Beitrag veröffentlicht im Januar 2011
25. Januar 2011
Coordination gegen BAYER-Gefahren
AFP bestätigt Bericht der Coordination gegen BAYER-Gefahren:
Bayer, Baxter, Behring zahlen Millionen-Entschädigung an Bluter
Die AFP bestätigt soeben einen Bericht der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG), wonach die Pharmafirmen Bayer, Baxter, Alpha und Behring mehr als 50 Mio Dollar an HIV-infizierte Bluter aus 22 Ländern zahlen. Durch den Vergleich wurden die Betroffenen und ihre Anwälte zu Stillschweigen verpflichtet, weswegen die Zahlungen erst jetzt bekannt wurden.
Sie finden die Meldung der AFP unten angehängt.
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren begrüßt den Vergleich als faktisches Schuldeingeständnis der beklagten Konzerne, fordert jedoch strafrechtliche Ermittlungen gegen die Verantwortlichen bei den beklagten Firmen. Philipp Mimkes vom Vorstand der CBG: „Als Hauptschuldige des Skandals um HIV-verseuchte Blutprodukte darf sich die Firma BAYER nicht aus der Verantwortung stehlen!“.
Die wissentliche Infizierung Tausender Bluter mit HIV war eines der düstersten Kapitel der BAYER-Geschichte. Die Firma Cutter, Tochter-Unternehmen von BAYER, war Mitte der achtziger Jahre Weltmarktführer für Gerinnungsmittel. Obwohl das Risiko für Bluter bei Cutter bekannt war, wurden die existierenden Inaktivierungsverfahren aus Kostengründen nicht eingesetzt. Noch nach dem Verbot unbehandelter Blutprodukte in den USA und Europa wurden übriggebliebene Chargen nach Lateinamerika und Asien exportiert. Das Leben Tausender von Bluter hätte gerettet werden können.
Bayer zahlt Entschädigung wegen verseuchter Blutkonserven
Zahlreiche Bluter mit HIV infiziert
25.01.2011 - Der deutsche Pharmakonzern Bayer und drei weitere Pharmahersteller zahlen mehrere Millionen Euro für Menschen mit der Bluterkrankheit, die sich in den 1980er Jahren durch HIV-verseuchte Blutkonserven infiziert haben sollen. Mit den US-Anwälten, die die Mehrheit der Kläger vertreten, sei eine juristische Einigung erzielt worden, bestätigte Bayer am Dienstag. Weitere Angaben zu der gezahlten Summe oder zur Zahl der Betroffenen wurden nicht gemacht.
Wie es aus informierten Kreisen hieß, trat die Vereinbarung im vergangenen Jahr in Kraft, nachdem sie von 90 Prozent der Kläger, das sind rund 2000 Menschen, akzeptiert wurde. Den betroffenen Unternehmen, neben Bayer auch der US-Konzern Baxter, wurde vorgeworfen, zwischen 1978 und 1985 verseuchte Blutprodukte vertrieben zu haben. Viele Bluter infizierten sich dadurch mit dem HI-Virus.
Bereits 1997 hatte Bayer rund 300 Millionen Euro in einen Ausgleichsfonds für Bluter gezahlt, die nach einer Bluttransfusion an Aids erkrankt sind. Die Bluterkrankheit ist eine Erbkrankheit, bei der die Blutgerinnung gestört ist.
weitere Informationen:
· Hilfsfonds für Bluter fast leer
· Süddeutsche Zeitung „Eiskalte Abwicklung eines Skandals“
· Interne Aufstellung des Gesundheitsministeriums: http://robinblood.org/?page_id=239
· Ergebnisse des Untersuchungs-Ausschuss des Deutschen Bundestags (40 MB): http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/12/085/1208591.pdf
· „Tödlicher Ausverkauf“: Cutter-Exporte nach Asien
· Gier nach Beute: Interview mit Todd Smith, USA
Pressemitteilung vom 25. Januar 2011
NABU und BUND kritisieren Bienenmonitoring
Bienensterben nimmt dramatisch zu - Einsatz von Pestiziden senken
Berlin - Die Umweltverbände NABU und BUND veröffentlichten heute eine Studie unabhängiger Wissenschaftler, die den Abschlussbericht des Deutschen Bienenmonitorings scharf kritisiert. Die Wissenschaftler Anton Safer und Peter Hoppe zeigen darin auf, dass die Daten und Bewertungen des Bienenmonitorings gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Untersuchungen wie Transparenz, Unparteilichkeit und Objektivität verstoßen.
Das mehrjährige Monitoringprojekt von Bieneninstituten, Bundeslandwirtschaftsministerium, Agrarindustrie und Imkerverbänden war als Reaktion auf die dramatischen Winterverluste vieler Bienenvölker ins Leben gerufen worden. Starke methodische Mängel, falsch ausgewählte Stichproben, ein unzureichender Untersuchungsrahmen und fehlerhafte statistische Methoden führten das Bienenmonitoring jedoch ad absurdum.
Im Abschlussbericht des Projekts war behauptet worden, dass der Befall mit Varroamilben unzweifelhaft die Hauptursache der Überwinterungsprobleme darstelle.
Als mögliche Ursachen des Bienensterbens kommen allerdings viele weitere Faktoren in Frage: Befall mit Parasiten, Infektionen, Umweltstress, einseitige Ernährung der Bienen in Folge von Monokulturen und Pestizide. Der Kardinalfehler des Monitorings liege darin, dass 50 Prozent des Projekts von der Industrie (BASF, Bayer und Syngenta) getragen werden. Diese stellen genau die Pestizide her, die im Verdacht stehen, die Bienen zu schädigen. Die Industrievertreter sitzen im Projektrat, der den Einfluss der Pestizide untersuchen soll und stellen ihre Labore für die Auswertung zur Verfügung. So wird der Fall aus dem Jahr 2008, bei dem der Einsatz von Beizmitteln am Oberrhein zum Massensterben von 20.000 Bienenvölkern führte, in dem Bericht gar nicht erst erwähnt.
„Das gegenwärtig in der Bundesrepublik durchgeführte Bienenmonitoring ist nicht in der Lage, die wahren Ursachen des Bienensterbens aufzudecken. Zu wenige Bienenvölker wurden für die Untersuchungen ausgewählt, die Anwendung von Pestiziden auf den anliegenden Feldern wird erst gar nicht untersucht und die statistischen Methoden sind wissenschaftlich zweifelhaft. Das ist schlechte Wissenschaft“, sagte NABU-Vizepräsident Christian Unselt.
„Die bisherigen Erkenntnisse zu den Ursachen des Bienensterbens sind kein Freispruch für Pestizide. Diese tragen eine wesentliche Mitschuld am Tod vieler nützlicher Insekten und anderer Tiere. Unabhängige Forschungsinstitute müssen endlich wirklichkeitsnah untersuchen, welche Faktoren zum flächendeckenden Bienensterben führen“, sagte Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).
Das Bienenvolksterben scheint sich weltweit fortzusetzen und bedroht die landwirtschaftliche Produktion. Ohne Bestäuber sinken die Erträge. Dies hat nicht nur für die industrielle Landwirtschaft existenzbedrohende Folgen. Deshalb fordern der NABU und der BUND, dass der Einsatz von Pestiziden deutlich gesenkt und die Landwirtschaft wieder vielfältiger wird, um die Lebensbedingungen für die Bienenvölker zu verbessern.
Die Studie mit dem Titel: „Das Deutsche Bienenmonitoring: Anspruch und Wirklichkeit“ von P.P. Hoppe und A. Safer finden Sie im Internet unter http://www.nabu.de/downloads/DasDeutscheBienenmonitoring2011.pdf.
Die Kritik der Studie bezieht sich auf den Bericht des Deutschen Bienenmonitorings von Genersch et al. Diese finden Sie ebenfalls im Internet unter http://www.nabu.de/downloads/Bienenmonitoring_genersch.pdf
der vollständige Bericht: http://www.csb.gov/assets/document/Bayer_Report_for_Board_Vote_with_Embargo_small.pdf
Presse Info vom 20. Januar 2011
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Tödlicher Störfall in amerikanischem BAYER-Werk:
Gravierende Sicherheitsmängel für Explosion verantwortlich
Die US-Aufsichtsbehörde Chemical Safety Board (CSB) veröffentlichte heute den Untersuchungsbericht zum schweren Störfall im BAYER-Werk in Institute im Jahr 2008. Das CSB kommt zu dem Ergebnis, dass gravierende Sicherheitsmängel zu der Explosion führten. Bei dem Störfall, der die Erde in einem Umkreis von 10km beben ließ, waren zwei Mitarbeiter getötet wurden. Die Fabrik in Institute gehörte in den 80er Jahren zu Union Carbide und galt als „Schwester-Werk“ von Bhopal, da dort das in Bhopal ausgetretene Giftgas Methyl Isocyanat (MIC) in großen Mengen produziert und gelagert wird.
Der Störfall in Institute ereignete sich beim Anfahren einer Produktionsanlage für Pestizide. Dabei waren laut CSB Sicherheits-Systeme bewusst außer Kraft gesetzt worden. Der Bericht stellt zudem fest, dass nur glückliche Umstände die Beschädigung eines benachbarten MIC-Tanks durch die Explosion verhinderten.
Dr. Rafael Moure-Eraso, Vorsitzender der CSB: „Ein Austritt signifikanter Mengen MIC hätte tödliche Folgen haben können. Diese Sorge wurde von Anwohnern legitimer Weise seit Jahrzehnten geäußert.“ Zu den Ursachen der Explosion stellt Moure-Eraso fest: „Der Tod der Arbeiter ist umso tragischer, als er hätte vermieden werden können, wenn Bayer eine angemessene Schulung der Mitarbeiter vorgenommen, eine umfassende Prüfung der Anlagen vor dem Hochfahren vorgeschrieben und eine strikte Einhaltung der Arbeitsabläufe gewährleistet hätte.“ Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass die Werksleitung auf ein schnelles Anfahren der Anlage gedrängt hatte, damit keine Engpässe bei der Produktion des Pestizids Larvin entstehen. Der Untersuchungsbericht stellt zudem fest, dass die Programmierung der Computer-Steuerung nicht fertiggestellt war und die MIC-Messgeräte an der Anlage nicht funktionierten.
Ein Untersuchungsbericht des US-Kongress kam im Vorjahr zu dem Urteil: „Durch die Explosion flog ein mehrere Tonnen wiegender Rückstandsbehälter 15 Meter durch das Werk und zerstörte praktisch alles auf seinem Weg. Hätte dieses Geschoss den MIC-Tank getroffen, hätten die Konsequenzen das Desaster in Bhopal 1984 in den Schatten stellen können.“ BAYER hatte nach dem Störfall versucht, Bürgerinitiativen und kritische Journalisten in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Der US-Kongress urteilte hierzu: „BAYER beteiligte sich an einer Geheimhaltungskampagne. Die Firma hat den Sicherheitskräften entscheidende Informationen vorenthalten, hat den Ermittlern der Bundesbehörden nur eingeschränkten Zugang zu Informationen gewährt, hat die Arbeit von Medien und Bürgerinitiativen unterminiert und hat die Öffentlichkeit unrichtig und irreführend informiert.“
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) forderte bereits vor der Explosion im April 2008 eine Beendigung der MIC-Produktion in Institute und hatte hierzu wiederholt Gegenanträge zur BAYER-Hauptversammlung eingereicht. Der BAYER-Vorstand wies das Ansinnen bislang stets als „unbegründet“ zurück. In einer Kehrtwende kündigte BAYER in der vergangenen Woche an, die MIC-Produktion bis zum Sommer 2012 zu beenden. Philipp Mimkes vom Vorstand der CBG: „Die Beendigung der MIC-Produktion ist ein großer Erfolg von Umweltschützern und Werks-Anwohnern nach einem über 25-jährigen Kampf. BAYER muss nun sicherstellen, dass die Mitarbeiter angemessene Ersatz-Arbeitsplätze erhalten. Zudem fordern wir grundsätzlich, dass die chemische Industrie auf den großtechnischen Einsatz tödlicher Chemikalien wie MIC und Phosgen verzichtet.“ Die CBG fordert zudem strafrechtliche Ermittlungen gegen die Werksleitung wegen des vermeidbaren Tods der Mitarbeiter.
Rheinische Post, 20. Januar 2011
Trasse der CO-Pipeline sackt fast einen Meter ab
An der Trasse der Kohlenmonoxid(CO)-Pipeline des Bayer-Konzerns ist das Erdreich in unmittelbarer Nähe der bereits verlegten Leitungsrohre um 80 Zentimeter eingebrochen.
Spaziergänger hatten im November die Anti-Pipeline-Initiativen erstmals darüber informiert. Die Einbrüche wurden offenbar an verschiedenen Stellen auf Erkrather und Ratinger Stadtgebiet festgestellt.
Auch dem Pipeline-Eigentümer Bayer waren nach Angaben eines Unternehmenssprechers die Erdlöcher bereits aufgefallen. Während der Konzern von einem „normalen Vorgang beim Pipeline-Bau“ spricht, der für Statik und Sicherheit der bereits verlegten Leitungsrohre „unbedenklich“ sei, drängen die Pipeline-Gegner auf eine genauere Klärung.
„Bei jeder Leitung gibt es vor ihrem Bau eine Baugrund-Erkundung“, sagte Dieter Donner, der Koordinator der Pipeline-Gegner im Kreis Mettmann. Dazu gehörten nach Meinung Donners auch Probebohrungen. „Man darf neugierig sein, ob es es solche Bohrungen im porösem Karstgestein in Erkrath und Ratingen tatsächlich gegeben hat“, ergänzte der Pipeline-Gegner.
Die Bezirksregierung in Düsseldorf prüft den Vorgang derzeit. „Zusätzlich zu unseren Geologen klärt ein externes Ingenieurbüro, wie es zu den Erdrutschen kommen konnte und welche Konsequenzen zu ziehen sind“, sagte eine Sprecherin. Bayer hingegen schloss einen Zusammenhang zwischen den Erdlöchern und Karstgestein aus. Die Hohlräume sollen nun rasch beseitigt werden. VON JÖRG JANSSEN
20. Januar 2010
ein bisschen weniger Propaganda:
„Medienfassade“ von BAYER wird abgerissen
Der Leverkusener Multi BAYER hatte vor, sein altes Verwaltungsgebäude mittels 5,6 Millionen Leuchtdioden zur weltgrößten Medienskulptur umzurüsten. Seit 2007 wurde gewerkelt, aber „es ward Licht“ wollte es partout nicht heißen. „Spannungsspitzen“ ließen die Dioden reihenweise durchbrennen. Auf Ersatz aus dem fernen Japan musste BAYER monatelang warten - doch auch die neuen Dioden hielten der Belastung des rauen rheinischen Klimas schließlich nicht stand.
Nun soll es mit der Kunst am Bau nichts werden. BAYER gab heute bekannt, dass das 122 Meter hohe Hochhaus abgerissen wird. Die Dioden wandern auf den Müll bzw zur nahegelegenen Deponie des Konzerns. Zur Freude des Klimas, denn die Lichtkunst hätte täglich 1800 Kilowattstunden Strom gefressen. Auch die Gefahren für Zugvögel sind damit abgewendet.
Welche Summen das Projekt gekostet hat, will BAYER nicht verraten. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren indes begrüßt den Abriss: Jeden Tag ein bisschen weniger Konzern-Propaganda!
Netzwerk Robin Blood (www.robinblood.org)
Coordination gegen BAYER-Gefahren (www.CBGnetwork.org)
Presse Information vom 14. Januar 2011
Klage in USA: Konzerne leisten Entschädigung an Bluter
wissentliche HIV-Infektion Tausender Bluter / „Warum verheimlicht BAYER Zahlungen in Millionenhöhe?“
Die Pharma-Unternehmen BAYER, Baxter, Behring-Aventis und Alpha zahlen Entschädigungen in zweistelliger Millionenhöhe an Bluter aus 22 Ländern. Dies ist das Ergebnis eines Vergleichs, der Ende vergangenen Jahres in den USA geschlossen wurde. Mehrere Tausend mit HIV und Hepatitis C infizierten Hämophile hatten die Firmen zuvor an einem Bundesgericht in Chicago auf Schadenersatz verklagt.
Unter den Entschädigten befinden sich auch deutsche Hämophile, die an Hepatitis C erkrankt sind. Durch den Vergleich werden die Betroffenen und ihre Anwälte zu Stillschweigen verpflichtet. HIV-infizierte Bluter in Deutschland erhalten eine monatliche Rente und durften an der Sammelklage nicht teilnehmen.
Andreas Bemeleit vom Netzwerk Robin Blood, in dem sich betroffene Bluter zusammengeschlossen haben: „Dieser Vergleich zeigt, dass die Pharmaindustrie versucht, mit kleinem Geld die Gruppe der Betroffenen zu spalten. Zugleich bekennen sich BAYER und die drei weiteren Pharmaunternehmen durch diese Zahlungen zu ihrem schuldhaften Verhalten. Dies bestärkt uns, das Engagement für eine gerechte Entschädigung aller Betroffenen zu forcieren.“
Auch Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) begrüßt den Vergleich als faktisches Schuldeingeständnis der beklagten Konzerne, kritisiert aber die Geheimhaltungspolitik der Unternehmen scharf: „Warum verheimlicht BAYER Zahlungen in Millionenhöhe? Warum wird nirgendwo über diesen richtungsweisenden Vergleich berichtet? Es ist empörend, dass die verantwortlichen Firmen von den Opfern ein Stillschweigen erpressen!“
Die CBG fordert eine strafrechtliche Verfolgung der Konzern-Verantwortlichen sowie eine Übernahme der vollen Behandlungskosten durch die Firmen. „Die Verursacher der Infizierung Tausender Bluter profitieren bis heute vom Verkauf teurer Plasma-Medikamente und wälzen gleichzeitig die Behandlungskosten der von ihnen geschädigten Bluter auf die Allgemeinheit ab“, so Mimkes weiter. BAYER machte im vergangenen Jahr allein mit dem Blutfaktor-Präparat Kogenate einen Umsatz von 888 Mio.
Einzig italienische Medien berichten bislang über den Vergleich. In Italien erhalten durch den Vergleich 443 Personen eine Entschädigung. „Dies ist ein historisches Ergebnis“, so Luigi Ambroso, Präsident des Comitato 210/92, das sich für die Entschädigung der Betroffenen einsetzt. „Wir hätten es vorgezogen, die Schuldigen auf ihre Verantwortung festgenagelt zu sehen“, so Ambroso weiter. In Italien laufen strafrechtliche Untersuchungen gegen BAYER und andere Firmen, der Vorwurf lautet auf vielfachen Totschlag.
