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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

[Subventionen] Agrarsubventionen

CBG Redaktion

8.11. 2007 Lausitzer Rundschau

Hohe EU-Subventionen für Agrarkonzerne

Von Agrarsubventionen profitieren besonders häufig große Agrarkonzerne und Güter.
Zitat: „Dem Chemiegiganten Bayer zahlte die EU für den Anbau von Zuckerrüben und Getreide auf seinem Versuchsgut Laacher Hof pro Jahr bis zu knapp 100 000 Euro. Der Unilever-Konzern nahm danach über seine inzwischen verkaufte Tochter Iglo seit 2004 rund 700 000 Euro ein.“

Euparen

CBG Redaktion

Schwäbische Zeitung, 06.11.2007

Bayer-Pestizid im Trinkwasser: Arzt schlägt Alarm

RAVENSBURG Sorgen um das Trinkwasser im Schussental macht sich der Ravensburger Arzt Dr. Friedhelm Struben. Die Belastung des Wassers durch Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft sei nicht so harmlos wie zunächst angenommen. In einem offenen Brief hat er sich jetzt an Kommunalpolitiker gewandt.
Wie berichtet, war das Pflanzenschutzmittel „Euparen“ wegen des Abbauproduktes Dimethylsulfamid von der Firma Bayer im Februar 2007 nach 20 Jahren Einsatz im Obst- und Weinanbau vom Markt genommen worden. Grund: Bei der Behandlung mit Ozon entsteht das erbgutschädigende und krebserregende NDMA (Nitroso-Dimethylamin). Und Ozon wird von manchen Wasserwerken für die Trinkwasseraufbereitung verwendet.
Überall im Land ist daraufhin das Trinkwasser auf Rückstände des Pflanzenschutzmittels untersucht worden. In Ravensburg – vor allem in den südlichen und westlichen Ortschaften Taldorf, Eschach und Schmalegg, wo viel Obst angebaut wird – ist der Grenzwert von 0,0001 Milligramm pro Liter etwa um das Vierfache überschritten worden. In Weingarten blieben die Messwerte unter dem Grenzwert. Da aber die Technischen Werke Schussental ihr Wasser nicht mit Ozon behandeln, wurde die Belastung vom Kreisgesundheitsamt als ungefährlich eingestuft und eine Ausnahmegenehmigung für die weitere Abgabe von Trinkwasser bis zum 30. April 2010 erteilt.

Offener Brief an Fraktionen
Das hält Dr. Friedhelm Struben, Facharzt für Frauenheilkunde, Geburtshilfe und für Psychosomatische Medizin, für „nicht zumutbar“. Die giftige krebserregende Verbindung könne seinen Informationen nach bei allen Oxidationsvorgängen an Dimethylsulfamid entstehen, nicht nur durch die Beigabe von Ozon. „Es kann also nicht mit hinreichender Sicherheit so einfach behauptet werden, dass eine gesundheitliche Gefährdung über dieses Trinkwasser nicht besteht“, schreibt Struben in einem offenen Brief an die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien im Ravensburger Gemeinderat. Man könne nicht „einfach zur Tagesordnung übergehen“ und diese Gefährdung banalisieren und beschönigen, meint der Arzt. Im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ konkretisierte er seine Bedenken: „Wasser ist ein Grundnahrungsmittel. Ich kann doch die Grenzwerte nicht einfach am grünen Tisch ändern, weil es so am bequemsten ist.“ Nicht einmal Abkochen würde helfen, da es sich bei dem Fungizid (Pilzabtötungsmittel) im Wasser ja nicht um Keime handele. Seinen Patienten empfiehlt Struben, möglichst Mineralwasser zu verwenden.
Dr. Andreas Thiel-Böhm, Geschäftsführer der Technischen Werke Schussental (TWS), sieht hingegen keine Gefahr. Das von den TWS an vielen Brunnen im Osten von Ravensburg und Weingarten geförderte Trinkwasser sei so rein, dass überhaupt kein chemisches Verfahren zur Trinkwasseraufbereitung verwendet werden müsse. Weder Ozon noch sonst etwas. Mikrobiologische Keime würden allein durch UV-Licht abgetötet. Zu einer Oxidation komme es dabei nicht, folglich könne sich auch nicht das gefährliche NDMA bilden.

UV-Licht reicht aus
„Wenn Trinkwasser ohnehin schon klar ist und keinen weiten Weg zum Verbraucher zurücklegen muss, reicht die UV-Licht-Bestrahlung“, erklärt Thiel-Böhm. Anders sehe das zum Beispiel am Bodensee aus, dessen Wasser bis in den Stuttgarter Raum gepumpt wird, bevor es jemand trinkt. Das Wasser aus den Brunnen der Region sei jedoch so gut, dass es kaum noch aufbereitet werden müsse.
Kann man die Qualität des Wassers in Ravensburg trotzdem noch steigern, um jegliches Restrisiko auszuschließen? Theoretisch schon, meint Thiel-Böhm. Wollte man die seiner Ansicht nach ungefährlichen Rückstände des Pflanzenschutzmittels herausholen, müsste man jedoch enorm kostspielige Anlagen bauen. Etwa Aktivkohlefilter. Das würde aber dann das Trinkwasser mindestens um 25 bis 50 Prozent verteuern. „Wir sprechen hier von 50 Cent pro Kubikmeter.“
Seine Sicht der Dinge teilt man beim Ravensburger Landratsamt, das als Gesundheitsbehörde die Ausnahme-Erlaubnis für die Abgabe des belasteten Wassers gegeben hat. Dort habe man sich wiederum beim Bundesamt für Risikoabschätzung rückversichert. Franz Hirth, Pressesprecher des Landratsamtes: „Wir wissen nur, dass die Belastung dort, wo Obst angebaut wurde – von der Erdbeere bis zum Apfel – höher ist. Ansonsten wissen wir noch relativ wenig über den Stoff.“ Es sei zum Beispiel noch unklar, ob die Werte sinken oder steigen würden. „In ein, zwei Jahren wissen wir mehr. Jetzt haben wir keine neuen Erkenntnisse.“

Daten & Fakten
Das Pflanzenschutzmittel „Euparen“ der Firma Bayer wurde 20 Jahre lang eingesetzt. Anwendung fand es besonders im Obst- und Weinanbau gegen Pilzbefall. Im Herbst des vergangenen Jahres hat die Firma bei einer Eigenuntersuchung von „Euparen“ erstmals das Entstehen des Abbauproduktes Dimethylsulfamid festgestellt und dem Bundesamt für Verbraucherschutz mitgeteilt. Seit Februar ist die Verwendung von „Euparen“ durch das Amt untersagt. Der Stoff Dimethylsulfamid soll gesundheitlich unbedenklich sein. Wenn allerdings Trinkwasser mit Ozon aufbereitet wird, entstehen krebserregende Nitrosamine, Nitroso-Dimethylamin (NDMA).
Annette Vincenz

Trasylol

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse Information vom 5. November 2007

BAYER nimmt TRASYLOL vom Markt

Risiko von Todesfällen erhöht / Gefahren seit langem bekannt / „aus Lipobay-Skandal nichts gelernt“

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat dem bei Herzoperationen eingesetzten Medikament TRASYLOL heute die Zulassung entzogen. Der Hersteller von TRASYLOL, der Leverkusener BAYER-Konzern, hat das Präparat daraufhin weltweit „vorläufig“ vom Markt genommen.

Jan Pehrke von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „BAYER hat nichts aus dem LIPOBAY-Skandal gelernt. Obwohl die Gefährlichkeit von TRASYLOL bereits in zahlreichen Studien nachgewiesen wurde, hielt der Konzern bis zum bitteren Ende an dem Medikament fest - noch Mitte September behauptete BAYER, TRASYLOL sei „sicher und wirksam“. Wie im Fall von LIPOBAY oder der HIV-verseuchten Blutpräparate geht der Konzern für Profite buchstäblich über Leichen.“ Die CBG fordert verbindliche Kontrollen aller bereits zugelassener Pharmazeutika, Industrie-unabhängige Studien bei Neuzulassungen und strafrechtliche Konsequenzen für verantwortliche Manager. Gesundheitsbehörden müssen nach Ansicht der CBG materiell und gesetzgeberisch gestärkt werden, um Nebenwirkungen von Medikamenten systematisch erfassen und risikoreiche Mittel vom Markt nehmen zu können.

Schon Anfang 2006 hatte eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie nachgewiesen, dass TRASYLOL überdurchschnittlich oft gravierende Nebenwirkungen wie Nierenschäden, Herzinfarkte oder Schlaganfälle verursacht – häufig mit Todesfolge. Allein 10.000 Patienten könnte nach Aussage der Untersuchung pro Jahr eine Schädigung der Nieren erspart bleiben. Recherchen des WDR Fernsehens wiesen vor wenigen Wochen zudem nach, dass BAYER bereits zu Beginn der 80er Jahren eigene Studien durchgeführt hatte, die ein erhöhtes Risiko für Nierenschäden ergaben. Die Studien verschwanden jedoch in der Schublade des Unternehmens.

Der Konzern suchte über Jahrzehnte fieberhaft nach neuen Indikationen für TRASYLOL. Der Pharmakologe Prof. Peter Schönhöfer zur Geschichte des Präparats: „Dieses Produkt war immer ein Arzneimittel auf der Suche nach einem Anwendungsgebiet. Und es wurde viel versucht - sinnloses wie sinnvolles, ohne dass etwas herauskam. Und dann hatte man eben mit den Blutungen bei der Bypass-Operation Glück und fand was.“

Im vergangenen Herbst war herausgekommen, dass BAYER der US-Medikamentenaufsicht FDA negative Studienergebnisse zu TRASYLOL bewusst vorenthalten hatte. Am 21. September hatte die FDA eigens ein Komitee einberufen, in dem die Risiken des Medikaments diskutiert werden sollten, hieran waren auch Vertreter von BAYER beteiligt. Obwohl der Konzern zu diesem Zeitpunkt eine Studie mit 67.000 Behandlungsfällen durchführen ließ, von der bereits Ergebnisse vorlagen, wurden die Mitglieder des FDA-Komitees hierüber nicht informiert. Erst durch den Hinweis eines der Autoren wurde die Behörde im Nachhinein auf die Untersuchung aufmerksam. BAYER verniedlichte den Vorgang im Nachhinein als „Fehlverhalten von zwei Mitarbeitern“.

Mitte der 60er Jahre testete BAYER dem Buch „Gesunde Geschäfte“ zufolge das damals nur zur Behandlung von Entzündungen der Bauchspeicheldrüse zugelassene Mittel als Therapeutikum für Schockzustände nach Unfällen. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich unter TRASYLOL die Sterberate signifikant erhöhte. Der Pillenriese blies die Untersuchungen daraufhin jedoch nicht ab, sondern manipulierte die Zahlen. Indem nur Todesfälle innerhalb von 3 Wochen nach Gabe von TRASYLOL gewertet wurden, wurde ein Großteil der Pharma-Opfer statistisch wieder zum Leben erweckt.

Das Skript des WDR-Films senden wir gerne zu. Weitere Informationen unter:
BAYERs neuer Pharma-GAU
Trasylol: BAYER verheimlicht Negativ-Ergebnisse
BAYER täuscht US-Gesundheitsbehörde
Bayer verzichtet auf breitere Anwendung Trasylols

[Demo] CO-Pipeline

CBG Redaktion

„HEUTE WIR - MORGEN IHR“

Am Samstag, den 3. November 2007 startete in Düsseldorf vor dem DGB-Haus, in der Friedrich-Ebert-Straße um 11.30 Uhr eine friedliche und beeindruckende Demonstration gegen die Kohlenmonoxid-Leitung der Firma Bayer.

Angeführt wurde die Menge von einem Traktor-Gespann eines Bauern aus Monheim, der mit Anti - Pipeline - Slogans bestückt war. Zur Demonstration aufgerufen hatte die Initiative „Bau-Stopp der Bayer-Pipeline“, der sich mittlerweile alle Trassenstädte angeschlossen haben, unter dem Motto „HEUTE WIR - MORGEN IHR!“ Und so forderten die Demonstranten bei ihrem Weg über die Oststrasse, Graf-Adolf-Straße und Königsallee zum Marktplatz (Rathausvorplatz) die Passanten auf: „Liebe Leute schließt Euch an, denn sonst seid Ihr morgen dran!“
Auf diese Weise wuchs der Protestzug auf etwa 4.500 Teilnehmer an. Sie wurden auf dem Marktplatz musikalisch empfangen, wo bereits ein CO-Protestlied des Hildener Liedermachers Jörg Owsianowski gespielt wurde. Es war ein beeindruckendes Bild, als sich der Platz vor dem Düsseldorfer Rathaus zunehmend mit friedlichen Demonstranten füllte, von denen viele schwarze Luftballons in der Hand hielten.
Die Abschlusskundgebung startete mit einem Beitrag der Initiative, der von Marlis Elsen, Ulrike Schrooten, Karl Brinkmann und Rolf Portier vorgetragen wurde. Sie schilderten zunächst mit drastischen Worten die möglichen Folgen des Vollbruchs der Leitung. Dann folgten die Forderungen der Initiative an die Bezirksregierung und die Landesregierung. Beide sollen endlich die politische Verantwortung für ihre Fehler übernehmen. Herr Büssow wird aufgefordert, den Planfeststellungsbeschluss aufzuheben. Herr Rüttgers soll sein Schweigen brechen und das umstrittene Enteignungsgesetz zurücknehmen. Die von uns gewählten und bezahlten Landtagsabgeordneten haben die Pflicht, ohne Fraktionszwang und in persönlicher Verantwortung für die Aufhebung des Enteignungsgesetzes zu stimmen sowie die Überzeugungsarbeit bei ihren Landtagskollegen zu leisten, dieses ebenfalls zu tun.
Darüber hinaus fordert die Initiative die Regierung auf, ein neues Gesetz zu schaffen, das in Zukunft definitiv den Transport von Kohlenmonoxid durch eine Pipeline ausschließt. Sie fordert, dass gesetzlich festgelegt wird, dass CO grundsätzlich an ein und demselben Ort produziert und verbraucht werden muss. Die vier Sprecher forderten zum Abschluss zum weiteren gemeinsamen Kampf auf: „Heute für uns und morgen für Sie!“
Den Kollegen im Landtag redete Johannes Remmel von Bündnis90/Die Grünen ins Gewissen, jetzt den im Jahr 2006 gemachten Fehler des „Lex Bayer“ wieder zu korrigieren und einem Aufhebungsgesetz zuzustimmen.
Als Landrat für den Kreis Mettmann bezog Thomas Hendele noch einmal eindeutig Position gegen die Pipeline und machte deutlich, dass der Zusammenhalt der Initiative mit der lokalen Politik weiter wächst und der Protest immer größer wird.
Danach bekam er von dem Unterschriftenverwalter der Initiative Horst Ferber die nächsten Ordner der mittlerweile 70.061 Unterschriften zur Übergabe an den Regierungspräsidenten Herrn Büssow überreicht.
Immer wieder wurden die Beiträge durch Beifall für die Forderungen der Redner und Unmutsbekundungen mit Trillerpfeifen, Sirenen und Buhrufen gegen Rüttgers, Büssow, die Mehrheit der Landtagsabgeordneten und auch Bayer begleitet. Ob sich das die im Publikum vor der Bühne befindlichen Landtagsabgeordneten endlich zu Herzen nehmen, bleibt abzuwarten.
Auf der Bühne nahmen Bürgermeister oder ihre Vertreter der Trassenstädte an der Kundgebung teil.
Die Übergänge wurden mit Pipeline-bezogenen Musikbeiträgen von dem Kabarettist und Liedermacher Okko Herlyn hergestellt.
Während zum Abschluss das Anti-Pipeline-Lied ertönte, ließen viele Kinder als ein starkes Zeichen des Protestes die schwarzen Luftballons steigen.
Wolfgang Cüppers beendete als Verantwortlicher diese friedliche und gelungene Demonstration mit dem Dank an alle Helfer und Teilnehmer.

