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Beitrag veröffentlicht im Januar 2000

Einspruch

CBG Redaktion

17. Juli 2006

Staatsanwaltschaft
Am Justizzentrum 13
50939 Köln

112 Js 305/06

In dem Ermittlungsverfahren

g e g e n W e n n i n g u . a .

wird die Beschwerde nunmehr wie folgt begründet:

Die Beschwerde richtet sich in erster Linie gegen die Ausführungen der Staatsanwaltschaft Köln zur Untreue gemäß § 266 StGB. Die Staatsanwaltschaft ist der Ansicht, dass ein Vermögensschaden bzw. eine Vermögensgefährdung bei Bußgeldern wegen unzulässiger Kartellabsprachen deshalb nicht vorliegt, da Kartellabsprachen nicht singulär betrachtet werden dürften, sondern nur im Ganzen und dass das Kartellabsprachen im Ganzen gewinnträchtig seien. Diese Rechtsauffassung ist - wie noch zu zeigen sein wird - nicht nur im Lichte der Rechtsprechung unhaltbar sondern sie bedeutet in der praktischen Konsequenz auch eine Ermunterung von entsprechenden Firmen, sich an Kartellabsprachen zu beteiligen.

Ich verstehe die Entscheidung der Staatsanwaltschaft dahingehend, dass ein Vermögensschaden in bekannt gewordenen Kartellabsprechen durch Gewinne in nicht bekannt gewordenen Kartellabsprachen ausgeglichen sein soll. Sollte die Staatsanwaltschaft allerdings die Auffassung vertreten, dass auch bezüglich der einzelnen bekannt gewordene Kartellabsprache die Gewinne höher sind als die Verluste, so bedürfte es dazu sicherlich weitergehender Feststellungen, da regelmäßig Gewinnabschöpfungen Geldbußen und Schadensersatzklagen von Konkurenten zu größeren Verlusten führen, als die vorher mit der Kartellabsprache erzielten Gewinne im konkreten Fall.

Andere - bisher nicht entdeckte - Kartellabsprachen können aber den Vermögensschaden bezüglich der entdeckten Kartellabsprachen nicht kompensieren.

Hier arbeitet die Entscheidung mit Annahmen „zu Gunsten“
der Beschuldigten, die eigentlich zur Einleitung neuer Ver-
fahren führen müßten. Die Staatsanwaltschaft geht - ich ver-
mute einmal ohne konkrete Anhaltspunkte - davon aus, dass
durch die Bayer AG eine Vielzahl weiterer - bisher nicht
entdeckter - Kartellverstösse vorgenommen worden sind. Es
ist bereits fraglich, ob ohne Vernehmung der Beschuldigten
und ihre Befragung zu der Frage, ob und in welchem Umfang
weitere Kartellverstösse begangen worden sind und ob und in
welchem Umfang dadurch Gewinne gemacht worden sind, derar-
tige Unterstellungen „zu Gunsten“ der Angeklagten möglich
ist. Beweislastentscheidungen kommen bekanntlich erst dann
in Betracht, wenn zuvor alle Möglichkeiten der Aufklärung
ausgeschlossen worden. Bestreiten die Beschuldigten weitere
- als die entdeckten - Kartellabsprachen, so wird zu ihren
Gunsten sicherlich nicht das Gegenteil unterstellt werden
können.

Der Rechtsansicht der StA steht sowohl Rechtsprechung als
auch Schrifttum deutlich entgegen. Der von § 266 StGB gefor-
derte Vermögensnachteil ist gleichbedeutet mit dem Vermö-
gensschaden im Sinne von § 263 StGB. In der einschlägigen
Kommentierung von Tröndle/Fischer zu § 263 wird klar ge-
sagt, dass der hier von der Staatsanwaltschaft angewendete
Kompensationsgedanke bei der Ermittlung des Vermögensscha-
dens keine Rolle zu spielen hat. Das Gesetz sieht also gera-
de eine singuläre Betrachtung des in Rede stehenden Rechts-
geschäftes, nämlich der Kartellabrede, vor.

Dass hier eine Kompensation nicht stattfinden kann, hat der
Bundesgerichtshof wiederholt entschieden, das bedeutet
auch, dass Vorteile, die aus - bisher lediglich unterstell-
ten - weiteren Kartellabsprachen durch die Bayer AG und die
Beschuldigten gezogen wurden, nicht die Nachteile in den
mittlerweile bekannt gewordenen Fällen aufgehoben werden
dürfen. Hier führt der BGH im Urteil vom 06.05.1986 (NStZ
1986, 454) folgendes aus:

„Die Auffassung des LG, ein solcher Nachteil liegt nicht vor, sei jedenfalls nicht festzuhalten, weil der Angeklagte das durch die pflichtwidrige Handlung erlangte Geld im Interesse der Schule ausgegeben und dadurch dem Landschaftsverband einen entsprechenden Vorteil verschafft habe, so dass diesem im Ergebnis ein wirtschaftlicher Nachteil nicht entstanden sei, ist unzutreffend. Zwar fehlt es an einem Nachteil, wenn wertmindernde und werterhöhende Faktoren sich gegenseitig aufheben. Dass ist aber grundsätzlich nur dann der Fall, wenn die untreue Handlung selbst Vor- und Nachteil zugleich hervorbringt, so dass Verlust und Gewinn sich die Waage halten. Anders ist es dagegen, wenn sich der Vermögensvorteil nicht aus der pflichtwidrigen Handlung selbst ergibt, sondern durch eine andere, rechtliche selbstständige Handlung hervorgebracht wird. In einem solchen Fall kann der erlangte Gewinn den durch die untreue Handlung verursachten Vermögensnachteil rechtlich nicht ausräumen (...).“

So ist es aber vorliegend. Es gibt keine Anhaltspunkte afür, dass die - bisher lediglich von der Staatsanwaltschaft unterstellten - weiteren Kartellabsprachen einheitlich mit den angezeigten Absprachen beschlossen wurden oder in einem inhaltlichen Zusammenhang stehen.

Auch die Ausführungen der Staatsanwaltschaft zum Vorsatz sind rechtlich nicht haltbar. Es kommt nicht darauf an, ob die Beschuldigten ein reines Gewissen hatten. Es kann hier zitiert werden, was das Landgericht Wiesbaden dem ehemaligen Bundesinnenminister Kanter ins Stammbuch geschrieben hat:

„Der subjektive Tatbestand setzt Vrsatz - bedingter Vorsatz genügt - voraus. Der Vorsatz muß die Pflichtenstellung des Täters und außerdem das Bestehen einer Vermögensbetreuungspflicht umfassen, ... zum Vorsatz gehört daher auch das Bewußtsein der Pflichtverletzung. Hierfür reicht es aus, wenn der Täter die der Pflichtwidrigkeit zugrundeliegenden Tatsachen kennt und zutreffend einordnet.
Der Vorsatz muß sich überdies auch auf den Vermögensnachteil, wenn auch nur in Form eines Gefährdungsschadens, beziehen. Der Vorsatz entfällt insoweit nicht deshalb, weil der Täter annimmt oder hofft, ein endgültiger Schadenseintritt werde abgewendet werden. Eine allgemeine Absicht oder Hoffnung, mit den pflichtwidrigen Handlungen letztlich den Vermögensinteressen des Vermögensinhabers nicht zu schaden oder ihnen zu dienen, schließt den Vorsatz gleichfalls nicht aus. Der Tatbestand entfällt nicht deshalb, weil der Täter es “gut gemeint„ hat oder seine eigene Beurteilung der Interessenlage des Vermögensinhabers aus tatbestandsfremden Motiven für “besser„, sachgerechter o.ä. hält. Für das Wissenselement des Vorsatzes eines Gefährdungsschadens reicht es aus, wenn der Täter die Umstände kennt, welchen der konkreten Vermögensgefährdung zugrunde liegen und weiß, dass eine solche Gefährdung nach allgemeinen Bewertungsmaßstäben gegeben ist. Auch für den Vermögensnachteil reicht bedingter Vorsatz. Eine Bereicherungsabsicht ist nicht erforderlich (vergl. Tröndle/Fischer a.a.o. §266 Rn 77 mwn).“

Genauso liegt es im vorliegenden Fall. Es kann unterstellt
werden, dass die Beschuldigten die Kartellabsprachen kann-
ten, die Rechtswidrigkeiten dieser Absprachen wußten und au-
ßerdem wußten, dass bei Entdeckung erhebliche Schäden auf
die Bayer AG zukämen. Dass reicht für den Vorsatz aus. Dass
die Beschuldigten evtl. rechtsblind sind und meinen sich
über Gesetze straflos hinwegsetzen zu können und dafür
sogar schon Rücklagen in den Bilanzen zu schaffen, ändern
daran nichts. Im übrigen beziehen sich die Rückstellungen
allerdings nicht auf evtl. noch unentdeckte Kartellab-
sprachen, sondern nur auf bereits entdeckte bzw. solche,
die untersucht werden.

Insgesamt ist die Einstellung daher nicht haltbar, so dass
die Ermittlungen wieder aufgenommen werden müssen und insbe-
sondere der Sachverhalt weitergehend durch die Staatsanwalt-
schaft aufzuklären ist.

Reinecke/Rechtsanwalt
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[WECF] Chemikaliensicherheit

CBG Redaktion

Women in Europe for a Common Future, Daniela Rosche

Bayer Jahreshauptversammlung, 28 Mai 2006

Fragen und Ansprache an den Bayer Vorstand

Sehr geehrter Vorstand, liebe Aktionäre,

im Namen von Women in Europe, freue ich mich, erneut das Wort an sie zu richten. Bereits im letzten Jahr hatte ich mich an sie gewandt. Damals mit der Aufforderung, den Vorschlag fuer eine neue europäische Chemikalienverordnung, REACH genannt, zu unterstützen. Als internationales Netzwerk von Frauenorganisationen sind wir sehr besorgt ueber den Anstieg von Atemwegkrankheiten, Allergien, Unfruchtbarkeit und Krebs der mit Umweltverschmutzung und Bloßstellung an gefährliche Chemikalien verbunden ist.

Im letzten Jahr hoffte ich, sie mit meiner Rede überzeugen zu können, daß eine effektive Neuordnung der europäischen Chemikaliengesetzgebung auch zu ihrem Vorteil ist. Denn REACH würde die alltäglichsten Konsumentenprodukte, vom Haarshampoo zum MP3 Spieler, sicherer machen. Sichere Produkte, so unsere Ansicht, würden nicht nur Ihren Umsatz erhöhen, sondern nebenbei auch die Gesundheit von Frauen, Kindern und natuerlich auch die Umwelt schützen.

Inzwischen ist REACH einen Schritt weiter im Gesetzgebungsverfahren. Nach der ersten Lesung des Vorschlages durch das Europaparlament und die EU-Mitgliedstaaten im Rat ist ist eine historische Chance verspielt worden. So wie REACH im Moment steht, kann es den ursprünglichen Zielen, nämlich ein hohes Mass an Schutz von Gesundheit und Umwelt zu gewährleisten, nicht gerecht werden. Ein Grund dafür ist, dass 20.000 REACH-Stoffe nicht ausreichend untersucht werden müssen. Auch ist unklar, was in der Frage der Substitution gefährlicher Stoffe beschlossen wird.

Bisfenol-A ist ein solcher gefährlicher Stoff, und er wird von Bayer produziert, denn er ist ein Grundbaustein von Polycarbonat. Wie eine Vielzahl von verlässlichen wissenschaftlichen Studien zeigt, ist Bisfenol- A eine giftige Chemikalie. Zunächst ist die Chemikalie aufgrund seiner stofflichen Eigenschaften giftig für das Immunsystem, das Nervensystem und die menschliche Fortpflanzung gemäss des europäischen Klassifizierunssystems für Gefahrenstoffe. Konkret gesagt kann Bisfenol-A die Gehirnentwicklung von Ungeborenen und Kindern stören und Fehlgeburten verursachen. Darüber hinaus wirkt Bisfenol-A bereits in sehr niedrigen Dosen, wie durch Tests bewiesen wurden. Die Tatsache, dass dieser gefährliche Stoff in den menschlichen Koerper gelangt, ist durch Urinproben, Blutproben und selbst Nabelschnurproben nachgewiesen worden.

Ein weiterer Gesundheitsaspekt von Bisfenol A, der besonders Frauen betrifft, ist die Eigenschaft von Bisfenol A, Brustkrebs zu verursachen. Dies ist erst im letzten Jahr von Wissenschaftlern bestätigt worden, wie das wissenschaftliche Magazin, Nature, berichtete. Auch der amerikanische Breast Cancer Fund bezieht sich in seinem Jahresbericht 2006 auf diesen Tatbestand.

Im Sinne von intelligentem Design sah REACH vor, derart gefährliche Stoffe durch weniger gefährliche Alternativen zu ersetzen. Dies ist eigentlich kein schwieriges Verfahren und entspricht vielmehr gesundem Menschenverstand. Substitution ist common sense! Sicher sind unschädliche Alternativen nicht im Supermarkt erhältlich. Dazu muss man gezielt forschen, und dies erfordert Investitionen.

Wir erwarten von ihnen, dem Management der Bayer AG, dass Sie Verantwortung für ihre Produkte übernehmen und beginnen, nach unschädlichen Alternativen für Stoffe wie Bisfenol-A und anderen in ihrer Produktpalette zu suchen. Die Polycarbonat Sparte von Bayer ist im letzten Geschaeftsjahr ausserordentlich gut gewachsen. Sie verzeichnet einen Anstieg von 30%. Wir finden, dass Sie einen Teil dieses Gewinnes gezielt in die Forschung nach Alternativstoffen investieren müssen. Dies bedeutet eine Investition in die Zukunft, eine gesunde Zukunft für alle Frauen und die kommenden Generationen ohne mögliche Gesundheitsschäden wie Brustkrebs, Prostatakrebs und vielen anderen.

Wir erwarten von ihnen, liebe Aktionäre, dass auch sie ihrer gesellschaftlichen Pflicht nachkommen und den Vorstand in der Frage der Reinvestion von Gewinnen zur Forschung nach unschädlichen Alternativen von Bisfenol A und anderen in der Bayer Produktpalette zu unterstützen. Wir können uns nicht vorstellen, dass ein Chemie-Skandal um Bayer in ihrem Interesse ist.

Auf politischer Ebene fordern wir Sie auf, Herr Dr. Wenning, daß Sie sich in ihrer Funktion als Vorstandsvorsitzender des VCI für den Ersatz von gefährlichen Chemikalien in REACH stark machen. Für uns ist es einfach inakzeptabel, dass Stoffe die Krebs erregen, das menschliche Erbgut verändern, die Fortpflanzung schädigen, die Funktion des Hormonsystems stören und sich über Generationen im Menschen anreichern auf dem Markt bleiben. Deutlicher formuliert, wir wollen keine schädlichen Chemikalien, wie Bisfenol A in Nuckelflaschen, Lebensmittelverpackungen, Konservendosen, Nagellack, Zahnfüllungen und vielen anderen Konsumgütern. Menschen bevorzugen Produktsicherheit dem Risiko.

Es wird of behauptet wird, dass sich der Markt selbst reguliert und deshalb keine Gesetze braucht. In der Frage der Substitution von gefährlichen Chemikalien, braucht man jedoch zunächst einmal das Wissen um unschädliche Alternativen. Diese zu entdecken erfordert eine systematische Herangehensweise und intensive Forschung. Gesetze wie REACH bieten in dieser Frage ein Sicherheitsrahmen und garantieren eine Harmonisierung in dem jeder am Markt der am Markt beteiligt ist, den gleichen Bedingungen unterworfen ist. Die Unternehmen, die hier gezielt und konsequent agieren, werden mit einem Wettbewerbsvorteil und vorallem mit höheren Gewinnen belohnt.

Wie die Erfahrung mit schädlichen Stoffen, wie Asbest, DDT, PCBs und anderen zeigt, ist es nicht ausreichend auf die Gesetze des Marktes zu vertrauen und zu warten bis sich erst eine Katastrophe einstellt.

Für jede 7. Frau die derzeit an Brustkrebs erkrankt und Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch ist die Katastrophe schon längst eingetreten.

Fotos

CBG Redaktion
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Chemikalien

CBG Redaktion

Women in Europe for a Common Future (WECF)

Substitute hazardous chemical women tell Bayer shareholders

Addressing shareholders and the board of multinational Bayer today at their annual grand meeting in Cologne, Germany, Women in Europe for a Common Future is asking the CEO and the shareholders to invest into finding safer alternatives for chemicals it produces, such as Bisphenol-A . “We expect from Bayer that they reinvest their profits from 2005 to conduct research into alternatives for this dangerous chemical” says Daniela Rosche, WECF chemicals expert. Continues Rosche: “The idea to substitute something that puts people at risk or causes damage for something that is safe is merely common sense”.

According to Rosche, women’s reproductive health is threatened due to exposure to Bisphenol-A and its suspected health effects such as breast cancer. Just last year, the scientific journal Nature reported on research which confirmed that exposure to a very small doses Bisphenol-A already caused an increase in the density of breast tissue- a common risk factor for breast cancer. Moreover, the fetus and the embryo are at risk already at the womb where exposure to Bisphenol-A may cause long-term health effects to the reproductive system and other organs.

Women in Europe also demands that Bayer stops working against a strong EU chemicals policy reform (REACH), of which the substitution of the most hazardous substances is a main pillar. “Of course we know that such alternatives do not hang from trees, but we believe it is the duty of Bayer and other chemical companies to ensure their products are safe. This is an investment into a healthy future, a future they owe women and next generations.”

Contact: Daniela Rosche, Policy Coordinator (Chemicals)/ English, German and Dutch
Mobile: +31-6-22950027
Full speech can be downloaded from: www.wecf.org (German)

Kinderarbeit

CBG Redaktion

Jens Elmer, Eine Welt Netz NRW

Rede zur Jahreshauptversammlung von Bayer am 28.April 2006

Sehr geehrter Herr Wenning,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates,
sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Jens Elmer. Ich arbeite für das Eine Welt Netz NRW, den Dachverband entwicklungspolitischer Organisationen und Vereine in Nordrhein-Westfalen.

In meinem kurzen Beitrag möchte ich nicht so sehr auf die finanziellen, sondern mehr auf die moralischen Werte des Konzerns eingehen.

Vor eineinhalb Jahren haben unsere indischen Partnerorganisationen uns gebeten, darauf aufmerksam zu machen, dass in der Zulieferkette der Bayer AG Kinderarbeit existiert. Die 100%ige Bayer Tochter Pro Agro Seed Company aus Indien kauft Saatgut für Baumwolle von Zulieferfarmen auf, die Kinder beschäftigen.

Lassen Sie mich kurz erläutern, warum diese Form der Kinderarbeit nicht
mit der Hilfe im elterlichen Betrieb vergleichbar ist, die Sie, geehrte Damen und Herren, möglicherweise aus Deutschland kennen.

Schon achtjährige Mädchen arbeiten bis zu 12 Stunden täglich in der sengenden Hitze auf den Feldern. Sie dürfen selbst dann nicht vom Feld gehen, wenn giftige Pestizide gesprüht werden. Bei meinem Besuch in Indien vor 6 Monaten berichteten mir Kinder von Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen, einige mussten ins Krankenhaus. Der Schulbesuch bleibt ihnen verwährt und somit auch die Chance, dem Kreislauf der Armut zu entrinnen.

Diese Zustände finden sich nicht direkt bei Bayer selbst, sondern bei Zulieferbetrieben. Es stellt sich hier ganz allgemein die Frage, ob multinationale Konzerne nicht nur bei sich auf die Einhaltung der Menschenrechte achten müssen, sondern auch bei ihren Zulieferern.

Die OECD-Leitlinien für multinationale Unternehmen beantworten diese Frage klar: Die Verantwortung soll sich auch auf Zulieferbetriebe beziehen.
Aus diesem Grund reichten im Jahr 2004 Nichtregierungsorganisationen Beschwerde gegen Bayer beim Bundeswirtschaftsministerium ein wegen Verletzung der OECD-Leitsätze. Die Beschwerde ist noch nicht entschieden.
Dazu meine erste Frage an Sie: Wie möchten Sie die seit 2 Jahren anhängige Beschwerde zum Ende führen?

Bayer weiß von der Kinderarbeit in der Zulieferkette seit 2003. Erst durch Medienberichte, zuletzt im ARD-Fernsehmagazin Monitor, und öffentlichen Druck in Deutschland hat Bayer langsam angefangen, seine Verantwortung wahrzunehmen. Bayer entwickelte im Jahr 2005 einen Aktionsplan. Daher kam es in der abgelaufenen Erntesaison zu einer Reduzierung der Kinderarbeit von 1500 auf 450, wie der indische Wissenschaftler Dr. Davuluri Venkateswarlu ermittelte. Diese Reduzierung begrüßen wir.

Das bedeutet aber andererseits, dass der Weltkonzern Bayer seinen Jahresgewinn von etwa 1,7 Mrd. € im Jahr 2005 auch auf dem Rücken indischer Kinder erwirtschaftet hat.

Sicherlich ist Kinderarbeit in Indien verbreitet, viele kleine lokale Firmen profitieren davon. Es darf aber bezweifelt werden, dass sich Bayer mit diesen Firmen auf eine Stufe stellen möchte – sowohl von den eigenen moralischen Ansprüchen als auch von den finanziellen Möglichkeiten her!

Vor diesem Hintergrund meine zweite Frage an den Vorstand:
Inwieweit können Sie sich vorstellen, die Kinder, die jahrelang auf den Zulieferfarmen von Bayer gearbeitet haben, finanziell zu entschädigen?

Das Thema BAYER und Kinderarbeit zieht immer weitere Kreise: Einige Finanzinstitute wie Ethix und SAM, zuständig für den Dow Jones Sustainability Index, sowie mehrere kirchliche Invstoren wie die Schwedische Kirche, wandten sich mit kritischen Nachfragen zum Thema Kinderarbeit an Nichtregierungsorganisationen, indische Partnerorganisationen und einige auch an BAYER. Ebenso kontaktierte der Norwegian Government Petroleum Fund, der nach eigenen Angaben 0,77% der BAYER-Aktien hält, Nichtregierungsorganisationen.

Sehen Sie, sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes, es auch als finanzielles Risiko an, wenn Finanzinstitute und große Investoren sich über die Mißachtung der Menschenrechte und sozialer Standards bei Nichtregierungsorganiationen und bei Ihnen selbst erkundigen?

Einer Studie von indischen Wissenschaftlern und der Universität Oxford zufolge liegt der Hauptgrund für Kinderarbeit in den zu niedrigen Abnahmepreisen, die Bayer den Farmern zahlt: BAYER ist bereit, 5 Prozent mehr zu zahlen, doch 37 Prozent wären nötig, damit die Farmer statt Kinderlöhnen höhere Erwachsenenlöhne auf Basis des gestzlichen Mindestlohnes zahlen könnten.

Möchte Bayer in Zukunft um 37% erhöhte Abnahmepreise zahlen, um den Farmern die Befähigung zu geben, Erwachsenen die Mindestlöhne zu zahlen und auf Kinderarbeit zu verzichten?

Bisher lehnt BAYER höhere Abnahmepreise mit dem Argument ab, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Abnahmepreisen und der Abschaffung der Kinderarbeit. Vielmehr verweisen Sie auf Maßnhamen zur Produktivitätsteigerung.

Wie sollen diese Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung aussehen? Wie werden die Farmer geschult? Wird Bayer genetisch verändertes Saaatgut einsetzen?

Schon im letzten Jahr war Bayer zuversichtlich, Kinderarbeit in der Zulieferkette zu unterbinden. Dies ist, wie eben geschildert, leider nicht gelungen.

Daher meine Frage: Was wird Bayer dieses Jahr ändern, damit nicht wieder Kinder unter katastrophalen Bedingungen für Bayer-Gewinne arbeiten müssen?

Nun zum letzen Punkt:
Bei meinem Besuch in Indien berichteten mir Ärzte in Krankenhäusern von Erwachsenenen und Kindern, die nach der Pestizidausbringung mit schweren Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Darunter sind auch Todesfälle. Sie haben bereits in Ihrem Jahresbericht der Bayer AG von 1995 zugesagt, bis zum Jahr 2000 alle Pestizide vom Markt zu nehmen, die in die Gefahrenklasse 1 der Weltgesundheitsorganisation eingestuft werden.
Auf eine Anfrage bezüglich des Pestizides Monocrotophos, eingestuft in Klasse 1, haben Sie im November 2005 geantwortet: „Der Verkauf von Monocrotophos wurde Ende 2004 eingestellt. Wir haben Restbestände aus dem Handel zurückgerufen und diese sachgerecht entsorgt.!“
Wir konnten aber im September 2005 noch Monocrotophos von Bayer, ein Pestizid der Klase 1, in Indien kaufen. Die Quittung habe ich Ihnen hier mitgebracht. Es steht auch noch auf den offiziellen Verkaufslisten von Bayer in Indien.
Daher meine Frage: Wie ist es zu dieser Fehlinformtion gekommen?
Abschliessend meine letzte Frage an Sie: Wann lösen Sie endlich Ihr Versprechen von 1995 ein, alle Pestizide der Klasse 1 vom Markt zu nehmen?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit

[Terminator] Terminator Technologie

CBG Redaktion

Bayer-Hauptversammlung
28. April, Köln-Deutz

Statement von Gregor Kaiser, grek@jpberlin.de

Kampagne Freie Saat statt tote Ernte!