Anfang der 80er Jahre hatten sich weltweit Tausende Hämophile durch Blutplasma-Produkte mit HIV oder Hepatitis C infiziert. Die Konzerne benutzten für deren Herstellung vor allem preiswertes Blut von Hochrisikogruppen wie Gefängnis-Insassen. Weltmarktführer war zu diesem Zeitpunkt die BAYER-Tochter Cutter. Die skandalöse Profitsucht der Pharma-Konzerne zeigte sich noch deutlicher, als sich erste Erkenntnisse über die Ansteckungsgefahr verbreiteten: Obwohl es einfache Möglichkeiten gab, die Produkte unschädlich zu machen, wurden diese von den Unternehmen aus Kostengründen nicht genutzt. Als der Vertrieb der unkontrollierten und größtenteils verseuchten Plasma-Produkte in Europa und den USA verboten wurde, exportierten die Firmen die Restbestände nach Asien und Lateinamerika. Weltweit starben bisher über 10.000 Bluter durch die Schuld der Pharma-Konzerne.
weitere Informationen:
· Hilfsfonds für Bluter fast leer
· Süddeutsche Zeitung „Eiskalte Abwicklung eines Skandals“
· Interne Aufstellung des Gesundheitsministeriums: http://robinblood.org/?page_id=239
· Ergebnisse des Untersuchungs-Ausschuss des Deutschen Bundestags (40 MB): http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/12/085/1208591.pdf
· „Tödlicher Ausverkauf“: Cutter-Exporte nach Asien
· Gier nach Beute: Interview mit Todd Smith, USA
13. Januar 2011
Coordination veröffentlicht Flugblatt zu fehlenden Gewerkschaftsrechten bei BAYER
Konsequent drängt der Leverkusener Multi BAYER die Gewerkschaften aus seinen US-Werken. Reihenweise schließt der Konzern Fabriken mit organisierter Arbeiterschaft. In den USA besitzt nur ein Siebtel der Belegschaft einen Tarifvertrag.
Marijn Dekkers, der neue Vorstandsvorsitzende von BAYER, kündigte direkt nach seinem Amtsantritt die Vernichtung von 4.500 Arbeitsplätzen an – trotz der Rekordgewinne im vergangenen Jahr.
Lesen Sie hierzu das Flugblatt: Gewerkschaften bei BAYER unter Beschuss (2011)
Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2011, Seite 3
Warum?
Sie sind fürs Leben gezeichnet. Und sie wollen wissen, ob es ein Medikament von Schering war, das ihren Alltag zur Qual macht. Der Pharmakonzern sollte ihnen Einsicht in die Akten geben. Doch der weigert sich. Und hat jetzt vor Gericht recht bekommen.
Von Constanze von Bullion
Presse Information vom 12. Januar 2010
Coordination gegen BAYER-Gefahren
BAYER stellt Produktion von Bhopal-Chemikalie MIC ein
Langjährige Forderung von Anwohnern erfüllt / tödlicher Störfall 2008 / Uralt-Pestizide verschwinden vom Markt / „Mitarbeiter müssen Ersatz-Arbeitsplätze erhalten!“
Der BAYER-Konzern hat gestern angekündigt, die Produktion und Lagerung der Chemikalie Methyl Isocyanat (MIC) in seinem US-Werk in Institute einzustellen. Zwei hochgefährliche Pestizide, Aldicarb und Carbaryl, für deren Herstellung MIC verwendet wird, sollen zudem vom Markt genommen werden. Damit kommt das Unternehmen den langjährigen Forderungen von Anwohnern und Umweltschützern nach.
MIC erlangte traurige Berühmtheit durch die Katastrophe von Bhopal, der mindestens 10.000 Menschen zum Opfer fielen. Das Werk in Institute galt als „Schwester-Fabrik“ von Bhopal und wurde 2001 von BAYER übernommen.
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fordert seit vielen Jahren die Beendigung der MIC- und Phosgen-Produktion in Institute und reichte hierzu wiederholt Gegenanträge zur BAYER-Hauptversammlung ein. Der BAYER-Vorstand hatte das Ansinnen bislang stets als „unbegründet“ zurückgewiesen. Zuletzt war es in der Anlage im August 2008 zu einer schweren Explosion gekommen, deren Erschütterungen in einem Umkreis von mehr als 15 Kilometer zu spüren waren. Zwei Arbeiter verloren dabei ihr Leben.
Philipp Mimkes vom Vorstand der CBG: „Dies ist ein großer Erfolg von Umweltschützern und Werks-Anwohnern nach einem über 25-jährigen Kampf. BAYER muss nun sicherstellen, dass die Mitarbeiter angemessene Ersatz-Arbeitsplätze erhalten. Zudem fordern wir grundsätzlich, dass die chemische Industrie auf den großtechnischen Einsatz tödlicher Chemikalien wie MIC und Phosgen verzichtet.“
BAYER-Vertreter begründen den Verkaufs-Stopp von Aldicarb und Carbaryl unter anderem mit dem im Jahr 1995 gegebenen Versprechen, Wirkstoffe der obersten Gefahrenklasse vom Markt zu nehmen. „Diese Argumentation ist unfreiwillig komisch – schließlich hatte BAYER damals versprochen, die giftigsten Pestizide bis zum Jahr 2000 vom Markt zu nehmen“, so Mimkes weiter.
Maya Nye, Sprecherin der Anwohner-Initiative People Concerned About MIC, bezeichnet Methyl Isocyanat als das „Schlimmste vom Schlimmsten“. Nye solidarisiert sich mit den betroffenen Arbeitern: „Die Drohung, Arbeitsplätze zu vernichten, ist ein übliches Mittel, mit dessen Hilfe Anwohner, Umweltschützer und Mitarbeiter auseinanderdividiert werden sollen. Diese Taktik macht uns zu Geiseln von Konzernen, denen Profite wichtiger sind als Menschen und die die Gesundheit und Sicherheit der Anwohner bewusst gefährden.“ In Institute droht 220 Arbeitern die Entlassung.
Nach der Explosion von 2008 hatte die amerikanische Arbeitsschutzbehörde OSHA eine Untersuchung angeordnet und “mangelhafte Sicherheits-Systeme, signifikante Mängel der Notfall-Abläufe und eine fehlerhafte Schulung der Mitarbeiter“ festgestellt. Der US-Kongress kam in einem Untersuchungsbericht gar zu dem Ergebnis, dass durch die Explosion beinahe ein MIC-Tank zerstört worden wäre, was das „Desaster von Bhopal in den Schatten hätte stellen können“. Weiter heißt es in dem Kongress-Bericht: „BAYER hat den Sicherheitskräften entscheidende Informationen vorenthalten, hat den Ermittlern der Bundesbehörden nur eingeschränkten Zugang zu Informationen gewährt, hat die Arbeit von Medien und Bürgerinitiativen unterminiert und hat die Öffentlichkeit unrichtig und irreführend informiert.“
weitere Informationen:
· MIC-Kampagne
· Klasse I Pestizide: Versprechen gebrochen
12. Januar 2011
Stichwort BAYER 1/2011 erschienen
Heute erscheint die Ausgabe 1/2011 des Magazins Stichwort BAYER, das seit 1982 vierteljährlich über die Kehrseiten der Geschäftspolitik von BAYER berichtet. Lesen Sie hieraus einen Artikel unseres Autors Jan Pehrke zu den Umweltschäden durch die Chemieproduktion in Thailand.
Ein Probeheft können Sie unter CBGnetwork(at)aol.com anfordern.
Stichwort BAYER kann nur mit Hilfe bezahlter Abos fortbestehen. Ein Abonnement können sie hier einrichten. Das vollständige Heft wird erst drei Monate nach Erscheinen online gestellt.
Kommentar von Rechtsanwalt Jörg Heynemann zum „Duogynon-Urteil“ vom LG Berlin 11. Januar 2011
Heute fand der Verkündungstermin in dem Duogynon-Rechtsstreit statt. Es sind wieder viele Betroffene bzw. deren Angehörige gekommen. Das Urteil fiel so aus, wie es das Gericht bereits angekündigt hatte. Aus unserer Sicht sind die „Rechtsgründe“, die das Gericht nannte nicht überzeugend. Bayer ließ auch heute über Herrn Renner erklären, dass es medizinisch-wissenschaftlich und juristisch geklärt sei, dass Duogynon nicht fruchtschädigend wirke. Diese Aussage ist zumindest fraglich, nach unserer Auffassung sogar falsch. 1982 wurde anhand von Tierversuchen die schädigende Wirkweise nachgewiesen. Bayer Schering kann bis heute nicht erklären, aus welchem Grund derselbe Konzern in England auf den Packungsbeilagen im Jahr 1970 einen deutlichen Warnhinweis anbrachte und in Deutschland die Indikation erst Jahre später änderte. Vor diesem Hintergrund können auch die neuen Äußerungen des Bayer-Sprechers nur als gezielte Fehlinformation der Öffentlichkeit gewertet werden. Da es jedoch um die Gesundheit und das Leben von Menschen geht, ist diese Fehlinformation treuwidrig. Bayer kann sich daher nicht auf die Einrede der Verjährung berufen. Das öffentliche Interesse der Arzneimittelsicherheit wiegt schwerer als die Verschleierungsstrategien von Bayer Schering. U.a. aus diesem Grund und auch wegen der kontinuierlichen Unterstützung der Geschädigten und deren Angehöriger werden wir in die Berufung gehen. Dass es Herrn Sommer nur um die begehrten Informationen geht, die er über den Auskunftsprozess erhalten will, zeigt sich auch daran, dass er Bayer Schering einen Vergleichsvorschlag unterbreitete, wonach er auf etwaige Schadensersatzansprüche verzichte, falls Bayer die Auskunft erteile. Bayer hat hierauf nicht reagiert. Dies zeigt jedoch, dass Bayer ganz offensichtlich etwas zu verbergen hat. Wie passt dies sonst zu einem Unternehmen, das mit Transparenz und Offenheit wirbt, aber bei der ersten Anfrage bereits dicht macht. Da ein Vergleich damit ausscheidet, werden wir den Rechtsweg weiter beschreiten. Bayer Schering wird das Thema „Duogynon“ noch lange Zeit begleiten.
RA Jörg Heynemann
12. Januar 2011, die tageszeitung
Prozess gegen Pharmakonzern
Schmerzen verjähren nicht
Ein 34-Jähriger lebt seit seiner Geburt mit schweren Missbildungen. Schuld soll das Medikament Duogynon sein. Überprüft werden darf der Verdacht vorerst nicht. VON HEIKE HAARHOFF
Ein künstlicher Harnausgang verjährt nicht. Das hatte der 34 Jahre alte Kläger André Sommer aus Bayern zum Auftakt seines Zivilprozesses gegen den Berliner Pharmakonzern Bayer Schering vor dem Landgericht Berlin Ende November gesagt. Jetzt, eineinhalb Monate später, ist klar: Sommer, der 1976 mit schweren Missbildungen auf die Welt gekommen ist und für seine Behinderungen das Schering-Hormonpräparat Duogynon verantwortlich macht, wird noch einige Jahre und die Hilfe weiterer Gerichte benötigen, um seinen schweren Verdacht gegen den Berliner Pharmahersteller überprüfen zu können.
Das Landgericht Berlin wies am Dienstag seine Klage auf Akteneinsicht in die Archive von Bayer Schering in erster Instanz ab. Begründung: Sämtliche Ansprüche auf Entschädigung seien verjährt. Sommers Mutter habe das Medikament Duogynon, auf das Sommer die Schädigungen zurückführt, in der Frühschwangerschaft eingenommen. Das sei 35 Jahre her. Der bayerische Grundschullehrer André Sommer will aber keine Entschädigung, sondern zunächst nur Auskunft: Ab wann wusste Schering von den fruchtschädigenden Wirkungen des hormonellen Schwangerschaftstests Duogynon? Und warum ließ Schering das Medikament trotzdem bis 1980 auf dem Markt?
Sommers Anwalt Jörg Heynemann kündigte an, Berufung einzulegen. Bayer Schering habe die Aufklärung über die fruchtschädigenden Nebenwirkungen von Duogynon über Jahre behindert. Insofern sei die nun vom Hersteller vorgebrachte Verjährungsargumentation, der das Gericht gefolgt sei, „sittenwidrig“. Im Übrigen habe bereits der Bundesgerichtshof in einem ähnlich gelagerten Fall entschieden, dass für die Verjährung nach dem Arzneimittelgesetz der jeweilige Schadenseintritt maßgeblich sei. Sommer leide unter einem fortwährenden Schadenseintritt: Alle paar Jahre muss er wegen seines Urin-Stomas erneut operiert werden.
Die Urteilsverkündung wurde von zahlreichen Betroffenen und deren Angehörigen verfolgt. Auch die Sängerin Nina Hagen kam, um den Geschädigten ihre Anteilnahme auszusprechen. In den 60er und 70er Jahren hatten viele Mütter, deren Kinder mit schweren Fehlbildungen wie Wasserkopf, offenem Bauch, offenem Rücken oder Missbildungen der inneren Organe und Extremitäten geboren wurden, in der Frühschwangerschaft Duogynon von ihren Frauenärzten verordnet bekommen. Das Hormonpräparat wurde als Dragee und als Injektion als Schwangerschaftstest verschrieben sowie zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden. Erst 1980 wurde es in Deutschland nach Protesten vom Markt genommen. Strafrechtliche Ermittlungen gegen Schering scheiterten in den 80ern an der damaligen Gesetzeslage. Schätzungen zufolge leben in Deutschland mehr als 1.000 Duogynon-Geschädigte.
Der 34-jährige Grundschullehrer André Sommer erschien am Dienstag mit Rücksicht auf seine Schüler nicht persönlich vor Gericht. Aber vielleicht war das auch besser so. Vielleicht wäre er sonst zufällig auf die Idee gekommen, sich den Aufenthalt in Berlin mit einem touristischen Abstecher ins Deutsche Technikmuseum zu verderben. Dort ist derzeit eine Ausstellung zur Chemie- und Pharmaindustrie namens „Pillen und Pipetten“ zu sehen; konzipieren durfte die Exposition unter anderem die Schering Stiftung, die Objekte stammen aus dem Schering-eigenen Museum Scheringianum. Im Schaukasten „Hormongewinnung gestern und heute“ findet sich auch eine alte Schachtel Duogynon, „2 Ampullen in öliger Lösung zur intramuskulären Injektion“, daneben der Hinweis: „Das Hormonpräparat stand in Verdacht, gravierende Missbildungen bei ungeborenen Kindern zu verursachen. Untersuchungen (
) zur Aufklärung möglicher Ursachen konnten einen Zusammenhang (
) nicht nachweisen. Alle anhängigen Verfahren wurden eingestellt.“
Alle? Den aktuellen Prozess haben die Ausstellungsmacher sicher bloß übersehen.
11. Januar 2011
Rapmusiker unterstützt Duogynon-Opfer
Der in der Musikszene bekannte Rapper Kern solidarisiert sich mit der Coordination gegen BAYER-Gefahren und mit den Duogynon-Opfern und anderen Geschädigten des BAYER-Konzerns.
Er hat anlässlich der Urteilsverkündung des Duogynon-Prozesses den Song
‚Nur Du‘ geschrieben und uns die Pre-Version zur freien Verwendung zur
Verfügung gestellt.
Song anhören: http://www.cbgnetwork.org/downloads/Memo.m4a
Infos über Kern http://www.myspace.com/kernmusik
Kontakt zu Kern kernzeitlos(at)hotmail.de
Presse Information vom 10. Januar 2011
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Verfahren gegen Bayer Schering: Nina Hagen unterstützt Opfer
Duogynon-Prozess: „Verjährung wäre Beleidigung der Opfer“
Urteilsverkündung: Dienstag, 11. Januar, 12 Uhr, Landgericht Berlin, Tegeler Weg 17-21, Saal 115
Im Prozess der Duogynon-Opfer gegen Bayer Schering verkündet das Berliner Landgericht am morgigen Dienstag das Urteil. Die Betroffenen, die unter schweren Geburtsfehlern leiden, fordern die Herausgabe von firmeninternen Unterlagen zu dem Präparat. In einem zweiten Schritt soll eine Schadenersatzklage geführt werden.
Unterstützung erhalten die Geschädigten unter anderem von Nina Hagen: „Ich bin entsetzt über die Ignoranz und Dreistigkeit der verantwortlichen Konzerne gegenüber den leidgeprüften Duogynon-Opfern und ihren Eltern! Ich hoffe sehr, dass die deutsche Gerichtsbarkeit gerecht urteilen wird, und dass die Opfer endlich eine Entschuldigung und gerechte Entschädigung bekommen!“ Die Sängerin hat ihre Teilnahme an der Verhandlung angekündigt.
Auch Jörg Heynemann, Anwalt der Kläger, ist empört: „Bayer Schering arbeitet nachweisbar mit Lügen und Halbwahrheiten. Der Konzern geht auf Tauchstation und versucht die Angelegenheit auszusitzen. Dies darf nicht gelingen!“ Tausende von Kindern hatten in den 60er und 70er Jahren schwere Fehlbildungen durch hormonelle Schwangerschaftstests wie Duogynon und Primodos erlitten, unter anderem Herzfehler, fehlende Gliedmaßen, Gaumenspalten und Nierenschäden. Auch nach der Übernahme von Schering durch Bayer im Jahr 2006 verweigert der Konzern mit dem Hinweis auf angebliche Verjährung die Öffnung seiner Unternehmensarchive.
Zu den Geschädigten gehört der 34-jährige Kläger Andre Sommer: „Es kann nicht sein, dass uns der Bayer-Konzern die Wahrheit vorenthält und keine Antwort darauf gibt, ob Duogynon an den schrecklichen Missbildungen, an Fehlgeburten und dem Tod von Kindern Schuld hatte. Die Auswirkungen auf die Familien waren unbeschreiblich, und die Menschen leiden noch heute.“ Bayer solle einlenken und die Archive endlich öffnen. „In der Verfahrenseinstellung im Jahr 1982 hieß es, dass das ungeborene Leben rechtlich nicht geschützt sei und es deswegen keine juristische Handhabe gebe. Das widerspricht jeglichem Rechtsempfinden des Jahres 2011. Alle mutmaßlichen Opfer müssen entschädigt werden!“
Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren ergänzt: „Die Betroffenen leiden täglich unter den Mißbildungen und müssen ständig ärztlich behandelt werden. Es ist sittenwidrig und daher unzulässig, dass sich Bayer mit dem Argument der Verjährung aus der Verantwortung stehlen will. Wir fordern gesetzliche Regelungen, die eine Verjährung bei dauerhaften Schädigungen durch Medikamente ausschließen.“ Die Betroffenen kündigten an, in Berufung zu gehen, falls das Gericht auf Verjährung entscheidet.
