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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

[Schering] STICHWORT BAYER 02/2006

CBG Redaktion

BAYER + SCHERING = - 6.000 Jobs

Pharmadeal mit Nebenwirkungen

Ende März 2006 kaufte der Leverkusener Multi den Berliner Pillen-Produzenten SCHERING für 16.3 Milliarden Euro. Und wie im Wirtschaftsleben üblich, ist das neue Pharma-Ganze weniger als die Summe seiner Teile: BAYER-Chef Werner Wenning kündigte als „Synergie-Effekt“ den Wegfall von 6.000 der 60.000 Arbeitsplätze an.

Von Jan Pehrke

Mit immer weniger Beschäftigten machen die DAX-Unternehmen immer mehr Profit. Durchschnittlich um 30 Prozent stiegen ihre Erlöse im Geschäftsjahr 2005. BAYER lag noch über 100 Prozent darüber und erhöhte den Gewinn von 0,685 Millarden auf 1,597 Millarden Euro. Da fragt sich natürlich: Wohin mit dem Geld? Der Leverkusener Multi tat es EON, LINDE und BASF nach und ging erst einmal auf Shopping-Tour. Ende März erstand er den Berliner Arznei-Hersteller SCHERING. Er überbot den ebenfalls interessierten MERCK-Konzern um 1,7 Milliarden und bekam für 16,3 Milliarden den Zuschlag. Soviel zahlte der Leverkusener Multi noch nie in seiner Firmengeschichte für eine Übernahme.
Im Zuge des LIPOBAY-Skandals hatte er zur Stärkung der angeschlagenen Pillen-Sparte schon einmal einen SCHERING-Kauf erwogen. Der Vorstand entschied sich dann aber doch für ein defensives Krisenmanagement und begann mit dem Rückbau des Gesundheitsbereiches zu einem „mittelgroßen europäischen Pharma-Unternehmen“. Mit dem neuen Deal ist diese Strategie passé. Zum Umsatz von 3,8 Milliarden mit ASPIRIN & Co. kommen jetzt noch 9,1 SCHERING-Milliarden dazu, womit die Arzneimittel-Abteilung sich zur größten innerhalb des Konzerns auswächst und BAYER von Rang 14 auf Rang 12 der Global Player in diesem Segment vorrückt.
Die Berliner machten ihr Geld als die globale Nr. 1 im Markt-Segment „Verhütungsmittel“ sowie mit den umstrittenen Hormon-Präparaten für Frauen in den Wechseljahren und hatten unter anderem Mittel zur Behandlung von Krebs, Mulipler Sklerose, Herz- und Blutkrankheiten im Angebot. Rückschläge in der Forschung hatten den Aktienkurs fallen lassen und SCHERING zu einem Übernahme-Kandidaten gemacht. Die Vorstandsetage legte als Reaktion darauf ein Kostensenkungsprogramm auf und strich 2.000 Arbeitsplätze. Aber wie so oft zahlte sich dieses Opfer für die Belegschaft nicht aus. Die Bosse verkauften schließlich doch, und Wenning als neuer Hausherr kündigte als erste Amtshandlung weitere Rationalisierungsmaßnahmen an. 6.000 der 60.000 Stellen will er streichen. MERCK hätte sich mit einem Minus von 3.000 bis 4.000 Stellen begnügt, aber die von vielen ExpertInnen als überhöht angesehenen Kosten für den Deal haben halt ihren Preis ...
Die SCHERING-Beschäftigten reagieren entsprechend. „Die Stimmung ist beschissen. Wie soll sie auch sein, wenn angekündigt wird, dass 6.000 Stellen gestrichen werden sollen“, sagte ein beim Gebäudemanagement-Mitarbeiter einem Journalisten der „Welt am Sonntag“. Für den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Norbert Deutschmann stehen die Gewinner und Verlierer ebenfalls fest. „Die Gewinner sind die Besitzer großer Aktienpakete, diejenigen, die zuletzt noch spekulativ eingestiegen sind, und die Investmentbanken. Verlierer werden erst einmal die Arbeitnehmer sein, in beiden Unternehmen“, so Deutschmann gegenüber der Berliner Zeitung. Sein BAYER-Kollege Thomas de Win stimmte dem Deal dagegen zu: „Wir begrüßen die Transaktion“. Er bezeichnet die Arbeitsplatzvernichtung zwar als „großes Problem“, bekundet aber, damit leben zu können, zumal BAYER die Abwicklung „sozialverträglich“ gestalten will. Nicht einmal das ist allerdings gesichert. In einem Interview ließ Wenning die Frage unbeantwortet, ob es zu betriebsbedingten Kündigungen komme.
Die BELEGSCHAFTSLISTE, eine alternative Gruppe innerhalb der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) im Wuppertaler BAYER-Werk enthielt sich in ihrer Presseerklärung einer eigenen Stellungnahme. Sie sondierte stattdessen die Gemütslage der Beschäftigten und machte ein Meinungsspektrum aus, das von Zustimmung bis zu Ängsten reicht. Zu denen sahen angesichts der Stellenstreichorgie auch die BELEGSCHAFTLER Anlass. Sie fürchten um das Überleben der bislang 19 Produktionsstandorte im Allgemeinen und um das Wuppertaler Pharmazentrum im Besonderen, da das Management eine Verlegung des Health-Care-Hauptsitzes nach Berlin angekündigt hat. Deshalb fordert die Liste von BAYER eine Bestandsgarantie für Wuppertal sowie die Zusage, bis Ende 2012 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.
Die BASIS-BETRIEBSRÄTE, eine andere alternative IG-BCE-Gruppe, haben unter den Beschäftigten sowohl Optimismus als auch Besorgnis und sogar Panik ausgemacht und reihen sich in die Fraktion der Besorgten ein. Um der Belegschaft eine Möglichkeit zum Austausch und vielleicht sogar zum gemeinsamen Handeln zu bieten, haben sie MitarbeiterInnen-Treffs eingerichtet.
Die dritten im Alternativ-Bunde, die KOLLEGEN UND KOLLEGINNEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, veröffentlichen in ihrem Flugblatt vom März 2006 keinen Artikel zum SCHERING-Thema, geben aber einem Beschäftigten Gelegenheit, seiner Verärgerung über den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Thomas de Win Ausdruck zu verleihen. „Also was macht unser oberster Interessensvertreter? Zuerst begrüßt er mit dem obersten Boss des Unternehmens dessen Absichten, um uns die Suppe auslöffeln zu lassen, die er uns eingebrockt hat. Das ist keine Interessensvertretung, sondern Co-Management, wie es im Buche steht“, ereifert sich der Mann. Dieser Kritik schließt sich eine Beschäftigte im Internet-Forum der BASIS-BETRIEBSRÄTE an. „Die Politiker Merkel und Wowereit schreien auf, weil es wieder 6.000 Arbeitsplätze mehr gibt, und was macht unser Betriebsratsvorsitzender de Win? Der jubelt mit Wenning und sagt: ‚Wir machen weiter wie bisher und bauen sozialverträglich ab'“, schreibt die Frau.
Nach Schätzungen der IG BCE plant Bayer, hierzulande „auf die nette Art“ 600 Jobs zu streichen - eine sehr optimistische Schätzung. Die vom Unternehmen angegebenen Baustellen für den Kahlschlag, Verwaltung und Forschungseinrichtungen, sind nämlich zum großen Teil in der Bundesrepublik angesiedelt und entsprechend gefährdet. Zudem will der Global Player zur Finanzierung der Übernahme seine Gesellschaften HC STARCK und WOLFF WALSRODE abstoßen. Nach Lage der Dinge werden wohl bei einem Finanzinvestoren landen, wobei kaum alle aus der Belegschaft an Bord bleiben dürften.
Diese Aussichten bewogen sogar Angela Merkel, einzugreifen. Sie ersuchte Werner Wenning um ein Gespräch und appellierte schon im Vorfeld an ihn, die „Anpassung“, wie die Bundeskanzlerin die Arbeitsplatzvernichtung nennt, doch bitte nicht zu Lasten bundesdeutscher Arbeitsplätze vorzunehmen.
Wie patriotisch oder unpatriotisch BAYER den Stellenabbau letztendlich vornimmt, dürfte allerdings nur Standort-PolitikerInnen interessieren. Auf die Beschäftigten kommen in jedem Fall harte Zeiten zu. Ihnen steht im Zuge der Fusionskonfusion ein gnadenloser Ausscheidungswettkampf bevor. Er vergiftet das Betriebsklima, lässt so die Arbeitsleistungen sinken, produziert 6.000 Überflüssige und setzt die Übriggebliebenen einem erhöhten Druck aus.
Aber die Belegschaften sind nicht die einzigen Übernahme-Verlierer. Auch die Finanzminister schauen in die Röhre, denn BAYER & Co. dürfen hierzulande steuerfrei einkaufen. „In Deutschland können als einzigem Industrie-Land der Welt alle Ausgaben (auch Schuld-Zinsen für Beteiligungen) de facto voll steuerlich abgesetzt werden“, lüften Lorenz Jarass und Gustav M. Obermair in ihrem Buch die „Geheimnisse der Unternehmenssteuern“. BAYERs Finanzabteilung hat auch schon mal durchgerechnet. Mit jährlichen Abschreibungen in Höhe von 800 Millionen bis 2016 will sie die Finanzämter düpieren. Am Stammsitz Leverkusen schreibt der Kämmerer den Multi schon seit einiger Zeit ab. Dank des Erwerbs der rezeptfreien ROCHE-Medikamente und der Landwirtschaftssparte von AVENTIS zaubert der Konzern Verlustvorträge und Ähnliches aus dem Hut und zahlt dort seit fünf Jahren kaum noch Gewerbesteuer.
Bei solchen Steuergesetzen, die überdies zu einem Gutteil hausgemacht sind - BAYERs ehemaliger Finanzchef Heribert Zitzelsberger war unter Rot-Grün als Eichels Staatssekretär so nett - musste der Konzern natürlich zugreifen. Der Multi hat auch nicht viele Wachstumsalternativen. Nirgendwo außer in China tun sich neue Absatzmärkte auf, in den Hochpreis-Pillenparadiesen Japan und Vereinigte Staaten sieht sich der Konzern politischem Druck gegenüber, und aus den eigenen Arznei-Laboren hat er auch keine Blockbuster zu erwarten. So entschloss er sich einfach, Umsatz dazuzukaufen und die Profite durch Rationalisierungsmaßnahmen zu erhöhen. Von 19 auf 25 Prozent will Wenning die Umsatzrendite bei dem neu zusammengesetzten Pharmariesen steigen sehen.

[Aktienbesitz] Hauptversammlung

CBG Redaktion

Die Macht des Großkapitals

Kleinaktionäre dürfen am Profit riechen - mehr ist nicht drin

Es ist schon ein übler Trick: Die Konzerne lassen sich den Ausbau ihrer Profit- und Ausbeutungsmaschinierie von denjenigen mitfinanzieren, die davon mit Arbeitsplatzvernichtung, Sozialabbau und Verschlechterung der Lebensbedingungen am härtesten betroffen sind, von der arbeitenden Bevölkerung. Mittlerweile besitzen rund 16 Prozent aller deutschen Haushalte Aktien. Macht haben diese ca. 12 Millionen KleinaktionärInnen allerdings keine. Auch bei BAYER nicht.
Von Axel Köhler-Schnura

Es ist die pure Nötigung. Die Berichterstattung über Aktienkurse ist ohne jeden Bezug zu den Alltagssorgen der breiten Bevölkerung, aber dennoch gibt es mittlerweile keine Nachrichtensendung mehr, in der nicht die kleinste Kursschwankung gewürdigt wird. Ungeachtet aller Gefahren durch Krieg, Wirtschaftskrise und Börsencrash sollen so die Menschen gelockt werden, ihre mühsam ersparten Euros in Aktien zu „investieren“. Ganze Kegelclubs wandeln sich zu (Klein-)Aktionärsvereinigungen.

BAYER profitiert vom Börsenfieber

Von dem derart losgetretenen Börsenfieber profitiert auch der BAYER-Konzern. Zählte die Muttergesellschaft des BAYER-Konzerns im Jahr 1993 noch 295.000 AktionärInnen, so waren es acht Jahre später im Jahr 2001 fast doppelt so viele: 496.000 Personen, Firmen und Institutionen besitzen heute ca. 766 Millionen BAYER-Aktien und stellen das Grundkapital des BAYER-Konzerns in Höhe von ca. 1,96 Milliarden Euro. Jede der nennwertlosen BAYER-Aktien hat damit einen Wert von 2,56 Euro.

Die BAYER-Aktie ist breit in die Haushalte von Otto Normalverbraucher vorgedrungen: Den größten Anteil an den BAYER-AktionärInnen stellen mit ca. 93 Prozent die Privatpersonen; das macht immerhin 465.000 Personen aus. Während jedoch die 7 Prozent Firmen und Institutionen 76 Prozent des Kapitals von BAYER besitzen, halten die PrivataktionärInnen lediglich 24 Prozent, also gerade einmal 0,5 Milliarden Euro des Grundvermögens des Konzerns. Untersuchen wir die 465.000 privaten AnteilseignerInnen weiter, so stellen wir fest, das 92 Prozent maximal 600 Aktien im Depot haben. 427.000 BAYER-AktionärInnen halten also Depots mit einem Nennwert von maximal 1.536 Euro. Damit besteht die große Masse der BAYER-AktionärInnen aus Mini- und KleinstaktionärInnen.

Die Machtlosigkeit von Otto Normalaktionär

Doch so beeindruckend der hohe Anteil von Klein- und KleinstaktionärInnen an der Gesamtzahl der BAYER-AktionärInnen ist, so beschämend ist ihr geringer Einfluss. Dieser geht defacto gegen Null. Werden von den 496.000 AktionärInnen die Groß- und GrößtaktionärInnen aussortiert, so muss davon ausgegangen werden, dass etwa 446.000 AnteilseignerInnen bzw. 90 Prozent gerade einmal ca. 5 Prozent des Kapitals besitzen, mithin also 95 Prozent des Kapitals bei ca. 10 Prozent aller AktionärInnen liegen. Etwa 50.000 GroßaktionärInnen besitzen 1,86 Milliarden Euro des Grundkapitals, während 446.000 KleinaktionärInnen gerade einmal zusammen auf 100 Millionen Euro kommen. An diesem Punkt ist übrigens auch Schluss mit der Informationsfreudigkeit des BAYER-Konzerns. Es gibt keine Informationen aus der zuständigen BAYER-Abteilung, alle Angaben beruhen auf Schätzungen der Coordination gegen BAYER-Gefahren, die diese anhand der Präsenzliste und der von ihr vertretenen Depots vorgenommen hat.

Der nominale Einfluss der Klein- und KleinstaktionärInnen von 5 Prozent wird zusätzlich gedrückt, weil sie ihre Aktien in aller Regel nicht selbst vertreten, sondern sich von der Bank vertreten lassen, bei der die Aktien im Depot liegen. Diese sogenannte Regelung des Depotstimmrechtes schmälert den Einfluss der KleinaktionärInnen weiter und stärkt die Macht der Banken.

Die Macht der GroßaktionärInnen

76 Prozent, also mehr als Dreiviertel des Kapitals, befinden sich bei 31.000 Banken, Investmentgesellschaften und anderen institutionellen Anlegern. Hinzu kommen die bereits erwähnten privaten Groß- und GrößtaktionärInnen. Besonders sind jene zu nennen, die zum Kreis der 946 Multi-Milliardäre gehören, die die Wirtschaft der Welt regieren. Allerdings wird man deren Namen vergeblich in den Registern der Aktiengesellschaften suchen, denn sie verstecken sich doppelt und dreifach getarnt im Bereich der institutionellen AnlegerInnen.

Aufgrund eigenen Besitzes halten 2.276 Banken und Versicherungen bei BAYER 55 Prozent aller BAYER-Aktien. Zu ihrer Macht hinzu addieren sich die 12 Prozent, die mehrere Tausend Investmentgesellschaften halten. Oftmals sind die Investmentgesellschaften direkte Töchter der Banken. Die 2,9 Prozent, die 6.853 Anleger aus Industrie und Handel halten bzw. die 5,5 Prozent, die bei 14.537 nicht näher spezifizierten „Sonstigen“ liegen, fallen da bereits kaum noch ins Gewicht.

Hinzu kommt das Depotstimmrecht. Es sorgt dafür, dass alleine die DRESDNER BANK im Rahmen der Hauptversammlung 30 und mehr Prozent aller BAYER-Aktien vertritt und die DEUTSCHE BANK z.B. weitere 17 Prozent. Damit vertreten alleine diese beiden Banken fast 50 Prozent aller Aktien, wobei die DEUTSCHE BANK die meisten inländischen Aktien hält.

Wenn es also auf den ersten Blick so aussieht, als befände sich das BAYER-Kapital von 3,6 Milliarden Mark in breitem Streubesitz, so stellt sich bei näherer Betrachtung heraus, das Gegenteil ist der Fall: Viele Hunderttausend AktionärInnen besitzen so gut wie nichts, einige wenige GroßaktionärInnen und GrößtaktionäreInnen besitzen nahezu alles: Es kann davon ausgegangen werden, das eine Zahl von lediglich ca. 5.000 AktionärInnen 80 und mehr Prozent des Kapitals besitzen.

Abnehmende Präsenz

Es gibt noch ein interessantes Phänomen. Auf den Hauptversammlungen tritt lediglich ein Bruchteil des Kapitals in Erscheinung. Im Jahr 2007 lag bei BAYER diese „Präsenz“ bei 57 Prozent. Es waren also 436,6 Millionen Aktien auf der Hauptversammlung vertreten. An den Abstimmungen nahmen sogar lediglich 434,9 Millionen Aktien teil. Wo stecken die fehlenden mehrere Hundert Millionen Aktien bzw. weshalb sind sie nicht präsent? Entsprechend der bereits vorgerechneten Aktienverteilung auf Groß- und KleinaktionärInnen können die fehlenden KleinaktionärInnen außer Betracht bleiben. Ob da einige Tausend fehlen oder sich vertreten lassen, ändert an der Präsenz herzlich wenig. Anders die GroßaktionärInnen. Hier bekommt die Frage tatsächlich Gewicht, weshalb derart viele Aktien nicht vertreten sind.

Bei der Beantwortung der Frage muss zunächst eine andere Frage geklärt werden: Ist es überhaupt von Bedeutung, wenn z.B. GrößtaktionärInnen, die wesentlich Prozente des Kapitals besitzen, nicht teilnehmen? - Nein, das ist in aller Regel nicht der Fall. Denn aufgrund der Macht des gehaltenen Kapitals, können sie alle wichtigen Fragen außerhalb der Hauptversammlung klären. Sie betrachten Vorstand und Aufsichtsrat sowieso als Angestellte, die zu tun und zu lassen haben, was sie bestimmen und vorgeben. Die Hauptversammlung hat da keinerlei Bedeutung mehr. Entsprechend muss davon ausgegangen werden, dass es die größten der AktionärInnen sind, die bei den Hauptversammlungen nicht präsent sind. Zumal es diesen auch ganz angenehm ist, wenn ihre Namen, selbst die doppelt und dreifach getarnten, nicht in den Präsenzlisten der Hauptversammlungen auftauchen.

