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Beitrag veröffentlicht im Dezember 2006

Bienensterben

CBG Redaktion

22. Dezember 2006, Deutscher Berufs- und Erwerbsimkerbund

„Verraten und Verkauft“ - Das deutsche Bienenmonitoring

Der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund informiert zur aktuellen Lage der Imkerei.

Das Bienensterben der letzten Jahre und laufende Untersuchungen. Industrielle Schaumschlägerei und nicht mehr.

Nach nunmehr 2 Jahren Mitarbeit ist der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund kurz davor sich vom Projekt Bienenmonitoring zu verabschieden. Ausschlaggebend dafür ist, dass trotz wiederholter Anläufe des DBIB es von der Industrie abgelehnt wird, die Untersuchungen in gleichwertigem Umfang auf die Pflanzenschutzmittel auszudehnen.
Nachdem einige Imkervertreter Verwunderung über dieses Vorgehen geäußert hatten, wurde die Sache dadurch gelöst, daß die Firma Bayer selbst einige Laboruntersuchungen vornahm - alles ohne Befund.
Im zweiten Jahr verzichtete man dann ganz auf Untersuchungen in dieser Richtung, weil die Untersuchungen zu teuer seien. Man hat stattdessen beschlossen die Proben einzufrieren und diese erst nach Bedarf auf Pflanzenschutzmittelrückstände zu untersuchen.
Damit war dieses Thema erst mal auf Eis gelegt. Stattdessen wurde im Projekthaushalt viel Geld für alle möglichen Untersuchungen auf verschiedene Bienenkrankheiten und Ähnliches eingestellt.
Einen Haushaltsposten für unabhängige Laboruntersuchungen auf Pflanzenschutzmittel gab es damit erst gar nicht!
Auch hat man sich nicht die Arbeit gemacht, zu recherchieren, welche PSM (Pflanzenschutzmittel) in der näheren Umgebung der Bienenvölker eingesetzt wurden. Somit ist es ein leichtes zu sagen, dass es nicht möglich ist zielgerichtet auf bestimmte PSM hin zu untersuchen.

Und so konnte man sich getrost auf den wichtigsten Teil des Projektes stürzen: die Pressearbeit.
Dort wurde wirklich gründliche Arbeit geleistet. Dort wurde nichts auf Eis gelegt. Die Türen der Bundespressekonferenz standen plötzlich offen.
Der Blätterwald rauschte.
Vorträge wurden gehalten. Der Deutschlandfunk berichtete schon während die Projektmitglieder noch tagten. Im Beitrag des Deutschlandfunks wurde sogar erzählt, dass das Monitoring gezeigt hätte, daß die Gentechnik keine Gefahr für die Imkerei sei. Dabei war dies überhaupt nicht Gegenstand der Untersuchungen.
Aber wenn man Geld in die Hand nimmt, um Ruhe an der Imkerfront zu bekommen, dann muss man natürlich versuchen den PR-Gewinn zu maximieren.
Wir haben versucht einen Mitschnitt der Sendung zu bekommen.
Der Deutschlandfunk behauptet er habe keinen, weil die Sendung extern im Auftrag des Bauernverbandes produziert worden sei. Beim Bauernverband behauptet man davon nichts zu wissen.
Der Mitschnitt ist bis heute verschollen!

Der DBIB hat am so genannten „Runden Tisch“ am 9. November nochmals seine Kritik-Punkte vorgebracht. Das Resultat war, dass diese in dem von Deutschen Bauernverband erstellten Protokoll nicht einmal erwähnt wurden.
Was man nicht haben will wird einfach tot geschwiegen.
All das hat unseren Argwohn geschürt und es liegt der Verdacht nahe, dass das Bienenmonitoring nur dem Ziel dient, die Imker ruhig zu stellen und der Industrie Zeit zu schaffen um weiterhin ungestört die Pflanzenschutzmittel die in der Kritik stehen, ausbringen zu können.
Und Gründe dafür gibt es genug.
Was die Industrie anbelangt so darf man erwarten, dass keine Gelder ausgegeben werden, die nicht in mittelbarer oder unmittelbarer Weise zum Gewinn des Unternehmens beitragen. Das Aktienrecht verbietet Konzernen ausdrücklich uneigennützige Wohltätigkeit. Die Aktionäre könnten in so einem Fall den Vorstand wegen Zweckentfremdung der Mittel verklagen. Aber mit der Finanzierung dieses Projektes herrscht für die Dauer des Projekts Ruhe an der Front. Jegliches Ansinnen, bienengefährliche Wirkstoffe so wie in Frankreich zu behandeln, kann mit dem Hinweis auf die laufenden Untersuchungen auf die lange Bank geschoben werden. Das sichert Millionenumsätze über Jahre. Da darf man ruhig schon mal in die Portokasse greifen.

Vor diesem Hintergrund wundert es auch nicht, wie durchsichtig das Ganze ist, wenn der Vertreter der Industrie die Presseerklärung für den runden Tisch bereits vor der Sitzung auf seinem Laptop vorbereitet hat und diese Presseerklärung eine Generalabsolution für die Geldgeber darstellt, viele andere mögliche Ursachen anführt, auf sehr gute Honigerträge in diesem Jahr verweist, ohne auch nur mit einem Wort die am „Runden Tisch“ geäußerten Bedenken der Imkervertreter zu erwähnen.
Beim Thema der neuen Wirkstoffe bei der Beizung von Rapssaatgut wurde ein weiteres Ziel des Runden Tisches klar.
Der Vertreter von Syngenta erregte sich sehr darüber, dass Imker in der Frage der fehlenden Zulassung von ELADO direkt bei verschiedenen Behörden aktiv geworden sind. Man müsse solche Sachen am „Runden Tisch“ klären. Sonst könne er in seiner Firma die Zurverfügungstellung der Mittel für das Monitoringprojekt nicht mehr rechtfertigen.
Was die Bieneninstitute anbelangt, stellt sich die Frage warum dort alles kritiklos hingenommen wird ?
Für die Institute bedeutet das Bienenmonitoring erst einmal, dass zusätzliche Gelder zur Verfügung stehen.
Natürlich ist der Verdacht, es handele sich bei diesem Projekt um eine rein industriefinanzierte Gefälligkeitsstudie, sehr kränkend für die beteiligten Institute.
Daher weist man auch darauf hin, dass das Monitoringprogramm nicht nur von der Industrie finanziert sei, sondern die Institute inzwischen auch noch etwa den gleichen Betrag durch Eigenleistung beisteuern.
Nun machen die Institute das nicht in ihrer Freizeit, sondern mit Mitarbeitern und Ressourcen, die eigentlich aus anderen Töpfen und zu anderen Zwecken finanziert werden.
Hier sei die Frage erlaubt welchen Anteil die Institute an den EU-Imkerfördergelder im Rahmen der EU VO 1221 bekommen und warum dieser nicht an die Imker geht? Und wenn schon die Imker die volle Einbeziehung der Pflanzenschutzmittel fordern, warum diese Gelder dann nicht dafür ausgegeben werden ?
Ein Kunstgriff der Industrie ist, dass die Mittel nicht zu Beginn des Projektes auf einmal gezahlt werden, sondern jährlich abgerechnet wird.
Damit könnte das Projekt jederzeit abgeblasen werden, so etwa auch wenn unerwünschte Ergebnisse zu Tage kommen sollten. Damit ergibt sich bei den beteiligten Instituten eine Interessenkonflikt: bei unerwünschtem Ergebnis ist eventuell das Geld weg. Was hier bleibt ist ein „Geschmäckle“.

