seit längerem auf, Entschädigungen zu zahlen und bereiten sogar Klagen vor (siehe auch SWB 4/10). Und wie vor kurzem in der Bundesrepublik (Ticker 4/10) kam es jetzt auch in England zu einer parlamentarischen Anfrage in Sachen „DUOGYNON“.

Andere OECD-Leitsätze gefordert
Die OECD hat sich Leitsätze gegeben, in denen sich der Verbund aus 31 großen Industrieländern zu sozialen und ökologischen Standards bekennt. Wenn ein Unternehmen gegen diese Regeln verstößt, muss es mit einer Klage bei den nationalen Kontaktstellen rechnen. Ernste Konsequenzen hat so ein Verfahren jedoch fast nie. So lehnte die bundesdeutsche Kontaktstelle die beiden Beschwerden gegen BAYER, welche die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN allein oder in Zusammenarbeit mit anderen Initiativen eingereicht hatte, ab. Weder den Handel der ehemaligen BAYER-Tochter HC STARCK mit Bodenschätzen aus Bürgerkriegsgebieten noch BAYER CROPSCIENCEs Duldung von Kinderarbeit in der Lieferkette fand sie sanktionswürdig. Nicht nur aus diesem Grund fordern GERMAN WATCH und MISEREOR jetzt eine Überarbeitung der Leitsätze. Die beiden Nichtregierungsorganisation verlangen wirkliche Bestrafungen. Insbesondere kritisieren sie die bundesdeutsche Kontaktstelle für ihren nicht nur im Fall „BAYER CROPSCIENCE“ gezeigten Unwillen, das Agieren der festen Zulieferer der Multis ebenfalls als „gerichtsrelevant“ zu betrachten, womit sie ein einfaches Outsourcing der Ausbeutung erleichtert. Auch sonst fällt die Einrichtung immer wieder durch unternehmensfreundliche Entscheidungen auf. Keine andere Kontaktstelle lehnt Eingaben so häufig ab wie die bundesrepublikanische - nicht umsonst ist sie bei der Auslandsinvestitionen-Abteilung des Wirtschaftsministeriums angesiedelt. Darum treten die beiden Gruppen für eine umfassende Strukturreform ein.

Frauen-Protest gegen MIRENA
Mehr als jede zehnte Anwenderin von BAYERs Hormon-Spirale MIRENA leidet unter schweren Nebenwirkungen wie Depressionen, Zyklusstörungen, Gewichtszunahme, Eierstock-Zysten, Unterleibsentzündungen, Schwindel, Übelkeit, starker Haarwuchs, Akne, Hautkrankheiten und Kopfschmerzen (siehe auch RECHT & UNBILLIG). Zudem besteht der Verdacht auf Erhöhung des Brustkrebs-Risikos. Eine nicht eben kleine Schadensbilanz, über welche der Leverkusener Multi allerdings den Mantel des Schweigens hüllt. In den USA haben sich deshalb mehr als 1.700 Frauen an die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA gewandt und eine bessere Aufklärung über das Gefahren-Potenzial des Mittels gefordert, das allein in der Bundesrepublik rund eine Million Frauen nutzen.

Belegschaft demonstriert in Brüssel
An der Demonstration europäischer Belegschaften gegen Sozialabbau und Sparmaßnahmen, die Ende September 2010 in Brüssel stattfand, beteiligten sich auch Beschäftigte des Antwerpener BAYER-Werkes. Mit dem Transparent „Für unsere Rechte kämpfen“ zogen sie durch die Straßen der belgischen Hauptstadt.

Kritik an Einmalzahlungen
Bei den Tarif-Verhandlungen gehen die Konzerne immer mehr dazu über, Einmalzahlungen zu vereinbaren. So gab es beim letzten Chemie-Abschluss überhaupt keine prozentuale Entgelt-Erhöhung mehr, sondern lediglich Pauschalbeträge - 550 Euro für Normalbeschäftigte und 611 bis 715 Euro für SchichtarbeiterInnen. Die Hans-Böckler-Stiftung des DEUTSCHEN GEWERKSCHAFTSBUNDES kritisierte diese Praxis jetzt. Nach einer Modellrechnung des Wissenschaftlers Dr. Reinhard Bispinck führt das Instrument zu realen Einkommensverlusten. Wenn ein Beschäftigter mit einem Gehalt von 2.000 Euro brutto statt einer 2-prozentigen Lohnerhöhung 480 Euro erhält, so steht er damit im ersten Jahr noch gut da, im zweiten allerdings verschlechtert sich seine Situation schon und anschließend geht es dann ganz steil bergab. Zudem kämen die Chef-Etagen mit den Pauschalen „ihrem Ziel von stärker variablen und rückholbaren Einkommenssteigerungen“ näher, monierte Bispinck.

Uni Köln: Ministerin handelt nicht
Vor zwei Jahren vereinbarte BAYER mit der Kölner Hochschule eine Kooperation auf dem Gebiet der Pharma-Forschung. „Sie ist die weitreichendste, die eine nordrhein-westfälische Universitätsklinik bislang eingegangen ist“, jubilierte Innovationsminister Andreas Pinkwart damals. Der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und anderen Initiativen machte das eher Angst. Die Gruppen befürchteten eine Ausrichtung der Pharma-Forschung nach Profit-Vorgaben, eine Entwicklung von Präparaten ohne therapeutischen Mehrwert, eine Verheimlichung negativer Studienergebnisse und einen Zugriff des Konzerns auf geistiges Eigentum der Hochschul-WissenschaftlerInnen. Deshalb forderten sie eine Offenlegung des Vertrages und bekamen dafür auch die Unterstützung des nordrhein-westfälischen Datenschutzbeauftragten, welcher der Hochschule kein Recht auf Geheimhaltung zuerkennen wollte. Die Universität blieb jedoch bei ihrer Verweigerungshaltung, die auch die neue Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) nicht aufzuheben gedachte. Eine Durchsetzung des vom Datenschützer bescheinigten „Informationszugangsanspruchs“ könne nicht erzwungen werden, antwortete die Politikerin der CBG und empfahl, „noch einmal auf die Universität zuzugehen, um ein Verfahren zu vermeiden“. Aber genau das lässt sich jetzt nicht mehr vermeiden.

Hochschulräte in der Kritik
In den Hochschulräten als neuen Aufsichtsgremien der Universitäten sitzen zu einem Drittel VertreterInnen von Unternehmen. Der Leverkusener Multi darf da natürlich nicht fehlen. So ist BAYER-Vorstand Richard Pott im Hochschulrat der Universität Köln vertreten, mit der BAYER auch eine umfassende Forschungskooperation unterhält (SWB 2/09). Diese Konstellation entspricht nicht gerade dem, was Rolf Breuer, ehemaliger Chef der DEUTSCHEN BANK und heutiger Hochschulrat an der Frankfurter Goethe-Universität, von dem Gremium fordert: „Der Hochschulrat muss neutral sein“. Auch sonst stößt der wachsende Einfluss von Konzernen auf die Bildungseinrichtungen zunehmend auf Kritik. Die Heinz-Nixdorf-Stiftung etwa mahnt eine „Kontrolle der Kontrolleure“ an. Die Studierenden-Vertretungen beklagen die Besetzungen der Posten nach Gutsherrenart ohne demokratische Legitimation, und die SPD-Politikerin Annette Fugmann-Heesing stört sich an den Berufungen auf Lebenszeit und tritt für die Möglichkeit von Abwahlen ein.

Kritik an Wenning-Artikel
In der Financial Times Deutschland hatte BAYER-Chef Werner Wenning kurz vor seiner Verabschiedung mal wieder das Klagelied über die bundesdeutsche Energie-Politik angestimmt, die angeblich wegen ihrer ökologischen Ausrichtung zu unerträglich hohen Strompreisen und anderen Belastungen für die Industrie führe. Dafür handelte er sich im Internet einige bissige Kommentare ein. „Aus hohen Strompreisen für Privathaushalte kann noch lange keine ungebührliche Belastung der deutschen Industrie abgelesen werden. Die von Wenning genannten Steuern entsprächen in ihrer Höhe noch längst nicht den gesamten externen Kosten der konventionellen Stromerzeugung. Diese externen Kosten tauchen zwar nicht im Strompreis auf, das heißt jedoch nicht. dass sie nicht bezahlt werden müssen. Die Renovierungskosten von Asse trägt der Steuerzahler, die Bergschäden im Ruhrgebiet die Eigenheimbesitzer, die Gesundheitsschäden die Bevölkerung in den Uran- und Ölförderländern etc.“, schrieb ein Leser. Und ein weiterer riet Wenning: „Die Deutsche Industrie hatte lange genug Zeit, sich auf neue Zeiten einzustellen. Sie hat es nur nicht ernsthaft versucht, dafür sollten Sie sich schämen und schnell umdenken, statt durch diese peinliche Kampagne für Atomkraft zu kämpfen“.

Resolution gegen Genreis verabschiedet
Im Jahr 2006 war gentechnisch veränderter Langkorn-Reis von BAYER weltweit in Supermärkten aufgetaucht, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nirgendwo eine Zulassung vorlag. Damit verursachte der Leverkusener Multi den größten Gen-Gau der Nuller-Jahre. Trotzdem hat der Multi seinen Antrag auf eine Importzulassung von Genreis der Sorte „LL62“ bei der EU noch nicht zurückgezogen. Genau dazu hat ihn jetzt eine von GREENPEACE in Italien organisierte Konferenz aufgefordert.

KAPITAL & ARBEIT

BAYER streicht 4.500 Stellen
„Ich will für BAYER noch mehr Investition und weniger Administration. Wir können noch schneller und schlanker werden“, sagte der neue BAYER-Chef Marijn Dekkers bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für das dritte Quartal trotz einer Umsatzsteigerung von 16,1 Prozent auf 8,6 Milliarden. Über die Konsequenzen war er sich noch nicht im Klaren: „Ob dadurch wirklich Arbeitsplätze betroffen sind, kann ich jetzt noch nicht sagen“. Zwei Wochen später wusste er es. Da kündigte der Leverkusener Multi den Abbau von 4.500 Stellen an den alten Standorten und den Aufbau von 2.500 in den Schwellenländern an. Allein 1.700 Jobs fallen in der Bundesrepublik weg. Bei der IT-Abteilung BAYER BUSINESS SERVICES (BBS) stehen 900 Arbeitsplätze zur Disposition. Von der Maßnahme betroffen sind 490 Festangestellte und 406 Arbeitskräfte mit Werks- oder Zeitarbeitsverträgen. Einen Teil der Jobs dürfte der Multi nach Indien verlagern, wo die BBS bereits einen Ableger mit 300 bis 400 Beschäftigten unterhält - laut BBS-Sprecher Oliver Günther die „verlängerte Werkbank“. Mit diesem Sparprogramm für die Service-Gesellschaften bricht der Konzern die 2007 im Tarifvertrag gemachten Zusagen zur Arbeitsplatz-Sicherung, welche die Belegschaftsangehörigen damals mit einem Lohnverzicht in Höhe von 3,3 Prozent teuer erkauft hatten. Bei BAYER HEALTH CARE streicht der Konzern 700 Stellen, bei BAYER CROPSCIENCE 300. Die Kunststoff-Sparte, um die es immer wieder Verkaufsgerüchte gibt, bleibt dagegen weitgehend verschont. Der Betriebsrat kritisierte das Sparprogramm zwar, ändert aber seinen sozialpartnerschaftlichen Kurs nicht und bietet Hilfe bei der Abwicklung an. „Das ist ein erheblicher Personalabbau mit einschneidenden Veränderungen. Wir Arbeitnehmer-Vertreter werden nun intensive Gespräche mit der Unternehmensleitung führen, um die Notwendigkeit, den Umfang, mögliche Alternativen und die Umsetzung der geplanten Veränderungen zu beraten, damit sozialverträgliche Lösungen gefunden werden können“, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Thomas de Win. Die nordrhein-westfälische Landesregierung will den Kahlschlag hingegen nicht so einfach hinnehmen. Angesichts von 5,5 Millionen Euro, die BAYER im Zuge der Wirtschaftskrise aus dem Konjunktur-Paket erhalten hat, verlangte NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) von BAYER, Verantwortung für die Beschäftigten zu übernehmen. Diese Mittel hätten nichts mit der Krisen-Bewältigung zu tun gehabt, kommentierte Konzern-Sprecher Günter Forneck laut Süddeutscher Zeitung die Vorwürfe. Zu dem von Voigtsberger vorgeschlagenen Spitzentreffen erklärte der Global Player sich jedoch bereit: „Es wäre ein Novum, wenn wir ein Gesprächsangebot der Politik nicht annähmen“.

Arbeitsplatzvernichtung in Berkeley
BAYER vernichtet am US-amerikanischen Standort Berkeley 39 Arbeitsplätze; dabei verlieren zum überwiegenden Teil GewerkschaftlerInnen ihren Job (siehe auch SWB 1/11). Donal Mahon von der INTERNATIONAL LONGSHORE AND WAREHOUSE UNION (ILWU) kritisierte die Maßnahme scharf: „BAYER hatte im vergangenen Jahr zugesichert, etwaige Entlassungen 45 Tage vorher anzukündigen. Tatsächlich waren es jetzt nur zwei Tage, und es waren doppelt so viele Entlassungen, wie zuvor besprochen. Für den Fall, dass wir ein Schiedsgericht einschalten, hat uns das Unternehmen den Abbau weiterer Arbeitsplätze angedroht“. Aber die ILWU ließ sich nicht einschüchtern und organisierte eine Protest-Aktion, an der 150 Belegschaftsangehörige teilnahmen.

Sprachlehrer prekär beschäftigt
In SWB 4/09 klagten zwei Sprachlehrer über die schlechte Bezahlung und die miesen Arbeitsbedingungen bei BAYER. Daran hat sich offensichtlich nichts geändert. Erneut erreichten die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN Informationen über unter dem Branchen-Durchschnitt liegende, seit Jahre nicht angehobene Honorare und erst nach sechs Wochen bezahlte Rechnungen.

MCKINSEY bei BAYER CROPSCIENCE
BAYERs Landwirtschaftssparte machte 2009 einen Umsatz von 6,5 Milliarden Euro. In diesem Jahr allerdings ist laut Konzern „ein erheblicher Rückgang zu erwarten“. Deshalb schickte er den Beschäftigten die UnternehmensberaterInnen von MCKINSEY ins Haus. Ob diese sich mit der von BAYER-Chef Marijn Dekkers angekündigten Vernichtung von 300 Arbeitsplätzen in der Sparte zufriedengeben, wird die nahe Zukunft zeigen.

Zühlke neuer Betriebsratsvorsitzender
Thomas de Win hat angekündigt, sein Amt als Betriebsratsvorsitzender des Leverkusener BAYER-Werkes niederzugelegen, um sich mehr auf seine Aufgaben als Gesamtbetriebsratschef konzentrieren zu können, wie er gegenüber der Presse erklärte. Seine Position übernimmt Oliver Zühlke.

318 Männer in Elternzeit
Der Leverkusener Multi macht es anscheinend Männern, die Elternzeit nehmen wollen, nicht mehr so schwer wie früher. Noch vor vier Jahren beschied das Unternehmen einem Beschäftigten, der einen entsprechenden Antrag stellte, er bräuchte anschließend gar nicht mehr wiederzukommen (Ticker 2/06). Der Mann blieb trotzdem bei seinem Entschluss und versuchte nach Ablauf der Zeit beim Konzern als Teilzeitler sein Glück. Das verwehrte ihm allerdings die Personalabteilung. Vollzeit oder gar nicht - vor diese Alternative stellte ihn der Pharma-Riese. Inzwischen machen nach Unternehmensangaben 318 Belegschaftsangehörige von dem Angebot Gebrauch. Allerdings beträgt die Auszeit von Vätern in den Betrieben nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung oft nur zwei Monate.

Betriebsausflug nach Taipei
BAYERs Pharma-Abteilung veranstaltet alljährlich für Beschäftigte einer Region eine Konferenz, um die interne Konkurrenz durch Auszeichnungen anzuheizen und die Belegschaft auf neue Aufgaben einzuschwören. Dieses Mal waren die 2.700 chinesischen Betriebsangehörigen dran. Ende Januar 2010 zog der Leverkusener Multi sie für eine Woche im taiwanesischen Taipei zusammen.

ERSTE & DRITTE WELT

BAYER‘S TONIC mit Warnhinweis
In den Ländern des Südens sind die Menschen oftmals nicht in der Lage, sich ÄrztInnen zu leisten. Die Pharma-Riesen haben sich darauf eingestellt und bieten Arzneien mit einem so umfassenden wie diffusen Wirkprofil an. So bewirbt der Leverkusener Multi BAYER‘S TONIC als Stärkungsmittel. Wie allerdings eine Mischung aus Leber-Extrakt, Hefe, Natriumphosphat und Alkohol stärken soll, bleibt BAYERs Geheimnis. Offenbar sind hingegen die Gefahren. So kann die Einnahme des Tonikums wegen seines Alkohol-Gehaltes bei kleinen Kindern zu Leberzirrhosen führen. Die BUKO-PHARMA-KAMPAGNE forderte deshalb vom Konzern, einen entsprechenden Warnhinweis auf der Flasche anzubringen. Aber erst nach einem zähen Ringen erklärte sich das Unternehmen dazu bereit.

Kinderarbeit-Kampagne erfolgreich
Seit mehr als sieben Jahren kämpft die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN gegen Kinderarbeit bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO. Bis zu 2.000 Minderjährige arbeiteten dem Unternehmen schon zu. Dank der Kampagne sank die Zahl bis 2007 auf 300. Ein neuer Bericht für die abgelaufene Pflanz-Saison konstatiert nun wiederum einen erheblichen Rückgang der Zahlen. Nach Einschätzung der CBG-Kooperationspartner vor Ort war dieser Erfolg nur durch Druck von außen zu erreichen. In Indien war das Problem seit langem bekannt, aber erst die Schlagzeilen in der Bundesrepublik und den USA brachten BAYER zum Einlenken, so die AktivistInnen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit von Gruppen aus vier Ländern bezeichneten sie als ein gelungenes Beispiel einer „Globalisierung von unten“. Davon will der Agro-Multi natürlich nichts wissen. Er behauptet, die Reduzierung der Kinderarbeit „ohne jeglichen öffentlichen Druck“ vorgenommen zu haben.

