Das Stichwort BAYER liest
Zwei aktuelle Bücher beschäftigen sich mit Themen, die schon einmal mehr Aufmerksamkeit erfahren haben. „Klima Bullshit Bingo“ nimmt sich – nomen est omen – den Klimaschutz und seine FeindInnen vor und „Unsere entscheidenden Jahre“ dazu noch Wasser, Boden, Luft sowie die Biodiversität. Beide wählen dazu ungewöhnliche Ansätze, von denen allerdings nicht alle zu überzeugen wissen.
Von Sibylle Arians
Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund. So wie Martin Häusler UN-Generalsekretär Antonio Guterres zitiert mit dem drastischen, an die fossile Energiebranche gerichteten Vorwurf, sie halte „die Menschheit bei der Kehle“, so benennt er selbst die HaupttäterInnen des Ökozids, der in allen Sphären unseres Planeten seit Jahrzehnten stattfindet: Das sind die Vorstände der Konzerne, unter Mittäterschaft von willfährigen Regierungen, unkritischer Presse und zahllosen LobbyistInnen. Im Tauziehen um die Zukunft der Erde als von Menschen bewohnbarem Planeten kann Häusler zufolge nur noch durch unseren massiven Widerstand eine Wende zum Guten erreicht werden. Das wird nicht leicht sein, denn Verführung und Irreführung der Bevölkerung sind Teil des turbokapitalistischen Systems, was es den TäterInnen erleichtert, mit dem mörderischen Treiben fortzufahren.
1974 in Leverkusen geboren, hat Häusler zahlreiche Beispiele für das zerstörerische Wirken der dort ansässigen BAYER AG selbst erlebt. Eine Reihe davon werden integriert in die umfassende Zustandsbeschreibung unseres Klimas, der Luft, der Gewässer, der Böden, der Biodiversität. Der Chemiegigant hat eine katastrophale Bilanz, beginnend mit massiven Belastungen der Gewässer bereits kurz nach der Firmengründung und sicherlich nicht endend mit dem tagtäglichen Ablassen immenser Pestizid-Rückstände vom Leverkusener Chempark aus in den Rhein.
Jedoch ist das Buch nicht vorrangig eine Abrechnung mit der Dreckschleuder vor der Haustür seiner Kindheit und Jugend, denn der BAYER-Konzern ist nur einer von zahlreichen Multis, die wissentlich ihre Profite auf der Basis von Schädigung von Leib und Leben und Raubbau an der Natur machen. Die Fragen, denen der Autor nachgeht, benennt schon der Untertitel: „Welche Grenzen überschritten sind, wo wir noch gestalten können, wer uns daran hindert“. Und die Antworten, die Martin Häusler findet, sind belastbar, denn er belegt alles sorgfältig mit Quellen-Hinweisen. Dass das trotzdem keine trockene Lektüre wird, dafür sorgen die ungewöhnlichen und lebendigen Illustrationen von Ramona Rosa.
Wer uns daran hindert, die Welt zu retten? Die beinahe ganz fehlende Regulierung der Konzerne durch Politik und Justiz. Wir haben ein gestörtes Gleichgewicht, eine Dynamik, die die Ungleichheit zwischen Besitzenden und Habenichtsen wachsen statt schrumpfen lässt. Dem müssen wir alle unseren Widerstand entgegensetzen: „Die Zeit der Manager ist abgelaufen, nicht unsere!“
„Klima Bullshit Bingo“
Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Jan Hegenberg in seinem Buch: KLIMA BULLSHIT BINGO. Er liefert teils sehr gute Argumentationshilfen gegenüber gängigen Parolen von KlimaskeptikerInnen und -leugnerInnen sowie den VerteidigerInnen des Status quo um jeden Preis. Sein salopper Stil ist Geschmackssache. Das aber, was mich bei dem Buch stört, ist, dass häufig das entscheidende Argument hinter einem „Salat“ aus Gedankenschnipseln und Analogien versteckt ist, die sich mir nur schwer erschließen und teilweise auch de facto nicht schlüssig sind. Das mag ein Generationenproblem sein oder daran liegen, dass unsere Temperamente und Humor-Auffassungen nicht recht zueinanderpassen, aber KLIMA BULLSHIT BINGO wäre mit weniger als dem halben Umfang ausgekommen, wenn Hegenberg sich auf Fakten und Argumente beschränkt hätte, was sicher auch dem Gebrauchswert des Buches gutgetan hätte: Meines Erachtens lassen sich die BedenkenträgerInnen nicht überzeugen, indem man sie „vorführt“. Entweder widerlegt man sie sachlich und, ja, wertschätzend, oder man kann sich das Gespräch gleich schenken.
Nett: Die QR-Codes am Ende der jeweiligen Kapitel führen zu Seiten des Autors selbst, auf denen vorformulierte Entgegnungen zu den kritisierten Stammtischparolen zu finden sind.
Nützlich: Der QR-Code am Ende des Quellenverzeichnisses, der zu über 240 Webseiten führt und es einem erspart, händisch elend lange URLs abtippen zu müssen.
Ungewöhnlich: Bei nur zwei oder drei Quellen handelt es sich um Bücher anderer Autoren.
Irritierend: Der eine oder andere Logiksprung
Wohltuend: Dass zahlreiche Stellschrauben aufgezeigt werden, mit denen wir ressourcen- und klimaschonender leben könnten.
Großes Manko: Der von Hegenberg vertretene Optimismus liest sich so, als wäre es ein Kinderspiel, unseren Lebensstil an die planetaren Grenzen anzupassen. Dabei unterschlägt er, dass es wirkmächtige Interessen und Interessenten gibt, die das nicht wollen und dem Planeten und seinen BewohnerInnen schon seit Langem den Kampf angesagt haben. Die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird nicht benannt als wesentlicher Faktor des Ökozids, in dem wir stecken. Somit fehlt die Benennung dessen, was es wirklich zu bekämpfen gilt. Ebenso fehlt die klare Ansage, dass der Kampf um die Zukunft des Lebens auf unserem Planeten absolut dringlich ist, weil wir diesen sonst verlieren – trotz des wunderbaren Potenzials, das „wir“ hätten, wenn „wir“ wirklich „wir“ wären. Zu verharmlosen, wie bedrohlich die Situation ist, unterstützt indirekt die VerursacherInnen des globalen Ökozids.
Hätte ich zu entscheiden, welches der beiden Bücher es auf die Bestseller-Liste des SPIEGEL kommt, so wäre meine Wahl auf Martin Häusler gefallen. ⎜