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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

Gen-Raps

CBG Redaktion

20.9.2006, die tageszeitung

Der Gentech-Raps kommt nach Europa

Weil sich die EU-Agrarminister nicht einigen konnten, darf die Kommission nun allein entscheiden

Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis der Bayer-Konzern seinen in Übersee angebauten Gentech-Raps auch in die EU einführen darf. Die EU-Agrarminister konnten sich am Montag auf ihrer Sitzung zwar nicht über den von Bayer CropScience eingereichten Antrag für den Import von Gentech-Raps einigen. Weder für noch gegen den Antrag gab es eine „qualifizierte Mehrheit“. Damit kann jetzt aber die EU-Kommission im Alleingang die Zulassung aussprechen. Es wird erwartet, dass sie auch den Import freigeben wird. Bisher durfte Gentech-Raps nur im verarbeiteten Zustand, als Rapsöl oder -mehl, in die EU eingeführt werden.

Bayer CropScience will mit seinen Antrag erreichen, dass seine drei verschiedenen, in den USA bereits angebauten Rapslinien auch als ganze Körner in die EU eingeführt und dann in den hiesigen Ölmühlen verarbeitet werden können. Die Rapssorten sind mit einer Resistenz gegen das Bayer-Herbizid Liberty Link ausgestattet worden. Gentech-Raps wird als besonders umweltschädlich angesehen, weil es so gut wie unmöglich ist, die Ausbreitung von Pollen oder Samen zu verhindern.

In der Kritik steht auch die EU-Zulassungspraxis. Denn alle in den letzten Jahren zugelassenen Gentech-Pflanzen sind allein von der EU-Kommission genehmigt worden, da sich die Agrarminister jedes Mal nicht einigen konnten. Am Montag sprachen sich zum Beispiel lediglich 6 EU-Staaten für den Bayer-Antrag aus, darunter auch Deutschland, 13 Staaten waren dagegen, 6 enthielten sich. Um den Antrag abzulehnen, reichen diese Stimmen jedoch nicht aus.

Das Resistenzgen für das Bayer-Herbizid Liberty Link ist übrigens auch in dem Gentech-Weizen enthalten, den das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, Sachsen-Anhalt, dieses Jahr noch freisetzen will. Bei den Pflanzen soll der Proteingehalt erhöht werden. Heute läuft die Einspruchsfrist gegen den Versuch aus. Fast 30.000 Einwendungen hat das Münchener Umweltinstitut gegen den Gentech-Versuch in den letzten Wochen zusammenbekommen.

Auch hier wird befürchtet, dass der Weizen sich unkontrolliert verbreiten kann. Zu bedenken sei zudem, dass das IPK auch einer der größten Genbanken besitzt, sagt Andreas Bauer vom Umweltinstitut München. „Es besteht die Gefahr, dass die dort eingelagerten Saatgutbestände kontaminiert werden.“ WOLFGANG LÖHR

Telepolis (Brigitte Zarzer), 20.09.2006

Seehofer verärgert Bauern und Gentech Kritiker

Der deutsche Verbraucherminister stimmt in Brüssel für den Import von Rapssamen

Gentechnisch veränderter Raps gilt unter Experten als besonders auskreuzungsfreudig und deshalb als kaum koexistenzfähig. Minister Horst Seehofer sprach sich deshalb in der Vergangenheit immer wieder gegen einen Anbau in Europa aus. Im Agrarministerrat stimmte Deutschland jetzt aber für die Zulassung der GV-Rapssorten Ms8, Rf3 und Ms8xRf3 der Firma Bayer aus. Bei einer Absegnung durch die EU-Kommission könnte dadurch erstmals gentechnisch veränderter Rapssamen in die EU gelangen. Kritiker sind empört.

Auf einer Sitzung des Agrarministerrats am 18. September wurde über die Zulassung der Einfuhr von Samen aus GV-Raps der Linien Ms8, Rf3 und den daraus abgeleiteten Hybriden Ms8xRf3 von Bayer CropScience beraten. Sie sind herbizidtolerant und sollen männliche Sterilität besitzen. Die EU-Mitgliedsstaaten wurden sich allerdings wieder einmal nicht einig. Dreizehn Länder stimmten dagegen. Das ist allerdings keine qualifizierte Mehrheit, womit der Ball nun wieder bei der EU-Kommission liegt, die in ähnlichen Fällen dann so gut wie immer für eine Zulassung gestimmt hatte.

Empört reagieren Gentech-Kritiker, zumal sich Deutschland für eine Zulassung ausgesprochen hat. Denn bisher sind in der EU nur Futtermittel und raffinierte Öle aus Gentech-Raps zugelassen. Mit dem jetzt verhandelten Bayer-Antrag könnte man sich aber Verunreinigungen einschleppen, befürchten Kritiker. Die Grünen wettern, dass Minister Seehofer wieder einmal seinem Ruf als „Genhofer“ gerecht geworden sei, der Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft wirft ihm vor, sich mit dem Abstimmungsverhalten in Widersprüche verwickelt zu haben. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft skizziert mögliche praktische Probleme und ökonomische Konsequenzen:

Die ‚Ausrede' der Bundesregierung, der gentechnisch veränderte Raps komme ja nicht auf die Äcker, sondern gelange als Importerzeugnis gleich in die Ölmühlen, zeugt angesichts der illegalen Gentechnik-Maisimporte 2005 und des jetzigen Reisskandals entweder von großer Naivität oder ist ein Akt der bewussten Verunreinigungsstrategie, weil niemand ausschließen kann, dass nicht doch der Raps auf die Äcker ausgebracht wird oder unkontrolliert z.B. durch Transportverluste auskreuzt. Gerade der gentechnikfreie Rapsanbau in Europa hat gegenüber den Märkten in Kanada, USA und Australien große wirtschaftliche Vorteile für die hiesigen Rapserzeuger. Sollen wir diesen lukrativen Markt aufgeben? Soll Unilever, die Soja wegen gentechnischen Veränderungen durch Raps ersetzt haben, irgendwann sagen, wir ersetzen auch den Raps, womit ein großer Nachfrager auf dem Markt sich verabschieden würde? Oder hat die Angelegenheit System und versucht die Bayer AG durch schleichende Verunreinigung die Erzeugung ohne Gentechnik systematisch zu unterlaufen?

Bayer sieht kein Risiko
Bayer hingegen widersprach diversen Bedenken. An einen Anbau sei nicht gedacht, so das Unternehmen. Die eingeführte Ware würde sofort verarbeitet und es würden ausreichend Vorkehrungen getroffen werden, um Verunreinigungen zu verhindern. Ein Antrag auf Anbau in der EU wurde 2005 zurückgezogen.
Dem EU-Abgeordneten der Grünen, Friedrich Wilhelm zu Baringdorf, reicht das nicht. Es bestehe die Gefahr, dass die Samen etwa beim Verladen doch in die freie Natur gelangten und dort aufkeimten. Ein Problem sei außerdem, dass „die kleinen Rapskörner, die sich aus den Ritzen und Nischen von Lagern und Verarbeitungsmaschinen selten vollständig entfernen lassen, sauber von der gentechnikfreien Ware zu trennen“. Die stellvertretende verbraucherpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Elvira Drobinski-Weiß, erklärte, dass die „Zustimmung Deutschlands zur Einfuhrgenehmigung für gentechnisch veränderten Raps nicht nachvollziehbar und inkonsequent“ sei, da, wie wissenschaftliche Studien gezeigt hätten, „Raps nicht koexistenzfähig ist“. Für „Die Linke“ im Bundestag verlagert Seehofer mit seinem Verhalten die „Koexistenzproblematik ins Ausland“:

Die Verlagerung des Problems ins Ausland führt zu weiteren Schwierigkeiten, wie Auskreuzungen und Mehrfachresistenzen in Kanada belegen. In den so genannten Entwicklungsländern wird die Exportabhängigkeit weiter vertieft und es werden neue Umweltprobleme geschaffen. Der Wegfall von Wald und kleinbäuerlicher Landwirtschaft durch die massive Ausbreitung riesiger Sojaflächen für den Export trägt zur Verarmung der Bevölkerung in ländlichen Regionen bei.

Die Kritik ist durchaus berechtigt, denn zumindest aus Kanada weiß man inzwischen um die großen Probleme, die dort Gentech-Raps - primär Roundup Ready-Raps aus dem Hause Monsanto - verursacht hat. In Westkanada gibt es kaum mehr Saatgut, das nicht einen gewissen Grad an Verunreinigung mit RR-Raps aufweisen würde. Legendär ist auch der Prozess Monsanto gegen den kanadischen Bauern Percy Schmeiser wegen angeblichen Gen-Klaus. Auch die kanadischen Imker trugen großen Schaden davon. Ihr einst so begehrter Raps-Honig ist bei den großen Lebensmittelverarbeitern wie Langnese nicht mehr gefragt.

Gen-Weizen

CBG Redaktion

18. September, Umweltinstitut München

Rekordzahl an Einwendungen: 27.000 gegen Gen-Weizen

Umweltinstitut München fordert Stopp für hochriskanten Freisetzungsversuch in Sachsen Anhalt

Das Umweltinstitut München hat dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) heute mehr als 27.000 Einwendungen gegen einen geplanten Freisetzungsversuch mit genmanipuliertem Weizen in Gatersleben (Sachsen-Anhalt) überstellt. Das BVL als zuständige Genehmigungsbehörde wird dringend aufgefordert, den entsprechenden Antrag des Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben abzulehnen. Nie zuvor hat das BVL mehr Einwendungen gegen einen Freisetzungsversuch erhalten.

Die manipulierten Weizenpflanzen verfügen angeblich über einen erhöhten Protein-Gehalt. Sie sind zusätzlich resistent gegen ein Totalherbizid des Bayer-Konzerns und die Antibiotika Ampicillin und Streptomycin. Der Versuchsacker des mit Steuergeldern finanzierten IPK liegt in weniger als 500 Meter Entfernung zu den Anbauflächen einer der weltgrößten Getreide-Genbanken, die ebenfalls auf dem Institutsgelände angesiedelt ist. Dort lagern Tausende alter Weizensorten und -arten, die zu ihrer Erhaltung regelmäßig im Freiland angebaut werden müssen. Saatgut der Genbank wird unter anderem von Züchtern zur Einkreuzung wichtiger neuer Eigenschaften verwendet. Kontaminierte Weizenpflanzen könnten auf diese Weise in alle Welt verbreitet werden. „Das ist ein Rezept für ein Desaster“, kritisiert Andreas Bauer, Agrarwissenschaftler und Gentechnikreferent beim Umweltinstitut München. „Schon eine einmalige Auskreuzung könnte genügen, um eine schleichende Kontamination der fast 65.000 Getreidesorten und -arten der Genbank einzuleiten. Genmanipulierte Pflanzen auf dem Gelände der Genbank sind ein leichtfertiges Spiel mit der Ernährungssicherheit zukünftiger Generationen.“

Harald Nestler, Vorstand beim Umweltinstitut München, warnt: „Die aktuelle großflächige Kontamination der US-Reisindustrie durch manipulierten Reis zeigt, welche ökonomische Katastrophen die Agro-Gentechnik auslösen kann. Die Verunreinigung von Weizenbeständen durch den Versuch in Gatersleben wäre für heimische Lebensmittelunternehmen verheerend.“ Erst vor wenigen Tagen war bekannt geworden, dass offenbar weite Teile der US-Reisernte mit Gen-Reis aus einem Freisetzungsexperiment des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer verunreinigt sind. Die transgene Reislinie LL601 war letztmals im Jahr 2001 angebaut worden und ist in keinem Land der Welt zugelassen. Sie enthält dasselbe Herbizidresistenz Gen wie der Gaterslebener Gen-Weizen. Der Export von Reis aus den USA ist seit Bekanntgabe des Kontaminationsskandals eingebrochen. Die betroffenen Landwirte werden diesen Schaden von Bayer einklagen.

Nestler zeigt sich mit dem Rekordergebnis der Einwendungskampagne sehr zufrieden und dankte allen Unterstützern für ihr Engagement. „Erneut wollen die Gentechnik-Lobbyisten Fakten schaffen: Einerseits soll offenbar vorsätzlich eine Kontamination der Genbank stattfinden. Wie sonst lässt sich die Wahl des Standorts interpretieren? Andererseits wird ausgerechnet im Herzen Europas ein neuer Gentechnik-Vorstoß bei der ökonomisch so bedeutsamen Pflanze Weizen unternommen. Und dies, nachdem sogar in Nordamerika die Kommerzialisierung von Gen-Weizen am Widerstand der Bauern gescheitert ist.“ Die breite Ablehnung des Versuchs zeige erneut, dass die gesellschaftliche Diskussion über die Agro-Gentechnik längst abgeschlossen ist, so Nestler weiter. „Die Bürgerinnen und Bürger wollen keine Gentechnikpflanzen auf dem Acker. Politik und Forschung sollten dies endlich zur Kenntnis nehmen.“

Umweltinstitut München
Pressemitteilung vom 25. Juli 2006

Geplanter Freisetzungsversuch in Gatersleben: Gen-Weizen bedroht Erbe der Menschheit

Umweltinstitut München ruft zu Einwendungen auf

Zum ersten Mal seit 2004 ist in Deutschland wieder ein Freisetzungsversuch mit genmanipuliertem Weizen geplant. Einen entsprechenden Antrag hat das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) Gatersleben beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gestellt. Der Versuchsacker liegt in unmittelbarer Nähe zu den Anbauflächen der Genbank im sachsen-anhaltinischen Gatersleben. Dort lagern Hunderte alter Weizensorten, die zur Erhaltung immer wieder im Freiland angebaut werden müssen.

Eine gentechnische Verunreinigung dieses Menschheitserbes durch Pollenflug oder Verschleppung durch Tiere wäre ein unersetzlicher Verlust für zukünftige Züchtungsbemühungen. Denn alte Sorten, so genannte Herkünfte, enthalten vielfach Resistenzen gegen verschiedene Krankheiten und klimatische Bedingungen wie Trockenheit oder Salz. Experten bezeichnen sie daher als „Lebensversicherung der Menschheit“. Andreas Bauer, Gentechnikexperte und Agrarwissenschaftler beim Umweltinstitut München, kritisiert: „Bislang sind alle Freisetzungen von Gen-Weizen in der BRD am Widerstand von Umweltorganisationen gescheitert. Denn Weizen ist eine der zentralen Nahrungspflanzen für die Weltbevölkerung. Aufgrund der breiten Ablehnung in der Bevölkerung ist Gen-Weizen weltweit unverkäuflich.“

Die Weizenpflanzen, die in Gatersleben freigesetzt werden sollen, wurden gentechnisch so manipuliert, dass sie unter anderem einen erhöhten Protein-Gehalt aufweisen. Damit soll angeblich die Nutzung als Futtergetreide verbessert werden. Harald Nestler, Vorstand beim Umweltinstitut München, glaubt, dass der geplante Versuch eine Türöffnerfunktion haben soll: „Wenn das genehmigt wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis genmanipulierter Weizen in unsere Bäckereien gelangt.“ Als Stiftung des Bundes und der Bundesländer solle sich das IPK nachhaltiger Züchtungsforschung zuwenden, anstatt mit Millionenbeträgen aus der Tasche des Steuerzahlers eine gesellschaftlich nicht akzeptierte Risikotechnologie wie die Gentechnik zu forcieren, fordert Nestler daher.

Scharfe Kritik an dem Versuch übt das Umweltinstitut auch aufgrund weiterer Eigenschaften, die in den Gen-Weizen eingebracht wurden. So wurden die Pflanzen resistent gemacht gegen Basta(r), ein Totalherbizid des Bayer-Konzerns. Herbizidresistente Gen-Pflanzen haben einen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt. Außerdem erhöhen sie nach kurzer Zeit den Pestizideinsatz auf den Äckern, weil sie die Ausbildung resistenter Ackerkräuter fördern.

Zusätzlich enthalten die genmanipulierten Weizenpflanzen so genannte Antibiotikaresistenzgene gegen die in der Humanmedizin verwendeten Stoffe Ampicillin und Streptomycin. Sie werden eingebaut, um die Pflanzen im Labor selektieren zu können. Selbst die gentechnikfreundliche europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA fordert, diese Antibiotikaresistenzgene ab 2009 nicht mehr zu verwenden. Denn die entsprechenden Antibiotika drohen durch den Verzehr der genmanipulierten Pflanzen unwirksam zu werden.

Laut Antrag des IPK, der dem Umweltinstitut München vorliegt, soll der Freisetzungsversuch im Herbst 2006 starten und bis 2008 andauern. Das Umweltinstitut München ruft zu breitem Protest gegen den Anbau von Gen-Weizen auf. Bürgerinnen und Bürger können auf der Seite http://www.umweltinstitut.org/genweizen eine Mustereinwendung als PDF-Datei herunterladen. Einwenden kann jeder und jede, ein Wohnsitz in Gatersleben ist keine Voraussetzung. Die unterschriebenen Einwendungen werden bis zum 13. September vom Umweltinstitut München gesammelt und dann der zuständigen Genehmigungsbehörde, dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, übergeben.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren unterstützt die Einwendung

Weitere Informationen:
Andreas Bauer, Dipl.-Ing. agr. (FH)
Tel. (089) 30 77 49-14
E-Mail: ab@umweltinstitut.org

LL Rice 62

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Information vom 13. September 2006

Brief an europäische Lebensmittelbehörde EFSA:

„EU darf keine Import-Genehmigung für Gen-Reis von BAYER erteilen“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hat heute in einem Brief an die European Food Safety Authority (EFSA) gefordert, keine Import-Genehmigung für gentechnisch veränderten Reis zu erteilen.

Der BAYER-Konzern hatte im Jahr 2003 bei der EU eine Import-Zulassung für Reis der Sorte LL 62 beantragt. Die Sorte ist resistent gegen das von BAYER produzierte Herbizid Liberty Link mit dem Wirkstoff Glufosinat. Ende August war bekannt geworden, dass in den USA eine ebenfalls gegen Glufosinat resistente Reis-Sorte in den Handel gelangt war. Der Langkorn-Reis mit der Bezeichung LL 601 ist nirgendwo auf der Welt zum Verzehr zugelassen, die gesundheitlichen Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher sind unbekannt. Recherchen von Greenpeace deckten Anfang der Woche auf, dass auch in Deutschland Kontaminationen mit LL 601-Reis auftraten, unter anderem in Produkten des Discounters Aldi.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „Der Fall bestätigt alle Befürchtungen: eine gentechnisch veränderte Reis-Sorte landet im Handel, ohne dass die gesundheitlichen Risiken bekannt wären oder eine Genehmigung erteilt wäre. Dies muss Konsequenzen für die Zulassung von Gen-Reis in der EU haben“. Insgesamt neun EU-Mitgliedsstaaten hatten Bedenken gegen Liberty Link-Reis geäußert, weswegen die EFSA bis heute keine Zulassung erteilt hat. Die CBG fordert die Bundesregierung auf, sich bei der EFSA gegen eine Importgenehmigung von LL 62-Reis stark zu machen.

Neben den Risiken für die Konsumenten stehen bei der Zulassung von Gen-Reis die Auswirkungen in den Anbau-Ländern, vornehmlich in Asien, im Blickpunkt. Philipp Mimkes: „Millionen Bauern in den Ländern des Südens, die bislang durch Tausch und Eigenzüchtungen ihr Saatgut selbst produzieren, drohen in Abhängigkeit von multinationalen Konzernen zu geraten - die Verwendung ihrer Ernte als Saatgut wäre wegen des Patentschutzes künftig verboten. Durch den bereits in der „grünen Revolution“ beobachteten Konzentrationsprozess würden Millionen Landwirte ihre Existenz verlieren und in die Elendsgebiete rund um die Metropolen abwandern. Zudem würden durch Auskreuzungen einheimische Sorten verdrängt – mit dramatischen Konsequenzen für die Biodiversität und die weltweite Ernährungssicherheit.“

Bitte lesen Sie den Brief an die EFSA im Original

22. September 2006

Bundesamt für Naturschutz besorgt über Funde von „Gen-Reis“

Einhaltung von Mindestabständen und deren konsequente Überwachung ist für den Naturschutz zwingend

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist besorgt über die gentechnische Verunreinigung von Reis. „Dieser Fall muss genau untersucht werden, da er exemplarisch für das teilweise hohe und unvorhergesehene Ausbreitungspotenzial von gentechnisch veränderten Pflanzen sein könnte. Wir erwarten natürlich nicht, dass Reis sich in Deutschland ausbreitet. Er steht aber stellvertretend für heimische Kulturarten mit gleichem oder sogar höheren Auskreuzungspotential wie Raps,“ sagte Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des BfN. Solange der Stand des Wissens noch so gering ist, sei nach Ansicht des BfN eine Anwendung des Vorsorgeprinzips dringend gefordert. „Der aktuelle Fall bestätigt unsere Forderungen nach ausreichenden Abständen zwischen Feldern mit gentechnisch veränderten und konventionellen Pflanzen. Aber auch Abstände beim Anbau von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) zu ökologisch sensiblen Gebieten müssen eingehalten und überwacht werden. In Naturschutzgebieten müssen wir mit gentechnisch veränderten Pflanzen sehr vorsichtig sein“, so Vogtmann.

Hintergrundinformationen:
Die gentechnische Verunreinigung von herkömmlichen Langkornreis mit LL Reis 601 wurde im Lebensmittelhandel in Europa u.a. in Deutschland entdeckt. Der LL Reis 601 wurde in den Jahren 1998 bis 2001 zu Versuchszwecken in den USA angebaut. Der Reis besitzt eine Herbizidresistenz, d.h. er überlebt eine Spritzung mit einem bestimmten Unkrautvernichtungsmittel. Schon im Jahr 2003 gab es laut der Louisiana State Universität Verunreinigungen im konventionellen Saatgut der Sorte Cheniere 2003 mit LL Reis 601. Der weltweit größte Reishändler Riceland Foods fand im Januar 2006 LL Reis 601 in Lagerbeständen der Ernte des Jahres 2005. Die Verunreinigungen scheinen geografisch ohne erkennbares Muster quer durch die Reisanbaugebiete des Unternehmens verteilt gewesen zu sein. Im Juli informiert Bayer Crop Science das US-Landwirtschaftsministerium (USDA), das zwei Wochen später die EU-Kommission informiert. Die EU-Kommission verfügt am 23. August, dass nur getestete Waren importiert werden dürfen. Die Bundesregierung hat dies umgehend national umgesetzt.

Wissenschaftliche Frage:
Wie kann der nicht zugelassene und nur 1998 bis 2001 in den USA angebaute Versuchs-Reis zu einer so flächendeckenden Verunreinigung führen?

Als mögliche Ursache der Verunreinigung werden zwei Ausbreitungswege diskutiert.
1. Bei der Saatgutproduktion von konventionellem Saatgut kam es in den Jahren 1998 bis 2001 zu einer Einkreuzung von LL Reis 601 in konventionelle Reissorten. Bei der weiteren Vermehrung von Reis blieb die Verunreinigung zu einem gewissen Prozentsatz erhalten. Dies ist möglich, da die Reiszüchtung und -vermehrung zum Teil zentral stattfindet. Gleichzeitig haben die Überwachungsbehörden in den USA nach eigenen Angaben keine Kenntnis darüber, wo die zu experimentellen Freisetzungen zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut werden.
2. Auch der Übertragungsweg zwischen der Kulturpflanze und dem Unkraut Red Rice kommt als Ursache für das Problem in Betracht. Die Pollenübertragung von herbizidresistentem Reis auf Red Rice wird zwar niedrig eingestuft, aber es könnte zu einer bleibenden Verunreinigung beigetragen haben.
Der LL Reis 601 zeigt nach Ansicht verschiedener Experten deutlich, dass bei geringen Sicherheitsstandards mit einer Ausbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen zu rechnen ist. In wieweit gentechnisch veränderte Pflanzen in der Natur langfristig Schäden anrichten und zum Problem werden, werden erst die Langzeituntersuchungen in Zukunft zeigen.

Nicht nur Reis besitzt eine hohes Ausbreitungs- und Auskreuzungspotential sondern auch andere Kulturpflanzen wie z.B. Raps und Mais.
Bei den Diskussionen über zu Koexistenzregeln (Verhältnis zwischen, Landwirtschaft mit gentechnisch veränderten Sorten, konventioneller Landwirtschaft und Ökolandbau) hat sich das BfN seit Jahren für ausreichend große Abstände und niedrige Schwellenwerte vor allem beim Saatgut eingesetzt, um Verunreinigungen auszuschließen. Aus Vorsorgegründen orientierten sich die Vorschläge des BfN, die teilweise stark kritisiert wurden, an den wissenschaftlich nachgewiesenen maximalen Auskreuzungsdistanzen.

Naturschutzgebiete sind gefährdet
Für das BfN ist die Reinheit des Saatgutes nicht nur eine Frage der Koexistenz von konventionellem/ ökologischem Anbau und dem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen, sondern auch eine wichtige Frage des Naturschutzes.
Insbesondere bei experimentellen Freisetzungen könnte es durch eine Auskreuzung in konventionelles Saatgut oder in Wildverwandte zu einer Ausbreitung von GVO oder deren Nachkommen in die Natur kommen. Eine räumliche und zeitliche Beschränkung wäre damit aufgehoben. Diese ist aber notwendig, da zum Zeitpunkt der Freisetzung in der Regel noch keine detaillierten Daten zum Umweltverhalten der GVO vorliegen. Werden zu einem späteren Zeitpunkt unerwartete schädliche Auswirkungen, wie die Verdrängung oder Verfälschung geschützter Arten entdeckt, wäre eine Rückholbarkeit der GVO faktisch nicht mehr gegeben.
Daher fordert das BfN generell von ökologisch sensiblen Gebieten, insbesondere zu Natura 2000-Gebieten, Abstand zu halten.

Greenpeace, Presseerklaerung vom 11. September 2006

Greenpeace entdeckt illegalen Gen-Reis bei Aldi Nord

Langkornreis aus den USA ist mit genmanipuliertem Reis von Bayer verunreinigt

Der bei Aldi Nord erhaeltliche Langkornreis der Marke Bon-Ri enthaelt nach Untersuchungen im Auftrag von Greenpeace illegalen, genmanipulierten Reis. Der Reis stammt aus den USA. Der Hersteller, die Reiskontor Handels GmbH, ist eine Tochterfirma der Euryza GmbH, die die Reismarken Oryza und Reis-Fit vertreibt. Die Laboranalysen haben eine Verunreinigung mit dem Gen-Reis Liberty Link (LL) der Bayer AG ergeben. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um den Gen-Reis LLRice 601, der in keinem Land fuer den menschlichen Verzehr zugelassen ist und nicht abschliessend auf Gefahren fuer Gesundheit und Umwelt getestet wurde. Die US-Behoerden haben die Europaeische Union am 18. August 2006 ueber die gentechnische Verunreinigungen von Reis in den USA mit LLRice 601 informiert.

„Dieser Skandal zeigt, dass Konzerne wie die Bayer AG ihre Gen-Pflanzen nicht kontrollieren koennen oder kontrollieren wollen. Der Protest gegen die Gentechnik auf dem Acker ist daher absolut notwendig“, sagt Ulrike Brendel, Gentechnik-Expertin von Greenpeace.„ Der Gen-Reis von Bayer wird in den USA nicht kommerziell angebaut, der LL 601 stand sogar nur bis 2001 auf Versuchsfeldern. Wenn es sich bei unserem Fund um diesen Reis handelt, waere der Kontrollverlust ueber die Gen-Pflanzen besonders alarmierend.“ Greenpeace fordert, den Anbau von Gen-Pflanzen zu verbieten, um Landwirtschaft und Lebensmittel zu schuetzen.

Die gentechnische Verunreinigung von herkoemmlichem Langkornreis mit LLRice 601 wurde bereits im Januar 2006 entdeckt. Doch die Bayer AG informierte die US-Behoerden erst im Juli. Die EU erfuhr davon schliesslich am 18. August 2006. Seit 23. August darf Langkornreis aus den USA nur in die EU eingefuehrt werden, wenn er nachweislich nicht verunreinigt ist.

Der aktuelle Reis-Fund in Deutschland zeigt, dass die bisherigen Massnahmen der EU nicht ausreichen. Die EU sollte nach Ansicht von Greenpeace nicht nur die Kontrollen der Einfuhren verstaerken, sondern alle Reisprodukte vorerst vom Markt nehmen lassen, die Langkornreis aus den USA enthalten. „Verbraucher muessen sich darauf verlassen koennen, dass kein illegaler Gen-Reis bei ihnen im Kochtopf landet“, fordert Ulrike Brendel. Ausserdem sollte die EU dafuer sorgen, solche Skandale fruehzeitig zu verhindern.

Dies ist der zweite Skandal von illegalem Gen-Reis in Lebensmitteln auf dem europaeischen Markt innerhalb weniger Tage. Greenpeace hat am 5. September gentechnische Verunreinigungen in chinesischen Reisnudeln aufgedeckt. Die Reisnudeln wurden in Deutschland, Frankreich und Grossbritannien verkauft.

Mit der Verunreinigung von Reis in den USA knuepft die Bayer AG an eine Serie frueherer Faelle an. So wies Greenpeace im Mai 2002 in Deutschland nach, dass sich Gen-Raps von einem Versuchsacker auch auf benachbarte Felder ausgebreitet hatte. Im April 2002 liess die belgische Regierung Gen-Raps eines Versuchsfelds und Raps von umliegenden Äckern vernichten, da die Sicherheitsauflagen nicht eingehalten wurden. Im Juni 2005 wurden auch in Lieferungen von konventionellem Raps aus Australien Verunreinigungen mit Gen-Raps von Bayer gefunden. Noch immer ist unklar, wie das passieren konnte.

Der Standard (Österreich), 31. August 2006

EU rechnet mit Verunreinigung von Lebensmittel

US-Genreis wurde in Spuren bereits in europäische Produkten gefunden

Brüssel - Die EU-Kommission rechnet damit, dass europäische Lebensmittel mit der nicht genehmigten US-Genreissorte „LL 601“ von Bayer verunreinigt wurden. Die Kommission habe von der Industrie die Auskunft erhalten, dass Spuren des illegalen Reises bereits im Jänner entdeckt wurden, sagte ein Sprecher von EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou. Zudem bestehe seit vergangenen Samstag der Verdachht einer Verunreinigung bei einer Ladung von US-Langkorn-Reis im Hafen von Rotterdam.

