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Beitrag veröffentlicht im “Tag: 1. Januar 2000

[Rede Gomero] Hauptversammlung 2003

CBG Redaktion

Rede von Luis Gomero Osorio auf der BAYER-Hauptversammlung am 25.04.2003 in Köln

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Luis Gomero. Ich bin Vorsitzender des internationalen Pestizid Aktions-Netzwerks PAN in den Andenstaaten. Ich komme aus Peru und habe die weite Reise nach Köln angetreten, um Sie über die verheerenden Todesfälle durch Pestizidvergiftungen im peruanischen Dorf Taucamarca zu informieren und vom BAYER-Vorstand die Entschädigung der Vergiftungsopfer zu verlangen. Ich selbst bin als Berater an der Untersuchung der Tragödie von Taucamarca beteiligt.

Im Oktober 1999 starben dort 24 Kinder, nachdem sie in der Schule verunreinigtes Milchpulver zu trinken bekamen. 18 weitere wurden schwer vergiftet. Der peruanische Kongress berief daraufhin einen Untersuchungsausschuss, der im Oktober 2002 seinen Abschlussbericht vorlegte. Demnach führten ungenügende Sicherheitsmaßnahmen zu den Vergiftungen: Das BAYER-Produkt FOLIDOL mit dem hochgiftigen Wirkstoff Parathion-methyl ist ein weißes Pulver, das Milchpulver ähnelt. Es enthielt keinen Warn-Geruch und wurde in durchsichtigen Tüten am Straßenrand verkauft. Informationen zur Gefährlichkeit der Produkte fehlten entweder ganz oder waren in Spanisch abgefasst - die Bewohner des Hochlandes sprechen jedoch überwiegend Quetchua. Statt mit Warn-Piktogrammen waren die Tüten mit Abbildungen von Gemüse bedruckt.

Der Kongress-Ausschuss fordert in seinem Bericht, dass BAYER und die peruanische Regierung die betroffenen Familien entschädigen.

Ich frage deshalb den Vorstand von BAYER:
Erfüllt das Unternehmen die Forderung des peruanischen Kongress-Ausschusses und kommt damit der Verantwortung für seine Produkte, deren Vertrieb und Anwendung auch in der Andenregion nach ? Wird BAYER den Opfern und ihren Angehörigen eine angemessene Entschädigung leisten ?

Seit langem ist die Gefährlichkeit hochgiftiger Pestizide wie die im Fall Taucamarca angeführten Wirkstoffe Parathion-ethyl und Parathion-methyl bekannt. 1995 hatte sich Bayer dazu verpflichtet, sämtliche von der WHO als „hochgiftig“ eingestuften Pestizide in einem Zeitraum von 5 Jahren vom Markt zu nehmen. Das Unternehmen hat diese Verpflichtung nicht erfüllt. Diese Produkte sind weiterhin in Gebrauch und verursachen Vergiftungen und Todesfälle wie im Fall von Taucamarca.

Ich frage den Vorstand von BAYER:
Warum ist BAYER seiner Verpflichtung nicht nachgekommen und hat die genannten Pestizide nicht früher vom Markt genommen ?

Wie ist es möglich, dass trotz Verbots seit 1998 und erneuter Ratifizierung (oder: Bestätigung) des Verbots im Jahr 2000 die genannten Wirkstoffe in Peru immer noch – nicht-legal gehandelt - auf dem Markt erhältlich sind ?

Obwohl bekannt ist, dass in den randständigen Andenregionen die Mehrheit der Bauern weder spanisch spricht noch liest, sind sämtliche Produktinformationen von BAYER, z.B. auch zu FOLIDOL, nur auf Spanisch verfügbar.

Eine qualifizierte Beratung und technische Unterweisung in der Handhabung der BAYER-Produkte erfolgt in diesen Regionen nicht. Die notwendige Aufklärung über Produktrisiken und –gefahren bleibt aus.

Ich frage den Vorstand:
Warum hat BAYER nicht die erforderlichen Maßnahmen getroffen, um die Bevölkerung über Risiken und Gefahren aufzuklären ?

Nachdem das Regime des Ex-Diktators Fujimori die juristische Aufklärung des Falls von Taucamarca mit allen Mitteln behindert und blockiert hat, weist nun auch BAYER die von den Familien der Todesopfer eingereichte Klage auf finanzielle Entschädigung und Verbot der betroffenen BAYER-Produkte aus fadenscheinigen Gründen zurück. Eine angebliche Verjährung sowie Unklarheiten in der Klageerhebung werden angeführt.

Ich frage:
Warum behindert BAYER die Arbeit der Justiz in einem Land, das sich erst vor kurzem von einer Diktatur befreit hat; und in einem Fall, der die Gesundheitspolitik von Peru in so grundlegender Weise berührt ?

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und würde mich freuen, den betroffenen Familien und ihren Angehörigen in Peru eine positive Antwort von BAYER übermitteln zu können.

Alles was wir erwarten, ist Gerechtigkeit.

Weitere Informationen im Internet unter:

· www.rap-al.org
· www.raaa.org

[Gegenanträge] Hauptversammlung 2003

CBG Redaktion

GEGENANTRÄGE ZUR BAYER-HAUPTVERSAMMLUNG 2003

17. März 2003

BAYER AG
Gebäude Q 26 (Rechtsabteilung)
Kaiser Wilhelm Allee
51368 Leverkusen

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit zeigen wir an, dass wir zu den Punkten 2-4 der Tagesordnung den Vorschlägen des Vorstands und des Aufsichtsrates widersprechen und die anderen Aktionäre veranlassen werden, für die folgenden Gegenanträge zu stimmen. Um Mitteilung dieser Gegenanträge sowie der nachstehenden Begründungen gemäß §§ 125, 126 AktG dürfen wir bitten.