Und es gibt noch andere Namen, die die Öffentlichkeit der Hauptversammlungen scheuen. Da sind die Summen die in die Geldwäscheströmen der internationalen Wirtschaftskriminalität verstrickt sind und da sind mit Sicherheit auch die Mafia und andere lichtscheue Vermögende zu nennen. Diese sind derart konspirativ getarnt, dass sie nicht einmal in den regelmäßig veröffentlichten Listen der reichsten Menschen der Welt in Erscheinung treten. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass es Kriminelle gibt, die zur Klasse der Milliardäre gehören, dort aber in den offiziellen Listen vergeblich gesucht werden. Und sie haben ihr Geld ebenso wie Bill Gates und andere in Aktien investiert.

Immer mehr Stimmrechte an KritikerInnen

Angesichts dieser Machtverhältnisse ist es pure Demagogie von Aktionärsdemokratie zu faseln wie es die Konzerne und die konzerngesteuertern PolitikerInnen und Medien ständig tun. Tatsächlich ist es so, dass die GroßaktionärInnen die absolute Macht haben und derart auch das Management steuern. Die KleinaktionärInnen geben dabei nur eine diese Verhältnisse verschleiernde Kulisse ab.

Störend dabei allerdings diejenigen KleinaktionärInnen, die sich von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre vertreten lassen. Seit Jahren sammeln diese beiden Organisationen die kritische Kleinaktionärsopposition, die sich Umweltschutz, Menschenrechten, Frieden und sozialer Gerechtigkeit verpflichtet sehen, und bieten demManagement der banken und Konzerne gleichermaßen die Stirn. Vor dem Hintergrund der Mehrheitsverhältnisse hinsichtlich der Aktien- und Kapitalverteilung bringen sie auf den Hauptversammlungen zwar lediglich geringe bis verschwindende Prozente aller Stimmen auf, werden jedoch defacto von Tausenden der anwesenden Klein-AktionärInnen unterstützt.

Bei der diesjährigen Hauptversammlung des BAYER-Konzerns stimmten beispielsweise bis zu 5,7 Millionen Aktien bzw. bis zu ca. 1,4 Prozent mit den KritikerInnen der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG). Mehrere Hundert AktionärInnen hatten bereits vor der Hauptversammlung ihre Stimmrechte an die CBG abgetreten. Da davon auszugehen ist, dass zuvorderst die KleinaktionärInnen mit den KritikerInnen stimmen und in deren Depots sich wie dargestellt maximal 600 Aktien befinden, wurden die CBG also von mehreren Tausend AktionärInnen unterstützt. Geht man davon aus, dass angesichts der immer drängender werdenden Umweltprobleme und der offenkundigen Profitgier des Konzerns auch einige mittlere und größere AktionärInnen mit den Kritischen stimmen, kann mit großer Sicherheit von zwei bis dreitausend AktionärInnen ausgegangen werden, die die Opposition bilden. Wobei stets klar ist, dass sie wie dargestellt, symbolisch handeln und mit ihren Nein-Stimmen nur ein Zeichen setzen können.

Zumal zu allem hinzu der Trick mit den Enthaltungen hinzu kommt. Enthaltungen fallen bei BAYER nämlich grundsätzlich unter den Tisch. Da viele KleinaktionärInnen sich jedoch oftmals nicht zu einem klaren „Nein“ gegen den Vorstand entscheiden können, enthalten sie sich. Und verschenken damit ihre Stimme. Im Jahr 2007 wurden bei den Abstimmungen bis zu 20 Millionen Enthaltungen bei den Abstimmungsergebnissen nicht berücksichtigt. Die sagenhaften Zustimmungsergebnisse für den Vorstand von 98 und mehr Prozent wären bei Berücksichtigung der Enthaltungen deutlich geringer ausgefallen. Aber auch nicht unter die 90-Prozent-Marke abgesunken. Dafür sorgt in jedem Fall die Macht des Großkapitals.

---- Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) arbeitet als Netzwerk in 56 Ländern. Informationen über die CBG in sieben Sprachen unter www.CBGnetwork.org. Die CBG arbeitet weitgehend ehrenamtlich und erhält aufgrund ihrer konsequent konzernkritischen Haltung keinerlei Förderung und finanzielle Unterstützung. Sie ist auf Spenden und Frödermitgliedschaften angewiesen. Spenden Sie auf das Konto GLS-Bank 8016 533 000 BLZ 430 609 67 (bzw. europaweit BIC/GENODEM1GLS und IBAN/DE88 430 609 67 8016 533 000). Für eine Fördermitgliedschaft wenden Sie sich an (0)211 - 26 11 210 bzw. an info@cbgnetwork.org. Sollten Sie aus irgendwelchen Gründen eine oder mehrere BAYER-Aktien besitzen, übertragen Sie die Stimmrechte an die CBG, Postfach 18 90 88, 40081 Düsseldorf/Deutschland.

Unanständig: 39 Prozent Kapitalrendite

Von Dividende, Nennwert und Börsenwert

BAYER-Aufsichtsratschef Dr. Manfred Schneider bekannte einmal: „Wir sind auf Profit aus, das ist unser Job!“ Für das Jahr 2006 wurde auf der Hautversammlung 2007 ein Gewinn von einem Euro je Aktie ausgeschüttet, also satte ca. 39 Prozent Kapitalrendite je Aktie mit einem Wert von 2,56 Euro.

Vielfach wird die Dividende ins Verhältnis zum Kurswert gesetzt, und da machen sich der eine Euro je Aktie natürlich nicht so glänzend. Der Kurswert liegt derzeit bei etwa bei 50 Euro. Die Differenz zwischen Nenn- und Kurswert ergibt sich aufgrund des Handels der Aktie an der Börse und ist mithin nichts als ein Spekulationsaufschlag, der sich aus dem Handel der Aktie an der Börse ergibt und der sich permanent aufgrund von Angebot und Nachfrage verändert. Um die Kapitalrendite zu ermitteln muss der Wert herangezogen werden, der sich aus der Teilung des Grundkapitals durch die Stückzahl aller Aktien ergibt, und der ist bei BAYER 2,56 Euro.

Widerstand und Gegenwehr

Kritische BAYER-AktionärInnen

Als 1982 das erste Mal KritikerInnen auf der Aktionärsversammlung des Chemie-Giganten aus Leverkusen das Wort ergriffen, hörten ihnen gerade einmal 1.200 verblüffte AktionärInnen zu. Was diesen da, zu Gehör gebracht wurde, sprengte ihr Vorstellungsvermögen. Da änderte es auch nichts, dass Vorstand und Aufsichtsrat alles in immer gleichlautender Formulierung als „haltlos“ von sich wiesen. Es ging um haarsträubende Fälle von Umweltverseuchung, Menschenrechtsverletzungen, Gefährdung menschlicher Gesundheit und Todesfälle aufgrund gefährlicher Produkte und Produktionen, Ausbeutung, Kriegstreiberei und Sozialabbau – kurzum um die hässliche Kehrseite der Gewinn- und Umsatzmilliarden. „Wenn das alles stimmt, was hier vorgetragen wird, dann sitzen da nur lauter Gangster!“ rief ein fassungsloser Aktionärsvertreter und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die BAYER-Vorstandsriege.

In den folgenden Jahren erhöhte sich die Zuhörerschaft kontinuierlich. Bis schließlich weit mehr als 25.000 AktionärInnen nach Köln anreisten, um die bis dahin noch nie dagewesene Schelte des BAYER-Managements live mitzuerleben. Ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte deutscher Aktiengesellschaften. Der TAGESSPIEGEL/Berlin brachte es so auf den Punkt: „Jahr für Jahr meldet sich auf der Hauptversammlung der Leverkusener BAYER AG die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN zu Wort. Die bestorganisierte Kritikergruppe liefert einen Alternativen Geschäftsbericht.“

BAYER reagierte. Zunächst versuchte sich der Konzern in Abschreckung. Er gründete die Initiative „Malocher gegen Schmarotzer“ und ließ in propere weiße Overalls gekleidete Werkschutzleute vor der Aktionärshauptversammlung agitieren. Das ging voll daneben, denn die anreisenden AktionärInnen erkannten nicht in den KritikerInnen die „Schmarotzer“, sondern fühlten sich selbst verunglimpft und feuerten den verkappten Malochern der BAYER-Propaganda-Abteilung die Flugblätter erbost vor die Füße. BAYER lernte, strich die „Schmarotzer“, nannte seine Abschreckungstruppe fürderhin „Die Malocher“ und stellte ihr Werkschutzleute mit selbstgebastelten DKP-Fahnen zur Seite. Auf diese Weise sollte bei den AktionärInnen Sympathie für die BAYER-freundlichen Blumen verteilenden „Malocher“ und Antipathie gegenüber den „kommunistischen“ KritikerInnen erzeugt werden. Doch auch diesmal blieben die gewünschten Effekte aus, die AktionärInnen begriffen alles nur als weitere Belebung ansonsten stinklangweiliger Hauptversammlungsroutinen.

Also griff der Chemie-Gigant zu drastischeren Mitteln. Er kürzte die Versorgung der AktionärInnen, die immerhin einen ganzen langen Tag in der stickigen Luft der Kölner Messehallen ausharren müssen, auf ein Minimum. Auf streng rationierte Marken gab es abstoßende in Plastik verpackte Papp-Sandwiches und Getränke. War es früher selbstverständlich, dass die AktionärInnen, die ja immerhin das Geld für den Betrieb gaben, mit Filmen der BAYER-Tochter AGFA und mit Kosmetika aus eigener Produktion beschert wurden, so wurden jetzt diese Aktionärspräsente ersatzlos gestrichen. Und auch die Eintrittskarten für die Hauptversammlung wurden am Rande der Legalität beschränkt. Stehen jedem Aktionär für jede seiner Aktien eine Eintrittskarte zu, so wurde jetzt nur noch eine Eintrittskarte je Depot ausgegeben.

Insgesamt gelang es dem Konzern so, die Zahl der anreisenden AktionärInnen auf ca. 6.000 herunter zu drücken, doch dabei blieb es. Seit nunmehr 25 Jahren muss der Konzern es sich gefallen lassen, dass auf seiner Hauptversammlung die Hauptthemen nicht Gewinn und Dividende, sondern Umweltverbrechen, Produktionsgefahren, Menschenrechtsverletzungen und Sozialabbau sind.

BAYER global

War BAYER nach der Erhebung von 2001 noch überwiegend im Besitz deutscher AktionärInnen, so hat sich das inzwischen nach einer Erhebung aus dem November 2006 geändert. Danach werden inzwischen 73 Prozent des Kapitals im Ausland gehalten. Dabei führen die USA mit 37,9 Prozent, gefolgt von Großbritannien mit 20,8 Prozent, der Schweiz mit 3,6 Prozent, dem Rest von Europa mit 10,1 Prozent und dem Rest der Welt mit 0,6 Prozent. Von den 37,9 Prozent derAktien, die in den USA gehalten werden, entfallen weit mehr als 20 Prozent alleine auf zwei Investmentfonds. Die Capital Research and Management Company in LosAngeles hält inzwischen mehr als 10 Prozent des BAYER-Kapitals, desgleichen hat die The Capital Group Companies aus Los Angeles (USA) ebenfalls die 10-Prozent-Marke überschritten. Beides ein möglicher Hinweis darauf, dass sich US-Milliardäre bei BAYER eingekauft haben.

Die Bosse greifen in die Kasse

Bei BAYER gibt es für Belegschaftsangehörige drei Aktienerwerbs-Programme. Da ist zunächst für die einfachen Belegschaftsangehörigen (BAYER-Deutsch: „Tarifmitarbeiter und leitende Kräfte der unteren Ebenen“) das „Aktienbeteiligungsprogramm“. Unter bestimmten Voraussetzungen können BAYER-MitarbeiterInnen zu vergünstigten Bedingungen oder im Ausgleich als Prämienleistung Aktien erwerben. Über diese Anteile können sie allerdings nicht frei verfügen, es gelten sehr restriktive Bedingungen für den Verkauf dieser Papiere.

Anders bei den „oberen Führungskräften“. Ihnen werden BAYER-Aktien im Rahmen eines „Aktien-Incentive-Programms“ gratis und zur freien Verfügung zugewiesen. „Sofern bestimmte Erfolgs- und Haltekriterien erfüllt werden“, über die sich der Leiter des BAYER-Ressorts Corporate Investor Relations, Dr. Alexander Rosar, nicht weiter äußert.

Die BAYER-Bosse schließlich, die im Jahr 2006 je Person 2,5 Mio Euro verdienten, (BAYER-Deutsch: „Mitarbeitergruppe der höchsten Vertragsstufe“) können sich ungehindert im Rahmen eines sogenannten „Aktien-Options-Programms“ bedienen. Hier weisen sich die Herren (Damen gibt es in der BAYER-Vorstandsriege nicht) z.B. im Rahmen von Neu-Emissionen ganze Kontingente „junger Aktien“ zum weit unter Börsenkurs liegenden Vorzugspreisen per Beschluss selbst zu. Dies kommt einem legalen Griff in die Kasse gleich.

Vor dem Hintergrund dieser Aktien-Programme für das Management wird deutlich, dass der „einfache“ Belegschaftsaktionär mit Sicherheit erheblich weniger Aktien im Depot hat, als die von BAYER gemeldeten durchschnittlich von 311 Aktien je Mitarbeiterdepot. Und der Vorstandsvorsitzende, Dr. Wenning, nennt mit Garantie ein Vielfaches dieses Durchschnitts sein Eigen.

Die BelegschaftsaktionärInnen

Zu der Gruppe der PrivataktionärInnen gehören 50.000 bundesdeutsche Beschäftigte von BAYER-Werken und Tochter-Unternehmen. Diese BelegschaftsaktionärInnen halten 2,1 Prozent des Gesamtkapitals. In jedem dieser Mitarbeiterdepots, die bei COMMERZBANK, DEUTSCHE BANK und der SPARKASSE Leverkusen geführt werden, liegen durchschnittlich 311 Aktien im Nennwert von gerade einmal 800 Euro. Damit finanzieren die Beschäftigten den Konzern zwar mit 39,9 Mio. Euro, gehören aber grundsätzlich zu den KleinstaktionärInnen. Ausländischen MitarbeiterInnen werden laut dem Chef des BAYER-Ressorts Corporate Investor Relations, Dr. Alexander Rosar, grundsätzlich keine Belegschaftsaktien angeboten.

[Lanxess] STICHWORT BAYER 02/2006

CBG Redaktion

Unternehmen wirbt mit Umweltzertifikat

LANXESS betreibt Greenwashing

Die ehemals zum BAYER-Konzern gehörende Chemie-Abspaltung LANXESS zeigt sich als gelehriger Schüler des Leverkusener Multis: Sie stellt sich mit Hilfe zweifelhafter Umwelt-Zertifikate als Umweltengel dar.