POLITIK & EINFLUSS

Gesundheits„reform“ noch kränker
Erwartungsgemäß gelang es BAYER & Co., bei der Gesundheits„reform“ von CDU und FDP bis zu ihrer endgültigen Verabschiedung noch einige „Nachbesserungen“ zu erreichen. So kommt jetzt zu dem beschleunigten Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung von Gesundheitsleistungen noch eine weitere Aufweichung der Kriterien für die neu eingeführte Kosten/Nutzen-Bewertung von Arzneien dazu. „Der Beschluss über die Nutzen-Bewertung darf nicht der Feststellung der Zulassungsbehörde widersprechen“, formulierte die Kanzlei CLIFFORD CHANCE, die der von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Pharma-Hersteller“ (VFA) angeheuert hatte. Der Gesetzgeber übernahm den Text fast wortwörtlich. Die zuständigen Stellen dürften den „medizinischen Nutzen eines Arzneimittels nicht abweichend von der Beurteilung der Zulassungsbehörde bewerten“, variierte die Regierungskoalition die Vorlage. Zudem setzten die Pharma-Riesen eine Umkehr der Beweislast durch. Hatten sie ursprünglich den Nachweis eines Nutzens zu dokumentieren, so müssen die Behörden jetzt Belege für die „Unzweckmäßigkeit“ einer Arznei erbringen, was in der Praxis auf einige Schwierigkeiten stößt. Darüber hinaus sind Medikamente für seltene Krankheiten von dieser Prozedur befreit, wobei praktischerweise auch Mittel gegen so seltene Krankheiten wie Krebs unter einen solchen Exoten-Status fallen, wenn sie ein bestimmtes Umsatzvolumen nicht überschreiten. Und schließlich beschnitten die Pillen-Konzerne noch die Macht der Krankenkassen bei den Verhandlungen zu den Rabattverträgen. „Man hat den Eindruck, dass Lobbyverbände viel erreicht haben“, lautet deshalb das Fazit von Wolf-Dieter Ludwig, dem Vorsitzenden der „Arzneimittel-Kommission der deutschen Ärzteschaft“.

BAYER finanziert Obama-GegnerInnen
Bei den jüngsten Wahlen zum US-Kongress investierte BAYER 108.100 Dollar an Wahlkampf-Spenden in republikanische und demokratische KandidatInnen, die den Klimawandel in Abrede stellen oder sich gegen Barack Obamas Klimaschutz-Politik aussprechen (siehe auch SWB 1/11). Und der Konzern erreichte sein Ziel. Die Mehrheitsverhältnisse änderten sich, womit der „American Clean Energy and Security Act“ des US-Präsidenten vorerst auf dem Müllhaufen der Geschichte landete.

Lobbyismus als Dienstleistung
In wichtigen Hauptstädten wie Berlin, Brüssel, Washington und Peking unterhält der Leverkusener Multi mittlerweile so genannte Verbindungsbüros. „Wir bei BAYER verstehen uns als Bestandteil der Gesellschaft und sehen es daher als unsere Pflicht, uns in die gesetzgeberischen Entscheidungsprozesse einzubringen“, sagte der einstige Vorstandsvorsitzende Werner Wenning zur Begründung. Und die oberste Einbringerin in Berlin, Patricia Solaro, betrachtet sich nicht als schnöde Lobbyistin; ihrem Verständnis nach hat sie eine Service-Funktion. „Wir sind Dienstleister für die Politiker, das bedeutet, wir müssen komplexe Sachverhalte aus den Bereichen ‚Pharma‘, ‚Gesundheit‘ und ‚Chemie‘ verständlich darstellen“. Im Moment gibt die Dame den Abgeordneten Nachhilfe in „steuerlicher Forschungsförderung“ (s. u.), „Bildungsförderung“ und „Ordnungspolitik“.

LobbyistInnen bei der EFSA
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, die unter anderem für die Zulassung von Gen-Pflanzen zuständig ist, steht seit langem in dem Ruf, allzu industrie-freundlich zu sein. Das bestätigte sich im Herbst 2010 noch einmal. Da kam nämlich heraus, dass die EFSA-Verwaltungsratschefin Diána Bánáti auch für das „International Life Science Institute“ (ILSI) tätig ist, das - finanziert unter anderem von BAYER, MONSANTO und COCA COLA - regelmäßig Entlastungsstudien zu Gen- und Nanotechnik sowie zu anderen umstrittenen Praktiken anfertigt. Der bekannte Gentechnik-Gegner und EU-Parlamentarier José Bové forderte die Behörde nach Bekanntwerden des Skandals auf, alle in der Amtszeit von Bánáti gefällten Genehmigungsentscheidungen zu widerrufen. Bánáti blieb nichts anderes übrig, als ihre ILSI-Ämter niederzulegen. Aber der Einfluss des Instituts auf die EFSA besteht trotzdem fort. Es ist im Verwaltungsrat noch durch Milan Kovac vertreten, in der Pestizid-Abteilung durch Raymon Boobis und im Bisphenol-A-Gremium durch Laurence Castle.

Merkel bei BAYER
Während ihrer USA-Reise im April 2010 besuchte Angela Merkel auch die BAYER-Niederlassung im kalifornischen Berkeley. Mit dem Pharma-Vorstand Wolfgang Plischke besichtigte sie die Anlagen zur Produktion des Blutpräparates KOGENATE und zeigte sich laut Konzern-Postille direkt „ebenso wie ihre Delegation sehr beeindruckt von den Hightech-Herstellungsverfahren“. Aber solche „Innovationen“ kommen nach Ansicht des Unternehmens nicht von ungefähr. „Hierbei spielen gute Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle“, erläuterte Plischke der Bundeskanzlerin und führte als Beispiel die von der US-Regierung eingeräumten Steuer-Vorteile für Forschungsaufwändungen an, für die sich der Multi auch hierzulande mit aller Kraft einsetzt. In Berkeley selber spricht der Multi freilich nicht von guten Rahmenbedingungen. Da macht er anderswo bessere aus und setzt die Stadt damit unter Druck (siehe auch SWB 1/11)

Thailändischer Minister bei BAYER
Ende Juli 2010 besuchte der thailändische Industrieminister Chaiwuti Bannawat die BAYER-Zentrale in Leverkusen. Er besichtigte die Sicherheitszentrale und das Entsorgungszentrum Bürrig. Zudem traf er mit Günter Hilgen zusammen, dem Hauptverantwortlichen für das weltweite Polycarbonat-Geschäft des Multis. Bei dem Gespräch dürfte es auch um die Lage im Industriegebiet Map Ta Phut gegangen sein, wo der Konzern eine Anlage betreibt. Wegen der starken Umweltbelastung hatte ein Gericht dort Ende 2009 einen Baustopp für 70 Produktionsstätten, darunter zwei von BAYER, verhängt. Die Regierung lockerte ihn jedoch sukzessive, bis im Oktober 2010 auf der Roten Liste nur noch zwei Projekte übrig blieben.

FDP-Politikerin besucht CURRENTA
Die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Ulrike Flach hat CURRENTA, das Gemeinschaftsunternehmen von BAYER und seiner Chemie-Abspaltung LANXESS, einen Besuch abgestattet und dabei dem Chemie„park“-Betreiber liberalen Beistand versichert. „Um die Zukunft unserer Chempark-Standorte zu sichern, sind stabile politische Rahmenbedingungen ebenso unabdingbar wie faire Wettbewerbsbedingungen“, so Flach.

Voigtsberger bei BAYER
Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) gratulierte BAYER zum 50. Geburtstag des Bergkamener Werkes und sprach auf dem Jubiläumsempfang ein Grußwort.

Wirtschaftsrat vs. Klimaschutz
Der Wirtschaftsrat der Christdemokraten, bei dem der BAYER-Manager Wolfgang Große Entrup das Umweltressort betreut, hat im Vorfeld des CDU-Parteitages im November 2010 neben massiven Kürzungen im Sozialbereich auch eine Revision der Klima-Politik angemahnt. „Die industrielle Basis darf durch steigende Stromkosten sowie Mehrfachbelastungen bei der Ökosteuer und im Emissionshandel nicht zerstört werden“, hält der Rat fest. Angesichts eines angeblich marginalen Anteils der Bundesrepublik am klima-zerstörenden Kohlendioxid-Ausstoß möchte er den Ausbau der Erneuerbaren Energien stoppen. Zudem bekennen sich Große Entrup & Co. zu der Verlängerung der AKW-Laufzeiten und fordern ganz allgemein einen Paradigmenwechsel: „Die Wirtschaftlichkeit des Energiesystems muss wieder oberste Priorität haben“.

VCI-Wahlkampfspenden: 170.000 Euro
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat von 2002 bis 2010 Wahlkampf-Spenden in Höhe von 170.000 Euro geleistet. Dabei ging der Lobby-Club von BAYER & Co. selektiv vor und bedachte nur CDU und FDP; die Christdemokraten erhielten 100.000 Euro und die Liberalen 70.000 Euro.

PROPAGANDA & MEDIEN

Beschwerde beim Kölner Stadtanzeiger
Im letzten Jahr hatte ein Journalist die Aktivitäten der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN während der BAYER-Hauptsammlung für das Video-Portal des Kölner Stadtanzeigers gefilmt. Das passte dem Leverkusener Multi nicht. Er schrieb einen Beschwerde-Brief an die Chefredaktion. Die Zeitung ließ sich aber ebenso wenig einschüchtern wie der Filmemacher, der dem Konzern antwortete, er suche sich seine Themen immer noch selber aus.

BAYER sponsert Weltverhütungstag
„Fünf gegen das Wachstum der Bevölkerung investierte Dollar sind wirksamer als hundert für das Wirtschaftswachstum investierte Dollar“, sagte einst der ehemalige US-Präsident Lyndon B. Johnson über seine Vorstellung von „Entwicklungshilfe“. Zur Freude des Leverkusener Multis erfreut sich diese Ansicht auch heute noch großer Beliebtheit, die „gigantischen Fruchtbarkeitsmärkte“ in den armen Ländern versprechen nämlich gute Absatzchancen für die Verhütungsmittel des Konzerns. Um die Geschäftsaussichten für YASMIN & Co. noch ein wenig zu verbessern, beteiligt er sich auch 2010 wieder am Weltverhütungstag. Dieses Mal legt die Reklame-Veranstaltung den Schwerpunkt auf ungewollte Schwangerschaften von Jugendlichen infolge ihrer Sexualpraktiken. „Der am häufigsten genannte Grund für ungeschützten Geschlechtsverkehr ist die fehlende Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln“, hält die „Deutsche Stiftung Weltbevölkerung“ zum von ihr mitausgerichteten Weltverhütungstag fest und rührt damit die Werbetrommel für einen ihrer Hauptsponsoren. BAYER hat die Stiftung im Jahr 2009 nämlich mit einer Spende von über 10.000 Euro bedacht.

BAYER spendet an „Die Arche“
BAYERs BEPANTHEN-Kinderförderung unterstützt seit längerem das Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“, das dem evangelikalen Verband „Deutsche Evangelische Allianz“ angehört, und investiert damit in das SozialarbeiterInnen-Image des Konzerns. Dieses Jahr dachte sich der Leverkusener Multi allerdings eine besonders lukrative Win/Win-Situation aus. Er vermittelte seinen KundInnen die Illusion, beim Kauf von BEPANTHEN Gutes zu tun und honorierte die Rückgabe einer leeren und den Erwerb einer neuen Packung der Wundsalbe mit einem Euro für „Die Arche“. 45.000 Euro kamen so zusammen.

BAYERs Standort-Kampagne
Der Pharma-Riese spielt seinem Stammsitz Leverkusen seit längerer Zeit übel mit. Das Werk schrumpft und schrumpft und damit auch die Zahl der Arbeitsplätze, die Gewerbesteuer fließt nur noch spärlich und die vielbeschworene BAYER-Familie wird dysfunktionaler und dysfunktionaler. Deshalb hatte der Multi im letzten Jahr unter dem Motto „Leverkusen und BAYER. Ein starkes Team“ eine Image-Kampagne mit Anzeigen, lokaler Internet-Seite und mehreren Wettbewerben begonnen. Einer von ihnen forderte SchülerInnen auf, sich zu „Leverkusen begeistert“ etwas einfallen zu lassen. 60 Kinder und Jugendliche fühlten sich angesprochen und fertigten Arbeiten an, die das Unternehmen dann der Öffentlichkeit präsentierte. Auch die Kooperation mit der Rheinischen Post läuft weiter. Nach einem Leverkusen-Quiz veranstaltete der Global Player mit seinem „Medienpartner“ im Juni eine Stadtrallye für Schulklassen; als Hauptgewinn winkte eine Unterrichtsstunde mit Armin Maiwald von Der Sendung mit der Maus.

BAYER zeigt Ausstellung
Der Leverkusener Multi kooperiert mit dem UN-Umweltprogramm UNEP, um seine jährlich acht Millionen Tonnen CO2-Ausstoß und andere Missetaten vergessen zu lassen. Eine Frucht dieses Greenwashings stellt ein Kinder-Malwettwerb zum Thema „Klimawandel“ dar. Die prämierten Arbeiten präsentierte der Multi während des Junis 2010 in der Hagener Stadtsparkasse.

Klima-Preis an Peter Lemke
BAYER hat im Geschäftsjahr 2009 die Wenigkeit von acht Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen und fühlt sich trotzdem berufen, Klima-Preise zu verleihen. Den diesjährigen „BAYER Climate Award“ erhielt Peter Lemke vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für seine Forschungen zu den Auswirkungen der Erderwärmung auf die Polkappen.

TIERE & VERSUCHE

Kontrollierter Versuchstier-Anbau
171.251 Versuchstiere fanden 2009 den Weg in die BAYER-Labore, davon über 1.000 Hunde, Katzen und Affen. Dabei betont der Konzern aber, wie sorgsam er seine Kandidaten aussucht. So kommen die Hunde nur von speziellen, streng kontrollierten ZüchterInnen. Und wenn sie die Tests überleben, verschenkt der Leverkusener Multi sie sogar. Da kann man ja fast schon von Tierliebe sprechen!

Tierquälereien bei PLRS
Nach Recherchen der Tierrechtsorganisation PETA kommt es beim US-amerikanischen Tierversuchsunternehmen PROFESSIONAL LABORATORY AND RESEARCH SERVICES (PLRS), bei dem BAYER Floh- und Zeckenmittel wie ADVANTAGE testen lässt, zu Tierquälereien in großem Ausmaß. Die Beschäftigten zerren Kaninchen an Ohren, reißen Hundewelpen an der Kehle hoch und schleudern Katzen in ihre Käfige. Eine tierärztliche Versorgung findet ebenfalls nicht statt. „Das Leben der Tiere bei PLRS ist ein Alptraum. Kein Hunde- oder Katzenhalter kann akzeptieren, dass Hunde und Katzen so schrecklich gequält werden. Die Verantwortlichen in den Pharma-Konzernen müssen unverzüglich reagieren“, fordert Christine Esch von PETA deshalb.

DRUGS & PILLS

Noch mehr YAZ & Co.
Trotz zahlreicher Todesfälle und starker Nebenwirkungen setzt BAYER weiter auf Kontrazeptiva aus der YASMIN-Familie. Weil für die Präparate der Patentschutz ausläuft, entwickelt der Leverkusener Multi fieberhaft Varianten mit geringfügigen Abweichungen. So hat er in den USA für BEYAZ die Zulassung erhalten, das zusätzlich zu den YAZ-Wirkstoffen noch Vitamin B enthält, um einer angeblichen Unterversorgung bei späteren Schwangerschaften und daraus resultierenden Geburtsfehlern vorzubeugen.

VALETTEs Thrombose-Risiko
BAYER hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die das Thromboembolie-Risiko des Verhütungsmittels VALETTE im Vergleich zu demjenigen von Levonorgestrel-haltigen Pillen bestimmen sollte. Wenn es weniger als doppelt so viel Thromboembolie-Fälle unter dem Dienogest-haltigen VALETTE wie unter den anderen Mitteln gibt, dann wollte das Studien-Design von einer „Nichtunterlegenheit“ sprechen. Dieses Kriterium erreichte das Kontrazeptivum mit einem Wert von 1,8 knapp. Das industrie-unabhängige arznei-telegramm beurteilt das Ergebnis deshalb skeptisch. „Die Unbedenklichkeit der Dienogest-haltigen Kombination ist unseres Erachtens dennoch nicht belegt: Der obere Wert des Vertrauensbereichs von 1,8 bedeutet, dass das Risiko venöser thromboembolischer Ereignisse unter Dienogest bis zu 80 % höher sein kann als unter Levonorgestrel – für die Annahme von Nichtunterlegenheit inakzeptabel hoch“, schreibt das Fachorgan. Zudem zieht es die Seriösität des mit der Studie beauftragten ZEG Berlin in Zweifel, da ein ehemaliger SCHERING-Beschäftigter dieses leitet und es regelmäßig durch für die Pharma-Riesen günstige Bewertungen auffällt. „Solange unabhängige Studien fehlen, raten wir von Dienogest-haltigen Kontrazeptiva ab“, lautet aus diesem Grund das Resümee des arznei-telegramms.

LEVITRA als Schmelztablette
BAYERs Potenzpille gibt es jetzt auch als Schmelztablette. Im Juni 2010 haben die US-amerikanischen Behörden die neue Version namens STAXYN zugelassen. Aber auch ein zarter Schmelz kann nicht verhindern, dass das Mittel zahlreiche Nebenwirkungen hat. Temporärer Gedächtnisverlust, zeitweilige oder dauerhafte Hörschäden, Sehstörungen bis zum Sehverlust, Schwindel, Höhenangst, Kopfschmerzen, Nasenschleimhaut-Entzündungen, Grippe-Symptome sowie Gesichtsrötungen zählen dazu.

LEVITRA mit Pfefferminz-Geschmack
Damit die Potenz-Pille LEVITRA auch nach Lifestyle-Präparat schmeckt und nicht mehr nach Arznei, hat der Leverkusener Multi sie mit einem Pfefferminz-Aroma aus seinem reichhaltigen Chemiebaukasten versehen. Die Risiken und Nebenwirkungen bleiben allerdings bestehen. Temporärer Gedächtnisverlust, zeitweilige oder dauerhafte Hörschäden, Sehstörungen bis zum Sehverlust, Schwindel, Höhenangst, Kopfschmerzen, Nasenschleimhaut-Entzündungen, Grippe-Symptome und Gesichtsrötungen zählen dazu.

