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Beitrag veröffentlicht im “Tag: 1. Januar 2000

[Kathrin Weigele] Rede von Kathrin Weigele

CBG Redaktion

Meine Damen und Herren, werte Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates,

mein Name ist Kathrin Weigele und ich möchte zu dem Thema Nebenwirkungen von Antibabypillen der 3. und 4. Generation zu Ihnen sprechen. Bei der Diskussion um die Nebenwirkungen dieser Pillen geht es vor allem um die dort verwendeten Inhaltsstoffe und deren Auswirkungen auf die Häufigkeit venöser Thromboembolien. Pillen der dritten Generation beinhalten den Wirkstoff Desogestrel und Pillen der vierten Generation den Wirkstoff Drospirenon. Beide Stoffe bringen ein höheres Thromboserisiko gegenüber Pillen der älteren, zweiten Generation mit sich. Ich selbst bin von dieser Problematik in besonderer Weise betroffen und so bin ich froh und auch dankbar, heute hier stehen und von meinem Schicksal berichten zu können. Denn auch ich wurde im Alter von 24 Jahren nach einer etwa halbjährigen Einnahme der Pille Yasmin beinahe aus dem Leben gerissen.

Mein Frauenarzt hatte mir die Pille Yasmin, ein Präparat aus Ihrem Hause, das den Wirkstoff Drospirenon enthält, als besonders verträglich, schonend und besonders niedrig dosiert empfohlen und noch weitere positive Eigenschaften wie eine Verbesserung des Hautbildes oder Gewichtsregulierung angepriesen. So ermuntert entschied ich mich dann entgegen meiner ursprünglichen und generellen Skepsis gegenüber der Verhütung mittels Pille es doch einmal mit der Yasmin zu versuchen. Die Folgen dieser Entscheidung: eine schwere beidseitige Lungenembolie durch die sich ein lebensgefährlicher Lungenhochdruck entwickelte sowie eine damit verbundene Rechtsherzbelastung mit der Gefahr akuten Herzversagens. Die Ärzte bescheinigten mir angesichts der schwere meiner Erkrankung eine Lethalitätsrate von 95%, oder mit anderen Worten eine Überlebenschance von 5% in den nächsten 5 Jahren. Aus einem jungen, gesunden und aktiven Menschen wurde mit einem Schlag eine junge Frau, die ums Überleben kämpfen musste. Da bei mir – ebenso wie bei Frau Rohrer - keinerlei persönliche Risikofaktoren für die Entstehung der Embolien vorlagen (ich bin Nichtraucher, es besteht keine genetische familiäre Vorbelastung oder Übergewicht), ist die Pille Yasmin als alleinige Ursache anzusehen. Auch heute noch leide ich unter den Folgen meiner Entscheidung für Yasmin: Herz und Lunge sind gezeichnet von den Embolien. Schmerzen in Lunge, Herz und Brust sind keine Seltenheit. Es befinden sich zudem immer noch zahlreiche Mikroembolien in beiden Lungenflügeln, was eine sog. Diffusionsstörung zur Folge hat. Das ist eine Gasaustauschstörung, was bedeutet, dass die Aufnahme von Sauerstoff ins Blut zu großen Teilen eingeschränkt ist. Ich komme daher schneller ausser Atem und muss dementsprechend häufiger um Luft ringen. Die Anstrengungen des Alltages verlangen mir heute im Vergleich zu gleichaltrigen gesunden Frauen mehr Kraft, Einsatz und Kampfgeist ab.

Bleibende Folgeschäden, lebenslange Einnahme von Blutgerinnungsmitteln sowie Ungewissheit und Angst, ob einer Verschlechterung meines Gesundheitszustandes werden mich so für immer schmerzlich an die Einnahme der Pille Yasmin erinnern. Aus der Pille Yasmin ist für mich eine Pille fürs Leben geworden.

Ich bin heute hier, um auch anderen Betroffenen ein Gesicht zu geben und ich bitte Sie für mich und für all diejenigen Frauen und Mädchen, die als Endverbraucher durch die Nebenwirkungen Ihrer Pille betroffen sind, meine Fragen zu beantworten.

Es ist weitgehend bekannt, dass es bei der Einnahme der Pille in seltenen Fällen zur Bildung von Thrombosen oder Embolien kommen kann. Weniger bekannt ist den Anwenderinnen bisher bedauerlicherweise jedoch, dass das Thromboserisiko drospirenonhaltiger Pillen der Produktfamilie Yasmin- zu der auch die Präparate Yaz, Yasminelle und Petibelle gehören- dasjenige der Pillen der 2. Generation um ein vielfaches übersteigt.

Im August 2009 wurden hierzu in dem renommierten British Medical Journal zwei neue Studien unabhängiger Wissenschaftler aus Dänemark und den Niederlanden veröffentlich. Der niederländischen Studie zufolge erhöht der Wirkstoff Drospirenon das Risiko der Thrombosebildung um das Fünffache. In der dänischen Studie wurde ein doppeltes Risiko festgestellt.
Die Unbedenklichkeit und angebliche Sicherheit drospirenonhaltiger Kontrazeptiva sollte im Gegensatz dazu die sog. EURAS-Studie aus dem Jahr 2007 belegen. Danach ist das Thrombose- bzw. Embolierisiko mit Pillen der sog. 2. Generation vergleichbar, die meist das Hormon Levonorgestrel enthalten. Doch wieviel Vertrauen kann man dieser Studie wirklich entgegenbringen kann, wenn man in Betracht zieht, dass die Studie von (damals noch) Schering selbst in Auftrag gegeben, finanziert und darüber hinaus von einem ehemaligen Schering-Mitarbeiter, dem Leiter des Bereichs Gynäkologie bei Schering, durchgeführt wurde?

Mir ist bekannt, dass Bayer die Studien aus Dänemark und den Niederlanden anzweifelt. Es wird unter anderem beanstandet, die dänische Studie habe nicht zwischen Erst- und Langzeitanwenderinnen differenziert, was die Daten zuungunsten der neueren Präparate verfälsche. Eine Unterscheidung ist deshalb relevant, da das Thromboserisiko im ersten Anwendungsjahr am größten ist. Doch wie kann Bayer etwas als methodische Schwäche der dänischen Studie bemängeln, was bei der eigenen Studie selbst nicht befolgt wurde? Denn auch die EURAS-Studie lässt eine solche Differenzierung vermissen.

Auch nach Untersuchung der Schweizer Arzneimittelbehörde Swissmedic im vergangenen Jahr ist das Risiko, bei Einnahme von drospirenonhaltigen Pillen ein Blutgerinnsel zu entwickeln, höher als bisher angenommen und vor allem höher als bei Anwendung von Pillen der 2. Generation. Dem hat sich nun auch das Deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte angeschlossen. Meine Damen und Herren, ist darin nicht eine Bestätigung der Studienergebnisse aus Dänemark und den Niederlanden zu sehen? Ist die EURAS-Studie mit dem Ergebnis eines vergleichbaren Thromboserisikos damit nicht ganz klar wiederlegt? Ich möchte Sie, Herr Wenning fragen: Warum werden die Hinweise und Studien unabhängiger Wissenschaftler und Behörden bei Bayer weiterhin nicht ernst genommen und einfach übergangen? Wie können Sie angesichts solcher Ergebnisse weiterhin von einem positiven Nutzen-/Risikoprofil von Yasmin ausgehen? Wie erklären Sie sich dann, dass nun auf Veranlassung europäischer Arzneimittelbehörden sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland der Beipackzettel geändert, d.h. um zusätzliche Risikohinweise ergänzt und auf die neuen Studien Bezug genommen werden muss? Ist dies nicht als Indiz dafür zu werten, dass Ihrerseits bisher unzureichend über die Risiken drospirenonhaltiger Präparate informiert und aufgeklärt wurde?

Bei Bayer hatte man noch im Jahre 2009 keinen Anlass zu einer solchen Änderung gesehen. Der Beipackzettel enthielt und enthält bisher keinen Hinweis auf ein erhöhtes Risikoprofil der Pille Yasmin. Auch ich habe damals nichts davon erfahren, dass das in der Pille Yasmin enthaltene Hormon Drospirenon ein erhöhtes Thrombose- und Embolierisiko mit sich bringt.

Derartige Informationen werden von Bayer zurückgehalten. Ich möchte gerne wissen, warum Angaben zur Häufigkeit von schweren Nebenwirkungen und sogar Todesfällen vom Bayer-Konzern verschwiegen werden? Warum legen Sie nicht endlich alle Ihnen gemeldeten Nebenwirkungen und Ihnen vorliegenden Anwendungsstudien offen? Angeblich um die Kundinnen nicht zu verunsichern. Doch entsteht Verunsicherung nicht vielmehr durch unzulängliche Information, durch das Gefühl, es wird etwas Verschwiegen und nicht durch ehrliche Aufklärung? Wie lässt sich ein solches Verhalten mit Ihren eigenen Unternehmensmaximen wie Integrität, Offenheit und Ehrlichkeit vereinbaren?
Auch in den Bayer Werbekampagnen werden die Risiken mit keinem Wort erwähnt. Das Marketing zielt vielmehr auf Lifestyle-Anwendungen wie Aknebehandlung und Gewichtsreduzierung ab. Meine Damen und Herren, ist es denn wirklich erforderlich Frauen und Mädchen mit Werbeslogans wie „Verhütung ohne Gewichtszunahme“ zu ködern und sie dadurch einem erhöhten Thromboserisiko auszusetzen?

Die Pille soll verhüten. Und sonst nichts. Eben das tun auch die älteren Präparate der 2. Generation genauso wirkungsvoll. Ist die Verwendung des Wirkstoffes Drospirenon dann nicht völlig unnötig? Wie rechtfertigen Sie die Zunahme lebensgefährlicher Nebenwirkungen bei gleicher Verlässlichkeit der Verhütung, was letztlich Ziel und Aufgabe der Pille ist? Sollte durch Forschung und Fortschritt im Bereich hormoneller Verhütungsmittel, denen sich ihr Unternehmen als Weltmarktführer mit dem Leitbild „Science for a better life“ verschrieben hat, nicht vielmehr ein gegenteiliger Effekt hervorgerufen werden- nämlich eine Verbesserung neuer Präparate hin zu schonenderen und gesünderen Pillen mit immer weniger Nebenwirkungen?

Als Marktführer auf dem Gebiet der Antibabypillen tragen Sie mit die Verantwortung für etwa 100 Millionen Frauen und Mädchen, die weltweit mit der Pille verhüten. Ist Ihnen dabei bewusst, dass angesichts der großen Zahl von Anwenderinnen oraler Kontrazeptiva schon eine geringfügige Erhöhung der Nebenwirkung eine große Auswirkung auf eine Vielzahl von Frauen hat? Haben Sie als Hersteller von Medizinprodukten nicht die Pflicht alles zu unternehmen, um die Sicherheit derer, die Ihnen ihr Vertrauen aussprechen, indem sie Ihre Produkte kaufen, zu gewährleisten? Ich habe mich vertrauensvoll in die Hände von BayerSchering begeben und hätte fast mit dem Leben dafür bezahlt.

Im den USA sehen Sie sich derzeit einer Vielzahl von Klagen ausgesetzt. Mich als angehende Juristin würde daher interessieren: Wieviele Schadensersatzansprüche wurden gegenüber Bayer aufgrund dieser Problematik in Deutschland aber auch weltweit bereits gestellt? Sind vielleicht sogar schon gerichtliche Verfahren anhängig oder wurden außergerichtliche Vergleiche geschlossen? In welchen Fällen wurde bereits außergerichtlicher Schadensersatz geleistet?

Ich fordere den Bayer-Vorstand dazu auf endlich aktiv zu werden, die Verantwortung für Ihr Produkt zu übernehmen und ehrlich über die deutlich erhöhte Thrombosegefahr aufzuklären, um weitere Schicksale wie das meine und das von Frau Rohrer zu verhindern. Viele Frauen und Mädchen warten auf eine ehrliche Aussage von Bayer.

Ich wünsche mir fernen, dass Sie sich nach der heutigen Hauptversammlung mit Fällen wie meinem und dem von Frau Rohrer befassen, dass Sie auf die Betroffenen zugehen und diese in ihrer Situation bei der Problembewältigung unterstützen.

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.

Felicitas Rohrer

CBG Redaktion

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Felicitas Rohrer, ich bin 25 Jahre alt und komme aus Bad Säckingen.

Zunächst möchte ich aus dem Begleitheft der Antibabypille Yasminelle, die von Bayer vertrieben wird, zitieren:
„Yasminelle – mehr als eine neue Pille. Die niedrige Dosierung soll für eine gute Verträglichkeit sorgen und das Drospirenon hat ein paar hilfreiche Zusatznutzen auf Lager:
- Smile-Effekt – und du fühlst dich rundum wohl in deiner Haut.
- Feel-Good-Faktor: Yasminelle verbessert körperliches und seelisches Befinden.
- Figur-Bonus: Yasminelle hilft, das Gewicht stabil zu halten.
Mit Yasminelle kannst du das Leben und die Liebe so richtig genießen. Mit Yasminelle kannst du zu jeder Zeit im Zyklus singen: I feel good…“

Ich bin im Juli des vergangenen Jahres fast an einer doppelten Lungenembolie gestorben. Ursache dafür war genau diese in dem Begleitheft so angepriesene Antibabypille Yasminelle. Von Ihrer Firma.

Am 11. Juli 2009 war ich zufällig mit meinem Freund in Freiburg. In der dortigen Universität wurde mir plötzlich schwindlig bevor ich ohnmächtig zusammengesackt bin. Mein Freund konnte mich gerade noch auffangen und es gelang ihm nach einiger Zeit mich aus der Ohnmacht zurückholen. Aber ich hatte furchtbare Schmerzen, ein enormes Druckgefühl auf dem Oberkörper und ich konnte kaum noch atmen. Jede Sekunde wurde es schlimmer und ich drohte zu ersticken. Den hinzugerufenen Rettungssanitätern gelang es nicht mich zu stabilisieren, da ich erneut ohnmächtig wurde. Der Notarzt ließ mich sofort in die Uniklinik einliefern.
Dort haben im Schockraum bereits etwa fünfzehn Ärzte auf mich gewartet. Mir wurden die Kleider vom Leib geschnitten. Die Schmerzen wurden so stark, dass ich nicht mehr liegen bleiben konnte. Dann weiß ich bis zum nächsten Tag nichts mehr.

Aus den Arztberichten weiß ich heute, dass mein Herz aufgehört hat zu schlagen und dass ich blau angelaufen bin. Zu diesem Zeitpunkt kannten die Ärzte die Ursache hierfür noch nicht. Sie sahen nur ein 25-jähriges Mädchen mit akutem Herzversagen vor sich liegen. Ich wurde vergeblich defibrilliert. Alle Reanimationsversuche scheiterten. Daraufhin entschlossen sich die Ärzte meinen Brustkorb zu öffnen. Durch einen 15cm langen Schnitt wurde mir das Brustbein geöffnet und zur Seite gebogen. Während ich operiert wurde, hielt ein Arzt mein Herz in seinen Händen und versuchte es auf diese Weise zu pumpen. Zwei Nierenschalen voller Blutgerinnsel befanden sich in beiden Lungenflügeln. Nachdem diese entfernt waren, wurde ich an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Weder mein Herz noch meine Lunge waren in der Lage eigenständig zu funktionieren. Ab dem Zeitpunkt, an dem mein Herz stehen blieb bis zur Eröffnung des Brustkorbes vergingen 20 min, in denen mein Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt war. 20 min, in denen mein Herz nicht schlug. Ich war 20min lang klinisch tot.
Nach der Operation lag ich einen Tag im Koma, bevor ich dann auf der Intensivstation aufgewacht bin. Ich war so erschöpft, hatte solche Schmerzen, dass selbst das stärkste Schmerzmittel, ein Morphinderivat, nicht ausreichte meine Schmerzen zu lindern. Die Sekunden, die das Schmerzmittel brauchte, um im Blut verteilt zu werden, kamen mir wie eine qualvolle Ewigkeit vor. Wissen Sie wie das ist, wenn man vor Schmerzen nur noch schreien kann? Wenn die Familie hilflos am Bett steht und alles, was sie tun können ist meine Hand zu halten, während ich schreie und weine?
Ich hatte sechzehn Infusionen und sechs schmerzende Narben am ganzen Körper. Mir fehlte die Kraft mich zu bewegen, ich konnte kaum sprechen, konnte nicht richtig essen, weil das Kauen und Schlucken zu anstrengend waren.
Währenddessen musste meine Familie hilflos mit ansehen, wie ihre 25 jährige Tochter, die kurz zuvor scheinbar kerngesund nach Freiburg fuhr, nun hier lag und um ihr Leben kämpfte. Sie wussten in den kommenden Tagen nie, ob ich diesen Kampf gewinnen würde.
Viele von Ihnen im Vorstand haben Töchter. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie vor einem Operationssaal warten müssten, stundenlang, während ihr Kind darin um ihr Leben kämpft?

Ich bin 25 Jahre alt. Ich habe fünfeinhalb Jahre Tiermedizin studiert, war gerade mit dem Studium fertig geworden und stand mitten im Leben. Mein Leben sollte endlich richtig beginnen und nun, völlig unerwartet, konnte ich mich nicht einmal mehr selbständig bewegen. Zu merken, dass mein ganzer Körper richtig kaputt war, war grausam. Als nach ein paar Tagen versucht wurde, mich in einen Stuhl zu setzen, fehlte meinem Oberkörper nach wenigen Minuten die Kraft sich aufrecht zu halten und sackte zur Seite weg. Ich konnte mich nicht selber waschen, nicht auf die Toilette gehen, mich nicht aufsetzen. Ich war auf einen Rollstuhl angewiesen und musste immer einen Apparat mit Blutverdünnern und Schmerzmitteln mit mir führen. Laufen musste ich erst wieder lernen. Es war die Hölle.

Und heute? Heute stehe ich hier vor ihnen. Ich stehe hier, weil ich das Glück hatte zu überleben. Wäre ich an dem Tag nicht in Freiburg sondern wie gewöhnlich an meinem Heimatort gewesen, wäre nicht mein Freund dabei gewesen, hätten die Ärzte nicht so schnell und vor allem richtig reagiert, wäre ich gestorben. Mit 25. Eine doppelte Lungenembolie überleben nur weniger als 20%. Patienten, die eine Operation über sich ergehen lassen müssen, wie sie bei mir durchgeführt wurde, haben eine Überlebenschance von 3%. Meine behandelnden Ärzte sprachen von einem Wunder, dass ich überlebt habe. Und es darf doch kein Wunder sein, es darf doch nicht vom Glück abhängen, ob man überlebt oder nicht!
Ich habe überlebt. Aber ich werde für den Rest meines Lebens geschädigt sein. Ich muss Marcumar nehmen, das mein Blut verdünnt. Die Nebenwirkungen sind heftig und vor allem ist es ein großer Einschnitt in mein Leben. Ich muss ständig meinen Blutgerinnungswert im Auge behalten und messen. Ich muss darauf achten, was ich esse und trinke und auf viele Dinge, die ich so gern hatte, muss ich ganz verzichten. Die Gefahr innerer Blutungen ist ständig gegeben und ich darf entgegen meinem großen Wunsch keine Kinder bekommen.
Meine Venen im linken Bein sind irreparabel zerstört und ich habe immer noch einen Thrombus in der Beckenvene, der nicht operabel ist. Aufgrund dessen kann mein Blut nicht richtig zurückfließen, weshalb ich einen Kompressionsstrumpf tragen muss, den Sie hier sehen können. Jeden Tag, mein Leben lang. Ich muss deshalb auf Sommerurlaube verzichten und muss neue Kleidung und neue Schuhe kaufen. Ich habe Lymphabflussstörungen im Bein, muss deshalb mindestens zweimal die Woche zur Lymphdrainage. Meine Herz- und Lungenfunktion ist eingeschränkt. Ich habe zahlreiche Narben, die größte von hier oben bis runter zum Bauch. Alle Narben müssen mit Ultraschall, Salben und Narbenpflastern behandelt werden. Können Sie es sich vorstellen, was es für eine junge Frau bedeutet in den Spiegel zu schauen und diese Narben zu sehen? Ich kann weder längere Zeit sitzen noch lange stehen, daher ist es fraglich, welchen Beruf ich einmal ausüben kann. Ich bin Tierärztin, aber es ist nicht daran zu denken in diesem Beruf zu arbeiten. Dazu kommt, dass ich aufgrund des instabilen Brustbeines körperlich nicht belastbar bin. Ich weiß nicht wie es mit mir weitergehen soll.

Bei mir ist es zweifelsfrei erwiesen, dass die Pille die Ursache für meine Lungenembolie war. Mein Blut wurde auf jede mögliche Gerinnungsstörung untersucht - ich habe keine. Ich habe nie geraucht, bin nicht übergewichtig und habe immer Sport gemacht. Es gibt keinen anderen Grund für die Embolie als die Pille. Die Pille, die von Ihnen so angepriesen wird, die doch so toll für den Körper sein soll und sich insbesondere an junge Erstanwenderinnen wendet wie ich es war. Sie ködern junge Mädchen mit der absurden Werbung sie würden nicht an Gewicht zunehmen, könnten ihr Hautbild verbessern und dass die Pille besonders gut verträglich sei. Dabei ist gerade Yasminelle wie die anderen Pillen der dritten und vierten Generation auch besonders gefährlich für Erstanwenderinnen unter 30 Jahre. Das Hormon Drospirenon, das die Yasminelle und andere Pillen dieser Generation beinhalten, entzieht dem Körper besonders viel Wasser. Dadurch verdickt sich das Blut und das Thromboserisiko erhöht sich enorm. Diese Thrombosen können zu solchen Embolien führen. Lungenembolie, Herzembolie, Hirnembolie.

Und ich bin bei weitem kein Einzelfall:
- Nach mir wird eine junge Frau sprechen, die ebenfalls durch die Pille dauerhaft geschädigt ist.
- In der Schweiz ist ein junges Mädchen nach der Einnahme der Pille Yaz gestorben. Yaz ist ebenfalls eine Pille der 3. Generation, die von Bayer vertrieben wird.
- Die damals 16-jährige Celine war gerade frisch verliebt und nahm deshalb Yaz. Heute, nachdem sie die Pille ganze 4 Wochen lang eingenommen hatte, ist sie spastisch behindert, an einen Rollstuhl gefesselt und wird nie wieder sprechen oder laufen können. An die Herren des Vorstandes: Gehen Sie ins Internet, geben Sie in eine Suchmaschine „Celine“ und „Pille“ ein und schauen Sie sich die Bilder an. Schauen Sie sich die Fotos an! Und dann sagen Sie noch einmal, dass Ihre Pille besonders verträglich sei, wie es Ihr Chef-Mediziner Dr. Malik sagt. Wenn Sie so überzeugt von Ihrem Produkt sind, dann besuchen Sie Celine, gehen Sie zu ihr hin und sagen Sie ihr ins Gesicht, dass sie ganz alleine Schuld an ihrem Schicksal ist. Wenn Sie so überzeugt von der Pille sind, warum haben Sie dann zwei Jahre lang die Krankenhauskosten für Celine bezahlt? Stillschweigend und unter der Hand? Das ist doch ein Schuldeingeständnis!
- In Deutschland ist im September 2009 eine junge Frau an einer Lungenembolie gestorben. Auch sie nahm die Pille ein.
- In den USA sind derzeit 50 Todesfälle bekannt, die wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Einnahme der Pille stehen.

Durch Berichte in den Medien auf mich aufmerksam geworden, melden sich immer mehr Mädchen bei mir, die das gleiche Schicksal erlitten haben. Die Dunkelziffer ist enorm hoch. Und es wird weiter gehen.
Deshalb frage ich Sie: Wann werden Sie etwas unternehmen und die Pillen der dritten und vierten Generation vom Markt nehmen? Wie viele Todes- und Erkrankungsfälle wollen Sie noch abwarten? Sie machen mit den Pillen Yaz, Yasmin und Yasminelle einen jährlichen Umsatz von über einer Milliarde Euro und riskieren nicht nur das Leben von jungen Mädchen, nein sie zerstören auch die Zukunft vieler junger Frauen und Familien wie in meinem Fall.
Herr Dr. Dekkers, Sie werden ab Oktober der neue Vorstandsvorsitzende von Bayer sein. Sie haben drei Töchter. Würden sie Ihnen die Yasminelle guten Gewissens empfehlen?
Können Sie sich in die Lage der Väter und Mütter versetzen, die stundenlang vor dem OP warten müssen und jedes Mal, wenn ein Arzt den OP verlässt, müssen sie damit rechnen, dass der Arzt sagt, dass sie den Kampf verloren hat. Oder dass er ihnen sagt, dass, sollte Ihre Tochter überhaupt überleben, sie dann aufgrund des Sauerstoffmangels dauerhafte Gehirnschäden haben wird? Können Sie sich das vorstellen? Mein Vater musste das erleben, meine Mutter, meine Geschwister und mein Freund. Alle Menschen, die ich liebe und die mich lieben mussten damit rechnen, dass ich sterben würde. Ohne nochmal die Möglichkeit gehabt zu haben sich zu verabschieden. Und viele Mädchen hatten die Möglichkeit nicht mehr.

Sie haben es zu verantworten, dass das Leben junger Frauen zerstört ist oder nicht mehr existiert. Wie können Sie morgens überhaupt in den Spiegel schauen???

Ich stand mitten im Leben und Ihre Pille hat mich da herausgerissen, mir Qualen und unerträgliche Schmerzen zugefügt und mich geschädigt hinausgespuckt in ein neues Leben, in dem ich Schwierigkeiten habe zurecht zu kommen. Schon auf der Intensivstation habe ich deshalb psychologische Betreuung erhalten und ich brauche auch heute noch eine Psychologin.
Sie haben mir meine Gesundheit genommen und dazu hatten Sie kein Recht. Sie bewerben die Pille als Produkt, nicht einmal als Medikament, sondern als Produkt, das dem ganzen Körper wohltut. Stattdessen sterben Mädchen deswegen und Sie verdienen Unmengen von Geld damit. Das ist menschenverachtend. Warum stellen Sie eine Antibabypille her, die Nebenwirkungen hat, die für die Verhütung nicht notwendig sind?
Wie erklären Sie es sich, dass meine Frauenärztin nachdem sie über die ersten Zwischenfälle der Pille in der Schweiz gelesen hat ihren Bayer-Vertreter, einen ihrer Studienkollegen, diesbezüglich befragte, dieser jedoch abgewiegelt und die Unbedenklichkeit der Pille weiterhin angepriesen hat?