„Wir können nicht ausschließen, dass eine Verunreinigung von Produkten stattgefunden hat“, sagte der Kommissionssprecher. Die EU-Behörde habe aber noch keine verlässlichen Informationen. Es sei auch möglich, dass europäische Marken verunreinigt seien, da diese mitunter mit amerikanischem Reis vermischt seien.
Die EU-Staaten forderte die EU-Kommission unterdessen zu rigorosen Kontrollen auf. Dies betreffen nicht nur Kontrollen an den Grenzen, sondern auch „intensive Test“ von Reisprodukten auf dem europäischen Markt. Konsumenten, die Auskunft über eine mögliche Verunreinigung von Produkten wünschten, sollten sich an die zuständigen Behörden ihres Landes wenden, empfahl der Kommissionssprecher.
Bei der Lieferung in Rotterdam sei noch nicht klar, welche Testmethode angewendet wurde. Es handle sich um 20.000 Tonnen Langkornreis, der aus New Orleans komme und für Großbritannien und Deutschland bestimmt war, sagte der Sprecher. Die Lieferung sei unter Kontrolle der niederländischen Behörden und noch nicht für den Markt frei gegeben. Außerdem habe die EU-Kommission Informationen erhalten, dass auch in New Orleans eine Lieferung positiv getestet worden sei. Dies habe aber die Vereinigten Staaten offenbar nicht verlassen, sagte der Sprecher.
Wegen möglicher Verunreinigungen mit dem Gen-Reis „LL 601“ von Bayer hat die EU in der Vorwoche strikte Importkontrollen erlassen. Demnach dürfen nur Lieferungen von US-Langkornreis eingeführt werden, die einen Labornachweis haben, wonach keine Verunreinigung mit dem Bayer-Reis besteht.

31.08.06 - Rheinische Post

SCHIFFSLADUNG GESTOPPT

Gen-veränderter US-Reis womöglich in die EU gelangt

Brüssel (rpo). Gentechnisch veränderter Langkornreis aus den USA könnte zum Verkauf an die Verbraucher in die EU gelangt sein. Der niederländische Zoll stoppte eine Schiffsladung mit Reis, der in Deutschland und Großbritannien in die Geschäfte kommen sollte. Nach der Entdeckung von gentechnisch veränderten Reispflanzen in den USA hatte die EU einen Importstopp verhängt.
Der Reis werde derzeit untersucht, sagte ein Sprecher von EU-Verbraucherschutzkommissar Markos Kyprianou am Donnerstag in Brüssel. Er könnte lange vor dem vergangene Woche verhängten Importstopp der EU verunreinigt worden sein. Laut Industriekreisen könne dies bereits im Januar oder noch früher geschehen sein.
Die EU könne nicht garantieren, dass keinerlei Genreis in die EU gelangt sei, betonte der Sprecher. Deshalb müssten die Mitgliedstaaten verdächtige Ware aus den USA selbst „umfangreich testen“. Nach der Entdeckung von gentechnisch verändertem Reis in den USA hatte die EU in der vergangenen Woche einen Importstopp verhängt. Langkornreis aus den USA darf nur noch mit dem Nachweis, das er kein Spuren von Genreis enthält, in die EU eingeführt werden.
Der in den USA entdeckte Genreis ist resistent gegen das von Bayer hergestellte Unkrautvernichtungsmittel Liberty Link. Das US-Landwirtschaftsministerium und Bayer hatten jedoch versichert, der Reis berge keine Gefahr für Mensch und Umwelt. Im vergangenen Jahr exportierten die EU-Länder laut Kommission insgesamt 198.000 Tonnen Langkornreis aus den USA.

Vergiftungen

CBG Redaktion

Presse Information vom 24. August 2006

Centre for Sustainable Agriculture (Indien)
Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Pesticide Action Network Asia and the Pacific (PAN AP, Malaysia)

Indien: Gefährliche Pestizide sofort vom Markt nehmen!

Hohe Pestizidbelastung von Cola / Tödliche Vergiftungen tausender Landarbeiter

In der indischen Öffentlichkeit wird kontrovers über die hohe Pestizidbelastung von Getränken wie Coca Cola und Pepsi Cola diskutiert. Mehrere Bundesstaaten verhängten Verkaufsverbote. Wenig Beachtung findet jedoch das weit drängendere Problem akuter – oftmals tödlicher - Pestizidvergiftungen indischer Landarbeiter und Bauern. Das indische Centre for Sustainable Agriculture, die Coordination gegen BAYER-Gefahren sowie die asiatische Sektion des Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Asia and the Pacific) fordern daher einen sofortigen Verkaufs-Stopp aller hochgefährlichen Agrochemikalien in Indien.

Kavitha Kuruganti vom Centre for Sustainable Agriculture (CSA): “Multinationale Konzerne wie Bayer, DuPont und Syngenta vermarkten in Indien hochgefährliche Pestizide, die in Europa und den USA schon lange vom Markt genommen wurden. Ein typisches Beispiel doppelter Standards.“ Das CSA hat Dutzende Fälle von Pestizidvergiftungen gesammelt, viele mit tödlichem Ausgang. „Das von Bayer produzierte Agrogift Hinosan mit dem Wirkstoff Edifenfos beispielsweise ist für viele der von uns dokumentierten Vergiftungen verantwortlich“, so Kuruganti weiter.

„Das Pestizid Aktions-Netzwerk hat mit Partnern in vielen asiatischen Ländern dokumentiert, wie Millionen von Bauern und Landarbeitern in ganz Asien durch Pestizide der Gefahrenklasse I vergiftet werden. Auch von Wirkstoffen wie Endosulfan und Paraquat, die irrtümlich als „weniger gefährlich“ (Gefahrenklasse II) bezeichnet werden, geht eine große Gefahr aus“, erklärt Sarojeni V. Rengam, Geschäftsführerin des Pesticide Action Network Asia and the Pacific. „Es ist eine Tragödie, dass Klasse I Pestizide sowie Paraquat und Endosulfan, die unter den Anwendungsbedingungen im Süden extrem gefährlich sind, weiterhin großflächig eingesetzt werden. Wir fordern die Firmen Bayer, weltgrößter Produzent von Endosulfan, und Syngenta, Produzent von Paraquat, auf, die Herstellung dieser tödlichen Pestizide sofort einzustellen.“

Bayer CropScience ist in Indien Marktführer für Agrochemikalien. In vielen Teilen der Welt verkauft das Unternehmen Pestizide der WHO-Gefahrenklasse Ia (extrem gefährlich) und Ib (hoch gefährlich), darunter Thiodicarb, Parathion, Fenamiphos, Azinphos-Methyl und Methamidophos. Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Vor zehn Jahren kündigte Bayer an, alle Pestizide der Gefahrenklasse I vom Markt zu nehmen. Dieses Versprechen wurde jedoch nicht eingehalten. Das Unternehmen trägt daher die Verantwortung für die Vergiftung Tausender Landarbeiter Jahr für Jahr.“

Gegenüber deutschen Journalisten räumte Bayer ein, dass das Unternehmen in Indien neben Endosulfan auch das Klasse I-Pestizid Hostathion verkauft. Bis zur vergangenen Woche führte die indische homepage von Bayer zudem eine Reihe weiterer Klasse I Wirkstoffe auf, darunter Larvin (Thiodicarb), Metasystox (Oxidemeton Methyl), Tamaron (Methamidophos) und Folidol (Parathion Methyl). Seit der Veröffentlichung eines Protest-Briefs durch die unterzeichnenden Organisationen in der vergangenen Woche ist diese Seite jedoch „under construction“ (die vollständige Liste findet sich im Anhang).

Nach Auffassung des Centre for Sustainable Agriculture, PAN Asia and the Pacific sowie der Coordination gegen BAYER-Gefahren ist eine gefahrlose Anwendung von Pestiziden in Indien nicht möglich. Armut, Analphabetismus und tropisches Klima, das den Einsatz von Schutz-Anzügen nicht erlaubt, tragen dazu bei, dass rund 99% aller Pestizid-Vergiftungen in Entwicklungsländern auftreten.

Die Organisationen kritisieren in ihrem gemeinsamen Aufruf das skrupellose Marketing der Hersteller, wodurch der Eindruck vermittelt werde, Pestizide könnten gefahrlos eingesetzt werden. Sie erinnern auch an den FAO Kodex, den sowohl Indien als auch die Pestizid-Industrie unterzeichnet hat, laut dem Wirkstoffe der Gefahrenklassen I und II nicht in Ländern des Südens vermarktet werden sollen. Die Gruppen fordern die indische Regierung auf, aggressive Werbung für Pestizide zu verbieten und Haftungsregeln für die Industrie einzuführen, um Vergiftungs-Opfer auf Kosten der Produzenten medizinisch zu behandeln und angemessen zu entschädigen.

Das Eine Welt Netz NRW hat eine Protest-Kampagne gegen den Gebrauch hochgiftiger Pestizide gestartet, die von Bayer noch immer in Indien verkauft werden. Die CBG unterstützt die Kampagne (mehr...)

Die auf der indischen homepage von Bayer angebotenen Agrogifte (Stand 16. August 2006):

FUNGICIDES
ALIETTE
ANTRACOL
BAYCOR
BAYLETON
BILZEB
DEROSAL
HINOSAN
PROTEGA
QUINTAL

INSECTICIDES
BAYRUSIL
BILCYP
BILPHOS
BIPVIN
BITAM
BULLDOCK
CALYPSO
CONFIDOR
CYBIL
DECIS100
DECIS2.8
FOLIDOL
HOSTATHION
LARVIN
METACID
METASYSTOX
REGENT GR
REGENT SC
SEVIN
SHERPA ALPHA
SHERPA CYPER 10EC
SPARK
SPINTOR
TAMARON GOLD
THIODAN

HERBICIDES
ARELON
AROZIN
ATLANTIS
DRADO
KLASS
POWER ACT
PUMA POWER
RAFT
SENCOR
SUNRICE
TOPSTAR
WHIP SUPER

PLANT GROWTH REGULATOR
ETHREL
PLANOFIX

SEED TREATMENT
RAXIL
GAUCHO600
GAUCHO70

[LL Reis] Liberty Link Reis

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Information vom 22. August 2006

Nach dem Skandal in den USA:

„Gen-Reis von Bayer nicht in der EU zulassen!“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert die europäischen Behörden auf, keine Import-Genehmigung für gentechnisch veränderten Reis zu erteilen. Der jüngste Skandal in den USA belege, dass sich die Risiken von modifizierten Pflanzen nicht kontrollieren ließen.

Am Wochenende hatten US-Behörden bekannt gegeben, dass in mehreren amerikanischen Bundesstaaten herkömmlich angebauter Reis mit der von BAYER CropScience hergestellten Sorte LL 601 kontaminiert ist. Der genmanipulierte Reis ist resistent gegen das von BAYER hergestellte Herbizid Liberty Link. Die US-Landwirtschaftsbehörde kennt weder den genauen Umfang der Verunreinigung noch ihre Ursache. Japan verhängte daraufhin einen sofortigen Import-Stopp für Langkorn-Reis aus den USA. In der Europäische Union kam der kontaminierte Reis offenbar bereits in den Handel.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „Der Fall bestätigt alle Befürchtungen: eine nicht zugelassene gentechnisch veränderte Reis-Sorte landet in der Nahrungskette, und niemand weiß, wie sie dort hineingelangt ist. Der Umfang der Verunreinigung ist ebenso unklar wie die gesundheitlichen Risiken für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Dies muss Konsequenzen für die Zulassung von Gen-Reis in der EU haben“. BAYER hatte 2003 in der EU eine Import-Zulassung für genmanipulierten Reis der Sorte LL 62, der ebenfalls gegen Liberty Link resistent ist, beantragt. Insgesamt neun EU-Mitgliedsstaaten äußerten Bedenken, weswegen die European Food Safety Authority (EFSA) bis heute keine Zulassung erteilt hat. Die CBG fordert die Bundesregierung auf, sich gegen eine Importgenehmigung von LLRice62 auszusprechen.

BAYER ist weltweit zweitgrößter Anbieter von gentechnisch verändertem Saatgut. In Europa will das Unternehmen gentechnisch veränderte Pflanzen wie Raps, Zuckerrüben, Kartoffeln und Mais in den Markt drücken. Die weltweit folgenschwerste Entscheidung betrifft jedoch die Zulassung von Gen-Reis. Neben den Risiken für die Konsumenten stehen dabei besonders die Auswirkungen in den Anbau-Ländern, vornehmlich in Asien, im Blickpunkt. Philipp Mimkes: „Die Einführung von Gen-Reis hätte dramatische Konsequenzen. Millionen Bauern in den Ländern des Südens, die bislang durch Tausch und Eigenzüchtungen ihr Saatgut selbst produzieren, drohen in Abhängigkeit von multinationalen Konzernen zu geraten - die Verwendung ihrer Ernte als Saatgut wäre wegen des Patentschutzes künftig verboten. Durch den bereits in der „grünen Revolution“ beobachteten Konzentrationsprozess würden Millionen Landwirte ihre Existenz verlieren und in die Elendsgebiete rund um die Metropolen abwandern.“

Dr. Suman Sahai, Direktorin der indischen Initiative Gene Campaign, warnt vor den ökologischen Risiken für ihr Heimatland: Lokal angepasste Reissorten würden durch Hochertragssorten verdrängt, was zu erhöhten Schädlingsaufkommen, verstärktem Einsatz gefährlicher Pestizide und einer Verringerung der Artenvielfalt führt.


Financial Times Deutschland, 29. August 2006

Amerikanische Bauern verklagen Bayer

Amerikanische Landwirte haben die Bayer-Tochter Crop Science verklagt. Die Bauern machen das Unternehmen für Belastungen durch Handelshemmnisse und den jüngsten Preisverfall beim US-Reis verantwortlich, nachdem eine Genreis-Sorte von Bayer auf den Lebensmittelmarkt gelangt war.

Die Klageschrift der Bauern sei am Montag beim Bezirksgericht in Little Rock im Bundesstaat Arkansas eingereicht worden, teilten die Anwälte der Landwirte mit. Bayer Crop Science hat ihrer Ansicht nach nicht verhindert, dass zum Verbrauch nicht zugelassener Genreis in die Nahrungsmittelkette gelangt sei. Wegen dieses Vorfalls hätten die Bauern nun Einbußen hinzunehmen. Ein Bayer-Vertreter war zunächst nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen.

Die Europäische Union und Japan hatten Einfuhrbeschränkungen für US-Reis eingeführt. Die EU-Kommission beschloss in der vergangenen Woche, Langkornreis aus den USA nur noch zum Import zuzulassen, wenn er nachweislich keine Anteile der nicht zugelassenen Crop-Science-Sorte enthält. Deshalb verlangt die Kommission Tests und Zertifizierungen durch Labore. Japan setzte die Importe sogar vorübergehend aus. Außerdem brach der Preis für US-Reis ein.
Großteil des US-Reises für Export bestimmt

Obwohl die USA auf dem Weltmarkt nur ein kleiner Reisanbieter sind, sind die amerikanischen Landwirte auf die Verkäufe ins Ausland angewiesen. Etwa die Hälfte der Reisernte geht in den Export.

In den USA war Ende Juli aus bisher nicht geklärten Gründen eine Genreis-Sorte von Bayer Crop Science in für den Lebensmittelmarkt bestimmten Reisbeständen entdeckt worden. Es war der erste derartige Fund bei Reis in den USA. Der Genreis enthält ein spezielles Eiweiß, das die Sorte widerstandsfähiger gegen Unkrautvernichtungsmittel macht. Nach Angaben von US-Behörden führt der Verzehr des Genreises nicht zu gesundheitlichen Störungen.

Frankfurter Rundschau, 21. August 2006

USA: Genreis entdeckt

Washington - Nicht zugelassener Genreis von Bayer ist in den USA in Reis-Containern für den Markt entdeckt worden. Bei den Spuren handele es sich um die Genreis-Sorte Llrice 601, die ein Protein enthalte, das den Reis gegen bestimmte Unkrautvernichtungsmittel resistent mache, so das US-Landwirtschaftsministerium. Gefahr für Verbraucher oder Umwelt bestehe nicht.

Es ist unklar, woher der Genreis genau stammt. Mit der Sorte wurden in den USA Feldversuche unternommen, die aber 2001 endeten. Bayer arbeite eng mit den Behörden zusammen, so der Konzern.

Pläne, den verunreinigten Reis zurückzurufen oder gar zu zerstören, gibt es nicht. „Es gibt nichts, was wir gesehen haben, das diesen Schritt rechtfertigen würde“, sagt US-Landwirtschaftsminister Mike Johanns. Eine Untersuchung sei eingeleitet.

Bayer Crop-Science, Pflanzenschutztochter des Konzerns, hat inzwischen die Zulassung der Genreis-Sorte in den USA beantragt - obwohl Bayer nach eigenen Angaben nicht vorhat, die Reis-Sorte in den USA zu vermarkten.

Verbraucherschützer sparen nicht mit Kritik. „Die Biotech-Industrie handelt weiter unverantwortlich und ohne die Regeln zu beachten“, sagt Greg Jaffe vom Center for Science in the Public Interest: „Der Vorfall wird nur die Unsicherheit der Verbraucher im Hinblick auf die Technik verstärken.“

Experten gehen davon aus, dass die USA in diesem Jahr eine Reis-Ernte im Wert von 1,88 Milliarden Dollar haben; die Hälfte davon ist für den Export bestimmt. US-Reis-Pflanzer haben derzeit einen Anteil von etwa zwölf Prozent am weltweiten Reis-Handel. rtr

weitere Informationen auf unserer Kampagnenseite

Tiscali.de, 24. August 2006

EU zieht Reis-Leine

Die EU-Kommission hat einen Importstopp für Reis aus den USA verhängt. Zuvor wurden im herkömmlichen amerikanischen Reisanbau Spuren einer nicht zugelassenen Gen-manipulierten Reissorte entdeckt.

Die EU-Kommission in Brüssel hat am Mittwoch praktisch ein Einfuhrverbot für amerikanischen Langkornreis erlassen. Langkornreis aus den USA darf ab sofort nur noch dann in die EU eingeführt werden, wenn nachgewiesen werden kann, dass er keine Spuren der gentechnisch veränderten, nicht zugelassenen Pflanze LL Rice 601 enthält, berichten Nachrichtenagenturen.

Da es hierfür jedoch noch keine anerkannte Testmethode gebe, kommt die Maßnahme zumindest zwischenzeitlich einem Importstopp gleich. So solle verhindert werden, dass verunreinigter US-Reis in die Lebensmittelkette der EU gelange, begründete ein Kommissionssprecher die Entscheidung.

Bereits am vergangenen Wochenende hatten US-Behörden bekannt gegeben, dass in zwei US-Bundesstaaten, Missouri und Arkansas, herkömmlich angebauter, aber dennoch genmanipulierter Reis gefunden worden sei. Das Korn sei mit der von Bayer CropScience hergestellten Genreis-Sorte LLRice 601 kontaminiert, hieß es. Die Pflanzenschutzsparte des Bayer-Konzerns hätte die Verunreinigung selbst im Juli entdeckt und den US-Behörden gemeldet.

Fünf Jahre zurückliegender Feldversuch
Wie das manipulierte Gen in den Reis kam, konnten jedoch weder die US-Behörden noch der Bayer-Konzern mitteilen. Der Vorfall werde untersucht, ließ US-Landwirtschaftsminister Mike Johanns dazu verlautbaren. In einer Stellungnahme des Bayer-Konzerns ist man sich zumindest sicher, dass der Reis unschädlich „für die Gesundheit, für den Einsatz in Nahrungs- und Futtermitteln wie auch für die Umwelt“ sei.

Die vom Leverkusener Chemie-Riesen aufgekaufte Firma Aventis Crop Science hätte den gegen mehrere Herbizide resistenten LLRice 601 in einem mehrjährigen, 2001 angeblich beendeten Feldversuch entwickelt. Der Reis wurde bisher weder in Europa noch den USA zugelassen.

Beleg für „Unkontrollierbarkeit“ der Gentechnologie
Für einen der größten Reisimporteure der Welt, Japan, reichten diese Informationen aus, um bereits am Wochenende einen sofortigen Einfuhrstopp für Langkornreis aus den Vereinigten Staaten zu verhängen.

Nun zog Europa nach und gab damit der Forderung von Umweltorganisationen statt. Für den Gentechnik-Experten von Greenpeace, Alexander Hissting, belege dieser neue Fall einmal mehr eindrucksvoll die von Gentechnik-Gegnern immer wieder behauptete Unkontrollierbarkeit der Gentechnologie. So sei es nicht möglich, die herkömmliche Landwirtschaft vor der Genmanipulation zu schützen.

Präzedenzfall Süßmais
Es wird auch der EU-Kommission, die in der Vergangenheit tendenziell eine gentechnik-freundliche Politik unterstützte und noch in diesem Jahr über eine Zulassung von LLRice 601 zu entscheiden hat, schwer fallen, diesen Einwand zu entkräften.

Bereits bei der Aufhebung des sechsjährigen „Gentechnik-Moratoriums“ im Jahr 2004 durch die Zulassung der Genmais-Sorte BT11 setzten sich das Brüsseler Gremium und mit ihr die Gen-Food-Industrie kräftig in die Nesseln. Ein Jahr nach der Zulassung stellte sich heraus, dass die Schweizer Firma Syngenta statt des zugelassenen BT11 „versehentlich“ den nicht zugelassenen Süßmais BT10 vertrieb und eigentlich gar nicht in der Lage sei, die beiden Sorten zuverlässig zu unterscheiden.

Das Unternehmen versicherte daraufhin, „binnen weniger Tage“ ein Test- und Zertifizierungsverfahren zur Unterscheidung der beiden Sorten zu entwickeln. Ein solches Verfahren war die Bedingung für die Aufhebung des damals verhängten Importstopps. Seitdem sind nicht nur wenige Tage, sondern mehr als ein Jahr verstrichen. Auf das Testverfahren wartet Brüssel noch heute.
Carsten Wollenweber

SPD Bundestagsfraktion

Bayer soll aktiv über nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Reis informieren

Zu seinem offenen Brief an die Bayer AG, alle Informationen über das Vorkommen von nicht zugelassenem gentechnisch veränderten Reis offen zu legen, erklärt der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Ulrich Kelber:

Es ist schade, dass Bayer CropScience im Falle des nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Reises die Chancen eines offenen Umgangs mit Informationen nicht nutzt. Wer davon überzeugt ist, dass von der Grünen Gentechnik keine Gefahren ausgehen, müsste gerade in solch einem Falle mit einem Höchstmass an Transparenz dazu beitragen, dass alle Fragen umgehend geklärt werden.

Wer sich in diesen Tagen auf der Website von Bayer CropScience über die Vorkommnisse im Zusammenhang mit nicht zugelassenem gentechnisch veränderten Reis in den USA informieren will, findet leider nur ein paar dürre Zeilen, in denen unter Hinweis auf amerikanische Behörden versichert wird, dass keine Gefahr bestehe. Kein Wort darüber, dass es sich um den nicht zugelassenen gv-Reis LL601 handelt, der zuletzt im Jahre 2001 in den USA im Erprobungsanbau freigesetzt worden ist und für den bisher keine Zulassung beantragt oder erteilt worden ist.

Es stellen sich viele Fragen, an deren Beantwortung die Firma Bayer ein hohes Interesse haben sollte: Wie kann das sein, dass nicht zugelassener gentechnisch veränderter Reis noch mehrere Jahre nach Abbruch der Versuche in Lebensmitteln vorhanden ist und offenbar erst jetzt entdeckt wurde? Wenn Bayer jetzt die Zulassung beantragen will, müssen wir eventuell daraus schliessen, dass der Reis vermutlich nicht nur in den beschlagnahmten Container enthalten war und uns noch länger beschäftigen wird? In welchen Produkten könnte dieser Reis enthalten sein? Und natürlich stellt sich auch die Frage: Warum wurden die Versuche 2001 abgebrochen, wenn das in dem Reis enthaltene Protein so sicher für Mensch und Umwelt ist?

Wir diskutieren in diesen Wochen nicht nur über das Gentechnikgesetz, auch das Verbraucherinformationsgesetz wird im September noch einmal den Bundesrat beschäftigen. Es stellt einen grossen Fortschritt dar, weil es mehr Transparenz für die Verbraucherinnen und Verbraucher bringen und dazu beitragen wird, dass Qualität sich am Markt durchsetzen kann. Wir haben - auf Wunsch der Wirtschaft und auch unseres Koalitionspartners - darauf verzichtet, bereits jetzt einen Informationsanspruch der Verbraucherinnen und Verbraucher gegenüber den Unternehmen darin zu verankern. Mit der Union sind wir uns jedoch einig darin, dass die Informationen am besten bei den Unternehmen selbst verfügbar sind und dass diese deshalb ihre Angebote verbessern müssen. Der vorliegende Fall könnte ein Testfall dafür sein, wie ernst es die Wirtschaft mit der versprochenen Transparenz für die Verbraucherinnen und Verbraucher meint.

Henry Mathews

CBG Redaktion

Beerdigung am 5. September 2006, 12.00 Uhr
Städtischer Friedhof, Eythstr. 1 - 25, (Alboinplatz)
12105 Berlin

Statt zugedachter Blumen bitten Eltern und Lebensgefährtin um Spenden an
Dachverband der Kritischen AktionärInnen
Stadtsparkasse Köln 896 22 92
BLZ 370 501 98
Kennwort „Henry“

Ein mutiges Herz hat aufgehört zu schlagen

Henry Mathews ist gestorben

Am Sonntag, 30. Juli, starb Henry Mathews überraschend am zweiten Tag seines Urlaubs in Schweden. Gerade 40 Jahre jung wurde ein mutiger Kämpfer für eine gerechtere Welt und gegen Profitdiktatur mitten aus dem Leben gerissen. Die Trauer um diesen Verlust ist groß. Henry Mathews wirkte in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, auf nationaler und internationaler Ebene. Insbesondere verbindet sich sein Name mit dem Dachverband der Kritischen AktionärInnen. Zurück lässt er seine fassungslosen Freundinnen und Freunde, seine Angehörigen und seine Liebsten, vor allem seine Lebensgefährtin, seine Tochter und seine Eltern.

Es war 1986, da setzte Henry Mathews zusammen mit Helmut Paschlau und Axel Köhler-Schnura seine Unterschrift unter das Gründungsprotokoll eines Vereins, der die Aktionärshauptversammlungen in Deutschland verändern sollte. Im Naturfreundehaus Solingen wurde der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre aus der Taufe gehoben.

Gesellschaftspolitisch interessiert richtete der Landschaftsgärtner Henry Mathews bereits während seiner Ausbildung zunehmend sein Augenmerk auf die üblen Praktiken des Schering-Konzerns. In diesem Kontext lernte er die BUKO-Pharmakampagne und die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) kennen. Nach dem Modell des Netzwerkes der CBG hob er das SCHERING-Aktionsnetzwerk (SCHAN), einen internationalen Verbund zur kritischen Begleitung des Berliner Pharma-Multis, aus der Taufe. Mit 20 Jahren am Scheideweg, seine Karriere als Landschaftsgärtner weiter zu verfolgen oder aus der konzernkritischen Berufung einen Beruf zu machen, nahm er das Angebot an, Geschäftsführer der CBG zu werden. Parallel dazu entwickelte er eine umfangreiche journalistische Tätigkeit.

Als Anfang der 90er Jahre klar wurde, dass der Dachverband der Kritischen AktionärInnen auf rein ehrenamtlicher Basis nicht mehr zu führen ist, nahm Henry Mathews die Herausforderung eines Geschäftsführerpostens bei den Kritischen AktionärInnen an. Seitdem ist die Entwicklung des Dachverbandes von einem kleinen Verein engagierter KonzernkritikerInnen hin zu einer starken Vertretung Tausender AktionärInnen untrennbar mit seinem Namen verbunden.

Doch es blieb nie bei der Beschränkung auf die Verwaltung und Vertretung von Aktionärsrechten. Wo immer Menschenrechte, Demokratie, Ökologie und soziale Rechte in Gefahr waren, engagierte sich Henry Mathews. Besonders verbindet sich mit seinem Namen auch der Kampf gegen Nazis und Faschismus. Als Mitbegründer der Kampagne „Nie wieder!“ setzte er alles daran, das faschistische Kapitel in Form der IG FARBEN endlich zu beenden und das Restvermögen dieses Mord-Konzerns den Opfern und Hinterbliebenen zugänglich zu machen.

Henry Mathews war tatkräftig. Seine Träume einer besseren, gerechteren Welt gab er zu keiner Zeit auf, sondern verfolgte sie aktiv, konsequent und ideenreich. Er erkannte das Profitprinzip als zentrales Hemmnis und setzte den Hebel dort an. Von Jahr zu Jahr wurde er auf einer stetig wachsenden Zahl von Aktionärs-Hauptversammlungen zum Ankläger der Konzernvorstände. Er war Kommunist, zeitweilig organisiert in der PDS/Linkspartei, verpflichtet den Unterdrückten und Ausgebeuteten. Auch wenn der Dachverband der Kritischen AktionärInnen sein Hauptwirkungsfeld war, so hinterließ er Spuren in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Feldern, sowohl national als auch international.

Henry Mathews war mutig. Furchtlos trat er den Mächtigen entgegen. Auf den Hauptversammlungen der Konzerne und Banken sagte er den Vorständen, die die Fäden der Welt in der Hand halten, ohne Zögern ins Gesicht, was er von ihnen hielt. Auf Pressekonferenzen, Demonstrationen, Foren und Podien unterschiedlichster Art trat er dem Unrecht des Kapitalismus entgegen. Auch die Anwesenheit Tausender durchaus nicht immer wohlgesonnener ZuhörerInnen auf den Aktionärsversammlungen machte ihn nicht im geringsten bange.

Henry Mathews war sensibel. Freundschaften rangierten an erster Stelle. Geprägt von tiefer Ehrlichkeit eckte er oft an, was er aber niemals scheute. Er war sehr unglücklich darüber, dass er viele Beziehungen nicht so pflegen und entwickeln konnte, wie sie es verdienten und er sich das wünschte. Darunter insbesondere das Verhältnis zu seiner geliebten Tochter.

Henry Mathews war ein Grenzgänger. Er vermochte es, Menschen unterschiedlichster Auffassungen und gesellschaftlicher Herkunft zusammenzubringen. Er sah stets zuerst das Menschliche und erst in zweiter Linie politische und andere Haltungen. Er hörte zu und folgte den Argumenten ohne ideologische Verbrämung. Zugleich war er streitbar, scheute keinen Konflikt und vermochte es so, gedankliche Ghettos zu überwinden und gegensätzliche Meinungen in die Diskussion zu bringen.

Am 30. Juli 2006 war Henry Mathews zusammen mit seiner Lebensgefährtin soeben in Nordschweden angekommen und hatte das gemeinsame Gepäck in einem Kanu verstaut. Vor ihm lag die in der Sonne glänzende Fläche eines Binnensees. Sieben Tage wollten sie gemeinsam die Wildnis erkunden, paddeln bis zu einem geeigneten Liegeplatz, sich für die Nacht einrichten und am nächsten Tag zu neuen Zielen aufbrechen. Nach wenigen Stunden war das Abenteuer zuende. Henry Mathews erlitt einen Herzstillstand und stürzte ins Wasser. Ein mutiges Kämpferherz hatte aufgehört zu schlagen. Wir trauern.

