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Veröffentliche Beiträge in “SWB 03/25”

Ticker 3/25

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

Aktion gegen den EU-Mercosur-Deal

Unter der Losung „Giftigen Handel verhindern – EU-Mercosur-Abkommen stoppen“ führte das Netzwerk Gerechter Welthandel am 24. Juni 2025 in Berlin vor dem „Bundesministerium für Wirtschaft und Energie“ eine Aktion durch. Anlässe gab es gleich mehrere. Zum einen fand an dem Tag in Brüssel eine öffentliche Anhörung des Handelsausschusses des EU-Parlaments zum Deal statt und zum anderem kündigte die EU-Kommission in der Woche an, den Mitgliedsländern den endgültigen Vertragstext vorzulegen. Bis zum Ende des Jahres will sie alle Unterschriften beisammenhaben. 

Das Netzwerk, dem auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN angehört, führte die Risiken und Nebenwirkungen des Übereinkommens plastisch in einem kleinen Aktionstheater vor Augen. In den Hauptrollen:  ManagerInnen von BAYER und BASF als Ackergift-HändlerInnen, die sich von dem Abkommen noch einmal bessere Geschäfte erhoffen und in den Statisten-Rollen als Handlanger von BAYER & Co. Friedrich Merz, Ursula von der Leyen und Lula da Silva.

Input für UN-Bericht

Der Sonderbeauftragte der UN für das Recht auf Nahrung, der Kanadier Michael Fakhri, bereitet einen Bericht über die Gefährdung der Versorgungssicherheit durch Big Agro vor. Auch Initiativen bat er um Beiträge zur „Konzentration der Konzern-Macht im globalen Lebensmittelsektor und seine Auswirkungen auf die Verwirklichung des Rechts auf Nahrung“. Die Menschenrechtsorganisation FIAN schlug der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) eine gemeinsame Eingabe vor, und die Coordination willigte ein. Sie übernahm dabei den Part, die Risiken und Nebenwirkungen der oligopol-haften Strukturen in den Bereichen „Agro-Chemie“, „Gentechnik“ und „Saatgut“ darzulegen. 

So widmete sich die CBG etwa Glyphosat, zu dem es immer noch keine weniger gesundheitsschädlichen Alternativen gibt, die auch aus anderen Gründen wichtig wären. BAYERs Milliardenseller – der Konzern zeichnet für 40 Prozent der weltweiten Produktion verantwortlich – verliert nämlich immer mehr an Wirksamkeit, weil sich Wildpflanzen zunehmend auf das Mittel einstellen. Warum kein Nachfolger in Sicht ist, weiß nach Ansicht der CBG der Leverkusener Multi selbst am besten. Darum zitierte sie den einstigen BAYER-Forscher Dr. Hermann Stübler mit einem Statement aus dem Jahr 2012: „Seit über 25 Jahren hat die weltweite Pflanzenschutz-Industrie kein wirtschaftlich bedeutendes Herbizid mit neuem Wirkmechanismus mehr für Flächen-Kulturen entwickelt und auf den Markt gebracht – unter anderem eine Folge der Konsolidierung der Industrie, die mit einer deutlichen Reduktion der Forschungsaufwendungen für neue Herbizide einherging.“

FIAN hingegen beschäftigte sich hauptsächlich mit den Alternativen zum bestehenden System und beschrieb Konzepte wie die „Solidarische Landwirtschaft“, Food-Kooperativen, Bäckerei-Zusammenschlüsse, Regionalbewegungen und genossenschaftliche Modelle der Landnutzung.

Im Oktober 2025 will Michael Fakhri der Vollversammlung der Vereinten Nationen den fertigen Bericht vorlegen.

Tag der Arbeitslosigkeit

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) nahm den „Tag der Arbeit“ am 1. Mai 2025 zum Anlass, um auf die problematische Situation der Beschäftigten bei BAYER aufmerksam zu machen. So wies sie auf die 11.000 Arbeitsplätze hin, die das zwei Milliarden Euro schwere Rationalisierungsprogramm „Dynamic Shared Ownership“ seit seinem Start Anfang 2024 bereits vernichtet hat. Um nicht weniger als zehn Prozent schrumpfte die Belegschaft seither. 

Damit nicht genug, steht es auch mit den Arbeitsbedingungen beim Leverkusener Multi nicht gerade zum Besten. Der aktuelle Bericht zum Lieferkettensorgfaltspflichten-Gesetz führt 79 Meldungen über Arbeitsschutz-Verletzungen und Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz auf. Und bei den 63 Meldungen, die Zulieferer von BAYER betreffen, kommen erschwerend noch Lohnraub und Diskriminierung am Arbeitsplatz hinzu.

„Die Lage der BAYER-Beschäftigten ist prekär. Ihre Rechte gilt es zu stärken. Dazu braucht es aber eine selbstbewusste IG Bergbau, Chemie und Energie, die nicht länger auf Co-Management setzt“, hieß es in der Pressemitteilung der CBG zum 1. Mai.

Die CBG zum Tag der Befreiung

Am 8. Mai 2025 jährte sich der Tag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus zum 80. Mal. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) wies im Zuge dieses Datums auf die fatale Rolle hin, die die von BAYER mitgegründete I.G. FARBEN im „Dritten Reich“ gespielt hat. Sie diente dem Hitler-Regime durch üppige Parteispenden an die NSDAP schon als Steigbügelhalter und bildete fortan das industrielle Rückgrat der Diktatur. Auch übernahmen I.G.-Obere wichtige Funktionen im NS-Staat. So fungierten sie beispielsweise als Wehrwirtschaftsführer. Überdies arbeitete die Interessensgemeinschaft die Blaupause für den Vierjahresplan aus, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft kriegstüchtig machten. Als es dann 1939 so weit war, konnte das Unternehmen die Armee fast alleine ausstatten. Im Schlepptau der Raubzüge nahm es sofort die chemischen Anlagen der überfallenden Länder in Beschlag. Zudem betätigten sich Beschäftigte der Auslandsniederlassungen als SpionInnen und fertigten Karten-Material für Bombenangriffe an. 

An der NS-Vernichtungspolitik wirkte die I.G. FARBEN ebenfalls mit. Ihre Tochterfirma DEGESCH lieferte den Nazis mit Zyklon B die grausamste Mordwaffe. Zudem errichtete der Konzern in unmittelbarer Nähe zu Auschwitz ein eigenes Werk, um beim Bau auf ZwangsarbeiterInnen zugreifen zu können. Später unterhielt er in der Nähe der Baustelle sogar ein firmen-eigenes KZ. Damit nicht genug, dienten die Häftlinge der I.G. auch noch als Versuchskaninchen für medizinische Experimente. 

„Sollte es zu Wirtschaftsklagen kommen, würde das Material den Verteidigern den Schlaf rauben“, schwante deshalb dem I.G.-Vorstandsmitglied Georg von Schnitzler. Und zunächst sah es auch ganz danach aus. Aber es kam anders. Die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse widmeten der I.G. FARBEN zwar einen eigenen Verfahrensstrang, und von den 23 angeklagten Managern landeten auch 13 im Gefängnis, sie mussten ihre Haftstrafen allerdings nicht voll abbüßen. Die Zeiten hatten sich nämlich geändert. Im Zuge des Kalten Krieges erfolgte nicht wie ursprünglich vorgesehen eine radikale Zerschlagung des Mörder-Kombinats. Es blieb bei einer Entflechtung, die die tragenden Säulen BAYER, BASF und HOECHST unangetastet ließ. Resultat: Kaum 20 Jahre nach dem Neustart erreichten die drei Gesellschaften für sich allein eine Größe, die derjenigen der I.G. FARBEN in ihren besten Zeiten entsprach. 

CBG bei Wasserkonferenz

Vom 21. bis zum 23. März 2025 fand die Konferenz „Wasser.Klima.Gerechtigkeit“ statt. Und da der BAYER-Konzern ein großer Wassernutzer und -verschmutzer ist, war auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) gefragt. Sie bot zusammen mit BLOCK BAYER den Workshop „BAYER und das Wasser“ an. CBG-Vorstand Jan Pehrke referierte dort über die Bedeutung des Wassers als Ressource und Müllschlucker für die Chemie-Industrie und unternahm einen Schnelldurchlauf durch alle Protestaktionen der Coordination zu diesem Thema. Von den Protesten gegen die Dünnsäure-Verklappung in der Nordsee in den 1980er Jahren über die Mitorganisation des Wasser-Tribunals in Rotterdam bis hin zur Unterstützung von LandwirtInnen, deren Brunnen durch den großen Wasserdurst von BAYER austrockneten, reichte die Palette. Im Anschluss entspann sich eine lebhafte Diskussion.

Ursprünglich sollte die Konferenz in der Kölner Universität stattfinden. Die Hochschule cancelte die Veranstaltung aber kurzfristig, so dass die „Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft“ in Alfter bei Bonn einspringen musste.

CBG auf dem Umweltfestival

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) hat am 1. Juni 2025 am Berliner Umweltfestival teilgenommen, dessen Motto dieses Jahr aus gegebenem Anlass „Jetzt erst recht! lautete. Zwischen Brandenburger Tor und Großem Stern empfingen über 200 Stände die rund 60.000 BesucherInnen. Neben der CBG waren auch ATTAC, der BUND, Greenpeace, Robin Wood, die Naturfreunde, Slow Food, Amnesty International, die Deutsche Umwelthilfe, der Weltfriedensdienst und das Aktionsbündnis Fairer Handel mit von der Partie. 

Die Coordination legte Flyer, das Stichwort BAYER und anderes Informationsmaterial aus, was Anknüpfungspunkte für viele interessante Gespräche bot. So nahm etwa eine Angestellte des Bundesumweltamtes das PFAS-Cover eines Stichwort BAYERs zum Anlass, der CBG ihr Leid über das mutmaßliche Ende des vom Bundesumweltamt maßgeblich mitgestalteten Vorschlags zu einem umfassenden EU-Verbot der Ewigkeitschemikalien zu klagen. Unter Schwarz-Rot hat dieser nun definitiv keine Zukunft mehr, bedauerte sie. Absetzbewegungen hatte es zuvor schon bei der Ampelkoalition gegeben. Und eine Brasilianerin, die aus ihrem Heimatland Mate-Tee nach Deutschland importiert, berichtete von den Anstrengungen, Glyphosat von den Pflanzen fernzuhalten. Selbstverständlich gehörte sie dann auch zu denjenigen, die ihre Unterschrift unter den „Stop Glyphosat“-Aufruf der CBG setzten.

Solidarität mit Gaby Weber

Die Journalistin Gaby Weber, eine langjährige Kooperationspartnerin der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG), wurde Opfer eines De-Bankings. Die Comdirect-Bank kündigte ihr das Konto. Gaby Weber hat den dringenden Tatverdacht, dass dieser Akt im Zusammenhang mit ihrer Arbeit steht. Sie recherchiert nämlich bereits seit Langem zu den Finanzierungsquellen von BAYERs MONSANTO-Übernahme und hat im Zuge dessen auch eine Auskunftsklage gegen die Bundesbank eingereicht, dessen ehemaliger Chef Jens Weidmann der Aufsichtsratsvorsitzender der Comdirect ist.

Darum gab die Coordination eine Solidaritätserklärung ab. „Die Konto-Kündigung kann nicht der Privat-Person Gaby Weber gegolten haben, sondern nur dem politischen Menschen Gaby Weber. Darum solidarisiert sich die Coordination gegen BAYER-Gefahren mit ihr und allen anderen, denen Ähnliches widerfuhr – und das sind nicht wenige“, hieß es darin.

Zum Hintergrund: Der Leverkusener Multi finanzierte den Erwerb des US-amerikanischen Agro-Riesen zu einem nicht geringen Teil über die Ausgabe von Unternehmensanleihen. Rund 19 Milliarden Euro hat er auf diese Weise eintreiben können. Gaby Weber hat nun die Vermutung, dass die Europäische Zentralbank (EZB) und sechs Zentralbanken der EU-Länder – darunter die Deutsche Bundesbank – BAYER dabei durch ihr im Juni 2016 angelaufenes Kaufprogramm für Unternehmensanleihen unter die Arme gegriffen haben. 

Indirekt taten die Banken das auf jeden Fall, denn die Shopping Tour – im Januar 2020 hielt allein die EZB Anleihen von Unternehmen im Wert von 183 Milliarden Euro – reduzierte durch den Nachfrage-Druck die Zinsen, welche die Global Player den KäuferInnen der Papiere zahlen mussten. Aber Weber interessierte sich auch für die direkte Unterstützung. Darum wollte sie wissen, wie viele Anleihen des Leverkusener Multis die Banken damals erwarben. Die Europäische Zentralbank und die Bundesbank mauerten aber, weshalb Weber vor Gericht zog. 

Die beiden Häuser äußerten sich nur allgemein zu dem Tatbestand und wiesen die Vorwürfe der Journalistin zurück. Sie bezeichneten deren Aussage, „dass ‚ein großer Teil der BAYER-Anleihen von der Bundesbank mit EZB-Geldern gekauft’ wurden“, als falsch. Zentral- und Bundesbank gingen vielmehr nach dem „Prinzip der Marktneutralität“ vor und achteten streng darauf, einzelne Unternehmen nicht über- oder unterzugewichten, hieß es in der Stellungnahme. Die BankerInnen räumten zwar ein, mit dem Ankauf-Programm die Finanzierungsbedingungen für die Firmen verbessert zu haben, bezeichneten dies jedoch nicht als das eigentliche Ziel der Maßnahmen. Dieses habe vielmehr darin bestanden, „eine drohende Deflation in der Eurozone abzuwenden“.

CBG beim Klimastreik

Der BAYER-Konzern stößt immens viel Kohlendioxid aus – und er zeigt auch keine Bestrebungen, das zu ändern. Seit Jahren bewegen sich seine CO2-Emissionen um die Marke von drei Millionen Tonnen pro Jahr herum. Darum beteiligte sich die Coordination gegen BAYER-Gefahren am 11. April 2025 wieder am weltweiten Klimastreik. Sie ging in Düsseldorf mit auf die Straße, wo die Demonstration am Burgplatz begann. Dort brauchten die rund 300 TeilnehmerInnen ihren Blick nur ein wenig von der Bühne weg auf den Rhein schweifen zu lassen, um die Dringlichkeit ihres Anliegens bestätigt zu finden. Der war nämlich kaum mehr ein Strom. „[D]ie niedrigsten Wasserstände seit mindestens 20 Jahren in einem April“ machte das „Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein“ aus. Darunter leidet zwar auch der Leverkusener Multi selbst, aber er sieht sich gewappnet. „Generell sind wir auf Ereignisse wie Hoch- und Niedrigwasser organisatorisch vorbereitet. Unter anderem können wir auf andere Transport-Möglichkeiten ausweichen“, verlautete aus der Unternehmenszentrale.

