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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

[BIS] Entlassungen BIS

CBG Redaktion

Basis Betriebsräte, 24. Oktober 2006 (www.basisbetriebsraete.de)

BIS-Mitarbeiter enttäuscht von Betriebsversammlung

Enttäuscht stehen viele Mitarbeiter der Bayer-Tochter BIS am Dienstagmittag (24.10.06) vor dem Werkstor. In der Betriebsversammlung wurden ihre Befürchtungen bestätigt: Das Unternehmen will zahlreiche Arbeiten auslagern und rund 600 Stellen streichen.
Durch Leverkusen pfeift an diesem Dienstag der erste Herbststurm und mancher Mitarbeiter von BIS dürfte den rauhen Wind als durchaus symbolträchtiges Vorzeichen deuten. Denn nicht nur meteorologisch droht ein Unwetter: „Die Stimmung war gereizt“, berichtet einer, der am Mittag aus der Betriebsversammlung im Chemiepark Bayer kommt. Vor dem Tor werden die Beschäftigten von Journalisten umringt, doch nur wenige wollen ihren Namen nennen. Die Angst vor der Zukunft ist groß.
Uwe Demmrich traut sich. Wenig Neues habe die Betriebsversammlung gebracht, sagt der Mitarbeiter aus der Gebäudeverwaltung: „Das meiste habe ich heute Morgen schon in der Zeitung gelesen.“ Demnach soll die Bayer-Dienstleistungstochter aufgeteilt und verkauft werden. Rund die Hälfte der knapp 6.000 Beschäftigten bekämen dann einen neuen Arbeitgeber, 600 Stellen sollen ganz gestrichen werden. Für seine Enttäuschung findet der 53-jährige Demmrich markige Worte: „Wir haben dabei mitgeholfen Bayer aufzubauen und jetzt tritt man uns in den Arsch.“ Eine Einstellung, die viele BIS-Mitarbeiter teilen.

„Bayer-Mitarbeiter zweiter Klasse“
„Seit sie vor ein paar Jahren aus dem Stammkonzern ausgegliedert wurden, fühlen sich viele hier nur noch wie Bayer-Mitarbeiter zweiter Klasse“, sagt ein anderer Beschäftigter, der anonym bleiben will. Bislang sei die BIS ein Auffangbecken für Mitarbeiter gewesen, die sich in der Produktion „den Rücken krumm gearbeitet“ hätten. Dennoch kann er auch Verständnis für die Pläne der Manager aufbringen. Der Verkauf der Servicegesellschaften sei betriebswirtschaftlich notwendig und die logische Konsequenz der Entwicklung bei Bayer in den vergangenen Jahren.
Uwe Demmrich vermutet, dass in Leverkusen nur noch Forschung und Verwaltung übrig bleiben sollen. Er ärgert sich vor allem über die Versprechungen der vergangenen Jahre: „Wir haben vieles hingenommen, weil uns gesagt wurde, damit sichert ihr eure Arbeitsplätze.“ Dass es um die nach einem Verkauf der BIS schlecht bestellt sein wird, liegt für den Arbeiter auf der Hand: „Schließlich geht es darum, weiter Geld zu sparen.“

Angst vor der Arbeitslosigkeit
Sven Strebl ist 19 Jahre alt und macht derzeit seine Ausbildung bei der BIS. Nach der Betriebsversammlung fragt er sich, was aus ihm nach der Lehre wird. „Natürlich hatte ich die Hoffung, vielleicht übernommen zu werden“, sagt er. Über das, was nun kommt, mag er im Moment gar nicht nachdenken. Erst einmal geht es zurück an den Arbeitsplatz. Viele, die aus den anderen Betriebsstätten in die Halle B104 gekommen sind, steigen ernüchtert wieder in die Werksbusse.
Junge und altgediente Mitarbeiter vereint die Angst vor der Arbeitslosgkeit. „Wenn man 37 Jahre bei Bayer war, können einem die Tränen kommen“, sagt Karl-Heinz Ketterer. Zwei Jahren hat er noch bis zu Rente. Doch ob er bis dahin noch stolzer Bayer-Mitarbeiter sein wird, ist für ihn nicht mehr gewiss. Der Blick auf das vom Sturm umhergewirbelte Herbstlaub weckt bei ihm keine guten Gefühle.

Leverkusener Anzeiger, 25. Oktober 2006

Mitarbeiter gerieten in Rage

VON THOMAS KÄDING

Den Vorstandsvorsitzenden von Bayer und Lanxess sollten die Ohren klingen. Das dürfte gestern Morgen gelungen sein. Viele der rund 2000 Beschäftigten - die meisten von ihnen arbeiten noch beim Chemiepark-Betreiber Bayer Industry Services - setzten Trillerpfeifen ein, während die Betriebsräte Jörg Feldmann und Manfred Thomas die Büros von Werner Wenning und Axel Heitmann aufsuchten. Die Belegschaftsvertreter übergaben den Verantwortlichen der beiden BIS-Gesellschafter Briefe. Darin forderten sie die Eigentümer auf, den Alleingang der Arbeitgeberseite aufzugeben und mit dem Betriebsrat nach Lösungen für BIS zu suchen, die akzeptabel sind.
Die Zerschlagung des Unternehmens komme nicht in Frage, es gebe viele Möglichkeiten jenseits der puren Verkaufsstrategie, die am Montag in Aufsichtsrat und Wirtschaftsausschuss vorgestellt worden war. Danach war spontan eine Mahnwache vor dem Bayer-Kasino aufgezogen, die sich im Regen die Nacht um die Ohren schlug. Darauf bezog sich später Betriebsrätin Heike Bär, als sie auf der Betriebsversammlung in der vollbesetzten Halle B 401 den Geschäftsführer von BIS, Klaus Schäfer, diese Frage stellte: „Wie haben Sie eigentlich diese Nacht geschlafen?“

„Sonderabfall“
Auf dem Protestzug über die Kaiser-Wilhelm-Allee und die Bundesstraße 8 zur Betriebsversammlung waren die Mitarbeiter immer mehr in Rage geraten: Als die Stadtgrenze nach Köln überschritten wurde, blockierte der Tross die gesamte Bundesstraße, Verkehrsstaus waren die Folge. Viele hatten sich neben den Trillerpfeifen und Plastik-Umhängen mit IG-BCE-Logo auch mit einem gelben Aufkleber ausstaffiert: Darauf bezeichneten sie sich als „Sonderabfall“ mit der Herkunftsbezeichnung BIS.


24.10.06, Kölner Stadt-Anzeiger

Blankes Entsetzen in der Belegschaft

Das Programm heißt BIS 2009. Bis 2009 will Klaus Schäfer, Geschäftsführer von Bayer Industry Services, „jedem zweiten Mitarbeiter den Stuhl vor die Tür stellen“. So kommentierte gestern Peter Hausmann, Landesbezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) die einschneidenden Vorschläge für den Chemiepark-Betreiber.

Schockierend
Er soll in drei Jahren insgesamt nur noch 2900 Mitarbeiter haben, aber nur 300 Millionen Euro weniger Umsatz machen, nämlich 1,3 Milliarden. Heute hat BIS rund 5800 Beschäftigte, nahezu 4000 von ihnen arbeiten in Leverkusen. Gestern schlugen die BIS-Chefs im Aufsichtsrat und danach im Wirtschaftsausschuss Veränderungen vor, die Betriebsratschef Jörg Feldmann am Nachmittag als „schockierend“ und „dramatisch“ bezeichnete: Die Technischen Dienste mit rund 1500 Mitarbeitern, Hausmeister, Gärtner und andere Immobiliendienste mit 360 Beschäftigten stehen zum Verkauf an.
Auch die 180 Mitarbeiter des Tor- und Schutzdienstes werden einen neuen Arbeitgeber bekommen. 600 Arbeitsplätze sollen ersatzlos wegfallen, weitere 270 in andere Konzernbereiche verlagert werden: die in der Immobilien- und der Kulturabteilung, im Erholungshaus, der Vereinskoordinierung, Fortbildung und im Unternehmensarchiv. Die Bayer-Berufsschule soll ein Auslaufmodell werden. Bis 2008 werde man mit der Stadt Leverkusen und der Bezirksregierung nach einer Lösung suchen, sagte BIS-Sprecher Jürgen Gemke auf Anfrage.
Theodor Baikowski, Vorsitzender des BIS-Betriebsrats in Dormagen kommentierte die Unternehmensstrategie so: „Was im Moment nicht funktioniert, muss weg.“ Er beklagte, wie alle anderen Arbeitnehmer, die mangelnde Kreativität und die Zerschlagungsmentalität, mit der die Geschäftsführung nach monatelangen Untersuchungen an die Sanierung des Betreibers von Bayers Chemieparks geht. Die Gewerkschafter gehen mit der Forderung in die anstehenden Verhandlungen, „Lösungen unter einem Dach“ zu finden, sagte Peter Hausmann. Dass dies möglich sei, zeigten andere Chemieunternehmen. Weder bei der BASF, noch bei Degussa oder Henkel werde „so etwas diskutiert. Wieso gelingt es der Geschäftsführung eigentlich nicht, BIS in die schwarzen Zahlen zu bringen?“

Harte Lanxess-Linie
Er habe den Eindruck, so der Gewerkschafter, dass es Probleme auf der Leitungs- und Entscheidungsebene des Unternehmens gebe. Offenkundig kranke BIS daran, dass die beiden Gesellschafter - Bayer zu 60, Lanxess zu 40 Prozent - unterschiedliche strategische Auffassungen verträten. Offenkundig hat sich aber mit der Auswechslung des Geschäftsführers - im April folgte Klaus Schäfer auf Jürgen Hinz - die harte Lanxess-Linie durchgesetzt.
In der Belegschaft löste die angekündigte Halbierung der Firma gestern blankes Entsetzen aus. Spontan stellte sich eine Mahnwache vor das Bayer-Kasino. Betriebsrätin Heike Bär fand kein Verständnis dafür, dass aus der schwachen BIS wiederum „die schwächsten Bereiche herausgepickt würden“. Betroffen von den Verkaufsplänen seien auch viele schwerbehinderte Kollegen.
In Uerdingen „wollten um die 500 Kollegen wissen, was jetzt passiert“, berichtete die dortige Betriebsratschefin Anneliese Kreymann. Die Betriebsversammlungen, die morgen zuerst in Dormagen, dann in Leverkusen und schließlich in Uerdingen anberaumt sind, werden von Protesten begleitet sein.
Um 8.30 Uhr geht es auf der Kaiser-Wilhelm-Allee los. Der Marsch wird sich über die B 8 bis zum Pförtner 11 ziehen. Danach geht es in die Halle, in der Lanxess einst seinen Geburtstag feierte.
Heute wird das Gebäude B 401 Schauplatz einer Beerdigung sein. (VON THOMAS KÄDING)


Basisbetriebsräte bei Bayer Industry Services
Leverkusen den 21.10.2006

Aufruf zur Solidarität

Betriebsversammlung bei Bayer Industry Services (BIS)
und Kundgebung am 24.10.2006 am Standort Leverkusen
Treffpunkt 08.30 Uhr am Tor 2, anschließend Marsch über Kaiser-Wilhelm Allee und B 8 bis Flittard Tor 11 und dann nach B 401

„Ohne BIS keine Basis“
Bayer Industry Services (BIS) ist als Joint Venture der Bayer AG und der Lanxess AG Betreiber des Bayer Chemieparks mit Standorten in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen. Zurzeit nutzen einschließlich der drei operativen Teilkonzerne der Bayer AG und der Lanxess AG über 60 Produktions- und Dienstleistungsunternehmen die Vorteile dieses größten deutschen Chemieparks.

Mit rund 6.000 Mitarbeitern, davon fast 4000 in Leverkusen, sichert BIS den Partnern optimale Rahmenbedingungen durch vielfältige Produktverbünde und ein umfassendes Service-Portfolio. Dazu zählen unter anderem Umweltdienstleistungen, Logistik und technische Dienstleistungen, Sicherheit und Umweltschutz, Energieversorgung, Entsorgung, Analytik sowie die Aus- und Weiterbildung.

Teile dieser Leistungen bietet BIS auch Kunden außerhalb des Chemieparks an. Die Geschäftsführung und die Gesellschafter der BIS kündigen umfassende Maßnahmen zur Kostensenkung und Wettbewerbseffizienzsteigerung an. Darunter sollen Verkäufe und Ausgliederungen von Teilbereichen fallen. Dies bedeutet möglicherweise Stellenabbau in ungeahnter Höhe und damit Verlust von Kompetenz und Kaufkraft am Standort Leverkusen. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von BIS stehen seit Monaten vor einer ungewissen Zukunft.

„Leverkusen lebt doch von Bayer“
Neben den Kollegen und Kolleginnen sowie deren Familien wird vor allem die Stadt Leverkusen dies spüren und weiter verarmen. Besonders am Schicksal der „Bayer Kaufhäuser“(das letzte in Wiesdorf steht kurz vor der Schließung) kann man absehen in wie weit das Engagement zurückgefahren wird. Gnadenlos steht alles auf dem Prüfstand, selbst Gewinne sichern keine Arbeitsplätze mehr. Strategische und Politische Ziele beeinflussen das Handeln der Manager.
Es ist deutlich eine soziale Kälte zu spüren. Viele soziale Errungenschaften sind ersatzlos weg gebrochen und fehlen im täglichen Leben der Bürger.

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LL Rice 62

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Info vom 20. Oktober 2006

weitere GenReis-Sorte von Bayer in der Nahrungskette gefunden

„Gen-Kontamination muss Konsequenzen haben: keine Importzulassung für Liberty Link-Reis!“

Die EU-Kommission hat gestern bekannt gegeben, dass in Lieferungen aus den USA die von Bayer hergestellte Genreis-Sorte LL 62 gefunden wurde. Diese Information ist von besonderer Brisanz, da der Konzern eine EU-Importzulassung für LL 62 beantragt hat und die Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung stets bestritten hat.

Bislang waren nur Kontaminationen mit der Sorte LL 601 bekannt geworden. Beide Reis-Sorten sind gegen das von Bayer produzierte Herbizid Liberty mit dem Wirkstoff Glufosinat resistent und in der EU nicht zugelassen. Die Information fand sich versteckt im letzten Satz der gestrigen EU-Bekanntmachung „Commission to propose strict counter testing of US rice imports“, in der es heißt: „Tests will also take into account the French authorities’ recent finding of another unauthorised GMO, LLRICE62, in US rice, as the tests to be applied will also detect this GMO.”

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Dieser Skandal muss Konsequenzen haben, die Europäische Union muss eine Zulassung von Gen-Reis kategorisch ausschließen. Denn der Fall bestätigt alle Befürchtungen: eine gentechnisch veränderte Reis-Sorte landet ohne Genehmigung in der Nahrungskette, die Wahlfreiheit der Konsumenten geht dadurch verloren“. LL62 und LL601 werden in den USA nicht kommerziell vertrieben. Wie sie in die für den Export bestimmten Lieferungen gelangten ist unklar.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hatte sich im September an die European Food Security Authority (EFSA) gewandt und eine Nicht-Zulassung von LL 62 gefordert. Eine Antwort der EFSA steht bislang aus. Bayer hatte den Antrag auf Import-Zulassung bereits vor drei Jahren gestellt.

Auch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hatte sich kürzlich besorgt über die gentechnische Verunreinigung von Reis gezeigt. „Dieser Fall muss genau untersucht werden, da er exemplarisch für das teilweise hohe und unvorhergesehene Ausbreitungspotenzial von gentechnisch veränderten Pflanzen sein könnte. Wir erwarten natürlich nicht, dass Reis sich in Deutschland ausbreitet. Er steht aber stellvertretend für heimische Kulturarten mit gleichem oder sogar höheren Auskreuzungspotential wie Raps“, so Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des BfN.

Die Presse-Info der EU-Kommission:
http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/06/1437&format=HTML&aged=0&language=EN&guiLanguage=en

Der Brief an die EFSA: http://www.cbgnetwork.com/1592.html

Babymilch

CBG Redaktion

Aktionsgruppe Babynahrung e.V.
Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.

12. Oktober 2006

Offener Brief an die Bayer AG

Babymilchprodukte: Klage gegen philippinische Regierung

Sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender Wenning,

aus den Philippinen erreicht uns die Information, dass die Firma Bayer zusammen mit anderen Unternehmen gegen eine Verschärfung des sogenannten „Milk Codes“ durch die philippinische Regierung klagt.

Das philippinische Gesundheitsministerium hatte im Mai neue Regulierungen für die Vermarktung von Säuglings- und Kleinkindnahrung erlassen. Diese verbieten für Kinder unter drei Jahren jegliche Vermarktungsaktivitäten für Muttermilchersatzprodukte. Die Klage der Firmen führte nun zu einer Verzögerung des Inkrafttretens dieser Regeln. Zur Beteiligung von Bayer Philippines an der Klage finden Sie im Anhang einen Artikel aus dem Manila Standard.

UNICEF und WHO schätzen, dass weltweit etwa 1,5 Millionen Kinder pro Jahr sterben, weil sie nicht oder nicht ausreichend gestillt werden. Kinder, die gestillt werden, haben gegenüber ungestillten Kindern eine überlegene Immunabwehr. Die Gabe von Milchpulver führt zudem häufig zu Erkrankungen, da zum Anrühren der Milch kein sauberes Wasser zu Verfügung steht.

Die philippinische Regierung kritisiert, dass Reklame für Babynahrung „unterschwellige Botschaften“ vermittele, die „das Stillen untergraben“ und „Muttermilchersatzprodukte idealisieren“. Hierdurch werde die Gesundheit der Kinder leichtfertig gefährdet. In den Philippinen wurde in den vergangenen Jahren ein kontinuierlicher Rückgang der Stillraten beobachtet: Die durchschnittliche ausschließliche Stilldauer beträgt heute ganze 24 Tage, wohingegen die Weltgesundheitsorganisation mindestens sechs Monate empfiehlt. Nur noch 26 Prozent der Neugeborenen werden ausschließlich gestillt. Im Zentrum der Hauptstadt Manila, wo junge Eltern sehr stark mit Werbung für Muttermilchersatzprodukte konfrontiert werden, liegt diese Rate sogar unter einem Prozent.

Die neuen Vermarktungsvorschriften sollen die philippinischen Regelungen in Einklang bringen mit internationalen Bestimmungen wie der UN-Kinderrechtskonvention und dem „Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten“. Letzterer wurde 1981 von der WHO mit Zustimmung der internationalen Babynahrungshersteller verabschiedet. Zugleich erweitern die neuen Bestimmungen den philippinischen Milk Code um einen Katalog von Sanktionen. Bei schwerwiegenden Verstößen reichen die Maßnahmen von Geldstrafen bis hin zum Rückruf der betreffenden Produkte und der Aufhebung der Geschäftslizenz des Unternehmens.

In diesem Zusammenhang möchten wir Sie fragen:

1. Beteiligt sich Bayer Philippines direkt oder über Unternehmens-Verbände an der Klage gegen die Verschärfung des philippinischen Milk Code?
2. Vertreibt Bayer Philippines Muttermilchersatzprodukte? Wenn ja, macht die Firma hierfür Werbung?

Sofern Bayer direkt oder indirekt an der Klage gegen den Milk Code beteiligt ist, fordern wir Sie auf, dieses Engagement sofort zu beenden und sich von dieser Klage öffentlich zu distanzieren. Die aggressive Vermarktung von Babymilch gefährdet die Gesundheit und das Leben Tausender philippinischer Kinder.

Harald Manninga, Aktionsgruppe Babynahrung
Philipp Mimkes, Coordination gegen BAYER-Gefahren

Manila Standard: Ban milk formula ads!

Trasylol

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Info vom 3. Oktober 2006

Trasylol: BAYER verheimlicht Negativ-Ergebnisse

„Veröffentlichung aller klinischen Studien zur Pflicht machen“

Im Frühjahr kam der US-Mediziner Dennis Mangano in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Verwendung des Bayer-Medikaments Trasylol das Risiko von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Nierenversagen stark erhöht. Da sicherere und billigere Alternativen zu Verfügung stünden, sei der weitere Einsatz von Trasylol bei Herzoperationen nicht verantwortbar. Allein 10.000 Patienten könnte pro Jahr die Dialyse erspart bleiben. Bayer hingegen bezeichnet Trasylol gebetsmühlenartig als „sicher und wirksam“.

Nun kam jedoch heraus, dass das Unternehmen der US-Medikamentenaufsicht Food and Drug Administration (FDA) negative Studienergebnisse zu Trasylol bewusst vorenthielt. Am 21. September hatte die FDA ein Komitee einberufen, in dem die Ergebnisse von Dr. Mangano diskutiert werden sollten. Hieran waren auch Vertreter von Bayer beteiligt. Obwohl Bayer zur Zeit eine Studie mit 67.000 Behandlungsfällen durchführen lässt, von der bereits Ergebnisse vorliegen, wurden die Mitglieder des Panels nicht informiert. Erst durch den Hinweis eines der Autoren wurde die Behörde auf die Untersuchung aufmerksam. Nach Aussage der FDA kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Patienten, die mit Trasylol behandelt wurden, ein erhöhtes Risiko auf Tod, Herzinsuffizienz und Schlaganfall haben.

Die Mitglieder des FDA-Komitees kritisieren das Verhalten des Konzerns scharf. Dr. Michael Lincoff von der Cleveland Clinic (Ohio): „Ich bin verblüfft, dass uns die Vertreter von Bayer nicht mitgeteilt haben, dass eine solche Studie durchgeführt wurde. Wir haben mit ihnen einen ganzen Tag lang darüber gesprochen, dass wir aktuelle Untersuchungen benötigen. Es ist undenkbar, dass die Repräsentanten von Bayer von der Existenz der Studie oder der Relevanz für das Komitee nichts gewusst haben“. Dr. Robert Harrington von der Duke University: „Das System der Medikamenten-Bewertung funktioniert nur, wenn alle beteiligten Parteien offen und ehrlich ihre Informationen austauschen. Ironischerweise haben wir in eben dieser Sitzung kritisiert, dass Dr. Mangano seine Ergebnisse nicht für eine unabhängige Bewertung der FDA zu Verfügung stellen wollte – während Bayer sogar die Existenz solcher Daten verheimlichte. Besonders ärgerlich ist, dass mehrere Mitglieder des Panels, darunter auch ich, weitere Untersuchungen zu Risiken und Nutzen des Medikaments forderten.“

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „Die Aufsichtsbehörden dürfen sich nicht von der Pharma-Industrie an der Nase herumführen lassen. Es ist ein schlechter Witz, wenn uns die Konzern-Verantwortlichen nun weiß machen wollen, sie hätten die Ergebnisse „versehentlich“ verheimlicht. Bei Fragen von Leben und Tod verbieten sich solche Ausflüchte.“

Die CBG fordert als Konsequenz aus dem Skandal eine grundsätzliche Veröffentlichungs-Pflicht für alle medizinischen Studien. „Es ist nicht hinnehmbar, dass die Medikamenten-Hersteller nur solche Untersuchungen offenlegen, die ihnen genehm sind. Alle Studien-Ergebnisse müssen verbindlich auf den Tisch“, so Mimkes weiter. Der Verein fordert zudem strengere Zulassungsbedingungen, eine Kontrolle bereits auf dem Markt befindlicher Pharmazeutika sowie industrie-unabhängige Studien. Nur bei bewiesener Wirksamkeit dürfe eine dauerhafte Zulassung neuer Medikamente erteilt werden.

weitere Informationen:
New York Times: Bayer failed to report risks of drug
Todesfälle durch TRASYLOL: BAYERs neuer Pharma-GAU


Tagesspiegel, 4. Oktober 2006

Ein bedauerliches Missgeschick

Die Aufsicht über Arzneimittel muss verschärft werden

Alexander S. Kekulé

Aus Erfahrung sollte man ja eigentlich klug werden. Im Jahre 2001 hätte der Skandal um den Lipidsenker Lipobay dem Bayer-Konzern fast das Genick gebrochen. Damals trudelten in der Leverkusener Konzernzentrale über 50 Meldungen mysteriöser Todesfälle ein. Der einstige Verkaufsschlager wurde vom Markt genommen, Bayer wurde in den USA auf über eine Milliarde Dollar Schadenersatz verklagt. Obwohl die Gerichte den Konzern von Schuld letztlich freisprachen, ist dessen Image bis heute ramponiert.

Als im vergangenen Januar bei einem weiteren Verkaufsschlager der Bayer AG tödliche Nebenwirkungen bekannt wurden, hörten Analysten für den angezählten Konzern schon das Todesglöckchen läuten. Das gute alte Trasylol, seit über 10 Jahren ein Standardmittel in der Herzchirurgie, sollte laut einer Studie jährlich 10 000 bis 11 000 Fälle von Nierenversagen verursachen - viele davon mit tödlichem Ausgang. Forscher aus den USA hatten die Klinikakten von 4374 Bypass-Operationen ausgewertet. Es stellte sich heraus, dass nach Gabe von Trasylol doppelt so oft Nierenversagen auftritt wie bei Patienten, die andere, ähnlich wirkende Medikamente bekommen haben. Auch die Rate anderer Komplikationen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle wird dramatisch erhöht. Nach Schätzungen von Peter Sawicki, Direktor des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, bedeutet dies allein in Deutschland bis zu 300 Trasylol-Tote pro Jahr - ein Vielfaches der registrierten Lipobay-Opfer. Sawicki forderte deshalb erfolglos ein Moratorium für die Arznei. Die US- und EU-Aufsichtsbehörden leiteten Untersuchungen ein.

Besonders tragisch für die durch Trasylol geschädigten Patienten ist, dass es genauso gute Alternativen gibt. Herzchirurgen geben Trasylol, um den Blutverlust während der Operation zu verringern. Zwar gibt es schon länger Alternativen, die nebenwirkungsärmer und dazu wesentlich billiger sind. Doch Trasylol galt vielen Chirurgen als so zuverlässig wie Aspirin. Den Jahresumsatz von 200 Millionen Dollar wollte Bayer eigentlich noch bis auf 600 Millionen steigern, unter anderem durch Erweiterung der Indikation für Operationen am Hüftgelenk und der Wirbelsäule.

Stattdessen hat sich der Pharmariese jetzt einen handfesten Skandal eingehandelt. Wie erst vergangenen Freitag bekannt wurde, gab Bayer nämlich parallel zur Prüfung durch die Arzneimittelaufsicht eine eigene Studie von gigantischem Ausmaß in Auftrag: Durch die Prüfung von 67 000 Akten von Bypass-Patienten, von denen 30 000 Trasylol erhalten hatten, sollte der Bericht vom Januar 2006 überprüft - und nach Möglichkeit widerlegt werden.

Doch dabei kam nichts Gutes heraus: Die Megastudie bestätigte das Auftreten der schweren Nebenwirkungen, diesmal mit einer 15mal größeren Fallzahl, also erheblich höherer Aussagekraft.

Was dann passierte, wird von Bayer als „Missgeschick“ bezeichnet und „bedauert“: Bei der offiziellen Anhörung durch die US- Aufsichtsbehörde FDA am 21. September verloren die Bayer-Vertreter über die unbequeme Mammutstudie kein Sterbenswörtchen. Die ahnungslosen FDA-Gutachter empfahlen daraufhin nur ein paar zusätzliche Warnhinweise für die Packungsbeilage. Am nächsten Tag schloss auch die deutsche Arzneimittelbehörde (BfArM), federführend für die EU, ihre Trasylol-Überprüfung ab - mit geringfügigen Einschränkungen bei der Anwendung und Ergänzungen der Angaben zu den Nebenwirkungen.