Von Susanne Bareiß-Gülzow

LANXESS in Marl hisste zum 10-jährigen Bestehen des Umweltaudits auch seine EMAS-Flagge. Damit wollte der Betrieb dokumentieren, dass sie auf freiwilliger Basis Umweltschutz praktizieren, der weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht. Die EMAS-Flagge steht außerdem für Transparenz und Glaubwürdigkeit. Alles Auszeichnungen, die man sich bei einem ehemaligen Tochterunternehmen von Bayer kaum vorstellen kann, das mit der Muttergesellschaft von einst immer noch gemeinsam die Chemieparks unterhält. Es ist nur eine Frage der Zeit und der umweltpolitischen Bewertung, bis nach den Marler Erfahrungen auch in den anderen Chemieparks die EMAS-Flaggen wehen werden.
EMAS ist die Abkürzung für „Eco-Management und Audit-Scheme“ und stellt die höchste europäische Auszeichnung für systematisches Umweltschutzmanagement dar. Betriebe bewerten und verbessern auf Basis dieser europäischen Verordnung fortlaufend ihre eigene Umweltleistungen und veröffentlichen ihre Daten in einer von einem unabhängigen Umweltgutachter geprüften Umwelterklärung. Dafür dürfen sie mit dem EMAS-Logo werben.
Auch die Marler LANXESS-Niederlassung, früher BAYER/Buna, scheut sich nicht, ihre Umweltleistungen - genauer: sein EMAS-Logo - öffentlichkeitswirksam einzusetzten. Was die Auszeichnung angeht, so stellt sich das Unternehmen an der Lippe somit auf Augenhöhe mit dem NABU Stuttgart und weiteren fünf BUND-Geschäftsstellen in Baden-Württemberg, die auch EMAS-geprüft sind. Mit ihrer Teilnahme wollten diese aber den Anspruch an Umweltschutz gegenüber sich selbst dokumentieren und ihn einer internen und externen kritischen Prüfung unterziehen.
Doch eine kritische Prüfung der Umwelterklärung kann bei Lanxess nicht stattgefunden haben. In der letzten Zeit stolpert der VSR-Gewässerschutz immer häufiger über die von sogenannten unabhängigen Gutachtern geprüften Umwelterklärungen von Konzernen. So wurden schon die Urananreicherungslage von URENCO in Gronau und die beiden E.ON-Atomkraftwerke Isar 1 und 2 mit EMAS für ihre Leistungen im „Umweltschutz“ ausgezeichnet. Deshalb forderte der VSR-Gewässerschutz Anfang dieses Jahres die Umwelterklärung von LANXESS in Marl an. Doch zugeschickt wurde nur eine gemeinsame Erklärung des Chemieparks Marl, die noch bis 2007 gültig ist. Auch diesmal wurde man wieder mit einer neuen Interpretationen der EMAS-Richtlinie konfrontiert.
„Umwelterklärungen sind ‚Röntgenbilder', die einen tiefen Einblick in die eigenverantwortlichen erbrachten Leistungen eines konsequent und systematisch praktizierten betrieblichen Umweltschutz ermöglichen“, heißt in der Broschüre des Unweltgutachterausschuss (UGA) (1). Wenn ein Arzt auf den Röntgenbildern so wenig Aussagekräftiges erkennen könnte, wie der VSR-Gewässerschutz beim Suchen in der Umwelterklärung von LANXESS und den anderen Unternehmen im Chemiepark, bräuchte man nicht mehr zu röntgen.
EMAS soll eigentlich den Umweltschutz in den Betrieben vorantreiben. Deshalb fördern auch die Umweltverbände BBU, BUND und NABU im Umweltgutachterausschuss und durch eigene Projekte diese Umweltprüfung für Betriebe. Der UGA soll ein unabhängiges Beratungs- und Lenkungsgremium für das Öko-Audit sein. Ihm gehören 25 Mitglieder an, welche die verschiedenen Interessengruppen „Wirtschaft“, „Gewerkschaften“, „Umwelt- und Wirtschaftsverwaltungen des Bundes und der Länder“, „Umweltgutachter“ und „Umweltverbände“ vertreten. Hier trifft man auf Vertreter großer Konzerne wie E.ON und DEGUSSA sowie auf UmweltgutachterInnen, die zweifelhafte Standorte zertifiziert haben. Der Umweltgutachter der Atomkraftwerke Isar 1 und 2 Werner Wohlfarth ist sogar stellvetretender UGA -Vorsitzender. Wenn schon einer der Vertreter der Umweltgutachter im UGA selbst einem AKW eine EMAS-Zertifizierung ausstellt, zeigt sich, dass sich hier der Umwelt-TÜV weit von den Zielen entfernt, welche die Umweltinitiativen damit verbanden.
LANXESS profitiert davon, dass DEGUSSA auf dieses Umweltzertifikat setzt. Die DEGUSSA-TOCHTER INFRACOR ist in dem Chemiepark für die Ver- und Entsorgung der ansässigen Unternehmen zuständig. Auffällig ist, dass der Chemiepark Wolfgang in Hanau, wo DEGUSSA ähnlich auftritt, durch die gleiche Gutachterorganisation EMAS zertifiziert worden ist. Der Leiter des DEGUSSA-Konzernbereichs „Umwelt, Sicherheit, Gesundheit und Qualität“, Dr. Jochen Rudolph, ist auch einer der stellvetretenden Vorsitzender im UGA und einer der sogenannten unabhängige Gutachter, Michael Sperling, stellvertretendes Mitglied im gleichen Ausschuss.
Auch wenn die Umweltverbände BUND, NABU und BBU dort ebenso vertreten sind, konnten sie nicht verhindern, dass die VertreterInnen der großen Konzerne und UmweltgutachterInnen Richtlinien und Voraussetzungen für EMAS in ihrem Sinne gestalten.
Das nutzen dann DEGUSSA und LANXESS für ihre Standorte aus. Außerdem können die UmweltvertreterInnen auch nicht verhindern, dass sich die Konzerne ihre Gutachter selbst aussuchen. Da die UmweltgutachterInnen auf die Aufträge aus der Industrie angewiesen sind, sind sie kaum unabhängig. Die wirklich auf die Umwelt bedachten VertreterInnen anderer Interessengruppen tun sich natürlich schwer, gegen Ausschussmitglieder vorzugehen. Man kennt sich und sieht lieber über kritsche Zertifizierungen hinweg.
Mit EMAS ausgezeichnete Unternehmen verpflichten sich zur kontinuierlichen Verbesserung ihrer Umweltleistung. Dazu werden die einzelnen Ziele im öffentlich zugänglichen Umweltbericht dargestellt. Bei LANXESS ist nur eine Maßnahme genannt. So soll die Lärmbelästigung durch die Optimierung der Dampfregelung beim Fackelbetrieb bis 2006 verringert werden. Die anderen in den Bericht aufgenommenen Unternehmen planten wesentlich mehr Verbesserungen. Auch wenn zu den Umwelterklärungen noch weitere Maßnahmen hinzukommen werden, ist hier die Darstellung einfach nur lächerlich.
Über die Konzentrationen der Schadstoffe im Abwasser kann man zu den einzelnen auf dem Gelände tätigen Betrieben im Umweltbericht nichts entnehmen. Es wird nur die Abwasserfracht des gesamten Chemieparks angegeben. Die Kläranlage vom Chemiepark Marl erledigt alles zentral. Sicher ist das eine kostengünstige Betreibungsform, wogegen auch nichts einzuwenden ist. Aber wenn verschiedene Abwässer gemischt werden, ohne dass vorher die Belastung angegeben wurde, ist nicht mehr klar, ob Verantwortliche bei LANXESS die gesamte Umweltbelastung durch das eigene Abwasser richtig einschätzen. Leider lassen sich auch viele Problemstoffe auf diese Weise durch das Abwasser der anderen Unternehmen verdünnen und dadurch verstecken. Das führt dann aber nicht zu einem gutem betrieblichen Umweltmanagement. Ob Unternehmen wie LANXESS Schadstoffe im Abwasser betriebsintern noch verringern könnten, ist so wegen fehlender Information nicht zu beurteilen. Doch profitiert LANXESS durch den Zusammenschluss im Chemiepark von den Erleichterungen beim Abwasserrecht, die den EMAS-zertifizierten Betrieben in NRW wie auch in anderen Bundesländern inzwischen als Anreiz gewährt werden. Wenn staatliche Kontrollen verringert werden, sollte der Öffentlichkeit die „Vorbildlichkeit“ der einzelnen Konzerne in Bezug auf Umweltschutz auch in der Umwelterklärung dargestellt werden. Dies ist bei der „gemeinsamen Umwelterklärung“ aber nicht der Fall.
EMAS-Umwelterklärungen sind die „ökologischen Visitenkarten“ ihrer Herausgeber. Hier kann man sich in der Öffentlichkeit gut darstellen. Daher sollen diese Firmen auch den offenen Dialog in der Öffentlichkeit suchen - doch davon ist man bei BAYER & Co. noch meilenweit entfernt. Man denke nur daran, dass vor Jahren das Abwasser bei BAYER einfach zum Betriebsgeheimnis erklärt wurde, woraufhin ein Richter korrigierend eingreifen musste.
Was bleibt, ist eine Umwelterklärung, die LANXESS Nutzen bringt, aber die Öffentlichkeit nicht wirklich über die Umweltfaktoren informiert. Die BürgerInnen erfahren immer noch nicht, wie nachhaltig das Unternehmen überhaupt arbeitet. Schon 1993 versuchte BAYER sich in Dormagen durch ein Ökoaudit sauberer darzustellen. Obwohl in den Folgejahren keine erneute Validierung dieser Umweltauszeichnung gelang, wirbt das Werk auf seiner Homepage immer noch damit. Genauso soll dieses überaus fragliche Instrument jetzt LANXESS grüner erscheinen lassen als dieser Konzern ist.

Die Autorin Susanne Bareiß-Gülzow ist Mitarbeiterin des VSR-Gewässerschutzes. Der Artikel „Umweltprädikat für einen Atommeiler“ ist in der Waterkant Nr. 2/2005 erschienen. Er kann auch unter www.vsr-gewaesserschutz.de abgerufen werden.

1)Umweltgutachterausschuss: Die EMAS-Umwelterklärung fundiert und anschaulich gestaltet; 2003
2)Chemiepark Marl: Gemeinsame Umwelterklärung von 2004

[Fress-Wettbewerbe] STICHWORT BAYER 02/2006

CBG Redaktion

Kooperation mit “International Federation of Competitive Eating”

BAYER, Turbo-Fressen und Diabetes

Seit jeher schreckt das Unternehmen BAYER nicht vor dubiosen Marketing-Methoden zurück. In den USA förderte der Konzern nun sogar Fress-Wettkämpfe, bei denen die Teilnehmer in Minutenschnelle kiloweise Lebensmittel in sich reinstopfen. Nach einem Protest der Coordination gegen BAYER-Gefahren stoppte BAYER die zweifelhafte Kooperation.

von Philipp Mimkes

Elf Pfund Käsekuchen in neun Minuten, 53 hot dogs in zwölf Minuten, 167 Chicken Wings in 32 Minuten, 57 Kuhhirne in einer Viertelstunde - dies sind einige der Rekorde, die von dem Wettess-Verband International Federation of Competitive Eating (IFoCE) registriert wurden. Wettessen sei „eine der vielseitigsten, dynamischsten und herausforderndsten Sportarten der Geschichte“, heißt es auf der Website des Verbandes.

Ärzte und Ernährungsberater hingegen weisen auf Nebenwirkungen des Turbofressens hin: Sodbrennen, Durchfall, Blähungen, Magenrisse und Entzündungen der Speiseröhre - von Übergewicht ganz zu schweigen. Sogar drei Todesfälle sind bislang bekannt geworden. „Diese Wettbewerbe widersprechen allem, was wir über gesunde Ernährung wissen“, urteilt Bonnie Taub-Dix, Sprecherin der Amerikanischen Diätetischen Gesellschaft (American Dietetic Association). Ein Großteil ihrer Landsleute kämpfe mit der Volkskrankheit Fettleibigkeit, sagt die Expertin, umso weniger Verständnis habe sie für Fress-Wettkämpfe.

Trotzdem gehört zu den Sponsoren solcher Turniere auch der deutsche BAYER-Konzern. Auf der homepage der International Federation of Competitive Eating prangte bis vor kurzem eine Anzeige des von BAYER produzierten Schmerzmittels Alka-Seltzer. Bei der letztjährigen US-Meisterschaft, immerhin mit 40.000 Dollar Preisgeld dotiert und live im Fernsehen übertragen, diente Alka-Seltzer gar als Titelsponsor. „Alka-Seltzer ist ein ständiger Begleiter für die Wettesser, wenn sie im Weltzirkus unterwegs sind. Für die Athleten wird ein Traum wahr, wenn sie an einem Alka-Seltzer gesponserten Event teilnehmen können", dichtete der Verband dafür auf seiner homepage.

Entsprechend beging BAYER auch das 75-jährige Jubiläum von Alka-Seltzer Anfang März: Im Hilton von Las Vegas wurde das angeblich „größte Buffet aller Zeiten“ aufgetischt. Hunderte Gäste sollten sich für einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde den Bauch vollschlagen.

Hubert Ostendorf von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Welchen Schwachsinn will sich die Werbeabteilung von BAYER eigentlich noch ausdenken? Es ist wohl für jedermann einleuchtend, dass unmäßiges Essen gesundheitsschädlich ist. Bezeichnenderweise bietet der Konzern auch Mittel gegen Diabetes an - eine Krankheit, die wesentlich auf Übergewicht zurückzuführen ist.“ Ostendorf erinnert auch daran, dass Alka-Seltzer den Aspirin-Wirkstoff Acetylsalicylsäure enthält. „Der unsachgemäße Gebrauch von Acetylsalicylsäure kann zu Magenblutungen und sogar Todesfällen führen - hiervon erfährt man in der Werbung für Alka-Seltzer natürlich nichts“, so Ostendorf weiter.

Geradezu grotesk wirken in diesem Zusammenhang die Verlautbarungen des Konzerns zum Thema Übergewicht: „Besondere Anstrengungen unternimmt BAYER Pharma auch bei der Bekämpfung von Fettleibigkeit“ liest man auf der homepage des Unternehmens, denn „die Zahl der Typ-2-Diabetiker steigt dramatisch. Die Gründe sind Übergewicht und Fettleibigkeit“. Weiterhin erfährt man, dass „Übergewicht, von dem bereits knapp die Hälfte der Deutschen betroffen ist, weitere schädliche Einflüsse wie Bluthochdruck, hohe Blutfette und hohen Blutzucker begünstigt.“ In einer Pressemitteilung rühmte sich BAYER kürzlich eines in Leverkusen gestarteten Projekts, in dessen Rahmen „übergewichtige Kinder und Jugendlichen über sechs Monate trainiert (werden). Sie sollen durch Änderungen der Essgewohnheiten und Sporttreiben zu einer allmählichen und nachhaltigen Normalisierung des Körpergewichts kommen.“

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren wies Ende April in einer Pressemitteilung auf diesen krassen Widerspruch von Anspruch und Wirklich hin und forderte den Konzern auf, die Förderung von Fress-Wettbewerben sowie verharmlosende Pharma-Werbung einzustellen. BAYER reagierte ungewöhnlich schnell – wenn auch nicht ganz freiwillig: die Nachrichten-Agentur Bloomberg hatte eine Meldung versandt, in der sie sich auf die Veröffentlichung der CBG bezog. Medien in aller Welt berichteten, darunter The Mail And Globe, die größte Zeitung Kanadas, und der Daily Record aus den USA.

Sprecher des Konzerns beeilten sich daraufhin zu versichern, dass die Aktion an der Unternehmens-Zentrale in Leverkusen vorbei beschlossen worden war und die Zusammenarbeit mit der IFoCE gestoppt würde. Tatsächlich verschwanden auf der homepage des Fress-Verbandes einige Tage später alle Hinweise auf die Kooperation mit BAYER. Man müsste aber wohl naiv sein zu hoffen, dass das Marketing des Konzerns künftig ethischen Grundsätzen folgt.

Glucobay

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Pressemitteilung vom 22. Februar 2006

Studie: BAYER begeht Biopiraterie

Glucobay mit Hilfe eines Bakteriums aus Kenia produziert / Konzern für „Captain Hook Award for Biopiracy“ nominiert

Der Leverkusener BAYER-Konzern wird in der Studie Out of Africa: Mysteries of Access and Benefit Sharing der Biopiraterie beschuldigt. Laut der vom US-amerikanischen Edwards Institute veröffentlichten Untersuchung produziert BAYER das Diabetes-Mittel Glucobay mit Hilfe eines Bakteriums, das aus dem kenianischen Ruiru-See stammt. Gegenüber der britischen Zeitung Independent bestätigte das Unternehmen die Verwendung des in Kenia gefundenen Bakterien-Stammes. Von dem jährlichen Glucobay-Umsatz von rund 280 Millionen Euro fließt jedoch kein Cent nach Ostafrika.

Glucobay wurde in Deutschland 1991 zugelassen. 1995 ließ BAYER in Europa und den USA einen neuen Herstellungsprozess von Acarbose, dem Wirkstoff des Präparats, patentieren. In der Patentschrift wird die Verwendung des Bakterienstamms Actinoplanes SE50 genannt, nicht jedoch dessen afrikanische Herkunft.

In der Studie werden zahlreiche Beispiele solcher Formen von „Biopiraterie“ aufgelistet. Die von westlichen Unternehmen verwendeten Wirkstoffe sind in Afrika zum Teil seit Jahrhunderten in Gebrauch. Beth Burrow vom Edwards Institute nennt diese Praxis „eine neue Form kolonialer Ausplünderung“. Mariam Mayet, Mit-Autorin der Studie, ergänzt: „Wir erleben eine totale Respektlosigkeit gegenüber afrikanischen Ressourcen“. Die AutorInnen werfen den beteiligten Konzernen Verstöße gegen die UN Biodiversitäts-Konvention vor und fordern eine angemessene Beteiligung der Herkunftsländer an den Gewinnen.

Vertreter der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) unterstützen diese Forderung. Die CBG nominierte BAYER zudem für den „Captain Hook Award for Biopiracy“, der anlässlich der Biodiversitäts-Konferenz Ende März im brasilianischen Curitiba verliehen wird. Der Negativ-Preis wurde von Organisationen aus aller Welt, darunter das Indigenous Peoples Biodiversity Network und die Action Group on Erosion, Technology and Concentration, ausgelobt.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die den BAYER-Konzern seit 25 Jahren überwacht, weist zudem darauf hin, dass die Wirksamkeit von Glucobay höchst umstritten ist und der Wirkstoff eine Vielzahl unerwünschter Nebenwirkungen hervorruft. Hubert Ostendorf vom Vorstand der CBG: „Glucobay wird von Experten als untauglich zur Behandlung von Diabetes abgelehnt. Das Mittel wurde gegen den Willen von Diabetologen mit einer millionenschweren Werbekampagne auf den Markt gedrückt.“

Der Pharmakologe Gerd Glaeske nennt Acarbose „gerade mal so wirksam wie Müsli“. Prof. Dr. Michael Berger von Uni Düsseldorf schreibt in einem Beitrag für das Ärzteblatt: „Das orale Antidiabetikum Glucobay hat ein Umsatzvolumen von circa 200 Millionen DM pro Jahr erreicht, obwohl keinerlei Beweise für seine Wirksamkeit und langfristige Unbedenklichkeit geltend gemacht werden konnten.“

Der BAYER-Konzern veranstaltete nach der Zulassung von Glucobay Werbeveranstaltungen für Ärzte und scheute sogar vor finanziellen Prämien nicht zurück. In einem internen Rundschreiben des Konzern hieß es: „Für die Teilnahme an den zwei Treffen und den mündlichen Bericht über mindestens fünf Therapiefälle erhält jeder Arzt 700 DM als Beratungshonorar.“ Die rot-grüne Bundesregierung plante, Glucobay aus einer Positivliste für wirksame Medikamente auszuschließen. Das Vorhaben scheiterte jedoch - nicht aus gesundheitspolitischen Gründen, sondern wegen des Lobby-Feuerwerks des BAYER-Konzerns. Die Folgen tragen die Patienten und die Krankenkassen.

Weitere Infos: The Independent: African bio-resources ‚exploited by West‘

Kohlenmonoxid

CBG Redaktion

18. Februar 2006, Westdeutsche Zeitung

Protest gegen Pipeline-Pläne von Bayer

Mehrere Städte äußern Bedenken gegen die Kohlenmonoxid-Leitung von Dormagen nach Uerdingen. Die Bezirksregierung entscheidet in Kürze über den Bau.

Reichlich Post stapelt sich in diesen Tagen bei der Bezirksregierung. Aus zahlreichen Städten gehen Briefe von Bürgern und Stadtverwaltungen ein, die Hinweise und Einwände gegen den Bau eines Gasleitungsnetzes beinhalten. An dem ist auch Bayer beteiligt, denn der Konzern will künftig gasförmiges Kohlenmonoxid per Druckleitung von Dormagen nach Uerdingen transportieren. Das wird im Chemiepark für die Kunststoffproduktion benötigt.

Weil es bei der Versorgung aber immer wieder zu Engpässen kommt, sieht Bayer den Standort Uerdingen nur durch eine optimale Versorgung mit dem Gas gewährleistet. Das wird beispielsweise für Makrolon benötigt, aus dem etwa CDs und Komponenten für die Automobilindustrie hergestellt werden.

Doch die 67 Kilometer lange Pipeline, die sowohl bei Dormagen als auch zwischen Duisburg und Uerdingen den Rhein unterqueren soll, ist nicht unumstritten. Um notfalls Enteignungen vornehmen zu können, hat die Landesregierung ein eigenes Gesetz auf den Weg gebracht. Größtenteils sollen die Rohre unterirdisch entlang der Autobahn 3 verlegt werden zusammen mit einer Propylenleitung und einer Erdgas-Fernleitung von Wingas, die ebenfalls den Uerdinger Chemiepark versorgen soll.

Die Städte entlang der viel befahrenen Autobahn gehören zu eben jenen Briefeschreibern, die ihre Bedenken äußern. Im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens haben Fachleute der Kommunen die zwölf Aktenordner eingehend studiert und sind über die Pipeline-Pläne alles andere als begeistert.

So zeigt sich Erkraths Technischer Dezernent Klaus-Dieter Holst besorgt über die Vielzahl der verlegten Leitungen, zu denen nun noch drei hinzukommen sollen. Mitten übers Erkrather Stadtgebiet zieht sich die Neandertal-Autobahnbrücke. Holsts Horrorszenario: Ein Lastwagen stürzt von der A 3 auf die Leitungen: Damit erinnert er an den schweren Unfall auf der Wiehltalbrücke, als vor mehreren Monaten ein Tanklastzug von der A 4 abkam. Doch Holst warnt nicht nur vor einem Totalbruch. „Es gibt keine dauerhafte Sicherung, wenn aus der Leitung Gas sickert.“ Auch in Monheim regt sich Widerspruch, weil die vorgesehene Trassenführung ein geplantes Gewerbegebiet verkleinern würde.

Diese Bedenken werden zurzeit bei der Bezirksregierung gesichtet. „Anschließend kommt es zu einem Erörterungstermin“, erläutert Behördensprecher Hans-Peter Schröder das Procedere. An dem Termin können diejenigen teilnehmen, die bis zum 1. Februar ihre Einwände formuliert hatten. Und nur sie sind klageberechtigt, wenn die Bezirksregierung das Verfahren mit der Festsetzung positiv bescheidet.

Stahlrohre mit einem Durchmesser von 25 Zentimetern, gut 1,40 Meter tief in der Erde verlegt das soll die Zukunft des Uerdinger Chemieparks sichern. Wie Bayer-Sprecherin Kerstin Nacken erklärte, wird das Kohlenmonoxid dort zurzeit noch in einer Koksvergasungsanlage produziert: Koks wird verbrannt, und unter Beachtung der Rahmenbedingungen optimale Sauerstoffversorgung und richtige Temperatur entsteht dabei hoch reines Kohlenmonoxid.

