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Veröffentliche Beiträge in “SWB 04/2025”

Ticker 4/25

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

CBG schreibt der Leopoldina

Die Nationale Akademie für Wissenschaften Leopoldina hat die während der NS-Zeit durchgeführten Medizin-Versuche an Menschen in einer Datenbank erfasst. Sie will damit die „Verstrickung von Medizin, biowissenschaftlicher Forschung und nationalsozialistischer Rassen-Ideologie“ aufzeigen, erklärte Leopoldina-Präsidentin Bettina Rockenbach. In speziellen Suchmasken können Interessierte nach Opfern, bestimmten Tests und den dahinterstehenden wissenschaftlichen Einrichtungen suchen. Ein Eingabefeld für die Recherche nach Pharma-Firmen fehlt allerdings, obwohl BAYER & Co. in Auschwitz und anderswo zahlreiche Arznei-Erprobungen unternahmen. So lässt sich dann auf der Webpage auch nur ein einziger Test des Leverkusener Multis – ein Experiment mit Sulfonamid – über die Suchfunktion finden.

In einem Schreiben an die Leopoldina kritisierte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN den Aufbau der Recherche-Plattform. „Die jetzige Form der Datenbank vermittelt Unkundigen den falschen Eindruck, dass nur staatliche wissenschaftliche Einrichtungen Verantwortung für die Medizinversuche hatten“, hieß es darin unter anderem.

Die Institution reagierte und räumte Schwächen ein. „Leider sind die Angaben in der Datenbank nicht immer vollständig und gerade hinsichtlich beteiligter Unternehmen gibt es Verbesserungsbedarf. Ihren wichtigen Hinweis, dass deren Rolle in der Darstellung auf der Webseite nicht deutlich wird, nehme ich gerne so auf“, antwortete ein Leopoldina-Mitarbeiter. „Es war nicht unsere Absicht, diese Beteiligung herunterzuspielen oder gar den Eindruck zu erwecken, es hätte sie nicht gegeben. Im Gegenteil ist uns die Nennung der für die Verbrechen verantwortlichen Personen und Institutionen ein wichtiges Anliegen“, versicherte er. 

Zu einer Überarbeitung der Datenbank wird es aber wohl nicht kommen, weil alle finanziellen Mittel in den Aufbau flossen und neue einstweilen nicht bereitstehen.

CBG beteiligt sich an EU-Konsultation

Die EU-Kommission aktualisiert regelmäßig ihre Verordnung über die Aus- und Einfuhr gefährlicher Chemikalien, um bestimmte Stoffe zu streichen oder neu hinzufügen. Bei diesem Prozess ist eine öffentliche Beteiligung vorgesehen. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) nutzte das, um eine Erweiterung des Regelwerks einzufordern. Sie mahnte an, dieses um einen Passus zu ergänzen, der die Ausfuhr von solchen Pestiziden verbietet, die innerhalb der EU nicht (mehr) zugelassen sind. „Die EU-Kommission selbst hat sich im Jahr 2020 dazu verpflichtet, ‚sicherzustellen, dass in der EU verbotene gefährliche Chemikalien nicht für den Export hergestellt werden‘ und muss das jetzt auch in praktische Politik münden lassen“, schrieb die CBG. 

Zur Begründung verwies sie auf die umfangreichen Schadensbilanzen zu den Ultragiften, die VertreterInnen aus dem Globalen Süden regelmäßig auf den Hauptversammlungen des Konzerns vorlegen. Überdies gefährden die Mittel nach Meinung der Coordination auch Mensch und Umwelt innerhalb der EU, denn immer wieder geraten Produktionsrückstände in die Flüsse. Sogar Reste von BAYERs innerhalb der EU verbotenen Pestizids Imidacloprid finden sich mitunter in den Gewässern.

Und zum Schluss ihrer Eingabe hin wurde die CBG sogar philosophisch. „Aus all diesen Gründen appellieren wir an die EU-Kommission, nicht länger mit zweierlei Maß zu messen und sich stattdessen am kategorischen Imperativ von Immanuel Kant zu orientieren: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

CBG im NRW-Kommunalwahlkampf

Im Vorfeld der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen hatten die PARENTS FOR FUTURE des Bundeslandes für den 9. September zu einem Aktionstag aufgerufen, um dem Klima eine Stimme zu geben. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) beteiligte sich und tat dies aus gegebenem Anlass am Stammsitz des BAYER-Konzerns in Leverkusen. Dort setzte sie zusätzlich noch das Thema „PFAS“ mit auf die Tagesordnung der Kommunalpolitik. Immer wieder nämlich schrecken die Stadt Meldungen über hohe PFAS-Rückstände im Rhein auf.

Protest gegen EU-Deregulierungen

Die EU bereitet ein Maßnahmen-Paket zur Aufweichung bzw. „Entbürokratisierung“ der Lieferketten-Richtlinie, der Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung und der – Kriterien für ein „Green Economy“-Label festlegenden – Taxonomie-Verordnung vor. Auf Druck von BAYER & Co. hin will Brüssel essentielle ethische, soziale und ökologische Standards abbauen. „Wir können nicht erwarten, dass wir weltweit konkurrieren können, während wir uns gleichzeitig mit unnötigen Beschränkungen und Einschränkungen überfrachten“, so EU-Kommissar Valdis Dombrovskis zur Begründung des Vorstoßes. 

Aber dagegen erhebt sich Widerstand. Auf Initiative des CORPORATE EUROPE OBSERVATORY haben sich 470 Organisationen – darunter auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN – mit dem Appell an die EU gewandt, das Deregulierungsprojekt zu stoppen. „In einer Zeit extremer Ungerechtigkeit durch ungleiche Wohlstandsverteilung, soziale und finanzielle Ausgrenzung, Umweltzerstörung, Demokratie-Abbau, Überwachungskapitalismus, Ausbeutung von ArbeitnehmerInnen (…) fordern wir mehr Schutz, nicht weniger!“, heißt es in dem Statement.

„Parkinson als Berufskrankheit“ im Bundestag

Seit März 2024 ist „Parkinson durch Pestizide“ bei LandwirtInnen als Berufskrankheit anerkannt. Allerdings hat die „Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau“ (SVLFG) bisher erst 18 Anträge bewilligt. 

Am 7. Juli 2025 setzte der Abgeordnete Karl Bär von Bündnis 90/Die Grünen dieses Vollzugsdefizit auf die Tagesordnung des Bundestages. „Ich weiß nicht, ob das Problem an der Stelle Geiz ist oder die Ideologie, dass Pestizide ja nicht gesundheitsschädlich sein dürfen; aber diese Langsamkeit ist eine Sünde gegenüber den Betroffenen“, sagte er in seiner Rede. Gerade auch, weil die SVLFG hauptsächlich wegen des zu erwartenden erhöhten Finanzbedarfs in Sachen „Parkinson“ ihre Beiträge kräftig erhöht und auch der Bund seinen Zuschuss um 20 Millionen auf nunmehr 120 Millionen Euro angehoben hat, äußerte der Politiker Unverständnis. „Ich finde, ehrlich gesagt, beides nicht gerecht: Weder sollten die Landwirtinnen und Landwirte das bezahlen noch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Das sollte die chemische Industrie bezahlen“, so Bär. Schließlich wandte er sich direkt an den Landwirtschaftsminister: „Herr Rainer, sorgen Sie dafür, dass die Landwirtschaft die Abhängigkeit von der chemischen Industrie überwinden kann! Sorgen Sie dafür, dass es den Menschen, die unsere Lebensmittel produzieren, erspart bleibt, krank zu werden, weil sie glauben, dass sie dafür Ackergifte brauchen!“

KAPITAL & ARBEIT

12.000 Jobs weniger

Bei der Präsentation der Geschäftszahlen für das erste Halbjahr 2025 am 6. August gab der BAYER-Konzern auch bekannt, wie viele Stellen das 2024 begonnene Rationalisierungsprogramm bisher gekostet hat. 12.000 Arbeitsplätze fielen ihm bereits zum Opfer, und BAYER-Chef Bill Anderson sieht noch Luft nach oben. „Ich gehe davon aus, dass es zu einem weiteren Personalabbau kommen wird“, sagte er in einer Telefon-Konferenz mit den InvestorInnen. 

Arbeitsplatzvernichter Nr. 2

Der Unternehmensberatungs- und Wirtschaftsprüfungskonzern EY untersuchte die Beschäftigungsentwicklung von 32 der 40 DAX-Firmen im Zeitraum von Juni 2024 bis Juni 2025. Bei BAYER schrumpfte die Belegschaft um 7,3 Prozent. Nur CONTINENTAL vernichtete noch mehr Arbeitsplätze.

BLUEROCK streicht Arbeitsplätze

Zahlreiche auf neue medizinische Felder wie Zell- oder Gentherapien spezialisierte Pharma-Betriebe haben in letzter Zeit Arbeitsplätze vernichtet, so auch die BAYER-Tochter BLUEROCK. Sie strich 50 Stellen, stellte Entwicklungsprogramme ein und machte ihren Standort im US-amerikanischen Cambridge dicht. Eine ähnliche Schrumpfkur hatte BLUEROCK bereits im Jahr 2023 unternommen. Nach der neuerlichen bleiben bloß noch vier Projekte übrig, eine Therapie für ein Augenleiden, zwei zur Behandlung von Parkinson und die Entwicklung einer Zell-Plattform für diverse Erkrankungen des Nervensystems. 

„Der Rückzug von Standorten wie Cambridge – einem Zentrum biotechnologischer Innovation – signalisiert, dass selbst gut finanzierte Firmen die Balance zwischen ambitionierter Forschung und wirtschaftlicher Tragfähigkeit neu justieren müssen. Die Konzentration auf wenige, vielversprechende Programme gilt zunehmend als Voraussetzung, um im kapital-intensiven Umfeld der regenerativen Medizin [ein Zweig, der versucht, geschädigte Bestandteile des Körpers wie Zellen, Gewebe, Knochen oder Organe wiederaufzubauen, Anm. Ticker] langfristig bestehen zu können“, kommentiert das Webportal transkript

Nord & Süd

MERCOSUR-Deal in der Schlussrunde

Anfang Dezember 2024 schlossen die EU und die MERCOSUR-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay die Neuverhandlungen über einen Handelsvertrag ab. Im September 2025 läutete die EU-Kommission nun den Abstimmungsprozess ein. Als einen „wichtigen Meilenstein für die wirtschaftliche Zukunft der EU“, bezeichnete sie den Deal. Auch die Wirtschaft zeigte sich erfreut. Von „Europas historischer und zugleich letzter Chance, im südamerikanischen Markt als gleichberechtigter Partner aufzutreten“, sprach Dirk Jandura vom „Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). „Wir sollten diese Chance nutzen, bevor andere Mächte die Region vollständig unter sich aufteilen“, mahnte er. 

Neben der Auto-Branche profitiert vor allem die Chemie-Industrie von dem Handelsvertrag. Die von den Mercosur-Ländern vorgesehene Abschaffung der Import-Zölle für mehr als 90 Prozent aller Waren verschafft BAYER & Co. bessere Absatz-Möglichkeiten für ihre Waren, denn bisher beliefen sich die Sätze für Chemikalien auf bis zu 18 Prozent und für Pharmazeutika und Pestizide auf bis zu 14 Prozent. Damit nicht genug, verspricht sich der Leverkusener Multi auch von den Vergünstigungen für die Einfuhr von Agrar-Rohstoffen, die Brüssel Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay im Gegenzug gewährt, so einiges. Es ist nämlich ein höherer Genpflanzen- und Pestizid-Absatz zu erwarten, wenn insbesondere das brasilianische und das argentinische Agro-Business besseren Geschäften auf dem alten Kontinent entgegensieht. Der EU-Forschungsdienst hat dafür bereits Zahlen vorgelegt. Er rechnet mit einer Steigerung des Anteils der Mercosur-Staaten an den Lebensmittel-Importen der Europäischen Union von derzeit 17 auf 25 Prozent.

Die Monokulturen dürften sich dadurch noch weiter in die Regenwälder hineinfressen und zu Vertreibungen von Indigenen führen. Zudem verstärkt die Übereinkunft die bestehenden Ungleichgewichte im Handel zwischen Lateinamerika und Europa, weil sie die Rolle der Staaten des Kontinents als Lieferanten billiger Rohstoffe ohne großen Wertschöpfungsanteil verfestigt und die wegfallenden Handelsbarrieren für veredelte Güter aus Europa es den MERCOSUR-Industrien noch schwerer machen, die Rückstände aufzuholen.

Allerdings kann das Abkommen erst in Kraft treten, wenn das Europäische Parlament und die Mitgliedsländer ihr Ja-Wort geben. Da es viel Widerstand gegen den Deal gibt – besonders Nationen mit einer starken Landwirtschaft wie Polen und Frankreich befürchten eine Agrargüter-Schwemme aus Lateinamerika – greift die Kommission zu einem Trick, um ihn durchzubringen. Sie stellt erst einmal nur den Handelsteil des Vertragswerks zur Wahl. Für dessen Annahme ist unter den EU-Staaten nämlich keine Zweidrittmehrheit mehr nötig – es reicht eine qualifizierte Mehrheit. 

Das NETZWERK GERECHTER WELTHANDEL, dem die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN angehört, bereitet sich auf einen heißen Herbst vor und plant diverse Protest-Aktionen gegen den Deal.

Mehr Gift-Exporte aus Deutschland

BAYER & Co. dürfen Pestizide, die die EU wegen ihrer Gefährlichkeit verboten hat, weiter herstellen und vertreiben – nur in eben nicht in den Mitgliedsländern. Und das tun sie nicht zu knapp, wie eine neue Studie von PUBLIC EYE und UNEARTH nachweist. Die Ausfuhren beliefen sich 2024 auf 122.000 Tonnen.  Export-Weltmeister mit 55.000 Tonnen ist Deutschland. „Das Land hat sich zum wichtigsten europäischen Umschlagplatz für den Handel mit verbotenen Pestiziden entwickelt“, resümieren die AutorInnen. Auf Rang drei der am häufigsten umgeschlagenen Agro-Chemikalien: das auch von BAYER produzierte Mancozeb. Und noch zahlreiche weitere Substanzen, die ebenfalls in den Produkten des Leverkusener Multis Verwendung finden, platzierten sich wie z. B. Tiram, Clothianidin, Acetochlor, Fipronil und Thiophanat-methyl.

Ursprünglich wollte die Europäische Union dieser Praxis der doppelten Standards ein Ende setzen. Aber BAYER & Co. gelang es durch Extrem-Lobbyismus, diesen Prozess zu verzögern. Mit den Ergebnissen der Untersuchung konfrontiert, erklärt eine Sprecherin der Kommission nun, diese prüfe zurzeit „mögliche Optionen“, um „sicherzustellen, dass die gefährlichsten in der EU verbotenen Chemikalien nicht für den Export hergestellt werden können”. „Die Gewährleistung eines hohen Schutzniveaus für Mensch und Umwelt, sowohl innerhalb der EU als auch weltweit, ist von größter Bedeutung”, hielt sie gegenüber PUBLIC EYE und UNEARTH fest.

POLITIK & EINFLUSS

EU schleift Lieferketten-Richtlinie

Im Februar 2025 hat die EU-Kommission eine Aushöhlung bzw. „Vereinfachung“ der Lieferketten-Richtlinie auf den Weg gebracht, die für Unternehmen mit über 1.000 Beschäftigten und einem Umsatz von über 450 Millionen Euro gilt. Gemäß dem Omnibus-Paket müssen die betreffenden Firmen die Einhaltung sozialer, gesundheitlicher und ethischer Standards nur noch bei ihren direkten Lieferanten kontrollieren und darüber auch nur noch alle fünf Jahre einen Bericht erstellen. 

Im Juni 2025 schleifte der EU-Ministerrat die Bestimmungen weiter, indem er den Kreis der Betriebe beschränkte, für den sie gelten. Er will jetzt nur noch solche mit mehr als 5.000 Beschäftigten und einem Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro pro Jahr in die Pflicht nehmen und selbst diese Gesellschaften nicht mehr so ganz. Nur bei Zulieferern aus Sektoren mit einem hohen Risiko für Menschenrechtsverletzungen sind sie noch gefordert, genauer hinzuschauen. 