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Gregor Kaiser, in Bonn lebend und heute hier, um die Interessen von 33 Organisationen aus dem entwicklungspolitischen, umweltpolitischen und bäuerlichen Bereich zu artikulieren. Diese bundesweit und lokal agierenden Gruppen engagieren sich seit vielen Jahren für eine lokal und global zukunftsfähige Landwirtschaft – zusammengefunden haben wir uns im letzten Jahr, um die Durchsetzung der sogenannten Terminatortechnologien, zu denrn auch das Unternehmen Bayer arbeitet und forscht, zu verhindern.

Bayer ist ein breit aufgestelltes Unternehmen, welches in den Sparten Pharma, Chemie und Agrar weltweit Geschäfte tätigt, Menschen beschäftigt, Umwelt vernutzt und Unwelt gestaltet. Umwelt- und Sozialstandards werden in Broschüren und im Internet allerdings groß geschrieben.
Doch blendet der schöne Schein nur?

Stichwort Saatgut:
Pflanzenzüchtung gibt es seit Jahrtausenden von Jahren – v.a. Bäuerinnen sind weltweit diejenigen, die dafür Verantwortung tragen. Saatgut ist Überlebensmittel und grundlegendes Produktionsmittel aller Landwirte weltweit. Saatgut wird getauscht, lokal angepasst und weiterentwickelt und das Wissen darüber ausgetauscht. Nur so konnte die ungeheuere Nutzpflanzenvielfalt mit vielen Tausend besonderen Anpassungen an besondere Standorte gelingen.

Seit rund 100 Jahren existiert die kommerzielle Züchtung, seit rund 70 Jahren der pflanzliche Sortenschutz, mit dem Unternehmen wie Bayer versuchen, die Investitionskosten durch Lizenzeinnahmen wieder einzuspielen. Seitdem geht die Sortenvielfalt mehr und mehr zurück. Mit der Akquise der Crop Science Sparte von Aventis ist die Bayer AG zu einem der führenden Konzerne in diesem Feld aufgestiegen: Saatgutzüchtung und gentechnisch veränderte Sorten gehören mittlerweile zum Tagesgeschäft.

Gehört dazu auch die Anwendung von Terminator-Technologien? Diese machen Saatgut mit gentechnische Methoden unfruchtbar. Die Landwirte würden, so sie einmal Saatgut gekauft haben, dazu gezwungen, jedes Jahr neues Saatgut kaufen und die Lizenzgebühren zahlen zu müssen. Genauso wie sie bereits heute von Ihnen gezwungen werden, für den Nachbau aus ihrer eignen Ernte Gebühren, sogenannte Nachbaugebühren, zu zahlen – nur damit die Dividende stimmt?!

Seit Ende der 1990 Jahre sind diese Technologien, der offizielle Name ist Genetic Use Restriction Technologies, geächtet – die internationale Staatengemeinschaft hat sich im Rahmen der Konvention über die biologische Vielfalt im Jahr 2000 für ein Moratorium ausgesprochen. In den letzten Monaten gab es auf internationaler Ebene massive Versuche einzelner Regierungen und einiger Unternehmen, Freilandversuche für diese - ich muss sagen - Abhängigkeitstechnologie durchzusetzen. Auch der Bayer-Konzern ist an der Entwicklung von Terminator-Technologien beteiligt – ein halbes Dutzende Patente und Patentanmeldungen mit Titeln wie „Neuartige Gene zur konditionellen Zellablation“ oder „Verfahren zur Herstellung weiblich steriler Pflanzen“ belegen dies. Meine Fragen an den Vorstandsvorsitzenden lauten:

· Inwiefern ist die Bayer AG, Bayer Crop Science oder eines der Tochterunternehmen heute in die Entwicklung dieser Technologien involviert? Führt Bayer Versuche im Gewächshaus durch? Hat Bayer das Ziel, Terminatorsaatgut auf den Markt zu bringen?
· An welchen Standorten und Pflanzenarten erfolgt die Forschung oder wird die Anwendung von Terminator-Pflanzen getestet?
· Laut Stellungnahme von Bayer Crop Science besitzt das Unternehmen lediglich Terminator-Patente, die durch die Akquisition von Aventis Cropscience übernommen wurden. Damit sagt Bayer die Unwahrheit, in Wahrheit besitzt Bayer mindestens fünf Patente auf Saatgutsterilisierungs-Technologien. Warum werden diese Patente unterschlagen?
· Wieviel Euro Forschungsgelder hat Bayer oder eines der Tochterunternehmen in die GURTs-Forschung , wie viel für diesbezügliche Lobbyarbeit investiert?
· Welche Kooperations- oder Lizenzabkommen mit anderen Saatgutunternehmen unterhält Bayer oder eines der Tochterunternehmen im Bezug auf GURTS?

Es geht noch aktueller: Im Januar 2006 kaufte Bayer ICON GENETICS, die sich u.a. der Schaffung von sogenannten Pharmapflanzen widmet, also Pflanzen, die gentechnologisch so verändert werden, dass sie Pharmazeutika produzieren. Auch ICON hat ein Patent auf, so der Titel, „die sichere Herstellung eines gewünschten Produktes in Hybridsamen“. Herr Vorstandsvorsitzender, ich frage Sie, ist es das was Bayer unter Umweltschutz versteht? Damit Pflanzen unnatürlicherweise Antibiotika produzieren können, diese aber natürlich nicht auskreuzen sollen, werden die Pflanzen mit Hilfe von Gentechnologie steril gemacht, so dass sie angeblich nicht mehr auskreuzungsfähig sind? Gentechnologie für den Umweltschutz – finden Sie dies nicht genauso absurd, wie Atomenergie als Mittel zur Treibhausgasreduktion?
Meine Damen und Herren, machen sie diesem katastrophalen Spiel ein Ende. Denn es wird auf dem Rücken der Landwirte weltweit und auf dem Rücken der Zukunft ausgetragen. Totes Saatgut braucht kein Mensch – Freie Saat statt tote Ernte. Danke schön.

Bayer-Patente zur Terminator Technologie:

Quelle: http://www.keinpatent.de/

  • WO 9813504 A 1998-04-02
EP 928338 A 1999-07-14 dead 3.11.2004 Titel: Verfahren zur Herstellung weiblich steriler Pflanzen Anmelder: Bayer CropScience Bemerkungen: Weibliche Sterilität ist induzierbar; Verwendung zur Herstellung hybrider Pflanzen Gleiche oder ähnliche Anmeldungen in AU, BR, CA, CN, DE, HU, JP
  • WO 2002072804 A 2002-09-19
EP 1370650 A 2002-09-19 in Prüfung Titel: Neuartige Gene zur konditionellen Zellablation Anmelder: Bayer Bioscience N.V. (BE) to Bayer CropScience GmbH (DE); Inv: A.Pühler Bemerkungen: DNA; Induktions-Verfahren durch die die Pflanzen männlich oder weiblich steril werden. Gleiche oder ähnliche Anmeldungen in CA, US 2005081267
  • WO 2004108934 A 2004-12-16 ---
Titel: Sichere Herstellung eines gewünschten Produktes in Hybridsamen Anmelder: Icon Genetics AG (DE) Bemerkungen: Terminator! Sexuelle Reproduktion beeinträchtigt; sterile Samen; Anwendung für Samen, in denen Medikamente oder Feinchemikalien produziert werden. Gleiche oder ähnliche Anmeldungen in DE
  • EP 412006 A 1991-02-06
EP 412006 B1 2000-11-29 erteilt am EPA US 5,633,441 B 1997-05-27 erteilt in USA US 5,767,374 B 1998-06-16 erteilt in USA JP 3143120 B 2001-03-07 erteilt in Japan PT 94905 B 2001-08-30 erteilt in Portugal Titel: Pflanzen mit modifizierten Blüten, Samen oder Embryos Inhaber: Aventis CropScience N.V., Gent (BE) / Bayer CropScience Bemerkungen: Terminator! Gen für weibliche Sterilität; weiblich sterile Pflanze; Samen, kernlose Früchte; männlich sterile Pflanzen. Erteilte Patente (nach Erteilung am EPA) in AT, DE, DK, ES, GR Gleiche oder ähnliche Anmeldungen in AU, CA, IE, IL
  • EP 412911 A 1991-02-13
EP 412911 B1 2001-07-18 erteilt am EPA EP 1090999 A 2001-04-11 (Teilanmeldung) Antrag auf Prüfung 16.1.2002 US 5,689,041 B 1997-11-18 erteilt in USA US 5,723,763 B 1998-03-03 erteilt in USA US 5,792,929 B 1998-08-11 erteilt in USA US 6,046,382 B 2000-04-04 erteilt in USA PT 94964 B 1997-04-30 erteilt in Portugal HU 214927 B 1998-07-28 erteilt in Ungarn JP 3105242 B 2000-10-30 erteilt in Japan JP 3609654 B 2005-01-12 erteilt in Japan Titel: Pflanzen mit modifizierten Blüten Inhaber: PGS (BE)/ Aventis CropSciences N.V. / Bayer CropScience Bemerkungen: Barnase-Gen; männlich- und weiblich-sterile Pflanzen; hybrides Saatgut. Erteilte Patente (nach Erteilung am EPA) in AT. DE, DK, ES, GR Gleiche oder ähnliche Anmeldungen in AU, CA, FI, HK, IE, IL, ZA

Strafanzeige

CBG Redaktion

27. April 2006

Staatsanwaltschaft
Am Justizzentrum
50939 Köln

S t r a f a n z e i g e

der Coordination gegen Bayer Gefahren e.V., Postfach 15 04 18, 40081 Düsseldorf
Verfahrensbevollmächtigte: RAe Schön und Reinecke, Roonstr. 71, 50674 Köln

gegen

den Vorstandsvorsitzenden der Bayer AG, Herrn Werner Wenning sowie den Aufsichtsratsvorsitzenden der Bayer AG, Herrn Dr. Manfred Schneider sowie weitere noch zu ermittelnde Mitglieder des Managements der Firma Bayer AG

wegen V e r u n t r e u u n g

Bei der Strafanzeige geht es um die strafrechtlichen Konsequenzen der Beteiligung der Bayer AG an einer Vielzahl von Kartellabsprachen weltweit. Folgende Sachverhalte sind aufgrund allgemein zugänglicher Quellen als feststehend anzusehen:

In Italien hatte Bayer mit Konkurrenzfirmen die Preise für Diabetes-Tests abgesprochen. Bayer und vier weitere Unternehmen wurden 2003 zu Strafen von insgesamt 30 Mio. verurteilt, davon 6 Mio für Bayer. Hierzu kann auf den beigefügten Artikel aus einer italienischen Medizinzeitschrift verwiesen werden nebst kurz gefasster privater Zusammenfassung auf deutsch (diese wie die folgenden Artikel liegen jeweils in der Online-Form vor).

Im Oktober 2004 musste eine Tochterfirma des Bayer-Konzern in den USA 33 Mio. $ zahlen wegen der Teilnahme bei Preisabsprachen für Polyesterprodukte. Insoweit wird auf den beigefügten Auszug von Spiegel-online und ARD.de verwiesen. Herr Reuters berichtet in einem Artikel vom 13. Oktober 2004 über weitere Kartellabsprachen im Bereich des synthetischen Gummis.

Am 11. August 2005 berichtet AFP über die strafrechtliche Verurteilung von Ex-Bayer-Managern in den USA wegen Kartellrechtsverstößen auf dem Kautschukmarkt.

Am 14. Oktober 2005 ergibt sich aus dem Nachrichtendienst „Dow Jones“, dass Bayer in Portugal für genau dieselben Kartellabsprachen mit einem Bußgeld belegt wird, wie bereits im Jahre 2003 in Italien, nämlich wegen Kartellabsprachen bei Abgabe von Diabetes-Teststreifen.

Die Le Monde vom 18.10.2005 (als französische Online-Ausgabe sowie in einer privaten deutschen Übersetzung beigefügt) berichtet von Kartellen in Brasilien, mit denen versucht wurde, die Einführung von Generika nach Brasilien zu unterbinden.

Mit Presseerklärung vom 21.12.2005 teilt die EU-Kommission mit, dass sie gegen vier Unternehmen - unter anderem die Bayer AG - Geldbußen in Höhe von 75,86 Mio. € wegen eines Kautschuk-Chemikalien-Kartells verhängt hat. Besonders bemerkenswert ist hier die Äußerung des zuständigen Kommissionsmitgliedes Neelie Kroes, die ausführt:

„Kartelle sind eine Geißel. Ich werde dafür sorgen, dass Kartelle weiterhin aufgedeckt, strafrechtlich verfolgt und bestraft werden. Mit der jüngsten Entscheidung gebe ich ein sehr starkes Signal an die Unternehmensvorstände, dass Kartelle nicht toleriert werden und an die Anteilseigner, dass sie sorgfältig darauf achten sollen, wie ihre Unternehmen geführt werden.“

Aus der Presseerklärung ergibt sich weiter, dass nicht nur Bußgeldzahlungen im Raum stehen, sondern darüber hinaus auch privatrechtliche Schadensersatzansprüche eventueller Konkurrenten.

Am 07.12.2005 berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger ebenfalls darüber, dass die Bayer AG in den USA eine Rückstellung von 275 Mio. € vornimmt wegen dort anhängiger Kartellverfahren.

In Vorbereitung auf die am 28.04.2006 stattfindende Hauptversammlung wird im Geschäftsbericht an verschiedenen Stellen auf die verbotenen Preisabsprachen dadurch reagiert, dass Rückstellungen vorgenommen werden. Die entsprechenden Auszüge aus dem Geschäftsbericht sind in Abschrift ebenfalls beigefügt, Kopien können noch nachgereicht werden.

Nach diesseitiger Auffassung belegt der große Umfang derartiger Kartellabsprachen, wie auch die Vorsorge in der Bilanzierung ganz eindeutig, dass es sich hier nicht um einzelne Ausrutscher handelt (auch wenn Bayer laut Kölner Stadt-Anzeiger die Vorfälle bedauert), sondern dass hier eine systematische Geschäftspolitik zu beurteilen ist, in die daher zumindestens der Vorsitzende des Vorstandes selber eingeweiht sein muss und die gleichzeitig (entsprechend der Aufforderung der zuständigen EU-Kommissarin) durch den Vorsitzenden des Aufsichtsrates zu überwachen wäre.

Auch die Tatsache, dass der Geschäftsbericht keinerlei Hinweise darauf enthält, dass der Bayer-Konzern versucht gegenüber einzelnen Beschäftigten, die gegebenenfalls für das Kartell verantwortlich sind, vorzugehen und Schadensersatzansprüche geltend zu machen, belegt hinreichend, dass es nicht um Ausrutscher subalterner Ebenen des Konzernes geht, sondern um eine systematische Geschäftspolitik.

Nach diesseitiger Auffassung machen sich die genannten Mitglieder des Vorstandes oder anderer Gremien der Bayer AG, die die entsprechenden Preisabsprachen für die Bayer AG treffen, der Veruntreuung schuldig.

Darüber hinaus dürfte Veruntreuung auch in der Form vorliegen, dass der Vorstand bzw. Aufsichtsrat die notwendigen Schritte unterlässt, um die persönlich verantwortlichen Personen zu Schadensersatzleistungen heran zu ziehen.

Zwar stellt es eine gesetzgeberische Fehlleistung ersten Ranges dar, dass in der Bundesrepublik Verstöße gegen Kartellvorschriften nur mit Bußgeldern und evt. zivilrechtlichen Schadensersatzansprüchen belegt sind, nicht hingegen mit Strafen. Angesichts der Gemeinschädlichkeit derartiger Absprachen und des dadurch verursachten enormen Schadens für die Allgemeinheit und Einzelne stimmt es eher merkwürdig, dass nicht einmal in schweren Fällen Straftaten vorliegen.

Diese gesetzliche Regelung darf aber nicht dahin missverstanden werden, dass auch eine Strafbarkeit nach anderen Vorschriften nicht gegeben ist. Ein Mitglied des Vorstandes/Aufsichtsrates bzw. in sonstiger Managementposition, das regelmäßig auch eine Vermögensbetreuungspflicht hat, begeht bei der Beteiligung an verbotenen Preisabsprachen eine Veruntreuung. Er gefährdet dadurch das Vermögen der Aktiengesellschaft, weil regelmäßig zumindestens die Gefahr besteht, dass ein solches Kartell bekannt wird und sodann die Bußgelder wegen illegaler Preisabsprachen festgesetzt werden und evt. auch zivilrechtliche Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden. Insofern stellt jede einzelne Kartellabsprache für sich genommen bereits eine strafrechtlich relevante Vermögensgefährdung des Vermögens der Aktengesellschaft dar.

Es ist auch unerheblich, ob die Gremien der Gesellschaft, also Vorstand und Aufsichtsrat Kartellabsprachen gebilligt haben, da eine solche Billigung nicht wirksam sein kann und darüber hinaus auch der Vorstand und der Aufsichtrat nicht das Recht haben, durch illegale Machenschaften das Vermögen der Aktiengesellschaft zu gefährden.

Es wird daher gebeten, die Ermittlungen aufzunehmen. Nach diesseitiger Auffassung müsste unter Beiziehung der entsprechenden Akten zu den einzelnen Kartellvergehen festgestellt werden, wer im Rahmen der Bayer AG Kenntnis davon hatte, wer daran beteiligt war etc.

Da es sich bei der Tätigkeit im Rahmen von Kartellabsprachen um eine verbotene Tätigkeit handelt, die das Vermögen der Aktiengesellschaft gefährdet, setzen sich die handelnden Personen auch Schadensersatzansprüchen der Aktiengesellschaft aus. Es ist Aufgabe von Vorstand und Aufsichtsrat, derartige Schadensersatzansprüche geltend zu machen und ggf. gerichtlich durchzusetzen. Geschieht dies nicht, sondern werden statt dessen sogar in der Bilanz Rückstellungen dafür gebildet, um zu erwartende Bußgelder und Schadensersatzforderungen auszugleichen, so stellt auch dieses Verhalten erneut eine Veruntreuung dar, weil auch der Verzicht auf Schadensersatzansprüche gegenüber den einzelnen Beteiligten nicht gerechtfertigt ist.

Reinecke/Rechtsanwalt

[Artikel] Kölner Stadt-Anzeiger

CBG Redaktion

29.04.06, Leverkusener Anzeiger

Wenning über Demonstranten verärgert

VON JAN STING,

Bayer lud zur Hauptversammlung in die Kölner Messe ein. 5600 Aktionäre kamen in die neue Halle. Beim gastronomischen Service muss noch etwas nachgebessert werden. Die Bilanzen schmeckten den Teilhabern besser.
Soziales Engagement steht einem Unternehmen gut zu Gesicht. Als Bayer am Freitag seine Aktionäre zur Hauptversammlung in die Kölner Messe einlud, zeigte man zur Einstimmung einen Film mit eindrücklichen Bildern aus den Suppenküchen der brasilianischen Dependance in Belfordt Roxo, berichtete über Fußballschulen, Bildungsangebote, die wissenschaftliche Nachwuchsförderung - kurzum: Es war das Bekenntnis zum global verantwortlichen Handeln. Aber Applaus kam nur beiläufig, wirkte wie eine Höflichkeitsfloskel.

Angeprangert
Der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning betonte im Anschluss trotzdem, „dass es nicht nur wichtig ist, für unsere Aktionäre Werte zu schaffen, sondern dass wir auch unserer besonderen Rolle als verantwortliche Bürger unserer Gesellschaft gerecht werden.“ Wie passte es da aber ins Bild, dass die nordrhein-westfälische Initiative „Eine Welt Netz“ sich vor der Messehalle mit Transparenten aufstellte, auf denen man den erneuten Einsatz von Kinderarbeitern auf indischen Baumwoll-Plantagen anprangerte, die für die Bayer-Tochter Pro-Agro Saatgut produzieren?
Wenning reagierte verärgert auf diesen neuerlichen Seitenhieb, wertete die Vorwürfe als „starkes Stück“ und „bewusste Verdrehung der Tatsachen“. Er versicherte, dass Bayer ein umfassendes Projekt zur Bekämpfung von Kinderarbeit entwickelt habe und Bayer CropScience dieses auch gezielt umsetze. Seitens der Kleinaktionäre zeigte man sich unschlüssig, wie man das Thema zu bewerten habe. „Vielleicht könnte man mal detailliert aufklären“, sagte Monika Bohnenkamp aus St. Augustin.
Ein Ehepaar aus dem Münsterland stieß sich an der gigantischen Leinwand-Inszenierung von Vorstand und Aufsichtsrat. Dass die Hauptversammlung ein Gegengewicht bilde, wie es der Idee der Kontrolle entsprechen würde, könne hier keiner mehr erkennen. 36 Meter lang und sechs Meter hoch war die Bühne. Und wie Norbert Drekopf, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit bei Bayer Industrie Services, betonte, hatte man in der Vorbereitung so seine Probleme mit der Beschallung der riesigen Messehalle. 5600 Gäste zählte man zur Mittagszeit. Und damit war man beim nächsten Problem. Weil jeder Aktionär bei Senf und Ketchup für insgesamt 11 500 Würstchen selbst auf die Tube drücken durfte, so Drekopf, verzögerte sich der Zeitplan der Bayer-Gastronomie.

Essen wichtig
Ein Fehler. Das Ehepaar aus Münster zum Beispiel zog ohne Verköstigung enttäuscht wieder ab. Und auch Monika Bohnenkamp monierte: „Für Pensionäre - und da gibt es ja viele unter den Aktionären - ist das Essen eben wichtig.“ Aber es gab auch zufriedene Teilhaber. Hans-Peter Klein aus der Pfalz zeigte sich glücklich über die Entwicklung seiner Aktien. Kurz vor dem Lipobay-Skandal hatte er sich mit Bayer-Aktien eingedeckt und dafür BASF-Aktien abgegeben. Lange habe er sich über diesen Schritt geärgert. Aber: „Langsam liegen sie ja wieder beim Einstiegskurs.“
Wenning bilanzierte ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2005, und auch im ersten Quartal des laufenden Jahres setze sich der Erfolgskurs fort. Nun stehe man mit Schering vor der größten Übernahme der Unternehmensgeschichte. Wachstum ist angesagt, der Anteil des Gesamt-Pharmaumsatzes soll von 25 auf 70 Prozent und damit auf über sechs Milliarden Euro steigen. Als zukünftige Kernbereiche nannte Wenning die Krebsforschung, Kardio- und Hämatologie sowie die Gynäkologie.

29.04.06, KSTA

Zweifel am Schering Deal

VON WILLI FELDGEN,

6000 Anteilseigner auf der Hauptversammlung in der Kölner Messe.
Köln - Das vom Bayer-Vorstand als große Wachstumschance gefeierte Vorhaben der Übernahme von Schering stößt bei den Anteilseignern der Leverkusener auf einige Vorbehalte. Das Thema stand zwar nicht auf der Tagesordnung, aber doch im Mittelpunkt der Diskussionen auf der Hauptversammlung am Freitag in der Kölner Messe. Zu dem Aktionärstreffen kamen über 6100 Anteilseigner in die neue Messehalle 9, rund 600 mehr als im Vorjahr. Für die Hauptversammlung selbst wendet der Bayer-Konzern nach Angaben von Vorstandschef Werner Wenning 2,3 (Vorjahr 2,0) Millionen Euro auf. Hinzu kommen 1,2 Millionen Euro für Erstellung und Versand der Einladungsunterlagen.

Atemberaubende Dimension
Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) äußerte Zweifel an der Angemessenheit des Kaufpreises für Schering: Das von Bayer vorgelegte Angebot in Höhe von 16,5 Milliarden Euro entspreche immerhin zwei Drittel des gesamten Bayer-Wertes an der Börse. Bayer biete den Schering-Aktionären einen „enormen“ Kaufpreis, der um 40 Prozent über dem Kurs der Schering-Aktie vor den ersten Übernahmegerüchten liege. Dies sei eine „atemberaubende Dimension“.
Sie kritisierte zudem, dass die Schering-Übernahme den Aktionären nicht zum Beschluss vorgelegt werde, sondern dieser Deal allein von Vorstand und Aufsichtsrat abgesegnet worden sei. Im vergleichsweise geringfügigen Fall der Abspaltung von Lanxess sei dagegen eigens eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen worden. „Um wie viel mehr müsste da unsere Zustimmung auch für die Schering-Übernahme eingeholt werden“, sagte Keitel.
Aktionärsvertreter Hans-Martin Buhlmann stellte ähnlich kritische Fragen. Vor einem Jahr hätte Bayer den Wettbewerber aus Berlin noch um acht Milliarden Euro billiger haben können, stellte Buhlmann unwidersprochen fest: „Musste es erst ein Übernahmeangebot von Merck geben, damit Bayer auch auf Schering aufmerksam wurde?“
Hans Richard Schmitz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hielt die Höhe der Dividende von 95 Cent pro Aktie für 2005 für nicht angemessen. Immerhin sei das Bayer-Ergebnis gegenüber dem Vorjahr um 133 Prozent gestiegen, die Dividende aber nur um gut die Hälfte dieses Wertes. Von der Rekordausschüttung von 1,40 Euro pro Aktie für das Jahr 2000 sei man schließlich „noch ein gutes Stück entfernt“.
Zu der Kennzahl von rund 6000 Arbeitsplätzen, die nach der Fusion weltweit wegfallen sollen, sagte Wenning, dies sei lediglich ein Wert, der sich an ähnlichen Fusionen orientiere. Der Integrationsprozess werde fair ablaufen. Bei dem Stellenabbau werde es „nicht Gewinner auf der einen und Verlierer auf der anderen Seite geben“. Den Job machten künftig „die Allerbesten - unabhängig davon, von welchem Unternehmen sie kommen“.
Weitere Themen der stundenlangen Diskussion waren zum Beispiel das finanzielle Engagement beim Fußballverein Bayer 04, die Verstrickung des Konzerns in immer neue Kartellverfahren, die immer noch nicht vollständig gestoppte Kinderarbeit bei Bayer-Zulieferern in Indien, Tierversuche bei Wirksamkeits- und Verträglichkeitstests von neuen Medikamenten und die Emissions-Bilanzen des Konzerns.