Bayer ging mit der Erfolgsmeldung sofort an die Presse, der Aktienkurs stieg um 0,75 Prozent. Nach Informationen der „New York Times“ kam die FDA dem Versteckspiel erst durch einen anonymen Hinweis auf die Schliche. Jetzt soll die Prüfung in den USA von vorne beginnen. Auch beim deutschen BfarM dürfte die Akte wieder auf den Tisch kommen. Dessen Leiter Reinhard Kurth hatte bereits stolz verkündet, dass das hiesige Überwachungssystem „in der Lage ist, rasch auf neue Informationen über relevante Arzneimittelrisiken zu reagieren und geeignete Schutzmaßnahmen EU-weit umzusetzen“. Mit der Raffinesse deutscher Pharmamanager hatte er wohl nicht gerechnet. Aber durch Erfahrung wird man ja bekanntlich klüger.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

[BIS] STICHWORT BAYER 04/2006

CBG Redaktion

BAYERs Service-Gesellschaft BIS blutet aus

„Wir sind kein Humankapital“

Der Leverkusener Multi will die BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS) zerschlagen, sich dabei von wesentlichen Geschäftsteilen trennen und auf diese Weise 3.000 Arbeitsplätze innerhalb des Konzerns vernichten. Von der BIS soll wenig mehr als ein „BISSCHEN“ übrig bleiben. Die Beschäftigten trieb das zu Protestaktionen an, deren Ausmaß in der jüngeren Geschichte des Pharmariesen ohne Beispiel ist.

„Für die BISler brechen aber auf jeden Fall harte Zeiten an“, prophezeite „Stichwort BAYER 1/06“ angesichts der fortdauernden Rationalisierungsmaßnahmen bei BAYER INDUSTRY SERVICES. Jetzt ist es endgültig soweit. Der Konzern kündigte an, die Service-Gesellschaft aufzuspalten, Teilbereiche abzustoßen und so innerhalb des Unternehmens 3.000 Stellen zu streichen. Der Pharmariese will sich von dem Bereich „Technische Dienste“ und seinen 1.500 MitarbeiterInnen trennen und Gartenarbeiten ebenso wie Wäschereidienste, Hausmeistertätigkeiten und bestimmte Wachaufgaben künftig von Fremdfirmen erledigen lassen. Die Zukunft der Logistik-Sparte CHEMION steht noch offen. 270 Beschäftigte aus dem Archiv, der Immobilien- und Kulturabteilung oder dem Erholungshaus-Team kehren heim zu BAYER, aber nicht unbedingt zu den Chemie-Tarifen. So plant der Multi, die im Erholungshaus Tätigen dem Gastronomie-Bereich zuzuschlagen, wo sie nur in den Genuß der „Nahrung-Genuss-Gaststätten-Konditionen kommen. Aber auch die verbliebenen 3.500 BISler müssen sich auf drastische Veränderungen einstellen. BAYER beabsichtigt, innerhalb der Abteilungen “Gesundheitsschutz„, “Arbeitsschutz„ und “Analytik„ 600 Arbeitsplätze zu vernichten. GewerkschaftlerInnen befürchten zudem die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche und/oder Lohnkürzungen.

Die Beschäftigten wollen das nicht hinnehmen. “Wir verlangen von der Geschäftsführung, dass die Pläne verschwinden und nach Lösungen unter einem gemeinsamen Dach gesucht wird„, so der BIS-Betriebsratsvorsitzende Jörg Feldmann. Bereits wenige Stunden nach Bekanntgabe der Umstrukturierungsabsichten zogen Protestler vor die Konzernzentrale. “Wie hier mit Mitarbeitern umgegangen wird, die sich im wahrsten Sinne des Wortes das Kreuz kaputt geschuftet haben für den Konzern„, erbost nicht nur den BIS-Schwerbehindertenvertreter Frank Weichold. Entsprechend eindeutig fielen die Losungen auf den Transparenten aus. “Wir sind kein Humankapital„ , “BAYER läuft - über Leichen„ oder “BAYER = SIEMENS„ lauteten sie. Am Abend hielten die Belegschaftsangehörigen eine Mahnwache ab. Den Tag darauf fand eine Betriebsversammlung und eine Demonstration mit ca. 4.000 TeilnehmerInnen statt, und am 16. November gingen die BISler wieder auf die Straße. Sogar die sonst eher als soziale Friedensstifterin bekannte IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE schlägt diesmal unversöhnlichere Töne an. “Dass der Arbeitgeber harte Beschlüsse fasst und mit uns dann die sozialen Pflästerchen verhandelt„, ist für den IG-BCE-Bezirksleiter Frank Löllgen diesmal nicht drin. Die Gewerkschaft fürchtet nämlich, dass BAYER mit der Zerschlagung der BIS einen Präzidenzfall schafft und Chemie-Unternehmen mit integrierten Lösungen dem Beispiel folgen werden.

“BAYER, TELEKOM, AIRBUS - Zehntausende Jobs weg„ überschrieb die Rheinische Post einen Artikel zum Thema und befasste sich in dem Schwerpunkt “Jobkrise in NRW„ zusätzlich noch mit dem Fall “BENQ„. Und mit den Entwicklungen bei der ehemaligen SIEMENS-Tochter weist die Lage bei der BIS wirklich viele Paralellen auf. Hier wie dort haben die Beschäftigten viele Zugeständnisse gemacht, um ihre Arbeitsplätze zu retten und sehen sich nun von den Unternehmensleitungen betrogen. Bei BAYER INDUSTRY SERVICES hatte bereits im Jahr 2003 ein 150 Millionen schweres Einsparprogramm begonnen, das 1.300 Arbeitsplätze gekostet hat und Lohneinbußen zur Folge hatte. So erhielten die LogistikerInnen von CHEMION ein Entgelt, das um 20 Prozent unter dem Chemie-Tarif lag - Öffnungsklauseln machten es möglich. Aber dem Anschein nach hat die Belegschaft Löllgen zufolge mit dem Lohnverzicht nicht ihre Arbeitsplätze gesichert, sondern nur die Braut geschmückt, damit sie so früh wie möglich von zuhause auszieht.

Die konkreten Vorschläge zur Zukunft von BIS hat die Unternehmensberatung BOSTON CONSULTING GROUP in ihrem Strategiepapier “BIS 2009„ ausgearbeitet. Sie hat die Angebote der Service-Gesellschaften mit denen der Mitbewerber verglichen, erwartungsgemäß Preisunterschiede zu Ungunsten der BAYER-Sparte festgestellt und für das Abstoßen einzelner Sparten plädiert, was nach den Hochrechnungen der Consulter ab 2009 einen Rationalisierungsgewinn von 125 Millionen Euro erbringt. Den Job hätte der Vorstand eigentlich auch selber erledigen können, denn mit Zahlen kennt der sich aus, aber die Manager bedienen sich immer gern auswärtiger Expertise. Die kommt nämlich mit der Autorität eines unabhängigen, objektiven Votums daher und eignet sich deshalb hervorragend als Argumentationshilfe. Dieser bedienten sich die BAYER-Chefs in einem Brief an die Belegschaft dann auch gleich ausgiebig. Die Untersuchung habe gezeigt, “dass wir nicht in allen Bereichen wettbewerbsfähig sind. Jetzt geht es darum, wie wir diese Wettbewerbsfähigkeit erreichen„, heißt es darin.

Dabei war es nie Sinn und Zweck der BIS, mit Arbeitsfeldern wie dem Chemiepark-Management, handwerklichen Diensten, Umweltschutz, Entsorgung und Werkschutz Milliarden zu erwirtschaften - das schaffen nicht einmal die mit allen Wassern gewaschenen Leverkusener Profit-Profis. Im Gegenteil: Im Zuge der Umstrukturierung zu einer Holding hatte BAYER in der Service-Gesellschaft alles geparkt, was keinen Gewinn abwirft, um die anderen Unternehmensteile zu entlasten. Deshalb wirft der BIS-Betriebsrat Klaus Hebert-Okon den Unternehmensberatern auch vor, von falschen Voraussetzungen ausgegangen zu sein: “Manche Sparten können nicht wirtschaftlich arbeiten, also muss es auch in Zukunft Quersubventionierung geben„. Dagegen vermisst die Gewerkschaft in dem Papier eine “Vorwärtsstrategie„. Investitionen etwa kämen in dem Konzept gar nicht vor, moniert Frank Löllgen. Für das Defizit von 17 Millionen Euro macht die IG BCE vor allem Managementfehler verantwortlich und sieht Mittel und Wege für eine integrierte Lösung, zumal der BIS-Umsatz im laufenden Geschäftsjahr zehn Prozent über Plan liegt.

Auch der Leverkusener Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach kritisiert die Zerschlagungspläne der beiden BIS-Gesellschaftler BAYER und LANXESS. Als “Monopolauftraggeber„ hätten sie selber es in der Hand gehabt, dem Chemiepark-Betreiber durch faire Preise ein Auskommen zu sichern, statt nur ihre Profitinteressen zu verfolgen, meint der SPD-Gesundheitsexperte. “Politisch doppelzüngig, entlarvend und moralisch ein Armutszeugnis„ nennt er das Verhalten der Manager. Sein Fazit lautet: “Der kurzfristige Gewinn ist das Ziel, das ist die ganze Geschichte". (von Jan Pehrke)

Weitere Informationen:
Artikel „BIS: BAYER rationalisiert weiter”
Entlassungen bei Bayer Industry Services: Demonstrationen der Belegschaften und Stimmen aus dem Werk

[Arbeitskampf] STICHWORT BAYER 4/2006

CBG Redaktion

Der Arbeitskampf der BAYER-Belegschaft

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) arbeitet seit 1978. Als wir damals starteten, mussten die gewerkschaftlichen Vertrauensleute für die BAYER-Werke noch auf der Straße gewählt werden, auf dem Werksgelände waren die Wahlen verboten. Bereits damals übten wir Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen. Inzwischen dürfen die Gewerkschaftsvertreter innerhalb der deutschen Werke gewählt werden.
In den Jahren seither haben wir viele Arbeitskämpfe von BAYER-Beschäftigten solidarisch und tatkräftig begleitet. Gemäß unserem Motto „Für Umweltschutz und sichere Arbeitsplätze bei BAYER - weltweit!“ übten wir sehr zur Freude der kämpfenden KollegInnen Solidarität. In Brasilien, Peru und anderswo - selbst in Belgien. Nur in Deutschland, da herrschte Ruhe bei BAYER. Es gab Betriebratswahlen und Tarifverhandlungen, aber es gab keine Arbeitskämpfe. Der letzte Streik bei BAYER in Deutschland hat 1920 stattgefunden, heißt es.
Für diese Ruhe sorgte die Gewerkschaft IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) die das System der Sozialpartnerschaft und des Co-Managements immer mehr perfektionierte und so zum Sprachrohr der Konzernleitung degenerierte. Sie verstieg sich sogar soweit, über ihren direkten Einfluss und ihre Macht über die Internationale Chemie-Gewerkschaft die solidarische Zusammenarbeit mit den Belegschaften ausländischer BAYER-Werke zu sabotierten und das internationale Netzwerk der CBG zu diffamieren. Die BAYER-Bosse von Hansen bis Schneider rieben sich die Hände, nahm ihnen doch die Gewerkschaft so manche unliebsame Drecksarbeit ab und disziplinierte die Belegschaften in den deutschen Werken besser als sie selber es jemals vermocht hätten.
Im Gegenzug hagelte es für die GewerkschaftsvertreterInnen Belobigungen und Plätze an den reich gefüllten Trögen der Bosse. Viele GewerkschaftsfunktionärInnen verwechselten das mit Erfolgen oder gar mit Macht und Einfluss und schwelgten in benebelter Glückseligkeit. Dass ihnen die Mitglieder in Scharen wegliefen und immer noch weglaufen, vermochten sie nicht als Folge ihres Tuns zu erkennen. Sie klammern sich verbissen an die immer weiter sinkenden Organisationsgrade in den Werken, ohne zu merken, dass die Bosse sie ohne mit der Wimper zu zucken abservieren werden, wenn sie denn mal nicht mehr gebraucht werden.
Doch seit zwei Jahren kommt Unruhe in die deutschen BAYER-Werke. Die Kolleginnen und Kollegen werden zunehmend sauer. Der Sozialismus ist zusammengebrochen, es gibt auch für BAYER keine Notwendigkeit mehr, mit sozialen Errungenschaften die Überlegenheit des Kapitalismus vorzutäuschen. Die BAYER-Bosse kehren wie alle ihre Kollegen in den Vorstandsetagen der deutschen Konzerne zur ganz gewöhnlichen Profitdiktatur zurück (die im übrigen fernab der so genannten Nahtstelle zum Sozialismus sowieso herrschte). Zum Schrecken der IG BCE werden Löhne gesenkt, dass es nur so kracht, Arbeitshetze und Arbeitsdruck werden ins Unerträgliche gesteigert, Arbeitsplätze werden vernichtet, KollegInnen zu Tausenden gefeuert.
Nun kommt es darauf an - werden die Beschäftigten sich ihrer Kampftraditionen besinnen? Wird die Gewerkschaft sich an die Seite ihrer Mitglieder stellen? Wird Sozialpartnerschaftsgedusel endlich zugunsten von konsequenter Gewerkschaftspolitik beiseite gefegt?
Wir sind Zeugen höchst dramatischer Ereignisse, denn immerhin hat keiner der Beschäftigten in Deutschland Kampferfahrungen. Streik, betrieblicher Widerstand, ziviler Ungehorsam, das alles kam von weither, aus den Ländern jenseits der Grenzen, das ist nun absolutes Neuland. Aber dennoch, seit Wochen blockieren Montag für Montag die BAYER-KollegInnen in Leverkusen mit ihren Betriebsräten von den oppositionellen Gewerkschaftslisten die B 8. Sie können stolz auf sich sein!
Traurig ist, dass die KollegInnen anhaltend nach ihrer Gewerkschaft, nach der IG BCE rufen müssen; dass diese sich bis auf Ausnahmen (noch) nicht eingeklinkt hat. Die Schwestergewerkschaft der IG BCE, VER.DI hat sich konsequent an die Seite der Beschäftigten gestellt und verurteilt in klaren Worten die Haltung der IG BCE. Ja, selbst der DGB hat sich solidarisch erklärt!
Wir dürfen gespannt sein, wie es in den deutschen BAYER-Werken weitergehen wird. Eines ist bei allem sicher: Ruhige Zeiten wird es bei BAYER nicht mehr geben. Die IG BCE muss sich endlich darauf besinnen, dass sie keine Stabsstelle des Konzerns, sondern eine Solidargemeinschaft der Beschäftigten ist.
Axel Köhler-Schnura, Coordination gegen BAYER-Gefahren

[Trasylol] STICHWORT BAYER 4/2006

CBG Redaktion

TRASYLOL-Studie verheimlicht

BAYER täuscht US-Gesundheitsbehörde

Naja, das kann ja mal passieren: Da mussten BAYER-ManagerInnen bei der US-Gesundheitsbehörde FDA Rede und Antwort über die Gefährlichkeit der Arznei TRASYLOL stehen und vergaßen in der Aufregung doch glatt eine vom Unternehmen selbst in Auftrag gegebene Studie zu erwähnen, die dem Mittel ein hohes Risiko-Potenzial bescheinigte. Der Leverkusener Multi entschuldigte sich dann auch gleich brav für das kleine Missgeschick, aber den Gremiumsmitgliedern war alles Menschliche fremd: Sie zeigten sich geschockt über die „Irreführung der Behörden“.

Von Jan Pehrke

„Bietet die Gesamtheit der klinischen Daten die Gewähr für einen sicheren und wirksamen Gebrauch von TRASYLOL?“ Das wollte die für Arzneimittelsicherheit zuständige Kommission der US-Gesundheitsbehörde FDA am 21. September diesen Jahres von seinen 18 Mitgliedern wissen. Die Frage stellte sich, weil eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie dem vor allem zur Blutstillung bei Bypass-Operationen vewendeten Mittel lebensgefährliche Nebenwirkungen von Nierenversagen über Schlaganfälle bis zu Herzinfarkten attestiert hatte (siehe Stichwort BAYER 1/06). Die FDA-Runde beantwortete sie trotz dieses belastenden Materials positiv. Offensichtlich hatten die anwesenden BAYER-ManagerInnen Michael Rozycki und Pamela Cyrus mit zwei Medizinern im Schlepptau die ExpertInnen anhand der eingeforderten „neuen Sicherheits- und Wirksamkeitsprofile“ überzeugt, im Zweifel für den Angeklagten zu stimmen. Lediglich ein Vertreter enthielt sich.

Schon am Tag darauf zogen die BAYER-Aktien an der Wall Street kräfig an. Der Höhenflug dauerte allerdings nicht lange. Bei der FDA meldete sich nämlich der Harvard-Professor Alexander Walker und setzte die Behörde darüber in Kenntnis, dass die der FDA vorgelegten „neuen Sicherheits- und Wirksamkeitsprofile“ nicht das Allerneueste waren. Der Mediziner hatte nämlich mit seinen Kollegen im Auftrag BAYERs die Unterlagen von 67.000 Krankenhaus-PatientInnen analysiert und im Falle einer Behandlung mit TRASYLOL eine erhöhte Sterblichkeitsrate sowie ein größeres Risiko für Nierenversagen, Schlaganfälle und Herzerkrankungen festgestellt.

Kleinlaut räumte BAYER ein, die FDA „versehentlich“ nicht über die Arbeit von Walker & Co. informiert zu haben und entschuldigte das mit der Vorläufigkeit der Resultate. Was allerdings an dokumentierten Todesfällen vorläufig sein soll, dafür blieb der Leverkusener Multi die Erklärung schuldig. Entsprechend zurückhaltend war die Reaktion auf das Eingeständnis. „BAYERs schlappe Entschuldigung für das Zurückhalten von Daten (...) überzeugt nicht“, schrieb etwa die New York Times. Auch das Komitee-Mitglied Dr. Michael Lincoff von der Cleveland-Klinik akzeptierte diese nicht. „Wir haben den ganzen Tag darüber gesprochen, dass wir aktuelle Untersuchungen benötigen. Es ist undenkbar, dass die Repräsentanten von BAYER von der Existenz der Studie oder der Relevanz für das Gremium nichts gewusst haben“. Und der Rechtsanwalt Jason Mark meinte, wenn die FDA die Entschuldigung annehme, könne sie sich gleich auflösen und ihre Angestellten auf die Gehaltsliste der Konzerne setzen, dann wüsste wenigsten jeder, woran er ist.

Der Skandal hat die Glaubwürdigkeit der US-Gesundheitsbehörde schwer erschüttert, denn was BAYER recht war, wird anderen Pharmafirmen billig gewesen sein. Ohnehin war in den letzten Jahren immer wieder Kritik an dem viel zu laxen Zulassungsprozedere der FDA laut geworden. Darum fordern Kommissionsmitglieder wie der Mediziner John R. Teerlink, es nicht bei einer Rüge zu belassen und BAYER hart zu bestrafen. Mit Sammelklagen von TRASYLOL-Opfern sieht sich der Pharmariese ohnehin schon konfrontiert, und das Verheimlichen belastenden Materials dürfte seinen Stand vor Gericht nicht gerade erleichtern, wie schon der Konkurrent MERCK im Fall von „VIOXX“ erleben musste. Der Konzern hat in jedem Fall schon einmal vorgesorgt und den „Fehler“ nach bewährter Methode zwei Angestellten in die Schuhe geschoben und beide entlassen. Ob BAYER die RichterInnen mit diesem Bauernopfer besänftigen kann, bleibt abzuwarten.

BAYER hat diese kriminelle Energie für ein Präparat entfaltet, das mit einem Umsatz von 200 Millionen Euro lediglich einen Anteil von drei Prozent am Pharma-Umsatz hatte. Allerdings arbeitet der Multi ständig an Indikationserweiterungen und hat sich von einem positiven FDA-Votum bessere Vermarktungschancen versprochen. Bereits einmal ist das Unternehmen dafür über Leichen gegangen. Mitte der 60er Jahre testete BAYER dem Buch „Gesunde Geschäfte“ zufolge das ursprünglich nur zur Behandlung von Entzündungen der Bauchspeicheldrüse zugelassene Mittel als Therapeutikum für Schockzustände nach Unfällen. Die Ergebnisse versetzten den Auftraggeber in einen Schockzustand: Unter TRASYLOL erhöhte sich die Sterberate signifikant. Aber der Pillenriese blies das Ganze daraufhin nicht etwa ab, sondern manipulierte die Zahlen und holte die Pharma-Opfer statistisch wieder zu den Lebenden zurück - und BAYERs Ausführungen über die „Vorläufigkeit“ der Resultate Walkers ließen ähnliche „Nachbesserungen“ befürchten. Da es bei TRASYLOL „immer das Problem mit negativen Meinungsbildnern“ gab, kaufte sich der Konzern zudem einfach einen positiven. „Der Professor Blümel hat uns sehr geholfen“, packte ein Insider aus, „ ...Er hat uns zwar ganz schön gemolken, aber er hat auch etwas getan für uns, das muss man schon sagen“ (1).

Ob die bundesdeutschen Behörden dieser Skrupellosigkeit etwas entgegenzuhalten haben, erscheint zweifelhaft. Das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM) hatte nach den alarmierenden Studien ebenfalls eine neue Sicherheitsbewertung vorgenommen. Die Berichte über Nierenschädigungen veranlassten das Haus aber lediglich, das Anwendungsgebiet der Arznei zu beschränken und die Liste der Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel zu erweitern. Die zahlreichen Überempfindlichkeitreaktionen will es ausgerechnet mit Hilfe BAYERs in den Griff bekommen. „Das BfArM prüft derzeit Vorschläge von BAYER HEALTHCARE, wie die Zahl der Überempflindlichkeitsreaktionen in der EU so weit wie möglich, möglicherweise durch einen obligatorisch durchzuführenden immunologischen Test, gesenkt werden kann“, heißt es auf der Webpage. Für den Leverkusener Multi kann es also nur den PatientInnen selber liegen, wenn es zu Unverträglichkeiten kommt. Eine durchschaubare Strategie, aber für das Bundesinstitut offenbar nicht durchschaubar genug. Es lobt sich im Fall „TRASYLOL“ sogar noch selber dafür, dass es „in der Lage ist, rasch auf neue Informationen über relevante Arzneimittelrisiken zu reagieren und geeignete Schutzmaßnahmen zu treffen“.

Auf die „neuesten“ neuen Informationen, die BAYER der Institution wie den KollegInnen aus den USA vorenthalten hatte, reagierte das Bundesinstitut bisher allerdings nicht. Eine Anfrage von Stichwort BAYER blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

(1) zit. n. Gesunde Geschäfte, Kurt Langbein et. al., S. 152

[Schering] STICHWORT BAYER 4/2006

CBG Redaktion

Nach BAYERs SCHERING-Deal:

Noch mehr bittere Pillen

Die Übernahme des Pharma-Unternehmens SCHERING macht den Leverkusener Multi zum größten Arzneihersteller der Bundesrepublik. Dabei schluckte der Konzern so manche bittere Pille - nicht nur im wörtlichen Sinn. Auch Hypotheken aus der NS-Vergangenkeit lasten auf dem Berliner Konzern und „bereichern“ so BAYERs IG-FARBEN-Erbe.

Von Jan Pehrke

1851 kaufte Ernst Schering eine Apotheke und legte damit den Grundstein zur Geschichte des Berliner Pharma-Konzerns. Bald darauf gründete er eine Fabrik zur Herstellung von Arzneistoffen und Chemikalien, die er 1871 in eine Aktiengesellschaft umwandelte. Nach dem Ersten Weltkrieg geriet diese in ökonomische Schwierigkeiten und verlor ihre Selbstständigkeit. Die OBERSCHLESISCHEN KOHLEWERKE übernahmen die Aktienmehrheit. Erst seit 1937 firmiert SCHERING wieder unter eigenem Namen.

Auch sonst gedieh das Unternehmen während der nationalsozialistischen Zeit. Es profitierte von der „Arisierung“ jüdischen Besitzes und erwarb die Firmen DEGEWOP und SCHERK sowie einige Berliner Apotheken zum „Schnäppchenpreis“. Durch die Beschlagnahme von „Feindvermögen“ erhielt SCHERING Aktien der holländischen Firma BROCADES, und die Raubzüge der Nazis im Osten bescherten dem Konzern die tschechoslowakischen Fabriken „Aussig I“ und „Aussig II“. Vor der Beschäftigung von ZwangsarbeiterInnen schreckten die Konzern-Herren ebenfalls nicht zurück.

„Negative Bevölkerungspolitik“
Und schließlich unterstützte das als „kriegswichtiges Unternehmen“ eingestufte SCHERING-Werk die NS-Vernichtungspolitik. Diese beschränkte sich nämlich nicht nur auf das Töten „unwerten Lebens“; sie wurde auch „präventiv“ tätig. „Unter Zerstörung verstehe ich nicht unbedingt die Ausrottung dieser Menschen. Ich werde einfach systematische Mittel anwenden, den Nachwuchs dieser Bevölkerung zu unterbinden“, sagte Adolf Hitler und setzte auf willige Helfer unter den Medizinern. Einen solchen fand er in Professor Carl Clauberg. Während seiner Zeit an der Universität Kiel leitete er für SCHERING die klinische Erprobung der Hormon-Präparate PROGYNON und PROLUTON. Später arbeitete der mit einem Jahressalär von 21.144 Reichsmark bestbezahlteste externe Mitarbeiter des Konzerns an einer Technik zur Massensterilisation.

Das brachte ihm ein Empfehlungsschreiben des SS-Reichsarztes Ernst Grawitz an Himmler ein. „Bei der unerhörten Bedeutung, die ein solches Verfahren im Sinne einer negativen Bevölkerungspolitik haben würde, ... erlaube ich mir daher, Reichsführer, den Vorschlag, Prof. Clauberg ein entsprechendes Forschungsinstitut in oder bei Königshütte einzurichten und diesem ein Frauenkonzentrationslager für etwa zehn Personen anzugliedern“, heißt es darin (1). Ein Jahr später, nach dem Scheitern der Experimente von Dr. Madaus, darf Clauberg Himmler im Führerhauptquartier persönlich seine Pläne zur Sterilisierung von Männern mittels Röntgenstrahlen und der von Frauen mittels einer Reizflüssigkeitsinjektion unterbreiten. Im Herbst 1942 macht sich der inzwischen zum SS-Brigadeführer aufgestiegene Clauberg gemeinsam mit dem bei SCHERING wegen Krankheit beurlaubten Paul Göbel im KZ Auschwitz-Birkenau an die Arbeit, wobei ihm die Berliner Zentrale die benötigten Medikamente und Röntgenkontrastmittel liefert. Hatte Clauberg ab 1938 bereits hochdosiertes PROGYNON und PROLUTON ohne Rücksicht auf Verluste an Frauen getestet, so ging er bei den Menschenversuchen im KZ noch rücksichtsloser vor. „Nach dem Erwachen lag ich wieder auf meiner Pritsche und war im Unterleib vollkommen verblutet. Ich bekam dann so furchtbare Schmerzen, dass ich mich wand wie eine Schlange. Ich grub mir vor Schmerzen die Fingernägel ins Fleisch.“, beschreibt Rosa Finkelstein ihr Martyrium. Die Gesundheitsschädigungen der Opfer reichen von Blasenkrankheiten, Unterleibsabszessen, Verdauungsproblemen, Sexualstörungen bis zu Unterleibskrebs.