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im Mai bei einem Besuch in Brüssel sogar auf eine Komplett-Abschaffung gedrungen: „Wir werden in Deutschland das nationale Gesetz aufheben, und ich erwarte auch von der EU, dass sie diesen Schritt nachvollzieht und diese Richtlinie aufhebt“, sagte er zur Verärgerung seines sozialdemokratischen Koalitionspartners. Im Koalitionsvertrag hatten die beiden Parteien sich nämlich parallel zur Abschaffung des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetzes noch darauf verständigt, die EU-Richtlinie zu den Lieferketten „bürokratiearm und vollzugskräftig“ umzusetzen. 

Die SPD versuchte dann im Alleingang über eine Intervention bei der polnischen Ratspräsidentschaft, das Hochsetzen der Schwelle auf 5.000 Beschäftigten abzuwenden, was jedoch nicht gelang. Jetzt kann nur noch das EU-Parlament das Schlimmste verhindern.

Lieferketten-Gesetz aufgeweicht

Die Bundesregierung hat Anfang September 2025 auf ihrer Kabinettssitzung eine Aushöhlung des Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetzes (LKSG) beschlossen. CDU und SPD kündigten an, die Berichtspflichten abzuschaffen und Sanktionen nur noch bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Menschenrechte zu verhängen. Auf diese Weise wollen die Koalitionspartner „Bürokratie zurückbauen“ und „die deutsche Volkswirtschaft stärken“. Damit nicht genug, unterstützt Schwarz-Rot auch noch Forderungen nach „ambitioniertem Rückbau“ der EU-Lieferkettenrichtlinie. 

Die Industrie hätte gerne noch ein bisschen mehr gehabt. Vielen Unternehmensverbänden ging der Vorstoß der Koalitionspartner nicht weit genug. Und der Normenkontrollausschuss drängte darauf, alle jüngst auf den Weg gebrachten „Vereinfachungen“ der EU-Lieferkettenrichtlinie (s. o.) – wie z. B. die Beschränkung der von den Regelungen betroffenen Unternehmen auf solche mit mehr als 5.000 Beschäftigten – gleich mit ins deutsche Gesetz zu schreiben. Dazu hätten die Parteien sich nämlich verpflichtet, meinte der Ausschuss und zitierte dazu eine Passage aus dem Koalitionsvertrag: „Bei der Umsetzung von EU-Recht in nationales Recht schließen wir bürokratische Übererfüllung aus.“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) reagierte alarmiert. „Die Menschenrechte sind kein Bürokratie-Monster. Zudem hatten es die Konzerne lange selbst in der Hand, über die Einhaltung von ethischen Standards bei ihren Zulieferern zu wachen. Aber die freiwillige Selbstverpflichtung führte zu nichts. Nur darum wurde der lange geduldige Gesetzgeber schließlich doch aktiv und erließ das Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz. Doch kaum nach dessen Einführung im Jahr 2023 beginnen schon wieder die Abwrack-Arbeiten. Das ist ein Skandal“, hieß es in ihrer Presseerklärung.

Darin hob die Coordination auch die große Bedeutung der Berichtspflichten hervor, ohne die die Öffentlichkeit kaum erfahren könne, was sich entlang der weltumspannenden Lieferketten der Unternehmen so tut. Und das ist mitunter eine ganze Menge. So weist BAYERs Lieferkettenbericht für 2024 63 Fälle von „Missachtung von Arbeitsschutz und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren“, fünf Verstöße gegen das „Verbot der Ungleichbehandlung von Beschäftigten“ und elf Verstöße gegen das „Verbot des Vorenthaltens eines angemessenen Lohns“ aus. 2023 kam es sogar zu Kinderarbeit und zur Behinderung gewerkschaftlicher Betätigung.

Die Initiative Lieferketten-Gesetz kritisierte die Pläne ebenfalls. „Die geplante Lockerung des LkSG würde Deutschland weiter vom internationalen Konsens, wie ihn etwa die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte formulieren, entfernen. Eine Abschwächung des LkSG steht zudem im Widerspruch zum europarechtlich und völkerrechtlich verankerten Verschlechterungs- bzw. Rückschrittsverbot beim Menschenrechtsschutz“, hielt sie fest. Das Bündnis, dem auch die CBG angehört, wird alles tun, um die geplanten Deregulierungen zu verhindern.

Spatenstich für Gentherapie-Zentrum

Zell- und Gentherapien stellen einen Schwerpunkt von BAYERs Pharma-Sparte dar. In Deutschland kooperiert der Konzern dabei mit der Berliner Charité. Im Jahr 2022 gaben die beiden Partner bekannt, ein Zell- und Gentherapie-Zentrum aufbauen zu wollen, das auch Start-Ups und anderen Firmen offenstehen soll. Das Ziel der Gründung ist es, den Weg von der Forschung zur Produkt-Entwicklung zu beschleunigen. „Am Nordhafen finden Forscher und Verwerter zusammen“, so formuliert es die Berliner Morgenpost

Die Politik gewährt großzügig Unterstützung. „Trotz angespannter Haushaltslage in Berlin wird das Zentrum vom Bund und vom Land Berlin mit rund 100 Millionen Euro finanziert“, hält das Webportal transcript fest. Die Verantwortlichen betrachten nämlich Zell- und Gentherapien als „ein wesentliches Element für eine personalisierte Medizin, mit der Krankheiten zielgerichtet behandelt werden können“ und verfolgen mit den Geldspritzen die Absicht, „geeignete Plattformen für diese Zukunftstechnologie und die darauf aufbauende klinische Entwicklungen in Deutschland auszubauen“ sowie „den Biotechnologie-Standort Deutschland wirkungsvoll zu stärken“. 

Mitte September erfolgte nun der erste Spatenstich für den Bau mit Politik-Prominenz wie Finanzminister Lars Klingbeil, Forschungsministerin Dorothee Bär und Berlins Bürgermeister Kai Wegner.

Amtshilfe in Sachen „Glyphosat“

BAYERs Entschädigungsprozesse in Sachen „Glyphosat“ beschäftigen wegen ihrer ökonomischen Folgen inzwischen auch die deutsche Politik. So fanden im Bundeswirtschaftsministerium Gespräche dazu statt. „Es gab Austausch mit der BAYER AG, im Zuge dessen das Unternehmen das BMWK zu den aktuellen Entwicklungen informiert und dabei auch die möglichen Auswirkungen der aktuell anhängigen Rechtsstreitigkeiten erörtert hat“, teilte das damals noch von Robert Habeck geführte „Bundesministerium für Wirtschaft und Klima“ über das Treffen im März 2025 mit. Ein Anlass dafür könnte der kurz zuvor vom Leverkusener Multi bekanntgegebene Plan einer Kapitalerhöhung gewesen sein, mit der er sich ein Polster für Vergleiche und „andere Maßnahmen im Zusammenhang mit einer weitgehenden Eindämmung von Klage-Verfahren in den USA“ verschaffen wollte.

Kennedy knickt ein

Der wegen seiner Ansichten zu Impfungen, der Covid-Pandemie und der Schulmedizin im Ganzen sehr umstrittene US-amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. veröffentlichte im Mai 2025 den Report der von ihm ins Leben gerufenen„Make America Healthy Again“-Kommission. Dieser Bericht, der sich vornahm, „die Ursachen der eskalierenden Gesundheitskrise in Amerika zu untersuchen und zu adressieren“, ließ im Vorfeld BAYERs Aktien-Kurs abstürzen. Gerüchten zufolge sollten darin nämlich die Risiken und Nebenwirkungen von Glyphosat eine prominente Rolle einnehmen. 

Es kam dann aber doch nicht so schlimm wie erwartet. Die MAHA-Kommission zitiert zwar Studien, die Glyphosat und anderen Pestiziden sowie diversen weiteren Substanzen wie etwa Weichmachern oder Industriechemikalien ein gesundheitsgefährdendes Potenzial bescheinigen, aber politische Schlussfolgerungen zogen die AutorInnen nicht. Und die enthält auch der im September 2025 veröffentlichte MAHA-Strategiereport trotz seines Namens nicht. Wir lassen alles so, wie es ist, und machen es der Industrie sogar noch ein bisschen netter, lautet stattdessen die Botschaft. BAYER & Co. dürfen sich auf schnellere Genehmigungsverfahren freuen und über das Angebot einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit.

Kennedy erteilt nun Pestiziden im Allgemeinen und Glyphosat im Besonderen die Absolution. „Es gibt eine Million Landwirte, die auf Glyphosat angewiesen sind. Wir werden nichts unternehmen, was dieses Geschäftsmodell gefährden könnte“, sagte er. Die MAHA-Kommission spricht der Zulassungsbehörde EPA in ihrem Report dann auch das vollste Vertrauen aus. Die LobbyistInnen der Agro-Riesen hatten mal wieder ganze Arbeit geleistet.

Entsprechend harsch reagierten die US-amerikanischen Umweltverbände. „Unsere Gesundheit wird der Gier der Konzerne geopfert, hielt das PESTICIDE ACTION & AGROECOLOGY NETWORK fest, und das CENTER FOR FOOD SAFETY bezeichnete den Bericht als „Desaster“.

BAYER bei Wiederaufbau-Konferenz

Der BAYER-Konzern gehört zu den größten Investoren in der Ukraine. Nicht von ungefähr ist sein Ukraine-Chef Oliver Gierlichs auch Präsident der „Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer“. Bei der Wiederaufbau-Konferenz, die am 10. Juli 2025 in Rom stattfand, zeigte der Agro-Riese ebenfalls Präsenz, unter anderem mit einem Stand. Er konnte dort sogar Bundeskanzler Friedrich Merz begrüßen, „nachdem wir zuvor schon Teil einer Runde mit deutschen Unternehmen und dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj im Kanzleramt waren“, wie das Unternehmen stolz vermeldete. Bei der neuerlichen Zusammenkunft ging es BAYER zufolge „u. a. um die Bedeutung der Ukraine für die globalen Agrarmärkte und unsere Investitionen ins [sic] Land“.

Anderson trifft Selenskyj

„Heute hatte ich auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz die Gelegenheit, an einem Treffen mit dem ukrai-nischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj teilzunehmen“, vermeldete BAYER-Chef Bill Anderson auf dem Portal LinkedIn. Diese Einladung kam nicht von ungefähr. Der Leverkusener Multi zählt in dem Land nämlich zu den größten Investoren der letzten Jahre. 2018 errichtete der Konzern in Pochuiky für 200 Millionen Euro eine Fabrik zur Saatgut-Produktion, in deren Ausbau er 2023 noch einmal 60 Millionen Euro steckte.  „Dank dieser Anlage basiert ein Großteil des Mais‘, den die Ukraine nach Europa, Asien und Afrika exportiert, auf Saatgut von BAYER“, so Anderson. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Auch KWS, SYNGENTA, CORTEVA, MAISADOUR und REMINGTON SEEDS verstärkten ihr Engagement in dem Staat, den Anderson „als eine der Kornkammern der Welt“ bezeichnet. Allerdings könnten die Geschäfte in diesem Jahr ein wenig schlechter laufen. Die EU will der Ukraine nämlich auf Druck einiger Mitgliedsländer mit großem Landwirtschaftssektor nicht länger Handelserleichterungen für einige Agrar-Güter gewähren.

Anderson trifft Merz

BAYER-Chef Bill Anderson gehörte mit zu den 61 ManagerInnen der „Made for Germany“-Initiative, die sich am 21. Juli 2025 mit Bundeskanzler Friedrich Merz trafen. Die Runde könne „ein Baustein sein in unserem fortwährenden Dialog mit Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft“, verlautete aus der Konzern-Zentrale. Eingefädelt hatte das Ganze Alexander Geiser von der – auch den Leverkusener Multi zu ihren KundInnen zählenden – PR-Agentur FGS GLOBAL in Tateinheit mit Christian Sewing von der DEUTSCHEN BANK. Als Vorbild diente dabei das InvestorInnen-Treffen „Choose France“, das Emmanuel Macron alljährlich im Schloss von Versailles abhält.

Stefan Kooths vom Kieler „Institut für Weltwirtschaft“ bezeichnete das Ganze als eine bloße Werbeveranstaltung. „Ich würde den Effekt solcher Initiativen so einschätzen, dass er kaum über den heutigen PR-Tag hinausreicht“, so der Wirtschaftswissenschaftler: „Es wird ja nicht investiert, weil plötzlich eine Art Standort-Patriotismus ausbricht. Am Ende des Tages entscheiden die Rahmenbedingungen darüber, ob in Deutschland investiert wird oder nicht.“

Aber die Bundesregierung hielt dagegen. Das Meeting sei „keine PR-Aktion, sondern es ist eine konzertierte Aktion, mit der Regierung und Industrie zeigen, dass in diesem Land Investitionen möglich sind und sich lohnen“, hielt Regierungssprecher Stefan Kornelius fest. Und Merz sprach von „einer der größten Investitionsinitiativen, die wir in Deutschland in den letzten Jahren gesehen haben“.

Eine Summe von 631 Milliarden Euro hat die Männerrunde, in die sich nur eine Frau verlor, für das „Germany First“-Projekt zugesichert. Allerdings handelt es sich dabei nicht unbedingt um frisches Geld. 500 Milliarden Euro stehen bereits in den Büchern, und Näheres über den Rest ließen sich Anderson & Co. nicht entlocken. „Details? Fehlanzeige. Nachfragen? Nicht gestattet“, monierte die FAZ.

Konkrete Zahlen liegen nur zu den Desinvestitionen vor. Der BAYER-Konzern gab im Mai 2025 die Schließung des Standortes Frankfurt bekannt und vernichtete in den letzten beiden Jahren 12.000 Arbeitsplätze, die DEUTSCHE BANK will 2.000 Stellen streichen, ZF 14.000, THYSSEN KRUPP 11.000 und VW 10.000. Und fast täglich kommen neue Meldungen hinzu.

PROPAGANDA & MEDIEN

300 ÖffentlichkeitsarbeiterInnen

Obwohl die Belegschaft des BAYER-Konzerns über die Jahre beträchtlich auf nunmehr bloß noch 90.000 Beschäftigte schrumpfte, ist die Zahl der Angestellten in der PR-Abteilung gleich geblieben: Nicht weniger als 300 Menschen arbeiten dort Tag für Tag daran, BAYERs Sicht der Dinge unters Volk zu bringen.

NGOs: BAYER & Co. machen mobil

Die Attacken gegen NGOs gehen weiter: Nach der alles anderen als Kleinen Anfrage der CDU zu OMAs GEGEN RECHTS, GREENPEACE & Co. – 551 Fragen umfasste sie – nimmt jetzt die „Initiative Transparente Demokratie“ (ITD) ihre Arbeit auf. Sie schafft es, eine ganze Verschwörungserzählung rund um die NGOs zu stricken. „Neue Macht außer Kontrolle“, „Milliarden aus dunklen Kanälen“ und „Ein verdecktes Netz der Einflussnahme auf das Parlament erschüttert die Europäische Union“ raunt es auf der Website der ITD. 

Hinter der Organisation stehen nach Recherchen von LOBBYCONTROL unter anderem die „Initiative soziale Marktwirtschaft“, der ehemalige VW- und PORSCHE-Chef Matthias Müller und viele FDP-PolitikerInnen. Natürlich mischt auch der BAYER-Konzern mit. Sein „Head of Corporate Communications and Media Relations“, Christian Maertin, zählt zu den Gründungsmitgliedern. 

Dazu gehört auch Dr. David Zaruk, der dem Agro-Business seit Jahren treu zu Diensten steht. Unter anderem betreibt er den Blog „The Risk Monger“, der Glyphosat-Kritik als „Glyphysteria“ abtut. Darin weiß er sich mit dem ITD-Vorstandsmitglied Dr. Ludger Weß einig. „Jahrzehntelang hatte das 1974 zugelassene Mittel niemanden gestört, dann mutierte es plötzlich zum Erzfeind der Menschheit“, schrieb er in dem Blog „Salonkolumnisten“ über das von der WHO als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Herbizid. 

Die „Initiative Transparente Demokratie“ führt Maertin inzwischen nicht mehr als Gründungsmitglied. BAYER hat ihn nach geleisteter Aufbauarbeit vermutlich abgezogen, um keine Angriffsfläche zu bieten.