Die tageszeitung, 4. September 2006

Nachruf: Stachel im Fleisch der DAX-Konzerne

Er hatte in das Restaurant hoch droben im Berliner Funkturm geladen, als ich ihn das erste Mal traf. Henry Mathews wollte hoch hinaus mit seinen Kritischen Aktionären, und das ist ihm auch gelungen. Er gilt als Erfinder des Dachverbands der Kritischen Aktionäre (DKA), den er zu dem machte, was er heute ist: eine von Dividendenzahlungen unabhängige Stimme, die sich lautstark in die Vorstandspolitik der großen Konzerne einmischt.

Mathews und seinen Mitstreitern geht es keineswegs um eine Mehrung des Profits, sondern um den volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen der DAX-Unternehmen. Wer das für „links“ hält, lief beim Bürger Mathews nicht ins Abseits.

„Davids“ konzernkritisches Engagement begann im Streit mit Pharma-„Goliath“ Schering. In der Folge wurde Mathews Geschäftsführer der legendären Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) und übernahm 1993 die Leitung der Geschäftsstelle des DKA in Köln. „Henry war nicht nur ein guter Organisator und Verwalter, er war auch ein politisch denkender Mensch, der gut schreiben und sich öffentlich gut artikulieren konnte“, beschreibt ihn DKA-Vorstandskollege Paul Russmann. „In dieser Kombination findet man das selten.“ Mathews, der nebenbei im Vorstand des Bundesverbands BI Umweltschutz (BBU) für seine gute Sache schuftete, nötigte selbst Gegnern Respekt ab. Konzernchefs wie Ex-Deutsche-Bank-Boss Hilmar Kopper („Peanuts“) sollen in stiller Stunde beim Bier schon mal ein achtungsvolles Wort für den Widerpart gefunden haben.

Ihm war das nicht egal, aber vor allem freuten ihn die wachsende mediale Präsenz und das zunehmende wirtschaftspolitische Gewicht des DKA. Dies ist Mathews Dividende. Noch vor zehn Jahren wurden Kritische Aktionäre bei Aktionärsversammlungen als seltsame Spinner belächelt. Heute sind sie Teil des schrillen Machtspiels der Hauptversammlungen.

Der gebürtige Berliner hatte bereits eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner hinter sich, bevor er als Journalist bei der alternativen Stadtzeitung Klenkes in Aachen anfing. Womöglich war es der falsche Beruf, den Mathews doch bis zuletzt immer als seinen ansah, denn Unparteilichkeit war nicht sein Ding, um Gerechtigkeit ging es ihm und die verträgt Neutrales nur schwer.

Mathews, der mit 40 Jahren starb, wird morgen beerdigt. Einen Monat nach seinem Tod hat sich „sein“ Dachverband noch nicht auf die neue Situation eingestellt: „In dringenden Fällen erreichen Sie unseren Geschäftsführer Henry Mathews unter folgender Telefonnummer “, heißt es weiterhin auf dem Anrufbeantworter. (HERMANNUS PFEIFFER)

Frankfurter Rundschau, 4. August 2006

Kampf gegen Profitgier

Der Chef der Kritischen Aktionäre, Henry Mathews, ist tot

Henry Mathews, Geschäftsführer des Dachverbandes der Kritischen Aktionäre, engagierte sich für die Umwelt und für Menschenrechte. Der 40-Jährige starb im Urlaub in Schweden vermutlich an Herzversagen.

Köln - Wurden die Kritischen Aktionäre noch vor Jahren als „Spinner“ belächelt, wenn sie bei Aktionärsversammlungen auftraten, so hat sich das im Laufe der jüngeren Zeit auch dank der Arbeit von Henry Mathews geändert. Vom Kölner Büro des Dachverbandes aus vernetzte Mathews 13 Jahre lang 29 Organisationen, die Umweltverstöße und Menschenrechtsverletzungen deutscher Konzerne anprangern.

Mehr als 5000 Anleger haben ihr Stimmrecht den Kritischen Aktionären übertragen. „Die Kritischen Aktionäre sind inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden“, erklärte Paul Russmann, einer der Vorstände des Dachverbandes. Mathews habe sich mit Erfolg dafür eingesetzt, dass Kritische Aktionäre vor diesem Forum zu Wort kommen. Gerade für kleinere Mitgliedsorganisationen, sei die Unterstützung von Mathews von unschätzbarem Wert gewesen.

Auf Aktionärsversammlungen großer Konzerne ergriff er das Wort. In Zeitungsartikeln und Interviews beklagte er, dass viele Multis Menschenrechte und Umweltschutz der Profitmaximierung unterordneten.

Mit großer Bestürzung reagierte der Vorstand des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) auf die Todesnachricht. Mathews vertrat die Kritischen Aktionäre von 1995 bis 1998 im BBU-Vorstand. „Für die Umweltbewegung und insbesondere für den BBU war die faktenreiche konsequente Kapitalismuskritik und der überzeugende Internationalismus eines Henry Mathews stets ein wichtiger Orientierungspunkt“, hob BBU-Vorstandsmitglied Eduard Bernhard hervor. Mathews habe durch „fundierte Argumente Aufsichtsräte und Vorstände immer wieder ins Schwitzen und oft auch in Erklärungsnot“ gebracht habe.

Politisches Denken
Mathews übernahm 1993 die Leitung der Geschäftsstelle des Dachverbands der Kritischen Aktionäre in Köln. „Henry war nicht nur ein guter Organisator und Verwalter, er war auch ein politisch denkender Mensch, der gut schreiben und sich öffentlich gut artikulieren konnte“, so Russmann. „In dieser Kombination findet man das selten.“

Vorstandskollege Bernd Moritz schätzte die „sehr verbindliche Art“ von Mathews. „Es war immer klar, wo er stand. Trotzdem konnte er immer mit Leuten sprechen, die die unterschiedlichsten Positionen hatten.“ Der Vorstand wird am Samstag darüber beraten, wie die Arbeit des Dachverbands fortgesetzt werden soll. Markus Dufner

4. August 2006, taz NRW

Unerschütterlich kapitalismuskritisch

Deutschland im Aktienfieber, die Börse boomt - und was machen die Linken? Das fragte sich die taz vor sechs Jahren und fand die Antwort in einem ganzseitigen Porträt des „letzten Aktienfeindes“: Henry Mathews mache, was er schon immer gemacht habe: „protestieren und kritisieren“.
So ist es geblieben. Bis heute blieb der Geschäftsführer des kleinen Dachverbandes der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre ein Stachel im Fleisch der großen Konzerne.
Der Kölner war das auf den Hauptversammlungen der Republik nicht zum Schweigen zu bringende nervige Gewissen der Vorstände. Ob fehlende Umwelt- und Sozialstandards, ausbleibende Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter oder Rüstungsgeschäfte - Mathews las ihnen die Leviten. Er attackierte die Lufthansa wegen ihrer Beteiligung an der Abschiebung von Flüchtlingen. Dem Adidas-Konzern attestierte er, dessen drei Streifen stünden „für Ausbeutung, für das Ausnutzen von Armut, Arbeitslosigkeit und undemokratischer Verhältnisse“. Und der Deutschen Bank bescheinigte er noch im Frühjahr dieses Jahres: „Das Unternehmen hat kein soziales Gewissen.“ Ein regelrechter Plagegeist wider die kapitalistische Profitlogik.
Dabei hatte alles mit einem Zufall begonnen. Mitte der Achtzigerjahre entdeckte der junge Mathews in einem Dritte-Welt-Laden in Westberlin ein Flugblatt der Buko-Pharmakampagne. Der aufmüpfige Abiturient hatte ein Ventil gesucht für seine Systemkritik, und nun fand er es beim Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen. Mathews engagierte sich in der Berliner Ortsgruppe. Auch im „Schering-Aktionsnetzwerk“ wurde er aktiv. Sein dabei entstandenes Buch „Schering - die Pille macht Macht“ landete vor Gericht.
Nach einer Gärtnerlehre verließ Mathews kurz vor dem Mauerfall Berlin. Ein Semester studierte er Landschaftsbau in Gießen, danach pendelte er zunächst von Job zu Job. Unter anderem betätigte er sich als Redakteur bei der Aachener Stadtzeitung Klenkes. Als freier Journalist schrieb er auch für die taz, beispielsweise über dioxinverseuchte Sportplätze in Solingen.
Als der Dachverband der Kritischen Aktionäre 1991 eine hauptamtliche Geschäftsführerstelle einrichtete, erschien Mathews als genau der richtige Mann. Die Tätigkeit wurde für ihn zur Lebensaufgabe. Anfangs hätten „die Vorstände noch versucht, unsere Themen ganz abzubügeln. Inzwischen müssen sie antworten, weil das öffentliche Interesse zu groß ist“, zog der Konzernkritiker, der auch im persönlichen Umgang nicht gerade pflegeleicht war, in seinem letzten taz-Interview im März Bilanz.
Am 30. Juli starb Henry Mathews in seinem Sommerurlaub in Schweden an einem Herzinfarkt. Er wurde nur 40 Jahre alt. Seine Stimme wird fehlen.
Pascal Beucker

04.08.06, Neues Deutschland

Nachruf auf Henry Mathews

Der Vorstand des Dachverbands der Kritischen Aktionäre ist im Alter von 40 Jahren verstorben.

„Einschüchtern lassen unsere Freunde und wir uns weder durch staatliche noch durch private ›Rechts‹-Maßnahmen, denn unser Widerstand gegen umwelt- und sozialfeindliche Machenschaften der Konzerne ist für eine demokratische Gesellschaft dringend notwendig.“ Dieses Statement ist typisch für Henry Mathews, den kritischen Aktionär und Journalisten. Auf zahllosen Hauptversammlungen großer Konzerne hat er das Wort ergriffen, in Zeitungsartikeln und Interviews hat er beklagt, dass viele Multis Menschenrechte und Umweltschutz der Profitmaximierung und dem Shareholder Value unterordnen. Nun wird man diese Stimme nicht mehr hören. Henry Mathews starb erst 40-jährig im Urlaub in Schweden bei einer Kanu-Tour. Als Todesursache wurde Herzversagen festgestellt.
Der gebürtige Berliner machte zunächst eine Ausbildung als Landschaftsgärtner und war später bei der alternativen Stadtzeitung „Klenkes“ in Aachen als Journalist tätig. Sein stark am Gerechtigkeitsgedanken orientiertes Wesen erlaubte es ihm schon damals nicht, unparteiisch zu sein, berichten Weggefährten. Mathews konzernkritisches Engagement begann bei einer Auseinandersetzung mit dem Pharma-Unternehmen Schering. In der Folge wurde er Geschäftsführer der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) und übernahm 1993 die Leitung der Geschäftsstelle des Dachverbands der Kritischen Aktionäre in Köln. „Henry war nicht nur ein guter Organisator und Verwalter, er war auch ein politischer denkender Mensch, der gut schreiben und sich öffentlich gut artikulieren konnte“, beschreibt ihn Paul Russmann, einer der Vorstandskollegen im Dachverband. „In dieser Kombination findet man das selten.“ Kollege Bernd Moritz schätzte die „sehr verbindliche Art“ von Mathews. „Es war immer klar, wo er stand. Trotzdem konnte er immer mit Leuten sprechen, die die unterschiedlichsten Positionen hatten.“
Mit großer Bestürzung reagierte der Vorstand des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) auf die Todesnachricht. In deren Vorstand hatte Mathews die Kritischen Aktionäre von 1995 bis 1998 vertreten. „Für die Umweltbewegung und insbesondere für den BBU war die faktenreiche konsequente Kapitalismuskritik und der überzeugende Internationalismus des Henry Mathews stets ein wichtiger Orientierungspunkt in der Diskussion über die eigene politische Ausrichtung“, hebt BBU-Vorstandsmitglied und Atomenergie-Kritiker Eduard Bernhard hervor. Besonders beeindruckt zeigte er sich davon, wie Mathews durch „fundierte Argumente Aufsichtsräte und Vorstände immer wieder ins Schwitzen und oft auch in Erklärungsnot“ gebracht habe. Trotzdem - oder gerade deswegen - habe sich Mathews auch den Respekt von Konzern-Chefs wie dem ehemaligen Deutsche-Bank-Boss Hilmar Kopper erworben, so Russmann.
Noch vor zehn Jahren wurden Kritische Aktionäre als „Spinner“ belächelt, wenn sie bei Aktionärsversammlungen auftraten. Das hat sich gerade auch dank der Arbeit von Henry Mathews längst verändert. „Die Kritischen Aktionäre sind inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden“, erklärt Russmann. Mathews habe sich mit Erfolg dafür eingesetzt, dass kritische Stimmen vor diesem Forum zu Wort kommen.
Gerade für kleinere der im Dachverband zusammengeschlossenen 29 Mitgliedsorganisationen war die Unterstützung von Mathews von unschätzbarem Wert. Der Vorstand will am Samstag darüber beraten, wie die Arbeit des Dachverbands fortgesetzt werden soll. „Es wird nicht möglich sein, Henry nur annähernd zu ersetzen“, sagt Vorstand Moritz.
Von Markus Dufner

PRESSEMITTEILUNG des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V zum Tod von Henry Mathews

Die engagierte Konzernkritik verliert mit Henry Mathews einen klugen Kopf

(Bonn, 03.08.2006): Mit großer Bestürzung hat der Vorstand des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) e V. die Nachricht vom plötzlichen Tod von Henry Mathews (verstorben am 30.07.2006) vernommen. Den langjährigen Geschäftsführer und Aktivisten des Dachverbandes der Kritischen Aktionäre und den BBU mit seinen Mitgliedsinitiativen hat eine lange, intensive und erfolgreiche Mitgliedschaft und Zusammenarbeit verbunden.

Henry Mathews hat den Dachverband der Kritischen Aktionäre von 1995 bis 1998 im BBU-Vorstand vertreten und ist den Vorstandsmitgliedern durch seinen innovativen Ideenreichtum, seine aktions- und vernetzungsorientierte Vorstandsarbeit und sein mutiges Engagement in guter Erinnerung. Als Geschäftsführer des Dachverbandes der Kritischen Aktionäre hat er die Mitgliedsinitiativen des BBU immer wieder auf ökonomische, ökologische und soziale durch Konzernpolitik verursachte Missstände kompetent hingewiesen und hat ihnen Aktions- und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Besonders intensiv hat er mit dem langjährigen BBU-Vorstandsmitglied und Atomenergie-Kritiker Eduard Bernhard zusammen gearbeitet und hat dessen zahlreiche Auftritte auf Aktionärshauptversammlungen effektiv vorbereitet.

Eduard Bernhard sagt über seinen langjährigen Mitstreiter:

Ich habe für den BBU und als kritischer Einzelaktionär in den letzten 10 Jahren an zahlreichen Aktionärs-Hauptversammlungen zusammen mit Henry Mathews teilgenommen. Wir haben zusammen vor über100.000 Aktionären der deutschen Großkonzerne wie SIEMENS, E.ON, RWE, EN-BW, der Deutschen Bank, Bayer, Höhst-AG und BASF deren ökologische Versäumnisse und sozialen Ungerechtigkeiten und Fehlleistungen immer wieder aufgezeigt und damit auch in die breite Öffentlichkeit gebracht.
Durch seine fundierten Argumente brachte Henry Mathews Aufsichtsräte und Vorstände immer wieder ins Schwitzen und oft auch in Erklärungsnot. Henry Mathews und ich mussten bei den Hauptversammlungen so manche Unmutsäußerungen hinnehmen. Henry Mathews hat dies mit großer Geduld ertragen und sich nie von seinem kritischen Kurs abbringen lassen.
Dafür gebührt ihm hohe Anerkennung und Dank. Es wird kaum möglich sein, diese Ausnahme-Persönlichkeit zu ersetzen.

Für die Umweltbewegung und insbesondere für den BBU war die faktenreiche konsequente Kapitalismuskritik und der überzeugende Internationalismus eines Henry Mathews stets ein wichtiger Orientierungspunkt in der Diskussion über die eigene politische Ausrichtung.
Durch den frühen Tod von Henry Mathews wird den alternativen Bewegungen nun ein kluger Ideenspender und fähiger Koordinator fehlen. Da die politischen und ökonomischen Ursachen der von Henry Mathews kritisierten Umstände aber weiterhin unvermindert bestehen, bleibt es Aufgabe seiner zahlreichen und ihm auch persönlich eng verbundenen Mitstreiter mit verstärkten und vereinten Kräften in seinem Sinne und Andenken kontinuierlich weiter zu wirken.

Wolfgang Guhle
Geschäftsführender Vorstand des BBU e.V.

Pressemitteilung des Dachverbands Kritischer Aktionäre, 02. 08.2006

Der Vorstand des Dachverbands Kritischer Aktionäre in Köln muss den Tod seines Geschäftsführers Henry Mathews mitteilen. Mathews befand sich auf Kanufahrt in Schweden, als er am Sonntag, den 30. Juli im Alter von 40 Jahren ein Herzversagen erlitt.

Der gelernte Journalist, der seit 13 Jahren den Dachverband der Kritischen Aktionäre leitete, hatte auf zahllosen Aktionärsversammlungen Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder unterschiedlichster deutscher Firmen wegen ihrer Geschäftspolitik kritisiert. Mathews zeichnete sich durch große Vielseitigkeit aus, dies kam zum Ausdruck wenn er Rüstungsfirmen wegen ihrer Rüstungsproduktion und -exporte, Energiefirmen wegen ihrer Atomanlagen angriff, wenn er Arbeitsplatzeinsparungen anprangerte und Mitbestimmungsfragen thematisierte. Internationale Kontakte lagen ihm am Herzen und er bemühte sich mit Erfolg, jährlich Mitarbeiter deutscher Niederlassungen im Ausland hier in Aktionärsversammlungen zu Wort kommen zu lassen.

In der Vergangenheit hatte sich Mathews bei der Frage der Entschädigung von Zwangsarbeitern während des NS-Regimes über lange Zeit eingemischt und zwar noch zu Zeiten, als dies viele Politiker und Wirtschaftsvertreter mit Vehemenz zurückwiesen.

Es war Henry Mathews Verdienst, dass der Dachverband im März dieses Jahres sein 20 jähriges Bestehen feiern konnte. Er nahm nicht nur die Rolle eines Geschäftsführers ein, er war Seele und Aushängeschild des Verbandes der Kritischern Aktionäre. Der Vorstand schätzte an ihm besonders seine Vielseitigkeit und seinen brennenden Wunsch nach Veränderung hin zu einer anderen Gesellschaft, anderen Wirtschaftsformen, einer gerechteren Welt.

Seine Fähigkeit auch sehr ungleiche Partner ins Gespräch zu bringen zeichnete ihn in seiner Kompetenz zur Kommunikation aus. Gruppen aus dem Umwelt- und Sozialbereich hatten in ihm einen erfahrenen, mutigen und engagierten Ansprechpartner. Streitbar und sensibel zugleich war Henry Mathews in seinem Wesen. Der Dachverband erleidet einen harten Verlust.

Die VorstandskollegInnen
Dorothea Kerschgens, Bernd Moritz, Paul Russmann

Agrogifte

CBG Redaktion

ORF (Radio Ö1), 1. August 2006

Syngenta, Bayer, BASF: Die Pestizid-Zeitbombe

Eine Bestandsaufnahme über Chemikaliensicherheit

Die Chemie zählt zu den wichtigsten Motoren der industriellen Entwicklung. Ohne Chemie gäbe es keine Düngemittel, die die Ernährung von bald sieben Milliarden Menschen sichern. Es gäbe kaum wirksame Arzneimittel, und Energie sowie andere Ressourcen würden noch schneller verbraucht als ohnehin.

Das Problem dabei: Unter den gut 100.000 Chemieprodukten dieser Welt befinden sich rund 8.000, die giftig sind - Chemikalien, die Böden, Gewässer und Ozonschicht belasten, die Pflanzen, Tiere und Menschen krank machen und letztlich töten.

340.000 Tote pro Jahr
Nach einer Statistik der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation, sterben jährlich allein 340.000 Menschen infolge des Umgangs mit toxischen Substanzen am Arbeitsplatz. Besonders gefährlich: Chemikalien, die explizit zum Töten hergestellt werden, so genannte Pestizide - Giftcocktails, die Würmer, Mäuse und Insekten, Pflanzen und Pilze deshalb vernichten sollen, weil sie die Produktion von Nahrungsmitteln behindern oder Krankheiten wie Malaria verbreiten.

Während die Industrieländer bereits seit den 1970er Jahren diesbezüglich immer aufwändigere Schutzmaßnahmen ergriffen haben, geschieht in Afrika, Asien und Lateinamerika kaum etwas. Im Gegenteil! Dort boomt der Pestizidmarkt. Erschwerend kommt dabei noch hinzu, dass eben dort, wo das Wissen über die Gefahren der Chemie kaum existiert, ein geradezu verantwortungsloser Pestizidterror betrieben wird. Gerade in die Entwicklungsländer würden - so Michael Dreyer, der Leiter des weltweit operierenden Projekts „Chemikaliensicherheit“ der GTZ, der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit - noch immer Gifte exportiert, die in Europa längst verboten seien oder nur unter großen Sicherheitsvorkehrungen eingesetzt würden.

Beispiele des Pestizidterrors
Der Schweizer Konzern Syngenta als größter Produzent sowie die deutschen Firmen Bayer und BASF kontrollieren gemeinsam die Hälfte des Weltmarktes. Das von Syngenta vertriebene Herbizid Paraquat, das wie Cola aussieht, wird etwa von Bauernkindern in Afrika und Asien immer wieder versehentlich getrunken, mit der Folge, dass das Gift Magen, Lunge und Speiseröhre irreversibel zersetzt.

Ein weiteres Beispiel ist das u. a. von Bayer produzierte und exportierte Insektizid Endosulfan: 30 Baumwollarbeiter sind dadurch vor einigen Jahren in Benin innerhalb von wenigen Tagen umgekommen, als sie das Mittel gegen Baumwollschädlinge einsetzten: “Die Vergiftungsfälle häufen sich vor allem in Afrika, weil dort Anwender und landwirtschaftliche Berater beim Umgang mit brisanten Pestiziden trotz grellfarbiger Warnhinweise auf den Behältern völlig überfordert, da leseunkundig sind“, sagt GTZ-Mann Dreyer.

Vergiftete Orangen
Auch im Norden Thailands außerhalb des kleinen Dorfs Sonsai Klongnai sieht man Männer und Frauen aus blauen Schläuchen hunderttausende Orangenbäumchen besprühen - viele ohne Schutzbekleidung und mit Taschentüchern vor dem Gesicht. In ihrem Dorf selbst pflanzen die knapp tausend Einwohner außer Reis zumeist Erdnüsse, Zwiebeln und Knoblauch an:

„Seit die Firma Tanathorn fast alles Flusswasser für ihre Orangenbäume verbraucht, leiden wir Jahr für Jahr an Wassermangel. Fast noch schlimmer jedoch ist, dass die Arbeiter der Firma tagtäglich giftige Pestizide versprühen. Wir können kaum noch atmen“, beklagt der Wassermeister dieses Dorfes. Von der Regierung Thailands ermutigt, besitzt inzwischen jene Firma im Bezirk Fang und in zwei Nachbarbezirken insgesamt bereits 15.000 Hektar Orangenplantagen. Orangenbäume benötigen allerdings weit mehr Pestizide als zum Beispiel Reis. Die Gifte wie z. B. Parathion werden aus China importiert und lösen laut WHO Leukämie, Lungenkrebs, Erbgutmutationen und in der Folge Missgeburten aus.

Die gefährlichen POPs
Als besonders gefährlich unter den Pestiziden gelten allerdings jene Mittel, die Vergiftete nicht unmittelbar töten - Substanzen, die sich über lange Zeit in der Umwelt erhalten, die höchst resistent gegen den Abbau sind und sich in bestimmten Zonen der Erde anreichern.

Diese giftigen und langlebigen Schadstoffe, kurz POPs - persistent organic pollutants - genannt, findet man in hohen Konzentrationen in der Antarktis oder im Hochgebirge. Zu den POPs zählen vor allem Pestizide, aber auch Industriechemikalien wie das in Transformatoren als Kühlmittel eingesetzte PCB und bei Verbrennungsprozessen entstehende Produkte wie Dioxine und Furane, die etwa in Krematorien oder Verbrennungsanlagen für Krankenhausmüll entstehen. Sie verdunsten vielfach in warmen Regionen, kondensieren aber in kalten und reichern sich dort im Fettgewebe von Mensch und Tier an.

Die Stockholmer Konvention
Engagierte Bürgerinitiativen wie das PAN - das Pesticide Action Network - oder Greenpeace warnen seit jeher vor diesen vagabundierenden Giften. Seit 2004 gilt die von inzwischen 90 Staaten ratifizierte Stockholmer Konvention, die zwölf besonders gefährliche POPs wie etwa Dieldrin, Chlordan und Mirex auf den Index gesetzt und verboten hat. Auch das Kühlmittel PCB soll im Laufe der nächsten 20 Jahre aus Trafos und Kondensatoren verschwinden; ebenso sollen reiche Länder den armen finanziell und technologisch helfen, Dioxine und Furane in den Griff zu bekommen - ein Vorhaben, dem auch eine neue EU-Richtlinie zur Chemikaliensicherheit mit dem Namen REACH dienen soll.

Die große Frage dabei lautet aber: Wie lange wird in Entwicklungsländern die praktische Umsetzung dieser Konvention dauern? - Eine Umsetzung, die viel Geld kostet und wirtschaftliche wie gesundheitspolitische Interessen tangiert. Dass dies ein schweres Unterfangen sein wird, sieht man etwa am Beispiel DDT. In unseren Breiten verboten, darf dieses Gift hingegen weiterhin laut Stockholmer Konvention und auch WHO für die Länder des Südens angesichts der jährlich drei Millionen Malaria-Toten eingesetzt werden, weil es besonders langlebig, giftig und billig ist.

Wer entsorgt die Altlasten?
Ein weiteres Problem verkörpern die gewaltigen Altlasten an Pestiziden. Rund 500.000 Tonnen Pestizidmüll haben sich in den letzten 40 Jahren auf dem Globus angesammelt: eine Zeitbombe, die die ganze Welt bedroht. Seit 20 Jahren wird hier bereits über die Frage der Milliarden teuren Entsorgung gestritten. Werden die Hersteller zur Kasse gebeten, die das Gift einst verkauft haben? Oder Entwicklungshilfe-Geber, die es wohlmeinend verschenkt haben oder aber lokale Regierungen, die fahrlässig mit den Pestiziden umgegangen sind?

Nur wenige Akteure engagieren sich für die Entsorgung, darunter die Welternährungsorganisation FAO, die Firma Shell, die sich um Altlasten ihres Prouktes Dieldrin kümmert, oder die GTZ, die bereits seit Anfang der 1990er Jahre ungefähr 4.000 Tonnen Pestizide aus den verschiedensten Ländern in Afrika und Asien nach Europa rückgeführt und in Sondermüll-Verbrennungsanlagen entsorgt hat. Schließlich haben auch Weltbank und FAO mit mehreren Partnern ein "African Stockpiles Program“ aufgelegt, das über zwei Jahrzehnte Afrika von Altpestiziden säubern soll.

Wichtiger als die Entsorgung der Altlasten sei jedoch der sachgerechte Umgang mit Pestizidlagern, so GTZ-Mann Dreyer. Auch der Bau von Krematorien oder Müllverbrennungsanlagen vorort sollte mehr vorangetrieben werden, ebenso der Einsatz biologischen Pflanzenschutzes oder die Exportverbote einiger international geächteter Pestizide, die leider nach wie vor en masse von vielen Firmen in die Entwicklungsländer geliefert würden.

Gestaltung: Thomas Kruchem
http://oe1.orf.at/highlights/62635.html

Preisabsprachen

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Information vom 28. Juli 2006

Kartelle: Beschwerde gegen Einstellung des Verfahrens gegen BAYER-Konzern

„Argumentation der Staatsanwaltschaft Köln ermutigt Unternehmen zu kriminellem Handeln“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hat bei der Staatsanwaltschaft Köln Einspruch gegen die Einstellung des Strafverfahrens gegen den BAYER-Konzern erhoben. Axel Köhler-Schnura, Sprecher des Vereins, bezeichnete es als „Skandal, dass jeder Ladendieb für seine Taten haftbar gemacht wird, während Konzern-Verantwortliche für kriminelle Machenschaften der von ihnen geleiteten Unternehmen keine Verantwortung übernehmen müssen.“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) hatte im April gegen den BAYER-Vorstandsvorsitzenden Werner Wenning Strafanzeige wegen Veruntreuung gestellt. Die CBG wirft Wenning vor, „die anhaltende Teilnahme des Konzerns an illegalen Kartellen geduldet oder angeordnet zu haben“. BAYER war in den letzten Jahren regelmäßig der Beteiligung an Preisabsprachen mit Konkurrenz-Firmen überführt worden und zahlte Strafen in dreistelliger Millionenhöhe.

Die Staatsanwaltschaft Köln hat das Verfahren mit teilweise absurden Begründungen eingestellt. So heißt es beispielsweise, dass „bei lebensnaher Betrachtung davon auszugehen ist, dass ein weltweit agierender Konzern wie die BAYER AG letztlich durch Kartellabsprachen größere Gewinne erzielt, als wenn sie auf solche verzichten würde. (...) Es ist in Anbetracht des Umstandes, dass viele namhafte Unternehmen an den Absprachen beteiligt waren davon auszugehen, dass diese Vereinbarungen lediglich in der Absicht einer sicheren Gewinnmaximierung getroffen wurden.“

Illegale Preisabsprachen ziehen sich wie ein roter Faden durch die 140jährige Firmengeschichte. Eberhard Reinecke, Anwalt der CBG: „Es handelt sich bei den aufgeflogenen Kartellen nicht um Ausrutscher, sondern um systematische Geschäftspolitik von BAYER. Daher kann die Argumentation der Staatsanwaltschaft Köln nur als merkwürdig bezeichnet werden. Große Unternehmen werden hierdurch zu illegalen Handlungen geradezu ermutigt.“ Reinecke fordert die Politik auf, entsprechende Straftatbestände für Vorstandsmitglieder von Konzernen zu schaffen.

Zustimmung erhält die Coordination gegen BAYER-Gefahren von der EU-Wettbewerbsbehörde, die ebenfalls eine Haftung von Unternehmens-Vorständen für Kartell-Absprachen fordert. Ein Sprecher der Behörde bezeichnete die Strafanzeige gegenüber dem Verein als „hilfreich“ und „sinnvoll“.

Philipp Mimkes von der CBG: „Es ist bezeichnend, dass die EU-Wettbewerbsbehörde Ermittlungen gegen die Verantwortlichen von BAYER begrüßt, während die Staatsanwaltschaft das Verfahren mit der Begründung abweist, die Preisabsprachen hätten dem Unternehmen insgesamt genutzt. Ganz abgesehen davon, dass dies dem Rechtsempfinden des Normalbürgers zuwider läuft: die Zeche für überhöhte Preise zahlen die Verbraucher.“

Der Brief des Staatsanwalts:

Weitere Informationen finden sich auf unserer Kampagnen-Seite Kartellbetrug: Verantwortliche hinter Gitter!