Keine Stunde Null
Einige haben über ihre Pein auch den Verstand verloren, wie die von dem Publizisten Ernst Klee im Vorwort seines Standardwerkes „Auschwitz - die NS-Medizin und ihre Opfer“ beschriebene Frau. Bei einer polizeilichen Vernehmung konnte sie nur noch zusammenhanglos von einem Dr. Clauberg und einem ihr angeblich in den Bauch eingesetztes lebendiges Kaninchen fabulieren - offenbar eine fehlgeschlagene Verarbeitung ihres Schicksals als menschliches Versuchskaninchen. Klee beginnt sein Werk mit dem Hinweis: „In diesem Buch genannte Mediziner haben nach eigener Aussage niemals gegen ärztliches Ethos verstoßen.“ Ebendies reklamierte SCHERING nach dem Krieg auch für Dr. Clauberg. Er habe sich „mit dem Thema Sterilisierung nach den damaligen ethisch-medizinischen Richtlinien“ befasst und keine „verbrecherischen Handlungen“ begangen. „Am Interesse eines pharmazeutischen Forschers an einer für Patientinnen operationslosen und damit u. U. komplikationsärmeren Sterilisierung allein kann noch kein Interesse an einer politisch intentierten Zwangssterilisation abgelesen werden (was in der heutigen Literatur so gut wie nie bedacht wird)“, befindet der Konzern und muss auch zu einem solchen Urteil kommen. Eine Stunde Null gab es nämlich für das Unternehmen ebenso wenig wie für den Rest der medizinischen Welt. SCHERING profitierte - mit freundlicher Unterstützung der Marshall-Plan-Gelder - weiterhin von seinen Forschungen auf hormonellem Gebiet. Hatte dieser in einem Brief behauptet, die ursprünglich zur Behandlung weiblicher Unfruchtbarkeit bestimmten Mittel PROLUTON und PROGYNON könnten auch den gegenteiligen Zweck erfüllen und Schwangerschaften verhindern, so verfolgte der Pharmariese den von Clauberg und seinen Kollegen eingeschlagenen Weg konsequent weiter und brachte 1961 schließlich europa-weit die erste Verhütungspille heraus. Heutzutage ist das Unternehmen Weltmarktführer in diesem Segment, aber auch weiterhin mit der dunklen Vergangenheit Claubergs konfrontiert: Noch in diesem Jahr musste sich ein US-Gericht mit der Schadensersatzsklage des im KZ unfruchtbar gemachten Simon Rozenkier gegen SCHERING (und BAYER) befassen - lehnte diese allerdings mit Verweis auf den Entschädigungsfonds der bundesdeutschen Wirtschaft ab.

Die erste Pille
So gut die Pille den FinanzbuchhalterInnen schmeckte, so bitter stieß sie vielen Frauen auf. Das von SCHERING als „supersanft“ vermarktete Präparat FEMOVAN etwa erwies sich in seiner Wirkungsweise als nicht gerade zimperlich. Die „niedrigst dosierte Antibabypille“ führte bei vielen Komsumentinnen zu Herzkreislauf-Problemen. In England ereignete sich sogar ein Todesfall: Eine 19-jährige bekam zunächst eine Venenthrombose, dann eine Lungenembolie und starb. Die bundesdeutschen Aufsichtsbehörden erhielten bis Ende 1989 119 Meldungen über solch thromboembolische Nebenwirkungen. Der Vorstand aber schaltete auf stur. „Es gibt kein Medikament ohne Nebenwirkungen“, beschied der Vorstandsvorsitzende Guiseppe Vita einem Vertreter des SCHERING-kritischen Netzwerkes SCHAN auf der Hauptversammlung im Jahr 1989. Bei dem Fall einer Frau, die nach der Einnahme des Verhütungsmittels einen Hirninfarkt erlitten hatte, machten Unternehmenssprecher ihren hohen Cholesterinspiegel für den Gehirnschlag verantwortlich, obwohl dieser nach der Absetzung der Pille sofort von 236 auf 176 sank und erhöhte Blutfettwerte eine bekannte Nebenwirkung von Kontrazeptiva sind.

Der durch SCHAN aufgebaute öffentliche Druck bewog die Unternehmensleitung dann aber doch, den Endokrinologen Prof. Dr. Herbert Kuhl mit einem Gutachten über die Risiken und Nebenwirkungen von FEMOVAN im Vergleich zu dem Präparat MARVELON zu beauftragen. Es räumte kräftig mit dem Mythos um die „niedrigst dosierte Antibabypille“ auf. „Auch neue, extrem niedrig dosierte Gestagene (weibliches Keimdrüsenhormon, Anm. SWB) sind keine Wundersubstanzen (...), ihre starke orale Wirkung beruht in erster Linie auf ihrer langsamen Inaktivierung in der Leber und der dadurch verzögerten Ausscheidung, die - wie im Falle des Gestodens - eine für die geringe Dosis von 75 µg außergewöhnlich hohe Serumkonzentration zur Folge haben kann“, hieß es in dem Gutachten. Bei FEMOVAN war diese vier- bis fünfmal höher als bei MARVELON. SCHERING bestritt die Ergebnisse und fertigte eine hauseigene „Null Problemo“-Untersuchung an. Trotzdem dauerte es noch fast 10 Jahre, bis das „Bundesinstitut für Arzneien und Medizinprodukte“ zögerlich an der Reißleine zog und es MedizinerInnen wenigstens untersagte, Erstanwenderinnen FEMOVAN zu verschreiben.

Der Ruf der anderen „Supersanften“, TRIQUILAR und YASMIN, steht dem von FEMOVAN kaum nach. TRIQUILAR lässt ebenso wie FEMOVAN den Blutfettspiegel steigen, was Arterienverkalkung befördert und so das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle erhöht. Der SCHERING-Konzern bestritt dies und legte zum Beweis eine Studie seines Mitarbeiters Prof. Michael Briggs vor, die sich jedoch später als Fälschung erwies. „Für die von SCHERING beanspruchte Stoffwechselneutralität von TRIQUILAR ergeben sich in der Literatur keine legitimierten Hinweise“, urteilte das arznei-telegramm deshalb und nennt kardiovaskuläre Komplikationen, Gebärmuttererkrankungen und Zystenbildungen als Nebenwirkungen. Auf die Hauptwirkung „Schwangerschaftsverhütung“ ist indes nur bedingt Verlass - wie auch bei dem Pessar MIRENA, unter dessen Anwendung es häufig zu gefährlichen Bauchhöhlenschwangerschaften kommt.

Auch bei YASMIN rät die Fachzeitschrift zu Zurückhaltung und führt die Gegenanzeigen „Kopf- und Brustschmerz“, „Übelkeit“, „Migräne“ und „Depressionen“ als Gründe auf. Zudem macht das Blatt auf die chemische Verwandtschaft des Inhaltsstoffes Drospirenon mit Spironolakton aufmerksam, dessen pharmakologische Verwendung nach Studien zum Krebsrisiko starken Auflagen unterliegt. Aber SCHERING störte das alles nicht. Der Konzern rührte mit Verweis auf eine angeblich diätische Wirkung des Kontrazeptivums kräftig die Werbetrommel, was Schlagzeilen wie „neue Anti-Baby-Pille macht sogar schlank“ produzierte. Durch den Presserummel um SCHERINGs YASMIN und das JENAPHARM-Präparat PETIBELLE sah sich das arznei-telegramm zum Eingreifen gezwungen und wandte sich mit einer Blitz-Meldung an die Öffentlichkeit. Mit Verweis auf die fehlenden Warnhinweise hieß es darin: „Bei dieser dürftigen Risikoinformation halten wir den Gebrauch von PETIBELLE und YASMIN, die offensichtlich den Lifestyle-Bereich abdecken sollen, für nicht begründbar“. Am ökonomischen Erfolg änderte diese Intervention freilich nichts: YASMIN ist Weltmarktführer unter den Verhütungsmitteln, und BAYER folgte bei der Kaufentscheidung nicht zuletzt dem Lockruf dieses Goldes.

Bevölkerungskontrolleur SCHERING
Die Pille hat die sexuelle Revolution mitausgelöst, was nicht unbedingt im Sinne der Erfinder war. Diese empfanden sich zum Teil eher als Claubergs Brüder im Geiste, da ihnen auch nach einer „negativen Bevölkerungspolitik“ der Sinn stand. Als Objekte galten ihnen aber nicht mehr Juden, sondern die Menschen in der Dritten Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nämlich für sie plötzlich zuviel davon, die Rede von der „Bevölkerungsexplosion“ ging um. Auf den Gedanken, mit einer gerechteren Verteilung der Güter und einer konsequenten Entwicklungshilfe-Politik vielleicht auch die „Überzahl“ satt zu machen, kamen ForscherInnen und PolitikerInnen nicht. „Fünf gegen das Wachstum der Bevölkerung investierte Dollar sind wirksamer als hundert für das Wirtschaftswachstum investierte Dollar“, meinte etwa der ehemalige US-Präsident Lyndon B. Johnson (2).

Die „Worchester Foundation for Experimental Biology“ legte ihr Geld deshalb ab 1951 in der Pharmaforschung an und machte den Biochemiker Gregory Pincus so zu einem der Väter der Pille. Der „Population Council“ von John Rockefeller III zeigte sich gleichfalls großzügig und finanzierte die Entwicklung zahlreicher Kontrazeptiva bis hin zu „Innovationen“ wie dem auch von SCHERING vertriebenen Implantat NORPLANT mit. Sogar auf ganz praktischem Gebiet kam Clauberg wieder zu Ehren. Jüngere GynäkologInnen entwickelten seine an KZ-Häftlingen erprobte „Verschweißmethode“ weiter und machten daraus ein Instrument zur Bevölkerungskontrolle in der „Dritten Welt“. Für SCHERING und die anderen Pharmariesen bahnte sich hier ein Milliardengeschäft an, ein hoch subventioniertes überdies. So gab die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits 1990 drei Millionen Dollar für den Vertrieb von Verhütungsmitteln aus, und der SCHERING freundlich verbundene Reproduktionsforscher Egon Diczfalusy sorgte als WHO-Berater dafür, dass die Berliner dabei nicht leer ausgingen. Die Bundesrepublik ließ sich die auswärtige Bevölkerungspolitik schon in jenem Jahr bedeutend mehr kosten: jährlich 50 Millionen Euro. Deshalb hat sich der Berliner Pillenriese schon frühzeitig um gute Kontakte zu den verantwortlichen Ministerien bemüht, die sich immer wieder auszahlten. Kein anderes Unternehmen hat so viele Pillen-Packungen unter das Weltvolk gebracht, umsatzmäßig reichte das allerdings nur zu Platz 3. „Das liegt einfach daran, dass wir viel mit Familienplanungsorganisationen zusammenarbeiten und dann die Zykluspackungen zu geringen Kosten abgeben“, erläutete die SCHERING-Sprecherin Klutz-Specht in dem 1992 erschienenen SCHAN-Buch „SCHERING - die Pille macht Macht“ diese Geschäftspolitik (3).

Als eine solche politischen Landschaftspflege verstand BAYER-SCHERING es sicherlich auch, im Oktober 2006 gemeinsam mit dem „Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (BMZ) die Tagung „International Dialog on Population and Sustainable Development“ auszurichten. Außenpolitisch legten die Arznei-Hersteller eine ähnliche Aktivität an den Tag. Sie bauten beispielsweise über Jahre hinweg Beziehungen zum Gesundheitsministerium von Bangladesh auf, das sich infolgedessen bei der „Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“ (GTZ) erfolgreich für das Unternehmen stark machte. Bald pumpte SCHERING 600.000 Pillen in den „gigantischen Fruchtbarkeitsmarkt“. Die Bangladesher Frauen wussten allerdings noch gar nichts von ihrem Glück. Nach Recherchen des GTZ-Mitarbeiters vor Ort waren nur rund 15 Prozent der Angesprochenen bereit, empfängnisverhütende Mittel einzunehmen. Deshalb wollte er sich auch nicht als Pharma-Drücker betätigen und kündigte. „Es ist die schiere Perversion, weiter in diese Programme zu investieren, die nicht dazu beitragen, die Strukturen für die Mehrheit der unterdrückten Bauern und Frauen (...) zu verändern“, resümierte er (4).

Und was SCHERING im Laufe der Jahre so alles auf die „gigantischen Fruchtbarkeitsmärkte“ der „Drittweltländer“ warf, entsprach oft nicht den gängigen Standards. Galt den Behörden hierzulande die Dreimonatsspritze NORISTERAT wegen des Krebsrisikos nur als „Verhütungsmittel 2. Wahl“, womit es noch glimpflich wegkam, so war es für die armen Staaten gerade gut genug. 1,4 Millionen Ampulen verkaufte SCHERING davon 1982. Auch die Pillen der ersten Generation, die der Konzern daheim schon im firmeneigene Museum SCHERINGIANUM ausstellte, exportierte er noch nach Pakistan.

Test the South
Darüber hinaus nutzte die Firma die südliche Halbkugel als riesiges Versuchslabor. Das injizierbare Kontrazeptivum NET-EN testete das Unternehmen noch vor der Genehmigung durch das Bundesgesundheitsamt in Peru und Indien, wo es bei 43 Prozent der Teilnehmerinnen zu schweren Menstruationsstörungen kam. Die Zulassung in der Bundesrepublik erfolgte dann konsequenterweise nur unter strengen Auflagen. Ebenso wenig hatte das Implantat NORPLANT, von der WHO, Rockefellers „Population Council“ und der Industrie gemeinsam entwickelt und von SCHERING für den finnischen Hersteller WYETH in Thailand vertrieben, das OK der bundesrepublikanischen Behörden, als das Berliner Unternehmen es - auf Kosten der WHO - in dem südostasiatischen Land erprobte. Westlichen Gepflogenheiten entsprach die Anwendungsbeobachtung bei weitem nicht. Über mögliche Nebenwirkungen klärten die MedizinerInnen die Teilnehmerinnen, zur Hälfte Prostituierte, nicht auf. Eine gründliche gynäkologische Untersuchung erfolgte ebenfalls nicht, lediglich der Blutdruck wurde gemessen. Über die zahlreichen Frauen, die das Implantat dankend zurückgaben, schwieg die mit den Tests beauftragte Klinik. „Nicht ein einziger Fall davon steht in den Klinik-Daten. Als die Krankenschwester erklärte, dass Daten über frühzeitige Entfernung auch schon mal herausgenommen waren, zerstörte sie unsere letzte Hoffnung, herausfinden zu können, wieviele der ursprünglich 101 “Akzeptorinnen„ abgebrochen hatten“, schrieb ein deutsch-thailändisches AutorInnen-Team (5). Die hohe AbrecherInnen-Quote verwundert nicht, denn NORPLANT macht fünf Jahre unfruchtbar. Deshalb erfreut es sich unter BevölkerungspolitikerInnen, die bei der Umsetzung ihrer Programme oftmals wenig zimperlich sind, großer Beliebtheit. Die indonesische Regierung nutzte es beispielsweise großflächig zu einem gegen bestimmte Minderheiten gerichteten politischen Instrument und betrieb eine „ethnischen Säuberung“ in der Gebärmutter. Auch die Nebenwirkungen haben es in sich. Sie reichen von schweren Blutungen über Blindheit bis zu Depressionen.

Diese Rücksichtlosigkeit bei der Vermarktung von empfängnisverhütenden Mitteln steht derjenigen, die SCHERING beim Export anderer Medikamente in „Drittweltländer“ an den Tag legt, kaum nach. Der von der BUKO-PHARMAKAMPAGNE im Jahr 2004 vorgelegte Report „Daten und Fakten 2004 - Deutsche Medikamente in der 3. Welt“ stuft von den 142 in den armen Ländern auf dem Markt befindlichen SCHERING-Arzneien nur 39 als unentbehrlich ein. Ebenso viele bezeichnen die Pharma-KritikerInnen als irrational, darunter z. B. das Abführmittel KANORMAL, das angeblich gegen Blähungen und Völlegefühle wirkende PANKREOFLAT und die in der Bundesrepublik seit 2003 nicht mehr zugelassene Hämorrhoiden-Salbe SCHERIPROCT.

Noch mehr Hormone
Mit seinen Hormon-Präparaten deckt SCHERING noch viele weitere Gebiete der Frauenheilkunde ab. So brachte der Konzern 1950 das Medikament DUOGYNON als Mittel gegen Regelstörungen und als Schwangerschaftstest heraus. Die Wirkstoffkombination aus den Hormonen Gestagen und Östrogen ließ zahlreiche PatientInnen kranke Kinder zur Welt bringen. Viele Babys hatten eine gespaltene Wirbelsäule, einen Wasserkopf, Herzmissbildungen oder deformierte Gliedmaßen. Das rief die INTERESSENSGEMEINSCHAFT DUOGYNON-GESCHÄDIGTER ins Leben, die den Konzern wegen Körperverletzung verklagte. Das Unternehmen jedoch war sich keiner Schuld bewusst, wohl aber des schlechten Rufes von DUOGYNON: SCHERING nannte es kurzerhand in CUMORIT um und hielt es allen Anfechtungen zum Trotz noch bis 1987 auf dem Markt.

Ein besonders dunkles Kapitel im SCHWARZBUCH SCHERING nimmt die Hormonersatztherapie für Frauen in den Wechseljahren ein. Was der Konzern „Menopausen-Management“ nennt, nennen Pharma-KritikerInnen „die Medikalisierung körperlicher Umbruchphasen im Leben von Frauen“ Die Autorin Petra Kolips hat ihr Buch über die Hormonmedikamente deshalb programmatisch „Weiblichkeit ist keine Krankheit“ genannt. Für SCHERING aber machen typische Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen und Schweißausbrüche einen Pharma-Einsatz unausweichlich. Auch kosmetische Gründe lassen einen Griff zu Hormonen angeraten erscheinen: Sie machen angeblich die Haut straffer. Zudem nutzt das Unternehmen die Angst als Verkaufsargument. Angeblich beugen Hormone der Osteoporose vor und wirken präventiv gegen Demenz. Nach Untersuchungen ist das Gegenteil der Fall: Hormone steigern sogar das Risiko, an Demenz zu erkranken. „Ein riesiges, unkontrolliertes Experiment mit den Frauen“ nennt das arznei-telegramm deshalb das „Menopausen-Management“. Bei vier Millionen Anwenderinnen in der Bundesrepublik schätzt eine Expertise die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle auf 3.000 und die Zahl der Thrombosen auf 7.000. Zudem erhöhen die Hormontherapien das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. MedizinerInnen mussten sogar eine Studie abbrechen, die beabsichtigte, das genauer zu ergründen, weil dieser Zusammenhang schon früh offen zu Tage trat und die ForscherInnen die Frauen nicht länger einer Gesundheitsgefährdung aussetzen wollten. Und trotz all dieser Befunde raten Fachverbände wie die „Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe immer noch nicht von den Produkten ab. Auch die zuständigen Stellen können sich dank der Lobby-Aktivitäten SCHERINGs noch immer nicht zu einem Verbot der Hormonersatztherapie entschließen.

Daneben bietet SCHERING noch Spezialtherapeutika wie das gentechnisch mittels E.-Coli-Bakterien produzierte BETAFERON gegen Multiple Sklerose, Krebsmedikamente, Wachstumsfaktoren und Röntgenkontrastmittel wie ULTRAVIST an, das der Konzern Mitte des Jahres zurückrufen musste, da in dem Medizinprodukt kleine Partikel zu Kristallen zusammengeklumpt sind, was Arterien verstopfen und so Thrombosen auslösen könnte.

Über die Produktpalette des nun zu BAYER gehörenden Unternehmens fällt Ulrich Möbius vom arznei-telegramm im Vorwort des bereits zitierten SCHAN-Buches ein vernichtendes Urteil. “Das Symptom der Sorglosigkeit - um nicht zu sagen, das Syndrom ungezügelter Profitgier - zieht sich wie ein roter Faden durch die Pharmadivision von SCHERING", schrieb der Pharmakologe. Der Konzern reagierte prompt. Er versuchte, das Buch verbieten zu lassen.

Anmerkungen

(1) zit. n. Ernst Klee, Auschwitz - Die NS-Medizin und ihre Opfer, S. 436
(2) zit. n. Josefa Wittenborg u. a., SCHERING - Die Pille macht Macht, S. 61
(3) zit. n. Josefa Wittenborg u. a., SCHERING - Die Pille macht Macht, S. 53
(4) zit. n. Josefa Wittenborg u. a., SCHERING - Die Pille macht Macht, S. 55
(5) zit. n. Josefa Wittenborg u. a., SCHERING - Die Pille macht Macht, S. 59

(Beide Bücher sind über den J5A-Versand erhältlich - www.j5a.net)

[Baytown] STICHWORT BAYER 04/2006

CBG Redaktion

Störfall im Baytowner BAYER-Werk

Der große Knall

Wieder hat es bei BAYER in Baytown einen Störfall gegeben: Ende September explodierte in dem texanischen Werk eine Produktionsanlage für hochgiftiges Toluylendiisocyanat (TDI). Neben krebserregenden Chemikalien traten mehrere Tonnen Ammoniak aus. Die Anlage steht seither still. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) fordert seit Jahren eine Umstellung der TDI-Produktion auf weniger gefährliche Verfahren, was der BAYER-Konzern beharrlich ablehnt.

Von Philipp Mimkes

Baytown gehört nach Aussage der US-Umweltbehörde EPA zu den „Ten Most Polluted U.S. Cities“, also den schmutzigsten Städten der Vereinigten Staaten. BAYER betreibt dort zwei der weltweit größten TDI-Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 200.000 Tonnen pro Jahr. Immer wieder kommt es auf dem BAYER-Gelände zu Zwischenfällen. So explodierte im Februar 2004 eine Produktionsanlage für Toluylendiamin (TDA), einem Vorprodukt für Schaumstoffe. Die austretenden Stoffe explodierten, die Druckwelle war kilometerweit zu spüren. Im vergangenen Jahr starb ein Monteur, nachdem er von austretenden Chemikalien verätzt worden war. Die US-Arbeitsschutzbehörde OSHA strengte eine Untersuchung an und stellte „ernsthafte Verstöße“ gegen Sicherheitsbestimmungen fest, aufgrund derer eine „hohe Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls oder ernsthafter körperlicher Schäden“ bestand. Die Werksleitung „kannte die Risiken oder hätte diese kennen müssen“, weswegen die Behörde eine Geldstrafe gegen BAYER verhängte.
Der jüngste Zwischenfall ereignete sich am 26. September. Wieder gab es einen heftigen Knall. Ein mit TDI und Orthodichlorbenzol befüllter Reaktor platzte, eine Chemikalien-Wolke stieg in den Himmel. Andrea Murrow von der „Texas Commission on Environmental Quality“ bezeichnete die ausgetretenen Gase als „extrem reizend für Bindehaut und Schleimhäute“. Die Druckwelle der Detonation zerstörte mehrere Leitungen eines benachbarten Kessels, in dem sich rund 15 Tonnen Ammoniak befanden. Mehrere Tonnen des giftigen Gases traten aus. Mehr als zwanzig Arbeiter mussten mit Sauerstoff versorgt und im Krankenhaus behandelt werden, ein Mitarbeiter erlitt Verbrennungen.
OSHA-Beamte starteten unmittelbar eine Untersuchung der Unfall-Ursachen. Auch BAYER flog ExpertInnen aus Deutschland zur Analyse des Schadens ein. Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Mitglied der „Kommission für Anlagensicherheit“ beim Bundesumweltministerium, kritisiert die Häufung von Störfällen bei BAYER: „Es wird Zeit, dass BAYER vor allem im Ausland das Sicherheitsmanagement einer eingehenden Prüfung unterzieht, damit endlich ein spürbarer Rückgang von Schadens- und Umweltereignissen eintritt. Dies gilt vor allem für die besonders kritischen Produktionsbetriebe wie die von TDI“.

Klage eingereicht
Die Anlage in Baytown muss für rund vier Monate geschlossen werden. Die Weltmarkt-Preise für TDI zogen nach der Explosion wegen befürchteter Lieferengpässe an. Die taiwanesische Firma NAN YA PLASTICS CORPORATION gab bekannt, kurzfristig die Kapazitäten zu erhöhen. BASF und DOW CHEMICAL kündigten eine Machbarkeitsstudie für eine neue TDI-Fabrik an, die mit einer Jahreskapazität von 300.000 Tonnen die größte der Welt wäre.
19 Arbeiter des Werks Baytown reichten wenige Tage nach dem Störfall eine Schadensersatzklage ein, 13 weitere Arbeiter folgten eine Woche später. Byron Buchanan, Anwalt der Geschädigten, wirft dem Unternehmen grobe Fahrlässigkeit vor: „Wenn BAYER angemessene Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet hätte, wäre diese Explosion niemals geschehen“. Nach Aussage des Anwalts gab es bereits im Vorfeld Probleme mit der Anlage, ohne dass diese abgeschaltet worden wäre. Buchanan beantragte einen gerichtlichen Beschluss, laut dem der Konzern die zerstörten Anlagenteile vorerst nicht abräumen durfte. Hierdurch sollten GutachterInnen der Kläger die Gelegenheit bekommen, den Ort des Geschehens zu untersuchen.

Zeitbombe Phosgen
Hierzulande wird TDI, ein Vorprodukt zur Herstellung von Polyurethan-Schaumstoffen, in Dormagen und Brunsbüttel von BAYER sowie in Schwarzheide von der BASF gefertigt. Die höchste Kapazität hat die Anlage in Dormagen. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN machte am Tag nach der Explosion darauf aufmerksam, dass sich die TDI-Produktion in Dormagen unter freiem Himmel befindet und nur wenige hundert Meter von der Wohnbevölkerung entfernt liegt. Ein Unfall wie in Baytown könne daher schwerwiegende Folgen für die Anwohner haben, vor allem auch, weil in den TDI-Produktionsanlagen das Lungengift Phosgen zum Einsatz kommt, das Militärs im 1. Weltkrieg als Giftgas einsetzten - als „Grünkreuz“ erlangte es traurige Berühmtheit.
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) fordert seit Jahren ein generelles Ende der Phosgen-Chemie. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung um den Giftstoff, als BAYER Ende der 90er Jahre eine TDI-Fabrik in Taiwan plante. Die taiwanesische Regierung wollte das Projekt ohne lästige Sicherheits-Prüfungen durchwinken und gewährte großzügige Subventionen. Der Fall wurde jedoch zum Politikum, als örtliche Bürgerinitiativen mit Unterstützung der CBG auf die Risiken von TDI und Phosgen hinwiesen und ein reguläres Genehmigungsverfahren forderten. Als sich die zuständige Regional-Regierung der Forderung anschloss und in Bürgerversammlungen eine phosgenfreie Produktion angemahnt wurde, cancelte BAYER das Milliarden-Projekt. Mittlerweile baut der Konzern die Anlage im chinesischen Shanghai, wo keine lästigen Bürgerproteste drohen, um seine Position als Weltmarktführer zu halten.
In der Bundesrepublik kam der „Bund/Länderausschuss Chemikaliensicherheit” (BLAC) schon vor sechs Jahren unter Leitung des hessischen Umweltministeriums zu dem Ergebnis, dass eine großtechnische Herstellung von TDI ohne Phosgen möglich sei. Der von dem BLAC vorgelegte Bericht „Bewertung von wesentlichen Anwendungsgebieten der Chlorchemie“ fordert, dass für Neuanlagen phosgenfreie Verfahren zur großtechnischen Anwendung weiter entwickelt werden sollten. Trotzdem setzt BAYER weiter auf die Phosgen-Chemie. In den letzten Jahren baute der Konzern mehrere Anlagen, in denen Phosgen als Vorprodukt eingesetzt wird. Bei einer Lebensdauer der Anlagen von 25 – 35 Jahren wird das Sicherheitsrisiko daher noch Jahrzehnte bestehen bleiben.

BAYER macht weiter
Die CBG machte die Öffentlichkeit in einer Presseerklärung zum Baytowner Störfall erneut auf die tickende Zeitbombe aufmerksam. Eine internationale Presse-Agentur griff diese Stellungnahme auf, woraufhin Medien in Europa und den USA - darunter das Wirtschaftsmagazin Forbes – über die Problematik berichteten. Den anschließenden Fragen der Presse nach Phosgen wich der Konzern jedoch aus: BAYER wolle an dem bestehenden Produktionsprozess festhalten, so ein Sprecher des Unternehmens. Die Risiken seien beherrschbar, da „Phosgen bei der Produktion von TDI eingesetzt wird, aber in sehr kleinen Mengen“.
Fragt sich nur, was genau „sehr kleine Mengen“ sind. Den exakten Umfang der Phosgenproduktion gibt BAYER zwar auch auf mehrmalige Nachfrage hin nicht bekannt. In jedem Fall sind es aber sowohl in Baytown wie auch in Dormagen und Uerdingen mehrere zehntausend Tonnen pro Jahr. In Anbetracht dessen, dass Phosgen schon im Gramm-Bereich tödlich wirken kann, beruhigt die Aussage, dass der Gefahrstoff „just in time“ bereit gehalten wird – also nur in den gerade benötigten Mengen – nicht. Bei einer Anfrage zur Phosgen-Produktion im BAYER-Werk Uerdingen bekannte der Konzern nämlich vor einigen Jahren, dass sich auch bei einer „just in time“-Produktion rund 34 Tonnen des Giftgases in den Leitungen befinden. Im worst case, einem Bruch phosgengefüllter Leitungen oder einem Flugzeugabsturz, ist auch dies eine tödliche Bedrohung.