Man hält es in den Reihen der Institute auch für normal, dass die nächsten Presseaktionen und Vortragsserien geradezu generalstabsmäßig vorbereitet werden, obwohl bei dem Projekt bisher kaum etwas herausgekommen ist, das einen solchen Rummel rechtfertigen könnte. Man muss aber wohl jedes Jahr eine neue Sau durchs Dorf treiben können, denn so ist die Ablenkung von der ursprünglichen Fragestellung perfekt.
Der Vorwurf an die Institute ist nicht, dass sie Ergebnisse manipulieren, sondern, dass sie sich nicht vehement an die Seite der Imker stellen und fordern, dass ausgewogen in alle Richtungen auch bei PSM untersucht wird.
Die Institute berichten voller Stolz, dass das deutsche Projekt in Europa große Beachtung finde. In Frankreich mit den dortigen Imkerverbänden sei so etwas nicht möglich, würden Kollegen aus den anderen Ländern sagen.
Aus unseren Gesprächen mit den französischen Imkern wissen wir aber, wie das Monitoring dort tatsächlich gesehen wird. Bei einem Treffen verschiedener europäischer Imkerverbände in Paris zum Thema Pflanzenschutzmitel, das die COPA verhindern wollte, wurde uns von unseren Kollegen höflich aber deutlich gesagt:
„Nur in Deutschland sind die Imkerverbände naiv genug, sich für diese PR-Strategie der Industrie herzugeben. Ihr macht euch damit nicht nur lächerlich. Ihr schwächt auch die Position der Imker in den anderen EU-Ländern.“

Die Sorgen unserer europäischen Kollegen sind berechtigt. Die Europäisierung des deutschen Bienenmonitorings wird bereits vorangetrieben, denn die Ergebnisse dieses Projekts sollen auch dazu verwendet werden, die Pflanzenschutzmittel in anderen Ländern aus der Schusslinie zu bekommen. Wir erweisen unseren europäischen Imkerkollegen einen Bärendienst, wenn wir uns als Feigenblatt für ein Projekt hergeben, bei dem eine unabhängige ergebnisoffene Forschung von seiner Struktur her nicht garantiert ist.
Natürlich sollten wir Imker daran interessiert sein, dass ein echtes Monitoring statt findet. Die Initiative dafür ging, wie oben erwähnt, eigentlich von unserem Verband aus. Wir müssen uns weiter für ein Projekt stark machen, das ausschließlich mit öffentlichen Mitteln so finanziert wird, dass glaubwürdige Ergebnisse möglich sind. Wir müssen dafür sorgen, dass die Bieneninstitute aus diesem schlimmen Interessenkonflikt befreit werden und unabhängig arbeiten können.
Unser Ziel ist es nicht, dieses oder jenes Pflanzenschutzmittel verboten zu bekommen. Unser Ziel muss es sein, zu lernen, was wir selbst in unserer Betriebsweise besser machen können und was diejenigen, die die Kulturlandschaft, in der unsere Bienen leben und überleben sollen, besser machen können, damit die vielen Faktoren, die unsere Bienen immer mehr schwächen, Schritt für Schritt positiv verändert werden können.
Dazu gehört nicht nur aber auch eine tief greifende Reform der Zulassungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln.
Das deutsche Bienenmonitoring in der jetzigen Form bringt uns auf diesem Wege nicht weiter, sondern ist dazu angelegt uns auszubremsen. Wir haben es uns zwei Jahre lang angeschaut. Viele Mitglieder unseres Verbandes waren daran beteiligt. Wir haben guten Willen gezeigt und einen großen Vertrauensvorschuss gegeben, indem wir trotz erheblicher Zweifel unsere Mitglieder zum Mitmachen aufgefordert haben. Was wir uns vielleicht selber vorwerfen können ist, so lange gewartet zu haben bis wir in dieser Weise unseren Standpunkt Nachdruck verleihen.
Leider ist es uns nicht gelungen, den überwältigenden Einfluss der Industrie in vertretbaren Grenzen zu halten. Im Interesse aller Imker müssen wir daher unseren Mitgliedern empfehlen, ihre Mitarbeit bei diesem Projekt einzustellen, falls unsere seit langem bekannten Forderungen nicht endlich umgesetzt werden.

Hier also noch einmal unser Forderungskatalog:
1. Bei der Ursachenforschung sind alle möglichen Faktoren gleich zu behandeln. Wenn wir Imker etwas falsch machen, wollen wir das wissen, damit wir unsere Betriebsweise verbessern können. Wenn es neue Krankheitserreger gibt, wollen wir sie finden und zu kontrollieren lernen.
Wenn Pflanzenschutzmittel unsere Bienen schwächen, wollen wir dies wissen und mit der Industrie, dem Bauernverband und den Behörden eine Strategie zur Schadensminimierung entwickeln. Wir sind uns dabei bewusst, dass Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft benötigt werden, weisen aber auch darauf hin, dass die ökologische Landwirtschaft zeigt, dass der Ansatz der chemischen Industrie nicht immer alternativlos ist.

2. Wenn es bei Bienenkrankheiten für sinnvoll erachtet wird, routinemäßig den Erregerdruck für das ganze Spektrum möglicher Krankheiten zu erfassen, dann hat dies auch für die Präsenz der wichtigsten Pflanzenschutzmittel zu geschehen.

3. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten haben gezeigt, dass eine Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit der Bienen bereits lange vor dem Tod der adulten Bienen eintritt. Ein Bienenvolk mit desorientierten Flugbienen ist in überlebenswichtigen Funktionen gestört. Die subletale Wirkung ist bereits bei Konzentrationen zu beobachten, bei denen das entsprechende Pflanzenschutzmittel zwar nachweisbar, aber nicht quantifizierbar ist. Bei den von Bayer durchgeführten Untersuchungen wurden Ergebnisse unter der Quantifizierungsgrenze nicht berücksichtigt. Es sind aber alle Ergebnisse, bei denen das Vorhandensein bestimmter Pflanzenschutzmittel nachgewiesen werden kann, bei der Ursachenforschung berücksichtigt werden.

4. Die Untersuchungen haben mit den Analysemethoden zu erfolgen, die heute die niedrigsten möglichen Nachweis- und Quantifizierungsgrenzen haben.

5. Hersteller von Pflanzenschutzmitteln haben einen Interessenkonflikt und dürfen daher nicht wie ein unabhängiges Untersuchungslabor angesehen werden. Im Monitoringprojekt müssen ausreichend Mittel bereitgestellt werden, um Untersuchungen auf Pflanzenschutzmittel durch ein unabhängiges Labor unseres Vertrauens durchführen zu lassen.

6. Bei der Untersuchung der Völker ist auch das landwirtschaftliche Umfeld nach der Art der Kulturen und verwendeten Pflanzenschutzmassnahmen zu erheben.