Gegenantrag zu TOP 2: Der Vorstand wird nicht entlastet

Begründung:
Der BAYER-Konzern war im vergangenen Geschäftsjahr für eine Vielzahl von Missständen verantwortlich. Die Entscheidungen des Vorstands haben diese verursacht oder nicht verhindert, weshalb wir eine Nicht-Entlastung fordern. Es folgt eine Auswahl aktueller Problemfälle, weitere Informationen finden sich auf der homepage der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN www.CBGnetwork.de
Unter info@cbgnetwork.org können weitere Hintergrundmaterialien angefordert werden.
* Erneut hat BAYER mit Konkurrenten illegale Preisabsprachen getroffen. Mit amerikanischen Wettbewerbern bildete die Firma ein Kartell für Kautschukchemikalien, die für die Produktion von Autoreifen verwendet werden, die EU-Kommission ließ daher die Konzernzentrale in Leverkusen durchsuchen. In der Vergangenheit wurde BAYER bereits mehrfach wegen Preisabsprachen oder manipulierter Preise verurteilt.
* Obwohl das Unternehmen schwarze Zahlen schreibt, will der BAYER-Vorstand bis zum Jahr 2005 mindestens 12.000 Arbeitsplätze vernichten. Gleichzeitig ist die Zahl der Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten zwölf Jahren um mehr als ein Drittel zurückgegangen (von 1.600 auf rund 1.000 Azubis, von denen in der Regel nur die Hälfte übernommen wird). Der Konzern wirft damit jegliche soziale Verantwortung über Bord und betreibt eine rücksichtslose Gewinnmaximierung auf dem Rücken der Belegschaft.
* Die amerikanische Umweltbehörde EPA prüft gegenwärtig einen Antrag der Firma BAYER, Menschenversuche mit Pestiziden zuzulassen. Entsprechende Untersuchungen werden bislang aus ethischen Gründen nicht akzeptiert. Langfristiges Ziel solcher Experimente sind höhere Grenzwerte von Pestiziden in der Nahrung und im Wasser. BAYER hatte bereits 1998 in Schottland eine Studie durchgeführt, in deren Verlauf acht Personen Azinphos-Methyl, das von der Weltgesundheitsorganisation als „hoch gefährlich“ eingestuft wird, einnahmen (BAYER ist weltweit größter Hersteller des Wirkstoffs). Das Unternehmen BAYER scheint verdrängt zu haben, dass Menschenversuche seit den grauenvollen Experimenten im Dritten Reich geächtet sind - Auftraggeber war im übrigen schon damals die BAYER-Gruppe innerhalb der IG Farben.
* Ein Untersuchungsausschuss des peruanischen Parlaments kam im vergangenen Sommer zu dem Ergebnis, dass BAYER für die durch das Pestizid Parathion-Methyl verursachte tödliche Vergiftung von 24 Kindern in dem Andendorf Tauccamarca verantwortlich ist. Der Vorfall ereignete sich im Jahr 1999, als die Kinder in der Schule mit dem Pestizid verunreinigtes Milchpulver zu trinken bekamen. Trotz der Ergebnisse des Untersuchungsausschusses weigert sich das Unternehmen, die betroffenen Familien zu entschädigen.
* BAYER ist weltweit der größte Hersteller des Kunststoffes Bisphenol A. Dieser kann das Hormonsystem schädigen und Mißbildungen hervorrufen. Trotzdem findet sich Bisphenol A noch immer in risikoreichen Anwendungen wie Konservendosen und Babyflaschen.
* Nach der bisher größten Feldstudie zur Wirksamkeit von Medikamenten bei Altersdiabetes ist das Mittel Glucobay völlig wirkungslos. Ungeachtet dessen will BAYER das Anwendungsgebiet des Präparats erweitern und es auch noch zur Diabetes-Vorbeugung anbieten.
* Die Bayer AG hat am Standort Krefeld-Uerdingen die Produktion von Polycarbonat und Methyldiisocyanat (MDI) um 100.000 bzw 24.000 Tonnen/Jahr erhöht. Hiermit einher geht eine Erhöhung der Phosgenproduktion um rund 60.000 Tonnen/Jahr. Phosgen ist einer der giftigsten industriell eingesetzten Stoffe überhaupt, für den Menschen kann er schon in geringsten Dosen tödlich sein. Die Phosgenreaktoren in Uerdingen gehören zu den risikoreichsten Anlagen in Nordrhein Westfalen. Technisch ist es möglich, Polycarbonat phosgenfrei herzustellen. Für BAYER ist es aber offenbar preisgünstiger, die bestehenden Verfahren weiter anzuwenden - bei einer Lebensdauer der Anlagen von 25-30 Jahren wird diese hochgefährliche Produktionsweise damit für Jahrzehnte festgeschrieben.
* Ein im Herbst veröffentlichter Bericht der UN stellt fest, dass die BAYER-Tochter H. C. Starck noch immer Rohstoffe aus dem kongolesischen Bürgerkriegsgebiet bezieht und hiermit Waffenkäufe ermöglicht. Nach Angabe der UN verstößt Starck hiermit gegen den Code for Conduct of Multinational Companies der OECD.
* Im vergangenen Jahr haben weltweit mehrere tausend Personen wegen schwerer Nebenwirkungen des Cholesterinsenkers Lipobay Klage gegen BAYER eingereicht. Die Zeitung „New York Times“ berichtet über E-Mails und interne Notizen, die darauf hindeuten, dass BAYER-Manager lange vor August 2001 (dem Moment des Verkaufs-Stopps) von den Risiken gewusst haben. BAYER vertrieb in Japan und den USA eine Lipobay-Version mit der höchsten Wirkstoffdosis, obwohl interne Studien belegten, dass die behandelten Patienten häufiger an Muskelschwäche erkrankten als Konsumenten ähnlicher Medikamente.