ALPHARADIN bei Prostata-Krebs?
BAYER erprobt gerade in der dritten und letzten Test-Phase ein neues Präparat zur Behandlung von Prostata-Krebs. Wie andere zur Zeit noch getestete Präparate (siehe GENE & KLONE) und das bereits auf dem Markt befindliche NEXAVAR ist der Einsatz von ALPHARADIN jedoch nur bei PatientInnen vorgesehen, bei denen andere Therapien versagt haben. Erst wenn bei dem Prostata-Kranken eine Hormon-Behandlung erfolglos geblieben ist und sich zudem noch Metastasen im Knochen gebildet haben, sollen die MedizinerInnen später einmal das von RadiologInnen entwickelte ALPHARADIN verschreiben dürfen, um mittels Alpha-Strahlen das Tumor-Wachstum zu hemmen.

Herzinfarkt durch NEBIDO & Co.
Vor einiger Zeit hat BAYER die Krankheit „Testosteron-Mangel“ erfunden, um für Testosteron-Präparate wie NEBIDO und TESTOGEL das neue Geschäftsfeld „Männergesundheit“ zu etablieren. Eine neue Untersuchung, aus den USA warnt jedoch vor den Mitteln. Die WissenschaftlerInnen mussten die Studie sogar abbrechen, weil es unter den ProbandInnen der Testosterongruppe vermehrt zu kardiovaskulären Ereignissen, darunter ein tödlicher Herzinfarkt, gekommen war (siehe SWB 1/11).

Kein MAGNEVIST für Nierenkranke
BAYERs Röntgen-Kontrastmittel MAGNEVIST enthält das chemische Element Gadolinium, das bei vielen Nierenkranken eine Fibrose auslöst. In Einzelfällen führte dieses unkontrollierte Wachstum des Bindegewebes sogar zum Tod der PatientInnen. Deshalb sieht sich der Leverkusener Multi bereits mit über 300 Klagen von Opfern oder deren Angehörigen konfrontiert. Die US-Gesundheitsbehörde FDA sah sich zu einer Reaktion gezwungen. Sie untersagte die Verwendung von MAGNEVIST bei Personen mit Nierenstörungen.

Arznei gegen Makula-Degeneration?
BAYER entwickelt eine Arznei gegen die Makula-Degeneration. Bei dieser Krankheit bilden sich am Auge Gefäß-Wucherungen, die auf die Netzhaut drücken und zur Erblindung führen können. Mit dem neuen Wirkstoff „VEGF Trap Eye“ will der Leverkusener Multi das Wachstum des Gewebes hemmen. Auch bei der speziellen Art der Makula-Degeneration, wie sie manche DiabetikerInnen erleiden, soll das Mittel zum Einsatz kommen.

BAYER unterstützt Parkinson-Verband
BAYER gehört zu den 16 Pharma-Unternehmen, welche die „Deutsche Parkinson-Vereinigung“ sponsern. Damit erschließt sich der Leverkusener Multi schon mal den KundInnenkreis für die Parkinson-Arzneien, an denen er gerade forscht.

Pillen-Preise: plus 4,8 Prozent
Und immer wieder steigen die Pillen-Preise. 2009 haben die Krankenkassen 32,4 Milliarden Euro für Arzneien aufwenden müssen - 4,8 Prozent mehr als 2008. In anderen europäischen Ländern liegen die Kosten längst nicht so hoch. So zahlen Frauen in der Bundesrepublik für BAYERs umstrittenes Verhütungsmittel YASMIN (siehe auch RECHT & UNBILLIG) pro Dreimonatspackung 39,40 Euro, in England aber nur 16,80 Euro. ASPIRIN schlägt hierzulande mit 20 Cent pro Tablette zu Buche, in Russland mit 15, in der Tschechoslowakei mit 14, in Griechenland mit 3 und in England mit 2 Cent. „Preissubventionen von 9,4 Milliarden Euro für die Pharma-Industrie sind weder ökonomisch noch gesundheitspolitisch vertretbar“, kommentierte der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe die Preis-Unterschiede.

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Pestizide in Strauchbeeren
GREENPEACE hat die Pestizid-Belastung von Strauchbeeren untersucht. Während die Ackergift-Rückstände in Himbeeren zurückgingen, nahmen sie in Johannisbeeren zu. Agrochemikalien made by BAYER fanden sich in beiden Beeren-Arten. In Himbeeren wiesen die ForscherInnen Tebuconazole (Produktname: FOLICUR) und Thiacloprid (CALIPSO, PROTEUS) nach, die beide wegen ihrer Gefährlichkeit EU-weit keine neue Zulassung mehr erhalten, und in Johannisbeeren mit Tolylfluanid (EUPAREN) zusätzlich noch ein weiteres Auslaufmodell sowie Trifloxystrobin (NATIVO, CORONET). Dabei überschritt zwar kein einziger der 20 aufgespürten Wirkstoffe die zulässigen Höchstwerte, aber die Masse macht‘s. „Es ist ein gängiger Trick: Um die gesetzlichen Grenzwerte für die einzelnen Pestizide einzuhalten, spritzen die Produzenten ihr Obst mit einem Cocktail aus vielen verschiedenen Pestiziden“, kritisierte der GREENPEACE-Experte Manfred Santen.

K-OBIOL für Getreidelager
Nicht nur auf den Feldern kommt Weizen, Gerste & Co. mit Pestiziden in Berührung, sondern auch bei der Lagerung. So bietet BAYER für die Getreide-Kammern das Insektizid K-OBIOL mit den Wirkstoffen Deltamethrin und Piperonylbutoxid an. „Dies ist das einzige in Deutschland zugelassene Produkt für die Spritz-Applikation in Leerräumen“, wirbt der Konzern und preist den Effekt der Agro-Chemikalie auf Getreidemotten, Getreidekapuziner, Kornkäfer und Reismehlkäfer.

Pestizid-Gefahr: Keine Besserung
BAYER & Co. betonen bei jeder Gelegenheit die Unbedenklichkeit ihrer Pestizide und legen dar, mit wieviel Mühe sie gerade in Ländern des Südens über die richtige Handhabung ihrer Produkte informieren, um etwaige Gesundheitsschädigungen zu vermeiden. Der neue Bericht „Communities in peril“, den das PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK (PAN) herausgegeben hat, kann jedoch keine Erfolge verzeichnen: Nach wie vor kommt es zu zahllosen Vergiftungen. „Die Ergebnisse des Monitoring wiederlegen die von den Pestizid-Herstellern gemachten Aussagen zur „sicheren Anwendung‘ von Pestiziden. Die Daten zeigen, dass die Pestizid-Anwendungsbedingungen in den Ländern des globalen Südens dazu führen, dass Menschen regelmäßig Schaden erleiden“, konstatierte Dr. Abou Thiam von der afrikanischen PAN-Sektion.

GENE & KLONE

Bald mehr Zulassungen?
Die EU will es künftig ihren Mitgliedsstaaten überlassen, Genpflanzen zu genehmigen. Und Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) plant, den Stab gleich weiterzugeben und die einzelnen Bundesländer entscheiden zu lassen. Sie weiß nämlich um die zahlreichen Gentech-GegnerInnen in ihrer bayerischen Heimat und möchte ihre StammwählerInnen nicht vergraulen. BeobachterInnen rechnen durch die neuen Regelungen mit mehr Zulassungen für die Laborfrüchte.

Neue Stammzell-Fabrik
In Nordrhein-Westfalen entsteht mit staatlichen Subventionen eine Fabrik zur Produktion von „Induzierten Pluripotenten Stammzellen“ (IPS). Diese Stammzellen, die hauptsächlich zur Erprobung von Medikamenten dienen sollen, erzeugen ForscherInnen durch eine „Rückprogrammierung“ normaler Körperzellen, sie gewinnen sie also nicht durch das Abtöten von Embryos. Für den Bau der Anlage ist BAYER TECHNOLOGY SERVICES zuständig. Betreiben wird sie die LIFE AND BRAIN GmbH des an der Universität Bonn lehrenden, berühmt-berüchtigten Genforschers Dr. Oliver Brüstle. Da der Leverkusener Multi selber Patente auf die Herstellung von IPS hält, dürfte eine spätere Zusammenarbeit auch auf medizinischem Gebiet nicht ausgeschlossen sein.

Kooperation mit ONCOMED
BAYER will die Forschungen von ONCOMED zu Krebs-Stammzellen nutzen und hat eine Kooperation mit dem kanadischen Unternehmen vereinbart. Die Partner planen, gemeinsam einen Stoff zu entwickeln, der die Arbeit von Krebs-Stammzellen hemmt und so Tumorzellen am Wachstum hindert. Theorie und Praxis liegen allerdings oft ziemlich weit auseinander. So gelingt es BAYERs ebenfalls in den Organismus von Krebszellen eingreifendes Krebsmittel NEXAVAR gerade einmal, das Leben der PatientInnen um zwei, drei Monate zu verlängern (SWB 4/10).

Regorafenib bei Darmkrebs?
BAYER testet ein neues Darmkrebs-Mittel. Die Substanz Regorafenib, welche die Blutzufuhr von Tumorzellen unterbinden und so ihr Wachstum hemmen soll, befindet sich in der dritten und letzten Phase der Klinischen Versuche. Er ist allerdings nur für einen Einsatz bei PatientInnen vorgesehen, bei denen die Standard-Therapien versagt haben und dürfte auch nicht lebensverlängernder wirken als das Konzern-Produkt NEXAVAR (s. o.).

Kein T25-Mais in Europa
Kurz nachdem ein brasilianisches Gericht die Anbau-Genehmigung für BAYERs Genmais „T25“ aus Sicherheitsgründen zurückgezogen hatte (siehe RECHT & UNBILLIG), erklärte das Unternehmen den Verzicht darauf, die Sorte in Europa zu vertreiben. Unter anderem begründete der Leverkusener Multi diesen Schritt damit, keine Genehmigung für die Ausbringung des in Kombination mit „T25“ vermarkteten Ultragifts Glufosinat auf Mais-Feldern zu haben.

Mehr Gentech, mehr Schadinsekten
Da hat die Gentechnik mal wieder ein Eigentor geschossen: Die mit dem giftigen Bacillus thuringiensis (Bt) bestückten Mais-Arten von MONSANTO, BAYER und anderen Anbietern haben in den USA die Bestände des Baumwollkapselbohrers empfindlich dezimiert und dadurch seinem Fraßkonkurrenten, dem Westlichen Bohnenschneider, zu neuer Blüte verholfen, was wiederum die Maispflanzen-Blüte empfindlich stört. Aber die Agro-Riesen wissen Abhilfe: Sie raten zu vermehrtem Insektizid-Einsatz oder zum Kauf von neuen, gleich mit mehreren Bt-Sorten bestückten Laborfrüchten.

Indien: Bt-Baumwolle lohnt nicht
Während in den USA die mit dem giftigen Bacillus thuringiensis (Bt) ausgestatteten Genpflanzen von MONSANTO, BAYER & Co. die Populationen des Baumwollkapselbohrers empfindlich treffen (s. o.), breiten sich in Indien erste Resistenz-Reaktionen unter den Insekten aus. Darum müssen die LandwirtInnen zusätzlich Pestizide einsetzen. Nach einer Studie von GREENPEACE greifen die InderInnen dabei mit am häufigsten zu Monocrotophos, einem Wirkstoff, den BAYER nach eigenen Angaben eigentlich wegen seiner Gefährlichkeit schon länger aus dem Angebot gestrichen haben will. Aber nicht nur wegen der Zusatz-Ausgaben für Agro-Chemikalien lohnt sich für die FarmerInnen der Anbau von Bt-Baumwolle nicht. Der Untersuchung zufolge müssen sie auch empfindlich mehr für das Saatgut bezahlen, ohne einen im Vergleich zu Bio-Bauern und -bäuerinnen höheren Ernte-Ertrag zu haben. Überdies können ihre Gen-Pflanzen nicht so gut Trockenheitsperioden trotzen wie die Bio-Produkte ihrer KollegInnen. Deshalb lautet das Fazit von GREENPEACE: „Zusammenfassend machen die Ergebnisse der Untersuchung deutlich, dass Bt-Baumwolle ein erhebliches finanzielles Risiko bedeutet für von Armut betroffene Kleinbauern, die Regenfeld-Anbau betreiben. Auf der anderen Seite stellt Bio-Baumwolle offensichtlich eine Option zur Reduzierung von Armut und der Verbesserung von Lebensbedingungen in ländlichen Gebieten dar.“

Kooperation mit DOW CHEMICAL
Schadinsekten gewöhnen sich zunehmend an die Pestizide, welche die Hersteller im Kombipack mit ihren gegen diese Wirkstoffe resistenten Genpflanzen verkaufen (s. o.). Deshalb gehen BAYER & Co. nach der Devise „Doppelt hält besser“ immer mehr dazu über, ihre Sorten gleich gegen mehrere Agrochemikalien immun zu machen und gewähren sich gegenseitig Zugriff auf ihre Technologien. Nach Lizenzabkommen mit MONSANTO, DUPONT und SYNGENTA hat der Leverkusener Multi jetzt einen Vertrag mit DOW AGRO SCIENCES geschlossen. Nach dieser Vereinbarung kann der Agro-Riese die DOW-Erfindung WIDESTRIKE nutzen, während das US-Unternehmen die Verfügungsrechte über die BAYER-Entwicklung GLYTOL erhält, die Genpflanzen resistent gegen das Herbizid Glyphosat macht.

Glyphosat schädigt Bodenorganismen
Der Pestizid-Wirkstoff Glyphosat, den BAYER & Co. im Kombi-Pack mit ihren gegen diese Substanz immun gemachten Genpflanzen verkaufen, kann Bodenorganismen schädigen. Das ergab eine wissenschaftliche Untersuchung, die das European Journal of Agronomy im Oktober 2009 veröffentlichte. So tötet die Substanz Bakterien ab, die den Boden mit Stickstoff versorgen und auf diese Weise zum guten Gedeihen der Ackerfrüchte beitragen.

PFLANZEN & SAATEN

Patente auf konventionelle Pflanzen
Nicht nur auf gen-manipulierte Ackerfrüchte, sondern auch auf mittels konventioneller Verfahren gezüchtete erheben die Konzerne Patentansprüche. 1.260 Mal hat das Europäische Patentamt diese bis Dezember 2009 schon anerkannt. BAYER bekam unter anderem ein Schutzrecht auf eine herbizid-resistente Mais-Art zugesprochen und will gerade Methoden zur Züchtung von Pflanzen zur Agrodiesel-Produktion als geistiges Eigentum schützen lassen.

WASSER, BODEN & LUFT

Bisphenol A belastet den Rhein
BAYER ist einer der größter Hersteller der Industrie-Chemikalie Bisphenol A, die unter anderem in Baby-Flaschen und Konservendosen Verwendung findet und zu Schädigungen des Nervensystems, Übergewicht, Unfruchtbarkeit, Diabetes sowie Herz- und Lebererkrankungen führen kann (siehe SWB 4/10). Zu allem Unglück verunreinigt die Substanz laut Bewirtschaftungsbericht des NRW-Umweltministeriums auch den Rhein, wobei die Konzentration an mehreren Messstellen sogar die Orientierungswerte - Grenzwerte gibt es für den Stoff nicht - überschritten hat.

Nordsee ist Mordsee
Etwa 6.000 Giftgas-Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg liegen zweieinhalb Seemeilen vor Helgoland in der Nordsee (Ticker 4/09). Bestückt sind sie mit dem Kampfstoff Tabun, den Gerhard Schrader 1936 im Wuppertaler BAYER-Werk entwickelt hatte. Anfang des Jahres entschied die schleswig-holsteinische Landesregierung, die 90 Tonnen schweren Geschosse auf dem Meeresgrund zu lassen, weil sie bei einer Bergung zu explodieren drohen. Die PolitikerInnen wollen jetzt lediglich das Verlegen von Leitungen durch das Areal verhindern und „die Marine bitten, ihre Übungen in diesem Gebiet einzuschränken“. Den UmweltschützerInnen des Waterkant-Magazins reicht das nicht. „Nur ein generelles Verbot aller Aktivitäten mit Bezug zum Meeresgrund, rechtskräftig verankert und von Überwachung begleitet, kann Risiken ausschließen“, heißt es in dem Blatt.

Sanierung mit Nebenwirkungen
Bis zum Jahr 2003 betrieb BAYER im englischen Hauxton nahe Cambridge ein Werk. Bei der Schließung hinterließ der Konzern in Boden und Grundwasser jede Menge Altlasten. Trotzdem sollen auf dem Gelände Wohnhäuser entstehen. Auf politischen Druck hin hat sich der Investor auch zu Sanierungsmaßnahmen durchringen können. Im Frühjahr haben die Arbeiten begonnen, bei denen die im Erdreich schlummernden Schadstoffe allerdings zu neuem Leben erwachten. Sie verströmten einen üblen Geruch, der krank machte. Einer Untersuchung der Initiative HAUXAIR zufolge klagten mehr als die Hälfte der 402 AnwohnerInnen über Atemprobleme, Kopf- und Halsschmerzen sowie andere Gesundheitsstörungen.

GIFTIG, ÄTZEND & EXPLOSIV

Bisphenol in Kassenbons
Bislang fand sich die Industrie-Chemikalie Bisphenol A hauptsächlich in Lebensmittel-Verpackungen wie Konservendosen und Babyflaschen wieder. Jetzt spürten ForscherInnen diese Substanz, zu deren größten Herstellern BAYER zählt, auch in Kassenbons auf. Da der Stoff zu Schädigungen des Nervensystems, Übergewicht, Unfruchtbarkeit, Diabetes sowie Herz- und Lebererkrankungen führen kann, hat der REWE-Konzern bereits angekündigt, in Zukunft anderes Thermopapier für die Ausdrucke zu verwenden.

Bisphenol: EFSA tut nichts
Immer mehr Länder untersagen die Verwendung der gefährlichen Chemikalie Bisphenol A (s. o.), zu deren größten Herstellern BAYER zählt, in Babyflaschen und anderen Lebensmittel-Behältnissen. Die Bundesregierung wollte eine Stellungnahme der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA abwarten, ehe sie eine Entscheidung trifft. Im Herbst veröffentlichte die Behörde nun ihre Einschätzung und gab Entwarnung. Damit blieb sie ihrem industrie-freundlichen Ruf wieder einmal treu, für den im Bisphenol-A-Gremium besonders der für das von BAYER & Co. finanzierte „International Life Science Institute“ tätige Laurence Castle gesorgt haben dürfte (siehe auch POLITIK & EINFLUSS). Zum Glück scheint auch die EU ihrer eigenen Institution nicht recht über den Weg zu trauen. So kündigte der VerbraucherInnenschutz-Kommissar John Dalli trotz des EFSA-Gutachtens einen Vorstoß zum Verbot von Bisphenol in Babyflaschen an.