Während das Wirtschaftsministerium davon ausgeht, dass die Anlage mittelfristig aufgegeben wird, ist laut Bayer daran nicht gedacht. „Sie wird zusätzlich weiter betrieben“, so Kerstin Nacken. Dies sei schon zur Überbrückung bei einem plötzlichen Ausfall der Pipeline-Versorgung erforderlich. Zudem könne mit dem weiteren Betrieb der Anlage zusätzlicher Bedarf abgedeckt werden.

In Dormagen wird das Kohlendioxid im so genannten Steam-Reforming-Verfahren hergestellt wesentlich umweltschonender und moderner. Die Kapazitäten sollen dort künftig erhöht werden. (Von Mirko Braunheim)

Unfälle

CBG Redaktion

18.02.06, Neuss-Grevenbroicher Zeitung

Chlor trat nach Brand aus

Es roch Freitag Vormittag deutlich nach Schwimmbad in Dormagen. Im Bayer-Chemiepark war gegen 8.35 Uhr und später noch einmal gegen 10.10 Uhr Chlorgas ausgetreten. 18 Mitarbeiter des Unternehmens mussten ärztlich behandelt werden.
Für einige Minuten wurden rund um den Chemiepark erhöhte Chlorwerte gemessen. Der Grund war ein Brand, der an einer Abluftleitung in einem Betrieb des Chemieparks ausgebrochen war. Die Ursache für das Feuer steht noch nicht fest, das Staatliche Umweltamt wurde eingeschaltet und ermittelt. Rund 40 Einsatzkräfte der Bayer-Berufsfeuerwehr waren im Einsatz. Die Produktion in dem betroffenen Betrieb von Bayer-Material-Science, in dem Chlor produziert wird, wurde sofort eingestellt.
Dennoch traten nach Auskunft des Unternehmens geringe Mengen chlorhaltiger Abluft aus. Auch nachdem das Feuer gelöscht war, entwich bei den Aufräumarbeiten gegen 10.10 Uhr noch einmal eine Restmenge des Gases, die von der Werksfeuerwehr mit einer Wasserwand niedergeschlagen wurde. 18 Mitarbeiter in einem Gebäude, das in der Nähe des Chlor-Produktionsanlage liegt, klagten über Übelkeit und Augenreizungen. Sie wurden in die ärztliche Abteilung des Chemieparks gebracht. „13 von ihnen waren gegen Mittag bereits wieder an ihrem Arbeitsplatz, die restlichen fünf kurze Zeit später“, erklärte Jörg Brückner, Mitarbeiter der Bayer-Pressestelle.
Der Luftmesswagen des Chemieparks, der durch das Dormagener Stadtgebiet fuhr, ermittelte für etwa fünf Minuten leicht erhöhte Werte des Gases in der Luft. „Es wurde ein Grenzwert überschritten, bei dem nach Auskunft unserer Arbeitsmediziner Menschen noch acht Stunden lang ohne gesundheitliche Schäden arbeiten können“, erläuterte Chemiepark-Pressesprecherin Kerstin Nacken. Auch die mobile Luftmess-Station der städtischen Feuerwehr Dormagen kontrollierte die Werte.
„Der Messwagen war ab etwa 9.15 Uhr für gut eine Stunde unterwegs und hat die Europastraße, den Bereich der Kindergärten in Rheinfeld und Zons abgefahren“, sagt Stadtpressesprecher Harald Schlimgen. Er habe keine auf überhöhten Werte festgestellt. Für besorgte Bürger steht unter der Telefonnummer 02133/5199333 ein Beratungsservice von Bayer zur Verfügung.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 22. Februar 2006

Werkschutz protestiert im Internet

Die Mitarbeiter des Werkschutzes im Bayer-Chemiepark formieren ihren Widerstand. Bayer Industry Services (BIS) denkt als Betreiber des Chemieparks darüber nach, den Werkschutz abzuschaffen und durch einen privaten Sicherheitsdienst zu ersetzen.

Betroffen wären rund 70 Mitarbeiter. Vier von ihnen, Norbert Löffler, Andreas Jansen, Ingo Heit und Klaus Hebert-Okon, haben jetzt eine eigene Internetseite eingerichtet, auf der über die weitere Zukunft, aber auch Möglichkeiten diskutiert wird, sich gegen die Auflösung des Werkschutzes zu wehren.
Aktuell sorgt der Chlorgas-Unfall an einer Produktionsanlage im Chemiepark am vergangenen Freitag für Wirbel. Mitarbeiter des Werkschutzes klagen darüber, dass ihre Arbeit in der offiziellen Stellungnahme des Unternehmens nicht erwähnt worden ist. Die Arbeit der Werkfeuerwehr werde beschrieben, es sei auch die Rede davon, dass 18 Mitarbeiter wegen Übelkeit und Augenreizungen behandelt werden mussten.
Davon, dass der Werkschutz schnell reagiert und so weitere Verletzungen verhindert habe, sei jedoch nicht die Rede gewesen, beklagen die Mitarbeiter in ihren Beiträgen in dem Internet-Forum. „Man gewinnt den Eindruck, dass das System hat“, erklärte am Dienstag ein Werkschützer gegenüber der NGZ, der seinen Namen nicht nennen wollte. Offenbar wolle BIS auf diese Weise die Bedeutung des Werkschutzes für die Sicherheit im Chemiepark herunterspielen.
Diesen Vorwurf weist BIS-Pressesprecherin Kerstin Nacken zurück. „Wir bemühen uns, die Öffentlichkeit und die Mitarbeiter im Werk bei einem solchen Zwischenfall so schnell wie möglich zu informieren“, sagt sie. Entsprechend kurz gehalten seien die Meldungen verfasst. Deshalb könne dort nicht jede Einzelaktion aller am Einsatz Beteiligten detailliert aufgeführt werden. Niemand habe den Werkschutz bewusst übergangen.
Ziel des Internetforums sei in erster Linie, sich ein Meinungsbild in den Reihen der Werkschützer zu machen, erklären die Initiatoren auf der Homepage. Damit der Betriebsrat Verhandlungen mit der BIS-Spitze aufnehmen könne, müsse er wissen, welche Vorstellungen die Betroffenen überhaupt hätten.
Das Ziel der meisten Kollegen sei es, dem Konzern anzugehören, formulieren die Forum-Betreiber das Ergebnis der ersten Gespräche. Jetzt sollen sich die Mitarbeiter konkret dazu äußern, ob ihnen ihr Gehalt oder eine Beschäftigungsgarantie wichtiger ist, ob sie eher bereit sind, auf Urlaubsgeld zu verzichten oder mehr Stunden in der Woche zu arbeiten.
Wer Sparvorschläge hat, soll sie an die Initiatoren des Forums schicken, damit diese an den Betriebsrat weitergeleitet werden können. Auch die Mitarbeiter von der Werkfeuerwehr werden aufgefordert, ihre Sicht der Dinge beizusteuern.
Heit, Löffler, Jansen und Hebert-Okon betonen, dass die Homepage keine offizielle Seite von Bayer-Industry-Services ist. Das macht auch Kerstin Nacken deutlich. „Dieses Forum ist die Privatangelegenheit der Mitarbeiter,“, sagt sie, „solange keine Sicherheitsinteressen des Chemieparks berührt sind.“
Von Petra Schiffer

taz

CBG Redaktion

11.2.2006, taz, DOMINIC JOHNSON

Wettbewerb auch mit vorgehaltener Waffe

Kongos Geschäft mit Tantal- und Zinnerzen floriert. Wie Ostkongos Mineralienhandel über Ruanda funktioniert

An einer Hauptstraße im ruandischen Gisenyi, wenige Minuten Autofahrt vom wichtigsten Grenzübergang zur Demokratischen Republik Kongo entfernt, liegt das Fabrikgebäude der „Metal Processing Association“. Hinter weißen Mauern wird gehämmert, Dampf steigt auf, zuweilen sind selbst am Wochenende die Schmelzöfen an. Hier landet das wertvollste Exportgut, das der kriegsgeschüttelte Osten der Demokratischen Republik Kongo derzeit zu bieten hat: Zinnerz.

Mehrere tausend Tonnen Zinn jährlich kommen über die kongolesische Grenzstadt Goma nach Ruanda und werden in der MPA-Fabrik für den Weiterexport verarbeitet. Das südafrikanische Unternehmen MPA ist mit seiner kongolesischen Filiale MPC Hauptabnehmer des Erzes, das im Kongo „Cassiterit“ heißt. Cassiterit findet sich in Ostkongos Minen gemeinhin dort, wo auch Coltan, ein Tantalerz, aus dem Kondensatoren für Mobiltelefone und andere hochtechnologische Anwendungen hergestellt werden, abgebaut wird. Aus dem Export von Coltan über Ruanda und Uganda finanzierten sich während des Kongokrieges alle lokalen Kriegsparteien.

Zeitweise waren Deutsche führend im Geschäft - der Geschäftsmann Karl-Heinz Albers und der Tantalverarbeiter H. C. Starck, Tochterunternehmen von Bayer. Heute hat Albers Konkurs angemeldet, Starck kauft kein kongolesisches Tantal mehr. Preise und Produktion fielen jeweils auf ein Zehntel des Spitzenniveaus von 2001.

Das heißt nicht, dass Mineralienexporte aus Ostkongo uninteressant geworden sind. Nach Angaben der Provinzregierung von Nordkivu in der Provinzhauptstadt Goma exportierte die Provinz 2003 26 Tonnen Mineralien, 2004 42 Tonnen und im ersten Halbjahr 2005 23 Tonnen. Führend im Coltanexport aus Goma ist Edouard Mwangachuchu, ein Kongolese der ruandischsprachigen Ethnie mit guten Verbindungen nach Ruanda. Seine Firma MHI hat nach und nach sämtliche lokale Konkurrenten aus dem Markt gedrängt. Nun aber strömen Mineralienhändler aus Kongos Hauptstadt Kinshasa nach Goma - ein Ergebnis des Friedensprozesses im Kongo.

Im Krieg lag der Mineralienexport aus Ostkongo nach Ruanda in den Händen lokaler Geschäftsleute - im Frieden ist das Spiel für alle offen. Dies verschärft den Wettbewerb, und dieser Wettbewerb wird auch mit der Waffe ausgetragen. Machtkämpfe zwischen verschiedenen Fraktionen des kongolesischen Militärs oder zwischen Armee und Milizen im Ostkongo drehen sich immer auch um die Kontrolle von Handelsrouten.

Deutlicher noch als bei Coltan wird dies bei Cassiterit, dessen Export in jüngster Zeit noch viel stärker boomte als der von Coltan. Nordkivu führte 2003 939 Tonnen des Zinnerzes aus, 2004 bereits 4.672 Tonnen und im ersten Halbjahr 2005 2.091 Tonnen. In den ersten Jahren war die mit Ruanda liierte südafrikanische MPC Hauptexporteur, im Jahr 2005 kam aus Kinshasa „Sodex Mines“ hinzu. Dies war eine Folge erbitterter Kämpfe, die 2004/5 um Coltan- und Cassiteritvorkommen in den Regenwäldern um Walikale in Nordkivu ausbrachen und den Handel zeitweise von Goma auf andere Städte umlenkten. Die ökonomische Begleiterscheinung des kongolesischen Friedensprozesses ist die Herausbildung einer schmalen Elite aus mächtigen Militärs und Geschäftsleuten aller früheren Lager, die die Märkte unter sich aufteilen oder sich eben untereinander bekämpfen.

Denn alle Bergbaukonzessionen im Ostkongo wurden während der Kriegsjahre mehrfach an rivalisierende ausländische Partner vergeben. Weil diese heute alle unterschiedliche Freunde in Kongos Allparteienregierung in Kinshasa haben, ist es unmöglich, zu klären, welcher Eigentumstitel heute gültig ist und welcher nicht. Man kann aber vor Ort Fakten schaffen.

Um die riesigen Gold- und Zinnkonzessionen der „Société Minière et Industrielle du Kivu“ (Sominki) im Landesinneren, potenziell das wichtigste Bergbaugebiet der Region, streiten sich beispielsweise vier Parteien: die kanadische Goldfirma Banro, der ein US-Gericht 2001 die Konzession zusprach; die südafrikanische MPC, die gleichzeitig von den RCD-Rebellen Rechte erhielt; die kongolesische Staatsfirma Somico (Sociète Minière du Congo), die den Zuschlag 1998 von Kinshasa bekommen hatte und deren Vertreter heute vor Ort mit ruandischen Hutu-Milizen zusammenarbeiten; und lokale Händler des ursprünglichen Betreibers Sakima (Société Aurifère du Kivu et Maniéma), die zwar offiziell aufgelöst ist, aber noch eine Firmenzentrale vor Ort hat. Leidtragende dieser Situation sind die Schürfer, die Gold und Cassiterit aus dem Boden holen und dann der Willkür von Zwischenhändlern ausgeliefert sind.

Doch egal, wer die Erze im Ostkongo abbaut und verkauft - sie landen in der MPA-Schmelze in Gisenyi oder bei anderen ostafrikanischen Handelspartnern, die über Dubai nach Asien weiterverkaufen. Daran ist nichts Illegales - sofern die Gesetze eingehalten werden. Ostkongo ist ökonomisch mit Ostafrika verwoben, nicht mit dem Rest des eigenen Landes, denn dieser ist nur auf dem Luftweg erreichbar. Der Mineralienhandel ist da keine Ausnahme. Rivalitäten in Ostkongos Minengeschäft beziehen sich daher darauf, wer die Vormacht im Export nach Ruanda bekommt - es geht nicht darum, Ruanda als Handelspartner überhaupt in Frage zu stellen.

UN-BERICHT ZUM KONGO: MINERALIENEXPORTE FÜR WAFFENIMPORT

Ein unveröffentlichter Bericht einer Expertengruppe der Vereinten Nationen zum illegalen Waffenhandel mit dem Kongo stellt Verbindungen mit dem staatlichen Mineralienhandel fest und spricht von einer „neuen Phase des Krieges“. Vorwürfe gehen auch in Richtung Deutschland

Mineralienexporte aus der Demokratischen Republik Kongo dienen weiterhin zur Finanzierung von Waffenimporten - trotz Waffenembargos. Und es geschieht auch dann, wenn Bergbaugebiete in Kongos Kriegsgebieten unter reguläre staatliche Autorität geraten. Dies ist die Kernaussage eines neuen UN-Untersuchungsberichts zur Einhaltung des Waffenembargos gegen den Kongo, der dem UN-Sicherheitsrat vertraulich zugeleitet wurde und der taz vorliegt.

Laut dem Bericht kommen weiterhin Waffen über Libyen, Ägypten oder Sudan in das Afrika der Großen Seen oder direkt in den Kongo. Es gibt im Ostkongo keine Luftraumüberwachung. Die UN-Experten kritisieren, dass Kongos im Aufbau befindliche neue Regierungsarmee FARDC der UN-Mission im Kongo rechtswidrig Kontrollen ihrer Flugzeuge und Hubschrauber verweigert. Die FARDC ist zwar vom Waffenembargo gegen Kongo ausgenommen, doch kann so nicht kontrolliert werden, ob ihre Ausrüstung - die teils aus Nato-Beständen stammt - nicht in falsche Hände gerät. Es würden geheime Waffenarsenale „von Offiziellen in verantwortlichen Positionen angelegt“, so die Experten.

Der Bericht konstatiert weiterhin eine „neue Phase des Krieges um die Reichtümer des Kongo“: „Lokale Machthaber, gegenwärtige oder zukünftige Kriegsherren, Milizen oder kriminelle Vereinigungen usurpieren die wirtschaftliche Kontrolle, indem sie traditionelle Regierungsstrukturen nachbilden. Illegale Gruppen reißen Macht an sich, indem sie Einzelpersonen als Quasiregierungsvertreter einsetzen, die dann Steuern und Gebühren erheben. Dank einem regulären Einnahmestrom können sich diese Gruppen festigen.“

Die Goldminen von Mongbwalu im nordostkongolesischen Distrikt Ituri, die Uranmine Shinkolobwe in Kongos Südprovinz Katanga sowie die bis 2004 deutsch geführte Niobium-Mine Lueshe in der ostkongolesischen Provinz Nordkivu sind die drei Beispiele, an denen die UN-Experten dies ausführen. Alle drei kamen im Rahmen der laufenden Reformen des kongolesischen Bergbaus unter neue Verwaltung, aber die reale Kontrolle über den Handel mit den jeweiligen Produkten sei gerade dadurch an mutmaßliche Kriegsfinanzierer übergegangen.

In Mongbwalu schaffte es die für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortliche Miliz FNI, deren Führer heute strafrechtlich verfolgt werden, Schlüsselposten der für die Mine zuständigen kongolesischen Staatsbehörde Okimo (Office de Kilo-Moto) mit eigenen Leuten zu besetzen, als diese wieder in die Mine einzog. Heute kontrolliert zwar Kongos Regierungsarmee die Mine - doch „ein paar unterernährte, irregulär bezahlte Soldaten, die Goldberge bewachen, sind keine effektive Abschreckung gegen Plünderer“, so der Bericht.

In Lueshe übernahmen Geschäftsleute aus der Provinzhauptstadt Goma die Kontrolle über den Handel mit dem Exportprodukt Pyrochlor, nachdem der bisherige deutsche Manager Karl-Heinz Albers wegen eines Schuldenstreits die Betreiberfirma Somikivu (Société Minière du Kivu) an seine lokalen Partner abgab. Den neuen Herren werden Verbindungen zu des Waffenschmuggels verdächtigten lokalen Organisationen im Umfeld der Provinzregierung nachgesagt. Der neue Firmenchef Modeste Makabuza habe nach eigenen Angaben 20 Tonnen Pyrochlor im Wert von 100.000 US-Dollar exportieren können. Die UN-Experten kritisieren in diesem Zusammenhang eine „unsägliche Wahrnehmung der Eigentümerverpflichtungen“ durch die Bundesregierung und den deutschen Somikivu-Mehrheitseigner GfE (Gesellschaft für Elektrometallurgie).

Die Feststellungen der UN-Experten über Shinkolobwe erregen am meisten Besorgnis. Aus der eigentlich 2004 geschlossenen Mine, aus der das Uran für die Atombombe von Hiroshima kam, würden weiterhin Mineralien exportiert - nur eben unter Regierungsaufsicht. Das staatlich beauftragte Prüflabor für die Erze arbeite so schlecht, dass afrikanische Transitländer darin „geschmuggelte Mineralien mit unakzeptabel hoher Radioaktivität“ entdeckt hätten. Sie mussten die Internationale Atomenergiebehörde einschalten.

Der Wiederaufbau staatlicher Strukturen im Kongo löst also die Probleme des Bergbaus, wichtigster Wirtschaftszweig des Landes, nicht. In diesem Zusammenhang ist auch die Warnung des entwicklungspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Christian Ruck, zu verstehen, der am Dienstag in Berlin sagte, die Reichtümer des Kongo würden „von Somalia bis Kasachstan zur Finanzierung von Dingen verwendet, die gegen unsere Sicherheitsinteressen sind“. Die UN-Experten fordern nun, Herkunftsnachweise für Kongos Mineralien zu entwickeln, wie es sie bereits für Diamanten gibt.