Gegenantrag zu TOP 3: Der Aufsichtsrat wird nicht entlastet

Begründung:
Der Aufsichtsrat kommt seiner Kontrollfunktion nur ungenügend nach und soll daher nicht entlastet werden. Es folgen Beispiele einer umweltfeindlichen Konzernpolitik, die vom Aufsichtsrat mitgetragen werden:
* In Frankreich, Österreich und Deutschland sind in den letzten Jahren rund 50% der Bienenvölker abgestorben. Untersuchungen in Frankreich und Österreich haben ergeben, dass das von BAYER vertriebene Pestizid Gaucho für die Vergiftungen mitverantwortlich ist. In Frankreich wurde im Herbst ein erneutes Anwendungsverbot für Gaucho auf Sonnenblumen verhängt. BAYER weigert sich jedoch, Gaucho aus Sicherheitsgründen vom Markt zu nehmen - stattdessen übt der Konzern Druck auf Imker-Institute aus, keine kritischen Informationen über Gaucho zu verbreiten.
* Weite Teile der norwegischen Küste sind mit polychlorierten Biphenylen verseucht. Chemische Nachweisverfahren zeigen, dass der größte Teil der gefundenen Gifte aus der Produktion von BAYER stammt. Obwohl die Stadt Oslo schriftlich eine Beteiligung des Unternehmens an den Reinigungskosten gefordert hat, verweigert BAYER bislang jegliche Unterstützung.
* BAYER ist größter europäischer Anbieter von gentechnisch veränderten Pflanzen. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung gentechnisch veränderte Nahrungsmittel ablehnt, drängt das Unternehmen die verantwortlichen Politiker, einen unkontrollierten Anbau zuzulassen. Bereits jetzt unternimmt das Unternehmen großflächige Freilandversuche, mit denen die Umwelt gefährdet wird: so sammelten bei Eickendorf (südlich von Magdeburg) Bienen in einem herkömmlichen Rapsfeld Honig. Rund 300 Meter entfernt lag ein Freiland-Versuchsfeld von Bayer CropScience mit Gen-Raps. Die Pflanzen waren gentechnisch gegen ein Herbizid resistent gemacht worden und haben EU-weit keine Zulassung für kommerziellen Anbau. In dem Honig, den die Bienen produziert haben, konnte der Umweltverband Greenpeace eindeutig gentechnisch veränderte Bestandteile aus dem BAYER-Feld nachweisen.
* In Swisttal bei Bonn hat BAYER eine Aussaat von Gen-Raps in unmittelbarer Nähe eines Naturschutzgebietes beantragt, womit das Unternehmen einen Präzedenzfall für die Umgehung des europäischen Naturschutzrechts schaffen will. Die Risiken solcher Freilandversuche sind nicht absehbar - Tests haben zum Beispiel gezeigt, dass sich gentechnisch herbeigeführte Herbizidresistenz auch auf andere Pflanzen übertragen und quasi Superunkräuter entstehen lässt, die selbst mit einer Vielzahl von Pflanzenvernichtungsmitteln nicht mehr bekämpft werden können. Bei Raps kommt hinzu, dass er als heimische Pflanze in Mitteleuropa in zahlreichen Sorten angebaut wird und eine Reihe verwandter Arten hat. Das erhöht die Gefahr, dass sich gentechnische Veränderungen auskreuzen.
* In England musste das Unternehmen einräumen, drei Jahre lang gentechnisch veränderten Raps, der nicht zugelassene Antibiotika-Resistenzen enthielt, gepflanzt zu haben.
* BAYER weigert sich, in den USA das Pestizid Fenthion vom Markt zu nehmen, obwohl dessen Anwendung im Bundesstaat Florida zu dramatischen Vogelsterben führte. Mindestens 16 seltene Vogelarten werden dadurch in ihrem Bestand gefährdet.
* BAYER ist mit einer Klage gescheitert, dem VEREIN ZUM SCHUTZ DES RHEINS UND SEINER NEBENFLÜSSE (VSR) die Einsicht in Abwasser-Daten des Krefelder Werks zu untersagen. Die Richter mochten sich dem Argument des Konzerns, die Mess-Daten fielen unter das Betriebsgeheimnis, nicht anschließen. Dem VSR ist es nun möglich, einen Überblick über die Abwasser-Frachten des zweiten Werkskanalnetzes zu nehmen. Dort fließen die Schmutz-Wässer von BAYER mit denen anderer Firmen zusammen und gelangen dann ungeklärt in den Rhein. Woher die Schadstoffe genau kommen, ist dann nur noch schwer nachzuvollziehen. Nur eine Mess-Station vor dem Entstehen des großen Einheitsbreis bietet Aufschluss darüber - weshalb BAYER sie offensichtlich unter Verschluss halten wollte.
* In West Virginia/USA wurde BAYER im vergangenen Jahr wegen Asbest-Vergiftungen angeklagt. Das Unternehmen stimmte einem Vergleich zu. BAYER weigert sich jedoch, Betroffene in Deutschland in ähnlicher Weise zu entschädigen oder auch nur für eine medizinische Betreuung der Erkrankten zu sorgen. Tausende Beschäftigte der Chemie-Industrie waren mit Asbest vergiftet worden, obwohl die Risiken des Stoffes seit Jahrzehnten bekannt waren.
* Britische Umweltorganisationen protestieren vehement gegen Freilandversuche des BAYER-Konzerns mit gentechnisch verändertem Raps, der sogenannte „Terminator Gene“ enthält. Terminator Gene schaffen sterile Pflanzen, deren Samen für die Aussaat nicht weiter verwendet werden können. Der Einsatz solcher Gene wurde seitens des Saatgut-Herstellers Bayer CropScience und der Aufsichtsbehörde DEFRA geheim gehalten. Verwandte Arten wie Broccoli, Senf, Blumenkohl und wildlebende Pflanzen könnten an der Fortpflanzung gehindert werden und schlimmstenfalls aussterben.

Gegenantrag zu TOP 4: Wir schlagen vor, Axel Köhler Schnura, Diplom Kaufmann, Düsseldorf, für die restliche Amtszeit des ausscheidenden Dr. Wolfgang Reitzle, d.h. für die Zeit bis zur Beendigung der Hauptversammlung, die über die Entlastung der Aufsichtsratsmitglieder für das Geschäftsjahr 2006 beschließt, als Vertreter der Anteilseigner in den Aufsichtsrat zu wählen.