CO & CO.

Kein CO mehr übrig
Der Leverkusener Multi hat den Bau der Kohlenmonoxid-Pipeline stets damit begründet, das am Standort Dormagen im Überfluss vorhandene Gas ins mit CO unterversorgte Krefeld leiten zu wollen. Diese Argumentation ist jetzt hinfällig geworden, denn das in Dormagen vorhandene Kohlenmonoxid wird nicht ausreichen, um dort den Bedarf des 2014 in Betrieb gehenden neuen Kunststoff-Werkes decken zu können. Deshalb will BAYER sogar eine neue CO-Anlage bauen. An der Verbundleitung hält der Konzern aber trotzdem fest: „Nur eine Vernetzung gewährleistet die Versorgungssicherheit“.

Röttgens Jein zur Pipeline
Im September 2010 ging Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) auf Distanz zur BAYER-Pipeline. „Jenseits des rechtlichen Aspektes ist meine Meinung, dass so, wie das Projekt begonnen wurde - mit einer Vernachlässigung der Sicherheit - es keine Zukunft hat“, sagte er auf einer Regionalkonferenz im Zuge seines Landesparteivorsitzenden-Wahlkampfs. Als „geprägt von Nachbesserungen und Fehlern“ kritisierte er die Bauarbeiten und ließ auch ökonomische Gründe für die Giftgas-Leitung nicht gelten. „Besorgnissen und Fragen vor Ort kann man nicht mit dem pauschalen Argument ‚Wirtschaftsstandort‘ begegnen“, so der Politiker. Nach seiner erfolgreichen Wahl zum Landeschef der NRW-CDU hörte sich das alles aber schon wieder etwas anders an. „Ich bin nicht gegen die Pipeline, aber ich bin davon überzeugt, dass man die Bürger ernst nehmen muss und sich nicht einfach auf getroffene Entscheidungen berufen kann“, stellte er in der Rheinischen Post klar.

Erneuter Bomben-Fund
Nur 16 Meter von der Pipeline-Trasse entfernt stießen Straßenbau-Arbeiter unmittelbar unter der Erdoberfläche auf eine noch scharfe Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Es war nicht der erste Fund dieser Art: Zwei Granaten, zwei 10-Zentner-Blindgänger, Bombenreste und ein Maschinengewehr wurden entlang der Strecke bereits zu Tage gefördert. Da die Kampfmittel normalerweise vier bis fünf Meter tief im Boden liegen, hegen Mitglieder der Anti-Pipeline-Bürgerinitiativen den Verdacht, dass die Bombe während der Arbeiten an der Kohlenmonoxid-Leitung auf die Schippe eines Baggers geriet und unbemerkt „umgebettet“ wurde. Eigentlich hätte die Firma WINGAS die Bombe bereits bei ihrer Suche nach explosivem Material finden müssen, die sie erst auf Druck der Bezirksregierung durchgeführt hatte. Aber die verwendeten Luftbild-Aufnahmen reichten dafür offensichtlich nicht aus. Deshalb forderten die Pipeline-GegnerInnen unverzüglich: „Unter der gesamten Trasse muss sondiert werden. Sonst haben wir keine Garantie dafür, dass dort nicht noch Kampfmittel liegen“.

Erneute Mängel
Wieder einmal Pfusch am Pipeline-Bau: An drei Stellen ist die Isolierung der Rohrleitung beschädigt, so dass kein Rostschutz mehr besteht. An zwei weiteren Abschnitten überprüft der Leverkusener Multi noch entsprechende Verdachtsmomente. „Bei den entdeckten Fehlstellen handelt es sich um kleine Schäden an der Isolierung. Die können bei aller Einbau-Sorgfalt vorkommen“, versucht BAYERs Pipeline-Beauftragter Werner Breuer die Sache zu verharmlosen. Aber die unter neuer Leitung stehende Bezirksregierung spielte da nicht mit, verhängte einen Baustopp und sandte dem Pharma-Riesen einen Katalog mit 25 Fragen zu den erneuten Pannen zu.

Neues Pipeline-Verfahren
BAYER ist beim Bau der umstrittenen Kohlenmonoxid-Pipeline, welche die Standorte Dormagen und Krefeld miteinander verbinden soll, in 66 Fällen von den Planvorgaben abgewichen (Ticker 1/09). Der Leverkusener Multi verwendete zur Abschirmung der Rohre nur eine 60cm breite Geogrid-Matte statt einer 80cm langen, verlegte mancherorts nur 5,6mm starke Rohre statt solche mit einer Wandstärke von 6,3mm und änderte auch den Trassenverlauf. Damit hat der Leverkusener Multi nach Meinung des grünen Umweltministers Johannes Remmel und der - ebenfalls grünen - neuen Regierungspräsidentin Anne Lütkes neue Tatsachen geschaffen, die einer neuen Genehmigung bedürfen. Deshalb bereiten sie ein Planänderungsverfahren mit Bürgerbeteiligung vor. Dieses kann zwar nicht das dem Bau zugrunde liegende Planfeststellungsverfahren für null und nichtig erklären, aber doch für nochmalige Verzögerungen sorgen. Trotzdem gibt der Konzern sich demonstrativ gelassen: „Wir sind von der Ankündigung des Ministers nicht überrascht und begrüßen das Verfahren. Das gibt uns die Möglichkeit, Planungsanpassungen wie etwa die punktuelle Verlegung von Trassen zu erklären“.

Voigtsberger für Pipeline
Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger bekannte sich auf einer Veranstaltung der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE zu BAYERs Kohlenmonoxid-Pipeline. „Die CO-Pipeline ist notwendig“, konstatierte der Politiker. Und um das allen klar zu machen, schlug er ein Schlichtungsverfahren nach Stuttgarter Vorbild vor. Aber an einem Demokratie-Spiel mit vorher festgelegtem Ende wollen sich die Bürgerinitiativen nicht beteiligen. Auch die Grünen reagierten ablehnend auf den Vorstoß, der schließlich auch zu einem Streit innerhalb der rot-grünen Koalition führte. Nach Informationen der Rheinischen Post sprach Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ein Machtwort und kritisierte Voigtsberger intern für seine nicht dem Koalitionsvertrag entsprechenden Äußerungen.

NANO & CO.

Beschichtungen aus Nano-Silber
Nano leitet sich vom griechischen Wort für Zwerg ab. Die Nanotechnik beschäftigt sich folglich mit der Entwicklung von mikroskopisch kleinen Werkstoffen. Für die Risiken und Nebenwirkungen dieser „Zukunftstechnologie“ fühlt sich allerdings niemand verantwortlich. Dabei gibt es immer mehr alarmierende Hinweise. So können Nano-Stoffe nach einer Untersuchung der Universität Edinburgh das Gewebe angreifen und ähnlich wie in der Vergangenheit Asbest Entzündungen auslösen. Trotzdem produziert BAYER seine Nano-Röhrchen namens BAYTUBES munter weiter. Sie finden mittlerweile in Duftkapseln, Folien, Flüsterschotter, Eishockeyschlägern, Windrad-Flügeln, Akkus und Farbstoffen zur medizinischen Diagnostik Verwendung. Zudem entwickelt der Multi zur Zeit auch eine antibakterielle Beschichtung aus Nano-Silber für Medizin-Produkte wie Katheder und Schläuche.

Keine kommerzielle Nano-Produktion?
Im Monatsabstand vermeldet BAYER neue Anwendungsmöglichkeiten für seine Nano-Produkte. So finden die CNT-Röhrchen, denen Studie asbest-ähnliche Wirkungen bescheinigen, dem Konzern zufolge mittlerweile in Duftkapseln, Folien, Flüsterschotter, Eishockeyschlägern, Kathedern, Schläuchen, Windrad-Flügeln, Akkus und Farbstoffen zur medizinischen Diagnostik Verwendung. Die entsprechende Anlage in Leverkusen müsste nach der Schließung der Produktion in Laufenberg also auf Hochbetrieb laufen. Allerdings handelt es sich dabei nur um ein Technikum, das kein Genehmigungsverfahren durchlaufen hat und deshalb eigentlich auch keine zum Verkauf bestimmten Waren herstellen dürfte. Um den Sachverhalt aufzuklären, richtete die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN eine Anfrage an die Bezirksregierung. Demnach scheinen die Geschäfte mit den CNT-Röhrchen entgegen den vollmundigen Aussagen des Unternehmens nur im Nano-Maßstab zu laufen - falls der Multi keine „Irreführung der Behörden“ betreibt. „Anfragen bei potenziellen Kunden haben inzwischen gezeigt, dass der Markt CNT-Material mit anderen Eigenschaften benötigt“, antwortete die Bezirksregierung. „Wegen der unzureichenden Nachfrage auf dem Markt“ habe BAYER nicht beantragt, Teile der Produktion zu verkaufen.

PLASTE & ELASTE

SABIC will Kunststoff-Sparte
Ende September 2010 hatte BAYER-Sprecher Hans-Bernd Schmitz dementiert, dass der Leverkusener Multi sich von seiner Kunststoff-Sparte BAYER MATERIAL SCIENCE (BMS) trennen wolle. „Wer soll BMS kaufen“, fragte er rhetorisch und schloss namentlich den saudisch-arabischen Mitwerber SABIC als Abnehmer aus. Just der bekundete aber einen Monat später ernsthaftes Interesse. „Wenn BAYER auf uns zukäme, würden wir uns das durchaus anschauen“, bekannte SABIC-Chef Mohamed Al-Mady in der Zeit. Trotz des derzeitigen Bekenntnisses des neuen BAYER-Chefs Marijn Dekkers zu Plaste und Elaste dürften die Trennungsgerüchte um BMS also vorerst nicht verstummen.

Kunststoffpreise heben an
BAYER profitiert von steigenden Kunststoff-Preisen. So mussten die AbnehmerInnen für Polycarbonate in jüngster Zeit Aufschläge von 25 Prozent in Kauf nehmen und erwarten einen noch kräftigeren Anstieg. Wilfried Haese von BAYER MATERIAL SCIENCE erklärt das mit der höheren Nachfrage, der empfindlichen Baisse von 2007-2009 und einem geringeren Produktionsvolumen für bestimmte Anwendungen wegen der Krise der Musikindustrie. Seine Kunden wie etwa CD-Produzenten sprechen dagegen von einer „nicht nachvollziehbaren Verknappung am Markt“ und befürchten ein forciertes Presswerke-Sterben.

China größter Absatzmarkt
Das Reich der Mitte ist zum größten Abnehmer für die Kunststoff-Produkte des Leverkusener Multis aufgestiegen und hat damit die USA abgelöst. Im ersten Quartal des Jahres machte BAYER MATERIAL SCIENCE (BMS) ein Drittel seines 2,2-Milliarden-Umsatzes mit chinesischen Unternehmen. Aus diesem Grund will der Konzern seine Kapazitäten für Polyurethan & Co. in Asien um 200.000 auf 650.000 Tonnen im Jahr ausweiten. Auch seine Forschung verlegt er mehr und mehr in die Region. So hat das Unternehmen kürzlich ein Entwicklungszentrum in Singapur eröffnet, das BMS-Chef Patrick Thomas als „das Herz unserer Innovationsanstrengungen“ bezeichnete.

Autoscheiben-Kooperation
Zur Herstellung von Autoscheiben aus dem Kunststoff Polycarbonat hat BAYER mit den japanischen Firmen MITSUBISHI HEAVY INDUSTRIES und KYOWA eine Kooperation vereinbart.

STANDORTE & PRODUKTION

Neues Zentrum in Berlin
BAYER plant in Berlin ein neues Zentrum für Diagnose-Verfahren auf Basis der molekularen Bildgebung. Dafür rechnet der Leverkusener Multi mit einer großzügigen Förderung durch die SteuerzahlerInnen. Einen entsprechenden Antrag beim Bund hat der Konzern bereits gestellt, und auch die Stadt Berlin signalisierte schon Unterstützungsbereitschaft. „Wir haben gemeinsam viel vor. Wir wollen endlich einmal in der Gesundheitsforschung einen Spitzencluster-Wettbewerb gewinnen“, sagte die Berliner Wissenschaftsstaatssekretärin Almuth Nehring-Venus auf einer vom Pharma-Multi gemeinsam mit der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Berlin Partners“ ausgerichteten Veranstaltung.

Umzug nach San Francisco
Der Leverkusener Multi schließt seine Forschungseinrichtung in Richmond und zieht nach San Francisco um. „Der Standort Mission Bay in San Francisco ist bekannt als Nährboden für Innovationen in den USA. Daher wollen wir unsere Wissenschaftler inmitten dieses Forschungsmilieus ansiedeln“, sagte BAYER-SCHERING-Manager Andreas Busch zur Begründung. Gedeihen sollen dort vor allem neue biologische Wirkstoffe

Nanotubes

CBG Redaktion

Presse Information vom 21. Dezember 2010

Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) NRW
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Nano-Risiken: Umweltverbände schreiben an Minister Remmel

„Grenzwerte willkürlich festgelegt“ / schärfere gesetzliche Regelungen gefordert / Gefahrenpotential weitgehend unbekannt

Der NRW-Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und die Coordination gegen BAYER-Gefahren verlangen in einem gemeinsamen Brief an den nordrhein-westfälischen Umweltminister Johannes Remmel einen besseren Schutz vor den Gefahren durch Nanopartikel. Die Umweltverbände fordern Remmel auf, sich auf Bundesebene für eine Überarbeitung des Bundesimmissionsschutz-Gesetzes und der Technischen Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA Luft) einzusetzen, um spezifische Risiken von Nanoteilchen besser zu berücksichtigen. Zudem müssten öffentliche Mittel für eine unabhängige Erforschung von Nano-Risiken bereitgestellt und eine Deklarationspflicht für Nanomaterialien in Konsumprodukten eingeführt werden.

Die Bayer AG hatte zu Beginn des Jahres in Leverkusen die nach eigenen Angaben weltgrößte Produktionsanlage für Carbon Nanotubes, winzige Röhrchen aus Kohlenstoff, eingeweiht. Die Firma vermarktet Nanotubes unter dem Handelsnamen Baytubes. Tierversuche haben gezeigt, dass bestimmte Nano-Röhrchen die Entstehung von Krebs ähnlich wie Asbestfasern begünstigen können. Die alte schwarz-gelbe Landesregierung hatte den von Bayer vorgeschlagenen Grenzwert von 0,05 mg Nanotubes pro Kubikmeter Raumluft in der Anlage akzeptiert.

Der Epidemiologe Prof. Dr. Rainer Frentzel-Beyme, den die Verbände um eine Bewertung gebeten haben, kritisiert diese Festlegung: „Der von der Firma Bayer empfohlene Grenzwert ist angesichts des Fehlens epidemiologischer Daten als völlig willkürlich anzusehen. Die vom NRW-Umweltministerium vorgelegte Empfehlung ist daher als realitätsfern und industriefreundlich abzulehnen.“ Prof. Frentzel-Beyme war bis zu seiner Emeritierung Leiter der Abteilung „Epidemiologie der Umwelt und des Arbeitslebens“ am Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin.

Claudia Baitinger vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) NRW ergänzt: „Es kann nicht sein, dass wie bei anderen Hochrisikotechnologien vor lauter wirtschaftlicher Euphorie der grundgesetzlich verbriefte Anspruch auf körperliche Unversehrtheit übersehen und hintangestellt wird.“

Die Leverkusener Fabrik war offiziell als Versuchsanlage eingestuft worden und hat kein reguläres Genehmigungsverfahren durchlaufen. Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Großanlagen wie in Leverkusen dürfen künftig nicht mehr als „Technikum“ ohne Beteiligung der Öffentlichkeit genehmigt werden. Die neue Landesregierung darf darin nicht dem schlechten Vorbild ihrer Vorgängerin folgen.“ Die CBG fordert, dass potentiell risikoreiche Produkte wie Nanotubes nur auf den Markt gebracht werden dürfen, wenn deren Ungefährlichkeit bewiesen ist.

Da die Produktion von Nanotubes weder der Immissionsschutz- noch der Störfall-Verordnung unterliegt, waren die spezifischen Risiken von Nanotubes bei der Genehmigung nicht berücksichtigt worden. Aus Sicht der Umweltverbände muss der Betreiber vor einer Genehmigung darlegen, welche Emissionen zu erwarten sind, welche Wirkungen auf Umwelt und Gesundheit damit verbunden sind, wie hoch die tatsächliche Belastung innerhalb der Anlage ist und welche Mengen bei einem Störfall austreten können.

weitere Informationen:
· Das vollständige Interview mit Prof. Frentzel-Beyme
· Die Stellungnahme der Umweltverbände
· alle Informationen zur Kampagne

Nanotubes

CBG Redaktion

Presse Information vom 15. Dezember 2010
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Risiken von Nanotubes: „Forschung steckt erst in den Anfängen“

Grenzwerte willkürlich festgelegt / Gefahren für Mitarbeiter / weltgrößte Anlage bei BAYER Leverkusen

Die Bayer AG hat zu Beginn des Jahres in Leverkusen die nach eigenen Angaben weltgrößte Produktionsanlage für Carbon Nanotubes (CNT) eingeweiht. Nanotubes sind winzige Röhrchen aus Kohlenstoff, die u.a. zur Verstärkung von Kunststoffen eingesetzt werden sollen. Das Gefährdungspotenzial von CNT ist weitgehend unbekannt.

Die Firma BAYER empfiehlt am Arbeitsplatz einen Grenzwert von 0,05 mg Nanotubes pro Kubikmeter Raumluft. Die schwarz-gelbe Landesregierung von NRW hielt diesen Wert in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage für „vertretbar“. Die neue Landesregierung hat sich zum Thema noch nicht geäußert.

Der Arzt und Epidemiologe Prof. Dr. Rainer Frentzel-Beyme bewertet den Grenzwert kritisch: „Die toxikologische Forschung zu den biologischen Wirkungen von Nanopartikeln steckt erst in den Anfängen, so dass keine Schlussfolgerungen der Unbedenklichkeit erlaubt sein dürften. Der von der Firma Bayer empfohlene Grenzwert ist angesichts des Fehlens epidemiologischer Daten als völlig willkürlich anzusehen. Die vom NRW-Umweltministerium vorgelegte Empfehlung ist daher als realitätsfern und industriefreundlich abzulehnen.“ Nach Aussage von Prof. Frentzel-Beyme, der bis zu seiner Pensionierung die Abteilung „Epidemiologie der Umwelt und des Arbeitslebens“ am Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin leitete, mussten MAK-Werte in vielen Fällen lange nach Festlegung erster Grenzwerte nach unten korrigiert werden. „Eine Katastrophe wie die mit lungengängigen Asbestfasern sollte nicht noch einmal abgewartet werden, bevor gehandelt wird“, so Frentzel-Beyme weiter.