Alle Informationen zur Kampagne
Spiegel Online, 11. Januar 2011
Behinderter verliert Prozess gegen Bayer Schering
Schwere Enttäuschung für viele Behinderte: Ein Mann, der den Pharmakonzern Bayer Schering verklagt hatte, hat vor Gericht verloren. Seine Mutter hatte ein Mittel zum Schwangerschaftstest eingenommen, das massive Nebenwirkungen gehabt haben soll. Doch der Fall sei verjährt, sagt der Richter.
Der körperbehinderte Lehrer André Sommer hat sich mit dem Pharmagiganten Bayer Schering vor Gericht angelegt. Seine Mutter hatte ein Mittel zum Schwangerschaftstest eingenommen, das angeblich massive Nebenwirkungen hatte. Doch jetzt hat der Allgäuer in erster Instanz verloren.
Die Klage Sommers gegen den Pharmakonzern Bayer Schering ist in erster Instanz gescheitert. Es bestehe kein Anspruch auf Auskunft über die Wirkung des Hormonmittels Duogynon, stellte Richter Udo Spuhl am Berliner Landgericht am Dienstag fest. Er erklärte alle Schadenersatzansprüche für verjährt. André Sommers Mutter hatte das Hormonmittel 1975 als Schwangerschaftstest bekommen - die heute üblichen Urintests gab es damals noch nicht.
Sommers Anwalt Jörg Heynemann hingegen vertritt die Auffassung, dass keine Verjährung vorliegt. Denn der jüngste Schaden sei 2005 entstanden. Da habe sich Sommer wegen seiner Missbildungen einer großen Operation unterziehen müssen, argumentiert der Anwalt. Nun will Sommer in die nächste Instanz gehen (Aktenzeichen: 7 O 271/10).
Sommer konnte nicht selbst zum Verkündungstermin nach Berlin kommen. Jedoch saß ein kleinwüchsiger Mann, der sich ebenfalls als Opfer des Medikaments sieht, auf der Zuschauerbank im Gericht
„Warum legt Bayer die Akten nicht offen?“
Maßgeblich für die Entscheidung war, dass nach Auffassung der 7. Zivilkammer sämtliche Schadensersatzansprüche im Jahr 2005 - also 30 Jahre nach Verabreichung des Medikaments - erlöschen. Richter Spuhl betonte, dass nicht zu entscheiden war, ob Duogynon Schäden bei Sommer verursacht hatte. Das Aufklärungsinteresse sei menschlich verständlich, aber nach dem Gesetz nicht durchsetzbar.
Zu Beginn des Zivilstreits Ende November hatte Sommer dem Pharmakonzern vorgeworfen, nicht zum Dialog bereit zu sein. „Meine Missbildungen werden nie verjähren, ich werde wieder operiert“, beklagte Sommer. „Warum legt Bayer die Akten nicht offen, wenn es keinen Zusammenhang mit Duogynon gibt?“.
Nachdem der SPIEGEL (23/2010) erstmals über den Fall Sommer berichtet hatte, meldeten sich mehrere Dutzend Betroffene zu Wort. Seit Juni habe er eine Flut von E-Mails bekommen von Betroffenen, die ebenfalls wissen wollten, ob ihre Behinderungen auf dieses Präparat zurückzuführen sind. Die Betroffenen sehen Parallelen zum Contergan-Skandal.
Abgeordnete der Grünen-Bundestagsfraktion verlangten daraufhin Aufklärung von der Regierung. Das Bundesgesundheitsministerium wollte sich zwar aus der rechtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Duogynon-Hersteller und den Betroffenen heraushalten. Man begrüßte aber, dass Patienten nun leichter Ansprüche gelten machen könnten. „Das war vom Gesetzgeber so beabsichtigt und wird hier nachdrücklich unterstützt“, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz.
Mit Nina Hagen befreundet
Die Sängerin Nina Hagen ist seit Jahren mit Opfern befreundet, sie engagiert sich für sie. Auch bei der Gerichtsentscheidung war sie nun anwesend: „Ich bin tief berührt vom Schicksal André Sommers, der anderen Opfer und ihrer Familien.“ Der Staat müsste die Forschungsergebnisse von der Industrie einfordern, meint sie.
Bayer Schering hatte keinen Vertreter zum Urteil geschickt. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück. „Das Thema wurde in den sechziger und siebziger Jahren juristisch und wissenschaftlich ausgiebig und abschließend erörtert. Seitdem gibt es keine neuen Erkenntnisse“, hatte Bayer-Sprecher Oliver Renner argumentiert. Es sei kein Zusammenhang zwischen Duogynon und Missbildungen festgestellt worden.
In den sechziger und siebziger Jahren hatten viele Mütter, deren Kinder mit schweren Fehlbildungen wie Wasserkopf, offenem Bauch, offenem Rücken oder Missbildungen der inneren Organe und Extremitäten geboren wurden, in der Frühschwangerschaft das Medikament genommen. Der Medizinrecht-Fachanwalt Heynemann, der die Betroffenen und auch André Sommer vertritt, nennt die Zahl von rund 1000 Geschädigten, die allein in Deutschland leben. „Viele Frauen hatten auch Fehlgeburten, oder das behinderte Kind starb kurz nach der Geburt.“
Duogynon kam sowohl als Schwangerschaftstest als auch gegen ausbleibende Regelblutungen zum Einsatz. In Großbritannien hatte es Schering schon Jahre vorher nicht mehr als Schwangerschaftstest angeboten, nachdem der Missbildungsverdacht laut wurde.
Im November waren allerdings Briefe aus den drei Jahren von 1967 bis 1969 bekannt geworden, die den Konzern in Erklärungsnot brachten. Darin tauschten sich britische Schering-Wissenschaftler mit ihren deutschen Kollegen über schwere Missbildungen bei Kindern und möglichen Risiken von Medikamenten aus. Die Mütter hatten den Schwangerschaftstest des Berliner Konzerns verwendet.
Presse Information vom 6. Januar 2011
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Wiedereinführung des Wasserentnahme-Entgelts in NRW:
„WasserCent dient Umweltschutz“
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) begrüßt die Pläne der NRW-Landesregierung, die Abschaffung des so genannten „WasserCent“ rückgängig zu machen. Das Wasser-Entnahmeentgelt dient der Finanzierung von Umweltschutz-Maßnahmen und ist nach Auffassung der CBG ein wichtiger Anreiz, den Wasserverbrauch zu verringern. Der im Jahr 2004 eingeführte WasserCent war von der Regierung Rüttgers auf Druck der Industrie abgeschafft worden. Statt bis 2018 schrittweise verringert und dann ganz abgeschafft zu werden, soll das Wasser-Entnahmeentgelt nach dem nun vorgelegten Gesetzentwurf beibehalten und leicht erhöht werden.
Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Der BAYER-Konzern verbraucht allein am Standort Leverkusen rund 130 Mio Kubikmeter Wasser pro Jahr - weit mehr als der Trinkwasserbedarf der benachbarten Millionenstadt Köln. Es ist richtig, dass dieser gewaltige Eingriff in die Umwelt mit einem Entgelt belegt wird. Nur so entsteht ein Anreiz, den Verbrauch zu verringern.“ Aufgrund alter „Wasserrechte“ hatte BAYER jahrzehntelang keinerlei Abgaben für die Wasserentnahme geleistet, weswegen Investitionen in wassersparende Technologien unterblieben. „Besonders für Kühlwasser, das aufgeheizt in die Flüsse geleitet wird, sollte der WasserCent weiter erhöht werden. Die Erwärmung der Gewässer hat erhebliche Auswirkungen für Flora und Fauna“, so Mimkes weiter. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hatte 2009 eine Anfrage nach dem Umweltinformationsgesetz gestellt und daraufhin den Wasserverbrauch aller BAYER-Werke in NRW veröffentlicht.
Städte wie Köln und Düsseldorf müssen Trinkwasser kostspielig aus Rhein-Uferfiltrat gewinnen, während die Unternehmen riesige Mengen an sauberem Grundwasser fördern. Die Verbraucher finanzieren somit indirekt den Wasserverbrauch der Industrie. Besonders kritisch zu sehen ist daher der hohe Verbrauch von Grundwasser, welches in der Regel sauberer ist als Flusswasser. Allein das Leverkusener Werk entnimmt dem Boden jährlich rund 85 Millionen cbm Grundwasser, in Monheim sind es rund 50 Millionen cbm.
Insgesamt entnimmt die BAYER-Tochterfirma Currenta in Nordrhein-Westfalen rund 430 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr. Hinzu kommen die großen Mengen, die an der Giftmüll-Deponie in der Leverkusener Dhünnaue abgepumpt werden müssen. Die drei BAYER-Standorte Leverkusen, Krefeld und Dormagen zahlen zusammen ein jährliches Wasserentnahme-Entgelt von rund 3,4 Millionen Euro. Die Abgabe wird für Maßnahmen zum Gewässerschutz im Rahmen der EU-Wasserrahmenrichtlinie verwendet. Ohne den WasserCent müssten diese vollständig aus Steuermitteln finanziert werden.
weitere Infos: Artikel zum Wasserverbrauch von BAYER (2009)
AKTION & KRITIK
Jahrestagung 2010
Am 13. November 2010 fand die gut besuchte Jahrestagung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) statt. Sie widmete sich dieses Mal dem Thema „Störfall-Risiken der chemischen Industrie - Pipelines, Kohlekraftwerke und Phosgen-Produktion“. Das Eröffnungsreferat hielt der pensionierte Chemie-Lehrer Dr. Walther Enßlin. Unter dem Titel „Geballte Risiken: Die Chemie-Industrie in NRW“ sprach er über die umwelt- und gesundheitsschädigende Herstellung von Chlor und Kunststoffen, gefährliche Endprodukte wie Bisphenol A und längst entwickelte schonendere Verfahren, die BAYER & Co. jedoch aus Profitgründen nicht anwenden. Anschließend gab CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes einen Überblick über die Geschichte der Störfälle beim Leverkusener Multi, vom GAU während der Sprengstoff-Produktion 1917 mit zehn Toten bis zu den Desastern der Gegenwart. Die Gefahren der nahen Zukunft, die der Konzern durch die Kohlenmonoxid-Pipeline heraufbeschwören will, standen nach der Mittagspause im Mittelpunkt. Rainer Kalbe von der Bürgerinitiative STOPP CO-PIPELINE präsentierte eine umfassende Liste aller „Risiken und Nebenwirkungen“ der Giftgas-Röhre und stellte dar, wie der Pharma-Riese schon durch Pfusch am Bau den Grundstein dafür legt. Im Anschluss daran beschrieb der Kinderarzt Dr. Gottfried Arnold, der eine MedizinerInnen-Initiative gegen die Rohrleitung ins Leben gerufen hatte, die tückische Wirkung des Gases. Farb- und geruchslos, schaltet es den Organismus im Katastrophen-Fall binnen Sekunden aus, wogegen weder BAYER noch die Feuerwehren oder die Notfall-Kliniken gewappnet sind. Was ein Besucher während der Diskussion bemerkte, kann als Resümée der Veranstaltung gelten. Er habe heute noch „viel Niederschmetternderes“ über BAYER erfahren als das, was er bereits im Zusammenhang mit der CO-Pipeline lernen musste, sagte er. Und eben dies, die aktuelle Auseinandersetzung um die Giftgas-Röhre in den Kontext der allgemeinen „BAYER-Gefahren“ zu stellen und so den Blick auf einen Systemfehler profit-orientierter Produktion zu eröffnen, war es, was der CBG bei der Konzeption der Jahrestagung vorgeschwebt hatte.
Erfolgreiche Endosulfan-Kampagne
Jahrelang hatte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) den Leverkusener Multi aufgefordert, den in der Bundesrepublik schon längst verbotenen, besonders gefährlichen Pestizid-Wirkstoff Endosulfan auch in anderen Ländern nicht mehr zu vertreiben. Im letzten Jahr erklärte sich der Konzern endlich dazu bereit (SWB 3/09). Aber vorher gab es noch einmal einen Schlussverkauf. Das Unternehmen warf alle Restbestände auf den Markt, was zu hohen Belastungen führte (siehe auch SWB 1/11). Besonders hart traf es brasilianische Bio-LandwirtInnen. Ihre Soja-Ernte wies so große Endosulfan-Rückstände auf, dass sie unverkäuflich ist. Daraufhin initiierte die schweizer Fairtrade-Organisation GEBANA eine Kampagne, welche die CBG nach Kräften unterstützte. Und der öffentliche Druck führte schließlich auch zu einem Teil-Erfolg. Während andere Hersteller das Mittel immer noch verkaufen, hat BAYER das Endosulfan-Pestizid THIODAN in dem Land mit sofortiger Wirkung vom Markt genommen und die Restbestände sogar selbst bei der lokalen Kooperative abgeholt.
Kraftwerkserörterungstermin
- 1
Nicht nur gegen das Kohlekraftwerk, das in BAYERs Krefelder Chemie-„Park“ geplant ist, haben Initiativen mit Einwändungen protestiert, sondern auch gegen die auf dem Brunsbütteler Werksgelände projektierte Dreckschleuder. Bei einem Erörterungstermin, der prüfte, ob das Vorhaben den Bestimmungen zum Immissionsschutz und zum Wasserrecht genügt, präsentierten die KraftwerksgegnerInnen eine lange Mängelliste. So befürchten sie neben dem großen Lärm vor allem eine Belastung der Elbe durch das Kühlwasser. 30.000 Liter Wasser saugt das Kraftwerk pro Sekunde ein, inklusive der darin schwimmenden Fische, die dadurch ihren Tod finden. Es gibt zwar Fischscheuch-Anlagen, aber für die speziellen Verhältnisse in Brunsbüttel hat die beauftragte Firma noch nie eine gebaut. Wie wenig solche Vorrichtungen manchmal nützen, zeigt das nahe gelegene Atomkraftwerk. Trotz elektronischer Impulsgeber zum Verscheuchen der Fische sammeln sich jährlich bis zu 160 Tonnen verendeter Tiere in dem AKW an. Auch die Wiedereinleitung des aufgeheizten Kühlwassers bereitet Probleme, weil die Erwärmung vielen Flußbewohnern das Leben schwer macht. Die vorgelegten Unterlagen zur Ausbreitung der warmen Brühe gaben darüber allerdings wenig Aufschluss. Sie stammten nämlich aus einem früheren Genehmigungsverfahren des Betreibers GETEC, wie die UmweltschützerInnen aufdeckten, die auch eine Klage gegen den Bau vorbereiten.
Kraftwerkserörterungstermin
- 2
Gegen das von TRIANEL auf dem Gelände von BAYERs Chemie„park“ in Krefeld geplante Kohlekraftwerk gibt es erheblichen Widerstand. So haben wegen des Kohlendioxid-Ausstoßes von jährlich ca. 4,4 Millionen Tonnen und der zu erwartenden Belastungen von Mensch und Umwelt mit Feinstaub, Schwermetallen und Radioaktivität über 22.000 Privatpersonen, Nachbarstädte und Initiativen Einspruch gegen das Projekt erhoben. Auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN zählt dazu. Bei dem einwöchigen Erörterungsverfahren gelang es dem Betreiber nicht, die Einwände zu zerstreuen. „Keiner der in unserer 355-seitigen schriftlichen Stellungnahme vorgebrachten Kritikpunkte konnte seitens TRIANEL entkräftet oder gar ausgeräumt werden“, stellte etwa Dirk Jansen vom BUND fest und forderte das Unternehmen deshalb auf, den Genehmigungsantrag zurückzuziehen.
DUOGYNON-Anfrage in England
Der hormonelle Schwangerschaftstest PRIMODOS der heute zu BAYER gehörenden Firma SCHERING hat ab den 1950er Jahren zu tausenden Todgeburten geführt. Darüber hinaus kamen unzählige Kinder mit schweren Missbildungen zur Welt. Die Opfer des ebenfalls unter dem Namen DUOGYNON vermarkteten Produkts fordern den Konzern seit längerem auf, Entschädigungen zu zahlen und bereiten sogar Klagen vor (siehe auch SWB 4/10). Und wie vor kurzem in der Bundesrepublik (Ticker 4/10) kam es jetzt auch in England zu einer parlamentarischen Anfrage in Sachen „DUOGYNON“.
Andere OECD-Leitsätze gefordert
Die OECD hat sich Leitsätze gegeben, in denen sich der Verbund aus 31 großen Industrieländern zu sozialen und ökologischen Standards bekennt. Wenn ein Unternehmen gegen diese Regeln verstößt, muss es mit einer Klage bei den nationalen Kontaktstellen rechnen. Ernste Konsequenzen hat so ein Verfahren jedoch fast nie. So lehnte die bundesdeutsche Kontaktstelle die beiden Beschwerden gegen BAYER, welche die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN allein oder in Zusammenarbeit mit anderen Initiativen eingereicht hatte, ab. Weder den Handel der ehemaligen BAYER-Tochter HC STARCK mit Bodenschätzen aus Bürgerkriegsgebieten noch BAYER CROPSCIENCEs Duldung von Kinderarbeit in der Lieferkette fand sie sanktionswürdig. Nicht nur aus diesem Grund fordern GERMAN WATCH und MISEREOR jetzt eine Überarbeitung der Leitsätze. Die beiden Nichtregierungsorganisation verlangen wirkliche Bestrafungen. Insbesondere kritisieren sie die bundesdeutsche Kontaktstelle für ihren nicht nur im Fall „BAYER CROPSCIENCE“ gezeigten Unwillen, das Agieren der festen Zulieferer der Multis ebenfalls als „gerichtsrelevant“ zu betrachten, womit sie ein einfaches Outsourcing der Ausbeutung erleichtert. Auch sonst fällt die Einrichtung immer wieder durch unternehmensfreundliche Entscheidungen auf. Keine andere Kontaktstelle lehnt Eingaben so häufig ab wie die bundesrepublikanische - nicht umsonst ist sie bei der Auslandsinvestitionen-Abteilung des Wirtschaftsministeriums angesiedelt. Darum treten die beiden Gruppen für eine umfassende Strukturreform ein.