CBG schreibt Leserbrief

Seit Jahr und Tag bestreiten die kritischen AktionärInnen der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) mit ihren Beiträgen einen Gutteil der BAYER-Hauptversammlung. Trotzdem finden sie in der Berichterstattung der großen Zeitungen über das Ereignis zumeist keinerlei Erwähnung, ganz als ob das, was sie vorbringen, nicht zur Sache gehöre. Darüber beschwerte die CBG sich jetzt bei der FAZ und der Rheinischen Post. Dabei wies sie auch darauf hin, dass die JournalistInnen gut daran getan hätten, den RednerInnen genau zuzuhören. Als ein Beispiel nannte die Coordination René Lehnherr vom „MONSANTO-Tribunal“. Der Schweizer wies nämlich bereits im Jahr 2018 auf das juristische Risiko hin, das durch das in den USA unter dem Namen ROUNDUP vermarktete Glyphosat droht. „Wie viel Geld wird BAYER für die mehr als 5.000 Klagen amerikanischer Landwirte aufbringen, die Klagen gegen MONSANTO führen, weil sie wegen Gebrauch von ROUNDUP an einem Non-Hodgkin-Lymphom leiden? “, hatte er den Vorstand damals gefragt.

Alarmierende SLAPP-Studie

Immer wieder versuchen Unternehmen und mächtige Einzelpersonen, KritikerInnen mundtot zu machen, indem sie juristische Auseinandersetzungen entfachen und den Streitwert immens hoch ansetzen. Auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN war schon Ziel dieser sogenannten SLAPP-Klagen (SLAPP = Strategic Lawsuits Against Public Participation). 1987 zerrte der BAYER-Konzern die CBG wegen einer Passage in einem Aufruf vor Gericht, in dem es geheißen hatte: „In seiner grenzenlosen Sucht nach Gewinnen und Profiten verletzt BAYER demokratische Prinzipien, Menschenrechte und politische Fairness. Missliebige Kritiker werden bespitzelt und unter Druck gesetzt, rechte und willfährige Politiker werden unterstützt und finanziert“. Dafür forderte der Konzern unter Strafandrohung „von Ordnungshaft bis zu sechs Monaten bzw. einer Geldstrafe von bis zu DM 500.000“ eine Unterlassungserklärung. Die Sache ging bis vor das Bundesverfassungsgericht und endete 1992 schließlich mit einem Freispruch. 

Als die Rechtswissenschaftlerin Stefanie Egidy sich für eine Studie einmal systematisch mit diesem strategischen Instrument aus der Werkstatt-Kiste des Kapitals beschäftigten wollte, gab daher auch die CBG ihre Erfahrungen weiter. 

Die im März 2025 veröffentlichten Ergebnisse zeichnen ein verheerendes Bild. Von den 227 Initiativen, AktivistInnen, JournalistInnen und anderen Personen, die sich an der Untersuchung beteiligten, gaben 51 Prozent Einschüchterungsversuche zu Protokoll – und davon 43 Prozent mit SLAPP-Klagen als Mittel. 

„Besonders alarmierend ist, dass ein Drittel der Befragten angibt, durch SLAPPs – seien es Klagen oder vorgerichtliche juristische Maßnahmen – von zukünftiger öffentlicher Beteiligung abgeschreckt worden zu sein. Dies verdeutlicht, wie sehr SLAPPS den freien demokratischen Diskurs gefährden und wie dringend Handlungsbedarf gegen solchen Rechtsmissbrauch ist“, hält die Juristin fest. Die EU hat zwar eine Anti-SLAPP-Richtlinie auf den Weg gebracht, aber diese gibt lediglich Mindeststandards vor. Darum fordert Egidy, die Schutzmaßnahmen für die Betroffenen bei der Umsetzung in nationales Recht erheblich zu verstärken und z. B. Strafen für Unternehmen einzuführen, die sich Konzern-Kritik auf dem Rechtsweg entledigen wollen.

Petition gegen doppelte Standards

BAYER & Co. exportieren zahlreiche Pestizide, die innerhalb der Europäischen Union keine Zulassung (mehr) haben, unter anderem auch in afrikanische Länder. Darum hat die belgische Initiative BROEDERLIJK DELEN eine Petition initiiert, die an PolitikerInnen der Afrikanischen Union und der EU appelliert, diese Praxis der doppelten Standards zu beenden. An die Agro-Riesen richtete sich ebenfalls eine Forderung: „Die europäischen Unternehmen müssen auf die Verantwortung hingewiesen werden, die Sicherheit ihrer Produkte in jedem Land zu garantieren.“ Auch die Coordination gegen BAYER-Gefahren unterzeichnete die Petition.

Offener Brief in Sachen „Flufenacet“

Der auch von BAYER vermarktete Ackergift-Wirkstoff Flufenacet hat es in sich. Von der chemischen Struktur her ähnelt er Hormonen. Deshalb kann die Substanz den menschlichen Organismus gehörig durcheinanderwirbeln und Krankheiten wie Krebs oder Diabetes auslösen. Damit nicht genug, entsteht bei seiner Zersetzung der PFAS-Stoff Trifluoressigsäure (TFA) – kaum eine andere Ewigkeitschemikalie findet sich so ubiquitär in den Gewässern wieder. „Derzeit sind die TFA-Konzentrationen um Größenordnungen höher als die von anderen PFAS – und um Größenordnungen höher als die von anderen Pestiziden und Pestizid-Metaboliten“, konstatieren Hans Peter H. Arp und seine MitautorInnen in der Studie „The Global Threat from the irreversible Accumulation of Trifluoroacetic Acid (TFA)“. Darum hat das PESTIZID AKTIONS-NETZWERK (PAN) im November 2024 einen offenen Brief initiiert, der das sofortige Verbot von Flufenacet fordert. Und das Schreiben, das die Coordination gegen BAYER-Gefahren mitunterzeichnete, blieb nicht ohne Effekt. Es trug mit dazu bei, dass die EU das Mittel im März 2025 aus dem Verkehr zog. 

Für eine sozial-ökologische Handelspolitik!

In einem 10-Punkte-Papier fordern mehr als ein Dutzend Initiativen – darunter die Coordination gegen BAYER-Gefahren – eine Umkehr in der Handelspolitik. „Trotz mancher Reformen bleiben soziale Sicherheit, Menschenrechte, Umweltschutz und internationale Gerechtigkeit noch immer auf der Strecke, werden den dominanten Zielen der Marktöffnung und Rohstoff-Beschaffung zugunsten europäischer Konzerne unterworfen“, heißt es in dem vom NETZWERK GERECHTER WELTHANDEL initiierten Statement. Auf besondere Kritik der Organisationen stoßen die Demontage des europäischen Lieferketten-Gesetzes, das geplante EU-Mercosur-Abkommen sowie der Export von innerhalb der EU nicht (mehr) zugelassenen Pestiziden in andere Länder.

KAPITAL & ARBEIT

Zahlreiche Arbeitsschutz-Verletzungen

2024 kam es in den BAYER-Werken zu zahlreichen Verstößen gegen Vorschriften zu Arbeitsschutz und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren. 79 Fälle zählt der Lieferkettenbericht auf.

BAYERs prekäre Lieferketten

Bei den unmittelbaren Zulieferern von BAYER kam es im Jahr 2024 zu 63 Verstößen den Arbeitsschutz und arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren betreffend. Zudem gab es fünf Fälle von Diskriminierung am Arbeitsplatz, und elf Vertragspartner des Konzerns betrieben Lohnraub. 

Unter fünf Prozent Schwerbehinderte

In Deutschland müssen Unternehmen mit mehr als 20 Belegschaftsangehörigen auch Schwerbehinderte beschäftigen. Der vorgeschriebene Anteil beträgt mindestens fünf Prozent; ansonsten ist eine Ausgleichsabgabe fällig. Der BAYER-Konzern zahlte im Geschäftsjahr 2024 rund 70.000 Euro, weil nicht alle seine Tochter-Gesellschaften die Vorgabe erfüllten. Besonders düster sieht es bei der PALLAS VERSICHERUNGEN und der INVITE GmbH mit null Prozent, JENAPHARM (1,08 Prozent), BAYER INTELLECTUAL PROPERTY GmbH (2,1 Prozent) und der BAYER BITTERFELD GmbH (2,84 Prozent) aus.

IG BCE verliert Mitglieder

Die Mitgliederzahl der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE reduzierte sich von 2023 auf 2024 von 566.560 auf 560.583, was Teil einer längerfristigen Entwicklung ist. Von 2005 bis 2024 verlor die Gewerkschaft 24 Prozent ihrer Mitglieder.

I.G. FARBEN & HEUTE

BAYER & Co. räumen Mitschuld ein

Auf Initiative des BAYER-Konzerns haben 49 Firmen zum 80. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus eine Erklärung veröffentlicht, in der sie sich zu ihrer Mitschuld an der Terror-Herrschaft bekennen. „Deutsche Unternehmen trugen dazu bei, die Herrschaft der Nationalsozialisten zu festigen. Auf ihren eigenen Vorteil bedacht, waren viele Unternehmen und ihre damaligen Akteure verstrickt“, konstatieren die Firmen. Sie ziehen daraus die Lehre, „die Zerbrechlichkeit der Demokratie immer wieder zu erkennen“ und Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit und Freiheit zu schützen.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) begrüßte diese Stellungnahme. Allerdings kritisierte sie den Leverkusener Multi für die nur halbherzige Aufarbeitung seiner Vergangenheit. So widmet er der Zeit des Nationalsozialismus auf seiner Website keinen eigenen Abschnitt. Stattdessen behandelt der Global Player sie als einen Abschnitt der Periode, die er mit dem Jahr 1925 beginnen und 1945 enden lässt. 

Darüber hinaus spielt der Konzern die aktive Rolle herunter, die die von ihm mitgegründete I. G. FARBEN in der Diktatur gespielt hat. Das Regime habe die I.G. „als einen der ‚kriegs- und lebenswichtigen‘ Betriebe der deutschen Wirtschaft“ eingestuft, steht da zu lesen. Dabei war es die Interessensgemeinschaft, die die Blaupause für den Vierjahresplan erarbeitete, mit dem Hitler & Co. die Wirtschaft kriegstüchtig machten. Auch weist die Darstellung viele Lücken auf: kein Wort zu den Wahlkampf-Spenden an die NSDAP, kein Wort zur Einbindung von I.G.-Managern in das NS-System, kein Wort zu Zyklon B und kein Wort zu den medizinischen Experimenten mit KZ-Häftlingen. 

Mit der 1988 publizierten Firmen-Chronik „Meilensteine“ verhält es sich ähnlich. „Die Mobilisierung der Wirtschaft folgte den Plänen der Regierung“, heißt es dort etwa und weiter: „Die Behandlung der Zwangsarbeiter wurde durch staatliche Vorschriften bis ins Detail geregelt“. Auch mit deren Beschäftigung bei der Errichtung einer Produktionsanlage in unmittelbarer Nähe von Auschwitz hatte die I.G. FARBEN angeblich nicht viel zu tun: „Nachdem das Oberkommando der Wehrmacht den Plan für das I.G.-Werk genehmigt hatte, erteilte Göring Himmler den Auftrag, den Bau mit Häftlingen zu unterstützen.“ Und mit der Verurteilung des I.G.-Managers Fritz ter Meer zu sieben Jahren Haft bei den Nürnberger Nachfolge-Prozessen hadern die „Meilensteine“ ebenfalls: „In der Industrie war man bestürzt über dieses Urteil. Man wusste, dass ter Meer kein Nazi gewesen war.“ Alles nur „die Folge einer Zwangslage, in der die meisten nicht anders gehandelt hätten“. 

POLITIK & EINFLUSS

Anderson trifft Selenskyj

„Heute hatte ich auf Einladung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz die Gelegenheit, an einem Treffen mit dem ukrai-nischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj teilzunehmen“, vermeldete BAYER-Chef Bill Anderson auf dem Portal LinkedIn. Diese Einladung kam nicht von ungefähr. Der Leverkusener Multi zählt in dem Land nämlich zu den größten Investoren der letzten Jahre, weshalb sein Ukraine-Chef Oliver Gierlichs auch Präsident der Deutsch-Ukrainischen Industrie- und Handelskammer ist. Im Jahr 2018 errichtete der Konzern in Pochuiky für 200 Millionen Euro eine Fabrik zur Saatgut-Produktion, in deren Ausbau er 2023 noch einmal 60 Millionen Euro steckte.  „Dank dieser Anlage basiert ein Großteil des Mais‘, den die Ukraine nach Europa, Asien und Afrika exportiert, aus Saatgut von BAYER“, so Anderson. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Auch KWS, SYNGENTA, CORTEVA, MAISADOUR und REMINGTON SEEDS verstärkten ihr Engagement in dem Staat, den Anderson „als eine der Kornkammern der Welt“ bezeichnet. Allerdings könnten die Geschäfte in diesem Jahr ein wenig schlechter laufen. Die EU will der Ukraine nämlich auf Druck einiger Mitgliedsländer mit großem Landwirtschaftssektor nicht länger Handelserleichterungen für einige Agrar-Güter gewähren.

Anderson bei Xi Jinping

Ende März 2025 lud Chinas Staatspräsident Xi Jinping die Bosse von rund 40 Global Playern zu einem Wirtschaftsbankett ein, darunter auch BAYERs Vorstandsvorsitzenden Bill Anderson. Xi warb dabei um ein größeres wirtschaftliches Engagement in dem Land. „Chinas Tür wird sich noch weiter öffnen. Die Politik, ausländische Investitionen willkommen zu heißen, wird sich nicht ändern“, sagte er und sprach von einem erstklassigen „Geschäftsumfeld, das marktorientiert, regelbasiert und international ist“.

Für den Leverkusener Multi ist das Reich der Mitte nach den USA und Brasilien der drittgrößte Absatz-Markt. Einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro machte er dort im Jahr 2024.

Anderson zur Weltlage

In einem Interview mit dem Podcast The Pioneer erklärte sich BAYER-Chef Bill Anderson zur Weltlage. „Alle sehnen sich nach einer neuen Normalität im freien Handel zwischen den USA und Europa“, sagte er und erklärte: „Wir müssen an dieser transatlantischen Ehe arbeiten.“ Aber auch für gute Beziehungen zu China plädierte der US-Amerikaner: „Wir brauchen ein gutes Verhältnis zwischen den drei Blöcken: USA, Europa, China.“ Konkret zur Attacke der USA auf die iranischen Atomanlagen befragt, drückte der Ober-BAYER sich um eine Antwort: „Das war ja nicht meine Entscheidung (…) Ich übernehme keine Verantwortung für diese Entscheidung – denn sie war nicht meine.“

Extrem-Lobbyismus in Brasilien

Nach Recherchen der investigativen JournalistInnen von O JOIO E O TRIGO betreibt das Agro-Business in Brasilien Extrem-Lobbyismus. Auf 752 Treffen mit Regierungsoffiziellen kam es im Zeitraum von August 2022 bis Oktober 2024. 58 Prozent davon bestritten RepräsentantInnen von BAYER, BASF und SYNGENTA. Die Pool Position nahm dabei der Leverkusener Multi mit 52 Meetings vor BASF (42) und SYNGENTA (26) ein. Ein Schwerpunkt der Einfluss-Arbeit stellte das neue Gesetz zur Pestizid-Regulierung dar, das KritikerInnen als „Giftpaket“ bezeichnen, weil es viele Bestimmungen aufweicht (Ticker 4/24). Aber auch die Steuerreform bewog die Konzerne zu vielen Interventionen.