Begründung:
Axel Köhler-Schnura kontrolliert den BAYER-Konzern seit nunmehr 25 Jahren. Er ist Gründer der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN e.V., Postfach 15 04 18, 40081 Düsseldorf, Telefon: 0211-333 911, und hat zahlreiche Verstöße des Konzerns gegen Menschenrechte und Umweltschutzauflagen publik gemacht. Somit ist er prädestiniert für eine gründliche, von Profitinteressen unabhängige Kontrolle des Vorstands der BAYER AG.

Für den Vorstand der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN e.V.

Philipp Mimkes
Axel Köhler-Schnura

[Studie Gen-Raps] Kampagne GenFood

CBG Redaktion

22. März 2005, Spiegel Online

Gen-Raps schadet Bienen und Schmetterlingen

Die grüne Gentechnik muss einen weiteren Schlag hinnehmen: Eine Studie aus Großbritannien zeigt, dass der Anbau von Gen-Raps die Bestände von Bienen und Schmetterlingen dezimieren könnte.

Gentechnik in der Landwirschaft hat viele Gegner. Auch Bienen und Schmetterlinge scheinen nicht gerade auf manipulierte Pflanzen zu fliegen. Ergebnisse einer britischen Studie haben ergeben, dass die Insekten von Äckern mit gentechnisch verändertem Raps lieber fern bleiben.

Wissenschaftler fanden heraus, dass der Anbau von manchen genveränderten Pflanzen das Gleichgewicht der Unkräuter durcheinander bringt, die auf den Ackerflächen gedeihen. Dies könnte Bienen und Schmetterlingen schaden. Auf von ihnen untersuchten Feldern mit genetisch verändertem Winter-Raps waren bis zu zwei Drittel weniger Schmetterlinge unterwegs und nur halb so viele Bienen. Das sind die abschließenden Ergebnisse einer dreijährigen Studie, die die britische Regierung in Auftrag gegeben hatte.

Auch Vögel könnten unter dem Gen-Raps leiden
Die Forscher kritisieren die Form der Unkrautbekämpfung auf den Versuchsfeldern. Der Ölraps war genetisch so verändert worden, dass er resistent gegen ein bestimmtes Unkrautvernichtungsmittel ist. Spritzt der Landwirt mit diesem Mittel sein Feld, bleibt nur der Gen-Raps stehen, während die Unkräuter eingehen. Das Herbizid bekämpft aber nicht alle Unkräuter gleich stark: Es tötet vor allem großblättrige Wildpflanzen ab, Gräser hingegen werden verschont.

Bienen und Schmetterlinge, die vor allem die Blüten der Blätterpflanzen anfliegen, hätten demnach unter der Unkrautbekämpfung zu leiden, schreiben die Forscher im Fachblatt „Proceedings of the Royal Society“. Auch Tiere, die weiter oben in der Nahrungskette stünden, seien betroffen. Die Wissenschaftler fürchten, dass die Anzahl von Vögeln wie Spatz und Dompfaff durch einen kommerziellen Anbau von Gen-Raps dezimiert werden könnte.

Befürworter der grünen Gentechnik weisen hingegen darauf hin, dass die meisten Insektenarten nicht unter dem Unkrautvernichtungsmittel zu leiden hätten. Insgesamt sei der Einfluss des Gen-Rapses auf die Artenvielfalt minimal. „Wie bei allen Techniken zur Unkrautregulierung, werden manche Insekten davon profitieren und andere darunter leiden“, sagt Tony Combes von der Lobby-Gruppe Agricultural Biotechnology Councils gegenüber Nature News. Auf die Mehrzahl der Arten habe sie aber keinen Einfluss.

In den USA und Kanada bereits großflächig angebaut
Die Firma Bayer Crop Science mit Hauptsitz in Monheim am Rhein verkauft den gentechnisch veränderten Winterraps bereits in den USA und in Kanada. Die größten Unterschiede im Bienen- und Schmetterlingsflug seien im Juli gezählt worden, betonte Julian Little, ein Sprecher des Unternehmens gegenüber Nature News. Zu dieser Zeit seien ohnehin nicht viele Bienen und Schmetterlinge im Feld zu finden.

Dennoch können die Studienergebnisse wohl als ein weiterer Schlag gegen grüne Gentechnik bewertet werden. Bereits für Frühlingsraps und Zuckerrüben, zwei der drei Gen-Pflanzen, die ebenfalls untersucht worden waren, hatte die Studie 2003 nachgewiesen, dass sie die Artenvielfalt senken. Auch ihr Anbau reduziert die Anzahl der Wildpflanzen im Feld.

Die Ergebnisse sind Teil der größten Untersuchung, die jemals zum ökologischen Einfluss von genveränderten Agrarpflanzen durchgeführt wurde. Mehr als 150 Wissenschaftler waren an der rund 8,5 Millionen Euro teuren Untersuchung beteiligt, bei denen eine Million Unkrautpflanzen und zwei Millionen Insekten in Großbritannien gezählt wurden.

[EU] Kampagne GenFood

CBG Redaktion

24 Juni 2005

Monsanto, Bayer: Deutschland darf Genmais-Sorte weiter verbieten

Die EU-Umweltminister bestätigten am Freitag in Luxemburg nationale Genmais-Verbote Deutschlands und weiterer Staaten und fügten der EU-Kommission damit eine empfindliche Niederlage zu. Bundesumweltminister Jürgen Trittin erklärte, die in Deutschland verbotene Genmaissorte stelle möglicherweise eine Gefahr für die Umwelt dar. „Für mich war es von herausragender Bedeutung, dass ein gentechnisch veränderter Organismus mit erheblichen ökologischen Risiken in Deutschland weiterhin nicht zur Anwendung kommt.“ Die EU-Kommission ließ ihr weiteres Vorgehen zunächst offen. Umweltkommissar Stavros Dimas warnte vor einer Schwächung der Position der EU vor der Welthandelsorganisation WTO im Streit mit den USA, Kanada und Argentinien.