Frauen-Protest gegen MIRENA
Mehr als jede zehnte Anwenderin von BAYERs Hormon-Spirale MIRENA leidet unter schweren Nebenwirkungen wie Depressionen, Zyklusstörungen, Gewichtszunahme, Eierstock-Zysten, Unterleibsentzündungen, Schwindel, Übelkeit, starker Haarwuchs, Akne, Hautkrankheiten und Kopfschmerzen (siehe auch RECHT & UNBILLIG). Zudem besteht der Verdacht auf Erhöhung des Brustkrebs-Risikos. Eine nicht eben kleine Schadensbilanz, über welche der Leverkusener Multi allerdings den Mantel des Schweigens hüllt. In den USA haben sich deshalb mehr als 1.700 Frauen an die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA gewandt und eine bessere Aufklärung über das Gefahren-Potenzial des Mittels gefordert, das allein in der Bundesrepublik rund eine Million Frauen nutzen.
Belegschaft demonstriert in Brüssel
An der Demonstration europäischer Belegschaften gegen Sozialabbau und Sparmaßnahmen, die Ende September 2010 in Brüssel stattfand, beteiligten sich auch Beschäftigte des Antwerpener BAYER-Werkes. Mit dem Transparent „Für unsere Rechte kämpfen“ zogen sie durch die Straßen der belgischen Hauptstadt.
Kritik an Einmalzahlungen
Bei den Tarif-Verhandlungen gehen die Konzerne immer mehr dazu über, Einmalzahlungen zu vereinbaren. So gab es beim letzten Chemie-Abschluss überhaupt keine prozentuale Entgelt-Erhöhung mehr, sondern lediglich Pauschalbeträge - 550 Euro für Normalbeschäftigte und 611 bis 715 Euro für SchichtarbeiterInnen. Die Hans-Böckler-Stiftung des DEUTSCHEN GEWERKSCHAFTSBUNDES kritisierte diese Praxis jetzt. Nach einer Modellrechnung des Wissenschaftlers Dr. Reinhard Bispinck führt das Instrument zu realen Einkommensverlusten. Wenn ein Beschäftigter mit einem Gehalt von 2.000 Euro brutto statt einer 2-prozentigen Lohnerhöhung 480 Euro erhält, so steht er damit im ersten Jahr noch gut da, im zweiten allerdings verschlechtert sich seine Situation schon und anschließend geht es dann ganz steil bergab. Zudem kämen die Chef-Etagen mit den Pauschalen „ihrem Ziel von stärker variablen und rückholbaren Einkommenssteigerungen“ näher, monierte Bispinck.
Uni Köln: Ministerin handelt nicht
Vor zwei Jahren vereinbarte BAYER mit der Kölner Hochschule eine Kooperation auf dem Gebiet der Pharma-Forschung. „Sie ist die weitreichendste, die eine nordrhein-westfälische Universitätsklinik bislang eingegangen ist“, jubilierte Innovationsminister Andreas Pinkwart damals. Der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und anderen Initiativen machte das eher Angst. Die Gruppen befürchteten eine Ausrichtung der Pharma-Forschung nach Profit-Vorgaben, eine Entwicklung von Präparaten ohne therapeutischen Mehrwert, eine Verheimlichung negativer Studienergebnisse und einen Zugriff des Konzerns auf geistiges Eigentum der Hochschul-WissenschaftlerInnen. Deshalb forderten sie eine Offenlegung des Vertrages und bekamen dafür auch die Unterstützung des nordrhein-westfälischen Datenschutzbeauftragten, welcher der Hochschule kein Recht auf Geheimhaltung zuerkennen wollte. Die Universität blieb jedoch bei ihrer Verweigerungshaltung, die auch die neue Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) nicht aufzuheben gedachte. Eine Durchsetzung des vom Datenschützer bescheinigten „Informationszugangsanspruchs“ könne nicht erzwungen werden, antwortete die Politikerin der CBG und empfahl, „noch einmal auf die Universität zuzugehen, um ein Verfahren zu vermeiden“. Aber genau das lässt sich jetzt nicht mehr vermeiden.
Hochschulräte in der Kritik
In den Hochschulräten als neuen Aufsichtsgremien der Universitäten sitzen zu einem Drittel VertreterInnen von Unternehmen. Der Leverkusener Multi darf da natürlich nicht fehlen. So ist BAYER-Vorstand Richard Pott im Hochschulrat der Universität Köln vertreten, mit der BAYER auch eine umfassende Forschungskooperation unterhält (SWB 2/09). Diese Konstellation entspricht nicht gerade dem, was Rolf Breuer, ehemaliger Chef der DEUTSCHEN BANK und heutiger Hochschulrat an der Frankfurter Goethe-Universität, von dem Gremium fordert: „Der Hochschulrat muss neutral sein“. Auch sonst stößt der wachsende Einfluss von Konzernen auf die Bildungseinrichtungen zunehmend auf Kritik. Die Heinz-Nixdorf-Stiftung etwa mahnt eine „Kontrolle der Kontrolleure“ an. Die Studierenden-Vertretungen beklagen die Besetzungen der Posten nach Gutsherrenart ohne demokratische Legitimation, und die SPD-Politikerin Annette Fugmann-Heesing stört sich an den Berufungen auf Lebenszeit und tritt für die Möglichkeit von Abwahlen ein.
Kritik an Wenning-Artikel
In der Financial Times Deutschland hatte BAYER-Chef Werner Wenning kurz vor seiner Verabschiedung mal wieder das Klagelied über die bundesdeutsche Energie-Politik angestimmt, die angeblich wegen ihrer ökologischen Ausrichtung zu unerträglich hohen Strompreisen und anderen Belastungen für die Industrie führe. Dafür handelte er sich im Internet einige bissige Kommentare ein. „Aus hohen Strompreisen für Privathaushalte kann noch lange keine ungebührliche Belastung der deutschen Industrie abgelesen werden. Die von Wenning genannten Steuern entsprächen in ihrer Höhe noch längst nicht den gesamten externen Kosten der konventionellen Stromerzeugung. Diese externen Kosten tauchen zwar nicht im Strompreis auf, das heißt jedoch nicht. dass sie nicht bezahlt werden müssen. Die Renovierungskosten von Asse trägt der Steuerzahler, die Bergschäden im Ruhrgebiet die Eigenheimbesitzer, die Gesundheitsschäden die Bevölkerung in den Uran- und Ölförderländern etc.“, schrieb ein Leser. Und ein weiterer riet Wenning: „Die Deutsche Industrie hatte lange genug Zeit, sich auf neue Zeiten einzustellen. Sie hat es nur nicht ernsthaft versucht, dafür sollten Sie sich schämen und schnell umdenken, statt durch diese peinliche Kampagne für Atomkraft zu kämpfen“.
Resolution gegen Genreis verabschiedet
Im Jahr 2006 war gentechnisch veränderter Langkorn-Reis von BAYER weltweit in Supermärkten aufgetaucht, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nirgendwo eine Zulassung vorlag. Damit verursachte der Leverkusener Multi den größten Gen-Gau der Nuller-Jahre. Trotzdem hat der Multi seinen Antrag auf eine Importzulassung von Genreis der Sorte „LL62“ bei der EU noch nicht zurückgezogen. Genau dazu hat ihn jetzt eine von GREENPEACE in Italien organisierte Konferenz aufgefordert.
KAPITAL & ARBEIT
BAYER streicht 4.500 Stellen
„Ich will für BAYER noch mehr Investition und weniger Administration. Wir können noch schneller und schlanker werden“, sagte der neue BAYER-Chef Marijn Dekkers bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für das dritte Quartal trotz einer Umsatzsteigerung von 16,1 Prozent auf 8,6 Milliarden. Über die Konsequenzen war er sich noch nicht im Klaren: „Ob dadurch wirklich Arbeitsplätze betroffen sind, kann ich jetzt noch nicht sagen“. Zwei Wochen später wusste er es. Da kündigte der Leverkusener Multi den Abbau von 4.500 Stellen an den alten Standorten und den Aufbau von 2.500 in den Schwellenländern an. Allein 1.700 Jobs fallen in der Bundesrepublik weg. Bei der IT-Abteilung BAYER BUSINESS SERVICES (BBS) stehen 900 Arbeitsplätze zur Disposition. Von der Maßnahme betroffen sind 490 Festangestellte und 406 Arbeitskräfte mit Werks- oder Zeitarbeitsverträgen. Einen Teil der Jobs dürfte der Multi nach Indien verlagern, wo die BBS bereits einen Ableger mit 300 bis 400 Beschäftigten unterhält - laut BBS-Sprecher Oliver Günther die „verlängerte Werkbank“. Mit diesem Sparprogramm für die Service-Gesellschaften bricht der Konzern die 2007 im Tarifvertrag gemachten Zusagen zur Arbeitsplatz-Sicherung, welche die Belegschaftsangehörigen damals mit einem Lohnverzicht in Höhe von 3,3 Prozent teuer erkauft hatten. Bei BAYER HEALTH CARE streicht der Konzern 700 Stellen, bei BAYER CROPSCIENCE 300. Die Kunststoff-Sparte, um die es immer wieder Verkaufsgerüchte gibt, bleibt dagegen weitgehend verschont. Der Betriebsrat kritisierte das Sparprogramm zwar, ändert aber seinen sozialpartnerschaftlichen Kurs nicht und bietet Hilfe bei der Abwicklung an. „Das ist ein erheblicher Personalabbau mit einschneidenden Veränderungen. Wir Arbeitnehmer-Vertreter werden nun intensive Gespräche mit der Unternehmensleitung führen, um die Notwendigkeit, den Umfang, mögliche Alternativen und die Umsetzung der geplanten Veränderungen zu beraten, damit sozialverträgliche Lösungen gefunden werden können“, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Thomas de Win. Die nordrhein-westfälische Landesregierung will den Kahlschlag hingegen nicht so einfach hinnehmen. Angesichts von 5,5 Millionen Euro, die BAYER im Zuge der Wirtschaftskrise aus dem Konjunktur-Paket erhalten hat, verlangte NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) von BAYER, Verantwortung für die Beschäftigten zu übernehmen. Diese Mittel hätten nichts mit der Krisen-Bewältigung zu tun gehabt, kommentierte Konzern-Sprecher Günter Forneck laut Süddeutscher Zeitung die Vorwürfe. Zu dem von Voigtsberger vorgeschlagenen Spitzentreffen erklärte der Global Player sich jedoch bereit: „Es wäre ein Novum, wenn wir ein Gesprächsangebot der Politik nicht annähmen“.
Arbeitsplatzvernichtung in Berkeley
BAYER vernichtet am US-amerikanischen Standort Berkeley 39 Arbeitsplätze; dabei verlieren zum überwiegenden Teil GewerkschaftlerInnen ihren Job (siehe auch SWB 1/11). Donal Mahon von der INTERNATIONAL LONGSHORE AND WAREHOUSE UNION (ILWU) kritisierte die Maßnahme scharf: „BAYER hatte im vergangenen Jahr zugesichert, etwaige Entlassungen 45 Tage vorher anzukündigen. Tatsächlich waren es jetzt nur zwei Tage, und es waren doppelt so viele Entlassungen, wie zuvor besprochen. Für den Fall, dass wir ein Schiedsgericht einschalten, hat uns das Unternehmen den Abbau weiterer Arbeitsplätze angedroht“. Aber die ILWU ließ sich nicht einschüchtern und organisierte eine Protest-Aktion, an der 150 Belegschaftsangehörige teilnahmen.
Sprachlehrer prekär beschäftigt
In SWB 4/09 klagten zwei Sprachlehrer über die schlechte Bezahlung und die miesen Arbeitsbedingungen bei BAYER. Daran hat sich offensichtlich nichts geändert. Erneut erreichten die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN Informationen über unter dem Branchen-Durchschnitt liegende, seit Jahre nicht angehobene Honorare und erst nach sechs Wochen bezahlte Rechnungen.
MCKINSEY bei BAYER CROPSCIENCE
BAYERs Landwirtschaftssparte machte 2009 einen Umsatz von 6,5 Milliarden Euro. In diesem Jahr allerdings ist laut Konzern „ein erheblicher Rückgang zu erwarten“. Deshalb schickte er den Beschäftigten die UnternehmensberaterInnen von MCKINSEY ins Haus. Ob diese sich mit der von BAYER-Chef Marijn Dekkers angekündigten Vernichtung von 300 Arbeitsplätzen in der Sparte zufriedengeben, wird die nahe Zukunft zeigen.
Zühlke neuer Betriebsratsvorsitzender
Thomas de Win hat angekündigt, sein Amt als Betriebsratsvorsitzender des Leverkusener BAYER-Werkes niederzugelegen, um sich mehr auf seine Aufgaben als Gesamtbetriebsratschef konzentrieren zu können, wie er gegenüber der Presse erklärte. Seine Position übernimmt Oliver Zühlke.
318 Männer in Elternzeit
Der Leverkusener Multi macht es anscheinend Männern, die Elternzeit nehmen wollen, nicht mehr so schwer wie früher. Noch vor vier Jahren beschied das Unternehmen einem Beschäftigten, der einen entsprechenden Antrag stellte, er bräuchte anschließend gar nicht mehr wiederzukommen (Ticker 2/06). Der Mann blieb trotzdem bei seinem Entschluss und versuchte nach Ablauf der Zeit beim Konzern als Teilzeitler sein Glück. Das verwehrte ihm allerdings die Personalabteilung. Vollzeit oder gar nicht - vor diese Alternative stellte ihn der Pharma-Riese. Inzwischen machen nach Unternehmensangaben 318 Belegschaftsangehörige von dem Angebot Gebrauch. Allerdings beträgt die Auszeit von Vätern in den Betrieben nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung oft nur zwei Monate.
Betriebsausflug nach Taipei
BAYERs Pharma-Abteilung veranstaltet alljährlich für Beschäftigte einer Region eine Konferenz, um die interne Konkurrenz durch Auszeichnungen anzuheizen und die Belegschaft auf neue Aufgaben einzuschwören. Dieses Mal waren die 2.700 chinesischen Betriebsangehörigen dran. Ende Januar 2010 zog der Leverkusener Multi sie für eine Woche im taiwanesischen Taipei zusammen.
ERSTE & DRITTE WELT
BAYERS TONIC mit Warnhinweis
In den Ländern des Südens sind die Menschen oftmals nicht in der Lage, sich ÄrztInnen zu leisten. Die Pharma-Riesen haben sich darauf eingestellt und bieten Arzneien mit einem so umfassenden wie diffusen Wirkprofil an. So bewirbt der Leverkusener Multi BAYERS TONIC als Stärkungsmittel. Wie allerdings eine Mischung aus Leber-Extrakt, Hefe, Natriumphosphat und Alkohol stärken soll, bleibt BAYERs Geheimnis. Offenbar sind hingegen die Gefahren. So kann die Einnahme des Tonikums wegen seines Alkohol-Gehaltes bei kleinen Kindern zu Leberzirrhosen führen. Die BUKO-PHARMA-KAMPAGNE forderte deshalb vom Konzern, einen entsprechenden Warnhinweis auf der Flasche anzubringen. Aber erst nach einem zähen Ringen erklärte sich das Unternehmen dazu bereit.
Kinderarbeit-Kampagne erfolgreich
Seit mehr als sieben Jahren kämpft die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN gegen Kinderarbeit bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO. Bis zu 2.000 Minderjährige arbeiteten dem Unternehmen schon zu. Dank der Kampagne sank die Zahl bis 2007 auf 300. Ein neuer Bericht für die abgelaufene Pflanz-Saison konstatiert nun wiederum einen erheblichen Rückgang der Zahlen. Nach Einschätzung der CBG-Kooperationspartner vor Ort war dieser Erfolg nur durch Druck von außen zu erreichen. In Indien war das Problem seit langem bekannt, aber erst die Schlagzeilen in der Bundesrepublik und den USA brachten BAYER zum Einlenken, so die AktivistInnen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit von Gruppen aus vier Ländern bezeichneten sie als ein gelungenes Beispiel einer „Globalisierung von unten“. Davon will der Agro-Multi natürlich nichts wissen. Er behauptet, die Reduzierung der Kinderarbeit „ohne jeglichen öffentlichen Druck“ vorgenommen zu haben.
POLITIK & EINFLUSS
Gesundheits„reform“ noch kränker
Erwartungsgemäß gelang es BAYER & Co., bei der Gesundheits„reform“ von CDU und FDP bis zu ihrer endgültigen Verabschiedung noch einige „Nachbesserungen“ zu erreichen. So kommt jetzt zu dem beschleunigten Ausstieg aus der paritätischen Finanzierung von Gesundheitsleistungen noch eine weitere Aufweichung der Kriterien für die neu eingeführte Kosten/Nutzen-Bewertung von Arzneien dazu. „Der Beschluss über die Nutzen-Bewertung darf nicht der Feststellung der Zulassungsbehörde widersprechen“, formulierte die Kanzlei CLIFFORD CHANCE, die der von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Pharma-Hersteller“ (VFA) angeheuert hatte. Der Gesetzgeber übernahm den Text fast wortwörtlich. Die zuständigen Stellen dürften den „medizinischen Nutzen eines Arzneimittels nicht abweichend von der Beurteilung der Zulassungsbehörde bewerten“, variierte die Regierungskoalition die Vorlage. Zudem setzten die Pharma-Riesen eine Umkehr der Beweislast durch. Hatten sie ursprünglich den Nachweis eines Nutzens zu dokumentieren, so müssen die Behörden jetzt Belege für die „Unzweckmäßigkeit“ einer Arznei erbringen, was in der Praxis auf einige Schwierigkeiten stößt. Darüber hinaus sind Medikamente für seltene Krankheiten von dieser Prozedur befreit, wobei praktischerweise auch Mittel gegen so seltene Krankheiten wie Krebs unter einen solchen Exoten-Status fallen, wenn sie ein bestimmtes Umsatzvolumen nicht überschreiten. Und schließlich beschnitten die Pillen-Konzerne noch die Macht der Krankenkassen bei den Verhandlungen zu den Rabattverträgen. „Man hat den Eindruck, dass Lobbyverbände viel erreicht haben“, lautet deshalb das Fazit von Wolf-Dieter Ludwig, dem Vorsitzenden der „Arzneimittel-Kommission der deutschen Ärzteschaft“.