04.11.2007, KStA (dpa)

Lautstarke Gegner der Bayer-Pipeline

Düsseldorf. Gegen die umstrittene Kohlenmonoxid-Pipeline des Bayer-Konzerns haben in Düsseldorf mehrere tausend Menschen demonstriert. Laut Bürgerinitiative „Bau-Stopp der Bayer-Pipeline“ beteiligten sich 4500 Teilnehmer an dem Protestzug.
Die Polizei zählte dagegen 2500 Menschen, die am Samstag durch die Innenstadt der Landeshauptstadt vor das Rathaus zogen. Redner verlangten einen sofortigen Baustopp der 67 Kilometer langen Trasse. Die Pipeline soll die linksrheinischen Bayer-Werke in Dormagen und Krefeld-Uerdingen verbinden. Die Trasse verläuft aber überwiegend rechtsrheinisch, muss dafür zwei Mal den Rhein unterqueren und ist 30 Kilometer länger als bei einem linksrheinischen Verlauf.
Die Gegner der Kohlenmonoxid-Pipeline kritisieren die Trassenführung durch dicht besiedelte Gebiete. Die Sicherheit sei unzureichend und das vom Landtag eigens erlassene Spezialenteignungsgesetz verfassungswidrig. Laut Bürgerinitiative haben bislang 65 000 Menschen mit ihrer Unterschrift gegen das Projekt protestiert. Kohlenmonoxid ist ein gefährliches Atemgift. Es riecht nicht, schmeckt nicht und ist farblos. Für Bayer ist Kohlenmonoxid ein wichtiger Grundbestandteil für die Kunststoff-Produktion. (dpa)

Express

Pipeline-Gegner protestierten vorm Rathaus

Groß-Demo am Samstag gegen den Bau der umstrittenen Kohlenmonoxid-Pipeline in Düsseldorf. Rund 3000 Teilnehmer zogen mit Pfeifen, Plakaten und begleitet von Samba-Rhythmen vom DGB-Haus über Oststraße und Königsallee zum Marktplatz vor dem Rathaus.
Dort wurde dem CDU-Landrat Thomas Hendele eine Liste mit 70.000 Protestunterschriften überreicht.
Unter den Teilnehmern sollen nach Veranstalterangaben auch mehrere Landes- und Kommunalpolitiker gewesen sein.
Regierungspräsident Jürgen Büssow war auch dabei: auf einem großen Plakat. Unter seinem Konterfei das Zitat: „Es ist natürlich gefährlich, wenn das Gas ausströmt, und Sie stehen daneben. Dann fallen sie natürlich um und sind auch tot.“
Wolfgang Cüppers, Sprecher der Interessengemeinschaft Erkrath: „Kohlenmonoxid ist ein geruchloses, hochgefährliches Atemgift. Wir erwarten, dass sich die Landespolitiker endlich stärker des Themas annehmen und sich gegen den Bau dieser gefährlichen Trasse einsetzen.“
Mit der derzeit im Bau befindlichen Pipeline will Bayer die Firmenstandorte in Dormagen und Krefeld verbinden. An beiden Standorten wird Kohlenmonoxid für die Kunststoffproduktion benötigt. Die Pipeline soll auch über Privatgrundstücke im Kreis Mettmann verlaufen. Dagegen laufen Anwohner seit Monaten Sturm.
Dieter Donner, Koordinator der Bürgerinitiativen: „Mit dieser Giftgas-Leitung versuchen Bayer, Landespolitiker und Regierung, ein Pilotprojekt durchzudrücken. Gelingt das, soll es über Köln und Oberhausen hinaus erweitert werden.“

RP 05.11.2007

Demo contra CO-Pipeline

VON DÉSIRÉE LINDE
Mehrere tausend Menschen gingen am Samstag gegen den Bau der Leitungen der Bayer AG von Dormagen und Krefeld auf die Straße. Dabei wurde auch die Marke von 70 000 Unterschriften geknackt.

Sie reckten Holzkreuze mit dem eigenen Namen in die Höhe, trugen Schilder mit Totenköpfen und steckten in weißen Schutzanzügen oder gar Skelett-Kostümen. „No, no, no, Pipeline geht k.o.“, skandierten sie auf ihrem Weg durch die Düsseldorfer Innenstadt. 2500 Menschen demonstrierten nach Polizeiangaben - nach Zählung der Veranstalter mehr als 3500 - am Samstag gegen die Kohlenmonoxid-Pipeline der Bayer AG.
Der Chemiekonzern baut die Trasse derzeit zwischen seinen Standorten Dormagen und Krefeld-Uerdingen. Die Menschen fürchten um die Sicherheit, wenn dann das farb- und geruchlose Monoxid aus einem Leck austreten sollte. Der Stoff wirkt in Verbindung mit Sauerstoff hoch explosiv. Charlotte Jaques (10) hielt entschlossen ihr Schild umklammert. „CO-Pipeline-Opfer“ stand da geschrieben, darunter war eine Gasmaske abgebildet. So sahen auch die T-Shirts der vierköpfigen Familie Jaques aus. Auf der Rückseite prangte der Schriftzug „10 m“. „So weit von unserem Garten weg wird die Pipeline gebaut“, sagte Mutter Gudrun Jaques. Die „Familien-T-Shirts“ hatte sie extra für die Demo entworfen. Gemeinsam mit einigen Nachbarn waren die Jaques von Duisburg-Ungelsheim in die Landeshauptstadt gekommen.

Eineinhalb Stunden Fußmarsch
Kurz nach elf Uhr ging's los: Friedrich-Ebert-Straße, Oststraße, Königsallee, Rathausvorplatz. Trommeln wurden im Takt der Schritte der Massen in den knapp eineinhalb Stunden Fußmarsch geschlagen, immer wieder brandeten Pfeifkonzerte aus unzähligen Trillerpfeifen und Sprechgesänge auf.
„Wir wollen vor allem Aufmerksamkeit“, sagte Demonstration-Organisator Wolfgang Cüppers von der Interessengemeinschaft Erkrath (IG Erkrath). Wie die IG haben sich entlang der 67 Kilometer langen Strecke, die die CO-Pipeline lang werden soll, zahlreiche Bürgerinitiativen gebildet. Bislang haben sie 70 061 Unterschriften gegen den Bau gesammelt.
Die Demonstration in der Landeshauptstadt war die bislang größte. Mit dabei waren auch Regierungspräsident Jürgen Büssow und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers - wenn auch nur auf anklagenden Plakaten der Demonstranten. „Schämt Euch!“ stand etwa unter den Namen auf dem Schild von Günter und Marion Breidbach aus Hilden. Auf dem Podium bei der Abschlusskundgebung hingegen fanden sich naturgemäß nur Gegner der Pipeline. Der grüne Landtagsabgeordnete Jürgen Remmel etwa oder der Mettmanner CDU-Landrat Thomas Hendele.
Bayer selbst verweist darauf, dass die Leitungen sicher seien. „Wir wollen ja mit Bayer reden, dass vielleicht andere Lösungen gefunden werden können“, sagte Demonstrantin Ingrid Veit aus Hilden. Der Fortgang des Streits liegt nun erst einmal bei den Gerichten. Einige Privatpersonen haben gegen den Bau der Pipeline geklagt.

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[Brasilien] Gentechnik Freilandversuche

CBG Redaktion

28. Oktober 2007, taz

Eskalation in Südbrasilien

Blutiger Streit um genmanipuliertes Saatgut

Der Konflikt um das Gentech-Areal des Schweizer Agrarmultis Syngenta in Brasilien fordert zwei Tote - darunter ein Aktivist, der gegen das genmanipulierte Saatgut kämpfte. VON GERHARD DILGER

„Wir sind überzeugt, dass wir mit unseren hervorragenden Produkten weltweit zu einer besseren Ernährung beitragen können“. Diese „Vision“, mit der die Schweizer Saatgutfirma Syngenta auf ihrer Website wirbt, erscheint den Mitgliedern der brasilianischen Landlosenbewegung MST zynischer denn je. Denn ihr langjähriger Aktivist Valmir Mota de Oliveira (34) hat seinen Einsatz gegen den Gentechmulti mit dem Leben bezahlt.

Am Sonntag vor einer Woche hatte die MST zum dritten Mal in 19 Monaten das 127 Hektar große Syngenta-Versuchsgut besetzt, das im südbrasilianischen Santa Tereza do Oeste liegt, unweit der berühmten Iguaçu-Wasserfälle. Stunden später stürmten rund 25 bewaffnete Wachleute das frisch errichtete MST-Zeltlager, erschossen Mota und verwundeten weitere fünf Aktivisten. Auch ein Wachmann wurde getötet. Die Ermittlungen über den genauen Tathergang laufen noch. Sieben Angehörige der von Syngenta verpflichteten Sicherheitsfirma sitzen in Untersuchungshaft, der Chef ist wegen Mordes angeklagt. Auf einer ökumenischen Gedenkfeier forderten die Landlosenaktivisten am Samstag, Syngenta solle Brasilien verlassen.

Danach sieht es gar nicht aus: Erst im September hatte der Multi die Zulassung seines Genmaises Bt11 feiern können. Topmanager Michael Mack kündigte „viele weitere Syngenta-Lösungen für die brasilianischen Pruduzenten“ an. Den Genmais ICP4 soll die zuständige „Nationale Technische Kommission für Biosicherheit“ als nächstes freigeben. Vor 10 Tagen wurde jedoch die Zulassung für Bt11 von einem Bundesgericht wieder ausgesetzt, ebenso wie die früheren Genehmigungen des Bayer-Maises „Liberty Link“ und der Monsanto-Sorte MON810, denen Präsident Lula da Silva bereits im März den Weg geebnet hatte.

Gegen Syngenta, Bayer und Monsanto richtet sich die „Kampagne für eine gentechfreies Brasilien“ vor allem, die von einem breiten NGO-Bündnis von Umweltgruppen, Verbraucherverbänden bis hin zu Kleinbauernorganisationen vorangetrieben wird. „Diese Firmen kümmern sich weder um die nationale Umweltgesetzgebung mit dem Vorsorgeprinzip noch um mögliche Schäden für die Gesundheit oder die Umwelt“, sagt der Aktivist Gabriel Fernandes. „Außerdem beeinträchtigen sie die nachhaltige Landwirtschaft, indem sie den Kleinbauern die Autonomie entziehen, ganz zu schweigen von der Kontaminierung nicht-transgener Kulturen“.

Im brasilianischen Repräsentantenhaus bereitet die Lobby der Großagrarier Gesetze voran, durch die die Rechte von Kleinbauern und Indigenen auf ihr Saatgut zugunsten der Gentechriesen ausgehöhlt werden sollen. Von 513 Abgeordneten werden 116 der Agrolobby zugerechnet, 68 davon gehören zum Regierungslager.

Auch die Gentechgegner haben noch einigen Rückhalt in Lulas Arbeiterpartei. Ihr wichtigster Verbündeter ist jedoch der linksnationalistische Gouverneur Roberto Requião aus dem Bundesstaat Paraná, wo der Konflikt um das Syngenta-Areal seit März 2006 eskaliert. Vor einem Jahr enteignete Requião das von der MST besetzte Versuchsgut, auf dem Syngenta mit Gensoja und Genmais angebaut hatte ? stattdessen sollte dort ein Forschungszentrum für einheimisches Saatgut entstehen. Doch im Juli gab ein Gericht dem Einspruch des Multis statt. Die Landlosen schlugen ihre Zelte in den Nachbarschaft auf.

„Syngenta hat sich mit den reaktionären Großbauern zusammengetan“, sagt MST-Koordinator João Pedro Stedile. Die wiederum hätten die Wachleute dazu gedrängt, vier MST-Anführer umzubringen. Mitverantwortlich sei aber auch die Regierung Lula, die die Landreform als „Randproblem“ betrachte, meint Stedile: „Das haben die Konservativen ausgenutzt. Hätten wir eine Agrarreform, wäre es nicht zur Konfrontation gekommen“.

[Prognos] Mediation

CBG Redaktion

27. Oktober 2007, BI Saubere Luft

Ohne Wortprotokoll keine Gesprächsrunde

Bürgerinitiative steigt aus der Foren-Reihe von Prognos aus

Am Freitagabend traf sich die Bürgerinitiative Saubere Luft erneut im Gemeindehaus „Auf dem Wege“ in Bergheim. Auf der Tagesordnung stand die Information über die Klage gegen den Vorsitzenden Herbert Mommertz. Die Stadt Krefeld beschuldigt ihn des wilden Plakatierens und hatte seinen Widerspruch abgewiesen. Nun trifft man sich vor Gericht.
Der zweite Tagesordnungspunkt nahm die restliche Zeit des Abends in Anspruch. Die Diskussion war kontrovers und teilweise emotional. Die Befürworter des Forums argumentierten, man könne in den Foren wichtige neue Informationen erhalten und damit seine Position besser darstellen. Die Gegner hielten dagegen, dass Prognos einen Konsens anstrebe, den es aus Sicht der Bürgerinitiative mit einem Kohlekraftwerk nicht geben kann.
Am Ende beschloss eine deutliche Mehrheit den Ausstieg aus der Foren-Reihe. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war die Ablehnung des beantragten Wortprotokolls durch die Moderatorin Prognos und einige anwesende Politiker. Nur wenn ein solches Protokoll erstellt werde, aus dem klar hervorginge wie argumentiert wurde, wollte die Bürgerinitiative (BI) Saubere Luft ihren Vertreter weiterhin zu den Gesprächsrunden entsenden.