[Demo] Gentechnik

CBG Redaktion

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren gehörte zu den Unterstützern der Demonstration gegen Agro-Gentechnik in Düsseldorf am vergangenen Freitag. Rund 300 Teilnehmerinnen zogen bei strahlendem Sonnenschein von der Monsanto-Zentrale bis zum nordrhein-westfälischen Landtag.

10.04.06

»Macht Euch vom Acker!«

Weltweiter Protesttag gegen Agro-Gentechnik / Feldbefreiungen geplant

Beim weltweiten Protesttag gegen Agro-Gentechnik haben Öko-Gruppen, Bio-Landwirte und Wissenschaftler aus mehr als 40 Ländern auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die durch den Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut ausgehen.

Allein in Düsseldorf zogen am Freitag rund 300 Gentechnik-Gegner mit Traktoren und Anhängern vom Saatgut- und Chemiekonzern Monsanto zum nordrhein-westfälischen Landtag und überreichten den Landtagsfraktionen eine Unterschriftenliste. Auf Spruchbändern und Plakaten forderten sie die Gentech-Produzenen auf: »Macht Euch vom Acker!« Mehrere Redner verlangten ein Verbot des Einsatzes von Gentechnik in der Landwirtschaft und den Schutz des gentechnikfreien Anbaus.

»Wir sind Zwangskonsumenten, und leben in einer Nahrungsdiktatur«, stellte die Soziologin und Ökofeministin Maria Mies fest. Die »Nahrungssouveränität« der Bürgerinnen und Bürger werde bedroht von Konzernen wie Monsanto, von der Welthandelsorganisation (WTO), von der EU-Kommission und von der deutschen Regierung. »Landwirtschaft und Nahrung müssen raus aus der WTO, sie müssen wieder in die Verantwortung der nationalen Regierungen, die wir gewählt haben.«

Dem US-Konzern Monsanto wird vorgeworfen, sich seit Jahren massiv in politische Entscheidungsprozesse einzumischen, um die Gentechnik zu verbreiten. Bauern, die sich für genmanipuliertes Saatgut entscheiden, gerieten in Abhängigkeit, so die Gentech-Gegner.

2006 sei ein entscheidendes Jahr für die Gentechnik in der Landwirtschaft, sagte Jutta Sundermann von »Gendreck-weg«, einer im vergangenen Jahr gegründeten Organisation, die durch die Zerstörung von Feldern mit gentechnisch verändertem Mais (GTV-Mais) von sich Reden machte. In Deutschland sei eine Fläche von 1800 Hektar für die Aussaat von GTV-Mais gemeldet, davon lägen alle großen Anbauflächen in den neuen Bundesländern.

»Ausgesät werden soll Mais der Firma Monsanto mit der eingebauten Giftwirkung des Bacillus Thuringensis», erläuterte Jürgen Binder, ein Imker aus dem Raum Tübingen. »Wir greifen zur Notwehr, denn, wenn der Genmais blüht, tragen Wind und Bienen den Pollen überall hin. Gentech-Honig will aber niemand kaufen.« 80 Prozent der Menschen seien gegen Genfood, so Binder. Trotzdem habe die schwarz-rote Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag der Agro-Gentechnik Vorfahrt eingeräumt. »Gendreck-weg« kündigte deshalb für den 5. Juni und den 30. Juli »Feldbefreiungs«-Aktionen an.

In Berlin, Köln und Stuttgart schalteten sich Gentechnik-Gegner in eine internationale Videokonferenz mit Experten ein, die aber aufgrund technischer Probleme nicht ins Internet übertragen wurde. Die Konferenz solle zum Aufbau eines solidarischen Netzwerks gegen Gentechnik führen, teilte das »Netzwerk-Neoliberalismus« mit. Ziel der lokalen Veranstaltungen war es, dass sich die regionale Öffentlichkeit mit den Hintergründen der Gentechnik und deren katastrophalen Folgen befasst, die diese in Ländern angerichtet habe, wo sie schon flächendeckend eingeführt wurde, erklärte Regina Schwarz, eine der Organisatorinnen an der Universität zu Köln. Die Kölner Uni plane Freilandversuche mit gentechnisch manipulierten Kartoffeln. Das nächste Treffen der Gentechnik-Gegner werde sich damit befassen.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) sprach sich für die Sicherung der Koexistenz aller Anbauformen aus. Zentrales Anliegen sei ein Miteinander des Landbaus mit und ohne Einsatz von Grüner Gentechnik, erklärte der DBV anlässlich einer Konferenz in Wien mit den EU-Kommissaren Mariann Fischer Boel (Landwirtschaft) und Stavros Dimas (Umwelt).
(Von Markus Dufner, Neues Deutschland)

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[Klimalüge] Gegenantrag der Aktionärin Christiane Schnura zur Hauptversammlung am 28. April 2006

CBG Redaktion

Gegenantrag zu TOP 2: Der Vorstand wird nicht entlastet

BAYER betreibt Desinformation zum Thema „Klimaschutz“. Hierfür trägt der Vorstand die Verantwortung.

BAYER brüstet sich in der Öffentlichkeit mit einer angeblichen Vorreiterrolle bei der Reduktion von Treibhaus-Emissionen. So heißt es im BAYER-Nachhaltigkeitsbericht: „Konzernweit wurde die direkte Emission klimarelevanter Gase seit 1990 deutlich über 60% reduziert“ – von 15,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent (1992) auf 5,4 Mio Tonnen (2003). Damit habe „der BAYER-Konzern das Ziel einer 50-prozentigen Verringerung der direkten Emission von Treibhausgasen von 1990 bis zum Jahre 2010 bereits Ende 2002 übertroffen“.

Einer genaueren Betrachtung hält diese Behauptung nicht stand. Der Rückgang der Emissionen steht größtenteils nur auf dem Papier:

· Der Fremdbezug von Energie ist bei BAYER stark gestiegen. Während BAYER im Jahr 1992 noch 83 Prozent seines Bedarfs selbst erzeugte, waren es zehn Jahre später nur noch 58 Prozent. Die bei den externen Energie-Lieferanten anfallenden CO2-Emissionen tauchen jedoch nicht in der Klimabilanz von BAYER auf. Selbst die BASF hat es nicht nötig, ihre Bilanz derart schönzurechnen - im BASF Umweltbericht wurden die Emissionen der Energie-Zulieferer mit berücksichtigt.
· Im Jahr 2001 wurde die Tochter EC Erdölchemie verkauft. Die Firma war für einen Kohlendioxid-Ausstoß von 3,1 Mio Tonnen verantwortlich. Diese Emissionen wurden lediglich umgebucht - auf das Konto des neuen Besitzers BP. Der Verkauf einer Unternehmens-Tochter hat nichts mit Klimaschutz zu tun.

Der absolute Ausstoß von Klimagasen geht aus dem BAYER Nachhaltigkeitsbericht nicht hervor, da BAYER in der 140-seitigen Broschüre die essentiellen Angaben zu seinen Energie-Zulieferern verschweigt. Addiert man für eine überschlagsmäßige Rechnung den CO2-Ausstoß der Zulieferer zu den „eigenen“ Emissionen der BAYER-Werke, so sieht man, dass der Kohlendioxid-Ausstoß in der gesamten Zulieferkette von BAYER fast unverändert blieb. Die Behauptung, die Emissionen von Klimagasen um 60% reduziert zu haben, ist unhaltbar und eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit.

Sogar die Unternehmensberatungen Arthur D. Little und Dr. Hardtke monieren die geschönte Darstellung. In ihrer Evaluierung des BAYER-Nachhaltigkeitsberichts heißt es: „Zusätzlich zum Energieverbrauch werden auch die CO2-Emissionen berichtet. Allerdings ist diese Information von begrenzter Relevanz, weil Emissionen aus der Produktion extern erzeugter Energie nicht berücksichtigt werden und die berichtete Reduzierung zum Teil aus dem zunehmenden „Out-sourcing“ der eigenen Energieerzeugung resultiert.“

BAYER nutzt die frisierte Klimabilanz gezielt für die Öffentlichkeitsarbeit. Der Konzern wurde kürzlich in den Climate Leadership Index aufgenommen, den „ersten weltweiten Klimaschutz-Aktienindex“. Auch in „Nachhaltigkeits-Fonds“ wie dem Sustainability World Index ist das Unternehmen aufgrund seiner Klimabilanz enthalten. Im Dezember wurde BAYER gar mit dem „Low Carbon Leaders Award“ ausgezeichnet. Die Presse berichtete ausführlich - stets mit dem Hinweis auf die angeblich „um 60 Prozent reduzierten Klima-Emissionen“.

In der Realität bleibt die Chemische Industrie hierzulande nach Strom- und Metallproduktion der Klimakiller Nummer 3. Allein BAYER emittiert inclusive der Zulieferer über 10 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich. BAYER will augenscheinlich davon ablenken, dass das Unternehmen nach wie vor zu den großen Klimasündern in Deutschland gehört.

Aufgrund der irreführenden Behauptungen zum Klimaschutz sollte BAYER aus allen Nachhaltigkeits- und Ethik-Fonds ausgeschlossen werden. Um das Klimaziel eines bis 2050 um 80% verminderten CO2-Ausstoßes zu erreichen, muss BAYER den Energieverbrauch substantiell reduzieren.

Preisabsprachen

CBG Redaktion

17. März 2006, dpa-afx

Bayer erwartet weitere Kosten aus Kautschuk-Kartellverfahren

Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer rechnet mit weiteren Kosten wegen verbotener Preisabsprachen bei Kunststoffen und Kautschuk. „Bayer erwartet, dass im Laufe der Kartellverfahren zu unseren Polymergeschäft zusätzliche Belastungen nötig werden, die gegenwärtig nicht zu beziffern sind.“, zitiert die „Financial Times Deutschland“ am Freitag einen Bericht Bayers an die US-Börsenaufsicht SEC.
Für die neu zu erwartenden Sonderbelastungen habe das Unternehmen noch keine Rückstellungen gebildet, sagte ein Bayer-Sprecher der Zeitung. „Das können wir nur für Angelegenheiten machen, die wir konkret absehen können.“ Im vierten Quartal habe Bayer in diesem Zusammenhang bereits 275 Millionen Euro für Vergleiche mit Klägern zurückgestellt.
2004 hatte Bayer Preisabsprachen bei Kautschukchemikalien von 1995 bis 2001 zugegeben und sich mit der amerikanischen Regierung geeinigt, 66 Millionen Dollar zu zahlen./fn/sk

Pharma-Werbung

CBG Redaktion

25 Januar 2006

USA: FDA wirft Bayer irreführende Werbung für Kogenate FS vor

Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat dem Chemie- und Pharmakonzern Bayer irreführende Werbung für sein Blutgerinnungsmedikament Kogenate FS vorgeworfen. Einige Werbeaktionen würden keine ausreichende Information über Risiken sowie keine hinreichenden Hinweise zur Einnahme umfassen, beanstandete die FDA in einem am Dienstag veröffentlichten Brief an den Leverkusener Konzern. Daher habe Bayer eine potenziell unsichere Anwendung des Medikaments unterstützt. Eine Stellungnahme des Konzerns war zunächst nicht zu erhalten.

Die FDA kritisierte Briefe an Patienten und Ärzte, in denen ein kostenloses Ausprobieren des Medikaments beworben wurde. Bayer solle aufhören, diese Briefe oder andere irreführende Werbeaktionen einzusetzen. Zu den potenziell möglichen Nebenwirkungen von Kogenate FS zählen Schwindelanfälle und Ausschläge.

weitere Informationen:
Das Schreiben der FDA im Wortlaut
Australien: Umstrittene Marketing-Methoden für LEVITRA untersagt
US-Gericht: „BAYER stellte gefährliches Pharmaprodukt her“

Rede Bundestag

CBG Redaktion

16.12.2005

Rede von Eva Bulling-Schröter (Linkspartei)in der Aktuellen Stunde des Bundestages zur europäischen Chemikalienpolitik

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Von rund 30 000 relevanten chemischen Stoffen wurden bislang nur etwa 4 000 darauf geprüft, ob sie Gesundheit oder Ökosysteme schädigen. Mit dem Rest, den so genannten Altstoffen, die vor 1981 auf den Markt kamen, läuft faktisch ein Großversuch an Mensch und Umwelt. Allergien sowie Brustkrebs- und A-temwegserkrankungen haben drastisch zugenommen. Giftcocktails lassen sich sogar noch in der Muttermilch nachweisen, ebenso weitab der Chemiefabriken im Fettgewebe von Eisbären und Walen.

Die EU-Kommission wollte diesen unhaltbaren Zustand mit ihrem Entwurf einer REACH-Verordnung beenden. Für Alt- und Neustoffe ab einer Tonne Jahresproduktion sollte nun gleichermaßen gelten: keine Daten - kein Markt. Mengenabhängig hätten die Chemikalien getestet und registriert werden müssen. Vor allem aber sollten besonders gefährliche Stoffe identifiziert und schrittweise ersetzt werden; denn genau das muss der Kern einer verantwort-lichen Chemikalienpolitik sein.

Ein solches REACH wäre mit 0,1 Prozent des Branchenumsatzes - 0,1 Prozent, Frau Dött und Herr Kauch! - locker zu bezahlen gewesen. Allein die Ausgaben der Kranken- und Renten-kassen für chemikalienbedingte Erkrankungen und Todesfälle betragen ein Mehrfaches davon. Dazu habe ich von Ihnen heute noch gar nichts gehört. Mit gutem Willen hätte man da-bei auch - ich denke, das ist uns allen ein Anliegen - die Anzahl der Tierversuche auf das un-vermeidbare Minimum beschränken können. Auch das ist nicht passiert.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

Doch dieser Kommissionsentwurf wurde vor vier Wochen vom EU-Parlament gnadenlos verwässert; das wurde hier schon gelobt. In dieser Form hat ihn der Ministerrat am Dienstag leider auch weitgehend bestätigt. Die Chemiekonzerne, die eine gewaltige Desinformations-kampagne losgetreten haben, können einen Etappensieg verbuchen: Nunmehr sind die Daten- und Testanforderungen drastisch gesunken. Von den 30 000 relevanten Chemikalien bleiben nur noch 12 000 übrig, die halbwegs vernünftig überprüft werden sollen. Es besteht zwar die Möglichkeit, von den Firmen Daten nachzufordern. Das wird jedoch enorm bürokratisch. So viel zum Thema Bürokratie. Zudem wandert die Beweislast wieder von den Herstellern zu den Behörden; genau das sollte durch REACH umgekehrt werden. Die gescheiterte Altstoff-verordnung, unter der in 24 Jahren gerade einmal 65 Stoffe bewertet wurden, lässt schon jetzt grüßen.

Insgesamt ist das Rollback in der europäischen Chemikalienpolitik nicht nur ein dreister Fron-talangriff auf die Gesundheit der Menschen. Das Ganze ist außerdem ökonomischer Unsinn. Schließlich verleiht eine saubere Registrierung und Bewertung den Firmen Rechtssicherheit in Haftungsfragen, was sehr wichtig ist.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Dr. Reinhard Loske BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Alt- und Neuchemikalien könnten zudem in einen gerechten Wettbewerb miteinander treten - und die Schaffung von Wettbewerb ist doch immer Ihr Anliegen. Nun aber werden Intranspa-renz und Ungleichbehandlung fortgeführt. Innovationsfeindlicher geht es kaum.
In seiner ersten Lesung vor vier Wochen hat sich das EU-Parlament wenigstens dafür ausge-sprochen, gefährliche Chemikalien nur für fünf Jahre befristet zuzulassen. Danach hätten sie von den Unternehmen ersetzt werden müssen, sofern dann unbedenkliche Alternativen exis-tieren. Genau darum geht es doch; wir wollen doch Stoffe, die unbedenklich sind.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)

Aber selbst diese einzige positive Veränderung am Kommissionsentwurf wurde vom Rat kas-siert. Insgesamt stellt sich damit die Frage, ob ein solches Chemikalienrecht nicht hinter das bisherige zurückfällt. Schließlich gelten die weich gespülten Registrierungs- und Zulassungs-kriterien nun ebenfalls für die Neustoffe und diese unterliegen gegenwärtig noch einem vor-bildlichen Registrierungsverfahren.
Der BUND hat in dieser Woche analysiert, wer in Europa die Interessen der Chemiekonzerne gegen den Verbraucherschutz besonders eifrig vertreten hat. Das Papier ist wirklich lesenswert: Die deutschen Abgeordneten im Europaparlament haben - mit Ausnahme der Linken und der Grünen - bei allen Änderungsanträgen mehrheitlich für einen Abbau des Gesundheitsschutzes gestimmt.
(Dr. Reinhard Loske BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Das ist die bittere Wahrheit!)

Im Falle von SPD und FDP geschah das sogar gegen die jeweilige eigene Fraktion im Euro-paparlament. Aufgrund der Abgeordnetenanzahl haben deutsche EU-Parlamentarier somit ein fortschrittliches europäisches Chemikalienrecht verhindert. Dass die Bundesregierung im Rat und in der EU-Kommission als Repräsentantin des VCI auftrat, weiß inzwischen ganz Brüs-sel. Kommissionsvizepräsidentin Margot Wallström hat öffentlich gegen einen besonders dreisten Vorstoß Günter Verheugens protestiert. Auch das ist bekannt. REACH ist aus unserer Sicht ein trauriges Beispiel dafür, wie Konzerne die Gesetzgebung nach ihren Profitinteressen zurechtbiegen können, wenn sie dafür nur mächtig und frech genug sind.
(Zuruf von der CDU/CSU: Jetzt kommt es wieder! - Zuruf von der FDP: Der Sozialismus!)

Dies geschieht leider mithilfe von Politikern aus der Bundesrepublik Deutschland, einem Land, welches sich so gern als Weltmeister im Umweltschutz ausgibt. Noch ein Wort zu den Grünen:
Vizepräsident Wolfgang Thierse: Frau Kollegin, Sie müssen zum Schluss kommen, Sie sind weit über Ihre Redezeit hinaus.
Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE): Ja, mein letzter Satz: Ein grüner Baum wächst nur auf rotem Grund.
(Beifall bei der LINKEN)

[REACH verwässert] Rat verwässert REACH

CBG Redaktion

Hiltrud Breyer, MdEP

Die politische Einigung des Wettbewerbrates ist ein eindeutiger Kniefall vor der chemischen Industrie, Umwelt- und Verbraucherinteressen bleiben auf der Strecke. Der Rat hat die meisten der schlechten Vorschläge des Parlaments übernommen und gleichzeitig die guten ignoriert.
Das Abstimmungsergebnis im EP war bereits eine Enttäuschung - jedoch besser als erwartet. Großer Lichtblick für Umwelt– und Verbraucherschutz war die gewonnene Abstimmung bei der verpflichtenden Substitution: Es sollte Unternehmen verpflichten, gefährliche Chemikalien durch sicherere Alternativstoffe zu ersetzen, sofern diese vorhanden sind. Positiv für VerbraucherInnen war auch die Entscheidung des EPs, Unternehmen zu verpflichten, künftig über gefährliche Stoffe zu informieren, sei es im Bodenbelag oder in der Jacke. Aufgrund fehlender Informationen konnte sich bislang niemand gegen gefährliche Chemikalien schützen.

Das Parlament ist jedoch auch bei der Registrierung eingeknickt. Dabei ist das Registrierungsverfahren die Voraussetzung für effektives Zulassungssystem. Die großen Fraktionen im EP haben die Anforderungen für die Registrierung massiv torpediert. Das Grundprinzip von REACH „wer keine Daten liefert, bekommt keine
Vermarktung“ wurde ausgehöhlt.
Schließlich wurde der geplante obligatorische Datenaustausch unter dem Vorschlag „Eine Substanz, eine Registrierung“ flexibler gestaltet, indem es Unternehmen durch „Opt-Outs“ ermöglicht werden soll, eine Registrierung allein vorzunehmen. Auch damit knickt das EP vor einer wesentlichen Forderung der Industrie ein. Diese hatte sich besorgt über die Vertraulichkeit der erforderlichen Informationen geäußert. Die Chemikalienagentur wird Anträge auf „Opt-Outs“ anhand dreier Kriterien überprüfen.

Doch der Rat ging sogar noch weiter: Datenanforderungen wurden über die Bank weg reduziert, vor allem für Stoffe zwischen 1 und 10 Jahrestonnen. Die Zulassung wurde nur für wenige Stoffe gestärkt, Verbraucherinformationen bleiben mangelhaft und eine geeignete Sorgfaltspflicht ist vollständig vom Tisch gefallen. Damit wird das Ungleichgewicht der Gesetzgebung noch weiter verschärft zu Gunsten kurzfristiger
wirtschaftlicher Interessen und zu Lasten längerfristiger Überlegungen, vor allem zum Schutz von Gesundheit
und Umwelt.
Die Grundvoraussetzung für ein effektives REACH ist eine gute Datenbasis über die Eigenschaften und
Verwendungen von Chemikalien. Durch die drastische Reduzierung der Anzahl der niedrigvolumigen
Chemikalien, von denen Daten vorgelegt werden müssen wurde dies ausgehöhlt. Und es steht zu befürchten,
dass die Datenbasis noch weiter geschwächt wird durch undemokratische zukünftige
Hinterzimmerentscheidungen über Testausnahmen für hochvolumigere Stoffe.
Es ist mehr als zweifelhaft, ob REACH in seiner heute entschiedenen Fassung zum dringend notwendigen
Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt vor gefährlichen Chemikalien beiträgt. Tausende von
Stoffen bleiben auf dem Markt mit so gut wie keinen Informationen über ihre Eigenschaften. Mitgliedsstaaten
dürfen weiterhin Stoffe zulassen, die Krebs erregen oder die Fortpflanzung schädigen, auch wenn sicherere
Alternativen vorhanden sind. Es ist zwar zu begrüssen, dass auch bei vermeintlich „adäquat kontrollierten“
Hochrisikostoffen eine Prüfung der Alternativen erforderlich ist, es ist jedoch fast zynisch, dass selbst bei
positiven Ergebnissen keine Konsequenzen gezogen werden müssen. Sehr viel Verantwortung wird jetzt der
Agentur übertragen, aber die Finanzierung dieser zusätzlichen Aufgaben ist weiterhin völlig ungeklärt. Ein
Zusammenbruch des Systems scheint vorprogrammiert. Eine großartige Chance wurde vertan und es ist
mehr als wahrscheinlich, dass wir in einigen Jahren eine weitere Revision der Chemikaliengesetzgebung
brauchen, um die menschliche Gesundheit und die Umwelt vor gefährlichen Chemikalien zu schützen.
Im nächsten Jahr kommt REACH in zweiter Lesung ins Plenum des EPs. Dann muss die EU zeigen, welchen
Wert der Umwelt- und Gesundheitsschutz in Europa hat.

Ein Kampagnenpaket REACH ist über e-mail an hbreyer@europarl.eu.int zu beziehen.
REACH- Broschüre für Anwender
Das Umweltbundesamt hat eine sehr informative Broschüre zu REACH veröffentlicht, kostenlos erhältlich:
http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien

taz

CBG Redaktion

taz vom 17.11.2005

Ghostwriter Chemieverband

Eine große deutsche Koalition bereitete die Abschwächung von REACH vor

AUS BRÜSSEL DANIELA WEINGÄRTNER

Vor den Europaabgeordneten steht an diesem Dienstagnachmittag ein Mann, der die Waffen gestreckt hat. Ein Mann, der nicht mehr über 1.200 Seiten Chemiegesetz streiten will, nicht mehr den Kurs halten will zwischen eintausend widersprüchlichen und komplizierten Änderungsanträgen. Guido Sacconi, der sozialistische Berichterstatter für die Richtlinie REACH (Registrierung, Evaluierung, Autorisierung chemischer Substanzen) hält einen grünen, verschrumpelten Apfel in die Höhe und fordert seine Kollegen auf, für seinen Antrag zu stimmen: „Mit Gesetzen ist es wie mit diesem Apfel. Wenn man ihn nicht rechtzeitig pflückt, verdirbt er.“

Vor zwei Jahren hat die damalige Umweltkommissarin Margot Wallström nach heftigen internen Auseinandersetzungen mit der Abteilung von Industriekommissar Erkki Liikanen den ersten REACH-Entwurf vorgelegt. Das Ziel: Informationen über die Verträglichkeit von rund 100.000 chemischen Substanzen, die ungetestet in Umlauf sind, für Mensch und Umwelt zu erhalten. Der Plan brachte die chemische Industrie und die Verarbeiter chemischer Produkte auf die Barrikaden. Noch mehr aber verschreckte sie der zweite logisch folgende Schritt: Wenn Substanzen erst einmal als Gesundheits- oder Umweltrisiko erkannt sind, müssten sie durch weniger gefährliche Stoffe ersetzt werden.

Jahrelang diskutierten die Kommissionsabteilungen Umwelt und Industrie intern über die Details. Im Rat stritten die Länder mit starken chemischen Industrien (ein Viertel des Jahresumsatzes von 440 Milliarden Euro wird in Deutschland erwirtschaftet) mit den ökologisch orientierten Nordländern. Im traditionell verbraucherorientierten Europaparlament beugten sich die Abgeordneten über Krebsstatistiken und Kostenrechnungen. Beidem ist mit den tröstlichen Kategorien Ursache und Wirkung nicht ohne weiteres beizukommen. Weniger Chemie, weniger Krebs, Aller-gien, chronische Müdigkeit, behaupten die Mediziner. Findet ihr ein winziges Problem in unserem Spezialmotoröl, können wir die ganze Autofabrik zumachen, sagen die Industriellen.

