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Die PFAS-Pestizide von BAYER & Co.

Marius Stelzmann

Ewig im Wasser

Sie sind das neue Asbest: die unter dem Namen PFAS firmierenden per- und polyflourierten Alkylverbindungen – wegen ihrer lang anhaltenden schädlichen Wirkung auch Ewigkeitschemikalien genannt. Einer besonders weit verbreiteten PFAS-Spezies, der als Abbau-Produkt von Pestiziden entstehenden Triflouressigsäure (TFA), haben Dr. Peter Clausing vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) und Dr. Helmut Burtscher-Schaden von GLOBAL 2000 nun eine Studie gewidmet.

Von Peer Clausen

PFAS, TFA, was ist das? 

PFAS sind sogenannte „Ewigkeitschemikalien“, und der Name ist Programm: Es handelt sich um eine Familie von über 12.000 bisher bekannten Stoffen, die schädlich und in der Umwelt schwer abbaubar sind. Die Geschichte ihrer industriellen Nutzung geht bis in die 1920er Jahre zurück. Als Kältemittel für Kühlschränke begann die unheilvolle Karriere der Substanzen. Seitdem hat sich einiges getan. Ob in Papieren, Funktionstextilien, Bratpfannen, Imprägniermitteln, Kosmetika oder Einweggeschirr – im alltäglichen Leben begegnen uns überall PFAS. In großem Maßstab kommen PFAS dabei auch in Klärschlämmen vor und – manchmal – auch in den Medien: Im Februar 2025 beispielsweise brachten sie Meldungen über absurd hohe PFAS-Konzentrationen an der Nordsee-Küste. Im Algenschaum waren WissenschaftlerInnen auf die Stoffe gestoßen.

BAYER gehört zu den zwölf größten PFAS-Produzenten weltweit und ist somit für einen relevanten Teil der rund 320.000 Tonnen jährlich produzierten PFAS verantwortlich. Doch auch andere Chemiekonzerne verhalten sich hier durchaus unverantwortlich: So meldete der BUND im Juli eine Überschreitung der PFAS-Orientierungswerte im Rhein um das 50-Fache. Die Giftfracht stammte vom Leverkusener Chem„park“ der CURRENTA, genauer: vom Sickerwasser des Klärwerks Leverkusen-Bürrig sowie von der Firma MOMENTIVE.

PFAS sind laut der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA in jedweder Konzentration potenziell toxikologisch signifikant und werden mit Herz/Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Fruchtbarkeits- und Entwicklungsstörungen, Lebererkrankungen, einer Schwächung der Schilddrüsen-Funktionen, Immunsystem-Schädigungen, einem Anstieg des Cholesterinspiegels sowie mit problematischen Schwangerschaftsverläufen in Verbindung gebracht. 

Einige PFAS-Verbindungen bilden als kleineres Abbauprodukt Triflouressigsäure (TFA). Dabei handelt es sich um das bisher kleinste bekannte Molekül aus der Familie der PFAS. das nochmal deutlich beständiger und in der Umwelt praktisch nicht abbaubar ist. Ausgangsstoffe sind unter anderem bestimmte Medikamente, Biozide und Pestizide. Letztere bilden den Haupteintragspfad in die Umwelt. Die TFA-Lasten der Ackergifte haben einen erheblichen Anteil an der Verunreinigung sowohl von Grundwasser als auch von Oberflächenwasser und finden sich über Verdunstungsprozesse sogar im Regen wieder. 

Wegen des Ausmaßes der Giftfrachten gab der agrarpolitische Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion im Europa-Parlament, Martin Häusling, eine Studie zu dem Thema in Auftrag. Am 30. Oktober 2025 stellten die beiden Autoren Dr. Peter Clausing vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) und Dr. Helmut Burtscher-Schaden von GLOBAL 2000 die Ergebnisse bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin vor. 

Ihr Befund ist alarmierend: „Heute enthalten bereits 8 Prozent der in der EU genehmigten Pestizid-Wirkstoffe eine solche chemische Struktur und haben daher das Potenzial zur Freisetzung von TFA.“ Und tatsächlich: ExpertInnen halten fest, dass in 303 von 400 deutschen Landkreisen die Nutzung von PFAS in Pestiziden der dominierende Grund für die TFA-Belastung in Gewässern ist. Insgesamt gibt es über 1.500 Orte in Deutschland (Stand 2023), an denen PFAS nachgewiesen werden können, darunter 300 PFAS-Hotspots, also Orte mit einer besonders hohen Konzen-tration des Gifts. Mit dabei natürlich auch die BAYER-Stadt Leverkusen. 

