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Die „Operation Ranch Hand“

CBG Redaktion

Agent Orange & Co.

Vor 50 Jahren endete der Vietnam-Krieg. Über drei Millionen Menschen verloren durch die Kämpfe ihr Leben. Als besonders verheerend erwies sich der Einsatz von Agent Orange. Einer der Hauptproduzenten des zur Chemie-Waffe umfunktionierten Herbizids: Die jetzige BAYER-Tochter MONSANTO.

Von Jan Pehrke

Mit der Einnahme Saigons durch die nordvietnamesischen Truppen am 30. April 1975 endete der Vietnam-Krieg. Die Bilanz: über drei Millionen Tote auf vietnamesischer Seite, davon vier Mal so viel ZivilistInnen wie Soldaten, und 58.000 tote US-Kämpfer. Auf das südostasiatische Land gingen sieben Millionen Tonnen Bomben nieder – das 2- bis 3-Fache der im gesamten 2. Weltkrieg abgeworfenen Menge. 

Als besonders tückisch erwies sich der „Herbicidal warfare“ mit Agent Orange und anderen Pestiziden. „Sie versprühten so viel Agent Orange, dass man am Ende ganz nass war“, erinnert sich die Franco-Vietnamesin Tran To Nga an den Tag im Dezember 1966, an dem sie zum ersten Mal mit dem Herbizid in Berührung kam. Transportmaschinen des Typs Fairchild C-123 hatten sich im Tiefflug genähert und ein weißes Pulver herabrieseln lassen. „Das Puder verwandelte sich in eine klebrige Flüssigkeit, die meinen Körper umschloss. Ich musste husten und hatte das Gefühl zu ersticken“, so die 83-Jährige. 

Die US-Armee nutzte den Stoff als Entlaubungsmittel, um die sich im Dschungel verborgen haltenden Vietcong besser vor die Zielfernrohre zu bekommen. Überdies diente er dem Kriegsziel, die Ernten des Gegners zu vernichten und so eine Nahrungsmittel-Krise auszulösen. Eine Fläche von 3,3 Millionen Hektar geriet ins Visier der Sprüh-Flugzeuge, was einem Viertel des Staates entspricht. Über 3.000 Dörfer flogen die Piloten an. Nicht weniger als 46 Millionen Liter Agent Orange und dazu noch einmal 34 Millionen Liter anderer Pestizide gingen von 1962 bis 1971 im Zuge der „Operation Ranch Hand“ auf den südostasiatischen Staat nieder. 

Die Nachfrage des „U. S. Chemical Corps“ war so groß, dass die Konzerne mit der Produktion gar nicht mehr nachkamen und bei der Fertigung Fehler machten. Sie verunreinigten das 2,4,5-T mit Dioxin. 400 Kilogramm dieser Verbindung gelangte auf diese Weise nach Vietnam. Zum Vergleich: Nach einer von Marie-Monique Robin in ihrem Buch „Mit Gift und Genen“ zitierten Studie reichen 80 Gramm der Substanz im Trinkwasser-Netz einer Stadt aus, um acht Millionen EinwohnerInnen zu töten. Durch diese Extra-Ladung Dioxin potenzierte sich die fatale Wirkung des Agent Orange noch, die ohnehin schon immens war. Die Konzentration der Inhaltsstoffe überstieg nämlich diejenige, die sich in dem für „zivile“ Zwecke genutzten Agent Orange findet, um das 50-Fache. 

Die Strategie, Antiunkraut-Mittel und andere Pestizide als Chemiewaffen einzusetzen, entwickelten die britischen Streitkräfte 1940. Anfang der 1950er Jahre erprobten sie den „Herbicidal warfare“ dann im Kampf gegen die malaysische Befreiungsbewegung. Aber erst der Vietnam-Krieg brachte das ganze zerstörerische Potenzial dieser militärischen Praxis ganz zur Entfaltung. 