7. Transparenz: Ein abgestimmter Bericht ist im Internet und der Fachpresse zu veröffentlichen. Eine darüber hinaus gehende offensive PR-Kampagne ist nur dann sinnvoll, wenn es gilt Ergebnisse zu kommunizieren, die in der Breite praktisch umgesetzt werden können. Dies war in der Vergangenheit nicht der Fall.

8. Die Tatsache, dass dieses Projekt durchgeführt wird, darf nicht zur verzögerten Umsetzung bereits bekannter Verbesserungsmöglichkeiten führen. Wenn, wie die Industrie gerne feststellt, die Varroa die Hauptursache für das Bienensterben ist, dann ist es unverständlich, warum:
a) wir keine Unterstützung bei der Zulassung von 85%iger Ameisensäure haben,
b) nach langem Ringen mit erheblicher Verspätung nur eine Methode der Oxalsäurebehandlung erlaubt ist,
c) immer noch der Einsatz von Varroaziden mit Rückstandsproblematik und Resistenzbildung gefördert wird,
d) bürokratische Auswüchse bei der Anwendung des europäischen Tierarzneimittelrechts auf die Imkerei nicht verhindert werden,
e) die Schulung der Imker durch die Fachberater sich auf veraltete Methoden beschränken muss, weil für die anderen die Zulassung fehlt.

Wenn die Industrie wirklich davon überzeugt ist, dass es sich hier um ein Varroa-Problem handelt, wäre es doch ratsam sich in der Frage der Varroabekämpfungsmittel im Sinne der Imker zu verwenden.
Auch in der Frage der Methodik bei den Untersuchungen auf Bienengefährlichkeit für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln hat es keine Fortschritte gegeben.
Die Statistiken der BBA über das Ausmaß von Bienenschäden in Deutschland scheinen nur deshalb zu sinken, weil die Dunkelziffer wächst.
Wie gesagt, die oben genannten Forderungen sind für die Organisatoren des Monitoringprojektes sicher nicht neu. Leider wurden die letzten zwei Jahre nicht genutzt, um sich Vertrauen in der Imkerschaft zu erarbeiten.
Gleichzeitig wurde bei den Fragen, die uns wirklich beschäftigen, viel Zeit verloren und Gelder in das Bienenmonitoring umgeleitet. Wir empfehlen daher es mit Erich Kästner zu halten:

„Was immer auch geschieht: Nie sollt Ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man Euch zieht, auch noch zu trinken!“

Pressekontakt: Schaubienenstand Honighaeuschen, Klaus Maresch 0177 9133175 oder Manfred Hederer 08806 922321

weitere Infos:
Bienensterben jetzt auch in Deutschland
Süddeutsche Zeitung: Insektizid ist Grund für Bienensterben

Doping

CBG Redaktion

Presse-Info vom 21. Dezember 2006
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Zahlungen dürfen nicht auf die schwersten Fälle beschränkt werden

Jenapharm: BAYER-Konzern muss alle Dopingopfer entschädigen

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert den BAYER-Konzern auf, sich an der Entschädigung ostdeutscher Doping-Opfer zu beteiligen. In der DDR wurden schätzungsweise 10.000 Sportler – darunter Kinder und Jugendliche – systematisch gedopt. Die Hormonpräparate stammten zum größten Teil von dem damaligen VEB Jenapharm. Jenapharm wurde von der Firma Schering übernommen, die ihrerseits von BAYER geschluckt wurde.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Jenapharm war Teil eines kriminellen Doping-Systems, das Tausenden von Menschen die Gesundheit ruinierte. Mit dem Kauf von Schering hat BAYER auch die Verantwortung für Jenapharm übernommen. Der Konzern muss alle Betroffenen finanziell entschädigen.“ Bei dem Dopingprogramm kam das von Jenapharm produzierte Anabolikum Oral-Turinabol zum Einsatz. Auch Hormonsubstanzen, die nicht für Menschen zugelassen waren, wurden verabreicht. Ein Großteil der Betroffenen erlitt schwere Gesundheitsschäden, darunter Leberschäden, Krebs- und Herzerkrankungen, Vermännlichung bei Frauen, Persönlichkeitsstörungen und behindert geborene Kinder.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Bundesregierung beschlossen in der vergangenen Woche, die 167 am schwersten betroffenen Sportler mit jeweils 9.250 Euro zu entschädigen. Jenapharm kündigte daraufhin an, dem selben Personenkreis einen „sozialen Beitrag“ zukommen zu lassen. Juristische Verantwortung will Jenapharm jedoch nicht übernehmen.

Zuvor hatte das Unternehmen jahrelang eine finanzielle Wiedergutmachung verweigert - noch im Oktober signalisierten Anwälte die Abwehr aller Entschädigungsklagen. Im Auftrag der Bayer AG, dem neuen Besitzer von Jenapharm, verhinderte die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer die Zulassung einer Sammelklage. Und noch Anfang Dezember veranstaltete Jenapharm „eine an Peinlichkeiten kaum zu überbietende so genannte wissenschaftliche Konferenz“ (Berliner Zeitung), auf der von Jenapharm finanzierte Studien präsentiert wurden, die die Weste des Unternehmens reinwaschen sollten.

Der BAYER-Konzern wurde bereits vor der Übernahme von Jenapharm/Schering regelmäßig mit Doping in Verbindung gebracht. So warf Uli Eicke, ehemaliger Weltklasse-Ruderer und Leiter des Olympia-Stützpunktes, dem Konzern vor, seiner Leichtathletik-Abteilung über Jahre hinweg mit unlauteren Mitteln aus den eigenen Pharma-Labors Beine gemacht zu haben. Der Mittelstreckenläufer Walter Ewen äußerte, er habe „auf massiven Druck der BAYER AG“ Äußerungen zum Doping in der Laufabteilung des Unternehmens zurückgezogen. Auch andere aussagewillige Athleten seien beeinflußt worden.

Erst im vergangenen Sommer gab Rad-Profi Jörg Ludewig zu, in den 90er Jahren Dopingmittel eingenommen zu haben. Ludewig fuhr damals für den von BAYER gesponsorten Radrennstall EC Bayer Köln-Worringen. Die für BAYER Leverkusen startende Triathletin Nina Kraft, erste deutsche Gewinnerin des Ironman von Hawaii, wurde im vergangenen Jahr der Einnahme des Dopingmittels EPO überführt.

[CO2-Emissionen] Offener Brief an Kanzlerin Merkel

CBG Redaktion

Presse-Information vom 19. Dezember 2006
Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.

Streit um CO2-Ausstoß

Offener Brief an Kanzlerin Merkel: „Konzerne müssen Treibhaus-Emissionen vollständig offenlegen“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert in einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die Industrie notfalls gezwungen werden muss, ihre CO2-Emissionen zu senken. Außerdem fordert der Verein, dass große Unternehmen die Höhe ihres Treibhaus-Ausstoßes vollständig offenlegen müssen. Der Verband reagiert damit auf den Offenen Brief von 15 Konzern-Vorständen, darunter BAYER-Chef Werner Wenning, in dem die von der EU vorgeschriebene Emissionsminderung attackiert wird.