DRUGS & PILLS

Deal mit KUMQUAT

Einst galt Deutschland als Apotheke der Welt. Das ist aber schon lange her. Heute konzentrieren sich die Pharma-Konzerne auf wenige, besonders lukrative Indikationsgebiete. Bei BAYER blieben nur noch „Krebs“, „Herz/Kreislauf-Erkrankungen“, „Neurologie“, „seltene Krankheiten“ und „Immunologie“ übrig. Das Segment „Krebs“ stärkt der Leverkusener Multi jetzt durch einen Deal mit KUMQUAT. Das US-amerikanische Biotech-Unternehmen hat eine Arznei entwickelt, die auf tumor-fördernde DNA-Mutationen einwirkt, einen sogenannten KRAS-G12D-Inhibitor. „KRAS-Mutationen treten bei fast 25 Prozent der menschlichen Krebs-Erkrankungen auf“, so der BAYER-Forscher Dominik Rüttinger. Dementsprechend erwartet sich der Pharma-Riese viel von dem Medikament, mit dem KUMQUAT bald Tests der Phase Ia starten will. Sollte die Entwicklung erfolgreich verlaufen, erhält das Unternehmen bis zu 1,3 Milliarden Dollar vom Leverkusener Multi und zusätzlich noch eine Umsatz-Beteiligung.

Neue NUBEQA-Zulassung

BAYERs Arznei NUBEQA mit dem Wirkstoff Darolutamid zur Behandlung von Prostata-Krebs hemmt die Bildung von Testosteron, welches das Tumor-Wachstum befördert. Es findet bereits Verwendung bei noch nicht metastasierendem hormon-sensitiven Prostata-Krebs und – in Kombination mit einem Hormon-Präparat und einer Chemo-Therapie – auch zur Behandlung von bereits metastasierendem hormon-sensitiven Prostata-Krebs. Bei diesem Indikationsgebiet darf der Konzern NUBEQA nun auch lediglich von Hormon-Gaben flankiert anbieten. Die Zulassungsbehörden in den USA und der EU erteilten eine entsprechende Genehmigung. Ein Umsatz-Potenzial von rund drei Milliarden Euro traut der Pharma-Riese dem Medikament nun zu.

Lieferengpass bei KOLVATRY

Seit Jahren schafft es die Pharma-Industrie nicht, die Apotheken in ausreichendem Maße mit ihren Produkten zu bestücken. Auch politische Maßnahmen wie das 2023 verabschiedete „Gesetz zur Bekämpfung von Lieferengpässen bei patentfreien Arzneimitteln und zur Verbesserung der Versorgung mit Kinder-Arzneimitteln blieben wirkungslos. Immer wieder fehlen Pharmazeutika. Aktuell betrifft das dem „Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen“ zufolge über 500 Mittel. Darunter befindet sich auch BAYERs Bluter-Präparat KOLVATRY. „Verzögerung bei der Auslieferung“, führt der Leverkusener Multi wenig aufschlussreich als Grund an. 

Auch andere Arzneien des Pharma-Riesen wie etwa ASPIRIN i. v. 500, das Antibiotikum CIPROBAY und das Herz/Kreislauf-Medikament NIMOTOP glänzten in der Vergangenheit schon durch Abwesenheit.

Trump macht Druck auf Arznei-Preise

In den USA versucht die Politik bereits seit Langem, gegen die hohen Arznei-Preise vorzugehen. Die Biden-Administration hatte der staatlichen Gesundheitsagentur Medicare deshalb das Mandat erteilt, mit den Pharma-Riesen Rabatte auszuhandeln. Das stoppte Donald Trump. Er sieht die Ursache des Problems nicht in der Profit-Gier von BAYER & Co., sondern in einem ungerechten, zu Lasten der USA gehenden Welthandel. Der US-Präsident macht ein „globales Schmarotzertum“ aus und benennt dabei konkret die „sozialistischen Gesundheitssysteme in Deutschland und in allen Teilen der Europäischen Union“ als Wurzel des Übels.

Um Abhilfe zu schaffen, hat Trump Briefe an die Vorstandsvorsitzenden von 17 Pharma-Unternehmen geschrieben – BAYER-Chef Bill Anderson gehörte nicht dazu – und die Bosse aufgefordert, ihre Pharmazeutika billiger anzubieten. Bei Zuwiderhandlungen drohte er damit, „jedes Instrument in unserem Arsenal einzusetzen“. Eines dieser Instrumente ist die Einführung einer Meistbegünstigungsklausel, die den weltweit günstigsten Preis in einem Industrieland zur Richtschnur für den Pillenmarkt in den USA erhebt.

Bill Anderson gibt Trump recht: „In den USA sind Medikamente teurer. Das bringt den Unternehmen dort ausreichend Geld, um in Forschung und Entwicklung zu investieren. In Europa erzwingt die Politik hingegen möglichst niedrige Pharma-Preise. Die amerikanischen Verbraucher und Unternehmen finanzieren also Fortschritt und Innovation in der Medizin, wovon die ganze Welt profitiert.“

„In Europa werden die Preise steigen müssen“, sagt BAYERs USA-Chef Sebastian Guth deshalb. Aber natürlich nur aus moralischen Gründen, wie Anderson beteuert: „Es geht nicht um mehr Gewinne, sondern um Fairness.“

AGRO & CHEMIE

BAYERs neues Herbizid

„Seit über 25 Jahren hat die weltweite Pflanzenschutz-Industrie kein wirtschaftlich bedeutendes Herbizid mit neuem Wirkmechanismus mehr für Flächen-Kulturen entwickelt und auf den Markt gebracht – unter anderem eine Folge der Konsolidierung der Industrie, die mit einer deutlichen Reduktion der Forschungsaufwendungen für neue Herbizide einherging“, sagte der BAYER-Forscher Dr. Hermann Stübler 2012. 

Und es sollten noch dreizehn weitere Jahre in Land gehen, bis Big Agro Vollzug melden konnte. Im Sommer 2025 vermeldete der Leverkusener Multi die Entwicklung eines neuen Herbizids auf der Basis der Wirkstoffe Icafolin und Icafolin-methyl und stellte in zahlreichen Ländern Zulassungsanträge. 

Seinen ForscherInnen zufolge gibt es Belege dafür, dass die beiden Substanzen einen für die Pflanzen-Zellen überlebenswichtigen Prozess – die Tubulin-Polymerisation – empfindlich stören. Wie das funktioniert, wussten sie allerdings selbst nicht so genau; „wahrscheinlich durch Bindung an ß-Tubuline“, schrieben die WissenschaftlerInnen in einem Fach-Artikel.

Zur Toxizität von Icafolin gibt es keine öffentlich zugänglichen Daten. Nach Angaben des Konzerns ist das Mittel „für gezielte Spritz-Anwendungen und geringe Dosierungen“ konzipiert, weshalb „eine Antragseinreichung mit einem reduzierten Risiko-Status“ genügte. 

Patente auf Pflanzen, die dank alter oder neuer Gentechnik über eine eingebaute Icafolin-Toleranz verfügen, hat BAYER sich auch schon mal gesichert. Als Alternative zu dem von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften Glyphosat preist der Global Player Icafolin trotzdem nicht an. Er spricht stattdessen von „einer vollständig neuen Herbizid-Klasse, die bereits bestehende Lösungen sinnvoll ergänzt“.

Umweltkrankheit Parkinson

Seit 2024 ist „Parkinson durch Pestizide“ offiziell als Berufskrankheit bei LandwirtInnen anerkannt. Galten bisher der Lebensstil und eine erbliche Vorbelastung als Hauptrisiko-Faktoren, so geraten Agro-Chemikalien und andere äußere Einflüsse seit einiger Zeit immer mehr in den Fokus. „Es wird jedoch immer deutlicher, dass auch Umweltgifte eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von neurodegenerativen Erkrankungen spielen können“, sagt etwa die Medizinerin Eva Schäffer von der Kieler Universitätsklinik. „Bei Parkinson gehen manche Forscher sogar noch weiter, sie halten die Krankheit im Grunde für eine Umwelterkrankung, ausgelöst durch Schadstoffe, insbesondere Pestizide“, schreibt Der Spiegel unter der Überschrift „Schadstofflager im Kopf“.

Parkinson: 18 Anerkennungen

„Parkinson durch Pestizide“ firmiert jetzt zwar offiziell als Berufskrankheit bei LandwirtInnen, aber die Anerkennungen halten sich arg in Grenzen: Ganze 18 waren es nach Informationen der unabhängigen bauernstimme bisher. Dem stehen über tausend negative Bescheide gegenüber. Die Sozialversicherung für die Landwirtschaft (SVLFG) versucht – wie die Berufsgenossenschaften anderer Sparten auch – die Fall-Zahlen aus finanziellen Gründen möglichst gering zu halten. Gerade Parkinson stellt die SVLFG wegen der hohen Behandlungskosten vor große Herausforderungen. Obwohl sie schon satte Beitragserhöhungen vorgenommen hat und die Bundesregierung 20 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln zur Verfügung stellte, reicht es immer noch nicht, denn BAYER und die anderen Pestizidhersteller wollen nichts dazutun. Überdies treten noch spezifische Probleme auf. So fällt es den Betroffenen – oft durch die Krankheit schon gezeichnet – schwer, die verlangten konkreten Nachweise über die Anwendung bestimmter Pestizid-Wirkstoffe an mindestens 100 Tagen im Jahr zu erbringen.

WASSER, BODEN & LUFT

Neue Giftfrachten im Rhein

Nach im Juli 2025 veröffentlichten Recherchen des BUND NRW gelangen vom Leverkusener Chem„park“ aus große Mengen an Pestiziden und PFAS-Substanzen in den Rhein. Die PFAS-Rückstände überschritten den Orientierungswert zeitweise um das 50-Fache. Auch die Konzentrationen der Ackergifte Prothioconazol, Imidacloprid und Cyproconazol erreichten bedenkliche Höhen. Bei Imidacloprid und Cyproconazol handelt es sich noch dazu um Stoffe, denen die EU wegen ihres Gefährdungspotenzials die Genehmigung entzogen hat.

Zwei der Substanzen – Prothioconazol und Imidacloprid – produziert der BAYER-Konzern am Standort Dormagen. Daher liegt die Vermutung nahe, dass zumindest ein Teil der Giftfrachten daher stammt, zumal es zwischen Dormagen und Leverkusen einen lebhaften Müll-Tourismus – bzw. einen „wechselseitigen Entsorgungsverbund“ – gibt.

Nach Angaben der Bezirksregierung Köln stellt der Chem„park“-Betreiber CURRENTA zurzeit Recherchen über die Herkunft der Stoffe an. „Der Bereich, aus dem der Eintrag resultierte, konnte eingegrenzt, aber kein Verursacher ausgemacht werden“, erklärte die Behörde gegenüber dem WDR. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) ließ diese Aussage aufhorchen. „Das wirft Fragen auf. Nach der Explosion vom Juli 2021, die sieben Menschenleben kostete, hatte die CURRENTA nämlich zugesichert, künftig über alle im Entsorgungszentrum eingehenden Produktionsrückstände genau Buch zu führen, um eine Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten. Entweder hält sich das Unternehmen nicht daran oder aber es will einfach nur keine Namen nennen. Beides ist nicht zu akzeptieren“, hieß es in ihrer Presseerklärung. Zudem kritisierte die CBG die permanente Wasserverschmutzung durch BAYER & Co.: „Seit mehr als 150 Jahren benutzt die Chemie-Industrie den Rhein nun schon als das, was sie Anfang des 20. Jahrhunderts einmal „Opferstrecke“ genannt hat. Und die staatlichen Stellen haben dem offenbar wenig entgegenzusetzen.“

BUND-Anfrage an die Bezirksregierung

Der BUND NRW nahm seine Recherchen zu den in den Rhein eingeleiteten Giftfrachten (s. o.) zum Anlass, eine Anfrage an die Bezirksregierung Köln zu stellen. Unter anderem wollte die Initiative wissen, woher die per- und polyfluorierten Alkyl-Substanzen (PFAS) und die Pestizide stammen. Als Quellen für die PFAS nannte die Behörde in ihrer im September 2025 erfolgten Antwort das Sickerwasser der Deponie Leverkusen-Bürrig sowie die Firma MOMENTIVE. Zur Herkunft der Ackergifte Cyproconazol, Prothioconazol und Imidacloprid verweigerte sie hingegen die Auskunft und begründete das mit Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen.

„Das Bekanntwerden der Information würde das Geschäftsmodell des Betreibers zum Erliegen bringen und somit einen irreversiblen wirtschaftlichen Schaden für diesen verursachen“, schreibt die Bezirksregierung. Sie sieht diese Position durch die Rechtslage gestützt und verweist dazu seitenlang auf entsprechende Urteile von Oberverwaltungs- und Bundesverwaltungsgerichten.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) kritisierte diese Mauer-Taktik scharf. „Der Schutz von Unternehmen geht der Bezirksregierung offensichtlich über den Schutz von Mensch, Tier und Umwelt“, hieß es in ihrer Pressemitteilung. 

Aber nicht nur Geschäftsgeheimnisse stehen dem Aufklärungsinteresse entgegen. „Des Weiteren befinden wir uns zum Ursprung des Imidacloprids noch in der Ermittlungsphase“, erklärte die Bezirksregierung. Dass es da seit Juli so wenig Fortschritte gegeben haben soll, erscheint allerdings unglaubwürdig, denn wer die Substanz entwickelt hat, ist kein Geheimnis: Er war der BAYER-Konzern. Und außer ihm produziert in den Chem„parks“ von Dormagen und Leverkusen nur noch LANXESS Pestizide.

BAYERs grüner Ablasshandel

Einen Teil seiner Klimasünden meint der BAYER-Konzern durch „grünen Ablass-Handel“ (Der Spiegel) abbüßen zu können. Er unterstützt Waldschutz- oder Aufforstungsprojekte und schreibt deren positive Effekte seiner eigenen CO2-Bilanz gut. Allerdings halten die Klimaschutz-Maßnahmen oft nicht, was sie versprechen. So berichtete Die Zeit im Jahr 2023 über Fehlbuchungen des für deren Zertifizierung zuständigen Unternehmens VERRA in Höhe von 89 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Teils standen die Wälder nicht mehr, teils hatte die Firma, die auch den Leverkusener Multi zu ihren KundInnen zählte, die Zahlen ein bisschen aufgerundet. 

Der Global Player versichert in seinem jüngsten Geschäftsbericht aber, „konkrete Kriterien“ für seine Betätigung auf diesem Gebiet festgelegt zu haben und auf hohe Standards zu achten. Trotzdem fand er noch genug Objekte. „Im Jahr 2024 haben wir im Rahmen unseres Engagements auf den freiwilligen Kohlenstoff-Märkten 0,71 Mio. t CO2-Äquivalente kompensiert“, hält der Agro-Riese fest. Vornehmlich Waldschutz- und Aufforstungsvorhaben in Brasilien, Indonesien, Kolumbien, Malawi, Sierra Leone und Uruguay zählt er dabei auf. 

Einiges vermag das Unternehmen dabei auch auf dem eigenen Feld zu ernten. Durch das „BAYER Carbon Programm“ können LandwirtInnen CO2-Gutschriften generieren, wenn sie das im Boden gebundene Kohlendioxid nicht lösen und statt zum Pflug zu Glyphosat greifen. BAYER hat es nämlich allen Ernstes geschafft, das Herbizid als Klimaretter auf dem Markt zu positionieren, obwohl es wegen seines energie-intensiven Herstellungsprozesses für eine enorme Menge von Treibhaus-Gasen verantwortlich ist. 2024 erwarb die Aktien-Gesellschaft Verschmutzungsrechte für 100.000 Tonnen CO2 aus dem Carbon-Programm.

UNFÄLLE & KATASTROPHEN

Trafo-Brand in Dormagen

Am 12. Juli 2025 brach in einem Trafo-Gebäude des Dormagener Chem„parks“ der CURRENTA aus bisher ungeklärter Ursache ein Feuer aus. Das Unternehmen forderte die AnwohnerInnen des Kölner Stadtteils Worringen daraufhin auf, sich nicht im Freien aufzuhalten und in ihren Wohnungen Fenster und Türen zu schließen sowie die Klimaanlagen auszuschalten. Auch die Warn-App Nina sprang an. 

Da das Feuer auf Teilen des Geländes einen Stromausfall verursachte, mussten viele Firmen die automatischen Sicherheitssysteme aktivieren und ihre Anlagen „einfrieren“. „Dadurch kann es zu einer Geruchswahrnehmung im Umfeld des Chem„park“-Geländes kommen“, warnte die CURRENTA. 

Einen Tag später hieß es, der Luftmess-Wagen habe keine Auffälligkeiten festgestellt. Ob auch der BAYER-Konzern seine Produktionsstätte für Pestizide herunterfahren musste, wurde nicht bekannt. 