Nanotubes können vom Körper sowohl über die Atemwege als auch über die Haut aufgenommen werden. Tierversuche zeigen, dass bestimmte CNT die Entstehung von Krebs ähnlich wie Asbestfasern begünstigen können (1). DNA-Schäden der Aorta sind ebenso möglich wie eine Beeinträchtigung der Lungenfunktion (2).

Aus Sicht der Umweltverbände Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) NRW, Coordination gegen BAYER-Gefahren und Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) muss der Betreiber vor einer Genehmigung nachweisen, dass von der Anlage keine schädlichen Umwelteinwirkungen ausgehen. Insbesondere müsse dargelegt werden, welche Emissionen zu erwarten sind, welche Wirkungen auf Umwelt und Gesundheit damit verbunden sind, wie hoch die tatsächliche Belastung innerhalb der Anlage ist und welche Mengen bei einem Störfall austreten können. Anlässlich der BAYER-Hauptversammlung im Frühjahr kritisierten die Umweltverbände, dass die Leverkusener Fabrik offiziell als „Versuchsanlage“ eingestuft wurde und daher kein reguläres Genehmigungsverfahren durchlaufen musste.

weitere Informationen:
· Das vollständige Interview mit Prof. Frentzel-Beyme
· Die Stellungnahme der Umweltverbände
· alle Informationen zur Kampagne

(1) Carbon nanotubes introduced into the abdominal cavity of mice show asbestos-like pathogenicity in a pilot study, Donaldson et al, 20. Mai 2008, „Nature Nanotechnology“ (online) www.nature.com/nnano/journal/v3/n7/abs/nnano.2008.111.html

  • a2

(2) A review of carbon nanotube toxicity and assessment of potential occupational and environmental health risks, Crit Rev Toxicol. 2006 Mar;36(3):189-217, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16686422

[Nemacur] Pestizide

CBG Redaktion

Presse Information vom 13. Dezember 2010
Coordination gegen BAYER-Gefahren

BAYER verramscht Uralt-Pestizide

WHO: „extrem gefährlich“ / Vielzahl von Vergiftungsfällen / „Produktion muss vollständig beendet werden!“

Der BAYER-Konzern hat heute bekannt gegeben, die Uralt-Pestizide Nemacur (Wirkstoff Fenamiphos) und Mocap (Ethoprophos) an die US-Firma Amvac Chemical Corp zu verkaufen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft beide Wirkstoffe, die zur Klasse der Organophosphate gehören, als „extrem gefährlich“ (Gefahrenklasse I) ein. Die Agrochemikalien sind für eine Vielzahl von Vergiftungsfällen verantwortlich; in Deutschland sind Nemacur und Mocap seit langem verboten.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fordert seit den 80er Jahren die Einstellung der Produktion von Nemacur und Mocap sowie einen Verkaufs-Stopp für alle Klasse I-Pestizide. Philipp Mimkes vom Vorstand der CBG: „Der Einsatz von Nemacur und Mocap ist eine Gefahr für Umwelt und Gesundheit und daher nicht zu rechtfertigen. BAYER hätte die Produktion längst einstellen müssen, statt diese Ultragifte jetzt noch profitabel zu verramschen!". Mitte der 90er Jahre hatte der Chemie-Konzern aus Leverkusen versprochen, die Produktion von Klasse I-Pestiziden bis zum Jahr 2000 zu beenden, das Versprechen jedoch nicht eingehalten.

Nemacur wird beispielsweise im Bananen-Anbau eingesetzt, der Wirkstoff ist unter anderem für Vergiftungen auf den Philippinen und in Costa Rica verantwortlich. Zudem gehört der Einsatz von Nemacur zu den wahrscheinlichen Ursachen des sogenannten „toxischen Öl-Syndroms“, das 1981 in Spanien mindestens 300 Menschenleben und Tausende von gesundheitlich schwer geschädigten Opfern forderte. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren veröffentlichte hierzu in den 80er Jahren das Buch „Der Tod, der von den Feldern kam“.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt die Zahl der jährlichen Pestizidvergiftungen auf 3 bis 25 Millionen; rund 99% ereignen sich in Ländern des Südens. BAYER musste aufgrund der vielen Vergiftungsfälle einräumen, dass „der sachgerechte Umgang mit Pflanzenschutzmitteln unter bestimmten Bedingungen in einigen Ländern der Dritten Welt nicht immer gewährleistet ist“.

Organophosphate waren von Bayer in den 30er Jahren zunächst als Giftgase entwickelt worden (Sarin, Tabun). Nach dem Krieg entstanden hieraus Pestizide wie E605. Axel Köhler-Schnura von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Die Produktion von Nemacur und Mocap muss endgültig eingestellt werden! Bei BAYER und überall.“

weitere Informationen:
·Nemacur und das toxische Öl-Syndrom in Spanien (Spiegel-Artikel)
·Buch zum Giftöl-Syndrom (span)
·Nemacur-Vergiftungen auf den Philippinen
·Gefährlichste BAYER-Pestizide vom Markt nehmen!
·Frankfurter Rundschau: Vergiftung durch Mocap

[Duogynon] Primodos / Duogynon

CBG Redaktion

9.Dezember

Umstrittener Schwangerschaftstest - Duogynon-Kläger fordert Aufklärung

Das TV-Magazin Klartext berichtet über den Duogynon-Prozess: http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_08_12/umstrittener_schwangerschaftstest.html

Das darin geführte Interview mit einem Sprecher von BAYER hat Loriot-Niveau:

Oliver Renner, Bayer Schering Pharma: „Für die Akteneinsichtnahme hat der Gesetzgeber ja ein Verfahren vorgesehen und genau daran halten wir uns selbstverständlich.„
KLARTEXT: „Das ist Ihr juristischer Anspruch zu sagen: ‚Das ist verjährt, deswegen machen wir es nicht.‘ Aber man kann doch auch sagen, dass es so eine Art moralischen Anspruch gibt.“
Oliver Renner, Bayer Schering Pharma: „Der Gesetzgeber - wie gesagt - hat das geregelt und genau an dieses Verfahren halten wir uns und wir warten jetzt auf die Entscheidung des Richters.„
KLARTEXT : „Leisten Sie damit nicht auch noch Verschwörungstheorien Vorschub, wenn Sie sagen: ‚Nö, ist verjährt‘ und sich so sehr auf den juristischen Anspruch versteifen.“
Oliver Renner, Bayer Schering Pharma: „Der Gesetzgeber, wie gesagt, hat diesen Rechtsweg vorgegeben, an den halten wir uns und wir warten auf die Entscheidung des Richters.„
KLARTEXT : „Also, gibt es da keinen Spielraum eventuell schon allein aus Imagegründen zu sagen: ‚Ok, guckt in die Akten rein, da ist nichts dran.‘“
Oliver Renner, Bayer Schering Pharma : „Der Gesetzgeber hat dieses Verfahren vorgesehen, an das wir uns selbstverständlich halten, und der Richter wird das entscheiden und wir warten auf seine Entscheidung.„

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Der vollständige Beitrag:

Mi 08.12.10 22:15

Umstrittener Schwangerschaftstest - Duogynon-Kläger fordert Aufklärung

Sie haben verstümmelte Glieder, offene Rücken, Gaumenspalten: Zahlreiche Eltern vermuten, dass diese Behinderungen ihrer Kinder auf die Einnahme eines Hormonpräparats zurückgehen, das bis Anfang der 80er Jahre von der Firma Schering vertrieben wurde - Duogynon. Selbst Jahrzehnte später läuft immer noch ein Prozess in Berlin - mit wenig Aussicht auf Erfolg. Allerdings geht es vielen gar nicht unbedingt um das Geld, als darum zu erfahren, was wirklich mit ihnen passiert ist. Die Pharma-Firma ist jedoch um Aufklärung nicht bemüht.

War es der Schwangerschaftstest Duogynon, der bei vielen Neugeborenen zu schweren Missbildungen führte? Betroffene fordern nun Klarheit vor einem Berliner Gericht. Angeklagt ist der Pharmakonzern Bayer Schering. Zwei mutmaßliche Opfer wollen erfahren, was das Unternehmen damals über die Risiken von Duogynon wusste - auch wenn das Präparat längst nicht mehr auf dem Markt ist. Iris Marx mit Hintergründen.

Das ist Wolf-Dietrich Molzow. Der 53-Jährige ist 1,25 Meter groß - seine Beine sind verkürzt, seinen rechten Arm kann er schlecht bewegen. Als seine Mutter mit ihm schwanger war, bekam sie von ihrem Arzt erstmals das Präparat Duogynon verabreicht. Seine drei älteren Geschwister sind gesund. Wolf-Dietrich Molzow meint, vor 20 Jahren den möglichen Grund erfahren zu haben, warum das bei ihm anders ist.

Wolf-Dietrich Molzow
„Die Sprechstundenhilfe dieses Arztes sagte meiner Mutter, als sie ihr mal so auf der Straße begegnete, fast im Vorübergehen: ‚Ach, das Aussehen ihres Sohnes, das ist doch auf die Gabe von Duogynon zurückzuführen.‘“

Duogynon - ein Hormon-Präparat, das ab 1950 unter anderem als Schwangerschaftstest in Deutschland eingesetzt wurde. Als Pille oder Spritze konnte der Test die Menstruationsblutung auslösen. Blieb die Regel weiter aus, galt die Frau als schwanger. Hersteller war der Pharmakonzern Schering.

Bedenken gegen die Einnahme von Hormonen gab es damals kaum. Ein erster Verdacht kam aber Ende der 60er Jahre auf: Britische Wissenschaftler beobachteten Missbildungen häufig bei Kindern, deren Mütter Duogynon eingenommen hatten. 1970 wurde das Mittel, das dort Primodos hieß, als Schwangerschaftstest verboten. In Deutschland passierte zunächst nichts.

Das ist André Sommer. Der 34-Jährige ist Lehrer in Süddeutschland. Er kam mit einer sogenannten Blasenextrophie auf die Welt - das Organ befand sich außerhalb des Körpers. Außerdem waren seine Genitalien verkümmert. Auch die Mutter von André Sommer hatte als Schwangerschaftstest das Präparat Duogynon bekommen. André Sommer ist auf einen künstlichen Blasenausgang angewiesen, er muss ständig medizinisch betreut werden.

André Sommer
„Das ist natürlich immer ein bisschen ein komisches Gefühl, dass es jemand sehen oder hören könnte. Zum Beispiel im Fußballstadion, wo ich das letzte Mal war und da stehen die Männer dann dicht an dicht, da ist es für mich schon ein komisches Gefühl.„

Berlin vergangene Woche. André Sommer und Wolf-Dietrich Molzow auf dem Weg ins Landgericht. Sie kämpfen gegen den Pharmariesen Schering - heute Bayer Schering. Sie wollen wissen, ob Duogynon für ihre Missbildungen verantwortlich ist. Sie verlangen Einsicht in die Unterlagen von Bayer Schering: Was hat der Konzern damals wirklich gewusst?

1971: Erstmalig warnten in Deutschland einige Mediziner in der Fachpublikation „Arznei-Telegramm“ vor der Einnahme von Hormonen während der Schwangerschaft, 1973 dann die konkrete Warnung vor Duogynon.

Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber „Arznei-Telegramm„
„In Großbritannien stand dann letztendlich auf der Packung drauf: ‚Nicht in der Schwangerschaft einnehmen.‘ Also, die Warnung der Einnahme während der Schwangerschaft und in den Beipackzetteln, in den Produktinformationen, gab es entsprechende Warnhinweise.“
KLARTEXT
„Wie war das zu der Zeit noch in Deutschland?“
Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber „Arznei-Telegramm“
„In Deutschland war man in der Mitte der 70er Jahre ein Entwicklungsland in dem Bereich. In der Roten Liste beispielsweise findet man überhaupt keinen Hinweis weder zu den Nebenwirkungen noch zu Warnhinweisen und man muss sagen, damals war die Rote Liste das wesentlichste Informationsinstrument für die Ärzte.„

Schering glaubte nicht an einen Zusammenhang zwischen Duogynon und den Missbildungen. Es gab nur wenige Studien zu Verträglichkeit und Nebenwirkungen. Das Mittel wurde leicht verändert weiter vertrieben. Einige Ärzte gaben es sogar missbräuchlich als Abtreibungspille weiter.

Erst im Frühjahr 1978 nimmt Schering zumindest die Empfehlung „Schwangerschaftstest“ zurück. Das damalige Bundesgesundheitsamt war noch langsamer: Es mahnte erst danach „größte Zurückhaltung„ bei der Anwendung bei Schwangeren an.

Jetzt erst wurde das Thema öffentlich.

Tagesschau 10.11.1978
„Eltern, die gesundheitliche Schäden bei ihren neugeborenen Kindern auf die Einnahme des Präparates Duogynon zurückführen, haben sich zusammengeschlossen…“

Auch die Mutter von André Sommer gehörte zu den rund 200 Betroffenen Eltern, die damals nach Antworten suchten. Sie erstatteten Strafanzeige. Die wurde allerdings eingestellt - für Föten besteht noch kein Lebensschutz. Die Eltern geben ihren Kampf auf. Eine ausführliche öffentliche Untersuchung unterbleibt bis heute.

Erst 1981 nahm Schering das Produkt endgültig vom deutschen Markt.

Heute möchten die Betroffenen endlich wissen, was der Konzern gewusst hat. Doch Bayer Schering weist jeden Dialog zurück, weigert sich die Akten offenzulegen. Für Bayer Schering ist der Fall verjährt.

Oliver Renner, Bayer Schering Pharma
„Für die Akteneinsichtnahme hat der Gesetzgeber ja ein Verfahren vorgesehen und genau daran halten wir uns selbstverständlich.„
KLARTEXT
„Das ist Ihr juristischer Anspruch zu sagen: ‚Das ist verjährt, deswegen machen wir es nicht.‘ Aber man kann doch auch sagen, dass es so eine Art moralischen Anspruch gibt.“
Oliver Renner, Bayer Schering Pharma
„Der Gesetzgeber - wie gesagt - hat das geregelt und genau an dieses Verfahren halten wir uns und wir warten jetzt auf die Entscheidung des Richters.„
KLARTEXT
„Leisten Sie damit nicht auch noch Verschwörungstheorien Vorschub, wenn Sie sagen: ‚Nö, ist verjährt‘ und sich so sehr auf den juristischen Anspruch versteifen.“
Oliver Renner, Bayer Schering Pharma
„Der Gesetzgeber, wie gesagt, hat diesen Rechtsweg vorgegeben, an den halten wir uns und wir warten auf die Entscheidung des Richters.„
KLARTEXT
„Also, gibt es da keinen Spielraum eventuell schon allein aus Imagegründen zu sagen: ‚Ok, guckt in die Akten rein, da ist nichts dran.‘“
Oliver Renner, Bayer Schering Pharma
„Der Gesetzgeber hat dieses Verfahren vorgesehen, an das wir uns selbstverständlich halten, und der Richter wird das entscheiden und wir warten auf seine Entscheidung.„

Ein Beispiel für einen vertrauenswürdigen Umgang mit Verbrauchern liefert Bayer Schering damit nicht. Dabei ist es Zeit, endlich - 30 Jahre später - den Betroffenen Einsicht in die Akten zu gewähren, und ihnen Antworten auf alle Fragen zu geben.

Wolf-Dietrich Molzow
„Für mich persönlich sind Schadenersatzansprüche nur das Tüpfelchen auf dem ‚i‘. Aber das wichtigste ist wirklich, dass die Firma sich mal ihrer Verantwortung stellt und nicht rumeiert.“

Das Urteil in diesem Fall wird im Januar nächsten Jahres erwartet.

Autorin: Iris Marx

Bienensterben

CBG Redaktion

9. Dezember 2010

Bienensterben

Ein internes Memorandum der US-Umweltbehörde zur Zulassung des Pestizids Clothianidin ist in die Öffentlichkeit gelangt. In dem 100-seitigen Papier werden einige von Bayer eingereichte Studien zur Bienengefährlichkeit von Clothianidin als unzureichend beschrieben. Da die bislang gültige vorläufige Zulassung auf eben diesen Studien beruht, haben mehrere amerikanische Umwelt- und Imkerverbände einen Entzug der Zulassung gefordert.

weitere Informationen

[Kohlekraftwerk] Kohlekraftwerk Uerdingen

CBG Redaktion

Rheinische Post, 7. Dezember 2010

Ironische Zwischentöne bei Kraftwerksdemo

Unser Klima steht auf der Kippe. Das sieht das aus 32 Gruppen bestehende Klimabündnis Niederrhein so. Dazu gehören die Bürgerinitiative saubere Luft Rheinhausen und der Niederrheinische Umweltverband Krefeld. Beide Gruppen haben sich vor allem die Verhinderung des von Bayer und der Firma Trianel geplanten Kohlekraftwerks an der Stadtgrenze zwischen Krefeld-Uerdingen und Duisburg-Rheinhausen auf ihre Fahnen geschrieben.

Protest vorm Baugelände
Bei eisigem Winterwetter machten etwa 150 Demonstranten an der Landstraße 473 zwischen Kaldenhausen und dem Logport unmittelbar am vorgesehenen Baugelände gegen das Projekt Front. Anlass war der Weltklimatag und das Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen im vorigen Jahr. „Der Klimaschutz duldet keinen Aufschub. Es ist fünf vor“, mahnten die Verantwortlichen in ihrem Aufruf.
Untermalt und eingeleitet wurde die Aktion noch bei strahlendem Sonnenschein von der Musikgruppe „Fresh Game“. Wärmende Getränke wurden ausgeschenkt. Pünktlich, die Niederrheingruppe von „Attac“ spielte gerade in einer Straßentheaterszene eine durch Klimawandel und Umweltverschmutzung verursachte, alles verschlingende Flutwelle, zogen sich die Wolken zu und eisiger Wind wehte in Richtung Bayerwerke und Baugelände. Die bunt kostümierten und geschminkten Umweltschützer ließen sich nicht beirren und bezogen die Zuschauer in ihren Tanz mit ein.
„Wir wollen nicht destruktiv das Kohlekraftwerk verhindern“, sagten der Vorsitzende von Saubere Luft, Norbert Böhmer, und der Vorsitzende des Niederrheinischen Umweltverbandes Krefeld, Ulrich Grubert: „Wir zeigen Alternativen auf“. Statt eines Kohlekraftwerks, das mit Importkohle aus Kolumbien, so sagten sie, betrieben werden solle und sich nach heutigem Stand der Dinge aus ihrer Sicht wohl kaufmännisch gar nicht mehr rechne, rieten sie zum Bau eines Gas- und Dampfkraftwerks.