Werner Wenning, der momentan auch dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) vorsteht, brüstete sich unlängst, BAYER habe „seine Treibhausemissionen seit 1990 um deutlich mehr als 60% reduziert“. Diese vermeintliche Erfolgsbilanz verbindet Wenning mit Forderungen an die Politik wie der Befreiung von der Ökosteuer, dem Auslaufen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sowie einem entschärften Emissionshandel. Wenning verschweigt jedoch in seinen öffentlichen Äußerungen, dass der Rückgang der Emissionen des Konzerns zum großen Teil auf Ausgliederungen sowie auf einem erhöhten Fremdbezug von Energie basiert. Die Emissionen der Energie-Zulieferer werden in der schriftlich vorgelegten Umweltbilanz von BAYER nicht berücksichtigt.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „Mit buchhalterischen Tricks und unverbindlichen Selbstverpflichtungen lässt sich das Klima nicht retten. Die Industrie muss notfalls gezwungen werden, ihre Emissionen zu mindern. Hierbei muss natürlich der CO2-Ausstoß aller Zulieferer, insbesondere im Energiebereich, berücksichtigt werden.“ Die CBG wirft dem Vorstandsvorsitzenden von BAYER vor, ein doppeltes Spiel zu betreiben: „In der Öffentlichkeit stellt Werner Wenning den BAYER-Konzern als Vorreiter beim Klimaschutz dar. Gleichzeitig nutzt Wenning irreführende Zahlen, um eine Abschwächung gesetzlicher Regelungen zu fordern“, so Mimkes weiter.

BAYER steigert seit 15 Jahren den Fremdbezug von Energie. Die bei den Zulieferern anfallenden CO2-Emissionen werden in BAYERs Klimabilanz jedoch nicht berücksichtigt und auch auf Nachfrage nicht genannt. Hierdurch sinkt automatisch die Höhe der Emissionen des Konzerns - wenn auch nur auf dem Papier. Prof. Jürgen Rochlitz, Mitglied der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission für Anlagensicherheit: „BAYER will augenscheinlich davon ablenken, dass das Unternehmen nach wie vor zu den großen Klimasündern in Deutschland gehört. Nicht einmal der Konkurrent BASF, wahrlich kein Vorbild in Sachen Umweltschutz, rechnet seine Bilanz derartig schön.

Die Kritik der CBG wird von der Unternehmensberatung Arthur D. Little untermauert. In einer Evaluierung des BAYER Nachhaltigkeitsberichts schreiben die Prüfer: „Zusätzlich zum Energieverbrauch werden auch die CO2-Emissionen berichtet. Allerdings ist diese Information von begrenzter Relevanz, weil Emissionen aus der Produktion extern erzeugter Energie nicht berücksichtigt werden und die berichtete Reduzierung zum Teil aus dem zunehmenden „Out-sourcing“ der eigenen Energieerzeugung resultiert.“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren dokumentierte in den vergangenen 25 Jahren hunderte von ökologischen und sozialen Problemen, die auf die Geschäftspolitik des Konzerns zurückgehen.

weitere Informationen

GenMais

CBG Redaktion

SUSANNE BASTAROLI (Die Presse) 19.12.2006

Gen-Mais: Österreich „rettet“ Verbot

Gentechnik. Österreich hat sich gegen die EU-Kommission zum zweiten Mal durchgesetzt.

Brüssel. Gentechnisch manipulierter Mais darf auch in Zukunft nicht nach Österreich importiert werden. Nach langem Ringen der europäischen Umweltminister blitzte die EU-Kommission am Montag auch im zweiten Versuch ab, die österreichischen Importverbote zu kippen. Schon im Juni 2005 hatte Österreich genügend Verbündete gefunden. Diesmal war die Ausgangssituation noch schwieriger, da in der EU immer mehr Gen-Mais angebaut wird.

Gleich zu Beginn des Gen-Kampftags in Brüssel trug Österreich einen wichtigen Etappensieg davon: Die Mehrheit der EU-Umweltminister stimmte gegen einen Vorschlag der EU-Kommission, den Einfuhrstopp von zwei gentechnisch veränderten Maissorten (MON810 der US-Firma Monsanto und T25 des deutschen Konzerns Bayer) nach Österreich aufzuheben.
Ausschlaggebend war das Abstimmungsverhalten Spaniens und Deutschlands, die sich am Montag nach langem Zögern hinter Wien stellten. Vor allem Berlin hatte Bedenken, da die regierende CDU der Gentechnik nicht ablehnend gegenüber steht. Spanien ist mittlerweile der größte Produzent von Gen-Mais in der EU.
Trotz des Siegs bei der ersten Abstimmung war noch längere Zeit nicht das letzte Wort gesprochen. Denn Frankreich meldete Bedenken gegen die wissenschaftliche Begründung an, mit der das Importverbot für Österreich aufrechterhalten bleiben soll. Wien argumentiert, dass die möglichen Risiken der beiden Genmais-Sorten für die Gesundheit und Umwelt noch nicht ausreichend geprüft worden sind. Die Kommission hingegen verweist auf Prüfungen der EU-Lebensmittelagentur EFSA, laut denen die beiden Maissorten „unbedenklich“ sind. Das Verbot stelle eine „Beeinträchtigung des Binnenmarkts“ dar.
Den ganzen Tag rangen die Umweltminister um einen Kompromisstext. Erst am späten Nachmittag war dieser gefunden - und wurde mit qualifizierter Mehrheit angenommen. Nur Großbritannien, Tschechien, die Niederlande und Schweden beharrten weiter auf der Aufhebung des Importverbotes. Kern des Kompromisses: Die beiden Gen-Mais-Sorten seien nach dem alten EU-Zulassungsverfahren geprüft worden. Dieses war sehr lückenhaft. Nun sollen die beiden Sorten nach dem neuen EU-Verfahren noch einmal geprüft werden. Ergebnisse sollen im April vorliegen. Enden die Tests mit „Freisprüchen“ für die beiden Mais-Sorten - was zu erwarten ist -, dann könnte die EU-Kommission theoretisch die österreichischen Importverbote beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) einklagen.

Das wird aber nach einhelliger Meinung von Diplomaten vorerst nicht geschehen. Österreichs Umwelt- und Landwirtschaftsminister Josef Pröll (ÖVP) sieht das auch so: „Die EU-Kommission hat es zwei Mal versucht und hat zwei Mal verloren. Das ist ein starkes politisches Zeichen“, sagte er nach der Abstimmung zur „Presse“.
Die Begründung für das Beibehalten des Importverbotes ist zentral: Die Argumentation ist nicht nur für die etwaige Klage der EU-Kommission entscheidend, sondern auch für die Welthandelsorganisation WTO. Diese hatte ja im Handelsstreit zwischen EU und USA entscheiden, dass Importverbote zwar möglich, aber ausreichend wissenschaftlich begründet sein müssten. In Österreich reagierte man am Montag mit Erleichterung: Die Biobauern jubelten, Greenpeace sprach von einem „Etappensieg“.