Ich fordere Sie auf Verantwortung zu übernehmen. Hören Sie auf so zu tun als gäbe es uns nicht. Hören Sie auf uns zu verhöhnen, indem Sie sagen, dass alle Geschädigten Einzelfälle sind, Vorerkrankungen hatten und dass die Schäden nicht von der Pille kommen. Bedenken Sie, dass auch sie Vater oder Mutter eines solchen „tragischen Einzelfalls“ werden könnten. Reagieren Sie auf die Opfer, nehmen Sie die Pillen vom Markt und sprechen Sie mit uns. Im Moment schweigen Sie uns im wahrsten Sinnen des Wortes tot. Lassen Sie keine jungen Frauen mehr sterben. Mein Leben haben Sie schon zerstört.

Bienensterben

CBG Redaktion

Deutscher Imkerbund, 18. März 2010

Deutscher Imkerbund warnt vor Wiederzulassung von Clothianidin

Pflanzenschutzmittel werden in nahezu allen Kulturen zur Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten und –schädlingen eingesetzt, bienenrelevant sind dabei vor allem Raps, Mais und Obst. Das Insektizid Clothianidin aus der Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide ist in Deutschland seit 2004 in verschiedenen Pflanzenschutzmitteln enthalten, die überwiegend zur Saatgutbehandlung eingesetzt werden. Seit dem dramatischen Bienensterben in Baden und Bayern im Frühjahr 2008 ruhen teilweise die Zulassungen von Saatgutbehandlungsmitteln, die Clothianidin enthalten. Es war damals eindeutig festgestellt worden, dass eine Vergiftung der Bienen durch Abrieb dieses Pflanzenschutzmittelwirkstoffs bei Maissaatgut vorlag. Der Deutsche Imkerbund (D.I.B.) hat seither gegenüber allen zuständigen Behörden und der Politik mehrfach auf die Gefährlichkeit von Clothianidin und anderer Neonicotinoide hingewiesen und gefordert, dass diese klarstellen, dass eine Schädigung von Bienen und Brut durch Pflanzenschutzmittel nicht hinnehmbar ist.

Weiter muss geklärt werden, in wieweit die gute Wasserlöslichkeit der Neonicotinoide dazu führt, dass diese Wirkstoffe von Bienen beim Wasserholen ins Volk transportiert werden, z.B. bei Ausschwemmung an die Oberfläche oder durch liegengebliebenes Saatgut am Boden bei Regen. Untersuchungen der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim haben eindeutig nachgewiesen, dass Clothianidin durch Pflanzensaftausscheidungen (Guttation) von Bienen aufgenommen wird und stark toxisch wirkt.

Vor dem Hintergrund der Sondergenehmigung des BVL zum Einsatz des Pflanzenschutzmittels „Santana“ am 12. März fordert das Präsidium des D.I.B. nochmals ausdrücklich:

• keine Großflächenversuche und kein Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit neonicotinoiden Wirkstoffen, solange ein Schutz der Bienen nicht gewährleistet ist,
• umfassende Überprüfung der betreffenden zugelassenen Pflanzenschutzmittel hinsichtlich der Bienenvolkgefährlichkeit und Überwinterungsfähigkeit der Bienenvölker unter realen, natürlichen Bedingungen,
• umfassende Prüfung und Untersuchung der Auswirkung von neuen Pflanzenschutzmitteln vor Zulassung auf Bienen und Bienenvölker,
• umfassende Erforschung der subletalen Effekte von Neonicotinoiden auf Bienen und Brut
• sowie Erforschung der „Quellen“, wo sich Bienen überall Wasser holen.

Petra Friedrich, E-Mail: DIB.Presse@t-online.de

weitere Infos zum Bienensterben

[Gegenantrag] Gegenanträge BAYER HV

CBG Redaktion

Hauptversammlung am 30. April 2010: Gegenantrag zu Störfällen und Wasserverbrauch

Hiermit zeige ich an, dass ich zu Punkt 2 und 3 der Tagesordnung den Vorschlägen des Vorstands und des Aufsichtsrats widerspreche und die anderen Aktionäre veranlassen werde, für die folgenden Gegenanträge zu stimmen. Um Mitteilung der Gegenanträge sowie der Begründung darf ich gemäß §§ 125, 126 AktG bitten.

Gegenantrag zu TOP 2: Der Vorstand wird nicht entlastet

Im August 2008 kam es im BAYER-Werk Institute/USA zu einer schweren Explosion. Der Kongress in Washington setzte daraufhin einen Untersuchungs-Ausschuss ein, der zu alarmierenden Ergebnissen kommt: Es war demnach reiner Zufall, dass der explodierte Behälter nicht einen benachbarten Giftgas-Tank zerstörte. Wäre das Giftgas ausgetreten, „hätten die Konsequenzen das Desaster in Bhopal in den Schatten stellen können“. Auch beschreibt der Untersuchungsbericht, wie BAYER mit juristischen Manövern und der Diffamierung von Kritikern die öffentliche Meinung manipuliert hat.

Im Werk Institute kommen große Mengen der in Bhopal ausgetretenen Chemikalie Methyl Isocyanat (MIC) zum Einsatz. Noch vier Monate vor der Explosion hatten Vertreter der Coordination gegen BAYER-Gefahren in der BAYER-Hauptversammlung vor den Risiken der MIC-Tanks gewarnt und eine giftgasfreie Produktion gefordert. Die Warnungen wurden von BAYER-Chef Wenning jedoch als „unbegründet“ abqualifiziert.
Erst Wochen nach der Explosion stellte sich heraus, dass sich weniger als 20 Meter vom Explosionsort entfernt ein Behälter mit mehreren Tonnen MIC befand. Im US-Kongress wurde daraufhin ein Untersuchungsausschuss eingerichtet. Im Zuge der Ermittlungen wurden Hunderte firmeninterner Dokumente beschlagnahmt.
Der Untersuchungsbericht kommt zu alarmierenden Ergebnissen: Wegen eines Konstruktionsfehlers waren Sicherheits-Systeme in der Fabrik vorsätzlich deaktiviert worden. Dies war der Werksleitung bekannt, die Katastrophe hätte daher „leicht verhindert werden können“. Die Aussage von BAYER, wonach keine gefährlichen Stoffe in die Umgebung gelangten, sei „eindeutig falsch“. Wörtlich heißt es weiter: „Die Explosion in dem BAYER-Werk war besonders beunruhigend, weil ein mehrere Tonnen wiegender Rückstandsbehälter 15 Meter durch das Werk flog und praktisch alles auf seinem Weg zerstörte. Hätte dieses Geschoss den MIC-Tank getroffen, hätten die Konsequenzen das Desaster in Bhopal 1984 in den Schatten stellen können.“ Die Explosion in Bhopal kostete mindestens 15.000 Menschenleben.
Vertreter von BAYER hatten in der Anhörung unter Eid zugegeben, dass die Firma Anti-Terrorgesetze dazu missbrauchte, der Öffentlichkeit Informationen zu den Risiken der Anlage vorzuenthalten. Im Zuge der Ermittlungen wurde zudem ein Strategiepapier von BAYER veröffentlicht, in dem detailliert beschrieben wird, wie mit Hilfe von Spenden, Medienarbeit und Diffamierung von Kritikern die öffentliche Meinung gewonnen werden soll. Insbesondere die örtliche Tageszeitung Charleston Gazette, die seit langem über die Risiken des Werks berichtet, sowie die Bürgerinitiative People Concerned about MIC, die seit 25 Jahren für mehr Sicherheit in Institute kämpft, wollte BAYER „marginalisieren“ und „als irrelevant erscheinen lassen“.
Der US-Kongress urteilt denn auch unmissverständlich: „BAYER beteiligte sich an einer Geheimhaltungskampagne. Die Firma hat den Sicherheitskräften entscheidende Informationen vorenthalten, hat den Ermittlern der Bundesbehörden nur eingeschränkten Zugang zu Informationen gewährt, hat die Arbeit von Medien und Bürgerinitiativen unterminiert und hat die Öffentlichkeit unrichtig und irreführend informiert.“
Seit der Gründung des Konzerns ist zu beobachten, dass BAYER mit Druck und Drohungen versucht, freie Information und - noch mehr - Kritik zu unterbinden. BAYER setzt seine wirtschaftliche Macht rücksichtslos ein, um seine Profite zu schützen. Die Wahrheit und die Interessen von Mensch und Umwelt bleiben dabei auf der Strecke. Der Vorstand hat keine Schritte unternommen, solche unlauteren Praktiken zu unterbinden, und darf daher nicht entlastet werden.
Erst nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts erklärte sich BAYER bereit, die Lagerung von MIC in Institute um 80% zu reduzieren. Die explodierte Anlage soll nicht wieder aufgebaut werden. Die Produktion des in den USA ohnehin verbotenen Pestizids Carbofuran wird eingestellt.
Das Eingeständnis des Unternehmens, dass die Sicherheitslage in Institute verbessert werden muss, ist ein Erfolg der Umweltverbände und eine gute Nachricht für die Anwohner. Allerdings bleibt Institute auch nach dem geplanten Umbau das einzige Werk in den USA mit großen MIC-Tanks, in denen bis zu 20 Tonnen Giftgas lagern sollen. Außerdem macht BAYER bislang keine Angaben zur weiteren Verwendung der ebenso gefährlichen Chemikalie Phosgen, die in Institute ebenfalls in großen Mengen produziert wird.
Eine sichere Produktion ist erst möglich, wenn BAYER in der Kunststoff- und Pestizidproduktion neue Verfahren entwickelt, die ohne Giftgase wie MIC und Phosgen auskommen.
Der Vorstand trägt die Verantwortung für die beschriebenen Missstände und soll daher nicht entlastet werden (weitere Informationen).

Gegenantrag zu TOP 3: Der Aufsichtsrat wird nicht entlastet

Begründung: Die Fabriken von BAYER entziehen dem Boden enorme Mengen Grundwasser. Dies führt zu großen ökologischen Schäden.
Allein der Verbrauch der fünf größten BAYER-Werke in Nordrhein-Westfalen liegt jährlich bei 220 Millionen Kubikmetern Grund- und Flusswasser. Mit rund 130 Mio cbm liegt die Leverkusener Fabrik dabei an der Spitze. Das Monheimer BAYER-Werk verbraucht rund 50 Mio Kubikmeter Wasser. Zum Vergleich: die rund eine Million Einwohner von Köln benötigen zusammen etwa 57 Mio Kubikmeter Trinkwasser pro Jahr, also nicht einmal die Hälfte des Leverkusener Werks.
BAYER besitzt für seine Werke „alte Wasserrechte", die zum Teil bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Besonders kritisch zu sehen ist der hohe Verbrauch von Grundwasser, welches in der Regel sauberer ist als Flusswasser. Während allein das Leverkusener BAYER-Werk dem Boden 85 Millionen Kubikmeter Grundwasser entnimmt, beziehen große Teile von NRW ihr Trinkwasser aus aufwändig gereinigtem Rheinuferfiltrat.
BAYER versäumt es, verantwortlicher mit den Grundwasservorräten umgehen. Es wäre dringend geboten, stärker in Produktions- und Reinigungsprozesse zu investieren, bei denen keine Abwässer entstehen. Gebrauchswasser sollte in einem Kreislauf zurückgeführt und aufbereitet werden.
Um einen Anreiz zu schaffen, den Wasserverbrauch zu senken, hatte die damalige NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn im Jahr 2003 ein Wasserentnahmeentgelt eingeführt – bis dahin hatte BAYER gar keine Gebühren für die gewaltige Wasserentnahme entrichtet. Die Einnahmen sind zweckgebunden. Das Land finanziert damit Maßnahmen zum Gewässerschutz. BAYER und die BAYER-Tochterfirma CURRENTA zahlten hierfür 2008 rund 4,6 Millionen Euro.
BAYER-Chef Werner Wenning hatte das ökologisch sinnvolle Wasserentnahmeentgelt schon vor seiner Einführung heftig attackiert. Auch der von der NRW-Landesregierung eingeführte „Dialog Wirtschaft und Umwelt“, in dem BAYER (nicht aber die Umweltverbände) vertreten ist, hatte stets die Abschaffung gefordert. Die schwarz-gelbe Landesregierung gab dem Druck nun nach und gab die Streichung des WasserCent bekannt.
Ein ökologisch wichtiger Anreiz, Wasserentnahmen auf das unbedingt nötige Maß zu beschränken, geht hierdurch verloren. Insbesondere für die Entnahme von Kühlwasser wäre im Gegenteil eine deutliche Anhebung der Abgaben sinnvoll, um den erheblichen Auswirkungen der Erwärmung der Gewässer Rechnung zu tragen. Die Abschaffung des Wasserentnahmeentgelts wird auch die künftige Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie erschweren – entweder werden Projekte zum Gewässerschutz gestrichen, oder die Bürger werden über den Umweg anderer Steuermittel mit den erforderlichen Kosten belastet. Deutlich gerechter gewesen wäre es, die Verursacher der Gewässerbelastungen wie BAYER weitgehender in die Pflicht zu nehmen.
Der Aufsichtsrat hat keine ausreichenden Schritte unternommen, den enormen Wasserverbrauch zu senken, weshalb ihm die Entlastung zu verweigern ist.

[Yasmin] Gegenanträge BAYER HV

CBG Redaktion

Nebenwirkungen von Antibaby-Pillen: Gegenantrag zur BAYER-Hauptversammlung am 30. April 2010

Hiermit zeige ich an, dass ich zu Punkt 2 der Tagesordnung den Vorschlägen des Vorstands und des Aufsichtsrats widerspreche und die anderen Aktionäre veranlassen werde, für den folgenden Gegenantrag zu stimmen.

Gegenantrag zu TOP 2: Der Vorstand wird nicht entlastet

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass die Einnahme von Antibaby-Pillen das Risiko von Thrombosen und Embolien erhöht. Auch die Wahrscheinlichkeit von Schlaganfällen steigt. Da weltweit bis zu 100 Millionen Frauen mit der Antibaby-Pille verhüten, führen selbst relativ seltene Nebenwirkungen zu zahlreichen Schädigungen.
Daher ist es nicht zu akzeptieren, dass Antibaby-Pillen der neuesten Generation ein rund doppelt so hohes Embolie-Risiko tragen wie ältere Präparate. Die empfängnisverhütende Wirkung ist die selbe. Die höheren Nebenwirkungen lassen sich deshalb nicht rechtfertigen.
BAYER machte im vergangenen Jahr mit Antibaby-Pillen einen Umsatz von 1,28 Milliarden Euro und ist dadurch zum Weltmarktführer aufgestiegen. BAYER vermarktet dabei rücksichtslos Präparate wie YASMIN, YASMINELLE und YAZ mit dem neuartigen Hormon Drospirenon, ohne auf deren erhöhtes Risikoprofil hinzuweisen. Im Mittelpunkt der Werbung stehen angebliche Vorteile für Gewicht und Hautreinheit, also reine „Lifestyle“-Faktoren. Hierdurch kommt es zu vermeidbaren Zwischenfällen und sogar Todesfällen. Allein in den USA haben mehr als Tausend geschädigte Frauen Klage gegen BAYER eingereicht. In den USA hatte BAYER zudem 20 Millionen Dollar Strafzahlungen für falsche Versprechungen in YASMIN-Werbespots zahlen müssen.
Die von BAYER stets zitierte Euras-Studie, die die angebliche Sicherheit von YASMIN belegen soll, wurde von der Firma SCHERING - heute Teil von BAYER - selbst in Auftrag gegeben und von einem SCHERING-Mitarbeiter durchgeführt. Unabhängige Wissenschaftler kommen zu ganz anderen Ergebnissen. So zeigen zwei im vergangenen Jahr veröffentlichte Studien, dass drospirenon-haltige Pillen wie YASMIN gegenüber älteren Präparaten ein um etwa 80% erhöhtes Thrombose-Risiko verursachen. Fachzeitschriften hatten das Unheil kommen sehen und schon frühzeitig vor dem Gebrauch von YASMIN gewarnt.
Immer wieder kommt es auch in Deutschland zu schwersten Schädigungen und sogar Todesfällen. Eine der Geschädigten, Felicitas Rohrer, berichtet: „Dass ich noch lebe, ist ein Wunder und auf unglaublich tolle Arbeit der Ärzte und glückliche Umstände zurückzuführen". Die 25jährige hat im Juli 2009 nach der Einnahme der Pille YASMINELLE eine schwere Lungenembolie erlitten. „Fatal an dieser Antibaby-Pille ist, dass sie sich gezielt an junge Mädchen richtet. Die erste Packung kommt in einem schicken, silberfarbenen Schächtelchen mit Schminkpinsel daher. Zusammen mit dem angeblichen Vorteil, dass man nicht an Gewicht zunimmt, erhöht das die Akzeptanz bei jungen Frauen natürlich enorm. Aber sie erfahren nichts davon, dass sie damit ein höheres Risiko für Thrombosen und Embolien haben“.
Nicht gerettet werden konnte die 21jährigen Yvonne B, die im vergangenen September an einer Lungenembolie starb. Die junge Frau hatte monatelang unter Schmerzen im Brustbereich gelitten und sich mehrfach ärztlich untersuchen lassen. Yvonne B. hatte seit Ende 2008 das Präparat YAZ eingenommen, das ebenso wie YASMIN und YASMINELLE den Wirkstoff Drospirenon enthält. Und schon vor drei Jahren hatte die damals 16-jährige Céline eine Lungenembolie erlitten und wurde zum Pflegefall. Sie hatte YASMIN genommen. Jetzt ist die ehemals kerngesunde Schweizerin schwerbehindert.
In den USA wurden allein im Zeitraum von 2004 bis 2008 mehr als fünfzig Todesfälle durch YASMIN und YAZ gezählt. BAYER verweigert jedoch genaue Angaben zur Häufigkeit von schweren Nebenwirkungen und Todesfällen - angeblich um „die Kundinnen nicht zu verunsichern“. Tatsächlich sollen die negativen Informationen in der Schublade verschwinden, um den Absatz nicht zu gefährden. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert daher eine Offenlegungs-Pflicht aller gemeldeten Nebenwirkungen und aller Anwendungsstudien sowie wirksame Strafen für unlautere Pharma-Werbung.
Es ist empörend, dass neue Verhütungsmittel gefährlicher sind als alte. Antibaby-Pillen, deren Einnahme mit einem erhöhten Thrombose- und Embolie-Risiko verbunden ist, müssen verboten werden. Da der BAYER-Vorstand die Vermarktung von Präparaten mit erhöhten Nebenwirkungen nicht stoppt, ist seine Entlastung abzulehnen.
Ausführliche Informationen zum Thema finden sich auf der homepage der Coordination gegen BAYER-Gefahren unter http://www.CBGnetwork.de/3113.html.

[Rainer Roth] Referat Prof. Rainer Roth

CBG Redaktion

Rainer Roth, Vortrag auf der Jahrestagung 2009 der Coordination gegen BAYER-Gefahren, 7.11.2009 (weitere Infos unter http://www.klartext-info.de)

Finanz- und Wirtschaftskrise: Ursachen und „Lösungen“

1. Ist die Krise vorbei?
Die Industrieproduktion des ersten Halbjahres 2009 in Deutschland liegt um 21,3 % unter dem ersten Halbjahr 2008, im Euroraum um 18,5 %, in den USA um rund 14 %, in Japan um rund 20 %.
Der Auftragseingang in Deutschland liegt im ersten Halbjahr sogar um ein Drittel unter dem Vorjahreshalbjahr. Im Werkzeugmaschinenbau sind die Aufträge im dritten Quartal 2009 gegenüber dem Vorjahresquartal sogar um 64 % zurückgegangen. Das gibt einen Ausblick auf die Industrieproduktion der näheren Zukunft. Die Krise wird sich also verstärken.
Die Kapazitätsauslastung liegt im Euroraum und in den USA unter 70 %, in Deutschland bei 71,1%. Auf dem Tiefpunkt der letzten Krise in 2003 lag sie noch bei 82 %. Der letzte Aufschwung baute gewaltige Überkapazitäten auf und bereitete so die Krise vor. Da muss noch Einiges abgebaut werden.
Wirtschaftsminister Brüderle dagegen sieht Deutschland bereits im Aufschwung (Berliner Morgenpost 4.11.2009). Und die Financial Times Deutschland titelte:„Der Aufschwung kommt gewaltig,“ um dann festzustellen: „Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde daher 2009 nur um 4,8 % schrumpfen“ (FTD 04.09.2009). Der Aufschwung wird herbeigeredet, wenn die Industrieproduktion oder das BIP in einem Monat oder einem Quartal den Tiefpunkt des Abschwungs überschritten hat. So kann man mitten in der Krise schon einen Aufschwung melden, wenn sich der Abschwung nur ein wenig abschwächt.
Der Aufschwung hätte aber dann erst eingesetzt, wenn die Industrieproduktion eines Jahres den Höhepunkt des letzten Aufschwungjahres 2008 überschritten hätte. Dazu müsste sie 25 % höher sein als sie es bis einschließlich August 2009 war (eigene Berechnung; Monatsberichte Bundesbank, 10/2009, 62).
Die Vertreter des Kapitals wollen uns im Aufschwung weismachen, dass er robust und nachhaltig sei und auf ihn keine Krise folgen würde. In der Krise wollen sie uns einlullen, dass sie vorbei sei, auch wenn sie noch in voller Blüte steht. Die Herrschaften, die behaupten, sie verstünden etwas von Wirtschaft, wissen aber offensichtlich nicht, wie das System funktioniert, von dem sie leben bzw. betrügen uns.

Die bisherigen Wirtschaftskrisen dauerten 2 bis 3 Jahre. Ausgerechnet die tiefste Krise nach dem 2. Weltkrieg soll schon nach bloß einem Dreivierteljahr in einen neuen Aufschwung übergegangen sein? Das ist lächerlich. Wir stehen bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise erst am Anfang.

Die jetzige Krise wird vermutlich länger dauern als alle vorherigen der Nachkriegszeit. Ein Grund besteht darin, dass der letzte Aufschwung der Weltwirtschaft, die Grundlage der Konjunktur in Deutschland, weitgehend kreditfinanziert war, besser kreditgedopt. „Das Wachstumshormon ‚Schulden’ jagte die Wirtschaft auf Hochtouren“ (Benedikt Fehr, Weltwirtschaft im Umbruch, FAZ 22.04.2009). Es war eine künstliche Blüte, die in riesigen Überkapazitäten endete.
Den Banken flossen im letzten Zyklus gewaltige Kapitalmassen zu, die in der sogenannten Realwirtschaft weder profitabel investiert noch verkonsumiert werden konnten. Das Ausmaß des Kapitalüberschusses wird u.a. in den Bilanzsummen der Banken sichtbar. In den USA und im Euroraum verdoppelten sie sich im letzten Zyklus (2000 auf 2008).
Die Banken als Verwalter des arbeitslosen Kapitals waren gezwungen, die Kapitalmassen nahezu mit Gewalt als Kredit in den Wirtschaftskreislauf zu drücken. Daher explodierten im letzten Zyklus die Kredite an Konsumenten, Unternehmen und Staaten, aber auch an andere Banken. Die Gesamtverschuldung der USA z.B. verdoppelte sich von 2000 bis 2008 von 26,3 auf 52,3 Mrd. Dollar. Sie explodierte von 268 % des BIP auf 370 % des BIP im Q4 2008 (jw 30./31.05.2009, 9).
Die Gesamtverschuldung der USA, der Euro-Zone und Japans wuchs im letzten Konjunkturzyklus erheblich schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Kredite puschten Binnennachfrage und Weltproduktion hoch. Deshalb übertraf die vierjährige Wachstumsphase der Weltwirtschaft von 2004 bis 2007 mit stolzen 5 % jährlich deutlich die Raten der letzten Jahrzehnte und knüpfte an die Zeit vor der Weltwirtschaftskrise 1975 an. Die hohe Auslandsnachfrage, von der Exportweltmeister Deutschland profitierte, war „weitgehend kreditfinanziert“ (FTD 13.02.2009).
Was nicht in Kredite oder in die Hände von Betrügern a la Madoff floss, wurde in Spekulation auf Aktienkurse, Wechselkurse und in hunderttausende von Zertifikaten gesteckt, mit denen man auf alles wetten konnte, auch auf die Preisentwicklung von Nahrungsmitteln, Öl, Kupfer usw. Die Gewinne aus den von Banken verkauften Wetten heizten die Konjunktur weiter an.
Nicht nur die Überproduktion an Waren endet in der Krise, auch die Überproduktion an Kapital.
Nicht nur Industriekonzerne und Einzelhändler sitzen auf riesigen Überkapazitäten, sondern auch die Banken.
Wenn der Umfang der Kredite die Leistungsfähigkeit der Schuldner übersteigt, können sie irgendwann Zins und Tilgung nicht mehr zahlen. Kredite werden faul. Wertpapiere, die auf Kreditforderungen gründen, werden unverkäuflich, d.h. wertlos oder verlieren an Wert. In der US- Immobilienkrise zeigt sich der Zusammenhang zwischen Wirtschafts- und Finanzkrise deutlich. Der Kapitalüberschuss wurde gewaltsam in den Bau von Immobilien gedrückt. Der kreditgedopte Boom trieb die Immobilienpreise zunächst hoch, endete aber in einer gewaltigen Überproduktion von Immobilien mit entsprechend fallenden Häuserpreisen. Mit dem Schwund ihrer Sicherheiten sank die Kreditwürdigkeit der Schuldner. Ihre Zahlungsfähigkeit verringerte sich andererseits mit den Entlassungen und Lohnsenkungen in der Wirtschaftskrise, die in den USA schon 2007 begann. Die Überproduktion an Kapital wird mit Hilfe von Abschreibungen (Wertberichtigungen) reduziert. Der IWF schätzt inzwischen, dass Banken bis Ende 2010 weltweit auf Kredite und Wertpapiere noch 1.500 Milliarden Dollar abschreiben müssen. Bis zur Jahresmitte 2009 hätten sie schon 1.300 Mrd. Dollar abgeschrieben (focus money online 30.09.2009) und durch frisches Eigenkapital vor allem von Staaten ersetzt.
Für Deutschland schätzt die US-Bank Merill Lynch den weiteren Abschreibungsbedarf allein der Großbanken auf 60 Mrd. Dollar oder auf 75 % ihres Eigenkapitals (RP-Online 19.10.2009). Nach verschiedenen Angaben sollen bisher weniger als die Hälfte der notwendigen Abschreibungen vorgenommen worden sein. Wir stehen also auch bei der Bewältigung der Finanzkrise erst am Anfang.