Herbert Mommertz, Vorsitzender der BI meint dazu:
„Wer weiß schon nach ein paar Wochen, was er bei einem Forum gesagt hat. Das Wortprotokoll war uns deshalb so wichtig, damit wir jederzeit hätten beweisen können, dass wir von unserer Haltung gegen das Kohlekraftwerk nicht abgewichen sind. Denn die Öffentlichkeit ist beim Forum ja ausgeschlossen. Deshalb gilt die Devise: Ohne Wortprotokoll keine Teilnahme am Forum.“
Die Bürgerinitiative will aber auf den Dialog nicht verzichten und wird nun ihrerseits den Kontakt zu den Mandatsträgern suchen, um auf direktem Wege ihre Position deutlich zu machen.

[Antwerpen] Proteste Antwerpen

CBG Redaktion

Presse Information vom 18. Oktober 2007
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Arbeiter blockieren BAYER-Werk in Antwerpen

Drohende Entlassungen und Ausgliederungen / erste Zugeständnisse der Werksleitung

Rund 500 protestierende Arbeiter haben gestern die Chemie-Werke der Firmen BAYER und LANXESS in Antwerpen blockiert. Lastwagen wurden nicht abgefertigt. Leiharbeitern und Fremdfirmen wurde der Zugang in die Fabrik verweigert.

BAYER und LANXESS hatten Ende September angekündigt, mehr als 300 Arbeitsplätze in Antwerpen auszugliedern oder zu vernichten. BAYER will sich dabei von einem Fünftel seiner Mitarbeiter trennen. Hierdurch wären sogar sicherheitsrelevante Bereiche betroffen: ein Löschzug der Feuerwehr soll komplett abgeschafft werden, zwei weitere Löschzüge sollen mit weniger Mitarbeitern auskommen. Zudem will der Konzern die 24-stündige medizinische Notfallbetreuung im Werk schließen.

Die Firmen möchten zudem die gültigen Abmachungen mit der Belegschaft („Service Level Agreements“) aufkündigen. Außerdem wollen BAYER und LANXESS den gemeinsamen Betriebsrat im Antwerpener Werk abschaffen – im Gegensatz zu den deutschen Standorten war in Antwerpen auch nach der Ausgliederung von LANXESS der gemeinsame Betriebsrat bestehen geblieben.

Die Belegschaften wehren sich seit den Ankündigungen mit regelmäßigen Demonstrationen und Aktionstagen. Der Betriebsrat pocht auf Einhaltung der bestehenden Abmachungen und protestiert besonders gegen Einschnitte in sicherheitsrelevanten Abteilungen. Vertreter von BAYER und LANXESS kündigten nach den gestrigen Protesten an, ein neues Konzept für Werksfeuerwehr und medizinische Dienste vorzulegen.

Levi Sollie, Vertrauensmann der belgischen Gewerkschaft Algemeen Belgisch Vakverbond (ABVV) im Antwerpener Werk: „Die Fabrik in Antwerpen ist hochproduktiv. Die von BAYER und LANXESS geplanten Entlassungen und Ausgliederungen sind durch nichts zu rechtfertigen. Wir fordern eine Einhaltung der gültigen betrieblichen Vereinbarungen“. BAYER hatte ebenfalls im September angekündigt, in Antwerpen ein neues Werk für Polymerpolyole zu bauen.

Artikel der „Rheinischen Post“

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[BUND] Kohlenmonoxid Pipeline

CBG Redaktion

17.10.2007, BUND NRW

Landtagsanhörung zur BAYER-Giftgas-Pipeline

BUND fordert Baustopp und Aufhebung des Enteignungsgesetzes

Anlässlich der heutigen Landtagsanhörung zur umstrittenen BAYER-Kohlenmonoxid-Pipeline fordert der nordrhein-westfälische Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) einen sofortigen Baustopp. Anstatt eine ganze Region den Gefahren und Risiken einer solchen Giftgas-Leitung auszuliefern, seien die Betreiber in der Pflicht, die existierenden alternativen Produktionsmethoden zu nutzen. Vom Landtag fordert der BUND die Aufhebung des dem Pipelinebau zugrunde liegenden Enteignungsgesetzes. Mit dem BUND treten mittlerweile mehr als 64.000 Bürgerinnen und Bürger für eine Aufhebung des Sofortvollzugs des Pipelinebaus ein. Zahlreiche Betroffene waren vor den Landtag gezogen, um gegen die umstrittene Fernleitung zu protestieren.

Paul Kröfges, BUND-Landesvorsitzender: „Das dem Bau der Giftgasleitung zugrunde liegende Enteignungsgesetz ist verfassungswidrig. Trotz ungelöster Sicherheitsfragen wird eine ganze Region tödlichen Risiken ausgesetzt. Die Pipeline dient nicht dem Allgemeinwohl, sondern allein den betriebswirtschaftlichen Interessen der BAYER AG.“

Kohlenmonoxid (CO) ist ein farb-, geruch- und geschmackloses Atemgift, das zudem hoch entzündlich ist. Daneben wirkt es korrosiv und stellt damit ein Risiko für die Dichtigkeit der Pipeline dar. Selbst rostfreier Stahl wird unter bestimmten Bedingungen von CO angegriffen. Allerdings seien vorliegende praktische und wissenschaftliche Erfahrungen zu den Pipeline-Risiken im Genehmigungsverfahren unberücksichtigt geblieben.

Durch Bau und Betrieb der Kohlenmonoxid-Rohrfernleitung zwischen Dormagen und Krefeld-Uerdingen seien allein im Kreis Mettmann 143.000 Menschen potenziell gefährdet. Dass die Pipeline bereits im Bau ist, obwohl noch Klagen gegen die Genehmigung und gegen Enteignungen anhängig sind, hält der BUND-Chef Kröfges für „einen ausgemachten Skandal“.

Auf der Landtagsanhörung präsentierte der BUND auch mögliche Alternativen. Diplom-Chemiker und BUND-Experte Dr. Wolfgang Roth: „Als Alternative zu der Giftgas-Pipeline durch Wohngebiete regen wir alternative Produktionsmethoden der so genannten „green chemistry“ an. Durch fortschrittliche Syntheseverfahren kann nicht nur das giftige Zwischenprodukt CO sondern auch das Giftgas Phosgen vermieden werden. Diese Alternative macht nicht nur die Pipeline überflüssig, sondern würde auch die Sicherheit in den Werken verbessern.“

Die Einführung dieser Verfahren wäre ein echter Wettbewerbsvorteil für die BAYER AG und würde die Innovationskraft am Standort Nordrhein-Westfalen eindrucksvoll unterstreichen.

Burma

CBG Redaktion

16. Oktober 2007

Burma Initiative Asienhaus
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Burma Büro Germany e.V.
Burma Aktion

Offener Brief an Werner Wenning, Vorstandsvorsitzender von BAYER:

Engagement in Burma beenden!

Sehr geehrter Herr Wenning,

mit großer Besorgnis verfolgen wir die gegenwärtigen Proteste und deren Niederschlagung in Burma. Hunderte der friedlich demonstrierenden Mönche und Zivilisten sind inhaftiert und verschleppt worden, von vielen ist der Aufenthalt unbekannt. Ihnen droht Folter oder sogar die heimliche Hinrichtung.

Die jüngsten Ereignisse sind trauriger Höhepunkt der Machenschaften eines Regimes, das seit Jahrzehnten für Zwangsarbeit und die Missachtung grundlegender Menschenrechte bekannt ist.

Umso bestürzter sind wir zu erfahren, dass BAYER zu den wenigen multinationalen Unternehmen gehört, die noch immer Geschäfte in Burma tätigen.

BAYER unterhält eine Niederlassung in Rangun und plant in Burma Versuche mit Hybrid-Reis. BAYER-Manager Harald Printz wird in der von Exil-Burmesen herausgegebenen Zeitung „The Irrawaddy“ wie folgt zitiert: „Ich weiß nicht, wann der Staat sich öffnen wird. Aber wir sind darauf vorbereitet. Wenn es 20 Jahre dauert, dauert es eben 20 Jahre. Wir haben eine längerfristige Perspektive. Wir glauben, wenn wir Jahr für Jahr weitermachen, haben wir später eine gute Marktposition“.

Wirtschaftliche Aktivitäten in Burma sind nicht ohne ein Kooperation mit dem Militärregime möglich. Zum einen wird hierdurch die Militärjunta legitimiert. Zum anderen werden dem Regime durch Geschäfte mit ausländischen Unternehmen Mittel bereitgestellt, die zum Kauf von Waffen verwendet werden, die auch gegen die eigenen Bevölkerung eingesetzt werden.

Wer mit dem Militärregime zusammenarbeitet, macht sich mitverantwortlich für die Gewalt gegen Burmas Bevölkerung. Die internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat ihre Mitglieder wiederholt aufgefordert, ihre Wirtschaftsaktivitäten in Burma zu überdenken.

Wir fordern Sie daher dringend auf, sich aus Burma vollständig zurückzuziehen. Gerade vor dem Hintergrund, dass BAYER in der Vergangenheit eine Vielzahl von Geschäften mit repressiven Regimen tätigte – angefangen bei der engen Verquickung mit dem Dritten Reich bis hin zu Geschäften von BAYER mit dem südafrikanischen Apartheidsregime oder Militärdiktaturen in Südamerika – ist eine Geschäftstätigkeit Ihres Unternehmens in Burma nicht zu rechtfertigen.
Darüber hinaus kritisieren wir die von BAYER geplante Vermarktung von Hybrid-Reis in Burma. Hybrid-Reis ist weitgehend steril und nicht zur Wiederaussaat geeignet. Der Einsatz hybrider Sorten geht mit einem erhöhtem Einsatz von Pestiziden einher und gefährdet daher die Artenvielfalt sowie die Umwelt. Landwirten, die Hybrid-Reis verwenden, droht wegen der erhöhten Kosten für Saatgut und Agrochemikalien im Falle einer Missernte die Überschuldung. In Indien begingen Tausende Landwirte, die wegen des Einsatzes hybrider Sorten in die Schuldenfall gerieten, Suizid.

In Erwartung Ihrer Antwort,

Ulrike Bey
Burma-Initiative Asienhaus

Philipp Mimkes,
Coordination gegen BAYER-Gefahren

Sonny Aung Than Oo
Burma Büro Germany e.V.

Elena Jotow und Nicholas Ganz
Burma Aktion

Für Rückfragen:
Burma-Initiative Asienhaus, Bullmannaue 11, D- 45327 Essen www.asienhaus.de
Tel. 0201-8303825, Email: ulrike.bey(at)asienhaus.de

Coordination gegen BAYER-Gefahren, Postfach 1504 18, 40081 Düsseldorf
www.CBGnetwork.de

Burma Aktion, www.burmaaktion.de, kontakt@burmaaktion.de

Pipeline

CBG Redaktion

Rheinische Post, 15.10.2007

Duisburg: Gottesdienst contra Pipeline

VON JULIAN WEIMER
Die CO-Leitung-Gegner haben noch eine ganze Reihe von Ansatzpunkten, um das im Stadtsüden stark diskutierte und hoch-umstrittene Projekt aufzuhalten.
Gestern feierte die „Bürgerinitiative COntra Pipeline“ gemeinsam mit der katholischen und der evangelischen Gemeinde in Ungelsheim einen ökumenischen Gottesdienst und setzte damit einen weiteren Akzent im Kampf gegen das aus ihrer Sicht unvertretbare, weil lebensbedrohliche Projekt.
Weit mehr als 300 Menschen hat der ökumenische Gottesdienst am Sonntag auf den Karl-Harzig-Platz mitten in Ungelsheim gezogen. Dass aber nur noch der Glaube gegen das Bayer-Projekt helfe, davon wollte hier keiner sprechen. Bayer habe zwar eine gültige Baugenehmigung, an der man erst in Jahren erfolgreich rütteln könne, aber „die Inbetriebnahme muss noch einmal gesondert genehmigt werden“, sagte Sascha Röser von der Bürgerinitiative.
„Wir haben noch eine ganze Menge von Ansatzpunkten gegen die Pipeline“, versicherte Röser, „und im Moment sind die mangelhaften Baumaßnahmen der Hauptansatzpunkt.“ Neben der laufenden Unterschriftenaktion setzen die Pipelinegegner nun auch auf die Aufdeckung von Baumängeln. Dutzende Mitglieder der Bürgerinitiative seien ständig damit beschäftigt, den Bau der Pipeline zu überwachen. Akribisch schrieben sie auf, was ihnen auffällt. „Es sind vor allem die Schweißer, die Alarm schlagen“, so Röser. Die Auflistung von Baumängeln soll der Bezirksregierung klar machen, dass die Pipeline nicht sicher ist.
Trotz solcher Hoffnungen sind die Menschen im Duisburger Süden zunehmend verzweifelt, stellte Pastor Bernfried Ludwig fest. „Manche sagen mir, dass sie die ganze Nacht nicht schlafen können“, sagte er. „Eine Frau fing sogar an zu weinen.“ In seiner Funktion als Seelsorger kümmert er sich um viele betroffene Ungelsheimer. „Wenn die Leute mir sagen, da sei doch nichts mehr zu machen, antworte ich ihnen, dass sie nicht aufgeben sollen. Die Menschen von Bayer, die soll man bis zum Schluss nicht zufrieden lassen.“
Einige Spezialisten in der Bürgerinitiative bringen immer neue Aspekte in die Diskussion ein. „Seit 25 Jahren beschäftige ich mich mit Duisburgs Luftkriegsgeschichte“, erzählte Harald Molder. Er hat Dokumente im Stadtarchiv ausgewertet und eigene Berechnungen angestellt. „Selbst wenn ich nur von einem Bereich von 50 Metern um die Pipelinetrasse ausgehe, liegen da noch 335 Sprengbomben“, ist er überzeugt. „Die würden gar nicht auffallen, wenn man nicht wirklich danach suchen würde.“ Erich Hennen, der in der Bürgerinitiative die technische Überwachung des Pipelinebaus überwacht, geht nicht davon aus, dass nach diesen Blindgänger ausreichend gesucht wird. „Da wurde ja jetzt in Rahm ‚ne Bombe direkt an der Trasse gefunden, nachdem die die Pipeline schon drüber gebaut hatten“, stellte der Diplom-Ingenieur fest. Die ganze Bauaufsicht sei „miserabel“, urteilt er.
Als Gefahrstoffexperte, so Hennen, könne er über die Pipeline nur den Kopf schütteln. „Ich wohne in Ungelsheim“, sagte er, „aber selbst wenn ich in Buxtehude gewohnt hätte und die Leute hätten mich gerufen, da wär‘ ich auch gekommen.“