14.12.2006, Grüne Österreich

GenMais von Monsanto und Bayer: Importverbote auf der Kippe

Anlässlich des EU-Umweltministerrates am Montag, den 18. Dezember, wo erneut darüber abgestimmt werden soll, ob Österreich seine Importverbote über den Gentech-Mais der Firma Monsanto MON 810 und der Firma Bayer T25 aufrecht erhalten kann, kritisiert der Landwirtschaftssprecher der Grünen, Wolfgang Pirklhuber, die EU-Strategie in der Gentechnikfrage: „Es ist demokratiepolitisch höchst bedenklich, wenn die EU-Kommission solange über die Import-Verbote abstimmen lässt bis ein Ergebnis zustande kommt, das im Interesse der Gentech Saatgut-Konzerne ist, statt dem Wunsch der europäischen Bürgerinnen und Bürger nach Sicherung von gentechnikfreien Lebensmitteln konsequent nachzukommen“.

Pirklhuber fordert daher BM Pröll auf die österreichischen Gen-Pflanzen-Importverbote weiterhin konsequent zu verteidigen und im Umweltministerrat Überzeugungsarbeit bei der deutschen Vertretung zu leisten, damit diese unser Anliegen unterstützen. „Österreich fehlt eine Stimme auf die erforderliche qualifizierte Mehrheit im Ministerrat und wenn es BM Pröll nicht schafft Deutschland zu überzeugen, dann entscheidet die Kommission, die bisher in ähnlichen Fällen immer noch für die Zulassung entschieden hat“, erläutert Pirklhuber.

Doping

CBG Redaktion

Berliner Zeitung, 18.12.2006

Einigung mit Jenapharm

Die Firma will Dopingopfer entschädigen und spenden

LEIPZIG. Auch gute Nachrichten klingen bisweilen seltsam: „Gerade habe ich eine ehemalige Kugelstoßerin mit einem Tumor aufgespürt“, sagt Werner Franke am Telefon. Der anabolikaabhängige Tumor ist operiert, das wusste Franke, aber nicht, dass die frühere DDR-Athletin ins Schwäbische verzogen ist. Bekanntlich bringt der Heidelberger Molekularbiologe mit kriminalistischem Gespür seit vier Jahrzehnten Dopingtäter aus West und Ost in Bedrängnis. An diesem Wochenende aber fahndet er nach Athleten, denen das Bundesverwaltungsamt gravierende Gesundheitsschäden durch das ostdeutsche Zwangsdoping bescheinigte. Fast 190 Sportler hatte die Politik 2002 über das Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz entschädigt. Viele fehlten auf der Liste des Sports, der vergangene Woche 167 Athleten Schmerzensgeld zusagte und damit diesen ostdeutschen Erbteil anerkannte.

Die Kugelstoßerin und andere „gründlichst medizinisch geprüfte Fälle“ will Franke nun mit dem Verein Dopingopferhilfe (DOH) einbezogen wissen. Denn übers Wochenende muss eine neue Liste fertig sein. Schon heute, so hoffen die Anwälte der Geschädigten, könnte die erst vor Tagen überraschend angekündigte Vereinbarung mit der Jenapharm GmbH unterschriftsreif sein. Der Thüringer Arzneimittelhersteller will dem Vernehmen nach 9 250 Euro pro Athlet zahlen. Das wäre exakt jener Betrag, den der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gibt. Aber anders als der DOSB legt Jenapharm Wert auf Transparenz. Geld sollen zunächst alle vom Bundesverwaltungsamt anerkannten Athleten bekommen.

Leid lindern
Jenapharm produzierte einst die berüchtigten Blauen, das Anabolikum Oral-Turinabol, und andere Hormonsubstanzen, oft nicht einmal für Menschen zugelassen, und lieferte sie an die DDR-Medaillenschmieden. Jahrelang verweigerte das Unternehmen finanzielle Wiedergutmachung. Noch im Oktober signalisierten Anwälte die Abwehr aller Entschädigungsklagen. Noch im November versuchte der von Jenapharm bezahlte Auftragsforscher Lutz Niethammer Reinwaschung, indem er Verantwortung der Firma ins Nirwana „sozialistischer Kollektivstrukturen“ diffundieren ließ. Nun holt das Unternehmen Verantwortung gewissermaßen zurück, ausdrücklich keine juristische.
Aber nach eigenem Bekunden will Jenapharm „einen sozialen Beitrag leisten, um das Leid der Betroffenen zu lindern“. Der unerwartete Kurswechsel könnte vom Agreement mit dem DOSB inspiriert sein. Vielleicht hat er auch damit zu tun, dass ein Gericht der einstigen Weltklasseschwimmerin Karen König für den Rechtsstreit mit Jenapharm Prozesskostenhilfe zusprach. König reichte gerade die erste Klage ein. Die letzte wäre es nicht gewesen, und für Jenapharm wäre ein lang währender Gang durch alle Instanzen, mit Aussagen hormongeschädigter Frauen, kaum geschäftsfördernd. Nach der Übernahme durch Bayer richtet das Unternehmen sein Profil neu aus - ausschließlich auf Medikamente für Frauen.

Furcht vor dem Zorn
Letztlich aber ist zweitrangig, was den Meinungswandel bewirkte. Denn das Unternehmen hat nun die Folgen der Sportchemie erstaunlich sorgfältig bedacht: Über die Einmalzahlung hinaus erwägt Jenapharm eine Großspende. Die angeregte Stiftung des Sports ersetzt das zwar nicht, aber das Geld soll für psychologische und medizinische Betreuung von schwerst geschädigten Opfern verwendet werden. Zudem wäre denen geholfen, deren Schäden erst jetzt auftreten, und denen unter den 600 Betroffenen, die bisher juristischen Streit scheuten. Werner Franke kennt sie fast alle. „Das hat noch immer mit Scham zu tun und Furcht vor dem Zorn alter Sportkameraden.“ Diese Athleten können mit Angaben über ihre Sportbiografie und medizinischen Gutachten auch künftig Schmerzensgeld beantragen. Grit Hartmann

[REACH] REACH verwässert

CBG Redaktion

13. Dezember 2006

REACH: Kaum geboren, schon geschwächt

BUND, Greenpeace und WECF kritisieren zu wenig Schutz vor Chemikalien

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Greenpeace und WECF (Women in Europe for a Common Future) kritisierten das heute vom Europäischen Parlament beschlossene EU-Chemikaliengesetz REACH als zu schwach. So dürften Krebs erregende, die Fruchtbarkeit schädigende und hormonell wirksame Chemikalien weiter vermarktet werden, selbst wenn sichere Ersatzstoffe vorhanden seien. Der Bundesregierung warfen die Verbände vor, den verbindlichen Ersatz besonders gefährlicher Risiko-Chemikalien verhindert zu haben.

Patricia Cameron, Chemikalienexpertin des BUND: REACH hat das Gezerre um seine Verabschiedung glücklicherweise überlebt, ist im Ergebnis aber unzureichend. Ursprünglich sollten mit dem Gesetz Menschen und Umwelt besser vor giftigen Chemikalien geschützt werden. Mit der heute beschlossenen Verordnung können jedoch viele gesundheitsschädliche Chemikalien weiterhin in vielen Konsumprodukten eingesetzt werden, auch wenn es sichere Alternativen gibt.