Die Profitraten der nicht-finanziellen Unternehmen in Deutschland waren auf dem Höhepunkt des Aufschwungs im Jahr 2007 57 % höher als im Durchschnitt der 90er Jahre. Der Glanz der hohen Profitraten des vergangenen Zyklus ist ebenfalls auf Finanzdoping zurückzuführen. „Nur durch die hohe, aber weitgehend kreditfinanzierte Auslandsnachfrage war die Margenausweitung möglich“ (FTD 13.02.2009).
Die Scheinblüte der Profitraten, die die langfristige Tendenz ihres Falls überdeckt hat, musste in sich zusammenfallen. Die gewaltige Überproduktion von Geldkapital hat die normale zyklische Überproduktion von Waren erheblich gesteigert. Deshalb ist die jetzige Krise die tiefste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Die Finanzkrise ist nicht die Ursache der Wirtschaftskrise. Sie vertieft sie.
Die als Aufschwung verkauften geringeren Produktionsrückgänge gegenüber dem Vorjahr wiederum beruhen zur Zeit ausschließlich darauf, dass Staaten verzweifelt versuchen, die Folgen der Krise mit kreditfinanzierten staatlichen Konjunkturprogrammen abzumildern. Der Absturz der Industrieproduktion wird in vielen Ländern in erster Linie durch Abwrackprämien für den Kauf von Automobilien gelindert. Unter dem Einfluss der Verschrottungsprämie sank die KfZ-Produktion in Deutschland von Mai bis August nur um 20 % gegenüber dem Vorjahr, statt um 36 % im Durchschnitt der Monate Dezember 2008 bis April 2009 (Monatsberichte Bundesbank, 10/2009, 62).

2. Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise: Gier?
Die Chefredaktion der FTD schrieb an ihre Abonnenten: „Die Folgen schwerer Krisen werden am Ende immer von der Allgemeinheit getragen, ... schon gar nicht von jenen, die diese Krisen mit ihrer Gier ausgelöst haben.“ Dass Gier oder moralphilosophisch: der Verlust von Maß und Mitte die Ursache der Misere sei, ist auch die Meinung von Merkel und Obama, sowie der christlichen Kirchen und der SPD. Steinmeier in seinem Deutschland-Plan zu den Exzessen des schnellen Geldes, die die Finanzkrise erzeugt haben sollen:“ Die Gier gehört zum Menschen, aber wir können sie zügeln“ (Die Arbeit von Morgen, Juli 2009, 64). Die IG Metall schließt sich in ihrem Frankfurter Appell an: „Die aktuelle Krise ...ist von Grund auf das Ergebnis der Ideologie einer zügellosen Marktwirtschaft. ‚Mehr Rendite, schnellere Rendite, höhere Rendite“ – .... wurde schleichend zum überwiegenden Credo des wirtschaftlichen Handelns“. „Die grenzenlose Profitgier ... darf nicht weiter die Wirtschaft bestimmen. Diese Ideologie ist gescheitert.“
Dass die Oberen den Hals nicht voll genug kriegen, ist die volkstümliche Version dieser Erklärung der Krise, die von der überwiegenden Mehrheit der Lohnabhängigen geteilt wird. Daraus folgt die inständige Ermahnung, sich doch mit weniger zufrieden zu geben, um den Ausbruch von Krisen zu verhindern.

2.1. Profit ohne Gier?
Gezügelter Profit ja, aber nicht zügelloser Profit. Profit ja, aber bitte ohne Gier. Da die Jagd nach höherer Rendite angeblich nur ein Credo ist, ein Glaubensbekenntnis bzw. eine Ideologie, müsste man doch den falschen Glauben durch den richtigen Glauben ersetzen können, bzw. die falsche Ideologie durch die richtige Ideologie, um Krisen zu verhindern. Man kann ja auch vom Katholizismus zum Protestantismus übertreten.
Die Predigten gegen menschliche Gier als Ursache von Krisen sind so alt wie die kapitalistischen Krisen selbst. Die Londoner Times schrieb1857, zu Beginn der ersten Weltwirtschaftskrise des Kapitalismus: „Das Gift wird eingeflößt, indem man Banden hemmungsloser Spekulanten ... zu Musterexemplaren erfolgreichen ... Unternehmergeistes erhebt, so dass das Vertrauen in das langsame Reichwerden vermöge ehrlichen Fleißes erschüttert wird“ (zitiert nach MEW Bd. 12, 335). Würden sie doch bloß langsamer reich werden wollen, lautet die große Bitte an die Kapitalisten auch heute.
Die Krise 1873 – 1879 wird von der FAZ auf „krasse Überspekulation“ bei Gründungen von Unternehmen und Banken zurückgeführt, die zu gewaltigen Überkapazitäten geführt habe (Judith Lembke, 04.03.2008). John Kenneth Galbraith erzählt in seinem Buch über die Weltwirtschaftskrise 1929 „eine Geschichte der Gier, des Überschwangs und der Überheblichkeit. Niemand sah die Gefahren ...“ (Ulrich Schäfer, 1929 und 2008, SZ 26.09.2008). Die FAZ-Redakteure Gerald Braunberger und Benedikt Fehr fassen ihren Überblick über Finanzkrisen aus 400 Jahren mit den Worten zusammen:„Am Beginn jeder Krise steht eine durch billiges Geld und zügellose Gier ausgelöste Euphorie, die in einem bitten Zusammenbruch endet“ (Crash, Finanzkrisen gestern und heute, Frankfurt 2008) Moralpredigten aus vielen Jahrhunderten haben die Vertreter des Kapitals offensichtlich nicht beeindruckt, von ihrer Gier abzulassen. Man sollte sie also die nutzlosen Moralpredigten wie alle Vertrauensseligkeiten dahin entsorgen, wohin sie gehören, auf den Müllhaufen der Geschichte.
Wirtschaftskrisen wiederholen sich in gewissen Abständen, seit 1825 die erste kapitalistische Wirtschaftskrise ausbrach. Sie sind notwendige Folgen der sachlichen Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise und keine übergeschichtlichen Ergebnisse einer angeblich menschlichen Natur.

Nehmen wir als Beispiel die Automobilindustrie. Hier konkurrieren einige wenige Riesenkonzerne um die Aufteilung des Weltmarkts, General Motors, Ford, Daimler, VW, Toyota usw. Jeder produziert für sich auf der Basis seiner Produktionskapazitäten, die er möglichst ausnutzen will, um kein investiertes Kapital brachliegen zu lassen. Investieren und Spekulation auf zukünftige Marktanteile und Gewinne sind kaum zu unterscheiden. Jeder produziert möglichst viele Autos, weil davon die Höhe des Profits abhängt.
Aber: jeder produziert für einen Weltmarkt, dessen Aufnahmefähigkeit er nicht kennt. Daraus entsteht zwangsläufig Überproduktion. Niemand will sie, egal ob er gierig ist oder nicht, und doch produziert jeder Konzern bei, dass sie sich vermehrt. Es ist ein Zustand tiefer Unfreiheit und Ohnmacht, wenn Menschen von den Produkten ihrer eigenen Arbeit beherrscht werden. In ihrem Frankfurter Appell meint die IG Metall: „Die Krise ist ... kein Naturereignis, sie ist das Ergebnis menschlichen Willens und Handelns“. Das ist völlig konfus, denn niemand wollte doch die Krise. Obwohl niemand sie wollte ist sie dennoch Ergebnis menschlichen Handelns, das, weil es anarchisch ist, wie ein Naturereignis wirkt, wie ein Tsunami.
Die weltweite Überproduktion an Automobilien wurde schon vor Beginn der Krise auf 25 % geschätzt, jetzt könnte sie 40 bis 50 % betragen. Die Produktion ist in der Tat über’s Ziel hinausgeschossen, sie hat die Grenzen des Marktes nicht eingehalten. Allerdings als Folge der Produktionsverhältnisse insgesamt. Als Folge des Sondereigentums an Produktionsmitteln und der darauf beruhenden Konkurrenz, als Folge des Zwangs zur Kapitalverwertung, als Folge der Warenproduktion für unbekannte Märkte usw., nicht als Folge der menschlichen Gier, die eine Grenze überschritten hätte. Oberflächlichkeit der Analyse ist Trumpf, aber immerhin werden Krisen nicht mehr dem Willen Gottes zugeschrieben.
Krisen brechen auf dem Boden der Kapitalverwertung aus, selbst wenn die Piechs, Quandts, Ackermänner und Wiedekings ihre Zügellosigkeit zügeln könnten bzw. wenn sie durch staatliche Regulierungen gezügelt würden. Es ist unbestreitbar, dass Kapitalismus Gier und Spekulation produziert. In einem auf Privateigentum, auf privaten Vorteil, auf Egoismus gegründeten Wirtschaftssystem kann es nicht anders sein. Gier und Egoismus auf der Basis des Privateigentums abschaffen zu wollen, ist reine Träumerei. Gier und Spekulation sind jedoch nicht das Kernproblem von krisenhaften Erkrankungen des Wirtschaftskörpers, ebenso wenig, wie das Fieber die Ursache von Krankheiten ist. . Es ist der Zwang zur Kapitalverwertung auf der Basis von riesigen Einzelkapitalien, der die Überproduktion von Autos usw. erzeugen musste und in Zukunft wieder erzeugen wird.
Die Kritik an der Profitgier führt letztlich zur Resignation, weil sie wirkungslos ist. Sie führt zu der fatalistischen Auffassung, dass die menschliche Natur offensichtlich nichts Anderes hervorbringen kann, als eine Gesellschaft mit lauter Geiern, die eben nicht gezügelt werden können. In der Tat können sie ebenso wenig gezügelt werden, wie man Reineke Fuchs von einem Raubtier zu einem Vegetarier und frommen Pilger machen kann. Krisen sind vermeidbar, allerdings nicht auf dem Boden der Kapitalverwertung, auf dem Boden des Raubtierkapitalismus.

2.2. Wieso führt die Gier von Bankern zu sinkenden Bankrenditen?
Die Erfindung von riskanten, innovativen Finanzprodukten wird ebenfalls auf Gier zurückgeführt. „Diese Gier schlug sich in einer Risikoneigung nieder, die im Verhältnis zu Eigenkapital übertrieben war“ (FAZ 29.05.2009) Was auf der Oberfläche als Gier erscheint, war aber in Wirklichkeit der verzweifelte Versuch, dem Fall der Eigenkapitalrenditen der Banken entgegenzuwirken.

Nehmen wir als Beispiel die HRE/Depfa. Zweifellos waren beide Vorstandsvorsitzenden gierig. Funke verlangt die Weiterzahlung seines vertraglich zugesicherten Gehalt von 800.000 Euro jährlich bis 2013 und im Anschluss daran eine monatliche Pension von etwa 50.000 Euro im Monat. Bruckermanns Gehalt belief sich in seinen besten Tagen auf 7 Mio. Euro im Jahr. Beim Verkauf der Depfa an die HRE tauschte er Depfa- gegen HRE-Aktien um und verkaufte sie sofort für 100 Mio. Euro weiter. Er wusste, warum er sich so beeilte.
Aber: die Probleme der HRE/Depfa entstanden nicht durch Geier namens Funke und Bruckermann.
Die Depfa war auf die Finanzierung von Staaten spezialisiert. Da Staaten aber in der Regel (noch) gute Schuldner mit guter Bonität sind, bringen sie nur geringe Zinsen und damit nur geringe Renditen. Die Rendite kann jedoch erhöht werden, wenn man sich die Gelder, die man an Staaten verleiht, möglichst billig besorgt. Das funktioniert, wenn die Zinsen für Kredite mit kurzen Laufzeiten, z.B. drei Monate, gering sind. Man nimmt also kurzfristige Kredite zu niedrigen Zinsen auf und verwandelt sie in langfristige Kredite zu höheren Zinsen. In der Bankersprache wird das als „Fristentransformation“ bezeichnet. Da aber das Niveau von Zinsen mit dem Konjunkturverlauf schwankt (niedrige Zinsen in Krisenzeiten, höhere Zinsen im Aufschwung) musste sich die Zinsdifferenz reduzieren. Die Fristentransformation platzte im Aufschwung ab 2005 nach und nach.
Die HRE dagegen war ursprünglich auf Immobilienfinanzierung spezialisiert. Die Eigenkapitalrendite der Realkreditinstitute (zu denen Hypothekenbanken wie die HRE gehören) war aber schon ab 2005 erheblich gefallen. Sie liegt unterhalb der Renditen des Bankgewerbes insgesamt (vgl. Rainer Roth; Verstaatlichung der Hypo Real Estate: Die Verhinderung des Weltuntergangs, Frankfurt 2009, 7 – www.klartext-info.de). Die HRE hatte zwar „hochproblematische Kredite“ vergeben (Vorstandschef Endres), aber keine spekulative Fristentransformation betrieben. Ihre Eigentümer, mehrheitlich amerikanische Heuschrecken, organisierten genau deswegen die Übernahme der Depfa. Und die Gläubiger der HRE finanzierten sie. Alle erhofften sich dadurch eine Steigerung der Renditen.

Was als Gier von Bankern erscheint bzw. als Streben nach einer unrealistisch hohen Rendite,war in Wirklichkeit ein verzweifelter Kampf gegen den Fall der Bankprofitraten. Hier liegt auch im Allgemeinen die Quelle der riskanten, spekulativen Geschäfte, die in der Finanzkrise platzten.
Selbst Axel A. Weber, der Bundesbank-Chef, sprach davon, dass die Kreditwirtschaft ihre Verluste vor allem mit Wertpapiergeschäfte gemacht habe, die getätigt wurden, „um die zu geringen Margen im Kreditgeschäft im Inland zu ersetzen und durch höhere Erträge am Kapitalmarkt oder von Immobilienmärkten im Ausland auszugleichen“ (Börsen-Zeitung 12.12.2008). Die Eigenkapitalrendite der Kreditinstitute in Deutschland vor Steuern betrug von 1994 bis 1999 durchschnittlich rund 14 %. Im Jahre 2000 brach sie auf 9,32 % ein. In der Krise 2001 bis 2004 sank sie auf durchschnittlich 4 %, erreichte einen neuen Höhepunkt 2005 mit 13 %, um dann deutlich zu sinken und im Jahre 2008 auf minus 7,70 % abzurutschen (http://www.bundesbank.de/bankenstatistik/download/statistik/bankenstatistik/guv_tab6.pdf).

Wie ist zu erklären, dass die rücksichtslose Jagd nach Renditen zu einem deutlichen Fall der Renditen geführt hat, nicht zu „immer höheren Renditen“? Es ist oberflächlich nur von der Jagd nach immer höheren Renditen zu sprechen, ohne die wirkliche Entwicklung der Renditen zu studieren bzw. die wirkliche Entwicklung der Renditen chronisch auszuklammern. Wie kann die „Ideologie der grenzenlosen Profitgier“ dazu führen, dass die angeblich „phantastischen Gewinne“ im Verhältnis zum eingesetzten Kapital sinken? Diese gefährliche Frage stellen sich alle diejenigen nicht, die sich für die Schranken des kapitalistischen Systems nicht interessieren, insbesondere nicht Sozialdemokraten aller Schattierungen. Die Profitgier scheint Grenzen zu haben, die nicht der Staat oder die Moral, sondern die Kapitalverwertung selber setzt.
Das kapitalistische System strebt zwar in der Tat nach immer höheren Renditen, aber das Kapital schafft es nicht. Die durchschnittlichen Renditen innerhalb der Wirtschaftszyklen fallen auf lange Sicht in der Tendenz.
Die Entwicklung der Profitraten müsste nüchtern untersucht werden, wenn man sich nicht mit Phrasen zufrieden geben will, denn die Profitraten sind der „Stachel der kapitalistischen Produktion“ (Karl Marx, Kapital Bd. III, MEW 25, 251). Aber wer nimmt das heutzutage schon noch ernst außer den Kapitalisten selbst? Die Kapitalverwertung dagegen als Idylle von Milliardengewinnen darzustellen, ist unter LohnarbeiterInnen und in der sogenannten Linken vorherrschend.
Die Bankrenditen sind aber gerade wegen des Kapitalüberschusses, den die Realwirtschaft produziert, deutlich gefallen. Der Kapitalüberfluss führt zu tendenziell sinkenden Zinsen und zum Fall der Zinsspannen, d.h. des Verhältnisses von Zinsüberschuss zur Bilanzsumme (vgl. Roth, Finanz- und Wirtschaftskrise: Sie kriegen den Karren nicht flott ... , Frankfurt 2009, 8-11; www.klartext-info.de). Zinsen aus Kreditgeschäften sind aber die Haupteinnahmequelle der Banken.
Der von Banken verwaltete Kapitalüberschuss selbst wiederum ist eine Folge der Verschlechterung der Verwertungsbedingungen des Kapitals insgesamt. Sinkende Investitionsquoten, Druck auf die Löhne, auf Steuern usw. spiegeln die Probleme der Kapitalverwertung wieder (vgl. Roth, Finanz- und Wirtschaftskrise: Sie kriegen den Karren nicht flott ... , Frankfurt 2009, 47-50). Der Fall der Bankrenditen war der Motor für die inflationäre Ausbreitung von abenteuerlichen Geschäftspraktiken, mit möglichst wenig Eigenkapital Gewinne zu machen. Die Explosion der Verbriefungen von Krediten über Wertpapiere seit dem Anfang dieses Jahrhunderts, die Vergabe von Krediten zum Zweck des sofortigen Weiterverkaufs, die Kreditversicherungen, die die Kredite dem Schein nach absicherten, weil die Versicherer die notwendigen Sicherheit für den Versicherungsfall gar nicht hatten, der massive Einsatz von Krediten überhaupt und die damit verbundene Geldschöpfung – all das waren Mittel, die Bankrenditen wieder auf Trab zu bringen. Die ausufernde Spekulation, die selbst einen Hans-Werner Sinn vom „Casinokapitalismus“ sprechen lässt, ist nur ein Symptom des Kapitalüberschusses, der ebenso wie wachsende Überschüsse an Arbeitskräften wiederum notwendige Folge der Entwicklung der Produktivität unter der Regie der Kapitalverwertung ist. Die Spekulation mit Kapitalüberschüssen ist nicht die Ursache der Finanzkrisen, sondern die Kapitalüberschüsse selbst, die wiederum Probleme der Kapitalverwertung anzeigen. Deshalb können Finanzkrisen auch durch ein Verbot dieser Methoden nicht verhindert werden. Was nicht bedeutet, dass man nicht für Verbote eintreten sollte.

2.3 Krise als Folge falscher Verteilung?
„Die Wirtschaftskrise ist durch die viel zu schwache Binnennachfrage verursacht“, erklärt verdi (ver.di wipo-infos 1/2009,2). Das ist die vorherrschende Erklärung der Krise in den DGB-Gewerkschaften und in der Linkspartei („wichtigste Krisenursache (sei) die Konsumflaute“, erklärte die Bundestagsfraktion (Roth 2009, 96). Die Krise wird als Produkt der Umverteilung von unten nach oben gesehen.
In der Tat: Wenn alle genug Geld hätten, um alle Waren zu kaufen, gäbe es keine Überproduktion von Waren und Kapital. Und wenn immer die Sonne scheinen würde, gäbe es auch kein schlechtes Wetter.
Es ist reine Tautologie, dass Waren nicht verkauft werden, weil sie nicht gekauft werden können.

Aber: Ausgerechnet vor Beginn der Krisen sind die Lohnsteigerungen am höchsten. Hohe Lohnsteigerungen verhindern Krisen also nicht, sondern kündigen sie geradezu an. Das Lohnniveau ist vor Ausbruch der Krise am höchsten, weil die Nachfrage nach Arbeitskraft im Aufschwung, der jeder Krise vorausgeht, eben zunimmt und von daher höhere Lohnsteigerungen möglich sind. Jeder Aufschwung bereitet aber die nächste Krise vor, erzeugt die Überproduktion, die in der Krise wieder abgebaut werden muss. Höhere Lohnsteigerungen auf dem Höhepunkt des Aufschwungs würden den Beginn der Krise allenfalls hinauszögern, nicht verhindern.
Die Lohnentwicklung hängt allgemein vor allem von der Entwicklung der Nachfrage nach Arbeitskraft ab. Arbeitskräfte sind Waren, deren Preis sich auf dem Arbeitsmarkt bildet. Diese Nachfrage sinkt langfristig aufgrund höherer Produktivität, vor allem aufgrund des technischen Fortschritts und der wachsenden Konzentration des Kapitals. Folge ist ein gewaltiger Überschuss an Arbeitskräften und ein deswegen tendenziell sinkendes Lohniveau.
Andererseits eignen sich die Eigentümer der durch Akkumulation und Fusionen wachsenden Kapitalien die unbezahlte Arbeit der LohnarbeiterInnen an und werden dadurch verhältnismäßig reicher. Es sind die Eigentumsverhältnisse, die Produktionsverhältnisse, die eine wachsende Ungleichheit der Verteilung erzeugen. Wachsende Armut und gleichzeitig wachsende Profitmassen und wachsender Reichtum ist nicht die Folge von Fehlern der Kapitalisten oder des Staates. Wenn etwas falsch ist, dann nicht die Verteilung, sondern die Produktionsverhältnisse, die die die jeweilige Verteilung hervorrufen. Von daher ist es „überhaupt fehlerhaft, von der sog. Verteilung Wesens zu machen und den Hauptakzent auf sie zu legen“ (Marx, MEW 19, 22). Die Produktionsweise ist entscheidend für die Verteilung, nicht umgekehrt.
Die riesigen Kapitalüberschüsse, die die sogenannte Realwirtschaft den Banken zur Anlage überlassen hat, sind ebenfalls nicht in erster Linie das Ergebnis einer „Politik des Lohn- und Sozialdumpings“ und der „Senkung von Unternehmens-, Vermögens- und Spitzensteuersätzen“, wie Sarah Wagenknecht meint (jw 15.10.2008). Sie haben in erster Linie nicht politische, sondern ökonomische Ursachen, die in der Entwicklung der Kapitalverwertung liegen, die sich in wachsendem Maße den Boden unter den Füßen wegzieht.

3. Lösungen?
Das Kapital „löst“ die Krise auf seine Art.
Die Überkapazitäten in Produktion, Handel und Finanzwesen werden abgebaut, indem eine Reihe von Unternehmen und Banken bankrott gehen oder bestehende Unternehmen Werke oder Filialen schließen, Konzernteile verkaufen usw. Folge ist eine zunehmende Konzentration des Kapitals, vor allem sichtbar in den USA.
Überkapazitäten bedeuten nicht nur Überkapazitäten an sachlichen Produktionsbedingungen, sondern auch Überkapazitäten an nutzbarer menschlicher Arbeitskraft. Die Krise wird nicht nur mit der Stillegung von sachlichem Kapital angegangen, sondern auch mit dem Abbau von beschäftigten Arbeitskräften. In den USA z.B. hat sich die offizielle Arbeitslosenquote seit Ende 2007 auf mehr als zehn Prozent verdoppelt.
Die Vernichtung von realem Kapital wird begleitet vom Abbau des fiktiven Kapitals. Fiktives Kapital ist Kapital, das längst ausgegeben wurde, aber in Form von Ansprüchen auf Unternehmensgewinne, auf Steuern, auf die Zahlung von Zinsen usw. auch nach seinem „Tode“ noch weiterlebt. Die Ansprüche beziehen sich auf ein Kapital, das längst ausgegeben ist. Aktien, Kredite an Staaten, Unternehmen und Privatpersonen werden selbst wiederum zu Waren, die gehandelt werden. Die Kapitalüberschüsse wollen nicht beschäftigungslos herumlungern und pumpen die Preise dieser Papierchen zu sogenannten Blasen auf. Wenn die Blase in sich zusammenfällt, werden die fiktiven Werte geringer, ohne dass sich der wirkliche Reichtum der Gesellschaft vermindert. Insofern allerdings fiktives Kapital in die Bilanzen von Banken und Unternehmen eingeht, führt das Luftablassen der Vermögensblasen auch zu realen Verlusten, die die Kapitalverwertung zusätzlich erschweren.
Aber: Das Kapital wehrt sich mit Hilfe des Staates gegen die zerstörerischen Marktgesetze. Nachdem viele Kredite an Konsumenten und Unternehmen faul geworden sind, treten Staatskredite an die Stelle der Bankkredite, um die kreditsüchtige Wirtschaft weiterhin dopen zu können. Der weltweite Umfang der staatlichen Konjunkturspritzen beträgt drei Billionen Dollar. Auf die USA entfallen etwa 1 Bio. Dollar. Das entspricht etwa 7 % des BIP der USA. Chinas Konjunkturprogramme entsprechen 14 % des BIP, Japan erreicht 9 %, der Euroraum nur 1,6 % (Tomasz Konicz, Aufschwung auf Pump, jw 29./30.08.2009). Mit Staatskrediten wird der Kauf von Autos und Immobilien gefördert. Mit Staatskrediten werden Investitionen in die Infrastruktur getätigt. Mit Staatskrediten werden Banken und Unternehmen mit Kapital versorgt, die ansonsten in die Insolvenz gehen müssten, allerdings meist ohne dass der Staat daraus Eigentümeransprüche ableitet. Ein Beweis dafür, dass er der oberste Diener des Kapitals ist und nicht sein Herr werden will. Mit kreditfinanziertem Staatskapital werden Insolvenzen verhindert und Überkapazitäten am Leben gehalten, ein Sisyphusakt.
Großen Umfang haben auch die staatlichen Garantien für Bankkredite. 95 % der neu ausgegebenen Hypothekenkredite in den USA z.B. werden staatlich garantiert, in dem die verstaatlichten Fannie Mae und Freddie Mac sie von privaten Hypothekenbanken aufkaufen (FAZ 28.10.2009).
Die Zentralbanken kaufen in großem Umfang faule Wertpapiere auf, entlasten so die Bankbilanzen und versorgen die Banken mit Geld. Andererseits kaufen Zentralbanken auch Staatspapiere und zahlen mit frisch gedrucktem Geld. Der Verkauf von Staatspapieren wiederum läuft über Banken und ist eine ihrer Profitquellen.
Die Verschuldungsmaschinerie wird mit massiver staatlicher Unterstützung aufrechterhalten und verlagert sich mehr und mehr auf die Staatshaushalte. Laut Eurostat wurde die Staatsschuld im Euroraum durch die Bankenrettungsprogramme 2008 um 175 Mrd. Euro erhöht oder 1,9 % des BIP. Für 2009 rechnet man mit 1.200 Mrd. Euro oder 13 % des BIP (FAZ 23.10.2009). Das dicke Ende kommt also noch.
Es hieß, die Ursache der Finanzkrise seien die niedrigen Zinsen der US-Zentralbank gewesen, die zu einem Immobilienboom auf Pump geführt hätten. Jetzt wird die Rettung aus der Finanzkrise in noch niedrigeren Zinsen gesehen. Billigkredite und Zentralbankgelder produzieren schon wieder neue Preisblasen an den Aktien- und Rohstoffmärkten und beleben die Spekulation. Wehe aber den Staatshaushalten, wenn die Zinsen der explodierenden Staatsschulden in einem zukünftigen Aufschwung wieder steigen sollten.
Die Staaten haften also mit gigantischen gesellschaftlichen Mitteln für die Folgen der privaten Profitproduktion und mildern sie ab. Den Vogel schießen die USA ab. Der US-Haushalt des Jahres 2009 wird etwa zur Hälfte mit der Aufnahme von Staatsschulden bestritten.
Je mehr sich das Kapital nur noch mit gesellschaftlichen Mitteln über Wasser halten, desto deutlicher wird, dass es entbehrlich ist.