[GenReis] STICHWORT BAYER 4/2006

CBG Redaktion

BAYERs LL601 ist überall

Reis mit Scheiß

Wenn es noch eines Beweises für die Unbeherrschbarkeit der Gentechnologie bedurfte, dann hat ihn der Leverkusener Multi jüngst erbracht: In 33 von 162 Lebensmittelproben fanden sich Spuren von seinem nicht zum Verzehr zugelassenen Genreis LL601. Wie er dort hineingelangt ist, konnte Konzern-Chef Werner Wenning zwar nicht sagen, aber eines wusste er genau: „Wichtig ist festzustellen, dass die US-Behörden bestätigt haben, dass es hier für die Gesundheit und für die Umwelt keinerlei Belastungen gibt“. Darum will das Unternehmen aus dem Schaden auch nicht klug werden und kündigte stattdessen unmittelbar nach dem Gen-GAU an, das Geschäft mit Reis und anderen Saaten noch ausbauen zu wollen.

Von Jan Pehrke

Nach dem Gammelfleisch-Skandal kam der Genreis-GAU. In 33 von 162 Reispackungen auf bundesdeutschen Supermarkt-Regalen fanden sich Rückstände von BAYERs gentechnisch gegen das Antiunkrautmittel LIBERTY LINK immun gemachter Sorte LL601. Dort hätte die nirgendwo auf der Welt zum Verzehr zugelassene BAYER-Kreation vermutlich auch noch sehr lange gestanden, wenn nicht eine zufällige Entdeckung auf die BAYER-Spur geführt hätte, denn die Staatliche Lebensmittelaufsicht hätte UNCLE BEN das Leben nie schwer gemacht.
Im Januar 2006 bemerkte ein Reis-Verarbeiter eine gentechnische Verunreinigung seiner Ware. Er wandte sich umgehend an den Exporteur, das US-Unternehmen RICELAND FOODS. Der Konzern schaltet ein Labor ein, das in dem Reis auch ein LIBERTYLINK-resistentes Protein nachweist. Die WissenschaftlerInnen vermuten zunächst, LL-Baumwolle oder LL-Soja made by BAYER hätten sich unter die Ernte gemischt, denn der Genreis des Multis besitzt gar keine Zulassung. Erst im Mai ergeben Untersuchungen eine flächendeckende Verunreinigung der US-amerikanischen Reis-Ernte mit LL601. Und dann nehmen die Dinge ihren Lauf. RICELAND FOODS kontaktiert BAYER CROPSCIENCE. Der Konzern informiert die US-Behörden, die wiederum die Europäische Union in Brüssel über den Vorfall in Kenntnis setzen. Am 23. August erlässt diese ein Importverbot für US-amerikanischen Langkorn-Reis. Nur noch negativ auf LL601 getesteter Reis darf die Grenzen passieren. Die Kosten von rund 200 € pro Prüfverfahren haben die Reismühlen als Importeure zu tragen, ordnet die Kommission an.

LL601 ist überall
Nach dem Glauben der Euro-BürokratInnen hatte sich die Festung Europa damit mal wieder als wehrhaft erwiesen. Aber GREENPEACE zweifelte daran. Die Initiative ließ Reis aus bundesdeutschen Supermärkten auf LL601-Rückstände analysieren und wurde bei ALDI fündig. Das Unternehmen wies die Vorwürfe umgehend zurück. „Laut unseren Untersuchungen gibt es bei ALDI NORD bislang keine Befunde auf Genreis“, so eine Sprecherin. Auch BAYER zweifelte das Ergebnis an: „Wir wissen nicht, ob GREENPEACE die Funde mit von der EU zertifizierten Testmethoden entdeckt hat“. Dass GREENPEACE das gar nicht konnte, wusste der Konzern allerdings ganz genau. Der Multi weigerte sich nämlich zunächst, der Umweltschutzorganisation originale LL601-Proben als Referenzmaterial zur Verfügung zu stellen. Bald aber bestätigte der „Europäische Verband der Reismühlen“ die Arbeit von GREENPEACE. Sie fand den BAYER-Reis in 20 Prozent des untersuchten Materials. Daraufhin reagierte ALDI, ohne jedoch eine Verunreinigung zuzugeben. „Wir haben die Reissorte vorsorglich aus den Regalen genommen, obwohl die von uns veranlassten Tests bislang keine Belastung mit gentechnisch verändertem Reis ergeben haben“, vermeldete die Zentrale. 10.000 Tonnen der Körner verschwanden daraufhin aus den Supermärkten von ALDI & Co., die deshalb einen Verlust von 10 Millionen Euro in ihre Bücher schreiben konnten.

Das Imperium schlägt zurück
Das Kind war also in den Brunnen gefallen. Plötzlich sollte es aber ein ganz liebes Kind sein. Die US-Behörden stellten LL601 innerhalb weniger Wochen einen Persilschein aus, den BAYER umgehend einlöste. „Wichtig ist festzustellen, dass die US-Behörden bestätigt haben, dass es hier für die Gesundheit und für die Umwelt keinerlei Belastungen gibt“, sprach BAYER-Chef Werner Wenning. Die EU schloss sich ihm an. Obwohl die für Lebensmittelsicherheit zuständige Behörde selber einräumte, keine ausreichenden Daten für eine Risikoanalyse zu haben, gab sie vorsorglich Entwarnung. „Besonders dringliche Sicherheitsbedenken“ bestehen ihrer Meinung nach nicht. „Im Klartext: Es wird nicht erwartet, dass jemand tot umfällt, und über alles andere lässt sich keine Aussage machen“, kommentierte der Gen-Ethische Informationsdienst (GID) sarkastisch.
Um die Sicherheitsbedenken weiter zu zerstreuen, lief BAYERs Krisenmanagement auf Hochtouren. Der Konzern tischte zur Hochzeit des Gen-GAUs in der Bild-Zeitung das bekannte Ammenmärchen von der Gentechnik als Lösung des Welthungerproblems auf. Der ehemalige BAYER CROPSCIENCE-Chef Bernward Garthoff spielte in seiner jetzigen Position als Vorstandsvorsitzender der „Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie“ die Gefahren herunter und trat unverdrossen weiter für vereinfachte Anbauregelungen ein. Aber das Unternehmen konnte auch ganz grob werden. Als GREENPEACE eine Online-Aktion gegen den Genreis startete, ließ BAYER kurzerhand die Webseite sperren.

LandwirtInnen klagen
Auch gegenüber den massiv von Einkommensverlusten betroffenen LandwirtInnen schlug BAYER eine harte Gangart ein. In den USA sanken die Reispreise nach dem Gen-GAU um 10 Prozent. Zudem brachen wichtige Absatzmärkte in Japan und Europa ein - allein an den bundesdeutschen Importen hatte US-amerikanischer Reis bislang einen Anteil von 25 Prozent. Deshalb reichten Reisbauern und -bäuerinnen aus allen Regionen Nordamerikas Klage gegen BAYER ein. Das Unternehmen hatte das kommen sehen und vorsorglich eine nachträgliche LL601-Zulassung beantragt, um die möglichen Schadensersatzansprüche zu minimieren. „Ein Unternehmen, das sich aus der Verantwortung stiehlt, indem es im Nachhinein eine Vermarktungsgenehmigung für die USA erwirken will, zeigt blanken Zynismus gegenüber den Landwirten, die geschädigt wurden“, wetterte der Grüne Politiker Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, der stellvertretende Vorsitzende des Agrarausschusses des EU-Parlamentes.
In den Prozessen, den hunderte US-FarmerInnen dann auch wirklich per Sammelklagen angestrengt haben, setzt sich der Zynismus des Agroriesen fort. Er gibt allen die Schuld am Gen-GAU - Gott, dem Schicksal und den LandwirtInnen selber - bloss sich selbst nicht. In seiner 30-seitigen Antwort auf die Vorwürfe der Bauern und Bäuerinnen spricht BAYER von „unvermeidbaren Umständen, die niemand hätte verhindern können“, einem „Akt Gottes“ und einer angeblichen „Nachlässigkeit“ der FarmerInnen. „Es ist bedauernswert, dass BAYER, anstatt die Verantwortung zu übernehmen, versucht, den Reisbauern die Schuld zuzuschieben, den Menschen, die am meisten von der Unternehmenspolitik betroffen sind“, sagt der Klägeranwalt Adam Levitt.

Von Louisiana in die ganze Welt?
Die Spuren des Skandals führen indes nicht in den Himmel, sondern nach Louisiana, obwohl hinter dem eigentlichen Tathergang noch viele Fragezeichen stehen. Am 31. August tritt die Louisiana State University mit der Erklärung an die Öffentlichkeit, auf ihrer Reisforschungsstation hätte sich der LIBERTYLINK-Reis 2003 in eine konventionelle Sorte eingekreuzt. Die Universität hatte von 1999 bis 2001 für das Unternehmen AVENTIS CROPSCIENCE, das BAYER im Jahr 2002 übernahm, die Sorten LL601 und LL62 getestet. Obwohl die ForscherInnen die Abstandregelungen eingehalten hatten und Einkreuzungen durch Pollenflug auszuschließen sind, da Reis sich selbst bestäubt, kontamierten die Genpflanzen die Sorte „Cheniere“. Am wahrscheinlichsten erscheint die Hypothese, dass bei der Genreis-Ernte einige Körner am Boden verblieben waren, die dann in später gepflanzten Ackerfrüchten aufblühten. Was auch immer die genaue Ursache gewesen sein mag, der Vorfall zeigt einmal mehr, wie unkontrollierbar die Gentechnik ist. Die industrialisierte Landwirtschaft mit ihren Monokulturen tat dann ein Übriges. Die Hochschule kreierte nämlich eine Hochleistungssorte, die professionellen ZüchterInnen als Basissaatgut diente und so die Pflanzsaison 2005 dominierte.

Gen-Gau, Teil 2
Auch die andere von den WissenschaftlerInnen getestete Sorte sollte aus US-amerikanischen Landen frisch auf dem Tisch der europäischen VerbraucherInnen landen. Im Oktober wiesen französische Behörden Rückstände von LL62 in Ladungen aus den USA nach und informierten die EU-Kommission. Ein noch brisanterer Fund, denn für diesen, ebenfalls gegen den Herbizid-Wirkstoff Glufosinat resistenten Reis hatte BAYER in Brüssel vor drei Jahren einen Antrag auf eine Importgenehmigung gestellt, der kurz vor einer Bewilligung stand. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) hatte die EU bereits im September aufgefordert, Konsequenzen aus dem Fall „LL601“ zu ziehen und LL62 keine Importzulassung zu erteilen. „Der Fall bestätigt alle Befürchtungen: eine gentechnisch veränderte Reissorte landet im Handel, ohne dass die gesundheitlichen Risiken bekannt wären oder eine Genehmigung erteilt wäre. Dies muss Konsequenzen für die Zulassung von Genreis in der EU haben“, hieß es in dem Schreiben. Die Nachricht aus Frankreich zeigte dann die Dringlichkeit der CBG-Forderung.

Politik kapituliert
Aber eine Antwort der EU-Lebensmittelaufsicht EFSA blieb bisher aus. Anderen Laborpflanzen aus dem Hause BAYER, Genraps der Sorten Ms8, Rf3 und Ms8xRf3, hatte sie bereits die Unbedenklichkeit bescheinigt, weshalb der Brüsseler Agrarrat sich auch von dem LL601-Skandal nicht abhalten ließ, für eine Genehmigung zu stimmen. 13 Mitgliedsländer votierten dagegen, brachten aber gegen Verbraucherschutzminister Horst Seehofer und andere keine qualifizierte Mehrheit zustande, weshalb das OK der Kommission nur noch Formsache sein dürfte. „Denn auch, wenn Politiker gerne viel von Verbraucherschutz reden: Handeln tun sie letztlich im Sinne des Geldes“, kommentierte die neue bildpost die Entscheidung treffend.
Seehofer sorgte sogar dafür, dass BAYER künftig vor den finanziellen Folgen von Pleiten, Pech & Pannen aus der Zukunftswerkstatt gefeit ist. In Zukunft haben WissenschaftlerInnen nicht mehr dafür zu haften, wenn sich ihre Testpflanzen unbemerkt ausbreiten und ihre Gentech-Versuche nicht mehr auf den Feldern, sondern bei ALDI stattfinden. Nur noch LandwirtInnen in unmittelbarer Nähe des Versuchsgeländes können jetzt noch Ansprüche geltend machen, nicht aber andere Geschädigte, so sieht es ein am 24. November vorgestelltes Eckpunkte-Papier aus dem Hause Seehofer vor. Das passte den Agromultis natürlich gut ins Konzept. Kein Wunder, denn sie haben es selber passend gemacht. Die Eckpunkte der Eckpunkte zur geplanten „Reform“ des Gentechnikgesetzes lieferte nach einem GREENPEACE zugespielten Papier nämlich die „Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie“. Darin heißt es in einem Ton, der unmissverständlich deutlich macht, wer hierzulande in Sachen „VerbraucherInnenschutz“ das letzte Wort hat: „Die Definition des Inverkehrbringens (§ 3 Nr. 6, § 14) ist dahingehend klarzustellen, dass die Abgabe von Produkten mit Spuren von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) aus genehmigten Freisetzungsversuchen kein Inverkehrbringen darstellt“. Verkehrte Welt, die am selben Tag noch ein wenig verkehrter wurde. Punktgenau am 24. fruchtete nämlich auch BAYERs „Legalize-it“-Kampagne. Die US-Behörden erteilten LL601 nachträglich das Plazet, ohne freilich eine Verträglichkeitsprüfung angestellt zu haben. So schnell kann ein Gen-GAU zu einem beschleunigten Zulassungsverfahren mutieren!

BAYER macht weiter
Damit stärkten die US-amerikanischen BeamtInnen die Verhandlungsposition BAYERs bei den Sammelklagen ungemein. Der Gen-Gigant sieht dann auch gar keinen Grund, eine Kurskorrektur bei der Agro-Gentechnik vorzunehmen. Er hat sogar die Chupze, einen Ausbau des Bereiches anzukündigen. „Auf Basis der guten Ausgangsposition in unseren vier Kernkulturen Gemüse, Reis, Baumwolle und Canola (Raps, Anm. SWB) wollen wir in Zukunft im Saatgutbereich weiter wachsen. Darüber hinaus denken wir über die Erweiterung dieser Aktivitäten um neue Kulturen nach“, sagte BAYER-Vorstand Wolfgang Plitschke am 31. Oktober 2006 auf einem Presseforum zur „BAYER Innovationsperspektive 2006“. Da der Leverkusener Multi dem gid zufolge heute schon die Lizenz zu dem Großteil der 251 bis dato behördlich genehmigten Genreis-Experimente hat, können sich die VerbraucherInnen also noch auf so einiges gefasst machen.

[ter Meer] STICHWORT BAYER 4/2006

CBG Redaktion

Kranz für Fritz ter Meer

BAYER ehrt Kriegsverbrecher

Alle Jahre wieder zu Allerheiligen schmückt BAYER das Grab des ehemaligen IG-FARBEN-Vorstandsmitglieds und Kriegsverbrechers Fritz ter Meer mit einem großen Kranz.

Von Philipp Mimkes

Für BAYER ist die Vergangenheit noch nicht vergangen. Der Konzern ehrt weiterhin pflichtschuldig die verurteilten Kriegsverbrecher, die einst in seinen Diensten standen. An Allerheiligen ließ das Unternehmen an Fritz ter Meers Grab in Krefeld-Uerdingen wie in den früheren Jahren auch einen Kranz aufstellen.
Ter Meer, geboren 1884, war seit 1925 Vorstandsmitglied der IG FARBEN. Während des 2. Weltkriegs war er verantwortlich für den Aufbau des IG FARBEN-Werks in Auschwitz, in dem rund 30.000 ZwangsarbeiterInnen den Tod fanden. Im Nürnberger IG-FARBEN-Prozess wurde der IG-Vorstand deshalb im Juli 1948 wegen Versklavung und Plünderung zu sieben Jahren Haft verurteilt. In den Vernehmungen gab er zynisch zu Protokoll, den ZwangsarbeiterInnen sei kein besonderes Leid zugefügt worden, „da man sie ohnedies getötet hätte“.
Nach seiner Haftentlassung wurde ter Meer Aufsichtsratsvorsitzender von BAYER. Nach seinem Tod 1967 ehrte BAYER sein Andenken und benannte eine Stiftung zur Förderung von Studierenden in „Fritz-ter-Meer-Stiftung“.
„Für die Opfer der Politik, an der Fritz ter Meer für BAYER mitwirkte, ist es beschämend, dass der Konzern einen Kranz auf das Grab eines verurteilten Kriegsverbrechers legt“, meint der US-Amerikaner David Rosenberg, der in Pittsburgh dem „Komitee für einen angemessenen Umgang mit der Schuld“ vorsaß. „Die verspätete und widerwillige Beteiligung des Unternehmens am Entschädigungsfonds kann ter Meer und BAYER nicht für ihr Verhalten während der Kriegszeit exkulpieren. Schmutzige Hände werden nicht so schnell sauber. Ein Konzern, der ihn immer noch ehrt, erhebt sich über das Urteil der Richter des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses“, so Rosenberg weiter. Der Historiker kritisiert den Umgang des Pharmariesen mit seiner Geschichte, seitdem dieser am Standort Pittsburgh die Jüdische Gemeinde großzügig durch Spenden unterstützte, die Rolle des Unternehmens im Dritten Reich jedoch nicht thematisierte.
Auch Axel Köhler-Schnura von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN protestiert gegen die Vergangenheitspolitik BAYERs: „Es ist unerträglich, dass der BAYER-Konzern einen Kriegsverbrecher wie Fritz ter Meer ehrt und sich zur selben Zeit weigert, die Opfer und ihre Nachfahren angemessen und gerecht zu entschädigen. BAYER muss sich seiner Mitverantwortung für die Terrorherrschaft der Nazis, für Krieg und Zwangsarbeit stellen“. Köhler-Schnura erinnert daran, dass internationale Proteste und eine Reihe von Prozessen in den USA zwar BAYER und die anderen deutschen Multis zwangen, sich ihrer verbrecherischen Nazi-Vergangenheit zu stellen. Aber statt Reue und Einsicht zu zeigen und eine Wiedergutmachung zu versuchen schufen die Firmen in Geheimabsprachen mit der Bundesregierung die Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, welche die Opfer mit beschämenden Brosamen abfand. Die COORDINATION bleibt dabei: Es gibt für BAYER und andere Konzerne keinen Schlussstrich. Die Opfer von Zwangsarbeit, Menschenversuchen und anderen Verbrechen in Konzernverantwortung sowie ihre Nachkommen müssen angemessen entschädigt werden.

[Ticker] STICHWORT BAYER 04/2006 – Ticker

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

Kinderarbeit 2006/07
Die Kampagne der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) gegen die Kinderarbeit bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO zeigt einige Erfolge. In der Pflanzsaison 2006/07 sank die Zahl der Frondienste auf den Feldern leistenden Jungen und Mädchen auf 50-100, wie Recherchen des indischen Wissenschaftlers Dr. Davuluri Venkateswarlu ergaben. Im Bundesstaat Karnataka hat der öffentliche Druck auf BAYER aber offensichtlich noch nicht genügt. Dort stand das Thema „Kinderarbeit“ für den Leverkusener Multi bei den Verhandlungen mit den Zwischenhändlern und beim Abschluss der Verträge nicht auf der Agenda. Erst nach einer Intervention Venkateswarlus bewegte sich der Konzern. Das von BAYER mit großem Aplomb als Schlüssel des Kinderarbeitsproblems angekündigte „Musterdörfer“-Konzept hat der Konzern Venkateswarlu zufolge nicht umgesetzt. Die Leuchturm-Orte, in denen der Leverkusener Multi seine Zulieferer für den Verzicht auf die Beschäftigung von Minderjährigen mit Bonus-Zahlungen belohnen wollte, blieben Potemkinsche Dörfer. Auch die Spezialschulen, in denen die KinderarbeiterInnen versäumten Lernstoff nachholen können, erfüllen ihren Zweck nicht. Sie erreichen ihre eigentliche Zielgruppe nicht, weil die Jungen und Mädchen als „WanderarbeiterInnen“ von weither zu den Saatgutproduzenten kamen und inzwischen wieder heimgekehrt sind. Ob schließlich die von BAYER beauftragten UnternehmensberaterInnen von ERNST & YOUNG die Richtigen sind, um den Stand der Dinge vor Ort zu „evaluieren“, daran hat Dr. Davuluri Venkateswarlu auch so seine Zweifel.

Jahrestagung 2006
Der mit gentechnisch manipulierten BAYER-Sorten verunreinigte Reis beherrschte lange die Schlagzeilen. Das schon lang vorher festgelegte Thema der diesjährigen Jahrestagung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN(CBG) - „Geniale Geschäfte - vom GenKlau zum GenGau“ - bekam so eine ungeahnte Aktualität. Gregor Kaiser von der BUKO-KAMPAGNE GEGEN BIOPIRATERIE erläuterte in seinem Vortrag „Die Risiken der grünen Gentechnologie“, warum der Fehler im System liegt und die Technologie nicht beherrschbar ist. Wegen einer anderen nicht beherrschbaren Technologie, der Atomkraft, nach dem Tschernobyl-Unglück aufs Land gezogen, droht den Biobauern Lothar Gothe mit den Genpflanzen made by BAYER & Co. nun abermals der „Segen“ des industriellen Fortschritts einzuholen. Äußerst auschaulich berichtete er, wie er sich auf lokaler Ebene, in den Bauernverbänden und durch seine Teilnahme an Protestaktionen dagegen wehrt, auf den Business-Plan der Agromultis zu geraten. Der lange Schatten, den die „grüne Gentechnik“ wirft, hat ein wenig den Blick auf die nicht weniger problematische „rote Gentechnik“ verstellt. Uta Wagenmann (GEN-ETHISCHER INFORMATIONSDIENST) hat sie einmal genauer unter die Lupe genommen und durchschritt den ganzen Parcours von Heilsversprechungen über Genbibliotheken und Genmedizin-Gaus bis zur Ökonomisierung des Körpers und Biologisierung des Sozialen. Axel Köhler-Schnura vom Vorstand der CBG sah in diesem Gen-Imperialismus einen Ausdruck des Willens zur Macht der Unternehmen im Allgemeinen und BAYERs im Besonderen und erläutete mit einem Rekurs auf die Kriegsverbrechen des Konzerns, welche Gefahr eine Risikotechnologie in den Händen eines Unternehmens darstellt, dessen Leitmaxime der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Schneider einmal so formulierte: „Wir sind auf Profit aus, das ist unser Job“. Diesem Ansinnen Paroli zu bieten - darüber herrschte Einigkeit, und so führten die Diskussionen dann auch zum konkreten Plan einer gemeinsamen Praxis.

CBG schreibt Bundesinstitut
Nach alarmierenden Studien zu Risiken und Nebenwirkungen von BAYERs TRASYLOL hat die US-Gesundheitsbehörde FDA das Medikament überpüft - und sich gegen einen Entzug der Zulassung entschieden. Bei dem Prüfverfahren hat der Leverkusener Multi der Behörde allerdings eine ebenfalls zu alarmierenden Befunden kommende, selbst in Auftrag gegebene Untersuchung verschwiegen, was einen großen Skandal auslöste (siehe SWB 4/06). Da das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM) nach der US-amerikanischen Entscheidung ebenfalls Entwarnung in Sachen „TRASYLOL“ gegeben hatte, wollte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN von der Behörde wissen, inwieweit sich für die staatlichen ArzneiprüferInnen nach dem Täuschungsmanöver des Konzerns eine veränderte Sachlage ergeben hätte. Zudem fragte die CBG nach, ob dem BfArM das von Kurt Langbein herausgegebene Buch „Gesunde Geschäfte“ bekannt ist, das die Behauptung aufstellt, BAYER habe in den 60er Jahren eine TRASYLOL-Studie gefälscht und das erhöhte Sterblichkeitsrisiko durch die Behandlung mit der Arznei einfach „wegretouchiert“. Das Institut kannte das Werk nicht. „Wir können dessen Aussage also weder bestätigen noch dementieren“, hieß es in dem Antwortbrief des BfArM-Abteilungleiters Dr. Ulrich Hagemann. Die von BAYER zunächst unterschlagene Expertise lernen die Bonner PharmakologInnen derweil gerade kennen. „Erste Beratungen dazu haben im Oktober und November 2006 auf EU-Ebene in der Pharmakovigilianz-Arbeitsgruppe stattgefunden. Es ist zu erwarten, dass eine Überarbeitung der Produktinformation (Stand August 2006) vorgenommen werden muss“, schreibt Hagemann. Der Pharma-GAU, der nicht mehr auf den Beipackzettel passt und zu einem Marktrückruf führt, muss für das Bundesinstitut also noch erfunden werden.

CBG schreibt EU
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN hatte BAYER wegen der Bildung eines Kunststoff-Kartells verklagt (Ticker 3/06) und dieses auch die EU wissen lassen. „Wir danken ihnen für die Informationen, die wir zur Kenntnis genommen haben. Die Wettbewerbsbehörde begrüßt und unterstützt die Wachsamkeit, die dem durch Kartelle entstehenden Schaden für VerbraucherInnen, AktionärInnen und die Gesellschaft insgesamt gilt“, heißt es in dem Antwortschreiben. Auch für eine konsequente Bestrafung setzten sich die BeamtInnen ein. „Die Kommission befürwortet alle Arten von Sanktionen, auch strafrechtliche (für Individuen), welche eine abschreckende Wirkung haben können“, so die Brüsseler WettbewerbshüterInnen.

CBG schreibt Wenning
Säuglinge in der „Dritten Welt“, die mit Milchpulver ernährt werden, leiden häufig unter Mangelernährung, weil die Mütter aus Kostengründen zu wenig verwenden. Oft verursacht das zum Ansetzen verwendete schadstoffreiche Wasser auch gesundheitliche Probleme. Deshalb haben die Philippinen den Konzernen 1986 verboten, für Milchpulver zu werben. Gegen diesen „milk code“ haben BAYER, NOVARTIS, ABBOTT und andere Pharma-Multis geklagt (Ticker 3/06). Um gegen dieses Vorgehen zu protestieren, haben die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN und die AKTIONSGRUPPE BABYNAHRUNG einen Offenen Brief an BAYERs Vorstandsvorsitzenden Werner Wenning geschrieben.

Solidarität mit den BISlern
Der Leverkusener Multi will die BAYER INDUSTRY SERVICES zerschlagen, große Geschäftsbereiche abstoßen und auf diese Weise 3.000 Arbeitsplätze innerhalb des Konzerns vernichten (SWB 4/06). Die MitarbeiterInnen protestieren dagegen mit einer Vehemenz und Ausdauer, die in der jüngeren Vergangenheit des Unternehmens ohne Beispiel ist. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN hat sich in einer öffentlichen Erklärung hinter die Beschäftigten gestellt. „Es ist nicht hinzunehmen, dass sich der Konzern jeglicher Verantwortung für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entzieht. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) erklärt sich daher solidarisch mit den Forderungen der Belegschaft“, heißt es darin.

Cefic für Schmähpreis nominiert
Die Kölner Initiative LOBBYCONTROL hat den Europäischen Chemieverband Cefic für den „Worst EU Lobby Award“ nominiert. Verdient haben sich BAYER & Co. diesen Schmähpreis nach Meinung der Stifter gleich doppelt. Zum einen brachten sie das Europäische Parlament dazu, Nichtregierungsorganisationen das Klagerecht gegen Verletzungen von Umweltgesetzen durch EU-Institutionen zu nehmen und zum anderen suggerierten sie in ihrer Kampagne gegen das Chemikaliengesetz REACH fälschlicherweise, das Verbot gefährlicher Stoffe würde afrikanische Kinder zu wehrlosen Opfern von Malaria übertragenden Insekten machen.
Auch EU-Industriekommissar Günter Verheugen hat gleich zwei Eisen im Feuer. Preiswürdig empfand LOBBYCONTROL sowohl seine Gepflogenheit, ExpertInnengruppen vorzugsweise mit Industrie-Emissären zu bestücken als auch seine präventive Entschuldigung an BAYER & Co. im Rahmen der Diskussion um ein Positionspapier zur Unternehmensverantwortung, dass „ein paar Passagen als verbale Zugeständnisse an andere Stakeholder verstanden wissen müssen, die jedoch keine echten Folgen haben werden“. Andere BAYER-Freunde wie österreichische und finnische Politiker, welche der Biotech-Industrie ermöglichten, „Entscheidungsträger zu treffen und sich mit anderen Wirtschaftsakteuren zu vernetzen“, wie es die Gen-Giganten formulierten, während Umweltinitiativen draußen bleiben mussten, gehen ebenfalls mit guten Aussichten auf eine Auszeichnung ins Rennen.

