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Der wackere Wackener

CBG Redaktion

Hans Möller und sein Kampf gegen BAYER & Co.

Seit Jahrzehnten streitet der Landwirt Hans Möller aus Wacken erst gegen den BAYER-Konzern und dann gegen dessen Nachfolge-Unternehmen am Sitz Brunsbüttel, weil der große Wasserdurst der Chemie-Multis seine Lebensgrundlagen zerstört.

Von Peer Clausen

Schon die Errichtung des BAYER-Werks in Brunsbüttel brachte die Menschen auf. Das ganze Dorf Ostermoor wurde dafür 1973 plattgemacht. Klagen hatten keinen Erfolg; rund 1.000 AnwohnerInnen mussten ihre Häuser und Höfe verlassen. 

Die Politik wusste der Konzern immer hinter sich. Sie pumpte in der Hoffnung auf neue Jobs viel Geld in die Infrastruktur rund um die Chemie-Anlagen, inklusive Hafen, einem Wasserwerk, einer Brücke und neuen Straßen. Das Unternehmen versprach der Region 14.000 Arbeitsplätze, de facto wurden es nur 2.000, von denen nicht wenige dann auch noch Beschäftigte aus dem Leverkusener Stammwerk einnahmen. 

Während der ganzen Bauphase rissen die Proteste nicht ab. BürgerInnen-Initiativen, Teile der Umweltbewegung und weitere AkteurInnen demonstrierten jahrelang. Der Leverkusener Multi reagierte darauf mit einem ganzen Mix von Maßnahmen. Er zeigte „soziales Engagement“, pflegte die politische Landschaft, trotzte GREENPEACE vor Gericht und ließ seine Beziehungen spielen, um einen kritischen Pfarrer zu schassen. 

Nach der Inbetriebnahme der Produktionsstätten für Kunststoffe kochten vor allem die Auseinandersetzungen um das Wasser hoch, denn BAYER entwickelte einen enormen Durst. Fünf Millionen Kubikmeter förderte das Wasserwerk jährlich, was nicht ohne Folgen blieb: Der Grundwasser-Spiegel sank. Dadurch fielen in der Gemeinde Bockelrehm die Hausbrunnen trocken und den LandwirtInnen versiegten die Gräben und verdörrten die Weiden. Sogar zu Bodenabsackungen kam es. 

Bauer gegen BAYER

Der Bauer Hans Möller und seine Familie wollten das nicht hinnehmen: Immer wieder wiesen sie auf den Zusammenhang zwischen den Bewässerungsproblemen, die nicht nur den LandwirtInnen, sondern auch den AnwohnerInnen und der gesamten lokalen Infrastruktur zu schaffen machte, und den Aktivitäten des BAYER-Konzerns hin. 

Deshalb zogen sie vor Gericht, und es begann eine Odyssee durch die Steppen der deutschen Justizlandschaft. Die erste Klage scheiterte 1986, weil der Anwalt bei der Einreichung die Frist überschritt. Die zweite Klage 1992 fiel – ebenso wie die Bewertung des vom Gericht bestellten, 50.000 DM teuren „Obergutachters“ – zugunsten der Familie Möller aus. Der Prozess lief trotzdem ins Leere. Das Gericht verschleppte immer wieder die Prozesstermine, forderte immer neue Gutachten an und lud 1997, als es endlich zum ersten Verhandlungstermin kam, einfach den Obergutachter aus. Am Ende wurde zwar anerkannt, dass es real existierende Schäden gibt, aber die Klage dennoch abgewiesen. Der Gegenstand der Klage sei verjährt, lautete die Begründung. Eine Frechheit angesichts der Tatsache, dass das Gericht durch seine Verschleppungspraktiken selbst für die Verjährung gesorgt hatte. Eine Überraschung ist es trotzdem nicht: Der Richter war derselbe, der BAYER den Weg für den Bau freigemacht und die AnwohnerInnen von Haus und Hof vertrieben hatte.

Die Familie Möller hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 100.000 DM an Prozesskosten angehäuft und keinen Schadenersatz bekommen. Sie kämpfte jedoch weiter und reichte beim Oberlandesgericht Schleswig Revision ein, und zwar nicht nur für den Schadenersatz, sondern auch aus Prinzip: „Generationen haben vom Land gelebt und dafür gesorgt, dass auch künftige Generationen davon leben können.“

To be continued? 