Greenpeace-Sprecherin Corinna Hölzel kritisierte, dass die Testanforderungen für ungefähr 20000 der 30000 von REACH erfassten Chemikalien auf Druck der Industrie stark abgeschwächt wurden: Dank der gemeinsamen Bemühungen der deutschen Industrie und der Bundesregierung ist aus dem Löwen REACH ein zahmes Kätzchen geworden. Über die Gefährlichkeit vieler Stoffe wird man auch künftig erst durch Chemieskandale etwas erfahren. Solange giftige Chemikalien weiter vermarktet werden dürfen, besteht für die Industrie kaum Anreiz, Geld in die Entwicklung sicherer Alternativen zu investieren.

Mit REACH bleiben Risiko-Chemikalien erlaubt, wenn die Hersteller behaupten, sie angemessen zu kontrollieren. REACH-Expertin des WECF, Daniela Rosche: Es ist ein Skandal, dass Stoffe, die Fehlgeburten oder Entwicklungsstörungen bei Föten hervorrufen können, nicht ersetzt werden müssen. Damit werden auch nachkommende Generationen mit den gefährlichen Stoffen belastet.

Die Verbände werten positiv, dass in Zukunft wenigstens die nicht abbaubaren und sich im menschlichen Körper anreichernden Stoffe durch Alternativen ersetzt werden müssen, sobald diese vorhanden sind. Auch könnten Stoffe, die in sehr großen Mengen hergestellt werden, nicht mehr ungetestet vermarktet werden. Zudem erlaube das Gesetz den Verbrauchern, von Firmen Informationen über einige besonders gefährliche Substanzen zu verlangen. Die Verbände kündigten an, die Umsetzung des Gesetzes kritisch zu begleiten.


01. Dezember 2006 - BUND und Greenpeace

Europäische Chemikalienreform: Fauler Kompromiss hinter verschlossenen Türen

Brüssel/Berlin (ots) - Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Greenpeace haben den Kompromiss zur europäischen Chemikalienreform REACH, der gestern Nacht zwischen Vertretern des Europäischen Parlaments und des EU-Ministerrats ausgehandelt wurde, scharf kritisiert. „Diese Vereinbarung ist ein fauler Kompromiss auf dem Rücken von Verbrauchern und Umwelt. Wenn das Parlament diesem Deal Mitte Dezember zustimmt, wird es kaum eine Verbesserung gegenüber der jetzigen Gesetzeslage geben. Menschen und Natur werden weiter durch gefährliche Chemikalien belastet“, sagte Patricia Cameron, Chemieexpertin des BUND.

BUND und Greenpeace kritisieren vor allem die negative Rolle des Bundeskanzleramtes, das massiv Einfluss auf die Verhandlungen in Brüssel nimmt. „Bundeskanzlerin Merkel lässt sich von Chemieunternehmen wie BASF instrumentalisieren. Sie sorgt brav dafür, dass Deutschland sämtliche Versuche blockiert, die Industrie zum Ersatz aller gefährlichen Chemikalien zu verpflichten. Die wirtschaftlichen Interessen der Chemiebranche sind ihr wichtiger als der Schutz der Verbraucher vor Chemiegiften“, sagte Stefan Krug von Greenpeace.

Der Kompromiss sieht vor, dass krebserregende, fortpflanzungsschädliche und andere gefährliche Chemikalien selbst dann weiter vermarktet und in Alltagsprodukten verwendet werden dürfen, wenn Alternativen vorhanden sind. Die Hersteller würden diese Stoffe angeblich „adäquat kontrollieren“, somit bestehe keine Gefahr für Menschen und Umwelt. Eine adäquate Kontrolle sei aber illusorisch, wie zahlreiche Studien und regelmäßig auftretende Chemieskandale bewiesen. „In Deutschland hergestellte Industriegifte tauchen überall dort auf, wo sie nichts zu suchen haben - im Blut von Babys und Erwachsenen, in der Muttermilch, in Lebensmitteln, im Trinkwasser, sogar im Fettgewebe von Eskimos und Eisbären“, so Krug.

Laut Kompromiss sollen lediglich langlebige, sich in der Natur und im Menschen anreichernde Chemikalien ersetzt werden, wenn es Alternativen gibt. Verbrauchern sollen zudem Informationen nur über eine beschränkte Anzahl von Chemikalien zugänglich sein. „Der Industrie wird auch künftig erlaubt, entscheidende Sicherheitsdaten zu ihren Chemikalien zurückzuhalten. Es ist skandalös, dass BASF, Bayer & Co weiter Chemikalien in Umlauf bringen, ohne über Risiken und Nebenwirkungen zu informieren“, sagte Patricia Cameron.

Der BUND und Greenpeace fordern die Mitglieder des Europäischen Parlaments auf, den derzeitigen Kompromiss im Sinne des Umwelt- und Gesundheitsschutzes nachzubessern. So müssten Unternehmen durch die Pflicht, alle gefährlichen Stoffe zu ersetzen, Anreize erhalten, in die Entwicklung sicherer Alternativen zu investieren. Für Gesundheitsschäden bei der Anwendung von Endprodukten müssten zudem die Hersteller haftbar gemacht werden.

Pressekontakt:
Almut Gaude, BUND-Pressestelle, Tel. +49-30-275864-64, mobil: +49-163-6079090, www.bund.net;

Greenpeace: Stefan Krug, Leiter der Politischen Vertretung Berlin, mobil: +49-171-8780-836 oder
Simone Miller, Pressestelle, Tel. +49-40-30618343, www.greenpeace.de

[Mocap] Pestizid Mocap

CBG Redaktion

Presse-Information vom 8. Dezember 2006
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Philippinen: 79 Kinder durch Pestizid Mocap vergiftet

Wirkstoff wird von BAYER CropScience produziert / Verkaufs-Stopp gefordert

In der philippinischen Provinz Davao del Norte mussten nach einer Pestizid-Vergiftung 79 Kinder stationär behandelt werden. Der Zwischenfall ereignete sich in einer Schule, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Bananen-Plantage befindet. In der Plantage war zuvor das von der Firma BAYER CropScience produzierte Agrogift Mocap ausgebracht worden. Unklar blieb zunächst, ob es sich um einen Unfall oder einen geplanten Einsatz des Pestizids handelt. Die Kinder hatten sich auf dem Schulhof befunden, als sie von der Giftwolke eingehüllt wurden. Rund 30 Schüler fielen in Ohnmacht, andere litten unter Brechreiz, Schwindelanfällen und Atemproblemen.

Die Plantage gehört zur Firma Tadeco, die mit einer Anbaufläche von 55.000 Hektar zu den größten philippinischen Agro-Unternehmen gehört. Tadeco übernahm die Verantwortung für den Zwischenfall und ließ die Kinder in einem firmen-eigenen Krankenhaus behandeln. Angehörigen der staatlichen Gesundheitsbehörde, die Blutproben der Betroffenen nehmen wollten, wurde der Zutritt zum Hospital jedoch verweigert.