NRW-Umweltverbände trafen sich
Mitte September nahm die CBG an einem Treffen nordrhein-westfälischer Umweltinitiativen teil. Die AktivistInnen tauschten sich über ein effektiveres Vorgehen gegen die Schadstoffausstöße von BAYER & Co. aus, diskutierten über die Anlagensicherheit und Notfallplanung in dem Bundesland und besprachen ein gemeinsames Vorgehen gegen den von der schwarz-gelben Landesregierung betriebenen Rückbau der Umweltpolitik (siehe auch SWB 3/06).

Kritik an AIDA-Werbung
Auch Verhütungsmittel fallen in der Bundesrepublik unter das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneien (siehe auch POLITIK & EINFLUSS). Das Internet bietet jedoch vielfältige Möglichkeiten, es zu umgehen. So preist die BAYER-Tochter JENAPHARM auf verschiedenen Webseiten unverhohlen die Pille AIDA als ein Mittel an, das nicht nur Schwangerschaften verhindert, sondern angeblich auch noch für schönere Haut und Haare sorgt. Nach einer Beschwerde der pharmakritischen Fachzeitschrift arznei-telegramm entfernte die Firma den Markennamen von den Seiten, im Metatext ist er jedoch nach wie vor vorhanden, weshalb Suchmaschinen weiterhin fündig werden. „Wir erinnern daran, dass ‚Schönheit‘ keine zugelassene Indikation für irgendein empfängnisverhütendes Mittel ist und die Nutzen-Schaden-Abwägung für eine solche ‚Indikation‘ eindeutig negativ ist (...) Die Vermarktung des neuen Kontrazeptivums AIDA ist unseriös und bedient zielgerichtet den Lifestyle-Bereich. Wegen unzureichender Daten zur Langzeitverträglichkeit raten wir von einer Verordnung ab“, schreibt das Blatt in einer Blitz-Veröffentlichung.

Neue MedizinerInnen-Initiative
BAYER & Co. versuchen auf vielfältige Weise, das Verschreibungsverhalten der MedizinerInnen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. So hat der Leverkusener Multi in der Vergangenheit ÄrztInnen Reisen im Orientexpress spendiert und ihnen für so genannte Beobachtungsstudien viel Geld gezahlt. Die neue MedizinerInnen-Initiative MEIN ESSEN ZAHL ICH SELBST (MEZIS) geht jetzt auf Distanz zur Pharmaindustrie. Mitglieder von MEZIS empfangen keine PharmareferentInnen in ihren Praxen, nehmen keine Musterpackungen und Geschenke an, beteiligen sich nicht an Arznei-Anwendungsstudien und verzichten auf Praxissoftware, die von den Pillenriesen gesponsort ist.

Proteste gegen Gen-Weizen
Gegen das Bestreben, im sachsen-anhaltinischen Gatersleben einen Freisetzungsversuch mit einer Weizenart durchzuführen, die gegen BAYERs Pestizid-Wirkstoff Glufosinat - unter anderem im berühmt-berüchtigten Genreis LL601 enthalten - immun ist, hat es zahlreiche Proteste gegeben. Gentechnik-GegnerInnen sammelten 27.000 Unterschriften gegen das Vorhaben. Das Münchner Umweltinstitut wandte sich gegen die Aussaat des Genweizens, weil sich in unmittelbarer Nähe des Freiluftlabors eine Genbank mit hunderten von alten Weizensorten befindet. Die ForscherInnen pflanzen diese zwecks Arterhaltung immer wieder im Freiland an, was die Ähren im Falle einer Nachbarschaft mit Gentech-Weizen der Gefahr von Auskreuzungen aussetzt. Zudem übte das Institut Kritik an der gentechnisch eingebauten Resistenz gegen Anti-Unkrautmittel. „Herbizidresistente Genpflanzen haben einen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt. Außerdem erhöhen sie nach kurzer Zeit den Pestizideinsatz auf den Äckern, weil sie die Ausbildung resistenter Ackerkräuter fördern“, so die Münchner Einrichtung. Auch die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) unterstützte die Kampagne. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ließ sich von den Gentech-GegnerInnen nicht beeindrucken. Es genehmigte den Antrag des „Leibniz-Institutes für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung“ (IPK) trotzdem.

Treffen mit Gentechnik-KritikerInnen
Im Herbst 2006 besuchten Gentechnik-GegnerInnen aus Chile und Costa Rica die Bundesrepublik und machten dabei auch in Köln Station, um sich mit der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und anderen Initiativen zu treffen. Es kam zu einem regen Austausch von Erfahrungen, an dessen Ende die TeilnehmerInnen überein kamen, in Zukunft verstärkt zusammenzuarbeiten.

CBG beim „netzwerk recherche“
Der JournalistInnen-Verband „netzwerk recherche“ veranstaltete eine Tagung zum dem „Kritischer Wirtschaftsjournalismus“, bei welcher CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes den SchreiberInnen in einem Vortrag das ergiebige Arbeitsfeld „BAYER“ vorstellte.

SECURVITA ist BAYER nicht grün
Aktienfonds, die mit dem grünen Gewissen ihrer Unternehmen werben, sind mittlerweile ein lukratives Geschäft geworden; neun Milliarden Euro haben sie bisher schon rekurrieren können. Mit der Nachhaltigkeit nehmen es viele in der Branche aber nicht allzu genau. „Man sollte genauer hinschauen, was sich unter dem Etikett ‚Nachhaltigkeit‘ verbirgt“, warnt deshalb das Hamburger Finanzdienstleistungsunternehmen SECURVITA. Besonders dem „Dow Jones Sustainability World Index“, der BAYER, BASF, SIEMENS & Co. großzügig Ökofreibriefe ausstellt und so für ihre Aufnahme in die Öko-Fonds sorgt, ist SECURVITA nicht grün.

KAPITAL & ARBEIT

Hohe Abfindungen für SCHERING-Manager
Für einige wenige zahlen sich Unternehmenszusammenschlüsse kräftig aus. Was den Mannesmännern um Klaus Esser recht war, sollte den SCHERING-Managern billig sein. Kurz vor der drohenden feindlichen Übernahme durch MERCK, die BAYER schließlich abwendete, änderten sie ihre Verträge, so dass sie ihnen für den absehbaren Fall der Fälle ein hohes „Schmerzensgeld“ einräumten. Aus diesem Grund muss der Leverkusener Pharmariese den vier SCHERING-Vorständen nicht nur die ihnen vertraglich zustehenden 13 Millionen Euro zahlen, sondern darüber hinaus noch einen Sonderbonus von 11,7 Millionen. Allein der ehemalige SCHERING-Chef Hubertus Erlen, der in den BAYER-Aufsichtsrat wechselt, bekommt 6,6 Millionen und kann noch bis 2011 über sein Büro und einen Dienstwagen mit Fahrer verfügen.

800 Jobs in der Forschung weg
Im Zuge der SCHERING-Übernahme hat BAYER US-Forschungsstandorte in West Haven und Richmond geschlossen und so 800 Arbeitsplätze vernichtet. Künftig bleiben nur noch Pharma-Labore in Berlin, Wuppertal und Berkeley übrig.

New Martinsville schrumpft weiter
BAYER nimmt im Zuge des Neubaus von Kunststoff-Anlagen in China schon einmal anderswo „Flurbereinigungen“ vor. Nachdem der Multi am US-amerikanischen Standort New Martinsville bereits 2005 die TDI-Fertigung abgewickelt hatte, beendete er dort nun auch die MDI-Produktion und vernichtete so 230 Arbeitsplätze.

LANXESS schrumpft weiter

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Auch nach dem Verkauf der SAN-Kunststoffproduktion an BASF ( Ticker 3/06) haben die Beschäftigten von BAYERs abgestoßener Chemie-Abteilung noch keine Ruhe. Beim Mitte September 2006 in Leverkusen abgehaltenen Medien- und Investorentag kündigte LANXESS-Chef Axel Heitmann an, sich bis 2009 von allen Bereichen zu trennen, die weniger als fünf Prozent Rendite erwirtschaften. „Das bedeutet, dass Verlustgeschäfte bei LANXESS keinen Platz mehr haben“, so Heitmann, der aber auch kleinere Zukäufe nicht ausschloss.

LANXESS schrumpft weiter

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BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS rationalisiert seine Weichmacher-Produktion in Krefeld und vernichtet so 36 Arbeitsplätze.

Keine Altersgrenze für ManagerInnen
Durch Regelungen zur Altersteilzeit und andere Instrumente hat der Leverkusener Multi ältere Beschäftigte konsequent aus dem Erwerbsleben gedrängt. Nur sich selbst hat der Vorstand vor dem Jugendwahn verschont, so dass die Konzern-Spitze auch die Spitze der BAYER-Alterspyramide bildet. Und dies soll nach Ansicht von BAYER-Chef Werner Wenning auch so bleiben. Da der 59-Jährige eigentlich mit dem 63. Lebensjahr ausscheiden müsste, betrieb er schon mal Arbeitsplatzsicherung in eigener Sache und brach eine Lanze für rüstige Senioren von seinem Schlage. „Ich halte nichts von starren Altersgrenzen“, vertraute er der Bild am Sonntag an, für den Vorstandsvorsitzenden ist das Karriere-Ende „keine Frage von jung oder alt, sondern eine Frage der Leistungsfähigkeit“.

Nur 826 Ausbildungsplätze
Um fast die Hälfte ist die Zahl der Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten 16 Jahren zurückgegangen. Gab es 1990 in den Werken der BAYER AG noch 1.600 Lehrstellen, so strich sie der Konzern bis zum Herbst 2006 auf 826 zusammen. Wieder einmal liegt der Multi damit unter der durchschnittlichen Lehrstellen-Quote der bundesdeutschen Wirtschaft von sieben Prozent der Belegschaft.

Schulte aus dem Aufsichtsrat
Der ehemalige DGB-Vorsitzende Dieter Schulte ist aus dem BAYER-Aufsichtsrat ausgeschieden. Für ihn rückte mit Reiner Hoffmann der stellvertretende Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes nach.

KONZERN & VERGANGENHEIT

Husseins Giftgas-Attacken
Auch der irakische Diktator Saddam Hussein schwörte auf BAYER-Produkte. Bei seinen Attacken auf kurdische Dörfer zwischen 1987 und 1988, denen 50.000 bis 100.000 Menschen zum Opfer fielen, kam das vom BAYER-Forscher Fritz Haber während des Ersten Weltkrieges entwickelte Senfgas zum Einsatz.

POLITIK & EINFLUSS

BAYER macht Umweltpolitik
Der Satz „BAYER macht Umweltpolitik“ ist manchmal auch ganz wörtlich zu verstehen. Der Leverkusener Multi hat nämlich einen seiner Mitarbeiter im Umweltministerium sitzen, der zudem noch zur Hälfte aus Steuermitteln bezahlt wird. Ca. 100 solcher EmissärInnen von Verbänden und Unternehmen haben den PolitikerInnen in den letzten vier Jahren ein wenig beim Regieren unter die Arme gegriffen. Aber größeren Einfluss hatten sie nach Meinung der Bundesregierung natürlich nicht. „Eine politische Einflussnahme auf Entscheidungen der obersten Bundesbehörden wird durch die Einbindung der externen Mitarbeiter und MitarbeiterInnen in die hierarchischen Strukturen und der damit verbundenen Kontrollmechanismen ausgeschlossen“, antwortete die Große Koalition auf eine Anfrage der FDP.

Grüne bei BAYER
„Erstmals seit Bestehen der grünen Kreistagsfraktion haben wir uns mit Vertretern aus der Leitungsebene von BAYER Dormagen getroffen“ - was der Grünen-Fraktionsvorsitzende Erhard Demmer da stolz vermeldet, stellt nicht gerade eine Sternstunde in der Geschichte der Partei dar. Die PolitikerInnen ließen sich nämlich nur unverbindlich zu den Themen „Entwicklung der Arbeitsplätze in Zeiten der Globalisierung“, „Sicherheitskonzept“ und „Störfallmanagement“ informieren.

Spenden und Ernten
Jahr für Jahr erlassen die USA Unternehmen mit Stammsitz im Ausland Zollzahlungen für eingeführte Rohstoffe in Millionenhöhe. Der Leverkusener Multi und seine Chemie-Abspaltung LANXESS profitieren von mehr als 70 solcher Ausnahmeregelungen, die ihnen jährlich eine Ersparnis von 17,5 Millionen Dollar bringen - und weitere Anträge sind schon auf dem Weg. Ganz umsonst gibt es das Geld aber nicht. So investierte BAYER nach Berechnungen des „Center for Responsive Politics“ allein 2005 3,2 Millionen Dollar in Lobby-Aktivitäten zur Zollfreiheit und zu anderen aussichtsreichen Projekten. Weil US-amerikanische Firmen verstärkt gegen die ausländischen Unternehmen zugestandenen Wettbewerbsvorteile protestieren, gerät die großzügige Zollpolitik der US-Regierung nun zunehmend in die Kritik.

Große Entrup leitet CDU-Umweltausschuss
Der BAYER-Manager Wolfgang Große Entrup, der beim Leverkusener Multi dem Bereich „Umwelt und Politik“ vorsteht, hat beim CDU-Wirtschaftsrat die Leitung des Bereichs „Umweltpolitik“ übernommen. Er ist der ideale Verbindungsmann für die Konzerne, denn vor seiner Tätigkeit bei BAYER und BASF hatte Große Entrup als persönlicher Referent eines parlamentarischen Geschäftsführers im Bundestag gearbeitet. So lässt die Agenda des Wirtschaftsratsausschusses denn auch Böses ahnen. Das Gremium will unter anderem „Innovationsblockaden bei der grünen Gentechnik abbauen“, beim Umwelthaftungsgesetz die „Haftungsrisiken für Unternehmen minimieren“ und die angebliche Vorreiterrolle der Bundesrepublik in Sachen „Umweltpolitik“ zu einer bloßen „Vordenker“-Rolle zurückstufen.

Druck auf China
BAYER & Co. haben die Bundesregierung in die Pflicht genommen, bessere Bedingungen für ihre Kapitalrendite in China zu schaffen. Wirtschaftsminister Glos tat wie geheißen und veröffentlichte nach Informationen von german-foreign-policy.com „Thesen zu den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen“. Ihnen zufolge will die Große Koalition den asiatischen Staat drängen, seine „Verpflichtung zur Öffnung des heimischen Marktes ernst zu nehmen“, staatliche Eingriffe in die Wirtschaft zurückzufahren und künftig ausländische Investoren wie inländische zu behandeln.

Ökosteuer adé
Für BAYER und andere Energie-Großverbraucher hält die Ökosteuer großzügige Ausnahmeregelungen parat (Ticker 3/06). Nach dem jüngsten Subventionsbericht der Bundesregierung beträgt ihr Geldwert jährlich 5,4 Milliarden Euro. Aber der Großen Koalition reicht das noch nicht. Sie will bei der Ökosteuer so lange nachbessern, bis nichts mehr von ihr übrig bleibt. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Reinhard Schulz spricht das ganz offen aus. „Deswegen werden wir die Höhe der Energiesteuern für das Produzierende Gewerbe wieder auf den Stand von 1998 - also vor Einführung der Ökosteuer - zurückführen“, so der Politiker. Als Mittel dazu dient das „Biokraftstoff-Quotengesetz“, das BAYER & Co. nicht nur Abschläge auf die Ökosteuertarife, sondern auch auf andere Energiesteuern einräumt.

Fusion von BDI und DIHK
BAYER & Co. wollen ihre Interessen gegenüber der Politik künftig noch wirkungsvoller vertreten und prüfen eine Zusammenlegung der Unternehmensvereinigungen „Bundesverband der Deutschen Industrie“ (BDI) und „Deutsche Industrie- und Handelskammer“ (DIHK). „Aufbauend auf der bereits seit Jahren bestehenden Zusammenarbeit sollen beispielsweise in den Bereichen Umwelt, Energie und Außenwirtschaft stärker Synergieeffekte genutzt und somit die Schlagkraft erhöht werden“, heißt es in einer Presseerklärung des DIHK.

BAYER & Co. als Gesundheitsreformer
Über die Gesundheitsreform haben BAYER & Co. sich so ihre eigenen Gedanken gemacht. Im September 2006 stellte Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt ein „Zehn-Punkte-Korrekturprogramm“ vor, das es in sich hatte. Die Industrie wollte darin unter anderem die Bezugsdauer des Krankengeldes von 78 auf 52 Wochen herabsetzen, die Belastungsobergrenze für den Erwerb von Arzneien von zwei auf drei Prozent des Bruttoeinkommens erhöhen und die Praxisgebühr bei jedem MedizinerInnen-Besuch und nicht mehr nur einmal im Quartal erheben.

Wenning kritisiert Gesundheitsreform
Unter Marktpreis auf dem Arzneimittel-Sektor versteht BAYER-Chef Werner Wenning den Preis, den das Unternehmen festlegt - alles andere ist für ihn Sozialismus. Darum kritisierte er auch die Absicht der Bundesregierung, künftig den Krankenkassen Medikamente nur bis zu einer bestimmten Höchstgrenze erstatten zu lassen. „Wir laufen Gefahr, dass damit die Marktpreismechanismen im Gesundheitswesen völlig außer Kraft gesetzt werden“, warnte der Große Vorsitzende (siehe auch DRUGS & PILLS). Die im letzten Jahr um zehn Prozent gestiegenen Pillenpreise zu kritisieren, findet der schom im „Ansatz“ falsch. „Alle schauen immer nur auf die Kosten und nicht darauf, dass die Pharmabranche einen volkswirtschaftlich sinnvollen Beitrag leistet, im Sinne der Volksgesundheit“, so Wenning. Auf Protestaktionen, wie die MedizinerInnen sie durchgeführt haben, will der Vorstandsvorsitzende dennoch verzichten. „Aber wir gehen nicht auf die Straße, sondern sind in ständigem Dialog mit den politisch Verantwortlichen“, sagte er in einem Interview mit dem zur Abwechslung einmal erstaunlich kritischen manager-magazin.

BAYER & Co. wollen für Pillen werben
Obwohl die EU im Jahr 2002 eine Aufhebung des Werbeverbots für Arzneimittel ablehnte, legen sich BAYER & Co. weiter unverdrossen für die Lizenz zu „PatientInnen-Informationen“ ins Zeug. FürsprecherInnen finden sie bei der konservativen und bei der liberalen Fraktion im Straßburger Parlament. Aus augenfälligen Gründen unterstützen auch bundesdeutsche Zeitungsverlage das Begehr. Ob die Konzerne aber wirklich bald für ihre Produkte die Werbetrommel rühren dürfen, ist noch nicht entschieden.

Die Schneider AG
Immer noch ist Manfred Schneider der mächtigste Mann der Deutschland AG. Der ehemalige Chef des Leverkusener Multis steht den Aufsichtsräten von BAYER und LINDE vor und hat Mandate bei DAIMLERCHRYSLER, METRO, RWE, TUI und der ALLIANZ. Zudem leitet er vier wichtige Gremien wie etwa den ALLIANZ-Prüfungsausschuss und hat Sitze in sieben weiteren.

Insulin für China
Das indische Pharma-Unternehmen BIOCON will sein Insulin-Präparat INSUGEN ab 2008 gemeinsam mit BAYER in China vermarkten. Bei der Arznei handelt es sich um einen gentechnischen Nachbau von Humaninsulin, ein „rekombinantes Humaninsulin-Analogon“. Nach einer Einschätzung des „Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ weisen solche Mittel gegenüber herkömmlichem Insulin keinen Behandlungsvorteil auf, weshalb es den Krankenkassen empfahl, die hohen Kosten für das Gentech-Produkt nicht länger zu übernehmen.

PROPAGANDA & MEDIEN

BAYER sponsort transgen
Die von der VERBRAUCHER-INITIATIVE gestartete website transgen will nach eigenem Bekunden für Transparenz in puncto „Gentechnik bei Lebensmitteln“ sorgen. Mit Transparenz in eigener Sache hält sich die VERBRAUCHER-INITIATIVE allerdings zurück. Sie verschweigt nämlich, dass BAYER und andere Agromultis die transgen-Seite sponsorn.

BAYER-Kreuz in Shanghai
Der Leverkusener Multi entdeckt das BAYER-Kreuz zunehmend als Werbeträger. Nachdem es sich nun schon eine Weile auf dem Dach eines Berliner Hochhauses dreht, exportierte der Konzern es jetzt auch nach China auf das Dach des SHANGHAI-MANSON-HOTELS. Zudem installierte der Pharmariese auf dem Renommierbau der Stadt, dem CITYGROUP-Tower, eine Leuchtwerbung.

„HerzProtect“ protegiert ASPIRIN
BAYER hat eine Aufklärungsaktion zum Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko gestartet, die jedoch vor allem über eines aufklärt: die angeblich segensreiche Wirkung von ASPIRIN zur Vorbeugung von Herz/Kreislaufkrankheiten. Dabei gelang es dem Konzern überdies, die Deutsche Sporthochschule, eine medizinische Fachzeitschrift und die immer wieder gern mit Pharma-Multis kooperierende „World Heart Federation“ vor seinen Karren zu spannen.

UmweltbotschafterInnen bei BAYER
Im Rahmen der Kooperation mit dem Umweltprogramm der UN, die ein zentrales Element innerhalb der Greenwashing-Aktivitäten des Konzerns darstellt, lud der Multi „48 junge Umweltbotschafter aus 16 Ländern und vier Kontinenten“ nach Leverkusen ein. Nach den Vorstellungen des Unternehmens sollen die EmissärInnen anschließend daheim von BAYERs vorbildlichem umweltgerechten Tun künden. Bei dem gerade virulenten Genreis-Skandal dürfte das von den BotschaftlerInnen einiges diplomatisches Geschick verlangen.

Chemie für Anfänger
Am 1. September 2006 veranstaltete BAYER eine Wissenschaftsnacht, in der das Unternehmen Eltern und ihren Kindern die Chemie schmackhaft machen wollte. Von Fragen wie „Hat Luft ein Gewicht?“ oder „Hat Wasser eine Klebkraft?“ arbeiteten die Konzern-PropagandistInnen sich schon bald zu heikleren Themen wie etwa „Was hat Pflanzenschutz mit Ernährung zu tun?“ vor, um Gegenaufklärung zu betreiben.

BAYERs Geschlechterpolitik preiswürdig?
Der „Total-E-Quality“-Verband hat den Leverkusener Multi für sein Bemühen um die Chancengleichheit von Mann und Frau mit einem Prädikat ausgezeichnet. Bis in die Führungsetage hat es diese Chancengleichheit beim Leverkusener Multi aber bislang noch nicht geschafft. Der 5-köpfige Vorstand ist ein reiner Männerclub, und im Aufsichtsrat sitzt eine Frau allein unter 24 Männern. Zudem gestattet BAYER Männern nicht, Elternzeit zu beantragen (siehe Ticker 2/06).

VFA trifft PatientInnen-Verbände
In der Bundesrepublik dürfen BAYER & Co. keine direkte Werbung für verschreibungspflichtige Arzneien machen. Doch die Pharma-Multis finden dennoch Wege, ihre Produkte anzupreisen. So machen sie sich zum Beispiel an Selbsthilfegruppen heran. Einer solchen Kontaktpflege diente auch das Roundtable-Gespräch, zu dem der von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller“ (VFA) am 15. September verschiedene Verbände geladen hatte.

Sozial-Kampagne in China
BAYER versucht sich in China das Image eines sozial verantwortlich handelnden Unternehmens zu geben. Bei einer in Beijing stattfindenden Konferenz zum Thema „Soziale Verantwortung von Unternehmen und Innovation“ gab der Multi die Samariter-Rolle und fand dafür auch Anknüpfungspunkte vor Ort. „Das Konzept einer harmonischen Gesellschaft ist das chinesische Pendant zum Konzept der Sozialen Verantwortung von Unternehmen“, schmiss sich der in dem asiatischen Land für die Unternehmenskommunikation zuständige William Valentino an die PolitikerInnen heran und zählte danach einmal mehr BAYERs aus der Portokasse bezahlte Prestige-Projekte auf.

Wieder ein UNEP-Malwettbewerb
Dieses Mal will sich BAYER mit dem Thema „Klimawandel“ grün waschen. Das Waschmittel dazu liefert einmal mehr die UNEP als Umweltorganisation der UN. Mit dieser veranstaltet der Leverkusener Multi nämlich einen Malwettbewerb für Kinder, bei dem die Kleinen ihre Visionen zu den besorgniserregenden Kohlendioxid-Emissionen darstellen und so auch ein Bild von dem grünen Gewissen BAYERs malen sollen, das dasjenige vom Umweltsünder mit 3,9 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr überpinselt.

TIERE & ARZNEIEN

Tödliches Flohhalsband
BAYERs Flohhalsbänder haben es in sich. Sie enthalten Pestizidwirkstoffe und sind entsprechend giftig. In Kanada starb jetzt eine Katze an einer Überdosis Chemie. Die Halterin wandte sich an den Leverkusener Multi, aber der Konzern war sich keiner Schuld bewusst. „BAYER ist so arrogant und bösartig, dass ich mich damit nicht abspeisen lasse. Ich werde BAYER endlos weiter anrufen und schreiben“, ließ die erboste Tierhalterin die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN wissen.

DRUGS & PILLS

Kein NEXAVAR bei Hautkrebs
BAYERs NEXAVAR erweist sich nicht als Tausendsassa in der Behandlung von Krebs. Nachdem der Leverkusener Multi schon Tests zur Bauchspeicheldrüsenkrebs-Therapie abbrechen musste, kam in der dritten und entscheidenden Phase der Klinischen Erprobung für NEXAVAR nun auch das Aus bei der Indikation „Hautkrebs“. Es gelang dem Präparat nicht, die Überlebenszeit der PatientInnen zu verlängern.

Zulassungen: schneller = gefährlicher
BAYER & Co. dringen unentwegt auf schnellere Arznei-Zulassungsverfahren. Nach einer kanadischen Studie birgt ein beschleunigtes Genehmigungsprozedere jedoch viele Gefahren. Die WissenschaftlerInnen verglichen die Zahl der Medikamenten-Rückrufe im Schnellzulassungsland USA mit derjenigen in Kanada und stellten einen nicht unbeträchtlichen Unterschied fest: Während die US-Behörden 3,6 Prozent der geprüften Pharmazeutika wieder vom Markt nehmen mussten, lag die Fehlerquote der kanadischen Pillen-Aufsicht lediglich bei zwei Prozent.

Zulassungen mit beschränkter Haftung
BAYER hat der US-Gesundheitsbehörde FDA bei einer Sicherheitsüberprüfung von TRASYLOL besorgniserregende Daten verschwiegen (siehe AKTION & KRITIK). Aber nicht nur der Leverkusener Multi weiß mehr über seine Pillen als den ArzneiwächterInnen lieb sein kann. „Es kommt immer wieder vor, dass Firmen sagen, dass sie ganz andere Daten haben, sie aber nicht herausrücken“, sagt Peter Sawicki vom „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“. Darum mag FDA-Mitarbeiter Wiliam Hiatt auf Pillen-Genehmigungen auch nicht die volle Garantie geben. „Das komplette Sicherheitsprofil eines Medikamentes kennt man zum Zeitpunkt der Zulassung selten“, räumt er ein.