[Kartell] Preisabsprachen

CBG Redaktion

11. Oktober 2007

Bayer wegen Verdachts der Preistreiberei durchsucht

weitere Infos: Kampagne „Kartellbetrug: Verantwortliche hinter Gitter!“

Dow Jones, 10. Oktober 2007

Kartellamt geht Vorwürfen gegen Bayer nach

FRANKFURT -- Die Bayer AG ist wegen des Verdachts verbotener Preisabsprachen bei ihrem Kofschmerzmittel „Aspirin“ in das Visier des Bundeskartellamtes geraten. Die Wettbewerbsbehörde bestätigte am Mittwoch der Nachrichtenagentur AP, sie gehe Vorwürfen nach, dass der Leverkusener Konzern Apotheken dafür bezahlt habe, den Preis für das Mittel hoch zu halten. Der Konzern selbst wies die Vorwürfe zurück.
Der Konzern habe sich bereits direkt an die Kartellbehörden gewandt und seine Kooperation bei der Aufklärung der Vorwürfe angeboten. „Das muss vom Tisch“, sage der Sprecher zu AP.
Kartellamtssprecherin Silke Kaul machte gegen über Dow Jones Newswires keine Angaben darüber, in welcher Form die Behörde den Vorwürfen nachgeht und ob beispielsweise Akten von Bayer beschlagnahmt oder eingesehen wurden. „Dazu möchte ich im Moment keine Stellungnahme abgeben“, sagte sie lediglich. Es handele sich auch derzeit nicht um „Ermittlungen“, fügte sie hinzu.
Bayer hatte am Morgen einen Bericht des Magazins „stern“ über verbotene Preisabsprachen mit Apotheken bei verschreibungsfreien Medikamenten, zurückgewiesen. „Das Unternehmen spricht unverbindliche Preisempfehlungen aus“, sagte Bayer-HealthCare-Sprecher Hartmut Alsfasser am Mittwoch zu Dow Jones Newswires. „Es trifft definitiv keine Preisabsprachen.“
„Die Entscheidung, zu welchem Abgabepreis unsere Erzeugnisse in den Apotheken sind, trifft einzig und alleine der Apotheker“, sagte der Sprecher weiter. Bayer habe auch nicht die Absicht, daran etwas zu ändern.
Das Magazin hatte in einer Vorabmeldung berichtet, der Bayer-Konzern stehe in Verdacht, 11.000 Apotheken dafür bezahlt zu haben, den Preis für Aspirin hoch zu halten. Bayer habe den Apotheken in Deutschland einen Sonderrabatt von bis zu 3% eingeräumt, wenn sie sich dazu verpflichteten, die Preise für Aspirin und andere rezeptfreie Medikamente von Bayer nicht länger als vier Wochen um maximal 20% zu senken.
Der „stern“ bezieht sie dabei auf firmeninterne Dokumente der Bayer Vital GmbH, dem Teil des Bayer-Konzerns, der für den Vertrieb rezeptfreier Arzneimittel zuständig ist.
Der Bayer-Sprecher wollte sich nicht konkret zu dem angeblich gewährten Sonderrabatt an Apotheken und den etwaigen Bedingungen dafür äußern. „Es gibt ein Marketingsystem“, sagte er lediglich. Mit dem Vorwurf verbotener Preisabsprachen habe das jedoch überhaupt nichts zu tun, fügte er hinzu.

10. Oktober 2007

stern: Verdacht auf verbotene Preisabsprachen zwischen Bayer-Konzern und Apotheken

Hamburg (ots) - Der Bayer-Konzern steht im Verdacht, mehr als 11000 Apotheken dafür bezahlt zu haben, den Preis für Aspirin hoch zuhalten. Das berichtet das Hamburger Magazin stern in seiner neuen Ausgabe und bezieht sich dabei auf firmeninterne Dokumente der Bayer Vital GmbH, dem Teil des Bayer-Konzerns, der für den Vertrieb rezeptfreier Arzneimittel zuständig ist. Demnach hat Bayer den Apotheken in Deutschland einen Sonderrabatt in Höhe von bis zu drei Prozent eingeräumt, wenn sie sich dazu verpflichten, die Preise für Aspirin und andere rezeptfreie Bayer-Medikamente maximal vier Wochen lang um maximal 20 Prozent zu senken. „Als nicht verantwortbar betrachten wir Preisaktionen mit Dauerniedrigpreisen oder mit Zeiträumen, die 4 Wochen überschreiten“, heißt es in einer E-Mail eines Bayer-Managers an die Apotheken-Außendienstler vom 30. Dezember 2006. „Nur unter Einhaltung dieser Spielregeln“, so schreibt der Bayer-Manager, könne den Apothekern ein besonderer Rabatt in Höhe vonbis zu 3 Prozent gewährt werden.

Bayer selbst erklärte in einer Stellungnahme per Fax gegenüber dem stern: „Absprachen zwischen Bayer Vital und den Apothekern erfolgen nicht.“ Der Konzern dementiert die E-Mail zwar nicht, wollte eine konkrete Frage nach den dort skizzierten Konditionen aber nicht beantworten.

Die nun aufgetauchte E-Mail könnte erklären, warum mehr als 90 Prozent aller Apotheken offenbar bis auf den Cent genau den gleichen Preis für Aspirin verlangen (derzeit 4,97 Euro für 20 Tabletten). Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls ein im vergangenen Jahr von den Verbraucherzentralen durchgeführter „Apothekencheck“. Das Ergebnis: Von den 343 untersuchten Apotheken war in 91,21 Prozent der Preis fürAspirin bis auf den Cent identisch. Die Bayer-Dokumente könnten zu einem der teuersten Kartellverfahren der Bundesrepublik mit millionenschweren Geldbußen führen.

[Antwerpen] Ausgliederungen

CBG Redaktion

5. Oktober 2007

Protest in Antwerpen

Die Belegschaft der Antwerpener Werke von Bayer und Lanxess protestiert heute gegen drohende Ausgliederungen und Entlassungen. Bayer und Lanxess hatten angekündigt,ausgerechnet in sicherheitsrelevanten Bereichen wie der Werksfeuerwehr und der medizinischen Betreuung massiv Stellen zu streichen. Dies widerspricht gültigen Vereinbarungen mit der Belegschaft.

28.09.07, Leverkusener Anzeiger

Auch Bayer streicht Stellen

Leverkusen - Nicht nur Lanxess baut in Antwerpen Jobs ab - auch Bayer spart
drastisch. 155 Stellen sollen in den nächsten zwei Jahren wegfallen, bestätigte gestern Bayer-Sprecherin Lisette Mertens auf Anfrage.
Zusätzlich strebe Bayer Material Science an, 50 weitere Kollegen aus dem technischen Bereich zu anderen Firmen zu transferieren. Auf diese Weise sollten Kosten eingespart werden. Damit würde sich Bayer von 20 Prozent seiner Mitarbeiter am Standort Antwerpen trennen.
Der Grund dafür ist der gleiche, aus dem auch Lanxess in dem belgischen Werk 127 Stellen streicht: Die Kosten seien zu hoch, weil zentrale Dienstleistungen wie Wachdienst und Labor, aber auch technische Wartung das Ergebnis drückten, sagte Mertens.
„In der Produktion sind wir gut“, unterstrich die Sprecherin. Das hätten betriebswirtschaftliche Untersuchungen ergeben. Daher will Bayer Material Science in Antwerpen auch eine neue Polymerpolyol-Anlage für 40 Millionen Euro errichten. Während diese Meldung am Mittwoch vom Unternehmen verbreitet wurde, hielt man sich bei der Nachricht über den gleichzeitigen Stellenabbau zurück. Anders als Lanxess. (tk)

[Pharmamarketing] STICHWORT BAYER 04/2007

CBG Redaktion

Lipobay, Trasylol, Aspirin und Co.

Pharma-Marketing bei BAYER

Bis zu vierzig Prozent ihres Umsatzes geben Pharma-Multis für Werbung aus. Laufend drücken sie neue und teure Medikamente auf den Markt – obwohl die Überlegenheit dieser Präparate meist nicht erwiesen ist und nach der Markteinführung oft schwere Nebenwirkungen auftreten. Der BAYER-Konzern überschreitet dabei mit seinen Marketingaktionen regelmäßig die Grenzen des Erlaubten. Strafen für unlautere Werbung werden von vornherein mit einkalkuliert und aus der Portokasse beglichen.

von Philipp Mimkes

Der Markt für Medikamente ist hart umkämpft. In lukrativen Bereichen wie Schmerzmittel, Cholesterin-Senker oder Blutdruckmittel mischen fast alle großen Hersteller mit, meist mit ähnlichen Präparaten. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, stecken die Firmen daher bis zu 40% ihres Umsatzes in die Werbung - drei bis viermal so viel wie in die Entwicklung neuer Wirkstoffe. Die BAYER-Tochter HEALTH CARE veröffentlicht zwar keine Zahlen zu ihrem Marketing-Budget, bei einem Umsatz von 11,7 Milliarden € im vergangenen Jahr dürfte dieses jedoch zwischen drei und fünf Milliarden liegen. Die hohen Medikamentenpreise sind also keinesfalls mit den hohen Forschungskosten zu rechtfertigen, wie BAYER und Co stets behaupten.
Um das in der EU geltende Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente zu umgehen, haben sich die Hersteller zahlreiche Tricks einfallen lassen: Die Medien werden mit Informationsmaterial, vorgefertigten Beiträgen, Gewinnspielen und „Gesundheits-Aktionen“ buchstäblich überschwemmt, so dass ständig über neue Krankheitsbilder und deren Behandlungsmethoden berichtet wird. Durch Medikamenten-Spenden an Praxen und Krankenhäuser wird Ärzten und Patienten der Umstieg auf neue Präparate erleichtert. Üppige Spenden an Selbsthilfegruppen bewirken, dass die Betroffenen über „medizinische Neuerungen“ stets auf dem Laufenden sind und diese von ihren Ärzten einfordern.
Mehr als 14.000 PharmareferentInnen klappern derweil die Arztpraxen und Krankenhäuser ab - für viele niedergelassene Ärzte die einzige Form von „Weiterbildung“. Da auch Fortbildungsveranstaltungen fast ausnahmslos von Pharmafirmen mitorganisiert werden, liegt die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten zum größten Teil bei den Medikamentenherstellern. Auch die medizinischen Fachgesellschaften werden von der Industrie gesponsort, Therapie-Standards werden häufig gemeinsam festgelegt.

Sündenfall Lipobay
Nicht Pharmakologen und Ärzte entscheiden denn auch über die Einführung neuer Pharmazeutika, sondern Marktforscher – unabhängig davon, ob die Präparate einen medizinischen Fortschritt gegenüber bereits zugelassenen Medikamenten darstellen oder nicht. So auch beim Cholesterin-Senker LIPOBAY, den der BAYER-Konzern 1997 einführte, obwohl bereits mehrere ähnlich wirkende Mittel auf dem Markt waren. Innerhalb kurzer Zeit wollte BAYER mit LIPOBAY mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr einnehmen.
Der markige Slogan, LIPOBAY könne „im Vergleich zu anderen Präparaten um das 25fache niedriger dosiert werden“, wurde direkt nach der Markt-Einführung vom Landgericht Köln untersagt. Im Jahr 2001 folgte dann für BAYER der GAU: wegen schwerster Nebenwirkungen musste der Konzern das von weltweit sechs Millionen Menschen eingenommene Präparat vom Markt nehmen. Mit einem Schlag verlor das Unternehmen sein umsatzstärkstes Präparat, der Aktienkurs rutschte um mehr als die Hälfte ab.
Dabei waren die Risiken lange bekannt gewesen: Bereits in der ersten Test-Phase hatte die LIPOBAY-Version mit der 0,8 Milligramm-Dosis zu Muskelzerfall und Nierenversagen geführt – etwa zehn mal häufiger als bei den Produkten der Konkurrenz. In Japan klagten Probanden über so starke Nebenwirkungen, dass der leitende Arzt die Studie einstellen wollte. Selbst ein BAYER-Mitarbeiter riet angesichts des stark erhöhten Risikos dazu, „den Marketing-Enthusiasmus zu dämpfen“.
Die Manager zeigten sich davon unbeeindruckt und brachten LIPOBAY in den USA unter dem Slogan „Wir gehen hart gegen Cholesterin vor“ mit der 0,8 Milligramm-Dosis heraus. Im Rest der Welt blieb es bei der ungefährlichereren Dosis von 0,3 oder 0,4 Milligramm pro Tablette. Die Vereinigte Staaten, wo rund 90 Millionen Menschen unter erhöhten Blutfettwerten leiden, sind für Cholesterin-Senker der lukrativste und darum am heißesten umkämpfte Markt. Die Fälle von tödlichem Nierenversagen durch LIPOBAY traten denn auch fast ausnahmslos in Nordamerika auf. Mindestens 100 PatientInnen bezahlten mit ihrem Leben, Vergleiche und Entschädigungszahlungen kosteten BAYER mehr als eine Milliarde Euro.