BAYER will Pestizid-Reform

Der Leverkusener Multi drängt auf eine Reform des Genehmigungsprozesses für Pestizide. „Konkret und kurzfristig fordert BAYER eine Entpolitisierung der Zulassung und mehr Wertschätzung und Realismus in der Debatte um Risiken und Nutzen von Pflanzenschutzmitteln“, verlautete aus der Konzern-Zentrale. 

Der Agro-Riese verlangt nichts weniger als eine Abkehr vom Vorsorge-Prinzip mit seinem gefahren-orientierten Ansatz. Gefährlichkeit ist nämlich eine objektive Eigenschaft einer Sub-stanz, weshalb sie auch nach eindeutigen Schutz-Vorkehrungen wie einem Verbot verlangt. Risiko ist hingegen ein relativer Begriff. Er steht in Abhängigkeit zu anderen Faktoren wie etwa der Wirkstoff-Konzentration – „die Dosis macht das Gift“. Darum brauchen die Hersteller für einen nach einem solchen Kriterium begutachteten Stoff keine so starken Konsequenzen zu fürchten; in der Regel tun es da Grenzwerte. Für den Global Player lautet daher das Gebot der Stunde: „[V]on gefahren-basierten Ausschlusskriterien weg und hin zu wissenschaftlicher und daten-basierter Risikobewertung als Grundlage für ein robustes und möglichst feldspezifisches Risikomanagement unter Nutzung der digitalen Chancen des 21. Jahrhunderts.“ Zur Umsetzung all dessen schwebt dem Global Player vor, dem Verbraucherschutz-Ministerium die Rolle einer zentralen Zulassungsbehörde zu verleihen.

Der Kennedy-Report

Der wegen seiner Ansichten zu Impfungen, der Covid-Pandemie und der Schulmedizin im Ganzen sehr umstrittene US-amerikanische Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. veröffentlichte im Mai 2025 den Report der „Make America Healthy Again“-Kommission. Dieser Bericht, der sich vornahm, „die Ursachen der eskalierenden Gesundheitskrise in Amerika zu untersuchen und zu adressieren“, ließ im Vorfeld BAYERs Aktien-Kurs abstürzen. Gerüchten zufolge sollten darin nämlich die Risiken und Nebenwirkungen von Glyphosat eine prominente Rolle einnehmen. Es kam dann aber doch nicht so schlimm wie erwartet – die Konzern-LobbyistInnen hatten mal wieder ganze Arbeit geleistet. Die MAHA-Kommission zitiert zwar Studien, die Umweltbelastungen durch Glyphosat und andere Pestizide neben solchen durch PFAS-Stoffe, Weichmacher, Industriechemikalien, Fluoride, Mikroplastik und elektromagnetische Strahlungen gesundheitsgefährdendes Potenzial bescheinigen, aber politische Schlussfolgerungen zogen die AutorInnen nicht. Sie machten stattdessen noch Forschungsbedarf aus. Genau diese Inkonsequenz kritisierten dann auch Initiativen wie das CENTER FOR FOOD SAFETY (CFS). „Die MAHA-Kommission erkennt an, dass der übermäßige Einsatz von Pestiziden im industriellen Lebensmittelsystem Amerikas ein entscheidender Faktor für die Gesundheitskrise des Landes ist, und bestätigt die mittlerweile fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die schwerwiegenden Schäden (…) Allerdings enthält der Bericht leider keine Angaben dazu, wie die Regierung diese Gesundheitskrise stoppen will“, erklärte CFS-Direktor George Kimbrell.

PROPAGANDA & MEDIEN

Vom Bundestag zu BAYER

BAYER hat mit Lars Lindemann von der FDP einen neuen Pharma-Lobbyisten verpflichtet. Dafür bringt der Politiker viele einschlägige Qualifikationen mit. Lindemann war Hauptgeschäftsführer des „Spitzenverbandes FachärztInnen und Fachärzte Deutschlands“, Mitglied des Bundestagsgesundheitsausschusses und bei den Liberalen für das Thema „Arzneimittel-Versorgung“ zuständig.

Kahrs für BAYER

Johannes Kahrs, seit den 1980ern Mitglied der deutschen „Sozialdemokratie“, ist dem einen oder der anderen vielleicht noch als Hamburger SPD-Vorsitzender, Bundestagsabgeordneter oder Haushaltsausschussmitglied des Bundestags bekannt. Hier baute er sich einen Ruf als gut vernetzter Lobby-Hardliner auf. Wenig überraschend ist es da, dass Kahrs, der 2020 aus dem Bundestag ausschied, mittlerweile auch hauptamtlich und offiziell als Lobbyist arbeitet. Er hat sogar eine eigene Agentur namens „Duckdalben Consulting“, mit der er laut dem Lobbyregister des Bundestags auf jährlich zwischen 100.001 und 150.000 Euro kommt. 

BAYER sponsert COP30

BAYER macht für die Klimakonferenz COP30, die vom 10. bis zum 21. November in Brasilien stattfindet, Geld locker. Der Konzern, der jährlich rund drei Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstößt, hat die „diamond sponsorship“ der „AgriZone“ übernommen. Dem brasilianischen Agrarforschungsinstitut Empresa zufolge, das dem Landwirtschaftsministerium untersteht, strebt dieser Bereich der COP an, „der Welt die Bedeutung der Förderung der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft zur Bewältigung der Klimakrise zu zeigen.“ 

Der Leverkusener Multi dürfte den Event nicht zuletzt dazu nutzen, das Carbon Farming im Allgemeinen und seinen den Methan-Ausstoß reduzierenden Direktsaat-Reis im Besonderen zu propagieren (siehe auch WASSER, BODEN & LUFT). Auch ist PR für seine neuen, angeblich klima-resilienteren Ackerfrüchte zu erwarten. 

DRUGS & PILLS

Preis-Senkungen in China

China ist ein wichtiger Absatz-Markt für die Arzneien des Leverkusener Multis. BAYERs oberster Öffentlichkeitsarbeiter, der ehemalige Bündnisgrünen-Politiker Matthias Berninger, lobt in einem Interview mit dem Portal Table Media die Deregulierungen bei den Pillen-Zulassungen, kritisiert allerdings die Kostensenkungsbemühungen der Regierung. „Innerhalb von fünf Jahren steht jetzt die 14. Runde an, in der die Preise für bestimmte Medikamenten-Gruppen gesenkt werden“, klagt Berninger.

Trump will billigere Arzneien

Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hat ein Dekret zur Senkung der Arznei-Kosten auf den Weg gebracht. Er will eine Meistbegünstigungsklausel festschreiben, die den weltweit günstigsten Preis in einem Industrieland zur Richtschnur für den Pillenmarkt in den USA macht. Konkrete Pläne für die Umsetzung gibt es allerdings bisher noch nicht. Einige Maßnahmen gegen die Mondpreise hatte bereits die Vorgänger-Regierung getroffen.

Zur Begründung des Vorstoßes sagte Trump: „Obwohl in den Vereinigten Staaten nur vier Prozent der Weltbevölkerung leben, erwirtschaften Pharma-Unternehmen mehr als zwei Drittel ihrer Gewinne in Amerika.“ Das Land finanziere so die „sozialistischen Gesundheitssysteme in Deutschland und vielen anderen Staaten“, erklärte er. BAYER-Chef Bill Anderson teilt diese Ansicht. „In den USA sind Medikamente teurer. Das bringt den Unternehmen dort ausreichend Geld, um in Forschung und Entwicklung zu investieren. In Europa erzwingt die Politik hingegen möglichst niedrige Pharma-Preise. Die amerikanischen Verbraucher und Unternehmen finanzieren also Fortschritt und Innovation in der Medizin, wovon die ganze Welt profitiert.“ Anderson hofft offensichtlich, dass der Trump-Vorstoß einen Boomerang-Effekt hat und hierzulande zu teureren Pharmazeutika führt. Aber natürlich nur aus moralischen Gründen: „Es geht nicht um mehr Gewinne, sondern um Fairness.“

Immer mehr CIPROBAY-Resistenzen

BAYERs Antibiotikum CIPROBAY (Wirkstoff: Ciprofloxacin) hat ein beeindruckendes Nebenwirkungsprofil. Die Hauptwirkungen hingegen lassen nach. Gegen immer weniger Gesundheitsstörungen kann das Mittel noch etwas ausrichten. So haben bereits 70 Prozent der Erreger der Geschlechtskrankheit Gonorrhö (Tripper) Resistenzen gegen CIPROBAY und andere Arzneien aus der Gruppe der Ciprofloxacine entwickelt.

AGRO & CHEMIE

Glyphosat verursacht Leukämie

Die unter Leitung von Dr. Daniele Mandrioli entstandene Studie, nach der Glyphosat Leukämie hervorrufen kann (siehe Ticker 1/24), ist Mitte Juni 2025 in der Medizin-Zeitschrift Environmental Health erschienen und damit offiziell in der Fachwelt angekommen. Den WissenschaftlerInnen zufolge reichen für die attestierte Nebenwirkung schon Dosen, die die EU bei der letzten Zulassungsverlängerung des Herbizids noch als unbedenklich eingestuft hatte. 

Auch für andere Krebsarten machte die Untersuchung ein erhöhtes Risiko aus. „Die Ergebnisse unterstreichen das tumor-auslösende Potenzial von Glyphosat und glyphosat-haltigen Produkten (…) Diese neuen Erkenntnisse müssen von den Aufsichtsbehörden weltweit sorgfältig geprüft werden“, so der beteiligte Forscher Dr. Alberto Mantovani. 

Die AutorInnen hatten die Europäische Union bereits im Zuge des Zulassungsverlängerungsverfahrens von 2023 über ihre alarmierenden Befunde informiert. Damals reagierte die Staatengemeinschaft nicht. Jetzt erklärte die EU gegenüber der taz aber, die Studie ihrer Chemikalien-Agentur ECHA sowie der Lebensmittelbehörde EFSA vorzulegen und – sollten diese die Resultate bestätigen – sofort zu handeln. Dann „wird die Kommission unverzüglich tätig, um die Zulassung zu ändern oder zu widerrufen“, hieß es aus Brüssel.

Die in den Niederlanden für die Pestizid-Zulassung zuständige Einrichtung CTGB hat ebenfalls schon angekündigt, sich mit der Untersuchung zu beschäftigen, und dafür die Rückendeckung des Bauernverbandes LTO erhalten. Der BAYER-Konzern bestritt dagegen erwartungsgemäß die Seriosität der wissenschaftlichen Arbeit und bescheinigte ihr stattdessen „signifikante methodische Mängel“. Er sah sich aber nicht in der Lage, der taz dafür Belege zu liefern. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) forderte als Reaktion auf die Arbeit von Mandrioli & Co. einen sofortigen Glyphosat-Stopp.

Glyphosat-Weltmarktanteil: 40 Prozent

BAYER ist der weltweit führende Glyphosat-Anbieter. Der Anteil an der globalen Produktion des Herbizids beträgt nach den Angaben von Cropscience-Chef Rodrigo Santos auf der letzten Hauptversammlung 40 Prozent.

Parkinson: Nur BAYER zahlt nicht

Seit dem Frühjahr 2024 ist „Parkinson durch Pestizide“ in Deutschland offiziell als Berufskrankheit bei Bauern und Bäuerinnen anerkannt. Die landwirtschaftliche Sozialversicherung rechnet mit zahlreichen Fällen und entsprechend hohen Kosten. Dafür sollen jedoch nicht BAYER & Co. als Hersteller der Ackergifte aufkommen, sondern die LandwirtInnen selbst. Die Berufsgenossenschaft hebt deshalb die Beiträge saftig an. Auch die SteuerzahlerInnen müssen ran. Die Bundesregierung erhöht ihren Zuschuss zur Landwirtschaftlichen Unfallversicherung um 20 Millionen Euro auf 120 Millionen Euro. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN setzt weiterhin alles daran, dem Verursacher-Prinzip Geltung zu verschaffen und die Agro-Riesen zu Zahlungen zu zwingen.

PFLANZEN & SAATEN

Neue Anlage in Sambia

BAYER baut eine neue Maissaatgutanlage in Kabwe, Sambia, und verkauft diese Investition als Ausdruck der selbsterklärten Mission des Konzerns, den Welthunger zu bekämpfen. 

Das klingt besser als es ist, denn dem Agro-Riesen geht es naturgemäß nicht um hehre Ziele, sondern um Proftimaximierung. So spekuliert er nicht nur auf 6,4 Millionen Kleinbauern und -bäuerinnen in der Subsahara-Region als Kundschaft für das Saatgut (von denen sich ein relevanter Teil das Saatgut gar nicht wird leisten können), sondern auch als Kundschaft für Pflanzengifte. In seiner Pressemitteilung zum Millionendeal lässt BAYER das freilich anders klingen. Der Global Player spricht von einem wichtigen Schritt in Richtung „Ernährungssicherheit“ und macht für Hunger und Unterernährung im südlichen Afrika das angeblich begrenzte landwirtschaftliche Fachwissen und – zutreffender – den fehlenden Zugang zu modernen Technologien verantwortlich. Als Verteilungsproblem und Effekt des ungerechten Welthandels vermag er Ernährungskrisen freilich nicht zu sehen.

Ehrlicher ist, dass BAYER die Saatgutanlage als wichtigen Teil seiner „Wachstumsstrategie“ in Afrika bezeichnet und sich eine Verdoppelung des Afrika-Geschäfts von BAYER CROPSCIENCE bis 2030 erhofft. 

Die Beschäftigten dürften davon kaum profitieren. Der Konzern richtet in Kabwe nämlich nur 80 feste Arbeitsplätze ein. Ansonsten greift er auf Zeitarbeit zurück. Die Betreffenden würden „über einen Dienstleister eingestellt und nach lokalem Industriestandard vergütet“, bekundete BAYER gegenüber dem nd (ehemals neues deutschland). Die eigentliche Arbeit – die Saatgutvermehrung – lagert das Unternehmen ebenfalls aus. 15.000 Saisonkräfte erledigen das auf „mehreren Tausend Hektar in verschiedenen Provinzen des Landes“, so der Leverkusener Multi. Gerade bei der Saatgut-Vermehrung kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Kinderarbeit. Deshalb sprach die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN das auf der letzten Hauptversammlung an und fragte nach Vorkehrungsmaßnahmen, der Vorstand wiegelte jedoch ab.

GENE & KLONE

Immer mehr Resistenzen

Der afrikanische Maiszünsler hat in Südafrika eine Resistenz gegen Cry1A.105 – eines der beiden Gifte, mit denen BAYERs Gentech-Mais MON 89034 bestückt ist – entwickelt. Damit büßt auch das Nachfolge-Modell von MON 810 an Wirksamkeit ein. Der Leverkusener Multi empfahl den LandwirtInnen daraufhin, „geeignete Insektizide einzusetzen, um die Population zu kon-trollieren und weitere Schäden zu verhindern“. Ein weiterer Beleg dafür, dass die grüne Genetechnik nicht zu einer Reduzierung des Pestizid-Einsatzes führt. 