In ihrer Untersuchung zeichnen Clausing und Burtscher-Schaden auch die Verharmlosungsstrategien der Industrie nach, mittels derer BAYER & Co. sich gegen den Vorwurf wehren, an der Verschmutzung des Wassers Schuld zu tragen. So behaupten sie beispielsweise, es gäbe Hinweise auf natürlich auftretende TFA-Quellen, mit denen sich die Kontaminationen erklären ließen – wofür die unabhängige Forschung bisher keine Belege lieferte. Andererseits stellen die Agro-Riesen TFA als eine harmlosere PFAS-Substanz dar, da sie im Gegensatz zu anderen Stoffen dieser Chemikalien-Gruppe „ultrakurzkettig“ sei. Seitdem die PFAS nämlich in der öffentlichen Debatte angekommen sind, bemüht sich die chemische Industrie, den Eindruck zu erwecken, sie versuche PFAS schrittweise durch ebensolche kurzkettigen Ersatzstoffe zu ersetzen. 

Dagegen warnte erst kürzlich wieder die „Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin“ (BAuA), vor den Risiken von TFA. Da sie auf das Wachstum des Kindes im Mutterleib einwirke und die Fruchtbarkeit beeinträchtige, plädierte die BAuA dafür, die Trifluoressigsäure als Kategorie-3-Gift einzustufen. Selbst BAYER blieb das Gefährdungspotenzial nicht verborgen. Im Rahmen des von der Europäischen Union vorgeschriebenen Registrierungsprozesses für Chemikalien informierte der Konzern über eine Studie von 2021, die TFA Teratogenität – also fruchtschädigenden Effekte – bescheinigte. Eine Reaktion der zuständigen Stellen der EU erfolgte jedoch nicht.

EU übernimmt BAYERs ADI

Obwohl es also dringenden Handlungsbedarf gäbe, hält die EU-Kommission, wenn es um TFA geht, die Füße still. Einzig das auch von BAYER vermarktete Ackergift Flufenacet, das bei seinem Abbau TFA freisetzt, wurde im März 2025 tatsächlich verboten. Dabei läuft die Auseinandersetzung um die TFA-Gefahren bereits seit 1998, wie die Studie aufzeigt. Damals wurde Flurtamon, das BAYER unter dem Namen BACARA vertreibt, mit TFA in Verbindung gebracht. Aber nichts geschah. „Wie der Ausschuss [gemeint ist das Scien-tific Committee on Plants, das von der EU-Kommission mit der Bewertung der Risiken von PFAS beauftragt wurde] ausdrücklich festhielt, würden Studien zur Reproduktionstoxizität, Langzeittoxizität und Karzinogenität fehlen (…) Flurtamon war nur der erste von vielen Wirkstoffen, die trotz drängender aber ungelöster Fragen zur Toxizität von TFA zugelassen wurden (…)“, so die beiden Autoren. Bis 2019 durfte das Ackergift schließlich sein Unwesen treiben.

Eine Risikobewertung durch die „Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit“ (EFSA) in Sachen „TFA“ begann erst 2014 und lieferte alarmierende Zwischenergebnisse. „In Untersuchungen von pflanzlichen Erzeugnissen, die mit dem PFAS-Pestizid behandelt wurden, trat TFA als überwiegender Rückstand auf – in Mais, Tomaten, Soja oder Trauben machte es bis zu 80 Prozent der gesamten Rückstandsfraktion aus“, konstatierte die EFSA.

Jedoch: Eine Risikobewertung in Sachen „Krebsrisiko“, „chronische Toxizität“, „Reproduktionstoxizität“, hormon-ähnliche (endokrine) Wirkungen sowie zur Teratogenität steht noch immer aus, da der Leverkusener Multi zwar damals bereits einen Bericht über eine entsprechende Studie zur Teratogenität an die EFSA lieferte, nicht aber das Original mit den Rohdaten. So konnte die EFSA BAYERs Ableitung der täglich noch tolerablen TFA-Höchstmenge pro Kilogramm Gewicht aus den Forschungsergebnissen – auch Acceptable Daily Intake (ADI) genannt –  nicht überprüfen. 

Zudem handelte es sich nicht um eine Langzeit-Untersuchung, sie dauerte nur 90 Tage. Und damit nicht genug, ignorierten die BAYER-WissenschaftlerInnen das Fehlen von wichtigen Informationen über das Gefährdungspotenzial von TFA hinsichtlich bestimmter Krankheiten wie z. B. Krebs. „Dass die EFSA trotz dieser offensichtlichen Mängel den von BAYER vorgeschlagenen ADI übernahm, stellt nach Ansicht der Autoren eine schwere Verletzung anerkannter Grundsätze der Risikobewertung dar“, heißt es deshalb bei Clausing und Burtscher-Schaden.

Aber der ADI-Wert made by BAYER – 0,05 mg pro Kilogramm Gewicht – war erst einmal in der Welt und blieb es bis heute. So verwendete die EFSA ihn 2014 zur Abschätzung des Gefährdung europäischer VerbraucherInnen durch TFA. Und auch das „Bundesinstitut für Risikobewertung“ (BfR) stützte sich bei der Bewertung einer Studie über besorgniserregende TFA-Spuren in europäischen Weinen auf den Wert, um abwiegeln zu können. „Ein Mensch mit einem Körpergewicht von 60 Kilogramm (kg) müsste mindestens 9 Liter am Tag trinken, um ausgehend vom höchsten gemessenen Wert die gesundheitsbasierten Richtwerte von TFA von 0,05 mg pro kg Körpergewicht zu überschreiten“, rechnete das BfR vor.