VIAGRA und LEVITRA
Immer mehr drängt BAYER auf den Markt der „Lifestyle-Medikamente“, zu deren lukrativsten Vertretern Potenzmittel zählen. 2003 brachte der Leverkusener Konzern das Präparat LEVITRA auf den Markt, das wie alle Potenzmittel schwere Nebenwirkungen haben kann – von Kopfschmerzen, Nasenschleimhautentzündungen und Verdauungsbeschwerden bis hin zu Hörschäden und erhöhtem Blutdruck.
Von Anfang an hatte LEVITRA es schwer, dem etablierten Konkurrenten VIAGRA Marktanteile abzunehmen. Der erhoffte jährliche Umsatz von einer Milliarde Euro wurde weit verfehlt, im vergangenen Jahr lagen die Verkaufszahlen bei lediglich 314 Mio €. BAYER begegnet den Absatzproblemen mit aggressiven und häufig illegalen Werbeaktionen: In Brasilien ließ BAYER während der Weltmeisterschaft Potenzpillen an Fußballfans verteilen – Warnungen vor Nebenwirkungen: Fehlanzeige. In den USA wurde eine TV-Werbung für LEVITRA wegen irreführender Angaben und fehlender Warnhinweise verboten. In England mussten Werbematerialien mit übertriebenen Versprechungen eingestampft werden. Und in Australien wurde BAYER gar von Medicines Australia, dem Verband der Pharmaindustrie, verpflichtet, eine Kampagne für Levitra zu stoppen.
Zudem streut BAYER beinahe täglich Ergebnisse ominöser Studien zu Fragen rund um Sex und Fortpflanzung („Holländer haben im Durchschnitt 5,7 Sexualpartner im Leben“, „Während für die Italiener Sex in einem öffentlichen Gebäude zu den geheimen Favoriten gehört, ist es für die deutschen Umfrageteilnehmer der Aufzug“). Die von den Medien gerne aufgegriffenen Meldungen enden meist mit dem Hinweis auf „medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten von Potenzproblemen“.
Einen Schritt weiter ging BAYER am Valentinstag, als die scheinheilige Kampagne „Alarm in deutschen Betten“ gestartet wurde, für die das Fotomodell Jerry Hall als „Botschafterin“ fungiert. Nach Aussage der Kampagne würden „90 Prozent aller Männer ein Potenzmittel nehmen, wenn ihre Partnerin sie darum bitten würde“. Die Kampagne verschweigt, dass für die meisten Problemfälle nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden zu Verfügung stehen, Risiken werden mit keinem Satz angesprochen. Und mit dem Hinweis, dass sich 90 Prozent aller Männer einer Behandlung nicht entziehen würden, wenn ihre Frauen es nur wünschten, sollen sogar gesunde Personen als Zielgruppe erschlossen werden.

Vitamine und Diätmittel
Weitere „Lifestyle“-Produkte, mit denen BAYER besonders auf dem US-amerikanischen Markt präsent ist, sind Nahrungsergänzungsmittel. Unter dem Markennamen ONE-A-DAY hat der Konzern ein Sammelsurium von Pillen im Angebot, die Vitamine, Mineralien, Folsäure, Ginseng, Guarana, Kupfer, Eisen und sogar das Schwermetall Chrom enthalten. Die Präparate werden in unterschiedlichen Zusammensetzungen für Frauen, Männer, Senioren, Kinder, „Aktive“, Übergewichtige und für Personen mit erhöhtem Cholesterinspiegel angeboten.
Ernährungswissenschaftler bemängeln, dass bei ausgewogener Ernährung keine Nahrungsergänzungsmittel notwendig sind. Trotzdem wird die ONE-A-DAY-Produktserie mit Versprechungen wie „für ein gesundes Immunsystem“, „verarbeitet Nahrung zu Energie“, „für geistige Wachsamkeit“ oder „unterstützt die Gesundheit des Herzens“ beworben. Die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA verbot dem Konzern eine Reihe solcher Werbe-Aussagen, da diese wissenschaftlich nicht erwiesene Behauptungen aufstellten.
Im Frühjahr verhängte die US-Wettbewerbsbehörde Federal Trade Commission (FTC) gar eine Buße von 3,2 Mio Dollar wegen „irreführender Versprechungen“ - die höchste jemals von der Behörde verhängte Zivilstrafe. Als „unerhört“ bezeichnete eine Sprecherin der FTC einen Werbespot von BAYER für die Diätpille ONE-A-DAY-WEIGHTSMART, in dem eine Gymnastik-Gruppe die Übung „heben, drehen, beugen“ vorführt. Zu sehen sind zehn Frauen in Sportkleidung, die im Chor sprechen „einfach die Flasche heben, den Verschluss drehen und das Handgelenk beugen“, um dann eine Pille herauszunehmen. Der Spot enthalte die unbewiesene Behauptung, wonach das Präparat den Stoffwechsel anrege. Allein in den USA setzte BAYER im vergangenen Jahr 32 Millionen Dollar mit WEIGHTSMART um.
Auch für umstrittene Wunder-Diäten wie die Atkins-Diät brachte BAYER spezielle Ergänzungsmittel auf den Markt. Laut Atkins ist der Verzehr von Fleisch und fetthaltigen Nahrungsmitteln uneingeschränkt erlaubt, während die Aufnahme von Brot, Reis, Obst und Gemüse stark reduziert wird. Weil wegen der einseitigen Ernährung Vitamin- und Mineralstoffdefizite drohen, muss die Diät mit der Einnahme von speziellen Nährstoffpräparaten begleitet werden. Nach Kritik von Ernährungswissenschaftlern und einer Kampagne der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN nahm der Konzern das Präparat stillschweigend wieder vom Markt.

Weltmarkführer für die „Pille“
Durch die Übernahme von SCHERING ist BAYER zum weltweit größten Anbieter von Verhütungsmitteln und Hormonen geworden. Auch die ehemalige DDR-Dopingschmiede JENAPHARM, mittlerweile Marktführer für orale Kontrazeptiva in Deutschland, gehört nun zum Konzern.
Ähnlich wie im Bereich Potenzmittel initiiert BAYER zur Bewerbung von Verhütungsmitteln (Markenname YASMIN und YAZ) ständig neue Aktionen zu den Themen Familienplanung und Sexualität. So sponsort der Konzern Internetforen, finanziert internationale Kampagnen wie den „Weltverhütungstag“, gibt Umfragen in Auftrag und startet Initiativen wie Family Planning International. Zudem fördert BAYER Kongresse wie z.B. die Konferenz „Bevölkerung und nachhaltige Entwicklung“, die sich Anfang Oktober speziell mit dem Thema Familienplanung beschäftigte.
Die Gründe für dieses Engagement klingen auf der BAYER-homepage wie bei den Globalisierungsgegnern von ATTAC abgeschrieben („weltweit Armut bekämpfen, die Umwelt schützen, die Globalisierung gerechter gestalten“). Tatsächlich geht es wohl eher darum, Hormonpräparate weltweit als Standard-Verhütungsmittel zu etablieren - denn die Gewinne sind gigantisch: Die „Pille“ ist mit einem jährlichen Umsatz von fast 800 Mio € mittlerweile das zweitmeistverkaufte Pharmazeutikum von BAYER. Durch das Marketing-Feuerwerk sollen zudem die mitunter schweren Nebenwirkungen – Thrombosen, Embolien, Depressionen, Brust- und Gebärmutterhalskrebs - in den Hintergrund gedrängt werden. Millionen Frauen sind - meist unwissentlich - gefährdet, besonders solche, die rauchen oder die die Pille über Jahre hinweg nehmen.
Der Verkauf von Hormonen zur Behandlung sogenannter „Wechseljahres-Beschwerden“ hingegen ging in den vergangenen Jahren stark zurück. Studien hatten einen Anstieg schwerster Nebenwirkungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt festgestellt. Die Hormone, die bei solchen Hormonersatztherapien verwendet werden, sind größtenteils jedoch dieselben, die auch in der „Pille“ stecken.

Hormone auch für Männer
Zwar stellte BAYER kürzlich die Forschung an der „Pille für den Mann“ ein. Dennoch geraten in jüngster Zeit immer mehr die Männer in das Visier der Hormon-Produzenten. Hunderte Artikel in aller Welt – von der Medical Tribune bis hin zur Singapore News - in denen Hormontherapien gepriesen werden, wurden von den Werbeabteilungen der Industrie im vergangenen Jahr lanciert. Mann erfährt darin, dass 30% aller Betroffenen unter einem angeblich zu niedrigen Testosteron-Spiegel leiden und dass auch Männer unter Wechseljahren leiden. Die Artikel kommen meist als „Gesundheitsberatung“ oder „Telefonsprechstunde“ daher.
Analog zum Prä-Menstruellen Syndrom erfanden BAYER und Co. sogar eine neue „Krankheit“, das Testosteron-Mangel-Syndrom. Als mögliche Indikationen für eine Behandlung werden Zunahme des Bauchfetts, verringerte Libido, Haarausfall oder eine Abnahme der Knochendichte genannt – alles Symptome, die noch vor fünf Jahren als normale Alterserscheinungen galten. Die BAYER-website www.get-back-on-track.com („wieder in die Spur kommen“) verspricht denn auch, dass „die Testosteron-Ersatztherapie die Lebensqualität und Gesundheit des Mannes entscheidend verbessern und langfristig erhalten“ kann und dass „das psychische und physische Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit erheblich gesteigert werden“. Und auch die homepage www.testosteron.de wird von der BAYER-Werbeabteilung betreut - die darauf zu findenden Aussagen stehen oft Wort für Wort in den Artikeln der Gesundheits-Blättchen Marke „Medizin heute“.
Dabei gibt es keinerlei Langzeit-Untersuchungen zu den Risiken einer Testosteron-Behandlung. „Studien, die die Gefahr wirklich zeigen, wird es nie geben. Sie müssten über zehn oder 20 Jahre laufen“, so Manfred Ventz, Endokrinologe an der Berliner Charité. Untersuchungen mit kürzerer Laufzeit erbrachten Hinweise darauf, dass Testosteronprodukte Prostatakrebs fördern und die Leber schaden können. Die Mehrzahl der Ärzte empfiehlt daher, nicht ohne ausreichenden medizinischen Grund in den Hormonhaushalt einzugreifen. „Es kann gut sein, dass niedrigere Testosteronkonzentrationen bei älteren Männern irgendeinen Sinn haben, den wir noch nicht kennen. Da wäre es doch blöd, wenn wir den gleichen Fehler machen würden wie vor Jahren bei der Hormontherapie für Frauen“, so der Würzburger Endokrinologe Bruno Allolio.
Dennoch verkündet Astrid Kranz, Sprecherin von BAYER HEALTHCARE. „Langfristig wollen wir diesen Bereich ausbauen“. Der Umsatz mit Testosteron-Präparaten liegt zwar erst im niedrigen zweistelligen Millionenbereich, die Tendenz ist aber stark steigend.

lukrative Schmerzmittel
Besondere Werbeanstrengungen unternimmt BAYER auch im Bereich freiverkäuflicher Schmerzmittel, die im Gegensatz zu verschreibungspflichtigen Medikamenten offen beworben werden dürfen. Großer Aufwand ist zum Beispiel für den Klassiker ASPIRIN notwendig, da Generika-Hersteller den selben Wirkstoff für einen Bruchteil des Preises anbieten. Trotz der Billig-Konkurrenz gelingt es dem Konzern, jährlich 450 Mio Euro mit ASPIRIN zu erlösen.
Ziel der ASPIRIN-Werbung ist es, das Präparat als Allheilmittel zu positionieren, das man lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nimmt. In einer aktuellen Kampagne bezeichnet BAYER das Schmerzmittel beispielsweise als „Wundermittel“ und schaltete die website www.WonderDrug.com. Unter den Tisch gekehrt werden dabei die mitunter schweren, oftmals gar tödlichen Nebenwirkungen des Präparats. Das New England Journal of Medicine kritisiert das mangelnde Risikobewusstsein von Ärzten und Patienten und spricht von einer „geräuschlosen Epidemie“, da 75% aller Patienten, die regelmäßig ASPIRIN einnehmen, die Gefahren des Schmerzmittel-Gebrauchs nicht kennen. Für die meisten Anwendungen stünden zudem risikoärmere Behandlungsmethoden zur Verfügung.
Im Jahr 2000 beanstandete die amerikanische Behörde FTC eine Anzeigen-Serie für ASPIRIN, die den Eindruck erweckt hatte, dass gesunde Menschen durch eine regelmäßige Einnahme von ASPIRIN das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senken können. Ein solcher Effekt ist jedoch nur bei Patienten mit Gefäßkrankheiten nachzuweisen. Zudem sollte ASPIRIN wegen möglicher Nebenwirkungen (insbesondere Magenblutungen) nur auf ärztlichen Rat hin regelmäßig eingenommen werden. BAYER musste eine Million US Dollar in eine Aufklärungs-Kampagne investieren, mit der auf die Risiken des Schmerzmittels hingewiesen wurde.
In Deutschland warb BAYER nicht nur für die Behandlung von Erkältungen mit ASPIRIN, sondern fälschlicherweise auch für deren Prophylaxe - so auf Plakatwänden und kostenlos verteilten Postkarten, auf denen sich ein junges Paar nackt im Schnee wälzt (s. Abbildung). Schlimmer noch ist die anhaltende Vermarktung von ASPIRIN JUNIOR in Lateinamerika. ASPIRIN kann bei Kindern mit Fiebererkrankungen das häufig tödlich verlaufende Reye-Syndrom auslösen, in Deutschland wurde ASPIRIN JUNIOR daher schon in den achtziger Jahren vom Markt genommen. In Lateinamerika hingegen werden Millionen Kinder gravierenden Gesundheitsrisiken ausgesetzt, denn dort ist ASPIRIN ein Umsatzrenner mit riesigem Werbeetat und Allheilmittel-Image. Von den gefährlichen Nebenwirkungen erfahren die VerbraucherInnen in der Regel nichts. Und das, obwohl es unbedenklichere Alternativen gibt.
Wegen des Verdachts verbotener Preisabsprachen für ASPIRIN befindet sich BAYER momentan im Visier des Bundeskartellamtes. Mitte Oktober durchsuchten Mitarbeiter der Behörde BAYER-Standorte in Köln und Leverkusen nach Dokumenten, aus denen hervorgeht, ob BAYER den Apotheken-Verkaufspreis von ASPIRIN künstlich hoch gehalten hat. BAYER hatte bundesweit mehr als 11.000 Apotheken Sonderrabatte eingeräumt, wenn diese das Präparat nicht unter dem von BAYER empfohlenen, hohen Preis verkaufen. Die Ermittlungen laufen noch, laut stern drohen Strafen in Millionenhöhe (s. Artikel „Verbindliche Preisempfehlungen“).