Einige der Kartelle, an denen BAYER in den vergangenen Jahren beteiligt war:

· Von 1996 bis 2001 sprach der Leverkusener Konzern mit den Konkurrenten Flexsys und Crompton die Preise für Kautschuk-Chemikalien ab. Die EU-Kommission verhängte ein Bußgeld von 58,88 Mio Euro, in den USA zahlte BAYER zusätzlich 66 Mio Dollar;
· Im Herbst 2004 wurde BAYER in den USA zu einer Strafe von 33 Mio Dollar verurteilt. Zwischen 1998 und 2002 hatte sich der Konzern an einem Kartell für Polyole beteiligt;
· ebenfalls im Herbst 2004 wurde BAYER zu einer Strafe von 4,7 Mio Dollar verurteilt; hierbei ging es um Preisabsprachen beim Verkauf von Acrylonitril;
· im Oktober 2005 wurde BAYER in Portugal und Brasilien zu Kartellstrafen verurteilt. In beiden Fällen ging es um Pharmazeutika. Die Strafe in Portugal betrug rund 5 Mio Euro, die Laufzeit des Kartells dort war 2001-2004;
· in den USA hat BAYER über Jahre hinweg bei Lieferungen an die staatlichen Gesundheitsprogramme „Medicare“ und „Medicaid“ falsche Preise gemeldet. Dem Staat waren durch die Preismanipulationen jährliche Schäden von rund einer Milliarde Dollar entstanden. Den US-Behörden fielen geheime Firmen-Dokumente zu, in denen die Manipulationen als bewährte „Marketing-Instrumente“ beschrieben wurden. BAYER zahlte die Rekord-Strafe von 257 Mio Dollar;
· in Italien hat BAYER mit Konkurrenzfirmen die Preise für Diabetes-Tests abgesprochen. BAYER und vier weitere Unternehmen wurden 2003 zu Strafen von insg. 30 Mio verurteilt. Das Kartell lief von 1996 bis 2001;
· 1997 wurde die damalige BAYER-Tochter Haarmann+Reimer zu 50 Mio Dollar Strafe verurteilt, hinzu kamen Klagen von geschädigten Firmen. H+R hatte von 1991 bis 1995 den Preis für Zitronensäure mit Konkurrenten abgestimmt;
· Bereits in den 80er Jahren beteiligte sich BAYER an einem europaweiten Kartell für den Kunststoff Polyethylen. Preise und Quoten der Kartell-Teilnehmer wurden vorab exakt abgestimmt.

taz

CBG Redaktion

die tageszeitung, 24. Juli 2006

BASF, Bayer, Dow: Industrie zahlt amtliche Giftforschung

Eigentlich soll das Bundesinstitut für Risikobewertung untersuchen, wie gefährlich Chemie für Menschen ist - unabhängig von der Wirtschaft. Doch eine Mitarbeiterin veröffentlicht eine Studie über giftiges PCB, die von der Industrie gesponsert wurde

Das sieht nach einem perfiden Fall von Lobbyismus aus: „Wir danken Eurochlor, Brüssel, für die finanzielle Unterstützung“, steht unter einem Artikel im Fachmagazin Arch Toxicol. In dem Text geht es darum, wie giftig Polychlorierte Biphenyle sind - kurz PCB. Diese stecken etwa in Fugendichtungen oder in Mixern und Kühlschränken aus den 70er-Jahren. Eurochlor ist die Lobby-Organisation der europäischen Chlorindustrie. Pikant: Eine der Autoren des Textes ist Beate Ulbrich, Gift-Expertin beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Dessen Mitarbeiter sollen unabhängig sein - ohne Einfluss der Wirtschaft.

Die neutrale Forschung sei „nicht gewährleistet“, warnt Greenpeace nun in einem Brief an Andreas Hensel, den Präsidenten der Behörde. Der Artikel wurde schon 2004 veröffentlicht, den Umweltschützen fiel er aber erst jetzt auf. Sie fürchten, dass die Chemieindustrie und deren Lobbyverbände Positionen des Instituts beeinflussen.

Im Sinne des Erfinders ist das nicht: Das BfR wurde 2002 von der damaligen grünen Verbraucherministerin Renate Künast geschaffen. Der Auftrag: Die Experten sollen wissenschaftliche Antworten geben auf Fragen wie: Macht das Konservierungsmittel in Apfelsaft krank oder mindert ein Farbstoff die Potenz? Denn die Industrie wiegelt bei Gefahren häufig ab.

So verarbeitete die Bauwirtschaft Asbest zum Beispiel noch lange nachdem sich die Krebsfälle häuften. Ihr Argument: Es sei „nicht wissenschaftlich erwiesen“, dass die Fasern krank machen. Bei der BfR-Mitarbeiterin Ulbrich hört sich das nun ähnlich an.

Bisherige Studien, die bei Kindern Entwicklungsstörungen durch PCB beschreiben, so schreibt sie, wiesen „methodische Mängel“ auf. Und: Die Effekte seien bisher nicht „angemessen untersucht“. Dabei sind PCB seit langem berüchtigt. Der Kieler Toxikologe Hermann Kruse sagt: „PCB waren immer gefährlich - und bleiben es auch.“

Zum ersten Mal zeigte sich die Giftigkeit des Stoffs 1968. In einer japanischen Lebensmittelfabrik wurde Reisöl mit PCB verseucht und 2000 Menschen erlitten Hautveränderungen und schwere Organschäden. Mittlerweile gilt die Chemikalie als Krebs erregend. In Deutschland und vielen anderen Ländern dürfen PCB längst nicht mehr hergestellt werden. Trotzdem finden sie sich noch in Muttermilch. Die Vereinten Nationen zählen PCB denn auch zum „dreckigen Dutzend“, zu den zwölf besonders langlebigen und gefährlichen Umweltgiften.

Das BfR sieht die Veröffentlichung der Mitarbeiterin jedoch gelassen. Die Bürger könnten sich „auf eine sachorientierte Arbeit meines Hauses verlassen“, schrieb der BFR-Präsident zurück an Greenpeace. Und BfR-Sprecher Jürgen Kundke erklärte der taz: „Es handelt sich um eine Literaturrecherche, mit der nur eine Forschungslücke dokumentiert werden sollte.“

Zudem sei Ulbrich, als die Forschung lief, keine BfR-Mitarbeiterin gewesen. Nur: Spätestens als sie das Manuskript bei der Zeitschrift eingereicht hat, arbeitete sie schon in der Behörde - sie hat den Artikel als BfR-Mitarbeiterin unterzeichnet. Doch Kundke hat ein weiteres Argument parat: Ulbrich habe den Artikel nicht allein verfasst, sagt er. Und nur der Co-Autor habe Geld von Eurochlor bekommen.

Der Co-Autor heißt Ralf Stahlmann und ist Professor für Toxikologie an der Berliner Universitätsklinik Charité. Er sagt: „Wir haben minimale Mittel bekommen und damit für ein Jahr eine studentische Hilfskraft finanziert.“ Diese habe den „Wust von PCB-Studien“ gesichtet. Dann habe Stahlmann zusammen mit Ulbrich „nüchtern die Essenzen“ aufgeschrieben. Stahlmann: „Ich kann darin nichts Verwerfliches sehen.“

Toxikologe Kruse sieht das anders. Für ihn ist es egal, ob Eurochlor das Geld nur auf das Konto der Charité überwiesen hat: „Die BFR-Mitarbeiterin Ulbrich steht unter einem Artikel, der von der Industrie gesponsert wurde.“ VON HANNA GERSMANN

Die 41 Mitglieder von EuroChlor:

* Akzo Nobel Base Chemicals
* Albemarle
* Altair Chimica
* Anwil
* Arkema
* BASF
* Bayer
* Borregaard Industries
* BorsodChem
* CABB
* Caffaro
* CUF-Químicos Industriais
* Degussa
* Dow
* Dwory
* Electroquímica de Hernani
* Electroquímica del Noroeste
* Ercros
* Finnish Chemicals
* Hellenic Petroleum
* Hydro Polymers
* INEOS Chlor
* LII Europe
* MSSA
* Norsk Hydro
* Novácke Chemické Závody
* PCC Rokita
* Produits Chimiques d'Harbonnières
* Química del Cinca
* SF-Chem
* Solvay
* SolVin
* SPOLANA
* Spolchemie
* Syndial SpA
* Tessenderlo Chemie
* VESTOLIT
* Vinnolit
* Zachem

[Gaucho] Global 2000

CBG Redaktion

Presse-Information vom 23.7.2006
GLOBAL 2000 (Friends of the Earth Austria)

Bienenschädigendes-Pestizid darf nicht länger legal bleiben!

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 hat das Pflanzenschutz-Gift Imidacloprid bei einer Bodenuntersuchung eines Maisfeldes in der Steiermark im Bezirk Deutschlandsberg nachgewiesen. „Es ist ein Skandal, dass Imidacloprid in Österreich immer noch eingesetzt wird - und noch dazu legal! Imidacloprid wirkt nachweislich als Nervengift auf Honigbienen“, warnt Lisa Kernegger, Pestizid-Expertin von GLOBAL 2000. „Schon seit zwei Jahren ist Imidacloprid in Frankreich im Maisanbau verboten.“ GLOBAL 2000 kritisiert scharf, dass sich Landwirtschaftsminister Josef Pröll weigert, die Anwendung von Imidacloprid endlich auch in Österreich zu verbieten. Damit nicht genug, Imidacloprid wird sogar im Rahmen des geförderten Umweltprogramms ÖPUL, das wörtlich für Österreichisches Programm zur Förderung einer umweltgerechten, extensiven und den natürlichen Lebensraum schützenden Landwirtschaft steht, legal eingesetzt.

Eine in Österreich durchgeführte Studie kam bereits 2002 zu einem alarmierenden Ergebnis. Es wurde eine Reduktion der Brutaufzucht unmittelbar nach der Anwanderung des Bienenvolkes an die mit Imidacloprid gebeizten Rapsfelder beobachtet. Das hatte eine Schwächung des gesamten Bienenvolkes zur Folge. Seit einigen Jahren steht Imidacloprid im Verdacht für das Sterben von 90 Millionen Bienen in Frankreich innerhalb von 10 Jahren verantwortlich zu sein. Eine vom französischen Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie kam 2003 zu dem Ergebnis, dass Imidacloprid für das weiträumige Bienensterben mitverantwortlich ist. Daraufhin erließ Frankreich 2004 ein Verbot für Imidacloprid im Maisanbau. Dieses Verbot wurde im April dieses Jahres trotz heftiger Proteste der Erzeugerfirma Bayer erneuert. Mit einem Umsatz von über 500 Millionen Euro jährlich gehört der Wirkstoff zu den wichtigsten Bayer-Produkten (z.B. Gaucho).

GLOBAL 2000 fordert nun für Österreich dringend das Verbot aller Pestizide, die das Gift Imidacloprid enthalten. „Bienen leisten einen unschätzbaren Beitrag zu Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen. Dies darf nicht durch einzelne chemische Wirkstoffe gefährdet werden“, warnt Kernegger „Zudem besteht große Gefahr der vermehrten Verwendung von Imidacloprid durch die Zunahme des Rapsanbaus für die Biodiesel-Produktion. Davor warnen wir eindringlich. Zukünftige Probleme sind sonst vorprogrammiert. Österreich muss jetzt dem Beispiel Frankreich folgen und dieses für Bienen so gefährliche Pestizid Imidacloprid verbieten“, so Kernegger abschließend.

[WWF Thailand] Offener Brief

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
18. Juli 2006

An den WWF Deutschland
Rebstöcker Straße 55
60326 Frankfurt

„Kooperation mit BAYER beenden!“

Liebe Freundinnen und Freunde,

in einem Offenen Brief haben wir in der vorletzten Woche ein Ende der Zusammenarbeit des WWF Thailand mit dem BAYER-Konzern gefordert. Anlass für unseren Brief ist ein ausführlicher Artikel auf der website von BAYER, in dem die Arbeit der thailändischen WWF-Mitarbeiterin Tatirose Vijitpan beschrieben wird (siehe: Für die Umwelt unterwegs). Unserer Meinung nach ermöglicht diese Kooperation dem Unternehmen, sich ein grünes Deckmäntelchen überzuziehen und dadurch Berichte über gefährliche Produkte und Schadstoff-Emissionen in den Hintergrund zu drängen.

Wörtlich heißt es in unserem Schreiben an den WWF Thailand: „BAYER sponsort über 300 Umwelt- und Sozial-Projekte in aller Welt. Einige dieser Projekte mögen sinnvoll sein, andere nicht. All diesen Kooperationen aber ist gemeinsam, dass sie nicht ihrer selbst willen gestartet wurden. Sie dienen einzig und allein der Verbesserung des Images von BAYER und sind als reine Werbemaßnahmen zu betrachten. BAYER sucht solche Projekte gezielt in Bereichen aus, in denen der Konzern in der Kritik steht, um der Kritik von Umweltorganisationen und Medien zu begegnen. Gleichzeitig bekämpft das Unternehmen über seine Lobbyisten jegliche Art von Umweltgesetzgebung – vom Kyoto-Protokoll oder schärferen Pestizid-Grenzwerten bis hin zur EU-Chemikaliengesetzgebung REACH.“

Wir erinnern auch daran, dass BAYER im thailändischen Map Ta Phut eine der größten asiatischen Produktionsanlagen für Bisphenol A (BPA) unterhält. Wie der WWF in seiner Studie „Bisphenol A – a known endocrine disruptor“ hervorgehoben hat, ist die Verwendung von BPA in Alltagsprodukten wie Babyflaschen, Konservendosen oder Verpackungen nicht verantwortbar, da schon niedrigste BPA-Belastungen das menschliche Hormonsystem schädigen können. Trotzdem verharmlost BAYER als größter deutscher Hersteller die Risiken und verhindert durch politische Einflussnahme ein Verbot risikoreicher Anwendungen. Unserer Meinung nach würde ein Verbot aller Anwendungen von Bisphenol A in Produkten des täglichen Lebens mehr bringen als alle Umwelt-Projekte von BAYER zusammen.

In unserem Schreiben sprechen wir auch die Risiken der von BAYER hergestellten Pestizide an. Gemeinsam mit dem WWF Deutschland hatten wir vor vier Jahren einen Verkaufs-Stopp für alle Pestizide der Gefahrenklasse I gefordert. Dem ist BAYER als weltweit größter Hersteller von Agrochemikalien bis heute nicht nachgekommen.

Leider erhielten wir vom WWF Thailand bislang keine Antwort. Da es sich bei BAYER um ein deutsches Unternehmen handelt, möchten wir Euch daher bitten, bei Eurer Schwester-Organisation auf eine Offenlegung der Absprachen mit BAYER sowie ein Ende der Zusammenarbeit zu drängen. Über eine Antwort würden wir uns freuen.

Für den Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren,

Philipp Mimkes
Axel Köhler-Schnura

Die Antwort des WWF Thailand:

weitere Infos:
Der Offene Brief an den WWF Thailand im Wortlaut
Der Artikel auf der homepage von Bayer

CO-Leitung

CBG Redaktion

Rheinische Post, 12. Juli 2006

Monheims Bürgermeister legt sich mit Bayer an

Monheims Bürgermeister Dr. Thomas Dünchheim (CDU) geht auf Konfrontation mit dem Bayer-Konzern. Grund ist die geplante Verlegung eines Rohrleitungsbündels, mit dem die Konzern-Tochter Bayer Industry Services (BIS) zunächst Brauchwasser vom Monheimer Rheinvorland in das linksrheinische Dormagener Bayer-Werk transportieren möchte. Dünchheim: „Der Konzern will nach Gutsherrnart mit Blick auf eine unserer Meinung nach ungenügend gesicherte CO-Leitung vollendete Tatsachen schaffen.“

[Clothianidin] Zulassung von Clothianidin: Offener Brief von Manfred Hederer, Präsident des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes

CBG Redaktion

Utting, 06.07.2006

Herrn Dr. H.-G. Nolting
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
Messeweg 11/12
38104 Braunschweig

Neuer insektizider Wirkstoff „Clothianidin“

Sehr geehrter Herr Dr. Nolting,

das BVL hat am 23.06.06 die Saatgutbeize „Elado“ der Fa. Bayer CropScience mit dem insektiziden Wirkstoff „Clothianidin“ für Raps zugelassen. Raps ist in Deutschland eine der Haupttrachten, für viele Bienenvölker und Imker insbesondere im Norden Deutschlands DIE einzige Massentracht im Jahr. Die Gefahr, die von Clothianidin für Honigbienenvölker ausgeht, wird vom Deutschen Berufsimkerverband als sehr hoch eingeschätzt.

Clothianidin ist ein Neonicotinoid und wirkt bei Insekten durch die Unterbrechung der Reizweiterleitung im Nervensystem des Schädlings. Es blockiert die Anlagerung von Acetylcholin an der Postsynaptischen Membran. Bei den Zielobjekten des Pestizids wird die Nahrungsaufnahme bereits nach kurzer Zeit eingestellt und die Insekten sterben in der Folge ab. Die hohe Wirkungsstärke führt dazu, dass die Symptome bei Blattläusen bereits 15-30 Minuten nach der Aufnahme beginnen, bei der Weißen Fliege nach 1 Stunde. Auch wenn die Insekten erst nach 24 Stunden absterben - die Störung der Nahrungsaufnahme ist unumkehrbar und die Insekten versuchen nicht mehr, in das Blatt einzudringen. Diese Wirkungsweise gilt auch bei entsprechenden Konzentrationen des Mittels für andere Insekten, z. B. die Honigbiene.

Die „oral LD 50“ von Clothianidin liegt laut Aussage der Fa. Bayer CropScience(1) bei 0,00368 µg/Biene, das entspricht 142 ppb. Im Vergleich dazu ist Imidacloprid, ebenfalls ein Neonicotinoid, mit 0,0179 µg/Biene (654 ppb) schon fast harmlos zu nennen.

Der Deutsche Berufsimkerverband ist sehr besorgt über die Auswirkungen des neu zugelassenen Beizmittels auf Bienen. Langfristige Auswirkungen dieser für Bienen „hoch giftigen“ Substanz sind nach unserem Kenntnisstand überhaupt nicht geprüft worden.

Die vorliegenden Studien der Fa. Bayer CropScience (BCS) zeigen nicht nur in unseren Augen ein schlechtes Studiendesign und oberflächliche Tests, auch die kanadische Zulassungsbehörde PMRA hat dies bemängelt: „All of the field/semi-field studies were found to be deficient in design and conduct of the studies ...“(2) Der Versuchsaufbau und die Durchführung ignorieren imkerliches Standardwissen und imkerliche Fakten und Realitäten. Sollen sie nur die Harmlosigkeit des Wirkstoffs beweisen?

Im Folgenden legen wir Ihnen unsere Bedenken detailliert dar.

Im „Ecotoxicological Profile“1 nennt BCS eine Halbwertzeit von Clothianidin von > 1 Jahr. In der Regulatory Note der kanadischen PMRA2 wird eine Halbwertszeit von bis zu 990 Tagen festgestellt, die United States Environmental Protection Agency nennt im ‚Pesticide Fact Sheet‘(3) eine Halbwertszeit von bis zu 1.155 Tagen. Das New York State Department of Environmmental Conservation, Bureau of Pesticides Management(4), stellte an einem Versuchsstandort nach 25 Monaten einen so minimalen Abbau von Clothianidin im Boden fest, dass die Berechnung einer Halbwertszeit nicht möglich war!

Es handelt sich also um Halbwertszeiten von u. U. deutlich über drei Jahr und somit besteht die Gefahr der Kumulation der Clothianidinwerte im Boden durch aufeinanderfolgende Kulturen, die mit Clothianidin gebeizt oder behandelt werden. Auch die PMRA sieht diese Gefahren „... Clothianidin is very persistent in soil, with high carry-over of residues to the next growing season. Clothianidin is also mobile in soil.“

Mittlerweile ist Clothianidin in Deutschland zugelassen für Kartoffeln, Mais, Zucker- und Futterrüben, Getreide und Raps, so dass sich die Pestizidrückstände im Boden jedes Jahr trotz Fruchtfolge ohne Pause aufaddieren können. Durch seine gute Wasserlöslichkeit kann Clothianidin sich sehr gut im Boden bewegen und könnte z. B. in Bodensenken zu deutlich höheren Konzentrationen im Boden führen als im Labor bei einmaliger Anwendung gemessen.

Die laut Bayer CropScience genannte maximale Aufwandsmenge von 125 ml(5) „Elado“ pro ha wird bei einer Saatgutausbringung laut der maximal empfohlenen Menge der Saatguthersteller, z. B. der Fa. Rapool Ring Gmbh, Isernhagen, mit dann u. U. > 200 ml/ha deutlich überschritten. Schon hier kommt es zu einer höheren Konzentration von Clothianidin als in den Studien zugrundegelegt.

In diesem Zusammenhang ist auch auf die Saatgutbeize „Cruiser OSR“ von Syngenta hinzuweisen. Der wirksame Metabolit des darin enthaltenen Stoffes „Thiometoxam“ ist „Clothianidin“, so dass eine Fruchtfolge mit Cruiser-gebeiztem Saatgut sich gleichfalls steigernd auf die Clothianidin-Rückstände im Boden auswirkt.(6)

Die Fa. Bayer CropScience führt in ihrem Ecotoxicology Profile insgesamt 11 Feldversuche an, um die Ungefährlichkeit von Clothianidin für Honigbienen zu beweisen. Diese Versuche wurden in folgenden Kulturen durchgeführt: Sommer-Raps, Sonnenblumen und Mais. Diese drei Feldfrüchte blühen erst spät im Sommer (Juli, August). Versuche mit Bienenvölkern zur Risikoabschätzung der Auswirkungen auf das Volk lassen aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen zwischen Winter-Raps und den Versuchskulturen keine Rückschlüsse auf die Verträglichkeit von Clothianidin beim Einsatz auf Winter-Raps zu.

Winter-Raps blüht je nach Lage Ende April - Juni und ist somit für die Bienenvölker in Deutschland die erste große Tracht und die erste Möglichkeit, Vorräte an Pollen und Nektar für den Rest der Saison anzulegen. Bei Versuchen auf kanadischem und US-amerikanischem Sommer-Raps, der im Juli blüht, hatten die Völker bereits größere

Pollenvorräte, auf die sie zurückgreifen können. Sonnenblumen und Mais blühen noch später und sind - neben den bereits vorhandenen Pollen-Vorräten - für Honigbienen längst nicht so attraktiv wie Raps.

Bei allen Untersuchungen an Sommer-Raps wurden lt. BCS Clothianidinwerte von unter 10 ppb in Nektar und Pollen gefunden. Diese Mengen stellen kurzfristig keine negative Beeinflussung für das Bienenvolk dar, stellt BCS fest. Fütterungsversuche über wenige Tage an kleinen und kleinsten Bienenvölkchen, die auf unbelastete Vorräte in ihren Waben zugreifen können, sind in keinster Weise aussagefähig.

Fütterung mit ‚belastetem Pollen + unbelastetem Nektar‘ oder ‚unbelastetem Pollen + belastetem Nektar‘ entsprechen nicht der Realität.

Auch die zwei Feldstudien in Kanada und USA(7) sind schon vom Studien-Aufbau her unrealistisch und können daher keine für die Auswirkungen auf die Honigbienen in Deutschland aussagekräftigen Daten liefern.

Bei den Testflächen handelte es sich um 1 ha große Sommer-Raps-Felder. Es wurden Wirtschaftsvölker mit einem Brutraum und zwei Honigräumen bzw. zwei Bruträumen + Honigräume eingesetzt. Die bereits geschlüpften Bienen, die die Arbeiten im Stock und beim Sammeln von Nektar und Pollen leisten, waren ohne Clothianidin-Einfluss aufgezogen und unbelastet. Die bereits verdeckelte Brut in den Waben war noch unbelastet aufgezogen worden. Das Volk hatte aus den vorherigen Trachten um diese Jahreszeit reichlich unbelasteten Pollenvorrat in den Waben, so dass die Ernährung der sich während der Rapsblüte entwickelnden Larven nicht ausschließlich mit belastetem Raps-Pollen erfolgen musste, sondern die Bienen die Möglichkeit hatten, aus verschiedenen Pollen eine ausgeglichene Eiweiß-Nahrung für ihre Larven zusammenzustellen.

Das Experiment endete nach Ende der Rapsblüte. Bei Gewichtsvergleichen zwischen Versuchs- und Kontrollvölkern stellt man keinen Unterschied fest. Wie auch? Gesunde Bienen haben in beiden Gruppen reichlich gesammelt und brachten normale Honigerträge.

Übrigens haben sich die Bienen nicht an die Aufgabenstellung der Untersuchung gehalten. Obwohl die Rapsfelder in einer Agrarwüste aus Mais, Sojabohnen und Erbsen angelegt wurden, die zur Zeit des Experiments nicht blühten, mussten die Pollenproben sortiert werden, um ausreichend Rapspollen für Laboruntersuchungen zu erhalten: „However, beause the colonies collected a variety of pollens from different plants, the pollens were later sorted in the lab by color (while still frozen), and were compared to representative color samples of pollen collected on bees specifically visiting canola. Samples of the same color were analyzed using standard pollen analysis techniques in our lab to identify the pollen to genus. Only pollen from the genus Brassica, presumed to be solely from canola blossoms was sent for analysis.” Es liegen keine Informationen vor, wie weit die nächsten Rapsfelder von der 100 x 100 m großen Versuchsfläche, auf denen nur zwischen 25 % - 60 % der Rapspflanzen aufliefen, entfernt waren. Jedes Versuchsfeld war mit 4 Wirtschaftsvölkern bestückt.

Wie kann man mit dieser Datengrundlage eine Aussage über die Einwirkung von Clothianidin auf Bienen bzw. ganze Bienenvölker treffen?

Die Leistung des Bienenvolks, gemessen in Honigernte, wurde durch von Clothianidin weitgehend unbeeinflussten Bienen erbracht.

Zur Beurteilung der Mortalität der Arbeitsbienen durch Clothianidin wurde ein weißes Tuch von 10 m² vor den vier Wirtschaftsvölkern ausgebreitet.

Die Anzahl toter Bienen auf einem weißen Tuch vor dem Bienenstock hat nichts mit der tatsächlichen Zahl der pro Tag sterbenden Bienen zu tun. Honigbienen verlassen ihren Stock und sterben weit weg von ihrem Zuhause, um ihr Volk nicht zu gefährden: hierbei handelt es sich um imkerliches Grundwissen. Sollte eine Biene im Bienenstock sterben, wird eine Arbeiterin sie mehrere Meter weit vom Stock in jede beliebige Richtung wegfliegen, bevor sie die tote Biene genauso wie anderen Abfall weit weg vom Stock fallen lässt - sicherlich nicht einen oder zwei Meter direkt vor dem Flugloch! Die Totenfallermittlung durch ein weißes Tuch vor dem Flugloch ist unwissenschaftlicher Humbug.

Die angelegte Brutfläche gibt keine Aussage zu den Effekten von Clothianidin auf das Bienenvolk. Die Königin wird ausschließlich mit Futtersaft aus den Drüsen von jungen Arbeitsbienen gefüttert. Clothianidin lagert sich schnell und sehr fest an die Synapsen im Nervensystem an(8) und findet sich nicht im Futtersaft, die Königin wird also nicht beeinflusst und legt normal weiter.

Uns ist unverständlich, wie Bayer CropScience aus einem drei Wochen dauernden Experiment auf die ‚langfristigen Auswirkungen‘ von subletalen Dosen Clothianidins auf Honigbienenvölker schließen kann. Das Studiendesign verhinderte von vorneherein schlüssige Aussagen und lässt sich nicht auf europäische, insbesondere deutsche landwirtschaftliche Verhältnisse übertragen:

=> andere Rapskultur
=> andere Jahreszeit
=> zu kurzer Prüfungszeitraum
=> falsche Prüfparameter

Diese Untersuchungen bringen keine akzeptablen Beweise bei, dass Clothianidin für Bienen bei Anwendung als Saatgutbeize nicht gefährlich ist.

Honigbienen sind als Bestäuber von mehr als 75 % der wichtigsten Kulturpflanzen in der Landwirtschaft weltweit von unschätzbarem Wert. Um die Gefahr durch (mehr oder weniger sub-) letale Dosen von Clothianidin in der Landwirtschaft auf Bienenvölker abzuschätzen, müssten folgende Punkte überprüft werden.

Die von Bayer CropScience errechneten TERs von 15 bzw. 4 für LC50 bzw. NOEC werden von BCS als eher ungefährlich eingestuft, während Werte dieser Größenordnung lt. Prof. M. Vighi(9) als risikobehaftet zu betrachten sind. Aufgrund der ‚großzügigen Auslegung’ der Halbwertszeit von Clothianidin im Erdreich durch BCS wäre eine Neuberechnung unter entsprechender Berücksichtigung eines Zeitraums von bis zu 3,5 Jahren und Kumulationseffekte durch den ständigen Einsatz von clothianidinhaltigen Mitteln zu empfehlen, um zu einer realistischen Risikoabschätzung zu kommen.

Eine realistische Langzeit-Studie einer unabhängigen Institution zur Ermittlung der Auswirkungen von Clothianidin auf Honigbienen muss folgende Eckpunkte berücksichtigen:

=> Angemessene Feldgrößen unter Berücksichtigung des Flugradius von Honigbienen
=> Rückstandsanalyse von Clothianidin in Nektar und Pollen
=> Einfluss auf Lebensdauer einer Honigbiene
=> Einfluss auf die Volksstärke unter Berücksichtigung von Bienen und Larven
Überwinterungsfähigkeit des Volkes

Kanadische Untersuchungsergebnisse einer Langzeitstudie sind nur sehr begrenzt auf Deutschland und Europa umzusetzen. In D wird überwiegend Winterraps angebaut, der für die Bienen die erste große Tracht darstellt. Der hier gesammelte Pollen wird u. U. den ganzen Sommer über und auch im darauf folgenden Frühjahr verzehrt. Daher ist es extrem wichtig, die Auswirkung der im Pollen enthaltenen Clothianidin-Rückstände auf Bienenlarven zu kennen. Wer kann uns zusichern, dass die Bienenlarven nicht durch Clothianidin-Rückstände geschädigt werden?

Gibt es Untersuchungen über die Bruttoxizität von Clothianidin? Bereits die „Contact LD50“ und die „Oral LD50“ von Pestiziden können sich gewaltig unterscheiden. Bei der Brut-Toxizität verschiedener PSM sind zum Teil extreme Steigerungen der Giftigkeit für Bienenlarven bekannt. (10) Wie gefährlich ist Clothianidin für Honigbienen-Larven?