Gensoja mit Fünffach-Resistenz

Glyphosat und andere Herbizide büßen unerwünschten Feldgewächsen gegenüber immer mehr an Wirksamkeit ein, und BAYER & Co. schaffen es nicht, neue, vielleicht sogar weniger gesundheitsschädliche Mittel zu entwickeln. Bei Genpflanzen müssen sie sich deshalb damit behelfen, den Laborfrüchten Resistenzen gegen gleich mehrere Pestizide einzubauen. So hat der Leverkusener Multi eine Soja-Sorte entwickelt, die gleichzeitig gegen Glyphosat, Glufosinat, Dicamba, 2,4-D und Mesotrion immun ist.

BAYERs „Monster-Mais“

2024 hat BAYER in den USA einen Gen-Mais auf den Markt gebracht, der es in sich hat. Das VT4PRO-Gewächs verfügt nicht nur über Resistenzen gegenüber Glyphosat und Glufosinat und produziert für Insekten giftige Bt-Toxine, sondern kombiniert das alles auch noch mit der „neuesten Abwehr gegen den Maiswurzelbohrer“ (O-Ton BAYER). Dabei handelt es sich um einen Wirkmechanismus auf der Basis der Ribonukleinsäure-Interferenz, der im Magen des Schadinsekts überlebenswichtige Proteine blockiert. Aber WissenschaftlerInnen zufolge kann die RNA auch den Magen von Säugetieren heimsuchen und mit der Darmflora interagieren. Damit nicht genug, verfügt das doppelsträngige Molekül dazu noch über die Fähigkeit, in den Blutkreislauf zu gelangen und in die Steuerung von Genen einzugreifen.

Hoffnung auf Afrika

Der neue Forschungsleiter von BAYER CROPSCIENCE, Mike Graham, setzt in Sachen „Gentechnik“ große Hoffnungen auf Afrika, wie er beim „Investor Update“ im Zuge der letzten Bilanzpressekonferenz im Mai 2025 bekundete. „Afrika wird für uns zu einer großen Chance“, sagte er dort. In Europa sieht er hingegen keine Zeichen dafür, dass sich die skeptische Haltung der Risiko-Technologie gegenüber ändert.

WASSER, BODEN & LUFT

Fossil BAYER

Der Gesamtenergie-Verbrauch des BAYER-Konzerns lag 2024 bei 9,055 Millionen Megawattstunden (2023: 9,127 Millionen). Dabei entstammten 7,058 Millionen Tonnen fossilen Quellen (2023: 7,161 Millionen. Das macht einen Anteil von 77,9 Prozent aus.

BAYERs CO2-Lieferkette

Neben dem Treibhausgas-Ausstoß, der bei der selbstproduzierten und der zugekauften Energie entsteht, weist der BAYER-Konzern auch die entlang den vor- und nachgelagerten Lieferketten entstehenden Emissionen aus. Diese fallen unter anderem bei der Herstellung eingekaufter Waren, beim Transport, bei Geschäftsreisen oder bei der Entsorgung von Produkten des Konzerns an und beliefen sich im Jahr 2024 auf 8,38 Millionen Tonnen.

Hohe Rückstellungen für Bodenschäden

Wenn der BAYER-Konzern einen Standort schließt, hinterlässt er oft verbrannte Erde – und das im buchstäblichen Sinn. Dafür wappnet der Leverkusener Multi sich im Vorhinein. Bis Ende 2024 beliefen sich die Rückstellungen für eventuell anfallende Bodensanierungen nach dem Dichtmachen einer Produktion oder nach einem „Umweltereignis“ auf 722 Millionen Euro. Alice Werner von den PARENTS FOR FUTURE/Leverkusen hatte diese Zahl auf der letzten Hauptversammlung des Unternehmens im April 2025 erfragt.

BAYERs Treibhaus-Gase

Als klima-schädlicher Stoff steht zumeist das Kohlendioxid im Fokus, weil BAYER & Co. es in Massen emittieren. Die anderen Treibhaus-Gase sind jedoch auch nicht ohne. In der Summe richten fluorierte Kohlenwasserstoffe, Lachgas, Methan, Kohlenmonoxid und Ruß fast einen ebenso großen Schaden an wie CO2. So ist Methan 25-mal so wirksam wie CO2 und Lachgas sogar 125-mal. Und der Leverkusener Multi mischt auch auf diesem Feld kräftig mit. Er emittierte im Geschäftsjahr 2024 40.000 Tonnen fluorierte Kohlenwasserstoffe, 10.000 Tonnen Lachgas und 3.000 Tonnen Methan. Der Methan-Ausstoß, in dem die Internationale Energieagentur (IEA) eine der Hauptgefährdungen für das Erreichen der internationalen Klimaziele ausmacht, ist bei BAYER damit zwischen 2019 und 2024 um 0,001 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente gestiegen, was nicht nach viel klingt, allerdings besonders negativ zu Buche schlägt. Der IEA zufolge geht nämlich fast ein Drittel der Klima-Erwärmung seit Beginn der industriellen Revolution auf das Konto von Methan.

BAYERs CO2-Handel

Der BAYER-Konzern kompensiert seinen Kohlendioxid-Ausstoß teilweise durch Investitionen in Klimaschutz-Projekte wie Wiederaufforstungen. Er tritt bei diesem Handel mit Emissionszertifikaten jedoch nicht nur als Kunde, sondern auch als Anbieter auf. „BAYER gibt die erste Tranche von Emissionszertifikaten für bis zu 250.000 Tonnen an Kohlenstoffdioxid-Äquivalenten (CO2e) aus dem Reisanbau in Indien aus“, verlautete Anfang April 2025 aus der Unternehmenszentrale. Der Hintergrund: Der Agro-Riese hat einen Direktsaat-Reis entwickelt, der eine bessere Klimabilanz hat als herkömmlicher.

Bisher stecken die LandwirtInnen ihre Setzlinge in überflutete Felder und entwässern diese wieder, wenn die Gewächse eine bestimmte Größe erreicht haben. Dabei entsteht durch die Zersetzung organischer Substanzen klimaschädigendes Methan. Direktsaat-Reis braucht dieses Wasserbad hingegen nicht. 

Der Global Player nennt das „Carbon Farming“ und bietet nun „Carbon Credits“ an. Dadurch will er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die LandwirtInnen mit dem Versprechen zusätzlicher Einnahme-Quellen stärker an sich binden und sich zusätzlich noch als Klima-Retter in Szene setzen. 

KlimaschützerInnen kritisieren den CO2-Ablasshandel hingegen massiv. Sie befürworten zwar die Einführung klimaschonenderer landwirtschaftlicher Praktiken, lehnen das Geschäftsmodell „Carbon Farming“ jedoch ab. So ist ihrer Ansicht nach gar nicht einschätzbar, ob z. B. ein indischer Farmer nur durch die Möglichkeit des Verkaufs von Verschmutzungsrechten von der traditionellen Anbau-Methode abgehalten wird. Zudem fällt die Quantifizierung des CO2-Einsparpotenzials schwer. Auch steht in Frage, wie lange die Direktsaat-Felder Bestand haben und Wind und Wetter trotzen. Und nicht zuletzt hält der Erwerb von Verschmutzungsrechten die großen CO2-Emittenten davon ab, in sauberere Produktionstechniken zu investieren. „Um die globale Erhitzung unter 1,5 Grad zu halten, sind echte, gerechte und sofortige Reduzierungen erforderlich“, heißt es deshalb in einem gemeinsamen Statement von FRIENDS OF THE EARTH, dem CORPORATE EUROPE OBSERVATORY, dem BUND und zwölf weiteren Organisationen. 

Wasserreinigung: BAYER & Co. blocken

Deutschlands Wasser ist verunreinigt – nicht zuletzt durch Arznei- und Kosmetikarückstände. Das wird Schätzungen zufolge bis 2045 den Einbau von weiteren Reinigungsstufen für die Klärwerke im Wert von knapp neun Milliarden Euro erforderlich machen. Bereits 2019 informierte eine Studie über die Problematik: „Am effektivsten ist es, den Schadstoff-Eintrag zu vermindern und vorbeugende Maßnahmen zu treffen. Falls dies nicht möglich ist, sollten zumindest die Schadstoff-Verursacher in die Pflicht genommen werden und die Kosten tragen“. Das tat die EU dann auch. Ihre im Herbst 2024 auf den Weg gebrachte Abwasser-Richtlinie sieht eine Kostenbeteiligung von mindestens 80 Prozent vor. Dagegen wehren sich die Konzerne jedoch vehement. So droht der von BAYER gegründete „Verband der forschenden Arzneimittelhersteller“ (VFA) mit Abwanderung. „Wird einem Pharmaunternehmen eine Zahlungspflicht auferlegt, sieht es sich für die betreffenden Medikamente mit einer veränderten Kostensituation konfrontiert. Es muss sich dann überlegen, wie es reagiert, was ggf. auch die Möglichkeit einer Marktrücknahme einschließt“, erklärte der VFA. Und der beim Verband für die Forschungspolitik verantwortliche Matthias Meergans echauffierte sich: „Die EU will ja versorgungskritische Industrien fördern und nicht durch unverhältnismäßige Belastungen verlieren.“

GIFTIG, ÄTZEND & EXPLOSIV

Viele besorgniserregende Stoffe

Im Jahr 2024 hat der BAYER-Konzern 321.480 Tonnen an Sub-stanzen als Rohstoffe eingekauft, die nach offizieller Definition als besorgniserregend gelten, also gesundheitsgefährdend und/oder umweltschädigend sind. 320 Tonnen dieser Erzeugnisse verlassen die Werke des Unternehmens in Reinform wieder und 22.960 Tonnen als Bestandteil von Produkten. Stoffe der Kategorie „besonders besorgniserregend“ erwarb der Leverkusener Multi in einer Größenordnung von 4.800 Tonnen. 

IMPERIUM & WELTMARKT

Top-Positionen im Agrar-Markt

Der BAYER-Konzern belegt Top-Positionen im Agrar-Geschäft. Bei Mais-Saatgut ist er 2024 die Nummer Eins auf der Welt mit einem Umsatz von 6,6 Milliarden Euro; auf einen Markt-Anteil von rund 35 Prozent kommt das Unternehmen. Bei Soja führt der Leverkusener Multi mit einem Umsatz von 2,5 Milliarden Euro und einem Markt-Anteil von ca. 30 Prozent ebenfalls die Rangliste an.. Auch bei Baumwolle nimmt er den ersten Platz ein; bei Raps indessen muss er sich mit dem dritten Platz zufriedengeben. Ähnlich stellt sich seine Dominanz bei den Pestiziden dar: Nr. 1 bei den Herbiziden, Nr. 2. bei den Fungiziden und Nr. 3 bei den Insektiziden. 

Sorgen über den USA/China-Konflikt

Die politischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und China wirken sich nach Meinung von BAYERs oberstem Öffentlichkeitsarbeiter, dem ehemaligen Bündnisgrünen-Politiker Matthias Berninger, negativ auf die Entwicklung der Biotechnologie aus. „An der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Biologie und Chemie ergibt sich eine völlig neue Wachstumschance. Manche sprechen hier von einer Biorevolution. Und es wäre für keinen gut, wenn wir hier die Aufteilung der Welt in zwei Sphären fortsetzen würden, wie wir es jetzt schon im Technologie-Bereich sehen. Gerade was neue Medikamente angeht, wäre das sehr schlecht“, sagte er in einem Interview mit dem Portal Table Media. „In Bereichen, in denen die Probleme global sind, sollten wir zusammenrücken. Gerade in der Biotechnologie würde es sonst zu großen Verzögerungen kommen, unter denen Menschen leiden“, meinte er.

BAYERs Zoll-Vorkehrungen

Der BAYER-Konzern versucht sich auf die Zoll-Politik der Trump-Administration einzustellen. „Wir beobachten die Entwicklungen in den USA fortwährend genau und analysieren die potenziellen Auswirkungen auf unsere Lieferketten, Kunden und auch unsere Geschäftsbeziehungen“, sagte Finanz-Vorstand Wolfgang Nickl auf der letzten Hauptversammlung des Konzerns. Ein ganzes Netzwerk von ExpertInnen-Teams hat der Leverkusener Multi darauf angesetzt. „Diese Aktivitäten verstärken unsere ohnehin bestehende kontinuierliche Arbeit, die geopolitische Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft und unserer Geschäfte zu stärken z. B. durch ein vielfältiges Beschaffungsnetzwerk oder das Management von Lagerbeständen“, so Nickl.

ÖKONOMIE & PROFIT

Vorerst keine Aufspaltung

Auf der diesjährigen BAYER-Hauptversammlung erklärte der Vorstandsvorsitzende Bill Anderson, vorerst keine Aufspaltung des Konzerns anzustreben. „[D]er beste Weg für BAYER im Moment“ sei die Einführung des neuen Organisationsmodells, erklärte der US-Amerikaner, das binde alle Ressourcen. Aber prinzipiell ausschließen wollte er die Zerschlagung des Unternehmens nicht: „‚Nicht jetzt‘ sollte nicht als ‚nie‘ missverstanden werden. Wir bleiben offen für alle strukturellen Überlegungen und werden diese kontinuierlich im Auge behalten.“

Dollar-Kurs wirkt sich aus

Der Wechselkurs des Dollars gegenüber dem Euro hat erhebliche Auswirkungen auf den BAYER-Konzern. Er wickelt nämlich viele Geschäfte in dieser Währung ab. Zudem machen Dollar-Schulden rund ein Drittel der gesamten Last aus. Wie Finanzvorstand Wolfgang Nickl auf der letzten Hauptversammlung ausführte, entspricht eine Dollar-Schwankung von einem Prozent zum Euro einem Umsatzplus bzw. -minus von 160 Millionen Euro. 

BAYERs Steuerländer

Nach den Angaben von Finanzvorstand Wolfgang Nickl auf der letzten BAYER-Hauptversammlung hat der Konzern im Jahr 2024 weltweit 1,2 Milliarden Euro Steuern gezahlt. Dabei fielen die meisten Abgaben in den USA, Finnland, den Niederlande, der Schweiz und Indien an. In der Schweiz und den Niederlanden locken nicht zuletzt günstige Steuer-Konditionen. Besonders die niederländischen Angebote nutzt der Global Player immer wieder gerne. Dort haben unter anderem BAYER GLOBAL INVESTMENTS, BAYER WORLD INVESTMENTS, BAYER SOLUTION, BAYER CAPITAL CORPORATION und MONSANTO INVEST ihren Sitz.

31,6 Millionen Euro Gewerbesteuer

Der BAYER-Konzern hat im Jahr 2024 in Deutschland 31,6 Millionen Euro an Gewerbesteuern gezahlt. Den höchsten Anteil davon erhielten die Gemeinden mit den niedrigsten Sätzen, die deutschen Steuerparadiese Monheim und Schönefeld, und nicht etwa Leverkusen als Stammsitz. 