Nun sind sich plötzlich alle einig. Eine große Koalition im Europaparlament, vertreten durch den italienischen Berichterstatter Sacconi von den Sozialisten und den Deutschen Hartmut Nassauer, CDU, hat einen Vorschlag gestrickt, dem wohl die Mehrheit heute zustimmen wird. Industriekommissar Günter Verheugen findet den Text noch besser als den Vorschlag der Kommission. Die Chemieindustrie sagt, sie könne damit leben. Die britische Ratspräsidentschaft sieht plötzlich Chancen, ihr Halbjahr immerhin mit einem politischen Durchbruch zu schmücken.

Kurz gefasst beinhaltet der Sacconi-Nassauer-Vorschlag, die Zahl der Stoffe, die getestet werden müssen, drastisch zu verringern, die Anforderungen und die Zahl der Tests zurückzufahren und zugleich den bürokratischen Aufwand für Brüssel und die neue EU-Chemieagentur in Helsinki enorm zu steigern. Da die meisten Stoffe nicht getestet werden, wird man auch nicht erfahren, ob sie sich als Ersatzstoffe für Risikosubstanzen eignen würden.

In Brüssel erzählt man sich, Angela Merkel habe den neuen Vorschlag persönlich ihrem Parteifreund Nassauer in die Feder diktiert. Das ist natürlich übertrieben. Nassauers Ghostwriter sitzen im deutschen Chemieverband. Liest man aber den Passus aus dem Koalitionsvertrag, in dem es heißt, REACH müsse „mit dem Ziel verändert werden, die Chemikaliensicherheit zu verbessern, ohne dabei die Herstellung von Chemikalien zu verteuern oder ihre Anwendung zu behindern“, dann kann man daraus schließen, dass die Koalitionäre in Berlin mit der jetzt vom EU-Parlament ausgetüftelten Version zumindest zufrieden sein werden.

Der klassische Kompromiss zeichnet sich dadurch aus, dass er niemanden so richtig glücklich macht. Den neuen REACH-Text mögen alle - dabei steckt er voll Absurditäten. Der Ansatz, da ja über das Risiko zunächst nichts ausgesagt werden kann, diejenigen Stoffe am gründlichsten zu testen, die in großen Mengen hergestellt werden, ist vom Tisch. Die Bringschuld bezüglich Informationen sollte ursprünglich bei der Industrie liegen - nun muss die neue Chemieagentur den Details hinterherjagen. Die Beweislast für die Unbedenklichkeit, die eigentlich bei den Herstellern liegen sollte, landet auf Umwegen ebenso bei der Agentur.

Die Industrie bekommt eine Frist von elf Jahren, um die Daten abzuliefern, die sie jetzt schon vorliegen hat. Das Prinzip, dass jeder Stoff nur einmal registriert wird und die Basisdaten dann veröffentlicht werden, wird durchbrochen, was den großen Konzernen nutzt und die kleinen Anwender finanziell belastet. Da auch in Zukunft 90 Prozent der Substanzen nicht untersucht werden, wird es unmöglich, unbedenkliche Ersatzstoffe zu finden. Der Standort Europäische Union wird geschwächt, da Importeure noch weniger Auflagen erfüllen müssen als europäische Hersteller.

Kein Wunder, dass Berichterstatter Guido Sacconi mit seinem ramponierten grünen Bioapfel so erschöpft und unglücklich aussah. Sein Gewissen treibt ihn um, weil er zwischen Arbeitsplätzen und der Gesundheit seiner Wähler entscheiden soll. Vielleicht würde ein mutigeres REACH den Standort Europa mittelfristig stärken und die Gesundheitskosten dazu noch senken.

Aber „mittelfristig“ ist für Politiker wohl ein unvertretbares Risiko. Dass ihm seine ungarische Fraktionskollegin Edit Herczog zum Trost einen glänzenden roten Apfel neben sein verschrumpeltes grünes Exemplar legt, macht die Symbolik der Sache nicht besser. Da muss man doch sofort an Schneewittchen denken.

„Man hat starke Kopfschmerzen“

Der Toxikologe Hermann Kruse ist der Ansicht, dass schon geringe Mengen giftiger Stoffe in Infusionsschläuchen oder Kinderspielzeug krank machen. Daher seien umfassende Tests nötig

taz: Herr Kruse, wie viel Gift verträgt der Mensch?

Hermann Kruse: Das kommt auf den Stoff an. Schon kleine Dosen sehr giftiger Stoffe können etwa dazu führen, dass Männer unfruchtbar und Mädchen zu früh geschlechtsreif werden. Sehr bedenklich sind zum Beispiel Stoffe, die den Kunststoff biegsam machen. Weichmacher wie DEHP, die Sie in Infusionsschläuchen oder Kinderspielzeugen finden, wirken wie Hormone.

Wie stark ist die Belastung?

Sie ist schleichend. Die Stoffe gasen zum Beispiel aus dem Bodenbelag im Büro oder aus dem Sofa zu Hause aus. Sie reichern sich in der Umwelt an, wandern in die Nahrungskette. Irgendwann lagern sie sich im Fett, in der Niere und den Knochen des Menschen ab.

Wie krank macht das genau?

Das Immunsystem wird geschwächt, das Nervensystem angegriffen. Eines Tages hat man starke Kopfschmerzen, ist müde oder kann sich nicht konzentrieren. Die Schäden sind langfristig.

Verursacht die Chemie auch Krebs und Allergien?

Die Schadstoffe leisten garantiert ihren Beitrag dazu, dass ein Tumor entsteht oder schneller wächst. Allerdings ist der Zusammenhang - anders als beim Raucher, der Lungenkrebs bekommt - nicht so eindeutig nachweisbar.

Wie müsste ein vernünftiges Chemierecht aussehen?

Für jeden Stoff, der verkauft wird, muss ausgeschlossen werden, dass er Krebs auslöst, dass er Erbgut angreift oder Föten schädigt. Auch allergische Reaktionen müssen getestet werden.

Wie gut ist die EU-Chemiereform?

Wir bekommen ein bisschen Ordnung, weil erstmals alle Substanzen aufgelistet werden. Es gibt also viel Schreibtischarbeit, aber zu wenig wenig Laborinformationen. Das ist der Fehler.

Weil Sie um Ihren Arbeitsplatz fürchten?

Nein, es geht darum, mehr über die Giftigkeit von Chemikalien herauszufinden. Schon kleine Mengen können gefährlich sein. Und Stoffe wirken zusammen anders als allein. Das muss alles untersucht werden.

Mit welchen Tests?

Als Erstes braucht man eine gute Analytik - damit zum Beispiel hochgiftige Stoffverunreinigungen entdeckt werden. Zum Zweiten müssen wir Substanzen an Ratten, Mäusen und Affen testen - über Jahre. Bisher gibt es keine vernünftigen Ersatzmethoden.

Wie wurden bisher die Risiken festgestellt?

Das war immer reiner Zufall - und zumeist war es bei der Entdeckung bereits zu spät. Die Substanzen wurden dann schon im Blut oder im Urin des Menschen gefunden.

Wie können Verbraucher die chemische Mitgift vermeiden?

Der Konsument kann sich nicht schützen. Überall können giftige Stoffe stecken.

INTERVIEW: HANNA GERSMANN

HERMANN KRUSE, 63, ist stellvertretender Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Dort forscht er u. a. über Schadstoffe in Lebensmitteln und in Gebäudeinnenräumen.

Gift-Abc

Die schädigende Wirkung vieler Chemikalien, denen der Mensch im Alltag kaum ausweichen kann, ist längst bekannt. Verboten sind sie oft nicht - weil die letzte wissenschaftliche Bestätigung fehlt, die nur langfristige Tests liefern könnten.

Antimikrobielle Wischlappen gelten als hygienisch. Dafür stecken in ihnen Stoffe, die Bakterien abtöten - und Allergien auslösen.

Babyfläschchen aus Polycarbonat beinhalten Bisphenol A. Wird das Fläschchen erwärmt, gelangt der Stoff in die Milch und dann in den Körper. Er wirkt wie das weibliche Hormon Östrogen - und wird für Frühreife und Unfruchtbarkeit verantwortlich gemacht.

Computer dampfen bromierte Flammschutzmittel aus, die umweltschädlich sind. Sie verhindern, dass Elektrogeräte Feuer fangen.

Deos können synthetische Moschusdüfte enthalten, die die Haut reizen und Allergien verursachen.

Erdbeeren sind oft mit Giften vom Acker belastet.

Filzstifte enthalten Schwermetalle wie Antimon, das als Krebs erzeugend gilt.

Gummipuppen werden durch Phthalate biegsam. Weil diese Leber und Spermien schädigen, sind sie in Babyspielzeug verboten, sonst aber erlaubt.

Hamburger werden oft in fettundurchlässiges Papier gewickelt, das mit perfluorierten Substanzen behandelt ist. Diese stören den Stoffwechsel.

Isomatten sind schlecht für die Nerven, weil in ihnen phosphororganische Verbindungen stecken.

Jogginghosen werden gegen Schweiß geschützt. Als Anti-Mief-Stoff nehmen Hersteller oft Triclosan, das die Leber schädigt.

Kondome sind häufig mit Krebs erregenden Nitrosaminen belastet.

Lederschuhe werden mit giftigen Färbe- oder Gerbemitteln behandelt. Beispiel: Krebs erregende Chromsalze.

Muttermilch ist mit dem giftigen Pestizid DDT belastet, das schon seit gut 30 Jahren verboten ist.

Nachtlager: Aus Matratzen gasen gleich mehrere Stoffe aus, die einem den Schlaf rauben.

Orientteppiche werden mit synthetischen Pyrethroiden unappetitlich für Motten. Die Stoffe lösen Nervenschäden aus.

Plastiklatschen können Tributylzinn enthalten, das das Immun- und Hormonsystem schädigt.

Quietschenten weisen manchmal Kadmium auf, das die Knochen angreift und das Nervensystem schädigt.

Röcke werden häufig bügelfrei gemacht - mit Formaldehyd, das Allergien auslösen kann.

Shampoo kann den Riechstoff Lyral enthalten. Der wird verdächtigt, Allergien auszulösen.

Teflonpfanne: Damit das Ei nicht anpappt, sind sie mit umweltgefährdenden Antifluorchemikalien ausgestattet.

UV-Schutz in Sonnencreme: Chemische Filter stehen im Verdacht, wie Hormone zu wirken.

Vampirblut: Im Menschenblut sind etliche gefährliche Chemikalien nachweisbar.

Waschmittel: Häufig wird Nonylphenol eingesetzt, das den Hormonhaushalt schädigt und Allergien auslöst.

XXL-Hawaiihemden werden mit Organozinnverbindungen UV-beständig. Die Stoffe schaden Leber, Nerven und Immunsystem.

Yps und andere Zeitschriften: In der Druckerschwärze stecken Lösemittel, die die Nerven schädigen.

Zelte können Cyclohexan ausgasen, das Kopfschmerzen und Schwindel hervorruft.

[Jan Pehrke] Vortrag Jan Pehrke

CBG Redaktion

Vortrag von Jan Pehrke (Coordination gegen BAYER-Gefahren)

Auslaufmodell “BAYER-Familie”

Die Geschichte der betrieblichen Arbeits- und Sozialpolitik bei BAYER

Ende der 70er Jahre stieß die keynesianische Wirtschaftspolitik der sozialliberalen Koalition an ihre Systemgrenzen. Es war der Regierung unter Helmut Schmidt nicht mehr möglich, der wachsenden Arbeitslosigkeit durch staatliche Investitionsprogramme Einhalt zu gebieten, weil die Verschuldung die Währungsstabilität zu gefährden drohte. So schlugen SPD und FDP einen Sparkurs ein und leiteten die Ära der Sozialkürzungen ein. Damit begann der bis heute anhaltende Siegeszug des Neoliberalismus, der die Kräfteverhältnisse deutlich zu Gunsten der Konzerne verschob. BAYER wusste daraus - im wörtlichen Sinn - Kapital zu schlagen. Die verschiedenen BAYER-Chefs erwiesen sich als wahre Meister darin, ArbeiterInnen gegen ArbeitslosInnen auszuspielen. 1997 bespielsweise schlug der damalige Vorstandsvorsitzende und heutige Aufsichtsratschef Manfred Schneider in einem Interview vor: “Wir würden unsere Situation in Deutschland auch dann deutlich verbessern, wenn diejenigen, die Arbeit haben, zum Verzicht auf einen Teil der freiwilligen sozialen Leistungen der Unternehmen bereit wären”. Er präzisierte auch gleich seine Vorstellungen: “Zum Beispiel muss man sich ernsthaft die Frage stellen, ob wir nicht den sozialen Standard spürbar reduzieren sollten. Warum reichen nicht 25 Urlaubstage statt der bisherigen 30 Urlaubstage? Warum kann nicht jeder Krankenversicherte eine Selbstbeteiligung zahlen - wie bei der Autoversicherung? Warum kann man die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht mit dem Urlaubsgeld verrechnen? Warum kann das Arbeitslosengeld nicht abgesenkt werden?”.
Rot-Grün gab mit der Gesundheits“reform” und der Agenda 2010 die erwartete Antwort. Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) zeigte sich dann auch zufrieden. Nur hätte es für ihn gerne noch ein bisschen mehr “weniger” sein können. Der BAVC-Geschäftsführer Hans Paul Frey empfand die Sozialhilfe-Sätze als “immer noch zu hoch” und forderte Einschränkungen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und beim Kündigungsschutz.
Der Leverkusener Multi wartete aber nicht einfach ab, bis die Mühlen der Politik zu mahlen begannen. Der Konzern ließ den markigen Worten Schneiders gleich Taten folgen. BAYERs damaliger Peter Hartz, Meinholf Stindt, baldowerte als Leiter der Abteilung “Arbeits- und Sozialrecht” den “Eingliederungsvertrag für Langzeitarbeitslose” aus, der die Wirtschaftskreise entzückte. “Löhne unter Tarif, kein Kündigungsschutz und niedrige Personalzusatzkosten - das alles ist jetzt möglich, wenn Unternehmer bereit sind, Langzeitarbeitslosen einen Job zu geben”, jubilierte das Kapital-Blatt Impulse. Ob das Vertragswerk wirklich wieder Leute in Lohn und Brot brachte, interessierte die Konzernherren dabei herzlich wenig, sie betrachteten es lediglich als Einfallstor, um soziale Errungenschaften zu demontieren. “Wenn dieses vereinfachte Arbeitsverhältnis ankommt, ist das wirklich der Beweis dafür, dass die hohen arbeitsrechtlichen Hürden generell Beschäftigung verhindern”, frohlockte ein Unternehmenssprecher.

Der Standort-Vertrag
Aber nicht nur die hohe Arbeitslosigkeit wussten BAYER & Co. zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie lancierten eine Debatte um den “Standort Deutschland” und seine angeblichen Nachteile, die zu Produktionsverlagerungen ins Ausland zwängen, wenn sie nicht behoben würden. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) ließ sich diese Diskussion aufzwingen und schloss mit BAYER Ende 1997 den so genannten Standortsicherungsvertrag ab. Damit willigte sie in Arbeitsplatzvernichtung, Lohnkürzungen und den Abbau von sozialen Leistungen ein, während der Konzern lediglich vage Investitionen an den bundesdeutschen Standorten zusagte und betriebsbedingte Kündigungen ausschloss. Wobei er sich im Kleingedruckten noch so einige Möglichkeiten offen hielt, Arbeitsverhältnisse doch vorzeitig zu beenden und diese später auch nutzte. Im Einzelnen besiegelte das “Bündnis zur Standortsicherung” eine Einordnung vieler Beschäftigter in niedrigere Lohngruppen, eine Reduzierung der Bonuszahlungen um 63 Millionen Euro, die Streichung von Wechselschichts- und Treueprämien sowie eine weitere Flexibilisierung der Arbeit.
Die erste Bilanz fiel dementsprechend verheerend aus. Nach einer Umfrage der IG BCE im Vorfeld der Verhandlungen zu einer Verlängerung der Vereinbarung beurteilte die Belegschaft das Abkommen überwiegend negativ. Nach Ansicht der BAYER-WerkerInnen haben ihrem Verzicht auf Lohn und soziale Errungenschaften keine Gegenleistungen von seiten BAYERs entsprochen, die Investitionen hätte der Konzern auch so vorgenommen. Damit übernahmen sie den Standpunkt der KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine oppositionelle Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, die den Standort-Vertrag im Allgemeinen und die zugesagten Aufwändungen an den Standorten im Besonderen kritisiert hatten, weil diese sich lediglich im Rahmen der Instandhaltungskosten für die Anlagen bewegten. Die Gewerkschaft stimmte trotzdem einer Neuauflage der Standortsicherungsvereinbarung zu und opferte so weitere Rechte der MitarbeiterInnen. Ähnlich defensiv ging sie in die kommenden Tarifverhandlungen - und holte jeweils nur 2 bis 3-prozentige Lohnerhöhungen heraus. Dieser Verzicht brachte auch auf längere Sicht nichts ein. BAYER vernichtete fleißig weiter Arbeitsplätze - vor allem durch die Abstoßung von Sparten wie HAARMANN & REIMER, AGFA und jüngst Teilen des Chemie-Geschäfts. Die Belegschaft sank so von 144.600 im Jahr 1997 auf bis dato unter 100.000.
Für den Agro-Riesen ging die Rechnung allerdings auf. Seine Profite stiegen ins Unermessliche, während die Lohnstückkosten sanken. Von 1994 bis 1999 erhöhte sich der Umsatz pro MitarbeiterIn um 40 Prozent. Lag der Anteil der Lohnkosten am Umsatz 1995 bei 18,1 Prozent, so betrug er 1999 nur noch 16 Prozent. Heutzutage dürfte er weiter abgenommen haben.

Die Rolle der Gewerkschaften
Die IG BCE hat diese Umverteilung von unten nach oben klaglos mitgetragen. Traditionell die konservativste Industriegewerkschaft in der Bundesrepublik, begreift sie sich nicht als Verteidigerin der Rechte der Belegschaft gegenüber den Konzernherren, sondern als eine Art von “Co-Management”. Ihre Funktionäre wie Günter Schölzel können es gar nicht mehr verstehen, wenn einzelne Betriebsräte “Konfliktsituationen dazu nutzen, eine Gegenposition zum Management aufzubauen und sich bei Veränderungen warnend vor die Mitarbeiter zu stellen”. Der Betriebsratsvorsitzende des Dormagener BAYER-Werkes, Karl Josef Ellrich, schreitet in solchen Fällen lieber als “Change-Manager” ein und betätigt sich als sozialer Friedensstifter in von BAYER & Co zunehmend unfriedlicher gestalteten Zeiten. Willenlos kapitulieren Ellrich und seine KollegInnen vor dem Kapital und reden der Chef-Etage nach dem Mund. “Wer heute kollektiv und ohne Kompromissbereitschaft an Besitzständen festhält, besitzt bald gar nichts mehr”, gab etwa BAYERs Gesamtbetriebsratschef Erhard Gipperich in reinstem BAYER-Sprech zum Besten.
Von solchen VertreterInnen haben die BAYER-MalocherInnen nichts zu erwarten, und der Einfluss der alternativen Gewerkschaftsgruppen ist zu schwach, um Widerstand organisieren zu können. So stehen die Beschäftigten der Offensive der Konzerne machtlos gegenüber. Was für die Manager “Senkung der Lohnstückkosten” heißt und die Sektkorken knallen lässt, bedeutet für sie mehr Arbeitsverdichtung. Der Stress, der durch zusätzliche Überwachungsaufgaben, wechselnde Arbeitsplätze im Werk, stärkere Konkurrenz und die Verlängerung der Arbeitszeit entsteht, sah der ehemalige Leiter von BAYERs Ärztlichem Dienst, Dr. Manfred Albrod, schon im Jahr 2000 als Hauptbelastungsfaktor für die Gesundheit der MitarbeiterInnen an - und nicht mehr die Gefährdungen durch Giftstoffe. Dabei zerrt nicht nur die Arbeit zunehmend an den Nerven, sondern auch die bange Aussicht, vielleicht bald keine mehr zu haben. “Die Angst sei da, bei so vielen, sie sei Tag für Tag deutlich zu spüren - bei der Arbeit, in der Mittagspause und auch noch in der Familie daheim”, gab die WZ die Worte eines Beschäftigten im Wuppertaler Pharmaforschungszentrum wieder.

Wie alles anfing ...
Aber bei BAYER verschlechterten sich nicht nur die unmittelbar die Lohnarbeit betreffenden Bedingungen. Auch die auf das weitere Umfeld des Werkes zugeschnittene Sozialpolitik des Konzerns veränderte sich. Der Multi verkaufte seine Werkswohnungen, gliederte seine Betriebskrankenkasse aus und übergab seine Kindergärten dem “Deutschen Roten Kreuz”. Zudem trennte er sich von seinem Kaufhaus, schloss die Werksbibliothek, fuhr das Kulturprogramm zurück und kürzte die Sportförderung. Dieses ganze Gefüge hatte einst nicht nur die Arbeit, sondern das halbe Leben dieseits des Werkstores stattfinden lassen. Von der “BAYER-Familie” sprach deshalb der von 1912 bis 1925 als Generaldirektor des Unternehmens amtierende Carl Duisberg gerne. “Die vornehmste Pflicht eines Unternehmers habe ich immer darin erblickt, das soziale Problem der Lösung näher zu bringen”, schrieb er in seinen Memoiren. Allzu vornehm waren seine Motive dabei allerdings nicht; sie entsprangen praktischen Erwägungen. So geschwächt nämlich die Position der Beschäftigten heutzutage in Zeiten des neoliberalen Dogmas und hoher Arbeitslosigkeit scheint, so stark war die in der Anfangszeit der Chemischen Industrie. BAYER hatte damals gehörige Schwierigkeiten, geeignete MitarbeiterInnen zu gewinnen. Das Arbeitskräfte-Reservoir im Einzugsgebiet Leverkusens hatte sich bald erschöpft, so dass der Konzern Anwerber bis nach Schlesien und Polen ausschickte. Für die Chemiearbeit waren die zumeist aus ländlichen Regionen stammenden Neulinge jedoch nicht unbedingt geschaffen. Dazu bedurfte es einer langwierigen Erziehungsarbeit. Viele hielten es nicht lang in den Produktionshallen aus. Wegen der großen Gesundheitsgefahren hatte besonders die Chemieindustrie unter eine hohen Fluktuation zu leiden. Der Multi leitete deshalb diverse Maßnahmen ein. Arbeiter, die von anderen Chemie-Werken kamen, stellte er aus Prinzip nicht ein, und Wanderarbeiter, die schon dreimal in Leverkusen angeheuert hatten, brauchten bei einer erneuten Verpflichtung eine Sondergenehmigung der Direktion. Um Belegschaftsangehörige langfristig an sich zu binden, startete der Chemie-Riese seine “Familienpolitik”. Mussten die Neuankömmlinge aus Polen und Schlesien anfangs neben den Schmelzöfen nächtigen, entfaltete BAYER später eine rege Bautätigkeit. Aber das vergleichsweise kostengünstige Wohnen hatte seinen Preis: Wer seinen Job kündigte, war auch die Wohnung los. Die freien Gewerkschaften und die SPD protestierten vehement gegen dieses Koppel-Geschäft. Darüber hinaus führte BAYER 1873 eine Unterstützungskasse für Krankgewordene ein - “zehn Jahre vor Bismarcks erstem Sozialgesetz”, vermerkt die Unternehmenschronik “Meilensteine” stolz. “Dem patriarchalischen Denken der Zeit entsprechend”, saß ihr allerdings stets ein BAYER-Boss vor, weshalb die Arbeitervertreter in der Kasse “ein Knebelinstrument des Unternehmers sahen”, wie die “Meilensteine” einräumen müssen. Eine fürsorgliche Belagerung der Belegschaft stellten auch die vom Konzern ins Leben gerufenen Berufsvereine dar. Fortbildungsmaßnahmen, Vorträge und Ausflüge sollten Betriebsführer und Arbeiter der einzelnen Sparten einander näher bringen und die Beschäftigten von dem dummen Gedanken abhalten, einer freien Gewerkschaft beizutreten. Der Festigung des korporatistischen Geistes diente auch die Gepflogenheit der Oberen, den Werktätigen höchstpersönlich ihren Lohn auszuzahlen. Als die zunehmend vermittelten Beziehungen dies im entwickelten Kapitalismus nicht mehr zuließen, setzte die Führungsetage Sozialsekretäre und Fabrikpfleger als Wahrer des sozialen Friedens ein. Zudem initiierte der Chemie-Multi eine Reihe von “vertrauensbildenden Maßnahmen”. Er richtete ein Kaufhaus ein, schuf Kindergärten, Kulturclubs, Gesangskreise, gründete eine Bibliothek und Sportvereine. Die “BAYER-Familie” musste so gut wie gar nicht mehr außer Haus. Die Gewerkschaftler durchschauten das Manöver: “(Es) soll unter Anwendung aller äußeren und inneren Methoden der modernen Pädagogik und der angewandten Psychologie, mit Hilfe von Werkschulen, Lehrlingswerkstätten, Lehrlingsvereinen, Unterstützungskassen, Werkskasinos, Werkswohlfahrtseinrichtungen, Sportklubs und anderem mehr die Arbeiterschaft in eine ganz enge innere, seelisch verankerte Verbindung mit dem Betrieb gebracht werden, so dass sie mit der Zeit alles Interesse an ihren Berufs- und Industrieverbänden verlieren soll. Daneben geht man mit Propaganda-Broschüren, Werkzeitungen und anderen, der modernen Reklame-Psychologie entlehnten ‘Aufklärungsmitteln’ darauf aus, die Arbeiter vor dem marxistisch-sozialistischen Geist in den Gewerkschaften graulich zu machen. Fritz Fricke analysierte die Sozialpolitik der Unternehmen auf diese Weise in seinem 1927 erschienenen Buch “Sie suchen die Seele”. Zu diesem Zeitpunkt bekam das traute Familienleben aber schon Brüche. 1916 hatte der Staat die Gewerkschaften anerkannt. Damit war das Arbeitsverhältnis nicht länger bloß eine Sache zwischen dem Arbeiter und dem Werk. Die Gewerkschaften hatte das Recht, im Namen aller Beschäftigten einer Branche die Löhne auszuhandeln, womit das individuelle Vertragsprinzip zu einem kollektiven überging. 1920 folgte dann das Betriebsrätegesetz. Die Weimarer Republik regierte noch in einen anderen zentralen Bereich hinein. Im Interesse des Mietschutzes wollte sie die Verschränkung von Wohnen und Arbeiten nicht länger hinnehmen. So nahm sie den Wohnungsbau von BAYER & Co. von Förderprogrammen aus und gewährte den Konzernen keine günstigen Hypothekenzinsen mehr. Heute kaum mehr vorstellbar, wehrten sich die Unternehmen vehement gegen die Verstaatlichung ihrer Sozialpolitik. Aber sie mussten sich den Zeichen der Zeit beugen. “Die Unternehmen verloren die Konkurrenz mit dem Staat um die gesellschaftliche Einbindung der Arbeiter, das partikulare Sicherungssystem unterlag dem zentralen Wohlfahrtsstaat. Im Kaiserreich, und noch in den ersten Jahren der Weimarer Zeit, hatten die großen Unternehmen den gesellschaftlichen Orientierungsrahmen setzen wollen, indem sie möglichst viele Lebensbereiche erfassen und patriarchalisch gestalten wollten. Die soziale Sicherung mit Hilfe von Konsumanstalt, Haushaltungsschule, Kindergarten, Werkskranken-, unterstützungs- und -sparkasse, Werkswohungsbau und betrieblichen Vereinen etc. bezahlten die Arbeiter mit gesellschaftlicher Unmündigkeit und mit dem Verzicht auf die Durchsetzung von Interessen bei Konflikten”, resümiert Historiker Günther Schulz.