Fresswettbewerbe und Sozialsponsoring
Vor allem in den USA verkauft BAYER das Erkältungs- und Schmerzmittel ALKA SELTZER und setzt damit jährlich rund 100 Millionen Euro um. Im Sommer initiierte der Konzern das Gewinnspiel „Mit Alka-Seltzer nach Las Vegas“, bei dem Gruppenreisen für Männer in ein Casino in Las Vegas zu gewinnen sind. Augenzwinkernd heißt es in der Presse-Information des Konzerns, dass die meisten Männer bei einem gemeinsamen Ausflug zu viel essen und zuviel Alkohol trinken – die Folgen aber mit ALKA SELTZER behoben werden könnten. Das Präparat enthält u.a. den ASPIRIN-Wirkstoff Acetylsalicylsäure, der bei unsachgemäßem Gebrauch zu Magenblutungen und sogar Todesfällen führen kann.
Im vergangenen Jahr hatte Bayer zur Promotion des Schmerzmittels gar „Wett-Fressen“ unterstützt. Bei den amerikanischen Meisterschaften für „Competitive Eating“, bei denen schon mal 53 hot dogs oder fünfeinhalb Kilo Käsekuchen verdrückt werden, diente ALKA SELTZER als Titelsponsor. „ALKA SELTZER ist ein ständiger Begleiter für die Wettesser, wenn sie im Weltzirkus unterwegs sind. Für die Athleten wird ein Traum wahr, wenn sie an einem von ALKA SELTZER gesponserten Event teilnehmen können“, dichtete die Werbeabteilung des Konzerns. „Diese Wettbewerbe widersprechen allem, was wir über gesunde Ernährung wissen“, urteilt hingegen Bonnie Taub-Dix, Sprecherin der Amerikanischen Diätetischen Gesellschaft. Erst nach einem Protest der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) stoppte BAYER die zweifelhafte Kooperation.
Die CBG kritisiert auch das Marketing von BAYER für das Schmerzmittel ALEVE. Studien zeigen, dass die Einnahme von ALEVE (Wirkstoff Naproxen) das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, um 50 Prozent steigert. Die amerikanische Medikamenten-Aufsicht FDA beschwor daraufhin Schmerz-PatientInnen eindringlich, das Präparat nicht länger als zehn Tage einzunehmen und sich streng an die empfohlene Dosierung zu halten. Das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ zwang BAYER, im Beipackzettel auf die Nebenwirkung Herzinfarkt hinzuweisen.
Teil der aktuellen Kampagne für ALEVE ist das online-Spiel „Aleviator“, mit dem BAYER erklärtermaßen eine junge Zielgruppe erreichen will. Hinweise auf die Nebenwirkungen des Präparats erhalten die Spieler von „Aleviator“ nicht. Im Rahmen der Kampagne leistet der Konzern auch Spenden an den US-Umweltverband Conservation Fund. In einem Offenen Brief forderte die CBG den Verband auf, die Zusammenarbeit mit BAYER einzustellen. Die Kooperation erlaube es dem Konzern, sich ein „grünes Deckmäntelchen“ überzuziehen und dadurch Berichte über gefährliche Produkte und Schadstoff-Emissionen in den Hintergrund zu drängen. Auch die Risiken von ALEVE würden hierdurch kaschiert.

gute Geschäfte trotz AIDS-Infektionen
Eines der düstersten Kapitel der BAYER-Geschichte war die wissentliche Infizierung Tausender Bluter mit HIV. Die Firma CUTTER, Tochter-Unternehmen von BAYER, war Mitte der Achtziger Jahre Weltmarktführer für Gerinnungsmittel. Die Aids-Gefahr für Bluter war frühzeitig bekannt gewesen, aus Kostengründen wurden aber damals die bestehenden Inaktivierungsverfahren nicht eingesetzt. Noch nach dem Verbot unbehandelter Blutprodukte in den USA und Europa wurden übriggebliebene Chargen nach Lateinamerika und Asien exportiert. Tausende von Bluter mussten mit ihrem Leben bezahlen.
Auch heute gehört das Gerinnungsmittel KOGENATE zu den umsatzstärksten Präparaten von BAYER, im vergangenen Jahr lagen die Verkaufszahlen bei 780 Mio €. Um den schlechten Ruf aufzupolieren und um von seiner Rolle bei der Infizierung Tausender Bluter abzulenken, sucht der Konzern vor allem den Schulterschluss mit den Hämophilie-Verbänden in aller Welt. Mal spendet BAYER 250.000 Euro an die World Federation of Hemophilia, mal wird ein Hämophilie-Forschungspreis gestiftet, mal vergibt BAYER Stipendien an bluterkranke Jugendliche, ein andernmal werden 40.000 Dollar für Veranstaltungen zum Welt-Hämophilietag gespendet. Quasi alle Konferenzen zum Thema Bluterkrankheit, sowohl die von Wissenschaftlern als auch die von Betroffenen, werden von BAYER mitfinanziert.
Natürlich liegen die gesamten Aufwendungen nur im Promillbereich der Erlöse von KOGENATE. Trotzdem reichen die Spenden, um die Bluter-Verbände stillzustellen. „Bayer spielt eine wichtige Rolle, die Öffentlichkeit auf die weltweiten Probleme der Hämophilie-Patienten aufmerksam zu machen. Wir danken Bayer für die grosszügige, andauernde Unterstützung und Zusammenarbeit“, bedankt sich brav Mark W. Skinner, Präsident der World Federation of Hemophilia.

Schlussfolgerungen
Pharmakologen schätzen, dass rund fünf Prozent aller Aufnahmen in innere Abteilungen auf Nebenwirkungen von Pharmazeutika zurückgehen, bis zu 300.000 Fälle im Jahr. Nach Einschätzung des Bremer Gesundheitsforschers Gerd Glaeske werden jährlich 16.000 bis 25.000 Todesfälle durch Nebenwirkungen verursacht.
Ein Grund für diese Entwicklung ist das überzogene und häufig irreführende Marketing. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert, Werbung für Pharmazeutika in Medien und im Internet zu verbieten, da Laien häufig nicht in der Lage sind, haltlose Versprechungen von Pharma-Produzenten zu durchschauen. Die Information über Medikamente gehört daher in die Hände von Ärzten und unabhängigen Prüfern.
Auch die BUKO Pharma-Kampagne fordert: „PatientInnen brauchen zuverlässige, vergleichende und unabhängige Gesundheitsinformationen, die alle Behandlungsoptionen - auch die der Nicht-Behandlung - einschließen. Die Pharmaindustrie kann jedoch aufgrund ihrer kommerziellen Interessen keine unabhängigen Informationen liefern.“ Eine Studie des Kölner Instituts für evidenzbasierte Medizin unterstützt diese Sichtweise. Demnach werben Pharmakonzerne selbst in ihren Produktinformationen für Ärzte häufig mit irreführenden oder falschen Informationen. In 94 Prozent der untersuchten Fälle wurden die Prospektangaben bemängelt, etwa weil Nebenwirkungen unterschlagen oder der Nutzen der Präparate übertrieben wurden. Im Fall des BAYER-Konzerns wurden insbesondere Angaben zum Potenzmittel LEVITRA beanstandet. Das Institut fordert „drastische Strafen“ für Pharmakonzerne, die in ihren Produktinformationen verfälschte oder verkürzte Angaben machten.
In die entgegengesetzte Richtung gehen allerdings die Bemühungen von Industrie und Teilen der Politik. Analog zu den Vereinigten Staaten möchten die Hersteller auch Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel erlauben. Bislang ist diese nur in medizinischen Fachzeitschriften erlaubt. Der europäische Verband der Pharmaindustrie EUROPEAN FEDERATION OF PHARMACEUTICAL INDUSTRIES, deren Präsident im übrigen der Vorstandsvorsitzende von BAYER SCHERING PHARMA, Arthur Higgins, ist, fordert unumwunden eine Aufhebung des entsprechenden Verbots. Angeblich um die Verbraucherinnen und Verbraucher „besser zu informieren“. Wohin die Reise gehen würde, zeigt jedoch das Beispiel USA: seit der Freigabe von Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel vor zehn Jahren verdreifachten sich Werbeausgaben der US-Pharmaindustrie, besonders im Fernsehen und im Internet.
Ein erster Versuch der Pharmaindustrie, das Werbeverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel zu kippen, war 2002 gescheitert. Der Ausgang der aktuellen Initiative ist zwar noch offen – klar ist aber, dass eine schärfere Regulierung von Pharma-Werbung zur Zeit genauso wenig auf der politischen Tagesordnung steht wie die öffentliche Unterstützung industrie-unabhängiger Informationsquellen. Die Deutungshoheit der Pharmaunternehmen über Krankheiten und deren Behandlung ist auf absehbare Zeit nicht in Gefahr.

[Interview] STICHWORT BAYER 04/2007

CBG Redaktion

Pharma-Zulassungen

„Massive Nebenwirkungen von TRASYLOL lange bekannt“

Der Mediziner Prof. Dr. Jürgen H. Fischer hat schon in den achtziger Jahren vor den Gefahren von TRASYLOL gewarnt. Aber geschehen ist nichts. SWB-Autor Philipp Mimkes sprach anlässlich des jüngsten Pharma-GAUs mit ihm über die lange Karriere eines mitunter tödlichen Medikamentes.

Herr Fischer, in welchem Zeitraum haben Sie zu TRASYLOL gearbeitet und wieviele Studien bzw. Artikel haben Sie zu diesem Präparat veröffentlicht?
Zusammen mit Mitarbeitern bzw. Doktoranden habe ich in Fachzeitschriften zwei Artikel in den Jahren 1983 und 84 zur Nebenwirkung von TRASYLOL an der Niere veröffentlicht, einen Artikel 2005 zur Wirkung auf Herzkranzgefäße, daneben einige Vorträge.

1984 organisierte der BAYER-Konzern in Luxemburg eine Tagung über „Neue Aspekte der TRASYLOL-Therapie“. Wurden Sie hierzu eingeladen?
Als ich von dem geplanten Symposium hörte, zu dem viele namhafte Herzchirurgen aus dem deutschen Sprachraum eingeladen wurden, rief ich den Veranstalter an und fragte, ob dies eine Veranstaltung werden solle, zu der Kritiker nicht erwünscht seien. Schließlich seien die von mir publizierten Daten ja sehr wichtig im Hinblick auf die Verwendung in der Herzchirurgie, da wir massivste Nierenfunktionsstörungen in der Kombination von TRASYLOL und Hypothermie (Unterkühlung) im Rahmen der Nierenkonservierung gefunden hatten. In der Herzchirurgie wird eine Hypothermie häufig bewusst herbeigeführt, um die Stillstandszeit des Herzens zu verlängern. Ich wurde daraufhin eingeladen und hielt einen Vortrag mit dem Titel: „TRASYLOL-Effekte an der Niere - Temperatur- und Dosisabhängigkeit“.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Vortrag?
Es stellte sich heraus, dass dies der einzige kritische Beitrag bleiben sollte. Innerhalb der von allen gemeinsam besuchten Sitzung wurde meiner Präsentation großes Interesse entgegengebracht, so dass ich glaubte, hiermit klinische Studien angestoßen zu haben. In der Folgezeit sprach ich verschiedentlich klinisch tätige Kollegen darauf an, aber das weitere Geschehen ist ja bekannt: Aus deutschen Kliniken kamen überwiegend TRASYLOL-freundliche Publikationen, manchmal mit dem kleinen Hinweis, an der Niere habe man nichts Besonderes gefunden. Und in der Publikation der Vorträge des Symposiums wurden fast alle wertenden und warnenden Passagen aus meinem Vortrag gestrichen.

Dennoch findet sich in der Publikation Ihre Schlussbemerkung „bei Anwendung hoher Aprotinin-Dosen, bei vorgeschädigten Nieren und insbesondere bei Temperatursenkung sollte jedoch die Nierenfunktion grundsätzlich überwacht werden“. Die Gefahren von TRASYLOL (Wirkstoff: Aprotinin) für die Nierenfunktion waren demnach seit langem bekannt?
Entgegen den Beteuerungen der Firma BAYER war zumindest seit 1984 vielen deutschen Herzchirurgen ebenso wie den für dieses Medikament zuständigen Mitarbeitern bekannt, dass die von mir zitierten tierexperimentellen Studien verschiedener Autoren von 1970 bis 1984 massive Nebenwirkungen von TRASYLOL auf die Niere berichtet hatten. Was ist für dieses Faktum beweiskräftiger, als ein von BAYER selbst veröffentlichter Tagungsband?

Bayer ließ in den 70er Jahren auch in der DDR Untersuchungen zur Wirkung von TRASYLOL bei Nierenkonservierung durchführen. Wie waren die Ergebnisse?
Der Leiter der Abteilung für experimentelle Organtransplantation der Charité in Ost-Berlin, Dr. Horpacsy, wies in einer Veröffentlichung von 1975 auf günstige Einflüsse von TRASYLOL auf die Enzymaktivitäten hin. Zur Funktion der Niere bemerkte er in der Publikation lediglich, dass keine Verbesserung des Transplantat-Überlebens durch TRASYLOL zu verzeichnen sei. Als Dr. Horpacsy später von unseren sehr negativen Ergebnissen einer Nierenkonservierung unter TRASYLOL erfuhr, berichtete er mir, auch er habe gefunden, dass konservierte Nieren nach TRASYLOL-Gabe nur noch minimale oder gar keine Funktion mehr aufwiesen. Da er einen Fördervertrag mit der Firma BAYER zur Finanzierung der Versuche in der DDR abgeschlossen hatte, sei er jedoch von dem Projektbetreuer der Firma angewiesen worden, lediglich die positiven (aber letztlich unbedeutenden) Enzymdaten zu veröffentlichen und den Funktionsverlust geheim zu halten.

Warum ließ BAYER überhaupt Untersuchungen in der DDR durchführen?
Da in der DDR Forschung zentral angeordnet, gesteuert und überwacht wurde, wäre es natürlich interessant, die Details der mit der DDR abgeschlossenen Forschungsverträge zu kennen.

Prof. Schönhöfer urteilt über TRASYLOL, „dieses Produkt war immer ein Arzneimittel auf der Suche nach einem Anwendungsgebiet“. Würden Sie dem zustimmen?
Das ist eine treffende Beschreibung der damaligen Situation. Seit 1965 wurden regelmäßig Symposiumsberichte unter dem Titel „Neue Aspekte der TRASYLOL-Therapie“ von der Firma BAYER organisiert. Bis zum Band 8 von 1975 findet man darin alle möglichen (letztendlich erfolglosen) Anwendungsversuche von der Pankreatitis über den Schock, die Geburtshilfe und Ödembehandlung bis zum Herzinfarkt.

Hätte TRASYLOL überhaupt zugelassen werden sollen?
Es ist schwierig, diese Frage zu beantworten. Liest man die Arbeit von Dean Fergusson et al. , die 2005 in der Zeitschrift Clinical Trials erschienen ist, so erfährt man, dass von 64 randomisierten klinischen Studien zu TRASYLOL, die zwischen 1987 und 2002 publiziert wurden, fast alle als Prüf-Hypothese die Zahl der Bluttransfusionen oder den Blutverlust untersuchten und keine einzige die Mortalität. Wenn in solchen Studien nur noch ein einziger positiver Aspekt eines Medikaments im Vordergrund gesehen wird (und die den postoperativen Blutverlust senkende Wirkung von TRASYLOL ist ja belegt), ohne ausreichende Berücksichtigung negativer Effekte im Studienziel, so ist die Zulassung zumindest nachvollziehbar.