Trasylol

CBG Redaktion

8. Februar 2006

US-Behörde FDA warnt vor „Trasylol“ von Bayer

Die Warnung der FDA im Wortlaut / US-Anwälte bereiten Sammelklage gegen BAYER vor

Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat nun offiziell vor möglichen Nebenwirkungen des Medikamentes „Trasylol“ der Bayer AG gewarnt. Die Behörde wies Ärzte und Patienten darauf hin, dass das bei Herzoperationen eingesetzte Medikament in zwei wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit einem höheren Risiko von Nebenwirkungen in Verbindung gebracht werde. Zu ihnen gehörten Nierenprobleme, Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Die Behörde untersuche jetzt das Sicherheitsprofil der Arznei im Licht der jüngsten Veröffentlichungen und prüfe, ob weitere Maßnahmen nötig seien, hieß es. In der Zwischenzeit sollten Vorteile und Risiken der Arznei sorgfältig abgewogen werden.

Medikamenteneinsatz „nicht weise“

Die Stellungnahme der FDA kommt nicht überraschend, denn Ende Januar hatte die Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ eine Untersuchung zitiert, der zufolge durch Trasylol das Risiko von Nierenversagen, Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. Nach Einschätzung der Autoren der Studie ist es nicht „weise“, dass Mittel weiter einzusetzen. Generische Medikamente seien eine sicherere und günstigere Alternative. Mit Trasylol wird der Blutverlust bei Operationen am offenen Herzen verringert.

Für Bayer könnte die Warnung teuer werden. Alleine in den ersten neun Monaten 2005 hatte der Pharmakonzern mit dem Mittel 164 Mio Euro umgesetzt, rund 35 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Bedeutung des Medikamentes ist jedoch größer als sich an dieser Umsatzzahl allein abschätzen lässt, denn Bayer rechnet auch künftig mit jährlich zweistelligem Umsatzwachstum und will den Einsatz auf weitere Indikationen erweitern. So soll Trasylol künftig auch bei Hüft- und Wirbeloperationen sowie bei Krebsoperationen eingesetzt werden.

Zudem ist es nicht das erste Mal, dass sich Bayer um einen Blockbuster sorgen muss. 2001 musste das Unternehmen das Cholesterinmittel Lipobay wegen möglicherweise tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen. Bayer zahlte 1,1 Mrd. Dollar für außergerichtliche Vergleiche. Zudem warnte die US-Gesundheitsbehörde erst kürzlich vor einem erhöhten Risiko von Herzproblemen beim Bayer-Medikament Naproxen. (Quelle: n-tv)

Artikel "Todesfälle durch TRASYLOL: BAYERs neuer Pharma-GAU

[Kunst g. Konzerne] Kunst gegen Konzerne

CBG Redaktion

Vernissage: 3. Februar, 19 Uhr, fiftyfifty-Galerie Düsseldorf

Der Maler und Bildhauer B e r n d E n g b e r d i n g hat der Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ das Werk „Anbetung des Mammon“ gestiftet.

Die Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ wurde von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) zusammen mit bekannten KünsterInnen wie Natalie Bertrams, Otto Piene und Peter Royen ins Leben gerufen. Die KünstlerInnen verleihen mit ihren Mitteln ihrem konzernkritischen Engagement Ausdruck und solidarisiern sich zugleich mit der CBG, indem Sie ein oder mehrere Werk(e) stiften. Die Erlöse fließen ohne jeden Abzug direkt in die Arbeit der Coordination.

Am 3. Februar (19 Uhr) wird in Düsseldorf, Jägerstr. 15 in der fiftyfifty-Galerie eine Ausstellung von Bernd Engberding eröffent. Die Schau bleibt bis zum 17. März für alle KunstliebhaberInnen geöffnet. Es spielen die „boogaloo horns“ und das Trio N. Hein, P. Brandecker und S. Lutzer. es gibt ein köstliches italienisches Vorspeisenbuffet mit Chianti, Soave und Wasser.

Bernd Engberding (Jahr 1951) stellt besonders strenge Ansprüche an sich und seine Arbeit und tritt seiner gesamten Umwelt und ihren vielfältigen, historisch geprägten Verästelungen mit vorurteilsfreier Neugier und Offenheit gegenüber.

In Engberdings Motivwahl setzt sich die unauflösbare Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart konsequent fort. Das Nebeneinander und Übereinander von Archaischem, Mythologischem und symbolhaften Kürzeln oftmals naturwissenschaftlicher Herkunft bringt nicht nur die stets bedrohlicher werdende Disparatheit von spirituellem Anspruch einerseits und „instrumenteller Vernunft“ (Max Horkheimer) andererseits zum Ausdruck, sondern es wird hier auf selber symbolhafter Weise ein Fundus verbildlicht, der danach verlangt, als zusammengehörig wahrgenommen zu werden und so vielleicht eine undogmatische Weltreflexion zu befördern, die wieder den Namen „Naturphilosophie“ verdient.

Das Herstellungsverfahren der Kunst von Bernd Engberding ist kunstgeschichtlich einmalig: Öl-Holzdrucke liefern farblich brillante Ergebnisse. In seinen Werke verarbeitet der Künstler alte Schriftzeichen und archetypische Symbole.

Wer nicht in die Galerie kommen kann, findet Bernd Engberding und die gesamte Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ auch im Internet unter www.kunstgegenkonzerne.de

Das Werk „Anbetung des Mammon“ kann auch direkt hier bestellt werden: info@cbgnetwork.org.
Jedes Bild ist ein Unikat, hergestellt als farbiger Öl-Holzdruck, 24 x 30 cm. Das Motiv ist limitiert. Alle Bilder sind handsigniert.
Nur 150 €. Bestell-Nr. 7 000 010

[Turnhalle Lev] Turnhallen-Neubau Leverkusen

CBG Redaktion

Die Grünen Leverkusen, Fraktion
Presseerklärung vom 1. Februar 2006

Zum Turnhallen-Neubau in Leverkusen

Unverantwortlich finden wir die Überlegungen von Herrn Meinolf Sprink zum Bau einer neuen Sporthalle als Ersatz für die Dopatkahalle. Dabei den Verkauf städtischer Grundstücke für die Finanzierung mit ins Kalkül zu beziehen, finden wir nur noch dreist.

Die Bayer AG entzieht sich in Leverkusen jeder Verantwortung. Sie baut Arbeitsplätze in allen Sparten ab und zahlt seit Jahren keinen Cent Gewerbesteuer.

Es sei ihnen versichert: die Politiker haben Albträume angesichts des riesigen Schuldenbergs, der auf der Stadt lastet. Wir können nur noch zwischen Scylla und Charybdis entscheiden, wenn es um die Kürzung von Mitteln geht. Bewährte soziale Einrichtungen müssen wegen fehlender finanzieller Mittel der Stadt ihre Arbeit einschränken oder gehen ganz den Bach runter.

Und dann kommt Bayer und schlägt den Verkauf eines städtischen Grundstückes zur Finanzierung einer neuen Sporthalle vor: mit uns nicht!

Wenn der größte Sportverein Leverkusens eine neue Halle will: soll er sie doch selbst bauen, auf eigenem Grundstück und mit eigenem Geld!

Mit der von uns seit Jahren geforderten Schließung der kostenintensiven Dopatkahalle sind wir allerdings sehr einverstanden.

Kölner Stadt-Anzeiger, 02.02.06

„Bayer entzieht sich jeder Verantwortung“

Hinter den Kulissen laufen intensive Gespräche in Leverkusen um eine neue Sportstätte zu errichten, erste Konzepte dazu scheinen auf dem Tisch zu liegen, da rührt sich bereits heftiger Widerstand. Die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen ist zwar „mit der von uns seit Jahren geforderten Schließung der kostenintensiven Wilhelm-Dopatka-Halle sehr einverstanden“, nicht aber mit den „Überlegungen von Herrn Meinolf Sprink zum Bau einer neuen Sporthalle“.
„Dabei den Verkauf städtischer Grundstücke für die Finanzierung mit ins Kalkül zu ziehen finden wir nur noch dreist“, heißt es in einer offiziellen Erklärung der Leverkusener Grünen. Und weiter: Die Bayer AG entziehe sich in der Stadt jeder Verantwortung, baue Arbeitsplätze in allen Sparten ab und zahle seit Jahren keinen Cent Gewerbesteuer.
„Es sei ihnen versichert: die Politiker haben Albträume angesichts des riesigen Schuldenbergs, der auf der Stadt lastet. Wir können nur noch zwischen Scylla und Charybdis entscheiden, wenn es um die Kürzung von Mitteln geht. Bewährte soziale Einrichtungen müssen wegen fehlender finanzieller Mittel der Stadt ihre Arbeit einschränken oder gehen ganz den Bach runter. Und dann kommt Bayer und schlägt den Verkauf eines städtischen Grundstücks zur Finanzierung einer neuen Sporthalle vor: mit uns nicht. Wenn der größte Sportverein Leverkusens eine neue Halle will, soll er sie doch selbst bauen, auf eigenem Grundstück und mit eigenem Geld“, so die Grünen. (ksta)

Sportler träumen von einer neuen Arena

Die Wilhelm-Dopatka-Halle hat ihre besten Zeiten hinter sich. Spätestens 2010 soll Ersatz her.
VON GÜNTER MÜLLER, 01.02.06, Kölner Stadt-Anzeiger

Die langen Volleyballerinnen des TSV Bayer 04 machen in der neuen Arena zu Leverkusen vor 2500 faszinierten Besuchern kurzen Prozess mit dem gegnerischen Damenteam. Anschließend zaubern die spielstarken Handballerinnen des größten Sportvereins der Stadt vor 3000 hin und her gerissenen Fans an gleicher Stätte. Und zum Abschluss eines außergewöhnlichen Sporttages versenken die endlich wieder gigantischen Bayer-Korbjäger vor 4000 begeisterten Zuschauern einen Ball nach dem anderen im gegnerischen Korb. Es darf geträumt werden, im Lager der Bayer-Sportler.
Geht es nämlich nach dem Willen wichtiger Entscheidungsträger, könnte sich unsere Stadt in absehbarer Zeit mit einer für Ballsportarten ausgerichteten neuen Arena schmücken. Schließlich soll, so der Ratsbeschluss, die von den Bayer Giants als Spiel- und Trainingsstätte sowie von der Stadt für diverse andere Veranstaltungen genutzte Wilhelm-Dopatka-Halle spätestens im Jahr 2010 der Abrissbirne zur Verfügung stehen. Es sei denn, es findet sich ein Investor, der die in den 70er Jahren gebaute Spielstätte mitsamt dem Grundstück erwirbt. Die Haberland-Halle, dort spielen die Handballerinnen von Bayer 04, und die Spielstätte der Volleyballdamen im Schulzentrum Ophoven versprühen zwar eigenen Charme, sind aber in die Jahre gekommen und entsprechen nicht internationalem Standard.
Auf jeden Fall sollen die Leverkusener Korbjäger die Dopatka-Halle solange nutzen können, bis es Ersatz gibt. Niemand werde vor die Tür gesetzt, erklärte Helga Roesgen. Die Beigeordnete der Stadt Leverkusen für Kultur, Schulen, Jugend und Sport weiß allerdings zu genau, dass die Stadt eine Leistung in Form einer neuen Halle nicht erbringen kann: „Das ist ja klar. Wir haben kein Geld.“
Genau aus diesem Grund haben einflussreiche Menschen aus Verwaltung und Politik sowie von Bayer 04 und der Bayer AG bereits ihre schlauen Köpfe zusammengesteckt und nicht nur erste Gedanken ausgetauscht, sondern bereits Konzepte entwickelt. Zu ihnen gehört Meinolf Sprink, der Sportbeauftragte der Bayer AG. Der hat gehört, dass allein für die nötige PCB-Sanierung der Dopatka-Halle die nicht unerhebliche Summe von 2,5 Millionen Euro aufgebracht werden müsste. Der gleiche Betrag fiele an, um die Arena auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Macht rund fünf Millionen Euro. Für solche Investitionen dürfte auch die Politik kaum zu begeistern sein.
Der Bau einer modernen Halle, die für verschiedene Ballsportarten, möglicherweise auch für Aktivitäten rund um den Schulsport und die einer oder andere gesellschaftliche Veranstaltung genutzt werden und zwischen 3000 und 4000 Besuchern fassen kann, sei, so Sprink, mit Kosten in Höhe von rund zehn Millionen Euro verbunden. Aber, wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld? „Leverkusen ist eine Stadt mit großer sportlicher Bedeutung und die Bayer AG zeigt seit vielen Jahren großes Engagement im Sportbereich. Auch unter diesem Aspekt haben wir mit Bund und Land über entsprechende Fördermittel gesprochen“, erklärte Meinolf Sprink.
Ergebnis: Es sei durchaus denkbar, in den Jahren 2007 bis 2009 in den Genuss öffentlicher Gelder zu kommen. Vorausgesetzt, man könne ein entsprechendes Finanzierungspaket präsentieren. In dem Zusammenhang werde natürlich die Frage gestellt, was tut die Stadt. Das sei, so Sprink, ein ganz wichtiger Punkt. Angesichts leerer Kassen könnte beispielsweise der Erlös eines möglichen Verkaufs jenes Grundstücks an der Bismarckstraße, auf der die Dopatka-Halle (noch) steht, in die Finanzierung einfließen.
Wie zu hören war, beschäftigt sich auch die Bayer Fußball GmbH mit dem offenbar interessanten Standort gegenüber der BayArena. Im Falle eines Stadionausbaus könnten dort zusätzliche Parkflächen - auch in Form eines Parkhauses - für einen erlauchten Besucherkreis der Bundesligaspiele entstehen. Für den Bau einer neue Halle wird das Areal neben der Grünewald-Halle an der Tannenbergstraße - erforderliche Leitungen und Anschlüsse sind dort vorhanden - ebenso wenig ausgeschlossen wie das Gelände am Kurtekotten, zumal dort ausreichend Parkraum zur Verfügung steht.
Seinen Favoriten in der Standortfrage mochte Meinolf Sprink zwar nicht nennen, der Sportbeauftragte der Bayer AG wies aber daraufhin, dass „wir jetzt unsere Hausaufgaben machen und das Signal in Richtung Bund und Land geben müssen.“ Bleibt abzuwarten, ob die Ampel für den Bau einer neuen Sporthalle in Leverkusen auf Grün gestellt werden kann. Immerhin, es darf weiter geträumt werden.

Trasylol

CBG Redaktion

Jan 29, 2006

Der Spiegel: Drei große Herzzentren prüfen Verwendung von Trasylol

Nach der Veröffentlichung einer negativen Studie zu dem Bayer-Hoffnungsträger Trasylol prüfen einem Magazinbericht zufolge drei große deutsche Herzzentren den Einsatz des Mittels. Das Medikament verdoppelt der in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten Studie zufolge das Risiko eines Schlaganfalls oder Nierenversagens.

„Ehe Bayer nicht die Sicherheit des Präparates in einer neuen Studie bewiesen hat, sollte Trasylol nicht mehr eingesetzt werden“, sagte der Direktor des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Peter Sawicki, dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ laut Vorabbericht. „Die Ergebnisse der Studie scheinen zu stimmen“, sagte Bruno Reichart, Herzchirurgie-Chef in München-Großhadern. Roland Hetzer vom Deutschen Herzzentrum wies dem Magazin zufolge darauf hin, dass auf den Einsatz von Trasylol ohne weiteres verzichtet werden könne, zumal es teuerer als vergleichbare Präparate sei. Ein Bayer-Sprecher bekräftigte am Samstag, dass der Konzern die Studie genau prüfen wolle. „Wir haben es gerade erst geschafft, die Autoren der Studie zu erreichen und versuchen, von ihnen die Daten zu bekommen“, sagte er.

Mit Trasylol hatte Bayer 2004 einen Umsatz von 171 Millionen Euro erzielt. Es wird vor allem zur Reduzierung des Blutverlusts bei Herzoperationen eingesetzt. Die Leverkusener hatten jüngst einen Vorstoß unternommen, das Medikament auch auf die Anwendung für operative Versteifung der Wirbelsäule zu prüfen. Bayer hatte die Erwartung an den Spitzenumsatz des Mittels daraufhin auf mehr als 500 Millionen Euro angehoben.


26. Januar 2006

US-Wissenschaftler: Trasylol von Bayer erhöht Risiko von Nierenversagen und Schlaganfall

Das bei Herzoperationen eingesetzte Bayer-Medikament Trasylol verdoppelt einer Studie zufolge das Risiko, einen Schlaganfall oder Nierenversagen zu erleiden. Zusätzlich steige das Risiko einer Herzattacke oder eines Herzversagens bei Einnahme des Medikaments um 55 Prozent, hieß es in einer Studie, die in der neuen Ausgabe der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde. Weil zwei Alternativmedikamente die gleiche Wirkung ohne derartige Risiken erzielten und zudem wesentlich billiger seien, wäre ein weiterer Einsatz des Bayer-Medikaments unklug, lautete das Fazit der Studie. Trasylol wird vor allem zur Verringerung des Blutverlusts bei Herzoperationen eingesetzt. 2004 kam Bayer mit dem Präparat auf einen Umsatz von 171 Millionen Euro.

Bayer erklärte, gerade erst von den Ergebnissen erfahren zu haben. Man brauche Zeit, die Studie zu prüfen. Die Resultate stimmten aber nicht mit in über 15 Jahren gesammelten klinischen Daten und Erfahrungen mit dem Medikament überein. Trasylol sei an fast 6500 Herzpatienten weltweit in mehreren klinischen Studien geprüft worden. In diesen Studien seien keine derartig erhöhten Raten an Nierenversagen, Herzinfarkten oder Schlaganfällen oder Gehirnschädigungen beobachtet worden. Bayer wolle die Autoren der Studie kontaktieren, um die Details der Untersuchung zu besprechen. Bayer habe auch die Zulassungsbehörden informiert. Bayer hatte jüngst einen Vorstoß unternehmen, die Anwendung von Trasylol auszuweiten. Erst im Dezember hatte der Konzern angekündigt, einen Einsatz auch in Fällen operativer Versteifung der Wirbelsäule zu prüfen.

STUDIENAUTOR SPRICHT VON „ERNSTER SITUATION“
Für einen der Hauptautoren der Studie, Dennis Mangano von der Ischemia Research und Education Foundation im kalifornischen San Bruno, sind die Ergebnisse klar. „Das ist eine ernste Situation“. Die Frage sei, wie Kliniken und Aufsichtsbehörden darauf reagierten. Zumindest sollten Ärzte Patienten über die von Trasylol ausgehenden Risiken hinweisen und darauf, dass sichere Alternativmedikamente zu haben seien, forderte Mangano. „Das ist ein 600-Millionen-Dollar-pro-Jahr-Medikament. Es hätte ein Blockbuster für sie sein können“, fügte er mit Blick auf Bayer hinzu. Bayer hatte die Erwartung für den Spitzenumsatz mit Trasylol kürzlich auf über 500 Millionen Euro angehoben.
Zwei in der Studie ebenfalls untersuchte Medikamente, die als Generika verfügbar sind, hätten keine derartigen Risiken aufgewiesen: der Wirkstoff Aminocapronsäure, der auch unter dem Markennamen Amicar bekannt ist, und Tranexamsäure, auch unter dem Produktnamen Cyklokapron bekannt. Die Forscher wiesen auch darauf hin, dass eine Dosis Trasylol 1300 Dollar koste, während Amicar nur 11 und Cyklokapron 44 Dollar koste.