Kritik an Bill Gates
Mit ihrem jährlichen Etat von 3 Milliarden Dollar ist die Bill-Gates-Stiftung zu einem wichtigen Akteur der Weltgesundheitspolitik geworden. Auch BAYER profitiert von dem spendablen - und Steuer sparenden - Unternehmer. Der Leverkusener Multi erhält Geld für die Erforschung neuer Behandlungsmethoden von Tuberkulose. Die kanadische Gesundheitswissenschaftlerin Anne-Emanuelle Birn hat jetzt Kritik an dem Einfluss des „Wohltäters“ geübt. Seine Organisation fälle einsame, sich öffentlicher Kontrolle entziehende Entscheidungen. Zudem bevorzuge Gates als Technikfreak technische Lösungen und schenke den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den armen Ländern zu wenig Beachtung, so die Professorin. „Die Geschichte zeigt, dass nachhaltiger Fortschritt für die Gesundheit stattfand, wenn technologische Lösungen mit einer Neuverteilung der politischen Macht einhergingen“, schreibt die Wissenschaftlerin in einem Aufsatz, den über 30 US-Zeitungen nicht abdrucken mochten.

VFA gegen IQWiG
Das „Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ (IQWiG) hat erstmals Ernst gemacht. Es führte eine Kosten/Nutzen-Analyse bei verschiedenen Insulinen durch. Dabei schnitten die teuren, gentechnisch hergestellten Präparate schlecht ab, woraufhin die Krankenkassen diese von der Liste der erstattungspflichtigen Arzneien strichen. Bei der Faz klingelten die Alarmglocken, denn das Institut will sich demnächst auch Asthma-, Demenz- und Bluthochdruckmedikamente vornehmen. „Für die deutsche Pharmabranche hat die wichtigste politische Auseinandersetzung der vergangenen Jahre begonnen“, schrieb die Zeitung. Die Stellungnahme des von BAYER gegründeten „Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller“ (VFA) ließ deshalb nicht lange auf sich warten. Der Lobbyclub kritisierte vielsagend die Vorgehensweise des IQWiG, das sich allein auf die Daten aus den klinischen Studien der Hersteller stützte, „aber nicht auf das viel breitere Gebiet der Nutzenbewertung“, bei der auch Versorgungsalltag eine Rolle spiele. Auf eine minimale Erleichterung des Versorgungsalltags, beispielsweise durch eine Umstellung auf eine einmalige statt dreimalige Pillen-Einnahme pro Tag, kaprizieren sich BAYER & Co. nämlich zunehmend, weil sie dafür wieder den Maximalprofite versprechenden Patentschutz beantragen können.

Glasnost bei Pillenpreisen?
BAYER & Co. beziffern die Kosten für die Entwicklung eines neuen Medikaments auf durchschnittlich 800 Millionen Euro. Auf dieser Basis - an deren Redlichkeit viele ExpertInnen Zweifel hegen (siehe unten) - legen die Hersteller auch die Preise fest. Grenzen waren ihnen dabei bislang nicht gesetzt. Dies dürfte sich jetzt ändern. Die Große Koalition will Erstattungshöchstgrenzen für neue, patentgeschützte Medikamente erlassen. Bei der Preisfindung richtet sie sich nach der Kosten/Nutzen-Analyse und den Forschungsaufwändungen. Dafür verlangt sie Einblick in die Kalkulationen der Pharma-Riesen. Dabei machten die GesundheitspolitikerInnen schon deutlich, künftig nicht mehr alle in Rechnung gestellten finanziellen Belastungen zu akzeptieren. „Warum sollen die bundesdeutschen BeitragszahlerInnen für die Entwicklungskosten einer weltweit vertriebenen Arznei aufkommen?“, fragen sie sich und kündigten an, künftig nicht mehr alles, sondern nur noch „denjenigen Betrag, der dem Versorgungsanteil in Deutschland entspricht“ zu bezahlen. Der von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller“ sieht deshalb schon die kapitalistische Pharma-Welt untergehen. „Staatlich sanktionierte Preisdiktate sind der Anfang, Staatsmedizin das Ende der Entwicklung“, so die VFA-Geschäftsführerin und ehemalige BAYER-Angestellte Cornelia Yzer.

Wenig Forschung, viel Marketing
BAYER rechtfertig die hohen Gewinne im Pharmabereich regelmäßig mit dem hohen Forschungsaufwand. Nach Informationen des manager-magazins gehen beim Leverkusener Multi aber nur 15 Prozent der Kosten im Arzneimittelbereich für die Forschung drauf, während das Marketing 35 Prozent des Budgets verschlingt. Der Konzern kommt selbstverständlich auf andere Zahlen, weil er z. B. die „wissenschaftliche Information“, sprich: den Kontakt zu den MedizinerInnen, dem Forschungssektor zuschlägt, statt sie unter „Marketing und Vertrieb“ zu subsummieren.

Trennung von ORGANON
BAYER und das US-amerikanische Pharma-Unternehmen ORGANON haben ihre Kooperation bei der Entwicklung einer „Pille für den Mann“ nach Abschluss der Phase II der klinischen Tests eingestellt. Das jährlich zu erneuernde Implantat, das zudem alle drei Monate eine frische Wirkstoff-Injektion benötigte, hatte nach Ansicht der beiden Konzerne zu wenig Chancen auf dem Markt.

BAYER & Co. treiben die Kosten
Der Pharmakologe Dr. Ulrich Schwabe macht die Pharma-Industrie für 90 Prozent der im Jahr 2005 gestiegenen Kosten im Gesundheitswesen verantwortlich. Vor allem die teuren Schein-Innovationen ohne pharmazeutischen Neuwert, die BAYER-Chef Werner Wenning scheinheilig „Schrittinnovationen“ nennt, belasteten die Budgets der Krankenkassen stark.

Neues Krebsmedikament
BAYER entwickelt gemeinsam mit ASTRA ZENECA ein neues Brustkrebs-Präparat. Der schwedisch-britische Konzern übernimmt die klinische Entwicklung, der Leverkusener Multi alles weitere.

Kein KINZAL während der Schwangerschaft
Die Hochdruckliga warnt schwangere Frauen aufgrund neuerer Studien vor der Einnahme von Bluthochdruck-Medikamenten aus der Gruppe der ACE-Hemmer und der Angiotensin-Antagonisten, zu denen BAYERs KINZAL gehört, weil die Präparate bereits die frühe Entwicklungsphase des Embryos stören.

BETAFERON vorn
Nach der Übernahme von SCHERING ist die Multiple-Sklerose-Arznei BETAFERON mit einem Umsatz von 867 Millionen Euro BAYERs lukrativstes Medikament. Es folgt das Bluterpräparat KOGENATE (663 Mio.) vor der Pille YASMIN (586 Mio.) und dem Antibiotikum AVALOX/AVELOX (364 Mio.).

GENE & KLONE

LL601 ist überall
Wenn es noch eines Beweises für die Unbeherrschbarkeit der Gentechnologie bedurfte, dann hat ihn der Leverkusener Multi jüngst erbracht: In 33 von 162 Lebensmittelproben aus deutschen Supermärkten fanden sich Spuren von seinem nicht zum Verzehr zugelassenen Genreis LL601, was den bislang größten Gentechnik-Skandal in der Bundesrepublik auslöste (siehe auch SWB 4/06). Auch BAYERs andere Gentech-Sorte, LL62, wiesen WissenschaftlerInnen in Handelsreis nach.

EU-Ministerrat gegen BAYER-Raps
Der EU-Agrarrat hat BAYER keine Einfuhrerlaubnis für die gentechnisch manipulierten Rapssorten Ms8, Rf3 und Ms8xRf3 erteilt und damit Verbraucherschutzminister Horst Seehofer und andere Gentech-Freunde überstimmt. Da die GenskeptikerInnen aber weniger als zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigen konnten, obliegt nun der als gentechnik-freundlich bekannten EU-Kommission die Entscheidung. Obwohl der Raps nicht auf die Äcker kommen soll, sondern nach BAYER-Angaben zur Herstellung von Öl vorgesehen ist, warnen KritikerInnen vor möglichen Auskreuzungen mit konventionell angebauten Sorten. Nach Ansicht des grünen EU-Abgeordneten Friedrich Wilhelm zu Baringdorf könnten die Rapssamen etwa beim Verladen in die freie Wildbahn gelangen und dort aufkeimen.

WASSER, BODEN & LUFT

Neue Untersuchungen zur Dhünnaue
Aus Kostengründen entschieden die Stadt Leverkusen und BAYER, die ehemalige Giftmülldeponie Dhünnaue nicht zu sanieren, sondern die 126.000 Tonnen Schadstoffe lediglich mit einer dicken Sperrwand zu umgeben. Nach oben hin dichten mehrere Schichten aus Ton, Erde und Kunststoff das Chemiegrab ab. Aber nach unten hin ist alles offen. So ist die Deponie buchstäblich ein Fass ohne Boden. 750 Kubikmeter Wasser muss BAYER deshalb stündlich abpumpen und im Klärwerk reinigen, was jährlich einige Millionen kostet. Auch die nötigen Kontrollmaßnahmen verschlingen viel Geld. Da es in der alten Deponie noch arbeitet und sich z. B. bei den Abbauprozessen der Chemikalien neue giftige Gase bilden, hat die Stadt Leverkusen im Sommer 2006 zwei Gutachten zur Boden- und Wasserqualität in Auftrag gegeben.

EU verbessert Bodenschutz
EU-weit sind ca. vier Millionen Grundstücke durch Chemikalien, Schwermetalle oder Dioxin verunreinigt. Die Kosten für die Sanierung dieser Böden beziffert die Brüsseler Kommission auf 38 Milliarden Euro. Darum verstärkt die Europäische Union ihre Anstrengungen zum Bodenschutz. Nach einem neuen Richtlinien-Entwurf müssen BAYER & Co. beim Verkauf von Firmen-Arealen künftig Expertisen über die im Erdreich schlummernden Schadstoffe vorlegen. Darüber hinaus fordert die Regelung die Mitgliedsstaaten auf, ein für Privatpersonen und Unternehmen einsehbares Belastungskataster anzulegen.

3,9 Millionen Tonnen CO2 + x
3,9 Millionen Tonnen Kohlendioxid stößt BAYER nach eigenen Angaben jährlich aus. Dabei zählt der Konzern allerdings nur das CO2, das bei der hauseigenen Energieproduktion anfällt, was die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN seit längerem kritisiert. Für den Chemiepark Krefeld liegen jetzt konkrete Angaben zum Verhältnis von selbstproduziertem Strom und Zulieferungen vor. 40 Prozent der Energie ist hausgemacht, 60 Prozent kommt von anderen Anbietern. Auf die anderen Standorte hochgerechnet, dürfte die dem Konzern tatsächlich in Rechnung zu stellende CO2-Menge also mehr als das Doppelte von 3,9 Millionen Tonnen betragen.

Waldsterben durch Stickstoffe
4.500 Tonnen Stickoxid blasen die BAYER-Werke jährlich in die Luft. Aber die Erde hat sie bald wieder. Niederschläge drücken die Stoffe nieder, und am Boden entfalten sie eine verheerende Wirkung. Sie überdüngen und übersäuern das Erdreich und sorgen so für eine Auswaschung wichtiger Spurenelemente und für eine Freisetzung von Giftstoffen. In diesem Milieu können Bäume dann nicht mehr gut gedeihen, weshalb ihnen Frost, Dürre oder schnelle Klimaveränderungen mehr zusetzen. Die Umweltschutzorganisation ROBIN WOOD sieht in den Stickstoff-Emissionen deshalb neben den Kohlendioxid- und Schwefeldioxid-Ausstößen die wichtigste Ursache für das Waldsterben.

GIFTIG, ÄTZEND & EXPLOSIV

Bisphenol-A-Verbot
Die Chemikalie Bisphenol A wirkt hormon-ähnlich und stört deshalb den Hormon-Haushalt des Körpers. So hemmt es z. B. das im Wachstumsprozess des Gehirns eine wichtige Rolle spielende Östrogen. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und andere Gruppen fordern deshalb seit Jahren ein Verbot der gefährlichen Substanz. In den USA hat die Kampagne jetzt einen Teilerfolg errungen. Die Stadt San Francisco hat es untersagt, Kinderspielzeug, das Bisphenol A oder Weichmacher wie Phthalate enthält, in den Handel zu bringen. Da die Kommune in Sachen „Umweltpolitik“ oft eine Vorreiterrolle spielte, hoffen die AktivistInnen, dass sich der Staat Kalifornien und im Anschluss vielleicht auch die gesamte USA dem Bisphenol-Bann anschließen werden.

Chemie macht Kinder krank
In den Körpern von Kindern finden sich immer mehr gefährliche Chemikalien. Zu diesem Ergebnis kommt die vom BUND FÜR UMWELT- UND NATURSCHUTZ (BUND) in Auftrag gegebene Studie „Gesundheitsschäden durch eine verfehlte Chemikalienpolitik“. Die ForscherInnen stießen bei ihren Untersuchungen auf Bisphenol A, Weichmacher, Flammschutzmittel und andere auch in BAYER-Produkten enthaltene Substanzen. „Die Liste der in Kinderkörpern vorhandenen Chemikalien liest sich wie eine Anleitung zur Blutvergiftung. Dies bleibt nicht ohne Folgen: Immer mehr Kinder leiden unter Geburtsdefekten, Allergien, Hormonstörungen, Leukämien und Verhaltensauffälligkeiten“, so die BUND-Chemieexpertin Patricia Cameron. Der Umweltverband nimmt die beunruhigenden Ergebnisse zum Anlass, die PolitikerInnen zu Änderungen beim EU-Chemikaliengesetz REACH aufzufordern. In seiner jetzigen, weitestgehend von BAYER & Co. bestimmten Form ist es dem BUND zufolge nicht geeignet, Minderjährige ausreichend vor gefährlichen Stoffen zu schützen.

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Verbotene Pestizide im Handel
Legal - illegal - scheißegal! - in der Bundesrepublik längst verbotene Pestizide gehen immer noch in Massen über die Ladentheke. Diesen Skandal deckte GREENPEACE Ende November 2006 auf. Die Organisation unternahm einen kleinen Einkaufsbummel und machte so manches Giftschnäppchen. Auch verbotene Früchte made by BAYER fehlten nicht. So erstanden GREENPEACE-EinkäuferInnen bei DealerInnen in Frankreich und Deutschland unter anderem das europaweit nicht mehr zugelassene PARATHION mit dem Wirkstoff E 605 und die Agrochemikalie METASYSTOX R.

Immer mehr Glyphosat-Resistenzen
Resistenzen gegen den Antiunkraut-Wirkstoff Glyphosate, der auch in BAYER-Produkten wie GLYPHOS und USTINEX G steckt, breiten sich immer weiter aus. Mexikanische WissenschaftlerInnen haben mit dem „Tall Waterhemp“ bereits die neunte Pflanzenart ausgemacht, der das Gift nichts mehr anhaben kann. Da die Unkräuter diese Immunität per Pollenflug weitergeben, dürften bald noch weitere Kandidaten dazukommen.

Ghana: Pestizide in Lebensmitteln
WissenschaftlerInnen untersuchten Obst und Gemüse in Ghana auf Pestizidrückstände und stellten massive Verunreinigungen fest. Unter anderem wiesen die Nahrungsmittel Spuren des Ackergiftes Endosulfan, enthalten in den BAYER-Produkten MALIX, PHASER und THIODAN, und Chlorpyrifos, dem Wirkstoff der Insektenmittel BLATTANEX, PROFICID und RIDDER, nach. Chlorpyrifos fand sich in 78 Prozent aller Proben und überschritt dabei immer den zulässigen Grenzwert von 0,05 mg/kg, Endosulfan war in 36 Prozent der Lebensmittel-Samples enthalten.

Chlorpyrifos schädigt Fötus
Das Pestizid Chlorpyrifos, unter anderem Wirkstoff der BAYER-Insektizide BLATTANEX, PROFICID und RIDDER, kann das Wachsen des Fötus im Mutterleib beeinträchtigen, was zu einem geringen Geburtsgewicht und zu erhöhten Krankheitsrisiken wie etwa Bluthochdruck führt. Das ergaben Studien von FP Perera et al. sowie von GS Berkowitz et al., beide in der Fachzeitschrift Environmental Health Perspectives veröffentlicht.

Chlorpyrifos übersteigt Grenzwerte
Nach Messungen des PESTICIDE ACTION NETWORK NORTH AMERICA (PANNA) übersteigt die Konzentration des Pestizid-Wirkstoffes Chlorpyrifos in der Luft oftmals die festgelegten Höchstgrenzen massiv. Im Jahr 2004 verletzten 11 Prozent der Proben des auch in BAYER-Produkten enthaltenen Ackergiftes den noch zulässigen Wert; eine übertraf die Grenze des Erlaubten sogar um das 8fache! 2005 bot sich ein noch besorgniserregenderes Bild: 23 Prozent der Samples lagen über dem Unbedenklichkeitslimit.

BAYER-Gifte in Costa Rica
BAYER-Pestizide gefährden Mensch, Tier und Umwelt in Costa Rica stark. Nach einer Untersuchung von Humbert S. Margni et al. gehören der Ackergift-Wirkstoff Mancozeb, das am jährlichen Pestizid-Verbrauch des Landes einen Anteil von 30 Prozent hat, und Ethoprophos, enthalten in den Insektiziden MOCAP und SANIMUL, zu den fünf Agrochemikalien, die für drei Viertel aller Wasserverunreinigungen in dem Land verantwortlich sind.

Aus für Lindan
Seit BAYER im Jahr 2004 die US-Firma GUSTAFSON erwarb, befindet sich der unter anderem durch den Holzgifte-Skandal mit seinen unzähligen Opfern berühmt-berüchtige Pestizid-Wirkstoff Lindan wieder im Sortiment des Konzerns. Nur noch in den USA durften die Agromultis die Agrochemikalie bislang noch vertreiben. Jetzt haben die zuständigen Behörden diese auch dort aus dem Verkehr gezogen. Die Umweltbehörde EPA gab im August 2006 bekannt, mit Lindan „eines der giftigsten, am schwersten abbaubarsten, am gravierensten im menschlichen Gewebe sich anreichernden Pestizide, das je eine Zulassung erhalten hat“ verboten zu haben.

Glufosinat am Pranger
Die EU führt zur Zeit unter der Ägide Schwedens eine Sicherheitsüberprüfung von 52 Pestiziden durch. Dabei fiel die BAYER-Substanz Glufosinat, Wirkstoff der Agrochemikalien BASTA und LIBERTYLINK und mittlerweile durch den Genreis-GAU berühmt-berüchtigt, durch. Die schwedischen ExpertInnen empfahlen, das Ackergift wegen seiner Gefahren für Mensch, Tier und Umwelt aus dem Verkehr zu ziehen. Den BAYER-LobbystInnen in Brüssel dürften sie damit eine Menge Arbeit beschert haben.

PLASTE & ELASTE

Unternehmensberater leitet Kunststoffsparte
UnternehmensberaterInnen wissen zumeist nur einen Rat: Mehr Profit durch weniger Beschäftigte. Deshalb verheißt es nichts Gutes, wenn der Leverkusener Multi den ehemaligen Unternehmensberater Patrick Thomas zum neuen Leiter seiner Kunststoffsparte macht.

STANDORTE & PRODUKTE

Mehr Forschung in Shanghai
Der Leverkusener Multi hat in Shanghai den Erweiterungsbau seines Kunststoff-Forschungslaboratoriums in Betrieb genommen und demonstriert damit, dass für ihn auch die Zukunft der Wissensgesellschaft im Fernen Osten liegt.

Visionen für Leverkusen?
45. 000 Menschen arbeiteten einst in den Leverkusener BAYER-Anlagen. Heute sind es nur noch 14.000; dazu kommen noch 5.000 bei der Chemie-Abspaltung LANXESS Beschäftigte. Der Schrumpfungsprozess hat auf dem Werksgelände ziemliche Lücken entstehen lassen, die auch die Anwerbung von Fremdfirmen im Rahmen des Chemiepark-Konzeptes nicht hat füllen können, nicht zuletzt weil die Grundstruktur des Areals dem Transformationsprozess einige Steine in den Weg stellt. Jetzt hat der Konzern zu einer preiswerten Lösung der Probleme gefunden, die ihm überdies die Planungshoheit gewährt. Er hat seine Beziehungen zur BDI-Unterabteilung „Kulturkreis der deutschen Wirtschaft“ spielen lassen und einen mit 10.000 Euro dotierten Architekturpreis für das Projekt „Leverkusen: vom BAYER-Werk zum Chemiepark“ ausgeschrieben.

IMPERIUM & WELTMARKT

HC STARCK an Investoren verkauft
Der Leverkusener Chemiemulti hat seine Tochtergesellschaften HC STARCK und WOLFF CELLULOSICS an die Finanzinvestoren ADVENT und CARLYLE verkauft, um mit dem Erlös von 1,2 Milliarden Euro ein Teil der im Zuge der SCHERING-Übernahme angefallenen Schulden abtragen zu können. Die neuen Besitzer haben angekündigt, den HC-Umsatz jährlich jeweils um sieben bis acht Prozent steigern und das Unternehmen binnen drei bis fünf Jahren an die Börse bringen zu wollen. Für diese ehrgeizigen Pläne dürfte die Belegschaft bluten müssen - Arbeitsplatzvernichtungen sind abzusehen!

BAYER Europas Nr. 6
Der Leverkusener Multi nimmt in der Rangliste der größten Chemie-Unternehmen Europas den sechsten Platz ein.

Teure Fusion
Ob der Rat gut war, den BAYER im Zuge der Übernahme des SCHERING-Konzerns eingeholt hat, erscheint zweifelhaft, teuer war er jedoch allemal. Die Investmentbanken MORGAN STANLEY und DRESDNER KLEINWORT, PR-Agenturen und AnwältInnen kosteten insgesamt die stolze Summe von 125 Millionen Euro. BAYER stellte sie SCHERING in Rechnung, weshalb das letzte eigenständige Quartalsergebnis des Pharma-Konzerns entsprechend mies ausfiel.

SCHERING macht nicht satt
BAYER gibt sich mit dem Kauf von SCHERING nicht zufrieden. Für BAYER-Chef Werner Wenning ist der Deal lediglich ein „sehr bedeutender Zwischenschritt“. Eine weitere Verstärkung des Pharmageschäfts kann er sich vor allem im Bereich der freiverkäuflichen Arzneimittel vorstellen, in dem der Leverkusener Multi heute schon zu den Top 3 der Welt gehört.

Aus für GE BAYER SILICONES
BAYER und GENERAL ELECTRIC lösen ihr Joint-Venture-Unternehmen GE BAYER SILICONES auf. Der Leverkusener Multi verkaufte seinen 49,9-prozentigen Anteil für 475 Millionen Euro an GE, der das Gesamtpaket wiederum bis auf eine Minderheitsbeteiligung von 10 Prozent an den Finanzinvestor APOLLO MANAGEMENT weiterreichte.

BAYER kauft URE-TECH
BAYER hat mit dem taiwanesischen Unternehmen URE-TECH den größten Anbieter von thermoplastischen Polyurethan-Kunststoffen in Fernost geschluckt und damit in diesem Marktsegment nun weltweit die Spitzenposition übernommen.

Verstärkte Konkurrenz durch BASF
„BASF greift BAYER bei Kunststoffen an“, überschrieb das Handelsblatt einen Artikel zur verschärften Konkurrenz im Bereich „Plaste & Elaste“. BAYER dominiert zwar noch den Polyurethan-Weltmarkt mit einem jährlichen Umsatz von 6,18 Milliarden Dollar, aber BASF hat sich in letzter Zeit durch Zukäufe gestärkt und viele Kapazitäten aufgebaut. Jetzt gefährdet das Ludwighafener Unternehmen mit Einnahmen in Höhe von 5,32 Milliarden Dollar die Vormachtstellung des Leverkusener Multis. Eine Überhitzung des Marktes vor allem durch ein Überangebot aus den chinesischen Werken der Konzerne ist schon abzusehen.

Kooperation mit ASTRA ZENECA
BAYER hat mit dem britisch-schwedischen Pharmamulti ASTRA ZENECA eine Kooperation zur Entwicklung eines neuen Brustkrebs-Medikamentes vereinbart (siehe auch DRUGS & PILLS).

ÖKONOMIE & PROFIT

Chemie-Produktion steigt um 7 Prozent
Im Geschäftsjahr 2005 legte die bundesdeutsche Chemie-Produktion um 7 Prozent zu. Der Umsatz von BAYER & Co. erhöhte sich gegenüber dem Vorjahr um 6 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten hielt damit nicht Schritt. Sie reduzierte sich sogar nochmals um 1,3 Prozent auf nunmehr 433.600.

PRODUKTION & SICHERHEIT

Erhöhte Wachsamkeit seit dem 11. 9.
Das Anschlag auf das World Trade Center hat auch beim Leverkusener Multi zu einer erhöhten Wachsamkeit geführt. „Das Bewusstsein gegenüber externen Bedrohungen hat sich verändert“, sagt BAYERs Sicherheitschef Michael Sorge. Der Konzern arbeitet seither verstärkt mit den Behörden zusammen, wählt sein Werkschutzpersonal gezielter aus und investierte mehr in Sicherheitstechnik.

UNFÄLLE & KATASTROPHEN

Beinahe-Katastrophe in Limas
Eine in die Risiko-Kategorie „Seveso II“ fallende BAYER-CROPSCIENCE-Niederlassung im französischen Limas schlitterte am 22.9.06 nur knapp an einer Katastrophe vorbei. Aus bislang noch ungeklärten Gründen haben sich 17.500 Kilogramm des Pestizid-Wirkstoffs Mancozeb auf eine Temperatur von über 60 Grad erwärmt und einen beißenden Geruch verströmt. Die Behörden versetzten sofort Feuerwehr und Polizei in Alarmbereitschaft. Erst am folgenden Tag konnten ExpertInnen eine Explosion in der weltweit zweitgrößten Produktionsanlage von BAYER CROPSCIENCE ausschließen. Die französische Umweltinitiative FRANCE NATURE ENVIRONNEMENT hat nach dem Zwischenfall eine strengere Kontrolle gefährlicher Industrieanlagen und mehr Kompetenzen für die InspektorInnen eingefordert.

Chemie-Unfall in Termoli
Ende Juli 2006 kam es in einem BAYER-Werk am italienischen Standort Termoli zu einem Störfall, bei dem Chemikalien austraten. Obwohl Gefahren auch für die angrenzenden Fabriken nicht auszuschließen waren, informierte der Leverkusener Multi die Unternehmen ebenso wenig wie die Feuerwehr.

Explosion in Baytown
Am 26. September 2006 kam es im Baytowner BAYER-Werk zu einer Explosion, bei der 22 MitarbeiterInnen Gesundheitsstörungen erlitten und zur Behandlung ins Krankenhaus mussten. Ein mit Toluylendiisocyanat (TDI) und Orthodichlorbenzol gefüllter Reaktor zerbarst; die Druckwelle zerstörte überdies Leitungen zu Kesseln, so dass zusätzlich zu den beiden Chemikalien auch noch mehrere Tonnen Ammoniak austraten (siehe SWB 4/06). Die verletzten MitarbeiterInnen haben unterdessen eine Schadensersatzklage gegen den Konzern angestrengt.

Brand in Uerdingen
Am 15. November 2006 kam es in BAYERs Uerdinger Kohlenmonoxid-Anlage zu einer Verpuffung, in deren Folge ein Brand entstand.

RECHT & UNBILLIG

Kronzeugenregelung für BAYER
Die Ökonomisierung des Justizwesens schreitet unaufhaltsam voran: Deals sind an der Tagesordnung. Am selben Tag, an dem Josef Ackermann im MANNESMANN-Prozess durch die Zahlung zweier Monatsgehälter einer Verurteilung entging, kam auch BAYER beim Verfahren um ein Kautschuk-Kartell ungeschoren davon, weil sich der Leverkusener Multi zu ein Selbstanzeige entschloss und als Kronzeuge auspackte. Ansonsten hätte ihn als Wiederholungstäter eine Strafe in Höhe von 204 Millionen Euro erwartet. Ein gutes Geschäft für den Konzern!