Stoffaustritt in Wuppertal

Am 27. Juni 2025 kam es im Wuppertaler BAYER-Werk zu der Freisetzung eines Stoffes. Fünf Beschäftigte mussten „vorsorglich“ ins Krankenhaus. Wie immer in solchen Fällen wiegelte der Konzern ab: „Es bestand zu keiner Zeit Gefahr für AnwohnerInnen und Anwohner sowie die Öffentlichkeit.“ Nähere Angaben zu der Substanz, die austrat, machte der Agro-Riese nicht. Zur Ursache des „Umweltereignisses“ äußerte er sich ebenfalls nicht.

Kabelbrand im Entsorgungszentrum

Auch nach der Explosion im Entsorgungszentrum des Leverkusener Chem„parks“ der CURRENTA am 27. Juli 2021, die sieben Menschen das Leben kostete und zu Dutzenden von Verletzten führte, ereignen sich dort immer wieder Störfälle. So ging im Mai 2024 ein Abfallbunker in Flammen auf, und am 15. September 2025 kam es durch einen technischen Defekt zu einem Kabelbrand. 

Die Feuerwehr musste zu einem Großeinsatz ausrücken, aber das Unternehmen beschwichtigte sofort: Kein Grund zur Beunruhigung.

Der ganze Chem„park“ inklusive des Entsorgungszentrums gehörte einmal BAYER. In den 2000er Jahren begann jedoch der Rückzug auf Raten. 2019 schließlich verkaufte der Leverkusener Multi seine zu der Zeit noch 60-prozentige Beteiligung an der CURRENTA an den Investor MACQUARIE. Der Agro-Riese zählt mit seinen Produktionsrückständen aber immer noch zu den größten Kunden.

STANDORTE & PRODUKTION

BAYER kauft Heizkraftwerk

Der BAYER-Konzern hat am Standort Wuppertal 20 Wohnhäuser an der Friedrich-Ebert-Straße verkauft, und dafür das Areal des alten Heizkraftwerks der Stadtwerke erworben. „Wir konzen-trieren uns auf gewerblich nutzbare und betriebsnotwendige Immobilien. Wohnimmobilien können von anderen Akteuren besser gemanagt werden“, erklärte der Chemie-Multi zur Begründung. 

Über den Preis haben die Vertragspartner Stillschweigen vereinbart, doch BAYER gibt sich zufrieden. Standort-Leiter Bert Lorenz freut sich: „Es ist eine strategisch wichtige Fläche für unseren Standort in Wuppertal.“ Der Pharma-Riese will das Gelände nun planieren und nur den Schornstein als eine Art Wahrzeichen verschonen. Über die weiteren Pläne hüllt er sich in Schweigen. 

IMPERIUM & WELTMARKT

Neuer Vertrag für Anderson

Im Jahr 2023 trennte sich der BAYER-Konzern von seinem Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann. Er gab damit dem Druck der GroßaktionärInnen nach, die dem Manager nicht mehr zutrauten, den Fall „Glyphosat“ mit den weit über 100.000 Entschädigungsklagen zu den Akten legen und den Kurs der Aktie wieder nach oben bringen zu können. 

Das gelang seinem Nachfolger Bill Anderson bisher allerdings auch nicht – trotz diverser von ihm eingeleiteter Maßnahmen.  Dazu zählen vor allem ein Rationalisierungsprogramm mit der Vernichtung von bisher 12.000 Arbeitsplätzen und eine millionen-schwere Lobbykampagne in den USA für Gesetze, die Glyphosat einen Immunitätsstatus verleihen sollen. Damit nicht genug, brachen unter der Ägide Andersons auch noch die Gewinne der Agro-Sparte ein. 

Trotz allem verlängerte der Aufsichtsrat mit Zustimmung der GewerkschaftsvertreterInnen den Vertrag mit dem US-Amerikaner im Juli diesen Jahres bis zum 31. März 2029. „BAYER ist mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Die Prioritäten sind klar formuliert, die Herausforderungen werden gezielt angegangen und es zeigen sich erste deutliche Erfolge, auch wenn noch viel zu tun ist“, so der Aufsichtsratsvorsitzende Norbert Winkeljohann zur Begründung. 

Bill Anderson fühlte sich dadurch in seiner Arbeit bestätigt. „Unser Team hat den richtigen Fokus, den richtigen Plan und die richtige Motivation, um das schlankeste, schnellste und innovativste Life-Science-Unternehmen zu werden (…) Ich freue mich, ein Teil von Team BAYER zu sein und bedanke mich bei den Mitgliedern des Aufsichtsrats – sowohl bei den Anteilseignern als auch den Arbeitnehmervertretern – für ihr Vertrauen“, sagte er.

Winkeljohann zur Weltlage

In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche hat sich BAYERs Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann zur allgemeinen Weltlage geäußert. Sie ist ihm zufolge bestimmt durch die Entwicklung weg von einer unipolaren, von den USA dominierten Ordnung hin zu einer multipolaren mit China als neuem Machtfaktor und der Rivalität zwischen den beiden Ländern. Auch Brasilien, Indien, Indonesien und Südafrika streben ihm zufolge nach mehr Einfluss. Das alles führt seiner Ansicht nach dann zu „einer zunehmend machtbasierten statt regelbasierten Handelsordnung“ sowie zu mehr Protektionismus und mehr Industrie-Politik in den einzelnen Staaten. 

Das Ringen um die zunehmenden knapper werdenden Ressourcen und die unterschiedlichen Bevölkerungsdynamiken mit alternden Industrie-Nationen auf der einen Seite und geburtenstarken afrikanischen und asiatischen Ländern auf der anderen Seite verändern die Ausgangssituation für die Profit-Jagd ebenfalls, so Winkeljohann.

Als Reaktion darauf empfiehlt der Manager den „gezielten Aufbau geopolitischer Risikoanalyse“, die „Diversifizierung und Regionalisierung von Lieferketten“, die „Anpassung von Wachstumsstrategien an eine fragmentierte Welt“, „Investitionen in ressourcenschonende, nachhaltige Innovationen“ und „einen aktiven Dialog mit Regierungen in den relevanten Märkten“.  

PROFIT & ÖKONOMIE

BAYER erwartet mehr Profit

Bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für das zweite Quartal 2025 hob der BAYER-Konzern die Prognose für das Gesamtjahr an. Ein Gewinn vor Sondereinflüssen von 9,7 bis 10,2 Milliarden Euro steht nun in Aussicht. Die wirtschaftliche Gesamtlage beurteilt das Unternehmen allerdings eher skeptisch. Ein „unterdurchschnittliches globales Wachstum im niedrigen einstelligen Bereich“ erwartet er. „Etwas Erleichterung gibt es durch geringere als ursprünglich erwartete Zölle“, heißt es im Halbjahres-Finanzbericht: „Die zurzeit ermittelten Effekte haben keinen materiellen Einfluss auf unsere Jahresprognose.“ Der Global Player hatte hier vor allem mit höheren Abgaben auf die Einfuhr von Pharmazeutika in die USA gerechnet. Die Unsicherheiten in Bezug auf die globale Finanz- und Wirtschaftspolitik bleiben ihm zufolge jedoch hoch.

RECHT & UNBILLIG

Noch 61.000 Glyphosat-Klagen

Im Juni 2025 hat BAYER in Sachen „Glyphosat“ einen Vergleich mit einer Kanzlei vereinbart, die 17.000 Geschädigte vertritt. Über die finanziellen Details der Vereinbarung schwieg der Konzern sich aus. Die Zahl der noch anhängigen Klagen beläuft sich nun auf 61.000. 

Supreme Court: zweiter Anlauf

Die Verurteilungen zu Schadensersatz-Zahlungen in den meisten bisherigen Glyphosat-Prozessen erfolgten, weil BAYER es nach Meinung der RichterInnen versäumte, ausreichend vor den Risiken und Nebenwirkungen des Herbizids zu warnen. Als Rechtsgrundlage dafür dienten entsprechende gesetzliche Bestimmungen der Bundesstaaten. Die VerteidigerInnen des Konzerns führten zur Entlastung regelmäßig die US-amerikanische Umweltbehörde EPA an, die das Pestizid nicht als krebserregend einstuft; sie konnten sich damit allerdings nicht durchsetzen. Darum unternimmt der Leverkusener Multi jetzt den zweiten Anlauf, um diese Frage von dem Obersten Gerichtshof der USA klären zu lassen.

Der erste Anlauf scheiterte im Jahr 2022. Der Supreme Court hatte die vom damaligen Präsidenten Joe Biden eingesetzte Generalanwältin Elizabeth Prelogar – die „Solicitor General of the United States“ – um Rat gebeten. Und Prelogar empfahl dem Gericht, sich nicht mit der Sache zu befassen. Ihrer Ansicht nach steht es den einzelnen Bundesstaaten frei, spezielle Vorschriften zu erlassen, wenn diese dem US-amerikanischen Pestizid-Gesetz FIFRA nicht explizit widersprechen. Eine absolute Kongruenz verlange der Gesetzgeber nicht, so Prelogar, daher dürften die Bundesstaaten auch dann Warnhinweise anordnen, wenn die EPA solche nicht für nötig halte. „Die Genehmigung der EPA für eine Kennzeichnung, die nicht vor bestimmten chronischen Risiken warnt, bedeutet nicht, dass eine amtliche Anordnung, die solche Warnungen vorsieht, außer Kraft gesetzt wird“, hielt die Juristin fest. 

Ende Juni 2025 nun hat der Supreme Court Prelogars Nachfolger, den von Donald Trump nominierten Dean John Sauer, zu einer Stellungnahme aufgefordert. „Wir sehen das als ermutigenden Schritt und freuen uns darauf, die Position der Regierung zu erfahren“, frohlockte BAYER-Chef Bill Anderson. Er hofft offenbar, dass sich die Pflege der republikanischen Landschaft – der Leverkusener Multi unterstützte Trump & Co. im Wahlkampf mit 122.000 Dollar – auszahlt. BeobachterInnen rechnen spätestens bis zum Winter mit einer Entscheidung von Sauer.

BAYERs Gesetzes-Maschine

Mit enormen Lobby-Aufwand versucht BAYER in den USA, Glyphosat per Gesetz Immunität zu verschaffen. In den Bundesstaaten Georgia und North Dakota ist das ist dem Konzern schon gelungen. Nun schaffte er es auch, in dem Entwurf des neuen Haushaltsgesetzes der Trump-Administration einen entsprechenden Passus unterzubringen. Im Juli 2025 scheiterte eine Gruppe von Abgeordneten um die Demokraten-Politikerin Chellie Pingree mit dem Versuch, den Paragrafen wieder streichen zu lassen. Appelle wie „Lasst uns diesen Zusatz in Stücke reißen! Lasst uns eine klare Botschaft senden, dass wir nicht zulassen werden, dass umweltverschmutzende Unternehmen die Wahrheit über krebserregende Chemikalien verbergen, und dass wir immer für die öffentliche Gesundheit kämpfen werden statt für den Reichtum von Unternehmen!“ konnten nichts ausrichten. Verteidiger-Innen der Lex BAYER wie der Republikaner Mike Simpson, der im Jahr 2024 mit 7.500 Dollar auf der Payroll des Leverkusener Multis stand, setzten sich schließlich durch. Die Abstimmung über das Haushaltsgesetz erfolgt nach der Sommerpause des Kongresses.

Glyphosat vor Gericht

28 Schadensersatz-Prozesse in Sachen „Glyphosat“ fanden in den letzten Monaten statt. Davon gingen 14 zugunsten von BAYER aus, in elf Fällen unterlag der Konzern und musste Kompensationszahlungen an die Geschädigten leisten. Zwei Verfahren endeten ergebnislos, und einmal wurde die Klage zurückgezogen.

Zahlreiche weitere juristische Auseinandersetzungen zu den Risiken und Nebenwirkungen von Glyphosat laufen noch. Unbill droht dem Agro-Riesen vor allem im Fall „Anderson et al.“. Hier bestätigte ein Berufungsgericht das erstinstanzliche Urteil, das Zahlungen in Höhe von insgesamt 611 Millionen Dollar vorsah. 

„Diese Urteil sprach einem einzelnen Klagenden eine Summe von ca. 380 Mio. USD zu. Dieser Betrag übersteigt die einem einzelnen Klagenden im gesamten Verfahrenskomplex Glyphosat zugesprochene Summe bei Weitem“, klagt der Leverkusener Multi. Deshalb ficht er diese Entscheidung an. Der Pharma-Riese musste aber trotzdem schon einmal Vorsorge treffen und seine Glyphosat-Rückstellungen um 1,2 Milliarden Euro erhöhen.

Glyphosat-Prozess in Frankreich

Théo Grataloup kam 2008 mit schweren Fehlbildungen zur Welt. So war etwa seine Speiseröhre mit der Luftröhre verwachsen. Auch der Kehlkopf wies Deformationen auf; Stimmbänder fehlten ganz. Bis heute musste er über 50 Operationen über sich ergehen lassen. Seine Eltern machten dafür Glyphosat verantwortlich, das die als Reitlehrerin arbeitende Sabine Grataloup regelmäßig auf ihrer Anlage ausgebracht hatte, und reichten im Jahr 2018 Klage gegen die Bayer-Tochter Monsanto ein. Am 31. Juli 2025 erging das Urteil. Das „tribunal judiciaire de Vienne“ entschied im Sinne BAYER und erklärte die Haftungsansprüche der Familie Grataloup „für unzulässig“. 

„Das ist natürlich eine Enttäuschung“, erklärten Sabine und Thomas Grataloup nach der Urteilsverkündung. Nicht zuletzt, weil der französische „Entschädigungsfonds für die Opfer von Pestiziden“ die Anomalien Théos eindeutig auf das Mittel zurückgeführt hatte und ihm eine finanzielle Unterstützung gewährte, waren sie zuversichtlich gewesen.

Der Leverkusener Multi reagierte erwartungsgemäß erleichtert. Nachdem der Agro-Riese zunächst pflichtschuldig „sein ganzes Mitgefühl für die Familie Grataloup zum Ausdruck“ gebracht hatte, spulte er wieder routiniert das übliche Glyphosat-Programm ab. Demnach „gibt es zu Glyphosat einen wissenschaftlichen Konsens, der von den europäischen und französischen Gesundheitsbehörden bestätigt wurde. Es ist insbesondere nicht als teratogener Stoff eingestuft, d. h. als Stoff, der angeborene Fehlbildungen verursachen kann, und auch nicht als reproduktions- oder entwicklungsgefährdend“. 

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) ließ das nicht gelten. „Zahlreiche Studien belegen die frucht-schädigende Wirkung von Glyphosat. Dies hätten die Richter nicht ignorieren dürfen. Aber offenbar trauen sich nur US-amerikanische Gerichte, Urteile gegen Agro-Riesen wie BAYER zu fällen“, hieß es in ihrer Presseerklärung.

Auch die Grataloups gingen in ihrer Erklärung zum Spruch des „tribunal judiciaire de Vienne“ auf diese transatlantischen Unterschiede ein. Zudem klagten sie über den immensen Aufwand, den sie betreiben mussten, um den Nachweis der Vergiftung zu führen. „Es ist dringend notwendig, dass der Gesetzgeber Pestizid-Opfer mit Gesetzen schützt, die diese Beweis-Schwierigkeiten und die Strategien der großen Chemiekonzerne zur Verwässerung ihrer Verantwortung berücksichtigen“, forderten sie deshalb. 

Entmutigen lässt sich die Familie jedoch nicht. Sie hat viel Unterstützung erfahren und fühlt sich vor allem durch den großen Widerstand gegen das Gesetz Duplomb (s. u.) gestärkt, das unter anderem den Gebrauch zweier bisher verbotener Pestizide wieder erleichtern will. Über zwei Millionen Franzosen haben bisher eine Petition gegen dieses Paragrafen-Werk unterzeichnet. „Wir waren allein, David gegen Goliath, jetzt sind wir Millionen“, hielten Sabine und Thomas Grataloup fest und kündigten an, in Berufung zu gehen.