Zahlreiche Chemie-Multis leisteten dabei Schützenhilfe. Mit die größten Rüstungslieferungen stammten von MONSANTO. Bereits seit 1950 befand sich das Unternehmen im regen Austausch mit der Chemiewaffen-Abteilung des US-Militärs über die Kriegsverwendungsfähigkeit des Wirkstoffs 2,4,5-T. Die entsprechende Akte ist 597 Seiten stark und zu großen Teilen immer noch als „geheim“ deklariert. Überdies wusste der Multi schon früh um die Gefährlichkeit des Stoffes. Aber bei einem Treffen mit weiteren Herstellern des Produkts zur Erörterung der Gesundheitsgefahren übte MONSANTO Druck auf die VertreterInnen anderer Firmen aus, der Regierung der Vereinigten Staaten diese Risiken zu verheimlichen. „Ein kausaler Zusammenhang zwischen Agent Orange und chronischen Krankheiten beim Menschen konnte nicht nachgewiesen werden“, behauptete der Agro-Riese stets in der Öffentlichkeit. Und auf seiner Website stand früher die Rechtfertigung zu lesen, die Flugzeuge hätten das Herbizid versprüht, „um das Leben der US-Soldaten und ihrer Verbündeter zu schützen und zu retten“. 

Seit 2018 gehört MONSANTO zum BAYER-Konzern. Aber auch der will für Agent Orange keine Verantwortung übernehmen. „Es war die US-Regierung, die die Spezifikationen für die Herstellung des Entlaubungsmittels Agent Orange entwickelte und vorgegeben hat, wann, wo und wie es eingesetzt wird. Agent Orange wurde ausschließlich für den militärischen Einsatz auf Anweisung der Regierung von MONSANTO hergestellt“, lautete auf der letzten Hauptversammlung die Antwort an Tricia Euvrard vom „Collectif Vietnam Dioxine“. 

Zwar gilt BAYER seit dem Ersten Weltkrieg als „Erfinder der Chemiewaffe“ und war bis weit in die 1980er Jahre hinein bekannt als „weltweit führender Chemiewaffen-Konzern“, aber das Pentagon direkt oder über das mit MONSANTO seit 1954 betriebene Gemeinschaftsunternehmen MOBAY mit Agent Orange beliefert zu haben, bestreitet der Leverkusener Multi seit 2016 mit windiger Argumentation. Die Produktion von Agent-Orange-Bestandteilen und anderen Pestiziden für die Kriegsverwendung hingegen nicht. So stellte der Global Player jährlich 700 bis 800 Tonnen des „Agent Orange“-Grundstoffes 2,4,5-T her und verkaufte einen Teil davon an die französische Firma PROGIL. Diese wiederum verarbeitete es weiter und exportierte es nach Vietnam. Eine Aktennotiz der BOEHRINGER AG belegt dies: „BAYER und PROGIL haben auf dem 2,4,5-T-Sektor seit Jahren (Vietnam) zusammengearbeitet“. Der Global Player verleugnet diese Kooperation nicht, hält allerdings fest: „Über die weitere Verwendung des Wirkstoffes bei der PROGIL liegen keine Erkenntnisse vor.“ In einer früheren Äußerung zu diesem Thema räumt er hingegen durchaus die Möglichkeit ein, „dass Tochter-Unternehmen beziehungsweise Drittfirmen 2,4,5-T-haltige Pflanzenbehandlungsmittel auf den amerikanischen Markt brachten“. 