Die Rückstandsmengen von Clothianidin in Nektar und Pollen sollten durch Probennahme an den Pflanzen erfolgen. Bei jeder Aufnahme von Nektar in den Honigmagen der Biene könnte bereits ein Übergang von Clothianidin in die Biene erfolgen (wie bereits bei Fungiziden nachgewiesen)(11), so dass die Werte aus Nektar oder gar Honig nicht mehr dem Ausgangswert in der Pflanze entsprechen.

Aufgrund der Wirkungsweise von Clothianidin sind Wachsuntersuchungen irrelevant.

Den üblichen Flugweiten von Sammlerinnen auch im Raps muss bei der Feldgröße und der Entfernung von Prüf- und Kontroll-Feldern zueinander Rechnung getragen werden. Ein Abstand von 250 m z. B. ist bei weitem nicht ausreichend, damit sich Bienen auf ‚ihre’ Parzelle beschränken, insbesondere bei Parzellengrößen von 1 ha.

Selbst in großen durchgängigen Rapsflächen sammeln Honigbienen noch in 500 m Entfernung von ihrem Stock(12), somit ist beim Versuchsaufbau durch entsprechende Feldgrößen und -abstände bereits darauf zu achten, dass Nektar und Pollen der Kontrollfelder und der Clothianidin-gebeizten Flächen nicht vermischt werden und dadurch die Clothianidin-Werte in Nektar und Pollen ‚verwässert’ werden.

Bei der Auswertung von Rückständen in Pollen und Nektar ist darauf zu achten, dass zur Berechnung nur Pollenproben aus belasteten Feldern bewertet werden. Eine Aufblähung der Probenmenge mit unbelasteten Proben führt nur zu einer statistischen Verfälschung der Aussage.

Weitere ungeklärte Fragen, die große Auswirkungen auf den Einfluss von Clothianidin auf Honigbienen haben können, sind die generelle Pestizidbelastung der Nahrungsvorräte von Honigbienen. Heute sind bereits 87 % der von den Bienen eingetragenen Pollen durch eine Vielzahl von Insektiziden belastet(13). Welche Wechselwirkungen entstehen durch diesen Pestizid-Cocktail? Wie beeinflusst die monatelange Lagerung in Pollen die Wirkung der Pestizid-Rückstände auf die Bienen und die Bienenlarven?

Die Beurteilung der Lebensdauer einer Arbeitsbiene macht nur Sinn, wenn es sich um Arbeitsbienen handelt, die als Larven bereits in den Prüfvölkern mit Clothianidin-haltigem Pollen gefüttert wurden. Der Einsatz von Arbeitsbienen aus unbelasteten Völkern ist ohne jede Aussagekraft.

Auch die Bewertung von Königinnen macht nur Sinn, wenn es sich um Jungköniginnen handelt, die in Clothianidin ausgesetzten Völkern aufgezogen wurden und ihre langfristige Lege- und Überwinterungsfähigkeit beobachtet wird.

Die Entwicklung der Volksstärke kann nicht nur durch Schätzung der Brutflächen erfolgen. Die Anzahl Bienen muss ebenfalls abgeschätzt werden, um die Effekte von Clothianidin auf die Lebensfähigkeit der erwachsenen Bienen feststellen zu können. Wenn die normale Lebensdauer einer Arbeiterin im Sommer von 6 Wochen auf z. B. 3 Wochen verkürzt wäre, wäre die Zahl der Bienen im Volk deutlich geringer als bei einem Kontrollvolk, auch wenn die Brutflächen gleich groß wären.

Eine Überwachung und Bewertung des Totenfalls eines Volkes ist aufgrund der Tatsache, dass Bienen zum Sterben den Stock noch unter eigener Kraft verlassen, nicht verlässlich möglich.

Die Auswirkung von Clothianidin auf die Lebensdauer einer Biene ist am wichtigsten im Winter. Eine Winterbiene muss mehrere Monate alt werden können, um im Frühjahr mit der Brutpflege zu beginnen. Als Eiweissnahrung dient ihr hierbei der im Vorjahr gesammelte Pollen. Subletale Wirkungen des Pestizids können hier zum vorzeitigen Tod der Arbeiterin und letztendlich zum Dahinsiechen oder Sterben des Volkes während der trachtlosen Zeit führen.

Die von Bayer CropScience veröffentlichten Informationen beruhigen uns als Imker, die wir von der Arbeit unserer Bienen leben, in keinem Fall. Im Gegenteil, die (schlechte) Qualität der Studien schürt den Verdacht, dass Clothianidin für unsere Bienen zu einer großen Gefahr werden wird.

Unsere Völker sind bereits ohne unsere Zustimmung zu Versuchskaninchen von Bayer CropScience geworden. In 2005 wurde von der Fa. Rapool-Ring GmbH Raps-Saatgut mit Elado gebeizt und verkauft, obwohl noch keine Zulassung vorlag. In diesem Frühjahr haben knapp 100.000 ha Elado-gebeizten Raps’ geblüht und wurden von Bienenvölkern beflogen. Die Auswirkungen werden sich in den nächsten Monaten und dem kommenden Winter zeigen. Tickt hier eine Zeitbombe in unseren Bienenstöcken?

Wir sehen in Clothianidin und Thiomethoxam eine große Gefahr für die Gesundheit und das Überleben unserer Bienenvölker. Liegen Ihnen Daten vor, die unsere Bedenken zerstreuen? Ist die langfristige Gefahr abgeklärt, die Auswirkungen auf die Brut, die Wechselwirkung mit anderen Pestiziden in den Nahrungsvorräten? Wenn ja, würden wir diese Unterlagen gerne einsehen, um uns selbst davon zu überzeugen.

Wenn all diese Fragen nicht geklärt sind, fordern wir Sie auf, die Zulassung für Elado und Cruiser OSR zurückzurufen, bis die geforderten Informationen vorliegen!

Aufgrund des Gefahrenpotentials der Saatgutbeizen Elado und Cruiser OSR für Bienenvölker werden wir unsere Bedenken publik machen, damit unsere Mitglieder zumindest im nächsten Jahr entscheiden können, ob sie ihre Bienenvölker an entsprechend gebeizte Rapsfelder stellen oder nicht. Entsprechende Informationen an Landwirte werden ebenfalls erfolgen.

Mit freundlichen Grüßen
Deutscher Berufs- und Erwerbs-Imker Bund e. V.
Manfred Hederer

(1) Schmuck, R. und Keppler, J., 2003: „ Clothianidin - Exotocixological profile and risk assessment“, Pflanzenschutz-Nachrichten Bayer 56/2003 (1), 26-58

(2) Pest Management Regulatory Agency, Ottawa, Ontario, Kanada, 21.09.2004: „ Clothianidin - Poncho 600 Seed Treatment Insecticide“, Regulatory Note REG2004-06 revision

(3) United States Environmental Protection Agency, Office of Prevention, Pesticides and Toxic Substances, May 2003: Pesticide Fact Sheet „Clothianidin, Conditional Registration, May 30, 2003“

(4) New York State Department of Environmental Conservation, Division of Solid and Hazardous Materials, Bureau of Pesticides Management, Albany, New York, 16.11.05: „Withdrawl of Application for Registration of the New Product Poncho 600 which contains the New Active Ingredient Clothianidin“

(5) Elado®inkrustiertes Rapssaatgut, www.bayercropscience.de

(6) R Nauen, U Ebbinghaus-Kintscher, V L Salgado, M Kaussmann, 2003: “ Thiamethoxam is a neonicotinoid precursor converted to Clothianidin in insects and plants“, Pesticide Biochemistry and Physiology, Vol. 76, 2, 55-69

(7) C Scott-Dupree, M Spivak, 2001: The impact of GAUCHO® and TI-435 Seed-Treated Canola on Honey Bees, Apis mellifera L.

(8) R Nauen, U Ebbinghaus-Kintscher, V L Salgado, M Kaussmann, 2003: “ Thiamethoxam is a neonicotinoid precursor converted to Clothianidin in insects and plants“, Pesticide Biochemistry and Physiology, Vol. 76, 2, 55-69

(9) S Villa, M Vighi, A Finizio, G Bolchi, 2000 : Risk Assessment for Honeybees from Pesticide-Exposed Pollen, Ecotoxicology, 9, 287-297

(10) MP Chauzat, JP Faucon, AC Martel, J Lachaize, N Cougoule, M Aubert, 2006: A Survey of Pestice Residues in Pollen Loads Collected by Honey Bees in France; J Econ. Entomol. 99(2): 253-262

(11) Illies, 2006: Untersuchungen zu „Cantus“-Rückständen im Honig

(12) Stefan Mandl, Wien, Feb. 2006: Dissertation „Bestäubungsleistung der Honigbiene“

(13) MP Chauzat, JP Faucon, AC Martel, J Lachaize, N Cougoule, M Aubert, 2006: A Survey of Pestice Residues in Pollen Loads Collected by Honey Bees in France; J Econ. Entomol. 99(2): 253-262

[Editorial] STICHWORT BAYER 03/2006

CBG Redaktion

Liebe Leserinnen und Leser!

Ob in Kommissionen zur Energiepolitik oder bei den Vorbereitungen der WTO-Verhandlungen - die Lobbyisten sind in Brüssel an erster Stelle dabei. Schätzungsweise 15.000 Lobbyisten arbeiten dort, die meisten für Unternehmen, Wirtschaftsverbände und nahestehende Lobbygruppen.

Die Chemielobby hat Millionen Euro in eine Lobby- und Medienkampagne fließen lassen, um die neue Chemikalienpolitik der EU (REACH) zu verzögern und zu verwässern. Insbesondere die deutschen Unternehmen wie BAYER oder BASF und der Verband der Chemischen Industrie (VCI) engagierten sich stark. Von der Industrie finanzierte Gutachten kamen zu maßlos übertriebenen Prognosen für die Verluste der Industrie und den Abbaus von Arbeitsplätzen. Der Berichterstatter für den Binnenmarkt-Ausschuss, Hartmut Nassauer (CDU), ließ sich bei den Verhandlungen im Europaparlament direkt von Michael Lulei unterstützen, einem Experten des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Im Jahresbericht 2005 berichtet der VCI stolz, dass Nassauer seine Vorschläge weitgehend übernommen habe.

Der Öffentlichkeit bleiben solche Verbindungen oft unklar - ebenso die Auftraggeber einzelner Lobby-Agenturen oder so genannter Denkfabriken. Die „Campaign for Creativity“ für Softwarepatente gab sich beispielsweise als Kampagne von kreativen Berufen aus. In Wirklichkeit wurde sie von einer Lobby-Agentur betrieben und von Microsoft, SAP und dem Computerverband CompTIA finanziell unterstützt.

Deshalb ist es nötig, mehr Licht in den Brüsseler Lobbydschungel zu bringen. LobbyControl hat dazu jüngst den lobbykritischen Stadtführer „Lobby Planet Brüssel“ veröffentlicht und beteiligt sich an der europäischen Alliance for Lobby Transparency and Ethics Regulation (ALTER-EU). Dieses Bündnis aus über 140 Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Gewerkschaften und Wissenschaftlern engagiert sich für verpflichtende Transparenzregeln für Lobbyisten, verschärfte ethische Standards wie zum Beispiel eine Karenzzeit für Mitglieder der EU-Kommission, bevor sie als Lobbyisten arbeiten dürfen, und das Ende des privilegierten Zugangs von Lobbygruppen zu EU-Institutionen.

Die EU-Kommission bewegt sich aber nur wenig. Im Rahmen der Europäischen Transparenzinitiative (ETI) möchte sie ein freiwilliges Register für Lobbyisten einrichten - aber das ist unzureichend. Ein freiwilliger Ansatz würde nur einen trügerischen Schein von Transparenz schaffen, die schwarzen Schafe unter den Lobbyisten wie die Campaign for Creativity blieben weiter unbehelligt. Die Kommission muss Lobbyisten zur Transparenz verpflichten und darf ihnen keinen bevorzugten Zugang bieten. Bürger und die kritische Zivilgesellschaft sollten ihr das klar machen, wenn im Herbst die nächsten Schritte der Transparenzinitiative entschieden werden. Außerdem wird es Ende des Jahres den zweiten „Worst EU Lobbying Award“ geben - ein Negativpreis für besonders irreführende und verwerfliche Lobby-Praktiken. Der Gewinner wird über eine Online-Abstimmung ermittelt (www.eulobbyaward.org) - wir hoffen auf rege Beteiligung!

Zur Person
Ulrich Müller, Politikwissenschaftler, ist im Vorstand von LobbyControl aktiv, einer neuen Initiative für Transparenz und Demokratie. Mehr Infos unter www.lobbycontrol.de.

[WWF] STICHWORT BAYER 03/2006

CBG Redaktion

WWF ermöglicht „Greenwashing“

Von BAYER vor den Karren gespannt

„Für die Umwelt unterwegs“ heißt das Portrait der Thailänderin Tatirose Vijitpan, einer „engagierten Vertreterin des Umweltschutzes, die als Expertin der Umweltorganisation WWF ihre Landsleute sensibilisiert“. Erschienen ist der rührige Artikel auf der homepage von BAYER – in der Sektion „Gesellschaftliche Verantwortung“. Der WWF will von einer Kooperation mit BAYER nichts wissen, geht gegen die Veröffentlichung jedoch nicht vor.

von Philipp Mimkes

Tatirose Vijitpan muss man sich als engagierten Menschen vorstellen: „Als kleines Mädchen wanderte sie oft mit ihren Eltern durch die Naturparks Thailands und lernte den natürlichen Reichtum ihrer Heimat kennen und lieben. Als in Thailand nur wenige von Umweltschutz sprachen, trennten die Eltern bereits ihren Müll. Dieses Verhalten schuf in ihr das Bewusstsein, dass Natur geschützt werden muss. Ihr Entschluss, an der Thammasat Universität Umweltwissenschaften zu studieren, war deshalb ein folgerichtiger Schritt. Als eine der Besten ihres Jahrgangs schloss sie Ende 2003 ihr Studium ab. Unmittelbar danach stellt sie der WWF ein.“ Dort arbeitet Vijitpan heute in der Abteilung Energie und Klima.

Das ausführliche Portrait der jungen Frau findet sich jedoch nicht – wie man erwarten würde - in einer Publikation des WWF, sondern auf der website des BAYER-Konzerns. Berührungsängste hat Vijitpan keine, in den Text sind zahlreiche Zitate und Fotos von ihr eingestreut.

Dabei gäbe es gute Gründe für die WWF-Mitarbeiterin, größtmögliche Distanz zum deutschen Chemie-Konzern zu wahren. So betreibt BAYER in Thailand eine der größten Produktionsanlagen für Bisphenol A (BPA) weltweit. Wie der WWF selbst in seiner Studie „Bisphenol A – a known endocrine disruptor“ hervorgehoben hat, ist die Verwendung von BPA in Alltagsprodukten wie Babyflaschen, Konservendosen oder Verpackungen nicht verantwortbar, da schon niedrigste Belastungen das menschliche Hormonsystem schädigen können. Trotzdem verharmlost BAYER als größter europäischer BPA-Hersteller die Risiken und verhindert durch politische Einflussnahme ein Verbot gefährlicher Anwendungen. Auch gegen die Produktion hochtoxischer und umweltschädigender Pestizide hat sich der WWF stets stark gemacht. Gemeinsam mit der Coordination gegen BAYER-Gefahren forderte der WWF Deutschland vor vier Jahren den Leverkusener Konzern auf, alle Pestizide der obersten Gefahrenklasse vom Markt zu nehmen. Dem ist BAYER als weltweit größter Hersteller von Agrochemikalien jedoch bis heute nicht nachgekommen.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) schrieb daher Anfang Juli einen Offenen Brief an die thailändische Sektion des WWF und forderte den Umweltverband auf, die Zusammenarbeit mit dem Leverkusener Konzern einzustellen. Nach Ansicht der CBG erlaubt die Kooperation dem Unternehmen, sich ein „grünes Deckmäntelchen“ überzuziehen und dadurch Berichte über gefährliche Produkte und Schadstoff-Emissionen in den Hintergrund zu drängen. BAYER startete in den vergangenen Jahren mehr als hundert Kooperationen und Projekte im Umweltbereich. Hierdurch soll der Kritik von Umweltorganisationen und Medien schon im Vorfeld begegnet werden. Dies ändert aber nichts daran, dass das Unternehmen gleichzeitig über seine Lobbyisten jegliche Art von Umweltgesetzgebung bekämpft – sei es das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz, die neuen EU-Gesetze zur Chemikaliensicherheit oder geplante Verbote von Pestiziden.

Dr. Sitanon Jesdapipat, Direktor des WWF Thailand, bedankte sich für die Initiative der CBG. Die Veröffentlichung auf der website von BAYER habe, so Jesdapipat, die Faktenlage verdreht und das öffentliche Vertrauen in den WWF beschädigt. Tatirose Vijitpan habe vor ihrer Zeit beim WWF an einem Austausch-Programm von BAYER teilgenommen; das Portrait sei zustande gekommen, ohne dass es eine formale Zusammenarbeit mit dem WWF gegeben hätte. Jesdapipat schließt eine solche Kooperation wegen „starker Zweifel an der ökologischen Integrität“ von BAYER auch für die Zukunft strikt aus. Mehr noch: Tatirose Vijitpan sei von BAYER ausgenutzt worden, der WWF betrachte die Vorgehensweise von BAYER als unzulässig. Dr. Jesdapipat werde das Problem daher im internationalen WWF-Verbund diskutieren, damit sich ähnliche Fälle nicht wiederholten. Eine Kopie des Briefes erhielt die BAYER-Zentrale in Leverkusen.

Trotz dieser klaren Worte bleibt unklar, ob der WWF Thailand im Vorfeld über die Veröffentlichung informiert war. Kaum vorstellbar, dass Frau Vijitpan das Interview inklusive Foto-Termin als reine Privatangelegenheit betrachtet hat. Unverständlich ist auch, warum sich das Portrait noch vier Wochen nach Zusendung des Antwortschreibens auf der homepage von BAYER findet – ohne Vijitpans Zustimmung sollte dies kaum möglich sein.

Wie dem auch sei - die Coordination gegen BAYER-Gefahren wird auch in Zukunft darauf hinweisen, dass die von BAYER gestarteten Umwelt- und Sozialprojekte teilweise sinnvoll sein mögen, jedoch ausnahmslos aus Publicitygründen gestartet werden. Somit kann das Unternehmen kritischen Anfragen von Journalisten oder engagierten Privatpersonen routinemäßig mit Verweisen auf die Kooperation mit den Vereinten Nationen oder anderen „glaubwürdigen“ Partnern begegnen. Allein aus diesem Grund ist für BAYER eine Kooperation, oder auch nur der Anschein einer Kooperation, mit dem WWF wertvoll.

Das vorgebliche Engagement ist nichts weiter ist als ein Bestandteil des Konzern-Marketings ohne reale umweltpolitische Konsequenzen. Die Öffentlichkeit und insbesondere die Umweltbewegung ist daher gut beraten, diese Aktivitäten als Ablenkungsmanöver zu enttarnen und auf wirkungsvollen Umweltschutz zu beharren. Dieser ist aber weder zum Nulltarif noch durch goodwill-Projekte oder freiwillige Selbstverpflichtungen zu haben.

[Nanotech] STICHWORT BAYER 03/2006

CBG Redaktion

Nanotechnik: kleine Teile, große Gefahr

BAYERs neue Risikotechnologie

Der Leverkusener Multi will mal wieder hoch hinaus und mittels der Nanotechnologie Gott spielen. „Wenn wir lernen, Materialien bis in die atomare Ebene hinein zu verändern, dann können wir neue Wirkungen erzielen, Eigenschaften optimieren und dadurch völlig neue Möglichkeiten für alle Geschäftsfelder unseres Unternehmens eröffnen“, frohlockte im Jahr 2003 der damaliger Forschungsvorstand Udo Oels. Was dem Konzern im Bereich der Gentechnik schon an Mikro-Manipulationen gelang, vollbringt er inzwischen auch auf dem neuen Gebiet - mit ähnlichen Risiken und Nebenwirkungen.

Von Jan Pehrke

Die Nanotechnologie beflügelt zurzeit die Fantasien der ForscherInnen wie kaum eine andere Disziplin. Nasa-WissenschaftlerInnen träumen von einer Art Himmelsleiter - einen aus Nanoteilchen zusammengesetzten Fahrstuhl zum Weltall. Andere halluzinieren sich mittels „atomarer Fertigung“ selbst generierende Maschinen, und ein Allheilmittel gegen Krebs soll bei dem Ganzen auch mal wieder abfallen. Visionen sind halt unverzichtbar, wenn es gilt, Gelder zu akquirieren.

Die Nano-Realität sieht weit profaner aus. Sie besteht bei BAYER im Wesentlichen darin, mittels der winzigen Nano-Partikel die Eigenschaften von Materialien zu verändern. So brachten Konzern-TüftlerInnen auf der Oberfläche von Leder kleine Duftkapseln an, die dem Stoff wieder zu dem typischen Geruch verhelfen, den die industrielle Bearbeitung ihm genommen hat. Eine andere Abteilung will Kunststoffen durch die Einarbeitung von Nanoröhrchen aus Kohlenstoff zu mehr Härte und Leitfähigkeit verhelfen. Und Folien made by BAYER halten jetzt dank luftabhaltender Nanopartikel industriell produzierte Lebensmittel frischer.

Dafür haben die ForscherInnen sich den Sauerstoff-Molekülen in den Weg stellende Schichtsilikat-Teilchen von der Größe einiger Nanometer in eine Folie aus Durethan-Kunststoff eingeschleust. Damit erreichen sie gerade eine Ausdehnung von ein paar Millionstel Millimeter - nicht von ungefähr leitet sich der Begriff „Nano“ vom griechischen Wort für „Zwerg“ her. Und in dieser Miniaturwelt herrschen ganz andere Gesetze als in der großen, weiten. Da die Nanoteilchen z. B. eine im Vergleich zu ihrem Volumen viel größere Oberfläche haben als ihre „Big Brothers“, sind sie kontaktfreudiger und reagieren schneller. Wie, das lässt sich allzu oft gar nicht vorhersehen. In diesen Dimensionen gelten schon die Regeln der Quantenphysik, und damit regiert der Zufall. So kann sich ein längst bekannter Stoff wieder in ein unbekanntes - und damit auch gefährliches - Wesen verwandeln. „Im Prinzip müsste man jedes Teilchen für sich charakterisieren und auf seine potenzielle Toxizität charakterisieren“, meint deshalb Wolfgang Luther vom „Bundesverband der Deutschen Industrie“.

Und das ist nach Meinung von BAYER & Co. natürlich zuviel verlangt - also geschieht gar nichts, obwohl WissenschaftlerInnen mit alarmierenden Befunden aufwarten. Texanische ForscherInnen haben die Ausbreitung von Nanoteilen im Erdreich beobachtet und vor einem Eindringen dieser in die Nahrungskette gewarnt. MedizinerInnen wiederum haben durch Kohlenstoff-Nanoröhrchen verursachte Entzündungen von Lungengewebe diagnostiziert. Mäuse, die eine hohe Konzentration dieser Röhrchen einatmeten, starben binnen 24 Stunden.

Allerdings hätten die WissenschaftlerInnen sich ihre Tierversuche sparen können. Für eine Gefahrenanalyse hätte es genügt, die Erkenntnisse aus den Feinstaub-Untersuchungen hochzurechnen, oder besser herunterzurechnen: Nanos sind 1000 mal kleiner als Feinstäube. Deshalb gelingt es ihnen noch viel besser als Ruß-Partikeln, durch die Membranen der Zellen zu schlüpfen und mit den Mitochondrien deren Energiezentren auszuschalten oder über das Blut ins Gehirn vorzudringen, was bei größeren Substanzen eine körper-eigene Schranke verhindert. Als „das nächste Asbest“ gelten Nanoteilchen deshalb schon, zumal ihr Aufbau der Faserform der Krebs erregenden Substanz gleicht. Und nicht nur die üblichen Verdächtigen schöpfen Verdacht, sondern auch große Versicherungskonzerne. „Es ist zu befürchten, dass die Nanotechnologie zur Kategorie der revolutionären Risiken mit ursächlich nachweisbarer Schadenfolge gehören wird“, heißt es in einer Studie des Unternehmens SWISS RE.

Wegen solch alarmierender Perspektiven hat es Mitte der 90er Jahre viel Protest gegen ein Werk der jetzt zum Verkauf stehenden BAYER-Tochter HC STARCK zur Herstellung von Nanopulvern aus Keramik oder Metallen gegeben. Ein Experte für gefährliche Arbeitsstoffe plädierte für einen streng kontrollierten Probebetrieb, und nicht einmal das Landesgesundheitsamt wollte Gesundheitsgefährdungen ausschließen. Trotzdem gaben die Behörden grünes Licht für die Anlage. UmweltschützerInnen klagten daraufhin, hatten aber keinen Erfolg.

Das Gericht übernahm die Position HC STARCKs, wonach von den Nano-Partikeln keinerlei Bedrohung ausgehe. „Small is beautiful“ lautet das Credo von BAYER & Co.. Ihrer Ansicht nach handelt es sich bei den Winzlingen keinesfalls um unbekannte Flugobjekte, sondern um alte Freunde. Im chemischen Sinne seien es schlicht und einfach Elemente, meinte Markus Pridöhl als Vertreter des „Verbandes der Chemischen Industrie“ im Oktober 2005 auf einer Tagung des Bundesumweltministeriums zu den Risiken der Nanotechnologie. Und wie mit denen zu verfahren sei, dazu stehe im Chemikaliengesetz alles Nötige. Allenfalls ein paar zusätzliche Tests wollte er zugestehen - natürlich nur auf freiwilliger Basis. Eine 100-prozentige Sicherheitsgarantie mögen die Multis nämlich auch nicht abgeben. Der Fortschritt hat halt seinen Preis. „Eine Technik, die nicht potenziell gefährlich ist, ist auch nicht potenziell hilfreich“, so der auch von BAYER immer wieder gern zitierte Wolfgang Heckl, der als Physiker der Universität München das „Exzellenznetzwerk für Nanobiotechnologie“ leitet. Trotzdem tun die Konzerne alles, um die Gefährdungen zumindest virtuell zu depotenzieren und üben massiven Druck auf die von ihren Aufträgen abhängigen Forschungseinrichtungen aus. „Die drohen, meinen Ruf zu zerstören, wenn ich offen vor den Gefahren warne“, vertraute ein Wissenschaftler eines großen bundesdeutschen Instituts dem stern an.

Von der Politik haben er und seine Kollegen keine Rückendeckung zu erwarten. Geschlagene vier Jahre musste Harald Krug vom Forschungszentrum Karlsruhe die staatlichen Stellen bearbeiten, ehe diese ein Forschungsprojekt zu den Nano-Nebenwirkungen bewilligten. Entsprechend halbherzig geriet „NanoCare“ dann auch. Die Bundesregierung nahm nämlich BAYER & Co. mit ins Boot. Die Konzerne steuern 2,6 Millionen Euro zum 7-Millionen-Etat bei und bestimmen die Ausrichtung mit. Der Leverkusener Multi hat so seine eigenen Vorstellungen vom Kurs der Institution. „NanoCare wird wichtige Grundlagen für innovative Materialforschung legen und die verantwortungsbewusste Verwendung neuartiger Nano-Materialien unterstützen“, kündigte Dr. Harald Pielartzik als Leiter von BAYERs „Nanotechnology Working Group“ in der konzern-eigenen Propaganda-Postille direkt an. Pielartzik zufolge wollen die NanoCarer „allgemein akzeptierte Mess- und Prüfmethoden erarbeiten, mit denen sich Sicherheitsfragen zu Nano-Materialien bewerten lassen“. Und es steht zu befürchten, dass diesen gewundenen Worten die entsprechenden Taten folgen werden. Nach Maßnahmen zum vorbeugenden Gesundheitsschutz hört sich das jedenfalls nicht an.

Es steht auch einfach zuviel Geld auf dem Spiel. BAYER rechnet bis 2010 mit einem Marktvolumen von über 200 Milliarden Euro für Nano-Produkte. Die Bundesregierung betrachtet die Sache gleichfalls vornehmlich unter wirtschaftspolitischen und nicht etwa unter gesundheitspolitischen Gesichtspunkten. Als Schlüssel- und Querschnittstechnologie von großer Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland bezeichnet Forschungsministerin Annette Schavan die Nanowissenschaften und zeigt sich entsprechend spendabel. Das Programm „Nanotechnologie erobert Märkte“ bedenkt die Unternehmen jährlich mit ca. 120 Millionen Euro. HC STARCK ist es sogar schon in grauer Nano-Vorzeit gelungen, auf die Fördertöpfe zuzugreifen. 1997/98 hat das Unternehmen vom Forschungsministerium 1,5 Millionen Euro für die Entwicklung diverser Nano-Pulver erhalten. Nur Japan und die USA subventionieren ihre Wirtschaft auf diesem Sektor stärker. Da ließ es sich Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeyer im Februar des Jahres auf der „Nanotech“-Messe in Tokio auch nicht nehmen, mit dem Stand von BAYER, BASF & Co. einem der größten in der Halle persönlich seine Aufwartung zu machen. Als würde all das noch nicht reichen, zeigt sich auch die EU spendabel. Ihr neuestes Forschungsrahmenprogramm hält 3,5 Milliarden Euro für die kleinen Teile bereit. Nur eines interessiert die Geldgeber dabei kaum: die Auswirkungen auf die Gesundheit. Nach Angaben der kanadischen Umweltinitiative ETC fließt gerade mal ein Prozent des Geldregens in Verbraucherschutzprojekte.

Eine solche Investition wäre auch deshalb wichtig, weil die kleinen Teilchen sich anschicken, als Knotenpunkt einer neuen Querschnitttechnologie groß herauszukommen. „In der Nanotechnologie vereinigt sich die Nutzung von physikalischen Gesetzen, chemischen Stoffeigenschaften und biologischen Prinzipien“, schwärmt BAYERs PR-Organ Research. „NBIC“-Konvergenz nennen WissenschaftlerInnen die Fusion von Nano-, Bio-, Informations- und Neurotechnologien. Weil das Risiko-Ganze dabei mehr ist als die Summe seiner Teile, und ein großer Knall nicht auszuschließen ist, bezeichnet ETC die unheilige Allianz einfach als „BANG“, abgeleitet von den Anfangsbuchstaben der jeweiligen Ausgangsmaterialien Bits, Atome, Neuronen und Gene.

Und wie immer, wenn eine Disziplin in neue Dimensionen vorstößt, horchen die Militärs auf. Das US-amerikanische Verteidigungsministerium steckt hohe Summen in die Nanoforschung, und auch bundesdeutsche Strategen beschäftigen sich mit den Winzlingen. Schon 2001 widmete sich die „Bundesakademie für Sicherheitspolitik“ den wehrtechnischen Aspekten der Nano-Teilchen.