Frankreich: Loi Duplomb gekippt

Zahlreiche Länder wie z. B. die USA, Brasilien, Deutschland und Frankreich lockern auf Druck von BAYER & Co. ihre Umwelt-Bestimmungen. So brachte Emmanuel Macron im Juli 2025 das „Loi Duplomb“ durch, wobei er sich zahlreicher Verfahrenstricks bediente und eine Parlamentsaussprache umging. Unter anderem lockert das Paragrafen-Werk das nationale Verbot für die Pestizid-Wirkstoffe Acetamiprid und Flupyradifuron, die sich beide auch im BAYER-Sortiment befinden. Zudem schwächt das Gesetz die Tierschutz-Auflagen ab und priorisiert die Bauern und Bäuer-innen beim Zugriff auf die immer knapper werdende Ressource Wasser. 

Allerdings erhebt sich ein großer Protest gegen das Paragrafen-Werk. Eine Petition gegen das „Loi Duplomb“ unterschrieben bis Ende Juli 2025 mehr als zwei Millionen Menschen. Und vor dem Verfassungsgericht hatte es auch keinen Bestand. Nach Ansicht der RichterInnen verstößt das Gesetz gegen die französische Umweltcharta. Macron & Co. müssen sich nun an eine Überarbeitung machen.

Einigung in Sachen „PCB“

Polychlorierte Biphenyle (PCB) gehören zu den giftigsten Hervorbringungen der Chlorchemie. Die vor allem von BAYER und MONSANTO in Umlauf gebrachten gefährlichen „Alleskönner“ kamen bis zu ihrem vollständigen Verbot 1989 in Elektrogeräten, Fugendichtungsmassen, Farben, Ölen, Lacken und Bodenbelägen zum Einsatz – und stellen wegen ihrer chemischen Stabilität immer noch ein beträchtliches Gesundheits- und Umweltrisiko dar. Darum ist der Konzern mit einer Vielzahl von Schadensersatz-Ansprüchen konfrontiert. Allein LehrerInnen, SchülerInnen und Angestellte des „Sky Valley Education Centers“ im US-amerikanischen Monroe reichten rund 200 Klagen ein. Bisherige juristische Auseinandersetzungen im „Sky Valley“-Komplex, die mit Schuldsprüchen endeten, kosteten den Leverkusener Multi bereits über eine Milliarde Dollar. Deshalb beschloss er, eine Vergleichslösung anzustreben. Eine Grundsatz-Vereinbarung mit den AnwältInnen der KlägerInnen erreichte er im August 2025. Über die finanziellen Einzelheiten machte der Global Player keine Angaben. Ausgenommen von dem Deal sind neun noch schwebende Verfahren.

Staatspflicht Klimaschutz #1

Ende Juli 2025 veröffentlichte der Internationale Gerichtshof (IGH) in Den Haag ein Rechtsgutachten zum Klimaschutz. Demnach leitet sich aus den Vertragswerken wie dem Kyoto-Protokoll, der UN-Klimarahmenkonvention und dem Pariser Abkommen für die Unterzeichner-Staaten eine „rechtlich bindende“ Sorgfaltspflicht ab, alles für das Erreichen der vereinbarten Ziele wie der Begrenzung des Temperatur-Anstiegs auf 1,5 Grad zu tun. Andernfalls seien „Entschädigungen zu leisten“, so die RichterInnen. 

Angerufen hatte den Internationalen Gerichtshof Vanuatu, ein in besonderem Maß vom Klimawandel betroffener Inselstaat im Südpazifik. Entsprechend groß war dort die Freude über das Gutachten. „Die großen Umweltverschmutzer können nicht weiterhin ungestraft handeln und Entwicklungsländer als Opferzonen behandeln, um die Gier der Unternehmen zu befriedigen“, konstatierte Vanuatus Umweltminister Ralph Regenvanu. 

GREENPEACE leitete aus dem 133 Seiten starken Dokument einen unmittelbaren Handlungsauftrag an die Politik ab. „Alle klima-relevanten Entscheidungen – von den geplanten Gas-Bohrungen vor Borkum und in Reichling über das europäische Aus für neue Verbrenner bis zum EU-Klimaziel für die Zeit bis und nach 2035 – all das muss nach dem heutigen Tag neu bewertet werden. Den Haag hat das Ende der fossilen Energien eingeläutet“, hielt der geschäftsführende Vorstand Martin Kaiser fest.

Staatspflicht Klimaschutz #2

Anfang Juli 2025 hat der „Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte“ (IACHR) ein 234-seitiges Gutachten zu „Klimanotstand und Menschenrechten“ veröffentlicht. Nach Einschätzung des IACHR gehört der Anspruch auf ein intaktes Klima zu den Menschenrechten. Als besonders schutzwürdig betrachtete er dabei indigene Gemeinschaften, die in einer engen Beziehung zu den durch den Klimawandel gefährdeten Ökosystemen stehen. 

Daher sieht der Gerichtshof die Staaten in der Pflicht, in dieser Hinsicht Druck auf BAYER & Co. auszuüben. Dem Gericht zufolge müssen die Länder „alle Unternehmen, die in ihrem Hoheitsgebiet ansässig sind oder tätig sind, dazu auffordern, wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen auf die Menschenrechte zu ergreifen“. Dazu gilt es dem Gericht zufolge Gesetze zu erlassen, Berichtspflichten einzuführen sowie „Greenwashing und den unzulässigen Einfluss von Unternehmen auf die Politik und Regulierung in diesem Bereich zu unterbinden“.

„[E]inen Meilenstein im Kampf für globale Klimagerechtigkeit“ nannte AMNESTY INTERNATIONAL das Gutachten, da es „transnationale Standards, die die Gerichtsbarkeit auf der ganzen Welt prägen könnten“, setze. Das Abweisen einer solchen Klima-Klage, wie sie jüngst der peruanische Bauer und Bergführer Saúl Luciano Lliuya gegen RWE führte, dürfte sich in Zukunft also hoffentlich etwas schwieriger gestalten.

Südafrika: Urteil gegen Genmais

Das oberste Berufungsgericht Südafrikas hat die Zulassung für BAYERs Genmais MON87460 widerrufen und eine Neubewertung der angeblich dürre-resistenten Laborfrucht erzwungen. Es gab damit einer Klage des AFRIKANISCHEN ZENTRUMS FÜR BIOLOGISCHE VIELFALT (ACB) statt. Die Initiative hatte schwerwiegende Mängel im Genehmigungsverfahren geltend gemacht. Ihrer Ansicht nach reichten die von BAYERs jetziger Tochtergesellschaft MONSANTO vorgelegten Dokumente nicht aus, um Gefahren für Mensch und Umwelt auszuschließen. Zuvor hatte das ACB den zuständigen Stellen vorgeworfen, Hinweise auf das Gefährdungspotenzial von MON87460 ignoriert zu haben. „Dieses Urteil hat uns Recht gegeben und die langen Jahre des Kampfes sehr lohnend gemacht“, freute sich ACB-Direktorin Mariam Meyet über die Entscheidung.

SPORT & MEDAILLEN

Einträgliche Verkäufe

Die Fußball-Abteilung des BAYER-Konzerns sorgte für eine Aufhellung seiner Halbjahres-Bilanz. Sie veranlasste den Leverkusener Multi sogar dazu, noch vor Bekanntgabe der Zahlen eine so genannte Ad-hoc-Mitteilung herauszugeben. Eine solche ist immer angezeigt, wenn es den InvestorInnen etwas besonders Positives oder Negatives zu vermelden gilt. In den Augen des Agro-Riesen war es dieses Mal etwas Positives. Er hob die Prognose für das laufende Geschäftsjahr an und nannte als Grund dafür „höhere Transfer-Einnahmen der BAYER 04 Leverkusen Fußball GmbH“. Nicht weniger als 160 Millionen Euro strich der Global Player durch die Verkäufe von Florian Wirtz und Jeremie Frimpong ein. BLACKROCK & Co. goutierten diesen Sondereffekt allerdings überhaupt nicht. „Der Konzern erwähnte nicht, dass ein erheblicher Teil des verbesserten Ergebnisses auf Transfer-Einnahmen von BAYER Leverkusen beruhte. Das suggerierte Investoren eine bessere Geschäftsentwicklung, die so in diesem Ausmaß nicht stattgefunden hat“, echauffierte sich etwa Markus Manns von UNION INVESTMENT. 

Big in Belém

CBG Redaktion

BAYER sponsert die Klima-Konferenz in Brasilien

Der BAYER-Konzern zählt zu den großen Geldgebern der Klimakonferenz COP30, die vom 10 bis zum 21 November im brasilianischen Belém stattfindet. Er ist „diamond sponsor“ der „AgriZone“, in der die Branche „eine positive Botschaft über den Landwirtschaftssektor in der Klima-Agenda“ verbreiten will. Solche PR-Anstrengungen hat das Agro-Business bitter nötig, zählt es mit seinen Kohlendioxid-Emissionen doch zu den Haupttreibern des Klimawandels.

Von Jan Pehrke

„Die COP30 wird für BAYER einen wichtigen Meilenstein darstellen, insbesondere da sie in Brasilien stattfindet, dem weltweit zweitgrößten Markt des Unternehmens“, verkündet der Leverkusener Multi. Und sein PR-Manager Max Müller gibt auf LinkIn schon einmal genauere Einblicke. „Mit einem fantastischen Team werden wir präsent sein, Diskussionen anregen, Ideen vorstellen und aufzeigen, wie Innovation und Technologie die Art und Weise verändert haben, wie Ernährungssicherheit erreicht werden kann, und zwar auf eine Weise, die nachhaltig ist“, so der „Head of Global Public Affairs“.

Diamond sponsor BAYER

BAYER als der Konzern, der weiß, welche Gestalt der Agrar-Bereich annehmen muss, damit er den Herausforderungen der Zukunft im Allgemeinen und denen des Klimawandels im Besonderen gewachsen ist – der Global Player hat es sich einiges kosten lassen, diese Sichtweise auf der Klimakonferenz präsentieren zu können. 

Er ist in Belém „diamond sponsor“ der AgriZone, die Big Agro nutzen will, um „eine positive Botschaft über den Landwirtschaftssektor in der Klima-Agenda“ zu verbreiten. Die staatliche brasilianische Forschungsgesellschaft für Agrarwirtschaft, die Embrapa, die für dieses COP30-Segment verantwortlich zeichnet, hat offenbar keinerlei Skrupel davor, sich mit der Agro-Industrie einzulassen. BAYER erntet da die Früchte einer systematischen Pflege der politischen Landschaft in dem Staat. Nach Recherchen der investigativen JournalistInnen von O Joio e O Trigo trafen sich EmissärInnen des Konzerns im Zeitraum von August 2022 bis Oktober 2024 52 Mal mit Regierungsoffiziellen. Im letzten Jahr belief sich sein brasilianischer Lobby-Etat auf 1,5 Millionen Dollar. 

Gut investiertes Geld, wie sich jetzt herausstellt, denn die Branche braucht dringend Raum für Klima-PR in eigener Sache. Der Landwirtschaftssektor sorgt nämlich für rund ein Viertel der globalen Treibhausgas-Emissionen – nur die Energie-Wirtschaft produziert noch klima-schädlicher. In Brasilien, das zu den zehn größten Emittenten der Welt gehört, beträgt der Anteil sogar drei Viertel, weil die Landwirtschaft 24 Prozent zum Bruttosozialprodukt des Landes beiträgt und entsprechend großdimensioniert ist. Zu den Hauptquellen zählen das von Rindern und anderen Wiederkäuern freigesetzte Methan, die Lachgas-Emissionen von Stickstoff-Dünger sowie die Abholzung von Kohlendioxid bindenden Wäldern.

Bei BAYER ist es ebenfalls die Agrar-Sparte, die den Großteil des CO2-Ausstoßes produziert. Auf rund drei Millionen Tonnen belief dieser sich 2024. „Besonders energie-intensiv ist unsere Rohstoff-Gewinnung einschließlich Aufbereitung und Weiterverarbeitung für die Herstellung von Pflanzenschutzmittel-Vorprodukten von Crop Science – daher entfällt der größte Anteil unserer Treibhausgas-Emissionen auf diese Division“, heißt es im Geschäftsbericht. Konkret handelt es sich dabei um die Herstellung von Glyphosat, denn neben allem anderen ist das Herbizid auch noch ein veritabler Klima-Killer. Dessen Vorprodukt Phosphor lässt sich nämlich nur unter großer Hitze-Einwirkung aus Phosphorit gewinnen. Auf eine Temperatur von rund 1.500 Grad muss der Ofen am Standort Soda Springs dafür kommen und braucht entsprechend viel Energie.

Big Agro legt los

Da lag also für Big Agro viel Arbeit an. Entsprechend früh machten die Konzerne sich ans Werk und legten schon auf der COP29 in Aserbaidschan den Grundstein für Belém. So gehörten zahlreiche VertreterInnen von ihnen der 54-köpfigen offiziellen Delegation Brasiliens an; kein anderes Land bot so viele auf. Unter anderem mit dabei: EmissärInnen von BAYER, SYNGENTA, dem Agrochemie-Verband Croplife Brasil sowie der Fleischproduzenten JBS, BRF und MARFRIG. Allein BAYER Brasíl schickte zehn Abgesandte nach Baku.

Die brasilianische GREENPEACE-Sektion kritisierte diese starke Präsenz scharf. Doch das Ministerium für Umwelt und Klimawandel wiegelte ab: „Die Anwesenheit von Vertretern von Verbänden und Unternehmen aus dem Agrarsektor sowie aus anderen Sektoren beeinträchtigt nicht das Klimaziel Brasiliens“. Und der BAYER-Konzern verstand die ganze Aufregung nicht, für ihn ist Lobby-Arbeit einfach „ein wesentlicher Bestandteil des demokratischen Prozesses“. Zurück in Brasilien ging es gleich weiter mit den Vorbereitungen. Der „Unternehmensverband für nachhaltige Entwicklung“ (CEBDS) – das nationale Pendant zum internationalen Greenwashing-Vehikel „World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) – nominierte die ehemalige BAYER-Direktorin Alessandra Fajardo sowie Marcelo Behar zu seinen COP30-Beauftragten. Die einst beim Agro-Riesen für Strategie und Nachhaltigkeit zuständige Fajardo und der Manager, Soziologe und Jurist Behar sollen „gemeinsam mit den anderen Führungskräften die Mobilisierung von Unternehmen für die COP30 anführen“, wie das brasilianische Presseorgan Estadão schreibt. Auch die Konzern-Leiter-Innen vom „COP30 CEO Action Advisory Board“, die der CEBDS zusammen mit dem WBCSD bestimmt, gelte es dabei einzubeziehen, so das Medium. Solche Jobs übernimmt dann Behar, während Fajardo sich eher um die lokale Wirtschaft kümmert.

Und diese Zusammenarbeit zwischen CEBDS, WBCSD und dem Advisory Board trug bereits Früchte. So überreichte das Trio dem COP30-Präsidenten André Corrêa do Lago schon im Vorfeld der Konferenz eine Liste mit Vorschlägen zur Klima-Rettung nach Konzern-Gusto. „Auf dem Weg zu einer erfolgreichen COP30 wird die öffentlich-private Zusammenarbeit unerlässlich sein“, meint CEBDS-Chefin Marina Freitas Grossi. 

Der „World Business Council for Sustainable Development“, dem über 230 Multis angehören, kündigt derweil für die Konferenz selbst schon Großes an. „Der WBCSD wird in Zusammenarbeit mit dem CEBDS eine zentrale Rolle bei der COP30 spielen“, erklärte die Organisation: „Wir werden unternehmerische Lösungen vorstellen, messbare Fortschritte hervorheben und mit Regierungen zusammenarbeiten, um systemische Hindernisse zu beseitigen“, ließ der Council verlauten.

Auch der brasilianische Agrarwirtschaftsverband ABAG entfaltet bereits Aktivitäten. Er veranstaltete im April das Forum „Auf dem Weg zur COP30: Agro-Business und Klimawandel“. Auf der Veranstaltung, an der für BAYER der Fajardo-Nachfolger Felipe Albuquerque teilnahm, erarbeitete die ABAG unter anderem ein Positionspapier zur Klima-Konferenz. Beigesteuert dazu hat fast die gesamte Branche. Dazu zählen neben BAYER, BASF, SYNGENTA, CORTEVA und ihrem Unternehmensverband CROPLIFE unter anderem BOSCH, die Forschungseinrichtung Embrapa, der Landmaschinen-Hersteller JOHN DEERE, die Düngemittel-Firma YARA, der Nahrungsrohstoff-Mogul CARGILL, die brasilianischen Umwelt- und Agrarministerien, die RABOBANK sowie diverse Einrichtungen und Institutionen.