Aber auch der Staatskapitalismus kann die unlösbaren Widersprüche der Kapitalverwertung und der Marktgesetze nicht unter Kontrolle bekommen. Je mehr er es versucht, desto stärker wird die Wucht sein, mit der er die Folgen auf die ganze Gesellschaft, vor allem auf die LohnarbeiterInnen abladen, mit der er also die Verarmung der Mehrheit vorantreiben muss. Je höher die Staatsschulden, desto mehr wird der Staat ferner dem Willen des Finanzkapitals unterworfen, das seinen Haushalt am Leben hält. Die Abhängigkeit der kapitalistischen Staaten vom Finanzkapital wird umso größer, je höher ihr Kreditbedarf ist. Um so merkwürdiger ist es, wenn Kritiker des Kapitalismus so stark für höhere Staatsschulden plädieren.

4: Die Antwort der Lohnabhängigen
„Wir zahlen nicht für Eure Krise!“ hieß das Motto der Demonstrationen, die am 28. März stattgefunden haben und heißt das Bündnis, das sie organisiert hat.

Das sollte vor allem bedeuten:
4.1 Wir müssen zuallererst für Forderungen eintreten, die die unvermeidlich steigende Arbeitslosigkeit möglichst vermindern und andererseits abmildern.
* An erster Stelle würde eine deutliche Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich stehen. Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich, die im Aufschwung praktiziert wurde, hat den Widerspruch zwischen Konsumtion und Produktion vergrößert und damit die Krise vertieft. Angesichts des massiven Produktionsrückgangs wird zur Zeit die Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich verkürzt, in Form von Kurzarbeit bzw. tariflicher Arbeitszeitverkürzung. Wir brauchen eine dauerhafte, deutliche Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich, weil sich die gestiegene Produktivität seit 20 Jahren nicht mehr in Arbeitszeitverkürzung oder Lohnerhöhungen niedergeschlagen hat. Die LohnarbeiterInnen wurden lange genug ausgenommen. Die Propaganda für die 30 Stundenwoche ist aktueller denn je, zumal in der Krise Werte vernichtet werden, die in Milliarden Arbeitsstunden erzeugt worden sind. Was soll das?
* Notwendig wäre ferner eine deutliche Verlängerung des Alg I auf fünf Jahre. Da die Dauer der Arbeitslosigkeit in der Krise zunimmt, weil sie mit höherer Produktivität und gewachsener Konzentration des Kapitals „gelöst“ wird, muss auch die Dauer des Arbeitslosengelds zunehmen.
80% des Nettolohns sind erforderlich, um den Absturz in Hartz IV zu vermeiden.
* Der Eckregelsatz von Hartz IV muss auf mindestens 500 Euro erhöht werden. 359 Euro bedeuten gesellschaftliche Isolation und Mangelernährung (vgl. www.500-Euro-Eckregelsatz.de). Je besser diese Forderung begründet wird, desto mehr wirkt das wenigstens der Tendenz entgegen, dass im Laufe der Krise das Regelsatzniveau gesenkt wird. Das Regelsatzniveau, als Form des sozialen Existenzminimums, ist zugleich der wichtigste Maßstab für den zu fordernden gesetzlichen Mindestlohn.
* Um dem in der Krise wachsenden Druck auf Lohnsenkungen einen Riegel vorzuschieben, ist ein gesetzlicher Mindestlohn von mindestens zehn Euro zu fordern. Da das soziale Existenzminimum von Erwerbstätigen nicht besteuert werden darf, muss der gesetzliche Mindestlohn lohnsteuerfrei sein.
Die Kampagne für mindestens 500 Euro Eckregelsatz und zehn Euro Mindestlohn, lohnsteuerfrei, sollte unterstützt werden. Wie das geschehen kann, ist der website www.500-euro-eckregelsatz.de zu entnehmen.

Der DGB hat sich inzwischen für 420 Euro Eckregelsatz ausgesprochen. Bei einer Mindestlohnforderung von 7,50 Euro bedeutet das jedoch, einen Ausbau von Lohnsubventionen zu fordern, da schon ein Nettomonatslohn auf der Basis von 7,50 Euro und 359 Euro Eckregelsatz unterhalb des durchschnittlichen Hartz IV-Niveaus eines Alleinstehenden liegt. Der Kampagnenrat des Bündnisses 500-Euro-Eckregelsatz hat einen Brief an den DGB-Bundesvorstand geschrieben, dass die 420 Euro-Forderung einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro notwendig macht, wenn man nicht den Ausbau von Lohnsubventionen anstrebt. Die Antwort war, dass die Argumentation „nachvollziehbar“ sei, aber Schwarz-Gelb es nicht zulasse. Grundsätzlich müssen alle Forderungen aber nicht am Maßstab der „Durchsetzbarkeit“ gemessen werden, sondern daran, ob sie den Interessen der Lohnabhängigen entsprechen, d.h. in diesem Fall dem so formulierten sozialen Existenzminimum eines alleinstehenden Lohnabhängigen oder nicht. Da der DGB seine 7,50 Euro-Forderungen auf dem nächsten Gewerkschaftstag erhöhen will, ist die Zeit günstig, für die 10 Euro-Forderung zu kämpfen.

* Wir sollten all diese Forderungen jedoch nicht mit Illusionen über den gegenwärtigen Kapitalismus verbinden. Wir sollten nicht erklären, dass diese Forderungen Schritte auf dem Weg zu einer solidarischen Gesellschaft seien, wie es das Bündnis „Wir zahlen nicht für Eure Krise“ tut. Eine Wirtschaftsordnung, die auf Ausbeutung beruht, wird nie eine solidarische Gesellschaft sein können.
* Wir sollten nicht Erklärungen abgeben wie: „Die Folgen der Wirtschaftskrise dürfen nicht auf den Arbeitsmarkt übergreifen.“(IG Metall-Chef Huber in metall 11/2009, 3). Wir haben die tiefste Krise der Nachkriegszeit und sie darf, anders als alle bisherigen Krisen, nicht zu Entlassungen führen? Im Übrigen hat im November 2009 die Krise längst auf den Markt für die Ware Arbeitskraft übergriffen, gerade in der Metallindustrie, und das auch mit Zustimmung der IG Metall. Entlassungen sind in vollem Gange, werden allerdings durch den Ausbau der versteckten Arbeitslosigkeit abgemildert.
* Wir sollten Forderungen nach Mindestlohn und höheren Arbeitslosenunterstützungen auch nicht als Mittel zur Stärkung der Binnennachfrage, als soziales Konjunkturprogramm verkaufen. Es geht um Grundbedürfnisse von LohnarbeiterInnen, nicht um Umsatz- und Profitsteigerung. Wir sollten den Mindestlohn auch nicht als Verwirklichung der Menschenwürde oder der Fairness begründen, wie es Linkspartei, SPD und ver.di tun (ausführlich zu den Forderungen gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise: Roth 2009, 91-95; 114-116).
* Wir sollten radikale Forderungen zur Abmilderung der Angriffe des Kapitals auch nicht als Mittel hochjubeln, dass damit in Zukunft Krisen vermieden werden könnten. Sarah Wagenknecht erklärt z.B., dass: „ohne Frage eine radikale Umverteilung der Einkommen und Vermögen von oben nach unten ... das Nachfrageproblem von selbst erledigen“ würde (junge welt 07./08.02.2009).
* Wir sollten nicht von einem „Schutz- oder Rettungsschirm“ sprechen und das bei lächerlichen 7,50 Euro. Ein Schirm verhindert, dass man nass wird. Schutz vor Lohn- und Sozialabbau auf der Grundlage der Kapitalverwertung ist eine illusorische Vorstellung. Die Existenzunsicherheit wächst gerade in der Krise.

Das Interesse, den Kapitalismus innerhalb der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und innerhalb der sozialen Bewegung schönzureden, scheint gestiegen zu sein, obwohl oder vielleicht gerade weil sich seine Wohlstandsversprechen für alle immer mehr entblättern.
Die Verwirklichung aller genannten Forderungen und auch Schritte in diese Richtung sind Mittel, die Folgen der Krise auf diejenigen abzuladen, die sie mit ihren Privatinteressen verursacht haben. Sie senken die Profitraten des Kapitals.

4.2 Wir müssten für ferner für Forderungen eintreten, die es Finanzkonzernen erschweren, Verluste aus spekulativen Anlagen zu machen und sie auf die ganze Gesellschaft abzuladen.

* An erster Stelle steht dabei die drastische Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen. Um dem Fall der Bankrenditen entgegenzuwirken, haben die Banken ihr Eigenkapital mehr und mehr vermindert und sich auf riskante Geschäfte ohne Eigenkapitalunterlegung verlegt. Sie haben damit ihre Fähigkeit deutlich vermindert, selbst für die von ihnen verursachten Verluste aufzukommen. Sie setzen seit langem auf eine unausgesprochene Staatsgarantie, die jetzt in der Krise eingelöst wurde. Schon eine Eigenkapitalunterlegung von 10 % der Bilanzsumme würde dazu führen, dass die Mittel deutlich stiegen, mit denen Banken für ihre Verluste haften können, ohne gesellschaftliche Mittel über den Staat in Anspruch zu nehmen. Die Deutsche Bank hätte dann 2008 ihre Geschäfte mit 220 Mrd. Euro unterlegen müssen statt wie rund 30 Mrd. Euro. Das Verhältnis des Eigenkapitals zur Bilanzsumme aller Unternehmen liegt bei 25 %. Warum soll ausgerechnet Banken durch Unterausstattung mit Eigenkapital der staatliche Teppich zum Casino ausgerollt werden?

* Der Einlagensicherungsfonds der Banken muss so ausgebaut werden, dass die Banken selbst und nicht die Allgemeinheit für Bankverluste aufkommen muss. Im Fall der HRE haben es die Großbanken durch die von ihnen betriebene Verstaatlichung der HRE geschafft, sich den Bundeshaushalt als Sicherungsfonds für ihre unbesicherten Kredite auszugestalten. Sie haben ihre privaten Verluste in voller Höhe über die Verstaatlichung sozialisiert. Soffin-Chef Hannes Rehm erklärte vollmundig: „Wir müssen den Zustand überwinden, in dem die Gewinne privatisiert werden und Verluste sozialisiert“ (FAZ 3.11.2009). In der Realität spielt das keine Rolle. In Bezug auf die HRE bedeutet die schöne Formel, dass alle Verluste, die jetzt für den Staat entstehen, über eine Sonderabgabe der Finanzkonzerne in voller Höhe getragen werden müssen. Es könnte sich letztlich um eine Summe in Höhe von 25 Mrd. Euro handeln.

* Kredite, deren Bedienung über Wertpapiere weiterverkauft wird, müssen in den Büchern der Banken bleiben. Alle außerbilanziellen Geschäfte sind zu untersagen. Kreditversicherungswertpapiere ohne Sicherheiten sind zu verbieten usw.

Wir sollten diese Forderungen oder andere Forderungen zur Regulierung der Finanzmärkte aber nicht mit der Illusion verbinden, dass dadurch die nächste Finanzkrise verhindert werden könnte. Das sollten wir den Regierungsparteien und der SPD überlassen. Die Finanzkrise ist eine Folge der Überproduktion von Kapital, eine Folge der Kapitalüberschüsse, die die „Realwirtschaft“ produziert, nicht eine Folge der Form der Verwaltung dieser Kapitalüberschüsse. Deswegen gilt nach wie vor: „Keine Art Bankengesetzgebung kann die Krise beseitigen“ (Karl Marx, Kapital Bd. III, Seite 507). Die Eigenkapitalausstattung des britischen Banksystems vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 lag z.B. bei 9 % der Bilanzsumme (der Aktiva) und vor Ausbruch der Finanzkrise 2007 bei rund 7 % (FAZ 23.10.2009). Auch das konnte die Überproduktion von Kapital nicht verhindern.

Die genannten Forderungen würden natürlich die Bankprofitraten vermindern. Sie sind jedoch notwendig, damit es den Finanzkonzernen erschwert wird, die diese und die nächste Finanzkrise auf die Gesellschaft abzuladen und uns die Krise bezahlen zu lassen.

4.3 Wir müssten ferner für Forderungen eintreten, die es dem Staat erschweren, die Staatsschulden, die er im Interessen von Banken und Konzernen macht, um sie „retten“ oder sie vor Krisenfolgen zu bewahren, mit Sozial- und Lohnabbau bzw. mit einer Erhöhung der Massensteuern zu bezahlen.
Staatsschulden müssen mit Steuererhöhungen von denen bezahlt werden, die sich die größten Vorteile aus einer Wirtschaftsordnung verschafft haben, die Armut und Arbeitslosigkeit produziert.

* Der Körperschaftssteuersatz und der Spitzensteuersatz der Einkommensteuer müssen wieder auf die früheren 56 % angehoben werden.
* Die Vermögenssteuer muss ebenso wiedereingeführt werden wie die Besteuerung der Veräußerungsgewinne von Unternehmen.
* Aktien- und Devisenhandel sowie alle Finanzwetten müssen mit Mehrwertsteuer belegt werden. Es ist nicht einzusehen, dass der Kauf von Brot mit Mehrwertsteuer belegt wird, nicht aber der Kauf des „Brots“ der Investmentbanken, der „Finanzprodukte“.
* Der Kapitalverkehr mit Steueroasen jeder Art ist zu untersagen.

Wir sollten jedoch diese und andere Forderungen jedoch nicht mit der Illusion verbinden, dass man Finanzkrisen durch die steuerliche Abschöpfung eines größeren Teils der Gewinne und Vermögen verhindern könne. Die Kapitalverwertung wird weiterhin arbeitsloses Kapital produzieren. Zyklische Wirtschaftskrisen, die auch die Finanzsysteme erschüttern, werden weiterhin notwendige Folge der Produktionsverhältnisse sein.

5. Mensch vor Profit?
Es ist ein weit verbreiteter Wunsch, dass das Kapital den Menschen dienen soll, nicht umgekehrt. Aber leider ist es der einzige Zweck des Kapitals, sich selbst als Selbstzweck zu vermehren und nicht dem Menschen als solchem zu dienen.
Es ist ein weitverbreiteter Wunsch, dass Menschen Vorrang vor Profit haben sollen. Nur: Solange die Profitwirtschaft herrscht, d.h. die Verwertung von Kapital im Mittelpunkt steht, kann „der Mensch“ nicht im Mittelpunkt stehen. Die Frage steht letztlich: menschliche Grundbedürfnisse oder Kapitalverwertung.
Die jetzige Krise zeigt deutlicher als vorher die Skrupellosigkeit des Kapitals und seiner Repräsentanten, die von sich selber sagen, dass ihr System auf den Zusammenbruch bzw. den Weltuntergang des Finanzsystems zugesteuert wäre. Das wird es auch in Zukunft tun.
Ähnlich steht es mit der „demokratischen Kontrolle“ der Banken, die über die Verstaatlichung der Banken erreicht werden soll. Sie drückt den Wunsch aus, dass das Volk etwas zu sagen hat. Allerdings entziehen sich Banken und Konzerne immer mehr der Kontrolle. Die Realität ist gekennzeichnet durch eine wachsende Konzentration des Bankkapitals und durch die wachsende Unterwerfung des Staates unter seine Interessen, die mit der Staatsverschuldung verbunden. Die Explosion der Staatsschulden führt faktisch zu einer Art Privatisierung des Staates insgesamt. Von demokratischem Einfluss des Volkes auf die Bankgeschäfte ist selbst bei den verstaatlichten Banken, in Deutschland der HRE, nichts zu sehen. Die Kräfte, die einen Staat im Interesse der breiten Mehrheit der Gesellschaft bilden bzw. verstaatlichte Banken im Interesse der Gesellschaft führen könnten, sind nicht in Sicht. Angesichts dessen können wir heute nicht für eine Verstaatlichung der Banken eintreten. Die heutige Verstaatlichung von Banken dient, wie das Beispiel HRE zeigt, letztlich der Stärkung der Privatbanken.

Wir brauchen nicht nur ein gut begründetes Forderungsprogramm, auf dem man sich vereinigen kann, ohne den Kapitalismus zu beschönigen, sondern auch eine schonungslose Aufdeckung der Gesetzmäßigkeiten der Kapitalverwertung, die die heutige Krise erzeugt haben. Es ist nutzlos, sich einfach einen Kapitalismus vorzustellen, der sozial ist und seine Widersprüche ablegt, statt sie auf die Spitze zu treiben. Das fördert eine ausufernde Kompromissbereitschaft und führt nicht dazu, dass man ohne Rücksicht auf die Interessen des Kapitals für Grundbedürfnisse und ihre maximale Befriedigung kämpft.

Damit die Bedürfnisse der Mehrheit der Menschen im Mittelpunkt stehen und sie realen Einfluss in ihrem Interesse ausüben könnten, müssten die Produzenten des Reichtums auch die Eigentümer der Produktionsmittel sein. Dann könnten sie den von ihnen erarbeiteten Reichtum für die maximale Entfaltung ihrer eigenen Bedürfnisse verwenden statt dass er der Befriedigung der Profitbedürfnisse einer Minderheit von Kapitalanlegern und ihrem Luxuskonsum dient. Erst dann wären sie nicht nur Anhängsel der Entscheidungen von Kapitaleigentümern in irgendeiner Form.
Wenn die sachlichen Produktionsbedingungen kein Kapital mehr wären und die Arbeitskraft keine Ware mehr, würde sich auch die Produktivität nicht mehr in Kapitalüberschuss auf der einen und Arbeitskräfteüberschuss auf der anderen Seite äußern. Das wäre eine Grundlage dafür, dass die erarbeiteten Überschüsse nicht in Krisen vernichtet und in Spekulation verjubelt würden.
Erst wenn Menschen nicht mehr von den mächtigen Naturgewalten der Kapitalakkumulation beherrscht werden, ist es möglich, dass statt Abhängigkeit Freiheit und statt Demütigung Menschenwürde Einzug halten können und dass die maximale Entwicklung des Potentials aller Menschen statt des Selbstzwecks der Kapitalvermehrung der einzige Zweck menschlicher Tätigkeit werden kann.

[Giftöl Spanien] Giftöl Syndrom Spanien

CBG Redaktion

DER SPIEGEL 11/1987 vom 09.03.1987, Seite 165-175

Das Giftöl machte die Ratten nur fett

Politiker und Wissenschaftler vertuschten die Ursachen einer tödlichen Epidemie in Spanien