BAYER finanziert Obama-GegnerInnen
Bei den jüngsten Wahlen zum US-Kongress investierte BAYER 108.100 Dollar an Wahlkampf-Spenden in republikanische und demokratische KandidatInnen, die den Klimawandel in Abrede stellen oder sich gegen Barack Obamas Klimaschutz-Politik aussprechen (siehe auch SWB 1/11). Und der Konzern erreichte sein Ziel. Die Mehrheitsverhältnisse änderten sich, womit der „American Clean Energy and Security Act“ des US-Präsidenten vorerst auf dem Müllhaufen der Geschichte landete.
Lobbyismus als Dienstleistung
In wichtigen Hauptstädten wie Berlin, Brüssel, Washington und Peking unterhält der Leverkusener Multi mittlerweile so genannte Verbindungsbüros. „Wir bei BAYER verstehen uns als Bestandteil der Gesellschaft und sehen es daher als unsere Pflicht, uns in die gesetzgeberischen Entscheidungsprozesse einzubringen“, sagte der einstige Vorstandsvorsitzende Werner Wenning zur Begründung. Und die oberste Einbringerin in Berlin, Patricia Solaro, betrachtet sich nicht als schnöde Lobbyistin; ihrem Verständnis nach hat sie eine Service-Funktion. „Wir sind Dienstleister für die Politiker, das bedeutet, wir müssen komplexe Sachverhalte aus den Bereichen Pharma, Gesundheit und Chemie verständlich darstellen“. Im Moment gibt die Dame den Abgeordneten Nachhilfe in „steuerlicher Forschungsförderung“ (s. u.), „Bildungsförderung“ und „Ordnungspolitik“.
LobbyistInnen bei der EFSA
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA, die unter anderem für die Zulassung von Gen-Pflanzen zuständig ist, steht seit langem in dem Ruf, allzu industrie-freundlich zu sein. Das bestätigte sich im Herbst 2010 noch einmal. Da kam nämlich heraus, dass die EFSA-Verwaltungsratschefin Diána Bánáti auch für das „International Life Science Institute“ (ILSI) tätig ist, das - finanziert unter anderem von BAYER, MONSANTO und COCA COLA - regelmäßig Entlastungsstudien zu Gen- und Nanotechnik sowie zu anderen umstrittenen Praktiken anfertigt. Der bekannte Gentechnik-Gegner und EU-Parlamentarier José Bové forderte die Behörde nach Bekanntwerden des Skandals auf, alle in der Amtszeit von Bánáti gefällten Genehmigungsentscheidungen zu widerrufen. Bánáti blieb nichts anderes übrig, als ihre ILSI-Ämter niederzulegen. Aber der Einfluss des Instituts auf die EFSA besteht trotzdem fort. Es ist im Verwaltungsrat noch durch Milan Kovac vertreten, in der Pestizid-Abteilung durch Raymon Boobis und im Bisphenol-A-Gremium durch Laurence Castle.
Merkel bei BAYER
Während ihrer USA-Reise im April 2010 besuchte Angela Merkel auch die BAYER-Niederlassung im kalifornischen Berkeley. Mit dem Pharma-Vorstand Wolfgang Plischke besichtigte sie die Anlagen zur Produktion des Blutpräparates KOGENATE und zeigte sich laut Konzern-Postille direkt „ebenso wie ihre Delegation sehr beeindruckt von den Hightech-Herstellungsverfahren“. Aber solche „Innovationen“ kommen nach Ansicht des Unternehmens nicht von ungefähr. „Hierbei spielen gute Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle“, erläuterte Plischke der Bundeskanzlerin und führte als Beispiel die von der US-Regierung eingeräumten Steuer-Vorteile für Forschungsaufwändungen an, für die sich der Multi auch hierzulande mit aller Kraft einsetzt. In Berkeley selber spricht der Multi freilich nicht von guten Rahmenbedingungen. Da macht er anderswo bessere aus und setzt die Stadt damit unter Druck (siehe auch SWB 1/11)
Thailändischer Minister bei BAYER
Ende Juli 2010 besuchte der thailändische Industrieminister Chaiwuti Bannawat die BAYER-Zentrale in Leverkusen. Er besichtigte die Sicherheitszentrale und das Entsorgungszentrum Bürrig. Zudem traf er mit Günter Hilgen zusammen, dem Hauptverantwortlichen für das weltweite Polycarbonat-Geschäft des Multis. Bei dem Gespräch dürfte es auch um die Lage im Industriegebiet Map Ta Phut gegangen sein, wo der Konzern eine Anlage betreibt. Wegen der starken Umweltbelastung hatte ein Gericht dort Ende 2009 einen Baustopp für 70 Produktionsstätten, darunter zwei von BAYER, verhängt. Die Regierung lockerte ihn jedoch sukzessive, bis im Oktober 2010 auf der Roten Liste nur noch zwei Projekte übrig blieben.
FDP-Politikerin besucht CURRENTA
Die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Ulrike Flach hat CURRENTA, das Gemeinschaftsunternehmen von BAYER und seiner Chemie-Abspaltung LANXESS, einen Besuch abgestattet und dabei dem Chemie„park“-Betreiber liberalen Beistand versichert. „Um die Zukunft unserer Chempark-Standorte zu sichern, sind stabile politische Rahmenbedingungen ebenso unabdingbar wie faire Wettbewerbsbedingungen“, so Flach.
Voigtsberger bei BAYER
Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) gratulierte BAYER zum 50. Geburtstag des Bergkamener Werkes und sprach auf dem Jubiläumsempfang ein Grußwort.
Wirtschaftsrat vs. Klimaschutz
Der Wirtschaftsrat der Christdemokraten, bei dem der BAYER-Manager Wolfgang Große Entrup das Umweltressort betreut, hat im Vorfeld des CDU-Parteitages im November 2010 neben massiven Kürzungen im Sozialbereich auch eine Revision der Klima-Politik angemahnt. „Die industrielle Basis darf durch steigende Stromkosten sowie Mehrfachbelastungen bei der Ökosteuer und im Emissionshandel nicht zerstört werden“, hält der Rat fest. Angesichts eines angeblich marginalen Anteils der Bundesrepublik am klima-zerstörenden Kohlendioxid-Ausstoß möchte er den Ausbau der Erneuerbaren Energien stoppen. Zudem bekennen sich Große Entrup & Co. zu der Verlängerung der AKW-Laufzeiten und fordern ganz allgemein einen Paradigmenwechsel: „Die Wirtschaftlichkeit des Energiesystems muss wieder oberste Priorität haben“.
VCI-Wahlkampfspenden: 170.000 Euro
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat von 2002 bis 2010 Wahlkampf-Spenden in Höhe von 170.000 Euro geleistet. Dabei ging der Lobby-Club von BAYER & Co. selektiv vor und bedachte nur CDU und FDP; die Christdemokraten erhielten 100.000 Euro und die Liberalen 70.000 Euro.
PROPAGANDA & MEDIEN
Beschwerde beim Kölner Stadtanzeiger
Im letzten Jahr hatte ein Journalist die Aktivitäten der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN während der BAYER-Hauptsammlung für das Video-Portal des Kölner Stadtanzeigers gefilmt. Das passte dem Leverkusener Multi nicht. Er schrieb einen Beschwerde-Brief an die Chefredaktion. Die Zeitung ließ sich aber ebenso wenig einschüchtern wie der Filmemacher, der dem Konzern antwortete, er suche sich seine Themen immer noch selber aus.
BAYER sponsert Weltverhütungstag
„Fünf gegen das Wachstum der Bevölkerung investierte Dollar sind wirksamer als hundert für das Wirtschaftswachstum investierte Dollar“, sagte einst der ehemalige US-Präsident Lyndon B. Johnson über seine Vorstellung von „Entwicklungshilfe“. Zur Freude des Leverkusener Multis erfreut sich diese Ansicht auch heute noch großer Beliebtheit, die „gigantischen Fruchtbarkeitsmärkte“ in den armen Ländern versprechen nämlich gute Absatzchancen für die Verhütungsmittel des Konzerns. Um die Geschäftsaussichten für YASMIN & Co. noch ein wenig zu verbessern, beteiligt er sich auch 2010 wieder am Weltverhütungstag. Dieses Mal legt die Reklame-Veranstaltung den Schwerpunkt auf ungewollte Schwangerschaften von Jugendlichen infolge ihrer Sexualpraktiken. „Der am häufigsten genannte Grund für ungeschützten Geschlechtsverkehr ist die fehlende Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln“, hält die „Deutsche Stiftung Weltbevölkerung“ zum von ihr mitausgerichteten Weltverhütungstag fest und rührt damit die Werbetrommel für einen ihrer Hauptsponsoren. BAYER hat die Stiftung im Jahr 2009 nämlich mit einer Spende von über 10.000 Euro bedacht.
BAYER spendet an „Die Arche“
BAYERs BEPANTHEN-Kinderförderung unterstützt seit längerem das Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“, das dem evangelikalen Verband „Deutsche Evangelische Allianz“ angehört, und investiert damit in das SozialarbeiterInnen-Image des Konzerns. Dieses Jahr dachte sich der Leverkusener Multi allerdings eine besonders lukrative Win/Win-Situation aus. Er vermittelte seinen KundInnen die Illusion, beim Kauf von BEPANTHEN Gutes zu tun und honorierte die Rückgabe einer leeren und den Erwerb einer neuen Packung der Wundsalbe mit einem Euro für „Die Arche“. 45.000 Euro kamen so zusammen.
BAYERs Standort-Kampagne
Der Pharma-Riese spielt seinem Stammsitz Leverkusen seit längerer Zeit übel mit. Das Werk schrumpft und schrumpft und damit auch die Zahl der Arbeitsplätze, die Gewerbesteuer fließt nur noch spärlich und die vielbeschworene BAYER-Familie wird dysfunktionaler und dysfunktionaler. Deshalb hatte der Multi im letzten Jahr unter dem Motto „Leverkusen und BAYER. Ein starkes Team“ eine Image-Kampagne mit Anzeigen, lokaler Internet-Seite und mehreren Wettbewerben begonnen. Einer von ihnen forderte SchülerInnen auf, sich zu „Leverkusen begeistert“ etwas einfallen zu lassen. 60 Kinder und Jugendliche fühlten sich angesprochen und fertigten Arbeiten an, die das Unternehmen dann der Öffentlichkeit präsentierte. Auch die Kooperation mit der Rheinischen Post läuft weiter. Nach einem Leverkusen-Quiz veranstaltete der Global Player mit seinem „Medienpartner“ im Juni eine Stadtrallye für Schulklassen; als Hauptgewinn winkte eine Unterrichtsstunde mit Armin Maiwald von Der Sendung mit der Maus.
BAYER zeigt Ausstellung
Der Leverkusener Multi kooperiert mit dem UN-Umweltprogramm UNEP, um seine jährlich acht Millionen Tonnen CO2-Ausstoß und andere Missetaten vergessen zu lassen. Eine Frucht dieses Greenwashings stellt ein Kinder-Malwettwerb zum Thema „Klimawandel“ dar. Die prämierten Arbeiten präsentierte der Multi während des Junis 2010 in der Hagener Stadtsparkasse.
Klima-Preis an Peter Lemke
BAYER hat im Geschäftsjahr 2009 die Wenigkeit von acht Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen und fühlt sich trotzdem berufen, Klima-Preise zu verleihen. Den diesjährigen „BAYER Climate Award“ erhielt Peter Lemke vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für seine Forschungen zu den Auswirkungen der Erderwärmung auf die Polkappen.
TIERE & VERSUCHE
Kontrollierter Versuchstier-Anbau
171.251 Versuchstiere fanden 2009 den Weg in die BAYER-Labore, davon über 1.000 Hunde, Katzen und Affen. Dabei betont der Konzern aber, wie sorgsam er seine Kandidaten aussucht. So kommen die Hunde nur von speziellen, streng kontrollierten ZüchterInnen. Und wenn sie die Tests überleben, verschenkt der Leverkusener Multi sie sogar. Da kann man ja fast schon von Tierliebe sprechen!
Tierquälereien bei PLRS
Nach Recherchen der Tierrechtsorganisation PETA kommt es beim US-amerikanischen Tierversuchsunternehmen PROFESSIONAL LABORATORY AND RESEARCH SERVICES (PLRS), bei dem BAYER Floh- und Zeckenmittel wie ADVANTAGE testen lässt, zu Tierquälereien in großem Ausmaß. Die Beschäftigten zerren Kaninchen an Ohren, reißen Hundewelpen an der Kehle hoch und schleudern Katzen in ihre Käfige. Eine tierärztliche Versorgung findet ebenfalls nicht statt. „Das Leben der Tiere bei PLRS ist ein Alptraum. Kein Hunde- oder Katzenhalter kann akzeptieren, dass Hunde und Katzen so schrecklich gequält werden. Die Verantwortlichen in den Pharma-Konzernen müssen unverzüglich reagieren“, fordert Christine Esch von PETA deshalb.
DRUGS & PILLS
Noch mehr YAZ & Co.
Trotz zahlreicher Todesfälle und starker Nebenwirkungen setzt BAYER weiter auf Kontrazeptiva aus der YASMIN-Familie. Weil für die Präparate der Patentschutz ausläuft, entwickelt der Leverkusener Multi fieberhaft Varianten mit geringfügigen Abweichungen. So hat er in den USA für BEYAZ die Zulassung erhalten, das zusätzlich zu den YAZ-Wirkstoffen noch Vitamin B enthält, um einer angeblichen Unterversorgung bei späteren Schwangerschaften und daraus resultierenden Geburtsfehlern vorzubeugen.
VALETTEs Thrombose-Risiko
BAYER hat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die das Thromboembolie-Risiko des Verhütungsmittels VALETTE im Vergleich zu demjenigen von Levonorgestrel-haltigen Pillen bestimmen sollte. Wenn es weniger als doppelt so viel Thromboembolie-Fälle unter dem Dienogest-haltigen VALETTE wie unter den anderen Mitteln gibt, dann wollte das Studien-Design von einer „Nichtunterlegenheit“ sprechen. Dieses Kriterium erreichte das Kontrazeptivum mit einem Wert von 1,8 knapp. Das industrie-unabhängige arznei-telegramm beurteilt das Ergebnis deshalb skeptisch. „Die Unbedenklichkeit der Dienogest-haltigen Kombination ist unseres Erachtens dennoch nicht belegt: Der obere Wert des Vertrauensbereichs von 1,8 bedeutet, dass das Risiko venöser thromboembolischer Ereignisse unter Dienogest bis zu 80 % höher sein kann als unter Levonorgestrel – für die Annahme von Nichtunterlegenheit inakzeptabel hoch“, schreibt das Fachorgan. Zudem zieht es die Seriösität des mit der Studie beauftragten ZEG Berlin in Zweifel, da ein ehemaliger SCHERING-Beschäftigter dieses leitet und es regelmäßig durch für die Pharma-Riesen günstige Bewertungen auffällt. „Solange unabhängige Studien fehlen, raten wir von Dienogest-haltigen Kontrazeptiva ab“, lautet aus diesem Grund das Resümee des arznei-telegramms.
LEVITRA als Schmelztablette
BAYERs Potenzpille gibt es jetzt auch als Schmelztablette. Im Juni 2010 haben die US-amerikanischen Behörden die neue Version namens STAXYN zugelassen. Aber auch ein zarter Schmelz kann nicht verhindern, dass das Mittel zahlreiche Nebenwirkungen hat. Temporärer Gedächtnisverlust, zeitweilige oder dauerhafte Hörschäden, Sehstörungen bis zum Sehverlust, Schwindel, Höhenangst, Kopfschmerzen, Nasenschleimhaut-Entzündungen, Grippe-Symptome sowie Gesichtsrötungen zählen dazu.
LEVITRA mit Pfefferminz-Geschmack
Damit die Potenz-Pille LEVITRA auch nach Lifestyle-Präparat schmeckt und nicht mehr nach Arznei, hat der Leverkusener Multi sie mit einem Pfefferminz-Aroma aus seinem reichhaltigen Chemiebaukasten versehen. Die Risiken und Nebenwirkungen bleiben allerdings bestehen. Temporärer Gedächtnisverlust, zeitweilige oder dauerhafte Hörschäden, Sehstörungen bis zum Sehverlust, Schwindel, Höhenangst, Kopfschmerzen, Nasenschleimhaut-Entzündungen, Grippe-Symptome und Gesichtsrötungen zählen dazu.
ALPHARADIN bei Prostata-Krebs?
BAYER erprobt gerade in der dritten und letzten Test-Phase ein neues Präparat zur Behandlung von Prostata-Krebs. Wie andere zur Zeit noch getestete Präparate (siehe GENE & KLONE) und das bereits auf dem Markt befindliche NEXAVAR ist der Einsatz von ALPHARADIN jedoch nur bei PatientInnen vorgesehen, bei denen andere Therapien versagt haben. Erst wenn bei dem Prostata-Kranken eine Hormon-Behandlung erfolglos geblieben ist und sich zudem noch Metastasen im Knochen gebildet haben, sollen die MedizinerInnen später einmal das von RadiologInnen entwickelte ALPHARADIN verschreiben dürfen, um mittels Alpha-Strahlen das Tumor-Wachstum zu hemmen.
Herzinfarkt durch NEBIDO & Co.
Vor einiger Zeit hat BAYER die Krankheit „Testosteron-Mangel“ erfunden, um für Testosteron-Präparate wie NEBIDO und TESTOGEL das neue Geschäftsfeld „Männergesundheit“ zu etablieren. Eine neue Untersuchung, aus den USA warnt jedoch vor den Mitteln. Die WissenschaftlerInnen mussten die Studie sogar abbrechen, weil es unter den ProbandInnen der Testosterongruppe vermehrt zu kardiovaskulären Ereignissen, darunter ein tödlicher Herzinfarkt, gekommen war (siehe SWB 1/11).
Kein MAGNEVIST für Nierenkranke
BAYERs Röntgen-Kontrastmittel MAGNEVIST enthält das chemische Element Gadolinium, das bei vielen Nierenkranken eine Fibrose auslöst. In Einzelfällen führte dieses unkontrollierte Wachstum des Bindegewebes sogar zum Tod der PatientInnen. Deshalb sieht sich der Leverkusener Multi bereits mit über 300 Klagen von Opfern oder deren Angehörigen konfrontiert. Die US-Gesundheitsbehörde FDA sah sich zu einer Reaktion gezwungen. Sie untersagte die Verwendung von MAGNEVIST bei Personen mit Nierenstörungen.
Arznei gegen Makula-Degeneration?