Kritiker werfen dem Unternehmen vor, den Tathergang verschleiern zu wollen. Die Asian Peasant Coalition sowie die Landarbeiter-Organisation Kilusang Magbubukid ng Pilipinas (KMP) fordern eine Schließung der Plantage bis zur vollständigen Klärung des Vorgangs. „Offenbar wollen die Verantwortlichen von Tadeco Dauer und Ausmaß der Vergiftung verschleiern. Unabhängige Experten müssen die Opfer sofort untersuchen. Es geht um Menschenleben – zudem sehr junge Leben“, so Danilo Ramos, Vorsitzender der KMP.

Uwe Friedrich, Vorstandsmitglied der Coordination gegen BAYER-Gefahren, fordert den BAYER-Konzern auf, alle Wirkstoffe der Gefahrenklassen 1 und 2 sofort vom Markt zu nehmen. „Pestizide wie Mocap können nicht sicher angewandt werden – schon gar nicht in tropischen Ländern oder unter Armutsbedingungen. BAYER trägt eine Mitverantwortung für Tausende von Pestizid-Vergiftungen Jahr für Jahr, viele davon tödlich“. BAYER CropScience ist nach eigenen Angaben Marktführer für Agrochemikalien. In vielen Teilen der Welt verkauft das Unternehmen Pestizide der WHO-Gefahrenklasse Ia (extrem gefährlich) und Ib (hoch gefährlich), darunter Thiodicarb, Parathion, Fenamiphos, Azinphos-Methyl und Methamidophos. Vor zehn Jahren hatte BAYER angekündigt, alle Pestizide der Gefahrenklasse I vom Markt zu nehmen. Das Versprechen wurde jedoch nicht eingehalten. Schon mehrfach kam es zu Vergiftungen in der Umgebung philippinischer Plantagen (s.u.).

Der Wirkstoff von Mocap, Ethoprop, gehört zur Substanzklasse der Organophosphate und ist chemisch mit E 605 verwandt. Die WHO bezeichnet Ethoprop als „extrem gefährlich“ (Gefahrenklasse 1) und krebserregend. Das Pestizid wird gegen Würmer und Insekten eingesetzt, BAYER bietet Mocap seit den 60er Jahren an. Ethoprop wird in der Umwelt nur langsam abgebaut und wird häufig in Gewässern und im Grundwasser nachgewiesen.

Weitere Informationen:
Bayer´s Mocap: Pesticide poisons Students and Teachers in the Philippines
Kampagne „BAYER-Pestizide im philippinischen Bananen-Anbau“

Doping

CBG Redaktion

Berliner Zeitung, 06.12.2006

Service der Pillendreher

Jenapharm-Historiker düpiert die DDR-Dopingopfer

Grit Hartmann

LEIPZIG. In Thüringen erzielte Lutz Niethammer womöglich den beabsichtigten Erfolg. Lokalzeitungen übermittelten die Zwischenbilanz, die der Geschichtswissenschaftler nach 15 Monaten Arbeit zum Thema „Unterstützende Mittel - Doping im Sportsystem der DDR und die Rolle der pharmazeutischen Industrie“ zog, als Tatsache. „Es gab bis auf eine Ausnahme keine speziellen Entwicklungsarbeiten bei Jenapharm zu Doping“, behauptete der emeritierte Professor. „Niemandem“, auch nicht den Mitarbeitern des Pharmaherstellers, „musste bekannt sein, dass STS 646 als Pille im Sport verabreicht wurde - außer den Trainern und den Sportlern.“ Niethammers Projekt läuft noch bis Ende 2007, es befasst sich mit Jenapharm, Produzent des Anabolikums Oral-Turinabol und weiterer Steroidsubstanzen (STS), deren größerer Teil selbst minderjährigen Athleten ohne klinische Prüfung geschweige denn Aufklärung verabreicht wurde. Eine ziemlich barbarische Angelegenheit; die Folgen in Form von Gesundheitsschäden haben die einstigen Testpersonen heute zu tragen.
Deshalb klangen viele Sätze für Experten ungeheuerlich bei dem dreitägigen Workshop, zu dem Niethammer auch anerkannte Doping-Forscher nach Schloss Dornburg bei Jena geladen hatte. „Was ist denn das für eine pseudowissenschaftliche Konferenz?“, wunderte sich Werner Franke, der Heidelberger Molekularbiologe. Die Strategie: Die Niethammer-Truppe wollte offensichtlich einen Persilschein ausstellen. Demnach war die Firma Jenapharm nur ein pillendrehendes Serviceunternehmen und ihre Forscher Deppen, die vom illegalen Einsatz der männlichen Hormone im rechtsfreien Raum des ostdeutschen Spitzensports nichts mitbekommen mussten.

Schuld und Verantwortung
Es existieren genügend Belege für die bizarren Verdienste der Jenapharm-Wissenschaftler an der Hormonfront. Von Forschungsdirektor Professor Michael Oettel stammt etwa der Vorschlag zur Steroidapplikation per Nasenspray zwecks Leistungssteigerung. Auch die Danksagung ist überliefert: Probleme wegen der „schlechten Löslichkeit der Substanz“ konnten „durch engagierte Mitarbeit des Kooperationspartners VEB Jenapharm gelöst werden. Es wurde ein verträgliches Spray kurzfristig entwickelt“. Tiermediziner Oettel, bis 2003 in Diensten von Jenapharm, interessierte sich 1984 auch dafür, wie „den Virilisierungs-Erscheinungen bei Sportlerinnen unter Anabolikaabgabe entgegenzuwirken“ sei. Rainer Hartwich, Abteilungsleiter für Klinische Forschung, warnte 1987: Jeder Jenapharm-Mitarbeiter, der an der Herstellung der illegalen Substanzen beteiligt sei, könne „auf den Einsatz beim Sonderbedarfsträger“ schließen - also im Sport.
Niethammers Behauptungen wären also keine Zeile wert, böte das Jenaer Projekt nicht ein Lehrstück über das heikle Verhältnis von Auftragsforschung und historischer Wahrheit. Denn Finanzier ist die mittlerweile zum Bayer-Konzern gehörende Jenapharm GmbH. Niethammer war Berater der Regierung Schröder im Streit um die Entschädigung von Zwangsarbeitern, sollte sich also auskennen in Fragen von Schuld und Verantwortung. Der westdeutsche Historiker durfte schon 1986/87 als Gastforscher Oral-History-Befragungen in ostdeutschen Industriestädten durchführen, bevor er 1993 den Lehrstuhl für Zeitgeschichte in Jena besetzte. Nun geht es wieder um Verantwortung und Schuld - vor dem Hintergrund eines Rechtsstreits zwischen Jenapharm und Dopingopfern.
Nur diese Gemengelage konnte erklären, wie Belege für Jenapharms Verstrickung als „scheinkonkret“ abgetan und statt dessen „eine Diffusion der Verantwortung“ ausgemacht wurde. Niethammer meinte, es lasse sich „nicht so genau prüfen, wo außerhalb der Politik noch Verantwortung von Einzelnen“ für Doping-Staatsplan 14.25 liege. Er ignorierte so Gerichtsurteile gegen Ärzte und Trainer und stellte das Zwangsdoping in Frage. Verantwortung, tat er noch kund, trügen „zu einem erheblichen Teil auch die Sportler“.
Derlei sagt viel darüber, wie marode sich interessengelenkte Geschichtsschreibung im Jahr 16 der Einheit präsentieren kann. Die Opfer anzuerkennen, ist noch längst keine Selbstverständlichkeit. Denn wo sie fehlen, existieren keine Täter. Es gibt keine klare Verantwortung - und kaum Zweifel am einst allzu milden Blick bundesdeutscher Ost-Forscher. Auf dieser Linie lagen auch Workshop-Referate, die nach der „kulturhistorischen Wahrnehmung“ des Dopings fragten, aber nur den ideologisch begründeten Zugriff der Diktatur aufs Athletenmaterial verstellten. „Sagen Sie das mal den Frauen mit den tiefen Stimmen“, kommentierte Buchautorin Brigitte Berendonk die Reflektionen über eine angebliche sozialistische Utopie von der Schönheit des Körpers.
Erst vor wenigen Tagen beauftragte Jenapharm die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer mit der Abwehr von Entschädigungsforderungen von Dopingopfern. Geschäftsführerin Isabel Rothe sagte dieser Zeitung, die Kanzlei verfüge „über die notwendige Expertise und entsprechende Kapazitäten“ gegen eine Vielzahl von Einzelklagen. Den absehbaren finanziellen Aufwand nannte ein Workshopteilnehmer in Jena „obszön“. Das kann so stehen bleiben. Auch für die Alibiveranstaltung auf Schloss Dornburg.