Die Revisionsklage endet 1998 damit, dass der Familie Möller ein Vergleich angeboten wurde. Was erst einmal positiv klang, war so positiv nicht: Vielmehr versuchte das zuständige Gericht sich über das Mittel des Vergleichs aus der Verantwortung zu ziehen, ein rechtskräftiges Urteil zu fällen. Dieses hätte nämlich einen Präzedenzfall für alle Industrie-Wasserwerke in Deutschland geschaffen, so Hans Möller 2025 in einem Interview.  Da jedoch absehbar war, dass dies die letzte Möglichkeit sein würde, die Prozesskosten herauszubekommen, willige die Familie ein. Sie bekam 130.000 DM zugestanden und erwirkte immerhin, dass das Wasserwerk nicht mehr als 4 Millionen Kubikmeter Wasser fördern darf. Nur: Es hielt sich nur nicht an die Abmachung und gewann mehr Wasser als erlaubt. Das wies Möller anhand von wöchentlich kontrollierten Messstellen auf seinem Land nach. Darum stellte er den Antrag, die Grundwasser-Förderung auf 1,7 Millionen Kubikmeter abzusenken. Das wurde zwar abgelehnt, aber immerhin erhielt das Wasserwerk 2007 nur eine Genehmigung für 3 Millionen Kubikmeter.

Auch hier war Papier wieder geduldig. „Aber die Auflagen wurden – naja, wie man sagt – auch nicht so sehr eingehalten. Vor allen Dingen auch nicht gut genug vom Kreis, von der Aufsichtsbehörde überwacht“, so Möller. Gegen das „3 Millionen“-Limit zog Möller ebenfalls wieder vor Gericht – bis jetzt ohne Entscheidung. 

Inzwischen ist Möllers Sohn Herr des Verfahrens und auch nicht mehr BAYER der eigentliche Gegner. Der Leverkusen Multi stieß nämlich 2015 sein Kunststoff-Geschäft ab und damit auch den Standort Brunsbüttel. Aber über die weitere Prozess-Führung herrscht bei den Möllers Einigkeit. Einen Vergleich lehnt die Familie nämlich dieses Mal ab. „Das können wir auf keinen Fall annehmen. Das geht gar nicht. Uns geht es hier auch gar nicht ums Geld, sondern uns geht es darum, in Zukunft eine Fördermenge in Wacken zu haben, die uns kaum Schaden zufügt.“ 

Die Region geht jedoch andere Wege, plant den Bau von weiteren wasser-intensiven Produktionsstätten wie einer Batterie- und einer Wasserstofffabrik. Der jetzt schon zu hohe Wasserverbrauch würde sich vervielfachen, nicht nur zum Schaden der Bauern und Bäuerinnen, sondern auch zum Schaden der Umwelt: „Ja, die Folge der Förderung des Wasserwerks Wacken ist, dass auf unseren Niedermoorböden […] der ganze Torf zerstört wird, und es entstehen dort Stickstoff-Ausscheidungen von über 1.000 Kilogramm Stickstoff im Jahr. Die Pflanzen können aber nur 17 Kilogramm verbrauchen. Der Rest geht ins Grundwasser. Und das merken wir auch an den Analysen in den Brunnen des Wasserwerks, dass dort die Nitrate auftauchen“, erläutert Möller. 700 bis 1.000 Hektar seien von diesen Auswirkungen bereits betroffen.

Zugunsten von wenigen Profiteuren aus der Chemie werden Menschen nicht nur in Norddeutschland um ihr Eigentum gebracht, ihrer Lebensgrundlage beraubt und der Umwelt schwere Hypotheken aufgebürdet. Familien wie die Möllers machen Mut, denn sie wehren sich, lassen das nicht mit sich geschehen. Zwar sind es noch zu wenige, die so kämpfen, aber die, die kämpfen, liefern gute Beispiele dafür, wie es gemacht werden muss: Mit Ausdauer und Überzeugung, für die Menschen und gegen die Profitinteressen von BAYER & Co.!

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) stand Hans Möller von Anfang zur Seite und unterstützte auch andere Menschen in ihrem langwierigen juristischen Kampf gegen den Konzern wie etwa den gegen einen BAYER-Patentraub klagenden Erfinder Hans Süllhöfer oder die Holzgifte- und Verhütungsmittel-Geschädigten. ⎜