Erstmals seit Verhängung eines inzwischen ausgelaufenen Zulassungsstopps im Jahr 1998 fanden die EU-Staaten bei Gentechnikzulassungen zu einem Beschluss. 22 Länder stimmten nach Angaben des Luxemburger Umweltministers Lucien Lux gegen die Kommission. Lux sprach von einem deutlichen Signal. Die EU-Kommission hatte beantragt, die nationalen Verbote innerhalb von drei Wochen aufzuheben.

Deutschland, Österreich, Frankreich, Griechenland und Luxemburg hatten zwischen 1997 und 2000 bestimmte gentechnisch-veränderte Mais- und Saatsorten verboten. Die nun bestätigten Verbote betreffen in Deutschland, Österreich und Luxemburg den Mais Bt-176 des Schweizer Herstellers Syngenta, in Österreich auch die Sorte MON 810 des US-Biotech-Riesen Monsanto sowie die Sorte T25 des Bayer-Konzerns. Von Bayer stammen auch beide betroffenen Saatguttypen, die in Frankreich und in einem Fall in Griechenland verboten sind.

Vor der Welthandelsorganisation (WTO) haben die USA, Kanada und Argentinien gegen die EU geklagt. Sie werfen den Europäern vor, mit ihrer Gentechnik-Politik gegen internationale Handelsregeln zu verstoßen und ihre Verbote nicht auf wissenschaftlich gesicherte Daten zu stützen. Die drei Länder griffen besonders das von 1998 bis 2004 geltende Zulassungsmoratorium der EU an. In der Zeit hatte die Union die Zulassung gentechnisch veränderter Organismen offiziell ausgesetzt.

Nicht einigen konnten sich die Minister über die Zulassung der Maissorte MON 863 von Monsanto. Damit ist bei dieser Sorte nun wieder die EU-Kommission am Zuge und könnte versuchen, den Mais eigenständig zu genehmigen. Die Bundesregierung stimmte zwar für eine Zulassung, verlangte zugleich aber weitere Untersuchungen zur Gesundheitsverträglichkeit. Trittins Ministerium warf Monsanto zudem eine „völlig inakzeptable Geheimpolitik“ vor. Das Unternehmen war erst kürzlich von einem Gericht zur Veröffentlichung einer weiteren Untersuchung gezwungen worden.

[rote Zahlen] Hauptversammlung 2004

CBG Redaktion

27.03.2004, Netzwerk Regenbogen

Gentech-Konzern Bayer in tiefroten Zahlen

Der Chemie- und Agro-Konzern ‚Bayer‘, in Europa der größte
Vertreter der Gentech-Branche, mußte dieser Tage eine
„deprimierende“ Bilanz vorlegen. Der operative Verlust
betrug 2003 rund 1,4 Milliarden Euro. Der Umsatz schrumpfte
um 3,6 Prozent auf 28,6 Milliarden .

Gegenüber den AktionärInnen, die bei Laune gehalten werden wollen,
erklärte Vorstands-Chef Werner Wenning das Leiden des Konzerns mit
„Konjunktureinflüssen“. Selbst der schlimme Euro mußte als Erklärung
herhalten. Und um keine Fragen nach Naturzerstörung(1) und
menschlichem Leid(2) durch ‚Bayer‘-Pestizide aufkommen zu lassen,
vermeldete ‚Bayer‘ eine Dividende von erstaunlichen 50 Cent pro Aktie
(Vorjahr: 90 Cent).

Darüber, daß das Geschäft mit der Gentechnik weltweit stagniert, weil
sich in immer mehr Ländern Widerstand rührt(3), sollten weder
AktionärInnen noch Öffentlichkeit etwas erfahren. Doch da macht die
rührige CBG (Coordination gegen Bayer-Gefahren) einen Strich durch
diese Rechnung. Während im Wirtschaftsteil der großen Zeitungen jeder
Hinweis fehlt, daß ‚Bayer‘ im Gentech-Geschäft mitmischt oder die
blutigen Geschäfte mit Coltan im Kongo(4) verschwiegen werden sollen,
zerrt CBG diese dunkle Seite des Konzerns ans Tageslicht.

So schnell dieser Konzern bei allen schmutzigen Geschäften weltweit
dabei zu sein versucht, so schnell ist er auch in Deutschland mit dem
Abbau von Arbeitsplätzen bei der Hand: 9.300 Mitarbeiter wurden
„feigesetzt“, so daß die Gesamt-Zahl der Beschäftigten Ende 2003 noch
115.400 betrug. Im Jahr 1994 arbeiteten noch 146.700 Menschen für
‚Bayer‘.
Petra Willaredt

Anmerkungen:

1 Siehe auch unseren Artikel
‚Frankreich: Bayer und BASF wegen Bienensterben angeklagt‘ v. 19.02.04
http:netzwerk-regenbogen.de/gaucho040219.html

2 Siehe auch unseren Artikel
‚Bayer vergiftet LandarbeiterInnen in Indien
- Tod durch Pestizide im Baumwollanbau‘ v. 16.03.04
http:
netzwerk-regenbogen.de/bayer040316.html

3 Siehe auch unseren Artikel
‚Wales schützt das britische Gen-Moratorium‘ v. 26.03.04
http:netzwerk-regenbogen.de/genwales040326.html

4 Siehe auch unseren Artikel
‚Was macht den Kongo plötzlich so interessant ?‘ v. 22.06.03
http:
netzwerk-regenbogen.de/kongo030622_2.html

[Rede Friedrich] Hauptversammlung 2004

CBG Redaktion

Rede Uwe Friedrich – BAYER-Hauptversammlung, 30.4. 2004

BAYER missachtet Gewerkschaftsrechte auf den Philippinen

Sehr geehrte Damen und Herren,

philippinische Gewerkschafter werfen dem BAYER-Konzern vor, Arbeitnehmer-Rechte massiv zu verletzen. Mehreren Gewerkschaftsvertretern wurde wegen gewerkschaftlichen Engagements gekündigt. Das Management von BAYER Philippines gründete eine „eigene“ Betriebsgewerkschaft, um die gewählten Arbeitnehmervertreter zu entmachten. Trotz mehrerer Gerichtsentscheide verweigert BAYER Philippines seit Jahren die Auszahlung von Gewerkschaftsbeiträgen. Die betroffene Employees Union of BAYER Philippines (EUBP) reichte daraufhin eine Beschwerde bei der OECD wegen Verstoßes gegen die OECD-Leitlinien für Multinationale Konzerne ein. Da die Philippinen nicht der OECD angehören, wurde die Beschwerde am OECD-Kontaktpunkt im deutschen Wirtschaftsministerium eingereicht.