Volks- und Betriebsgemeinschaft
Bei den Nationalsozialisten ging es jedoch wieder “familiärer” zu. Was im Großen die Volksgemeinschaft darstellte, sollte im Kleinen - auf der Ebene der Unternehmen - die Betriebsgemeinschaft sein. Gewerkschaften und Betriebsräte standen dem beschworenen Gemeinschaftsgeist im Weg. Deshalb verbot die NSDAP diese kurzerhand und setzte die “Deutsche Arbeitsfront” an ihre Stelle. Deren Gründungsvater war Robert Ley, der von 1921 bis zu seiner Entlassung im Jahr 1927 bei BAYER als Chemiker arbeitete. Seine Erfahrungen mit der “Familienpolitik” des Multis haben dann auch seine Konzeption der faschistischen Arbeits- und Sozialpolitik stark beeinflusst. Die VerfasserInnen der “Meilensteine” irrten mit ihrer Einschätzung, Duisbergs “patriarchalische Wohlfahrt” sei seiner Zeit weit voraus gewesen, weniger, als ihnen lieb sein mochte.
BAYERs Aktivitäten auf sozialem, kulturellem und sportlichem Gebiet dienten Ley in vielem als Vorbild für sein “Kraft durch Freude”-Programm. Deshalb lud er zur Jungfernfahrt des Ausflugsschiffes “Robert Ley” nach Madeira auch die Tanzschar der BAYER-Kulturabteilung persönlich zur Mitgestaltung des Unterhaltungsprogramms an Bord ein, und die Gattin des damaligen Werksleiters Dr. Kühne war ebenfalls mit von der Bootspartie. Immer wieder kehrte die Nr. 5 der NSDAP-Hierarchie an seine alte Wirkungsstätte zurück. 1938 hielt Ley die Festrede zum 75-jährigen Bestehen des Leverkusener Werkes. Vom genius loci inspiriert, nutzte er die vom Rundfunk übertragene Ansprache zugleich dazu, das Sparmodell vorzustellen, das die ganze Volksgemeinschaft binnen vier Jahren in den Genuss des Volkswagens, auch “KdF-Wagen” genannt, bringen sollte.
Darüber hinaus fanden Duisbergs Zukunftsinvestitionen zum langfristigen Erhalt der Arbeitskraft der Beschäftigten, die ihren Ausdruck in dem Bemühen fanden, ihnen durch großzügige, helle, saubere und luftige Arbeitsplätze gute Bedingungen zur optimalen Verwertung der Arbeitskraft einzuräumen, Eingang in die NS-Politik. Ley schuf das Amt “Schönheit der Arbeit”, das den Betrieben Anregungen in puncto Belüftung, Beleuchtung und Farbgestaltung gab. Wer dann das “schönste”, also das “sozialste” Unternehmen im ganzen Reich war, ermittelte ab 1936 der “Leistungskampf” um die zweifelhafte Auszeichung zum “NS-Musterbetrieb”.

Fazit
Der historische Rückblick zeigt also, wie sehr die betriebliche Sozialpolitik eine Befriedungsstrategie war, welche die Beschäftigten von dem Gedanken abbringen sollte, dass die Interessen von BAYER & Co. eventuell nicht ihre Interessen sein könnten. Als diese ihre Mission erfüllt hatte und das Gespenst des Kommunismus endgültig gebannt schien, machte der Leverkusener Multi sich an die Abwicklung seines kleinen Wohlfahrtsstaates. So spricht heutzutage niemand mehr von der “BAYER-Familie” und die IG BCE steht politisch sprachlos vor dem Scherbenhaufen und beschränkt sich auf Schadensbegrenzung, weil die Langzeitwirkungen der “fürsorglichen Belagerung” aus der Gewerkschaft die konservativste Beschäftigungsvertretung in der Bundesrepublik gemacht haben. Die hohe Arbeitslosigkeit und die Macht des neoliberalen Dogmas haben die Belegschaften zusätzlich in die Defensive geraten lassen. Die Parteien wollten diese Situation vor der Bundestagswahl schon eiskalt ausnutzen und bereiteten mit dem kurzen Hinweis auf die Globalisierung und andere vermeintliche Sachzwänge schon neue Einschnitte vor, da tauchte plötzlich die Linkspartei auf. Allein ihre Existenz zwang die große neoliberale Koalition, ihre Verzichtsethik weniger großmäulig zu predigen. Die SPD nahm sogar einige programmatische Änderungen vor. Wie immer man zu der neuen Partei im Einzelnen stehen mag, sie hat den Mühseligen und Beladenen wieder eine Stimme gegeben, ihr Selbstbewusstsein gestärkt und dem der etablierten PolitikerInnen einen Dämpfer versetzt. Nicht nur die objektive Lage bestimmt also die politischen Kräfteverhältnisse, sondern auch der Grad der Bereitschaft, sie hinzunehmen oder zu bekämpfen.

[Conrad Schuhler] Vortrag Conrad Schuhler

CBG Redaktion

Vortrag Conrad Schuhler, Institut für Sozialökologische Wirtschaftsforschung (isw) am 12.11.05

Bremsklötze Raus – Maximalprofite für das Kapital

(Die Folien zum Vortrag)

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

„Bremsklötze raus“ heisst es in unserem Titel, und im Spiegel-Magazin dieser Woche hat Werner Wenning, der Vorstandsvorsitzende der Bayer AG und zugleich Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), wieder einmal erläutert, welche Klötze weg müssen. Im Rahmen des Restrukturierungsprogrammes müssten in Deutschland weitere Arbeitsplätze bei Bayer abgebaut werden. Man könne, und dies ist der Schlüsselsatz, in Deutschland keine Strukturen erhalten, die nicht wettbewerbsfähig sind. Um zu global wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu gelangen, müssten die Unternehmenssteuern gesenkt werden. Die Sozialsysteme müssten dringend überholt, d.h. herunter gefahren werden. Und die Ökologie müsste als Kostenfaktor abgebaut werden. All das – zu hohe Unternehmenssteuern, zu hohe Sozialleistungen, zu teurer Umweltschutz – gefährde „unsere Wettbewerbsfähigkeit“.

Herr Wenning hat damit die Hauptlosungen der neoliberalen Propaganda bekräftigt, wozu meistens noch tritt der Hinweis, dass die Arbeitszeiten zu starr seien, das ganze Arbeitsmarktsystem mit seinem Kündigungsschutz und seinen Flächentarifen sei zu verkrustet, damit könne man im globalen Wettbewerb nicht bestehen. Drastischer Sozialabbau sei sozusagen die beste Sozial- und Wirtschaftspolitik, denn nur so könne man sich fit machen für den globalen Wettbewerb, in dem man ansonsten erbarmungslos untergehen würde.

Dieses ganze Gedröhne, meine Damen und Herren, ist schiere Propaganda, ist die Unwahrheit.

An Bayer selbst lässt sich dies mit einer einzigen Zahl demonstrieren. In dieser Woche, da Herr Wenning die miserablen Wettbewerbsbedingungen für sein Unternehmen beklagte, legte der Konzern auch seinen Bericht für das dritte Quartal 2005 vor. Danach hat Bayer sein Ergebnis (seinen Gewinn) gegenüber 2004 um 800 % gesteigert. Das ist so, als ob Sie, wenn Sie bisher 3.000 Euro im Monat verdient haben, nun 24.000 Euro pro Monat erhalten, und gleichzeitig feststellen, ihre Einkommensbedingungen seien unerträglich schlecht.

Die Wahrheit einer international ganz hervorragenden Wettbewerbsposition gilt für die deutsche Wirtschaft insgesamt.
Denn Deutschland ist Exportweltmeister. Kein Land der Erde, nicht mal die USA, deren Wirtschaft mehr als viermal größer ist als die Deutschlands, exportiert mehr Waren als wir. Dies zeigt die überragende globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Denn der Einwand, den Herr Sinn vom Ifo-Institut und andere neoliberale Propagandisten vorbringen, Deutschland sei eine sogenannte „Basarökonomie“, die die Weltwirtschaft mit Waren bediene, „die wir in unserem europäischen Hinterland produzieren lassen“ und bei uns nur noch zusammensetzen und sie dann als „Made in Germany“ vertreiben, ist falsch.

Alle diese ausländischen Vorprodukte gehen in die Importstatistik ein. Selbst wenn alle Importe Teile von Waren wären, die später exportiert werden, was natürlich bei weitem nicht der Fall ist, doch selbst in diesem Fall, würde ein Exportüberschuss bedeuten, dass hier originäre deutsche Wertschöpfung stattfindet, die sich am Weltmarkt der anderer Länder als überlegen erweist. Und nun sind wir eben nicht nur Exportweltmeister, sondern sind auch weltweit führend in den Ausfuhrüberschüssen. Wir haben im letzten Jahr den Exportüberschuss um 27% auf 117 Milliarden Euro gesteigert. Das sind über 5% des gesamten Bruttoinlandsprodukts, die wir im Lande erwirtschaften, aber nicht verbrauchen. Wie Kurt Tucholsky schon vor 80 Jahren feststellte: „Eine wichtige Rolle im Handel spielt der Export. Export ist, wenn die anderen kaufen sollen, was wir nicht kaufen können.“

Was also ist wirklich das Problem der Globalisierung? Für uns in Deutschland und gerade auch bei Bayer, einem der führenden Global Players? Wir werden sehen, dass es überhaupt nicht um die Verbesserung des Standorts Deutschland geht – der ist weltweit führend – sondern um die weitere Verbesserung der Profitlage der Unternehmen und um die Rechtfertigung für weiteren Sozialabbau. Um das genauer zu verstehen, möchte ich mit Ihnen gemeinsam einige Grundsätze der neoliberalen Globalisierung, wie sie sich auch in der Unternehmensstrategie der Bayer AG ausdrücken, durchgehen.

Folie 2 (Voraussetzungen der Globalisierung)

Es gibt drei grundlegende Voraussetzungen der Globalisierung. Erstens müssen im „Mutterland“ Kapitalüberschüsse erzielt werden, die die Kapitaleigner lieber exportieren als sie im eigenen Land einzusetzen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kapitalisten eines Landes auch die Möglichkeit hätten, ihre Gewinne, ihre Überschüsse an die eigenen Beschäftigten auszuzahlen, womit sie die kaufkräftige Nachfrage im eigenen Land so erhöhen würden, dass das im Inland erstellte Produkt auch von den Menschen dort gekauft werden könnte. Dann gäbe es keine Kapitalüberschüsse, die man exportieren könnte oder aus der Perspektive der Unternehmen, exportieren müsste. Wie man weiß, haben die Kapitalisten sich für den anderen Weg entschieden, nämlich möglichst hohe Überschüsse im Inland zu erzielen und zu versuchen, diese im Ausland weiter zu erhöhen. Dies tun sie in sich verschärfendem Tempo seit rund 150 Jahren, seitdem sich das Monopol, der den Markt dominierende Großkonzern, durchgesetzt hat.

Um dies aber in der modernen Form tun zu können, musste eine weitere Bedingung erfüllt sein, nämlich die Entwicklung einer Informations- und Transporttechnologie, die Rohstoffe, Teilfabrikate usw schnell um den Globus bringen und gleichzeitig Informationen über den Waren- und Produktionsfluss in Ist-Zeit überall auf der Welt zur Verfügung stellen. So konnte die „globale Fabrik“ entstehen, die Aufteilung der Produktion eines Unternehmens in sogenannte „globale Wertschöpfungsketten“, wo man mit den einzelnen Produktionssegmenten jeweils in das Land geht, das die größten Kostenvorteile anbietet. So konnten auch, wie im Fall Bayer, von einer Befehlszentrale aus global agierende Konzerne entstehen, die die Märkte zahlreicher Länder mit dort angesiedelten Produktions- und Vertriebs- und Handelsunternehmen abschöpfen können.

In diesen Ländern aber musste drittens dafür gesorgt sein, dass das hereinströmende Kapital sich dort ungehindert bewegen konnte. Dies versteht man unter „Deregulierung“ der ausländischen Absatz- und Arbeitsmärkte, was so viel bedeutet wie das Niederreißen nationaler Schranken und Schutzmechanismen gegen Auslandskapital.

Schauen wir uns die drei Voraussetzungen kurz, aber etwas näher an. Unsere erste Frage: Wie kommt es zu den Kapitalüberschüssen in Deutschland?

Folie 4 (Entwicklung der Lohnquote)

Unsere erste und wichtigste Antwort: Die Kapitalüberschüsse in Deutschland werden immer größer, weil die Löhne und Gehälter immer geringer werden. Die Lohnquote, das ist der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen, ist von 1980 bis heute kontinuierlich von über 74% auf 65% gesunken ist. Dies ist nicht nur ein relatives Zurückfallen der Beschäftigteneinkommen, sondern auch ein absolutes. Von 1991 bis 2004 haben die Beschäftigten einen realen Kaufkraftverlust von 3,6% hinnehmen müssen.

Folie 5 (Gewinnentwicklung Kapitalgesellschaften)

Dementsprechend sind die Gewinne der Kapitalgesellschaften gestiegen. Während die Beschäftigten also einen Verlust von 3,6% erlitten, haben AGs und GmbHs im selben Zeitraum einen Gewinnsprung von netto 113% gemacht.

Was machten sie mit ihren Gewinnen? Sie haben ihre Gewinne keineswegs investiert, um, wie es immer heißt, Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen.

Folie 6 (Unternehmer-Investitionen)

Denn während sich die Gewinne mehr als verdoppelt haben (plus 113%), sind die Investitionen im selben Zeitraum um 1,5% zurück gegangen. Der alte Spruch der Unternehmerseite „Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen“ gehört ins Reich der Fabel. Die Unternehmer re-investieren ihre Gewinne nicht in ihre deutschen Unternehmen.

Folie 7 (Privates Geldvermögen)

Sie schatzen vielmehr, wie wir hier sehen, ihr Vermögen auf. Das Geldvermögen der Privaten hat sich von 1991 bis 2004 mehr als verdoppelt, auf 4,1 Billionen Euro, was das Doppelte des Bruttoinlandsprodukts der BRD ist. Das ist das Vierzigfache der jährlichen Neu-Investitionen in unserem Land. Was machen die Reichen mit ihren Billionen, die sie in Deutschland nicht investieren?

Sie machen das, was die Reichen der anderen Länder auch tun: Sie schicken das Geld rund um den Globus, um die Anlage mit der höchsten Rendite ausfindig zu machen. Weltweit kreisen 60 Billionen Euro privates Geldvermögen – das ist mehr als das Doppelte des Welt-Sozialprodukts - um sich dort niederzulassen, wo der höchste Profit herausspringt. Wir werden noch sehen, dass dies der springende Punkt der Globalisierung des Finanzmarktes ist. Riesige Geldsummen wollen die global maximale Verzinsung ihres Vermögens.

Dieser Finanz-Globalisierung entspricht die realwirtschaftliche Globalisierung der Konzerne. Sie lokalisieren die einzelnen Teile ihrer Produktionsketten dort, wo ihre Kosten am geringsten, ihre Profite also am höchsten sind. Die 100 größten Transnationalen Konzerne der Welt generieren heute die Mehrzahl ihrer Aktien, ihrer Umsätze und ihrer Beschäftigung im Ausland und dieser Auslandsanteil wächst weiter Jahr für Jahr. Die selbe Entwicklung, immer mehr Umsatz und Beschäftigung und Aktionäre im Ausland, kennzeichnet auch die deutschen Top 100 und insbesondere auch die Bayer AG.

Wie weit dieser Transnationalisierungsprozess schon gediehen ist, zeigt eine Zahl sehr eindrucksvoll: 1/3 aller Weltexporte bzw. –importe ist sog. „intrafirm trade“, also Handel innerhalb ein und des selben Konzerns. Dies illustriert, wie weit die Entwicklung zur „globalen Fabrik“ schon fortgeschritten ist.

Der enorm gewachsene Kapitalexport wäre nicht zustande gekommen, hätte die internationale Politik nicht die Voraussetzungen dafür geschaffen. In der WTO, der Welthandelsorganisation, sind 148 Staaten Mitglieder, und die entwickelten Industriestaaten setzen dort weltweite Regimes zum ungehinderten und sogar favorisierten Kapitalexport der reichen Länder durch.

Folie 10 (WTO)

Im GATS (General Agreement on Trade in Services – Vereinbarung über handelsbezogene Investitionsmaßnahmen) werden alle Länder verpflichtet, ihren Dienstleistungssektor für ausländisches Kapital zu öffnen. Im TRIMS (Agreement on Trade-Related Investment Measures – Vereinbarung über handelsbezogene Investitionsmaßnahmen) wird den Mitgliedsstaaten verboten, einheimische Produkte gegenüber ausländischen zu bevorzugen. Im TRIPS schließlich (Agreement on Trade Related Aspects of Intellectual Property – Vereinbarung über handelsbezogene Aspekte des geistigen Eigentums) werden Patente und Copyrights der Transnationalen Konzerne gegenüber den Wettbewerbern vor Ort geschützt.

Doch nicht nur in internationalen Organisationen wie der WTO setzen die Transnationalen Konzerne ihren Willen durch, dies geschieht auch bilateral zwischen den einzelnen Staaten.

Folie 11 (Änderungen in den Investitionsbestimmungen...)

Eine wachsende Zahl von Ländern hat immer mehr Gesetzesänderungen durchführt, die ADI – das sind ausländische Direktinvestitionen, also der Kapitalexport der reichen Länder – begünstigen. 1991 haben 35 Länder insgesamt 80 neue Investitionsbestimmungen erlassen, die günstig waren für Ausländische Direktinvestitionen. 2001 waren es 71 Länder mit 194 entsprechenden günstigen Bestimmungen. Die Welt ist zum Platz des fast ungehinderten Geschäftemachens für die Global Players geworden.

Folie 13 (Die Globalisierung ist kein ...)

Dies alles ist keineswegs ein technologischer Sachzwang. Die Globalisierung, wie wir sie heute erleben, ist ein politisches Fabrikat. Sie wird politisch durchgesetzt. Schon dass die Konzerne im „Mutterland“ Kapitalüberschüsse in dieser Höhe erzielen, ist ein politisches Faktum. Einmal hängt es ab vom tarifpolitischen Kräfteverhältnis, zum anderen von den Steuern. Unternehmen haben in Deutschland anteilig Netto relativ mehr als Brutto, Arbeitnehmer relativ weniger. Dann wird der Export von Kapitalüberschüssen nicht nur geduldet, er wird steuerlich gefördert. Schließlich ist das Durchsetzen weltweiter Regimes à la WTO eine politische Angelegenheit, denn nur Staaten sind Mitglied der WTO.

So wie diese Art von Globalisierung politisch durchgesetzt wird, so könnte man sie auch politisch korrigieren. Doch warum sollte man sie korrigieren? Was ist eigentlich so schlecht an der neoliberalen Globalisierung?

Folie 14 (Das Entscheidende ...)

Das Entscheidende an der neoliberalen Globalisierung ist über das kräftige Anwachsen der Waren- und Kapitalströme hinaus die Herausbildung globaler Parameter für die wirtschaftliche Tätigkeit in allen Ländern und auch für Unternehmen, die selbst nicht international tätig sind, denn auch diese müssen sich auf ihren Märkten den von Global Players gesetzten Preis- und Qualitätsbedingungen stellen. Das von den großen Konzernen angewandte sog. Best Practice- und Global Benchmarkung-Verfahren meint, dass jede Firma versuchen muss, ihre Arbeitsabläufe und Kostenstrukturen entsprechend dem weltweit besten Wettbewerber anzugleichen und diesen zu übertreffen. Aus diesem Wettbewerb um die besten Werte entsprang als Hauptinstrument der Unternehmenssteuerung das sogenannte EVA.

EVA, aus dem Amerikanischen: Economic Value Added – der vom Unternehmen zu den Kosten und Abschreibungen hinzugefügte Mehrwert - meint im Klartext, dass das Unternehmen ein höheres Ergebnis erzielen will, als die Kapitalgeber – eigenes oder Fremdkapital – mit ihrem Geld irgendwo sonst auf der Welt erzielen könnten. EVA soll also höher sein als die Rendite, die Kapitalisten mit ihrem Geld an den Börsen und Finanzplätzen der Welt von den Cayman Islands bis nach Hongkong erzielen könnten. EVA ist übrigens auch offiziell der unternehmerische Steuerungsfaktor der Bayer AG, wo man ihn CVA nennt, was irgendwie ehrlicher klingt, denn CVA steht für Cash Value Added, aber Prinzip und die entscheidenden Details sind die selben wie bei EVA.

Unsere zentrale Steuerungsgröße, heißt es im letzten Bayer-Geschäftsbericht, ist der Unterschieds-Brutto-Cashflow, im englischen Cash Value Added. Dieser Unterschieds-Brutto-Cashflow gibt an, inwieweit sowohl die Eigen- und Fremdkapitalkosten als auch die Amortisation der Anlagen verdient werden konnten. Beides, die Festlegung des Verzinsungsanspruchs von Eigen- und Fremdkapital wie auch die Amortisation der Anlagen, also die Abschreibungen, liegen weithin im Ermessen des Unternehmens. Als Kapitalkostensatz –d.i. der Zins auf Eigen- und Fremdkapital – hat die Bayer AG 2004 7 % festgelegt. Wie kommt die Bayer AG auf diesen Satz? Im Geschäftsbericht heißt es einfach: „Die Eigenkapitalkosten entsprechen den Renditeerwartungen unsere Aktionäre und werden aus Kapitalmarktinformationen abgeleitet.“ Dies ist das eindeutige Bekenntnis der Bayer AG zum Shareholder Value-Prinzip, wonach die grundlegende Steuerung des Unternehmens vom Interesse der Aktionäre an möglichst hohem Kurs und möglichst hoher Dividende – „den Renditeerwartungen“ - bestimmt wird. Einem solchen Verständnis gelten die Beschäftigten nicht mehr als stake holder, als an der Wertsteigerung des Unternehmens angemessen zu beteiligende Gruppe, wie dies noch zu Zeiten der „Sozialpartnerschaft“ die offizielle Losung war, sondern bloß noch als Personalaufwand, der wie der Materialaufwand zu minimieren ist.

Von einem positiven Ergebnis, von einer nachhaltigen Steigerung des Unternehmenswertes, redet die Bayer AG also erst dann, wenn nach dem Verdienen der Abschreibungen, also der totalen Anlagen-Reproduktion, zusätzlich eine Kapitalverzinsung von 7 % übertroffen wird. Und dies war 2004 tatsächlich der Fall. Die gewaltige Hürde aus Anlagenreproduktion und 7%-igem Kapitalkostensatz lag bei 3.122 Mio Euro. Und sie wurde um 88 Millionen Euro übertroffen.

Andere Prozentzahlen machen den ungeheuren Sprung noch plastischer: Die Konzernrendite (das ist der CashFlowReturn on Investments) stieg von 8,1% auf 9,9%. Das EBIT, Ergebnis vor Zinsen und Steuern, sprang um 53,1 % nach oben, auf 2.244 Millionen Euro. 2005 werden alle diese Zahlen nach den vorliegenden Quartalsberichten noch weit übertroffen.