Maria Concepcion Navarro Hernandez, 42, starb eines „natürlichen Todes“. Der Autopsie-Bericht spricht von „schwerer doppelseitiger Lungenentzündung und wahrscheinlicher Darmblutung“. Todesursache: „akutes Lungenversagen“.
So wollte es die Regierung in Madrid, so teilte sie es auch dem Parlament auf Wunsch eines Abgeordneten mit. Seine Frage, so fand der Parlamentarier, hatte das spanische Kabinett wohl sehr in Verlegenheit gebracht.
Die Tote paßte nicht ins Bild. Maria Concepcion starb an Gift, angeblich an den tödlichen Substanzen, die in gepanschtem Öl sein sollen. Sie wurde seit langem wegen einer Krankheit behandelt, die in Spanien seit 1981 das Toxische Öl-Syndrom (TOS) heißt. Doch Frau Navarro Hernandez, Rechtsanwältin wie ihr Mann, hat nie das gepanschte Öl zu sich genommen.
Der Mann, Mitglied in einer angesehenen großen Kanzlei, wurde mehrfach auf Betreiben der Regierung, so sagt er, unter Druck gesetzt: Er sollte endlich zugeben, daß seine Frau auch das gefährliche Öl verzehrt hatte.
Jose Merino Ruiz wollte nicht. So wurde die Leiche seiner Frau - gegen seinen Willen - obduziert, und das Ergebnis brachte die These der Regierung wieder in Übereinstimmung mit der Logik: Da Maria Concepcion nun mal kein giftiges Öl gegessen haben wollte, war sie eben nicht am Toxischen Öl-Syndrom gestorben. Die Autopsie erbrachte nichts.
Der Tod der Rechtsanwältin ist so rätselhaft wie der Tod von fünfhundert oder achthundert oder tausend Spaniern, die wie Maria Concepcion gelitten haben und genauso gestorben sind. Es werden noch mehr sterben, vor vierzehn Tagen waren es ein neunzehnjähriges Mädchen und ein Junge. Etwa 25000 sind vergiftet. Heilungschancen sind nicht erkennbar - bislang ist nicht einmal sicher, was die Epidemie ausgelöst hat.
Es war das Öl, sagt der Staatsanwalt: für industrielle Nutzung importiertes, denaturiertes Rapsöl, für den Verzehr wieder aufbereitet und vermischt mit allerlei anderen Fetten. Gut drei Dutzend Panscher und Händler waren zum Teil jahrelang in Haft. Der Prozeß wegen Totschlags, Körperverletzung, Verbrechens gegen die öffentliche Gesundheit und Urkundenfälschung soll am 30. März beginnen.
Er kann nur, ganz gleich wie die Urteile ausfallen, mit einer schweren Blamage der spanischen Regierung enden: Was auch immer die Epidemie auslöste - es gibt bislang nicht einen einzigen überzeugenden Beweis, daß es gepanschtes Öl war.
Als sie noch in der Opposition waren, versprachen die Sozialisten des Felipe
Gonzalez, sie würden mit allen Mitteln zu klären versuchen, wer und was die Spanier vergiftete. Seit sie an der Macht sind, tun Gonzalez‚‘ Leute das gleiche, was ihre Vorgänger taten: Sie suchen mit allen Mitteln die Aufklärung des Falles zu verhindern.
Wer nicht an die These vom giftigen Öl glaubte und nach anderen denkbaren Ursachen der Epidemie forschte, wurde nicht ernstgenommen. Wer anderer Meinung war, verlor seinen Job. Anwälte, Ärzte, Kranke, Journalisten bekamen den Druck der Staatsräson zu spüren. Untersuchungen, die nicht der einen Wahrheit entsprachen, wurden nicht zur Kenntnis genommen oder verschwanden.
Wann die neue unerklärliche Krankheit ihre ersten Opfer fand, ist nicht genau feststellbar. Heute wird der 1. Mai 1981 als wichtiges Datum in der Geschichte dieser Epidemie genannt.
An diesem Tag starb der achtjährige Jaime Vaquero in einer Ambulanz, die ihn von der Satellitenstadt Torrejon nach Madrid bringen sollte. Am gleichen Vormittag wurden vier seiner Geschwister in das Madrider Hospital del Rey gebracht. Vorläufige Diagnose: atypische Lungenentzündung. Der Direktor der Klinik, Antonio Muro, alarmierte das Gesundheitsministerium. Er befürchtete den Ausbruch einer Epidemie.
In den nächsten Wochen füllten sich die Krankenhäuser mit Patienten aus den Vororten von Madrid und aus den angrenzenden Gebieten. Alle zeigten die gleichen Symptome: Fieber, Kopfschmerzen, Hautausschlag, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schlaflosigkeit, Haarausfall, Lungenentzündung.
Am 6. Mai bildete das Gesundheitsministerium in Madrid Arbeitsgruppen, die der Krankheit auf die Spur kommen sollten. Ärzte und Wissenschaftler suchten nach Viren oder Bakterien, die über die Atemwege in den Körper der Erkrankten gelangt waren.
Antonio Muro, der Entdecker der Epidemie, war nach seiner ersten Verblüffung sehr schnell zu einer anderen Ansicht gekommen. Am 15. Mai, vierzehn Tage nach dem Tod des achtjährigen Jaime, erklärte er während einer Lagebesprechung in der Klinik, die Krankheit sei durch ein Gift im Verdauungstrakt ausgelöst worden.
Doch da hatte die Regierung offenbar schon beschlossen, was die Wahrheit ist. Am Abend desselben Tages wurde Muro vom Dienst suspendiert - wegen physischer und psychischer Erschöpfung.
Muro - das bestätigen alle, die ihn näher kannten - war immer ein harter Arbeiter, zielstrebig, gründlich, geduldig. Als er die Klinik verlassen mußte, sagen sein Sohn und seine Frau, war er in bester Verfassung und voller Eifer, das neue Problem zu lösen.
Ein paar Wochen später, am 10. Juni, ließ Gesundheitsminister Jesus Sancho
Rof die Öffentlichkeit wissen, was die Epidemie verursacht hatte: renaturiertes Rapsöl, das in Fünf-Liter-Plastikflaschen billig durch Straßenhändler vertrieben wurde. Das Zeug war mit anderen Fetten und Zusätzen wie Chlorophyll gemischt. Es enthielt Anilide, eine Verbindung von Anilin mit Fettsäuren.
Die Spanier wurden Ende Juni aufgefordert, das im Straßenhandel erworbene angeblich giftige Fett gegen gutes Olivenöl zu tauschen. Fast eine halbe Million Liter der verschiedensten Marken und Zusammensetzungen wurden bei den Sammelstellen abgeliefert.
Die Krankheit hieß nun Toxisches Öl-Syndrom, und dabei blieb es. Alle Anstrengungen der spanischen Regierung galten nur noch dem einen Ziel: Beweise für die Öl-Hypothese zu finden. Hinweise auf andere Ursachen der Epidemie wurden unterdrückt oder beiseite gefegt, entsprechende Untersuchungen nicht gemacht.
Eine eilig gegründete Nationale Kommission (Plan Nacional) zur Aufklärung des Toxischen Öl-Syndroms sorgte für beeindruckende Propaganda, das Instituto Nacional de Toxicologia sowie das Institut für Ernährungsforschung in Majadahonda wurden eingeschaltet, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingespannt, Experten in den USA und Europa angeheuert.
Doch das Ergebnis, sechs Jahre nach dem Ausbruch der Epidemie, ist beschämend: Bis heute weiß niemand, welches Gift im Öl denn wirklich die tückische Krankheit verursacht hat.
Anilide allein, da sind sich die Experten inzwischen einig, können es nicht gewesen sein. Da andere kritische Verbindungen im gepanschten Öl trotz emsiger Suche nicht entdeckt wurden, wird inzwischen einfach behauptet, die Anilide hätten zusammen mit irgendeinem Stoff im Rapsöl die verheerende Wirkungen ausgelöst. Niemand weiß, welcher Stoff das sein soll.
Die Öl-Hypothese war von Anfang an abenteuerlich. Luis Frontela, Professor für Gerichtsmedizin an der Universität Sevilla, bezeichnet sie als „absurd und außerhalb der wissenschaftlichen Logik“. Frontela beschäftigt sich seit Jahren mit der seltsamen Epidemie. Es gebe, sagt der Mediziner, „nicht die geringste wissenschaftliche Basis“, die pathologischen Befunde dem Verzehr des gepanschten Öles zuzuschreiben.
Von Anfang an auch waren die übrigen Argumente für die Öl-These wenig überzeugend. Bei 97 Prozent aller Patienten, so heißt es, sei nachgewiesen worden, daß sie gepanschtes Öl verzehrt hätten. Nur knapp ein Prozent all derer jedoch, die solches Öl verbraucht hatten,
ist erkrankt. Im übrigen wird Öl seit Jahren, mit Wissen der Regierung, gepanscht und vertrieben.
Die Epidemie wurde nur in einem Gebiet im Nordwesten Madrids beobachtet. In weiten Gebieten Kataloniens beispielsweise wurden die gleichen, angeblich gefährlichen Ölsorten verkauft, ohne daß Vergiftungen vorkamen.
In den Epidemie-Zentren selbst - betroffen sind überwiegend Wohngegenden sozial schwacher Schichten - wirkte das Gift scheinbar willkürlich. In einigen Straßen, wo die Händler mit ihren Lkw Kunden fanden, waren nur vereinzelt Häuser betroffen. In manchen Familien wurde nur einer krank, in anderen waren es mehrere, aber nicht alle.
Rechtsanwälte haben mehrfach bei der Justiz Studien angefordert, die angeblich über die Ausbreitung der Epidemie gemacht wurden. Immer vergeblich. „Epidemiologische Untersuchungen existieren nicht“, sagt Rechtsanwalt Merino. „Oder sie sind so schlampig und rudimentär, daß niemand sie sehen darf.“
Es gab eine Studie, die auf Anraten ausländischer Experten 1983 zu klären versuchte, wie alles passiert war und warum. Das Arztehepaar Javier Martinez und Maria Jesus Clavera, beides Epidemiologen, war eigens von Barcelona nach Madrid umgezogen, um im Auftrag der Nationalen Kommission die Wege des vermeintlichen Giftöls vom Hersteller bis zum Verbraucher zu verfolgen.
Die beiden Wissenschaftler fanden heraus, daß es keinen gemeinsamen Nenner für alle verdächtigten Öle gibt. Viele Kranke, so schrieb Maria Jesus Clavera in einem Bericht, hätten Öle verzehrt, die weder Rapsöl noch Anilin enthalten hätten.
Überdies widerlegten die Epidemiologen mit handfesten Daten eine immer wieder zitierte Behauptung der Regierung: Die Zahl der neuen Krankenfälle ging keineswegs schlagartig zurück, nachdem der Gesundheitsminister das Öl als Ursache der Epidemie angeprangert hatte; bereits 14 Tage vorher hatten die Krankenhäuser bemerkenswert weniger Fälle registriert.
„Die Erkrankung am Toxischen Syndrom“, folgerten die beiden Spezialisten, „hat in Wirklichkeit nichts mit irgendeinem Bestandteil irgendeines Öles zu tun.“
Das war nicht die Art von Urteil, die von ihnen erwartet wurde. Die epidemiologische Forschungsgruppe der Nationalen Untersuchungskommission löste sich auf, Javier Martinez und seine Frau wurden arbeitslos. Daß bei einem Einbruch in ihre Wohnung nur Papiere gestohlen wurden, wunderte sie schon nicht mehr.
Trotz solcher kritischen Stimmen, die Öl kategorisch als Verursacher der Epidemie ausschlossen, hat die Nationale Kommission im Auftrag der Regierung immer nur wieder nach Belegen für ihre Hypothese gesucht und andere Möglichkeiten außer acht gelassen. So wurde reichlich verdächtiges Öl an Mäuse und Ratten verfüttert. Das Toxische Öl-Syndrom war an ihnen nicht reproduzierbar. Die Tiere gediehen prächtig, die Ratten wurden fett, und ihr Fell bekam schönen Glanz.
Auch die vielen ausländischen Experten, die bei der Lösung des Rätsels helfen sollen, haben der spanischen Regierung bislang nicht aus ihrer Beweisnot helfen können. Keine der in den untersuchten Ölen enthaltenen Substanzen, schrieb die US-Wissenschaftlerin Renate D. Kimbrough von den Centers for Disease Control in Atlanta, habe an Versuchstieren die Krankheit hervorgerufen, die in Spanien die Menschen betroffen habe. Auch die Food and Drug Administration - die US-Behörde für Nahrungsmittel und Arzneien - habe keine giftigen Substanzen entdecken können.
Deutsche Wissenschaftler kamen zu ähnlichen Ergebnissen. „Unsere Experimente mit Mäusen“, urteilte Claus Köppel von der Landesanstalt für Lebensmittel-, Arzneimittel- und gerichtliche Chemie Berlin 1982, „haben keinerlei toxische Wirkung hervorgerufen.“ Und: „Nach unserer Ansicht sind Anilide nicht die Verursacher des Toxischen Öl-Syndroms.“
Was aber hat dann seit 1981 Hunderte von Spaniern getötet und Tausende verkrüppelt?
Bei Fieber und Lungenentzündung bleibt es nicht. Viele Patienten verlieren die Zähne, andere die Haare. Oft ist die Zunge gelähmt. Die Kranken magern bis zum Skelett ab, sie haben Krämpfe und Zuckungen, Muskeln werden gelähmt und verkümmern. Viele haben verkrüppelte, krallenartige Hände und deformierte Füße.
Antonio Muro, der ehemalige Leiter des Hospital del Rey, hat als erster
intensiv danach gesucht, welches Gift solche erschreckenden Folgen haben könnte. Er gab schnell die These auf, daß es das Öl sein könnte, war aber überzeugt, daß der Verursacher auf dem typisch spanischen Salatteller zu finden sein müßte.
Nachdem Muro vom Dienst suspendiert war, sah er sich die Zutaten genauer an. Er argwöhnte eine Vergiftung mit Phosphorsäureester, einer Stoffklasse, der viele Pestizide angehören.
Phosphorsäureester sind wegen ihrer brutalen Wirkung auch die Grundlage für bio-chemische Kampfstoffe. Sie lähmen vor allem die Atemfunktion und das Nervensystem.
Nach Muros Ansicht steckte das Gift in Tomaten. Er verfolgte die Wege, auf denen die Früchte zu den Verbrauchern gelangt sein könnten. Nach seinen akribischen Aufzeichnungen sind etwa 80000 Kilo Tomaten aus Almeria im illegalen Straßenverkauf angeboten worden - überall dort, so behauptete der Epidemiologe, wo die Krankheit auftrat. Die Tomaten so Muro, seien zu früh geerntet worden, so daß noch hochgiftige Umwandlungsprodukte eines Pestizids - oder gar zweier sich gegenseitig verstärkender Stoffe - in den Früchten waren.
Die deutsche Chemiefirma Bayer wehrte sich, noch ehe ihr Name genannt wurde. Denn Muro meinte in der Tat das Bayer-Produkt Nemacur, ein giftiges Mittel gegen Bodenwürmer (Nematoden).
Bayer verwies darauf, daß Nemacur seit 1972 in Spanien zugelassen ist und heute in 38 Ländern verwendet wird. Von Unfällen mit diesem in der Tat hochgiftigen Produkt sei nie etwas bekannt geworden. Bayer bot im März 1982 Fachleuten der spanischen Regierung und der Nationalen Untersuchungskommission Daten über Nemacur an.
Mit Recht kann der Chemiekonzern behaupten, es lägen keinerlei wissenschaftliche Beweise dafür vor, daß sein Produkt die Epidemie ausgelöst hätte. Aber Bayer läßt sich auf ein gefährliches Spiel ein: Wenn die Firma sich auf die Ölthese und die kühnen Argumente der spanischen Regierung stützt, muß sie damit rechnen, daß ihre eigene Position immer wieder in Zweifel gezogen wird.
Es ist eben erstens nicht erwiesen, daß gepanschtes Rapsöl - wie die Regierungsbeamten behaupten - die Krankheitsursache war. Und zweitens gibt es zwar keine Beweise, wohl aber immer wieder ernst zu nehmende Hinweise, daß doch ein Phosphorsäureester (wie Nemacur) die Epidemie ausgelöst haben könnte. Daß die Nationale Kommission die Hinweise nicht zur Kenntnis nehmen wollte und ihnen nicht nachging, ist eine ganz andere Frage.
So sind die epidemiologischen Studien Muros als unwissenschaftlich abgetan worden, noch ehe sie jemand gesehen hatte. Als der Mediziner zu einem internationalen
Expertentreffen geladen wurde, erschien er mit zwei prall gefüllten Aktentaschen voll Material. Er war nach 30 Minuten wieder draußen, ohne seine Taschen auch nur geöffnet zu haben.
Und der Staatsanwalt? Ja, er hat Muro einmal gesehen. Inzwischen ist Muro tot, er starb 1985 an Krebs. Seine Untersuchungen liegen alle noch zu Hause bei seinem Sohn, der ebenfalls Arzt ist.
Dabei war Muro keineswegs der einzige, der die Öl-Hypothese bezweifelte. Schon kurz nach Bekanntwerden der Epidemie schrieb der Kinderarzt Angel Peralta in einem offenen Brief an das Madrider Gesundheitsministerium, es könnte sich hier um eine Pestizidvergiftung handeln„. Die klinischen Symptome ließen auf Phosphorsäureester schließen. Die Antwort des Gesundheitsministers: “Wir tun alles, um die verantwortliche Bakterie zu finden.„
Auch der Gerichtsmediziner Frontela aus Sevilla vermutet eine Pestizidvergiftung. Er will - wie Muro - Tomaten und Paprika, die mit Nemacur behandelt waren, an Ratten verfüttert haben. Die Tiere wiesen angeblich die gleichen Schäden an Lungen, Nieren und Gefäßen auf wie die erkrankten Menschen.
Frontela konnte seine damaligen Tierexperimente nicht beenden. Mehrere hundert Ratten verhungerten, weil der Tierpfleger der Universität ihnen - angeblich aus Kostengründen - kein Futter mehr gab.
Bayer-Forscher bezeichnen Frontelas Methoden als laienhaft, seine Befunde seien unvollständig. Eigene Versuche mit hohen Dosen Nemacur hätten bei Ratten keine Symptome oder organische Veränderungen erzeugt.
Klare Unterstützung bekamen Muro und Frontela von einem erfahrenen epidemiologischen Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die Symptome der kranken Spanier, so Francisco Martin Samos, erinnerten ihn “an andere Fälle in verschiedenen Ländern, wo es Vergiftungen durch Phosphorsäureester gab„. Die epidemiologischen Arbeiten von Muro seien außergewöhnlich. Die Nationale Kommission habe jedoch nur einen Schuldigen gesucht, nicht die wahren Ursachen der Katastrophe.
Gaston Vettorazzi, Pestizid-Experte der WHO in Genf, bat im Dezember 1984 Professor Frontela in Sevilla, er möchte doch der WHO die Ergebnisse seiner Tierexperimente mit Nemacur mitteilen. Die Weltgesundheitsorganisation mußte zusammen mit der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO möglicherweise noch einmal neu über das Pestizid entscheiden.
Doch drei Monate später wurde der WHO-Experte in Genf kaltgestellt. Keinen
Augenblick lang, schrieb WHO-Generaldirektor Halfdan Mahler an den spanischen Gesundheitsminister, habe Vettorazzi mit den Recherchen wegen der Vergiftungen etwas zu tun gehabt. Der Anlaß für den unterwürfigen Brief: Vettorazzi war im spanischen Magazin “Cambio 16„ mit der Ansicht zitiert worden, Anilide im Öl könnten auf gar keinen Fall die Vergiftungen ausgelöst haben.
Nemacur aber, so die Wissenschaftler der Firma Bayer, könnte es auch nicht gewesen sein, weil Phosphorsäureester ein völlig anderes Krankheitsbild erzeugen und im menschlichen Körper eine ganz eindeutige Reaktion auslösen würde, die sogenannte Cholinesterase-Hemmung. Dabei geht es um Nervenreize, die durch ein Enzym gestoppt werden. Ist dieses Enzym, nämlich Cholinesterase, blockiert (gehemmt), hält der Nervenreiz an, ein Muskel beispielsweise verkrampft sich dauerhaft.
Diese Hemmung, so Bayer, habe in Spanien in keinem Fall vorgelegen. Also könne es keine Vergiftung durch Phosphorsäureester (Nemacur) gewesen sein.
Das Argument ist nicht widerlegbar. Es gibt zwar einen Arzt, Enrique de la Morena vom Krankenhaus Fundacion Jimenez Diaz in Madrid, der beteuert: Er habe entsprechende Untersuchungen gemacht, und die Cholinesterase-Hemmung habe in vielen Fällen vorgelegen. Aber seine Aufzeichnungen sind nicht mehr auffindbar - Morena halte sie, seinen eigenen Worten zufolge, der Nationalen Untersuchungskommission überlassen.
Es geschehen merkwürdige Dinge in Spanien. In Fuenlabrada, einer Satellitenstadt vor den Toren Madrids, gibt es eine Interessengemeinschaft von Menschen, die von der Epidemie betroffen sind. Mehrfach wurde im winzigen Büro der Gemeinschaft bereits eingebrochen.
Beim zweiten Bruch wurden die Täter, die durch das eingeschlagene Fenster eindrangen, ertappt. Es waren zwei Ortspolizisten und zwei Beamte der Stadtregierung.
Die Kranken von Fuenlabrada sind alle gezeichnet. Viele bewegen sich mühsam, sie sehen blaß oder gelb aus, müssen sich öfter übergeben. Die meisten schlafen nicht richtig, sie essen schlecht. Viele sind verkrüppelt. Ärztliche Untersuchungen bezahlen sie selbst. Die regierungstreuen Experten und die Justiz sind nicht daran interessiert, was mit diesen Leuten passiert: Es sind die falschen Opfer - sie wollen nicht glauben, daß gepanschtes Öl sie zu Krüppeln machte.
Die Kranken eines Nachbarortes bekommen Geld vom Staat. Sie versicherten, daß sie alle das verdächtige Öl genossen haben.
“Die Öltheorie„, behauptet Antonio Muro junior, “ist falsch. Hier soll ein Chemieskandal vertuscht werden." Ein politischer Skandal der jungen spanischen Demokratie ist es mit Sicherheit. Ob es ein Skandal der Chemie-Industrie ist, wäre zu beweisen.
Professor Frontela will es versuchen. Der hartnäckige Mediziner möchte Affen mit Pestizid-verseuchtem Gemüse füttern, um seine These zu belegen.
Das Geld für diese Experimente hat ihm das spanische Justizministerium jetzt nach langem Zögern bewilligt. Selbst wenn Frontela seine Hypothese bestätigt findet - für das Verfahren gegen die Ölpanscher kommt er zu spät: Der Staatsanwalt will in sechs Monaten die Urteile sehen.

Unterschriftensammlung

CBG Redaktion

Ich fordere, dass Antibaby-Pillen mit einem erhöhten Thrombose- und Embolie-Risiko wie Yaz, Yasminelle und Yasmin vom Markt genommen werden!

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[Pharma-Marketing] Aspirin Sozialpreis

CBG Redaktion

8. September 2009

Pleon
Andrea Fischer
Theresienhöhe 12
80339 München

Sehr geehrte Frau Fischer,

wir schreiben Ihnen anlässlich der heutigen Auslobung des Aspirin Sozialpreis durch die Bayer AG. Das Konzept für den Preis stammt von der Agentur Pleon. Auch die im Vorjahr von Bayer finanzierte Kampagne zu Kinderarmut wurde von Pleon organisiert. Als Leiterin des Bereichs Health Care bei Pleon waren Sie in die Planung beider Kampagne sicherlich mit eingebunden.

Es geht uns nicht darum, das Engagement der beim Aspirin Sozialpreis teilnehmenden Organisationen in Frage zu stellen. Aber es ist wohl unstrittig, dass es dem Unternehmen Bayer bei solchen aus der Portokasse finanzierten Kampagnen nicht um soziales Engagement geht, sondern um ein verbessertes Image, also letztlich um Werbung. Dies wurde von Pleon gegenüber Studenten einer Fotografie-Klasse, die ursprünglich für die Kinderarmuts-Kampagne gewonnen werden sollten, auch ehrlich formuliert: die geplante Zusammenarbeit sei „Teil einer Social Marketing Kampagne“, die die „Öffentlichkeitsarbeit der Firma Bayer unterstützen“ solle.

Bayer unternimmt seit Jahren große Werbeanstrengungen im Bereich der freiverkäuflichen Schmerzmittel. Aspirin ist unwidersprochen ein hochwirksames Medikament, welches aber, anders als es die Werbung suggeriert, tief in den biochemischen Haushalt des Körpers eingreift und mit teilweise schweren Nebenwirkungen verbunden ist - in den USA sterben mehr Menschen an Acetylsalicylsäure-Nebenwirkungen als an HIV. Das New England Journal of Medicine spricht von einer „geräuschlosen Epidemie“, da 75 Prozent aller Patienten, die regelmäßig Aspirin einnehmen, die Gefahren des Schmerzmittelgebrauchs nicht kennen. Für die meisten Anwendungen stünden risikoärmere Behandlungsmethoden zur Verfügung.

Die Werbekampagnen von Bayer verschweigen die hohen Risiken und ermuntern zu einer übermäßigen Einnahme von Aspirin. In den USA startete Bayer zum Beispiel die Kampagne Expect Wonders, zu der auch die website www.WonderDrug.com gehört. Immer wieder müssen solche Kampagnen von den Behörden gestoppt werden. So wurde im Juni Aspirin-Werbung von der brasilianischen Gesundheitsbehörde ANVISA verboten: die vom Bayer-Konzern initiierte Kampagne Um mundo com menos dor („Eine Welt mit weniger Schmerz“) verleite zu einem unsachgemäßen Umgang mit dem Medikament und verharmlose die Risiken. Im vergangenen Herbst wurde Bayer von der US-Gesundheitsbehörde FDA wegen Werbung für zwei Aspirin-Kombinationspräparaten bestraft. Beide Mittel wurden für Anwendungen beworben, für die keine Zulassung existiert. Und in Deutschland warb Bayer vor einigen Jahren nicht nur für die Behandlung von Erkältungen mit Aspirin, sondern fälschlicherweise auch für deren Prophylaxe – so auf Plakatwänden und kostenlos verteilten Postkarten, auf denen sich ein junges Paar nackt im Schnee wälzt.

Es gibt keine „WonderDrugs“! Bayer gefährdet Patienten durch solche unlauteren Werbe-Aussagen. Wir können den Versuch des Konzerns, Aspirin als Wunderpille zu vermarkten, nur verurteilen.

Und wie sieht es mit der Ankündigung für den Aspirin Sozialpreis aus? Im Konzeptpapier von Pleon heißt es blumig: „Aspirin steht als traditionsreiches Medikament wie kaum eine andere Marke für das Thema Wirksamkeit einerseits und den Ausdruck verlässlicher, mitfühlender Fürsorge andererseits“, und weiter: „Um die gesellschaftliche Relevanz des Preises zu dokumentieren und Aufmerksamkeit sicherzustellen, wird ein hochrangiger Vertreter der Politik als Schirmherr des Aspirin-Sozialpreises angeworben“. Hinweise auf Nebenwirkungen von Aspirin fehlen, wie auch auf der zugehörigen website.

Natürlich ist die Kampagne für Aspirin nur ein Beispiel von vielen unlauteren Marketing-Anstrengungen des Bayer-Konzerns. Wir verweisen aktuell auf die erhöhten Nebenwirkungen des meistverkauften hormonalen Kontrazeptivums, Yasmin. Obwohl Studien belegen, dass das Thrombose-Risiko von Yasmin gegenüber älteren Präparaten fast verdoppelt ist, hält das Unternehmen an dem auf junge Frauen ausgerichteten Marketing fest und verweigert Angaben zur Häufigkeit von schweren Nebenwirkungen und Todesfällen - angeblich um „die Kundinnen nicht zu verunsichern“. Ausführliche Informationen zu Dutzenden weiterer Beispiele finden Sie unter www.CBGnetwork.org.

Das Unternehmen Bayer ging Dutzende von Kooperationen mit Sozialverbänden, medizinischen Fachgesellschaften, Selbsthilfegruppen, etc ein. Die Firma nutzt diese Kooperationen in ihrer Außendarstellung weidlich - auf ihrer homepage, dem Geschäftsbericht, zahllosen Werbebroschüren und nicht zuletzt der heutigen Pressemitteilung. Reale Veränderungen der Geschäftspolitik von Bayer resultieren aus diesen Projekten jedoch nicht.

Patienten brauchen zuverlässige und unabhängige Gesundheitsinformationen, die alle Behandlungsoptionen - auch die der Nicht-Behandlung - einschließen. Die Pharmaindustrie kann aufgrund ihrer kommerziellen Interessen keine unabhängigen Informationen liefern. Die von Pleon für Bayer organisierten Kampagnen sind nicht dazu angetan, die Bevölkerung zu informieren, sondern sollen ein positives Umfeld für die Produkte schaffen und Probleme in anderen Bereichen überdecken.

Kurz nach Beginn Ihrer Amtszeit als Bundesgesundheitsministerin wurden wir von Ihrem damaligen Staatssekretär zu einem Gespräch nach Bonn eingeladen. Darin haben wir uns auch über unlautere Marketingpraktiken der Pharma-Industrie unterhalten. Wir können nicht nachvollziehen, dass Sie heute an eben solchen Praktiken mitwirken.

In Erwartung Ihrer Stellungnahme verbleiben wir mit freundlichen Grüßen

Philipp Mimkes
Hubert Ostendorf

Unterschriftensammlung

CBG Redaktion

Wir fordern den Konzern auf, die Lagerung von tödlichen Gasen wie MIC und Phosgen vollständig einzustellen

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[Elsen] Marlis Elsen

CBG Redaktion

Meine Name ist Marlis Elsen und ich kämpfe gegen die CO-Pipeline aus Verantwortung für die Generation meiner Schüler und ihre zukünftigen Kinder. Darüber hinaus natürlich für alle von der Pipeline betroffenen Menschen.

Kohlenmonoxid ist sensorisch nicht wahrnehmbar und führt in kleinsten Mengen zum Tode. Von der Pipeline geht also eine ständige tödliche Bedrohung aus, die bei einer Leckage möglicherweise die Gesundheit und das Leben vieler Menschen kosten kann.

Sehr geehrter Herr Wenning,

1. Soll es in Kürze nicht mehr heißen: Die Würde des Menschen ist unantastbar und das Leben und die Gesundheit der Menschen müssen geschützt werden, sondern:
2. Bayers Forderung nach Gewinnmaximierung ist oberstes Gesetz?

Der Konzern hat mit seinem Geld und seiner macht enorme Möglichkeiten der Einflussnahme.

Wir haben nur wenige Mittel des Kampfes. Trotzdem kämpfen auch nach zwei Jahren kämpfen die betroffenen Bürger und die Kommunalpolitiker Seite an Seite mit unveränderter Stärke. Gibt Ihnen das nicht zu denken?

Sie haben die Privatkläger, die Kommunen und den Kreis in einen langdauernden, mühevollen und teuren Kampf gezwungen, der durch private und öffentliche Gelder finanziert wird.

Man kann nur spekulieren, was die Landespolitiker davon abhält, ihre Fehlentscheidung zu korrigieren. Schließlich hat die Regierung geschworen, dass man die ganze Kraft dem Wohle des Volkes widmet und Schaden von ihm abwendet.

Das Festhalten an diesem Projekt hat einen enormen Vertrauensverlust gegenüber den Politikern, besonders aber gegenüber unserem Landesvater Herrn Dr. Rüttgers bewirkt.

3. Wie erklären Sie sich das Schweigen und Wegducken unserer Volksvertreter?

Trotz der laufenden Gerichtsverfahren gibt es kein Innehalten, sondern der Vertrag soll noch dieses Gesetz gegen das Wohl der Menschen in unserem Land stützen.

4. Empfinden Sie es nicht als unredlich, diese unfairen Mittel des Eilantrages und des Vertrages zu benutzen?

5. Warum besitzen Sie nicht die Fairness und den Anstand, die Hauptsacheverfahren und den Weg durch die Instanzen abzuwarten?

6. Sehen Sie Eilantrag und Vertrag nicht selbst als Machtmissbrauch Ihres mächtigen Konzerns an?

Der Kunststoffabsatz hat enorme Einbrüche erlitten. In dieser Situation können Sie es wohl niemandem vermitteln, dass Sie die Leitung ach so dringend und sofort brauchen.

Trotzdem möchte Bayer jetzt ein Gericht „benutzen“, die Pipeline doch vorzeitig in Betrieb zu nehmen.

Bayer maßt sich sogar an, gerichtliche Entscheidungen vorwegzunehmen: Die Klagen hätten keine Aussicht auf Erfolg. Es läge kein Grund mehr vor, die aufschiebende Wirkungen der Klagen aufrechtzuerhalten. Sollte aber nach dem Eilantrag das Gas durch die Leitung strömen, so hat die Wirtschaft entgültig die Diktatur in unserem Staate übernommen.

7. Warum missachten Sie nicht nur die von der Pipeline betroffenen Menschen und die dem Volke verpflichteten Politiker, sondern auch die unabhängige Gerichtsbarkeit?

8. Wie würden Sie folgenden Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel kommentieren?

„Die Feuerwehren lehnen den Bau der CO-Pipeline ab“, mit diesen klaren Worten bezog Hildens Stadtbrandmeister Lothar von Gehlen in der Sitzung des Rates klar Stellung zu dem Projekt des Chemieriesen Bayer. Das war nichts Neues, aber in seiner Eindringlichkeit ebenso aufrüttelnd wie seine Feststellung: „Ein Störfall an der Pipeline kann von den Feuerwehren nicht beherrscht werden.“

9. Wie viel Geld haben sie den Kommunen und den Feuerwehren zur Verfügung gestellt?

10. Wie viel Geld würden Sie pro Jahr an der Pipeline verdienen?

Und jetzt habe ich ein paar praktische Fragen zur Rettung der Menschen:

Beispiel Kinderspielplatz und schleichende Leckagen: In Hilden verläuft die Leitung unmittelbar unter einem Bolzplatz in direkter Nähe zu einer Siedlung für kinderreiche Familien.

Fragen:

11. Wie soll die Mutter sich verhalten, wenn sie vom Fenster aus ihr Kind leblos auf dem Boden liegen sieht?

Beispiel Schulen: In einigen Städten wird die Leitung in unmittelbarer Nähe zu Schulen und Kindergärten gebaut, teilweise bis in eine Nähe von 10 Metern.

12. Welche Katastrophenübungen werden demnächst in den Schulen durchgeführt werden?

13. Wie stellt man sich die Evakuierung dieser Schulen oder Kindergärten vor, wenn das Gas doch in wenigen Minuten tödlich sein kann?

14. Dieselbe Frage möchte ich stellen für Krankenhäuser und Altenheime, die in der Nähe der Pipeline liegen?

Beispiel Siedlung: Unsere Siedlung wird von zwei Seiten von der Pipeline umschlossen.

15. Wie sollen wir uns verhalten, wenn wir tagsüber oder besonders nachts die Sirenen hören, möglicherweise aber schon durch das Einatmen des Gases benommen sind?