BAYER muss Ausgleich zahlen

Im Jahr 2021 hat die Industrieländer-Organisation OECD Regeln für eine globale Mindestbesteuerung von Unternehmen beschlossen, die 2024 in Kraft traten. Demnach müssen Konzerne, die in Staaten mit Steuer-Sätzen von unter 15 Prozent Abgaben zahlen, eine Primärergänzungssteuer abführen. Das hatte dann auch der Leverkusener Multi zu tun. „Die für das Jahr 2024 berechnete Primärergänzungssteuer der BAYER AG beträgt 2 Mio. Euro und entfällt auf Einkommen in den Vereinigten Arabischen Emiraten“, heißt es im Geschäftsbericht für das Jahr 2024. Die Vereinigten Arabischen Emirate zählen zu den wenigen Steueroasen, die die Zusatzsteuer nicht gleich selbst vor Ort erheben.

RECHT & UNBILLIG

BVG-Beschwerde: Die CBG hakt nach

Bei der Hauptversammlung im Jahr 2017 hatte der BAYER-Konzern die Proteste gegen das Profitstreben massiv behindert. Im Jahr Eins nach der Ankündigung des Plans, MONSANTO zu übernehmen, drohten diese sich nämlich noch einmal auszuweiten. Der Global Player sah also einiges auf sich zukommen und wollte sich die AktivistInnen deshalb so gut es geht vom Leib halten. Zu diesem Behufe setzte er ihnen „aus Sicherheitsgründen“ beispielsweise ein riesiges Zelt vor die Nase und beschnitt so den Raum der Kundgebung. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren ging dagegen im Vorfeld durch Eilverfahren und nach dem AktionärInnen-Treffen durch Feststellungsklagen vor. Im Jahr 2020 reichte sie nach verlorenen Prozessen sogar eine Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht wg. Verstoßes gegen das Versammlungsrecht ein. Eine Entscheidung gab es jedoch bisher nicht. Deshalb hakte die CBG jetzt in Karlsruhe noch einmal nach und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge.

Neuer juristischer Winkelzug?

Nach einem Bericht des Wall Street Journal unternimmt der BAYER-Konzern einen neuen Vorstoß in Sachen „Glyphosat-Entschädigungsprozesse“. Er strebt im Bundesstaat Missouri – Gerichtsstand der meisten der 67.000 noch anhängigen Klagen – einen Vergleich mit Vorbildcharakter für die übrigen Fälle an. Der Zeitung zufolge hat der Leverkusener Multi aber auch einen Plan B: „Der Agrarriese bereitet sich darauf vor, seine US-Tochter MONSANTO in Konkurs gehen zu lassen, falls eine Einigung mit Schadenersatzklägern scheitert.“ 

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) nahm in einer Pressemitteilung zu den Gerüchten Stellung. „Wenn das stimmen sollte, wäre das infam. BAYER droht mit einer Teil-Insolvenz, die die Glyphosat-Geschädigten fast leer ausgehen lassen würde, um eine möglichst billige Lösung zu erreichen. Die Frage ist, ob die Gerichte das mitmachen werden“, hieß es darin. 

ANDROCUR: BAYER muss zahlen

Anfang Juni 2025 sprach ein Gericht im französischen Poitiers einer Frau Schadensersatz zu, die durch BAYERs Hormon-Medikament ANDROCUR gravierende Gesundheitsstörungen erlitten hatte. Véronique Dujardin nahm ANDROCUR gegen Endometriose (eine gutartige Wucherung der Gebärmutter-Schleimhaut) und eine übermäßige Körper-Behaarung ein und erkrankte mehrfach an – gutartigen – Hirntumoren. Im Verlaufe des Prozesses hatte Dujardins Anwalt Romain Sintès den RichterInnen diverse Fachartikel über den Zusammenhang zwischen dem Mittel und der Krankheit vorgelegt, was schlussendlich Wirkung zeigte. Das „Tribunal judiciaire“ verurteilte BAYER, zwei weitere Pharma-Firmen sowie einen Arzt und einen Apotheker zu einer Schadensersatz-Zahlung von insgesamt 300.000 Euro. „Es ist ein jahrelanger Kampf, der endlich Früchte trägt“, freute sich Sintès. Er bezeichnete den Fall „Dujardin“ als einen Präzedenz-Fall, der auch anderen PatientInnen helfen wird, zu ihrem Recht zu gelangen.

Dabei reicht das Gefährdungspotenzial des ANDROCUR-Wirkstoffs Cyproteronacetat weit über Hirntumore hinaus. Er steht zudem in Verdacht, Leberkrebs, Thrombosen und Brustdrüsen-Vergrößerungen zu verursachen. Das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM) bezeichnete ANDROCUR deshalb bereits 1995 „als Mittel der letzten Wahl“. Das BfArM sah es als geboten an, die Anwendung von Cyproteronacetat „auf das medizinisch unverzichtbare Maß“ zu beschränken und untersagte die Nutzung in Verhütungspräparaten.

Neue MIRENA-Klage

BAYERs Hormonspirale MIRENA hat seit Jahren einen schlechten Ruf, da sie Nebenwirkungen wie nächtliche Schweißausbrüche, Herzrasen, Schlaflosigkeit, Bauchkrämpfe, Oberbauchschmerzen oder Unruhe verursachen kann. Bei einzelnen Nutzerinnen durchbohrte die Spirale sogar die Gebärmutterwand. 

Darum ziehen die Geschädigten immer wieder vor Gericht. Nach Sammelklagen von über 3.000 Frauen musste der Leverkusener Multi in den USA bereits Millionen Dollar an Schadensersatz zahlen. Und immer noch kommen neue juristische Auseinandersetzungen dazu. So verklagte jetzt Bridget Doyle den Pharma-Riesen. Bei ihr fand sich die 2010 eingesetzte Spirale nach einer ektopischen Schwangerschaft – bei einer solchen nistet sich das befruchtete Ei nicht in der Gebärmutter, sondern an einer anderen Stelle ein – im Bauch wieder, was eine operative Entfernung erforderte. Der BAYER-Konzern übernimmt jedoch wieder einmal keine Verantwortung für seine Produkte und plädiert auf unschuldig.

Stillstand bei der OECD-Beschwerde

Im April 2024 reichte ein Bündnis verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen aus Argentinien, Brasilien, Paraguay, Bolivien und Deutschland eine Beschwerde gegen BAYER bei der deutschen Kontaktstelle der „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) ein. Es wirft dem Konzern vor, seine Sorgfaltspflichten beim Vertrieb von Soja-Saatgut und Pestiziden zu verletzen und damit gegen die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen zu verstoßen. 

Auf der vorletzten Hauptversammlung konfrontierten die VertreterInnen der Initiativen das Management auch direkt mit den katastrophalen Zuständen in ihren Ländern und brachten unter anderem Gesundheitsgefährdungen durch Glyphosat & Co., Regenwald-Abholzungen, Vertreibungen von indigenen Gruppen und Wasserverschmutzungen zur Sprache.

Passiert ist allerdings noch nichts, weshalb MISEREOR jetzt Druck macht. „Ein Verfahren, dass eigentlich nach drei Monaten eine Entscheidung der Zulässigkeit vorsieht, dauert jetzt schon ein Jahr lang an. Währenddessen bleibt die Lebenssituation für viele Familien bedrohlich“, kritisierte MISEREORs Landwirtschafts- und Welternährungsexpertin Sarah Schneider.

BAYER & Co. halten Preise geheim

BAYER, CORTEVA und SYNGENTA bieten ihr Saatgut und ihre Pestizide nicht auf E-Commerce-Plattformen an. Sie wollen den LandwirtInnen nicht die Möglichkeit geben, Preise zu vergleichen. Die FarmerInnen sahen in der konzertierten Aktion einen Verstoß gegen Kartell-Gesetze und zogen vor Gericht. Die Richterin Sarah Pitlyk wies die Klage allerdings ab. BAYER & Co. wären nur „ihren jeweiligen individuellen, legitimen Geschäftsinteressen zur Aufrechterhaltung eines profitablen Marktes“ nachgegangen“, urteilte Pitlyk.

Brand bei BAYER-Manager

Im März 2025 kam es auf dem Anwesen eines US-amerikanischen BAYER-Managers zu einem Brand. Nach dem Attentat auf den Chef einer Krankenversicherung im Dezember 2024 schließt die Polizei auch hier ein politisches Motiv nicht aus und hat entsprechende Ermittlungen aufgenommen. „Personen, die aufgrund wirtschaftlicher Missstände mobilisiert wurden, nutzen den Mord an einem Krankenkassen-Vorstand als Inspiration für Drohungen und Anschlagspläne“, so das US-Heimatschutzministerium zur Begründung.

SPORT & MEDAILLEN

Aus für Lex Leverkusen

Die Sportvereine haben ihre Profifußball-Abteilungen in eigene Sparten ausgegliedert. Mit der „50 + 1“-Regel räumt der „Deutsche Fußball-Bund“ (DFB) den Mitgliedern des Muttervereins aber immer noch einen dominierenden Einfluss auf die Geschicke der Klubs ein. Unternehmen und InvestorInnen müssen sich hingegen auf einen Geschäftsanteil von höchstens 49 Prozent beschränken. 

1999 ließ der Verband jedoch „Förderausnahmen“ zu, wenn „ein Rechtsträger seit mehr als 20 Jahren den Fußball-Sport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat“. „Lex Leverkusen“ hieß diese Sonderklausel bald, denn BAYERs Werkself nahm diese zuerst in Anspruch, damit der Chemie-Multi auch im Fußball-Geschäft das Sagen haben kann. Danach folgten noch der VFL Wolfsburg und die TSG Hoffenheim. 

Der Lex droht nun aber das Ende. Das Bundeskartellamt, von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) um eine Einschätzung der „50 + 1“-Regel gebeten, meldete nämlich Bedenken an. Die Bestimmung sei nur unter der Bedingung zu halten, keine Extrawürstchen mehr für Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim bereitzuhalten, so die JuristInnen. „Wenn einigen Clubs größere Möglichkeiten zur Einwerbung von Eigenkapital zur Verfügung stehen als anderen, dürfte dies nicht zur Ausgeglichenheit des sportlichen Wettbewerbs beitragen, sondern ihn eher verzerren“, meinten sie. 

Im Juni 2025 veröffentlichte das Bundeskartellamt eine rechtliche Bewertung und sprach Empfehlungen aus. „Nach der neuen Rechtsprechung des EuGH erscheint es (…) nicht mehr möglich, zu den bislang vorgeschlagenen Bedingungen einen dauerhaften Bestandschutz für Vereine vorzusehen, die bereits eine Förderausnahme erhalten haben – nach aktuellem Stand BAYER Leverkusen und der VFL Wolfsburg“, heißt es darin. „Das bedeutet, dass bei allen Clubs – ob vormaliger „Förderclub“ oder nicht – zumindest perspektivisch sichergestellt werden muss, dass der für Neumitglieder offene Mutterverein die Profi-Abteilung beherrscht“, hält das Bundeskartellamt fest. 

Aber so einfach hinnehmen will die „BAYER 04 Leverkusen Fußball GmbH“ das alles nicht. „Die rechtlich unverbindliche Stellungnahme des Bundeskartellamts bedeutet einen bemerkenswerten Kurswechsel in der Frage der Rechtmäßigkeit der seit 25 Jahren bestehenden Ausnahme von der 50+1-Regel. Diese neue Einschätzung halten wir weder inhaltlich noch im Ergebnis für überzeugend. Gemeinsam mit der DFL und allen relevanten Akteuren werden wir die Sach- und Rechtslage sorgfältig prüfen und behalten uns dabei sämtliche rechtliche Optionen vor“, ließ der Club verlauten. 

Die Abstimmungsergebnisse

Marius Stelzmann

Eine schlechte Wahl

Das steht traditionell am Ende jeder Hauptversammlung: Die Abstimmung über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat und diverse andere Tagesordnungspunkte.

Von Peer Clausen

Wie jedes Jahr wurde auch auf dieser BAYER-Hauptversammlung fleißig abgestimmt, und wie jedes Jahr frisiert der BAYER-Konzern die Abstimmungsergebnisse subtil, indem er die Enthaltungen herausrechnet und nicht mit in die Ergebnisse einfließen lässt. Dadurch verschieben sich die Abstimmungsergebnisse ein wenig, und zwar immer so, dass die Zustimmungsquote ein kleines bisschen höher ausfällt. Dass die Enthaltungen überhaupt als absolute Zahlen Erwähnung finden, ist erst seit 2020 der Fall und dem Druck kritischer AktionärInnen zu verdanken.

Da BAYER jedes Jahr die Zahlen schönt, liefert das Stichwort BAYER auch dieses Mal wieder die bereinigten Zahlen. Hierbei ist bemerkenswert, dass sich auch 2025 wieder nur rund 52 % der Aktien, sprich der Stimmen, beteiligten. Weiter sollte erwähnt werden, dass ein relevanter Teil der Aktien (28,14 %) sich in den Händen von zehn GroßaktionärInnen – Vermögensverwalter oder FinanzinvestorInnen – befinden. Der größte unter Ihnen ist die BLACKROCK Inc., deren Aufsichtsratsvorsitzender in Deutschland bis 2020 der frischgebackene Bundeskanzler Friedrich Merz war. Diese Besitzverhältnisse sorgen für massiv undemokratische Verhältnisse bei den Abstimmungen, sodass die Stimmen der zahlreichen Kleinaktionär-Innen kaum ins Gewicht fallen. 

Vor diesem Hintergrund sollten die Abstimmungsergebnisse der diesjährigen Hauptversammlung betrachtet werden: Die Kritischen AktionärInnen der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) stimmten bei allen Tagesordnungspunkten mit NEIN und forderten die übrigen Aktien-HalterInnen auf, es ihnen gleichzutun. Jede Rede enthielt diesen Passus. Diesem Aufruf schloss sich eine beträchtliche Zahl der AktionärInnen an.

Entlastung: Vorstand

Die CBG hat vorgeschlagen, die Mitglieder des Vorstands nicht zu entlasten, weil sie für Verbrechen an Mensch, Umwelt, Profitgier und Ausbeutung verantwortlich sind. Da zunächst der Vorschlag des Vorstands auf Entlastung beraten wurde, forderte die CBG alle AktionärInnen auf, mit NEIN zu stimmen.

Ja -Stimmen: 94,76 % (offiziell: 95,36 %)

Nein -Stimmen: 4,62 % (Offiziell: 4,64 %)

Enthaltungen: 0,62 % (offiziell: - )

Damit lag der Anteil der Nein-Stimmen und Enthaltungen wieder deutlich unter dem Niveau von 2024, als 13,9 % der AktionärInnen mit Nein stimmten oder sich enthielten , aber immerhin leicht über dem Niveau von 2023 (4,9 %).

Entlastung: Aufsichtsrat

Die CBG hat vorgeschlagen, die Mitglieder des Aufsichtsrates nicht zu entlasten, weil sie verantwortlich sind für Verbrechen an Mensch und Umwelt, für Profitgier und Ausbeutung. Da zunächst der Vorschlag des Vorstands auf Entlastung beraten wurde, forderte die CBG alle AktionärInnen auf, mit NEIN zu stimmen.