„Teil der Lösung“

Die COP30 verkörpert für das Agro-Business „eine herausragende Gelegenheit, als Teil der Lösung für die Herausforderungen, die der Klimawandel darstellt, wahrgenommen zu werden“, heißt es in der Stellungnahme. Und das alles, ohne an Produktivität einzubüßen. „Nachhaltige Intensivierung“ heißt das Zauberwort und „Regenerative Landwirtschaft“ das Zaubermittel. Damit wollen die Konzerne die bösen Geister von radikaleren Ansätzen wie der Agrar-Ökologie vertreiben, die eine umfassende Abkehr vom agrar-industriellen Modell vorsehen. BAYER beschreibt das Antidot so: „Dieses Konzept definieren wir als ein ergebnis-orientiertes Produktionssystem mit dem Ziel, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, die Einkommen der Landwirte und gleichzeitig die Klimaresilienz der Landwirtschaft und die Regeneration der Natur.“

Dafür gilt es dem Leverkusener Multi zufolge, „die Landwirtschaft nachhaltiger und widerstandsfähiger zu machen“, wobei „es entscheidend ist, Innovationen zu fördern“.

Ursprünglich bedeutete „regenerative Landwirtschaft“ auch den Verzicht auf Pestizide und Kunstdünger. Big Agro aber eignete sich den Begriff erst im Zuge der Pariser Klima-Konferenz von 2015 an. Da kam die Landwirtschaft nämlich zum ersten Mal als positiver Faktor in Sachen „Klima“ ins Spiel und nicht mehr nur als großer Verursacher von Kohlendioxid-Emissionen. Die Äcker könnten über den Humus CO2 binden und so als Speicher dienen, hieß es. Der Global Player z. B. stellte von da an Glyphosat trotz des energie-intensiven Herstellungsprozesses als großen Klimaretter dar, weil es das CO2 freisetzende Pflügen unnötig mache und eine Direktsaat ermögliche.  

Dieses „no tillage farming“ fand als angebliche Maßnahme zur Förderung der Bodengesundheit Eingang in das ABAG-Positionspapier zur COP30. Überdies betrachtet der Verband noch die neuen Gentechniken wie z. B. CRISPR/Cas und den Anbau von Energie-Pflanzen als Teil der Lösung des Klima-Problems. 

Grüner Ablasshandel

Auch die Teilnahme des Agrar-Sektors am Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten zählt für ihn dazu. BAYER hat auf diese Weise gerade den auf Direktsaat setzenden und so den Methan-Ausstoß reduzierenden Reisanbau in Wert gesetzt. „Erste Emissionszertifikate aus regenerativer Landwirtschaft in Indien“ vermeldete der Agro-Riese Anfang April 2025 stolz. Dem ABAG schwebt aber eher Regenwald als Einsatz vor. Qua Maßnahmen zu dessen Erhalt will er CO2-Gutschriften erwirtschaften, um mit diesen dann einträglich Emissionshandel zu betreiben – und nebenbei noch Brasiliens Klima-Bilanz aufzuhübschen. So hat der Bundesstaat Pará seine Waldbestände bereits für 180 Millionen Dollar in einen Deal mit der sogenannten LEAF-Koalition eingebracht, der neben BAYER unter anderem noch AMAZON und WALMART angehören. Gouverneur Helder Barbalho bezeichnete den Emissionshandel dann auch schon als das „größte Geschäft der Menschheit“. 

Die Entscheidung für die Vereinbarung mit LEAF erfolgte über die Köpfe der BewohnerInnen hinweg. Insbesondere die indigenen Gemeinschaften, die in den Regenwald-Regionen leben und arbeiten, fühlten sich übergangen und reagieren entsprechend empört. Sie fürchten, ihre Hoheit über die Gebiete zu verlieren und haben Angst vor Nutzungseinschränkungen, der Schaffung von No-Go-Areas oder sogar Vertreibungen. 

Die Gruppen sehen sich aber auch mit einem Verständnis von Umwelt konfrontiert, das dem ihren völlig widerspricht. Sie wenden sich strikt gegen das, was KritikerInnen die „Merkantilisierung der Natur“ nennen. Bei Protesten im Januar 2025, die sich nicht nur gegen die Klima-, sondern auch gegen die Bildungspolitik Parás richteten, sagte der Indigenen-Vertreter Dadá Borari: „Es gibt keinen Respekt für differenzierte Bildung. Es gibt keinen Respekt für die Frage des Landes, des Territoriums. Der Bundesstaat Pará ist Spitzenreiter bei der Abholzung. Sie verlassen diesen Ort und verkaufen Emissionszertifikate, während wir hierbleiben müssen. Das ist respektlos! Und dann veranstalten sie eine COP, bei der alles so aussieht, als wäre es in Ordnung.“ 

Noch dazu steht in Frage, ob bei „dem größten Geschäft der Menschheit“ für das Klima wirklich etwas herausspringt. Der „grüne Ablasshandel“ (Der Spiegel), mit dem BAYER & Co. einen Teil ihrer Klima-Sünden kompensieren, erfüllt nämlich allzu oft nicht die Erwartungen. Die Zeit berichtete etwa im Jahr 2023 über Fehlbuchungen des die CO2-Einsparungen zertifizierenden Unternehmens VERRA in Höhe von 89 Millionen Tonnen CO2. Teils standen die Wälder nicht mehr, teils hatte die Firma, die auch den BAYER-Konzern zu ihren KundInnen zählt, die Zahlen ein bisschen aufgerundet. Das Urteil der Zeitung über den Wert der Zertifikate fiel deshalb harsch aus: „Ein Haufen Schrott.“ Und bei anderen Waldschutz-Projekten sieht die Bilanz nicht besser aus. 

Der Leverkusener Multi versichert in seinem jüngsten Geschäftsbericht aber, „konkrete Kriterien“ für seine Betätigung auf diesem Feld festgelegt zu haben und auf einen hohen Standard zu achten, „den wir ständig verbessern und weiterentwickeln werden“. Und er langt bei diesen Deals kräftig zu. „Im Jahr 2024 haben wir im Rahmen unseres Engagements auf den freiwilligen Kohlenstoff-Märkten 0,71 Mio. t CO2-Äquivalente kompensiert“, hält der Konzern fest. Vornehmlich Waldschutz- und Aufforstungsvorhaben in Brasilien, Indonesien, Kolumbien, Malawi, Sierra Leone und Uruguay zählt er dabei auf.

In Sachen „Regenerative Landwirtschaft“ haben es BAYER & Co. nicht bei Worten bewenden lassen. Sie schritten auch zur Tat. Die Agro-Riesen brachten im Cerrado, einer riesigen Savannen-Landschaft im Südosten des Landes, ein Modell-Projekt an den Start, mit dessen Ergebnissen sich der Leverkusener Multi zufrieden zeigt. Ihm zufolge haben die Praktiken die Produktivität um 11 Prozent und die CO2-Bindung um 16 Prozent erhöht. Nun will Big Agro Cerrado als „globale Referenz für regenerative Landwirtschaft“ präsentieren und hat dafür die COP30 als Bühne auserkoren. 

Business as usual

Unterdessen nimmt in Brasilien alles seinen gewohnten Gang. So bereitet sich der Staat etwa auf eine Versteigerung der Explorationsrechte für ein riesiges Öl- und Gasvorkommen vor, das der BP-Konzern 400 Kilometer von der Küste entfernt entdeckt hat. Es umfasst auf einer Fläche von 146.000 Quadratkilometern 172 Öl-Felder. Angesichts dieses Ausmaßes sprechen Klima-AktivistInnen laut „Der Spiegel“ schon von einer „Weltuntergangsauktion“.

Zudem passierte ein Paragrafen-Werk den Nationalkongress, das die Umweltgesetzgebung aufweicht bzw. „entbürokratisiert“. Das „Generalgesetz zur Umweltlizenzierung“ erlaubt es den Unternehmen, sich bei Vorhaben, bei denen keine allzu gravierenden Folgen für die Umwelt zu erwarten sind, selbst die Umweltverträglichkeitsprüfung abzunehmen. Das gilt etwa für Anschluss-Arbeiten wie das Asphaltieren von bereits genehmigten Straßen, kleine Wasserkraftwerke oder Bergbau-Projekte. KritikerInnen sprechen deshalb von einem „Gesetzespaket der Zerstörung“. „In seiner jetzigen Form droht das Gesetz nicht nur die Umweltverschmutzung, die Entwaldung, die Treibhausgas-Emissionen und den Verlust der biologischen Vielfalt zu verstärken, sondern auch die sozialen Ungleichheiten“, warnt etwa die Initiative OBSERVATÓRIO DO CLIMA. Präsident Lula da Silva, dessen Partei in den beiden Kammern des Nationalkongresses über keine Mehrheit verfügt, legte zwar sein Veto gegen viele Punkte des Umweltlizenzierungsgesetzes ein, aber das letzte Wort in der Sache haben die Abgeordneten.  

Überdies gerät das Soja-Moratorium unter Druck, mit dem sich die führenden Agrarrohstoff-Händler BUNGE, CARGILL, LOUIS DREFUS und COFCO – auf großen öffentlichen Druck hin – darauf verständigt hatten, kein Soja aus nach 2008 gerodeten Regenwald-Gebieten zu vermarkten. Die brasilianische Wettbewerbsbehörde sah in der Übereinkunft einen Kartell-Verstoß und leitete eine Untersuchung ein. Ein Gericht in Brasília setzte das Moratorium zwar vorerst wieder in Kraft, aber seine Zukunft ist ungewiss.

Damit nicht genug, droht auch durch das Handelsabkommen, das Brasilien und die anderen Mercosur-Staaten Argentinien, Uruguay und Paraguay mit der EU abschließen wollen, ein erhöhtes Treibhausgas-Aufkommen. Dieser Deal, zu dem eine große interkontinentale Industrie-Koalition – diesseits des Atlantiks vor allem die Auto- und Chemiebranche, jenseits des Atlantiks zuförderst Big Agro – drängt, dürfte nämlich zu forcierten Abholzungen führen. 

Keine guten Voraussetzungen also für eine erfolgreiche Klima-Konferenz. Nicht zuletzt deshalb hat die COP-Spitze für 835.000 Dollar die PR-Agentur EDELMAN verpflichtet. Diese soll den Verantwortlichen helfen, für die Klimakonferenz „eine strategische Erzählung zu entwickeln“, die es dann medial zu verbreiten gilt. Auch für eine Krisen-Kommunikation müssen sich die PR-Profis wappnen.

Angesichts des Protests, der von vielen Gruppen innerhalb und außerhalb Brasilien während der COP zu erwarten ist, kommt da viel Arbeit auf die Edelmänner und -frauen zu. ⎜

Der wackere Wackener

CBG Redaktion

Hans Möller und sein Kampf gegen BAYER & Co.

Seit Jahrzehnten streitet der Landwirt Hans Möller aus Wacken erst gegen den BAYER-Konzern und dann gegen dessen Nachfolge-Unternehmen am Sitz Brunsbüttel, weil der große Wasserdurst der Chemie-Multis seine Lebensgrundlagen zerstört.

Von Peer Clausen

Schon die Errichtung des BAYER-Werks in Brunsbüttel brachte die Menschen auf. Das ganze Dorf Ostermoor wurde dafür 1973 plattgemacht. Klagen hatten keinen Erfolg; rund 1.000 AnwohnerInnen mussten ihre Häuser und Höfe verlassen. 

Die Politik wusste der Konzern immer hinter sich. Sie pumpte in der Hoffnung auf neue Jobs viel Geld in die Infrastruktur rund um die Chemie-Anlagen, inklusive Hafen, einem Wasserwerk, einer Brücke und neuen Straßen. Das Unternehmen versprach der Region 14.000 Arbeitsplätze, de facto wurden es nur 2.000, von denen nicht wenige dann auch noch Beschäftigte aus dem Leverkusener Stammwerk einnahmen. 

Während der ganzen Bauphase rissen die Proteste nicht ab. BürgerInnen-Initiativen, Teile der Umweltbewegung und weitere AkteurInnen demonstrierten jahrelang. Der Leverkusener Multi reagierte darauf mit einem ganzen Mix von Maßnahmen. Er zeigte „soziales Engagement“, pflegte die politische Landschaft, trotzte GREENPEACE vor Gericht und ließ seine Beziehungen spielen, um einen kritischen Pfarrer zu schassen. 

Nach der Inbetriebnahme der Produktionsstätten für Kunststoffe kochten vor allem die Auseinandersetzungen um das Wasser hoch, denn BAYER entwickelte einen enormen Durst. Fünf Millionen Kubikmeter förderte das Wasserwerk jährlich, was nicht ohne Folgen blieb: Der Grundwasser-Spiegel sank. Dadurch fielen in der Gemeinde Bockelrehm die Hausbrunnen trocken und den LandwirtInnen versiegten die Gräben und verdörrten die Weiden. Sogar zu Bodenabsackungen kam es. 

Bauer gegen BAYER

Der Bauer Hans Möller und seine Familie wollten das nicht hinnehmen: Immer wieder wiesen sie auf den Zusammenhang zwischen den Bewässerungsproblemen, die nicht nur den LandwirtInnen, sondern auch den AnwohnerInnen und der gesamten lokalen Infrastruktur zu schaffen machte, und den Aktivitäten des BAYER-Konzerns hin. 

Deshalb zogen sie vor Gericht, und es begann eine Odyssee durch die Steppen der deutschen Justizlandschaft. Die erste Klage scheiterte 1986, weil der Anwalt bei der Einreichung die Frist überschritt. Die zweite Klage 1992 fiel – ebenso wie die Bewertung des vom Gericht bestellten, 50.000 DM teuren „Obergutachters“ – zugunsten der Familie Möller aus. Der Prozess lief trotzdem ins Leere. Das Gericht verschleppte immer wieder die Prozesstermine, forderte immer neue Gutachten an und lud 1997, als es endlich zum ersten Verhandlungstermin kam, einfach den Obergutachter aus. Am Ende wurde zwar anerkannt, dass es real existierende Schäden gibt, aber die Klage dennoch abgewiesen. Der Gegenstand der Klage sei verjährt, lautete die Begründung. Eine Frechheit angesichts der Tatsache, dass das Gericht durch seine Verschleppungspraktiken selbst für die Verjährung gesorgt hatte. Eine Überraschung ist es trotzdem nicht: Der Richter war derselbe, der BAYER den Weg für den Bau freigemacht und die AnwohnerInnen von Haus und Hof vertrieben hatte.

Die Familie Möller hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 100.000 DM an Prozesskosten angehäuft und keinen Schadenersatz bekommen. Sie kämpfte jedoch weiter und reichte beim Oberlandesgericht Schleswig Revision ein, und zwar nicht nur für den Schadenersatz, sondern auch aus Prinzip: „Generationen haben vom Land gelebt und dafür gesorgt, dass auch künftige Generationen davon leben können.“

To be continued? 

Die Revisionsklage endet 1998 damit, dass der Familie Möller ein Vergleich angeboten wurde. Was erst einmal positiv klang, war so positiv nicht: Vielmehr versuchte das zuständige Gericht sich über das Mittel des Vergleichs aus der Verantwortung zu ziehen, ein rechtskräftiges Urteil zu fällen. Dieses hätte nämlich einen Präzedenzfall für alle Industrie-Wasserwerke in Deutschland geschaffen, so Hans Möller 2025 in einem Interview.  Da jedoch absehbar war, dass dies die letzte Möglichkeit sein würde, die Prozesskosten herauszubekommen, willige die Familie ein. Sie bekam 130.000 DM zugestanden und erwirkte immerhin, dass das Wasserwerk nicht mehr als 4 Millionen Kubikmeter Wasser fördern darf. Nur: Es hielt sich nur nicht an die Abmachung und gewann mehr Wasser als erlaubt. Das wies Möller anhand von wöchentlich kontrollierten Messstellen auf seinem Land nach. Darum stellte er den Antrag, die Grundwasser-Förderung auf 1,7 Millionen Kubikmeter abzusenken. Das wurde zwar abgelehnt, aber immerhin erhielt das Wasserwerk 2007 nur eine Genehmigung für 3 Millionen Kubikmeter.

Auch hier war Papier wieder geduldig. „Aber die Auflagen wurden – naja, wie man sagt – auch nicht so sehr eingehalten. Vor allen Dingen auch nicht gut genug vom Kreis, von der Aufsichtsbehörde überwacht“, so Möller. Gegen das „3 Millionen“-Limit zog Möller ebenfalls wieder vor Gericht – bis jetzt ohne Entscheidung. 