Die kühnsten Generäle fantasieren bereits ferngesteuerte Kampfroboter herbei. Etwas Bodenständigere warten auf eine neue Generation von Kampfstoffen. „Es könnte sich ein Missbrauchspotenzial ziviler Nanomedizin entwickeln“, meint etwa Matthias Grüne vom „Fraunhofer Institut Naturwissenschaftliche Trendanalysen“ und verweist auf die Gefahr, bislang bei Kontakt zu Sauerstoff vergehende Substanzen durch Nano-Partikel zu stabilisieren und so zu Waffen zu machen.

Die Realo-Krieger hingegen setzen erst einmal auf mittels Nano veränderte Materialeigenschaften, die Flugzeuge leichter, wendiger und unabhängiger vom Kraftstoff-Vorrat machen oder Munition noch härter als Kruppstahl. Als Rohstoff-Lieferant hierfür kommt nicht zuletzt die BAYER-Tochter HC STARCK in Frage, die bisher schon viel mit den Waffenschmieden kooperiert und ihnen beispielsweise fast die Hälfte der Produktion des eine extrem hohe Dichte aufweisenden Wolframs verkauft.

Aber selbst bei den nano-getunten Produkten hapert es einstweilen noch. Die auch in BAYER-Laboren gefertigten Nano-Röhrchen aus Kohlenstoff haben bislang nämlich die Erwartungen nicht erfüllt. Hatte deren Entdecker Richard Smalley einst prophezeit: „Kohlenstoff-Nanoröhrchen könnten für die Zukunft der Menschheit Wunder wirken“, so kündigten Unternehmen wie DEGUSSA an, sie bald schon wieder auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Die kleinen Teile erhöhen zwar wirklich die Leitfähigkeit und Härte von Kunststoffen, aber das tut Ruß bzw. Glasfaser auch - und zwar viel billiger.

„Was zurzeit einer breiten Anwendung im Wege steht, ist der Preis“, meint denn auch Leslaw Mleczko von BAYER INDUSTRY SERVICES. Ob es dem Leverkusener Multi gelingt, ihn durch ein neu entwickeltes kostengünstiges Produktionsverfahren zu senken, bleibt abzuwarten.

In manchen Bereichen gibt es die Nanos sogar schon kostengünstig, was den Multis aber ebenfalls einiges Kopfzerbrechen bereitet. Wenn BAYER & Co. sämtliche Fenster der Republik mit Titandioxid, dem Nano-Partikel Reinigungskraft verleihen, bestücken würden, hätten sie gerade mal eine halbe Million Euro in der Kasse, rechneten die Chemie-Arbeitgeber in ihren Blättern für Vorgesetzte vor. Sie geben den Konzernen deshalb den Rat, sich mehr Glieder der Wertschöpfungskette einzuverleiben und sich z. B. gleich als Fenstermacher zu versuchen.

Welche Entwicklung die Nanotechnologie nehmen wird, ist also noch unklar. Nur über eines besteht kein Zweifel. „Sicher ist heute, dass es ein Risiko-Potenzial gibt“, so Peter Wiedemann vom Forschungszentrum Jülich.

Nano - made by BAYER

- Duftkapseln für Lederwaren
- Farbstoffe aus Nanophosphoren zur medizinischen Diagnostik
- Sauerstoffabweisende Folien für Lebensmittel
- Härterer und leitfähigerer Kunststoff mittels Kohlenstoff-Nanoröhrchen
- Nano-Polierpasten zur Glättung von Speicherchips
- Schmutzabweisende Kontaktlinsen (mit PLASMA-CHEM)
- Schmutzabweisende und kratzfeste Windschutzscheiben (mit Leibniz-Institut für Neue Materialien)
- keramische und metallische Nanopulver
- Kooperationsvertrag mit NANOGATE

[Steuern] STICHWORT BAYER 03/2006

CBG Redaktion

Unternehmenssteuerreform: BAYER & Co. sahnen ab

Nach der Unternehmenssteuerreform ist vor der Unternehmenssteuerreform: Obwohl das von BAYERs ehemaligem Finanzchef Heribert Zitzelsberger im Jahr 2001 konzipierte Gesetzeswerk trotz Milliarden-Entlastungen für die Konzerne keinen einzigen Arbeitsplatz geschaffen hat, will Peer Steinbrück jetzt noch einmal nachlegen.

Von Jan Pehrke

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte die Bundesrepublik vor einiger Zeit zu einem „Sanierungsfall“. Allerdings reicht das Geld noch, um diejenigen zu sanieren, die es am wenigsten nötig haben: die großen Konzerne. Peer Steinbrück will die durchschnittliche Abgabenlast der Unternehmen von 39 auf 29 Prozent senken und ihnen so sechs bis zehn Milliarden Euro schenken. Als ein „klares Signal“ für Investitionen, ohne die keine Arbeitsplätze entstünden, bezeichnet einer seiner Mitarbeiter diese Maßnahme. Ein ebenso deutliches Zeichen hatten die PolitikerInnen im Jahr 2001 von der letzten großen Schenkungsaktion erwartet, die unter der Federführung von BAYERs ehemaligem Finanzchef Heribert Zitzelsberger entstand. Aber die Unternehmen verstanden es nicht und zeigten sich undankbar. Sie trieben vom Fiskus zwar sofort die sogar rückwirkend geltenden Ermäßigungen ein, als sie 2002 über Los kamen - allein BAYER erhielt 250 Millionen Euro Körperschaftssteuer zurück - und freuten sich über die neuen Tarife, schufen aber keinen einzigen neuen Arbeitsplatz. Die neuerliche „Reform“ also wieder mit dem Job-Argument zu begründen, stellt eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit dar.

Schon der Anlass ist fingiert. Im europäischen Vergleich liegt der bundesdeutsche Steuersatz von 40 Prozent zwar tatsächlich im Spitzenbereich - allein: Es zahlt ihn keiner! Nach einer Untersuchung des DGB beträgt die durchschnittliche Belastung von BAYER & Co. gerade mal 15 bis 20 Prozent. Die Konzerne beherrschen die Kunst, sich arm zu rechnen, nämlich meisterhaft. Zwischen dem tatsächlich erwirtschafteten und dem versteuerten Plus klafft eine Riesenlücke. Das Bundesfinanzministerium ermittelte zwischen den in der „Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ ausgewiesenen und den den Finanzämtern angegebenen Gewinnen eine Differenz von 65 Milliarden Euro. Bei den so genannten „Gewinnen vor Steuern“ handelt es sich deshalb nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Lorenz Jarass nur um „eine fiktive Größe“. Auch die realen Erträge konnten die BeamtInnen nicht genau ermitteln. Dem Staat, der sonst mit Bienenfleiß alle möglichen Daten der BürgerInnen zusammenträgt, fehlt hier verlässliches Zahlenmaterial. Als die EU Angaben zur Steuersituation in der Bundesrepublik abforderte, sahen sich die Behörden noch nicht einmal in der Lage, verlässliche Schätzungen über die von den Unternehmen eingefahrene Ernte zu liefern.

Um Steuer-Fiktion und -Wirklichkeit einander wieder ein wenig anzugleichen, will Steinbrück im Gegenzug zu den Entlastungen einige Steuerschlupflöcher schließen und auf diese Weise die Kosten der „Reform“ für den Staat auf sechs Milliarden Euro begrenzen. Allein drei Milliarden Euro an Rückflüssen erhofft er sich davon, Schuldzinsen und Leasinggebühren künftig teilweise gewerbesteuerpflichtig zu machen. Die Unternehmen haben in der Vergangenheit ihren Eigenkapitalanteil kräftig heruntergefahren und Investitionen durch Geld finanziert, das sie sich bei Banken oder eigenen Tochterunternehmen im Ausland geliehen haben. Die dafür nötigen Zinszahlungen haben sie dann in der Bundesrepublik von ihren Gewinnen abgezogen. Was Steinbrück „Verschiebebahnhöfe“ nennt, heißt im Fachjargon „Verlust von Steuersubstrat durch Fremdfinanzierung“. Der Leverkusener Multi, dessen Eigenkapitalanteil vom 1999er-Höchststand „48,5 Prozent“ auf 30,4 Prozent im letzten Geschäftsjahr schrumpfte, konnte seine Steuerlast durch 341 Millionen Euro an Zinsverpflichtungen drücken.

Deshalb laufen die Multis auch Sturm gegen die so genannte Substanzbesteuerung. Die Finanzvorstände von BAYER und anderen Unternehmen schrieben in der Sache einen Brandbrief an Peer Steinbrück. BDI-Präsident Jürgen Thumann sprach derweil im Juni bei Angela Merkel vor und meldete anschließend Vollzug. Die Substanzbesteuerung sei so gut wie vom Tisch, teilte Thumann nach dem Gespräch der Presse mit. Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben schon signalisiert, eine solche Regelung im Bundesrat keinesfalls mitzutragen.

Auch mit anderen Posten von Steinbrücks Gegenfinanzierungsmodell sieht es nicht allzu gut aus. Als reinen „Hoffnungswert“ bezeichnete die Zeit die 3,5 Milliarden, die der Finanzminister durch die „Repatriierung“ bislang im Ausland versteuerter Einnahmen eingeplant hat. Aus diesem Grund wird für BAYER & Co. wohl ein wenig mehr abfallen als die vom Finanzministerium veranschlagten sechs Milliarden. Die Bundeskanzlerin spricht jedenfalls vorsorglich schon von bis zu zehn Milliarden.

Bis in die CDU hinein erhebt sich Protest gegen das Vorhaben. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers bezeichnete es als Lebenlüge der CDU, an die arbeitsplatzschaffende Wirkung von Unternehmenssteuersenkungen zu glauben. Und der SPD-Politiker Florian Prohold mahnte, es dürfe nicht sein, dass „den Unternehmen die Sparopfer der Steuerzahler in den Hintern geschoben werden.“ Zehn sozialdemokratische Landtagsfraktionen teilten Steinbrück ihre Ablehnung seiner Reformpläne schriftlich mit. Sogar die EU erhebt Bedenken. Nach der Rechnung von Währungskommissar Joaquin Almunia gefährden die an die großen Kapitalgesellschaften verteilten Wohltaten die Einhaltung des Stabilitätspakts, zu der sich die Bundesrepublik vertraglich verpflichtet hat.

BAYER & Co. hätten hingegen gern noch ein wenig Nachschlag. Ihre Wunschliste reicht von der attraktiveren Besteuerung von Gewinnen und Verlusten innerhalb einer Unternehmensgruppe bis zur völligen Abschaffung der Gewerbesteuer.

[Ticker 03/2006] STICHWORT BAYER 03/2006 – Ticker

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

GAUCHO-Kampagne in Kanada
BAYERs Saatgutbehandlungsmittel GAUCHO mit dem Wirkstoff Imidacloprid ist für ein Bienensterben in großem Ausmaß verantwortlich und deshalb in Frankreich schon mit Anwendungseinschränkungen belegt. Die COALITION FOR A HEALTHY OTTAWA hat jetzt wegen dieser „Risiken und Nebenwirkungen“ in Kanada eine Kampagne gegen das Pestizid gestartet.

GLOBAL 2000 für GAUCHO-Verbot
Frankreich untersagte im Jahr 2004 die Ausbringung des BAYER-Pestizids GAUCHO mit dem Wirkstoff Imidacloprid auf Sonnenblumen- und Maisfeldern, nachdem eine Studie die Agrochemikalie für den Tod von 90 Milliarden Bienen innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren verantwortlich gemacht hatte. Auch eine Untersuchung aus Österreich wies die Bienengefährlichkeit des Mittels nach. Deshalb fordert die alpenländische Umweltschutzgruppe GLOBAL 2000 nun ein Verbot des Ackergiftes. „Es ist ein Skandal, dass Imidacloprid in Österreich immer noch eingesetzt wird - und noch dazu legal! Imidacloprid wirkt nachweislich als Nervengift auf Honigbienen“, protestierte Lisa Kernegger im Namen der Initiative.

Kampagne gegen BAYERs Genreis
BAYER hat für den gentechnisch manipulierten Reis LL 601, der in den USA auf herkömmliche Sorten übergriff und deshalb Schlagzeilen machte (siehe GENE & KLONE), in Südafrika eine Importgenehmigung beantragt, obwohl das Land ein Gentech-Moratorium verhängt hat. Die Initiative AFRICAN CENTRE FOR BIOSAFETY fordert eine Ablehnung des BAYER-Begehrs und machte bei den Behörden eine entsprechende Eingabe.

SPD: Mehr ausbilden!
Lehrlinge stellen in bundesdeutschen Firmen durchschnittlich sieben Prozent der Belegschaft. BAYER erreicht diese Quote jedoch nicht und befindet sich damit in der schlechten Gesellschaft der anderen großen börsennotierten Unternehmen. Die SPD hat BAYER & Co. deshalb aufgefordert, mehr Lehrstellen bereitzustellen.

MedizinerInnen gegen Schein-Innovationen
„Die Pharmaindustrie schlägt in ihrer Preispolitik erbarmungslos zu und betreibt gewaltigen Marketingaufwand. Es ist unsere Aufgabe, gegenzusteuern“, sagt Leonhard Hansen, Leiter der „Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein“. Deshalb verpflichtete die Organisation ihre Mitglieder, höchstens noch zu 30 Prozent Originalpräparate zu verschreiben und ansonsten auf Nachahmerprodukte zurückzugreifen. Zudem veröffentlichte sie eine Aufstellung mit teuren Medikamenten, die lediglich alter Wein in neuen Schläuchen sind. Gegen diese „me-too-Liste“ gingen 17 Pharma-Unternehmen gerichtlich vor. Der Leverkusener Multi trägt die Klage nicht mit, obwohl sich unter den von der Kassenärztlichen Vereinigung inkriminierten Scheininnovationen auch sein als Herz/Kreislauf-Mittel eingesetzter Kalzium-Antagonist BAYMYCARD befindet.

EU gegen BAYER & Co.?
Die österreichische Politikerin Maria Rauch-Kallat hat in ihrer Funktion als Vorsitzende des EU-Rates der GesundheitsministerInnen scharfe Kritik an BAYER & Co. geübt. Sie warf den Pillenproduzenten vor, für die EU-weite Kostenexplosion im Gesundheitssektor verantwortlich zu sein und trat für eine Reduzierung des Medikamenten-Angebotes ein. „Es ist unverständlich, dass es die Solidarsysteme der 25 Mitgliedsstaaten bisher nicht schaffen, gemeinsam gegen die Arzneimittelindustrie aufzutreten“, sagte Rauch-Kallat in der Höhle des Löwen, auf einem Kongress des „Europäischen Verbandes der Arzneihersteller“. „Ihr Vorstoß wurde bei der Konferenz in Athen mit Befremden aufgenommen“, hieß es dann auch in der Faz. Ob den Herstellern künftig beim Europäischen Pharma-Forum, das sich mit den Pillen-Preisen beschäftigt, und anderen Gelegenheiten ein schärferer Wind aus Brüssel entgegenweht, wird die Zukunft zeigen.

CBG schreibt Leserbrief
Die englische Zeitung Economist hat BAYER als positives Beispiel im Ringen um die Reduktion von Kohlendioxid-Emissionen gerühmt. Da die 60- bis 70-prozentige CO2-Drosselung des Konzerns aber mitnichten auf Investitionen in den Umweltschutz zurückgeht, sondern auf Betriebsschließungen, Verkäufe von Unternehmensteilen und ein Outsourcing der Energie-Produktion, hat die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN einen Leserbrief geschrieben, den das Blatt allerdings nicht veröffentlichte.

Oels antwortet Loske
Die Kritik der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) an BAYERs trickreichem Armrechnen in Sachen Kohlendioxid-Ausstoß bewog das grüne Bundestagsmitglied Reinhard Loske, der das Unternehmen wegen der CO2-Senkungen schon mit grünen Weihen versehen hatte, dazu, den Konzern zu einer Stellungnahme aufzufordern. In seinem Antwortschreiben räumte Udo Oels, im Konzern-Vorstand bis vor kurzem noch für Umweltpolitik zuständig, dann auch ein, dass nur die Hälfte der 60- bis 70-prozentigen CO2-Reduzierung auf Umweltschutzmaßnahmen zurückgeht. Wieviel des bei BAYER weniger ausgestoßenen Kohlendioxids auf anderen Klimarechnungen wieder auftaucht, weil der Konzern immer mehr Energie von externen Anbietern bezieht, vermochte Oels nicht zu sagen.

BAYER „rat of the week“
Seit Mitte der 80er Jahre starben Tausende Bluter an AIDS-verseuchten Blutplasma-Produkten von BAYER, weil der Konzern sich aus Profit-Gründen weigerte, die Präparate einer Hitze-Behandlung zu unterziehen. Als die US-Behörden ein solches Verfahren zur Pflicht machten, exportierte der Leverkusener Multi alte Plasma-Chargen, die er keiner solchen Prozedur unterzogen hatte, einfach nach Asien und Südamerika, wo sich dann erneut Menschen infizierten. Für dieses „Kapitalverbrechen“ zeichnete ein US-amerikanischer TV-Sender den Konzern jetzt mit dem wenig schmeichelhaften Titel „rat of the week“ aus.

KAPITAL & ARBEIT

Kansas: 100 Arbeitsplätze weg
Im Rahmen des Rationalisierungsprogramms „project renaissance“ hat BAYER in seinem Pestizidwerk am Standort Kansas 100 der 550 Arbeitsplätze vernichtet.

BIS zum bitteren Ende?
Die BASIS BETRIEBSRÄTE, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, zitieren in ihrem September-Flugblatt folgenden Satz aus der Information für BAYER-Führungskräfte: „Bei dem Vorhaben offenbarte Wenning erstmals, wie gut er es versteht, sich bietende Chancen für seine Zwecke zu nutzen. Er entsorgte nicht allein das erlahmte Chemiegeschäft, sondern zugleich 1,5 Milliarden Euro Konzernschulden sowie 40 Prozent an der Servicegesellschaft BIS“. Die Sorgen haben jetzt die Entsorgten. Bei BAYER INDUSTRY SERVICES, an dem BAYERs Chemieabspaltung 40 Prozent der Anteile hält, jagt ein Rationalisierungsprogramm das nächste. Aus dem Unterhalt der Chemieparks und dem Anbieten von Handwerks-, Werksschutz- und Umweltschutzdiensten lässt sich nunmal nicht allzuviel Kapital schlagen. Als neueste Maßnahme schlägt der Leverkusener Multi alle Abteilungen, die direkt Aufgaben für BAYER übernehmen, wieder einzelnen Konzernbereichen zu. So wandert das Postbüro zur Logistik-Sparte CHEMION, das Archiv und der Fortbildungsbereich zu BAYER BUSINESS SERVICES. Die BASIS BETRIEBSRÄTE befürchten Einkommensverluste für die Betroffenen und kritisieren, dass der Leverkusener Multi den Teilgesellschaften kostenträchtige Dienstleistungen aufbürdet, die eigentlich die Holding übernehmen müsste.

SCHERING-MitarbeiterInnen in Angst
Bei der Übernahme von SCHERING kündigte BAYER-Chef Werner Wenning die Vernichtung von 6.000 Arbeitsplätzen an. Er ließ die Beschäftigten aber im Ungewissen darüber, wie das Management sich den Kahlschlag genau vorstellt. Entsprechend verunsichert ist die ehemalige SCHERING-Belegschaft. „Frust und Unmut sind groß. Bei vielen liegen die Nerven blank“, so der Betriebsratsvorsitzende Norbert Deutschmann. Auf einer Betriebsversammlung Ende Juni, an der 2.000 MitarbeiterInnen teilnahmen, forderte er BAYER deshalb auf, endlich Klartext zu sprechen. „Die Mitarbeiter brauchen noch vor den Sommerferien Sicherheit“, forderte er. Aber der Konzern gab sie ihnen nicht. Er schloss noch nicht einmal betriebsbedingte Kündigungen aus.

LANXESS rationalisiert weiter
In jedem Quartal beschließt BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS ein neues Sanierungsprogramm. Das mittlerweile vierte will 50 Millionen Euro einsparen - vor allem bei der Kundenbelieferung und anderen Service-Einheiten. Wenn BAYERs auch für LANXESS gültige „Standortsicherungsvereinbarung“ 2007 ausläuft, soll es in den Bereichen auch zu Arbeitsplatzvernichtung kommen.

LANXESS verkauft Kunststoff-Geschäft
Der Spaltungsprozess von BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS geht munter weiter. Im Mai verkaufte das Unternehmen das Geschäft mit dem Styrol-Kunststoff SAN an BASF. Der Ludwigshafener Konzern übernahm allerdings nur die Produktvorräte, die Lizenzen und die Kundenkartei, nicht aber die Produktionsanlagen und die Beschäftigten, weshalb diese unsicheren Zeiten entgegensehen.

AGFA spaltet sich weiter auf
Die ehemalige BAYER-Tochter AGFA schrumpft immer weiter. Im Jahr 2004 stieß diese die Fotosparte ab, die dann ein Jahr später Pleite ging. Jetzt kündigte die Chefetage eine Aufspaltung: Die Bereiche „Grafik“, „Gesundheit“ und „Materialien“ sollen in Zukunft wie selbstständige Unternehmen agieren. Wie das Beispiel BAYER/LANXESS zeigt, haben solche Operationen nur den einen Zweck, die Sparten leichter abstoßen zu können.

Arbeitsplatzvernichter Nr. 2
In der Hitparade der bundesrepublikanischen Arbeitsplatzvernichter nimmt BAYER mit der im Zuge der SCHERING-Übernahme angekündigten Streichung von 6.000 Jobs den zweiten Rang ein (Stand: Ende Juli). International reicht es damit zu Platz 12.

ERSTE & DRITTE WELT

BAYER in Kuba
BAYER macht auch mit dem kommunistischen Kuba Geschäfte. „Die Kubaner sind im Schnitt das bestausgebildeste Volk Südamerikas“, lobt BAYERs Mann in Havanna, Jürgen Selter. In Bereichen wie „Biotechnologie“ und „medizinische Dienstleistungen“ sieht er das Land bereits als international konkurrenzfähig an. Sollte es nach dem Ende der Castro-Ära zu einer „pragmatischen Öffnung“ kommen, erhofft er sich weitere Wettbewerbsvorteile für den Leverkusener Multi. „Kuba ist ein Zukunftsmarkt“, meint Selter.

Entwicklungshilfe für BAYER & Co.
Seit geraumer Zeit versuchen BAYER & Co., mehr Einfluss auf die Entwicklungshilfe-Politik zu gewinnen. So bestimmten die Konzerne etwa mit, welche Länder hauptsächlich von den Zahlungen profitieren sollten. Die Unternehmen wollen aber auch selber etwas Entwicklungshilfe bekommen. Die „Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft bedauern, dass derzeit nur gerade mal 0,6 Prozent des Entwicklungshilfe-Etats in Programme fließt, an denen die deutsche Wirtschaft beteiligt ist“, meldete die Faz. Zudem forderte die Samariter AG in ihrem Positionspapier, das der Ministerin Heide Wieczorek-Zeul zuging, schon frühzeitig in die Entwicklungsplanungen einbezogen zu werden. „Wir glauben, dass wir als Unternehmen vieles besser machen können als die herkömmliche Entwicklungshilfe, denn sobald unternehmerische Eigenverantwortung im Spiel ist, ist auch der Ehrgeiz da, nachhaltig erfolgreich zu wirtschaften“, sagte der entwicklungspolitische Sprecher der deutschen Wirtschaft, Karl Starzacher.

Weltbank in Diensten von BAYER & Co.
BAYER & Co. haben es geschafft, die Weltbank in den Dienst zu nehmen, um den Globus mit der grünen Gentechnik zu beglücken. Die Finanzinstitution leistet Entwicklungshilfe für genmanipulierte Nutzpflanzen und
hat acht afrikanische Länder dazu gedungen, Baumwolle und andere Laborfrüchte von BAYER & Co. versuchsweise anzubauen.

Merkel gegen Kinderarbeit
Am 12. Juni, dem Welttag gegen Kinderarbeit, setzte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel als beherzte Streiterin für die Rechte von Kindern in Szene. Die Bundesregierung arbeite auf „die weltweite Ächtung und effektive Bekämpfung von Kinderarbeit, nicht nur in ihren schlimmsten Formen, wie Prostitution oder militärischer Einsatz, sondern auch der ausbeuterischen Beschäftigung von Kindern in Wirtschaftsbetrieben“ hin, bekundete sie. Abgesehen von solchen Sonntagsreden hat Angela Merkel allerdings bisher kein Engagement in der Sache gezeigt und etwa dem BAYER-Konzern bzw. dessen indischer Saatguttochter PROAGRO die Leviten gelesen, deren Zulieferer in der letzten Pflanzsaison 500 KinderarbeiterInnen auf ihren Feldern beschäftigten.

Indien verschärft Kinderarbeitsverbot
Indien hat das Kinderarbeitsverbot verschärft. Das Land stellt fortan nicht nicht nur die Beschäftigung von Mädchen und Jungen an gefährlichen Arbeitsplätzen unter Strafe, sondern auch das Vergeben von Jobs in Restaurants oder im Haushalt an Minderjährige. Ob die Regierung allerdings in der Lage sein wird, dem Gesetzeswerk Geltung zu verschaffen, daran zweifeln ExpertInnen. Aufgrund der extemen Armut bleibt vielen Familien nämlich keine andere Wahl, als ihre Sprößlinge arbeiten zu lassen. So dürfte auch die Ausbeutung von Kindern bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatguttochter PROAGRO bis auf weiteres ungeahndet bleiben.

Weiterer Zulieferer für PROAGRO
BAYERs indische Saatguttochter PROAGRO bezieht jetzt nicht nur von Zulieferern in Andra Pradesh, sondern auch von solchen im Bundesstaat Karnataka Saatgut. Ob damit auch die Zahl der bei den Vertraghändlern beschäftigten Kinder steigt, die sich in der vorherigen Pflanzsaison auf 500 belief, bleibt abzuwarten.

GTZ entsorgt BAYER-Müll
Großzügig von internationalen Organisationen gefördert, haben die Agromultis „als Beitrag zur Entwicklungshilfe“ Millionen Tonnen Agrochemikalien an Länder der „Dritten Welt“ geliefert - weit mehr, als die Staaten brauchen konnten. So lagern jetzt weltweit ca. 500.000 Tonnen Alt-Pestizide ungenügend gesichert in irgendwelchen Erdkuhlen oder Verschlägen. Um die Entsorgung der Altlasten von BAYER & Co. kümmern sich wiederum EntwicklungshelferInnen. Allein die bundesdeutsche „Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“ (GTZ) hat seit Anfang der 90er Jahre 4.000 Tonnen Chemie in BAYERs homeland zurückgebracht und Sondermüll-Verbrennungsanlagen zugeführt.

POLITIK & EINFLUSS

BDI will andere EU-Politik
Der „Bundesverband der Deutschen Industrie“ (BDI) hat Angela Merkel für die anstehende EU-Ratspräsidentschaft der Bundesrepublik schon mal Hausaufgaben aufgegeben. Nach Informationen von www.german-foreign-policy.com verlangen BAYER & Co. eine EU-Finanzreform, welche die Interessen der bundesdeutschen Konzerne noch besser berücksichtigt. Die Konzerne fordern unter anderem eine Kürzung der Subventionen für die Landwirtschaft. Ihnen zufolge belasten diese den EU-Haushalt über die Maßen und erschweren überdies den Handel mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten, denen an einer Öffnung des europäischen Agrarmarktes gelegen ist. Zudem tritt der Unternehmensverband für eine rasche Einbindung von Ländern wie Bulgarien, Rumänien oder der Türkei ein. Die Multis haben ein „hohes Interesse daran“, das „wirtschaftliche Potenzial der Beziehungen mit allen Nachbarländern (...) weiter zu erschließen“, heißt es in dem BDI-Papier. Auch höhere EU-Investitionen in Bildung und industrie-nahe Forschung mahnen die Kapitalgesellschaften an.

Diplomatische Wirtschaftsförderung
Für Außenminister Walter Steinmeier gehört die Außenwirtschaftsförderung zu den „Kernaufgaben der deutschen Außenpolitik“. Im Auswärtigen Amt kommt der Wirtschaftsabteilung die besondere Aufgabe zu, „der deutschen Wirtschaft den Weg auf die Auslandsmärkte“ zu erleichtern. Zu diesem Behufe brachte sie nach Informationen von www.german-foreign-policy.com am 5. September 2006 zum „Wirtschaftstag“ über 200 bundesdeutsche BotschafterInnen mit 800 VertreterInnen von BAYER & Co. zusammen. In sechs Regionalforen konnten sich die ManagerInnen an dem Tag darüber informieren, wie die Exportchancen in Asien, Afrika, den GUS-Staaten und anderswo so stehen.

Industriefreundliches Gentechnik-Gesetz
Die geplante Veränderung des Gentechnikgesetzes geschieht ganz im Sinne der Gen-Giganten. „Es werden, insbesondere bei der Haftungsregelung, Präzisierungen vorgenommen, mit denen den Befürchtungen der Industrie vor einer nicht gewollten ausweitenden Auslegung Rechnung getragen werden soll“, erklärte die Ministeriumssprecherin Marie-Luise Dittmar dem Internet-Magazin telepolis in aller Offenheit. Nach Protesten der Gentech-Industrie zogen die amtlichen VerbraucherschützerInnen das Konzept für einen von BAYER & Co. getragenen Haftungsfonds zurück, der für Schäden durch Auskreuzungen von Gentech-Pflanzen auf konventionell angebaute aufkommt. An seine Stelle tritt jetzt eine Vereinbarung der Unternehmen mit den Bauernverbänden über eventuelle Ausgleichszahlungen. Zudem gelang es den Konzernen, den justiziablen Grenzwert für Verunreinigungen auf 0,9 Prozent heraufzusetzen. LandwirtInnen nimmt das die Möglichkeit, ihre Produkte als „gentechnikfrei“ zu deklarieren, weil der Lebensmittelhandel dafür höchstens Genspuren in einer Größenordnung von 0,1 bis 0,3 Prozent akzeptiert. Die ARBEITSGEMEINSCHAFT BÄUERLICHE LANDWIRTSCHAFT (ABL) kritisierte die Pläne deshalb scharf: „0,9 Prozent sind nicht akzeptabel, da für Bäuerinnen und Bauern Vermarktungsschäden bereits unter 0,9 Prozent gegeben sind“.

BAYER macht Gentech-Gesetz
In den USA haben einige Gemeinden den Anbau gentechnisch manipulierter Pflanzen untersagt. Das konnten BAYER und die anderen Gentech-Multis nicht auf sich sitzen lassen. Sie brachten einen Gesetzesvorschlag auf den Weg, der Städten und Bezirken solch ein eigenmächtiges Handeln verbietet. Zwölf US-Bundesstaaten nahmen ihn an. Andere lehnten ihn nach Protesten von FarmerInnen, die eine Verunreinigung ihrer Ernten durch Gen-Pflanzen befürchten, ab.

Molnar im ACC-Vorstand
Der Chef von BAYER/USA, Attila Molnar, gehört seit diesem Jahr dem 10-köpfigen Vorstand des „American Chemical Council“ an, dem US-amerikanischen Gegenstück zum bundesdeutschen Lobbyclub „Verband der Chemischen Industrie“.