BAYER-Cola wieder erhältlich
Das „Centre for Science and Environment“ (CSE) hatte in indischer COCA-COLA und PEPSI-COLA Spuren von fünf Agrochemikalien gefunden, darunter den unter anderem von BAYER vertriebenen Wirkstoff Chlorpyrifos (Ticker 3/06). Sieben Bundesstaaten untersagten daraufhin den Verkauf der Brause mit Pestizidgeschmack in staatlichen Einrichtungen. In dem kommunistisch regierten Kerala hat das Landesgericht das Verbot nach einem Antrag der Cola-Hersteller allerdings wieder aufgehoben. Bei der Urteilsbegründung berief es sich auf das indische Gesundheitsministerium, nach dessen Einschätzung die CSE-Studie Mängel aufweist.

CFS verklagt FDA
Ärger im Genfood-Paradies USA: Das „Center for Food Safety“ (CFS) hat die Gesundheitsbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA) verklagt, weil diese den medizinischen Risiken von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln nicht nachgeht. Das CFS hatte zuvor mehrfach erfolglos Handlungsbedarf in dieser Sache angemahnt und griff nun zu juristischen Mitteln - gerade rechtzeitig zu BAYERs globalem Genreis-GAU.

RichterInnen erleichtern Stilllegungen
BAYER & Co. können künftig noch leichter Standorte dicht machen. Bislang mussten die Konzerne im Vorfeld einer Schließung einen Interessensausgleich mit dem Betriebsrat suchen und im Falle eines Scheiterns eine Einigungsstelle anrufen. Das nahm unter Umständen mehrere Monate in Anspruch, während derer die Unternehmensleitung keine Vorbereitungen zur Abwicklung etwa durch Kündigungen treffen durfte, wollte sie keine Klagen von Seiten des Betriebsrats provozieren. Jetzt erleichtert ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes BAYER & Co. die Arbeit. Nach dem Votum der RichterInnen brauchen Kündigungen kurz vor Toresschluss nämlich nicht unbedingt mit der Stilllegung in Zusammenhang zu stehen, weshalb die Firmen in Zukunft schon während der Verhandlungen mit den Gewerkschaften tüchtig loslegen und so eine Menge Zeit sparen können.

EU stärkt AktionärInnen-Rechte
Die EU plant, die Auskunftsrechte von AktionärInnen zu stärken. Ein Richtlinien-Entwurf sieht vor, Fragen von Aktien-BesitzerInnen zur Geschäftspolitik auch schon vor der Hauptversammlung zuzulassen und die Konzerne zu verpflichten, die Antworten im Internet zugänglich zu machen. Dieser Vorstoß hat allerdings bereits den Ministerrat auf den Plan gerufen. In einem Kompromissvorschlag spricht er sich für einen engen zeitlichen Rahmen zur Einreichung der Informationsersuche aus und will BAYER & Co. die Möglichkeit einräumen, zur Abwehr unliebsamer KritikerInnen formlos auf bereits veröffentlichte allgemeine Informationen zu verweisen.

FORSCHUNG & LEHRE

Kooperation mit Tierärztlicher Hochschule
Die Forschung kommt immer mehr auf den Hund: Ende September 2006 hat BAYER als Global Player Nr. 1 in Sachen „Veterinärmedizin“ der „Stiftung Tierärztliche Hochschule“ den Lehrstuhl „Veterinärmedizinische Dermatopharmakologie“ gestiftet, dessen Inhaber sich mit der Aufnahmefähigkeit von Hund, Katze & Co. für über die Haut verabreichte Tierpharmazeutika made by BAYER & Co. beschäftigen soll. Die ohnehin seit einiger Zeit wieder rasant zunehmende Zahl der Tierversuche dürfte damit weiter steigen.

Mehr Kooperationen mit chinesischen Unis
BAYER nutzt China nicht nur als Reservoir für billige Arbeitskräfte, sondern sucht auch verstärkt Kontakt zum Wissenschaftsmilieu des Landes (siehe auch STANDORTE & PRODUKTION). Zu diesem Zweck verlängerte der Konzern seine seit 2001 bestehende Zusammenarbeit mit der „Chinese Academy of Science“ (CAS) und lobte einen ForscherInnen-Preis aus.

SPORT & MEDAILLEN

Calmunds Freispruch beantragt
Angeblich zum Erwerb von Kaufoptionen für Fußballer hatte Reiner Calmund in seiner Eigenschaft als Manager von BAYER Leverkusen dem Spielerberater Volker Graul 580.000 Euro übergeben. Belege für diesen Verwendungszweck konnte Graul BAYER allerdings nie vorlegen. Wegen dieses undurchsichtigen Finanzdeals verlor Calmund im Juni 2004 nicht nur seinen Job, auch die Kölner Staatsanwaltschaft schaltete sich ein. Im September 2006 beantragte sie allerdings, das Untreue-Verfahren gegen das Fußball-Schwergewicht wegen geringer Schuld gegen Zahlung einer Geldbuße einzustellen.

Störfall Baytown

CBG Redaktion

Ein Gutachten fand schwere Sicherheitsmängel in der TDI-Produktion in Baytown:

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Presse-Info vom 28. September 2006

Störfälle in Baytown (USA) und Limas (Frankreich) / gefährliche Gase ausgetreten

„BAYER muss Sicherheit von Anwohnern und Mitarbeitern gewährleisten!“

Im amerikanischen Baytown kam es am Dienstag in einer Fabrik des BAYER-Konzerns zu einer kilometerweit zu hörenden Explosion. Neben krebserregenden Chemikalien traten dabei mehr als 10 Tonnen des giftigen Gases Ammoniak aus. 22 Arbeiter mussten in einem Krankenhaus wegen Atemwegs-Beschwerden behandelt werden. Der Störfall ereignete sich in der TDI-Produktion des Werks.

TDI (Toluylendiisocyanat) ist ein hochtoxisches Vorprodukt von Polyurethanen, die in Dämmstoffen, Matrazen, Kühlschränken und Autositzen verwendet werden. Die Chemikalie reizt Augen und Atemwege sehr stark, nach längerer Einatmung sind Lungenödeme möglich. Die TDI-Produktion von BAYER steht seit langem in der Kritik, da hierbei große Mengen des im 1. Weltkrieg als Giftgas verwendeten Phosgen eingesetzt werden.

Der Unfall hatte sich am Dienstag um 11.30 Uhr Ortszeit ereignet, als ein mit TDI und Orthodichlorbenzol befüllter Reaktor explodierte. Mehrere Arbeiter mussten mit Sauerstoff versorgt werden, einer erlitt Verbrennungen. Andrea Murrow von der Texas Commission on Environmental Quality bezeichnete die ausgetretenen Gase als „extrem reizend für Bindehaut und Schleimhäute“. Schon 2004 war es in der TDI-Produktion des Werks, das sich 50km östlich von Houston befindet, zu einer großen Explosion mit einem darauf folgenden Brand gekommen. BAYER stellt die Chemikalie auch in Dormagen, Brunsbüttel und Caojing/China her.

Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Mitglied der Kommission für Anlagensicherheit beim Bundesumweltministerium: „Es wird Zeit, dass Bayer vor allem im Ausland das Sicherheitsmanagement einer eingehenden Prüfung unterzieht, damit endlich ein spürbarer Rückgang von Schadens- und Umweltereignissen eintritt. Dies gilt vor allem für die besonders kritischen Produktionsbetriebe wie die von TDI“.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren(CBG) ergänzt: „In Dormagen befindet sich die TDI-Produktion unter freiem Himmel – nur wenige hundert Meter von der Wohnbevölkerung entfernt. Ein Unfall wie in Baytown könnte verheerende Folgen haben. Wir fordern den Konzern auf, eine phosgenfreie Kunststoff-Produktion aufzubauen.“ TDI kann auch ohne den Einsatz von Phosgen hergestellt werden, BAYER hat das Verfahren jedoch nicht zur Produktionsreife entwickelt. Die CBG erinnert auch daran, dass es Anfang der 80er Jahre auf Landesebene ein Gesetzesvorhaben gab, gefährliche Betriebe schrittweise aus den Städten zu verlagern. BAYER stemmte sich mit allen Mitteln vor und hinter den Kulissen dagegen. Leider mit Erfolg. Die CBG fordert, dass die ursprüngliche Gesetzesabsicht endlich realisiert wird.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich am vergangenen Donnerstag in einem französischen BAYER-Werk. In Limas (Rhône) erhitzten sich aus ungeklärten Gründen mehrere Tonnen des Pestizids Mancozeb. Es bestand Brand-Gefahr, zudem kam es zu starker Geruchsbildung. Insgesamt wurden 17,5 Tonnen des Fungizids in der Fabrik gelagert.

weitere Informationen:
Explosion at Bayer industrial park in Baytown
Artikel Unfall in Baytown im Februar 2004
Artikel Échauffement anormal de produit fongicide à l'usine Bayer CropScience

CorA

CBG Redaktion

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren gehört zu den Gründungsmitgliedern des CorA-Netzwerks, das die Einhaltung von Menschenrechten sowie sozialen und ökologischen Normen durch transnationale Unternehmen einfordert.

Presse-Info vom 25. 9. 2006

Neues Netzwerk fordert verbindliche Verantwortung der Unternehmen ein

Organisationen gründen CorA-Netzwerk zur Durchsetzung sozialer und ökologischer Ziele

Erstmals formiert sich ein Netzwerk vieler Organisationen in Deutschland, um von Unternehmen die Einhaltung von Menschenrechten sowie international anerkannten sozialen und ökologischen Standards zu fordern. Am neuen CorA-Netzwerk für Unternehmensverantwortung (CorA; „Corporate Accountability“) beteiligen sich unter anderen Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften, kirchliche und entwicklungspolitische Organisationen sowie Verbraucher- und Umweltverbände. CorA fordert vor allem von der Politik Instrumente, mit denen sich verantwortliches Handeln der Unternehmen durchsetzen lässt.

In der Gründungserklärung richten die Organisationen sechs Hauptforderungen an die Politik: Sie soll durchsetzen, dass Unternehmen Rechenschaft ablegen über die Auswirkungen ihres Handelns auf Umwelt, Soziales und Menschenrechte. Die Vergabe öffentlicher Aufträge darf nur an Unternehmen erfolgen, die gesellschaftliche Anforderungen erfüllen. Zudem sollen Unternehmenspflichten in internationalen Wirtschaftsabkommen und bei der Wirtschaftsförderung verankert werden. Unternehmen sollen gerecht zum Nutzen der Gesellschaft besteuert werden. Das CorA-Netzwerk fordert weiter Sanktionen und Haftungsregeln für Unternehmen. Die Produktverantwortung soll gestärkt und zukunftsfähige Konsum- und Produktionsmuster gefördert werden.

Heinz Fuchs, EED: „Es besteht ein großes Gefälle zwischen dem Anspruch internationaler Normen und der Wirklichkeit. Insbesondere Menschen in Entwicklungsländern leiden unter sozialen und ökologischen Rechtsverletzungen durch transnationale Konzerne.

Lothar Schröder, Mitglied des ver.di-Bundesvorstands: “Anerkannte soziale und politische Rechte von arbeitenden Menschen werden weltweit verletzt. Unsere Erfahrungen zeigen, dass nur konkrete Pflichten und wirksame Kontrollmöglichkeiten die Unternehmen zu einer menschenwürdigen Praxis führen. Ohne verbindliche Regeln gibt es keinen fairen Wettbewerb.„

Cornelia Heydenreich, Germanwatch: “Mit diesem neuen Netzwerk wollen wir gemeinsam mehr Druck machen, um Unternehmen zu verpflichten, ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrzunehmen. Dafür ist ein breites Netzwerk mit Akteuren aus allen Bereichen der Zivilgesellschaft eine wichtige Voraussetzung.„
Peter Fuchs, WEED: “Der Staat ist insbesondere in der Verantwortung, einerseits Regeln zu schaffen und andererseits über eigene Instrumente wie das öffentliche Beschaffungswesen ökologische und soziale Anforderungen selbst durchzusetzen.„
Brigitte Behrens, Geschäftsführerin von Greenpeace: “International agierende Unternehmen sind für zahlreiche ökologische Schäden verantwortlich. Nur wenn die Unternehmen dafür zur Rechenschaft gezogen werden und für die Schäden haften müssen, werden sie sich künftig auch an Standards halten.„

Patrick von Braunmühl, stellv. vzbv Vorstand: “Viele Produkte in den Supermärkten und Kaufhäusern sind unter Verletzung von grundlegenden Sozial- und Umweltstandards hergestellt worden. Um Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, ein positives Verhalten von Unternehmen zu honorieren, sollten Unternehmen leicht verständliche und glaubwürdige Informationen darüber bereitstellen, in wie weit sie soziale und ökologische Normen achten. Der Staat muss hierfür geeignete Rahmenbedingungen schaffen. "

Erstunterzeichner der Gründungserklärung des Netzwerkes sind: Attac, BanaFair, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Christliche Initiative Romero (CIR), Coordination gegen BAYER-Gefahren, Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Earthlink, Evangelischer Entwicklungsdienst (EED), FIAN - Deutschland, Forschung & Kommunikation für Konsum, Umwelt und Soziales (FoKus), Germanwatch, Global Policy Forum Europe (GPF), Greenpeace Deutschland, INKOTA-netzwerk, Kampagne für ‚saubere' Kleidung, Lobbycontrol, Nord-Süd-Forum München, Oxfam Deutschland, Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN), Solidaritätsfonds Demokratische Medien, Stiftung Soziale Gesellschaft - Nachhaltige Entwicklung, Südwind, terre des hommes Deutschland, Transparency International Deutschland, urgewald, Verbraucher Initiative, Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), Vereinte Dienstleistungsgesellschaft (ver.di), Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung (WEED).

Die Erklärung ist einsehbar unter www.cora-netz.de.

Mogelpackung

CBG Redaktion

22.09.2006, Securvita

Grüne Geldanlagen: Vorsicht vor Etikettenschwindel!

Das haben in jüngster Zeit immer mehr private Anleger, Finanzdienstleister und Stiftungen entdeckt und mittlerweile über 9 Milliarden Euro in Nachhaltigkeitsfonds angelegt. Aber auch bei nachhaltigen Geldanlagen ist ein kritischer Blick ratsam: „Vorsicht vor Mogelpackungen“, raten Finanzexperten.

„Man sollte genauer hinschauen, was sich unter dem Etikett Nachhaltigkeit verbirgt“, warnt der Hamburger Finanzdienstleister SECURVITA. Es gibt eine Reihe von sogenannten Sustainability-Geldanlagen, in deren Portfolio auch Rüstungs-, Chemie- und Atomkraftkonzerne auftauchen. Abschreckendes Beispiel: Der Dow Jones Sustainability World Index mit BASF, Bayer, DaimlerChrysler, RWE, Siemens usw..

„Wenn Unternehmen, die als Klimakiller oder Atomkraftwerksbetreiber in Verruf stehen, plötzlich als Sustainability-Vorbilder für ökologische Geldanleger angepriesen werden, ist das in meinen Augen ein klarer Fall von Etikettenschwindel“, kritisiert SECURVITA-Sprecher Norbert Schnorbach. „Solche Mogelpackungen bringen den Ruf der Sustainability-Branche in Gefahr.“

Dass es auch anders geht, beweisen Öko-Geldanlagen, die klare und konsequente Auswahlkriterien anwenden. Der Natur-Aktien-Index (NAI) zum Beispiel (www.nai-index.de ) gilt als echter ökologischer Maßstab: Er wendet eindeutige Auswahlkriterien an, schließt umweltschädliche Branchen konsequent aus und hat sich seit der Gründung im Jahr 1997 weitaus erfolgreicher entwickelt als die konventionelle Konkurrenz.

Das Prinzip (Umweltschutz zahlt sich auch an der Börse aus) hat sich im langfristigen Vergleich bewahrheitet. „Je konsequenter die ökologische Auswahl, desto erfolgreicher die Performance an der Börse“, betont SECURVITA. So hat der Natur-Aktien-Index (NAI) seit 1997 um über 300 % zugelegt – weitaus mehr als DAX, Dow Jones oder ein Index mit Sustainability-Etikett.

Gen-Raps

CBG Redaktion

20.9.2006, die tageszeitung

Der Gentech-Raps kommt nach Europa

Weil sich die EU-Agrarminister nicht einigen konnten, darf die Kommission nun allein entscheiden

Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis der Bayer-Konzern seinen in Übersee angebauten Gentech-Raps auch in die EU einführen darf. Die EU-Agrarminister konnten sich am Montag auf ihrer Sitzung zwar nicht über den von Bayer CropScience eingereichten Antrag für den Import von Gentech-Raps einigen. Weder für noch gegen den Antrag gab es eine „qualifizierte Mehrheit“. Damit kann jetzt aber die EU-Kommission im Alleingang die Zulassung aussprechen. Es wird erwartet, dass sie auch den Import freigeben wird. Bisher durfte Gentech-Raps nur im verarbeiteten Zustand, als Rapsöl oder -mehl, in die EU eingeführt werden.

Bayer CropScience will mit seinen Antrag erreichen, dass seine drei verschiedenen, in den USA bereits angebauten Rapslinien auch als ganze Körner in die EU eingeführt und dann in den hiesigen Ölmühlen verarbeitet werden können. Die Rapssorten sind mit einer Resistenz gegen das Bayer-Herbizid Liberty Link ausgestattet worden. Gentech-Raps wird als besonders umweltschädlich angesehen, weil es so gut wie unmöglich ist, die Ausbreitung von Pollen oder Samen zu verhindern.

In der Kritik steht auch die EU-Zulassungspraxis. Denn alle in den letzten Jahren zugelassenen Gentech-Pflanzen sind allein von der EU-Kommission genehmigt worden, da sich die Agrarminister jedes Mal nicht einigen konnten. Am Montag sprachen sich zum Beispiel lediglich 6 EU-Staaten für den Bayer-Antrag aus, darunter auch Deutschland, 13 Staaten waren dagegen, 6 enthielten sich. Um den Antrag abzulehnen, reichen diese Stimmen jedoch nicht aus.

Das Resistenzgen für das Bayer-Herbizid Liberty Link ist übrigens auch in dem Gentech-Weizen enthalten, den das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, Sachsen-Anhalt, dieses Jahr noch freisetzen will. Bei den Pflanzen soll der Proteingehalt erhöht werden. Heute läuft die Einspruchsfrist gegen den Versuch aus. Fast 30.000 Einwendungen hat das Münchener Umweltinstitut gegen den Gentech-Versuch in den letzten Wochen zusammenbekommen.

Auch hier wird befürchtet, dass der Weizen sich unkontrolliert verbreiten kann. Zu bedenken sei zudem, dass das IPK auch einer der größten Genbanken besitzt, sagt Andreas Bauer vom Umweltinstitut München. „Es besteht die Gefahr, dass die dort eingelagerten Saatgutbestände kontaminiert werden.“ WOLFGANG LÖHR

Telepolis (Brigitte Zarzer), 20.09.2006

Seehofer verärgert Bauern und Gentech Kritiker

Der deutsche Verbraucherminister stimmt in Brüssel für den Import von Rapssamen

Gentechnisch veränderter Raps gilt unter Experten als besonders auskreuzungsfreudig und deshalb als kaum koexistenzfähig. Minister Horst Seehofer sprach sich deshalb in der Vergangenheit immer wieder gegen einen Anbau in Europa aus. Im Agrarministerrat stimmte Deutschland jetzt aber für die Zulassung der GV-Rapssorten Ms8, Rf3 und Ms8xRf3 der Firma Bayer aus. Bei einer Absegnung durch die EU-Kommission könnte dadurch erstmals gentechnisch veränderter Rapssamen in die EU gelangen. Kritiker sind empört.

Auf einer Sitzung des Agrarministerrats am 18. September wurde über die Zulassung der Einfuhr von Samen aus GV-Raps der Linien Ms8, Rf3 und den daraus abgeleiteten Hybriden Ms8xRf3 von Bayer CropScience beraten. Sie sind herbizidtolerant und sollen männliche Sterilität besitzen. Die EU-Mitgliedsstaaten wurden sich allerdings wieder einmal nicht einig. Dreizehn Länder stimmten dagegen. Das ist allerdings keine qualifizierte Mehrheit, womit der Ball nun wieder bei der EU-Kommission liegt, die in ähnlichen Fällen dann so gut wie immer für eine Zulassung gestimmt hatte.

Empört reagieren Gentech-Kritiker, zumal sich Deutschland für eine Zulassung ausgesprochen hat. Denn bisher sind in der EU nur Futtermittel und raffinierte Öle aus Gentech-Raps zugelassen. Mit dem jetzt verhandelten Bayer-Antrag könnte man sich aber Verunreinigungen einschleppen, befürchten Kritiker. Die Grünen wettern, dass Minister Seehofer wieder einmal seinem Ruf als „Genhofer“ gerecht geworden sei, der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft wirft ihm vor, sich mit dem Abstimmungsverhalten in Widersprüche verwickelt zu haben. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft skizziert mögliche praktische Probleme und ökonomische Konsequenzen:

Die ‚Ausrede' der Bundesregierung, der gentechnisch veränderte Raps komme ja nicht auf die Äcker, sondern gelange als Importerzeugnis gleich in die Ölmühlen, zeugt angesichts der illegalen Gentechnik-Maisimporte 2005 und des jetzigen Reisskandals entweder von großer Naivität oder ist ein Akt der bewussten Verunreinigungsstrategie, weil niemand ausschließen kann, dass nicht doch der Raps auf die Äcker ausgebracht wird oder unkontrolliert z.B. durch Transportverluste auskreuzt. Gerade der gentechnikfreie Rapsanbau in Europa hat gegenüber den Märkten in Kanada, USA und Australien große wirtschaftliche Vorteile für die hiesigen Rapserzeuger. Sollen wir diesen lukrativen Markt aufgeben? Soll Unilever, die Soja wegen gentechnischen Veränderungen durch Raps ersetzt haben, irgendwann sagen, wir ersetzen auch den Raps, womit ein großer Nachfrager auf dem Markt sich verabschieden würde? Oder hat die Angelegenheit System und versucht die Bayer AG durch schleichende Verunreinigung die Erzeugung ohne Gentechnik systematisch zu unterlaufen?

Bayer sieht kein Risiko
Bayer hingegen widersprach diversen Bedenken. An einen Anbau sei nicht gedacht, so das Unternehmen. Die eingeführte Ware würde sofort verarbeitet und es würden ausreichend Vorkehrungen getroffen werden, um Verunreinigungen zu verhindern. Ein Antrag auf Anbau in der EU wurde 2005 zurückgezogen.
Dem EU-Abgeordneten der Grünen, Friedrich Wilhelm zu Baringdorf, reicht das nicht. Es bestehe die Gefahr, dass die Samen etwa beim Verladen doch in die freie Natur gelangten und dort aufkeimten. Ein Problem sei außerdem, dass „die kleinen Rapskörner, die sich aus den Ritzen und Nischen von Lagern und Verarbeitungsmaschinen selten vollständig entfernen lassen, sauber von der gentechnikfreien Ware zu trennen“. Die stellvertretende verbraucherpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Elvira Drobinski-Weiß, erklärte, dass die „Zustimmung Deutschlands zur Einfuhrgenehmigung für gentechnisch veränderten Raps nicht nachvollziehbar und inkonsequent“ sei, da, wie wissenschaftliche Studien gezeigt hätten, „Raps nicht koexistenzfähig ist“. Für „Die Linke“ im Bundestag verlagert Seehofer mit seinem Verhalten die „Koexistenzproblematik ins Ausland“:

Die Verlagerung des Problems ins Ausland führt zu weiteren Schwierigkeiten, wie Auskreuzungen und Mehrfachresistenzen in Kanada belegen. In den so genannten Entwicklungsländern wird die Exportabhängigkeit weiter vertieft und es werden neue Umweltprobleme geschaffen. Der Wegfall von Wald und kleinbäuerlicher Landwirtschaft durch die massive Ausbreitung riesiger Sojaflächen für den Export trägt zur Verarmung der Bevölkerung in ländlichen Regionen bei.

Die Kritik ist durchaus berechtigt, denn zumindest aus Kanada weiß man inzwischen um die großen Probleme, die dort Gentech-Raps - primär Roundup Ready-Raps aus dem Hause Monsanto - verursacht hat. In Westkanada gibt es kaum mehr Saatgut, das nicht einen gewissen Grad an Verunreinigung mit RR-Raps aufweisen würde. Legendär ist auch der Prozess Monsanto gegen den kanadischen Bauern Percy Schmeiser wegen angeblichen Gen-Klaus. Auch die kanadischen Imker trugen großen Schaden davon. Ihr einst so begehrter Raps-Honig ist bei den großen Lebensmittelverarbeitern wie Langnese nicht mehr gefragt.

Gen-Weizen

CBG Redaktion

18. September, Umweltinstitut München

Rekordzahl an Einwendungen: 27.000 gegen Gen-Weizen

Umweltinstitut München fordert Stopp für hochriskanten Freisetzungsversuch in Sachsen Anhalt

Das Umweltinstitut München hat dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) heute mehr als 27.000 Einwendungen gegen einen geplanten Freisetzungsversuch mit genmanipuliertem Weizen in Gatersleben (Sachsen-Anhalt) überstellt. Das BVL als zuständige Genehmigungsbehörde wird dringend aufgefordert, den entsprechenden Antrag des Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben abzulehnen. Nie zuvor hat das BVL mehr Einwendungen gegen einen Freisetzungsversuch erhalten.

Die manipulierten Weizenpflanzen verfügen angeblich über einen erhöhten Protein-Gehalt. Sie sind zusätzlich resistent gegen ein Totalherbizid des Bayer-Konzerns und die Antibiotika Ampicillin und Streptomycin. Der Versuchsacker des mit Steuergeldern finanzierten IPK liegt in weniger als 500 Meter Entfernung zu den Anbauflächen einer der weltgrößten Getreide-Genbanken, die ebenfalls auf dem Institutsgelände angesiedelt ist. Dort lagern Tausende alter Weizensorten und -arten, die zu ihrer Erhaltung regelmäßig im Freiland angebaut werden müssen. Saatgut der Genbank wird unter anderem von Züchtern zur Einkreuzung wichtiger neuer Eigenschaften verwendet. Kontaminierte Weizenpflanzen könnten auf diese Weise in alle Welt verbreitet werden. „Das ist ein Rezept für ein Desaster“, kritisiert Andreas Bauer, Agrarwissenschaftler und Gentechnikreferent beim Umweltinstitut München. „Schon eine einmalige Auskreuzung könnte genügen, um eine schleichende Kontamination der fast 65.000 Getreidesorten und -arten der Genbank einzuleiten. Genmanipulierte Pflanzen auf dem Gelände der Genbank sind ein leichtfertiges Spiel mit der Ernährungssicherheit zukünftiger Generationen.“

Harald Nestler, Vorstand beim Umweltinstitut München, warnt: „Die aktuelle großflächige Kontamination der US-Reisindustrie durch manipulierten Reis zeigt, welche ökonomische Katastrophen die Agro-Gentechnik auslösen kann. Die Verunreinigung von Weizenbeständen durch den Versuch in Gatersleben wäre für heimische Lebensmittelunternehmen verheerend.“ Erst vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass offenbar weite Teile der US-Reisernte mit Gen-Reis aus einem Freisetzungsexperiment des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer verunreinigt sind. Die transgene Reislinie LL601 war letztmals im Jahr 2001 angebaut worden und ist in keinem Land der Welt zugelassen. Sie enthält dasselbe Herbizidresistenz Gen wie der Gaterslebener Gen-Weizen. Der Export von Reis aus den USA ist seit Bekanntgabe des Kontaminationsskandals eingebrochen. Die betroffenen Landwirte werden diesen Schaden von Bayer einklagen.