BAYER entwickelt eine Arznei gegen die Makula-Degeneration. Bei dieser Krankheit bilden sich am Auge Gefäß-Wucherungen, die auf die Netzhaut drücken und zur Erblindung führen können. Mit dem neuen Wirkstoff „VEGF Trap Eye“ will der Leverkusener Multi das Wachstum des Gewebes hemmen. Auch bei der speziellen Art der Makula-Degeneration, wie sie manche DiabetikerInnen erleiden, soll das Mittel zum Einsatz kommen.
BAYER unterstützt Parkinson-Verband
BAYER gehört zu den 16 Pharma-Unternehmen, welche die „Deutsche Parkinson-Vereinigung“ sponsern. Damit erschließt sich der Leverkusener Multi schon mal den KundInnenkreis für die Parkinson-Arzneien, an denen er gerade forscht.
Pillen-Preise: plus 4,8 Prozent
Und immer wieder steigen die Pillen-Preise. 2009 haben die Krankenkassen 32,4 Milliarden Euro für Arzneien aufwenden müssen - 4,8 Prozent mehr als 2008. In anderen europäischen Ländern liegen die Kosten längst nicht so hoch. So zahlen Frauen in der Bundesrepublik für BAYERs umstrittenes Verhütungsmittel YASMIN (siehe auch RECHT & UNBILLIG) pro Dreimonatspackung 39,40 Euro, in England aber nur 16,80 Euro. ASPIRIN schlägt hierzulande mit 20 Cent pro Tablette zu Buche, in Russland mit 15, in der Tschechoslowakei mit 14, in Griechenland mit 3 und in England mit 2 Cent. „Preissubventionen von 9,4 Milliarden Euro für die Pharma-Industrie sind weder ökonomisch noch gesundheitspolitisch vertretbar“, kommentierte der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe die Preis-Unterschiede.
PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE
Pestizide in Strauchbeeren
GREENPEACE hat die Pestizid-Belastung von Strauchbeeren untersucht. Während die Ackergift-Rückstände in Himbeeren zurückgingen, nahmen sie in Johannisbeeren zu. Agrochemikalien made by BAYER fanden sich in beiden Beeren-Arten. In Himbeeren wiesen die ForscherInnen Tebuconazole (Produktname: FOLICUR) und Thiacloprid (CALIPSO, PROTEUS) nach, die beide wegen ihrer Gefährlichkeit EU-weit keine neue Zulassung mehr erhalten, und in Johannisbeeren mit Tolylfluanid (EUPAREN) zusätzlich noch ein weiteres Auslaufmodell sowie Trifloxystrobin (NATIVO, CORONET). Dabei überschritt zwar kein einziger der 20 aufgespürten Wirkstoffe die zulässigen Höchstwerte, aber die Masse machts. „Es ist ein gängiger Trick: Um die gesetzlichen Grenzwerte für die einzelnen Pestizide einzuhalten, spritzen die Produzenten ihr Obst mit einem Cocktail aus vielen verschiedenen Pestiziden“, kritisierte der GREENPEACE-Experte Manfred Santen.
K-OBIOL für Getreidelager
Nicht nur auf den Feldern kommt Weizen, Gerste & Co. mit Pestiziden in Berührung, sondern auch bei der Lagerung. So bietet BAYER für die Getreide-Kammern das Insektizid K-OBIOL mit den Wirkstoffen Deltamethrin und Piperonylbutoxid an. „Dies ist das einzige in Deutschland zugelassene Produkt für die Spritz-Applikation in Leerräumen“, wirbt der Konzern und preist den Effekt der Agro-Chemikalie auf Getreidemotten, Getreidekapuziner, Kornkäfer und Reismehlkäfer.
Pestizid-Gefahr: Keine Besserung
BAYER & Co. betonen bei jeder Gelegenheit die Unbedenklichkeit ihrer Pestizide und legen dar, mit wieviel Mühe sie gerade in Ländern des Südens über die richtige Handhabung ihrer Produkte informieren, um etwaige Gesundheitsschädigungen zu vermeiden. Der neue Bericht „Communities in peril“, den das PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK (PAN) herausgegeben hat, kann jedoch keine Erfolge verzeichnen: Nach wie vor kommt es zu zahllosen Vergiftungen. „Die Ergebnisse des Monitoring wiederlegen die von den Pestizid-Herstellern gemachten Aussagen zur „sicheren Anwendung von Pestiziden. Die Daten zeigen, dass die Pestizid-Anwendungsbedingungen in den Ländern des globalen Südens dazu führen, dass Menschen regelmäßig Schaden erleiden“, konstatierte Dr. Abou Thiam von der afrikanischen PAN-Sektion.
GENE & KLONE
Bald mehr Zulassungen?
Die EU will es künftig ihren Mitgliedsstaaten überlassen, Genpflanzen zu genehmigen. Und Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) plant, den Stab gleich weiterzugeben und die einzelnen Bundesländer entscheiden zu lassen. Sie weiß nämlich um die zahlreichen Gentech-GegnerInnen in ihrer bayerischen Heimat und möchte ihre StammwählerInnen nicht vergraulen. BeobachterInnen rechnen durch die neuen Regelungen mit mehr Zulassungen für die Laborfrüchte.
Neue Stammzell-Fabrik
In Nordrhein-Westfalen entsteht mit staatlichen Subventionen eine Fabrik zur Produktion von „Induzierten Pluripotenten Stammzellen“ (IPS). Diese Stammzellen, die hauptsächlich zur Erprobung von Medikamenten dienen sollen, erzeugen ForscherInnen durch eine „Rückprogrammierung“ normaler Körperzellen, sie gewinnen sie also nicht durch das Abtöten von Embryos. Für den Bau der Anlage ist BAYER TECHNOLOGY SERVICES zuständig. Betreiben wird sie die LIFE AND BRAIN GmbH des an der Universität Bonn lehrenden, berühmt-berüchtigten Genforschers Dr. Oliver Brüstle. Da der Leverkusener Multi selber Patente auf die Herstellung von IPS hält, dürfte eine spätere Zusammenarbeit auch auf medizinischem Gebiet nicht ausgeschlossen sein.
Kooperation mit ONCOMED
BAYER will die Forschungen von ONCOMED zu Krebs-Stammzellen nutzen und hat eine Kooperation mit dem kanadischen Unternehmen vereinbart. Die Partner planen, gemeinsam einen Stoff zu entwickeln, der die Arbeit von Krebs-Stammzellen hemmt und so Tumorzellen am Wachstum hindert. Theorie und Praxis liegen allerdings oft ziemlich weit auseinander. So gelingt es BAYERs ebenfalls in den Organismus von Krebszellen eingreifendes Krebsmittel NEXAVAR gerade einmal, das Leben der PatientInnen um zwei, drei Monate zu verlängern (SWB 4/10).
Regorafenib bei Darmkrebs?
BAYER testet ein neues Darmkrebs-Mittel. Die Substanz Regorafenib, welche die Blutzufuhr von Tumorzellen unterbinden und so ihr Wachstum hemmen soll, befindet sich in der dritten und letzten Phase der Klinischen Versuche. Er ist allerdings nur für einen Einsatz bei PatientInnen vorgesehen, bei denen die Standard-Therapien versagt haben und dürfte auch nicht lebensverlängernder wirken als das Konzern-Produkt NEXAVAR (s. o.).
Kein T25-Mais in Europa
Kurz nachdem ein brasilianisches Gericht die Anbau-Genehmigung für BAYERs Genmais „T25“ aus Sicherheitsgründen zurückgezogen hatte (siehe RECHT & UNBILLIG), erklärte das Unternehmen den Verzicht darauf, die Sorte in Europa zu vertreiben. Unter anderem begründete der Leverkusener Multi diesen Schritt damit, keine Genehmigung für die Ausbringung des in Kombination mit „T25“ vermarkteten Ultragifts Glufosinat auf Mais-Feldern zu haben.
Mehr Gentech, mehr Schadinsekten
Da hat die Gentechnik mal wieder ein Eigentor geschossen: Die mit dem giftigen Bacillus thuringiensis (Bt) bestückten Mais-Arten von MONSANTO, BAYER und anderen Anbietern haben in den USA die Bestände des Baumwollkapselbohrers empfindlich dezimiert und dadurch seinem Fraßkonkurrenten, dem Westlichen Bohnenschneider, zu neuer Blüte verholfen, was wiederum die Maispflanzen-Blüte empfindlich stört. Aber die Agro-Riesen wissen Abhilfe: Sie raten zu vermehrtem Insektizid-Einsatz oder zum Kauf von neuen, gleich mit mehreren Bt-Sorten bestückten Laborfrüchten.
Indien: Bt-Baumwolle lohnt nicht
Während in den USA die mit dem giftigen Bacillus thuringiensis (Bt) ausgestatteten Genpflanzen von MONSANTO, BAYER & Co. die Populationen des Baumwollkapselbohrers empfindlich treffen (s. o.), breiten sich in Indien erste Resistenz-Reaktionen unter den Insekten aus. Darum müssen die LandwirtInnen zusätzlich Pestizide einsetzen. Nach einer Studie von GREENPEACE greifen die InderInnen dabei mit am häufigsten zu Monocrotophos, einem Wirkstoff, den BAYER nach eigenen Angaben eigentlich wegen seiner Gefährlichkeit schon länger aus dem Angebot gestrichen haben will. Aber nicht nur wegen der Zusatz-Ausgaben für Agro-Chemikalien lohnt sich für die FarmerInnen der Anbau von Bt-Baumwolle nicht. Der Untersuchung zufolge müssen sie auch empfindlich mehr für das Saatgut bezahlen, ohne einen im Vergleich zu Bio-Bauern und -bäuerinnen höheren Ernte-Ertrag zu haben. Überdies können ihre Gen-Pflanzen nicht so gut Trockenheitsperioden trotzen wie die Bio-Produkte ihrer KollegInnen. Deshalb lautet das Fazit von GREENPEACE: „Zusammenfassend machen die Ergebnisse der Untersuchung deutlich, dass Bt-Baumwolle ein erhebliches finanzielles Risiko bedeutet für von Armut betroffene Kleinbauern, die Regenfeld-Anbau betreiben. Auf der anderen Seite stellt Bio-Baumwolle offensichtlich eine Option zur Reduzierung von Armut und der Verbesserung von Lebensbedingungen in ländlichen Gebieten dar.“
Kooperation mit DOW CHEMICAL
Schadinsekten gewöhnen sich zunehmend an die Pestizide, welche die Hersteller im Kombipack mit ihren gegen diese Wirkstoffe resistenten Genpflanzen verkaufen (s. o.). Deshalb gehen BAYER & Co. nach der Devise „Doppelt hält besser“ immer mehr dazu über, ihre Sorten gleich gegen mehrere Agrochemikalien immun zu machen und gewähren sich gegenseitig Zugriff auf ihre Technologien. Nach Lizenzabkommen mit MONSANTO, DUPONT und SYNGENTA hat der Leverkusener Multi jetzt einen Vertrag mit DOW AGRO SCIENCES geschlossen. Nach dieser Vereinbarung kann der Agro-Riese die DOW-Erfindung WIDESTRIKE nutzen, während das US-Unternehmen die Verfügungsrechte über die BAYER-Entwicklung GLYTOL erhält, die Genpflanzen resistent gegen das Herbizid Glyphosat macht.
Glyphosat schädigt Bodenorganismen
Der Pestizid-Wirkstoff Glyphosat, den BAYER & Co. im Kombi-Pack mit ihren gegen diese Substanz immun gemachten Genpflanzen verkaufen, kann Bodenorganismen schädigen. Das ergab eine wissenschaftliche Untersuchung, die das European Journal of Agronomy im Oktober 2009 veröffentlichte. So tötet die Substanz Bakterien ab, die den Boden mit Stickstoff versorgen und auf diese Weise zum guten Gedeihen der Ackerfrüchte beitragen.
PFLANZEN & SAATEN
Patente auf konventionelle Pflanzen
Nicht nur auf gen-manipulierte Ackerfrüchte, sondern auch auf mittels konventioneller Verfahren gezüchtete erheben die Konzerne Patentansprüche. 1.260 Mal hat das Europäische Patentamt diese bis Dezember 2009 schon anerkannt. BAYER bekam unter anderem ein Schutzrecht auf eine herbizid-resistente Mais-Art zugesprochen und will gerade Methoden zur Züchtung von Pflanzen zur Agrodiesel-Produktion als geistiges Eigentum schützen lassen.
WASSER, BODEN & LUFT
Bisphenol A belastet den Rhein
BAYER ist einer der größter Hersteller der Industrie-Chemikalie Bisphenol A, die unter anderem in Baby-Flaschen und Konservendosen Verwendung findet und zu Schädigungen des Nervensystems, Übergewicht, Unfruchtbarkeit, Diabetes sowie Herz- und Lebererkrankungen führen kann (siehe SWB 4/10). Zu allem Unglück verunreinigt die Substanz laut Bewirtschaftungsbericht des NRW-Umweltministeriums auch den Rhein, wobei die Konzentration an mehreren Messstellen sogar die Orientierungswerte - Grenzwerte gibt es für den Stoff nicht - überschritten hat.
Nordsee ist Mordsee
Etwa 6.000 Giftgas-Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg liegen zweieinhalb Seemeilen vor Helgoland in der Nordsee (Ticker 4/09). Bestückt sind sie mit dem Kampfstoff Tabun, den Gerhard Schrader 1936 im Wuppertaler BAYER-Werk entwickelt hatte. Anfang des Jahres entschied die schleswig-holsteinische Landesregierung, die 90 Tonnen schweren Geschosse auf dem Meeresgrund zu lassen, weil sie bei einer Bergung zu explodieren drohen. Die PolitikerInnen wollen jetzt lediglich das Verlegen von Leitungen durch das Areal verhindern und „die Marine bitten, ihre Übungen in diesem Gebiet einzuschränken“. Den UmweltschützerInnen des Waterkant-Magazins reicht das nicht. „Nur ein generelles Verbot aller Aktivitäten mit Bezug zum Meeresgrund, rechtskräftig verankert und von Überwachung begleitet, kann Risiken ausschließen“, heißt es in dem Blatt.
Sanierung mit Nebenwirkungen
Bis zum Jahr 2003 betrieb BAYER im englischen Hauxton nahe Cambridge ein Werk. Bei der Schließung hinterließ der Konzern in Boden und Grundwasser jede Menge Altlasten. Trotzdem sollen auf dem Gelände Wohnhäuser entstehen. Auf politischen Druck hin hat sich der Investor auch zu Sanierungsmaßnahmen durchringen können. Im Frühjahr haben die Arbeiten begonnen, bei denen die im Erdreich schlummernden Schadstoffe allerdings zu neuem Leben erwachten. Sie verströmten einen üblen Geruch, der krank machte. Einer Untersuchung der Initiative HAUXAIR zufolge klagten mehr als die Hälfte der 402 AnwohnerInnen über Atemprobleme, Kopf- und Halsschmerzen sowie andere Gesundheitsstörungen.
GIFTIG, ÄTZEND & EXPLOSIV
Bisphenol in Kassenbons
Bislang fand sich die Industrie-Chemikalie Bisphenol A hauptsächlich in Lebensmittel-Verpackungen wie Konservendosen und Babyflaschen wieder. Jetzt spürten ForscherInnen diese Substanz, zu deren größten Herstellern BAYER zählt, auch in Kassenbons auf. Da der Stoff zu Schädigungen des Nervensystems, Übergewicht, Unfruchtbarkeit, Diabetes sowie Herz- und Lebererkrankungen führen kann, hat der REWE-Konzern bereits angekündigt, in Zukunft anderes Thermopapier für die Ausdrucke zu verwenden.
Bisphenol: EFSA tut nichts
Immer mehr Länder untersagen die Verwendung der gefährlichen Chemikalie Bisphenol A (s. o.), zu deren größten Herstellern BAYER zählt, in Babyflaschen und anderen Lebensmittel-Behältnissen. Die Bundesregierung wollte eine Stellungnahme der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA abwarten, ehe sie eine Entscheidung trifft. Im Herbst veröffentlichte die Behörde nun ihre Einschätzung und gab Entwarnung. Damit blieb sie ihrem industrie-freundlichen Ruf wieder einmal treu, für den im Bisphenol-A-Gremium besonders der für das von BAYER & Co. finanzierte „International Life Science Institute“ tätige Laurence Castle gesorgt haben dürfte (siehe auch POLITIK & EINFLUSS). Zum Glück scheint auch die EU ihrer eigenen Institution nicht recht über den Weg zu trauen. So kündigte der VerbraucherInnenschutz-Kommissar John Dalli trotz des EFSA-Gutachtens einen Vorstoß zum Verbot von Bisphenol in Babyflaschen an.
CO & CO.
Kein CO mehr übrig
Der Leverkusener Multi hat den Bau der Kohlenmonoxid-Pipeline stets damit begründet, das am Standort Dormagen im Überfluss vorhandene Gas ins mit CO unterversorgte Krefeld leiten zu wollen. Diese Argumentation ist jetzt hinfällig geworden, denn das in Dormagen vorhandene Kohlenmonoxid wird nicht ausreichen, um dort den Bedarf des 2014 in Betrieb gehenden neuen Kunststoff-Werkes decken zu können. Deshalb will BAYER sogar eine neue CO-Anlage bauen. An der Verbundleitung hält der Konzern aber trotzdem fest: „Nur eine Vernetzung gewährleistet die Versorgungssicherheit“.
Röttgens Jein zur Pipeline
Im September 2010 ging Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) auf Distanz zur BAYER-Pipeline. „Jenseits des rechtlichen Aspektes ist meine Meinung, dass so, wie das Projekt begonnen wurde - mit einer Vernachlässigung der Sicherheit - es keine Zukunft hat“, sagte er auf einer Regionalkonferenz im Zuge seines Landesparteivorsitzenden-Wahlkampfs. Als „geprägt von Nachbesserungen und Fehlern“ kritisierte er die Bauarbeiten und ließ auch ökonomische Gründe für die Giftgas-Leitung nicht gelten. „Besorgnissen und Fragen vor Ort kann man nicht mit dem pauschalen Argument Wirtschaftsstandort begegnen“, so der Politiker. Nach seiner erfolgreichen Wahl zum Landeschef der NRW-CDU hörte sich das alles aber schon wieder etwas anders an. „Ich bin nicht gegen die Pipeline, aber ich bin davon überzeugt, dass man die Bürger ernst nehmen muss und sich nicht einfach auf getroffene Entscheidungen berufen kann“, stellte er in der Rheinischen Post klar.