Schmoldt will stillhalten
Der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE-Vorsitzende und BAYER-Aufsichtsrat Hubertus Schmoldt hat Kritik an dem von den Gewerkschaften geplanten Aktionstag gegen den schwarz-roten Sozialabbau am 21. Oktober geübt. Es sei illusorisch zu glauben, die Gewerkschaften könnten die große Koalition durch Proteste aus den Angeln heben, gibt die Faz seine Worte wieder. Zudem warf er der IG METALL und VERDI vor, Politik zu Gunsten einer rot-roten Koalition zu machen und andere gesellschaftliche Gruppen als Bündnispartner gewinnen zu wollen. „Von der heimlichen Version einer ‚anderen Politik‚ bis zum Verlust der Politikfähigkeit ist es ein kurzer Weg“, so Schmoldt. Mit anderen Worten: Politikfähig ist nur der, der dasselbe will wie das Kapital. Der IG BCE-Chef plädierte einmal mehr für Abwarten und Tee trinken. An der Rente mit 67 und der Lockerung des Kündigungsschutzes gäbe es nichts mehr zu rütteln, allenfalls 2008 oder 2010 könnte die Gewerkschaft die Maßnahmen nochmal auf den Prüfstand stellen.

Schmoldt gegen Mindestlöhne
Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE macht ihrem Ruf, die konservativste Gewerkschaft der Bundesrepublik zu sein, mal wieder alle Ehre. Als einzige Arbeitnehmervertretung stimmte sie im DGB-Bundesvorstand gegen ein Mindestlohn-Konzept. Der IG BCE-Vorsitzender und BAYER-Aufsichtsrat Hubertus Schmoldt warnte, ein Mindestlohn würde zu Betriebsverlagerungen sowie zur Zunahme von Schwarzarbeit und staatlichem Einfluss führen und übernahm damit die Argumente des Unternehmerlagers.

Neue BDI-Forschungsinitiative
Der „Bundesverband der Deutschen Industrie“ (BDI) hat die Initiative „Innovationsstrategien und Wissensmanagement“ ins Leben gerufen. Im Rahmen dieser Vereinigung sollen Unternehmen künftig miteinander kooperieren und so nationale Champions bilden, um den Standort Deutschland gegen Konkurrenz aus dem Ausland zu verteidigen. Als ein Beispiel für dieses Vorgehen nannte Utz Claassen von ENBW als Vorsitzender des Innovationsvereins die Arbeitsgemeinschaft von BAYER, BOEHRINGER-INGELHEIM, MERCK und MERZ zur Erforschung von Krankheiten des Zentralen Nervensystems. Zu den „Innovationsstrategien“ des BDI-Ablegers gehört es dabei auch, den Emissionshandel mit Kohlendioxid abzulehnen und für eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten einzutreten.

Neue Schavan-Forschungsinitiative
In Berlin schießen die Forschungsallianzen zwischen Politik und Wirtschaft aus dem Boden, wobei natürlich gilt: „Keine Feier ohne BAYER“. BAYER-Chef Werner Wenning gehört Angela Merkels Beraterkreis „Rat für Innovation und Wachstum“ an (Ticker 2/06), und Helga Rübsamen-Waigmann, die Leiterin von BAYERs Antiinfektiva-Forschung, sitzt in der „Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft“. Dieses auf Initiative von Bundesforschungsministerin Andrea Schavan entstandene BeraterInnengremium will für BAYER & Co. den Umschlag von wissenschaftlichen Erkenntnissen in vermarktbare Produkte beschleunigen.

Ökosteuerreform
Ziel der Ökosteuer ist es, über den Strompreis die Gewinnung erneuerbarer Energien zu fördern. Allerdings kostet die Regelung die größten Stromfresser wie die Chemieindustrie dank ihres Extremlobbyismus‘ am wenigsten. Ab Juni 2006 können BAYER & Co. noch mehr sparen. Die rot-schwarze Koalition beschloss eine Entlastung in Höhe von 240 Millionen Euro, die sie künftig bei den Privathaushalten eintreiben will.

Günstiger Emissionshandel
Im Jahr 2005 bliesen die BAYER-Werke 3,9 Millionen Tonnen des klimaschädigenden Kohlendioxids in die Luft. In Technologie zur Reduktion des Ausstoßes braucht der Konzern künftig aber nicht zu investieren. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat den Unternehmen im Rahmen des Emissionshandels nämlich großzügige Verschmutzungsrechte eingeräumt. Die bundesdeutsche Wirtschaft, die im Jahr 2005 insgesamt 474 Tonnen CO2 produziert hat, muss ihre Emissionen bis 2007 nur um zwei Millionen Tonnen senken und im Zeitraum von 2008 bis 2012 um 15 Millionen Tonnen. Zudem begünstigt der Nationale Allokationsplan die Industrie gegenüber den Energieerzeugern. Die rot-schwarze Koalition schreibt BAYER & Co. nur eine Kohlendioxid-Minderung von 1,25 Prozent vor. Darüber hinaus weigerte sich Gabriel, die Lizenzen zum CO2-Ausstoß zu versteigern, was die Preise für die Umweltverschmutzung in die Höhe getrieben hätte.

Merkel reduziert Reduktionsziele
Der rot-grüne Umweltminister Jürgen Trittin wollte den Kohlendioxid-Ausstoß in dem Zeitraum von 1990 bis 2020 um 40 Prozent senken, sofern die anderen EU-Länder ihre Emissionen um 30 Prozent reduzieren. Von diesem Ziel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel sich nun verabschiedet, weil BAYER & Co. dann beim Emissionshandel mehr für Verschmutzungsrechte ausgeben müssten. Auch eine EU-weite Förderung der Windenergie nach bundesdeutschen Vorbild will sie während ihrer EU-Ratspräsidentschaft verhindern.

Reach: USA & Co. machen Druck
Obwohl der Extremlobbyismus von BAYER & Co. die „Reach“ genannte EU-Regelung, die den Konzernen die Untersuchung von Chemikalien auf ihre gesundheitsgefährdende Wirkung hin vorschreibt, bis zur Unkenntlichkeit abschwächte, lassen die Unternehmen nicht locker. Was ihnen in Brüssel nicht vollständig gelang, soll jetzt via Washington, Rio de Janeiro und Tokio zum Erfolg führen. Die Regierungen der USA, Brasiliens, Japans sowie neun anderer Staaten intervenierten in Sachen „Reach“ bei der Europäischen Union. Sie sehen in dem Chemikaliengesetz eine Behinderung des freien Welthandels und drohen mit einer Klage bei der Welthandelsorganisation WTO. Die Brüsseler JuristInnen schätzen die Erfolgsaussichten eines solchen Vorgehens allerdings als gering ein.

CDUler bei BAYER CROPSCIENCE
Im Juli 2006 besuchten der CDU-Bundestagsabgeordnete Jochen-Konrad Fromme und der CDU-Kreistagsabgeordnete Manfred Koch das Wolfenbütteler Werk von BAYER CROPSCIENCE.

Uhlenberg bei BAYER
Umweltschutz ist für den nordrhein-westfälischen Umweltminister Eckhard Uhlenberg nur das, was BAYER & Co. nutzt. Deshalb ließ der CDU-Politiker es sich auch nicht nehmen, ein Grußwort zur Eröffnung des Symposions „Impulse 2006 - Zukunftsfähiger Umweltschutz mit Tradition“ zu sprechen, das BAYER gemeinsam mit dem Wupperverband zum unfeierlichen Anlass von „40 Jahre Gemeinschaftsklärwerk Leverkusen-Bürrig“ ausrichtete. Eigentlich sollte die Anlage ein so hohes Alter nämlich gar nicht erreichen, da industrielles Abwasser nach einer ganz anderen Aufbereitungstechnologie verlangt als kommunales. Aber dem Leverkusener Multi gelang es durch verschiedene politische Interventionen bei der rot-grünen Vorgängerregierung, eine Ausnahmegenehmigung bis 2011 zu erhalten.

BAYER dialogisiert mit NRW-Regierung
Der nordrhein-westfälische Umweltminister Eckhard Uhlenberg verfolgt einen Schmusekurs gegenüber BAYER & Co. und hat zu diesem Behufe einen „Dialog Wirtschaft und Umwelt“ ins Leben gerufen, bei dem BAYER ein gehöriges Wort mitredet. Den Arbeitskreis „Gewässerschutz“, der gemeinsam mit denen zu Immissionsschutz, Abfall/Bodenschutz und Ressourceneffizienz künftig wohl einen Gutteil der Landesumweltpolitik bestimmen wird, leitet nämlich der BAYER-Mann Frank Andreas Schendel. Uhlenberg machte damit den Bock zum Gärtner, denn allein das Leverkusener Werk verbraucht im Jahr soviel sauberes Wasser wie die Stadt Köln, und wieviel schmutziges Wasser es produziert, verschweigt die Zentrale beharrlich.

NRW dialogisiert mit dem Bund
Die in Umweltfragen eng mit den Konzernen kooperierende NRW-Landesregierung (s. o.) macht auf Bundesebene Druck in Sachen „Gentechnikgesetz“. Das Bundesland kündigte ein Bundesratsinitiative an, um laschere Haftungsregelungen durchzusetzen, wenn Gentechpflanzen auf Felder mit konventionell angebauten Ackerfrüchten übergreifen. Nach Ansicht des „Innovations“ministers Andreas Pinkwart (FDP) schreckt die geplante Lösung vor dem Einstieg in die grüne Gentechnik ab und schadet so dem Forschungsstandort Nordrhein-Westfalen.

BAYER & Co. starten Biotech-Initiative
BAYER & Co. wollen Nordrhein-Westfalen durch eine konzertierte Aktion von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu einem führenden Biotech-Standort ausbauen. Auf einem Treffen, zu dem der „Verband der Chemischen Industrie“, das Innovationsministerium und verschiedene Biotech-Organisationen des Landes eingeladen hatten, beschlossen die TeilnehmerInnen die Zusammenführung aller Biotechnologie-Aktivitäten NRWs zu einem „Cluster“. Das Sagen bei dem Verbund haben BAYER, DEGUSSA und HENKEL. Diese Unternehmen haben die Aufgabe übernommen, die Forschungsschwerpunkte des „Clusters“ festzulegen, und zwar unter der Maßgabe, möglichst viel Fördergeld aus Brüssel und Berlin abgreifen zu können. Innovationsminister Andreas Pinkwart als Mitveranstalter äußerte sich zufrieden über das Meeting. „Kreativität freisetzen und Kräfte bündeln - dieser Ansatz unserer Innovationspolitik spiegelt sich hier beispielhaft wider“, so der FDP-Politiker.

Winnacker EU-Forschungsratschef
In der Forschungsförderung stellt die EU auf Selbstbedienung um. Sie machte den BAYER-Aufsichtsrat und Gentech-Lobbyisten Ernst-Ludwig Winnacker zum Generalsekretär des neu geschaffenen EU-Forschungsrats, der mit einem Etat von einer Milliarde Euro Projekte subventionieren kann.

BAYER & Co. wollen billigeren Strom
BAYER & Co. leiden unter den hohen Energiepreisen. Nach Angaben des „Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft“ (VIK) ist der Preis für eine Megawattstunde seit Anfang 2005 um die Hälfte auf über 50 Euro gestiegen. VIK-Geschäftsführer Alfred Richmann warf dem aus RWE, EON, VATTENFALL und ENBW bestehenden Oligopol vor, die Ressource künstlich zu verknappen. Da es auf dem Markt keine freie Preisbildung gibt, forderte er die Bundesregierung auf, einen Strompool einzurichten, aus dem sich die energie-intensiven Branchen zu günstigeren Konditionen versorgen können.

PROPAGANDA & MEDIEN

PR-Offensive von BAYER & Co.
Die Sorge um ein gutes Image nimmt bei BAYER immer größere Ausmaße an. So präsentierte der Konzern seinen AktionärInnen auf der diesjährigen Hauptversammlung einen Film über die von dem Unternehmen in Zusammenarbeit mit der UN angeblich weltweit verbreiteten Wohltaten. Die homepage des Leverkusener Multis in Thailand schmückt sogar ein Porträt einer „engagierten Vertreterin des Umweltschutzes“, der WORLD WILDLIFE FUND (WWF)-Mitarbeiterin Tatirose Vijitpan, was die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) zu einem Offenen Brief an die Organisation veranlasste (SWB 3/06). Hinter solchen Aktionen steckt eine überlegte Strategie. „Für Unternehmen, die Probleme haben, spielt der Kontakt zu Nichtregierungsorganisationen eine Schlüsselrolle“, sagte Richard Edelman dem Spiegel. Sein PR-Unternehmen EDELMAN und die Mitbewerber können sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen. So steht die Agentur BURSTON-MARSTELLER, die in der Vergangenheit bereits daran arbeitete, Nicolae Ceausescu, der argentinischen Militärjunta, dem für Bhopal verantwortlichen Unternehmen UNION CARBIDE und dem Konzern EXXON nach dem Tanker-Unglück mit der „EXXON-VALDEZ“ ein besseres Image zu verschaffen, in Diensten des Gentech-Lobbyclubs „EuropaBio“, dem auch BAYER angehört (siehe auch Ticker 4/99). Zudem versorgen EDELMAN und Konsorten die Medien mit Artikeln, die alles andere als unabhängig und überparteilich sind. Nach Schätzungen von ExpertInnen stammen bereits 40 Prozent des Inhalts einer Tageszeitung von PR-Agenturen oder ÖffentlichkeitarbeiterInnen von BAYER & Co. „Statt Propaganda aufzudecken, sind Medien der Kanal für Propaganda geworden“, zitiert der Spiegel John Stauber von der Initiative PR WATCH.

Umweltpreis von BAYER und UN
BAYERs Greenwashing-Aktivitäten im Rahmen der Kooperation mit der UN-Umweltorganisation UNEP treiben immer neue Blüten. In Malaysia verlieh der Konzern gemeinsam mit der UNEP einen Umweltpreis.

Malwettbewerb von BAYER und UN
Nicht einmal Afrika verschont der Leverkusener Multi mit seinen Greenwashing-Aktivitäten. In Kenia veranstaltete er in image-fördernder Kooperation mit der UN-Umweltorganisation UNEP einen Malwettbewerb für Kinder.

VFA kooperiert mit der Bunten
Die Pharmariesen begründen die hohen Arzneimittelpreise gern mit ihren hohen Forschungsaufwändungen, was nicht einmal die halbe Wahrheit ist, da die Konzerne die Vermarktungskosten mit hineinrechnen und oft Universitäten die Grundlagenarbeit machen lassen. Um die PharmakologInnen von BAYER & Co. aber image-fördernd als ebenso heroische wie selbstlose WissenschaftlerInnen in Szene zu setzen, veranstaltet der von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller“ (VFA) zusammen mit der Bunten einen Fotowettbewerb zum Thema „Bilder der Forschung“.

Unlautere LEVITRA-Werbung

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BAYER lässt nichts unversucht, sein nicht den Umsatzerwartungen entsprechendes Potenzmittel LEVITRA an den Mann zu bringen. In Brasilien hat der Konzern es während der öffentlichen Übertragungen von der Fußball-Weltmeisterschaft umsonst an Zuschauer verteilt. Da das Präparat alles andere als harmlos ist und Gesundheitsstörungen wie Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme und Augenschäden bis hin zur Erblindung verursachen kann, untersagten die Gesundheitsbehörden die Aktion und leiteten ein Verfahren wg. unlauterer Werbung ein. Dem Leverkusener Pharmariesen droht nun eine Strafe von bis zu 600.000 Euro.

Unlautere LEVITRA-Werbung

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In Australien versucht der Leverkusener Multi die Marktchancen seines Potenzmittels LEVITRA durch eine „Geld zurück“-Garantie, die MedizinerInnen den Patienten zusammen mit dem Rezept aushändigen, zu verbessern. GesundheitsexpertInnen haben dieses Vorgehen umgehend als „unethisch“ kritisiert, weil BAYER damit den Eindruck erweckt, bei dem Präparat handele es sich um einen ganz normalen Konsumartikel statt um eine Arznei mit Risiken und Nebenwirkungen.

Unlautere LEVITRA-Werbung

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BAYER bereitet die Markteinführung seines Potenzmittels LEVITRA in China vor und hat vorsorglich schon einmal die Hälfte der dortigen Männer zu potenziellen Patienten erklärt: Nach einer von dem Pharmariesen vorgestellten „Studie“ leiden angeblich bis zu 50 Prozent der Chinesen an einer „erektilen Dysfunktion“.

BAYER & Co. kaufen Entlastungsstudie
Die Literatur zur Gefährlichkeit Polychlorierter Biphenyle (PCB) füllt ganze Bibliotheken. Die Chemikalie kann WissenschaftlerInnen zufolge das Nervensystem, die Immunabwehr, Leber und Nieren schädigen sowie zu Unfruchtbarkeit, Missbildungen bei Neugeborenen und Hirnschädigungen bei Kindern führen. Da stieß das Urteil der Fachzeitschrift Arch Toxicol, die entsprechenden Studien zu Entwicklungsstörungen bei Minderjährigen wiesen methodische Mängel auf, in der Fachwelt auf ziemliche Verwunderung. Diese legte sich aber schnell, denn unter dem Artikel hieß es „Wir danken Eurochlor, Brüssel, für die finanzielle Unterstützung“. Der Chemieverband, dem unter anderem auch BAYER angehört, hatte sich also wieder mal eine Meinung gekauft. Besonders pikant: Die Mitverfasserin Beate Ulbrich steht als Giftexpertin in Diensten des „Bundesinstituts für Risikobewertung“.

Makrolon als Marke
BAYER unternimmt verstärkte Anstrengungen, seinen Kunststoff Makrolon zu einer Marke wie etwa „ASPIRIN“ aufzubauen. Deshalb beorderte der Konzern den bisher für die Verkaufspflege des „Tausendsassas“ zuständigen Werbeprofi Jürgen Hohmann in die „Plaste & Elaste“-Abteilung. Auf UVEX-Sportbrillen und auf einigen CDs und DVDs prangt dank seinen Bemühungen jetzt schon ein Makrolon-Siegel. Aber Großabnehmer wie LEGO wollen nicht „untervermieten“ und dulden keine Marke neben sich, weshalb sich Hohmanns Geschäft als schwierig erweisen dürfte.

BAYER übernimmt SCHERING-Stiftung
Mit der Übernahme von SCHERING fiel auch die gleichnamige Stiftung in den Besitz von BAYER, die vor allem KünstlerInnen und junge WissenschaftlerInnen aus den Bereichen „Medizin“ und „Biologie“ gefördert hat. Der Leverkusener Multi kündigte an, die nicht nur uneigennützige Nachwuchspflege in die PR-Aktivitäten des Konzerns zu integrieren und erhöhte zudem das Kapital der Stiftung, die in Zukunft auch das Museum SCHERINGs und Teile der Kunstsammlung des Berliner Pharmariesen betreut, um 10 Millionen Euro.

„BayRad“ läuft weiter
BAYERs Gesundheitsaktionen dienen vornehmlich dem Zweck, Akteure des Gesundheitswesens enger an den Konzern zu binden. Da das bei der „BayRad“-Initiative offenbar gut geklappt hat, setzt der Konzern die 2005 gemeinsam mit der „Deutschen Herzstiftung“ und einigen Krankenkassen ins Leben gerufene Unternehmung, die zum gesundheitsfördernden In-die-Pedale-treten animieren will, auch 2006 fort.

BAYER unterstützt ApfelanbauerInnen
In den USA sponsort BAYER das Jahrestreffen der ApfelanbauerInnen - damit sie auch morgen noch kräftig in BAYER-Gifte beißen können!

BAYER unterstützt ErdnussfarmerInnen
Der Leverkusener Multi tritt als Sponsor des Jahrestreffens der US-amerikanischen ErdnussfarmerInnen auf.

BAYER macht Schule
Der Leverkusener Multi arbeitet seit Jahren beharrlich daran, die naturwissenschaftlichen Fächer in den Schulen zu stärken, um sich geeigneten Nachwuchs heranzuzüchten und Gentechnik & Co. mehr Akzeptanz zu verschaffen. Jüngst hat der Konzern in den USA wieder zwei Initiativen dieser Art gestartet.

DRUGS & PILLS

Nr. 1 in Deutschland
Mit der Übernahme des SCHERING-Konzerns ist BAYER zum größten Pharma-Unternehmen der Bundesrepublik geworden.

LEUKINE floppt bei Morbus Crohn
Den vom jetzt zu BAYER gehörigen SCHERING-Konzern hergestellten Wachstumsfaktor LEUKINE mit dem Wirkstoff Sargramostim verwenden MedizinerInnen in der Chemotherapie von älteren Leukämie-PatientInnen, um die Gefahr von Infektionen zu reduzieren. Der Pharmamulti wollte das Präparat jedoch auch zur Behandlung der Darmkrankheit Morbus Crohn einsetzen, es konnte aber in der Phase III der klinischen Tests keine überzeugenden Resultate erbringen.

Sehnenschäden durch CIPROBAY
BAYERs CIPROBAY und andere Antibiotika auf Fluorchinolon-Basis können Sehnenschäden verursachen. In dem Zeitraum von 1997 bis 2005 meldeten MedizinerInnen der US-Gesundheitsbehörde FDA 262 Fälle von Sehnenrissen. Die Gesundheitsinitiative PUBLIC CITIZEN hatte schon früher auf Risiken und Nebenwirkungen dieser Art aufmerksam gemacht, woraufhin BAYER & Co. entsprechende Hinweise auf den Packungen aufbringen mussten. Da infolge der zunehmenden Verbreitung der Antibiotika die Schadensmeldungen zunehmen, forderte PUBLIC CITIZEN die FDA in einer Petition auf, so genannte „black-box“-Warnungen - Warnungen der höchsten Dringlichkeitsstufe - auszusprechen.

ASPIRIN COMPLEX zu komplex
Der Markt mit freiverkäuflichen Arzneien boomt. Allein von BAYERs als Grippemittel vermarktetem ASPIRIN COMPLEX gehen jährlich 3,7 Millionen Packungen über den Ladentisch. Der Pharmakologe Gerd Glaeske hält die darin enthaltenen Substanzen Ephedrin und Acetylsalicylsäure jedoch nicht für geeignet, auf ein Krankheitsymptom wie Schnupfen einzuwirken.

KOGENATE gestreckt
Das gentechnisch hergestellte Bluterpräparat KOGENATE ist das umsatzstärkste Pharma-Produkt BAYERs. Deshalb baut der Konzern schon einmal für die Zeit vor, da es nicht mehr patentgeschützt ist und ergo auch nicht mehr so hochpreisig vermarktet werden kann. Er testet gerade eine länger wirksame Version, welche für die Bluter die Zahl der Infusionen pro Woche verringert. Erhält der Pharmariese dafür eine Zulassung, geht das Patentspiel wieder von vorn los.

Bittere Korruptionspillen
Im Pillengeschäft von BAYER & Co. läuft es immer noch wie geschmiert. Dabei bedienen sich die Konzerne vielfältiger Methoden zur medizinischen Landschaftspflege. So ist in den Honoraren, die sie ÄrztInnen für Anwendungsbeobachtungen neuer Arzneien zahlen, oftmals schon ein Betrag für die spätere Verordnung enthalten. Zudem müssen die MedizinerInnen, denen die Pillen-Produzenten in Krankenhäusern halbe Stellen finanzieren, ihren Sponsor bei der Aufstellung der Krankenhaus-Arzneimittelliste bedenken. Auch die Entlohnung für Vorträge und Beratung - in den USA bis zu 2000 Dollar am Tag - versteht sich mehr als Investition denn als Aufwandsentschädigung.

Bitterteure Pillen
Die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen erreichten im Jahr 2005 einen neuen Höchststand. Sie beliefen sich auf 24,6 Milliarden Euro und stiegen damit gegenüber dem Vorjahr um 17,2 Prozent. BAYER & Co. gelingt es durch medizinische Landschaftspflege immer wieder, MedizinerInnen zum Verschreiben teurer Originalpräparate zu veranlassen, obwohl es billigere Alternativen mit gleicher pharmazeutischer Wirkung gibt. Nach einer Berechnung des Bremer Professors Gerd Glaeske kostet allein das die Kassen bis zu drei Milliarden Euro. Auch zucken die ÄrztInnen nach Ansicht des „Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen“ zu oft den Rezeptblock; eine „nicht nachvollziehbare Mengenausweitung“ beobachtete der Verband. Darüber hinaus vergrößert die Absenkung des Zwangsrabattes, den die Konzerne AOK & Co. auf ihre Pillen gewähren müssen, die finanzielle Belastung der Krankenkassen. Diese angespannte Lage hat viele von ihnen bereits dazu bewogen, ihre Beiträge zu erhöhen, obwohl das neue Arzneimittel-Spargesetz (siehe Ticker 1/06) ihre Pillenausgaben im laufenden Jahr um 1,8 Prozent gesenkt hat.

Gekaufte WissenschaftlerInnen
In der Vergangenheit haben medizinische Fachzeitschriften immer wieder Artikel von WissenschaftlerInnen abgedruckt, deren Urteil über Arzneien von ihren Verbindungen zu den Herstellerfirmen getrübt waren. Als Reaktion darauf haben die Journale Statuten erlassen, nach denen die ForscherInnen verpflichtet sind, ihre Beziehungen zur Industrie offen zu legen. Aber die ExpertInnen schweigen sich trotzdem lieber aus. So veröffentlichte ein Team um Dr. Tobias Kurth im Journal of the American Medical Association eine Studie zum Zusammenhang von Migräne und Herzinfarkthäufigkeit bei Frauen, ohne anzugeben, dass die Mitglieder schon in Diensten von Firmen wie BAYER, MCNEIL oder WYETH standen, die als Anbieter von Kopfschmerz- oder Herz/Kreislaufmitteln von der Untersuchung profitieren könnten.

IG FARBEN & HEUTE

Rückgabe von Hagemanns „Kirchner“
Die jüdische Familie Hess schaffte 1933 ihre umfangreiche Gemäldesammlung in die Schweiz, darunter auch das Bild „Straßenszene, Berlin“ von Ernst-Ludwig Kirchner, und emigrierte später. Der Maler stand in Kontakt mit dem sich als Kunstsammler betätigenden IG-FARBEN-Manager Carl Hagemann und wies diesen auf die Transaktion hin. „Wahrscheinlich gehören die Bilder jüd. Leuten, die wegmüssen“, schrieb der Künstler Hagemann 1936. Dieser nahm den Einkauftip dankbar an und erstand die „Straßenszene“ für 3.000 Reichsmark. Nach seinem Tod landete es über einige Umwege im Berliner „Brücke-Museum“. In diesem Jahr forderten die Erben von Alfred Hess das Gemälde zurück, weil der Verkauf nicht freiwillig geschah. Der Senat willigte zähneknirschend ein und schlug das Angebot, es für 15 Millionen Euro zurückzukaufen, aus. Er hatte auch keine andere Möglichkeit. Das „Gesetz zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz“ hat nämlich die Beweislast umgekehrt. Es verlangt von den NeubesitzerInnen einen Nachweis darüber, dass die damals gezahlte Summe angemessen war und wirklich in den Händen des Verkäufers gelandet ist - und diesen konnte die Stadt Berlin nicht erbringen. Trotzdem brach ein Sturm der Entrüstung über die Rückgabe los. „Es werde gezielt Raubkunst ausfindig gemacht“, tobte etwa Martin Roth, der Leiter der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die Zeit hingegen mahnte zur Besonnenheit und riet zum Rückkauf: „Der Staat müsste nur die nötige Summe aufbringen. Und auch die Nachfolger der IG FARBEN dürften sich gern an dieser Form der aktiven Vergangenheitsbewältigung beteiligen“.

GENE & KLONE

Gen-Gau in den USA
BAYERs gentechnisch manipulierter Reis LL 601 hat konventionelle Sorten verunreinigt. Wie das gegen das Antiunkrautmittel LIBERTY LINK resistente und in den USA nicht zugelassene Produkt in den Reis gelangen konnte, ist bislang ungeklärt, da BAYER behauptet, Freisetzungsversuche bereits 2001 beendet zu haben. Der Gen-GAU hat Japan sofort zu einem Einfuhrstopp bewogen. Auch die EU ließ vorerst keinen US-amerikanischen Langkorn-Reis mehr über die Grenzen und will von den Exporteuren künftig ein Unbedenklichkeitszertifikat verlangen. Da der Reispreis sofort in den Keller sank und Absatzmärkte wegzubrechen drohen, haben US-amerikanische LandwirtInnen den Leverkusener Multi auf Schadensersatz verklagt.

LL-62-Reis in Kanada zugelassen
BAYER hat für seinen umstrittenen Genreis LL 62, der die selbe Herbizid-Resistenz besitzt wie der in den USA auf konventionelle Sorten übergesprungene LL 601, in Kanada eine Importgenehmigung erhalten. In Brasilien laufen derzeit Freisetzungsversuche, nach GREENPEACE-Informationen will der Leverkusener Multi auch dort eine Anbau- oder Einfuhrgenehmigung beantragen.

LL-Baumwolle in Australien?
Der Leverkusener Multi hat in Australien einen Antrag auf Zulassung einer Baumwoll-Art beantragt, die gegen das Herbizid LIBERTY LINK resistent ist. Die Regionen im Norden des Landes haben sich gegen eine Genehmigung ausgesprochen, da sie eine Verunreinigung herkömmlicher Ackerpflanzen befürchten. Die Zentralregierung signalisierte hingegen Zustimmung zum BAYER-Antrag.

Neuer Gentech-Multi
Unter Federführung des SAP-Gründers Dietmar Hopp entsteht aus AXARON BIOSCIENCE und LION BIOSCIENCE der Gentech-Multi SYGNIS, an dem auch BAYER beteiligt ist. Vor der Fusion hielt der Leverkusener Multi 5,1 Prozent der SYGNIS-Anteile. Darüber hinaus besitzt der Konzern sieben Prozent der Aktien von LION.

Zulassungserweiterung für BETAFERON
BAYER hat für das Gentech-Medikament BETAFERON, das SCHERING als umsatzstärkstes Mittel mit in die neue Pharma-Ehe einbrachte, von der EU eine Zulassungserweiterung erhalten. Durften Mediziner es früher nur zur Behandlung von Multipler Sklerose in einem fortgeschrittenen Stadium anwenden, so ist jetzt auch ein früherer Einsatz möglich. Nach dieser Entscheidung hofft der Pharmariese auch auf eine entsprechende Genehmigung in den USA.