16. Nach welchen Evakuierungsplänen sollen wir die Siedlung verlassen?

Fragen einer Nachbarin:

17. Zahlt die Bayer AG für jeden Haushalt an der Trasse einen CO-Warngerät?

18. Wir haben zwar den Rat, schräg zur Windrichtung zu laufen, was wir vielleicht in der Aufregung nicht so hinbekommen, aber vielleicht würde uns ja ein Atemgerät helfen. Bezahlt Bayer dieses für jeden Menschen, der im Gefahrenbereich lebt?

Beispiel Kaserne: In der Nähe der Schieberstation in der Nähe des Hildener Zentrums befindet sich die Waldkaserne, deren Soldaten z.T. in Afghanistan eingesetzt sind.

19. Wie sehen die Rettungspläne für die Soldaten aus, falls es zu einem Terroranschlag an der Schieberstation kommt?)

Die Bayer-AG hat ihr Gesicht verloren und das Vertrauen der betroffenen Bevölkerung.

Wie wollen Sie dieses Vertrauen wiedergewinnen?

Marlis Elsen
Schlehenweg 21
40723 Hilden

[NUV] Kohlekraftwerk

CBG Redaktion

Harald Jochums, Niederrheinischer Umweltverband NUV

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin und heiße Harald Jochums aus Duisburg-Rheinhausen, bin unter vielem anderen Architekt für Ökologisches Bauen und darüber hinaus noch direkter Anrainer sowohl an den Rhein, als auch an die Bayer-Werke Uerdingen, die sich heuer schon mal ein wenig zurückgezogen haben - und das Ganze nennt sich jetzt als Konglomerat von mehreren Firmen: „Chempark“.

Ich stelle meine kleine Rede unter folgendes Motto: „Wer Wind sät, wird Strom ernten“ aus dem Neuen Testament Hosea 8, Vers 7, in der allerneuesten Neufassung.

Blasphemie? Wohl kaum, geht es doch für uns Menschen seit jeher darum, die Schöpfung zu bewahren oder profan ausgedrückt: unser aller Lebensgrundlagen - und dies immer dringlicher, sind wir doch dabei, diese zu zerstören.

Was können wir Alle tun, um dieser Zerstörung entgegenzuwirken?

In diesem Zusammenhang gleich die Frage1 an Sie Herr Wenning:
„Können Sie sich die Bayer AG als 1. „Grünen“, global aufgestellten Großkonzern vorstellen?“
Anstatt des Adjektivs „Grün“ würde ich lieber „Farbig“ sagen (jedoch nicht im Sinne der IG Farben). Die zusätzlichen Kriterien, die auf so einen Konzern anzuwenden seien, gehen nämlich über die landläufigen, grünen Kriterien wie Energie und Umweltschutz hinaus. Es sind dies:

1. Die Menschen insgesamt (und nicht nur die Gruppe der Aktionäre)
2. Unsere Gesellschaft, Gemeinschaft

Ich möchte die Folgen solchen Umdenkens an Hand zweier Bayer-Projekte erläutern:

1. Co-Pipeline von Dormagen nach Krefeld-Uerdingen
2. Fossiles Kohlekraftwerk im Chempark Krefeld-Uerdingen; Betreiber ist hier
allerdings die Fa. Trianel aus Aachen, einem Zusammenschluß von vielen Stadtwerken.

Beide Projekte sind nämlich undenkbar, wendet man die beiden obengenannten zusätzlichen Kriterien an:

1. Die CO-Pipeline gefährdet potentiell das Leben von vielen Menschen, die von der eigenen Landesregierung und der Bayer AG gezwungen werden, an dieser Pipeline zu leben, darunter insbesondere unsere Kinder, führt die Trasse doch bisweilen direkt an den Gartenzäunen von Kindergärten und Schulen vorbei - nicht nur für mich Ausdruck einer grenzenlosen Mißachtung von Menschenleben. -
Nicht viel besser sieht es bei Privatgrundstücken aus. Dort werden die Menschen ihr Leben lang – und ich wiederhole – ihr Leben lang mit der Angst leben müssen, Opfer eines Störfalls zu werden, wie es so verharmlosend in den zuständigen Verordnungen formuliert ist. – Und allein diese beiden Tatsachen würden das Projekt zu Fall bringen, würde man die Menschen in seine Überlegungen mit einbeziehen. – Darüber hinaus handelt es sich um eine firmeninternes Problem, dessen negativen Aspekte aber der Gemeinschaft aufgebürdet werden.

2. Bei dem Fossilen Kohlekraftwerk sieht es nicht viel anders aus. Zwar geht von diesem keine akute, tödliche Gefahr aus; es wirkt eher längerfristig (deshalb aber nicht minder scherwiegend ist), und es sogar als fataler Global Player, denken wir an die gigantischen Mengen des treibhauswirksamen Gases CO2, die dem heutigen, jährlichen Ausstoß von Krefeld von allen Emittenten mit ca. 4 Mio.t. CO2 entsprechen; und dann werden jede Menge Feinstaub ausgestoßen in einem Gebiet, in dem jetzt schon die Grenzwerte um 100% überschritten werden, zusammen mit anderen gesundheitsgefährdenden Schadstoffen wie Cadmium, Blei, Arsen, etc. Die genaue Aufstellung finden Sie unter www.nuv-online.de
Und dann ist das Fossile Kraftwerk 7,3 fach so groß wie die zwei vorhandenen Kohlekessel, die stillgelegt werden sollen und auch das nur nach zähem Ringen. Auch hier reicht schon allein diese Aufzählung, dieses Projekt nicht weiterzuverfolgen, bzw. die von Umweltschützern genannten Alternativen der Ertüchtigung oder des Neubaus der 2 alten Kohlekessel und äußerstenfalls ein halb so großes Gaskraftwerk zu planen, das viele negativen Aspekte des Fossilen Kohlekraftwerks abmildert oder sogar vermeidet.

Und was sagen die Landesregierung und die Bayer AG dazu?
- Die Haltung der Landesregierung ist kurz abzuhaken: Sie hat die CO-Pipeline erst ermöglicht, indem Sie die rechtliche Grundlage für den Bau geschaffen hat in Form eines Enteignungsgesetzes. Ausgerechnet CDU und FDP, seit der Steinzeit Hort des grundgesetzlich zugesicherten Eigentums, greifen zu der zu Recht verteufelten Maßnahme der Enteignung der Bürger, die sie gewählt haben! Der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel; wer aber heiligt den Zweck? -
Darüberhinaus genehmigt der linientreue RP, was das Zeug hält, bzw. die Industrie für richtig hält. Beim Bau ist Wegschauen das oberste Gebot der Stunden. Eigenmächtige Änderungen der Bayer AG und ihrer Töchter sollen im Rahmen einer „Fiktion“ (O-Ton RP im Umweltausschuß) im Nachhinein genehmigt werden. - Hat hier der RP den Slogan der Bayer AG etwa abgeändert in: “Science Fiction for a better Life?“ - Man könnte es vermuten. –

Die Bayer AG setzt hingegen eher auf Bewährtes: Sie schwingt die Keule Arbeitsplätze und droht mit Abzug ihrer Streitkräfte. Die Landesregierung souffliert noch mit dem Hinweis auf den Wirtschaftsstandort NRW. – Das ist insofern unredlich, als Bayer unerwähnt läßt, daß Arbeitsplätze im Chempark Uerdingen wegfallen, wird doch die dortige CO-Produktionsanlage überflüssig, sollte die CO-Pipeline jemals in Betrieb gehen (- wovor uns Gott oder wer auch immer (mit Ausnahme der Landesregierung) bewahre; wie schon ausgeführt, kann diese Landesregierung das auch gar nicht, weil sie es nicht will. Willkommen in Rüttgers Club). Unredlich ist die Keule Arbeitsplatz auch, weil es Alternativen für die CO-Pipeline gibt, die sogar von der Bundesregierung gestützt werden, hat sie doch vor nicht allzu langer Zeit gegenüber der EU erklärt, daß solch potentiell todbringenden Stoffe nur innerhalb der eigenen Firmenzäune verarbeitet werden sollen. Die Alternative lautet: Die Anlage in Uerdingen erweitern und damit Arbeitsplätze schaffen. Das mag auf Dauer etwas teurer sein als die Pipeline, würde aber vielen, vielen Menschen entlang der geplanten Trasse ihre Todesangst nehmen; ein lohnendes Ziel, wie ich meine und angesichts von einem Gewinn vor Steuern von 4Mrd. EURO im Jahr 2007 auch gegenüber uns Aktionären vertretbar. Lieber Herr Wenning, Sie hätten in diesem Fall also nicht mit einer Anklage unsererseits zu rechnen, eher mit einem Verdienstorden wider die tierische Unvernunft.

Zum potentiellen Rückzug der Bayer AG von dem Standort Krefeld-Uerdingen: Der selbsternannte Hotelmanager des Chemparks in Krefeld-Uerdingen hat mal ziemlich beleidigt öffentlich erklärt, wenn er und die Bayer AG nicht erwünscht wären, würden sie gehen. Das Dumme daran ist das Dumme darin: Das hat kein Mensch gefordert und gesagt. Was will der Mann uns denn dann damit sagen? Scheut er die offene Erpressung: „Wenn wir das nicht genehmigt bekommen, gehen wir nach Shanghai!“oder wie oder was?

An dieser Stelle muß ich etwas für Sie einfügen, lieber Herr Wenning: Ich wage eine Voraussage, obwohl für gewöhnlich selber jeglicher Spekulation abhold: Mehr über kurz als über lang werden Sie den Standort Uerdingen schließen mit der folgenden Begründung: Die bösen, bösen Umweltschützer, die ja bekanntlich auch die Finanzkrise in Schuld sind, sind Schuld. – Ich könnte das einfach mal so stehen lassen, frage Sie aber lieber in meiner Frage 2: Haben Sie, bzw. die Bayer AG vor, das Werk Uerdingen in den nächsten 10 Jahren zu schließen?

Zu Ihren möglichen Antworten habe ich noch eine Bitte: Versuchen Sie es bitte mal zur Abwechselung mit unmöglichen (Antworten); die anderen kenne ich nämlich schon. – Sie können auch gerne einen Scherz einflechten, wenn Ihnen danach ist.

Sehr geehrte Damen und Herren Aktionäre, noch stundenlang könnte ich über die genannten Themenkomplexe berichten, z.B. über die von der Chempark-Leitung so viel beschworene „Gute Nachbarschaft“ zu der Nachbarschaft, die jedoch leider nicht existiert, kommt doch die Bayer AG noch nicht einmal der in der Störfallverordnung gesetzlich verankerten Aufforderung nach, die betroffene Anwohnerschaft unaufgefordert über Gefahren zu unterrichten und wie im Ernstfall sich verhalten und so. Dazu habe ich Sie, lieber Herr Wenning, schon das letzte Jahr befragt und keine Antwort erhalten, rechne auch in diesem Jahr nicht damit und verzichte hiermit ausdrücklich eindrücklich darauf. – Doch Halt! Meine 3. Frage lautet nämlich: „Was soll ich tun, wenn die Bayer AG noch nicht einmal gesetzlichen Bestimmungen nachkommt, wie in diesem Fall, lieber Herr Wenning?“ Soll ich die Bayer AG verklagen, also gegen eine Heerschar von Advokaten antreten und gegen die geballte Macht des Kapitals? - Guter Rat ist teuer - ich weiß. Für eine Gute Nachbarschaft sollte Ihnen jedoch nichts zu teuer sein. – Ihre begrünten Hochglanzbroschüren „bayer direkt“ bringen`s auf jeden Fall nicht; habe sie auch anfangs direkt dem Papierrecycling zugeführt, muß aber zugeben, das Heftchen mittlerweile mit vergnügtem Schmunzeln zu lesen, wie z.B. ein global aufgestellter Konzern jedes Gramm eingesparten CO2s bejubelt.
Dann könnte ich Ihre merkwürdige Marketing-Strategie erwähnen, erst potentielle Kunden wie uns mit tödlicher Sicherheit zu verprellen, um dann zu sagen: „Kauf mich doch!“ - oder die wissenschaftlich völlig unhaltbare Mär von der absonderlichen Effizienz des geplanten Fossilen Kohlekraftwerks, die Prof. Hartmut Graßl, immerhin einer der führenden Deutschen Klimaforscher eindrucksvoll beschrieben und widerlegt hat. Da ist ja dann wohl nix mehr mit „science“ und damit auch nicht mit „better Life“, was ich sehr bedauere. -
Noch ein Einschub mit Frage 4: Was versteht die Bayer AG eigentlich unter einem „better Life“ und wozu sonst soll „science“ gut sein? - Zusatzfrage: Muß das aber unbedingt materiell „better“ werden? Täte uns Allen nicht beispielsweise ein bißchen mehr Bescheidenheit gut? –

Genug der Kritik. Hat der Mann denn Vorschläge, wie „better“ machen - oder kann ER nur mosern? –

Ja, hat ER - und stellt sie auch in den Raum und damit zur Diskussion:

Wir müssen umdenken, wegkommen von den einseitigen, hohlen Phrasen von der Allmacht des Geldes. Wie hohl diese sind, zeigt schon der Spruch unserer Amerikanischen Freunde (hüstel, hüstel): „Time is money“. Einfache Konsequenz aus dieser einfachen Gleichung: Kein „Time“, kein „Money“.

Wir müssen wegkommen von dem gedankenlosen Umgang mit Fossilen Rohstoffen. Zum Verbrennen sind diese nämlich viel zu schade – auch weil mit Sonnenenergie aus Jahrmillionen entstanden - und wir schädigen und zerstören damit auch unsere Lebensgrundlagen.

Wir müssen uns darauf besinnen
1. die sogenannten Erneuerbaren Energien massiv auszubauen, die uns jeden Tag frei Haus geliefert werden in Hülle und Fülle, nämlich mehr als 10.000 mal soviel, als wir verbrauchen können, wenn wir sie auch nur zu einem Teil nutzen können.
2. die Fossilen Rohstoffe intelligent einzusetzen, wenn wir sie schon in einer Übergangsphase verbrennen müssen, beispielsweile mit der Technik der Kraft-Wärme-Kopplung.
3. Rohstoffe einzusparen.

Wir müssen wieder dezentrale Strukturen schaffen, die wesentlich effektiver sind, als die unbeholfenen, unbeweglichen Großkonzerne, die auch noch den Nachteil haben, eine ungebührliche Fülle an Macht an sich zu ziehen und damit in der Lage sind, z.B. demokratische Gefüge auszuhebeln.
Wir müssen möglichst allumfassende Kriterien an unsere Produkte legen wie weiter oben schon beschrieben. Dann wären gemeingefährliche Zwischenprodukte wie CO und Phosgen gar nicht denkbar, die nicht gerade dem Wohle der Allgemeinheit dienen, obwohl für die CO-Pipeline genau dieses „Argument“ benützt worden ist. - Oder die Chlorchemie, die in Teilen ihre Berechtigung haben mag, in ihrer großtechnischen Anwendung aber unendlich viele Schäden angerichtet hat, denke ich etwa an PCB oder PCP. Die Kosten für die Schäden wurden und werden auch hier weiter der Allgemeinheit aufgebürdet. - Und zu allen Produkten gab und gibt es Alternativen. Ich bin selber Planer und weiß um die vielen Möglichkeiten, Probleme zu lösen.

Zum hoffentlich guten Schluß: Seien Sie gewiß, lieber Herr Wenning, meine Herren vom Vorstand und Damen und Herren vom Aufsichtsrat: Wir Bürger und Bürgerinnen lassen uns kein „X“ mehr für ein „U“ vormachen lassen, schon gar nicht im XXL-Format. - Wir werden die potentiell tödliche CO-Pipeline und das völlig überdimensionierte, extrem klimaschädliche Fossile Kohlekraftwerk mit allen friedlichen, demokratischen Mitteln zu verhindern suchen und uns dafür einsetzen, die Zukunft zu denken und zu bauen - und nicht die Steinzeit zu restaurieren. -
Ich halte es dennoch oder gerade deshalb für notwendig, daß sich alle Seiten auf einer Augenhöhe zusammensetzen und an dieser verantwortungsvollen Aufgabe mitarbeiten – auch aus Verantwortung für unsere Kinder und Enkel. - Unsere Gesprächsangebote liegen seit geraumer Zeit vor, sind jedoch von Ihnen, lieber Herr Wenning, nicht wahrgenommen worden.

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CBG Redaktion
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CBG Redaktion

attac

CBG Redaktion

Liebe Aktionärinnen, liebe Aktionäre.

Mein Name ist Thomas Eberhardt-Köster. Ich spreche für das globalisierungskritische Netzwerk ATTAC und möchte dem Vorstand einige Fragen in Bezug auf die nachhaltige Entwicklung des Bayer-Konzerns stellen.

Nachhaltigkeit und kurzfristige Profitinteressen
Auf die von neoliberaler Seite nach wie vor gerne wiederholte Behauptung, dass der Markt alles regele und sich langfristig immer ein Gleichgewicht einstellen würde, gab der in den letzten Monaten wieder vermehrt zur Kenntnis genommene Ökonom John Maynard Keynes seine berühmte Antwort: „Langfristig sind wir alle tot” und ergänzte: „Die Ökonomen stellen sich eine zu einfache und zu nutzlose Aufgabe, wenn sie uns in stürmischen Zeiten lediglich mitteilen können, dass das Meer, sobald der Sturm vorüber ist, wieder glatt sein wird.”
Heute würde kein Ökonom mehr, selbst wenn er es denkt, öffentlich äußern, langfristig kommt schon alles wieder ins Lot, vielmehr bemühen sich alle darauf hinzuweisen, dass Nachhaltigkeit wichtiger den je sei, selbst wenn sie wissen, dass das tendenziell kurzfristig orientierte ökonomische Denken langfristig dazu führt, dass wir die natürlichen Ressourcen aus dem Blick verlieren, sie zerstören und damit uns selbst sowie unseren Kindern und Enkeln die Lebensgrundlage entziehen.

Das Bayer-Management scheint allerdings weitsichtiger zu sein, als die Mehrheit der Ökonominnen und Ökonomen. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man den Aussagen in der Bayer-Publikation „Namen, Zahlen, Fakten 2009, 2010“ glaubt.

Ich möchte kurz daraus zitieren:
„Ökonomie, Ökologie und soziales Engagement sind für uns gleichrangige Ziele innerhalb unserer Unternehmenspolitik.“ (NZF S.3)

Ja, Sie haben sich nicht verhört, so steht es im ersten Kapitel, das mit „Credo“ überschrieben ist, und weiter heißt es dort, dass das Unternehmen, ich zitiere wieder, „den Menschen nützen und zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen“ will (NZF S. 2).

Eigentlich könnten mich solche Aussagen zufrieden stimmen, denn auch ich meine, dass Ökonomie, Ökologie und Soziales zusammen gedacht werden müssen.

Wenn ich mir aber die Geschäftspraktiken des Bayer-Vorstandes ansehe, setzt sich bei mir der Eindruck fest, dass dieser in krassem Gegensatz zu den eingangs zitierten Aussagen steht.
Wenn ich diese Geschäftspraktiken ansehe drängt sich mir zudem der Verdacht auf, dass der Vorstand und insbesondere der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning wenig bis nichts aus der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise gelernt hat und sein Heil in einem einfachen „Weiter so“ sucht.

Ich will dies an drei Punkten festmachen:
§ Erstens an den Entgeltkürzungen für die Bayer-Beschäftigten im Bereich MaterialSience,
§ zweitens am Umgang mit Leiharbeit im Konzern und
§ drittens an der für die heutige Versammlung vorgeschlagene Dividendenausschüttung.

Entgeltkürzungen
Weltweit hatte der Bayer-Konzern 2008 108.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Dies waren 2.200 mehr als 2007. Gleichzeitig wurden die Personalaufwand um 1,1 Prozent gesenkt. (NZF S. 32). Dies bedeutet, dass die Beschäftigten 2008 im Durchschnitt weniger verdient haben als 2007. Wie wir dem Geschäftsbericht entnehmen konnten war das Jahr 2008 das erfolgreichste in der Unternehmensgeschichte von Bayer. Trotz bereits aufziehender Wirtschaftskrise konnte ein Gewinn von 6,9 Milliarden Euro eingefahren werden. Möglich war dies offensichtlich, weil Personalkosten gespart wurden. Auch 2009 soll diese Strategie fortgesetzt werden in dem unter anderem Arbeitszeitverkürzungen ohne Entgeltausgleich durchgesetzt wurden. Dabei wurde das gute Ergebnis im Jahr 2008 von den Beschäftigten mit erwirtschaftet, denen nun die Entgelte gekürzt werden.

Hier nun meine Frage an den Vorstand: Warum nutzt er nicht einen Teil der geplanten Dividendeausschüttung zur Entgeltsicherung für die Bayer-Beschäftigten?

Leiharbeit
Unter anderem in Folge der Krise der Automobilindustrie ist der Umsatz im Bereich MaterialSience zurückgegangen. Bezogen auf das gesamte Jahr 2008 um insgesamt - 4,6 Prozent (NZF S. 12). Hinzu kommt, dass laut Arbeitsdirektor Pott - in der Financial Times Deutschland vom 9. März 2009 nachzulesen - als Folgen steigender Produktivität „jährlich einige Hundert Mitarbeiter“ abgebaut werden. Der schleichende Jobverslust an inländischen Standorten machte 2008 laut derselben Pressemeldung 1.700 Kolleginnen und Kollegen aus 2007 = 39.100; 2008 = 37.400 (FTD am 9.3.2009).

Für 2009 schließt der Vorstand noch betriebsbedingte Kündigungen aus. Hier kommt zum Tragen, dass der Konzern in den letzten Jahren verstärkt Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter eingesetzt hat. Diese haben nicht nur deutlich weniger als die Stammbelegschaft verdient. Sie sind zudem in der Krise die ersten, die ihren Job verlieren.

Meine Frage an den Vorstand in diesem Zusammenhang, insbesondere an Arbeitsdirektor Pott: Wie viel Leiharbeiter und Leiharbeiterinnen waren 2008 im Konzern beschäftigt und wie viele haben in Folge von Umsatzeinbrüchen ihren Arbeitsplatz verloren?
Und weiter: Was gedenkt der Vorstand zu tun, um die Arbeitsplätze bei Bayer langfristig zu sichern?

Zu Höhe der Dividende
Der Vorstand schlägt vor, für das Geschäftsjahr 2008 1,40 Euro pro Aktie auszuschütten, insgesamt 1.070 Millionen Euro. Offensichtlich macht er sich weniger Sorgen um die langfristige Entwicklung des Konzerns, als vielmehr um die kurzfristige Verbesserung der Performance der Bayer-Aktie.
Anstatt die in 2008 erwirtschafteten Gewinne zu nutzen, um in die Entwicklung ökologisch nachhaltige Produkte und in die Sicherung von Arbeitsplätzen zu investieren, schlägt er eine Rekorddividende vor.

Würde die Dividende um die Hälfte gekürzt, stünden rund 500 Millionen Euro für Zukunftsinvestitionen zur Verfügung.

Meine Frage in diesem Zusammenhang: Wie will der Vorstand auf die anhaltende ökonomische Krise der Automobilindustrie - die Abnehmer vieler Bayer-Produkte ist - reagieren und warum investiert er nicht einen Teil der geplanten Dividendeausschüttungen in ökologischen Standards genügende Zukunftstechnologie?

Lernfähig?
Die deutsche Chemieindustrie ist von der globalen Wirtschaftskrise weiterhin stark betroffen. Dies liegt unter anderem an der starken Exportorientierung und daran, dass wichtige Abnehmerindustrien, wie die Automobil- und die Bauindustrie von der Krise erfasst sind. Im vierten Quartal 2008 lag die Auslastung der Kapazitäten bei lediglich 75 Prozent 75% (IG BCE). Der Neoliberalismus ist gescheitert und eine stärkere Regulierung der Ökonomie auf nationaler und internationaler Ebene immer nötiger. Werner Wenning hat in einem Spiegel-Interview vor staatlicher Regulierung gewarnt und geäußert: „Es wäre deutlich besser, jetzt jene Bremsen zu lösen, die den Wachstum behindern.“ Er möchte nicht nur die Bremsen lösen, sondern auch möglichst wenig Verkehrsregeln haben, damit sich die ökonomisch Starken auf Kosten der Schwachen und der Natur durchsetzten.
Angesichts der Abstütze der Banken und Investmentgesellschaften, die nicht zuletzt den Deregulierungen den internationalen Finanzmärkte in den letzten drei Jahrzehnten geschuldet waren, und angesichts der auf uns zukommenden Klimakatastrophe kommen einem solche Aussagen wie die Wahnträume eines auf den Abgrund Zurasenden vor, der kurz vor dem Ende noch einmal den ultimative Kick verspüren will. Wer etwas klarer denkt, weiß nicht nur im Straßenverkehr Regulierungen durchaus zu schätzen und ist spätestens auf der abschüssigen Passstrasse froh, dass der TÜV so hohen Wert auf sichere Bremssysteme legt.

In diese Richtung geht auch meine abschließende Frage: Wäre der Vorstand angesichts der Defizite, die die Finanzmarktkrise dem Betriebsrentenfonds von Bayer beschert hat nicht glücklich, wenn eine strengere internationale Finanzaufsicht so manchen Kurssturz im Vorhinein verhindert hätte?

Thomas Eberhardt-Köster, Düsseldorf 12. Mai 2009

[Koch] Rede Christoph Koch

CBG Redaktion

Bienensterben 2008 ein Zufall oder ein Skandal?

Sehr geehrter Vorstand,
sehr geehrter Aufsichtsrat,
sehr geehrte Aktionäre,
meine sehr geehrten Damen und Herrn,

mein Name ist Christoph Koch. Ich bin ein Berufsimker aus Baden Württemberg und spreche zu ihnen im Namen des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbunds.

Vergangenes Frühjahr wurden am Oberrhein und im Raum Passau weit über 12500 Bienenvölker nachweislich durch ein BAYER Pestizid vergiftet. Diese größte je dokumentierte Bienenvergiftung Deutschlands ist zurückzuführen auf den Wirkstoff Clothianidin, der als Beizmittel am Mais erstmals im großen Stil in den genannten Gebieten nahezu flächendeckend gegen den Maiswurzelbohrer eingesetzt wurde. Ich selber gehöre zu den über 700 betroffenen Imkern.

Die Zulassungsbehörden haben daraufhin sehr bald die Zulassung aller insektiziden Beizmittel ausgesetzt .Für die Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide, zu denen auch das Clothianidin gehört, ist bis heute zur Behandlung von Mais-Saatgut verboten.
Als einer der betroffenen Berufsimker hier in Deutschland muss ich sie hier heute mit der Frage konfrontieren, wie es möglich sein konnte, dass das legal zugelassene Beizmittel Poncho bzw. Poncho Pro dieses Konzerns allein in der BRD weit über 12000 Bienenvölker nachweislich vergiften konnte und auch in anderen Ländern große Bienenvergiftungen angerichtet hat. So in Italien z.B. sind es bereits über 50000 Bienenvölker gewesen, welche durch Neonicotinoide dieses Konzerns vergiftet wurden. Ganz aktuell sind erneut weit über 9000 Bienenvölker von rund 1000 Österreichischen Imkern vergiftet worden.