Erneuter Bomben-Fund
Nur 16 Meter von der Pipeline-Trasse entfernt stießen Straßenbau-Arbeiter unmittelbar unter der Erdoberfläche auf eine noch scharfe Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Es war nicht der erste Fund dieser Art: Zwei Granaten, zwei 10-Zentner-Blindgänger, Bombenreste und ein Maschinengewehr wurden entlang der Strecke bereits zu Tage gefördert. Da die Kampfmittel normalerweise vier bis fünf Meter tief im Boden liegen, hegen Mitglieder der Anti-Pipeline-Bürgerinitiativen den Verdacht, dass die Bombe während der Arbeiten an der Kohlenmonoxid-Leitung auf die Schippe eines Baggers geriet und unbemerkt „umgebettet“ wurde. Eigentlich hätte die Firma WINGAS die Bombe bereits bei ihrer Suche nach explosivem Material finden müssen, die sie erst auf Druck der Bezirksregierung durchgeführt hatte. Aber die verwendeten Luftbild-Aufnahmen reichten dafür offensichtlich nicht aus. Deshalb forderten die Pipeline-GegnerInnen unverzüglich: „Unter der gesamten Trasse muss sondiert werden. Sonst haben wir keine Garantie dafür, dass dort nicht noch Kampfmittel liegen“.
Erneute Mängel
Wieder einmal Pfusch am Pipeline-Bau: An drei Stellen ist die Isolierung der Rohrleitung beschädigt, so dass kein Rostschutz mehr besteht. An zwei weiteren Abschnitten überprüft der Leverkusener Multi noch entsprechende Verdachtsmomente. „Bei den entdeckten Fehlstellen handelt es sich um kleine Schäden an der Isolierung. Die können bei aller Einbau-Sorgfalt vorkommen“, versucht BAYERs Pipeline-Beauftragter Werner Breuer die Sache zu verharmlosen. Aber die unter neuer Leitung stehende Bezirksregierung spielte da nicht mit, verhängte einen Baustopp und sandte dem Pharma-Riesen einen Katalog mit 25 Fragen zu den erneuten Pannen zu.
Neues Pipeline-Verfahren
BAYER ist beim Bau der umstrittenen Kohlenmonoxid-Pipeline, welche die Standorte Dormagen und Krefeld miteinander verbinden soll, in 66 Fällen von den Planvorgaben abgewichen (Ticker 1/09). Der Leverkusener Multi verwendete zur Abschirmung der Rohre nur eine 60cm breite Geogrid-Matte statt einer 80cm langen, verlegte mancherorts nur 5,6mm starke Rohre statt solche mit einer Wandstärke von 6,3mm und änderte auch den Trassenverlauf. Damit hat der Leverkusener Multi nach Meinung des grünen Umweltministers Johannes Remmel und der - ebenfalls grünen - neuen Regierungspräsidentin Anne Lütkes neue Tatsachen geschaffen, die einer neuen Genehmigung bedürfen. Deshalb bereiten sie ein Planänderungsverfahren mit Bürgerbeteiligung vor. Dieses kann zwar nicht das dem Bau zugrunde liegende Planfeststellungsverfahren für null und nichtig erklären, aber doch für nochmalige Verzögerungen sorgen. Trotzdem gibt der Konzern sich demonstrativ gelassen: „Wir sind von der Ankündigung des Ministers nicht überrascht und begrüßen das Verfahren. Das gibt uns die Möglichkeit, Planungsanpassungen wie etwa die punktuelle Verlegung von Trassen zu erklären“.
Voigtsberger für Pipeline
Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger bekannte sich auf einer Veranstaltung der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE zu BAYERs Kohlenmonoxid-Pipeline. „Die CO-Pipeline ist notwendig“, konstatierte der Politiker. Und um das allen klar zu machen, schlug er ein Schlichtungsverfahren nach Stuttgarter Vorbild vor. Aber an einem Demokratie-Spiel mit vorher festgelegtem Ende wollen sich die Bürgerinitiativen nicht beteiligen. Auch die Grünen reagierten ablehnend auf den Vorstoß, der schließlich auch zu einem Streit innerhalb der rot-grünen Koalition führte. Nach Informationen der Rheinischen Post sprach Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ein Machtwort und kritisierte Voigtsberger intern für seine nicht dem Koalitionsvertrag entsprechenden Äußerungen.
NANO & CO.
Beschichtungen aus Nano-Silber
Nano leitet sich vom griechischen Wort für Zwerg ab. Die Nanotechnik beschäftigt sich folglich mit der Entwicklung von mikroskopisch kleinen Werkstoffen. Für die Risiken und Nebenwirkungen dieser „Zukunftstechnologie“ fühlt sich allerdings niemand verantwortlich. Dabei gibt es immer mehr alarmierende Hinweise. So können Nano-Stoffe nach einer Untersuchung der Universität Edinburgh das Gewebe angreifen und ähnlich wie in der Vergangenheit Asbest Entzündungen auslösen. Trotzdem produziert BAYER seine Nano-Röhrchen namens BAYTUBES munter weiter. Sie finden mittlerweile in Duftkapseln, Folien, Flüsterschotter, Eishockeyschlägern, Windrad-Flügeln, Akkus und Farbstoffen zur medizinischen Diagnostik Verwendung. Zudem entwickelt der Multi zur Zeit auch eine antibakterielle Beschichtung aus Nano-Silber für Medizin-Produkte wie Katheder und Schläuche.
Keine kommerzielle Nano-Produktion?
Im Monatsabstand vermeldet BAYER neue Anwendungsmöglichkeiten für seine Nano-Produkte. So finden die CNT-Röhrchen, denen Studie asbest-ähnliche Wirkungen bescheinigen, dem Konzern zufolge mittlerweile in Duftkapseln, Folien, Flüsterschotter, Eishockeyschlägern, Kathedern, Schläuchen, Windrad-Flügeln, Akkus und Farbstoffen zur medizinischen Diagnostik Verwendung. Die entsprechende Anlage in Leverkusen müsste nach der Schließung der Produktion in Laufenberg also auf Hochbetrieb laufen. Allerdings handelt es sich dabei nur um ein Technikum, das kein Genehmigungsverfahren durchlaufen hat und deshalb eigentlich auch keine zum Verkauf bestimmten Waren herstellen dürfte. Um den Sachverhalt aufzuklären, richtete die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN eine Anfrage an die Bezirksregierung. Demnach scheinen die Geschäfte mit den CNT-Röhrchen entgegen den vollmundigen Aussagen des Unternehmens nur im Nano-Maßstab zu laufen - falls der Multi keine „Irreführung der Behörden“ betreibt. „Anfragen bei potenziellen Kunden haben inzwischen gezeigt, dass der Markt CNT-Material mit anderen Eigenschaften benötigt“, antwortete die Bezirksregierung. „Wegen der unzureichenden Nachfrage auf dem Markt“ habe BAYER nicht beantragt, Teile der Produktion zu verkaufen.
PLASTE & ELASTE
SABIC will Kunststoff-Sparte
Ende September 2010 hatte BAYER-Sprecher Hans-Bernd Schmitz dementiert, dass der Leverkusener Multi sich von seiner Kunststoff-Sparte BAYER MATERIAL SCIENCE (BMS) trennen wolle. „Wer soll BMS kaufen“, fragte er rhetorisch und schloss namentlich den saudisch-arabischen Mitwerber SABIC als Abnehmer aus. Just der bekundete aber einen Monat später ernsthaftes Interesse. „Wenn BAYER auf uns zukäme, würden wir uns das durchaus anschauen“, bekannte SABIC-Chef Mohamed Al-Mady in der Zeit. Trotz des derzeitigen Bekenntnisses des neuen BAYER-Chefs Marijn Dekkers zu Plaste und Elaste dürften die Trennungsgerüchte um BMS also vorerst nicht verstummen.
Kunststoffpreise heben an
BAYER profitiert von steigenden Kunststoff-Preisen. So mussten die AbnehmerInnen für Polycarbonate in jüngster Zeit Aufschläge von 25 Prozent in Kauf nehmen und erwarten einen noch kräftigeren Anstieg. Wilfried Haese von BAYER MATERIAL SCIENCE erklärt das mit der höheren Nachfrage, der empfindlichen Baisse von 2007-2009 und einem geringeren Produktionsvolumen für bestimmte Anwendungen wegen der Krise der Musikindustrie. Seine Kunden wie etwa CD-Produzenten sprechen dagegen von einer „nicht nachvollziehbaren Verknappung am Markt“ und befürchten ein forciertes Presswerke-Sterben.
China größter Absatzmarkt
Das Reich der Mitte ist zum größten Abnehmer für die Kunststoff-Produkte des Leverkusener Multis aufgestiegen und hat damit die USA abgelöst. Im ersten Quartal des Jahres machte BAYER MATERIAL SCIENCE (BMS) ein Drittel seines 2,2-Milliarden-Umsatzes mit chinesischen Unternehmen. Aus diesem Grund will der Konzern seine Kapazitäten für Polyurethan & Co. in Asien um 200.000 auf 650.000 Tonnen im Jahr ausweiten. Auch seine Forschung verlegt er mehr und mehr in die Region. So hat das Unternehmen kürzlich ein Entwicklungszentrum in Singapur eröffnet, das BMS-Chef Patrick Thomas als „das Herz unserer Innovationsanstrengungen“ bezeichnete.
Autoscheiben-Kooperation
Zur Herstellung von Autoscheiben aus dem Kunststoff Polycarbonat hat BAYER mit den japanischen Firmen MITSUBISHI HEAVY INDUSTRIES und KYOWA eine Kooperation vereinbart.
STANDORTE & PRODUKTION
Neues Zentrum in Berlin
BAYER plant in Berlin ein neues Zentrum für Diagnose-Verfahren auf Basis der molekularen Bildgebung. Dafür rechnet der Leverkusener Multi mit einer großzügigen Förderung durch die SteuerzahlerInnen. Einen entsprechenden Antrag beim Bund hat der Konzern bereits gestellt, und auch die Stadt Berlin signalisierte schon Unterstützungsbereitschaft. „Wir haben gemeinsam viel vor. Wir wollen endlich einmal in der Gesundheitsforschung einen Spitzencluster-Wettbewerb gewinnen“, sagte die Berliner Wissenschaftsstaatssekretärin Almuth Nehring-Venus auf einer vom Pharma-Multi gemeinsam mit der städtischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Berlin Partners“ ausgerichteten Veranstaltung.
Umzug nach San Francisco
Der Leverkusener Multi schließt seine Forschungseinrichtung in Richmond und zieht nach San Francisco um. „Der Standort Mission Bay in San Francisco ist bekannt als Nährboden für Innovationen in den USA. Daher wollen wir unsere Wissenschaftler inmitten dieses Forschungsmilieus ansiedeln“, sagte BAYER-SCHERING-Manager Andreas Busch zur Begründung. Gedeihen sollen dort vor allem neue biologische Wirkstoffe
BAYERs US-Wahlkampf
$108.100 für schlechtes Klima
Während der Leverkusener Multi beharrlich an seinem Image als klima-bewusster Umweltengel arbeitet, tut er im wirklichen Leben alles, um weiterhin Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen zu können. So unterstützte er bei den jüngsten US-Wahlen Kandidaten, die den Klima-Wandel leugnen und sich gegen Obamas Gesetzes-Initiativen sträuben, mit über 100.000 Dollar.
Von Jan Pehrke
BAYERs Klima-Aktivismus scheint keine Grenzen zu kennen: Da gibt es ein BAYER-Klimaprogramm, einen Klima-Preis für Wissenschaftler, einen Klima-Malwettbewerb für Kinder, ein Klimaschutz-Stipendium für SchülerInnen, einen Klima-Check, einen klima-neutralen Werkskindergarten und noch so allerhand mehr. Unbedarfte Beobachter müssen glauben, grüner ginge es kaum. Und das ist auch Sinn der Übung.
Im wirklichen Geschäftsleben sieht es jedoch anders aus. Da zeichnet der Leverkusener Multi für einen Ausstoß von acht Millionen Tonnen Kohlendioxid per anno verantwortlich und tut auf der politischen Ebene alles dafür, eine Verlängerung dieser Lizenz zur Klima-Schädigung zu erhalten. Den dazu von der Bundesregierung benötigten „Mut zum Realismus“ forderte der Konzern jüngst gemeinsam mit anderen Unternehmen auf großflächigen Anzeigen ein. „Damit die Preise für alle bezahlbar bleiben, können wir bis auf Weiteres nicht auf kostengünstige Kohle und Kernenergie verzichten“, hieß es dort. Auf europäischer Ebene ließ der Pharma-Riese nichts unversucht, den Emissionshandel zu torpedieren, der die Kohlendioxid-Absonderungen über ein bestimmtes Volumen hinaus mit Kosten belegt, um Innovationen zu erzwingen. Nicht einmal vor den USA macht der Einfluss BAYERs Halt: Gegen Barack Obamas Versuch, auch in den Vereinigten Staaten einen Markt für CO2-Verschmutzungsrechte zu eröffnen und weitere Regelungen zum Schutz des Klimas zu verabschieden, geht der Global Player entschieden vor.
So hat er bei den US-amerikanischen Kongress-Wahlen im November 2010 gemeinsam mit anderen europäischen Unternehmen die Widersacher des US-Präsidenten in Sachen „Umweltpolitik“ massiv unterstützt. 240.000 Dollar spendeten BAYER, BASF, BP, SOLVAY & Co.; mit 108.100 Dollar trug der Leverkusener Multi mehr als die Hälfte dazu bei. 1.000 Dollar erhielt Republikaner James Inhofe für Debatten-Beiträge wie „Die Erderwärmung ist der größte Schwindel, der dem amerikanischen Volk jemals vorgesetzt wurde“. Elf weitere den Klimawandel in Abrede stellende Politiker bedachte das Unternehmen mit Summen zwischen 1.000 und 10.000 Dollar. Zwölf Senatoren, die Obamas Klima-Gesetz ablehnen, beglückte der Gen-Gigant mit insgesamt 78.200 Dollar, wobei er sich bei GegnerInnen des Präsidenten aus den eigenen, demokratischen Reihen besonders erkenntlich zeigte. Die Republikanerin Lisa Murkowski schließlich bekam ein Wahlkampf-Geschenk für ihr im Senat - einstweilen gescheitertes - Bemühen, der Umweltbehörde EPA das Recht zu nehmen, den Treibhausgas-Ausstoß zu regulieren.
„Öl-Gesellschaften und andere Unternehmen spenden Millionen für Kampagnen, die Luftreinhalte- und Saubere-Energie-Standards aufweichen, und gefährden damit die Gesundheit und Prosperität des Landes“, erregte sich Obama über den Einsatz der Firmen. Und sein Berater David Axelrod nannte die Wahlkampf-Spenden von Big Business, die sich auf über 75 Millionen Dollar beliefen und zum allergrößten Teil den RepublikanerInnen zugute kamen, „eine Bedrohung unserer Demokratie“.
Auch bundesdeutsche PolitikerInnen prangerten die Praxis der Konzerne an. „Es ist ein Skandal, wenn große deutsche Firmen wie BAYER und BASF sich zu Hause als Klimaschützer aufspielen, im US-Wahlkampf dann aber die extremsten Klimaschutz-Gegner finanziell unterstützen, um weltweite Vereinbarungen zu torpedieren“, wetterte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ulrich Kelber, und die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Bärbel Höhn kritisierte die „tätige Beihilfe zur Klimazerstörung“ ebenfalls vehement. Besonders die Perfidie von BAYER & Co., auf der einen Seite europäische Alleingänge in der Klimapolitik abzulehnen und auf internationale Lösungen zu pochen, auf der anderen Seite dann aber die solche internationalen Lösungen am heftigsten hintertreibenden Klimaschutz-Opponenten aus den USA zu subventionieren, stieß hierzulande auf Empörung.
Der Leverkusener Multi hingegen weist alle Schuld von sich. Als „völlig abwegig“ bezeichnete das Unternehmen den Vorwurf, systematisch Klimaschutz-GegnerInnen zu unterstützen. Es habe sich lediglich um freiwillige Spenden von BAYER-Beschäftigten gehandelt, erklärte ein Pressesprecher. Allerdings lassen die Gesetze in den Vereinigten Staaten auch gar keine andere Möglichkeit zu. Und dass ausgerechnet BAYERs US-Boss Gregory S. Babe zu den Großspendern zählt, räumt jeden Zweifel am offiziellen Charakter der Sache aus. Zudem zählt der Agro-Riese bereits seit längerem zu den Sponsoren von konservativen Thinktanks wie dem „Science Media Center“ und dem „Institute of Ideas“, die sich redlich bemühen, wissenschaftliche Beweise für die Nicht-Existenz des Klimawandels in Umlauf zu bringen (siehe Ticker 4/09).
Am Ende lohnten sich die Investitionen von BAYER. Aus der so genannten midterm-election gingen die Republikaner im Allgemeinen und die Klimawandel-BestreiterInnen im Allgemeinen gestärkt hervor. Das bedeutet das Ende für den „American Clean Energy and Security Act“ von Obama. Und auch das bisher vor allem von der auf BAYERs Payroll stehenden Lisa Murkowki vorangetriebene Projekt, die Klimaschutz-Kompetenzen der Umweltbehörde EPA zu beschneiden, dürfte Erfolg haben. Der demokratische Senator John Rockefeller hat bereits eine Gesetzes-Initiative angekündigt, welche die jüngst erlassenen strengeren EPA-Auflagen für CO2-Emissionen zwei Jahre lang aussetzen will. Es sieht also düster aus für den Himmel über Amerika - und nicht nur für den. „Vieles spricht dafür, dass sich das Zeitfenster für eine umfassende gesetzliche Neuregelung der amerikanischen Energie- und Klimaschutz-Politik für eine längere Zeit geschlossen hat“, kommentiert die Faz und prognostiziert „global tiefe und langanhaltende Auswirkungen“.
BAYER im Klassenkampf
Kündigungsgrund: Gewerkschaftler
Konsequent drängt der Leverkusener Multi in den USA die Gewerkschaften aus den Werken heraus. Fabriken mit organisierter Arbeiterschaft schließt er gleich reihenweise. Offen setzt BAYER die Beschäftigten unter Druck, keiner Arbeitnehmer-Vertretung beizutreten. Dementsprechend besitzt nur ein Siebtel der US-Belegschaft einen Tarifvertrag. Am Standort Berkeley demonstrierten nun Belegschaftsangehörige gegen Entlassungen und steigenden Arbeitsdruck.
von Philipp Mimkes
Der BAYER-Konzern macht ein Viertel seines Umsatzes in Nordamerika, rund acht Milliarden Euro jährlich. Die 16.300 Beschäftigte arbeiten quer über den Kontinent verteilt an knapp fünfzig Standorten. Längst ist der amerikanische Markt für BAYER wichtiger als das deutsche Standbein.