Grundstein im Angebot
Für dieses Projekt hatten sie einen 70 Kilogramm schweren Granitblock zur Landstraße 473 geschleppt, mit dem sie zumindest zunächst symbolisch die Grundsteinlegung für ein Gas- und Dampfkraftwerk vollzogen. Sollten Bayer und Trianel darauf zurückkommen, würden sie den Firmen ihren Grundstein gern zur Verfügung stellen, lautete ihre Erklärung. VON HANS-ULRICH KRESS

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[Pipeline] CO Pipeline stoppen!

CBG Redaktion

DerWesten.de, 3.12.2010

Neuer Wind in Düsseldorf

Einen neuen Terminplan wird es nach den Äußerungen von Düsseldorfs Regierungspräsidentin Anne Lütkes bei der Kohlenmonoxid-Pipeline zwischen Köln-Worringen und Krefeld-Uerdingen geben. Die neue Regierungspräsidentin hat den Ablauf für ein sogenanntes Planänderungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung festgelegt. Diese Maßnahme wird von Erich Hennen, Sprecher der Duisburger Bürgerinitiative COntra Pipeline, außerordentlich begrüßt: „Ein neuer Wind weht in den verstaubten Amtsräumen der Bezirksregierung.“
Demnach muss Bayer Material Science im nächsten Jahr eine Reihe von Änderungen, die man ohne Genehmigung selbst vorgenommen hat, in einem Planänderungsverfahren offen legen. Dabei geht es unter anderem um mehrere Änderungen der Trassenführung, um die zu kleine Geogrid-Schutzmatte sowie um andere Rohrstärken, die beim Bau der Fernleitung eingesetzt wurden. Im Rahmen dieses öffentlichen Verfahrens sollen neben den beteiligten Kommunen auch Bürger zu Wort kommen.
Dieter Donner, Sprecher der Initiative „Stopp Pipeline“, in einem WDR-Interview: „Endlich können wir Bayer öffentlich zur Verantwortung ziehen.“ Bei Großprojekten wie der CO-Pipeline sei es doppelt so wichtig, so Regierungspräsidentin Anne Lütkes, dass Bürger beteiligt würden und das Verfahren transparent ablaufe.
Ungeachtet des Richterspruchs der dritten Kammer beim Verwaltungsgericht Düsseldorf, das Verfahren zur Erteilung einer Betriebsgenehmigung wird im kommenden Jahr beginnen. Das neue Planänderungsverfahren wird bis zu neun Monaten dauern, so die Bezirksregierung.
Erich Hennen weiter in seiner Redaktion auf die neue Entscheidung: „Da bei der Vielzahl dieser Änderungen auch viele als wesentliche Änderungen zu betrachten sind, ist eine öffentliche Beteiligung der betroffenen Bürger unabdingbar. Natürlich ist damit kein Medialverfahren - wie in Stuttgart - verbunden, sondern es werden Anhörungen der Bürger sein, deren Belange durch die Änderungen berührt sind.“ Der Sprecher von COntra Pipeline geht weiter davon aus, dass dies auch neue Klagemöglichkeiten beinhaltet.
Hennen weist weiter darauf hin, dass man das Ziel von Bayer, mehr Kohlenmonoxid in Uerdingen haben zu wollen, unterstützt habe. Dieses sollte aber durch Erzeugung vor Ort passieren, die Versorgung über eine Pipeline könne nicht zur Diskussion stehen.
Als „Killerphrasen“ bezeichnet Hennen weiter Äußerungen des wirtschaftspolitischen Sprechers der CDU-Landtagsfraktion, Hendrik Wüst, der die neue Marschroute der Bezirksregierung als eine Prüfung bezeichnete, mit der man das Projekt „kaputt prüfen wolle“. Florian Müller

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Generika

CBG Redaktion

Presse Information vom 2. Dezember 2010
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Indien: Oberster Gerichtshof weist Klage von BAYER ab

Kampagne zum Schutz preiswerter Generika erfolgreich / „Erfolg von BAYER hätte schwerwiegende Folgen für Patienten in armen Ländern“

Der oberste indische Gerichtshof, der Supreme Court in Delhi, hat gestern einen Einspruch des Pharmaunternehmens BAYER gegen ein Urteil des indischen High Court vom Frühjahr abgewiesen. BAYER wollte mit der Klage die Zulassung eines generischen Krebsmedikaments verhindern. Das Verfahren gilt als Musterprozess, da es multinationalen Unternehmen im Falle eines Erfolge erlauben würde, die Zulassung von Generika mit Hilfe des Patentrechts zu verzögern.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) begrüßt das Urteil: „Das indische System der preiswerten Medikamentenversorgung wäre in Gefahr, wenn die Zulassung von Pharmazeutika generell an Patente gekoppelt wird. Indien ist der wichtigste Lieferant günstiger Medikamente. Ein Erfolg von BAYER hätte schwerwiegende Folgen für die Gesundheitsversorgung in aller Welt - besonders für Patienten in armen Ländern.“ Gesundheitsinitiativen aus Indien und Deutschland, darunter Health Action International, das indische Peoples Health Movement, die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die BUKO Pharma-Kampagne, der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte und medico international, hatten BAYER aufgefordert, die Klage zurückzuziehen. „Weil patentierte Medikamente für die Bevölkerung in weiten Teilen der Welt unerschwinglich sind, kann schon eine Verzögerung eines Generikums um wenige Monate für Hunderte Patienten den Tod bedeuten“, so Mimkes weiter.

BAYER hatte vor zwei Jahren die indische Zulassungsstelle für Pharmazeutika verklagt, da diese dem Unternehmen Cipla eine Zulassung für den patentgeschützten Wirkstoff Sorafenib erteilt hatte. In den meisten Ländern werden Patentfragen bei der Erteilung von Pharma-Zulassungen nicht betrachtet. Hierfür sind in der Regel Patentämter zuständig. Sowohl das indische Gesetz wie auch das internationale TRIPS-Abkommen zum Schutz des geistigen Eigentums sehen Zulassungen von Generika noch vor Ablauf eines Patents vor. Hiermit soll erreicht werden, dass nach Ablauf oder im Fall der Aberkennung eines Patents sofort Generika auf den Markt kommen können und diese nicht erst einen zeitaufwendigen Zulassungsprozess durchlaufen müssen. Auch klinische Studien von Generika-Herstellern sollen hierdurch ermöglicht werden.

Große Pharmahersteller können auf Grund von Patenten wahre Mondpreise für Marken-Medikamente verlangen. Die Rechtfertigung, nur mit hohen Einnahmen ließe sich die Entwicklung neuer Präparate finanzieren, geht dabei an der Realität vorbei: Mehr als doppelt so viel wie für die Forschung geben BAYER und Co. für Werbung und Marketing aus.

weitere Informationen:
·Times of India: Supreme Court rejects Bayer´s petition
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[HIV / Bluter] Blutpräparate

CBG Redaktion

Netzwerk Robin Blood
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Presse Information vom 30. November 2010

zum morgigen Welt-Aids-Tag:

„Pharmaindustrie muss infizierte Bluter entschädigen!“

ZDF-Sendung Frontal 21 berichtet heute / Hilfsfonds fast leer / HIV-Infizierung Tausender Bluter vermeidbar / Industrie hat Zahlung reduziert

Anlässlich des Welt-Aids-Tags am 1. Dezember fordern die Coordination gegen BAYER-Gefahren und das Netzwerk Robin Blood eine langfristige Finanzierung des Entschädigungsfonds für HIV-infizierte Bluter durch die Pharmaindustrie. Das TV-Magazin Frontal 21 berichtet in seiner heutigen Sendung über die Weigerung der Firmen, den langjährigen Anteil von 36% der Zahlungen weiter zu tragen.

Bis 1986 waren Tausende Hämophile durch Blutprodukte mit dem HIV-Virus infiziert worden. Weltmarktführer zu diesem Zeitpunkt war der Leverkusener BAYER-Konzern. Der größte Teil der Infektionen hätte verhindert werden können, da seit 1982 Methoden vorlagen, das Virus durch eine Wärmebehandlung unschädlich zu machen. Nach dem Verbot unbehandelter Blutprodukte in den USA und Europa exportierte BAYER die übriggebliebenen Chargen nach Lateinamerika und Asien. Ein Untersuchungs-Ausschuss des Bundestags stellte ein schuldhaftes Versagen von Unternehmen und Aufsichtsbehörden fest.

Andreas Bemeleit vom Netzwerk Robin Blood, in dem sich Betroffene zusammengeschlossen haben: „Über siebzig Prozent der Infizierten haben mittlerweile AIDS. Sie sind nicht mehr in der Lage zu arbeiten und sind auf den Fonds angewiesen. Einen Gewinn aus der unerwartet langen Lebensdauer der Bluter macht im übrigen die Pharmaindustrie: Ein Patient braucht durchschnittlich Medikamente für 150.000 Euro jährlich. Die notwendigen Stiftungsmittel ließen sich aus den daraus erzielten Gewinnen leicht finanzieren.“

Allein die Firma BAYER machte im vergangenen Jahr mit dem Blutfaktor-Präparat Kogenate einen Umsatz von € 888 Mio. Philipp Mimkes vom Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Es ist schäbig, wie sich die Firma BAYER als Verantwortliche für die Infizierung Tausender Bluter aus der Verantwortung stehlen will! Den Opfern muss ein würdiges Leben ermöglicht werden. Die Kosten hierfür muss der Verursacher tragen, nicht die Allgemeinheit.“ Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert zudem eine strafrechtliche Verfolgung der Zuständigen bei BAYER.

Durch das HIV-Hilfegesetz aus dem Jahr 1995 erhalten HIV-infizierte Bluter eine monatliche Zahlung von rund 750€, an AIDS erkrankte Hämophile bekommen das Doppelte. Die Zahlungen sind in der Höhe seit Anbeginn gleich geblieben. Für die Betroffenen bedeutet das, dass sie einen Kaufkraftverlust in Höhe von ca. 30% verkraften müssen. Hepatitis C-infizierte Bluter gehen bis heute völlig leer aus; mittlerweile sind Leberzirrhose und Leberkrebs die Haupttodesursachen bei Hämophilen. „Anstatt für gerechte Entschädigung einzutreten, wird hier auf die „biologische Lösung" spekuliert“, so Andreas Bemeleit weiter.

Momentan leben dank verbesserter Medikamente noch 700 Betroffene. Um sie bis 2017 zu unterstützen, sind ca. 70 Millionen Euro nachzustiften. Die Pharmaindustrie will sich dabei mit jährlichen Zahlungen von 2 Mio Euro aus der Affäre ziehen, die Finanzierung nach 2017 steht vollkommen in den Sternen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums könnten die letzten Betroffenen bis zum Jahr 2070 leben.

Um von seiner Verantwortung für die wissentliche Infizierung Tausender Bluter abzulenken, sucht die Firma BAYER den Schulterschluss mit den Hämophilie-Verbänden in aller Welt. Mal spendet BAYER 250.000 Euro an die World Federation of Hemophilia, mal wird ein Hämophilie-Forschungspreis gestiftet, mal vergibt BAYER Stipendien an bluterkranke Jugendliche, ein andermal werden 40.000 Dollar für Veranstaltungen zum Welt-Hämophilietag gespendet.

Kontakt Andreas Bemeleit: www.robinblood.org

weitere Informationen:
· Süddeutsche Zeitung „Eiskalte Abwicklung eines Skandals“
· Interne Aufstellung des Gesundheitsministeriums: http://robinblood.org/?page_id=239
· Ergebnisse des Untersuchungs-Ausschuss des Deutschen Bundestags (40 MB): http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/12/085/1208591.pdf
· „Tödlicher Ausverkauf“: Cutter-Exporte nach Asien
· Gier nach Beute: Interview mit Todd Smith, USA

[taz] Duogynon

CBG Redaktion

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30. November 2010, die tageszeitung

Möglicher Skandal durch Hormonpräparat

Der Fluch der Smarties

André Sommer muss seit seiner Geburt mit Missbildungen leben. Ursache ist wohl ein Medikament. Vor Gericht soll sich ein Pharmariese verantworten. Doch der mauert. VON HEIKE HAARHOFF

Im März wurde Hannes geboren. „Einfach so“, sagt sein Vater André Sommer. Er klingt noch ungläubig, jetzt, acht Monate später. Hannes, das Baby, ist der Beweis, dass das Leben ihn nicht unterkriegt.
Es hat nicht immer danach ausgesehen. Als André Sommer 1976 im bayerischen Füssen auf die Welt kommt, da sind die Ärzte über seinen Anblick so schockiert, dass sie das Neugeborene in eine Spezialklinik nach München schaffen und seiner Mutter erst drei Wochen später zeigen: der Penis ist verkümmert, die Blase außen am Bauch angewachsen.
Was folgt, ist ein Leben, das sich wehrt gegen die permanent drohende Endlichkeit: 13 Operationen allein wegen des Urin-Stomas, des künstlichen Harnausgangs am Bauch, von dem keiner weiß, wie lange er hält. Penicillin und Antibiotika haben seine Zähne gelockert, für die Lebensversicherung, für die Berufsunfähigkeitsversicherung, für die private Krankenversicherung ist André Sommer, 34 Jahre, Beamter, Grundschullehrer, vor allem: ein Risikofaktor. Wenn auch ein fremd verschuldeter. Die Behinderungen, mit denen er lebt, sind nicht erblich bedingt, er hat das überprüfen lassen. Sie könnten zurückzuführen sein auf ein Hormonpräparat namens Duogynon, von dem André Sommers Mutter 1975, gerade schwanger, eine Pille schluckte.
Duogynon wurde in der Bundesrepublik in den Jahren 1950 bis 1981 von Frauenärzten als Injektion oder Dragee verschrieben - mal gegen Menstruationsstörungen, mal als Schwangerschaftstest.
Ein ungeheuerlicher Verdacht richtet sich gegen die Bayer Schering Pharma AG als Nachfolgerin des Pharmaherstellers Schering. Er betrifft rund tausend Geschädigte und mündet in der Frage, die das Landgericht Berlin ab diesem Dienstag in einem ersten Zivilprozess zwischen André Sommer und der Bayer Schering Pharma AG verhandelt:
Wann hatte der Hersteller erstmals Hinweise darauf, dass Duogynon Missbildungen bei Neugeborenen verursachen könnte? Und falls Warnungen vorlagen: Warum verbot Schering, anders als etwa in England 1970, das Medikament nicht auch in Deutschland als Schwangerschaftstest?
„Ich mache das nicht, weil ich Entschädigung will. Ich will wissen, was die wussten, und wenn die mir nachweisen können, dass es keinen Zusammenhang gibt, dann ist die Sache für mich erledigt“, sagt André Sommer. Verbitterung klingt anders. „Es geht mir relativ gut“, findet er. Seine Genitalien zumindest haben Ärzte rekonstruieren können. „Das hat mich beschäftigt, bin ich zeugungsfähig.“ Und jetzt gibt es Hannes. Die existenziellen Fragen wurden, so gesehen, außergerichtlich geklärt.
Die Bayer Schering Pharma AG bestreitet nicht nur den Zusammenhang zwischen Duogynon und den Schädigungen. Auf 31 Seiten legt die von ihr beauftragte Kanzlei dar, weshalb André Sommer kein Recht auf Auskunft zustehe: Sämtliche Ansprüche seien „mangels Erforderlichkeit“ ausgeschlossen oder „aus mehreren Gründen“ verjährt. Der Schlag in die Magengrube erfolgt verbal: „Das Auskunftsverlangen erweist sich dann als eine lediglich auf eine allgemeine Ausforschung gerichtete Maßnahme.“
Dahinter, sagt André Sommers Anwalt, der Berliner Medizinrechtler Jörg Heynemann, stecke die Angst vor einer Schadenersatzklagewelle unermesslichen Ausmaßes. Warum aber rollte diese nicht vor Jahrzehnten an?
Spätestens seit dem Contergan-Prozess (1968-1970) war die deutsche Öffentlichkeit sensibilisiert. Warum also blieb bei Duogynon der große Aufschrei aus? Warum wurden strafrechtliche Ermittlungen gegen Schering 1980 eingestellt?
Warum verordneten Frauenärzte weiterhin Duogynon als Schwangerschaftstest, selbst da, als die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft 1973 und erneut 1978 Warnungen via Deutsches Ärzteblatt aussandte? Als die Presse berichtete? Als die Pillen 1978 in England - nach Finnland, Australien und den Niederlanden - wegen Missbildungsgefahr endgültig vom Markt genommen wurden?
Wer die Mechanismen der 70er und frühen 80er Jahre begreifen will, der trifft auf drei Zeitzeugen, die nah dran waren, aus dem Duogynon-Verdacht einen Duogynon-Skandal werden zu lassen - und die dennoch scheiterten.
Der Arzt Ulrich Moebius, Jahrgang 1938, ehemaliger Schering-Außendienstler für Hormonpräparate und 1971 Mitgründer des pharmakritischen arznei-telegramms. Der Epidemiologe und Medizinstatistiker Eberhard Greiser, Jahrgang 1938, Verfasser des Forschungsberichts „Duogynon und angeborene Missbildungen“ aus dem Januar 1983. Der Pharmakologe Peter Schönhöfer, Jahrgang 1935, von 1979 bis 1982 Abteilungsleiter Arzneimittelsicherheit beim Bundesgesundheitsamt (BGA) als Aufsichtsbehörde.
„Wir haben Duogynon und den anderen Hormondreck rausgehauen wie Smarties“, erinnert sich Ulrich Moebius - an Ärzte, die den Pharmareferenten, „darunter versoffene Studienabbrecher, gescheiterte Existenzen“, blind vertrauten. Hormone, das waren doch gar keine richtigen Medikamente.
Bester Beweis: die Antibabypille. Es existierten häufig nicht einmal Packungsbeilagen. Dafür aber die Mentalität: „Die Frau sollte wie eine Uhr nach der Regel bluten.“ Tat sie das nicht, dann wurde im Namen des medizinischen Fortschritts nachgeholfen. Mit Duogynon. Das sollte die Regelblutung binnen einer Woche auslösen. Oder aber beweisen, dass die Frau schwanger war.
Ein Schwangerschaftstest, der Blutungen hervorrufen, also fruchtschädigend sein kann? Unter der Hand wurde Duogynon als Pille danach gehandelt - in der Bundesrepublik regierte der Paragraf 218 - Erfolgsquote zweifelhaft. Auch das ist eine Erklärung, weswegen viele Frauen, die anschließend Kinder mit offenem Rücken, Herzfehlern oder deformierten Extremitäten gebaren, sich auch Jahre später nicht trauten, öffentlich aufzubegehren, ihre Ärzte haftbar zu machen oder gar ihren eigenen Nachwuchs einzuweihen.
Die vermeintlich „doppelte Schuld“ wog schwer: Erst der gescheiterte Abbruch, und nun lebenslänglich mit einem behinderten Kind, dessen Leid zu verantworten sie glaubten. Duogynon, das war wie ein Fluch.
Ulrich Moebius genügten zwei Jahre bei Schering. Dann stieg er aus, gründete 1971 das arznei-telegramm und warnte bereits in Ausgabe 6 (1971) vor der „Anwendung von Gestagen-Östrogen-Kombinationen in der Frühschwangerschaft“. Moebius, der Nestbeschmutzer.
Die Warnungen blieben auch deshalb folgenlos, weil es keine Handhabe gab, ein Medikament gesetzlich zu verbieten. Erst 1978 schuf die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt (SPD) als Konsequenz aus dem Contergan-Skandal mit dem neuen Arzneimittelgesetz die dazu nötigen Voraussetzungen.
Für Peter Schönhöfer, Professor für Pharmakologie, Spitzname „roter Arzneimittelkommissar“, ein Grund, ins Bundesgesundheitsamt zu wechseln. Jedoch: „Den harten Beleg, den hatten wir nicht“, sagt Schönhöfer. „Wenn wir Duogynon verboten hätten, hätte es einen Prozess gegeben. Also wollten wir erreichen, dass die Frauen die Tabletten nicht mehr nehmen.“
Per Presseerklärung vom 12. Oktober 1978 informiert das BGA über „Empfehlungen eines Expertengesprächs“ zum Thema „Hormone in der Frühschwangerschaft“. Tenor: tunlichst die Finger davon lassen. Parallel dazu ergeht an die Schering AG, die das Anwendungsgebiet „Schwangerschaftstest“ mittlerweile für Duogynon und dessen Nachfolgeprodukt Cumorit gestrichen hat, die behördliche Auflage, Ärzte und Öffentlichkeit hierüber zu informieren. „Es liegen uns aber keine Unterlagen vor, die darüber Auskunft geben, ob und wie das geschehen ist“, teilt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die Nachfolgerin des BGA, im November 2010 auf Anfrage mit. Soll heißen: Weil die Information vermutlich nie bei den Ärzten ankam und niemand nachhakte, wurde die Schering-Pille weiter verschrieben.
Peter Schönhöfer weiß, an wen er sich wenden muss. Der Bremer Epidemiologe Eberhard Greiser, bekannt als kritischer Medizinwissenschaftler, soll den Nachweis zwischen Duogynon und den Missbildungen führen. Doch der Datensatz, der Greiser dafür zur Verfügung steht, ist lausig: 320 nicht standardisierte Fragebögen, viele unvollständig, erhoben nach wissenschaftlich kaum verwertbaren Kategorien von Betroffenenverbänden.
Man kann auf dieser Grundlage keine empirisch haltbaren Aussagen treffen. Greiser laviert sich trotzdem durch einen 20-seitigen Abschlussbericht. Sein Plädoyer: Das BGA möge ihn mit einer weiterreichenden Fall-Kontroll-Studie beauftragen.
Greisers Forderung kommt im Januar 1983. Zu spät: Seit Oktober 1982 heißt der Kanzler Helmut Kohl. Den Regierungswechsel, sagt Peter Schönhöfer, habe er „um exakt fünf Tage überlebt“. Dann ist Schluss für ihn im BGA. Seither darf sich dort niemand mehr für Duogynon interessieren.
Im Prozess vor dem Landgericht werden diese Umstände bestenfalls eine marginale Rolle spielen. Verhandelt wird das Recht auf Auskunft. Auskunft, die einzuklagen André Sommer nicht nur sich selbst schuldig zu sein glaubt: „Ich mache das auch für meine Mutter.“ Seit 2001 liegt sie im Wachkoma, Herzinfarkt an ihrem 47. Geburtstag. Er hat jetzt nur noch das Gericht, um zu klären, was damals wirklich war.