Was wir an dieser Stelle verstehen müssen, ist der grundlegende Wandel, der durch die neoliberale Globalisierung mit ihren globalen Parametern stattgefunden hat. Früher hat ein Kapitalist einen Arbeiter eingestellt, wenn dessen Arbeitsleistung mehr Wert brachte, als der Arbeiter selbst kostete und dieser Wert über dem nationalen Geldzins lag. Dies ist längst vorbei. Der Diskontsatz in Deutschland liegt derzeit bei 2 %, die Geldzinsen, die Banken zahlen, liegen kaum höher. Bayer aber verlangt eine Verzinsung von 7% nach Abzug aller Reproduktionskosten, was einem Geldrücklauf von 10 % auf die getätigten Investitionen entspricht. Wenn dieser Maximalzins durch die Arbeitsleistung der Beschäftigten nicht erreicht wird, dann werden Arbeitsplätze abgebaut bzw. werden die Arbeitsbedingungen verschärft und die Löhne und Gehälter gedrückt. Der global ermittelte Kapitalkostensatz sorgt also zwangsläufig für die Einengung des Arbeitsmarktes und entfacht Druck auf Entgrenzung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes.

In den Bayer-Daten lassen sich diese negativen Folgen für die Beschäftigten in der ganzen Bandbreite erkennen. Die Zahl der Beschäftigten verminderte sich von 2003 auf 2004 um 2%, der Personalaufwand ging noch weit höher, nämlich um 7,6% zurück. Dagegen stieg der Umsatz pro Mitarbeiter um 6,4 %. Jeder Mitarbeiter brachte 2004 16.000 Euro mehr Umsatz in die Kassen des Bayer-Konzerns. So war mehr als genug Geld da für die enormen Einkommensaufbesserungen an der Konzernspitze: Die Vorstandsbezüge stiegen um 47%, die des Aufsichtsrates um 56%. Das Top-Management gehört neben den Kapitalgebern zu den großen Siegern dieser Art von globaler Wirtschaft. Die Belegschaften sind die Verlierer. Insbesondere in der „home base“ des Global Player, denn in Deutschland vor allem findet der Abbau von Arbeitsplätzen und Beschäftigteneinkommen und die Verdichtung der Arbeit statt.

Folie 16 (Konsequenzen der ...)

Schauen wir uns die Konsequenzen der „neoliberalen“ Globalisierung für Deutschland im Zusammenhang an.

1) Der Binnenmarkt wird ausgehöhlt.
2) Die Arbeits- und Sozialstandards verschieben sich in Richtung Niveau der Billiglohn-Länder.
3) Arbeitsplätze werden in Billiglohn-Länder verlagert.
4) Der Staat bedenkt die Unternehmen mit Steuer- und sonstigen Vorteilen und fährt seine öffentlichen Leistungen herunter, er wird zum „nationalen Wettbewerbsstaat“, der in erster Linie Politik macht für die immer bessere Wettbewerbslage der Konzerne auf dem globalen Markt.

Folie 17 (Inlandsnachfrage / Exporte)

Dass der Binnenmarkt ausgehöhlt wird, dass die gesamte stagnierende Konjunktur überhaupt nur noch vom Export gehalten wird, belegen die Zahlen der letzten 10 Jahre. Nehmen wir 1995 als 100, dann hat sich die Inlandsnachfrage in Deutschland nur um 7 % erhöht; im EWU- bzw. EU-Raum aber um 17 und in den USA um 40 %.

Bei den Exporten hingegen sehen wir den strahlenden Weltmeister Deutschland, 75 % mehr als 1995, ein doppelt so hoher Anstieg wie bei den USA, weit auch vor den Japanern und der EU insgesamt.

Das Geheimnis dieser Diskrepanz erschließt sich aus den Worten eines Kollegen, der einen Musterbetrieb der kapitalistischen Globalisierung aus nächster Nähe verfolgt. Es handelt sich um Uwe Hück, Gesamtbetriebsrat von Porsche.

Folie 18 („Die Globalisierung ...“)

Sein Fazit: „Die Globalisierung hat eins gebracht: dass die Arbeitgeber sich nach den Gehältern der Amerikaner richten und die Arbeitnehmer sich nach denen der Chinesen.“

Der Kollege Hück hat recht. Die DAX-Vorstände haben sich in den letzten Jahren ihre Bezüge um jeweils klar über 10% erhöht. Im letzten Jahr an der Spitze der Bayer-Vorstand mit besagten 48%. Demgegenüber waren, wie wir vorhin gesehen haben, die Löhne und Gehälter der abhängig Beschäftigten, rückläufig oder stagnierten.

Folie 19 (Lohnstückkosten)

Rückgang bzw. Stagnation der Beschäftigtenentgelte fand statt bei laufender kräftiger Erhöhung der Produktivität. Dieser Zusammenhang wird ausgedrückt in den Lohnstückkosten, die angeben, wie viel Lohn der Beschäftigte anteilig vom hergestellten Produkt erhält. Gesamtwirtschaftlich wird die Größe bestimmt durch das Verhältnis des Bruttoeinkommens aus unselbständiger Arbeit in Relation zum realen BIP. Und hier zeigt sich, dass der Anteil des Einkommens aus unselbständiger Arbeit im Verhältnis zu anderen Industriestaaten (mit der Ausnahme Japans, das in den letzten 10 Jahren die schlimmste Depression seit dem Kriegsende durchlief) immer geringer wird. Die Lohnstückkosten in Deutschland haben
sich in Deutschland von 1995 bis 2003 um ganze 3% erhöht, in Frankreich hingegen um 12%, in Italien um 20%, in Großbritannien um 27%. In den USA, dem lange führenden Güterexporteur, stiegen sie um 15%. Hierin steckt das Geheimnis der immer stärkeren globalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft: Die deutschen Unternehmen kassieren von der Wertschöpfung der deutschen Beschäftigten im internationalen Vergleich einen immer höheren Anteil für sich, Marxisten würden sagen, sie erzielen einen immer höheren Mehrwert. Dies bedeutet andererseits, dass die deutschen ArbeitnehmerInnen unter den Industriestaaten die größten Verlierer der neoliberalen Wende und der mit ihr einhergehenden Globalisierung sind.

Dies gilt nicht nur Sachen Löhne und Gehälter, sondern auch in der Frage der Arbeitsplätze. Ob Bayer, Siemens, Metro, die Autokonzerne – die deutschen Global Players bauen im Inland systematisch Arbeitsplätze ab, während sie den Auslandsanteil ihrer Beschäftigung ebenso systematisch erhöhen. Im ersten Jahrzehnt der neoliberalen Turbo-Globalisierung – von 1986 bis 1996 – haben die 100 größten deutschen Unternehmen weltweit ihre Beschäftigung um 10,3 % ausgedehnt. Aber, und hier kommt das große Aber: Im Inland haben sie in diesem Zeitraum 5,8 % der Arbeitsplätze abgebaut, im Ausland hingegen haben sie die Beschäftigung um 59,8 % erhöht.

Die Bayer AG will nach den Erklärungen des Vorstandsvorsitzenden dort das Geschäft ausweiten, wo die Märkte wachsen, und dies sei im Ausland, und zwar im außereuropäischen Ausland. Die offenbare Absicht des Konzerns ist es, mit Investitionen und Beschäftigung dort anzutreten, wo die Umsätze gemacht werden. Dies wird für den Standort Deutschland weit reichende Folgen haben. Der Inlandsanteil an Beschäftigten liegt bei 42 %; der Inlandsanteil am Umsatz nur bei 27 %. Würde man die Beschäftigung an den Umsatz anpassen, stünden in Deutschland über 30.000 Arbeitsplätze zur Disposition. Auch wenn Deutschland ein überproportionaler Schwerpunkt von Forschung und Entwicklung bleiben sollte – was keineswegs als sicher unterstellt werden kann – ist nach dieser Logik vom Management ein umfassender Angriff auf die Arbeitsplätze hierzulande zu erwarten.

Wie wäre dem von Seiten der Beschäftigten zu begegnen? Es liegt auf der Hand, dass betriebliche Bündnisse zur Standortsicherung, wie sie schon dreimal bei Bayer eingegangen wurden, den Sozial- und Arbeitsplatzabbau im Betrieb nicht etwa zum Stillstand bringen, sondern dass sie diesen Prozess nur strukturieren und in Teilen sogar beschleunigen. Denn indem ich Lohneinbußen akzeptiere, verringere ich weiter den deutschen Markt, woraufhin Bayer sich noch mehr auf den Auslandsmarkt konzentriert. Dies ist ein gewichtiges Argument, denn so wie Bayer gehen ja alle großen Konzerne vor, nämlich dass sie unter Hinweis auf den globalen Wettbewerb den Personalaufwand senken und damit die kaufkräftige Nachfrage im Inland empfindlich reduzieren.

Ein zweites Argument gegen die Moratoriumsbündnisse: Die Einwilligung in an den Unternehmenserfolg gekoppelte Vergütungskonzepte bedeutet die Identifizierung mit der neoliberalen EVA- bzw. CVA-Strategie, denn nach diesem Faktor wird der Unternehmenserfolg ja gemessen. Anstatt diese arbeitnehmerfeindliche Strategie zu bekämpfen, macht man sich zu einem Teil von ihr. Die Folge solcher betrieblicher Bündnisse ist, dass man sich in immer kürzeren Abständen zu neuen Zugeständnissen bereit erklärt und immer neue Arbeitsplatzverluste in Kauf nimmt auf das Versprechen hin, es würden nicht noch mehr. Am Ende des jeweiligen Moratoriums steht dann aber schon die nächste Drohung, v.a. auch mit betriebsbedingten Kündigungen, und wieder willigt man ein in ein Co-Management beim Sozial- und Arbeitsplatzabbau.

Diese realistische Schilderung macht klar, dass den Belegschaften nur geholfen ist, wenn sie sich grundsätzlich dieser neoliberalen Logik in den Weg stellen. Es bleibt kein anderer sinnvoller Weg, als im Betrieb um jeden Millimeter sozialen Bodens zu kämpfen, für erreichte Lohnstandards und möglichst hohe Lohntarife, für jeden einzelnen Arbeitsplatz. Belegschaften, Betriebsräte und Gewerkschaft müssen weg vom Co-Management beim Abbau und hin zum konsequenten Abwehrkampf. Die andere Seite hat die Sozialpartnerschaft offiziell aufgekündigt, die Antwort muss lauten Konfliktbereitschaft und Mobilisierung der eigenen Kräfte.

Doch muss dieser Kampf über die Betriebsebene hinaus reichen. Die Rahmenbedingungen für das Verhältnis von Kapital und Arbeit werden in der politischen Arena gesetzt. Ob der Flächentarifvertrag verbindlich ist, oder ob betriebliche Öffnungen prägend sind oder werden. Ob Kapitalexport subventioniert oder durch Kapital-verkehrskontrollen reguliert wird. Welche Gesetze den Arbeitsmarkt, die Sozial- und Steuersysteme regeln. In der politischen Arena ist das Regime des Neoliberalismus durchgesetzt und wird jeden Tag neu gefestigt und ausgeweitet. Wenn die arbeitnehmer- und insgesamt menschenfeindliche Logik dieses Regimes gemildert und schließlich gebrochen werden soll, dann müssen die Belegschaften und die Betriebsräte und die Gewerkschaften endlich mit aller Kraft ihr politisches Mandat ausfüllen. Sonst kommen sie vollends unter den Schlitten eines Kapitals kommen, das, wie es selbst erklärt, wegen globaler Vorgaben keine Rücksicht mehr auf den früheren Sozialpartner nehmen kann.

Die sich herausbildende neue Bundesregierung, die Große Koalition, erweist sich schon in den Konturen ihres Regierungsprogramms als Erfüllungsgehilfe des globalen Kapitals, als Katastrophe für die Arbeiter, Arbeitslosen und Rentner. Mit der Mehrwertsteuererhöhung, der Kürzung des Arbeitslosengelds und dem Einfrieren der Renten haben gerade die Bedürftigen angesichts einer Inflation von gut 2 % noch weniger in der Tasche. Dies wird die Massenkaufkraft weiter dezimieren und die Konjunktur nach unten drücken. Das Herunterfahren der öffentlichen Ausgaben wird die gesamte öffentliche Daseinsvorsorge noch weiter verschlechtern. Die Lockerung des Kündigungsschutzes wird den Arbeitsplatzabbau beschleunigen und zu einer weiteren Prekarisierung der Arbeit führen; die Öffnung der Tarifverträge für betriebliche Einzelabmachungen wird die Löhne sinken lassen und den Flächentarif bedeutungslos machen.

Wir brauchen mithin eine grundsätzliche Wende im politischen Bereich. Und da stehen wir heute besser als vor dem 18. September, vor der Bundestagswahl Mit dem Erfolg der Linkspartei ist erstmals seit langem eine Partei in den Bundestag eingezogen, die ein klares, prinzipielles Nein zum Neoliberalismus erklärt. Das gibt Hoffnung, dass im Zusammenspiel der sozialen und politischen Bewegungen und ihrem parlamentarischen Arm – denn dazu muss die Linkspartei werden, oder sie wird den fatalen Weg der SPD und der Grünen gehen – mehr Menschen die offenkundige Wahrheit einsehen, dass die Machtstruktur dieser Gesellschaft ihre Interessen und ihre menschlichen Ansprüche verrät. Im Mittelpunkt der Forderungen sollten stehen
- die Verteilung der zur Verfügung stehenden Arbeit auf alle Arbeitsfähigen (und –willigen), d.h. eine gravierende Verkürzung der Arbeitszeit;
- eine soziale Grundsicherung, die allen Menschen eine armutsfeste Basis für ein anständiges Leben bietet, wo sie voll am sozialen und kulturellen Leben teilhaben können;
- die kollektive Sicherung aller Aspekte der sozialen Daseinsvorsorge von der Erziehung und Bildung über die Gesundheit bis hin zum Alter;
- die Mitsprache und Mitentscheidung aller in allen grundlegenden Fragen des gesellschaftlichen und politischen Lebens.

Mit diesen Forderungen, schon mit Kernfrage der Neuverteilung der Arbeit, werden wir sehr schnell an die Grenzen der Reformfähigkeit des heutigen kapitalistischen Systems stoßen. Es wird sich herausstellen, dass dieses System in seinen Grundzügen transformiert werden muss, dass es mit den alten Strukturen von wirtschaftlicher und politischer Macht ein Ende haben muss. Auch wer sich „nur“ für soziale Reformen einsetzen will, wird bald erkennen, wird im und am Widerstand der wirtschaftlichen und politischen Eliten des global operierenden Kapitals erkennen, dass dieses System sich keinen Reformspielraum gestatten will. Wir müssen ihn erkämpfen – und die Bedingungen dafür sind heute besser als in sie in den letzten 15 Jahren neoliberaler Hegemonie je waren.

[Otto Meyer] Vortrag Otto Meyer

CBG Redaktion

Referat von Otto Meyer (Pfarrer i.R.)

7 Mythen über den Zustand der Republik im Dienste der neoliberalen Sozialstaatszerstörung

(Auszug aus „Es geht anders - Alternativen zur Sozialdemontage“ v. Arno Klönne / Daniel Kreutz / Otto Meyer, PapyRossa, Köln 2005; 1. Aufl. vergriffen, aktualisierte Neuauflage wird z. Zt. vorbereitet. Hier: leicht überarbeitete Fassung)

Deutschland brauche „einen neuen Aufbruch“, wir könnten uns „trotz aller Wahlen kein einziges verlorenes Jahr für die Erneuerung Deutschlands mehr leisten,“ forderte Bundespräsident Horst Köhler schon bei seiner Antrittsrede im Bundestag am 1. Juli 2004 – verlangte der Präsident hier die Entmachtung des Wahl-„Volkes“, also des einzigen Souveräns in einer Demokratie? Was läßt ihn zu derart systemverändernden Forderungen kommen? Er sagte, wir klammerten uns schlicht „zu sehr fest an dem, was wir haben“, insbesondere der „Sozialstaat heutiger Prägung“ habe sich „übernommen“. Doch sei er guter Hoffnung, die Agenda 2010 und Hartz IV wiesen in die richtige Richtung. Und 8 Monate später, im März 2005 wird der Präsident noch drängender, nötig sei - nach dem „mutigen Anfang“ - eine „umfassende Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft“. Dazu sollten sich Regierung und Opposition „zusammensetzen“, sie stünden „in patriotischer Verantwortung“.

Was Kohl und Lambsdorf schon ab 1982 versucht haben, nämlich die Wende weg vom „Rheinischen“ Kapitalismus mit Sozialstaat hin zum neoliberalen Wettbewerbsstaat (wie Reagan in USA und Thatcher in Großbritannien das vorexerziert hatten), scheint unter Rot-Grün mit Schröder und Fischer – angetrieben und sekundiert von Merkel, Stoiber und Westerwelle - endlich zu gelingen. Zwar wird in den Medien weiter von einem riesigen „Reformstau“ aus vertanen Jahrzehnten geredet. So puscht das Trendmagazin für neoliberalen Systemumbau Der Spiegel immer wieder mit Titeln wie „DIE STUNDE DER WAHRHEIT IM LAND DER LÜGEN – Wirtschaftskrise / Steuerdesaster / Staatsversagen“ (Nr. 21, 03) oder „LACHNUMMER DEUTSCHLAND“ (Nr. 9, 04). Doch wenn der „Reformator“ Gerhard Schröder nach dem Desaster bei der Europawahl im Juni 2004 sich in Luther-Pose hinstellt und sinngemäß sagt: „Hier stehe ich, ich will diese Politik (der Agenda 2010, O. M.) – ich kann keine andere!“, dann springen ihm die Hamburger Spiegelmacher mit einem Aufmacher-Titel bei wie „Brüder, zur Sonne – Schröder. Eine Bilanz“ (Nr. 30, 04). Und die fällt gar nicht so schlecht aus, wenn auch noch viel zu tun bleibe...

Ähnlich sieht es im Lager der Unternehmerverbände aus. Ihre Sprecher loben durch die Bank die Agenda 2010 als „erste Schritte“, die allerdings konsequent fortgesetzt werden müßten. Hilmar Kopper, der damalige Chef der Aufsichtsräte von DaimlerChrysler und Deutsche Bank, war schon 1999 nach einem Jahr Regierungszeit von Rot-Grün zuversichtlich. Auf die Frage, ob „eine Trendwende weg vom Staat und hin zum Individuum ... ausgerechnet die Sozialdemokraten einleiten“ könnten, sagte er: „Ja. Wenn Sie mich vor anderthalb Jahren gefragt hätten, ob ich mir eine aktive Beteiligung der Bundesrepublik an einem Krieg auf dem Balkan unter einer rot-grünen Regierung vorstellen könnte, dann hätte ich Sie für nicht ganz gescheit gehalten. Genauso aber kam es. Und es konnte nur von der rot-grünen Regierung kommen, sonst hätten wir in diesem Land eine Revolution gehabt. Ähnliches gilt wohl auch für die Veränderungen des Sozialstaates. Wahrscheinlich müssen die heiligen Kühe von denen geschlachtet werden, die an der Aufzucht am aktivsten beteiligt waren.“ (Hamburger Abendblatt, 4. 11. 99)

SPD und Grüne haben in den dann folgenden Jahren ihrer bisherigen Regierungszeit schon mehrere altheilige Kühe vom Futter genommen und dafür andere zur Aufzucht in den Stall gestellt. Mit der „Riesterrente“ wurde die alte umlagefinanzierte Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) teildemontiert, um die Einzelnen in Privatrenten zu zwingen, von deren Mitfinanzierung die Arbeitgeber freigestellt sind. Die Berufsunfähigkeitsrente wurde als staatliche komplett gestrichen. In der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) entfallen Leistungen wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Zahnersatz, Sterbegeld oder bestimmte Medikamente; die Risiken sind dann allein vom Versicherten privat abzudecken. Auch in den Gesetzen zur Pflegeversicherung und vor allem mit den Hartzgesetzen zur Arbeitslosenversicherung geht es vorrangig um die Entlastung der Kapitalseite von den Lohn-„Zusatzkosten“ und zugleich um „Anreize“ oder Zwang für die Arbeitnehmerseite, sich alleine, zumeist auf dem Finanzmarkt abzusichern. Eichels „große Steuerreform“ mit ihren massiven Entlastungen für Unternehmen und Besserverdienende sollte ebenfalls die Marktkräfte stärken.

Ob Riester-Rente, Steuerreform, Agenda-2010 oder Hartzgesetze - die Richtung ist eindeutig: Weg vom Sozialstaat , hin zum aktivierenden Wettbewerbsstaat, der die Einzelnen fit machen soll für Markt und Kapitalrentabilität. Einige streiten noch darüber, ob der bisherige Sozialstaat nur „umgebaut“ oder tatsächlich „abgebaut“ werden solle. So behauptet die SPD, sie wolle den Sozialstaat „umbauen, um ihn zu erhalten“, gerade auch gegen die viel schlimmeren Absichten von CDU und FDP, die „abbauen“ und „zerstören“ wollten. Die CDU wiederum beteuert, sie wolle die „neue soziale Marktwirtschaft“, und keineswegs eine Marktwirtschaft „pur“- wie vielleicht die FDP. Den Grünen geht ihr Koalitionspartner SPD nicht weit genug, eigentlich möchten sie auch die CDU noch neoliberal überholen und die FDP beerben, wenn auch mit ökologischem Touch.

Dieser Streit ist müßig. Tatsächlich strebt eine faktische Große Koalition aus SPD/CDU/CSU/Grüne/FDP beides an: Abbau und Umbau des alten Sozialstaates. Der sog. „Umbau“ des Sozialstaates - gern auch „Reform“ genannt - ist in wesentlichen ersten Schritten immer ein Abbau oder eine Zurückstufung bisheriger sozialer Leistungen. Dies geschieht, um einen Sachzwang aufzubauen - die weggebrochenen Leistungen des Sozialstaates zwingen die sozial Enteigneten, ihren Schutz vor Risiken auf dem Markt und beim Kapital zu suchen. In seiner Regierungserklärung zur Agenda 2010 umschrieb Kanzler Schröder das Vorhaben so: „Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen... Der Umbau des Sozialstaates und seine Erneuerung sind unabweisbar geworden. Dabei geht es nicht darum, ihm den Todesstoß zu geben, sondern ausschließlich darum, die Substanz des Sozialstaates zu erhalten.“ - Wer „Leistungen des Staates“ kürzt, betreibt eindeutig Abbau; da hat die FAZ ganz recht, wenn sie mahnt: „Was Schröder mit der Agenda 2010 angestoßen hat, ist tatsächlich Abbau. Glaubwürdig würde er, wenn er sich traute, es auch so zu nennen“.

Doch der Beweggrund für den Abbau ist nicht einfach Zerstörung; das eigentliche Ziel ist tatsächlich der „Umbau“, nämlich ein Systemwechsel: Weniger Staat – mehr Markt, Auflösung kollektiv-solidarischer Strukturen zu Gunsten privater. Der Staat soll sich zurückziehen aus seiner sozialen Regelungsfunktion für die Wirtschaft, er soll vor allem seine Schutzfunktion für die abhängig Beschäftigten und ihre Angehörigen als die schwächeren Wirtschaftssubjekte zurücknehmen, um so alle dem Markt und seinen Wettbewerbsregeln auszuliefern und die Löhne im Preis zu senken.

Der Wettbewerbsstaat, wie die neoliberalen Fundamentalisten ihn anstreben, kann kein Sozialstaat im bisherigen Verständnis mehr sein. Die neoliberalen Dogmatiker und Theologen in Wirtschaft, Hochschulen und Politik streben offen einen solchen totalen Systemwechsel an, in ihrer Sicht macht „Sozialstaat“ unfrei (Hayek). Doch die Freiheit, die sie meinen, ist eine Freiheit lediglich für Unternehmer und Kapitalbesitzer. Die Freiheit von über 90 Prozent der Bevölkerung soll lediglich darin bestehen, sich selbst mittels ihrer Arbeitskraft dem Marktwettbewerb auszusetzen. Die Zwänge und Nöte, in die sie da durch Konkurrenz und überzählige Masse geraten, sind dem Naturgesetz des Wettbewerbs geschuldet. Nur so, durch Kampf aller gegen alle und trial and error mit unvermeidlichen „Opfern“, schreitet angeblich die Menschheit voran. Marktgesetze und Kapitalismus sollen die höchste Form der menschlichen Entwicklung sein: der vollende Weltmarkt erscheint als das Endziel der Geschichte. Wer das nicht wahrhaben will und Freiheit anders definiert, wer sagt, die Menschen hätten erst dann die Möglichkeit zur Freiheit, wenn sie frei würden von Not und Elend, frei von der Angst zu verhungern, zu erfrieren oder sonstwie an Leib und Leben bedroht zu sein, der vergeht sich - in der Sicht der neoliberalen Kapitalanbeter - am Naturgesetz von Markt und Kapital.