Ja wie kann so eine der größten je dokumentierten Bienenvergiftungen möglich sein?

Das Landwirtschaftsministerium Baden Württembergs schreibt in seinem Abschlußbericht als mögliche Ursache eine Verkettung von unglücklichen Umständen und nennt als Hauptursache fehlerhaftes gebeiztes Saatgut, ausgebracht von letztlich völlig ungeeigneten pneumatischen Sämaschinen.

Analysiert man diese Aussage einmal genauer, so muss man sich schon fragen ob der Konzern es sich leisten kann, durch schlampig arbeitende Beizfirmen sein Image versauen zu lassen? Und warum die verantwortlichen Konzernmanager dagegen nicht gerichtlich vorgehen?

Zumindest jetzt nach dem brandaktuellen Fall Österreich wo die dortige Zulassungsbehörde von perfekt gebeizten Saatgutpartien ausgegangen ist und Fehler wie sie in Baden Württemberg passierten ausgeschlossen hat.

Ja warum gehen die Manager jetzt nicht gerichtlich gegen diese Imageschänder vor?

Weil sich dann vielleicht herausstellen könnte, dass es selbst mit vorschriftsmäßig perfekt gebeizten Saatgut zu Bienenvergiftungen kommt?

Ist die Geschichte mit dem schlampig gebeizten Saatgut am Ende nur ein Märchen?

Ein Märchen erfunden von den Managern um die Schuld von sich zu weisen?

Nun, in Italien hatten die Forscher des ICPR schon 2002 herausgefunden dass diese BAYER Produkte, durch den ganz normal entstehenden Staub der entstehen kann, wenn man z.B. mit den Säcken hantiert und beim Einsatz der üblicherweise bei Mais verwendeten pneumatischen Sämaschinen zu großen Bienenvergiftungen führen. In ihrem Schlusspapier warnen diese Forscher aus Udine vor genau diesen Gefahren, welche wir Imker letztes Jahr am Oberrhein und dieses Jahr in Österreich hautnah erleben durften. Bei diesen Tagungen in Italien waren auch deutsche Wissenschaftler dabei und auch der Konzern wusste von diesen Ergebnissen.
Als 2004 die Zulassung für Poncho Pro für die BRD erteilt wurde war kein Wort von diesen Gefahren irgendwo in den Technischen Datenblättern oder sonst in irgendwelchen Auflagen aufgeführt.

Warum hat man diese doch so entscheidende Tatsache möglicher Probleme so rigoros verschwiegen?

Bienen-Experten konfrontiert mit diesen Tatsachen erklärten auf der Tagung des Deutschen Berufs und Erwerbsimkerbundes 2008 in Donaueschingen folgendes: die italienischen Sämaschinen seien vollkommen anders als die der deutschen Bauern.
Wenn man solche Antworten ernst nehmen soll, ist es ungefähr so als würde man sich für die Zukunft Gedanken darüber machen, Hersteller bedingte unterschiedliche Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuführen. In der Konsequenz also für eine Fiat dann eine deutlich niedrigere Geschwindigkeitsbegrenzungen, als für Daimler oder Proschemodelle die ja angeblich eine bessere Sichheitsausstattung haben. Als Argument das ABS der Italiener sei nicht das gleiche ist wie das der Daimler und Co!

Ein weiteres Totschlag Argument des Konzernes in dieser Geschichte sind die Bienenkrankheiten: Der Bayer-Mitarbeiter und maßgebliche Betreuer in Sachen Neonicotinoiden und Bienen der Herr Dr. Schmuck wurde am 8.5.2008 in der ersten sog. Experten Runde von mir gefragt was er aus Italien denn alles wisse. Seine Antwort war: ja da war was in 2004 und 2005 aber dies sei bis zum damaligen Zeitpunk nicht abschließend geklärt, ob da nicht Bienenkrankheiten mit verantwortlich seien. Von den damals aktuellen riesigen Vergiftungen in 2008 wusste er angeblich nichts. Dazu muss man wissen, dass in Oberitalien die Maissaat rund 4 Wochen früher stattfindet als bei uns am Oberrhein.

Diese und viele anderen Aussagen und PR Meldungen aus diesem Haus zeigt uns bis heute, dass der Konzern mit aller Gewalt versucht die tatsächlichen Bienen-Probleme dieser Stoffgruppe der Neonicotinoide mit den Bienenkrankheiten zu legitimieren. Man will uns Imkern weiß machen, dass erst kranke Bienen sich an diesen hochgiftigen Neonikotinoieden vergiften können. Gesunde Bienen würden so was leicht abhaben.

Meine Damen und Herrn das ist wie wenn man sagen würde: wir haben nur deshalb ein Schweinegrippe Problem weil alle bisherigen Fälle immer mit Schnupfen in Verbindung gebracht werden konnten und wer gesund ist kann sich an der Schweinegrippe nicht anstecken.

Mit dieser Methodik die Probleme auf Bienenkrankheiten zu focusieren, haben die Strategen in diesem Konzern jetzt aber eine Bauchlandung gemacht und riskierten so letztlich auch die Zulassung.

Warum wird den Imkern die Einsicht in die Zulassungsunterlagen verwehrt?

Warum zahlte der Konzern freiwillig eine Soforthilfe obwohl die Beizfirmen laut Baden Württemberg angeblich schuld waren? Ja und warum bediente man sich sogar der Hilfe der Landsiedelung zur Auszahlung?

Warum wurden die Imker nicht richtig entschädigt?

Warum wurde hier auf eine möglichst schnelle Abwicklung gedrängt und die Geldzusage an eine zeitliche Bedingungen geknüpft?

Wollte man mit dieser Strategie möglichst schnell das Ruhen der Zulassung aufheben?
Nach dem Motto: die Imker wurden entschädigt und die Bienen erholen sich, also sind die Schäden dieses angeblichen Unfalls geregelt und man kann die Zulassungsbeschränkung aufheben um wieder ins Geschäft zu kommen?

Wäre da nicht die Problematik der Vergiftungen durch Gutation gekommen, hätten die Zulassungsbehörden wohl unter dem Druck der Manager die Freigabe erteilt?
Und es wäre dann so gekommen wie jetzt aktuell in Österreich mit wieder zig tausende von vergifteten Bienen?

Ja das wäre wohl gut möglich gewesen!

Diese Neonicotinoide ziehen wie ein Komet einen grausamen Schweif toter Bienen und Blütenbesuchende Insekten hinter sich her. Überall wo diese Stoffe als Beizmittel bisher im Großen Stiehl eingesetzt wurden, gab es in der Folge massenhaft vergiftete tote Bienen.

Die Zusammenhänge sind aufgedeckt und bewiesen. Es ist nahe zu skandalös wie der Konzern damit umgeht. Das Management zieht immer noch nicht die notwendigen Konsequenzen aus der ganzen Affäre und nimmt diese Produkte immer noch nicht vom Markt. Dies müssten sie aber eigentlich nach allem dem was nun Welt-weit passiert ist längst umsetzten, so fordert es jedenfalls unserer Verständnis des Bienenschutzes. Das Ansehen dieses Chemie-Konzerns wird so in unverantwortlicher weise extrem belastet.

Die Verantwortlichen in diesem Konzern aber weisen bis jetzt jegliche derartige Zusammenhänge weit von sich. Dies ist gegenüber der Bedeutung der Bienen und anderen Blütenbesuchenden Insekten im Ökosystem extrem verantwortungslos und man riskiert hier ganz bewusst ein Firmen Image sondergleichen.

Wir fordern daher den sofortigen Verkaufs-Stopp von Imidacloprid und Clothianidin.
Da sich der Vorstand und Aufsichtsrat nicht für einen umfassenden Schutz der Bienen einsetzt, werden wir gegen die Entlastung stimmen.

Christoph Koch
Tel.: +49 7804 3589
E-Mail: vorstand@berufsimker.de

Kommentar zu den Antworten des Vorstandes auf meine Fragen aus der Rede auf der Aktionärsversammlung am 12.5.2009

Wenning betonte nochmals, dass das Bienensterben im Frühjahr 2008 hauptsächlich auf Fehlerhaftes Saatgut zurückzuführen ist und steht so im Einklang mit der Auffassung des Abschlußberichtes vom Landwirtschaftsministerium Baden Württembergs in dem es aber noch viele widersprüchliche Fragen gibt.

Er betonte, dass die Soforthilfe ausdrücklich freiwillig geleistet wurde.

Auf meine Frage warum der Konzern nicht dagegen vorgeht, dass ihm schlampig arbeitende Beizfirmen das Image versauen ist man nicht eingegangen. Es wundert auch nicht, denn bekanntlich sind ja die meisten Saatgutbetriebe in der Hand der Chemieindustrie und diese wird wohl sehr unwahrscheinlich gegen ihre eigenen Leute in irgendeiner Form Gerichtlich vorgehen.

Also kann man daraus schließen, dass der Konzern sehr wohl weiß, warum unsere Bienen vergiftet wurden. Deshalb auch das drängen auf sehr schnelle Auszahlung der Soforthilfe an alle betroffenen Imker, um möglichst schnell das Sperren der Zulassung aufzuheben.

Die extreme Gefährlichkeit der Neonicotinoiede gegenüber Bienen herab zuspielen war ein weiterer Plan des Vorstandes bei der Hauptversammlung. Auf mögliche Probleme mit den Bienenkrankheiten insbesondere auf die Varroa hatte Wenning schon zu einer vorherigen Anfrage verwiesen. Eine nicht ganz neue Methode um von der extremen Giftigkeit abzulenken, neu ist aber die Dreistigkeit der Methode.

Im Frühjahr hatten Bienen bis her noch nie Schwierigkeiten mit Varroa! Bienenvölker welche einen zu hohen Varroa Milbenbefall haben, erleben das kommende Frühjahr nicht! Das ist in Fachkreisen allgemein hin bekannt. Auch die Bienenexperten des BAYER Konzerns haben nie die Varroa im Zusammenhang mit den Vergiftungen im Frühjahr 2008 als ein Problem ausgemacht. Auch nicht in den Bekannten Fällen in Italien nicht.

Hier vermischt Wenning und seine Berater wohl einiges durcheinander bzw. passt die Varroa wohl besser ins allgemeine Bild, denn beim Deutschen Bienen Monitoring das ja von BAYER bisher ganz kräftig mit Geld großzügig unterstützt wurde, hat sich laut der letzten Abschlußberichte die Varroa als das große Problem in der Deutschen Imkerei herauskristallisiert. Nun wird dies vom Management des Konzerns mit allen Mitteln und wo immer es nötig erscheint auch dazu hergenommen und benutzt um jedes selbst verschulden von sich zu weisen.

Hier aber bei der größten je dokumentierten Bienenvergiftung Deutschlands hat Wennings Verweis auf die Varroa ihn wohl eher einen Bärendienst erwiesen.

Wenn Wennings Berater auch nur einen Funken Sachverstand hätten, wüssten sie, dass man im Frühjahr besser die Nosema als Sündenbock ins Feld führen sollte als den allgemein abgedroschenen Sündenbock Varroa.

Imkern aber weiterhin glaubhaft machen zu wollen, dass zitternde und gelähmte Bienen etwas mit Krankheiten zu tun haben, ist schon in sich ein Bärendienst und stellt für den Konzern die reine Blöße sondergleichen dar.

Auf die jüngsten Fälle aus Österreich ist Wenning auch nicht eingegangen. Die Krankheitsmaschinerie läuft dort auch schon auf Hochtouren und gleichzeitig streitet man sich wer die Analysenkosten bezahlt. Komisch ist nur, dass es keinen Disput darüber gibt, wer die Analysekosten hinsichtlich der Krankheitsbilder zahlt. Da hat sich scheinbar schon ein spendabler Geldgeber gefunden, nur nicht für die Rückstände! Eigenartig oder nicht?

Wundern tut man sich auch was die Risiko Einschätzung der Saattechnik betrifft. Man ist wohl seitens des Konzerns so optimistisch und zuversichtlich, dass alle Landwirte in der EU immer über die aller neuste und modernste Saattechnik verfügen. Mag sein, dass ein Konzern der scheinbar im Geld gerade zu schwimmt, seine Tests mit dem Besten am Markt befindlichen Geräten durchführt. Ein von Preisdiktaten der Lebensmittelkonzerne gebeutelt Landwirt von neben an hat jedoch nicht immer das neuste vom neuesten. Diesem Tatbestand wird hier nirgends auch nur im Ansatz Rechung getragen.

Warum auch? Hauptsache der Rubel rollt, das wurde mir auf der Hauptversammlung mehr als deutlich.

Wir sind wohl noch sehr weit weg von der Endgültigen Verbannung dieser Hochtoxsischen Beizmittel Generation der Neonikotinuiede. Den gemeinen Aktionär freut es aber um so mehr, wenn er auf der alljährlichen Hauptversammlung mit viel Pompös das tolle Geschäftsergebnis feiern kann und sich anschließen auch noch den Bauch (und alle Taschen) voll schlagen kann, auf dass auch ja nichts verkommt.

Hochachtungsvoll

Christoph Koch
Imkermeister
Karl-Friedrichstraße 15
D 77728 OPPENAU
Tel.: +49 7804 3589
E-Mail: vorstand@berufsimker.de
www.berufsimker.de

[Strack] Rede Guido Strack

CBG Redaktion

Köln, 14. Mai 2009
Whistleblowing bei Bayer

Ein Bericht von der Hauptversammlung der Bayer AG
am 12.5.2009 in den Messehallen Düsseldorf

1. Rede des Vorsitzenden des Whistleblower-Netzwerk e.V., Guido Strack

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Guido Strack. Ich bin Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Whistleblower-Netzwerk e.V. aus Köln der sich für Whistleblower, also für Menschen einsetzt, die auf Miss-stände in ihren Unternehmen hinweisen, damit diese frühzeitig abgestellt werden können. Lei-der ernten Whislteblowe heut zu tage statt Lob und Anerkennung in vielen Betrieben immer noch Mobbing und ihnen droht der Jobverlust

Bevor ich dem Vorstand ein paar Fragen zum Thema Whistleblowing stelle, möchte ich mich zunächst mit einigen Fragen an Sie liebe Mit-Aktionärinnen und Mit-Aktionäre wen-den:

Glauben Sie eigentlich, dass sich unsere Firma an Recht und Gesetz hält, überall, in in Deutschland in Europa und in der Welt?

Glauben Sie, dass der Vorstand uns darüber aufklären würde wenn dies – und sei es auch nur irgendwo in einer Ecke des großen Bayer-Imperiums - nicht der Fall wäre?

Glauben Sie dass der Aufsichtsrat dies auch dann feststellen würde, wenn der Vorstand ihm derartige Informationen vorenthalten würde?

Und, glauben Sie, dass uns hier und heute reiner Wein auch dann eingeschenkt wird, wenn die wahrheitsgemäße Beantwortung der Fragen die Herren auf dem Podium erheblich belasten würde – sei es einzelne, sei es mehrere?

Nur zu gerne würde ich alle diese Fragen aus vollem Herzen bejahen und mit der Vorlage von Informationsmaterial aller Art, inklusive schöner Worte in der Corporate Compliance Policy tut der Vorstand einiges dafür insoweit Vertrauen zu schaffen.

Aber was würde wohl geschehen, wenn hier und heute im Backoffice ein Mitarbeiter aufbegehrt und gegenüber seinen Vorgesetzten feststellt, dass eine Antwort auf eine der bereits gestellten Fragen geschönt oder gar bewusst falsch abgegeben werden soll oder wurde. An wen könnte er sich dann wenden? Ließe man es zu, dass er hier ans Rednerpult tritt und uns alle über sei-ne Sicht der Dinge informiert? Ich jeden falls würde mir dies wünschen.

Ich sprach eben von Vertrauen, aber ist dieses Vertrauen wirklich angebracht angesichts der diesbezüglichen Bilanz von Bayer?

Ist nicht vielmehr davon auszugehen, dass sich jener Mitarbeiter im Backoffice wenn er tatsäch-lich den Versuch unternehmen würde um uns als Eigentümer darüber zu informieren was im Unternehmen wirklich passiert sich schon morgen nach einem neuen Job umsehen müsste? Davon, dass diese unausgesprochene Wahrheit allen Mitarbeitern bekannt ist und dass die meisten genau deshalb schweigen.

Bayer hat eine lange unrühmliche Tradition im Hinblick auf Gesetzesverstöße, Missstän-de und die Gefährdung von Kundeninteressen und über einen schlechten Umgang mit Whistleblowern.

Mit Alfredo Pequito tritt hier heute ein solcher Whistleblower auf und berichtet uns allen über einen Teil jener Wirklichkeiten die uns der Vorstand auch diesmal wahrscheinlich wieder ver-schweigen wird. Wirklichkeiten von denen wir nur dank Whistleblowern und auch dank ihrer Unterstützung durch die Coordination gegen Bayer Gefahren überhaupt wissen.

Erinnern möchte ich hier auch an den Bayer Mitarbeiter George Couto. Er deckte auf, dass Bayer die US-Regierung betrog indem der staatlichen Gesundheitsversorgung zustehende Ra-batte nicht gewährt wurden. 2003 musste Bayer schließlich aufgrund eines in den USA und in Deutschland leider nicht bestehenden Whistleblowerschutz-Gesetzes des false claims acts 255,6 Millionen Dollar, die bis dahin höchste je verhängte Strafsumme einem Betrugsverfahren zahlen.

Dabei hätte BAYER damals eigentlich schon gewarnt sein können, denn bereits zwei Jahre zuvor zahlte man 14,1 Millionen Dollar in einem anderen Betrugsfall zu Lasten der US-Gesundheitsvorsorge, der ebenfalls durch einen Whistleblower ans Tageslicht gekommen war.

Ich möchte gerne herausfinden was der Vorstand aus diesen und anderen Fällen gelernt hat und was in unserem Unternehmen heute anders laufen würde, wie heute sichergestellt ist, dass Whistleblower heutzutage frühzeitig auf Missstände, Gefahren und Risiken auch für unsere Ak-tionärsinteressen hinweisen und wie mit diesen Hinweisen umgegangen wird.

Vor diesem Hintergrund habe ich folgende Fragen, sowohl zu einzelnen Fällen, die durch die Medien gegangen sind, als auch genereller Art:

Ist der Whistleblower bekannt der auf die von Bayer zunächst nicht veröffentlichten Daten zur Gefährlichkeit von Trasylol hinwies? Was ist mit ihm geschehen bzw. was würde geschehen wenn sein Name bekannt würde?

Unterhält Bayer noch vertragliche Beziehungen zu Alexander Walker einem Professor in Har-vard der an der Trasylol-Studie beteiligt war oder ist dieser mittlerweile eine „persona non grata“ in unserem Konzern?

Wie ging Bayer mit der ehemaligen Marketing-Expertin Susan Blankett um, die zunächst intern immer wieder erfolglos versuchte auf die Gefahren von LIPOBAY hinzuweisen bis sie schließ-lich einen Prozess gegen unser Unternehmen anstrengte? Wie ist diesbezüglich der aktuelle Sachstand? Welche Maßnahmen wurden ergriffen um zu verhindern, dass derartiges wieder passieren kann?

Der Herr von Greenpeace hat eben über das Image unseres Unternehmens gesprochen. Am 19.4.2009, also vor weniger als einem Monat, fand sich in einem der best besuchtesten deut-schen Politik-Blogs unter der Überschrift „“Bayer Mord wegen des Profits!“ ein Link zum Film „Tödlicher Ausverkauf“ von Egmond R. Koch, in welchem behauptet wurde, dass die US-Tochter Cutter auch dann noch ungereinigte Blutkonserven an Bluter in Asien und in Entwick-lungsländern aus Lagerbeständen abverkaufte als ihr die damit verbundenen Gefahren bereits bekannt waren. Trifft dies zu?
Wieviele Menschen sind hierdurch mit AIDS infiziert worden bzw. zu Tode gekommen? Sind diesbezüglich noch Rechtsstreite anhängig? Um welche Beträge geht es dabei? Was wurde aus dem chinesischen Hongkong Vertriebsmann von Cutter, einem Herrn Raymond Ho der sich als Whistleblower frühzeitig intern über diese Vertriebspraxis beschwerte? Ist er noch bei Cutter bzw. Bayer beschäftigt und wenn nein, warum nicht mehr? Gab es in diesem Fall andere Whistleblower und was geschah mit Ihnen? Was wurde aus Willi Ewald der in anderen Fällen zeitgleich vor der Verwendung des Produkts warnte, den Verkauf an Entwicklungsländer und Asien aber wohl nicht stoppte. John H. Hink ein ehemaliger Cutter-Manager sagt in diesem Film sinngemäß: „Statt die Produkte wegzuschmeißen wurde entschieden diese in anderen Ländern zu verkaufen wodurch Menschen zu Schaden kamen. Ich habe Fehler gemacht und bin froh jetzt darüber reden zu können.“ Wäre Bayer bereit diesen und andere Ex-Manager die Fehler bereuen heute für Compliance Schulungen anzuwerben und einzusetzen um Mitarbeitern dras-tisch und anschaulich zu vermitteln, wie man es nicht und wie man es besser machen sollte?

Wie viel Geld hat Bayer in den letzten 10 Jahren im Rahmen von Fällen die nach US-Bundes oder Staaten false claims acts anhängig gemacht wurden gezahlt? Sei es im Vergleichswege oder nach Verurteilungen und welche weiteren Kosten, z.B. für Rechtsanwälten sind dem Un-ternehmen dadurch insgesamt entstanden?

Können Sie uns bitte nähere Information über den Stand des im Berichtszeitraum, nämlich am 24.4.2008 in Newark New Jersey geöffneten false claims Verfahrens gegen BAYER geben, bei dem ein Whistleblower dem Unternehmen und seinen Töchtern vorwirft über einen Zeitraum von drei Jahren vor der Rücknahme von BAYCOL vom Markt illegale und betrügerische Marke-ting-Praktiken inklusive Schmiergeldzahlungen –Sie erinnern sich ja noch an das was ich eben zum false claims act gesagt habe – angewandt zu haben? Welche Strafzahlung könnten hier auf das Unternehmen schlimmstenfalls zukommen, wenn dieser Klage stattgegeben werden würde? Wie vielen anderen false claims act Verfahren sind derzeit in den USA auf Bundes oder Staatenebene anhängig? Worum geht es dabei jeweils und wie hoch wären in jenen Verfahren die jeweils maximal zu befürchtenden Schadensersatzzahlungen? Dazu muss man wissen, dass Bayer seit zwei Jahren nicht mehr in Amerika gelistet ist, also auch nicht mehr den SEC-Regeln unterliegt und es den 20-F Bericht nicht mehr gibt, in dem solche Informationen früher auch aufgeführt hätten werden müssen. Also haben wir nicht unbedingt ein Mehr an Transpa-renz in den letzten Jahren.

Abschließend noch ein paar generellere Fragen:

Teilen Sie die Einschätzung einer globalen Umfrage von Price Waterhouse aus dem letzten Jahr, der zu Folge Whistleblower-Vorbringen in mehr Fällen für die Feststellung von internen Betrugsfällen verantwortlich war als Audits, Interne Compliance und behördliche Kontrolle zu-sammen?

Gab es in den letzten drei Jahren Kündigungen von Bayer-Mitarbeitern, oder von Mitarbeitern von Tochterunternehmen an denen Bayer mehrheitlich beteiligt ist, wegen des Verrats von Be-triebs- und Geschäftsgeheimnissen oder wegen Loyalitätspflichtverletzungen in denen sich jene Mitarbeiter zuvor oder danach mit Hinweisen auf Missstände oder mit Vorwürfen in Bezug auf Gesetzesverstöße an Behörden oder an die Öffentlichkeit gewandt hatten? Wenn ja wie viele und welche Vorwürfe wurden dem Unternehmen dabei gemacht?

Wie würde ein Bayer-Mitarbeiter behandelt, der sich an die Öffentlichkeit wendet und Beweise vorlegen könnte dass Bayer z.B. für das derzeit an vielen Stellen zu beobachtende Massenbie-nensterben mit-verantwortlich ist?

Im Bayer Compliance Programm heißt es „. Alle Mitarbeiter sind verpflichtet, Verletzungen die-ses Compliance-Programms unverzüglich mitzuteilen.“ Wieviele solche Meldungen gab es 2008? Was waren die Folgen? Ist jemals einem Mitarbeiter die Nichterfüllung der Mitteilungs-pflicht vorgeworfen worden? Ist jemals ein Mitarbeiter hierfür sanktioniert worden? Oder steht dies alles nur auf dem Papier und abgestraft werden diejenigen, die unbequeme Meldungen machen?

Hat Bayer irgendwelche früheren Whistleblower rehabilitiert bzw, ihnen die Wiedereinstellung z.B. als Berater in Compliance-Angelegenheiten angeboten oder wäre der Vorstand hierzu als glaubwürdigen Einstieg in eine Neuorientierung bereit?

Wenn der Vorstand an Veränderungen und Vertrauen schaffender Transparenz hinsichtlich seiner Whistleblower-Politik interessiert ist, warum dann wurde die Umfrage mit welcher Whistleblower-Netzwerk und der Dachverband kritischer Aktionäre sich bereits Ende letzten Jahres an Sie gewandt hatten, bisher von Ihnen, anders als von vielen anderen DAX-Unternehmen, überhaupt nicht beantwortet?

Sind Sie bereit über Verbesserungen Ihrer derzeitigen Whistleblower-Policy nachzudenken und hierzu mit unserem Verein oder mit anderen anerkannten Experten mit dem Ziel einer best-practice zusammen zu arbeiten?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

2. Fragen von Antje Kleine-Wisskot zum Thema Whistleblowing

Unmittelbar im Anschluss, stellte Antje Kleine-Wiskott vom Dachverband kritischer Akti-onärinnen und Aktionäre in ihrer Rede noch folgende Fragen im Zusammenhang mit dem Thema Whistleblowing:

Gibt es in unserem Unternehmen spezielle Regelungen für Whistleblowing bzw. zum Whistleblowerschutz? In wieweit genügt deren Ausgestaltung international anerkannter „Best Practice„ wie sie sich z.B. im Code of practice „Whistlelbowing arrangements“ (PAS 1998:2008) der British Standards Institution widerspiegelt?

Wie ist sichergestellt, dass Hinweisen von Whistleblowern auf Risiken, Missstände und Geset-zesverstöße aller Art in unserem Unternehmen auch dann umfassend und bis zur Abhilfe nach-gegangen wird, wenn es dabei um den Schutz von langfristigen Aktionärsinteressen oder öf-fentlichen Interessen geht und hierbei ein Interessenskonflikt mit den kurzfristigen Interessen der aktuellen Unternehmensleitung besteht?