MEHR ALS 4300 PATIENTEN UNTERSUCHT
Für die Studie wurden 4374 Patienten untersucht, die sich in weltweit 69 Krankenhäusern einer Bypass-Operation unterzogen. Der Studie zufolge hatten mit Trasylol behandelte Patienten ein 259 Prozent höheres Risiko eines Nierenversagens als Teilnehmer einer Kontrollgruppe, die nicht mit den Medikamenten behandelt wurden. Das Risiko eines Schlaganfalls sei 181 Prozent höher.
Mangano und seine Kollegen schätzen, dass jedes Jahr 11.050 Menschen weltweit einer Nierendialyse entgehen könnten, sollte Trasylol durch Aminocapronsäure ersetzt werden. Es könnten dadurch mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr gespart werden. Würde Tranexamsäure eingesetzt, könnten 9790 neue Dialysefälle im Jahr vermieden werden.

Gen-Mais

CBG Redaktion

PRESSEMITTEILUNG vom 23.01.2006
Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft Berlin-Brandenburg

Monsanto, Pioneer, Bayer: Erneut Anbau von Gen-Mais in Brandenburg geplant

Bisher 25 Felder mit insgesamt 560 Hektar gemeldet

Auch im Jahr 2006 planen Bauern in Brandenburg den Anbau von gentechnisch veränderten Maispflanzen. Im Standortregister des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) waren bis zum 22. Januar etwa 560 Hektar an 25 verschiedenen Standorten angemeldet. Brandenburg nähme somit, wie im vergangenen Jahr, die traurige Spitzenreiterrolle im bundesweiten Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ein.

Thomas Janoschka, Sprecher des Aktionsbündnisses für eine gentechnikfreie Landwirtschaft in Berlin und Brandenburg, erklärt dazu: „Der Anbau von Gen-Mais ist mit vermeidbaren Risiken für Umwelt und Gesundheit verbunden. Der gentechnikfreien Landwirtschaft und dem Tourismus in Brandenburg wird unnötiger Schaden zugefügt. Wir fordern alle Landwirtschaftsbetriebe in Brandenburg auf, auf den Anbau genmanipulierter Pflanzen zu verzichten.“

Die bisher angemeldeten Felder liegen vor allem im Landkreis Märkisch-Oderland: Strausberg, Prötzel, Wölsickendorf, Neutrebbin, Neureetz, Gusow, Seelow und Lebus. Hinzu kommen Felder in Liebenwalde, Herzberg und Dahnsdorf. Eine Übersicht findet sich im Internet unter: www.standortregister.de

Bei dem Gen-Mais handelt es sich mit einer Ausnahme um den Bt-Mais 810 der Gentechnikkonzerne Monsanto und Pioneer. Als Händler tritt vor allem die Märkische Kraftfutter (Märka) auf, die ihren Hauptsitz in Eberswalde hat. Im Bt-Mais ist das Gen eines Bakteriums eingebaut, so dass der Mais ein eigenes Insektenvernichtungsmittel gegen den Fraßschädling Maiszünsler produziert.

In einer Untersuchung mit diesem Mais konnte gezeigt werden, dass die gentechnisch veränderte Erbsubstanz (DNA) bei Ferkeln nicht vollständig im Magen und Darm abgebaut wird. Fragmente davon fanden sich im Blut und in verschiedenen Organen. Außerdem konnte in Forschungen mit diesen Sorten gezeigt werden, dass es bei Trauermückenlarven (wichtiger Nützling für die Landwirtschaft) zu deutlichen Wachstumsverzögerungen kommt. Die Larven hatten den Pollen von MON 810-Mais mit ihrer Nahrung aufgenommen.

Eine zweite Sorte mit einer Toleranz gegen die Herbizide Basta und Liberty (Wirkstoff: Glufosinat-Ammonium) soll aus Forschungszwecken in Dahnsdorf bei der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) zum Einsatz kommen. Diese stammt von der deutschen Firma Bayer CropScience und wird auch unter Bezeichnung T 25 geführt.

Die so genannte Koexistenz von gentechnisch veränderten und herkömmlichen Sorten ist in der Praxis der deutschen Agrarstruktur nicht möglich. Werden die Pflanzen erst einmal angebaut, so ist eine unkontrollierte Verbreitung kaum noch zu verhindern: Bei Mais haben sich in der Vergangenheit verschiedene Fälle von Kontaminationen konventioneller und ökologischer Waren ereignet. Erst im vergangenen Jahr war mit gentechnisch verändertem Material verunreinigtes Mais-Saatgut auf Feldern in Süddeutschland ausgebracht worden, die Felder mussten untergepflügt werden. Der weltweit größte Fall einer Kontamination, als Starlink-Fall bekannt, führte in den USA zum Rückruf von mehr als 300 verschiedenen Lebensmittel-Produkten. Die nur als Tierfutter zugelassene Sorte wird noch heute als Verunreinigung gefunden, obwohl sich der eigentliche Fall in den Jahren 2000/2001 ereignet hatte. Ein besonderes Problem stellt der Gen-Mais für die ImkerInnen da. Da die Bienen den Mais anfliegen, kommt es zu Verunreinigungen von Honig und Pollen. Der Anbau von Gen-Mais gefährdet die Existenz vieler Landwirtschafts- und Imkereibetriebe.

„Fast alle Landwirte in Brandenburg, die vom Maiszünsler betroffen sind, bekämpfen ihn mit biologischen und konventionellen Methoden, wie Fruchtwechsel, Unterpflügen der Maisstoppeln oder dem Einsatz von Schlupfwespen“, sagt Thomas Janoschka. „Daran sollten sich auch die Landwirte ein Beispiel nehmen, die mit dem Einsatz von Gen-Mais liebäugeln.“

In Brandenburg werden 9,3% der landwirtschaftlichen Flächen von Biobauern bewirtschaftet, so viel wie nirgendwo sonst in Deutschland. Interessenkonflikte sind vorprogrammiert. Öl ins Feuer schüttet der brandenburgische Präsident des Deutschen Bauernverbandes Udo Folgart, der sich für die Gentechnik stark macht und die neue Politik von Landwirtschaftsminister Seehofer ausdrücklich begrüsst. Die Interessen von Monsanto stehen für Folgart offenbar über denen der Biobauern und der konventionellen Landwirte!

„Auf keinen Fall werden wir dem Anbau der genmanipulierten Pflanzen tatenlos zusehen“, sagt Thomas Janoschka. „In den nächsten Wochen werden wir mit den betreffenden Landwirten sprechen. Aber wir werden uns auch an die Nachbarschaftsbetriebe, die GemeindevertreterInnen und die VerpächterInnen der Felder wenden. Und natürlich werden wir uns mit phantasievollen Aktionen an die Öffentlichkeit wenden. Noch ist der Gen-Mais-Anbau zu verhindern.“ Die Erfahrungen des letzten Jahres zeigen, dass nicht alle angemeldeten Flächen später auch mit dem Gen-Mais bestellt werden. 2005 waren von ursprünglich fast 500 Hektar nur etwa 120 Hektar übrig geblieben.

Am 28. Januar findet von 11 bis 17:30 Uhr im Potsdamer Kulturhaus Babelsberg die Jahrestagung des Aktionsbündnisses für eine gentechnikfreie Landwirtschaft in Berlin und Brandenburg statt. Themen sind der Gen-Mais-Anbau, die Änderungen des Gentechnikgesetzes und die geplanten Aktionen im Jahr 2006.

Das Aktionsbündnis für eine gentechnikfreie Landwirtschaft in Berlin und Brandenburg setzt sich für den Erhalt der gentechnikfreien Landwirtschaft ein. Im Aktionsbündnis haben sich über 40 Organisationen und Unternehmen zusammengeschlossen. Es unterstützt Bäuerinnen und Bauern bei der Gründung gentechnikfreier Regionen. (www.gentechnikfreies-brandenburg.de)

Thomas Janoschka, Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft Berlin-Brandenburg
kontakt@gentechnikfreies-brandenburg.de
Tel.: 0162 / 398 798 2

Christof Potthof, Gen-ethisches Netzwerk e.V.
christof.potthof@gen-ethisches-netzwerk.de
Tel.: 030 / 685 80 30

Störfall Baytown

CBG Redaktion

Presseerklärung vom 20. Januar 2006

Tödlicher Unfall im BAYER-Werk Baytown/USA:

Ernsthafte Verstöße gegen Sicherheits-Bestimmungen

Die US-Arbeitsschutzbehörde Occupational Safety and Health Administration (OSHA) hat im BAYER-Werk Baytown „ernsthafte Verstöße“ gegen Sicherheitsbestimmungen festgestellt. Nach Aussage der OSHA hätte es aufgrund dieser Verstöße eine „hohe Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls oder ernsthafter körperlicher Schäden“ gegeben. Die Werksleitung „kannte die Risiken oder hätte diese kennen müssen.“

Am 18. Juni 2005 war im Werk Baytown die Dichtung eines Phenol-Behälters gerissen. Die Chemikalie wird in der Anlage als Vorprodukt des Kunststoffs Bisphenol A eingesetzt. Der 57-jährige Monteur Salvador Barba war von dem ätzenden Stoff direkt getroffen worden und kurz darauf gestorben. Die Untersuchungen der OSHA waren unmittelbar nach dem Unfall eingeleitet worden; BAYER wurde zweimal vorgeladen und erhielt eine Geldstrafe.

Jan Pehrke von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Seit Jahren wird die Belegschaft von BAYER ausgedünnt. Die ständig steigende Arbeitsbelastung der verbleibenden Mitarbeiter sowie Sparmaßnahmen in sicherheitsrelevanten Abteilungen sind für die meisten Störfälle bei BAYER verantwortlich. Wir fordern das Unternehmen auf, seiner Verantwortung für die Belegschaft und die Umwelt nachzukommen.“

Die OSHA legte in der vergangenen Woche einen Abschlussbericht vor. Demnach hatten „Unklarheiten in der schriftlichen Niederlegung der Arbeitsabläufe“ dazu geführt, dass ein Ventil des Behälters nicht geöffnet wurde. Hieraus resultierte ein Überdruck und das Platzen der Dichtung. Laut Untersuchungsbericht handelte es sich um den ersten Einsatz des betreffenden Systems, drei Beschäftigte waren an den Arbeiten beteiligt. Die OSHA setzte eine Frist bis zum 5. Januar, um die Missstände zu beseitigen.

Nur ein Jahr zuvor war es in Baytown zu einem Groß-Unfall gekommen. Ein Reaktor zur Produktion des krebserregenden Toluylendiamin (TDA) war geplatzt, die austretenden Stoffe entzündeten sich. Die Explosion war kilometerweit zu hören. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hatte in einem Offenen Brief an die Landesregierung von Nordrhein Westfalen darauf hingewiesen, dass BAYER die Chemikalie TDA auch in NRW in der Nähe von Wohngebieten herstellt und die Produktion ein Risiko für die Bevölkerung darstellt.

Weitere Infos: Baytown Sun: Unclear procedures led to Bayer plant death

Monitor

CBG Redaktion

19. Januar 2006, Monitor (ARD), 21.45 Uhr

Der Fall Bayer: Der Weltkonzern und der Umgang mit Kinderarbeit

Bericht von Monika Pohl

Sonia Mikich: „Bleiben wir bei der Arbeit. Wenn ein großes Unternehmen wie Bayer etwas produziert, zum Beispiel Saatgut, dann wird jeder einzelne Schritt genau kontrolliert, zum Beispiel, auf welcher Fläche das Saatgut hergestellt wird, welche Pestizide dabei eingesetzt werden dürfen, wie dicht die Pflanzen stehen und so weiter. Kontrolle hilft Qualität zu erzielen. So weit, so wichtig fürs Firmen-Image.
Aber was für Saatgut gilt, gilt nicht zwingend für die Menschen, die es produzieren. Etwa die Arbeiter auf indischen Baumwollfeldern. Und dort schuften auch Kinder. Und das bekommt Bayer einfach nicht in den Griff, auch wenn man das Problem seit drei Jahren kennt.
Monika Pohl über Kinderarbeit in einem Dorf, 7.000 km entfernt von Leverkusen, dem Sitz des Weltkonzerns Bayer.“

In der indischen Baumwollprovinz Andhra Pradesh ist die Kindheit kurz. Hier auf dem Dorf müssen die Kinder früh mit anpacken. Ihre Eltern verdienen nicht viel. Die meisten arbeiten als Tagelöhner auf den Feldern. Und viele junge Mädchen auch - in der Zucht von Baumwollsaatgut. Sie müssen die hybriden Pflanzen bestäuben, weil die sich nicht selber vermehren können. Bis zu 10 Stunden stehen die Mädchen Tag für Tag in der brütenden Hitze, obwohl das indische Gesetz solche Arbeit verbietet. Aber die Kinder haben keine Wahl.
Das ist Rasul. Ich bin acht Jahre alt, sagt er, und habe fünf Geschwister. Die Arbeit ist sehr schwer, aber wir müssen alle arbeiten, sonst geht es nicht. Sie ist zehn und arbeitet von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr abends auf dem Baumwollfeld - für 30 Rupien am Tag. Das sind 50 Cent. Natürlich würde ich gerne zur Schule gehen, sagt sie, aber die Eltern müssen Schulden zurückzahlen.

Ein großer Arbeitgeber hier ist die Firma PROAGRO. Seit drei Jahren gehört sie zum deutschen Bayer-Konzern. Auf Druck von indischen Hilfsorganisationen hat man das Projekt „Harvest of Happiness“, „Glückliche Ernte“ gestartet. Das ist ein Aktionsplan für den Kampf gegen die Kinderarbeit. Darin heißt es zum Beispiel:

„PROAGRO verfolgt eine klare Politik: ‚Keine Kinderarbeit‘.“
Und:
„Kinderarbeit wird auf Bayer-Vertragsfarmen nicht toleriert.“

Soweit so gut. Aber nicht ganz zutreffend. Ein indischer Agrarexperte hat uns diese Bilder geschickt. Gedreht auf PROAGRO-Feldern. Etwa 500 Kinder hat er dort bis letzten Dezember gezählt. Er beobachtet die Situation seit Jahren und macht seit Jahren auch PROAGRO auf das Problem aufmerksam. Sicher, sagt er uns, die Zahl der Kinderarbeiter sei in den letzten Jahren zurückgegangen. Aber kann so ein Weltkonzern wie Bayer nicht gründlicher dafür sorgen, dass hier kein einziges Kind mehr schuften muss?
Die Mädchen wissen, dass sie eigentlich nicht hier sein dürfen und versuchen sich zu verstecken, als sie die Kamera bemerken.
Ein paar Meter weiter: In den Sprühflaschen ist Pestizid, das regelmäßig über die Pflanzen gespritzt wird. Auch wenn die Kinder im Feld stehen.

Wir fahren in die Dörfer, wo die Kinder mit ihren Familien leben. Mittlerweile ist die Saison vorbei, die Felder sind abgeerntet.
Wir kommen an einer Grundschule vorbei. Während der Pflanz- und Erntesaison ist der Schulhof längst nicht so voll. Der Lehrer erzählt uns, im Sommer würde die Hälfte seiner Schüler auf dem Feld stehen statt in der Schule zu sitzen.

Masoom Vali, Schulleiter (Übersetzung MONITOR): „Wenn die Regierung uns Lehrern die Macht geben würde, die Kinder in der Schule zu halten, dann könnten wir auch dafür sorgen,
dass die Gesetze eingehalten werden. Aber wer in der Schule sitzt, verdient eben nichts. Das Problem hier auf dem Land ist die große Armut.“
Das Dorf Mela Cheruvu mitten zwischen den Baumwollfeldern. Hier leben die Familien der einfachen Feldarbeiter. Wir treffen Vandanam. Er arbeitet im Steinbruch. Von seinen fünf Kindern schickt er eins zur Schule. Seine älteste Tochter arbeitet auf dem Baumwollfeld. Ob er denn nicht wisse, dass Kinderarbeit verboten sei? Es geht nicht anders, sagt er. Wir müssen sie schicken. Ich verdiene zu wenig.
Seine Nachbarin Yeshodamma hat ebenfalls fünf Kinder. Auch sie schickt eine ihrer Töchter zur Arbeit aufs Feld. Wir haben einen Vorschuss bekommen, erzählt sie. „Einen Vertrag haben wir nicht. Ich kenne die Firma nicht, für die wir arbeiten.“ Und das gilt auch umgekehrt.

Die Bayer-Firma PROAGRO kennt die Leute im Dorf auch nicht, denn sie schaltet einen Agenten dazwischen, den Seed Organizer. Der schließt einen Vertrag mit dem Bauern und handelt aus, was dieser für das fertige Saatgut bekommt. Der Bauer heuert dann die Arbeiter an und bestimmt deren Lohn.
In dem Vertrag, den der Bauer von den Saatgut-Agenten bekommt, steht drin, dass Kinderarbeit verboten ist. Wer keine Kinder anheuert bekommt …
„… einen Aufschlag von 5 %, als Anreiz ausschließlich Erwachsene zu beschäftigen.“
Das ist gut für die Bauern, aber den einfachen Arbeitern nützt das nicht viel. Sie verdienen so wenig, dass sie nach wie vor ihre Kinder zur Arbeit schicken müssen, um über die Runden zu kommen.

Bauer Siva Reddy erzählt, dass die Eltern schon im März und April kämen und ihn anflehen würden, ihren Kindern im Sommer Arbeit zu geben. Das Problem, sagt auch er, ist die Armut
Wir fragen Bayer, wie sie das Problem lösen wollen. Und bekommen einen freundlichen Brief:
„Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserem Engagement zur Bekämpfung von Kinderarbeit in Indien.“
Ein Interview könne man leider nicht geben, aber man weist uns auf die Punkte im Aktionsplan hin. Man habe schon 29 Creative Learning Centers eingerichtet, die die Kinder auf die Schule
vorbereiten sollen. Außerdem gebe es wirtschaftliche Anreize für die Farmer, die auf Kinderarbeit verzichten. Und Sanktionen für die, die das nicht täten.

Über die Hungerlöhne steht nichts im Brief. Muss auch nicht, denn für Löhne ist Bayer nicht zuständig. Nur für den Preis, den sie für das Saatgut zahlen. Der ist so niedrig, dass die Bauern nicht viel daran verdienen. Mindestlöhne aber wären der Schlüssel, um Kinderarbeit endgültig abzuschaffen.

Dr. Davuluri Venkateswarlu, Agrar-Experte (Übersetzung MONITOR): „So lange die Firma PROAGRO nicht ganz ernsthaft über die Abnahmepreise für das Saatgut nachdenkt“, sagt uns Dr. Venkateswarlu, „wird sie der Verpflichtung nicht nachkommen können, Kinderarbeit auf ihren Vertragsfarmen wirklich auszuschließen.“
Er hat ausgerechnet, dass die Bayer-Tochter PROAGRO den Bauern 37 % mehr für das Kilo Baumwoll-Saatgut bezahlen müsste. Nur so könnten die Bauern den Arbeitern das geben, was ihnen gesetzlich zusteht: Etwa ein Euro am Tag. Und nur dann wären die Eltern nicht mehr gezwungen, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken.