Ja-Stimmen: 95,70 % (offiziell: 96,37 %)

Nein-Stimmen: 3,60 % (offiziell: 3,63 %)

Enthaltungen: 0,69 % (offiziell: - )

Damit liegt der Anteil der Nein-Stimmen und Enthaltungen am Gesamtstimmanteil niedriger als in den beiden Vorgängerjahren, wo er sich auf 11,85 % (2024), bzw. 9,6 % (2023) belief. 

Aufsichtsratswahl: 

Alberto Weisser

Bei den Aufsichtsratswahlen geschah in diesem Jahr wenig Unerwartetes. Der 2021 gewählte Alberto Weisser, der sich vorher bei PEPSI und BUNGE verdingt hatte, wurde in seinem Amt bestätigt.  

Ja-Stimmen: 95,99 % (offiziell: 96,45 %)

Nein-Stimmen: 3,53 % (offiziell: 3,55 %)

Enthaltungen: 0,48 % (offiziell: - )

Vergütung Aufsichtsrat  

Überraschend wenige Gegenstimmen kassierte BAYER trotz der mündlich vorgebrachten Kritik der AktionärInnen während der HV beim Vorschlag zur maßlosen Vergütung der Vorstände.

Ja -Stimmen: 99,15 % (offiziell: 99,32 %)

Nein -Stimmen: 0,68 %  (offiziell: 0,68 %)

Enthaltungen: 0,16 %  (offiziell: - )

Während 2024 noch 18,07 % mit Nein oder Enthaltung stimmten, waren es in diesem Jahr unter einem Prozent.

Vergütungsbericht

Die meisten Gegenstimmen allerdings kassierte der Konzern bei der Abstimmung über den Vergütungsbericht, der den Anspruch erhebt, die Vergütung der FirmenlenkerInnen transparent zu machen.

Ja -Stimmen: 67,25 % (offiziell: 67,36 %)

Nein-Stimmen: 32,58 % (offiziell: 32,64 %)

Enthaltungen 0,17 % (offiziell: - )

Mit rund 33 % war das Ergebnis der kombinierten Nein-Stimmen und Enthaltungen hier zwar niedriger als 2024 (35 %), aber auf einem vergleichbar hohen Niveau. 

Kapitalerhöhung 

„[M]it Blick auf mögliche zukünftige Vergleichsvereinbarungen mit Klägern in den USA oder andere Maßnahmen im Zusammenhang mit einer weitgehenden Eindämmung von Klage-Verfahren in den USA“ in Sachen Glyphosat wollte BAYER sich eine Kapitalerhöhung um rund 35 Prozent des Grundkapitals – 875 Millionen Euro – genehmigen lassen. Abhängig vom jeweiligen Aktien-Kurs kommt da schon die eine oder andere Milliarde zusammen, was dann auch mit einigem Gegenwind quittiert wurde.

Ja -Stimmen: 81,23 % (offiziell: 81,97 %)

Nein-Stimmen: 17,87 % (offiziell: 18,03 %)

Enthaltung: 0,90 % (offiziell: - )

Mit immerhin rund 19 % kombinierter Nein-Stimmen und Enthaltungen musste hier die Firmenführung einiges an Federn lassen. 

Ermächtigung: Virtuelle HV 

Die „Ermächtigung des Vorstands, virtuelle Hauptversammlungen durchzuführen (Satzungsänderung)“ kam unter Punkt 8 zur Abstimmung.

Ja -Stimmen: 75,56 % (offiziell: 75,62 %)

Nein-Stimmen: 24,36 % (offiziell: 24,38 %) 

Enthaltungen: 0,08 %  (offiziell: - )

24 % der AktionärInnen setzten trotzdem mit ihrem Nein oder ihrer Enthaltung ein starkes Zeichen gegen die fragwürdige Politik der Firmenleitung, die auf den Ausschluss eines Großteils der KleinaktionärInnen und vor allem von Protest durch das digitale Format baut. Dank vieler kritischer Redebeiträge und den gemeinsamen Aufrufen, BAYER die Traumzustimmungswerte zu vermiesen, konnten die KritikerInnen aber auch in diesem Jahr ein Zeichen gegen die Konzernmacht setzen. ⎜

Die BAYER-Hauptversammlung 2025

CBG Redaktion

Der Doppelpack

Auch im Jahr 2025 sah sich BAYER auf der Hauptversammlung wieder mit Konzernkritik im virtuellen und im realen Raum konfrontiert.

Von Peer Clausen

Am 25. April fand die Aktionärsversammlung des BAYER-Konzerns statt – wiederum virtuell. Dieses digitale Format, das im Windschatten der Corona-Pandemie eingeführt und einfach beibehalten wurde, stößt auf massive Ablehnung. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und der DACHVERBAND KRITISCHE AKTIONÄRINNEN UND AKTIONÄRE sehen in ihm einen bequemen Weg, sich nicht länger direkt mit Konzern-Kritik konfrontieren zu müssen. Aber auch unorganisierte AktionärInnen stoßen sich an den Online-Hauptversammlungen. Sie geißeln diese als undemokratisches Kosteneinsparungsmodell und stellen auch die hohen technischen Hürden heraus, die gerade ältere Personen oft nicht überwinden könnten.

Die Kundgebung

Die CBG aber hielt dagegen und organisierte Protest in Präsenz. Ab 9 Uhr morgens standen Aktivistinnen und Aktivisten vor der BAYER-Zentrale auf der Kaiser-Wilhelm-Allee in Leverkusen, während AnzugträgerInnen auffällig unauffällig Fotos von ihnen machten. Von derart billigen Einschüchterungsstrategien ließen die ProtestlerInnen sich jedoch nicht einschüchtern, sie kennen die Chose ja schon einige Jahre.

Die KonzernkritikerInnen nahmen den ganzen Vorplatz in Beschlag – Belagerungszustand. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) war mit zwei Treckern vorgefahren, deren Schaufeln sie zu Transparenthaltern umfunktioniert hatten. „Patente und Gentechnik stoppen“ und „Unser Saatgut ist in Gefahr – Neue Gentechnik und Patente stoppen“ war darauf zu lesen. Die beiden Banner der Coordination thematisierten die Risiken und Nebenwirkungen von Pestiziden und globalem Handel. „Parkinson für die Bauern – Profite für BAYER & Co. und „Welt in (Liefer-)ketten – BAYER muss haften!“ stand auf ihnen. Sogar Dreidimensionales bot die CBG auf: eine riesige Weltkugel im Würgegriff des Global Players.

All das und noch viel mehr fand sich auch in den Wortbeiträgen wieder, die Sibylle Arians und ihre Schwester Maria musikalisch umrahmten. Annemarie Volling von der AbL referierte über die Saatgutstrategie des Agro-Riesen und die Patentierungen, die Kleinbauern und -bäuerinnen in dessen Abhängigkeit treiben. „Vor allem die großen Konzerne wie BAYER oder CORTEVA sind die Treiber und melden immer mehr Patente auf Pflanzen und Tiere an“, erläuterte sie und malte ein beängstigendes Bild von der Macht des Agro-Business. „2018 hat BAYER MONSANTO für 60 Mrd. US-Dollar aufgekauft und ist damit zum größten Saatgutkonzern geworden. Die AbL war die einzige landwirtschaftliche Organisation, die bei dieser Mega-Fusion Widerspruch eingelegt hat.“, machte sie noch mal auf die relativ singuläre Position der AbL unter den landwirtschaftlichen Vertretungen aufmerksam. 

Brigitte Hincha-Weisel, Vorstandsmitglied der CBG, zeigte am Beispiel der Frage der Lieferketten, die ein thematischer Schwerpunkt der diesjährigen CBG-Aktivitäten zur HV waren, dass BAYER für die Steigerung der Profite die systematische Verletzung von Menschenrechten, Sozial-, Gesundheits- und Arbeitsschutzstandards in Kauf zu nehmen bereit ist. Lars-Ulla Krajewski von der CBG sprach zu Parkinson als Berufskrankheit bei LandwirtInnen und Uwe Friedrichs zu PFAS-Pestiziden. Rolf Brombach nahm sich in einem Schnelldurchlauf BAYER im Ganzen vor und Bernward Geier sorgte für das nötige Kontrastprogramm: Er widmete sich der ökologischen Landwirtschaft als Alternative zum von BAYER & Co. forcierten agro-industriellen Modell.

Die virtuelle HV

Jan Pehrke von der Coordination verlängerte den Protest dann in die Online-Hauptversammlung hinein, die bis zu 2.600 Menschen an ihren Monitoren verfolgten. „Heute Morgen fand vor der BAYER-Zentrale in Leverkusen eine Kundgebung der Coordination gegen BAYER-Gefahren statt, an der Landwirte, Gentechnik-Gegner und Pestizid-Kritiker teilnahmen. Und einige Themen, die die Aktivisten auf die Tagesordnung setzten, möchte auch ich jetzt ansprechen wie z. B. BAYERs prekäre Lieferketten“, sagte er. So verwies Pehrke auf eine Saatgutanlage in Sambia, deren Zuliefer-Betriebe 15.000 SaisonarbeiterInnen beschäftigen. „Wie will BAYER bei diesen 15.000 beschäftigten Saisonarbeitern sicherstellen, dass da keine Kinder dabei sind?“, fragte er.

IG FARBEN & heute

Hans van Scharen vom Corporate Europe Observatory sprach über den Extrem-Lobbyismus des Global Players in den USA für Gesetze, die Glyphosat Straffreiheit gewähren (inklusive der Teilnahme an der Amtseinführung Donald Trumps). Er holte dafür aber weiter aus: „Doch ich möchte zunächst der Vergangenheit eine Stimme geben, weit über Ihre Quartalszahlen hinausgehend, weil die Geschichte beeinflusst, wer wir sind und wie wir heute handeln. Mein Großvater Karel van Scharen wurde 1942 von den Nazis aus Antwerpen, Belgien, nach Auschwitz deportiert, um dort Zwangsarbeit in den Fabriken der IG FARBEN zu verrichten, einem Konzern, der aus drei deutschen Chemieunternehmen bestand, einer davon BAYER, und der offiziell erst vor 22 Jahren aufgelöst wurde.“ 

Aus solchen historischen Ereignissen gelte es zu lernen, aber eben diese Prüfung hat der Leverkusener Multi van Scharen zufolge nicht bestanden. „Leider sehen wir heute, wie BAYER als großes europäisches Unternehmen sich einer neuen und schockierenden Diktatur anbiedert, die sich direkt vor unseren Augen entwickelt: der von Donald Trump in Washington. Sie mögen diese Vergleiche vielleicht für unangemessen halten, aber ich bin nicht der Einzige. Der Vizepräsident der USA, Al Gore, hat gestern dasselbe getan“, so van Scharen.

Um die „undemokratischen Bemühungen von BAYER, Gesetze abzuändern, die dazu bestimmt waren, die Völker und den Planeten schützen“ zu konterkarieren, hat das Corporate Europe Observatory einen offenen Brief initiiert, den über 100 Organisationen aus der ganzen Welt unterzeichnet haben. Klar ist: Unterschriften allein werden den Kurs des BAYER-Konzerns nicht ändern, doch sind sie ein wichtiges Zeichen für Widerstand gegen die rücksichtslose Durchsetzung seiner Profitinteressen. 

Immer wieder Pestizide 

Einen Schwerpunkt der weiteren Beiträge bildete das Pestizid-Geschäft des Chemieriesen. Dabei gelang es der CBG sogar, den AktionärInnen eine Stimme aus dem fernen Afrika zu Gehör zu bringen. Harun Warui von der Heinrich-Böll-Stiftung in Nairobi kritisierte den Export von innerhalb der EU wegen ihres Gefährdungspotenzials nicht (mehr) zugelassenen Ackergiften. Seit Neuestem geht Kenia gegen diese doppelten Standards vor. So hat das Land laut Warui Ende des letzten Jahres acht als „Highly Hazardous Pesticides“ (HHPs) klassifizierte Ackergifte – darunter auch BAYERs Thiacloprid – aus dem Verkehr gezogen. Diesen Schritt begrüßte er als Maßnahme zur Unterstützung der Kleinbauern und -bäuerinnen, die den Großteil der afrikanischen landwirtschaftlichen ErzeugerInnen stellen. Damit gehe Kenia einen Schritt, den bereits zahlreiche andere Staaten gegangen seien, was Ausdruck einer grundsätzlichen Umkehr sei. Angesichts der mit zweierlei Maß messenden Geschäftspraxis stellte er BAYERs Leitmaxime in Frage: „Was bedeutet ‚Science For A Better Life‘, wenn es nur selektiv Anwendung findet, abhängig von der Geografie, dem regulatorischen Umfeld und dem Wachsamkeitsgrad der Öffentlichkeit?“ 

Gleich mehrere RednerInnen sprachen zu „Parkinson durch Pestizide“, das bei LandwirtInnen seit dem letzten Jahr als Berufskrankheit anerkannt ist. „Mit bestem Wissen und Gewissen haben die Bäuerinnen und Bauern die betreffenden Pestizide entsprechend der Angaben der Hersteller und Zulassungsbehörden zur gesundheitlichen Sicherheit angewendet. Ein Hinweis auf mögliche Gefahren für eine Parkinson-Krankheit hat es nicht gegeben, und heute findet man diesen immer noch nicht“, warf AbL-Vizegeschäftsführer Bernd Schmitz dem Agro-Riesen vor. Die Berufsgenossenschaft der LandwirtInnen belasten die erwarteten Behandlungskosten enorm, weshalb sie die Beträge drastisch erhöht hat. Für Schmitz ein unhaltbarer Zustand: „Bauern und Bäuerinnen kommen heute allein für die Kosten von Parkinson als Berufskrankheit mit ihren Beiträgen zur Berufsgenossenschaft auf. Pharma-Konzerne haben ihre Gewinne eingestrichen, entziehen sich aber jetzt ihrer Verantwortung für die Folgen. Ich fordere BAYER hiermit auf, sich mit einem Fonds an den Folge-Kosten für eine berufliche Pestizid-Exposition und der Entstehung der Parkinson-Erkrankung zu beteiligen.“

Jan Pehrke verlangte angesichts des von der „Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau“ geschätzten Parkinson-Mehrbedarfs von 270 Millionen Euro pro Jahr ebenfalls eine Kostenbeteiligung. Hans van Scharen befasste sich indessen grundsätzlicher mit dem Nervenleiden, das sich rasant ausbreitet. In den letzten 20 Jahren haben sich die Parkinson-Zahlen mehr als verdoppelt und übertreffen damit Schlaganfälle und Multiple Sklerose, so der CEO-Aktivist. Zur Erklärung der Ursachen dafür zitierte er den Wissenschaftler und Neurologen Bas Bloem: „Parkinson war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine sehr seltene Krankheit. Mit der landwirtschaftlichen Revolution, der chemischen Revolution und dem explosionsartigen Anstieg des Pestizideinsatzes begannen die Erkrankungsraten zu steigen.” Angesichts dessen konnte van Scharen es nur als zynisch empfinden, dass der Leverkusener Multi sich auch noch als Heilsbringer in der Sache inszeniert, weil seine Pharma-Abteilung an Behandlungsmethoden für Parkinson forscht. 