Die EUBP ist Mitglied des Dachverbands philippinischer Gewerkschaften und beim philippinischen Arbeitsministerium seit 1990 als alleinige Vertreterin der BAYER-Belegschaft registriert. 1991 schlossen BAYER und EUBP einen 5-jährigen Tarifvertrag; der Anschlussvertrag war von 1997-2001 gültig. Dennoch verweigert BAYER seit 1998 die Auszahlung der vom Unternehmen eingesammelten Gewerkschaftsbeiträge - bis heute rund 2,7 Millionen Peso (60.000 €). Im Tarifvertrag erzielte Vereinbarungen zu Rentenzahlungen und medizinischer Versorgung wurden nicht umgesetzt, zudem wurde die Gewerkschaft bei Entlassungen nicht wie vorgeschrieben konsultiert. Höhepunkt der Auseinandersetzung war die Gründung der neuen, der Werksleitung hörigen Gewerkschaft.

In den Betriebsratswahlen bei BAYER Philippines im Sommer 2003 erhielt die EUBP 70% der Stimmen. Das philippinische Arbeitsministerium betrachtet sie weiterhin als rechtmäßige Arbeitnehmervertreterin. Gerichte verfügten eine Auszahlung der Gewerkschaftsbeiträge. Trotzdem weigert sich BAYER, die Gewerkschaftsrechte zu akzeptieren und die ausstehenden Zahlungen zu leisten.

Ich frage den Vorstand: Wird BAYER bzw. seine Tochter BAYER Philippines die rechtmäßige Arbeitnehmervertretung, die Gewerkschaft EUBF, anerkennen und rehabilitieren ?

Im Zuge der Auseinandersetzung wurden die GewerkschafterInnen Juanito Facundo und Virginia Capada entlassen. Beide erhielten von einem Tag auf den anderen ihre Kündigung und mussten das Werksgelände sofort verlassen. Offiziell begründete das Unternehmen den Schritt mit Personal-Überhang, hatte aber nichts Eiligeres zu tun, als in Annoncen gleich-qualifizierte Nachfolger für die Rausgeworfenen zu suchen. Facundo war Gewerkschaftsvorsitzender der EUBP, hatte in einem Arbeitsrechtsprozess zu Gunsten eines Beschäftigten ausgesagt, Beschuldigungen gegenüber der Direktion vorgebracht und 1997 einen Streik mitorganisiert. Eine Klage auf Wiedereinstellung scheiterte, ein Verfahren zu Abfindungsforderungen läuft noch.

Ich frage den Vorstand: Welches waren die Gründe für die - ich betone - FRISTLOSEN Kündigungen. Wird BAYER die wegen ihres gewerkschaftlichen Engagements Gekündigten wiedereinstellen bzw. deren Abfindungs-forderungen nachkommen ?

Sehr geehrte Damen und Herren,
aus den genannten Gründen fordere ich Sie auf: Stimmen Sie gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat.

Vielen Dank.

[Artikel Aktien] Hauptversammlung 2004

CBG Redaktion

Die Seifenblase von der Aktionärsdemokratie

Macht und Machtlosigkeit bei BAYER

von Axel Köhler-Schnura

Es ist die pure Nötigung. Die Berichterstattung über Aktienkurse ist ohne jeden Bezug zu den Alltagssorgen der breiten Bevölkerung, aber keine Nachrichtensendung, in der nicht noch die kleinste Kursschwankung gewürdigt werden. Selbst die Tagesschau, Klassiker aller Fernsehnachrichten, mutiert zur Börsen-Sendung. Ungeachtet aller Gefahren durch Kriege, Wirtschaftskrisen und Börsencrash werden so immer mehr Menschen gelockt und stecken ihre mühsam ersparten Euros in Aktien. Ganze Kegelclubs wandeln sich zu (Klein-) Aktionärsvereinigungen.

BAYER profitiert vom Börsenfieber
Von dem derart losgetretenen Börsenfieber profitiert auch die BAYER AG und ist mit ihrer Aktie breit in die Haushalte von Otto Normalverbraucher vorgedrungen. Zählte die Muttergesellschaft des BAYER-Konzerns im Jahr 1993 noch 295.000 AktionärInnen, so waren es sechs Jahre später im Jahr 2001 fast doppelt so viele: 496.000 Personen, Firmen und Institutionen besitzen heute 730 Millionen BAYER-Aktien und stellen das Grundkapital des BAYER-Konzerns in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Jede der nennwertlosen BAYER-Aktien hat damit einen Wert von 2,56 Euro.

Den größten Anteil an den BAYER-AktionärInnen stellen mit ca. 93 Prozent die Privatpersonen. Sie halten jedoch lediglich 24,0 Prozent des Kapitals, also gerade einmal 0,9 Milliarden Mark des Grundkapitals. Und von diesen 465.000 privaten AnteilseignerInnen haben wiederum 92 Prozent maximal 600 Aktien im Depot. 427.000 BAYER-AktionärInnen halten also Depots mit einem Nennwert von maximal 1.536 Euro. Damit besteht die große Masse der BAYER-AktionärInnen aus Mini- und KleinstaktionärInnen.