Andere ebenfalls als Kampfstoffe einsetzbare Agro-Chemikalien wie Agent Green, Zineb und Dalapon veräußerte das Unternehmen dem US-Militär ebenfalls. Teilweise legten die Substanzen dabei einen weiten Weg zurück. Einige von ihnen gelangten über Konzern-Niederlassungen in den damals autoritär regierten Staaten Spanien und Südafrika zur US-Tochter CHEMAGRO und von dort dann zu den Militärbasen. Die Zeitschrift International Defense Business konnte für das Jahr 1972 sogar genau den Wert von BAYERs Kriegsbeitrag beziffern: Rund eine Million Euro stellte die Aktiengesellschaft für die verschiedenen Chemikalien in Rechnung. ExpertInnen des Unternehmens standen der US-Army gemeinsam mit ihren Kollegen von HOECHST aber auch direkt vor Ort mit Rat und Tat zur Seite. Als medizinische HelferInnen getarnt, arbeiteten sie dem US-amerikanischen Planungsbüro für B- und C-Waffeneinsätze in Saigon zu. Die transatlantische Kooperation vermochte sich dabei sogar auf alte Verbindungen zu stützen: Die Abstimmung zwischen den US-amerikanischen und bundesdeutschen Chemie-Firmen übernahm die General Aniline and Film Corporation, eine ehemalige US-Tochter der I.G. FARBEN. 

Mehr als 4,8 Millionen Vietnamesen waren den zu Chemiewaffen umgerüsteten Pestiziden ausgesetzt. Drei Millionen von ihnen leiden noch heute darunter. Krankheiten wie Leukämie, Lungen-, Brust- und Leberkrebs, Diabetes, Tuberkulose und chronische Kopfschmerzen lösten die Mittel aus. Über 100.000 Kinder kamen mit Fehlbildungen auf die Welt. 

Auch viele GIs erlitten durch Agent Orange Gesundheitsstörungen und führten so MONSANTOs patriotischer Beteuerung, der Einsatz des Mittels sei erfolgt, „um das Leben der US-Soldaten und ihrer Verbündeter zu schützen und zu retten“, ad absurdum. Die Armee-Angehörigen zogen vor Gericht, um die Konzerne zur Rechenschaft zu ziehen. 180 Millionen Dollar musste MONSANTO ihnen 1984 gemeinsam anderen Chemie-Riesen im Rahmen eines Vergleichs zahlen und fast die Hälfte der Summe selbst aufbringen, da sein Agent Orange den höchsten Dioxingehalt aufwies. 

VietnamesInnen haben dagegen überhaupt noch kein Geld von den Produzenten der Pestizide erhalten. Eine entsprechende Klage wies der Oberste Gerichtshof der USA im Jahr 2009 ab. Tran To Nga versucht es jetzt in Frankreich. Sie zog gegen MONSANTO und 13 weitere Unternehmen vor Gericht, denn ihr Leben ist durch Agent Orange tief gezeichnet. Die Franco-Vietnamesin leidet unter der Blutkrankheit Alpha-Thalassämie, unter Chlorakne und einer Herzfehlbildung, die sie ihrer ersten Tochter weitervererbte. Schon nach 17 Monaten starb das Kind daran. Auch die anderen beiden Töchter Trans haben an Agent Orange noch schwer zu tragen. 

Den ersten Prozess verlor Tran To Nga. Das Berufungsverfahren ging im August 2024 ebenfalls zu Gunsten der Konzerne aus. Die RichterInnen billigten ihnen einen Immunitätsstatus zu, weil sie im Auftrag eines souveränen Landes – den USA – handelten. Die vietnamesische Regierung reagierte umgehend darauf. „Vietnam bedauert das Urteil des Pariser Berufungsgerichts und hat seine Haltung in dieser Angelegenheit wiederholt zum Ausdruck gebracht. Obwohl der Krieg beendet ist, haben seine schwerwiegenden Folgen weiterhin tiefgreifende Auswirkungen auf unser Land und unsere Bevölkerung, einschließlich der langfristigen und schwerwiegenden Folgen von AO/Dioxin“, hieß es aus Hanoi. 

Tran To Nga ließ sich von der Entscheidung nicht entmutigen. Sie kündigte an, vor das französische Verfassungsgericht zu ziehen. „Es ist nicht nur mein Kampf, sondern auch der von Millionen von Opfern“, sagt sie.