Inzwischen ist Möllers Sohn Herr des Verfahrens und auch nicht mehr BAYER der eigentliche Gegner. Der Leverkusen Multi stieß nämlich 2015 sein Kunststoff-Geschäft ab und damit auch den Standort Brunsbüttel. Aber über die weitere Prozess-Führung herrscht bei den Möllers Einigkeit. Einen Vergleich lehnt die Familie nämlich dieses Mal ab. „Das können wir auf keinen Fall annehmen. Das geht gar nicht. Uns geht es hier auch gar nicht ums Geld, sondern uns geht es darum, in Zukunft eine Fördermenge in Wacken zu haben, die uns kaum Schaden zufügt.“ 

Die Region geht jedoch andere Wege, plant den Bau von weiteren wasser-intensiven Produktionsstätten wie einer Batterie- und einer Wasserstofffabrik. Der jetzt schon zu hohe Wasserverbrauch würde sich vervielfachen, nicht nur zum Schaden der Bauern und Bäuerinnen, sondern auch zum Schaden der Umwelt: „Ja, die Folge der Förderung des Wasserwerks Wacken ist, dass auf unseren Niedermoorböden […] der ganze Torf zerstört wird, und es entstehen dort Stickstoff-Ausscheidungen von über 1.000 Kilogramm Stickstoff im Jahr. Die Pflanzen können aber nur 17 Kilogramm verbrauchen. Der Rest geht ins Grundwasser. Und das merken wir auch an den Analysen in den Brunnen des Wasserwerks, dass dort die Nitrate auftauchen“, erläutert Möller. 700 bis 1.000 Hektar seien von diesen Auswirkungen bereits betroffen.

Zugunsten von wenigen Profiteuren aus der Chemie werden Menschen nicht nur in Norddeutschland um ihr Eigentum gebracht, ihrer Lebensgrundlage beraubt und der Umwelt schwere Hypotheken aufgebürdet. Familien wie die Möllers machen Mut, denn sie wehren sich, lassen das nicht mit sich geschehen. Zwar sind es noch zu wenige, die so kämpfen, aber die, die kämpfen, liefern gute Beispiele dafür, wie es gemacht werden muss: Mit Ausdauer und Überzeugung, für die Menschen und gegen die Profitinteressen von BAYER & Co.!

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) stand Hans Möller von Anfang zur Seite und unterstützte auch andere Menschen in ihrem langwierigen juristischen Kampf gegen den Konzern wie etwa den gegen einen BAYER-Patentraub klagenden Erfinder Hans Süllhöfer oder die Holzgifte- und Verhütungsmittel-Geschädigten. ⎜

Goldener Herbst für BAYER & Co.

CBG Redaktion

Weniger Steuern, mehr Deregulierungen und billigerer Strom

Die schwarz-rote Bundesregierung arbeitet die Bestellliste der Konzerne zügig ab und liefert. Von Steuersenkungen über Billigstrom bis zum Schreddern des Lieferketten-Gesetzes und des „Zukunftsprogramms Pflanzenschutz“ ist alles dabei. Aber nach Ansicht von BAYER & Co. darf es ruhig noch etwas mehr sein.

Von Jan Pehrke

Anfang September forderte die Rheinische Post ihre LeserInnen auf, der Bundesregierung gegenüber Nachsicht zu zeigen. „Die Koalition hat jetzt eine Chance verdient. Zweifelsohne hat das Bündnis in den ersten vier Monaten nach seinem Start einiges auf den Weg gebracht, vor allem für die Wirtschaft und die Unternehmen, was aber im Pulverdampf des Sommers untergegangen ist“, hieß es dort in einem Kommentar. 

Und tatsächlich hat die schwarz-rote Koalition unter Kanzler Friedrich Merz sich von Anfang an mächtig für BAYER & Co. ins Zeug gelegt. Bereits zwei Monate nach der Übernahme der Amtsgeschäfte legte sie das „Gesetz für ein steuerliches Investitionssofortprogramm zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland“ vor. Der sogenannte Investitionsbooster sieht eine Reduzierung der Körperschaftssteuer um fünf Prozent ab 2028, die Erweiterung von Abschreibungsmöglichkeiten und mehr Forschungssubventionen vor. Ein 46 Milliarden Euro teures Geschenk, wobei die erst ab 2032 so richtig ins Gewicht fallenden Steuersenkungen in dieser Summe noch gar nicht vollständig enthalten sind. Nach Angaben der Initiative FINANZWENDE kommt dieser Geldsegen zu 90 Prozent denjenigen Konzernen zugute, die eh schon den meisten Profit machen. 

Die Gegenleistungen dürften sich hingegen in Grenzen halten. Das industrie-nahe „Institut der Deutschen Wirtschaft“ rechnet lediglich mit zusätzlichen Investitionen in Höhe von 16 Milliarden Euro bis 2029 und einer jährlichen Steigerung des Bruttoinlandprodukts von 0,15 Prozent. Die unabhängige Forschung sieht noch mehr Schwund hinter dem Komma. So lautet das Fazit der Studie „Do corporate tax cuts boost economic growth?“ von Sebastian Gechert und Philipp Heimberger: „Unsere Erkenntnis, dass die durchschnittliche Auswirkung von Unternehmenssteuersenkungen auf das Wachstum bei einigen Abweichungen in Einzelfällen gleich Null ist, steht weitgehend im Einklang mit den (…) aktuellen theoretischen Abhandlungen über Wachstum.“

Der im Juni 2025 veröffentlichte OECD-Wirtschaftsbericht zu Deutschland spricht sich dann auch gegen eine Absenkung der Unternehmenssteuern aus. „Im Steuermix liegt das Gewicht stark auf der Arbeitsbesteuerung. Der Beitrag, den Steuern auf Grundeigentum, auf Kapitaleinkünfte und Unternehmensgewinne sowie auf den Verbrauch zum Gesamtsteueraufkommen leisten, ist hingegen deutlich geringer als in anderen OECD-Ländern“, heißt es in dem Report. Bei den Unternehmenssteuern rangiert Deutschland mit sechs Prozent vom Gesamtsteueraufkommen genau um die Hälfte unter dem Durchschnittswert von zwölf Prozent. Darum plädiert die OECD dafür, den Faktor „Arbeit“ nicht mehr so stark zu besteuern. „Würden statt der Arbeitsbesteuerung die Steuern auf Unternehmensgewinne gesenkt, wäre der Effekt auf das BIP-Wachstum geringer“, merkt der Bericht an. 

Bei der Politik hat allerdings die ständige Klage von BAYER & Co. über das angebliche Hochsteuerland Deutschland Gehör gefunden. Das NETZWERK STEUERGERECHTIGKEIT verweist diese Rede allerdings ins Reich der Mythen. Der Organisation zufolge liegt der nominale Steuersatz von knapp 30 Prozent nur 2,8 Prozent über dem Durchschnitt der G7-Staaten. Und beim effektiven Steuersatz für Investitionen verhält es sich nicht groß anders. Er betrug 2023 – unter Einberechnung der beschleunigten Abschreibung – 26,6 Prozent, womit Deutschland international im oberen Mittelfeld landete.

Der Wirtschaftsweise Achim Truger hält die beschlossenen Maßnahmen ebenfalls nicht gerade für einen Ausweis weiser Wirtschaftspolitik. Seiner Ansicht nach schränkt der Staat seinen Handlungsspielraum durch diese Milliarden-Subventionen in unangemessener Weise ein. „Die Wirtschaftslobby war laut und bekommt nun wieder, was sie möchte. 2001 und 2008 wurden die Steuern auf Unternehmensgewinne bereits deutlich reduziert. Jetzt erleben wir eine weitere Runde im Steuersenkungsspiel. Mit weniger Steuern werden sich die Herausforderungen nicht bewältigen lassen“, warnte er in einem taz-Interview. 

Es begann sogar schon 1998 mit den kleinen Aufmerksamkeiten – und die Begründung überdauerte die Jahre auch. Damals wie heute sollten die Maßnahmen Investitionsanreize bieten und so für mehr Wirtschaftswachstum sorgen. 

Der Vater der großen Unternehmenssteuer-„Reform“, die drei Jahre später erfolgte, war BAYERs ehemaliger Finanzchef Heribert Zitzelsberger. Mit den Worten: „Wir haben mit Herrn Zitzelsberger unseren besten Mann entsandt und gehen davon aus, dass er in unserem Sinn tätig wird“, kommentierte der damalige Vorstandsvorsitzende Manfred Schneider den Wechsel des Leiters der Steuer-Abteilung in die Politik. Und dieser erfüllte alle Erwartungen. „Keinem der Berliner Großkopfeten hat die deutsche Großindustrie so viel Wohltaten zu verdanken wie Heribert Zitzelsberger“, konstatierte die Berliner Zeitung im Jahr 2002.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) kritisierte den „Investitionsbooster“ deshalb scharf. „Schon jetzt zahlen die Unternehmen viel zu wenig und nutzen jede Gelegenheit, die sich ihnen bietet, um sich vor Abgaben zu drücken“, hieß es in ihrer Presseerklärung. So führte der BAYER-Konzern 2024 bei einem Umsatz von 46,6 Milliarden Euro und einem bereinigten Ergebnis von 10,1 Milliarden Euro in Deutschland nach eigenen Angaben nur 31,6 Millionen Euro an Gewerbesteuern ab. Er nutzt nämlich die hiesigen Steuer-Oasen Schönefeld und Monheim exzessiv für das, was der frühere Vorstandsvorsitzende Werner Baumann einmal „eine veränderte regionale Ergebnis-Verteilung“ genannt hat. In Monheim etwa hat der Leverkusener Multi seine Patent-Abteilung angesiedelt. Dorthin müssen die Tochter-Gesellschaften für die Nutzung von geistigem Eigentum oder Marken-Rechten Geld überweisen. Diese Ausgaben machen sie dann an ihren Standorten steuermindernd geltend, während sie in Monheim als Einnahmen finanzamtstechnisch kaum ins Gewicht fallen. Dagegen will Schwarz-Rot allerdings etwas tun. „Wir werden alle zur Verfügung stehenden administrativen Maßnahmen ergreifen, um derartigen Schein-Sitzverlegungen in Gewerbesteuer-Oasen wirksam zu begegnen“, heißt es im Koalitionsvertrag. Ob aus diesen Worten Wirklichkeit werden wird, steht allerdings dahin. 

Der Stromkosten-Booster

Auch das Lamento von BAYER & Co. über die angeblich zu hohen Energie-Kosten stieß bei der Merz-Regierung auf offene Ohren. Sie machte munter da weiter, wo die Ampel-Koalition mit der Streichung der Umlage für Erneuerbare Energien und der Absenkung der Stromsteuer auf das EU-Minimum von 0,50 Euro pro Megawattstunde angefangen hatte. Schwarz-Rot stellte die ursprünglich nur bis 2025 geltende Stromsteuer-Reduzierung auf Dauer, strich die Gasspeicher-Umlage und stellte 26 Milliarden Euro aus dem „Klima- und Transformationsfonds“ zur Verfügung, um erst einmal für vier Jahr die Netz-Gebühren zu verringern. Darüber hinaus will die Bundesregierung die Konzerne demnächst auch noch mit einem „Industriestrompreis“ beglücken, gegen den sich Merz-Vorgänger Olaf Scholz immer gesträubt hatte.

Im Koalitionsvertrag hatten Merz & Co. noch eine Entlastung für alle bei den Energie-Kosten versprochen. Aber die Stromsteuer-Senkung für NormalverbraucherInnen kam dann doch nicht, obwohl diese vom Wegfall der Gasspeicher-Umlage und den geringeren Netz-Gebühren kaum profitieren. „Wenn wir mehr machen könnten, würden wir mehr machen, aber wir müssen auch einen Blick auf den Bundeshaushalt haben“, hieß es dann plötzlich aus dem Mund des Bundeskanzlers. Und zur Wind- und Sonnenkraft sagte er: „Meine Vermutung ist, dass wir beim Ausbau etwas weniger machen können. Das wird natürlich bei den Kosten erhebliche Veränderungen auslösen.“ Mehr als nur ein bisschen mehr darf es dagegen bei den fossilen Energien sein. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant 40 neue Gaskraftwerke. Klimaschutz will sie hingegen vornehmlich unter Tage betreiben und das Kohlendioxid mittels CCS (Carbon Capture and Storage) verbuddeln. Eine selbst wieder enorm energie-intensive, obendrein teure und risikoreiche Technologie.

Das Ziel, bis zum Jahr 2045 Klimaneutralität zu erreichen, stellte Reiche deshalb vorsichtshalber schon einmal zur Disposition, obwohl CDU, CSU und SPD sich in ihrem Koalitionsvertrag dazu bekannt hatten. „Ich glaube, eine Harmonisierung mit internationalen Zielen täte gut – ist aber im Koalitionsvertrag nicht festgelegt“, sagte sie am 25. Juni 2025 auf dem „Tag der Industrie“ und hielt sich alle Optionen offen. „Trotzdem müssen wir schauen, was in welchem Zeitraum machbar ist zu welchem Preis“, so die Ministerin.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) begrüßte die „Wende in der Energiewende“ (Rheinische Post). „Ministerin Reiche hat zehn richtige Schlüsselmaßnahmen vorgelegt. Wir brauchen einen spürbaren Kurswechsel. Schlaraffenland ist abgebrannt. Bezahlbarkeit muss endlich wieder eine zentrale Rolle spielen“, bekundete der VCI-Geschäftsführer und ehemalige BAYER-Manager Wolfgang Große Entrup.

Dabei räumt die Industrie bei Gelegenheit durchaus ein, dass sie nicht in die Energie-Armut zu fallen droht. „Die Amerikaner haben viel Gas, wir haben keins. Mit diesem Unterschied müssen wir klarkommen. Das können wir auch, der Großteil der Industrie kann das. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wo der Preisunterschied wirklich die Konkurrenz-Fähigkeit der Produktion in Europa schädigt. Das betrifft ein paar Basis-Rohstoffe“, sagte etwa BASF-Chef Markus Kamieth in einem Wirtschaftswoche-Interview. Und bei einer Umfrage des „Verbandes der Chemischen Industrie“ unter ihren Mitgliedern über ihre größten Belastungen belegten „hohe Energie-Kosten“ lediglich Platz fünf. 

Die Kettensäge kommt

Platz 1 belegte „Bürokratie, Regulierung“. Aber auch hier will die Bundesregierung ran und das gleich in einem großen Aufwasch erledigen. „Ich stelle mir vor, dass wir im Oktober eine Kabinett-Sitzung machen, in der wir nicht ein einziges neues Gesetz beschließen, sondern eine ganze Reihe von bestehenden Gesetzen und Regulierungen abschaffen“, stellte Friedrich Merz auf einer Veranstaltung des „Verbandes der Maschinenbauer“ in Aussicht.

Das Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz (LKSG) war schon früher dran. Die Bundesregierung beschloss Anfang September 2025 auf ihrer Kabinettssitzung eine Aushöhlung. CDU und SPD kündigten an, die Berichtspflichten zu streichen und Sanktionen nur noch bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Menschenrechte zu verhängen. Auf diese Weise wollen die Koalitionspartner „Bürokratie zurückbauen“ und „die deutsche Volkswirtschaft stärken“. 

Der Industrie aber ging der Vorstoß der Koalitionspartner nicht weit genug. Sie hielt es eher mit dem Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck, der einst davon sprach, „die Kettensäge anzuwerfen und das ganze Ding wegzubolzen“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) indes reagierte alarmiert. „Die Menschenrechte sind kein Bürokratie-Monster. Zudem hatten es die Konzerne lange selbst in der Hand, über die Einhaltung von ethischen Standards bei ihren Zulieferern zu wachen. Aber die freiwillige Selbstverpflichtung führte zu nichts. Nur darum wurde der lange geduldige Gesetzgeber schließlich doch aktiv und erließ das Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz. Doch kaum nach dessen Einführung im Jahr 2023 beginnen schon wieder die Abwrack-Arbeiten. Das ist ein Skandal“, hieß es in ihrer Presseerklärung.