Die „Neue Sozialdemokratie“ unter Gerhard Schröder behauptet, sie stehe für einen „Dritte Weg“, jenseits von altem Sozialstaat und dem brutalen Fundamental-Neoliberalismus. Es gehe ihr nicht um die Schaffung von absoluter Marktfreiheit, sondern um eine intelligente Nutzung von Markt und Wettbewerb, sozusagen um eine „Umregulierung“ des Sozialstaates hin zum „aktivierenden Staat“ des „Forderns und Förderns“. Der Staat müsse die Einzelnen aus der Versorgungssicherheit entlassen und befreien – zu ihrem eigenen Vorteil, damit sie aktiv würden und selbst Verantwortung für sich und die Verwertung ihres Arbeitspotentials übernehmen. Jeder müsse eine „zweite Chance“ erhalten, die neue Sozialdemokratie stehe für Chancen-Gerechtigkeit und die Herstellung von Chancen-Gleichheit und nicht mehr für eine nur träge machende Verheißung von allgemeiner Gleichheit. Der „Dritte Weg“ wolle die Dynamik von Märkten endlich sozial nutzbar machen und bei den bisher von Transferleistungen Abhängigen eine Aktivierung in Gang setzen, um so insgesamt zu mehr Beschäftigung und Wirtschaftswachstum zu kommen. Durchaus solle es noch staatliche „Basissicherungen“ geben, es werde aber eine Politik der „aktiven Wohlfahrt“ betrieben, die „direkte Unterstützungen nur im Notfall“ gewähre. „Und niemand sollte in den Genuss solcher Zahlungen kommen, wenn er das Angebot zur Integration in den Arbeitsmarkt aus freien Stücken ausschlägt“ (Kanzler Schröder, SZ, 13. 3. 99).

Nach 6 Jahren rot-grüner Regierungspolitik liegen erste Ergebnisse des 3. Weges vor: mit über 5 Millionen die höchste Arbeitslosigkeit in der Geschichte der BRD, wachsende Kinder- und Altenarmut, Hartz IV setzt Millionen Arbeitslose und deren Familien auf Sozialhilfe; die Reichen sind reicher und die Armen ärmer geworden. Die „Neue Sozialdemokratie“ - im Verbund mit den ebenfalls kriegs- und markttauglich gemodelten Grünen - erweist sich als bisher erfolgreichste Kämpferin für den marktradikalen Systemwechsel zum Wettbewerbsstaat. Der sog. „Dritte Weg“ erweist sich als Königsweg in das Reich der Neoliberalen.

Legenden und Mythen
Das neoliberale System-Umbauprogramm arbeitet mit immer wiederkehrenden Legenden und Mythen. Wie alle Mythen sollen sie reale Verhältnisse und Veränderungen erklären und diese als nicht anders möglich hinstellen, als unabänderliche Gesetze des Schicksals. Sie nutzen gängige Vorstellungen, oft aus der Vergangenheit, die verklärt werden. Mit Mythen angereicherte Legenden verdrehen die Wirklichkeit, Halbwahrheiten werden aufgebauscht, die Lügen sind verschleiert. Legenden werden verbreitet, wenn eine kritische Situation auftritt, und wenn verdeckt werden soll, woher die Misere kommt, durch welche wirtschaftlichen oder politischen Entscheidungen ein Mangel oder Mißstand erst herbeigeführt wurde. Oft wurden die mißlichen Zustände von den politisch Verantwortlichen bewußt eingeleitet oder billigend in Kauf genommen; anschließend werden sie zu „Sachzwängen“ deklariert, die dann verantwortlich sein sollen dafür, daß jetzt nur so und nicht anders entschieden werden muß: „Es gibt keine Alternative!“ = There Is No Alternative = TINA! Wie schon Margret Thatcher behaupten auch deutsche Politiker fast aller Schattierungen, es gäbe zum Sozialabbau und -umbau „keine vernünftige Alternative“.

1. Der Mythos von der Kostenexplosion in den Sozialsystemen
Eine seit Jahrzehnten aufgebaute Legende ist jene über die angebliche Kostenexplosion in den sozialen Sicherungssystemen. Der Sozialstaat sei einfach nicht mehr zu bezahlen, zu sehr seien die Ansprüche in die Höhe geschraubt worden. Heute gäbe es immer mehr Alte mit immer höheren Renten- und Pensionsansprüchen. Immer mehr Leute nutzten auch die Versorgungsleistungen der Krankenkasse aus, verlangten aufwendige Behandlungen nach dem neuesten Stand der medizinischen Wissenschaft, feierten krank, weil Lohnfortzahlung und Krankengeld sowieso flössen, oder genehmigten sich aufwendige Kuren u.ä. Und auch die hohe Zahl der Arbeitslosen sei nur dadurch zu erklären, daß viele gar nicht richtig Arbeit suchten, weil sie ja so gut vom Arbeitsamt versorgt würden. Und dann erst die Sozialhilfeempfänger, die meisten machten sich einfach einen schönen Lenz auf Staatskosten, wie z. B. jener „Florida-Rolf“, der laut Bild sich im US-Badeparadies die Sonne auf den Bauch scheinen ließ, alles finanziert vom deutschen Sozialamt...
Auch der Herr Bundespräsident, immerhin ein gelernter Wirtschaftswissenschaftler mit Welterfahrung, glaubt offenbar an die Legenden von den überbordenden Sozialausgaben und strickt mit an dieser Legende, wenn er behauptet:„Der Sozialstaat heutiger Prägung in Deutschland hat sich übernommen“. Mit Tatsachen allerdings hat solch präsidiales Urteil nichts zu tun. Im Gegenteil, Deutschland nimmt innerhalb der Industriestaaten der EU bei den Sozialausgaben, gerechnet als Anteil vom Bruttoinlandsprodukt (BIP), schon lange keinen der vorderen Plätze mehr ein. Rechnet man das Gebiet der verschwundenen DDR heraus, liegen die Ausgaben für Soziales in der alten BRD weit unter EU-Durchschnitt. Auch bezogen auf Gesamtdeutschland läßt sich nach Auskünften des Statistischen Jahrbuches kein signifikanter Anstieg feststellen, von einer „Kostenexplosion“ kann schon gar keine Rede sein. So lagen die Ausgaben für die Rentenversicherungen der Arbeiter und der Angestellten 1975 bei 10,1 % vom Bruttoinlandprodukr (BIP), 1980 bei 9,3 % und 2001 bei 10,8 % - obwohl durch die massenhaft erzwungenen Frühverrentungen der Anteil der Menschen, die von Rente leben müssen, sich mehr als verdoppelt hat! Der Anteil der Kosten für die Gesetzliche Krankenversicherung am BIP liegt ebenfalls seit 25 Jahren immer um die 6% und betrug 2001 = 6,8%. Eine meßbare Erhöhung gab es lediglich bei den Kosten für Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe, nämlich von 1,2 % in 1975 auf 3,1 % in 1992 und dann in 2002 sogar wieder eine Absenkung auf 2,1%, obwohl die Zahl der Arbeitslosen ja um einige Millionen gestiegen war! – Interessant ist auch ein Blick auf die Sozialhilfe: 1980 machten die Gesamtausgaben für dieses letzte soziale Netz 0,9 Prozent vom BIP aus, sie erhöhten sich bis 1990 auf 1,3 Prozent und lagen in 2001 bei 1,1 Prozent. Die relative Abnahme in den neunziger Jahren ist ist vor allem auf die Ausgrenzung der Flüchtlinge in das Asylbewerberleistungsgesetz und die Einführung der Pflegeversicherung zurückzuführen, aber auch den unzureichenden Anpassungen der Sozialhilfe an die Teuerungsrate geschuldet.
Doch die neoliberalen Propagandisten für den Ab- und Umbau des Sozialstaates arbeiten statt mit solchen statistisch nachprüfbaren Daten, die in keiner Weise den Begriff „Kostenexplosion“ rechtfertigen, gern mit verdrehten Halbwahrheiten: Sie zeigen z.B. für den Bereich der Gesundheit in einer steil aufsteigenden Kurve, wie in 14 Jahren die Ausgaben in den Gesetzlichen Krankenkassen um 100 % gestiegen sind – ohne darauf hinzuweisen, daß die Preise und die Gesamtwirtschaftsleistung ebenfalls um 100 % zugelegt haben. Oder sie lassen in Zeitschriften Schaubilder abdrucken, die in der BRD einen höheren Anteil der Aufwendungen für Gesundheit am BIP ausweisen als in Nachbarländern; sie sollen jetzt bei ca. 11 Prozent vom BIP liegen. In solchen Graphiken aber wird verschwiegen, daß ein Großteil dieser Gesamtausgaben im Gesundheitssektor auf Ausweitung privater Ausgaben, z. B. für Schönheitsoperationen, Vitaminpillen u. dergl. zustande kommen – mit den Leistungen der GKV haben solche Auswüchse wenig zu tun und deshalb auch nichts mit einem angeblich überforderten Sozialstaat.

2. Mythos: „Die Lohnnebenkosten sind zu hoch“
Schon der Begriff „Lohnnebenkosten“ ist ein Mythos; er suggeriert, als handele es sich um Kosten neben dem eigentlichen Lohn. Und die Legendenbildung geht dann weiter: Hätte nicht ein unvernünftiger Sozialstaat, der ja nie genug kriegen könne, die „Lohnnebenkosten“ dem Lohn wie eine lästige Klette angehängt, dann hätten doch die Unternehmer mehr Spielraum für höhere Lohnauszahlungen, u. U. könnten sogar mehr Leute beschäftigt werden. Mit derartigen Wortassoziationen und entsprechender betriebswirtschaftlicher Hühnerhofsicht wird Stimmung erzeugt.
In Wahrheit gibt es keine Lohn-„Neben“-kosten. Gemeint sind die Sozialabgaben von den Bruttolohnkosten, und die sind nicht eine Nebensache, sondern ein wichtiger Bestandteil des Lohnes. Das merkt jeder, der als Freiberufler oder Ich-AGler sich selbst gegen Zeiten der Arbeitslosigkeit, der Krankheit oder für’s Alter versichern muß. Wer sagt: „Die Lohnnebenkosten müssen gesenkt werden“, will die Löhne senken. Er propagiert Lohnraub. Wenn Kanzler Schröder sagt, seine Agenda 2010 senke die Lohnnebenkosten und schaffe so mehr Arbeitsplätze, lügt er doppelt: 1. Seine sog. „Reformen“ senken die Sozialabgaben nur für den Unternehmer – der Arbeiter oder die Arbeiterin muß für Zahnersatz usw. sich privat versichern und zahlt entsprechend mehr. 2. Schröders Lohnsenkungsprogramm schafft keine Beschäftigung, eher werden noch mehr Arbeitsplätze vernichtet, weil die Leute infolge der vielen Zuzahlungen und privaten Risikoabsicherungen immer weniger im Portemonnaie haben und immer weniger kaufen können. Dadurch gehen weitere Arbeitsplätze im Handel und in der Konsumgüterindustrie verloren – eine Spirale nach unten.
Die Sozialbeiträge, die bisher noch überwiegend hälftig von Arbeitgern und Arbeitnehmern als Teil vom Gesamtlohn in die Kassen der Sozialversicherungen eingezahlt werden, machen hierzulande seit Jahrzehnten um die 15 % vom BIP aus (ausgegeben werden gut 19 Prozent, 4 Prozent werden aus Steuern aufgefüllt), sie sind also für die gesamte Volkswirtschaft nicht gestiegen. Allerdings gibt es ein Problem: Die Sozialabzüge sind für den einzelnen Beschäftigten heute um 25% höher als vor 25 Jahren, weil immer mehr arbeitslos wurden oder in Minijobs gedrängt worden sind. Und für sie wird wenig oder gar nichts in die Sozialkassen eingezahlt, sie müssen aber mit versorgt werden. Weil der Anteil der Bruttolöhne am Volkseinkommen zu Gunsten der Vermögenseinkommen durch zu niedrige Lohnabschlüsse und Massenentlassungen zurückgeschraubt wurde und die Einkommen der höher Verdienenden und Reichen von den Abgaben freigestellt sind, müssen die Sozialleistungen von der gesunkenen Zahl jener aufgebracht werden, die noch eine sozialversicherungspflichtige Stelle haben. Deshalb hat der einzelne Beschäftigte höhere Abzüge. - Die richtige Konsequenz müßte heißen: Alle Einkommen, auch Kapitaleinkünfte und Unternehmensgewinne, werden für Sozialabgaben herangezogen.

3. Mythos: Abgaben und Steuern sind in Deutschland zu hoch
Auch im Vergleich mit anderen Ländern entpuppt sich die hartnäckig propagierte Legende von den zu hohen Lohn-„Nebenkosten“ oder der zu hohen Kostenbelastung durch Sozialabgaben für die deutsche Wirtschaft als Luftnummer. Richtig ist, daß in einigen Ländern, wie in England oder Dänemark, staatlich organisierte Sozialkosten mehr aus allgemeinen Steuern und weniger durch direkte Lohnabgaben finanziert werden. Die Steuern müssen aber ebenfalls aus dem Bruttoinlandsprodukt aufgebracht werden, also aus den Ergebnissen jener Jahresarbeitsleistung, die zwischen Unternehmern und Beschäftigten - nach Abzug der Ersatzinvestionen - als Volkseinkommen aufgeteilt wird. Deshalb zählen Wirtschaftsstatistiker, wenn sie die „Belastungen“ einer Volkswirtschaft durch soziale und andere staatlich organisierte Gemeinschaftsleistungen berechnen wollen, Steuerlast und Sozialausgabenlast (Lohnnebenkosten) zusammen. So auch das Bundesfinanzministerium (FR, 21. 1. 03). Danach lag im Jahre 2001 in der BRD die addierte Sozialabgaben- und Steuerquote bei 36,5 Prozent vom BIP. Es wird noch berichtet, dies sei ein Platz „im internationalen Mittelfeld“. Demnach behauptet nicht einmal die Bundesregierung, daß die deutsche Volkswirtschaft mit Abgaben und Steuern besonders „belastet“ sei.
Doch erweist sich selbst diese moderate Verlautbarung noch als Verschleierung. Ein exakter Zahlenvergleich mit jenen größeren Industrieländern, die Nachbarn in der EU sind, die ähnliche Sozialstaatssysteme aufweisen und die für die deutsche Industrie im für uns wirtschaftlich bedeutendsten EU-Raum als Konkurrenten in Frage kommen, wird in der Meldung aus dem Hause Eichel nicht mitgeteilt. Aus einer OECD-Statistik über die addierte Steuer- und Abgabenquote vom BIP aus 2001 kann man genau diesen Vergleich erkennen: BRD = 36,4, Großbritannien 37,4 %, Niederlande 39,9 %, Italien 41,8 %, Belgien 45,3 %, Frankreich 45,4 %, Schweden 53,2 %; von den EU-Ländern liegt nur Spanien mit 35,2 % leicht unter der deutschen Marge - was erklärlich ist, wenn man weiß, das Spanien der größte Nettogeldempfänger beim EU-Finanzausgleich ist. Nein, die deutsche Wirtschaft liegt mit den Kosten für Soziales und staatliche Aufgaben im Euroraum am untersten Ende! Alle direkten Nachbarn liegen 3 – 9 Prozent darüber, Schweden fast 17 Prozent. Dass die deutsche Wirtschaft wegen zu hoher Abgaben im Wettbewerb „behindert“ sei, ist demnach nichts als Legende. Tatsächlich betreibt die BRD Abgaben-Dumping. Und in all den genannten Nachbarländern sieht die Arbeitslosenstatistik besser aus als bei uns. Das deutsche Steuer- und Abgaben-Dumping führt zu weniger Beschäftigung.

4. Mythos: „Die staatlichen Kassen sind leer und deshalb müssen alle sparen!“
Dieser Mythos ist besonders wirksam, weil er mit einer Teilwahrheit arbeitet und Sparen als eine ehrwürdige Tugend gilt. Die Teilwahrheit ist: die Kassen der Kommunen, der Länder und des Bundes sind tatsächlich ziemlich leer – aber wodurch sind sie leer geworden? Die Kassen sind durch eine gezielte Steuersenkungspolitik für die Kapitalseite leergefegt worden. Wenn Weltkonzerne wie Daimler, Siemens, Bayer oder Telekom in Folge der Eichelschen Steuerreform keine Gewerbesteuer mehr zahlen und bei der Körperschaftssteuer sogar noch einiges zurückfordern konnten, dann muß der Staat natürlich auf allen Ebenen arm werden.
Wenn zusätzlich der Spitzensteuersatz von 53% in 1999 auf 42% in 2005 gesenkt wird, dann hat davon der Durchschnittsverdiener gar nichts, weil er den Spitzensteuersatz nie erreichen kann. Aber ein Herr Ackermann von der Deutschen Bank mit 11 Mill. Euro Jahreseinkommen kann 1.2 Millionen Euro mehr auf seinem Konto verbuchen. So erklärt sich auch der Appell: „Wir müssen alle sparen!“ Ja, 90 % der Bevölkerung muß sich arm sparen, damit die 10 % der Oberschicht ihre Kapitalrenditen kräftig erhöhen können. Das Geldvermögen hierzulande ist in 2004 um 150 Mrd. Euro auf 4.050 Mrd. weiter aufgehäuft worden. Die Armen müssen sparen, damit die Reichen noch reicher werden!

5. Mythos: „Die hohen Staatsschulden“ als „Last für unsere Kinder und Enkel“
Auch hier arbeitet die neoliberale Propaganda mit einem altehrwürdigen Mythos: Schulden sind schlecht, und Eltern, die ihren Kindern nur Schulden hinterlassen, sind ganz schlechte Eltern! Der Hinweis auf die hohen Schulden, die der Staat von der Kommune bis zum Bund in den vergangenen Jahrzehnten aufgenommen hat und die jetzt unbedingt zurückgezahlt werden müßten, um „nicht die Zukunft der nachfolgenden Generationen noch weiter zu belasten“, fehlt denn auch in keiner Politikerrede. Der noch amtierende Finanzminister Hans Eichel wurde nach dem Abgang von Oskar Lafontaine ausdrücklich mit diesem Programm ins Amt geholt – daß derselbe inzwischen Jahr für Jahr ähnlich hohe Neuverschuldungen vor Parlament und Öffentlichkeit zu verantworten hat wie seinerzeit Theo Waigel, macht ihn zur tragischen Figur: Er will schon, kann aber nicht - wegen der hohen Sozialkosten und weil der Umbau des Sozialstaates noch nicht recht in Gang gekommen ist. Doch als Staatsziel bleibt Sparen die unbedingte Devise. Bundespräsident Köhler mahnte deshalb für alle sozialpolitischen Entscheidungen das Prinzip der „Nachhaltigkeit“ an: „Also bei allen Entscheidungen, allen Gesetzesvorhaben immer auch die Auswirkungen auf zukünftige Generationen – unsere Kinder – berücksichtigen. Das haben wir zu lange versäumt.“
Die Teilwahrheit ist: Ja, die Staatsschulden der BRD sind hoch, mit z.Zt. 1.4 Billionen Euro betragen sie 65 % vom BIP. Ob sie für die Erfordernisse einer kapitalistischen Markt- und Volkswirtschaft zu hoch sind, ist schwer zu entscheiden; in USA liegt ihr Anteil bei über 70 %, in Japan bei 140 %. Offenbar funktioniert der heutige Kapitalismus nur noch mit Hilfe von Staatsverschuldungen. Denn was sind Staatsschulden? Sind sie dasselbe wie die Schulden einer Familie oder eines kleinen Betriebes? Nein, keineswegs. Der Staat leiht sich das Geld ja sozusagen „innerhalb der Familie“, d.h. von seinen eigenen Bürgerinnen und Bürgern! 90 Prozent der Bundesschatzbriefe usw. sind Guthaben von vermögenden Deutschen - die übrigens noch viel mehr auch im Ausland besitzen. Und das geliehene Geld wird dringend gebraucht, um für uns alle Bildung, sozialen Frieden, Umweltschutz oder Infrastruktur wenigstens noch halbwegs aufrecht zu erhalten, es dient also gerade auch unseren Kindern. Wenn die Kommune die Schulen verrotten läßt, Kinderspielplätze und Jugendhäuser schließt, um ihre aufgelaufenen Schulden zurückzuzahlen, dann zerstört sie ganz real heutige Lebens- und Zukunftschancen unserer Kinder! Gleiches gilt für die Länder mit ihren absurden Sparzielen, die heute den Schulklassen die Lehrer vorenthalten oder den Studierenden die Hochschulen kaputtsparen – angeblich „im Interesse der zukünftigen Generationen“. Ganz abgesehen von den verheerenden Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Konjunktur, wenn der Staat ausgerechnet bei Personal und sozialen Transferleistungen derart rigoros spart wie in den letzten 10 Jahren.
Hieran wird die Ambivalenz einer anwachsenden Staatsfinanzierung über Schulden deutlich: Einerseits stellt sie staatsgarantierte Anlagemöglichkeiten für überschüssiges Kapital zur Verfügung; andererseits bindet und blockiert sie Fiskalmittel. Ein anwachsender Teil der Steuereinnahmen muß tatsächlich für Zinszahlungen und Schuldfälligkeiten aufgewendet werden und fehlt dann für notwendige Gemeinschaftsaufgaben. Die zur Legende aufgebaute Rede von der „zu hohen“ Staatsverschuldung, die nur von dieser Belastung in den Staatshaushalten redet und von den Vermögenszuwächsen auf Seiten der besser gestellten Staatsbürger schweigt, dient heute dem neoliberalen Umbauprogramm: Weniger Staat – mehr Markt. Die eingegangenen Schuldverpflichtungen werden als Hebel eingesetzt, um Parlamente zu zwingen, Streichlisten im Bereich von Personal und Sozialausgaben und dem Ausverkauf von bisherigem Staatseigentum als alternativlos zuzustimmen. Das schädigt zugleich die Demokratie, Landtage oder Ratsversammlungen wetteifern darum, wer die meisten Krankenhäuser stillegen kann oder wer mit noch weniger Pflegekräften in den Heimen auskommt. Es regiert der Sparkommissar; die Ratsherren und –damen dürfen gerade noch über die Länge der Grünphasen an Fußgängerampeln entscheiden.
Nicht diskutiert, geradezu mit Tabu belegt bleibt die einfache ökonomische Tatsache, daß dort, wo jemand Schulden gemacht hat, es immer jemanden gibt, dem die Schuldtitel als Eigentum gehören. Die Reichen, die dem Staat auf allen Ebenen gern die ausgegebenen Schuldverschreibungen mit Hilfe ihrer Vermögensverwalter in den Banken abgekauft haben, können überhaupt kein Interesse daran haben, daß tatsächlich die Kämmerer und Finanzminister aufhören, neue Schulden zu machen. Wohin sollten sie dann mit ihren überzähligen Millionen und Milliarden gehen? In unsichere Dritte-Welt-Länder oder in Firmen, die jederzeit Konkurs anmelden könnten? Der deutsche Staat gilt bisher noch als sicherste Anlage.
Die Staatsschulden werden nur dann Lasten für einen Großteil unserer Kinder bleiben, wenn der kleinere, reichere Teil „unserer“ Kinder die Staatsschuldtitel als Vermögen ungeschmälert von den Eltern erbt. Für die Kinder der Reichen würden Bundesschatzbriefe überhaupt keine Last, sondern weiterhin eher ein Segen sein. Allerdings nur solange, wie alles so bliebe, d.h. wenn es weiterhin keine Vermögenssteuern und kaum eine Erbschaftssteuer geben würde. Doch der Irrsinn, daß der Staat den Reichen immer mehr Steuern erläßt, um sich anschließend das erlassene Geld von denselben Leuten gegen Zins und Zinseszins zu leihen, kann beendet werden: Spätestens die Enkel können’s besser ausfechten.