Nestler zeigt sich mit dem Rekordergebnis der Einwendungskampagne sehr zufrieden und dankte allen Unterstützern für ihr Engagement. „Erneut wollen die Gentechnik-Lobbyisten Fakten schaffen: Einerseits soll offenbar vorsätzlich eine Kontamination der Genbank stattfinden. Wie sonst lässt sich die Wahl des Standorts interpretieren? Andererseits wird ausgerechnet im Herzen Europas ein neuer Gentechnik-Vorstoß bei der ökonomisch so bedeutsamen Pflanze Weizen unternommen. Und dies, nachdem sogar in Nordamerika die Kommerzialisierung von Gen-Weizen am Widerstand der Bauern gescheitert ist.“ Die breite Ablehnung des Versuchs zeige erneut, dass die gesellschaftliche Diskussion über die Agro-Gentechnik längst abgeschlossen ist, so Nestler weiter. „Die Bürgerinnen und Bürger wollen keine Gentechnikpflanzen auf dem Acker. Politik und Forschung sollten dies endlich zur Kenntnis nehmen.“

Umweltinstitut München
Pressemitteilung vom 25. Juli 2006

Geplanter Freisetzungsversuch in Gatersleben: Gen-Weizen bedroht Erbe der Menschheit

Umweltinstitut München ruft zu Einwendungen auf

Zum ersten Mal seit 2004 ist in Deutschland wieder ein Freisetzungsversuch mit genmanipuliertem Weizen geplant. Einen entsprechenden Antrag hat das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) Gatersleben beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gestellt. Der Versuchsacker liegt in unmittelbarer Nähe zu den Anbauflächen der Genbank im sachsen-anhaltinischen Gatersleben. Dort lagern Hunderte alter Weizensorten, die zur Erhaltung immer wieder im Freiland angebaut werden müssen.

Eine gentechnische Verunreinigung dieses Menschheitserbes durch Pollenflug oder Verschleppung durch Tiere wäre ein unersetzlicher Verlust für zukünftige Züchtungsbemühungen. Denn alte Sorten, so genannte Herkünfte, enthalten vielfach Resistenzen gegen verschiedene Krankheiten und klimatische Bedingungen wie Trockenheit oder Salz. Experten bezeichnen sie daher als „Lebensversicherung der Menschheit“. Andreas Bauer, Gentechnikexperte und Agrarwissenschaftler beim Umweltinstitut München, kritisiert: „Bislang sind alle Freisetzungen von Gen-Weizen in der BRD am Widerstand von Umweltorganisationen gescheitert. Denn Weizen ist eine der zentralen Nahrungspflanzen für die Weltbevölkerung. Aufgrund der breiten Ablehnung in der Bevölkerung ist Gen-Weizen weltweit unverkäuflich.“

Die Weizenpflanzen, die in Gatersleben freigesetzt werden sollen, wurden gentechnisch so manipuliert, dass sie unter anderem einen erhöhten Protein-Gehalt aufweisen. Damit soll angeblich die Nutzung als Futtergetreide verbessert werden. Harald Nestler, Vorstand beim Umweltinstitut München, glaubt, dass der geplante Versuch eine Türöffnerfunktion haben soll: „Wenn das genehmigt wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis genmanipulierter Weizen in unsere Bäckereien gelangt.“ Als Stiftung des Bundes und der Bundesländer solle sich das IPK nachhaltiger Züchtungsforschung zuwenden, anstatt mit Millionenbeträgen aus der Tasche des Steuerzahlers eine gesellschaftlich nicht akzeptierte Risikotechnologie wie die Gentechnik zu forcieren, fordert Nestler daher.

Scharfe Kritik an dem Versuch übt das Umweltinstitut auch aufgrund weiterer Eigenschaften, die in den Gen-Weizen eingebracht wurden. So wurden die Pflanzen resistent gemacht gegen Basta(r), ein Totalherbizid des Bayer-Konzerns. Herbizidresistente Gen-Pflanzen haben einen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt. Außerdem erhöhen sie nach kurzer Zeit den Pestizideinsatz auf den Äckern, weil sie die Ausbildung resistenter Ackerkräuter fördern.

Zusätzlich enthalten die genmanipulierten Weizenpflanzen so genannte Antibiotikaresistenzgene gegen die in der Humanmedizin verwendeten Stoffe Ampicillin und Streptomycin. Sie werden eingebaut, um die Pflanzen im Labor selektieren zu können. Selbst die gentechnikfreundliche europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA fordert, diese Antibiotikaresistenzgene ab 2009 nicht mehr zu verwenden. Denn die entsprechenden Antibiotika drohen durch den Verzehr der genmanipulierten Pflanzen unwirksam zu werden.

Laut Antrag des IPK, der dem Umweltinstitut München vorliegt, soll der Freisetzungsversuch im Herbst 2006 starten und bis 2008 andauern. Das Umweltinstitut München ruft zu breitem Protest gegen den Anbau von Gen-Weizen auf. Bürgerinnen und Bürger können auf der Seite http://www.umweltinstitut.org/genweizen eine Mustereinwendung als PDF-Datei herunterladen. Einwenden kann jeder und jede, ein Wohnsitz in Gatersleben ist keine Voraussetzung. Die unterschriebenen Einwendungen werden bis zum 13. September vom Umweltinstitut München gesammelt und dann der zuständigen Genehmigungsbehörde, dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, übergeben.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren unterstützt die Einwendung

Weitere Informationen:
Andreas Bauer, Dipl.-Ing. agr. (FH)
Tel. (089) 30 77 49-14
E-Mail: ab@umweltinstitut.org

LL Rice 62

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Information vom 13. September 2006

Brief an europäische Lebensmittelbehörde EFSA:

„EU darf keine Import-Genehmigung für Gen-Reis von BAYER erteilen“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hat heute in einem Brief an die European Food Safety Authority (EFSA) gefordert, keine Import-Genehmigung für gentechnisch veränderten Reis zu erteilen.

Der BAYER-Konzern hatte im Jahr 2003 bei der EU eine Import-Zulassung für Reis der Sorte LL 62 beantragt. Die Sorte ist resistent gegen das von BAYER produzierte Herbizid Liberty Link mit dem Wirkstoff Glufosinat. Ende August war bekannt geworden, dass in den USA eine ebenfalls gegen Glufosinat resistente Reis-Sorte in den Handel gelangt war. Der Langkorn-Reis mit der Bezeichung LL 601 ist nirgendwo auf der Welt zum Verzehr zugelassen, die gesundheitlichen Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher sind unbekannt. Recherchen von Greenpeace deckten Anfang der Woche auf, dass auch in Deutschland Kontaminationen mit LL 601-Reis auftraten, unter anderem in Produkten des Discounters Aldi.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „Der Fall bestätigt alle Befürchtungen: eine gentechnisch veränderte Reis-Sorte landet im Handel, ohne dass die gesundheitlichen Risiken bekannt wären oder eine Genehmigung erteilt wäre. Dies muss Konsequenzen für die Zulassung von Gen-Reis in der EU haben“. Insgesamt neun EU-Mitgliedsstaaten hatten Bedenken gegen Liberty Link-Reis geäußert, weswegen die EFSA bis heute keine Zulassung erteilt hat. Die CBG fordert die Bundesregierung auf, sich bei der EFSA gegen eine Importgenehmigung von LL 62-Reis stark zu machen.

Neben den Risiken für die Konsumenten stehen bei der Zulassung von Gen-Reis die Auswirkungen in den Anbau-Ländern, vornehmlich in Asien, im Blickpunkt. Philipp Mimkes: „Millionen Bauern in den Ländern des Südens, die bislang durch Tausch und Eigenzüchtungen ihr Saatgut selbst produzieren, drohen in Abhängigkeit von multinationalen Konzernen zu geraten - die Verwendung ihrer Ernte als Saatgut wäre wegen des Patentschutzes künftig verboten. Durch den bereits in der „grünen Revolution“ beobachteten Konzentrationsprozess würden Millionen Landwirte ihre Existenz verlieren und in die Elendsgebiete rund um die Metropolen abwandern. Zudem würden durch Auskreuzungen einheimische Sorten verdrängt – mit dramatischen Konsequenzen für die Biodiversität und die weltweite Ernährungssicherheit.“

Bitte lesen Sie den Brief an die EFSA im Original

22. September 2006

Bundesamt für Naturschutz besorgt über Funde von „Gen-Reis“

Einhaltung von Mindestabständen und deren konsequente Überwachung ist für den Naturschutz zwingend

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist besorgt über die gentechnische Verunreinigung von Reis. „Dieser Fall muss genau untersucht werden, da er exemplarisch für das teilweise hohe und unvorhergesehene Ausbreitungspotenzial von gentechnisch veränderten Pflanzen sein könnte. Wir erwarten natürlich nicht, dass Reis sich in Deutschland ausbreitet. Er steht aber stellvertretend für heimische Kulturarten mit gleichem oder sogar höheren Auskreuzungspotential wie Raps,“ sagte Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des BfN. Solange der Stand des Wissens noch so gering ist, sei nach Ansicht des BfN eine Anwendung des Vorsorgeprinzips dringend gefordert. „Der aktuelle Fall bestätigt unsere Forderungen nach ausreichenden Abständen zwischen Feldern mit gentechnisch veränderten und konventionellen Pflanzen. Aber auch Abstände beim Anbau von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) zu ökologisch sensiblen Gebieten müssen eingehalten und überwacht werden. In Naturschutzgebieten müssen wir mit gentechnisch veränderten Pflanzen sehr vorsichtig sein“, so Vogtmann.

Hintergrundinformationen:
Die gentechnische Verunreinigung von herkömmlichen Langkornreis mit LL Reis 601 wurde im Lebensmittelhandel in Europa u.a. in Deutschland entdeckt. Der LL Reis 601 wurde in den Jahren 1998 bis 2001 zu Versuchszwecken in den USA angebaut. Der Reis besitzt eine Herbizidresistenz, d.h. er überlebt eine Spritzung mit einem bestimmten Unkrautvernichtungsmittel. Schon im Jahr 2003 gab es laut der Louisiana State Universität Verunreinigungen im konventionellen Saatgut der Sorte Cheniere 2003 mit LL Reis 601. Der weltweit größte Reishändler Riceland Foods fand im Januar 2006 LL Reis 601 in Lagerbeständen der Ernte des Jahres 2005. Die Verunreinigungen scheinen geografisch ohne erkennbares Muster quer durch die Reisanbaugebiete des Unternehmens verteilt gewesen zu sein. Im Juli informiert Bayer Crop Science das US-Landwirtschaftsministerium (USDA), das zwei Wochen später die EU-Kommission informiert. Die EU-Kommission verfügt am 23. August, dass nur getestete Waren importiert werden dürfen. Die Bundesregierung hat dies umgehend national umgesetzt.

Wissenschaftliche Frage:
Wie kann der nicht zugelassene und nur 1998 bis 2001 in den USA angebaute Versuchs-Reis zu einer so flächendeckenden Verunreinigung führen?

Als mögliche Ursache der Verunreinigung werden zwei Ausbreitungswege diskutiert.
1. Bei der Saatgutproduktion von konventionellem Saatgut kam es in den Jahren 1998 bis 2001 zu einer Einkreuzung von LL Reis 601 in konventionelle Reissorten. Bei der weiteren Vermehrung von Reis blieb die Verunreinigung zu einem gewissen Prozentsatz erhalten. Dies ist möglich, da die Reiszüchtung und -vermehrung zum Teil zentral stattfindet. Gleichzeitig haben die Überwachungsbehörden in den USA nach eigenen Angaben keine Kenntnis darüber, wo die zu experimentellen Freisetzungen zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden.
2. Auch der Übertragungsweg zwischen der Kulturpflanze und dem Unkraut Red Rice kommt als Ursache für das Problem in Betracht. Die Pollenübertragung von herbizidresistentem Reis auf Red Rice wird zwar niedrig eingestuft, aber es könnte zu einer bleibenden Verunreinigung beigetragen haben.
Der LL Reis 601 zeigt nach Ansicht verschiedener Experten deutlich, dass bei geringen Sicherheitsstandards mit einer Ausbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen zu rechnen ist. In wieweit gentechnisch veränderte Pflanzen in der Natur langfristig Schäden anrichten und zum Problem werden, werden erst die Langzeituntersuchungen in Zukunft zeigen.

Nicht nur Reis besitzt eine hohes Ausbreitungs- und Auskreuzungspotential sondern auch andere Kulturpflanzen wie z.B. Raps und Mais.
Bei den Diskussionen über zu Koexistenzregeln (Verhältnis zwischen, Landwirtschaft mit gentechnisch veränderten Sorten, konventioneller Landwirtschaft und Ökolandbau) hat sich das BfN seit Jahren für ausreichend große Abstände und niedrige Schwellenwerte vor allem beim Saatgut eingesetzt, um Verunreinigungen auszuschließen. Aus Vorsorgegründen orientierten sich die Vorschläge des BfN, die teilweise stark kritisiert wurden, an den wissenschaftlich nachgewiesenen maximalen Auskreuzungsdistanzen.

Naturschutzgebiete sind gefährdet
Für das BfN ist die Reinheit des Saatgutes nicht nur eine Frage der Koexistenz von konventionellem/ ökologischem Anbau und dem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen, sondern auch eine wichtige Frage des Naturschutzes.
Insbesondere bei experimentellen Freisetzungen könnte es durch eine Auskreuzung in konventionelles Saatgut oder in Wildverwandte zu einer Ausbreitung von GVO oder deren Nachkommen in die Natur kommen. Eine räumliche und zeitliche Beschränkung wäre damit aufgehoben. Diese ist aber notwendig, da zum Zeitpunkt der Freisetzung in der Regel noch keine detaillierten Daten zum Umweltverhalten der GVO vorliegen. Werden zu einem späteren Zeitpunkt unerwartete schädliche Auswirkungen, wie die Verdrängung oder Verfälschung geschützter Arten entdeckt, wäre eine Rückholbarkeit der GVO faktisch nicht mehr gegeben.
Daher fordert das BfN generell von ökologisch sensiblen Gebieten, insbesondere zu Natura 2000-Gebieten, Abstand zu halten.

Greenpeace, Presseerklaerung vom 11. September 2006

Greenpeace entdeckt illegalen Gen-Reis bei Aldi Nord

Langkornreis aus den USA ist mit genmanipuliertem Reis von Bayer verunreinigt

Der bei Aldi Nord erhaeltliche Langkornreis der Marke Bon-Ri enthaelt nach Untersuchungen im Auftrag von Greenpeace illegalen, genmanipulierten Reis. Der Reis stammt aus den USA. Der Hersteller, die Reiskontor Handels GmbH, ist eine Tochterfirma der Euryza GmbH, die die Reismarken Oryza und Reis-Fit vertreibt. Die Laboranalysen haben eine Verunreinigung mit dem Gen-Reis Liberty Link (LL) der Bayer AG ergeben. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um den Gen-Reis LLRice 601, der in keinem Land fuer den menschlichen Verzehr zugelassen ist und nicht abschliessend auf Gefahren fuer Gesundheit und Umwelt getestet wurde. Die US-Behoerden haben die Europaeische Union am 18. August 2006 ueber die gentechnische Verunreinigungen von Reis in den USA mit LLRice 601 informiert.

„Dieser Skandal zeigt, dass Konzerne wie die Bayer AG ihre Gen-Pflanzen nicht kontrollieren koennen oder kontrollieren wollen. Der Protest gegen die Gentechnik auf dem Acker ist daher absolut notwendig“, sagt Ulrike Brendel, Gentechnik-Expertin von Greenpeace.„ Der Gen-Reis von Bayer wird in den USA nicht kommerziell angebaut, der LL 601 stand sogar nur bis 2001 auf Versuchsfeldern. Wenn es sich bei unserem Fund um diesen Reis handelt, waere der Kontrollverlust ueber die Gen-Pflanzen besonders alarmierend.“ Greenpeace fordert, den Anbau von Gen-Pflanzen zu verbieten, um Landwirtschaft und Lebensmittel zu schuetzen.

Die gentechnische Verunreinigung von herkoemmlichem Langkornreis mit LLRice 601 wurde bereits im Januar 2006 entdeckt. Doch die Bayer AG informierte die US-Behoerden erst im Juli. Die EU erfuhr davon schliesslich am 18. August 2006. Seit 23. August darf Langkornreis aus den USA nur in die EU eingefuehrt werden, wenn er nachweislich nicht verunreinigt ist.

Der aktuelle Reis-Fund in Deutschland zeigt, dass die bisherigen Massnahmen der EU nicht ausreichen. Die EU sollte nach Ansicht von Greenpeace nicht nur die Kontrollen der Einfuhren verstaerken, sondern alle Reisprodukte vorerst vom Markt nehmen lassen, die Langkornreis aus den USA enthalten. „Verbraucher muessen sich darauf verlassen koennen, dass kein illegaler Gen-Reis bei ihnen im Kochtopf landet“, fordert Ulrike Brendel. Ausserdem sollte die EU dafuer sorgen, solche Skandale fruehzeitig zu verhindern.

Dies ist der zweite Skandal von illegalem Gen-Reis in Lebensmitteln auf dem europaeischen Markt innerhalb weniger Tage. Greenpeace hat am 5. September gentechnische Verunreinigungen in chinesischen Reisnudeln aufgedeckt. Die Reisnudeln wurden in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien verkauft.

Mit der Verunreinigung von Reis in den USA knuepft die Bayer AG an eine Serie frueherer Faelle an. So wies Greenpeace im Mai 2002 in Deutschland nach, dass sich Gen-Raps von einem Versuchsacker auch auf benachbarte Felder ausgebreitet hatte. Im April 2002 liess die belgische Regierung Gen-Raps eines Versuchsfelds und Raps von umliegenden Äckern vernichten, da die Sicherheitsauflagen nicht eingehalten wurden. Im Juni 2005 wurden auch in Lieferungen von konventionellem Raps aus Australien Verunreinigungen mit Gen-Raps von Bayer gefunden. Noch immer ist unklar, wie das passieren konnte.

Der Standard (Österreich), 31. August 2006

EU rechnet mit Verunreinigung von Lebensmittel

US-Genreis wurde in Spuren bereits in europäische Produkten gefunden

Brüssel - Die EU-Kommission rechnet damit, dass europäische Lebensmittel mit der nicht genehmigten US-Genreissorte „LL 601“ von Bayer verunreinigt wurden. Die Kommission habe von der Industrie die Auskunft erhalten, dass Spuren des illegalen Reises bereits im Jänner entdeckt wurden, sagte ein Sprecher von EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou. Zudem bestehe seit vergangenen Samstag der Verdachht einer Verunreinigung bei einer Ladung von US-Langkorn-Reis im Hafen von Rotterdam.

„Wir können nicht ausschließen, dass eine Verunreinigung von Produkten stattgefunden hat“, sagte der Kommissionssprecher. Die EU-Behörde habe aber noch keine verlässlichen Informationen. Es sei auch möglich, dass europäische Marken verunreinigt seien, da diese mitunter mit amerikanischem Reis vermischt seien.
Die EU-Staaten forderte die EU-Kommission unterdessen zu rigorosen Kontrollen auf. Dies betreffen nicht nur Kontrollen an den Grenzen, sondern auch „intensive Test“ von Reisprodukten auf dem europäischen Markt. Konsumenten, die Auskunft über eine mögliche Verunreinigung von Produkten wünschten, sollten sich an die zuständigen Behörden ihres Landes wenden, empfahl der Kommissionssprecher.
Bei der Lieferung in Rotterdam sei noch nicht klar, welche Testmethode angewendet wurde. Es handle sich um 20.000 Tonnen Langkornreis, der aus New Orleans komme und für Großbritannien und Deutschland bestimmt war, sagte der Sprecher. Die Lieferung sei unter Kontrolle der niederländischen Behörden und noch nicht für den Markt frei gegeben. Außerdem habe die EU-Kommission Informationen erhalten, dass auch in New Orleans eine Lieferung positiv getestet worden sei. Dies habe aber die Vereinigten Staaten offenbar nicht verlassen, sagte der Sprecher.
Wegen möglicher Verunreinigungen mit dem Gen-Reis „LL 601“ von Bayer hat die EU in der Vorwoche strikte Importkontrollen erlassen. Demnach dürfen nur Lieferungen von US-Langkornreis eingeführt werden, die einen Labornachweis haben, wonach keine Verunreinigung mit dem Bayer-Reis besteht.

31.08.06 - Rheinische Post

SCHIFFSLADUNG GESTOPPT

Gen-veränderter US-Reis womöglich in die EU gelangt

Brüssel (rpo). Gentechnisch veränderter Langkornreis aus den USA könnte zum Verkauf an die Verbraucher in die EU gelangt sein. Der niederländische Zoll stoppte eine Schiffsladung mit Reis, der in Deutschland und Großbritannien in die Geschäfte kommen sollte. Nach der Entdeckung von gentechnisch veränderten Reispflanzen in den USA hatte die EU einen Importstopp verhängt.
Der Reis werde derzeit untersucht, sagte ein Sprecher von EU-Verbraucherschutzkommissar Markos Kyprianou am Donnerstag in Brüssel. Er könnte lange vor dem vergangene Woche verhängten Importstopp der EU verunreinigt worden sein. Laut Industriekreisen könne dies bereits im Januar oder noch früher geschehen sein.
Die EU könne nicht garantieren, dass keinerlei Genreis in die EU gelangt sei, betonte der Sprecher. Deshalb müssten die Mitgliedstaaten verdächtige Ware aus den USA selbst „umfangreich testen“. Nach der Entdeckung von gentechnisch verändertem Reis in den USA hatte die EU in der vergangenen Woche einen Importstopp verhängt. Langkornreis aus den USA darf nur noch mit dem Nachweis, das er kein Spuren von Genreis enthält, in die EU eingeführt werden.
Der in den USA entdeckte Genreis ist resistent gegen das von Bayer hergestellte Unkrautvernichtungsmittel Liberty Link. Das US-Landwirtschaftsministerium und Bayer hatten jedoch versichert, der Reis berge keine Gefahr für Mensch und Umwelt. Im vergangenen Jahr exportierten die EU-Länder laut Kommission insgesamt 198.000 Tonnen Langkornreis aus den USA.

Vergiftungen

CBG Redaktion

Presse Information vom 24. August 2006

Centre for Sustainable Agriculture (Indien)
Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Pesticide Action Network Asia and the Pacific (PAN AP, Malaysia)

Indien: Gefährliche Pestizide sofort vom Markt nehmen!

Hohe Pestizidbelastung von Cola / Tödliche Vergiftungen tausender Landarbeiter

In der indischen Öffentlichkeit wird kontrovers über die hohe Pestizidbelastung von Getränken wie Coca Cola und Pepsi Cola diskutiert. Mehrere Bundesstaaten verhängten Verkaufsverbote. Wenig Beachtung findet jedoch das weit drängendere Problem akuter – oftmals tödlicher - Pestizidvergiftungen indischer Landarbeiter und Bauern. Das indische Centre for Sustainable Agriculture, die Coordination gegen BAYER-Gefahren sowie die asiatische Sektion des Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Asia and the Pacific) fordern daher einen sofortigen Verkaufs-Stopp aller hochgefährlichen Agrochemikalien in Indien.

Kavitha Kuruganti vom Centre for Sustainable Agriculture (CSA): “Multinationale Konzerne wie Bayer, DuPont und Syngenta vermarkten in Indien hochgefährliche Pestizide, die in Europa und den USA schon lange vom Markt genommen wurden. Ein typisches Beispiel doppelter Standards.“ Das CSA hat Dutzende Fälle von Pestizidvergiftungen gesammelt, viele mit tödlichem Ausgang. „Das von Bayer produzierte Agrogift Hinosan mit dem Wirkstoff Edifenfos beispielsweise ist für viele der von uns dokumentierten Vergiftungen verantwortlich“, so Kuruganti weiter.

„Das Pestizid Aktions-Netzwerk hat mit Partnern in vielen asiatischen Ländern dokumentiert, wie Millionen von Bauern und Landarbeitern in ganz Asien durch Pestizide der Gefahrenklasse I vergiftet werden. Auch von Wirkstoffen wie Endosulfan und Paraquat, die irrtümlich als „weniger gefährlich“ (Gefahrenklasse II) bezeichnet werden, geht eine große Gefahr aus“, erklärt Sarojeni V. Rengam, Geschäftsführerin des Pesticide Action Network Asia and the Pacific. „Es ist eine Tragödie, dass Klasse I Pestizide sowie Paraquat und Endosulfan, die unter den Anwendungsbedingungen im Süden extrem gefährlich sind, weiterhin großflächig eingesetzt werden. Wir fordern die Firmen Bayer, weltgrößter Produzent von Endosulfan, und Syngenta, Produzent von Paraquat, auf, die Herstellung dieser tödlichen Pestizide sofort einzustellen.“

Bayer CropScience ist in Indien Marktführer für Agrochemikalien. In vielen Teilen der Welt verkauft das Unternehmen Pestizide der WHO-Gefahrenklasse Ia (extrem gefährlich) und Ib (hoch gefährlich), darunter Thiodicarb, Parathion, Fenamiphos, Azinphos-Methyl und Methamidophos. Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Vor zehn Jahren kündigte Bayer an, alle Pestizide der Gefahrenklasse I vom Markt zu nehmen. Dieses Versprechen wurde jedoch nicht eingehalten. Das Unternehmen trägt daher die Verantwortung für die Vergiftung Tausender Landarbeiter Jahr für Jahr.“

Gegenüber deutschen Journalisten räumte Bayer ein, dass das Unternehmen in Indien neben Endosulfan auch das Klasse I-Pestizid Hostathion verkauft. Bis zur vergangenen Woche führte die indische homepage von Bayer zudem eine Reihe weiterer Klasse I Wirkstoffe auf, darunter Larvin (Thiodicarb), Metasystox (Oxidemeton Methyl), Tamaron (Methamidophos) und Folidol (Parathion Methyl). Seit der Veröffentlichung eines Protest-Briefs durch die unterzeichnenden Organisationen in der vergangenen Woche ist diese Seite jedoch „under construction“ (die vollständige Liste findet sich im Anhang).

Nach Auffassung des Centre for Sustainable Agriculture, PAN Asia and the Pacific sowie der Coordination gegen BAYER-Gefahren ist eine gefahrlose Anwendung von Pestiziden in Indien nicht möglich. Armut, Analphabetismus und tropisches Klima, das den Einsatz von Schutz-Anzügen nicht erlaubt, tragen dazu bei, dass rund 99% aller Pestizid-Vergiftungen in Entwicklungsländern auftreten.

Die Organisationen kritisieren in ihrem gemeinsamen Aufruf das skrupellose Marketing der Hersteller, wodurch der Eindruck vermittelt werde, Pestizide könnten gefahrlos eingesetzt werden. Sie erinnern auch an den FAO Kodex, den sowohl Indien als auch die Pestizid-Industrie unterzeichnet hat, laut dem Wirkstoffe der Gefahrenklassen I und II nicht in Ländern des Südens vermarktet werden sollen. Die Gruppen fordern die indische Regierung auf, aggressive Werbung für Pestizide zu verbieten und Haftungsregeln für die Industrie einzuführen, um Vergiftungs-Opfer auf Kosten der Produzenten medizinisch zu behandeln und angemessen zu entschädigen.

Das Eine Welt Netz NRW hat eine Protest-Kampagne gegen den Gebrauch hochgiftiger Pestizide gestartet, die von Bayer noch immer in Indien verkauft werden. Die CBG unterstützt die Kampagne (mehr...)

Die auf der indischen homepage von Bayer angebotenen Agrogifte (Stand 16. August 2006):

FUNGICIDES
ALIETTE
ANTRACOL
BAYCOR
BAYLETON
BILZEB
DEROSAL
HINOSAN
PROTEGA
QUINTAL

INSECTICIDES
BAYRUSIL
BILCYP
BILPHOS
BIPVIN
BITAM
BULLDOCK
CALYPSO
CONFIDOR
CYBIL
DECIS100
DECIS2.8
FOLIDOL
HOSTATHION
LARVIN
METACID
METASYSTOX
REGENT GR
REGENT SC
SEVIN
SHERPA ALPHA
SHERPA CYPER 10EC
SPARK
SPINTOR
TAMARON GOLD
THIODAN

HERBICIDES
ARELON
AROZIN
ATLANTIS
DRADO
KLASS
POWER ACT
PUMA POWER
RAFT
SENCOR
SUNRICE
TOPSTAR
WHIP SUPER

PLANT GROWTH REGULATOR
ETHREL
PLANOFIX

SEED TREATMENT
RAXIL
GAUCHO600
GAUCHO70