Beitrag Monitor

CBG Redaktion

19. Januar 2006

Der Fall Bayer: Der Weltkonzern und der Umgang mit Kinderarbeit

TV-Magazin Monitor dokumentiert Zustände bei indischen Bayer-Zulieferern

Beitrag anschauen

Tausende von Kinder werden von indischen Zulieferern großer Saatgut-Unternehmen ausgebeutet - darunter Konzerne wie Bayer, Monsanto und Syngenta. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren initiierte vor zwei Jahren eine Kampagne in Deutschland; zahlreiche Organisationen schlossen sich an. Der folgende internationale Druck führte dazu, dass sich Bayer zu seiner Verantwortung bekennen musste und ein Programm zur Ersetzung der Kinder durch erwachsene Arbeitskräfte startete.

Doch noch immer schuften hunderte Kinder bei Zulieferern des Konzerns. Die Arbeitsbedingungen der Kinder dokumentiert heute abend das TV-Magazin Monitor. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert die Zahlung gerechter Löhne (zumindest der staatlichen Mindestlöhne), Wiedereinschulungsprogramme und eine ausschließliche Beschäftigung von Erwachsenen in der gesamten Produktionskette von Bayer.

Das vollständige Skript:

Der Fall Bayer: Der Weltkonzern und der Umgang mit Kinderarbeit

Anmoderation Sonia Mikich: „Bleiben wir bei der Arbeit. Wenn ein großes Unternehmen wie Bayer etwas produziert, zum Beispiel Saatgut, dann wird jeder einzelne Schritt genau kontrolliert, zum Beispiel, auf welcher Fläche das Saatgut hergestellt wird, welche Pestizide dabei eingesetzt werden dürfen, wie dicht die Pflanzen stehen und so weiter. Kontrolle hilft Qualität zu erzielen. So weit, so wichtig fürs Firmen-Image.
Aber was für Saatgut gilt, gilt nicht zwingend für die Menschen, die es produzieren. Etwa die Arbeiter auf indischen Baumwollfeldern. Und dort schuften auch Kinder. Und das bekommt Bayer einfach nicht in den Griff, auch wenn man das Problem seit drei Jahren kennt.
Monika Pohl über Kinderarbeit in einem Dorf, 7.000 km entfernt von Leverkusen, dem Sitz des Weltkonzerns Bayer.“

In der indischen Baumwollprovinz Andhra Pradesh ist die Kindheit kurz. Hier auf dem Dorf müssen die Kinder früh mit anpacken. Ihre Eltern verdienen nicht viel. Die meisten arbeiten als Tagelöhner auf den Feldern. Und viele junge Mädchen auch - in der Zucht von Baumwollsaatgut. Sie müssen die hybriden Pflanzen bestäuben, weil die sich nicht selber vermehren können. Bis zu 10 Stunden stehen die Mädchen Tag für Tag in der brütenden Hitze, obwohl das indische Gesetz solche Arbeit verbietet. Aber die Kinder haben keine Wahl.
Das ist Rasul. Ich bin acht Jahre alt, sagt er, und habe fünf Geschwister. Die Arbeit ist sehr schwer, aber wir müssen alle arbeiten, sonst geht es nicht. Sie ist zehn und arbeitet von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr abends auf dem Baumwollfeld - für 30 Rupien am Tag. Das sind 50 Cent. Natürlich würde ich gerne zur Schule gehen, sagt sie, aber die Eltern müssen Schulden zurückzahlen.

Ein großer Arbeitgeber hier ist die Firma PROAGRO. Seit drei Jahren gehört sie zum deutschen Bayer-Konzern. Auf Druck von indischen Hilfsorganisationen hat man das Projekt „Harvest of Happiness“, „Glückliche Ernte“ gestartet. Das ist ein Aktionsplan für den Kampf gegen die Kinderarbeit. Darin heißt es zum Beispiel:
„PROAGRO verfolgt eine klare Politik: ‚Keine Kinderarbeit‘.“
Und:
„Kinderarbeit wird auf Bayer-Vertragsfarmen nicht toleriert.“

Soweit so gut. Aber nicht ganz zutreffend. Ein indischer Agrarexperte hat uns diese Bilder geschickt. Gedreht auf PROAGRO-Feldern. Etwa 500 Kinder hat er dort bis letzten Dezember gezählt. Er beobachtet die Situation seit Jahren und macht seit Jahren auch PROAGRO auf das Problem aufmerksam. Sicher, sagt er uns, die Zahl der Kinderarbeiter sei in den letzten Jahren zurückgegangen. Aber kann so ein Weltkonzern wie Bayer nicht gründlicher dafür sorgen, dass hier kein einziges Kind mehr schuften muss?
Die Mädchen wissen, dass sie eigentlich nicht hier sein dürfen und versuchen sich zu verstecken, als sie die Kamera bemerken.
Ein paar Meter weiter: In den Sprühflaschen ist Pestizid, das regelmäßig über die Pflanzen gespritzt wird. Auch wenn die Kinder im Feld stehen.

Wir fahren in die Dörfer, wo die Kinder mit ihren Familien leben. Mittlerweile ist die Saison vorbei, die Felder sind abgeerntet.
Wir kommen an einer Grundschule vorbei. Während der Pflanz- und Erntesaison ist der Schulhof längst nicht so voll. Der Lehrer erzählt uns, im Sommer würde die Hälfte seiner Schüler auf dem Feld stehen statt in der Schule zu sitzen.

Masoom Vali, Schulleiter (Übersetzung MONITOR): „Wenn die Regierung uns Lehrern die Macht geben würde, die Kinder in der Schule zu halten, dann könnten wir auch dafür sorgen,
dass die Gesetze eingehalten werden. Aber wer in der Schule sitzt, verdient eben nichts. Das Problem hier auf dem Land ist die große Armut.“
Das Dorf Mela Cheruvu mitten zwischen den Baumwollfeldern. Hier leben die Familien der einfachen Feldarbeiter. Wir treffen Vandanam. Er arbeitet im Steinbruch. Von seinen fünf Kindern schickt er eins zur Schule. Seine älteste Tochter arbeitet auf dem Baumwollfeld. Ob er denn nicht wisse, dass Kinderarbeit verboten sei? Es geht nicht anders, sagt er. Wir müssen sie schicken. Ich verdiene zu wenig.
Seine Nachbarin Yeshodamma hat ebenfalls fünf Kinder. Auch sie schickt eine ihrer Töchter zur Arbeit aufs Feld. Wir haben einen Vorschuss bekommen, erzählt sie. „Einen Vertrag haben wir nicht. Ich kenne die Firma nicht, für die wir arbeiten.“ Und das gilt auch umgekehrt.

Die Bayer-Firma PROAGRO kennt die Leute im Dorf auch nicht, denn sie schaltet einen Agenten dazwischen, den Seed Organizer. Der schließt einen Vertrag mit dem Bauern und handelt aus, was dieser für das fertige Saatgut bekommt. Der Bauer heuert dann die Arbeiter an und bestimmt deren Lohn.
In dem Vertrag, den der Bauer von den Saatgut-Agenten bekommt, steht drin, dass Kinderarbeit verboten ist. Wer keine Kinder anheuert bekommt ...
„... einen Aufschlag von 5 %, als Anreiz ausschließlich Erwachsene zu beschäftigen.“
Das ist gut für die Bauern, aber den einfachen Arbeitern nützt das nicht viel. Sie verdienen so wenig, dass sie nach wie vor ihre Kinder zur Arbeit schicken müssen, um über die Runden zu kommen.

Bauer Siva Reddy erzählt, dass die Eltern schon im März und April kämen und ihn anflehen würden, ihren Kindern im Sommer Arbeit zu geben. Das Problem, sagt auch er, ist die Armut
Wir fragen Bayer, wie sie das Problem lösen wollen. Und bekommen einen freundlichen Brief:
„Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserem Engagement zur Bekämpfung von Kinderarbeit in Indien.“
Ein Interview könne man leider nicht geben, aber man weist uns auf die Punkte im Aktionsplan hin. Man habe schon 29 Creative Learning Centers eingerichtet, die die Kinder auf die Schule vorbereiten sollen. Außerdem gebe es wirtschaftliche Anreize für die Farmer, die auf Kinderarbeit verzichten. Und Sanktionen für die, die das nicht täten.

Über die Hungerlöhne steht nichts im Brief. Muss auch nicht, denn für Löhne ist Bayer nicht zuständig. Nur für den Preis, den sie für das Saatgut zahlen. Der ist so niedrig, dass die Bauern nicht viel daran verdienen. Mindestlöhne aber wären der Schlüssel, um Kinderarbeit endgültig abzuschaffen.
Dr. Davuluri Venkateswarlu, Agrar-Experte (Übersetzung MONITOR): „So lange die Firma PROAGRO nicht ganz ernsthaft über die Abnahmepreise für das Saatgut nachdenkt“, sagt uns Dr. Venkateswarlu, „wird sie der Verpflichtung nicht nachkommen können, Kinderarbeit auf ihren Vertragsfarmen wirklich auszuschließen.“
Er hat ausgerechnet, dass die Bayer-Tochter PROAGRO den Bauern 37 % mehr für das Kilo Baumwoll-Saatgut bezahlen müsste. Nur so könnten die Bauern den Arbeitern das geben, was ihnen gesetzlich zusteht: Etwa ein Euro am Tag. Und nur dann wären die Eltern nicht mehr gezwungen, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken.
Bericht von Monika Pohl

Diane Wilson

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 12. Januar 2006

USA: Kriminalisierung von Umweltaktivisten

Chemie-Kritikerin Diane Wilson erneut in Haft

Die bekannte Umweltaktivistin Diane Wilson ist im US-Bundesstaat Texas festgenommen und inhaftiert worden. Wilson muss im Gefängnis von Victoria eine fünfmonatige Strafe absitzen, die sie für eine gewaltlose Demonstration gegen das Unternehmen Dow Chemical erhielt.

Diane Wilson hatte im August 2002 in ihrer Heimatstadt Seadrift von einem 30m hohen Kühlturm des Unternehmens ein Transparent mit der Aufschrift „DOW – Verantwortlich für Bhopal“ entrollt. Hintergrund der Aktion ist die Weigerung der Firma Union Carbide, Verantwortung für die Chemiekatastrophe von Bhopal zu übernehmen. Dow Chemical hatte Union Carbide im Jahr 2001 erworben.

„Ich protestierte dagegen, dass sich die Verantwortlichen der Katastrophe von Bhopal seit zwanzig Jahren weigern, vor indischen Gerichten zu erscheinen, wo sie sich für den Tod von mehr als 20.000 Menschen verantworten müssen“, so Diane Wilson. „Firmen wie Dow verhöhnen Recht und Gesetz: Wenn es ihnen passt, rufen sie nach dem Gesetz; wenn nicht, dann ignorieren sie es.“ Warren Anderson, damaliger Chef von Union Carbide, lebt unbehelligt in den USA, obwohl indische Gerichte bereits vor 15 Jahren ein Strafverfahren eröffneten und Anderson mit internationalem Haftbefehl suchen.

Diane Wilson, Autorin des Buchs An Unreasonable Woman, hatte den Bundesstaat Texas mehr als ein Jahr lang nicht betreten und sich hierdurch ihrer Verhaftung entzogen. Der Polizei hatte sie angeboten, sich freiwillig zu stellen, sobald Warren Anderson den indischen Behörden übergeben wird. Verhaftet wurde sie nun während einer Rede von US-Vizepräsident Dick Cheney in Houston, bei der sie ein Transparent entrollt hatte mit der Aufschrift „Corporate Greed Kills – From Bhopal to Bagdad“ („Konzern-Gier tötet – von Bhopal bis Bagdad“).

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „In den USA werden Umweltschützer mehr und mehr als „Gefahr für die innere Sicherheit“ angesehen und mit allen Mitteln kriminalisiert. Diane Wilson verdient in ihrem Kampf gegen Umweltverschmutzung und ungebändigte Konzern-Macht unsere volle Unterstützung“. Die CBG kooperiert mit Wilson seit vielen Jahren. Der Verein schrieb die texanischen Gerichte sowie den Justizminister des Bundesstaats an und forderte eine sofortige Freilassung der Aktivistin sowie die Aufnahme von Ermittlungen gegen Union Carbide/Dow Chemical.

Fotos von der Verhaftung von D. Wilson während einer Rede von Dick Cheney
Diane Wilsons Protestaktion gegen Dow Chemical

Solidaritätsbriefe bitte an:
Sylvia Diane Wilson
CR

  • 65510


Victoria County Jail (Calhoun County Inmate)
101 North Glass
Victoria, TX 77901
USA

[Terminator] Stopp Terminator Technologie

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 10. Januar 2006

30 Organisation starten Kampagne gegen „Terminator-Technologie“

Gentechnisches Verfahren gefährdet weltweite Ernährungssicherheit

In einer gemeinsamen Kampagne fordern mehr als 30 Organisationen aus dem Umwelt-, Entwicklungs- und Agrarbereich, die so genannte „Terminator-Technologie“ weltweit zu ächten. Mit diesem neuen gentechnischen Verfahren wollen Saatgutkonzerne Pflanzen unfruchtbar machen und damit verhindern, dass Landwirte einen Teil ihrer Ernte aufbewahren und im folgenden Jahr als Saatgut verwenden. Bisher wird die Anwendung dieser Technik durch ein Moratorium der Biodiversitätskonvention verhindert, doch dieses ist in Gefahr.

Die Kampagne unter dem Motto „Terminator-Technologie ächten - Freie Saat statt tote Ernte“, die heute in Berlin vorgestellt wurde, richtet sich gegen diesen Versuch, die gefährliche Technik hoffähig zu machen. „Terminator-Technologie ist der Kopierschutz für Saatgut: Damit soll verhindert werden, dass weiterhin die überwiegende Mehrheit der Bauern das Saatgut aus der eigenen Ernte gewinnt“, sagte Oliver Moldenhauer, Attac-Experte für geistige Eigentumsrechte. Rudolf Buntzel vom Evangelischen Entwicklungsdienst betonte die Gefahr gerade für kleine Landwirte im Süden: „1,4 Milliarden Menschen hängen direkt in ihrem Lebensunterhalt vom eigenen Saatgutnachbau ab. Terminator-Technologie ist lebensvernichtend, denn sie bringt diese Menschen um ihre Ernährungssicherheit.“

Georg Janssen von der Arbeitsgemeinschaftliche Landwirtschaft (AbL) warnte: „Entweder können Bäuerinnen und Bauern bestimmen, was sie säen, und damit über die Vielfalt auf den Äckern entscheiden. Oder eine Handvoll multinationaler Saatgut-Unternehmen wird vom Acker bis zum Teller des Verbrauchers bestimmen, was angebaut und gegessen wird.“ Heike Moldenhauer, Gentechnik-Expertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, wies auf die ökologischen Gefahren der Terminator-Technologie hin: „Die genetische Eigenschaft der Samensterilität kann über Pollenflug auf Nachbarfelder oder in Wildpflanzen übertragen werden. Die Folge wären wirtschaftliche Einbußen bei Nutzpflanzen und die Gefährdung von Wildpflanzenpopulationen.“

Nachdem eine Expertengruppe im Rahmen der Biodiversitätskonvention zu der Einschätzung gekommen war, dass die Terminator-Technologie nicht nur eine ökologische Katastrophe, sondern auch eine Bedrohung für die Ernährungssicherheit bedeuten kann, wurde ein weltweite Moratorium verhängt. Dieses Moratorium steht in der Gefahr, auf Druck der Regierungen, Neuseelands, Kanadas und Australiens auf der kommenden Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention im März dieses Jahres gekippt zu werden.

Ziel der Kampagne ist es, zunächst möglichst viele Unterstützer für ein gemeinsames Positionspapier zu gewinnen. Darin fordern die unterzeichnenden Organisationen von der Bundesregierung, das Verbot der Terminator-Technologie im deutschen Gentechnik-Gesetz zu verankern. Zudem soll sich die Regierung dem Vorstoß, das internationale Moratorium zu beenden, entgegenstellen und sich stattdessen für eine Stärkung des weltweiten Verbots einsetzen.

Die Kampagne „Terminator-Technologie ächten - Freie Saat statt tote Ernte“ wird unterstützt von folgenden Organisationen:
„Kein Patent auf Leben!“
Aktion 3. Welt Saar
Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL.)
Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten in der Ev. Kirche in Deutschland (AGU)
ATTAC
Ausschuss für den Dienst auf dem Lande in der EKD
Bioland
Bonner AK gegen Gentechnologie
Brot für die Welt
BUKO Agrar Koordination
BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW)
Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugend im ländlichen Raum (BAG ejl)

Bündnis für die gentechnikfreie Landwirtschaft in Niedersachsen, Bremen und Hamburg
Bürgerinitiative gentechnikfreies Schleswig-Holstein
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Demeter
Dreschflegel e.V.
Evangelischer Entwicklungsdienst (EED)
Evangelisches Bildungszentrum Hesselberg
Gen-ethisches Netzwerk
Gentechnikfreie Regionen in Deutschland
NABU
Naturland
Ökomarkt
PAN Germany (Pestizid Aktionsnetzwerk)
Share e.V.
Umweltinstitut München
Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN)
Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Aufruf Terminator-Technologie ächten - „Freie Saat statt tote Ernte“

Hintergründe:
Seit Anfang 2005 ist die Terminator-Technologie wieder ins Blickfeld der
internationalen Gentechnik-Debatte gerückt. Mittels Gentechnik werden bei der Terminator-Technologie, von der Saatgutindustrie auch als GURTs (Genetic Use Restriction Technologies) bezeichnet, Pflanzen so verändert, dass die Ernte nicht mehr keimen kann. Damit sollen Bauern gezwungen werden, jedes Jahr aufs Neue Saatgut zu kaufen. Dies stellt einen Angriff auf das Menschenrecht auf Nahrung dar, werden weltweit doch 80 Prozent des eingesetzten Saatguts aus der eigenen Ernte gewonnen.
Wie weit die Entwicklung der Technologie vorangeschritten ist, weiß im Moment außer den beteiligten Unternehmen niemand. Trotzdem wurden schon eine Reihe von Patenten auf die Terminator-Technologie angemeldet und erteilt, unter anderem an die deutsche Firma Bayer Crop Science.

Als 1998 dem amerikanischen Landwirtschaftsministerium und der Firma Delta & Pine Land das erste Terminator-Patent erteilt wurde, stieß dies weltweit auf scharfe Kritik. Die Mitgliedstaaten der Konvention über die Biologische Vielfalt (CBD)empfahlen 1999 ein Moratorium, das den weltweiten Anbau und Freisetzungsversuche von Terminator-Pflanzen vorläufig aufhielt. In einer Untersuchung im Rahmen der Konvention wurde begründet, dass eine solche Technologie nicht nur eine ökologische Katastrophe nach sich ziehen kann, sondern eine Gefährdung für den traditionellen Saatguttausch, die Vielfalt der Nutzpflanzen und damit eine Bedrohung der Ernährungssicherheit bedeutet.