Wo liegen heute allgemein die Probleme bei der Kontrolle von Pharmazeutika?
Das große Problem in der heutigen Beurteilung zugelassener Medikamente ist, dass von den Zulassungsbehörden letztlich nur noch klinische Studien akzeptiert werden. Ergebnisse tierexperimenteller Studien oder auch klinische Ergebnisberichte werden so unabhängig von der Bedeutung der mitgeteilten Schäden nicht mehr wahrgenommen. Der Hersteller dieser Medikamente hat es somit in der Hand, klinischen Studien seine Unterstützung zu versagen oder eigene, geheim durchgeführte Studien zu unterschlagen (wie im Fall BAYER geschehen), wodurch dann der weitere Absatz des Medikaments gesichert ist. Ich glaube, dass hier ein Umdenken dringend erforderlich ist.

Prof. Jürgen Fischer ist Direktor des Instituts für Experimentelle Medizin der Universität Köln

[Trasylol] STICHWORT BAYER 04/2007

CBG Redaktion

Aus für TRASYLOL

BAYERs neuer Pharma-GAU

Anfang November musste BAYER die seit langem umstrittene Arznei TRASYLOL vorläufig vom Markt nehmen. Bei einer neuerlichen Studie zur Verträglichkeit des blutstillenden Präparates nahmen die Todesfälle ein solches Ausmaß an, dass die WissenschaftlerInnen die Untersuchung abbrachen und sofort die Arznei-Aufsicht informierten.

Von Jan Pehrke

„Die FDA konnte keine Patienten-Gruppe ausmachen, bei welcher der Nutzen von TRASYLOL die Risiken übersteigt“, so begründete die US-Gesundheitsbehörde ihre Entscheidung, BAYER die Marktrücknahme zu empfehlen. Das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM) sprach zwar etwas diplomatischer von einem „ungünstigen“ Nutzen-Schaden-Verhältnis, kannte aber in der Sache noch weniger Pardon und erließ eine Anordnung zum vorläufigen Aussetzen der Zulassung. Eine neuerliche Untersuchung zur Verträglichkeit des Mittels hatte die Institutionen zum sofortigen Handeln veranlasst. Kanadische WissenschaftlerInnen hatten die Wirkung des Präparates mit zwei anderen Arzneien derselben Medikamentengruppe verglichen und in der TRASYLOL-Gruppe solch eine hohe Sterblichkeitsrate festgestellt, dass sie den Versuch stoppten und umgehend der FDA Bericht erstatteten.

BAYER hingegen versteht die ganze Aufregung nicht. Für den Konzern liegen die Todesfälle „im Grenzbereich zur statistischen Signifikanz“. BAYER-Chef Werner Wenning steht deshalb weiterhin in Treue fest zu TRASYLOL. „Wir sind weiterhin davon überzeugt, dass dieses Produkt ein angemessenes Risiko-Nutzen-Profil hat, wenn es entsprechend den Indikationen auch eingesetzt wird“, sagte er in einem ntv-Interview.

Dabei ist die Studie des „Ottawa Health Research Institute“ beileibe nicht die erste, die dem BAYER-Präparat mit dem Wirkstoff Aprotinin Gefährlichkeit bescheinigt. Im letzten Jahr veröffentlichte das New England Journal of Medicine eine Untersuchung, nach der TRASYLOL das Schlaganfall-Risiko um 181 Prozent erhöht. Die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu bekommen oder sich die Gehirnkrankheit Enzephalopathie zuzuziehen, verdoppelt sich der Expertise zufolge ebenso wie diejenige, ein Nierenversagen zu erleiden. Nach Angaben des leitenden Mediziners Dennis Mangano müssen jährlich rund 10.000 ehemalige TRASYLOL-PatientInnen eine Dialyse-Behandlung beginnen. „Ich frage mich, warum wir weiterhin reinen Gewissens Aprotinin verschreiben sollten, wenn es sicherere Alternativen gibt“, lautete sein Fazit.

Diese Meinung vertrat der Arzt auch auf einer Anhörung, welche die FDA nach der beunruhigenden Veröffentlichung anberaumte. Damit stand er allerdings allein auf weiter Flur. Überraschenderweise fand sich nicht das BAYER-Mittel, sondern Mangano selbst auf der Anklagebank wieder. Die Pharma-ExpertInnen griffen ihn massiv an, äußerten Zweifel an den wissenschaftlichen Standards seiner Arbeit und entschieden sich mit einem 18:0-Votum für TRASYLOL - nur ein paar Warnhinweise mehr sollten die Packungsbeilage zieren. In dem WDR-Film „Unter tödlichem Verdacht - BAYER und sein ‚Wundermittel‘ TRASYLOL“ schildert Mangano seine Reaktion: „Ich kam total entmutigt nach Hause und fragte mich, warum ich diese Forschung eigentlich betreibe, wenn die Gegenkräfte so stark sind. Warum attackieren unabhängige Kommissionsmitglieder mich, aber nicht in gleicher Weise BAYER? Warum hat man mich in einem solchen Gremium derart kompromittiert?“ Die Antwort ist einfach, denn nur ihrem Gewissen verpflichtet waren die WissenschaftlerInnen bei ihrer Entscheidung nicht. So ließ etwa der Kommissionsvorsitzende William Hiatt von der University of Colorado seine Forschungen zum Bluthochdruck immer wieder gerne von BAYER sponsoren.
Aber trotz dieser schlimmen Erfahrung sollte Dennis Mangano bald wieder Mut schöpfen. Der Harvard-Professor Alexander Walker zeigte nämlich eine „Irreführung der Behörden“ an. Er selber hatte im Auftrag BAYERs die Unterlagen von 78.000 Krankenhaus-PatientInnen analysiert und im Falle einer Behandlung mit TRASYLOL eine erhöhte Sterblichkeitsrate, sowie ein größeres Risiko für Nierenversagen, Schlaganfälle und Herzerkrankungen festgestellt. „2.653 Patienten mussten zur Dialyse und 2.613 Patienten starben“, hieß es in der Expertise. Diese schlechten Nachrichten verschwieg das Unternehmen der FDA, obwohl es gehalten war, den WissenschaftlerInnen die neuesten Erkenntnisse über das Präparat zu übermitteln. „Menschliches Versagen“, lautete die schlichte Ausrede, die verantwortlichen Belegschaftsangehörigen sollten einfach vergessen haben, die Arznei-Aufsicht zu informieren. Die Wellen der Empörung schlugen hoch, vermochten aber auch bei einer neuerlichen Beratung nicht den Untergang von TRASYLOL einzuläuten - auf dem Beipackzettel war ja noch Platz für weitere Warnungen.

Solche „Missgeschicke“ unterliefen dem Pharma-Riesen öfters. Seit Mitte der 60er Jahre testete der Konzern die ursprünglich zur Therapie von Bauchspeicheldrüsen-Erkrankungen zugelassene Arznei. Dabei verheimlichte und manipulierte der Pharmariese die Ergebnisse, während er gleichzeitig alle Anstrengungen unternahm, unabhängige Studien zu verhindern. Als Forschungslabor diente dem Multi vornehmlich die Universität Freiburg. Sie erprobte TRASYLOL im kombinierten Einsatz mit Herz/Lungen-Maschinen, in der Herzinfarkt-Therapie und als Mittel bei der Akutversorgung von Unfallopfern. „Dieses Produkt war immer ein Arzneimittel auf der Suche nach einem Anwendungsgebiet“, erläutert der Pharmakritiker Professor Peter Schönhöfer in der WDR-Dokumentation die Hintergründe, „Und es wurde viel versucht - Sinnloses wie Sinnvolles - und es kam nichts heraus“. Außer Toten. Für die „Liste mit den ersichtlichen TRASYLOL-Toten“ bedankt sich ein BAYER-Mitarbeiter bei einer Freiburger Ärztin. Für die „unersichtlichen“ sorgte die Medizinerin auch, denn genau nach dem Ende der auf drei Wochen angesetzten Versuche hörte sie mit dem Zählen auf. „Wie bisher habe ich die nach dem 21. Tag Gestorbenen in Klammern gesetzt, für die Statistik leben sie ja noch“, schrieb sie nach Leverkusen. So kam sie „nur“ auf 36 Sterbefälle bei 115 PatientInnen. Bei einem Testlauf starben sogar alle PatientInnen der Kontrollgruppe, weil die Freiburger MedizinerInnen massiv gegen die für Arznei-Erprobungen geltenden ethischen Grundsätze verstießen. „Das, was mich stutzig gemacht hat, war eine Versuchsanordnung, bei der todkranke Menschen mit TRASYLOL behandelt werden sollten, und bei einer anderen Gruppe, gewissermaßen der Kontrollgruppe, sollte überhaupt keine medikamentöse Behandlung vorgenommen werden. Also überhaupt keine so genannte Medizierung (...) Und ich bin froh, dass ich diese Versuchsanordnung nicht zu verantworten hab‘“, erinnert sich in der WDR-Dokumentation ein ehemaliger Assistenzarzt der Klinik.

Die „Risiken und Nebenwirkungen“ bei dem Anwendungsgebiet „Blutstillung bei Bypass-Operationen“, für das BAYER schließlich eine Zulassung ergatterte, beschreibt der US-Amerikaner Kenneth Lanham: „Fünf Tage später sagte man: ‚Mr. Lanham, es geht Ihnen gut. Sie können morgen nach Hause gehen.‘ Doch am nächsten Morgen hieß es: ‚Etwas mit Ihren Nieren ist nicht in Ordnung, sie müssen noch fünf Tage länger bleiben.‘ Danach musste ich zu einem Nierenspezialisten, und von da an ging es auch nur noch bergab“.

Wie schon in der Vergangenheit mit den HIV-verseuchten Blutpräparaten und dem Muskelzerfall bewirkenden Cholesterinsenker LIPOBAY gefährdete BAYER mit TRASYLOL wissentlich das Leben von Menschen und sieht sich bereits auch wieder Schadensersatzklagen gegenüber. Dennis Mangano erklärt sich diese Handlungsweise so: „Ich denke, es ist die Devise: Nichts Schlechtes sehen, nichts Schlechtes hören, und wenn man nicht schaut, findet man auch nichts. Ich denke, für BAYER arbeiten sehr viele gute Leute, die zum großen Teil sehr honorig sind. Auf jeden Fall scheinen aber Geld und Profit die Leute unglaublich unter Druck zu setzen. Speziell bei diesem Medikament: Der TRASYLOL-Umsatz war für das letzte Jahre auf 500 Millionen Euro veranschlagt“.

Dieser Druck dürfte vorerst nicht abnehmen. Und auch nach dem neuerlichen Pillen-Fiasko ist nicht mit politischen Maßnahmen zur Verbesserung der Arzneimittel-Sicherheit zu rechnen. Das 2004 eingerichtete „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ strengt sich zwar mächtig an, allzugroßen Wildwuchs im Pharma-Dschungel zu verhindern, sieht sich aber massiven Anfeindungen ausgesetzt. Gerade erst drohte der Leiter Peter Sawicki ob der zunehmenden Einmischungsversuche von BAYER & Co. mit Rücktritt. Deshalb müssen die VerbraucherInnen sich wohl auf diese beunruhigende Aussicht einstellen: Nach dem Pharma-GAU ist vor dem Pharma-GAU.

[Editorial] STICHWORT BAYER 04/2007

CBG Redaktion

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist ein Ammenmärchen der Chemie-Industrie, dass Pestizide bei sachgerechter Anwendung keine schädliche Wirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt haben. Pestizide sind hochgefährliche Chemikalien, die sich im Boden, im Wasser und im menschlichen Körper anreichern und dort Schaden anrichten. Ihre giftigen Wirkungen sind in vielen Fällen noch nicht einmal ausreichend erforscht, besonders dann wenn sie in Kombination auftreten.

Ende Oktober hat nun das Europaparlament in erster Lesung über die Zulassung von Pestiziden abgestimmt. Das Ergebnis ist ein Meilenstein für den Verbraucher- und Umweltschutz: Erstmals soll es Zulassungsverbote für krebserregende, erbgutschädigende und hormonaktive Wirkstoffe geben. Außerdem gibt es mehr Transparenz für die Verbraucherinnen und Verbraucher: Durch den sogenannten Pestizid-Pass muss der Erzeuger dem Handel offenlegen, welches Pestizid wann eingesetzt wurde. Hierdurch wird der Wettbewerb für gesunde Lebensmittel gestärkt.

Die beiden größten Hersteller für Agrochemikalien, BAYER und SYNGENTA, haben ihren Sitz in Europa. Bisher hat die Europäische Union beim Schutz vor gefährlichen Agrochemikalien versagt: Die derzeitige Pestizidzulassung ist nur unzureichend auf die Vermeidung von Umwelt- und Gesundheitsgefahren ausgerichtet; reagiert wird meistens erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Das vor über zehn Jahren propagierte Ziel, die Anwendung von Pestiziden beträchtlich zu reduzieren, ist verfehlt worden. Im Gegenteil, der Verbrauch hat sich europaweit noch erhöht. So wird in Europa ein Viertel aller Pestizide weltweit eingesetzt, obwohl der Anteil an der weltweiten Landwirtschaftsfläche nur 4% beträgt.

Es ist daher zu begrüßen, dass sich die EU-Abgeordneten nicht von der Panikmache der Chemie- und Agrarlobby haben anstecken lassen und grünes Licht für die neue Gesetzgebung gegeben haben. Die Blockadestrategie von BASF, BAYER und Co. ist glücklicherweise ins Leere gelaufen.

Doch nicht nur bei der Zulassung, auch bei der Anwendung von Pestiziden besteht erheblicher Verbesserungsbedarf. Leider konnte sich das Europaparlament nicht auf die Aufstellung wichtiger Reduktionsziele einigen. Dänemark ist das Beispiel dafür, dass eine ambitionierte Reduktionspolitik möglich ist: die dänischen Bauern nutzen heute nur die Hälfte der Pestizide wie noch vor zwanzig Jahren. Es wäre also durchaus möglich, in Europa innerhalb von zehn Jahren den Einsatz von Pestiziden zu halbieren.