Erläutern Sie bitte die gegenwärtige Informationspolitik unseres Unternehmens bezüglich tat-sächlich vorkommender Fälle von Whistleblowing.
Wir begreifen Whistleblowing als ein wichtiges Element der Risikovorsorge und Compliance. Ist in unserem Unternehmen die Informationspolitik intern und extern ausreichend, um bei poten-ziellen Whistleblowern und auch bei Aktionären, die diese Anschauung teilen, eine tragfähige Vertrauensbasis herzustellen?

Sie schreiben in Ihrem Geschäftsbericht: „Alle Bayer-Mitarbeiter sind verpflichtet, Verletzungen der Compliance-Policy unverzüglich mitzuteilen. Die Anzeigen können auch anonym erfolgen; dazu sind in allen Ländern spezielle Hotlines eingerichtet, die ganz überwiegend zu von uns beauftragten spezialisierten Rechtsanwaltskanzleien führen.“ Was heißt an dieser Stelle „ganz überwiegend“ ganz genau? Wer sind diese Anwälte? In welcher Beziehung stehen sie ansons-ten zum Unternehmen? Was genau sind ihre Aufgaben? Gehören dazu auch unternehmensbe-ratende Tätigkeiten oder gar Ermittlungen gegen Whistleblower wie sie derzeit über Bahn-Ombudsleute berichtet werden? Könnten Sie sich vor diesem Hintergrund eine Einbeziehung wirklich Unabhängiger vorstellen?

3. Beantwortung der Fragen von Guido Strack durch den Vorstandsvorsitzenden der Bayer AG Werner Wenning:

Unser Bestreben ist es unsere Aktionäre offen und umfassend über alle wesentlichen Entwick-lungen in unserem Haus zu informieren. Nichts anderes gilt für de unternehmensinterne Dis-kussion. Ein offener, ehrlicher und direkter Dialog gehört zu unserer Unternehmenskultur und zu unseren Werten.

Herr Strack, sie haben ferner eine Reihe von hypothetischen Fragen zu unserem Backoffice gestellt. Diese Konstruktionen gehen jedoch an den realen Gegebenheiten vorbei. Sie werden verstehen, dass ich auf hypothetische Fragen auch keine faktischen Antworten geben kann.

Wenn wir uns an den realen Gegebenheiten orientieren, dann lassen sie mich an dieser Stelle unmissverständlich sagen: gesetzmäßiges und verantwortungsbewusstes Handeln ist für jeden Mitarbeiter verbindlich. Verstöße gegen Gesetze werden von uns nicht geduldet. Unser umfas-sendes Compliance-Programm beinhaltet u.a. ein striktes Verbot von Korruption und wettbe-werbswidrigem Verhalten, die Schaffung fairer und respektvoller Arbeitsbedingungen und ein klares Bekenntnis zum Schutz geistigen Eigentums.

Dies ist für uns ein Kernthema. Unseren Mitarbeitern wurde deshalb dieses Programm, fast überall verbunden mit persönlichen Gesprächen, als Broschüre ausgehändigt. Parallel dazu starteten wir eine Kommunikationskampagne, die das Bewusstsein für Compliance weiter schärft. Unter dem Titel Compliance W.I.N.S. werden weltweit u.a. Plakate an den Standorten ausgehängt, Präsentationsmaterial für Teambesprechungen und Mitarbeiterversammlungen bereit gestellt und Artikel in den internen Publikationen veröffentlicht. Informationen zu Compli-ance sind zudem über das Intranet für Mitarbeiter zugänglich, ebenso wie die Kontaktdaten aller Compliance-Officers und die Telefonnummern der lokalen Compliance-Hotlines, die inzwischen in 66 Ländern, in denen Bayer-Gesellschaften ansässig sind, bereitgestellt werden. Um Regel-verstöße aufdecken zu können, unterliegen Bayer Mitarbeiter einer Meldepflicht für mutmaßli-che Compliance-Verstöße. Gemeldete Vorfälle werden untersucht. Bei Bedarf ergreifen wir Maßnahmen. Dies beantwortet auch ihre Frage, Herr Strack, wie Mitarbeiter im Backoffice e-ventuelle Compliance Fälle melden können und wie bei uns mit diesen Hinweisen umgegangen wird.

Sie sprechen auch Compliance Verstöße in den USA und daraus resultierende Strafzahlungen an. Diese Sachverhalte liegen zum Teil weit zurück in der Vergangenheit. Wir haben in den vergangenen Jahren unser Compliance Programm und auch unsere Compliance Organisation erheblich ausgebaut und weiter verschärft. Wir sind deshalb davon überzeugt, dass Compliance bei Bayer heute ein fester Bestandteil unserer Geschäftsprozesse ist.

Herr Strack, sie haben eine im Zusammenhang mit Trayslol beauftragte Studie erwähnt. Deren vorläufige Daten von Bayer erst kurz nach der Sitzung eines Advisory Committees der amerika-nischen FDA im Herbst 2006 eingereicht wurden. Ihre Unterstellung, dass es einen Whistleblo-wer gab, der diese Daten öffentlich machte, ist unzutreffend. Bayer selbst hat die Daten der FDA bekannt gemacht. Sie sprachen außerdem Herrn Professor Alex Walker an. Er hat diese Studie für uns im Jahre 2007 fortgeführt und beendet.

Sie sprachen eine Klage an, die von einer ehemaligen Bayer Mitarbeiterin im vergangenen Jahr in den USA im Zusammenhang mit Baycol gegen Bayer erhoben wurde. Die in dieser Klage erhobenen Vorwürfe waren zum allergrößten Teil bereits Gegenstand der zahlreichen Klagen die zum Marktrückzug von Baycol/Lipobay in den USA erhoben worden sind. Wir weisen diese Vorwürfe entschieden zurück. Bayer hat in den USA bisher alle sechs Prozesse gewonnen. Die von der ehemaligen Bayer Mitarbeiterin eingereichte neue Klage ist nun zuständigkeitshalber an das Bundesgericht in Minnesota verwiesen worden, welches auch in den anderen bundes-gerichtlichen Baycol-Verfahren für die prozessuale Koordinierung zuständig ist.

Herr Strack, sie haben sich ausführlich nach dem Stand von false claims act Verfahren in den USA erkundigt. Derzeit sind uns keine Klagen bekannt, in denen von Behörden Verletzungen des false claims act durch uns behauptet wurden.

Sie haben, Herr Strack, eine Reihe von Fragen zu den HIV verunreinigten Blutprodukten und im Zusammenhang der damit anhängigen Rechtsstreitigkeiten gestellt. Im Zusammenhang mit Bluterpräparaten, die während der 80iger Jahre hergestellt wurden, betont Bayer nochmals, dass alle mit der Herstellung und Vermarktung biologischer Produkte befassten Unternehmen größtes Mitgefühl empfinden wegen der Folgen von HIV und AIDS für die Blutererkrankten. Die Tragik, ist der Umstand dass das Virus gerade durch die Therapien übertragen wurde, die das Leben von Bluterpatienten entscheidend verbessern können. Dies geschah zu einem Zeitpunkt als man nicht wusste und auch nicht wissen konnte, dass das Virus in die Blutprodukte gelangt war. Bayer bestreitet Fehlverhalten bei der Herstellung und Vermarktung dieser Produkte. Grundlage für die Entscheidungen von Cutter Laboratories waren die seinerzeit vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und der damalige Stand der Technik. Man kann diese Ent-scheidungen nicht mit dem Wissen und den technischen Möglichkeiten beurteilen die es Jahre später verfügbar wurden. Gegen Bayer sind in den USA und in anderen Ländern zahlreiche Klagen anhängig die sich auf Schadensersatz für außerhalb der USA lebende Kläger richten, die durch von Bayer verkaufte Blutplasma-Produkte mit HIV oder Hepatitis-C Virus infiziert wor-den sein sollen. Die Klagen sind der Höhe nach nicht näher beziffert.

Herr Strack, sie fragten, ob wir bereit sind, mit ihrem Verein zusammen zu arbeiten. Ich habe gerade bereits auf unser umfassendes Compliance Programm hingewiesen. Wir haben dies zusammen mit Experten einer spezialisierten externen Kanzlei erarbeitet. Insofern sehen wir keinen weiteren Handlungsbedarf.

Herr Strack, sie fragten nach unserer Einschätzung einer Studie von Price-Waterhouse-Coopers zu Whistleblower-Fällen. Bitte haben sie Verständnis dafür, dass ich Ergebnisse von allgemeinen Erhebungen anderer Unternehmen weder validieren noch kommentieren kann.

Sie haben nach Zahlungen gefragt, die Bayer in den letzten Jahren wegen angeblicher Verlet-zungen des false claims acts in den USA geleistet hat. Wir haben in den letzten Jahren ein Ver-fahren hierzu verglichen ohne eine solche Verletzung einzugestehen. Wir haben in diesem Ver-gleich 97,5 Mio US-$ an die Behörde gezahlt. Die Anwaltskosten liegen im niedrigen einstelli-gen Millionenbereich. Darüber hinaus gibt es keine weiteren Klagen, in denen Behörden Verlet-zungen des false claims acts durch uns behaupten.

Sie fragten nach Kündigungen von Mitarbeitern im Zusammenhang mit der Meldung von Compliance Verstößen. Auch hierzu enthält unser aktuelles Compliance Programm eine klare Aussage: Kein Mitarbeiter darf auf Grund einer gutgläubigen Anzeigeerstattung auf irgendeine Weise benachteiligt werden. Dementsprechend sind uns auch keine derartigen Fälle bekannt.

Herr Strack, sie fragten nach der Anzahl von Anzeigen unter unserem Compliance Programm im Laufe des Jahres 2008. Die genaue Zahl der weltweiten Fälle liegt uns nicht vor. Die Grö-ßenordnung dürfte zwischen 50 und 100 liegen. Ich kann ihnen aber versichern, dass wir sämt-lichen Anzeigen nachgehen. Teilweise erwiesen sich diese Meldungen als nicht zutreffend. Da wo zutreffend hat dies zu arbeitsrechtlichen Schritten bis hin zur Trennung von Mitarbeitern ge-führt. Sie fragten nach der Wiedereinstellung von Whistleblowern bei Bayer. Dies würde vor-aussetzen, dass wir uns von Whistleblowern getrennt hätten. Dies ist aber nicht der Fall. Kein Mitarbeiter wird bei uns auf Grund einer gutgläubigen Anzeige von Compliance Verstößen auf irgendeine Weise benachteiligt und schon gar nicht gekündigt.

Herr Strack, sie hatten das Thema Bienensterben und Bayer angesprochen. Herr Strack, selbstverständlich gehen wir Hinweisen die zu einer Verbesserung der Sicherheit unserer Pro-dukte führen können im eigenen Interesse nach. Ich möchte allerdings festhalten: Unsere Pro-dukte sind, bei sachgerechter Anwendung, sicher für den Landwirt, die Umwelt und den Verbraucher. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass es eine Vielzahl von Gründen für die in bestimmten Regionen beobachteten Bienenverluste gibt. Dazu zählen u.a. extreme Umweltein-flüsse und Bienenkranheiten wie die Varoa-Milbe. Die Bienengesundheit hat für Bayer hohe Priorität. Daher unterstützt das Unternehmen Wissenschaftler und Behörden bei der Aufklärung.

4. Herr Wenning zu den Fragen von Antje Kleine-Wisskot

Zu den Fragen von Antje Kleine-Wisskot aus dem Bereich Whistleblowing führte Herr Wennig anschließend noch sinngemäß aus:

- dass auch anonyme Meldungen an externe Rechtsanwalts-Kanzleien möglich sind,
- dass keinerlei Benachteiligungen von Whistleblowern stattfinden und
- dass er auch keinen Widerspruch zwischen kurz- und langfristigen Interessen sähe; vielmehr sei eine uneingeschränkte Compliance Politik nötig und werde von Bayer auch angewandt.

5. Zweite Wortmeldung von Guido Strack

In einer zweiten Wortmeldung versuchte Guido Strack später noch Antworten auf die zunächst unbeantworteten Fragen zu bekommen und stellte zugleich auch einige Nach-fragen zu den Äußerungen von Herrn Wennig.

Sehr geehrter Herr Wennig,

leider haben sie nur einen Teil der von mir und Frau Kleine Wisskot aufgeworfenen Fragen zum Thema Whistleblowing beantwortet. Außerdem ergeben sich aus ihren Äußerungen auch Nach-fragen, weshalb ich mich nunmehr zu acht Punkten nochmals äußern möchte:

Vorab möchte ich aber auch feststellen, dass ich die auf dem Papier bestehende Grundaussa-ge ihrer Compliance-Policy „keinerlei Nachteile für Whistleblower“ ausdrücklich begrüße. Mei-nes Erachtens fehlt aber die Transparenz und hierzu haben sie meine spezifischen Fragen auch nicht ausreichend beantwortet. Transparenz wäre aber nötig um Vertrauen aufzubauen und die Kultur des Schweigens zu überwinden.

Erstens: Sie sprachen von externen Anwaltskanzleien. Wir hatten auch nach Namen gefragt. Können sie diese bitte, wenn schon nicht für die gesamte Welt, dann wenigsten für Deutschland benennen? Wenn sie von externen Kanzleien sprechen, kann ich daraus schließen, dass sie grundsätzlich der Meinung sind, dass es einen unabhängigen Ansprechpartner für Whistleblo-wer geben sollte? Zugleich möchte ich dann aber hinterfragen, wie extern und unabhängig die von ihnen konkret eingeschalteten Kanzleien sind. Habe ich sie richtig verstanden, dass die Kanzleien das Unternehmen beim Aufbau des Systems beraten haben und dass sie auch in Bereichen jenseits der Compliance mit diesen Zusammenarbeiten? Teilen sie meine Einschät-zung, dass eine solche Kanzlei dann nicht mehr wirklich unabhängig sein kann? Außerdem hät-te ich gerne nähere Informationen darüber, was die Anwaltskanzleien genau machen? Nehmen sie nur die Anzeigen auf oder sind sie auch in die Aufklärung der Sachverhalte eingebunden? Gibt es Rückmeldungen an die Whistleblower und haben diese Gelegenheit zu Ermittlungs-nachfragen und/oder dazu zu Ermittlungsergebnissen Stellung zu nehmen?
Außerdem interessiert es mich zu erfahren, welche Rechte die Anwaltskanzlei hat. Erschöpfen sich diese in der Einbindung in einen internen Prozess oder haben die Kanzleien, im Sinne von unabhängigen Organen der Rechtspflege, auch die Möglichkeit Behörden einzuschalten wenn sie der Auffassung sind, dass Gesetzesverstöße seitens von Bayer oder von Mitarbeitern vor-liegen?
Teilen sie meine Auffassung, dass mehr Transparenz mehr Vertrauen schaffen kann? Sind sie bereit die nähere Ausgestaltung ihres Umgangs mit Whistleblower-Hinweisen und zur Rolle der Rechtsanwaltskanzleien sowie die mit jenen geschlossenen Verträge – und hier geht es nicht um finanzielle Regelungen – öffentlich zu machen?

Zweitens: Es wurde gefragt, wie die interne und externe Kommunikationspolitik zu konkreten Whistleblower- bzw. Compliance Meldungen aussieht. Hierzu gab es leider keine Antwort. Ich will daher kurz verdeutlichen, was mit jener Frage gemeint war: Die Lufthansa Technik z.B. ver-öffentlicht intern in einem Tracing System, also einer Übersicht anonymisiert sämtliche Whistleblower Meldungen, deren jeweils aktuellen Sach- und Bearbeitungsstand, bis hin zu Untersuchungsergebnissen und follow-up. Damit ist gewährleistet, dass ein transparentes Ver-fahren entsteht und Mitarbeiter begründetes Vertrauen gewinnen und aus Fehlverhalten lernen können. Siemens macht die Zahlen zur Nutzung seiner Whistleblower-Hotlines zumindest in Form von nach Sachgruppen untergliederten statistischen Daten sogar der Öffentlichkeit quar-talsmäßig zugänglich. In beiden Fällen und auch in anderen uns bekannten Unternehmen ist die Nutzung der Hotlines außerdem wesentlich größer als die von ihnen genannten groben Zah-len. Sehen sie hier einen Zusammenhang? Können auch sie bitte die von ihnen genannten Fallzahlen weiter aufschlüsseln? Ging es hierbei um Korruption, andere Gesetzesverstöße oder auch um Fragen unzureichender Risikoabschätzungen hinsichtlich der Gefährlichkeit von Bayer Produkten? Ist der letztere Bereich überhaupt vom Compliance Programm umfasst?

Drittens: Eine andere Frage, zu der sie nicht Stellung genommen haben war jene nach dem Vergleich ihres Compliance Systems mit dem BSI Standard PAS 1998:2008. Dieser Standard enthält am Ende eine Checklist mit konkreten Punkten und ich würde gerne wissen, in wie weit ihr Compliance System jedem dieser Punkte genügt. So wird z.B. neben einem Meldekanal auch eine davon und vom Unternehmen unabhängige Beratungsmöglichkeit gefordert. Gewähr-leisten sie diese? Wichtig für gute Whistleblower-Systeme ist anerkannter Weise auch eine Vorbild Funktion und die transparente Belobigung von Whistleblowern die über eine bloße Nichtdiskriminierung hinaus gehen muss. Was tun sie insoweit? Können sie bitte auch noch etwas dazu sagen, ob die Compliance Hotline auf Mitabeiter begrenzt ist oder ob sie z.B. auch von Vertragspartnern, Lieferanten oder Kunden genutzt werden kann wie sich dies in anderen Unternehmen bewehrt hat?
Viertens: Ich hatte sie gefragt, ob es bisher bei Bayer einen Fall gab, in dem ein Mitarbeiter we-gen der Nichtmeldung von Compliance Informationen, also für Nicht-Whistleblowing sanktioniert wurde, denn dies wäre ja eigentlich eine Folge der von ihnen statuierten Meldepflicht. Hierzu hatte ich keine Antwort erhalten.

Fünftens: Sie haben trotz aller Defizite einen zumindest auf dem Papier bestehenden Compli-ance Standard beschrieben der über jenen des Deutschen Corporate Governance Kodex hi-nausgeht. Daher meine Frage: Werden sie sich dafür einsetzen zumindest jenen Standard auch im Deutschen Corporate Governance Kodex verbindlich festzuschreiben? Wird Bayer die Be-deutung von Whistleblowing auch dadurch anerkennen, dass sich der Konzern für eine gesetz-liche Schutzregelung für Whistleblower einsetzt. Im letzten Sommer ist der Vorschlag für einen neune § 612a BGB ja noch am Widerstand von CDU/CSU und der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände gescheitert. Wird sich Bayer gegen diese Haltung der BdA stel-len?

Sechstens: Eine weitere Nachfrage bezieht sich auf die false claims act Fälle. Hier hatten sie erwähnt, dass Bayer im letzten Jahr eine Zahlung vom 97,5 Mio US-$ geleistet hat. Dabei hatte ich den Eindruck, dass es sich hierbei nicht um den von mir erwähnten Fall aus Newark iZm. Baycol handelte – der jetzt wohl in Minnesota anhängig ist. Daher die Nachfrage: Worum ging es bei der Zahlung von 97,5 Mio US-$? Wieso zahlt Bayer mal eben 100 Millionen, wenn doch wie sie sagen „keine Rechtsverstöße anerkannt“ wurden? Sehen sie in diesem verweigerten Bekenntnis zu eigenen früheren Rechtsverstößen nicht einen Widerspruch zu dem von ihnen mehrmals abgegebenen Bekenntnis zur Rechtstreue? Setzt Rechtstreue und verantwortliches Handeln nicht auch klare Fehlereingeständnisse voraus? Wir alle machen Fehler. Wie kann dies von den Mitarbeitern verlangt werden, wenn die Firma hier nicht mit Vorbildfunktion voran-geht? Außerdem nochmals meine Frage von eben: Wieviel wurde in den letzten 10 Jahren im Rahmen von false claims act Verfahren sei es über Verurteilungen oder Vergleiche inklusive Kosten insgesamt gezahlt? Ich komme hier auf ca. 370 Milllionen US-$, sie sprachen aber nur von 97,5 Mio US-$ plus Anwaltskosten.

Siebtens: Abschließend erlauben sie mir noch eine Anmerkung zur Frage des Dialogs. Sie ha-ben heute mehrfach betont, dass sie diesen für wichtig halten. Zugleich aber mein konkretes Angebot in einem solchen Dialog mit uns, dem Whistleblower-Netzwerk e.V. einzusteigen aber verweigert. Gibt es einen Grund für diese offensichtliche Abweichung von ihrem Grundprinzip und wenn ja , warum haben sie dann nicht wenigstens meine konkrete Frage nach den Grün-den für die Nichtbeantwortung der ihnen bereits im Dezember 2008 zugesandten Umfrage be-antwortet?

Achtens und dies ist eine ganz persönliche Anmerkung zum Schluss: „Claiming science for a better life without caring for risks“ so scheint mir nach allem hier heute gehörten der wahre Leit-spruch von Bayer zu lauten. Bei Produkteinführungen wahren sie bestenfalls noch die nach gesetzlichen Vorgaben nötigen Anforderungen vom Stand der Technik, allerdings stets unter dem Gesichtspunkt der Kostenminimierung. Dann versuchen sie das meiste aus dem Produkt herauszuholen, notfalls auch jenseits der geprüften Bereiche. Wenn dann ein Schaden bei Drit-ten auftritt wird er solange wie möglich geleugnet und entsprechende Medien- und Politikbear-beitung betrieben. Lässt er sich nicht mehr leugnen, leugnet man die eigene Verantwortung und zahlt notfalls, „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“ an diejenigen wenigen Hartnäckigen, die bis hierhin durchgehalten haben. Nachhaltige Unternehmenspolitik sieht für mich anders aus.

6. Replik Wennig

Ganz am Ende der Hauptversammlung erfolgte dann nochmals eine sehr kurze Replik von Herrn Wenning die in etwa wie folgt zusammengefasst werden kann:

Die für Deutschland beauftragte externe Anwaltskanzlei ist die Kanzlei Heuking, Kühn, Lüer und Wojek in Köln.

Compliance steht für Bayer nicht neben dem Geschäft sondern ist voll integriert. Jeder Mitarbei-ter ist zur Compliance verpflichtet und kann sich an Vorgesetzte, spezielle Compliance Beauf-tragte oder eben auch über die Hotline anonym an externe Anwaltskanzleien wenden. Im letzte-ren Fall bekommt er eine Fallnummer über die jederzeit Rückfragen zu Stand und Ergebnissen der Untersuchungen bei den Anwälten möglich sind. Die Untersuchungen werden von der Compliance Abteilung koordiniert und wo nötig unter Einbeziehung anderer Abteilungen (z.B. Rechtsabteilung oder Fachabteilungen) durchgeführt. In Einzelfällen werden auch externe Stel-len und Behörden eingebunden. Die Unabhängigkeit ist demnach in ausreichender Form ge-währleistet.

Sie sprachen von einer Kultur des Schweigens bei Bayer – dies ist falsch, das Gegenteil ist rich-tig.

Unser umfassendes Compliance Programm spricht insgesamt 10 Bereiche an darunter neben Gesetzesverstößen auch Nachhaltigkeit, Umwelt und Gesundheit. Wir haben dieses Programm selbst entwickelt, weiter ausgebaut und genau auf unser Unternehmen zugeschnitten. Daher ist es nachrangig ob es BSI-konform ist. Jedes Unternehmen sollte hier selbst entscheiden, was das Beste ist.

Die erwähnten 97,5, Mio US-$ sind nicht im Zusammenhang mit Baycol, sondern von Bayer Healtcare LLC im Zusammenhang mit einem Streit um die Marketingmethoden bei Diabetes Care in den Jahren 1998 bis 2003 gezahlt worden. Konkret ist es um den Vertrieb von Blutzu-ckermessgeräten. Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht ist hierzu im November 2008 ein Ver-gleich mit dem US-Justiztministerium und ein Corporate Integrity Agreement geschlossen wer-den. Weitere Zahlungen in false claims act Sachverhalten gab es in den letzten 10 Jahren nicht.

7. Persönliches Fazit von Guido Strack:

Aufschlussreich und erschöpfend war es schon die Bayer Hauptversammlung 2009 mitzuerle-ben. Aufschlussreich vor allem im Hinblick auf die von Herrn Wenning beim Thema Whistleblo-wing aber auch bei vielen anderen kritischen Fragen an den Tag gelegte professionelle Igno-ranz von Kritik. Mit zur Schau getragener Selbstsicherheit und ohne Anflug von Zweifeln wurden da Bedenken zu vergangenen und aktuellen Bayer-Produkten und -Vorhaben locker vom Tisch gewischt. Und mit gleicher Sicherheit wird auch an dem bedrohlichen Pipeline Projekt festgehal-ten. Wen kümmern da schon die Massenproteste bei der betroffenen Bevölkerung – Bayer je-denfalls nicht.

Eine „Kultur des Schweigens“ herrsche bei Bayer nicht, sagte Vorstandsvorsitzender Wenning. Aber die extrem niedrige Zahl von 50 – 100 Whistleblower-Meldungen weltweit in 2008 beweist etwas anderes.

Eine Fehlerkultur die eigene Fehler einräumt und für diese Verantwortung übernimmt ist nicht erkennbar. Alle Entscheidungen liegen allein in der Hand des Vorstandes, ohne jegliche externe Kontrolle. Praktisch ist es da auch, dass der Aufsichtsrat dem ehemaligen Vorstandsvorsitzen-den untersteht.

Der Schutz von Whistleblowern vor Benachteiligungen wird zwar behauptet. In konkreten Fäl-len, wie etwa dem des Portugiesen Alfrede Pequito, droht man dann aber doch lieber mit allen verfügbaren rechtlichen Keulen und hat diese in der Vergangenheit auch reichlich zum Einsatz gebracht.

Dialogbereitschaft wird zwar formal postuliert, bei konkreten Angeboten aber verneint. Das gilt hinsichtlich der Coordination gegen Bayer Gefahren, die es immer wieder wagt Bayer auf seine wirklichen Probleme hinzuweisen, ebenso wie gegenüber dem Whistleblower-Netzwerk. Da wundert es dann auch kaum noch, dass Internationale best practice Standards zu Whistleblo-wing die selbstherrlichen Herren bei Bayer ebenfalls nicht interessieren.

All dies spricht mehr für ein „Augen zu und durch“ als für ein Interesse daran mittels Förderung von Whistleblowing eigene Probleme und Risken frühzeitig erkennen und bekämpfen zu wollen, mag auf dem Papier der Compliance Policy stehen was will.

Mal abwarten wann Herr Wenning & Co. von den Folgen ihrer eigentlichen Agenda eingeholt werden – es bleibt nur zu hoffen, dass dabei nicht noch wesentlich mehr Menschen zu Bayer-Opfern werden.