04. Dezember 2006 FAZ

Bleiben Opfern nur tausend Euro?

Wie weit entfernt voneinander der Alltag der Geschädigten des DDR-Dopings und der Wissenschaftler ist, die sich hauptberuflich mit just diesen Manipulationen beschäftigen, ist am Wochenende deutlich geworden. Da nämlich schlug die an Leib und Seele versehrte ehemalige Volleyballspielerin Katarina Bullin in Berlin Alarm. Die 9.250 Euro, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ihr und etwa 180 weiteren Dopingopfern zahlen wolle, würden mit ihrer Sozialhilfe verrechnet werden, sagte sie. Deshalb werde sie lediglich knapp tausend Euro davon erhalten.
Michael Vesper, Generaldirektor des DOSB, kennt das Problem. Schließlich lebt aufgrund chronischer Schmerzen und Schädigungen und daraus resultierender Arbeitsunfähigkeit mindestens jedes dritte Opfer des Dopings von Sozialhilfe. Für die Vereinbarung, sagte Vesper der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, habe man deshalb eine Formulierung gefunden, die den humanitären Charakter der Zahlung deutlich mache. Er erwarte, daß dies anerkannt werde, denn es wäre absurd, subventionierte der Sport die Bundesagentur für Arbeit, anstatt den Betroffenen zu helfen. Die Vereinbarung soll noch in dieser Woche öffentlich vorgestellt werden.

Flächendeckende Prozesse
Dem früher Volkseigenen Betrieb Jenapharm, der in der DDR eine Vielzahl hormoneller Dopingsubstanzen herstellte und der deshalb von Dopingopfern auf Schadensersatz verklagt wird, ist unterdessen die Zuständigkeit für dieses Thema entzogen worden. Im Auftrag der Bayer Leverkusen AG, die Schering und damit dessen Nachwende-Erwerbung Jenapharm übernommen hat, meldete sich in der vergangenen Woche die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer bei Rechtsanwalt Manfred Lehner, der einen Teil der Dopinggeschädigten vertritt, und kündigte an, im Falle einer Klage jeden der 180 angezeigten Dopingfälle dort verhandeln zu wollen, wo tatsächlich gedopt wurde. Nun werde flächendeckend prozessiert werden, folgerte daraus kämpferisch der Experte Werner Franke, „von Chemnitz bis Rostock“.

Franke „auf Feindesland“
Der Mikrobiologe und Krebsforscher Franke, der das systematische Doping der DDR aufdeckte, war am Wochenende mittelbar Gast von Jenapharm, als er auf Schloß Dornburg bei Jena eine Tagung des Historikers Lutz Niethammer besuchte. Dieser präsentierte im Rahmen der Thematik „Doping in Ost und West von 1960 bis 1990“ den Zwischenstand seines Forschungsprojektes zum Thema Doping und Jenapharm, welches das Unternehmen mit 300.000 Euro finanziert.
„Ich bin hier auf Feindesland!“ rief Franke schon am ersten Tag empört, als seine Redezeit abgelaufen, sein Vortrag aber noch nicht zu Ende war. Am Ende nannte er die Veranstaltung „ein Gefälligkeitsgutachten“. „Es ist eine Verhöhnung der Teilnehmer, wenn man ihnen sagt: Wir wissen schon alles“, sagte er. Der Chirurg Klaus Zöllig, Vorsitzender des Dopingopfer-Hilfevereins, konstatierte: „Man kommt sich vor wie am Institut für korrigierende und korrumpierende Geschichtsforschung. Hier ist niemals die Rede von den Opfern gewesen. Diese Veranstaltung war der Versuch, Jenapharm reinzuwaschen.“

Vergleich mit der Viehzucht
In der Tat erschien es vor allem den Medizinern und Naturwissenschaftlern, die die gravierenden Folgen von Doping kennen und mit großem Engagement zu lindern versuchen, befremdlich, Praktiken kulturhistorisch zu überhöhen, zu denen das Zwangsdoping von Kindern gehörte. Zumal wenn es, wie in Schloß Dornburg geschehen, in einem Exkurs über die Industrialisierung von Natur und Körper beiläufig der hormonellen Brunstsynchronisation in der Viehzucht der DDR gegenübergestellt wird.
Dies verärgerte Zöllig und Franke um so mehr, als Niethammer den geschädigten Sportlern als den Objekten der Manipulation das Recht verweigerte, sich zu äußern. Der renommierte Vertreter der „oral history“ mußte sogar einräumen, daß für die Befragung des wichtigsten Zeugen für die Rolle von Jenapharm beim Doping, des einstigen Leiters der klinischen Forschung im Unternehmen, Rainer Hartwich, in fünfzehn Monaten Projektdauer noch keine Zeit gewesen war. Hartwich, in einer Privatklinik in Thüringen, also in der Nachbarschaft beschäftigt, hat schon vor Jahren öffentlich seine persönliche und die Verantwortung von Jenapharm eingeräumt.

Ist niemand verantwortlich?
Das paßt ganz offensichtlich nicht zur Forschung Niethammers. Die „Diffusion der Verantwortlichkeiten in autoritären Kollektiven“ steht im Mittelpunkt der Arbeit seines wissenschaftlichen Mitarbeiters Klaus Latzel. Niemand sei verantwortlich, kommt bei so etwas heraus, jedenfalls niemand bei Jenapharm. Der VEB habe niemals Dopingforschung betrieben, behauptete Latzel zudem, und nur auf Anweisung gehandelt.
Statt Betroffene und Beteiligte baten die Historiker im Auftrag von Jenapharm zum Beispiel Referenten zum Vortrag, die behaupteten, Vierzehnjährige hätten die Chance gehabt, aus eigenem Antrieb aus Dopingsystem auszusteigen. Einer beendete seinen Beitrag mit der realitätsfernen Parole: „Ehrliche Kameradschaft statt Anabolika!“
Text: F.A.Z.