6. Mythos : „Demographie - zu viele Alte und zu wenige Junge“
Die neoliberalen Systemänderer behaupten: Es wären zu viele Alte zu alt geworden und seit Jahrzehnten schon zu wenige Kinder nachgewachsen. Deshalb müßten die Renten jetzt endlich gesenkt und die Kranken- und Pflegeleistungen drastisch gekürzt werden. Der Kanzler hatte in seiner berühmt-berüchtigten Agenda-2010-Rede festgestellt, daß „ die durchschnittliche Lebenserwartung ... immer größer wird“. Deswegen müsse „nachjustiert“ werden. In kaum einer Politikerrede fehlt der Hinweis auf die angeblich unabdingbaren Fakten aus der „demographischen Entwicklung“, manche reden von drohender „Vergreisung“, gar von einem bevorstehenden „Supergau“ durch die „demographische Zeitbombe“, deren Ticken schon vor Jahrzehnten hätte zum Umlenken mahnen müssen, aber leider überhört worden sei. Schröder schlägt sich reuevoll an die Brust: Auch seine Partei habe die steigende Überalterung verschlafen, die SPD hätte den „Demographiefaktor“, mit dem Norbert Blüm einst die Renten kürzen wollte, bekämpft und zu Beginn ihrer Regierung sogar abgeschafft. Aber inzwischen seien sie in der Regierungsverantwortung klüger geworden und hätten mit der Riesterrente und dem von Prof. Rürup entwickelten „Nachhaltigkeitsfaktor“ die notwendigen Kürzungen eingeleitet... Kein Wunder, daß aufmüpfige Nachwuchspolitiker den Alten raten, sich auf frühere Zeiten zu besinnen, wo über Siebzigjährige doch auch klaglos an Krücken gegangen seien, ohne teure neue Hüftgelenke zu verlangen, oder ehrwürdige Greisinnen ihr Brot still in den Kaffe getunkt hätten, ohne nach dritten Zähnen zu schreien.
Daß mit dem Mythos „Demographie“ massiv Propaganda betrieben wird, indem z.B. jeweils die schlechtest mögliche Variante bei Hochrechnungen aus dem Statistischen Bundesamt als feststehende Prognose ausgegeben wird und die mittleren oder günstigeren Varianten (die aus dem selben Amt auch vorliegen) verschwiegen werden, haben in letzter Zeit mehrere Fachwissenschaftler nachgewiesen (so Gerd Bosbach in FR-Dokumentation v. 23. 2. 2004). Entgegen aller Angstpropaganda von angeblicher „Überalterung“, „Vergreisung“ oder dem „aussterbenden Deutschland“ hat sich bisher kaum etwas an der Altersstruktur geändert. So sagen z. B. die Statistikbücher, daß 1980 in BRD und DDR 51,96 Millionen zwischen 15 und 65 Jahre alt waren und 12,16 Millionen über 65. In 1998 gab es 55,99 Millionen Erwerbsfähige, die theoretisch für 13, 07 Millionen über 65 Jährige aufzukommen hatten. In Prozenten bedeutete dies: 1980 gab es 18,97 Prozent Alte; bis 1998 war ihre Zahl im Verhältnis zu den Arbeitsfähigen auf 18,92 oder um 0,06 Prozent sogar leicht gesunken (Statistisches Jahrbuch 2000, S. 56). Es waren also die Erwerbsfähigen im Verhältnis zu den über 65-Jährigen mehr geworden. Erst ab 2000 beginnt dieses Verhältnis aus den tatsächlichen Zahlen der Bevölkerungszusammensetzung sich mit einer jährlich leichten Zunahme der Älteren zu verändern.
Doch jetzt treten die Horrorhochrechner auf den Plan: sie prognostizieren die Bevölkerungsentwicklung bis ins Jahr 2050 und beziehen sich dabei immer auf die extremste Entwicklung: Die Kinderzahl nimmt kontinuierlich weiter ab und die Lebenserwartung nimmt derart zu, daß bald jeder Zweite 100 Jahre alt werden könnte... Die tatsächlich absehbare Entwicklungstendenz sieht etwas anders aus: Zwar wird es in den nächsten 10, 20 Jahren eine Zunahme bei den über 65-Jährigen geben, weil die relativ zahlreichen Nachkriegsjahrgänge, die nicht mehr durch Kriegsereignisse dezimiert wurden, ins Rentenalter wachsen. Doch zu behaupten, die Medizin würde weiterhin für Lebensverlängerung sorgen, verkennt die heute auch schon absehbaren gegenläufigen Tendenzen. So ist z. B. die Lebenszeit in der Arbeiterrentenversicherung für Männer in den zurückliegenden 10 Jahren um 2,5 Monate gesunken! Leicht gestiegen ist sie noch in der Angestellten-Rentenversicherung. Und vor allem hat die Lebenserwartung jener betuchten Mitbürger weiter zulegen können, die auf den Sozialstaat mit seinen brökelnden Versorgungssystemen gar nicht angewiesen sind. Und wenn der soziale Kahlschlag in Renten-, Pflege- und Krankenversorgung wie geplant weitergeht, wird die alte Kampfparole der Arbeiterbewegung noch mehr wahr werden: „Weil du arm bist, mußt du früher sterben!“
Daß bei einer anderen Sozialpolitik für Eltern und Kinder auch wieder mehr Geburten möglich wären als z.Zt., kommt ebenfalls in der Angstpropaganda nicht vor. So haben Schweden oder Frankreich mit verbesserten Möglichkeiten für Frauen (oder Männer!), nach der Kinderpause wieder in den Beruf zu gelangen, mit weithin kostenlosen Betreuungsgelegenheiten auch für Kleinkinder sowie einem den tatsächlichen Bedarf deckenden Erziehungs- und Kindergeld erreichen können, daß sich in wenigen Jahren die Zahl der Geburten signifikant erhöht hat. An einer ähnlichen kinder- und familienfreundlichen Politik hierzulande scheinen unsere gegenwärtigen Eliten in Staat und Wirtschaft aber kein Interesse zu haben. Statt an der miserablen Situation für Eltern mit Kindern Entscheidendes zu ändern, sind sie mehr daran interessiert, sich ausgebildete Kräfte für einen begrenzten Zeitraum nur zum Arbeiten z. B. aus Indien ins Land zu holen, um so die Kosten für 25 Jahre Kindheit und Ausbildung - wie auch für Arbeitslosigkeit oder gar Rente - hierzulande zu sparen.
Tatsächlich ist Deutschland seit 25 Jahren ein Einwanderungsland mit ca. 250 000 Zuwanderungsüberschuß jährlich. Aber dieser Bevölkerungszuwachs wird ebenfalls in der Angstpropaganda vom aussterbenden Deutschland regelmäßig ausgespart. Die Einwanderer sollen ja auch nicht zu uns gezählt werden, sie werden in der Regel als „Aus“-länder behandelt und sollen hier eigentlich nur solange Wohnrecht haben, wie sie nützlich sind für den deutschen Wirtschaftsstandort. Ihre Eltern und Kinder sollen möglichst in den Herkunftsländern verbleiben; wenn sie selber arbeitslos oder alt werden, möchte man sie gern wieder loswerden. Das Grundrecht auf Asyl wurde faktisch abgeschafft, ein auch nur in Ansätzen humanes Einwanderungsgesetz kommt nicht zustande, weil es immer noch nicht genug Regelungen enthalte für die Stärkung des deutschen Wettbewerbsstaates.
An der Einwanderungs- und Ausländerpolitik kann wie im Modell studiert werden, welchen Bevölkerungsaufbau der neoliberale Wettbewerbsstaat für sich als Ideal verlangt: ein Heer von bindungslosen Singles, gut ausgebildet, flexibel und mobil, ohne Kinder, Kranke oder Alte. Und wenn die „Demographie“ als „Beschreibung des Volkes“, das tatsächlich hier im Land wohnt, doch Kinder und Alte ausweist, muß deren Zahl so oder so zur Drohkulisse aufgebaut werden. Am unteren wie am oberen Ende des demographischen Altersaufbaus handelt es sich ja um Bevölkerungsanteile, die aus dem laufenden Sozialprodukt mit versorgt werden müssen, ohne selber schon oder noch als Arbeitskräfte verwertbar zu sein. Deshalb würde erst deren Gesamtzahl (Kinder und Alte) zu einer realistischen Vorstellung von dem für sie mit zu erbringenden Sozialprodukt führen. Doch derartige Berechnungen werden kaum vorgelegt, sie würden das zu erwartende allmähliche Mehr an Alten erheblich relativieren.
Auch gibt es kaum einen Blick in die Vergangenheit. Sonst müßte man erklären, wie es möglich war, im Jahre 2000 eine um das Achtfache höhere Zahl von Menschen über 65 gegenüber der Zeit von vor 100 Jahren mit zu ernähren? Hierfür sensible Forscher sprechen davon, daß die Industrieländer diese ihre „demographische Herausforderung“ (wenn es denn eine war, denn niemand hat das damals als Problem gesehen) längst hinter sich haben; was u. U. vor uns liege, seien dagegen Peanuts. Offenbar war es für den herkömmlichen Sozialstaat keine Schwierigkeit, diese Verteilungsfrage zu lösen; aus dem wachsenden Sozialprodukt konnten alle versorgt werden, weil die Zuwächse nicht ausschließlich auf den Konten der oberen zehn Prozent angehäuft worden sind.
Daß mit der Keule „Demographie“ massiv Ängste erzeugt werden, ist leider wahr. Alte fragen sich, wie lange sie wohl noch leben dürfen. Die Jungen sehen sich von den angeblich zu vielen Greisen ausgesaugt – Generationenkampf statt Klassenkampf! Aber wie verträgt sich diese Horrorlegende mit der Tatsache, daß wir 5 Millionen Arbeitslose haben, davon fast 1 Million unter 25 Jahren (unter Hinzurechnung jener in Zweit- und Drittausbildungen)? Offenbar sind doch zu viele da und nicht zu wenige, um auch Alte pflegen zu können, wenn man sie denn ließe. Man läßt aber Hunderttausende von Jugendlichen ohne Arbeit und Ausbildung, weil dies für die Gewinne der Konzerne zu teuer sein soll. Es ist nicht deshalb weniger Geld in den Rentenkassen, weil zu wenig arbeitsfähige Menschen nachgewachsen wären. Die Rentenkassen sind leer gemacht worden durch massiven Stellenabbau und Verschiebung der Entlassenen an die Rentenkassen; auch durch Streichung der Beiträge von Arbeitslosen, von Minijobbern oder Ich-AGlern. Mit Demographie hat das alles nichts zu tun, wohl aber mit einem Kapitalismus, der wuchern will, auch auf Kosten der sozialen Absicherungen der arbeitenden Bevölkerung.
Erstaunlich ist die Wirksamkeit der Legenden um die Demographie auch in rein ökonomischer Hinsicht. Argumentiert wird ja, die zu vielen Alten könnten aus Lohn-Nebenkosten nicht mehr bezahlt werden. Deshalb müßten sich jetzt alle ganz schnell privat versichern. Aus den angesammelten Kapitalien könne später jeder mit üppigen Privatrenten und einer Rundum-Krankenversorgung sich „die schönsten Jahre“ vergolden. – Kann man denn von Kapitalien leben, wenn kaum noch Junge im arbeitsfähigem Alter da wären, wie ja behauptet wird? Geld ist doch nur wirksam, solange damit die Arbeitskraft von anderen Menschen in Form von Waren und Dienstleistungen gekauft werden kann. Wenn tatsächlich zu wenige Arbeitsfähige da wären, würde das Geld ganz schnell an Wert verlieren, weil die Löhne extrem in die Höhe gehen müßten. Ein ähnlicher Effekt tritt ein, wenn die Wirtschaftstätigkeit insgesamt erlahmt und weiterhin Massenarbeitslosigkeit sich ausbreitet. Dann kommt es zu massenhaften Firmenpleiten und Bankenzusammenbrüchen, die Kapitalversicherer müssen ihre Rentenzusagen halbieren oder ganz einstellen, weil sie pleite sind – in USA war genau dies z. B. bei der Enronpleite der Fall, einige Zehntausend RentnerInnen haben alles verloren.
Transferleistungen für Renten und Krankheitskosten müssen immer aus dem Bruttoinlandsprodukt des jeweiligen Jahres aufgebracht werden, ob über ein Solidarsystem mit staatlich organisierter Verteilung oder aus Kapitaleinkommen. Private Kapitalversicherungen haben allerdings noch die besonderen Risiken der Inflation, der Kurseinbrüche an den Börsen oder gar der Bankenzusammenbrüche. Die Umlagerente hingegen kann sogar nach einer Währungsreform schon im nächsten Monat wieder den entsprechenden Anteil aus der Lohnsumme an die darauf Angewiesenen überweisen.

7. Mythos „Globalisierung“ u. die Legende von den deutschen Standortnachteilen
Hierbei handelt es sich um einen in letzter Zeit immer stärker in den Vordergrund gerückten Mythos, mit dem Angst und Schrecken erzeugt wird. Gewerkschaften und Betriebsräte gehen vor ihm in die Knie, weil Konzernherren die Belegschaften mit angedrohten Betriebsverlagerungen ins angeblich billigere Ausland erpressen. International agierende Großkonzerne wie Siemens oder DaimlerChrysler, die ihre Gewinne im ersten halben Jahr 2004 wieder einmal um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern konnten, pressen der einst mächtigen IG-Metall Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich ab und setzen direkte Lohnsenkungen durch. Die Politiker mit ihren Kürzungskampagnen bei staatlichen Diensten und in den Sozialsystemen haben vorgearbeitet. In keiner ihrer Reden fehlt als Begründung für die unpopulären Streichungen das Stichwort „Globalisierung“. Sie läßt uns angeblich keine andere Wahl, als den Sozialstaat so ab- und umzubauen, daß die deutsche Industrie auch in 2010 noch auf dem Weltmarkt mithalten könne. Die Löhne müssen drastisch runter und die Arbeitszeit muß erhöht werden, weil Inder und Chinesen zu viel geringeren Löhnen und doppelt so lange arbeiten. Das sei ein „Zwang aus der Globalisierung“, dazu gäbe es „keine Alternative“ - also wieder: „TINA!“ Der Herr Bundespräsident behauptet: Zwar habe Deutschland von der „Globalisierung“ in den letzten 50 Jahren „profitiert wie kaum ein anders Land der Welt“. Wahr sei aber auch, „daß uns immer mehr Länder überholen“ und wir uns messen lassen müßten an China oder Malaysia.
Stimmt das, drohen wirklich Gefahren für den „Wirtschafts-Standort“ Deutschland? Und hat die Konkurrenz auf den Weltmarkt tatsächlich heute eine derartig neue Qualität erreicht, so daß die deutschen Arbeitskosten – einschließlich der Steuern und Sozialabgaben – in direkter Konkurrenz mit den Niedriglöhnen in Drittweltländern stünden?
In Wirklichkeit ist der grenzüberschreitende Warenhandel mit den meisten Ländern der 3. Welt rückläufig, eine Zunahme findet nur zwischen den Industrieländern selber statt, die Hälfte davon wird innerhalb von Tochterfirmen großer Konzerne gehandelt! Auch die Investitionen werden zu 90 % in anderen Industrieländern getätigt, um sich dort vor Ort Marktanteile zu sichern. So wurden aus der BRD 2003 in die USA 240 Mrd. Euro investiert, nach Polen flossen gerade mal 8,8 Mrd. Euro, nach Tschechien 10,1 Mrd, nach Ungarn 9,2 Mrd. – zusammen etwa 0,5 Prozent der Gesamtinvestitionen (Quelle: Deutsche Bundesbank). Ihre Warenexporte liefern die deutschen Konzerne zu über 70 % in den EU-Raum, 10 % gehen in die USA. Im Wettbewerb steht die deutsche Exportindustrie - die im übrigen nur ein knappes Drittel der hiesigen Volkswirtschaft ausmacht - ganz überwiegend mit den großen Industrieländern in der EU, den USA und Japan. Und hier zeigen alle seriösen Untersuchungen, daß Waren aus Deutschland die geringsten Lohn- und Sozialkosten sowie Steuerbelastungen aufweisen, bei der Entwicklung der Lohnstückkosten hatte die BRD die niedrigsten Steigerungen.
Die neuen EU-Länder im Osten sind keineswegs eine neu aufgetauchte Billigkonkurrenz, die millionenfach hierzulande die Arbeitsplätze bedroht. Deutsche und österreichische Konzerne haben bisher schon wesentliche Teile der dortigen Industrien übernommen, Banken aufgekauft, die Medien usurpiert. Vor allem geht es darum, die Absatzmärkte für die eigenen Waren zu vergrößern. Selbstverständlich wird in Polen oder Ungarn auch vor Ort produziert, soweit es sich rechnet. Das Ergebnis solcher Produktionsverlagerungen war bisher in der Regel auch gegenüber den Nachbarn im Osten ein ausgeglichener oder positiver Handelssaldo: Von hier werden hochwertige Waren und Vorprodukte ausgeführt, die im Wert gleich hoch oder höher (z.B. Polen) ausfallen als die Einfuhren, auch von Zwischenprodukten, von dort zu uns.
Mit China, Indien oder Malaysia zu drohen, ist ein Witz: Deutschland liefert auch in diese Länder mehr Waren als es von dort bezieht – obwohl dort doch so fleißig und billig gearbeitet wird... Nur knapp 1,6 Mrd Euro wurden in 2003 von deutschen Firmen in China investiert – von rd. 600 Mrd. Euro der deutschen Auslandsinvestitionen weltweit, also weniger als 0,03 Prozent! Würde stimmen, daß niedrige Löhne Arbeitsplätze bringen - wie die herrschende ökonomische Lehre behauptet -, dann müßte in jedem Drittweltland Vollbeschäftigung oder gar ein Mangel an Arbeitskräften herrschen.
In Wahrheit ist die deutsche Industrie der größte Globalisierungsgewinner. In 2004 wurden Waren für 150 Mrd. Euro mehr von hier ausgeführt als eingeführt. Das war der größte Exportüberschuß weltweit. Zum zweiten Mal hat die BRD die unvergleichlich größere US-amerikanische Wirtschaft nicht nur beim pro-Kopf-Export, sondern auch im absoluten Exportvolumen überholt. Der Exportüberschuß hat sich in den letzten 7 Jahren vervierfacht, die Deutsche Bundesbank rechnet weiterhin mit guten Bedingungen für die Außenhandelsindustrie, auch wenn die sehr hohen Überschüsse allmählich Währungsprobleme (Abwertung des Dollars) bereiten. Doch leider wartet man nun schon mehr als drei Jahre auf das Anspringen der Binnenkonjunktur. Derart hohe Exportüberschüsse sind ein Indiz dafür, daß deutsche Waren nicht mit zu hohen Löhnen, sondern eher mit zu niedrigen hergestellt worden sind. Die deutsche Volkswirtschaft produziert viel mehr als die eigene Bevölkerung aus Unternehmern, Beschäftigten mitsamt der zu unterhaltenden Kinder, Kranken, Arbeitslosen, Alten etc. verbraucht.
Die Drohung der Einzel-Unternehmer ist allerdings massiv und nicht immer nur Bluff. Gegenwärtig nutzt insbesondere die deutsche Großindustrie (neuerdings auch einige mittelständische Unternehmen) die durch deren EU-Beitritt erleichterten Zugangsmöglichkeiten zu den östlichen Nachbarländern als Droh- und Erpressungspotential, und gelegentlich wird die Androhung auch umgesetzt. Die zunehmende Internationalisierung von standartisierten Produktionsabläufen wie auch die von den Regierungen vorangetriebenen Liberalisierungen im Waren- und Geldverkehr haben die Bedingungen für Produktionsverlagerungen wesentlich erleichtert. Zugleich kommt die dringend nötige Internationalierung der Gewerkschaften selbst im EU-Raum nur schleppend voran, so daß die hiesigen Beschäftigten kaum mit gewerkschaftlichem Schutz rechnen können, wenn sie unter Wettbewerbsdruck mit den Dumpinglöhnen aus Billigländern geraten.
Die Produktionsverlagerungen können aber nur deshalb ihre verheerende Wirkung zeigen, weil die deutsche Wirtschafts-Politik den Binnenmarkt stranguliert und in allen Bereichen weiter Arbeitsplatzabbau und Sozialraub bewirkt. Schon seit Jahrzehnten hat die exportorientierte Industrie auch Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, im Jahresdurchschnitt 40 000 – 50 000; auch der gegenwärtige Trend ist kaum höher. Wenn zugleich bei vernünftig angeregter Binnenkonjunktur wie zwischen 1999 und 2001 mit Wachstumsraten von 2,6 - 2,8 Prozent pro Jahr 200 000 bis 300 000 neue Arbeitsplätze entstehen würden, gäbe es für die Betroffenen kaum Probleme. Zum volkswirtschaftlichen Negativsaldo für den hiesigen Arbeitsmarkt wurde dies erst dadurch, daß es den Großkonzernen immer mehr gelang, die Regierungen einseitig für den Ausbau des Wettbewerbsstaates in der internationalen Standortkonkurrenz zu instrumentalisieren: Massive Einschränkung der Staatstätigkeiten auf dem Binnenmarkt mit Arbeitsplatzabbau von 1.3 Millionen im Öffentlichen Sektor; Senkung der Sozialtransfers, Steuerpräferierung des international agierenden Finanzkapitals und der multinational tätigen Konzerne zum Nachteil der Klein- und Mittelbetriebe sowie des überwiegenden Teils der Wohnbevölkerung etc. Spätestens mit dem Ende des Vereinigungsboom war nur noch der „Standort Deutschland“ als Exportland wichtig, die Binnenkonjunktur wurde vernachlässigt. Leicht unterbrochen wurde diese Ausrichtung in den ersten Jahren von Rot-Grün, als mit höheren Lohnabschlüssen und der anfänglichen Rücknahme von Sozialkürzungen das Wirtschaftswachstum für wenige Jahre ansprang. Doch seit Eichels Steuerreform zu wirken begann und die Sozialkürzungen mit neuen Instrumenten angesetzt wurden, ist jene Zunahme mehr als wieder dahin.
Weil hierzulande Lohn-, Steuer- und Abgaben-Dumping betrieben wird, schlagen die deutschen Großkonzerne ihre Konkurrenten in der EU und weltweit aus dem Feld. Wer den Wettbewerb auf dem Weltmarkt „gewinnt“, macht zugleich andere Volkswirtschaften zu Verlierern und „exportiert“ gleichsam Erwerbslosigkeit, soziale und fiskalische Krisen. Die einseitige Konzentration der staatlichen Wirtschaftspolitik auf die Exportwirtschaft, die Präferierung der multinational agierenden Konzerne sowie der Großbanken stranguliert inzwischen die eigene Volkswirtschaft. Im Inneren fehlen sowohl öffentliche Investitionen wie auch genügend Kaufkraft infolge der niedrigen Löhne, der gesunkenen Renten und Arbeitslosenunterstützungen. Die deutschen Multis und Großbanken nutzen ihren Handelsüberschuß für den Aufkauf ausländischer Firmen, aber nicht zur Belebung von Handel und Wandel auch hier im Inland. Mit Lohnverzicht und Kürzung bei den Sozialausgaben bezahlen die deutschen Arbeiter letztlich sogar den „Export“ ihrer eigenen Arbeitsplätze. Höhere Kapitalsteuern und Sozialbeiträge könnten erste Schritte sein für eine dringend benötigte Trendumkehr.

taz

CBG Redaktion

taz vom 11.11.2005

Chemiegifte bleiben unkontrolliert

Verbraucher sollten künftig besser vor Giften geschützt werden. Doch die EU weicht die Pläne für eine strikte Chemie-Prüfung jetzt auf. Auch Angela Merkel hat sich für die wirtschaftsfreundliche Lösung stark gemacht - im Sinne von BASF und Co.

Sie sitzen im T-Shirt, im Laminat, in Puzzle: Altchemikalien. Obwohl sie überall zu finden sind, wurden sie aber noch nie auf ihre Gefährlichkeit getestet. Mit einem neuen Chemierecht sollte das anders werden. Die Reform wurde als ein großer Wurf für den Verbraucherschutz gesehen. Doch nun weicht die EU die Pläne auf, die vor allem von der Wirtschaft kritisiert worden waren.

Denn die beiden größten Fraktionen im Europäischen Parlament, die Konservativen und die Sozialdemokraten, haben sich am späten Mittwochnachmittag auf einen Kompromiss geeinigt. Dieser kommt der Industrie entgegen. Besonders für Stoffe, die in kleinen Mengen produziert werden, sollen die Anforderungen bei der Registrierung stark eingeschränkt werden.

Die neue Chemierichtlinie ist unter dem Namen Reach bekannt. Registriert, (R), evaluiert (E) und autorisiert (A) werden sollen eigentlich 30.000 Chemikalien (CH). Die Stoffe sind eine Altlast der 50er- bis 70er-Jahre. Sie werden noch heute verkauft.

Doch von den ursprünglichen Plänen bleibt nach der neuen Einigung wenig: Hersteller müssen für Chemikalien, von denen sie im Jahr bis zu zehn Tonnen verkaufen, keine Daten zur Giftigkeit mehr abliefern. Dazu gehören zum Beispiel Farbpigmente für Eyeliner. Sie werden häufig nur in kleinen Mengen geliefert. Und wer von einer Substanz zwischen zehn und hundert Tonnen im Jahr herstellt, muss keine Langzeituntersuchungen mehr vorweisen. Der 28-Tage-Test an Ratten oder Mäusen ist gestrichen. So fallen Aussagen weg, ob eine Chemikalie Organe schädigt.

Was Bestand hat: Strikte Vorschriften für alle Chemikalien, von denen eine Firma mehr als 1.000 Tonnen produziert. Solche Mengen sind jedoch gerade einmal bei 5.000 Chemikalien üblich. Zudem wird es eine europäische Chemieagentur geben, die die Stoffdaten bündeln soll. In Zweifelsfällen können die Beamten dann auch Daten von Firmen nachfordern.

Einst hatte sich eine große Gruppe im Europaparlament für strikte Prüfungen ausgesprochen. Mit dem neuen Kompromiss haben sich nun aber die Wirtschaftslobbyisten durchgesetzt. Denn nach der offiziellen Abstimmung des Europaparlamentes am nächsten Donnerstag muss nur noch der EU-Ministerrat entscheiden. Geplant ist das für Ende November. Viele Regierungen haben aber schon jetzt eine Abschwächung gefordert. Darunter vor allem Deutschland. Unter Rot-Grün hatte das Bundesumweltministerium die Federführung für das neue Chemierecht. SPD und Union haben sich aber bereits darauf geeinigt, dass die EU-Chemiepolitik auf das künftig CDU-geführte Kanzleramt übergehen soll. Die grüne EU-Parlamentarierin Hiltrud Breyer sagte gestern: Die deutschen EU-Parlamentarier machen schon heute, „was das neue Bundeskanzleramt will“.

Angela Merkel, so viel steht fest, ist für eine wirtschaftsfreundliche Lösung - für BASF, Bayer und Hoechst-Nachfolger Celanese. Aus Regierungskreisen hieß es gestern, dass sie den EU-Ratsvorsitzenden Tony Blair für eine Verwässerung gewinnen will. Sie bietet dem Briten eine neue Freundschaft an. Statt der Achse Berlin-Paris, die SPD-Kanzler Gerhard Schröder pflegte, soll es nun die die Achse Berlin-London geben.

Merkel wirkt darauf hin, die Chemie-Abstimmung zu verschieben. Ihr Kalkül: Im nächsten Halbjahr hat Österreich die Ratspräsidentschaft inne. Für Chemikalien ist dort der Wirtschaftsminister Martin Bartenstein zuständig. Und seine Familie hat ein Chemie- und Pharmaunternehmen. Reach könnte auch noch ganz kippen. (VON HANNA GERSMANN)