Die Verbraucher erwarten zu Recht, dass sie vor gefährlichen Pestiziden geschützt werden. Zu oft wird ihnen der genussvolle Biss in Erdbeere und Apfel verleidet, wenn wie alle Jahre wieder gefährliche Rückstände von Pestiziden im Essen nachgewiesen werden. Die langfristige Sicherung von Gesundheit und Umwelt muss Vorrang haben gegenüber den kurzfristigen finanziellen Interessen der chemischen Industrie. Es bleibt zu hoffen, dass die Bundesregierung bei den Verhandlungen im EU-Ministerrat auch Vorfahrt gibt für die Verbraucher und die Umwelt.

Hiltrud Breyer sitzt seit 1989 für Büdnis 90 / Die Grünen im Europaparlament. Sie ist Berichterstatterin des Umweltausschusses für die Pestizid-Zulassung.

[Architektur] STICHWORT BAYER 04/2007

CBG Redaktion

Prämiertes Planspiel:

„Ein Konzern wird umgebaut“ mit der CBG

Architektur-GAU für BAYER: Da wollte der Pharma-Riese seine Zukunftsfähigkeit beweisen und lobte gemeinsam mit dem BDI und der WEST LB einen Architekturwettbewerb unter Hochschulen aus. „Ein Konzern wird umgebaut - Vom BAYER-Werk zum Chemiepark“ - so lautete die Aufgabenstellung. Aber obwohl der Multi einen Großteil der Kosten trug, für das Preisgeld aufkam und sogar einen der seinen in der Jury platzierte, gewann das „Worst Case Szenario“ den ersten Preis: der der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) eine prominente Rolle zuweisende Entwurf „Cubiquitol 27mg“.

Von Jan Pehrke

Auf dem BAYER-Hochhaus prangt weithin sichtbar das Logo der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN. Die CBG hat nämlich als Zwischennutzer das oberste Stockwerk des Gebäudes bezogen, damit sie einen noch besseren Überblick über das Konzern-Geschehen hat. Darüber hinaus hat die Coordination über das ganze Werksgelände verteilt so genannte „Confrontainer“ mit sachdienlichen Hinweisen zu den Machenschaften des Multis aufgestellt. Am Konzern-Stammsitz kann die Initiative sogar Leben und Arbeiten optimal verbinden. Die AktivistInnen wohnen im Chemiepark, der erstmals seinem Namen alle Ehre macht: Ausgliederungen und Betriebsverlagerungen haben luftige Freiflächen hinterlassen, und alte Industrie-Denkmäler sorgen für einen morbiden Charme. Gemeinsam mit den vielen von BAYER Entlassenen erprobt sich die CBG dort als „Avantgarde der postkapitalistischen Gesellschaftsordnung“.

So stellen sich die Darmstädter Architekturstudenten Guillaume Tripoteau und Gael Hémon in ihrem Entwurf „Cubiquitol 27mg“ die Zukunft des Standortes aus der Perspektive der CBG vor. Die beiden haben die Coordination als einen wichtigen Akteur am Standort identifiziert und bezogen sie deshalb an prominenter Stelle mit in ihre Planungen ein.

Aus BAYERs Sicht sieht alles natürlich etwas anders aus. Um dem vom Konzern beklagten Chemiepark-Wildwuchs zu begegnen, der mit der Umwandlung des einstmals geschlossenen Werkareals in ein offenes Gewerbegebiet begonnen hat, entwickeln Tripoteau und Hémon eine Gliederung in spezialisierte Zentren mit bestimmten Knotenpunkten, und für die Bodensanierung sorgt die Natur mit Hilfe spezieller Pflanzenarten selbst. Der Stadt hingegen verhelfen die angehenden Architekten durch eine Absenkung der Werksmauern und andere Maßnahmen zu ihrem von BAYER bisher verwehrten Durchbruch an den Rhein.

Für Tripoteau und Hémon schließen sich die drei Szenarien „LevAltercity“ „LeverkusPark“ und „Leverkusen am Rhein“ nicht gegenseitig aus. Diese bilden vielmehr ein Kräfteparallelogramm. „Aus ihrem Zusammenspiel resultiert eine Komplexität, die ihre Komplementarität offensichtlich werden lässt“, heißt es in ihrer Projektskizze. Im Gegensatz zu ihren KollegInnen versuchen die Studenten nicht, in vorschnellen Synthesen eine organische Einheit zu schaffen oder zu simulieren. Sie erblicken in der konfliktreichen Konstellation vielmehr eine große Produktivkraft und spüren deshalb gezielt Reibungspunkte auf. So versuchen die beiden nicht etwa, die sich in den Abstandsflächen an der Werksgrenze materialisierende Distanz zwischen BAYER und Stadt durch kosmetische Eingriffe aufzuheben, sondern betonen die Insellage durch Confrontainer noch. Auch die Identitätsprobleme der vom Chemie-Multi beherrschten Stadt wollen sie nicht lösen. Sie soll sich stattdessen zu ihrer Abhängigkeit bekennen und in „LAYER“ umbenennen.

Der mit ArchitekturprofessorInnen, prominenten Künstlern wie Micha Kuball - und sogar einem BAYER-Mann – besetzten Jury gefiel dieser soziale Realismus. „Ein radikaler, visionärer und richtungsweisender Beitrag“, lobte sie und zeichnete die „Auseinandersetzung mit dem Ort in allen seinen gesellschaftlichen, städtebaulichen und ökonomischen Dimensionen“ - und ex aquo Holger Hoffschröer - mit dem ersten Preis aus. BAYER war da natürlich anderer Meinung. Am Tag vor der Auszeichnung der Gewinner mochte sich der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning im Einzelnen nicht zu den Arbeiten äußern. Nur ein allgemeines „Wir werden sicherlich auch Anregungen aufnehmen und prüfen“ presste er sich heraus - von „Cubiquitol 27mg“ dürfte sich so schnell aber nichts im Chemiepark wiederfinden. Und zu allem Unglück musste Wenning den Preis dann auch noch persönlich an die Franzosen übergeben und 10.000 Euro für die beiden locker machen. Dabei gelang es dem BAYER-Chef offenbar nur bedingt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. „Ich bin mir nicht sicher, ob Werner Wenning damit glücklich war“, schrieb Guillaume Tripoteau der CBG nach der Feierstunde. Die Ausstellung mit den prämierten Entwürfen beendete der Leverkusener Multi bereits nach ein paar Wochen. Länger mochte er offenbar Tripoteaus und Hémons Projekt im Allgemeinen und das von ihnen im BAYKOMM gezeigte Banner mit der Aufschrift „BAYER got profits - we got AIDS“ im Besonderen nicht ertragen. So wird es sich also mit der von der CBG ins Auge gefassten Konzern-Konversion noch ein wenig ziehen.

Der Entwurf ist unter www.fgstadt.org/cubiquitol einzusehen

[Chemiepark] STICHWORT BAYER 04/2007

CBG Redaktion

Vom BAYER-Werk zum Chemiepark zum ...?

Standort ohne Stand

Wo einst nur das BAYER-Werk seinen Sitz hatte, da befinden sich heute Niederlassungen von 38 Unternehmen. Und immer noch ist Platz im „Chemiepark Leverkusen“ - zuviel Platz. Die Anwerbe-Politik des Konzerns verläuft nämlich nicht allzu erfolgreich, da sich die gesamte Chemie-Branche ähnlich wie der Multi „gesundschrumpft“. „Was tun“, fragte sich das Unternehmen deshalb und erhoffte sich Anregungen von einem Architektur-Wettbewerb.

Von Jan Pehrke

Wenn es einen Ort gibt, der anschaulich macht, wie stark sich BAYER in den letzten Jahren verändert hat, dann ist es das Werksgelände am Leverkusener Stammsitz selbst. Einst nahmen die Anlagen, Hallen und Lager des Multis dort eine Fläche von 340 Hektar ein. Seit einiger Zeit jedoch herrscht Schwund. Der Konzern trennte sich im Zuge der „Konzentration auf das Kern-Geschäft“ von seiner Chemie-Sparte und anderen Teilbereichen, neuere Fertigungsstätten kamen mit weniger Raum aus und die „Just-in-Time“-Produktion reduzierte den Bedarf an Lagerhallen. Während der Konzern größere Investitionen vornehmlich in Asien vornahm, schrumpfte die Belegschaft am Standort kontinuierlich. Von den zu Zeiten der Vollbeschäftigung vorhandenen 45.000 Arbeitsplätzen bestehen nach stufenweiser Reduzierung heute noch rund 31.000: hiervon sind 14.000 BAYER-Mitarbeiter, 5.000 LANXESS-Mitarbeiter, 5.000 Mitarbeiter weiterer Chemieparkpartner und 7.000 Mitarbeiter von Montagefirmen und Fremdbüros.

So entstand ein zunehmendes Missverhältnis zwischen der dürftigen Auslastung und den nach wie vor hohen Kosten für die Infrastruktur. Deshalb kam der Pharma-Riese auf die Idee, das Areal in einen „Chemiepark“ umzuwidmen und offensiv um die Ansiedlung anderer Industriebetriebe aus dem Chemie-Bereich zu werben. „Synergie-Effekte“ hieß dabei das Zauberwort. Für Unternehmen, die sich wie der Leverkusener Multi auf „ihr Kerngeschäft konzentrieren“ wollten, versprach der Chemiepark das „Rundum-Sorglos“-Paket mit Werkschutz, handwerklichen Diensten, Entsorgung, Transport-Logistik und anderen Service-Leistungen.

38 Firmen ließen sich davon bisher anlocken. Das reicht aber noch lange nicht: Grundstücke in einer Größenordnung von insgesamt 20 Hektar warten noch auf Investoren - und dürften es noch eine Weile tun, denn Expansionschancen sieht die Chemie-Branche nur noch in Fernost. Darum zeigt sich der Leverkusener Multi bei der Auswahl seiner Mieter auch wenig wählerisch. Unter anderem unterschrieben die RHEINISCHE PENSIONSKASSE, die MERCEDES-Großkundenbetreuung, die Fachhochschule für Ökonomie und Management und sogar ein Floristikstudio Verträge.

Ein ziemlicher Wildwuchs hat sich so im Chemiepark breit gemacht. Dabei hatte sich Carl Duisberg, von 1912 bis 1925 Generaldirektor des Konzerns, bei seinen schon bis ins Jahr 1895 zurückreichenden Planungen das Ganze so schön ausgedacht. Alles ging seinen geordneten chemischen Gang, einer Blockstruktur mit Haupt- und Nebenwegen folgend. Erst kamen rheinwärts die großen Anlagen der anorganischen Chemie, dann folgten die für organische Zwischenprodukte und schließlich diejenigen für die Enderzeugnisse wie Farben oder Pharmazeutika. Sogar an Vorratsflächen für das als grenzenlos imaginierte Wachstum von BAYER hatte Duisberg gedacht.

Seine Nachfolger bleiben nun auf den Vorräten sitzen. Aber zu allem Unglück läuft nicht nur das Akquisitionsgeschäft schlecht. Auch die Stammmieter beklagen sich zunehmend. „Wegen Preis-Entwicklung, unflexibler Preismodelle und unzureichender Kosten-Transparenz ist die Unzufriedenheit vieler Nutzer, speziell in den großen Industrieparks, oftmals groß“, schreibt Gunter Festel in dem parallel zum Architektur-Wettbewerb erschienenen Buch „Transformation“. Und Festel muss es wissen, stand er doch in BAYER-Diensten, bevor er sich mit einer Beratungs- und Investmentfirma selbstständig machte.

Der Unternehmensberater empfiehlt den Betreibern als Reaktion auf die verblühenden Parklandschaften das Übliche: Ausgliederungen, Effizienz-Steigerungen, eine verstärkte Service-Orientierung und andere „Strukturanpassungen“. BAYER hat sich diese Ratschläge, die Festel schon seit Jahren in Fachzeitschriften erteilt, zu Eigen gemacht. Seit Ende 2005 setzte der Leverkusener Multi die Beschäftigten der innerhalb der Holding für die Chemieparks zuständigen Sparte BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS) unter Druck. Die Belegschaftsangehörigen wehrten sich massiv gegen die Rationalisierungsmaßnahmen, konnten am Ende aber nur das Schlimmste, die Zerschlagung der BIS, verhindern. Im Rahmen der im Frühjahr beschlossenen „Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung“ mussten sie die Ausgliederung der „Technischen Dienste“ in eine Tochtergesellschaft und harsche Lohneinbußen hinnehmen. Dem BIS-Boss Klaus Schäfer reicht das immer noch nicht. „Die Technischen Dienste und der Werkschutz liegen in den Kosten noch zu hoch“, sagte er in einem Interview.

Aber die im Chemiepark ansässigen Unternehmen kritisieren nicht nur die hohen Kosten. Sie fühlen sich auch sonst auf dem Areal nicht recht wohl, was kein Wunder ist, denn für Floristik-Studios und Pensionskassen hatte Carl Duisberg es nicht überplant. Diese Dienstleister, die BAYER in Ermangelung von Kunden aus dem produzierenden Gewerbe als Mieter gewonnen hat, vermissen in der ehemaligen „Festung BAYER“, von der Außenwelt durch die hohen Werksmauern abgeschlossen und umgeben von industriellen Zweckbauten, die Aufenthaltsqualität.

Dem Leverkusener Multi ist das nicht verborgen geblieben. Die BankerInnen, FloristInnen & Co. hätten als Dienstleister „andere Bedürfnisse“ stellte BAYER-Chef Werner Wenning fest und räumte ein, der Chemiepark müsste „attraktiv für eine andere Art von Mitarbeitern“ werden. Die beiden Chemiepark-Manager Ernst Grigat und Wolfgang Vogel erachteten hierzu einen „Büro-Campus“ sowie eine „Dienstleistungsmeile“ als probate Mittel, aber der Global Player wollte zusätzlich Rat von ExpertInnen und veranstaltete einen Architektur-Wettbewerb. Die ungefähre Richtung gab er in der Ausschreibung vor. Eine „vorsichtige Öffnung und osmotische Durchdringung von Stadt und Chemiepark“ sollten die StudentInnen mit ihren Plänen bewerkstelligen und dem sich auf dem Gelände vollziehenden Strukturwandel eine architektonische Form geben.

Viel weiter ist der Konzern nach dem Ende der Veranstaltung allerdings nicht. Dass die beiden Preisträger Guilleaume Tripoteau und Gael Hémon in ihrem Entwurf „Cubiquitol 27mg“ ausgerechnet die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN als einen Teil der Lösung betrachten, hätte der Pharma-Riese sich nicht einmal in seinen düstersten Alpträumen ausgemalt.