Nicole van Gemert von der niederländischen FOODWATCH-Sektion machte da gleich einen praktischen Therapie-Vorschlag: „Ich schätze die Bemühungen von BAYER, ein Heilmittel für Parkinson zu finden, aber könnten Sie dieses Geld nicht einsparen, wenn Sie die Produktion von Glyphosat einstellen würden?“ Aus der Perspektive einer Organisation, die für ein gesundes Essen streitet, widmete sie sich den Pestiziden im Allgemeinen und den doppelten Standards im Besonderen, landen die hierzulande nicht (mehr) genehmigten, in ferne Länder exportierten Ackergifte über Lebensmittelimporte doch wieder auf den hiesigen Tellern. 

Dr. Gottfried Arnold sprach von der Warte eines ehemaligen Kinderarztes aus und schilderte die Gefahren, die ErdenbürgerInnen in spe schon im Mutterleib drohen. „Die erste Pestizid-Dosis, die ungeborene Kinder in dieser frühen und empfindlichen Phase abbekommen, nennen Kinderkrebs-Ärzte den ‚1. Schlag‘“, erläuterte er. Der 2. Schlag folge dann draußen in der Welt durch die Schadstoff-Expositionen in der Luft, so Arnold. Am häufigsten entwickeln die Neugeborenen ihm zufolge eine Leukämie. Dazu zitierte er eine Studie von WissenschaftlerInnen, die in diesem Zusammenhang von einer „vermeidbaren Erkrankung“ sprechen, weil die Entstehungsgeschichte so klar vor Augen liegt und Handlungsoptionen eröffnet.

Peter Clausing, promovierter Toxikologe vom PESTIZID AKTIONS-NETZWERK (PAN), beschäftigte sich mit denjenigen Pestiziden, die Mensch, Tier und Umwelt besonders zusetzen, weil sie zu den Ewigkeitschemikalien zählen. Allein sieben, die bei ihrer Zersetzung den PFAS-Stoff Tetraflouracetat (TFA) bilden, hat BAYER im Programm. „Auch wenn es noch andere Emissionsquellen für TFA gibt, sind PFAS-Pestizide die vorherrschende Quelle für die Kontamination von Grund- und Trinkwasser mit TFA. Laut Europäischer Chemikalien-Agentur werden in der EU pro Jahr knapp 5.500 Tonnen PFAS-Pestizide ausgebracht. Und aus dem Bericht des Umweltbundesamts von 2023 geht hervor, dass in Deutschland das Potenzial besteht, dass durch die ausgebrachten PFAS-Pestizide jährlich bis zu 521 Tonnen TFA gebildet werden“, führte er aus. „Wie hoch ist der Anteil des BAYER-Konzerns an den nach offizieller Schätzung knapp 5.000 Tonnen PFAS-Wirkstoffen, die jährlich in der EU ausgebracht werden?“, wollte er unter anderem vom Vorstand wissen.

Gentechnik & Co.

Judith Düesberg vom Gen-ethischen Netzwerk widmete sich der neuesten Schöpfung aus den BAYER-Laboren: einem Hybrid aus Pestizid und Gentechnik auf der Basis von doppelsträngiger Ribonukleinsäure (dsRNA). Damit bestückt, sollen die Mittel dem Maiswurzelbohrer zu Leibe rücken.  Die Molekül-Kette zieht nämlich Enzyme im Magen des Insekts an und spaltet diese in siRNA auf, was dann ein für das Tier überlebenswichtiges Protein blockiert. Als Alternative zur Agro-Chemie preisen die Konzerne diese Entwicklung an, Düesberg aber äußerte Zweifel am Sicherheitsprofil der Technologie, die in einem Gen-Mais des Global Players bereits zur Anwendung kommt. Zu einem anderen erst jüngst erschlossenen Anwendungsgebiet der Gentechnik, der Kreation von Boden-Bakterien, stellten sich ihr ebenfalls drängende Fragen. Das nicht zuletzt deshalb, weil sich die Versprechungen, die BAYER & Co. bei der Einführung der ersten Gentech-Pflanzen gemacht haben – wie zum Beispiel eine Reduktion der Giftspritzereien auf den Feldern durch passgenau auf die Ackerfrüchte abgestimmte Pestizide – nicht erfüllt haben. 

Damit blieb an diesem Tag keine Gentech-Hervorbringung BAYERs unter dem Radar der AktivistInnen, denn zuvor schon hatte Bernd Schmitz sich in seiner Rede der Gentechnik 2.0 angenommen und den Umgang des Leverkusener Multis mit dieser Risiko-Technologie scharf kritisiert. „[I]n der Debatte um die Anwendung der neuen Gentechnik CRISPR-Cas bei Saatgut lehnt BAYER jede Haftung und Verantwortung ab. Auch eine Rückverfolgbarkeit und eine durchgehende Kennzeichnung in der Lebensmittel-Kette wird von Ihrem Konzern bekämpft. Das ist alles andere, als Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen!“, konstatierte er.

CO2 & Co.

Auch der Klimawandel kam zur Sprache, trägt der Leverkusener Multi doch mit einem Treibhausgas-Ausstoß von rund drei Millionen Tonnen pro Jahr nicht unwesentlich dazu bei. „Wie stark die Extremwetter in Zukunft noch zunehmen werden, ist abhängig von den Entscheidungen, die heute in den Chefetagen der Unternehmen wie der BAYER AG getroffen werden. Werden die planetaren Grenzen weiterhin negiert und nicht eingepreist, werden sich die Krisen in absehbarer Zukunft überschlagen“, prophezeite Alice Werner von den Leverkusener PARENTS FOR FUTURE. Darum erkundigte sie sich danach, was der Global Player tut, um so schnell wie möglich aus der fossilen Energie-Gewinnung auszusteigen. Auch zu weiteren Maßnahmen zur Eindämmung der Erderwärmung erbat sie Informationen. Eigentlich wollte sich die Aktiengesellschaft auf der Hauptversammlung dazu groß in Szene setzen und ihren Klimaplan zur Abstimmung stellen. Aber das verschwand schnell wieder von der Tagesordnung – Mächtige AktionärInnen hatten interveniert. „Ich hätte jetzt gerne die Namen der Großinvestoren erfahren, die ihr Veto eingelegt haben“, bat Jan Pehrke deshalb. 

Mit Günter Wulf ergriff schließlich ein ehemaliges Heimkind das Wort, das in Kinder- und Jugendpsychiatrien als Versuchskaninchen für Arzneien von BAYER und anderen Firmen herhalten musste. „Bei jahrelangen Misshandlungen und unter 8-jähriger Dauermedikation, bei der die Pharma-Unternehmen unvorstellbar hohe Gewinne einstreichen konnten, da ihnen ja ‚günstige Probanden‘ für ihre Medikamententests zur Verfügung standen, nämlich wir Heim- und Psychiatrie-Kinder, bin ich heute dankbar dafür, dass ich diese medikamentöse Vergewaltigung, die überhaupt keinen therapeutischen Nutzen hatte, tatsächlich überstanden habe, wenngleich Nervenschäden nicht ausblieben“, berichtete er.

Von 1964 bis 1972 war Wulf dieser Tortur ausgesetzt. Erst mit dem neuen Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig-Hesterberg – Hermann Meyerhoff, der Vater des bekannten Schauspielers und Autors Joachim Meyerhoff – endeten seine Qualen. Darum forderte Günter Wulf den Leverkusener Multi auf, Verantwortung zu übernehmen.

Nur Ausflüchte von BAYER

Das lehnte das Unternehmen jedoch ab. „Herr Wulf – Sie hatten gefragt, wann sich die BAYER AG dazu bereiterklärt, für die an Heimkindern angeblich begangene Körperverletzung einzustehen“, hob Pharma-Chef Stefan Oelrich in seiner Antwort an, um Günter Wulf dann zu bescheiden: „Die Forderung nach einer finanziellen Beteiligung lehnen wir ab, da wir weder für die Zustände in den damaligen Heimen noch für die Handlungen der Mitarbeiter Verantwortung übernehmen können.“ Die Untersuchungen selbst wurden damals „auf der Grundlage der damals geltenden rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen und unter den Voraussetzungen der entsprechenden Indikationsstellung durchgeführt“, behauptete Oelrich. Und überdies wurden Kinder und Jugendliche nur „in geringem Umfang eingebunden“ und das auch nur, „wenn der medizinische Bedarf oder die Indikationsstellung gegeben war“, wiegelte er weiter ab.

Auch wollte das Unternehmen nicht damit rausrücken, welche Großinvestoren genau darauf gedrungen hatten, den Klimaplan nicht zur Abstimmung zu stellen. BAYER-Chef Anderson äußerte sich nur ganz allgemein dazu. „Die Entscheidung, die Abstimmung über ein ‚Say on Climate‘ nicht zur Abstimmung zu stellen, wurde auf der Basis einer gründlichen Analyse der Erwartungen unserer Investoren getroffen“, erläuterte er. Diese hätten dem Vorstand „aufgrund ihrer internen Diskussionen signalisiert, dass der momentane Zeitpunkt für einen ‚Say on Climate‘ nicht der richtige ist“, so der Ober-BAYER weiter. Aber heute ist nicht alle Tage. „Wir prüfen das Thema weiterhin“, versuchte Anderson Trost zu spenden.

Judith Düesberg erhielt ebenfalls keine Antwort auf ihre Frage, wie viel Geld BAYER in die Entwicklung von gentechnisch veränderten Mikroorganismen steckt – Geschäftsgeheimnis. Auch zur Erforschung der Risiken von RNAI-Pestiziden hielt sich das Unternehmen bedeckt. Nur Lobby-Aktivitäten bezüglich deren Regulierung räumte es ein, prägen doch „Gesetzgebung und Politik die Rahmenbedingungen unseres Geschäfts“. „Als global agierendes Unternehmen haben wir die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, aktiv unsere Fähigkeiten und Kenntnisse zur Verfügung zu stellen und politische Entscheidungsprozesse zu begleiten“, meinte BAYERs Agrar-Chef Rodrigo Santos. „Deshalb haben wir zu diesem Themen-Komplex zahlreiche Gespräche unter anderem mit der EU-Kommission und dem europäischen Parlament geführt“, führte er aus. Und natürlich pflegt der Global Player die politische Landschaft nicht nur in Brüssel. „Selbstverständlich tauschen wir uns auch mit der US-Regierung über den Nutzen unserer Produkte aus“, erklärte Finanz-Vorstand Wolfgang Nickl: „Tragfähige Beziehungen zu Regierungen überall sind für uns sehr wichtig, das ist unabhängig von bestimmten Personen.“ 

Am Vorstandsvorsitzenden Bill Anderson war es dann dieses Mal, die Wahlkampf-Spenden des Konzerns an Trump herunterzuspielen und als reine Privatangelegenheiten der Beschäftigten darzustellen. Er bekannte sich bei der Gelegenheit beherzt zu den Geschäften in den USA, trotz der Schadensersatz-Prozesse in Sachen „Glyphosat“ und „PCB“. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen und BAYER wieder auf einen profitablen Wachstumskurs zu bringen. Dabei machen wir sehr gute Fortschritte, es ist aber auch noch sehr viel zu tun.“ 

Auf die Zollpolitik der Trump-Admini-stration versucht sich der Agro-Riese derweil einzustellen. „Wir beobachten die Entwicklungen in den USA fortwährend genau und analysieren die potenziellen Auswirkungen auf unsere Lieferketten, Kunden und auch unsere Geschäftsbeziehungen“, sagte Finanz-Vorstand Wolfgang Nickl. Ein ganzes Netzwerk von ExpertInnen-Teams hat der Leverkusener Multi darauf angesetzt. „Diese Aktivitäten verstärken unsere ohnehin bestehende kontinuierliche Arbeit, die geopolitische Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft und unserer Geschäfte zu stärken z. B. durch ein vielfältiges Beschaffungsnetzwerk oder das Management von Lagerbeständen“, so Nickl. 

Genauere Angaben darüber, wie BAYER mit dem Druck von Trump & Co. auf die Konzerne umgeht, ihre Programme für Vielfalt, Gleichberechtigung und Diversität einzustellen, machte die Vorstandsriege nicht. Unter anderem Jan Pehrke hatte darüber Auskünfte verlangt. Er zitierte dazu Statements von ehemaligen Beschäftigten, die sich um Angehörige von Minderheiten innerhalb der Belegschaft sorgten und aus dieser Perspektive die Teilnahme Bill Anderson und BAYERs US-Chef Sebastian Guth an der Amtseinführung Trumps kritisiert hatten. Personalvorständin Heike Prinz flüchtete sich zunächst in Allgemeinplätze. „Wir setzen uns weiterhin für Vielfalt ein“, bekundete sie. Die konkreteren Ausführungen ließen daran jedoch großen Zweifel aufkommen. „Dieses Versprechen setzen wir unter Einhaltung aller jeweils geltenden staatlichen Gesetze und Vorschriften um“, erläuterte Prinz. Die rechtliche Situation in den USA sei weiterhin in Bewegung und BAYER in Habacht-Stellung. „Wir beobachten die sich in den USA entwickelnde Situation sehr aufmerksam, um die möglichen Auswirkungen auf unser Geschäft besser einschätzen zu können. Dabei handeln wir proaktiv, um unser Unternehmen voranzubringen und gleichzeitig unseren Werten treu zu bleiben“, so die Managerin.

Wie schlecht es um diese Werte bestellt ist, zeigte der von Jan Pehrke zur Sprache gebrachte Lieferkettenbericht, der zahlreiche Verstöße gegen soziale und ethische Standards ausweist. Genauere Auskunft zum dort dokumentierten Fall von Kinderarbeit verweigerte der Leverkusener Multi. Ein neues Einfallstor für die Ausbeutung von Minderjährigen könnte BAYERs neue Maissaatgut-Anlage in Sambia darstellen, denn nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen ist die Landwirtschaft ein Hot Spot von Kinderarbeit. Und bei der Fertigungsstätte in Kabwe ist das Risiko besonders groß. Die Vertragsfirmen, die für diese Fabrik das Saatgut vermehren, beschäftigen nämlich nicht weniger als 15.000 Saisonkräfte. Der Agro-Riese aber sieht da keine Gefahr. Die Zulieferer wären an BAYERs Human Rights Policy gebunden, die sich wiederum an den allgemeinen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der Vereinten Nationen orientiert, versicherte Rodrigo Santos Jan Pehrke: „Zudem gelten die arbeitsrechtlichen Bedingungen in Sambia“. Etwas konkreter fielen die anderen Antworten zu diesem Thema aus. Die Behinderungen gewerkschaftlicher Betätigung fanden in Mexiko und in Indien statt. In dem lateinamerikanischen Land verzögerte sich die Umsetzung von Bestimmungen zur Versammlungsfreiheit, und in dem südostasiatischen Land behinderte eine Vertragsfirma von BAYER die Gründung eines Betriebsrats. Der Lohnraub wiederum ereignete sich in China, Indien und Saudi-Arabien. Es handelte sich in allen elf Fällen um verspätete Bezahlung, erklärte Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann.