Traditionell geht der Konzern in den USA besonders rabiat gegen Gewerkschaften vor. Bahnt sich die Gründung einer ArbeitnehmerInnen-Vertretung an, so trommelt das Unternehmen die Belegschaft zusammen und droht mit Arbeitsplatzvernichtung oder Werksschließung. Gewerkschaftsvertreter werden als Faulpelze diffamiert, die es nur auf die Beiträge der Mitglieder abgesehen hätten.
Die Belegschaft weiß, dass die Drohungen ernst gemeint sind: Vier große Werke mit hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad schloss der Multi in den vergangenen Jahren ganz oder größtenteils. In West Haven im Bundesstaat Connecticut machte er im Jahr 2007 eine Pharma-Fabrik mit über tausend gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern komplett dicht; eine Kunststoff-Fabrik in New Martinsville (West Virginia) verlor 2007 die Hälfte ihrer Belegschaft; im Werk Elkhart/Indiana mit einstmals 2.200 überwiegend gewerkschaftlich organisierten Belegschaftsangehörigen hält der Konzern nur noch einen Restbetrieb aufrecht und im kanadischen Sarnia stellte er die Produktion von Kautschuk ein.
Fehlende Tarifverträge
Lediglich in einer Handvoll US-Fabriken sind die einstmals starken Unions überhaupt noch vertreten. Und nur 14 Prozent der US-amerikanischen BAYER-MitarbeiterInnen verfügen über Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen. In keiner anderen Region der Welt liegt dieser Wert so niedrig: Während in Lateinamerika über 40 Prozent der BAYER-Beschäftigten gemeinschaftlich ausgehandelte Verträge zu Löhnen und Arbeitszeiten haben, sind es in Europa fast 90 Prozent. Weltweit besitzen 55 Prozent der Belegschaft einen Tarifvertrag.
Axel Köhler-Schnura vom Vorstand der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN kommentiert: „In seinem Streben nach maximalem Profit fällt der BAYER-Konzern immer wieder durch Bekämpfung der Gewerkschaften auf. Es ist ein Skandal, dass fast die Hälfte der Belegschaft weltweit ohne den Schutz tariflicher Vereinbarungen arbeiten muss.“ Das gewerkschaftsfeindliche Vorgehen des Unternehmens ist zudem ein klarer Verstoß gegen die von BAYER im Nachhaltigkeitsbericht 2009 gemachte Zusage, wonach die „Beschäftigten an allen Unternehmensstandorten die Möglichkeit haben, Arbeitnehmervertretungen zu bilden“.
Entlassungen in Berkeley
Eines der weltweit lukrativsten BAYER-Werke befindet sich im kalifornischen Berkeley. Nur dort wird das Blutfaktor-Präparat KOGENATE produziert, mit dem die Firma allein im vergangenen Jahr 888 Millionen Euro erlöste. Die Behandlung eines einzelnen Patienten mit dem Gerinnungsmittel kann jährlich über 100.000 kosten.
Rund 1.500 Menschen sind in Berkeley beschäftigt, von denen sich 430 in der INTERNATIONAL LONGSHORE AND WAREHOUSE UNION (ILWU) organisiert haben.
Trotz der hohen Gewinnmargen für KOGENATE erhielt das Werk im vergangenen Jahr einen Steuernachlass von 13 Millionen Dollar. Der Global Player hatte zuvor damit gedroht, Teile der Produktion zu verlagern und das Werk langfristig zu schließen. Zur Standort-Sicherung dehnten die Gemeinden Oakland und Berkeley ein bestehendes Gewerbegebiet mit erniedrigten Steuersätzen und Stromkosten auf das BAYER-Werk aus. An der Genehmigung der Subvention war auch der damalige Gouverneur Arnold Schwarzenegger beteiligt. Axel Köhler-Schnura: „Es ist nicht hinnehmbar, dass Städte und ganze Länder von hochprofitablen Unternehmen gegeneinander ausgespielt werden. Die Kürzung von Sozialleistungen ist die direkte Folge eines solchen ruinösen Standort-Wettlaufs.“
Trotz der öffentlichen Hilfen kündigte die Werksleitung im Herbst kurzfristige Entlassungen an. Betroffen sind zunächst 39 Personen, größtenteils Gewerkschaftsmitglieder. Donal Mahon von der ILWU: „BAYER hatte im vergangenen Jahr zugesichert, etwaige Entlassungen 45 Tage vorher anzukündigen. Tatsächlich waren es jetzt nur zwei Tage, und es waren doppelt so viele Entlassungen, wie zuvor besprochen. Für den Fall, dass wir ein Schiedsgericht einschalten, hat uns das Unternehmen den Abbau weiterer Arbeitsplätze angedroht“.
Vor den Fabriktoren protestierten daraufhin 150 Belegschaftsangehörige, etwa die Hälfte der Tagesschicht, die eine Wiedereinstellung der gefeuerten KollegInnen forderten. Carey Dall von der ILWU kritisiert den steigenden Arbeitsdruck: „Die anfallende Arbeit, zum Beispiel bei der Reinigung der Produktionsanlagen, bleibt dieselbe. Die verbleibenden Beschäftigten werden von der Geschäftsführung angehalten, mehr und schneller zu arbeiten, ohne hierfür Überstunden zu machen.“ Die Gewerkschaftsvertreter berichten zudem von Drohungen gegen die TeilnehmerInnen der Kundgebung.
IG BCE wenig kämpferisch
Auch in anderen Teilen der Welt kämpft das Unternehmen mit unsauberen Mitteln gegen Arbeitnehmer-Vertretungen: So finanzierte BAYER in den Philippinen eine firmenfreundliche Alternative zur bestehenden Gewerkschaft EMPLOYEES UNION OF BAYER PHILIPPINES und stellte diese Praxis erst nach Intervention des philippinischen Arbeitsgerichts ein. In Brasilien rief das Unternehmen zur Zeit der Diktatur gar das Militär gegen streikende Arbeiter zu Hilfe. Und auch die gegenwärtigen Investitionen in China hängen nicht zum geringsten Teil mit dem dortigen Fehlen freier Gewerkschaften zusammen.
In Europa hingegen musste sich BAYER nach langen Auseinandersetzungen mit der Existenz von Gewerkschaften abfinden. 88 Prozent der Belegschaft besitzen einen Tarifvertrag. Doch noch in den 70er Jahren hatte das Unternehmen in den deutschen Werken die Wahl von Vertrauensleuten innerhalb der Werksmauern verboten, so dass die Abstimmung auf der Straße stattfinden musste.
Durch Zahlung von vergleichsweise hohen Löhnen und sogenanntes „Co-Management“ gelang es dem Unternehmen, die Gewerkschaften hierzulande weitgehend zu domestizieren. Seit dem 2. Weltkrieg gab es bei BAYER keinen Streik mehr. Selbst die Zerschlagung des Konzerns und die Ausgliederung großer Unternehmensteile durch den jüngst ausgeschiedenen BAYER-Chef Werner Wenning führte zwar zu Demonstrationen, nicht aber zu Arbeitsniederlegungen. Der Schmusekurs der Chemie-Gewerkschaft IG BCE, die möglichst jeden Konflikt mit dem Arbeitgeber vermeidet, führte bei BAYER zur Bildung alternativer Betriebsratsgruppen wie der BELEGSCHAFTSLISTE, den BASISBETRIEBSRÄTEN und den KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT. In den Werken Leverkusen und Wuppertal erhielten diese bei Betriebsratswahlen zum Teil über 40 Prozent der Stimmen.
Kämpferische Gewerkschaften stehen jedoch auch in Europa unter Beschuss: So kündigte BAYER im Antwerpener Werk in den vergangenen Jahren mehrfach die Abmachungen mit der Belegschaft („Service Level Agreements“) auf und forderte „freiwillige“ Lohnkürzungen und verlängerte Arbeitszeiten. Stets steht dabei die Drohung im Raum, die Kunststoff-Produktion nach Krefeld zu verlegen. Die Antwerpener Belegschaft wehrte sich mit Werks-Blockaden und Demonstrationen und konnte den Bruch der betrieblichen Vereinbarungen bislang verhindern.
Und diese Erfahrung haben BAYER-Beschäftigte zu allen Zeiten gemacht: Nur wer sich vom Management nicht durch Zwangsmaßnahmen einschüchtern oder durch sozialpartnerschaftliche Scham-Offensiven einfangen lässt und energisch für seine Rechte eintritt, erreicht etwas.
Endosulfan zerstört Bio-Ernten
„Es reicht!“
Seit zwanzig Jahren bauen Landwirte in Südbrasilien Bio-Soja an. Spuren des von BAYER entwickelten Pestizids Endosulfan in ihrer Ernte bedrohen nun jedoch ihre Existenz. Darum haben sie die Kampagne CHEGA! („Es reicht“) ins Leben gerufen, die schon einige Erfolge feiern konnte.
Von Adrian Wiedmer, Geschäftsführer der Fairtrade-Organisation GEBANA
In der Region um Capanema, Südbrasilien, betreiben über 300 Bauern und Bäuerinnen aus Überzeugung biologische Landwirtschaft. Die ersten begannen bereits in den 1980er Jahren auf Pestizide zu verzichten, nachdem sie beobachtet hatten, wie ihre Nachbarn an Vergiftungen erkrankten und die Umwelt sich negativ veränderte. Nun ist ihre mühsam aufgebaute Existenz jedoch bedroht: In der gesamten Bio-Sojaernte werden Spuren des Pestizids Endosulfan gemessen – ohne dass die LandwirtInnen die hochgiftige Substanz angewendet haben. Wie ist das möglich?
Endosulfan ist ein Insektizid, das in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt wird. Entwickelt hat es die Firma HOECHST, deren Agrochemie-Abteilung heute zum BAYER-Konzern gehört. Endosulfan ist persistent, das heißt, es baut sich in der Natur nur langsam ab, und wird von Pflanzen und Tieren im Fett oder Öl angereichert. Seine Flüchtigkeit begünstigt die Verdunstung und Verbreitung über weite Strecken. So verdunsten innerhalb von zwei Tagen nach der Anwendung bis zu 70 Prozent der ausgebrachten Menge. Über Regen und Wind verteilt sich Endosulfan in der Umwelt – und gelangt auch auf die Felder der Biobauern und -bäuerinnen. Die Sojabohnen nehmen Endosulfan auf und reichern es wegen ihres Ölgehalts an. Auch wenn die Belastung im Minimal-Bereich liegt (zehnmal tiefer als der Grenzwert), wollen die Abnehmer in Europa von der Bio-Soja aus Capanema nun nichts mehr wissen.
Die erhöhten Endosulfan-Werte in der diesjährigen Ernte sind auf zwei Ursachen zurückzuführen. Erstens haben die Wetterbedingungen mit viel Regen und hohen Temperaturen dazu geführt, dass eine besonders starke Verdunstung und Verbreitung über Niederschläge stattgefunden hat. Zweitens wurde in der konventionellen Landwirtschaft viel mehr Endosulfan eingesetzt als in vergangenen Jahren. Weil immer mehr Länder das Mittel verbieten, wollen BAYER & Co. noch möglichst viel ihrer Produkte absetzen und starten Schlussverkauf-Offensiven. Im vergangenen Jahr hat Brasilien über 2.000 Tonnen Endosulfan importiert. Allein in der Gemeinde Capanema wurden mehr als fünf Tonnen ausgebracht - doppelt so viel wie in den Vorjahren. „Brasilien wird zur Mülldeponie. Alle problematischen Pestizide, welche andernorts nicht mehr verkauft werden können, werden hierher gebracht“, kritisiert deshalb Rosany Bochner, Toxikologin am brasilianischen Institut Fiocruz.
Während Endosulfan in Brasilien heute noch angewendet werden darf, ist der Gebrauch des Pestizids bereits in über 60 Ländern untersagt, in Deutschland zum Beispiel seit bald zwanzig Jahren. Dies hat neben der Persistenz in der Natur vor allem einen Grund: Jährlich werden durch den direkten Kontakt mit Endosulfan hunderte Menschen vergiftet. Viele dieser Vergiftungsfälle enden tödlich, denn die Chemikalie greift Nervensystem, Blutkreislauf und Nieren an. 99 Prozent der Unfälle betreffen Landarbeiter und Landarbeiterinnen in der Dritten Welt, da diese weder über die nötige Schutzkleidung verfügen, noch die Warnhinweise auf dem Produkt verstehen.
Doch die Bio-Bauern von Capanema geben nicht auf. In den letzten zehn Jahren haben sie sich erfolgreich gegen die Vorherrschaft der Gentechnik gewehrt. Sie haben traditionelles Saatgut vermehrt und Wege gefunden, ihre Produkte vor Gentech-Verunreinigungen zu schützen – ein immenser Aufwand für die LandwirtInnen, die von Feldern mit Genpflanzen umzingelt sind und sich der gewaltigen Werbemaschinerie von BAYER & Co. gegenübersehen. Mit einem Schreiben an die Behörden haben sie nun ein sofortiges Verbot von Endosulfan gefordert, Ende August haben sie eine weitere Petition an ihre Regierung gestartet. Die GEBANA, die seit zehn Jahren mit den Biobauern und -bäuerinnen von Capanema zusammenarbeitet, hat in Europa eine Kampagne zur Unterstützung der FarmerInnen initiiert, an der sich auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN beteiligt. Und die Bemühungen lohnen sich!
Dank des Drucks hat BAYER das Endosulfan-Pestizid THIODAN mit sofortiger Wirkung vom Markt genommen und die Restbestände sogar bei der lokalen Kooperative abgeholt. Die brasilianischen Behörden haben ab 2013 ein offizielles Endosulfan-Verbot ausgesprochen, und auch die Zulassungsbehörde ANVISA beginnt sich des Problems bewusst zu werden. Die MitarbeiterInnen von GEBANA-Brasilien und die BiolandwirtInnen freuen sich sehr über den Erfolg der Kampagne CHEGA!. Sie können es kaum glauben, dass sich Menschen auf der ganzen Welt mit ihrem Kampf gegen Endosulfan solidarisieren, denn sie sind es gewohnt, als Letzte berücksichtigt zu werden.
Aber das Problem mit Endosulfan ist für die Bio-LandwirtInnen noch nicht gelöst. Leider gibt es weiterhin Anbieter von Endosulfan - aus Israel, Indien und Brasilien selbst. Die lokalen Verkaufsstellen von Pestiziden kaufen schon für die anstehende Aussaat ein - auch Endosulfan in großen Mengen. Wie befürchtet, wird das Gift noch billiger angeboten - wohl wegen des Verbotes ab 2013. Es gibt also noch einiges zu tun!
Neues Sparprogramm
BAYER streicht 4.500 Stellen
Der neue Vorstandsvorsitzende Marijn Dekkers führt sich mit einem Sparprogramm ein und vernichtet 4.500 Arbeitsplätze. „BAYER eiskalt“ kommentiert die Presse.
„Ich will für BAYER noch mehr Investition und weniger Administration. Wir können noch schneller und schlanker werden“, sagte der neue BAYER-Chef Marijn Dekkers bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für das dritte Quartal trotz einer Umsatzsteigerung von 16,1 Prozent auf 8,6 Milliarden. Über die Konsequenzen war er sich noch nicht im Klaren: „Ob dadurch wirklich Arbeitsplätze betroffen sind, kann ich jetzt noch nicht sagen“. Zwei Wochen später wusste er es. Da kündigte der Leverkusener Multi den Abbau von 4.500 Stellen an den alten Standorten und den Aufbau von 2.500 in den Schwellenländern an. 800 Millionen Euro will Dekkers dadurch jährlich einsparen.
Allein 1.700 Jobs fallen in der Bundesrepublik weg. Bei der IT-Abteilung BAYER BUSINESS SERVICES (BBS) stehen 700 Arbeitsplätze zur Disposition. Bei BAYER HEALTH CARE streicht der Konzern 700 Stellen, bei BAYER CROPSCIENCE 300. Die Kunststoff-Sparte, um die es immer wieder Verkaufsgerüchte gibt, bleibt dagegen weitgehend verschont.
Der Betriebsrat kritisierte das Sparprogramm zwar, ändert aber seinen sozialpartnerschaftlichen Kurs nicht und bietet stattdessen Hilfe bei der Abwicklung an. „Das ist ein erheblicher Personalabbau mit einschneidenden Veränderungen. Wir Arbeitnehmer-Vertreter werden nun intensive Gespräche mit der Unternehmensleitung führen, um die Notwendigkeit, den Umfang, mögliche Alternativen und die Umsetzung der geplanten Veränderungen zu beraten, damit sozialverträgliche Lösungen gefunden werden können“, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Thomas de Win. Und als die schlechte Presse PR-Maßnahmen erforderlich machte, erklärte er sich sogar zu einer gemeinsame Erklärung mit der Chef-Etage bereit.
Die nordrhein-westfälische Landesregierung will den Kahlschlag hingegen nicht so einfach hinnehmen. Angesichts von 5,5 Millionen Euro, die BAYER im Zuge der Wirtschaftskrise aus dem Konjunktur-Paket erhalten hat, verlangte NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) von BAYER, Verantwortung für die Beschäftigten zu übernehmen. Das wies der Multi zurück. Diese Mittel hätten nichts mit der Krisen-Bewältigung zu tun gehabt, kommentierte Konzern-Sprecher Günter Forneck knapp die Vorwürfe.
Die aber kamen nicht nur von der Landesregierung. Die Financial Times Deutschland sprach von einem „Fehlstart“ Dekkers, und die Rheinische Post konstatierte unter der Überschrift „BAYER eiskalt“: „Der Rheinische Kapitalismus in Leverkusen ist zu Ende“. Einen Kulturbruch stellt das Vorgehen Dekkers allerdings nicht dar. Seit 1990 haben alle Vorstandsvorsitzenden von Herman Josef Strenger über Manfred Schneider bis zu Werner Wenning konsequent Arbeitsplätze vernichtet. Belief sich die Zahl der Beschäftigten 1990 bei einem Umsatz von 21 Milliarden Euro auf 171.000, so schrumpfte sie bis heute auf 108.700 - bei einem Umsatz von 31 Milliarden Euro. Wenning & Co. haben sich nur immer ein wenig mehr Mühe bei der Begründung der Arbeitsplatzvernichtung gegeben. Von Jan Pehrke