Die Machtlosigkeit von Otto Normalaktionär
In krassem Gegensatz zu dem hohen Anteil der PrivataktionärInnen an der Gesamtzahl aller BesitzerInnen von BAYER-Aktien stehen deren Einflussmöglichkeiten. Sie gehen defacto gegen Null.

Konkret sieht es so aus, dass 465.000 PrivataktionärInnen zusammen gerade einmal 24 Prozent des Kapitals halten. Es ist jedoch noch zwischen GroßaktionärInnen und KleinaktionärInnen zu unterscheiden. Werden die Groß- und GrößtaktionärInnen aussortiert, so muss davon ausgegangen werden, dass etwa 450.000 AnteilseignerInnen gerade einmal ca. 5 Prozent des Kapitals repräsentieren, mithin also 95 Prozent des Kapitals bei ca. 10 Prozent aller AktionärInnen liegen. Hier ist übrigens auch Schluss mit der Informationsfreudigkeit des BAYER- Konzerns. Es gibt keine gesicherten Informationen, die Angaben beruhen auf Schätzungen.

Der Einfluss der Klein- und KleinstaktionärInnen wird zusätzlich noch dadurch auf die 2-bis 3-Prozent-Grenze runtergedrückt, weil sie ihre Aktien in aller Regel nicht selbst vertreten, sondern sich über die Bank vertreten lassen, bei der sie ihre Aktien im Depot halten. Damit schmälern sie ihre Macht weiter bzw. stärken die Macht der Banken.

Die Macht der GroßaktionärInnen
76 Prozent, also mehr als Dreiviertel des Kapitals, befinden sich bei 31.000 Banken, Investmentgesellschaften und anderen institutionellen Anlegern. Hinzu kommen die bereits erwähnten privaten Groß- und GrößtaktionärInnen. Insbesondere jene, die zum erlauchten Kreis der Multi-Milliardäre gehören, die die Wirtschaft der Welt regieren. Diese treten allerdings in aller Regel nicht offen in Erscheinung. Sie verstecken sich doppelt und dreifach getarnt im Bereich der institutionellen AnlegerInnen.

Aufgrund eigenen Besitzes halten 2.276 Banken und Versicherungen bei BAYER 55 Prozent aller BAYER-Aktien. Zu ihrer Macht hinzu addieren sich die 12 Prozent, die mehrere Tausend Investmentgesellschaften halten. Oftmals sind die Investmentgesellschaften direkte Töchter der Banken. Die 2,9 Prozent, die 6.853 Anleger aus Industrie und Handel halten bzw. die 5,5 Prozent, die bei 14.537 nicht näher spezifizierten „Sonstigen“ liegen, fallen da bereits kaum noch ins Gewicht.

Und hinzu kommt noch das Depotstimmrecht. Es sorgt dafür, dass alleine die DRESDNER BANK im Rahmen der Hauptversammlung 30 und mehr Prozent aller BAYER-Aktien vertritt und die DEUTSCHE BANK z.B. weitere 17 Prozent. Damit vertreten diese beiden Banken fast 50 Prozent aller Aktien, wobei die DEUTSCHE BANK die meisten inländischen Aktion hält.

Wenn es also auf den ersten Blick so aussieht, als befände sich das BAYER-Kapital von 3,6 Milliarden Mark in breitem Streubesitz, so ist das nicht der Fall. Viele Hunderttausend AktionärInnen besitzen so gut wie nichts, einige wenige GroßaktionärInnen und GrößtaktionäreInnen besitzen nahezu alles. Es kann davon ausgegangen werden, das eine Zahl von lediglich ca. 5.000 AktionärInnen 80 und mehr Prozent des Kapitals besitzen.

Immer mehr Stimmrechte an KritikerInnen
Einziges Gegengewicht zur Macht der Banken und Großaktionäre bilden die KleinaktionärInnen, die sich von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre vertreten lassen. Seit 1982 sammeln diese beiden Organisationen die kritische Kleinaktionärsopposition und bieten Banken und BAYER-Management gleichermaßen die Stirn. Vor dem Hintergrund der Mehrheitsverhältnisse bringen sie auf den Hauptversammlungen zwar lediglich verschwindende Prozente aller Stimmen auf, werden jedoch von erheblichen Teilen aller anwesenden Klein-AktionärInnen unterstützt. Bei der diesjährigen Hauptversammlung muss sogar bei ca. 3,0 Millionen Gegenstimmen und weiteren ca. 0,8 Mio. Enthaltungen davon ausgegangen werden, dass die überwältigende Mehrheit aller anwesenden AktionärInnen mit den KritikerInnen stimmte. ein klares Votum der KleinaktionärInnen für Umweltschutz, soziale Sicherung und Menschenrechte. Die CBG wird alles daran setzen, die Zahl der Gegenstimmen weiter zu erhöhen und bittet alle AktionärInnen, ihre Stimmrechte nicht den Banken zu überlassen, sondern diese an die CIOORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN zu übertragen. Dazu ist nicht viel zu erledigen. Ein Brief an die CBG reicht aus und alles Notwendige wird in die Wege geleitet.

von Dipl. Kfm. Axel Köhler-Schnura, Fon 0211 - 26 11 210, Fax 0211 - 26 11 220

Unanständig: 107 Prozent Gewinn

Dividende, Nennwert und Börsenwert

Mit einem errechneten Nennwert von 2,56 Euro haben die eigentlich nennwertlosen BAYER-Aktien einen Gesamtwert von 1,9 Milliarden Euro. Dies ist der Betrag, der in der BAYER-Bilanz als Grundkapital ausgewiesen ist. Auf ihn beziehen sich die realisierten und die ausgeschütteten Gewinne des Konzerns. Im Jahr 2004 waren dies 0,50 Cent ausgeschütteter Gewinn je Aktie, also satte ca. 20 Prozent Kapitalrendite.