„Dass die EFSA im Jahr 2014 anstelle einer eigenständigen und regelkonformen Bewertung die fehlerhafte Risiko-Bewertung des PFAS-Herstellers BAYER übernahm, trug maßgeblich dazu bei, dass die Risiken und Gefahren von TFA unerkannt blieben und somit der fortgesetzen Zulassung von PFAS-Pestiziden nicht im Wege standen“, resümieren die Studien-AutorInnen.

Der Stand der Dinge

Als Konsequenz aus der Untersuchung fordert Martin Häusling ein sofortiges Verbot aller PFAS-Pestizide, die TFA freisetzen. Darüber hinaus tritt er für unabhängigere Zulassungsbehörden ein. Zudem mahnt der Politiker die Durchsetzung des Verursacherprinzips an, das vorsieht, dass Schäden, die von der Industrie verursacht wurden, auch von dieser bezahlt werden müssen. 

Davon ist die politische Wirklichkeit allerdings noch weit entfernt – nicht zuletzt dank der Lobby-Arbeit von BAYER & Co. Ende 2024 haben Deutschland, Norwegen, die Niederlande, Dänemark und Schweden ihren eigenen strengen PFAS-Regulierungsvorschlag einer Revision unterzogen. Die offiziellen Eingaben von BAYER & Co. bei der EU als Reaktion auf die erste Fassung bewirkten den Meinungsumschwung. „Die zusätzlichen Informationen, die im Rahmen der Konsultation 2023 vorgelegt wurden, führen auch dazu, dass geprüft wird, ob andere Beschränkungsoptionen als ein Verbot das Ziel erreichen, die PFAS-Emissionen während ihres gesamten Lebenszyklus‘ deutlich zu reduzieren“, halten die Länder in Tateinheit mit der Europäischen Chemikalien-Agentur ECHA fest. Das gelte besonders für solche Verwendungen und Sektoren, „für die Informationen vorgelegt wurden, die zeigen, dass die sozioökonomischen Auswirkungen eines Verbots unproportional hoch sind“, hieß es in der Stellungnahme. 

Das ganze Jahr 2025 ging für die Überarbeitung des Regulierungsvorschlags drauf. Im August informierten die fünf Staaten über erste Zwischenergebnisse. Demnach weitet sich die Liste der Sektoren, in denen PFAS Verwendung finden, noch einmal beträchtlich aus. Und die Schlussfolgerung: Es muss mehr Ausnahmeregelungen geben!

Das lässt für die Ende 2026 angekündigte Stellungnahme der ECHA nichts Gutes erwarten, zumal die EU derzeit Umweltregeln im Akkord-Tempo abräumt. Immerhin aber müssen die Mitgliedsstaaten die EU-Trinkwasser-Richtlinie, die mit 0,5 Mikrogramm pro Liter zum ersten Mal einen Grenzwert für die PFAS-Belastung bestimmt, bis zum 12. Januar 2026 in nationales Recht übertragen haben. Da wird auf die Umweltbehörden und Wasserwerke einiges an Arbeit zukommen.

Ansonsten tut sich hier ungeachtet der hohen PFAS-Kontaminationen im Rhein und im Neckar, trotz der Verdreifachung der TFA-Kontamination der Umwelt durch Niederschläge seit Mitte der 1990er Jahre und den 2022 veröffentlichten schockierenden Ergebnissen von Trinkwasseranalysen wenig. Insgesamt sind in Deutschland 27 PFAS-Pestizide mit TFA-Abbauprodukten zugelassen. Aus dem Hause BAYER stammen dabei Difluthrin, Fluopyram, Flufenacet, Isoxaflutole, Tembotrione und Trifloxystrobin. 

In den USA wird in Sachen „PFAS“derweil schon wieder kräftig dereguliert. Auch hier also zahlt sich die Einflussarbeit des Leverkusener Multis aus. Die 2021 von der Biden-Administration durchgesetzten Verbote von 12 PFAS-Stoffen stehen auf Trumps Abschussliste. Nathan Donely, „Environmental Health Science Director“ des CENTERS FOR BIOLOGICAL DIVERSITY, fasste diesen Schritt treffend zusammen: „Mehr PFAS-Pestizide zuzulassen, während das Bewusstsein für die ernstzunehmenden, langfristigen Gefahren dieser Ewigkeitschemikalien wächst, ist absurd kurzsichtig.“ 

Es bedarf also Druck von unten, um die PFAS-Gefahr und die Lobby-Macht von BAYER & Co. zu bannen. Nur eine breite Bewegung aus Umwelt-Initiativen, Verbraucherschutz-Organisationen sowie fortschrittlichen LandwirtInnen kann die Ewigkeitschemikalien stoppen. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN wird alles dafür tun. ⎜