Chronik Duogynon
1950: Die Pharmafirma Schering bringt Duogynon auf den Markt. Genau wie die Antibabypille ist Duogynon ein Östrogen-Gestagen-Gemisch. Als Pille oder Injektion wurde es zur Behandlung bei ausgebliebener Monatsblutung eingesetzt, aber auch als Schwangerschaftstest. Das Medikament soll binnen einer Woche die Regelblutung auslösen. Geschieht dies nicht, gilt die Schwangerschaft als nachgewiesen.
1970: Die britischen Behörden verbieten Duogynon als Schwangerschaftstest.
1971: Das pharmakritische arznei-telegramm äußert in Deutschland den Verdacht, Duogynon könne Missbildungen verursachen.
1973: Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft warnt vor dem Einsatz.
1978: Duogynon wird in Großbritannien aus dem Verkehr gezogen. In Deutschland bekommt das Produkt den neuen Namen „Cumorit“ und den Hinweis, es nur bei nachweislich nicht schwangeren Frauen einzusetzen.
1980: Schering stellt die Produktion von Duogynon/Cumorit ein.
1982: Strafrechtliche Ermittlungen gegen Schering werden eingestellt.
1987: Der Einsatz von Duogynon in Drittweltländern wird eingestellt.

[Nina Hagen] Duogynon

CBG Redaktion

Nina Hagen unterstützt Duogynon-Kampagne

Als Mutter zweier gesunder Kinder ist es mir ein Herzensanliegen die Coordination gegen BAYER-Gefahren zu unterstützen! Ich bin entsetzt über die Ignoranz und Dreistigkeit der verantwortlichen Konzerne gegenüber den leidgeprüften Duogynon-Opfern und ihren Eltern. Ich hoffe sehr, dass die deutsche Gerichtsbarkeit gerecht urteilen wird, und dass die Opfer endlich eine Entschuldigung und gerechte Entschädigung bekommen!
Nina Hagen
Sängerin

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Duogynon

CBG Redaktion

Presse Info der Coordination gegen BAYER-Gefahren

Fehlbildungen durch Duogynon

Prozess-Auftakt in Berlin: „Verjährung ist nicht akzeptabel“

30. Nov. - Zu der Aussage des Richters Udo Spuhl in der heutigen Verhandlung am Landgericht Berlin, wonach ein „Auskunftsanspruch nicht bestehen dürfte, da Schadenersatzansprüche seit 2005 verjährt sind“, erklärt Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren:

„Die Schädigungen der Betroffenen liegen nicht 30 Jahre zurück, sondern sind Teil ihres Alltags. Es ist nicht hinnehmbar, dass die Rechtslage über Jahrzehnte hinweg keine Schadenersatzklagen ermöglicht und dass nun die Ansprüche verjährt sein sollen.“ Viele Betroffene, die zum Prozess angereist waren, trugen T-Shirts mit der Aufschrift: „Duogynon! Wir sind nicht verjährt“. Die Urteilsverkündung ist am 11. Januar angesetzt.

Zur Vorgeschichte des Verfahrens ergänzt Mimkes: „Die Ermittlungen gegen Schering vor 30 Jahren wurden mit der kaltschnäuzigen Begründung eingestellt, dass die Schädigung eines Fötus keinen Straftatbestand darstelle, da „ein Angriff gegen die Gesundheit eines Menschen im Rechtssinn“ nicht vorliege. Die Justiz ist gefordert, diese skandalöse Bewertung zu revidieren. Schließlich hat Schering selbst in den siebziger Jahren auf jeder Packung einen Warnhinweis anbringen lassen, laut dem Duogynon wegen der Gefahr von Fehlbildungen nicht in der Schwangerschaft eingenommen werden darf.“ Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hat die Betroffenen mehrfach eingeladen, in der BAYER-Hauptversammlung vor Tausenden von Aktionären über ihre Schädigungen zu sprechen.

Tausende von Kindern hatten in den 60er und 70er Jahren schwere Fehlbildungen durch hormonelle Schwangerschaftstests erlitten. Die von der Firma Schering unter den Produktnamen Duogynon, Cumorit und Primodos vertriebenen Präparate führten unter anderem zu Herzfehlern, fehlenden Gliedmaßen, Gaumenspalten und Nierenschäden. Nach Angaben von Anwalt Jörg Heynemann, der die Betroffenen vertritt, ist die „statistische Signifikanz eines Zusammenhangs der Geburt behinderter Kinder und der Einnahme von Duogynon durch die Mütter ebenso offensichtlich wie im Fall der Contergan-Tragödie.“

Der Spiegel wies Anfang der Woche nach, dass bei Schering schon 1967 intern über die Risiken diskutiert wurde. In einem Brief eines Mitarbeiters an die Schering-Zentrale heißt es: „Die offenkundige Korrelation zwischen der Zunahme angeborener Missbildungen und dem Verkauf des Schwangerschaftstests erscheint ziemlich alarmierend.“

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2. Dezember 2010, Neues Deutschland

Wenig Hoffnung für Duogynon-Betroffene

Gericht deutet Abweisung der Klage gegen Bayer-Schering an

Am Dienstag hat das Berliner Zivilgericht über die Klagen von Duogynon-Opfern gegen den Pharmakonzern Bayer-Schering verhandelt. Große Hoffnung für Betroffene gibt es nicht.

André Sommer wirkt beherrscht, als der Richter ihm alle Hoffnungen nimmt. Der 34-jährige Lehrer aus einem Dorf im Allgäu hat die Hände übereinander geschlagen und regt sich kaum, während der Vorsitzende der 7. Kammer des Berliner Zivilgerichtes, Udo Spuhl, Sommers Forderungen gegen Bayer-Schering Punkt für Punkt abweist. Die ruhige Szene steht im krassen Widerspruch zum Bild im hinteren Teil des Saals. Zwischen Journalisten sitzen mehrere Dutzend Beobachter. Sie tragen uniforme T-Shirts mit der Aufschrift: »Duogynon, wir verjähren nicht«.

1975 hatte Sommers Mutter das Hormonpräparat Duogynon des Schering-Konzerns eingenommen, ohne die Folgen zu ahnen. Das Medikament wurde damals als Schwangerschaftstest verschrieben. Durch die Kombination aus zwei Sexualhormonen wurde eine künstliche Regelblutung hervorgerufen. Blieb diese aus, galt eine Schwangerschaft als wahrscheinlich. Das komplizierte Verfahren war nötig, bevor die heute üblichen Urintests auf den Markt kamen.

André Sommers Mutter jedoch war zum Zeitpunkt der Einnahme bereits schwanger. Ein Jahr später kam ihr Sohn mit schweren Missbildungen an Blase und Genitalien zur Welt. Kein Einzelfall, wie der Medizin-Fachanwalt Jörg Heynemann schildert, der Sommer vor Gericht vertritt. Tausende Frauen hätten damals Kinder mit schweren Schäden zur Welt gebracht. Betroffen waren oft die Extremitäten, in anderen Fällen kamen die Kinder mit geschädigten Organen, offenem Bauch oder Rücken zur Welt. Die Zahl der Totgeburten ist unbekannt.

Der inzwischen fusionierte Konzern Bayer-Schering weist indes alle Verantwortung von sich. In den 1970er Jahren sei der Fall juristisch aufbereitet worden, sagt Sprecher Oliver Renner. Ein Recht auf Akteneinsicht gebe es deswegen nicht, zumal die Sache nach 30 Jahren verjährt sei. Diese Meinung vertrat auch das Gericht – und deutete an, die Auskunftsklage abzuweisen. Einsicht in die Akten könne es nur geben, wenn auch die Möglichkeit auf Klage besteht, argumentierte Richter Spuhl, der bis Januar entscheiden will.

Für die Betroffenen ein Skandal. Die Duogynon-Opfer – neben dem Hauptkläger Sommer rund 200 Personen – verweisen auf neue Erkenntnisse, nach denen Schering bereits Ende der 1960er Jahre von den Gefahren wusste. Auch galt beim letzten Prozess im Jahr 1980 menschliches Leben erst ab der Geburt als schützenswert. Vor acht Jahren war zudem die Haftungsregelung für Medikamentenschäden im Arzneimittelgesetz verschärft worden. Besonders diese zweite Rechtsnovelle war durch die andauernden Contergan-Verfahren motiviert. Heynemann sieht sich und seinen Klienten deswegen im Recht. »Im Zweifelsfall gehen wir in Berufung«, kündigt er an.

Auch der Kläger will sich nicht entmutigen lassen. Die Haltung des Gerichtes sei »eine Enttäuschung für mich und alle anderen Opfer«, sagte Sommer, »denn unsere Behinderungen verjähren nicht«.
Von Harald Neuber

[BPA] Bisphenol A

CBG Redaktion

Tageszeitung, 26. November 2010

GESUNDHEITSSCHÄDLICHE WEICHMACHER

Hormone in Babyflaschen

Kehrtwende bei dem Plastikweichmacher Bisphenol A: Die EU-Kommission strebt endlich ein Verbot an. Der Stoff steht im Verdacht, unfruchtbar zu machen. VON REINHARD WOLFF

Innerhalb der EU sollen Babyflaschen, die die umstrittene Chemikalie Bisphenol A (BPA) enthalten, verboten werden. Wie die EU-Kommission am Donnerstag mitteilte, soll ab dem 1. März 2011 ein Herstellungsverbot gelten. Am 1. Juni sollen Verkauf und Import der Chemikalie ganz untersagt werden.
Damit macht die EU offenbar einen ersten Schritt, der BPA-Verbotslinie, die bereits Kanada, Australien und einige US-Bundesstaaten sowie in der EU Dänemark und Frankreich eingeschlagen haben, zu folgen. Auch Schweden und Österreich hatten den Erlass nationaler Verbote angekündigt, sofern die EU nicht aktiv werden sollte.

Noch Ende September hatte das Europäische Amt für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Entwarnung gegeben und BPA in der derzeit zugelassenen Dosis - diese hatte die EU vor zwei Jahren von 10 auf 50 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht erhöht - für unbedenklich erklärt. Worauf einerseits die Chemieindustrie Druck auf die EU-Länder mit nationalen Verboten machte, diese aufzuheben, andererseits schon länger geäußerte Kritik an der als industrienah geltenden EFSA wuchs. Von Unabhängigkeit könne bei diesem Amt keine Rede sein, erklärte der BUND.
Auch in der Kommission war man mit dem EFSA-Votum offenbar unzufrieden. Das EU-Parlament hatte sich bereits im Sommer für ein Verbot von BPA in Babyflaschen ausgesprochen. Im Oktober kündigte der EU-Kommissar für Gesundheits- und Verbraucherpolitik, John Dalli, überraschend Beratungen mit den Mitgliedsstaaten über ein entsprechendes Verbot an. Die nunmehrige Einigung in einem Expertenausschuss sei eine gute Nachricht für alle Eltern, erklärte er jetzt.

Der hormonell wirkende Stoff Bisphenol A steht im Verdacht, unfruchtbar zu machen. Er wird unter anderem auch mitverantwortlich für Diabetes, Brustkrebs, Schädigungen des zentralen Nervensystems und Fettleibigkeit gemacht. Der Stoff, der zu den weltweit meistproduzierten Chemikalien gehört, findet sich beispielsweise in Plastikprodukten, Lebensmittelverpackungen, Zahnfüllungen und dem Thermopapier von Faxpapieren und Quittungen.

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18. November 2010

Bisphenol A

Lebensmittelbehörde der EU soll mit der Industrie verbandelt sein

Das umstrittene Bisphenol A fließt vielfach in Kunststoffe ein. Der EU-Stelle für Lebensmittelsicherheit wird nun vorgeworfen, zu eng mit der Industrie verquickt zu sein.
Die Substanz ist im Alltag allgegenwärtig. Sie steckt in Lebensmittelverpackungen und Kunststoffgeschirr, in Kassenquittungen, Babyflaschen, CDs oder Zahnfüllungen. Bisphenol A, kurz BPA, ist der Grundstoff für Polycarbonat, einem der meist verwendeten Kunststoffe. Mehr als eine Million Tonnen der Chemikalie produzieren Europas Chemieunternehmen im Jahr. Aber trotz der weiten Verbreitung sind die gesundheitlichen Risiken, die mit der Verwendung von BPA einhergehen, bis heute nicht geklärt.
Zahlreiche Wissenschaftler warnen, der Stoff könne auch in kleinster Dosierung bei Babys und Kleinkindern die Hirnentwicklung beeinträchtigen und bei Erwachsenen Diabetes fördern oder die männliche Fruchtbarkeit schädigen. Die Industrie und die zuständige Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) halten dagegen die im Alltag aufgenommen Mengen für so gering, dass sie keine Gefahr sehen.