Diese Tatsachen haben sich nicht geändert. Geändert hat sich lediglich die Argumentation der Saatgutindustrie. Seit kurzem bemüht sie sich, diese lebensfeindliche Technologie als wirksamen Schutz vor der Auskreuzung von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO), also als Instrument der biologischen
Sicherheit, zu verkaufen und so in internationalen Vertragswerken zu verankern. Das Problem der Auskreuzung von GVO soll nun mit einem weiteren technischen Verfahren – der Terminator-Technologie - bekämpft werden. Dieses Verfahren birgt jedoch eine ganze Reihe von Fehlermöglichkeiten, die durch das komplizierte Zusammenspiel der Gene entsteht, die in die Pflanze geschleust wurden. Terminator-Technologie ist daher kein Mittel zur Verhinderung von Kontamination durch Pollen oder Samen von GentechPflanzen, sondern dient ausschließlich den Konzernen.
Die Regierungen Kanadas, Neuseelands und Australiens versuchen, das Moratorium für die Kommerzialisierung von Terminator-Technologie auf der kommenden Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die Biologische Vielfalt im März 2006 zu kippen. Hiergegen protestieren die unterzeichnenden Organisationen aufs Schärfste.
Die Terminator-Technologie ist eine besonders gefährliche und zynische Form der Agro-Gentechnik. Sie bringt Bauern keinerlei landwirtschaftlichen Nutzen durch höherwertiges Saatgut, sondern zielt allein darauf ab, eine totale Kontrolle über das Saatgut und damit die Kontrolle über die Welternährung zu erlangen. Wer den Saatgut-Markt beherrscht, beherrscht einen Markt, den es immer geben wird:
Menschen müssen essen – es geht bei der Terminator-Technologie um nichts weniger als um die Kontrolle der Lebensgrundlagen.
Deshalb muss die Terminator-Technologie weltweit verboten werden.

Wir fordern...
die deutschen Vertreter auf der 8. Vertragsstaatenkonferenz zur Konvention über Biologische Vielfalt (COP8), die im März in Brasilien zusammentreten wird, auf, · sich für eine Beibehaltung und Stärkung des De-facto-Moratoriums für die kommerzielle Nutzung und jegliche Freisetzungen mit der Terminator-Technologie einzusetzen und
· auf ein zeitlich unbegrenztes, weltweites Verbot der Terminator-Technologie im Rahmen der Konvention hinzuwirken.

Wir fordern zudem...
...den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung auf,
· die Patentierung, Registrierung, Lizenzierung oder jede andere Form der Anerkennung geistiger Eigentumsrechte, die mit dieser Technologie einhergehen, zu verbieten,
· ein Verbot der Terminator-Technologie im deutschen Gentechnikgesetz zu verankern,
· Forschungsgelder der öffentlichen Hand nicht für Projekte zur Verfügung zu stellen, die geeignet sind, die Terminator-Technologie und ihre Entwicklung zu fördern und
· sich insbesondere im europäischen Kontext auf allen Ebenen für die Umsetzung der hier genannten Forderungen einzusetzen.
Die unterzeichnenden Organisationen sehen in der Entwicklung und Zulassung von Terminator-Technologie einen Angriff auf die weltweite Ernährungssicherheit. Sie stellt eine Form der Aneignung lebenswichtiger Ressourcen dar, die geächtet werden muss!

Für Rückfragen: Sandra Blessin, Tel. 040-392526 oder 0177-97 28 275, info@freie-saat.de; www.freie-saat.de

taz, 29.3.2006

Terminator muss draußen bleiben

Erfolg für Umweltschützer und Kleinbauern auf UN-Artenschutzkonferenz in Curitiba

PORTO ALEGRE - Auf der 8. UN-Artenschutzkonferenz in Curitiba können Umwelt- und Kleinbauernorganisationen einen wichtigen Zwischenerfolg feiern: Das seit 2000 gültige Moratorium für steriles Saatgut, die so genannte Terminator-Technik, bleibt bestehen - zumindest, wenn es nach der zuständigen Arbeitsgruppe geht. Zugleich wurde das Recht der Bauern bekräftigt, ihr eigenes Saatgut zu erzeugen. Für Millionen Landwirte ist dies eine Existenzfrage. „Selbst wenn es in Curitiba dabei bleibt - in zwei Jahren geht der Kampf weiter, denn dieses Geschäft wäre für die Biotech-Multis einfach zu lukrativ“, sagt der US-Forscher Pat Mooney.
Bei Terminator-Pflanzen wird durch Chemikalien oder große Hitze das Embryo im Samen zerstört - somit müssten die Bauern jedes Jahr neues Saatgut kaufen. Multis wie Monsanto, BASF oder Syngenta drängen seit Jahren auf die Zulassung solcher Verfahren. Die Schweiz, Kanada, Australien und Neuseeland hatten sich für eine Aufweichung des Terminatorverbots eingesetzt und eine „Betrachtung von Fall zu Fall“ vorgeschlagen. Sie teilen die Position der USA, die allerdings in Curitiba ohne Stimmrecht sind, weil sie die Konvention nicht ratifiziert haben.
Am insgesamt zwölftägigen Treffen in Curitiba nehmen rund 6.000 Delegierte von Regierungen und Organisationen aus knapp 200 Ländern teil. Die drei Hauptziele der Konferenz sind der Erhalt der Artenvielfalt, die nachhaltige wirtschaftliche Nutzung der Natur sowie die ausgewogene Verteilung der sich zum Beispiel für die Pharmaindustrie ergebenen Gewinne bei pflanzlichen Wirkstoffen.
Die Konvention über biologische Vielfalt wurde bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet. Zehn Jahre später wurde in Johannesburg beschlossen, die Geschwindigkeit des Artensterbens bis 2010 „deutlich zu reduzieren“
Auf dem Treffen der zuständigen Minister am Dienstag gab sich Brasiliens Regierung so grün wie schon lange nicht mehr. Die Länder des Südens hätten am meisten unter den Verwüstungen zu leiden, die durch eine „unhaltbare Produktions- und Konsumweise“ verursacht würden, sagte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Die Gewinne aus der Nutzung natürlicher Ressourcen müssten „gleichmäßig“ verteilt werden, forderte Lula.
12 Jahre nach Inkrafttreten der Konvention über biologische Vielfalt sei man bei diesem Thema kaum vorangekommen, beklagte auch Umweltministerin Marina Silva. Für Brasilien seien verbindliche Absprachen „wichtig und dringend“. Vom Status quo profitieren hingegen die Konzerne des Nordens, weshalb deren Delegationen in Curitiba als Bremser auftreten. „Wir wollen kein Abkommen, das nur auf dem Papier gut aussieht“, meint etwa EU-Umweltkommissar Stavros Dimas. GERHARD DILGER

[John Le Carré] John Le Carré-Verfilmung

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 9. Januar 2006

Zum Filmstart von „Der Ewige Gärtner“ am 12. Januar:

Verbrechen der Pharma-Industrie im Kino

Am kommenden Donnerstag startet in den Kinos die Leinwand-Adaption von John le Carrés Roman „Der Ewige Gärtner“. Buch und Film beschreiben kriminelle Praktiken eines fiktiven Pharma-Unternehmens, das bei Medikamenten-Tests buchstäblich über Leichen geht und dabei die Protektion höchster Regierungsstellen genießt.

Hauptdarsteller Ralph Fiennes beschreibt den Film als „einen politischen Thriller über von Großunternehmen begangene Verbrechen, Gesetzesüberschreitungen und Manipulationen“. Film-Partnerin Rachel Weisz ergänzt: „Ich glaube, dass man die Pharma-Industrie höchstens noch mit der Öl-Industrie vergleichen kann. Es ist ein gewaltiges Geschäft. Sie verdienen Unmengen von Geld, und doch können sich die Menschen in der „Dritten Welt“ nicht die Medikamente leisten, die ihnen das Leben retten könnten“.

Le Carré ließ sich bei den Recherchen von der in Bielefeld ansässigen Buko Pharmakampagne, die sich kritisch mit den Schattenseiten des Arzneimittelmarktes auseinander setzt, beraten. Im Film taucht eine Initiative auf, die der Pharmakampagne nachempfunden ist. Das Film-Team wurde zudem von der Coordination gegen BAYER-Gefahren, die sich seit 25 Jahren mit den Kehrseiten der Geschäftspolitik des BAYER-Konzerns beschäftigt, unterstützt. Der Verein stellte Hintergrundinfos und Requisiten zu Verfügung.

Philipp Mimkes von der Coordination: „Die Pharma-Industrie hat keine altruistischen Ziele, für Profite nimmt sie auch Todesfälle in Kauf. Die Unternehmen bieten eine Vielzahl überflüssiger oder sogar gefährlicher Präparate an. Gleichzeitig leiden Millionen Menschen an Tropenkrankheiten, für die keine Medikamente bereit stehen, da die Betroffenen keinen lukrativen Markt darstellen. Wir begrüßen es sehr, wenn sich das Kino dieser Thematik annimmt.“

Der BAYER-Konzern hat eine Vielzahl hochgefährlicher Pharmaprodukte zu verantworten. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts brachte das Unternehmen „Heroin“ als Hustenmittel auf den Markt. In den 80er Jahren infizierten BAYER-Medikamente Tausende von Bluter mit HIV - der Konzern hatte ungetestete Blutprodukte verkauft, obwohl das hohe Ansteckungsrisiko bereits bekannt war. Das Präparat „Edrul“ zur Steigerung der Harnausscheidung musste wegen schwerster Nebenwirkungen vom Markt genommen werden. Und dem Cholesterin-Senker „Lipobay“ fielen mindestens 100 Patienten zum Opfer – BAYER hatte das Präparat trotz Bedenken aus der eigenen Forschungsabteilung in immer höheren Konzentrationen auf den Markt gedrückt.

Zum Film:
Die Polit-Aktivistin Tessa folgt ihrem in den diplomatischen Diensten Großbritanniens stehenden Ehemann nach Kenia, wo sie mit den dubiosen Geschäftspraktiken des Pharma-Riesen „Three Bees“ konfrontiert wird. Auf dem belebten Markt der Hauptstadt Nairobi tritt das Unternehmen als Samariter auf und bietet kostenlos Aids-Tests an - wenn die Menschen sich zur Erprobung des Tbc-Medikamentes „Dypraxa“ bereit erklären. „Kein Pharma-Konzern macht etwas umsonst“, klärt der kenianische Arzt Dr. Bluhm Tessa auf und sagt ihr, womit nicht wenige ProbandInnen zahlen: mit ihrem Leben. „Dypraxa“ hat sich in Labor-Untersuchungen als gesundheitsgefährdend erwiesen, aber der Pharma-Multi hat in das profitträchtige Medikament bereits zu viel investiert, um die Entwicklung abbrechen zu wollen.

Gutgläubig informiert Tessa das Außenministerium per Brief über die Vorgänge in Kenia. Aber nichts passiert. Erst als sie sich Einblick in das nicht an sie, sondern an einen Kollegen ihres Mannes gerichtete Antwortschreiben verschafft, muss die Frau erfahren, nach welchen Kriterien London solche Eingaben behandelt: „Was Handelsinteressen schadet, wird zerrissen“. Tessa setzt ihre Nachforschungen auf eigene Faust fort, unterstützt nur von Dr. Bluhm und gefüttert von sachdienlichen Hinweisen der Pharma-Initiative „Hippo“ aus Deutschland. Sie dringt immer tiefer in den Pharma-Sumpf ein - und kommt schließlich darin um.

Regisseur Fernando Meirelles, der für seinen letzten Film „City of God“ für den Oscar nominiert wurde: „Ich komme aus Brasilien. Dort haben wir in den letzten Jahren Generika, also Nachahmerpräparate, hergestellt. Wenn man versucht, billige Versionen patentierter Medikamente herzustellen, dann lernt man sehr schnell, über welch unfassbare Macht die Lobby der Pharma-Industrie verfügt“.

John le Carrés Buchvorlage „Der Ewige Gärtner“ ist beim Internet-Versand http://www.j5A.net erhältlich (hardcover: 22,95 EUR + 2,50 EUR Versand).

Infos zu Pharmaprodukten von Bayer: Bittere Pillen für Süße Bilanzen, Erkältungsmittel von Bayer erhöhen das Schlaganfall-Risiko, Zum Lipobay-Skandal

[Pestizide] STICHWORT BAYER 01/2006

CBG Redaktion

Verantwortlich für giftige Pestizide in Obst und Gemüse

Nicht nur Lidl und Metro, auch BAYER und BASF

Von Peter Kleinert

Dass deutsche Supermarktketten das Lebensmittelrecht einfach ignorieren und „täglich tausendfach gegen das Gesetz verstoßen“, bewies - wieder einmal - die jüngste Greenpeace-Studie „Pestizide außer Kontrolle“. Darüber berichteten die Medien Ende November ebenso aufgeregt wie über den zeitgleich bekannt gewordenen Fleisch-Skandal. „Die staatliche Lebensmittelüberwachung geht kaum gegen die Verantwortlichen vor“, bedauerte Greenpeace. Warum sollte sie? Funk, Fernsehen und Zeitungen erwähnten die für die vergifteten Supermarktlebensmittel tatsächlich Verantwortlichen ja auch mit keinem Wort.

Öffentlich genannt wurden in den Medien zwar die Pestizid-Spitzenreiter unter den Supermärkten, nämlich Lidl und Metro (Real, Kaufhof und Extra), und die nicht ganz so Schlimmen, wie Aldi, Edeka/Spar. Verschwiegen wurden dagegen die eigentlichen Profiteure dieser Obst- und Gemüsevergiftungen - zwei deutsche Chemiekonzerne. Unter den laut Greenpeace-Studie „top ten“ der entdeckten Pestizide, die „für 66% unserer Pestizidfunde verantwortlich“ waren, befanden sich nämlich je zweimal die BAYER AG und die BASF und einmal der ebenfalls deutsche „Pflanzenschutzhersteller“ Scotts Celaflor aus Ingelheim.

In Deutschland grundsätzlich verboten
„Das ist ein bitteres Zeugnis für Essen aus Deutschland“, urteilt Greenpeace-Chemieexperte Manfred Krautter. „Die Bauern gefährden damit die Gesundheit der Verbraucher und schädigen die Umwelt.“ Aber nicht nur die Bauern. Sieben der insgesamt 35 nachgewiesenen Spritzmittel seien in Deutschland in der Landwirtschaft grundsätzlich verboten, darunter das nervenschädigende Insektenbekämpfungsmittel Azinphos-Methyl, dem die Greenpeace-Studie eine „hohe akute Giftigkeit“ bescheinigt. Trotzdem lag es mit sieben Prozent auf Platz 4 der vorgefundenen Pestizide. Hersteller: der deutsche Pharmakonzern BAYER AG aus Leverkusen. Die Birnen, Nektarinen und Pfirsiche, in denen es gefunden wurde, stammten überwiegend aus der Türkei und aus südeuropäischen Ländern.

Ebenfalls ein Produkt aus dem Hause BAYER: das in Deutschland - obwohl als Krebserreger verdächtige - aber nicht verbotene Pestizid Tebuconazol. Es führte mit 8,2 Prozent die Liste der nachgewiesenen Spritzmittel an und wurde bei Pfirsichen und Karotten gefunden. Die Plätze 3 mit 7,1 Prozent und 9 mit 5,5 Prozent belegten Pestizide der BASF: das Pilzbekämpfungsmittel Iprodion, laut Greenpeace ebenfalls Krebs erregend und unter dem Verdacht auf hormonelle Wirkungen, fand sich in Nektarinen, Pfirsichen, Kopfsalat, Paprika und Tomaten, und Cyphermetrin, ein möglicherweise Krebs erregendes Insektenbekämpfungsmittel, gab es in Birnen, Pfirsichen und Kopfsalat.

Deshalb sollten, so Manfred Krautter - von der NRhZ über den Umgang der Medien mit der Greenpeace-Studie informiert -, nicht nur die für Gesundheitsgefährdung der Verbraucher verantwortlichen Supermarktketten, sondern auch die Hersteller der Pestizide öffentlich mit Namen genannt werden. „Und darüber hinaus: Wir denken, diese Wirkstoffe sollten ihre Zulassung verlieren.“ Auf Anfrage der NRhZ an den für Verbraucherschutz in Berlin zuständigen Minister Horst Seehofer (CSU) und die für Vorsitzende des zuständigen Bundestagsausschusses Bärbel Höhn (Grüne) vom Freitag, ob sie solche Konsequenzen zu ziehen gedächten, erhielten wir bis Redaktionsschluss keine Antwort.

Nord-Süd-Gefälle in Europa
Folgt man der Auswertung, gibt es in Europa ein Nord-Süd-Gefälle beim Pestizideinsatz. So fand man in Waren aus den Anbauländern Griechenland und Türkei im Schnitt 0,1 und mehr Milligramm Pestizide pro Kilo. Weit weniger belastet waren dagegen Produkte aus den Niederlanden und Österreich mit unter 0,2 Mikrogramm pro Kilogramm. Im Feld dazwischen lagen Belgien, Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien. Krautter: „Beim Einkauf lohnt es sich also nach wie vor auch aufs Herkunftsland zu achten.“

Aber auch deutsche Bauern spritzen Tomaten, Kopfsalat, Gurken und Karotten mit die Gesundheit gefährdenden, nicht zugelassenen Pestiziden. In 27 der 112 getesteten deutschen Gemüseproben fanden sich Pestizidwirkstoffe, die vom zuständigen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gar nicht oder nicht für die betroffene Gemüseart zugelassen sind. Diese Spritzmittel können Krebs auslösen, die Fortpflanzung beeinträchtigen oder sind schädlich für das Hormon- oder Nervensystem.

Empörung bislang ohne Konsequenzen
Schon im Juli hatte Greenpeace in deutschen Johannisbeeren illegale Pestizide gefunden. Daraufhin kündigten Landesbehörden und Staatsanwaltschaften Ermittlungen und verbesserte Überwachungen an. Der Deutsche Bauernverband kritisierte die Verstöße, und der Industrieverband Agrar erklärte, nicht zugelassene Pestizide im Jahr 2006 vorübergehend zurückzunehmen. „All die Ankündigungen und Empörungsrufe der Bauern- und Industrievertreter blieben bislang ohne Konsequenzen. Unser Test zeigt, dass der Einsatz illegaler Pestizide in Deutschland weit verbreitet ist. Die Gemüsebauern stehen den Obstbauern beim Spritzen verbotener Mittel in nichts nach. Diesem Treiben muss der neue Landwirtschaftsminister Seehofer gemeinsam mit den Agrarministern der Länder rigoros ein Ende setzen“, fordert Krautter. Sein Fazit: Die Verbraucher sollten am besten Bio-Ware kaufen. Die sei in der Regel ganz frei von künstlichen Spritzmitteln.

Und wer sich Bio-Ware angesichts Arbeitslosigkeit und höherer allgemeiner Lebenshaltungskosten nicht leisten kann, geht - nach den Ergebnissen der Greenpeace-Studie - nun vielleicht lieber zu Tengelmann, Aldi und Edeka/Spar. Die wiesen nämlich laut Testergebnis mit um die 20 Prozent Pestiziden „am wenigsten ROT-Wertungen“ auf. Ähnlich der Regionalanbieter Tegut. Krautter: „Dies sind keine Jubelwerte für die Besten in unserem Test! Wer 20% „nicht empfehlenswerte“ Frischware verkauft, ist keinesfalls ein Muster-Anbieter, sondern allenfalls das kleinere Übel im Vergleich zu den Ketten, die noch schlechter abschneiden.“

Nähere Hinweise dazu im Greenpeace-Ratgeber „Essen ohne Pestizide“
www.einkaufsnetz.org