Der Pestizid-Komplex

Die Risiken und Nebenwirkungen der BAYER-Pestizide verleugnete Agrar-Chef Rodrigo Santos samt und sonders. Die Ewigkeitschemikalie TFA als Abbau-Stoff von Ackergiften – kein Problem! „Nach den Ergebnissen der jüngsten wissenschaftlichen Studien zu TFA – einschließlich relevanter Überwachungsdaten – ist es wichtig zu sagen: Es gibt keine Hinweise für ein Risiko für die menschliche Gesundheit oder die Umwelt, das mit der ordnungsgemäßen Verwendung unserer Produkte verbunden ist“, meinte er. Für Parkinson gilt das ihm zufolge natürlich auch. „Die Entstehung des Parkinson-Syndroms ist komplex und in der medizinischen Forschung nicht vollständig geklärt“, eröffnete er Bernd Schmitz von der AbL, klar ist nur das: „Im Rahmen der Zulassungs- und Wiederzulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel überprüfen und bewerten die Zulassungsbehörden umfangreiche Daten aus Studien (…) Keine Zulassungsprüfung kam jemals zu dem Schluss, dass die Verwendung eines unserer registrierten Produkte oder Wirkstoffe mit der Parkinson-Krankheit in Zusammenhang steht.“ 

Selbst innerhalb der Europäischen Union nicht (mehr) zugelassenen, von BAYER aber weiter in andere Länder exportierte Mitteln stellte der Brasilianer eine Unbedenklichkeitserklärung aus, die der Konzern in ganz ähnlicher Form bereits bei der Hauptversammlung von 2023 zur Anwendung brachte. „Allein die Tatsache, dass ein Pflanzenschutzmittel nicht in der EU zugelassen ist, sagt nichts über seine Sicherheit aus. Auch viele andere Zulassungsbehörden aus der ganzen Welt verfügen über robuste und hochentwickelte Regulierungssysteme zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt“, erklärte der Agrar-Manager. BAYER hat sich da kurzerhand ganz eigene Regeln zugelegt. Nach „Das Unternehmen vertreibt keine Pestizide, die nicht in mindestens einem OECD-Staat eine Genehmigung haben“ ein Komma setzen und schreiben: „und meint damit den Gleichbehandlungsansprüchen zu genügen.“ Seinen Leit-Slogan „Science For A Better Life“ wollte es dann auch keineswegs nur selektiv verstanden wissen. „Unsere Strategie bezüglich der Landwirte steht im Einklang mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und wird in unsere regionale Wirtschaftsstrategie eingegliedert“, versicherte Santos Harun Warui. Aber es gebe nun einmal spezifische lokale Bedürfnisse, meinte er nach der Devise „andere Länder, andere Sitten“.

Die Antworten fielen also wieder einmal dürftig aus. Es gab von Seiten des Managements kein ernsthaftes Interesse, sich mit den von den AktivistInnen vorgebrachten Problematiken auseinanderzusetzen. Darum lautete das Resümee des CBG-Vorstandsmitglieds Jan Pehrke: „Die Themen-Komplexe, die ich und die anderen Konzern-Kritiker bisher angesprochen haben, zeigen, dass BAYER ohne Rücksicht auf Verluste für Mensch, Tier und Umwelt den Profiten nachjagt. Um dem in Zukunft Einhalt zu gebieten, muss der Konzern unter gesellschaftliche Kontrolle gestellt werden.“ ⎜

Die „Operation Ranch Hand“

CBG Redaktion

Agent Orange & Co.

Vor 50 Jahren endete der Vietnam-Krieg. Über drei Millionen Menschen verloren durch die Kämpfe ihr Leben. Als besonders verheerend erwies sich der Einsatz von Agent Orange. Einer der Hauptproduzenten des zur Chemie-Waffe umfunktionierten Herbizids: Die jetzige BAYER-Tochter MONSANTO.

Von Jan Pehrke

Mit der Einnahme Saigons durch die nordvietnamesischen Truppen am 30. April 1975 endete der Vietnam-Krieg. Die Bilanz: über drei Millionen Tote auf vietnamesischer Seite, davon vier Mal so viel ZivilistInnen wie Soldaten, und 58.000 tote US-Kämpfer. Auf das südostasiatische Land gingen sieben Millionen Tonnen Bomben nieder – das 2- bis 3-Fache der im gesamten 2. Weltkrieg abgeworfenen Menge. 

Als besonders tückisch erwies sich der „Herbicidal warfare“ mit Agent Orange und anderen Pestiziden. „Sie versprühten so viel Agent Orange, dass man am Ende ganz nass war“, erinnert sich die Franco-Vietnamesin Tran To Nga an den Tag im Dezember 1966, an dem sie zum ersten Mal mit dem Herbizid in Berührung kam. Transportmaschinen des Typs Fairchild C-123 hatten sich im Tiefflug genähert und ein weißes Pulver herabrieseln lassen. „Das Puder verwandelte sich in eine klebrige Flüssigkeit, die meinen Körper umschloss. Ich musste husten und hatte das Gefühl zu ersticken“, so die 83-Jährige. 

Die US-Armee nutzte den Stoff als Entlaubungsmittel, um die sich im Dschungel verborgen haltenden Vietcong besser vor die Zielfernrohre zu bekommen. Überdies diente er dem Kriegsziel, die Ernten des Gegners zu vernichten und so eine Nahrungsmittel-Krise auszulösen. Eine Fläche von 3,3 Millionen Hektar geriet ins Visier der Sprüh-Flugzeuge, was einem Viertel des Staates entspricht. Über 3.000 Dörfer flogen die Piloten an. Nicht weniger als 46 Millionen Liter Agent Orange und dazu noch einmal 34 Millionen Liter anderer Pestizide gingen von 1962 bis 1971 im Zuge der „Operation Ranch Hand“ auf den südostasiatischen Staat nieder. 

Die Nachfrage des „U. S. Chemical Corps“ war so groß, dass die Konzerne mit der Produktion gar nicht mehr nachkamen und bei der Fertigung Fehler machten. Sie verunreinigten das 2,4,5-T mit Dioxin. 400 Kilogramm dieser Verbindung gelangte auf diese Weise nach Vietnam. Zum Vergleich: Nach einer von Marie-Monique Robin in ihrem Buch „Mit Gift und Genen“ zitierten Studie reichen 80 Gramm der Substanz im Trinkwasser-Netz einer Stadt aus, um acht Millionen EinwohnerInnen zu töten. Durch diese Extra-Ladung Dioxin potenzierte sich die fatale Wirkung des Agent Orange noch, die ohnehin schon immens war. Die Konzentration der Inhaltsstoffe überstieg nämlich diejenige, die sich in dem für „zivile“ Zwecke genutzten Agent Orange findet, um das 50-Fache. 

Die Strategie, Antiunkraut-Mittel und andere Pestizide als Chemiewaffen einzusetzen, entwickelten die britischen Streitkräfte 1940. Anfang der 1950er Jahre erprobten sie den „Herbicidal warfare“ dann im Kampf gegen die malaysische Befreiungsbewegung. Aber erst der Vietnam-Krieg brachte das ganze zerstörerische Potenzial dieser militärischen Praxis ganz zur Entfaltung. 

Zahlreiche Chemie-Multis leisteten dabei Schützenhilfe. Mit die größten Rüstungslieferungen stammten von MONSANTO. Bereits seit 1950 befand sich das Unternehmen im regen Austausch mit der Chemiewaffen-Abteilung des US-Militärs über die Kriegsverwendungsfähigkeit des Wirkstoffs 2,4,5-T. Die entsprechende Akte ist 597 Seiten stark und zu großen Teilen immer noch als „geheim“ deklariert. Überdies wusste der Multi schon früh um die Gefährlichkeit des Stoffes. Aber bei einem Treffen mit weiteren Herstellern des Produkts zur Erörterung der Gesundheitsgefahren übte MONSANTO Druck auf die VertreterInnen anderer Firmen aus, der Regierung der Vereinigten Staaten diese Risiken zu verheimlichen. „Ein kausaler Zusammenhang zwischen Agent Orange und chronischen Krankheiten beim Menschen konnte nicht nachgewiesen werden“, behauptete der Agro-Riese stets in der Öffentlichkeit. Und auf seiner Website stand früher die Rechtfertigung zu lesen, die Flugzeuge hätten das Herbizid versprüht, „um das Leben der US-Soldaten und ihrer Verbündeter zu schützen und zu retten“. 

Seit 2018 gehört MONSANTO zum BAYER-Konzern. Aber auch der will für Agent Orange keine Verantwortung übernehmen. „Es war die US-Regierung, die die Spezifikationen für die Herstellung des Entlaubungsmittels Agent Orange entwickelte und vorgegeben hat, wann, wo und wie es eingesetzt wird. Agent Orange wurde ausschließlich für den militärischen Einsatz auf Anweisung der Regierung von MONSANTO hergestellt“, lautete auf der letzten Hauptversammlung die Antwort an Tricia Euvrard vom „Collectif Vietnam Dioxine“. 

Zwar gilt BAYER seit dem Ersten Weltkrieg als „Erfinder der Chemiewaffe“ und war bis weit in die 1980er Jahre hinein bekannt als „weltweit führender Chemiewaffen-Konzern“, aber das Pentagon direkt oder über das mit MONSANTO seit 1954 betriebene Gemeinschaftsunternehmen MOBAY mit Agent Orange beliefert zu haben, bestreitet der Leverkusener Multi seit 2016 mit windiger Argumentation. Die Produktion von Agent-Orange-Bestandteilen und anderen Pestiziden für die Kriegsverwendung hingegen nicht. So stellte der Global Player jährlich 700 bis 800 Tonnen des „Agent Orange“-Grundstoffes 2,4,5-T her und verkaufte einen Teil davon an die französische Firma PROGIL. Diese wiederum verarbeitete es weiter und exportierte es nach Vietnam. Eine Aktennotiz der BOEHRINGER AG belegt dies: „BAYER und PROGIL haben auf dem 2,4,5-T-Sektor seit Jahren (Vietnam) zusammengearbeitet“. Der Global Player verleugnet diese Kooperation nicht, hält allerdings fest: „Über die weitere Verwendung des Wirkstoffes bei der PROGIL liegen keine Erkenntnisse vor.“ In einer früheren Äußerung zu diesem Thema räumt er hingegen durchaus die Möglichkeit ein, „dass Tochter-Unternehmen beziehungsweise Drittfirmen 2,4,5-T-haltige Pflanzenbehandlungsmittel auf den amerikanischen Markt brachten“. 

Andere ebenfalls als Kampfstoffe einsetzbare Agro-Chemikalien wie Agent Green, Zineb und Dalapon veräußerte das Unternehmen dem US-Militär ebenfalls. Teilweise legten die Substanzen dabei einen weiten Weg zurück. Einige von ihnen gelangten über Konzern-Niederlassungen in den damals autoritär regierten Staaten Spanien und Südafrika zur US-Tochter CHEMAGRO und von dort dann zu den Militärbasen. Die Zeitschrift International Defense Business konnte für das Jahr 1972 sogar genau den Wert von BAYERs Kriegsbeitrag beziffern: Rund eine Million Euro stellte die Aktiengesellschaft für die verschiedenen Chemikalien in Rechnung. ExpertInnen des Unternehmens standen der US-Army gemeinsam mit ihren Kollegen von HOECHST aber auch direkt vor Ort mit Rat und Tat zur Seite. Als medizinische HelferInnen getarnt, arbeiteten sie dem US-amerikanischen Planungsbüro für B- und C-Waffeneinsätze in Saigon zu. Die transatlantische Kooperation vermochte sich dabei sogar auf alte Verbindungen zu stützen: Die Abstimmung zwischen den US-amerikanischen und bundesdeutschen Chemie-Firmen übernahm die General Aniline and Film Corporation, eine ehemalige US-Tochter der I.G. FARBEN. 

Mehr als 4,8 Millionen Vietnamesen waren den zu Chemiewaffen umgerüsteten Pestiziden ausgesetzt. Drei Millionen von ihnen leiden noch heute darunter. Krankheiten wie Leukämie, Lungen-, Brust- und Leberkrebs, Diabetes, Tuberkulose und chronische Kopfschmerzen lösten die Mittel aus. Über 100.000 Kinder kamen mit Fehlbildungen auf die Welt. 

Auch viele GIs erlitten durch Agent Orange Gesundheitsstörungen und führten so MONSANTOs patriotischer Beteuerung, der Einsatz des Mittels sei erfolgt, „um das Leben der US-Soldaten und ihrer Verbündeter zu schützen und zu retten“, ad absurdum. Die Armee-Angehörigen zogen vor Gericht, um die Konzerne zur Rechenschaft zu ziehen. 180 Millionen Dollar musste MONSANTO ihnen 1984 gemeinsam anderen Chemie-Riesen im Rahmen eines Vergleichs zahlen und fast die Hälfte der Summe selbst aufbringen, da sein Agent Orange den höchsten Dioxingehalt aufwies. 

VietnamesInnen haben dagegen überhaupt noch kein Geld von den Produzenten der Pestizide erhalten. Eine entsprechende Klage wies der Oberste Gerichtshof der USA im Jahr 2009 ab. Tran To Nga versucht es jetzt in Frankreich. Sie zog gegen MONSANTO und 13 weitere Unternehmen vor Gericht, denn ihr Leben ist durch Agent Orange tief gezeichnet. Die Franco-Vietnamesin leidet unter der Blutkrankheit Alpha-Thalassämie, unter Chlorakne und einer Herzfehlbildung, die sie ihrer ersten Tochter weitervererbte. Schon nach 17 Monaten starb das Kind daran. Auch die anderen beiden Töchter Trans haben an Agent Orange noch schwer zu tragen. 

Den ersten Prozess verlor Tran To Nga. Das Berufungsverfahren ging im August 2024 ebenfalls zu Gunsten der Konzerne aus. Die RichterInnen billigten ihnen einen Immunitätsstatus zu, weil sie im Auftrag eines souveränen Landes – den USA – handelten. Die vietnamesische Regierung reagierte umgehend darauf. „Vietnam bedauert das Urteil des Pariser Berufungsgerichts und hat seine Haltung in dieser Angelegenheit wiederholt zum Ausdruck gebracht. Obwohl der Krieg beendet ist, haben seine schwerwiegenden Folgen weiterhin tiefgreifende Auswirkungen auf unser Land und unsere Bevölkerung, einschließlich der langfristigen und schwerwiegenden Folgen von AO/Dioxin“, hieß es aus Hanoi. 

Tran To Nga ließ sich von der Entscheidung nicht entmutigen. Sie kündigte an, vor das französische Verfassungsgericht zu ziehen. „Es ist nicht nur mein Kampf, sondern auch der von Millionen von Opfern“, sagt sie.