Darin hob die Coordination auch die große Bedeutung der Berichtspflichten hervor, ohne die die Öffentlichkeit kaum erfahren könne, was sich entlang der weltumspannenden Lieferketten der Unternehmen so tut. Und das ist mitunter eine ganze Menge. So weist BAYERs Lieferkettenbericht für 2024 63 Fälle von „Missachtung von Arbeitsschutz und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren“, fünf Verstöße gegen das „Verbot der Ungleichbehandlung von Beschäftigten“ und elf Verstöße gegen das „Verbot des Vorenthaltens eines angemessenen Lohns“ aus. 2023 kam es sogar zu Kinderarbeit und zur Behinderung gewerkschaftlicher Betätigung.

Der Pestizid-Booster

Auch Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) liefert. Er schaffte kurzerhand das „Zukunftsprogramm Pflanzenschutz“ seines Vorgängers Cem Özdemirs ab und trat wieder die Reise in die Vergangenheit an. Eine Reduzierung des Pestizid-Verbrauchs um 50 Prozent bis zum Jahr 2030 war mit ihm ebenso wenig zu machen wie Maßnahmen zur Förderung der Artenvielfalt und ein besserer Schutz von Gewässern und Böden. 

An den Genehmigungen für Agro-Chemikalien schraubt der ehemalige Metzger ebenfalls herum. Nach eigenem Bekunden arbeitet er daran, dass sich „die Zulassungssituation von Pflanzenschutzmitteln verbessert“ sprich beschleunigt. Eine „Verschlankung der behördlichen Zusammenarbeit“ schwebt ihm dafür vor. Entsprechende Anträge aus den Bundesländern lagen der Agrarministerkonferenz (AMK) Ende September schon vor. 

„Ich habe den Eindruck, dass einige der Anträge auf der AMK direkt aus der Feder der chemischen Industrie kommen“, so Niedersachsens grüne Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte. Da lag sie alles andere als falsch. Beim Leverkusener Multi hört sich das Ganze so an: „Konkret und kurzfristig fordert BAYER eine Entpolitisierung der Zulassung und mehr Wertschätzung und Realismus in der Debatte um Risiken und Nutzen von Pflanzenschutzmitteln.“ In Sachen „Verschlankung der behördlichen Zusammenarbeit“ hatte der Agro-Riese auch schon eine Idee. Er schlug im Frühjahr vor, dem Umweltbundesamt das Vetorecht bei den Verfahren zu nehmen und es stattdessen auf eine Ebene mit dem Julius-Kühn-Institut und dem „Bundesinstitut für Risikoforschung“ zu stellen. Einen einheitlichen „Benehmens-Status“ will der Global Player so generieren. Das stand dann im September 2025 auch auf der Tagesordnung der Agrarminister-Konferenz, fand allerdings keine Mehrheit. Aber die „Verschlankung der Behörden-Zuständigkeit“ war Konsens.  

Und die EU macht ebenfalls Lockerungsübungen. Sie „verschlankt“ und „entbürokratisiert“ nach Kräften zu Lasten des Gesundheitsschutzes, des Arbeitsschutz, des Klimas und der Umwelt. Da lässt sich doch gut wirtschaften für BAYER & Co. ⎜

Ungeprüfte Pestizide

CBG Redaktion

Zulassungsverlängerung auf Knopfdruck

Einmal in der EU zugelassen, haben immer mehr Pestizide von BAYER & Co. Aussicht auf ein langes Leben. Anstatt nämlich deren Risiken und Nebenwirkungen anhand neuester Forschungsergebnisse immer wieder neu zu überprüfen, wie die Regularien es vorsehen, greifen die Behörden immer öfter zum Mittel der „technischen Verlängerung“.

Von Peer Clausen

Lässt die Europäische Union ein Pestizid zu, dann tut sie das im Regelfall nur für einige Jahre (normalerweise 10 Jahre, es gibt jedoch Ausnahmen nach unten wie oben). Drei Jahre, bevor diese Frist ausläuft, müssen die Hersteller beantragen, die Genehmigung zu verlängern. Die Idee dahinter: Der Forschungsstand bleibt für viele Stoffe nicht über Jahre gleich, und oft dauert es auch einige Zeit, bis langfristig auftretende Probleme von neuzugelassenen Stoffen erkannt und nachgewiesen werden können. Darum sieht der Gesetzgeber eine regelmäßige Überprüfung der Stoffe vor. Soweit zumindest die Theorie.  

In der Praxis kommt es bei den Behörden häufig zu langen Wartezeiten, die über den 3-Jahres-Zeitraum hinausgehen. In diesem Fall (mittlerweile der Regelfall) erlässt die EU-Kommission sogenannte „technische Verlängerungen“, die das Ackergift auch ohne die vorgesehene Risikoprüfung weiter freigeben, bis die zuständigen Stellen ihr Akten-Studium abgeschlossen haben.

Vorsorge adé? 

Damit hebelt Brüssel das sogenannte „Vorsorgeprinzip“, also den Grundsatz, dem Gesundheitsschutz absolute Priorität einzuräumen, de facto aus. So stellt die Europäische Union ein hohes Gut zur Disposition, das zugunsten von VerbraucherInnen, LandwirtInnen und der Umwelt explizit gegen Konzerninteressen durchgesetzt wurde. Auf der Ebene der Mitgliedsstaaten hat das die zusätzliche Folge, dass die nationalen Zulassungsprüfungen neu erschienene Studien nicht berücksichtigen dürfen, solange das EU-Verfahren noch hängt. 

Das alles wird nicht nur von VerbraucherInnenschutz- und Umweltorganisationen, sondern auch vom EU-Parlament regelmäßig scharf kritisiert. Das Stichwort BAYER berichtete bereits in der Ausgabe 2/19 über dieses fahrlässige Vorgehen. 

Der Zulassungskreislauf

Welche Folgen ergeben sich aber daraus? Beispielsweise, dass von den – Stand 2024 – rund 350 in der EU zugelassenen Pestiziden 68 Wirkstoffe „technisch verlängert“ wurden – immerhin 18 Prozent der Gesamtmenge. 

Von den 84 im letzten Jahr gewährten Zulassungsverlängerungen erfolgten nur 16 auf dem regulären Weg, bei dem Rest handelte es sich um technische Verlängerungen. Deren Zahl steigt seit Jahren an, und die Behörden kommen mit der Bearbeitung nicht hinterher. Das wiederum führt dazu, dass die Verlängerungen immer ausgreifender werden und nicht wie früher nur ein Jahr, sondern bis zu vier Jahren Gültigkeit haben.

Insgesamt und in absoluten Zahlen sind von den 373 insgesamt in der EU zugelassenen Wirkstoffen nach Rechnungen des Umweltinstituts München 197 technisch verlängert – also die absolute Mehrheit. Von der chemisch-synthetischen Substanzen verfügten sogar bloß 30 Prozent über eine aktuelle Risiko-Bewertung. 

Die Studie des Instituts listet immerhin 9 Stoffe auf, die sich seit über zehn Jahren nur mit technischen Verlängerungen auf dem Markt halten, darunter zwei, die auch BAYER vertreibt: Deltamethrin und Mecoprop-P.

Doch auch mittlerweile aus dem Verkehr gezogene Pestizide verfügten davor jahrelang nur über provisorische Genehmigungen. Phosmet verbot die EU unter Hinweis auf ein „inakzeptables Risiko für Betreiber, Arbeiter, Unbeteiligte und Anwohner […], selbst bei Verwendung von persönlicher Schutzausrüstung oder der Anwendung verfügbarer Milderungsmaßnahmen“. Den Verkauf des Fungizids Famoxadon untersagte sie mit einer ähnlichen Begründung und ließ damit die technische Verlängerung nach sechs Jahren auslaufen. BAYERs Flufenacet – beispielsweise vermarktet unter dem Namen CADOU – brachte es sogar auf über elf Jahre, ehe die Europäische Union ein Erbarmen hatte und den Vertrieb der zu den PFAS zählenden Substanz untersagte. 

Selbst von alarmierenden Befunden ließen sich die Verantwortlichen nicht aus der Ruhe bringen. So führte die US-amerikanische Umweltbehörde EPA den auch vom Leverkusener Multi vertriebenen Stoff Chlorothalonil bereits seit 1997 als „wahrscheinlich krebserregend“ und die europäische Lebensmittelbehörde EFSA seit 2017. Trotzdem durften die LandwirtInnen ihn bis 2019 verwenden. Und Mancoceb – ebenfalls im BAYER-Sortiment – hielt sich trotz Einstufungen als „wahrscheinlich krebserregend“, „hormonell wirksam“ und fortpflanzungsschädigend lange in den Regalen – und steht vielleicht sogar vor einem Comeback.

Profit vor Gesundheit

Diese Zahlen erschrecken umso mehr, wenn mensch bedenkt, dass nach der Untersuchung des Umweltinstituts im Jahr 2023 88 Prozent der in Deutschland verkauften Agro-Chemikalien keine aktuelle Risikoprüfungen aufwiesen.

Einige Stoffe, die nach aktuellem Forschungsstand als hoch gefährlich für Mensch und Umwelt gelten, sind aufgrund dieser EU-Aushebelungen noch heute frei erhältlich. Darunter befinden sich nicht wenige BAYER-Produkte wie z. B. AGOLIN. Im Zweifelsfall gehen Profitinteressen offensichtlich noch immer vor menschlicher Gesundheit und intakter Natur. 

Das Umweltinstitut fordert vor dem Hintergrund dieser erschreckenden Ergebnisse, gefährliche Pestizide, die nicht entsprechend geprüft sind, vom Markt zu nehmen und so das Vorsorgeprinzip durchzusetzen. Es verlangt von der EU, der dreijährigen Frist für die Wiederzulassung verbindlich Geltung zu verschaffen und den Rechtsanspruch der Hersteller auf Verlängerungen der Genehmigungen auch ohne Risiko-Check auszuschließen. Schließlich tritt das Institut dafür ein, die Behörden personell und finanziell besser zu stellen, damit sie ihrem Schutzauftrag nachkommen können. Langfristig muss es nach Meinung des Umweltinstituts jedoch darum gehen, aus dem chemisch-synthetischen Pestizidkreislauf auszusteigen. ⎜

BAYER im Buch

CBG Redaktion

Das Stichwort BAYER liest

Zwei aktuelle Bücher beschäftigen sich mit Themen, die schon einmal mehr Aufmerksamkeit erfahren haben. „Klima Bullshit Bingo“ nimmt sich – nomen est omen – den Klimaschutz und seine FeindInnen vor und „Unsere entscheidenden Jahre“ dazu noch Wasser, Boden, Luft sowie die Biodiversität. Beide wählen dazu ungewöhnliche Ansätze, von denen allerdings nicht alle zu überzeugen wissen.

Von Sibylle Arians

Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund. So wie Martin Häusler UN-Generalsekretär Antonio Guterres zitiert mit dem drastischen, an die fossile Energiebranche gerichteten Vorwurf, sie halte „die Menschheit bei der Kehle“, so benennt er selbst die HaupttäterInnen des Ökozids, der in allen Sphären unseres Planeten seit Jahrzehnten stattfindet: Das sind die Vorstände der Konzerne, unter Mittäterschaft von willfährigen Regierungen, unkritischer Presse und zahllosen LobbyistInnen. Im Tauziehen um die Zukunft der Erde als von Menschen bewohnbarem Planeten kann Häusler zufolge nur noch durch unseren massiven Widerstand eine Wende zum Guten erreicht werden. Das wird nicht leicht sein, denn Verführung und Irreführung der Bevölkerung sind Teil des turbokapitalistischen Systems, was es den TäterInnen erleichtert, mit dem mörderischen Treiben fortzufahren.

1974 in Leverkusen geboren, hat Häusler zahlreiche Beispiele für das zerstörerische Wirken der dort ansässigen BAYER AG selbst erlebt. Eine Reihe davon werden integriert in die umfassende Zustandsbeschreibung unseres Klimas, der Luft, der Gewässer, der Böden, der Biodiversität. Der Chemiegigant hat eine katastrophale Bilanz, beginnend mit massiven Belastungen der Gewässer bereits kurz nach der Firmengründung und sicherlich nicht endend mit dem tagtäglichen Ablassen immenser Pestizid-Rückstände vom Leverkusener Chempark aus in den Rhein.

Jedoch ist das Buch nicht vorrangig eine Abrechnung mit der Dreckschleuder vor der Haustür seiner Kindheit und Jugend, denn der BAYER-Konzern ist nur einer von zahlreichen Multis, die wissentlich ihre Profite auf der Basis von Schädigung von Leib und Leben und Raubbau an der Natur machen. Die Fragen, denen der Autor nachgeht, benennt schon der Untertitel: „Welche Grenzen überschritten sind, wo wir noch gestalten können, wer uns daran hindert“. Und die Antworten, die Martin Häusler findet, sind belastbar, denn er belegt alles sorgfältig mit Quellen-Hinweisen. Dass das trotzdem keine trockene Lektüre wird, dafür sorgen die ungewöhnlichen und lebendigen Illustrationen von Ramona Rosa.

Wer uns daran hindert, die Welt zu retten? Die beinahe ganz fehlende Regulierung der Konzerne durch Politik und Justiz. Wir haben ein gestörtes Gleichgewicht, eine Dynamik, die die Ungleichheit zwischen Besitzenden und Habenichtsen wachsen statt schrumpfen lässt. Dem müssen wir alle unseren Widerstand entgegensetzen: „Die Zeit der Manager ist abgelaufen, nicht unsere!“

„Klima Bullshit Bingo“ 

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Jan Hegenberg in seinem Buch:  KLIMA BULLSHIT BINGO. Er liefert teils sehr gute Argumentationshilfen gegenüber gängigen Parolen von KlimaskeptikerInnen und -leugnerInnen sowie den VerteidigerInnen des Status quo um jeden Preis. Sein salopper Stil ist Geschmackssache. Das aber, was mich bei dem Buch stört, ist, dass häufig das entscheidende Argument hinter einem „Salat“ aus Gedankenschnipseln und Analogien versteckt ist, die sich mir nur schwer erschließen und teilweise auch de facto nicht schlüssig sind. Das mag ein Generationenproblem sein oder daran liegen, dass unsere Temperamente und Humor-Auffassungen nicht recht zueinanderpassen, aber KLIMA BULLSHIT BINGO wäre mit weniger als dem halben Umfang ausgekommen, wenn Hegenberg sich auf Fakten und Argumente beschränkt hätte, was sicher auch dem Gebrauchswert des Buches gutgetan hätte: Meines Erachtens lassen sich die BedenkenträgerInnen nicht überzeugen, indem man sie „vorführt“. Entweder widerlegt man sie sachlich und, ja, wertschätzend, oder man kann sich das Gespräch gleich schenken.

Nett: Die QR-Codes am Ende der jeweiligen Kapitel führen zu Seiten des Autors selbst, auf denen vorformulierte Entgegnungen zu den kritisierten Stammtischparolen zu finden sind. 

Nützlich: Der QR-Code am Ende des Quellenverzeichnisses, der zu über 240 Webseiten führt und es einem erspart, händisch elend lange URLs abtippen zu müssen.

Ungewöhnlich: Bei nur zwei oder drei Quellen handelt es sich um Bücher anderer Autoren.

Irritierend: Der eine oder andere Logiksprung

Wohltuend: Dass zahlreiche Stellschrauben aufgezeigt werden, mit denen wir ressourcen- und klimaschonender leben könnten.

Großes Manko: Der von Hegenberg vertretene Optimismus liest sich so, als wäre es ein Kinderspiel, unseren Lebensstil an die planetaren Grenzen anzupassen. Dabei unterschlägt er, dass es wirkmächtige Interessen und Interessenten gibt, die das nicht wollen und dem Planeten und seinen BewohnerInnen schon seit Langem den Kampf angesagt haben. Die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird nicht benannt als wesentlicher Faktor des Ökozids, in dem wir stecken. Somit fehlt die Benennung dessen, was es wirklich zu bekämpfen gilt.  Ebenso fehlt die klare Ansage, dass der Kampf um die Zukunft des Lebens auf unserem Planeten absolut dringlich ist, weil wir diesen sonst verlieren – trotz des wunderbaren Potenzials, das „wir“ hätten, wenn „wir“ wirklich „wir“ wären. Zu verharmlosen, wie bedrohlich die Situation ist, unterstützt indirekt die VerursacherInnen des globalen Ökozids.

Hätte ich zu entscheiden, welches der beiden Bücher es auf die Bestseller-Liste des SPIEGEL kommt, so wäre meine Wahl auf Martin Häusler gefallen. ⎜