Dieser schon seit Jahren geführte Streit erhält nun neue Nahrung. Recherchen des MDR ergaben, dass Mitarbeiter der in Parma in Italien angesiedelte EFSA eng mit der interessierten Industrie verbunden sind und sogar direkt für deren Verbände arbeiten. Die EFSA, meint darum Sarah Häuser, Chemieexpertin der Umweltorganisation BUND, sei „regelrecht unterwandert“. Die im September noch einmal bestätigte Entscheidung der Behörde zur Unbedenklichkeit von BPA zeige „deutlich, dass die interessierte Industrie dort mehr Gehör findet als unabhängige Forscher.“ Diesen Eindruck bestätigt auch Andreas Gies, Fachmann für Umweltchemikalien beim Umweltbundesamt (UBA). Die EFSA stütze sich fast ausschließlich auf Studien, die von der Industrie bezahlt seien und „die Finanzierung bestimmt das Ergebnis“, klagt Gies.
Für fragwürdig halten die Kritiker insbesondere die Verbindung der EFSA mit dem International Life Sciences Institute (ILSI), das weltweit Studien über Umwelt und Gesundheit erstellen lässt. Die Organisation finanziert sich überwiegend aus Beiträgen von Unternehmen der Chemie- und Lebensmittelbranche, darunter auch die Hersteller von BPA wie Bayer oder der US-Konzern Dow Chemical. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schloss darum schon 2006 das ILSI bei der Festlegung von Normen für die Belastung von Wasser und Nahrung aus. Das sehen die Verantwortlichen bei der EFSA nicht so eng.
Umstritten ist etwa der Fall der ungarischen Wissenschaftlerin Diána Bánáti, die dem Verwaltungsrat der Behörde vorsteht. Dessen Hauptaufgabe ist die Besetzung der Expertengremien, deren Mitglieder die Empfehlungen für die Gesetzgebung ausarbeiten. Bánáti hat damit durchaus Einfluss auf deren Zusammensetzung. Das hinderte sie jedoch nicht, auch als Vorstandsmitglied beim Industrieinstitut ILSI zu arbeiten. Erst als der grüne EU-Abgeordnete José Bouvé jüngst diese Verquickung als unvereinbar mit der nötigen Unabhängigkeit der Behörde kritisierte, reichte Bánáti ihren Rücktritt ein – allerdings nicht bei der Behörde, sondern nur bei dem Lobbyverband. Daneben ist aber mit dem slowakischen Forscher Milan Kovac noch ein weiterer ILSI-Vorstand im Verwaltungsrat der EU-Behörde tätig.
Auch in den Expertengremien wirken Wissenschaftler mit, die parallel der Industrie zuarbeiten. So ist der britische Biochemiker Alan Raymon Boobis in führender Stellung bei ILSI tätig und bestimmt bei der EFSA mit über die Beurteilung von Pestizidrückständen. Und auch das Gremium, das über die Gefahren von BPA befindet, hat mit dem britischen Behördenexperten Laurence Castle ein Mitglied, das parallel für das Industrieinstitut tätig ist.
Ob derlei Verbindungen auch die Beurteilung von BPA beeinflusst haben, ist nicht zu belegen. Die EFSA und ihre Verwaltungsratschefin wollten dazu in dieser Woche keine Auskunft geben. Unabhängige Wissenschaftler wie der Toxikologe Gilbert Schönfelder von der Berliner Charité werfen ihren Kollegen bei der EFSA allerdings gravierende wissenschaftliche Fehler vor. BPA sei deshalb so problematisch, weil es ähnlich wirke wie das weibliche Hormon Östrogen und deshalb auch in winzigen Dosen Schaden anrichten könne, sagt Schönfelder. Insbesondere Babys und Kleinkinder seien gefährdet.

Im Tierversuch sei nachgewiesen, dass BPA die Fruchtbarkeit mindern und das Erbgut verändern könne. Darum sei es „nicht akzeptabel“, dass die EFSA-Experten mehr als 80 Studien über BPA-Funde im menschlichen Blut aus der Bewertung ausschließen und so die tatsächliche Belastung im Alltag unterschätzen, klagt er. Zur Begründung heißt es in den EFSA-Gutachten, die Messungen seien ungenau und mit den bekannten Aufnahmepfaden nicht erklärbar – nach Meinung von Schönfelder eine unhaltbare Argumentation. „Wenn die Daten der Hypothese widersprechen, dann muss die Hypothese zurückgewiesen werden, nicht die Daten“, forderten er und vier weitere Toxikologen.

Angesichts solcher Widersprüche hat die dänische Aufsichtsbehörde darum jüngst die Notbremse gezogen. Seit Juli sind in Dänemark BPA-haltige Materialien für Produkte verboten, die Kontakt mit der Nahrung für Kinder bis drei Jahren haben. Auch Schweden und Österreich haben Verbote angekündigt. Darum kündigte jetzt auch der zuständige EU-Kommissar John Dalli eine Verordnung an, die zumindest für Babyflaschen die Verwendung von BPA-haltigem Kunststoff europaweit verbieten soll.
Nach Meinung der Kritiker ist das jedoch nicht genug. Es sei nicht mehr auszuschließen, dass die Substanz auch in niedriger Dosierung Gesundheitsrisiken berge, mahnt UBA-Fachmann Gies. Darum gebiete es „das rechtlich vorgeschriebene Vorsorgeprinzip die Belastung insgesamt zu minimieren“. Aufgabe der EFSA wie auch der Bundesregierung sei es, dafür eine Strategie zu entwickeln. Dazu sei aber „der Meinungsbildungsprozess noch nicht abgeschlossen“, erklärte der Sprecher von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Von Harald Schumann

30.11.2010

Überraschender Bann

EU verbietet die Chemikalie BPA in Babyflaschen
Brüssel hat sich nun doch für Vorsicht entschieden. Künftig darf die umstrittene Chemikalie Bisphenol A (BPA) in der EU nicht mehr für Babyflaschen verwendet werden, so die EU-Kommission. Demnach ist es ab März 2011 verboten, Fläschchen mit Hilfe der Chemikalie herzustellen, die hormonähnlich wirkt und Ratten in Versuchen unfruchtbar gemacht hat. Ab Juni 2011 soll dann auch ein Importverbot für solche Babyfläschchen gelten.
Offenbar hat sich die EU-Kommission nun doch gegen die Wissenschaftler des Europäischen Amts für Lebensmittelsicherheit (EFSA) durchgesetzt. Denn die EFSA hatte Ende September noch einmal bekräftigt, dass sie BPA in der zugelassenen Dosis für unbedenklich hält. Vor zwei Jahren hatte sie die tägliche Höchstgrenze sogar von 10 auf 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht erhöht, weil ihre Experten die Daten aus Tierversuchen für irrelevant hielten. Anders als bei Ratten werde BPA im menschlichen Körper schnell abgebaut, auch im Körper von Babys, hieß es. Allerdings zeigte sich jüngst, dass chinesische Fabrikarbeiter mit hohen BPA-Werten im Urin weniger vitale Spermien besaßen (Fertility and Sterility, online).
Längst haben einzelne europäische Länder wie Frankreich und Österreich nationale BPA-Verbote angestrengt. In Kanada, Australien und mancherorts in den USA ist die Substanz, welche die Grundlage für den ebenso harten wie kristallklaren Kunststoff Polycarbonat darstellt, bereits in Produkten für Babys untersagt. Auch das EU-Parlament hatte sich im Sommer für ein BPA-Verbot ausgesprochen. Nun erklärte der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, John Dalli, die aktuelle Einigung in einem EU-Expertenausschuss sei eine gute Nachricht für alle Eltern. Vom Markt ist BPA damit aber keineswegs. Es findet sich in zahlreichen weiteren Alltagsprodukten - in Lebensmittelverpackungen ebenso wie im Thermopapier der Kassenzettel.CHRISTINA BERNDT

Ärzte Zeitung, 26.11.2010

EU will Bisphenol A aus Babyfläschchen verbannen

Die Europäische Union will die umstrittene Kunststoff-Chemikalie Bisphenol A (BPA) in Babyfläschchen verbieten. Auf das Verbot ab Mitte des kommenden Jahres einigte sich am Donnerstagabend eine Mehrheit der Mitgliedsstaaten im Lebensmittelausschuss.
„Die heutige Entscheidung ist eine gute Nachricht für europäische Eltern“, sagte EU-Gesundheitskommissar John Dalli. Eltern könnten nun sicher sein, dass Babyfläschchen aus Plastik ab Mitte 2011 kein BPA mehr beinhalten.
Dalli begründete die Entscheidung mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. „Neue Studien haben gezeigt, dass BPA auf das Immunsystem und das Krebswachstum Einfluss nehmen könnte“, so Dalli.
Die EU-Staaten wollen die Produktion der Baby-Trinkfläschchen mit der Chemikalie ab März 2011 verbieten. Import und Vertrieb sollen dann vollständig ab Juni desselben Jahres verboten sein.
Bisphenol A ist hormonell wirksam. Es steht schon seit längerem in Verdacht, verschiedene Krankheiten, etwa KHK oder Diabetes, zu begünstigen. Die Chemikale wird in der Kunststoffchemie zur Herstellung von Polymerverbindungen genutzt.
Erst Mitte Oktober hatte Kanada den Stoff auf die Liste toxischer Substanzen gesetzt. Die Regierung reagierte damit auf neue Risikobewertungen. Damit soll die Verwendung von BPA in dem Land künftig strenger reglementiert werden können.

[stern] Duogynon

CBG Redaktion

25. November 2010

Duogynon: Opfer klagen gegen Bayer Schering

Am 30. November startet in Berlin der Prozess von Opfern des hormonellen Schwangerschaftstests Duogynon gegen die Firma Bayer Schering AG. Mehrere Geschädigte werden dem Verfahren beiwohnen. Das Magazin stern berichtet in seiner heutigen Ausgabe über die Klage und über das Schicksal der Betroffenen; siehe: http://www.cbgnetwork.org/downloads/stern48_Duogynon.pdf.

Auch der SPIEGEL greift das Thema heute erneut auf (s.u.).

alle Infos zur Kampagne

25.11.2010, Spiegel Online

Missbildungen durch Medikamente

Späte Revanche für einen fatalen Test

Es ist ein ungleicher Kampf: Ein behinderter Mann legt sich mit dem Pharmagiganten Bayer Schering an. Seine Mutter hatte ein Mittel zum Schwangerschaftstest eingenommen, das wohl massive Nebenwirkungen hatte. Jetzt bekannt gewordene Briefe bringen den Konzern vor Gericht in Erklärungsnot.
Also doch. Sie wussten offenbar, was sie taten. Jetzt hielt André Sommer den Beweis in den Händen, nach dem er so lange lang gesucht hatte. Der ihm erklärte, warum er 1975 schwer behindert an Blase und Geschlechtsorganen zur Welt gekommen war.
Eine Initiative von potentiellen Medikamentenopfern aus Großbritannien hatte ihm die entscheidenden Dokumente vor zwei Wochen zugeschickt. Es waren Kopien alter Briefe, in denen sich britische Schering-Wissenschaftler mit ihren deutschen Kollegen über schwere Missbildungen bei Kindern und möglichen Risiken von Medikamenten austauschten. Die Mütter hatten einen Schwangerschaftstest des Berliner Konzerns verwendet. Urintests, um eine Schwangerschaft festzustellen, gab es damals noch nicht.
Die Dokumente stammen aus den drei Jahren von 1967 bis 1969. Damals schon diskutierten die Experten also über mögliche verheerende Nebenwirkungen von Duogynon. Das Mittel, das Sommers Mutter 1975, sechs Jahre später, ahnungslos einnahm. „Warum tauschten die Herren sich intern aus und schwiegen in der Öffentlichkeit?“, will Sommer nun wissen. Und: „Waren die Mütter und wir Kinder Versuchskaninchen des Unternehmens?“
In der kommenden Woche wird der Lehrer aus Pfronten im Allgäu gegen die Bayer Schering Pharma AG antreten. In Berlin, vor der 7. Zivilkammer des Landgerichts.

Sommers Feldzug ist eine Premiere
Sommers Feldzug gegen den mächtigen Konzern ist eine Premiere. Es ist der erste Prozess, den ein mutmaßliches Duogynon-Opfer angestrengt hat, seitdem die Bundesregierung vor acht Jahren das Arzneimittelgesetz änderte. Damals sollte die rechtliche Stellung der Opfer gestärkt werden. Beim Berliner Landgericht wird sich jetzt erweisen, ob die Reform den Praxistest besteht.
Mit ihrer Gesetzesänderung reagierte die Bundesregierung damals auch auf die quälend langen Contergan-Verfahren. Jahrelang hatten behinderte Kinder, deren Mütter das Schlafmittel eingenommen hatten, gegen den Hersteller geklagt. Vergeblich. Dabei gab es keine ernsthaften Zweifel an den katastrophalen Nebenwirkungen des Medikaments. Eine Entschädigung erhielten die Opfer aber erst, als das Unternehmen freiwillig Schadensersatz anbot.
Auch die mutmaßlichen Duogynon-Opfer hatten bislang keine Chance. Die betroffenen Mütter wandten sich bereits Ende der siebziger Jahre an die Öffentlichkeit. Sie zeigten die Firma an, doch dann stellten die Staatsanwälte die Ermittlungen ein. Und danach platzten die Zivilverfahren. Ähnlich wie im Contergan-Fall.
Nachdem der SPIEGEL (23/2010) erstmals über den Fall Sommer berichtet hatte, meldeten sich mehrere Dutzend Betroffene zu Wort. Menschen mit verkrüppelten Gliedmaßen, mit Missbildungen am Herzen, an Bauch und Rücken. Menschen, die jahrelang geschwiegen hatten. Weit über 100 Betroffene haben sich auf eine Geschädigtenliste eingetragen, die Sommer auf seine Website gestellt hat.
Abgeordnete der Grünen-Bundestagsfraktion verlangten daraufhin Aufklärung von der Regierung. Das Bundesgesundheitsministerium will sich zwar aus der rechtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Duogynon-Hersteller und den Betroffenen heraushalten. Man begrüße aber, dass Patienten nun leichter Ansprüche gelten machen könnten. „Das war vom Gesetzgeber so beabsichtigt und wird hier nachdrücklich unterstützt“, sagt die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz.

Anspruch auf Auskunft
Die mutmaßlichen Opfer klagen gegen den Schering-Konzern, der inzwischen vom Konkurrenten Bayer übernommen wurde. Zunächst wollen sie nur Auskunft. Die Firma soll Einsicht gewähren in Unterlagen zu Duogynon. Nur so rechnen sie sich eine Chance aus, Bayer Schering Pharma später auch auf Schadensersatz verklagen zu können.
Doch das Unternehmen will nicht. Etwaige Ansprüche auf Auskunft und Schadensersatz seien längst verjährt. Zudem, schreibt der Bayer-Anwalt dem Berliner Gericht, bestehe kein Zusammenhang „zwischen der Anwendung von Duogynon und dem Auftreten embryonaler Fehlbildungen“.
Der Berliner Anwalt Jörg Heynemann widerspricht. Natürlich sei der Fall nicht verjährt. Schließlich habe sich Sommer noch vor fünf Jahren wegen seiner Behinderung operieren lassen müssen. Zudem habe der Kläger erst im vergangenen Jahr von Duogynon-Nebenwirkungen erfahren. Seine Mutter liegt nach einem Herzinfarkt seit vielen Jahren im Wachkoma.
Ob der Schwangerschaftstest wirklich so harmlos gewesen sei, solle nach Heynemann ein Gutachter klären. Wie im Contergan-Fall würde der Anwalt am liebsten einen Vergleich erreichen. Bayer Schering solle doch einfach „Offenheit und Toleranz“ zeigen und sich „mit den Geschädigten an einen Tisch setzen“.
Zum Prozess in der kommenden Woche hat Heynemann Unterlagen über einen sogenannten „Ärztemustertest“ eingeführt. Der Anwalt, der einige Dutzend Duogynon-Opfer vertritt, schreibt dazu: „Unabhängig von der ethischen Bewertung dieses Vorgangs, dass offensichtlich ‚eine beachtliche Anzahl von Frauen mit Ärztemustern behandelt wurden‘, dürften der Beklagten auch die Ergebnisse dieser Arbeiten vorliegen. Es wurde offensichtlich die mögliche fruchtschädigende Wirkung in Kauf genommen, um in Form von Ärztemustern Versuche an schwangeren Frauen durchzuführen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Beklagte diese ‚Versuchsergebnisse‘ nicht offen legen möchte.“
Zu klären haben Kläger und Beklagte also vor Gericht einiges. Was es mit dem Brief aus Großbritannien zum Beispiel auf sich hat. Dort schreibt ein Wissenschaftler am 13. November 1967, also acht Jahre, bevor Sommers Mutter das Medikament einnahm: „Die offenkundige Korrelation zwischen der Zunahme angeborener Missbildungen und dem Verkauf des Schwangerschaftstests erscheint ziemlich alarmierend.“ Bei dem Präparat handle es sich um ein pharmazeutisches Produkt für schwangere Frauen, das auf die Umgebung des Fötus wirke und „deshalb müssen wir extrem vorsichtig sein“. Von Udo Ludwig
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,730638,00.html

[Norwich] Gefährliche Chemikalien

CBG Redaktion

Anmerkung: zu den gelagerten Stoffen gehören auch 100 Tonnen Brom, ein äußerst iftiges Gas, welches zu Lungenverätzungen und anderen irreversiblen Schäden führt

LifeGen, 23. November 2010

Bayer-Anlage in Norwich/England lagert über 100 Tonnen Cyanid

Eine Fabrikanlage des Bayer-Konzerns lagert im britischen Norwich mehr als 100 Tonnen Kupfer-Cyanid, weitere 94 Tonnen Natriumcyanid werden dort als 30-prozentige Lösung gehalten. Über 2000 Tonnen hochtoxischer Substanzen seien insgesamt in Norwich untergebracht, der Großteil davon lagere oberirdisch. Zu diesem Ergebnis gelangt die Watchdog-Organisation „Koordination Gegen Bayer Gefahren“ (CBG) nach Auswertung von Daten, die CBG im Rahmen einer Anfrage auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes von den britischen Behörden erhalten hat. Die auch LifeGen.de vorliegenden offiziellen Planungsunterlagen mit dem Titel „09/01443/H Bayer Cropscience Ltd“ belegen zwar die Sicherheit der Fabrik in Bezug auf Umweltkontaminationen - auf etwaige Terroranschläge scheinen die Planer der Anlage jedoch in keiner Weise vorbereitet zu sein. So fehlen Angaben über Abwehrmaßnahmen gegen Angriffe aus der Luft ebenso wie Sicherheitsanalysen zur potenziellen Gefährdung durch Boden-Boden Raketen oder Granatwerfer nach Anschlagsmuster der IRA. LifeGen.de veröffentlicht die von CBG vorgestellten Zahlen zur Dokumentation in englicher Sprache und im Originalwortlaut der CBG (Auszug).

Quelle: Hazardous substances in Bayer factory at Norwich/UK

Vortrag

CBG Redaktion

Die Kritischen Medizinstudierenden der Uni Köln laden ein zum Vortrag

BAYER – Pharmariese in der Kritik

Wann: Donnerstag, 25. November, 19.00 Uhr
Wo: LFI Hörsaal 2, Uniklinik
Eintritt: frei

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren spricht über risikoreiche Pharmaprodukte, die Kooperation der BAYER AG mit der Uniklinik Köln und über den Einfluss pharmazeutischer Konzerne auf Politik und Gesundheitswesen.

weitere Informationen zur Zusammenarbeit von Bayer und Uni