Mehr Pestizide durch Gentech
Auf lange Sicht senkt der Anbau von Gentech-Pflanzen nicht den Pestizid-Verbrauch. Das ist das Ergebnis einer Studie mit Bt-Baumwolle in China, die Per Pinstrup-Anderson von der Cornell University durchführte. Die Baumwolle mit dem gentechnisch eingebautem Gift vom bacillus thuringiensis konnte sich zwar in den ersten Jahren erfolgreich der Baumwollkapselraupe erwehren, war dem Ansturm anderer Schadinsekten bald aber nicht mehr gewachsen, so dass die LandwirtInnen mit weiteren Pestiziden arbeiten mussten. Das ging ins Geld, weshalb ihr Gewinn nach sieben Jahren um ca. acht Prozent unter denen ihrer KollegInnen lag, die konventionelle Sorten angebaut hatten. Pinstrup-Anderson führt den Gen-Gau allerdings nicht auf die Genpflanzen selber, sondern auf das Fehlen von Pufferzonen mit naturbelassener Baumwolle zurück, in denen das Ausbringen zusätzlicher Agrochemikalien die Insekten-Bestände dezimiert und so die Gentech-Baumwolle vor ihnen verschont. Wie die sich häufenden negeativen Untersuchungsergebnisse zur Pestizid-Reduzierung durch genmanipulierte Pflanzen zeigen, dürfte dies aber nicht die Lösung des Problems sein. Schlechte Geschäftsaussichten also für BAYERs Gentech-Baumwolle FIBERMAX.

Probleme mit Gensoja
MONSANTOs Gentech-Soja, der über eine eingebaute Resistenz gegen das Anti-Unkrautmittel Glyphosate verfügt, macht den LandwirtInnen in Argentinien mittlerweile das Leben schwer. Vielen Wildgräsern kann die Agrochemikalie nichts mehr anhaben, so dass einige Sorten stärker wuchern als je zuvor. Zudem hat der flächendeckende Anbau mit ROUNDUP-READY-Soja die Böden ausgelaugt und ihnen nach einer Studie der Universität Buenos Aires rund eine Million Tonnen Stickstoff und 227.000 Tonnen Phosphor entzogen.

Stotternder Jobmotor
BAYER & Co. preisen die Gentechnik unablässig als Jobmotor. Die „Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie“ kommt auf über 10.000 Stellen allein in der Pflanzenzüchtung und Saatgutproduktion. Der BUND FÜR UMWELT UND NATURSCHUTZ DEUTSCHLAND (BUND) hat diese Angaben einmal überprüfen lassen und ganz andere Zahlen zu Tage gefördert. Nach einer Untersuchung des Wirtschaftswissenschaftlers Thorsten Helmerichs von der Oldenburger Carl-von-Ossietzky-Universität arbeiten bei den Gentech-Unternehmen gerade mal 500 Angestellte in den Laboren.

WASSER, BODEN & LUFT

Neues Schadstoffregister
Die Bundesregierung will 2008 ein nationales Schadstoffregister einrichten, das - öffentlich zugänglich - alle Giftstoffe auflistet, mit denen BAYER & Co. die Umwelt belasten. Für die Metall-, Strom- und Chemieindustrie gilt darüber hinaus die Sonderregelung, jährlich Bericht über die genaue Höhe der Emissionen erstatten zu müssen.

GIFTIG, ÄTZEND & EXPLOSIV

Chemie macht unfruchtbar

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Nach einer neuen GREENPEACE-Studie beträgt der Anteil der nicht fortpflanzungsfähigen Menschen an der Gesamtbevölkerung der Industrieländer mittlerweile 20 Prozent und hat sich damit seit den 60er Jahren verdoppelt. Die Umweltschutzorganisation macht dafür Chemikalien mitverantwortlich. Viele Substanzen, wie etwa das von BAYER hergestellte Bispenol A, wirken nämlich hormon-ähnlich und beinträchtigen die Spermien-Produktion im Körper des Mannes.

Chemie macht unfruchtbar

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Die in der „Great Lakes“-Region zwischen Kanada und den USA ansässigen Chemie-Unternehmen gefährden die Gesundheit der AnwohnerInnen in einem erheblichen Maße (siehe Ticker 1/06). Allein die nun zu LANXESS gehörende ehemalige BAYER-Niederlassung emittiert jährlich zwei Millionen Kilogramm gefährlicher Stoffe. Viele von ihnen finden sich nach einer Untersuchung der Initiative TOXIC NATION im Blut der Bevölkerung wieder. Die Probe eines 66-jährigen Mannes wies 32 Chemikalien auf, darunter Polychlorierte Biphenyle und Pestizide. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen. Viele der Substanzen haben einen hormon-ähnlichen Aufbau und stören deshalb den menschlichen Stoffwechsel, was besonders fatale Auswirkung auf die Fortpflanzungsfähigkeit hat. So haben die chemischen Keulen in Sarnia zu vielen Fehlgeburten geführt und das Verhältnis von weiblichen und männlichen Geburten durcheinander gebracht. Auf einen Jungen kommen mittlerweile zwei Mädchen. Zudem weisen 20 Prozent der Schulkinder Entwicklungsdefizite auf. Auch in der Tierwelt stießen die WissenschaftlerInnen auf Abnormitäten wie Fische mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen.

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Pestizide in Cola
Getränke-Produzenten nutzen Wasser als Rohstoff. In Indien ist es jedoch so stark durch Pestizide verunreinigt, dass auch die Cola nicht mehr sauber bleibt. Das „Centre for Science and Environment“ (CSE) fand in COCA-COLA und PEPSI-COLA Spuren von fünf Agrochemikalien, darunter der unter anderem von BAYER vertriebene Wirkstoff Chlorpyrifos. „Die Ergebnisse waren wirklich schockierend. PEPSI-COLA wies Rückstände auf, die dreißig Mal höher waren als die vom “Bureau of Indian Standards„ genehmigten Werte, bei COCA-COLA liegen sie 27 Mal höher“, so CSE-Direktorin Sunita Narain.

EU: strengere Pestizidpolitik
Die EU plant ein strengeres Vorgehen gegen Pestizide. Die Brüsseler PolitikerInnen wollen die Anwendungen besser kontrollieren, das Ausbringen der Ackergifte per Flugzeug verbieten sowie Sperrbezirke für Pestizide schaffen.

Immer weniger Bienen
Nach einer Studie der Universität Leeds, die das Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte, hat sich die Zahl der Bienen in den letzten 25 Jahren stark reduziert. Das hat auch die Pflanzenwelt Auswirkungen: weniger Bienen, weniger Bestäubungen, weniger Blumen. Um 70 Prozent nahm die Verbreitung von Wildpflanzen allein in Großbritannien während des Untersuchungszeitsraums ab. Der Wissenschaftler Koos Biesmeijer war „schockiert“ über das Ergebnis seiner Forschungen. Eine Ursache für das Verschwinden der Bienen konnte er nicht angeben; GAUCHO und andere bienengefährliche Pestizide dürften aber ihren Teil zu dem Artensterben beigetragen haben.

Comeback für Organophosphate?
Der intensive Rapsanbau und die damit verbundene intensive Anwendung von Pestiziden macht den Rapsglanzkäfer zunehmend immun gegen die Giftdröhnungen. Besonders pyrethroid-haltige Insektizide wie etwa die BAYER-Produkte BAYTHROID und BULLDOCK versagen ihre Dienste. Deshalb hat die Biologische Bundesanstalt eine begrenzte Notzulassung für den Wirkstoff Thiacloprid, enthalten unter anderem in den Konzernmitteln ALANTO, BARIARD, CALYPSO und MONARCA, ausgesprochen. Aber auch eine Wiederzulassung von Ultragiften auf Organophosphat-Basis ist wieder im Gespräch. „Dass man nun wieder auf sie zurückgreift, kann als Offenbarungseid aufgefasst werden“, kommentierte die Faz.

5.000 Vergiftungen in Brasilien
Mit seinem Pestizidverbrauch liegt Brasilien weltweit auf Platz drei. Entsprechend hoch ist die Zahl der Vergiftungen. 5.000 Personen behandeln die MedizinerInnen jährlich. Das „Integrated Toxicological Vigilance Center“ des Gesundheitsministeriums hat die Region Mato Grosso do Sul genauer untersucht. In dem Zeitraum von 1992 bis 2000 gab es dort 1.355 Fälle, 506 Selbsttötungsversuche und 849 Unfälle, von denen 37 tödlich endeten. Die drei am häufigsten beteiligten Ackergift-Wirkstoffe Methamidophos, Carbofuran und Monocrotophos, allesamt den Gefahrenklassen I und II zugehörig, befinden sich auch in der BAYER-Produktpalette. Obwohl die Vereinten Nationen die Konzerne aufgefordert haben, solche Substanzen in der „Dritten Welt“ nicht mehr zu vermarkten, machen die Agromultis dort weiterhin Geschäfte mit ihnen.

785 Vergiftungen in Chile
Im Jahr 2005 kam es in Chile zu 785 Pestizid-Vergiftungen. Für die meisten war der auch von BAYER hergestellte Wirkstoff Methamidophos verantwortlich, für die drittmeisten die sich ebenfalls im Konzern-Angebot befindliche Substanz Chlorpyrifos. Auf den sechsten Platz der Schwarzen Liste gelangte Tetramethrin und auf den achten Azinphos-Methyl.

Pestizide verursachen Krebs
Pestizide und andere Chemikalien können Krebs auslösen. In einem Versuch mit Tumorzellen beobachteten WissenschaftlerInnen, wie eine Agrochemikalie ein zum Krebswachstum beitragendes Gen, ein so genanntes Onkogen, stimulierte.

Pestizidexporte steigen
Die Pestizidexporte bundesdeutscher Unternehmen steigen. Im Geschäftsjahr 2005 führten BAYER & Co. fast 94.000 Tonnen aus, was gegenüber 2004 eine Zunahme von zehn Prozent bedeutet. Davon gehen ca. 9.000 Tonnen nach Südamerika und ca. 3.000 nach Afrika, wo die Menschen aufgrund einer hohen AnalphabetInnenrate und einer ungenügenden Schulung im Umgang mit den Agrochemikalien einem besonders hohen Vergiftungsrisiko ausgesetzt sind.

Viele Suizide mit Pestiziden
Das Schlucken von Pestiziden ist einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge weltweit die verbreiteste Methode, sich selbst zu töten. In asiatischen Ländern wie China, Malaysia oder Sri Lanka gehen 60 bis 90 Prozent aller Suizide auf die Einnahme von Agrochemikalien zurück. Die WHO bereitet deshalb einen Aktionsplan vor. Sie will unter anderem das Gesundheitspersonal im Umgang mit Vergiftungen schulen und den Zugriff auf Pestizide erschweren.

BAYER die Nr. 1
Wie schon im Geschäftsjahr 2004 nimmt BAYER auch 2005 mit einem Umsatz von fast sieben Milliarden Dollar unter den weltgrößten Pestizidherstellern die Spitzenposition ein.

STANDORTE & PRODUKTION

Rhein-Anleger arbeitslos
Zwischen BAYERs Leverkusener Schiffsanleger, an dem Lastkähne mit Giftfracht festmachten, und dem für die Boote der KÖLN-DÜSSELDORFER SCHIFFFAHRTSGESELLSCHAFT lag immer ein Sicherheitsabstand. Da die den Leverkusener Multi anlaufenden Schlepper aber immer länger wurden, schmolz die Distanz. Deshalb führte im Jahr 2003 kein Weg an einer Verlegung der Station vorbei (Ticker 1/03). An den Kosten wollte der Konzern sich zunächst nicht beteiligen, erst nach langen Verhandlungen steuerte er 250.000 der erforderlichen 850.000 Euro bei. Jetzt allerdings erweist sich der Umzug als eine Fehlplanung. Am neuen Standort herrscht nämlich eine so starke Strömung, dass die Rheinkommission Wasserfahrzeugen ab 80 Meter Länge das Anlegen untersagte, weshalb die Schiffe ausbleiben.

Ärger mit dem Mieterverein
BAYERs Wohnungsgesellschaft BAYWOGE will Mieten künftig nicht mehr für den abgelaufenen Monat, sondern schon im Voraus kassieren, was den Mieterverein auf den Plan gerufen hat. Eine „Doppelzahlung der Miete muss nicht sein“, kritisiert Geschäftsführer Volker J. Ziaja und sieht im Handeln des Unternehmens einen Verstoß gegen viele der abgeschlossenen Mietverträge.

BAYER macht Portãna dicht
Der Leverkusener Multi schließt am brasilianischen Standort Portãna seine Pestizid-Produktion und konzentriert die Herstellung von Agrochemikalien auf den Standort Belford Roxo, wo er auch ein neues Vertriebszentrum errichtet. Wieviel Arbeitsplätze der Konzern durch diese Zentralisierung vernichtete, teilte er nicht mit.

Anlage in China eingeweiht
Die Lohnkosten in China belaufen sich auf ein Viertel der bundesrepublikanischen. Dieses Faktum und die dortigen Wachstumsraten veranlassen BAYER zu großen Investitionen in dem Land. Anfang September 2006 nahm der Konzern ein Makrolon-Werk in Caojing in Betrieb. Und so soll es weiter gehen. „Wir wollen bis 2009 jährlich eine Großanlage eröffnen“, sagte der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning bei der Einweihung. In drei Jahren soll schon ein Neuntel der Kunststoffproduktion aus dem Reich der Mitte kommen. Da auch die Konkurrenz in ähnlichem Tempo baut, besteht die Gefahr von Überkapazitäten. Aber selbst dann werde der Konzern in den kostengünstigen Großanlagen die vorgegebenen Mindestrenditen erzielen, meint Wenning. Die Caojinger Fertigungsstätte kam den Multi aufgrund eines neu entwickelten Produktionsverfahrens für den Kunststoff TDI nämlich 10 bis 20 Prozent billiger als vergleichbare Investitionen; zudem liegt der Energieverbrauch um ein Drittel unter dem älterer Werke. Deshalb sieht es im Falle einer Absatzflaute schlecht für Produktionen im alten Europa aus.

Mehr Lackrohstoffe aus China
BAYER baut die Lackrohstoff-Produktion am Standort Shanghai aus. Künftig will der Konzern dort 50.000 Tonnen pro Jahr herstellen.

IMPERIUM & WELTMARKT

BAYER dominiert SCHERING-Vorstand
Ganz wie erwartet geben BAYER-Vertreter im neuen Vorstand von BAYER-SCHERING den Ton an. Im fünfköpfigen Führungsteam, dessen Leitung Arthur Higgins von BAYER HEALTH CARE übernimmt, finden sich nur zwei SCHERING-Manager. Den ehemaligen SCHERING-Boss Hubertus Erlen fand der Leverkusener Multi mit einem gutdotierten Posten im Aufsichtsrat ab.

Thomas neuer Kunststoffchef
Der Brite Patrick W. Thomas folgt Hagen Noerenberg auf den Posten des Vorsitzenden von BAYER MATERIAL SCIENCE, der Kunststoff-Sparte von BAYER.

Kooperation mit DEUTSCHE POST
Die DEUTSCHE POST übernimmt künftig für BAYER Dienstleistungen auf dem Gebiet der Dokumentenverwaltung. Sie erledigt das Scannen und Auslesen von Rechnungsdaten, den Abgleich mit anderen digitalen Unterlagen und die Archivierung. Ob dem Deal Arbeitsplätze beim Multi selber zum Opfer fallen, teilte der Konzern nicht mit.

Verkauf der Diagnostiksparte
Zur Finanzierung der SCHERING-Übernahme hat der Leverkusener Pharmariese seine Diagnostiksparte für 4,2 Milliarden Euro an SIEMENS verkauft. Nur das Geschäft mit Kontrastmitteln und Blutzuckermessgeräten verbleibt im Unternehmen. Damit vernichtet BAYER innerhalb des Konzerns tausende Arbeitsplätze.

BAYER kauft METRIKA
BAYER hat das US-Unternehmen METRIKA gekauft. Die Firma, die 75 Angestellte hat, stellt ein Gerät zur Bestimmung des Langzeit-Blutzuckerwertes her.

Vietnam lockt
Die bundesdeutsche Außenwirtschaftspolitik hat Vietnam nach Informationen von www.german-foreign-policy.com zu einem ihrer „Schwerpunktländer“ erklärt und bereitet BAYER & Co. das Terrain für eine Expansion. Der Leverkusener Multi hat bereits Projekte auf Lager und plant deshalb gemeinsam mit der vietnamesischen Regierung und anderen Konzernen einen Investitionsworkshop.

Kooperation mit NUFARM
Der BAYER-Konzern liefert seinen Herbizid-Wirkstoff Diflufenican und Produkte auf Basis dieser Substanz zukünftig an den australischen Pestizidhersteller NUFARM, der sein Europa-Geschäft stärken will.

PRODUKTION & SICHERHEIT

Immer mehr Asbest-Tote
Die Zahl der durch Asbest ausgelösten Krebsleiden steigt immer weiter. Dieter Köhler von der „Deutschen Gesellschaft für Pneumomologie“ rechnet binnen der nächsten 15 Jahre mit 110.000 Neu-Erkrankungen. Ein großer Teil der Betroffenen war in der Bau- oder Chemie-Industrie beschäftigt. Der Werkstoff ist in der Bundesrepublik zwar seit 1993 verboten, aber bis er seine gefährliche Wirkung entfaltet, können bis zu 40 Jahre vergehen. Parallel zur Zunahme der Fälle wächst die Verschwiegenheit bei BAYER. Der Leverkusener Pharmariese verheimlicht nämlich die genauen Zahlen. Im vorvorletzten „Sustainable Development“-Bericht hieß es zu den 130 „anerkannten“ Berufskrankheiten des Jahres 2000: „Als Krankheitsauslöser waren bei uns vor allem Expositionen gegen Asbest und Lärm relevant“. Im „Nachhaltigkeitsbericht 2004“ fehlt selbst ein solcher diffuser Hinweis. Zum Thema „Berufskrankheiten“ findet sich dort bloß der Satz: „ ... so liegt die Zahl neuer Anerkennungsfälle derzeit konzern-weit bei etwa 100 pro Jahr“, ohne auf die Art der Gesundheitsschädigungen näher einzugehen. Und mit dem Nachhaltigkeitsbericht von 2005 fehlen gleich sämtliche Angaben zu Berufskrankheiten.

UNFÄLLE & KATASTROPHEN

Explosionen in Dormagen
Auf dem Gelände des BAYER-Chemieparks in Dormagen ereignete sich am 3. Juli 2006 ein Störfall. In einem Reaktor zur Produktion des Kunststoffes Polyethylen kam es zu mehreren Explosionen. Acht MitarbeiterInnen wurden dabei verletzt.

Jährlich 340.000 Tote durch Chemikalien
Die Arbeit mit Chemikalien fordert zahlreiche Todesopfer. Nach Angaben der „internationalen Arbeitsorganisation“ (ILO) sterben jährlich 340.000 Menschen durch Vergiftungen. Ein großer Teil der Todesfälle geht auf Pestizide zurück und ereignet sich in Ländern der „Dritten Welt“. Dort tragen viele ArbeiterInnen wg. der großen Hitze keine Schutzkleidung Zudem ist die Analphabetismus-Rate hoch, weshalb ein Großteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten die Warnhinweise auf den Agrochemikalien nicht lesen kann. So haben vor einigen Jahren in Benin 30 Beschäftigte das Ausbringen des auch von BAYER hergestellten Pestizidwirkstoffs Endosulfan, enthalten unter anderem in den Produkten MALIX, PHASER und THIODAN, mit ihrem Leben bezahlt.

Gefährliche Pestizid-Entsorgung
Besonders komplizierte Entsorgungsfragen schafft sich der Leverkusener Multi vom Hals, indem er Spezialunternehmen damit beauftragt. So lieferte eine BAYER-Niederlassung aus Alabama regelmäßig Behälter, in denen mit Propylmercaptan ein Bestandteil des Pestizides MOCAP hergestellt wurde, zur Reinigung an die Firma PHILIPS SERVICES. Dies blieb nicht ohne Folgen. In einem Umkreis von 50 Quadratmeilen klagten 250 Menschen über Kopfschmerzen, Brechreiz, allergische Symptome und Atemprobleme. Über drei Wochen hing ein übler Geruch über der ganzen Gegend. Die US-Behörden entzogen PHILIPS SERVICES daraufhin erst einmal die Betriebserlaubnis, die das Unternehmen allerdings wiedererlangen kann, wenn es bestimmte Auflagen erfüllt.

35 Verletzte bei Chlormethylketon-Austritt
Am 24. Mai 2006 ereignete sich im Dormagener BAYER-Werk beim Umfüllen einer von einem LKW gelieferten Chemikalie ein Unfall. Es traten fünf Liter des Pestizid-Vorproduktes Chlormethylketon aus. Der Kontakt mit der Substanz verursachte bei 35 Personen so schwere Gesundheitsstörungen, dass sie sich in ärztliche Behandlung geben mussten.

Zyanid tritt aus
Am 24. Juli 2006 entstand in einem BAYER-Gefahrguttransporter ein Leck, woraus giftiges Zyanid entwich. Der Fahrer stoppte den LKW und fuhr den Parkplatz eines Einkaufszentrums im US-amerikanischen Moundsville an. Die eintreffende Feuerwehr ließ sofort alle dort parkenden Wagen abschleppen; ein Sicherheitsteam pumpte die Chemikalie ab. Wäre eine größere Menge ausgetreten und hätte der Wind ungünstiger gestanden, hätten die Verantwortlichen umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen einleiten müssen. So aber gab der Polizei-Chef Entwarnung: „Für niemanden bestand zu irgendeiner Zeit eine Gefahr.“

Mercaptan tritt aus
Sogar in Erdgas steckt Chemie. Der Duftstoff Mercaptan verhilft dem geruchslosen Erdgas zu dem charakteristischen Gasgeruch, damit man eventuelle Ausströmungen riechen kann. Im Wiesdorfer BAYER-Werk ereignete sich allerdings mit Mercaptan ein Störfall. Im Bereich der Erdgasübergabestation trat der Duftstoff aus und verursachte bei acht MitarbeiterInnen Übelkeit und Augenreizungen.

Kontrastmittel-Rückruf
Der von BAYER aufgekaufte Pharmahersteller SCHERING hat sein Röntgenkontrastmittel ULTRAVIST zurückgerufen, da in dem Medizinprodukt kleine Partikel zu Kristallen zusammengklumpt sind, was Arterien verstopfen und so Thrombosen auslösen könnte.

RECHT & UNBILLIG

CBG-Klage abgewiesen
Kurz vor der diesjährigen Hauptversammlung der BAYER AG am 28. April reichte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) bei der Kölner Staatsanwaltschaft eine Klage gegen den Konzern wegen unerlaubter Preisabsprachen ein. Anfang Juni wiesen die RichterInnen sie in der ersten Instanz ab. Sie sahen es nicht als Veruntreuung an, Rückstellungen in Höhe von 275 Millionen Euro für die zu erwartenden Strafen gebildet zu haben - im Gegenteil. „Bei lebensnaher Betrachtung (ist) davon auszugehen, dass ein weltweit agierender Konzern wie die BAYER AG letztlich durch Kartellabsprachen größere Gewinne erzielt, als wenn sie auf solche verzichten würde“, heißt es in der Urteilsbegründung. Das Profitstreben des Leverkusener Multis führt sie sogar noch als mildernden Umstand an: „Es ist in Anbetracht des Umstandes, dass viele namhafte Unternehmen an den Absprachen beteiligt waren, davon auszugehen, dass diese Vereinbarungen lediglich (!) in der Absicht einer sicheren Gewinnmaximierung getroffen wurden.“ Die CBG hat gegen die Entscheidung Beschwerde eingelegt (siehe auch SWB 3/06).

73 Millionen Dollar Kartellstrafe
In einem Verfahren wegen Preisabsprachen beim Kunststoff-Vorprodukt Polyol, in dessen Verlauf BAYER schon einmal 33 Millionen Dollar zahlen musste, erging ein erneuter Strafbefehl. Ein Gericht verurteilte die am Kartell beteiligten Unternehmen, auch die Plastikproduzenten zu entschädigen, denen sie das Polyol überteuert verkauft hatten. Das kostete die Konzerne noch einmal 73

[Pipeline] STICHWORT BAYER 03/2006

CBG Redaktion

Umstrittene CO-Pipeline: „Es gibt keine dauerhafte Sicherung“

Der Leverkusener Multi BAYER will hochgiftiges Kohlenmonoxid per unterirdischer Pipeline von seinem Dormagener Werk zum Standort Krefeld leiten. Die auf der 67 Kilometer langen Strecke liegenden Kommunen sind davon ebenso wenig begeistert wie private GrundstücksbesitzerInnen und Umweltverbände. Deshalb reichten sie bei der Bezirksregierung in Düsseldorf Einwendungen gegen das Projekt ein.

„Wenn hier etwas passiert, ist halb Hilden platt“, sagte ein für den Katastrophenschutz zuständiger Feuerwehrmann auf einer Informationsveranstaltung über die Gefahren, die von BAYERs geplanter Pipeline zum Transport von Propylen und Kohlenmonoxid (CO) ausgehen. Entstände nämlich ein Leck am Röhrensystem, so könnte das Propylen explodieren und das Gas Atemstörungen, Herzklopfen oder sogar Kreislaufkolläpse auslösen. Und das ist alles andere als unwahrscheinlich: Defekte an Leitungen gehören beim Leverkusener Multi mit zu den häufigsten Unfallursachen. Genügend Vorkehrungen zur Verhinderung eines solchen GAUs hat der Konzern bei weitem nicht getroffen. So will er bei der 67 Kilometer langen Pipeline nur alle 10 Kilometer Sicherheitsschieber zum Abdichten der Röhren einbauen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass ein Bagger bei Erdarbeiten auf die bloß 1,40 Meter unter der Erde verlaufenden Leitungen stößt. Da diese im Bereich der A3 teilweise auch überirdisch geführt werden, besteht zudem das Risiko der Beschädigung durch Autounfälle.

In weiser Voraussicht um die Problematik des Baus hat der Chemie-Verband „ChemCologne“ die VertreterInnen der betroffenen Kommunen deshalb im Juni zu einer Informationsveranstaltung nach Leverkusen eingeladen, die in BAYERs Kommunikationszentrum „BayKomm“ stattfand. Dort herrschte nach „ChemCologne“-Angaben eitel Sonnenschein. Der Lobbyclub schwärmte über die „harmonische Atmosphäre“ und frohlockte: „Das ‚gute Klima' unter den Beteiligten kann sicherlich bei den weiteren Vorbereitungen und während der Bauphase helfen, auch mögliche Konflikte in sachlicher und kooperativer Weise zu überwinden.“ Da täuschten sich BAYER & Co aber. Entlang des ganzen Streckenverlaufes, der von Dormagen aus über Monheim, Langenfeld, Hellerhof, Hilden, Mettmann, Ratingen und Duisburg nach Krefeld führt, regt sich Protest. PolitikerInnen der Linkspartei und der DKP haben in Gerresheim, Ratingen und Düsseldorf Anfragen zur Sicherheitslage an die jeweiligen Verwaltungen gestellt. Erkraths Technischer Dezernent Klaus-Dieter Holst warnt: „Es gibt keine dauerhafte Sicherung, wenn aus der Leitung Gas sickert“. Der städtische SPD-Bezirksvorsteher Arno hat ebenfalls Bedenken geäußert und mehr Informationen über das Projekt gefordert. Und Monheims Bürgermeister Thomas Dünchheim (CDU) macht vor allem der nahe an Wohngebieten vorbeiführende Weg der Pipeline Sorge. „Im Falle einer Störung wäre das ein erhebliches Gesundheitsrisiko für die Anwohner“, meint er.

Viele Kommunen, aber auch private Grundstückseigentümer und Umweltverbände haben deshalb bei der Bezirksregierung in Düsseldorf Einwendungen gegen das Bauvorhaben eingereicht. Über diese will die Behörde bis Oktober 2006 befinden. Sollte sie Bayer grünes Licht geben, besteht jedoch noch die Möglichkeit, gegen die Entscheidung Klage zu erheben.

Trotz des schwebenden Verfahrens machte sich der Leverkusener Multi in Monheim schon mal daran, mit ersten Vorbereitungen zur Pipeline-Errichtung zu beginnen. Bei Arbeiten an einem werkseigenen Brunnen, der das Dormagener Werk mit Wasser versorgen soll, beabsichtigte der Gen-Gigant, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und zum Transport von Kohlenmonoxid und Propylen vorgesehene Rohre gleich mitzuverlegen. Zu diesem Zweck beantragte das Unternehmen auch die Öffnung des Leitdeiches. Der Bürgermeister tobte: „Der Konzern will nach Gutsherrenart mit Blick auf eine unserer Meinung nach ungenügend gesicherte CO-Leitung vollendete Tatsachen schaffen“. Die Stadt ließ sich das nicht gefallen und reichte eine einstweilige Verfügung ein. BAYER ruderte zurück und beteuerte, nie geplant zu haben, den Deich anzurühren. Erst als die Stadtverwaltung das schriftlich hatte, zog sie die Einstweilige Verfügung zurück. Nichtsdestotrotz erwägt sie aber eine Klage gegen den Bau der Pipeline.

Der Pharma-Riese verwahrt sich gegen Kritik an seinen Plänen und verweist auf die angeblich seit fünf Jahren störungsfrei betriebene - allerdings 57 Kilometer kürzere - CO-Pipeline zwischen Leverkusen und Dormagen. Zudem setzt er auf seine Kontakte zur Politik, um seine Absichten zu verfolgen. Da die avisierten Leitungen teilweise durch Privatgrundstücke gehen, hat die Landesregierung sich mit einer „Lex Bayer“ schon mal im Vorhinein die Möglichkeit zu Enteignungen verschafft. Auch viele PolitikerInnen stehen dem Konzern zur Seite. So äußerten sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Hermann Gröhe, der Dormagener CDU-Lokalpolitiker Norbert Dahmen und der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Kress bei einem Besuch bei Bayer zustimmend zur Rohrleitungsanlage. „Eine gute Nachricht für beide Standorte“, befanden sie unisono. Karl Kress bezeichnete die Pipeline darüber hinaus „für die Sicherung von Arbeitsplätzen in Dormagen von herausragender Bedeutung“. Sein Votum verwundert nicht. Karl Kress war nämlich Labor-Leiter bei Bayer-Faser und lässt sein Beschäftigungsverhältnis seit 2002 mit der passiven Phase der Altersteilzeit ausklingen. Im Zuge des Skandals um den auf RWE-Ticket Politik machenden Lorenz Meyer flogen auch Karl Kress Beziehungen zu Bayer auf, was ihn offenbar aber nicht davon abhielt, seinem ehemaligen Arbeitgeber weiter treu zu Diensten zu stehen.

Mit dem von ihm angeführten Arbeitsplatz-Argument versucht auch der Leverkusener Multi, Druck auszuüben. Ohne optimale Gas-Versorgung hat das Uerdinger Werk keine Zukunft, verlautet aus der Konzern-Zentrale. Im Falle einer Nichtgenehmigung müsse man sich genau überlegen, wo man Kapazitäten ausbaut, droht Werner Breuer von Bayer Material Science. Es könnte also ein heißer Herbst werden.