BAYER-Aufsichtsratschef Dr. Manfred Schneider bekannte einmal: „Wir sind auf Profit aus, das ist unser Job!“ Zwar sind die Gewinnzahlen in 2004 mit ca. 350 Mio. Euro nicht so gigantisch wie in den Vorjahren, liegen aber immer noch bei 18,4 Prozent des Grundkapitals. Zudem ist zu berücksichtigen, dass der Konzern sich diesmal vorsätzlich arm gerechnet hat. Es ging darum, das Verhältnis Grundkapital zu Bilanzsumme zu verbessern, um so den Kurswert der Aktie anzufeuern und den Konzern zugleich gegen feindliche Übernahmen zu stärken. Zusätzlicher Effekt natürlich sind erhebliche Steuergewinne aufgrund der hohen Sonderabschreibungen.

An diesen Gewinnbewertungen ändert sich auch nichts dadurch, dass der Kurswert der BAYER-Aktie bei ca. 26 Euro liegt. Vielfach wird die Dividende ins Verhältnis zum Kurswert gesetzt, und da machen sich die 0,50 Euro natürlich nicht so glänzend. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass diese sogenannte Kursrendite ein falsches Bild vermittelt und hohe Kursrenditen Ausdruck von Profitgier sind. Die Differenz zwischen Nenn- und Kurswert ergibt sich nämlich lediglich aufgrund des Handels der Aktie an der Börse und ist mithin also der Eintrittspreis in das Reich der AktienspekulantInnen. Der Kurswert ist vom Nennwert völlig losgelöst und verschafft den AktionärInnen bei Kauf und Verkauf der Aktien zusätzliche Gewinn- und auch Verlustmöglichkeiten.

Kritische BAYER-AktionärInnen
Als 1982 das erste Mal KritikerInnen auf der Aktionärsversammlung des Chemie-Giganten aus Leverkusen das Wort ergriffen, hörten ihnen gerade einmal 1.200 verblüffte AktionärInnen zu. Was ihnen da, teilweise von weither angereisten Zeugen des tatsächlichen Geschehens, zu Gehör gebracht wurde, sprengte ihr Vorstellungsvermögen. Da änderte es auch nichts, dass Vorstand und Aufsichtsrat alles in immer gleichlautender Formulierung als „ohne jede Grundlage“ von sich wiesen. Es ging um haarsträubende Fälle von Umweltverseuchung, Menschenrechtsverletzungen, Gefährdung menschlicher Gesundheit und Todesfälle aufgrund gefährlicher Produkte und Produktionen, Ausbeutung und Sozialabbau - kurzum um die hässliche Kehrseite der Gewinn- und Umsatzmilliarden. „Wenn das alles stimmt, was hier vorgetragen wird, dann sitzen da nur lauter Gangster!“ rief ein fassungsloser Aktionärsvertreter und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die BAYER-Vorstandsriege.

In den folgenden Jahren erhöhte sich die Zuhörerschaft kontinuierlich. Bis schließlich weit mehr als 25.000 AktionärInnen nach Köln anreisten, um die bis dahin noch nie dagewesene Schelte des BAYER- Managements live mitzuerleben. Ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte deutscher Aktiengesellschaften. Der TAGESSPIEGEL / Berlin brachte es so auf den Punkt: „Jahr für Jahr meldet sich auf der Hauptversammlung der Leverkusener BAYER AG die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN zu Wort. Die bestorganisierte Kritikergruppe liefert einen Alternativen Geschäftsbericht.“

BAYER reagierte. Zunächst versuchte sich der Konzern in Abschreckung. Er gründete die Initiative „Malocher gegen Schmarotzer“ und ließ in propere weiße Overalls gekleidete Werkschutzleute vor der Aktionärshauptversammlung agitieren. Das ging voll daneben, denn die anreisenden AktionärInnen erkannten nicht in den KritikerInnen die „Schmarotzer“, sondern fühlten sich selbst verunglimpft und feuerten den verkappten Malochern der BAYER-Propaganda-Abteilung die Flugblätter erbost vor die Füße. BAYER lernte, strich die „Schmarotzer“, nannte seine Abschreckungstruppe fürderhin „Die Malocher“ und stellte ihr Werkschutzleute mit selbstgebastelten DKP-Fahnen zur Seite. Auf diese Weise sollte bei den AktionärInnen Sympathie für die BAYER- freundlichen Blumen verteilenden „Malocher“ und Antipathie gegenüber den „kommunistischen“ KritikerInnen erzeugt werden. Doch auch diesmal blieben die gewünschten Effekte aus, die AktionärInnen begriffen alles nur als weitere Belebung ansonsten stinklangweiliger Hauptversammlungsroutinen.

Also griff der Chemie-Gigant zu drastischeren Mitteln. Er kürzte die Versorgung der AktionärInnen, die immerhin einen ganzen langen Tag in der stickigen Luft der Kölner Messehallen ausharren müssen, auf ein Minimum. Auf streng rationierte Marken gab es abstoßende in Plastik verpackte Papp-Sandwiches und Getränke. War es früher selbstverständlich, dass die AktionärInnen, die ja immerhin das Geld für den Betrieb gaben, mit Filmen der BAYER-Tochter AGFA und mit Kosmetika aus eigener Produktion beschert wurden, so wurden jetzt diese Aktionärspräsente ersatzlos gestrichen. Und auch die Eintrittskarten für die Hauptversammlung wurden am Rande der Legalität beschränkt. Stehen jedem Aktionär für jede seiner Aktien eine Eintrittskarte zu, so wurde jetzt nur noch eine Eintrittskarte je Depot ausgegeben.

Insgesamt gelang es dem Konzern so, die Zahl der anreisenden AktionärInnen auf ca. 6.000 herunter zu drücken, doch dabei blieb es. Seit nunmehr18 Jahren muss der Konzern es sich gefallen lassen, dass auf seiner Hauptversammlung die Hauptthemen nicht Gewinn und Dividende, sondern Umweltverbrechen, Produktionsgefahren, Menschenrechtsverletzungen und Sozialabbau sind.

BAYER befindet sich in deutscher Hand
Ist BAYER ein multinationaler Konzern, so befindet sich der Konzern doch überwiegend im Besitz deutscher AktionärInnen. Im Ausland werden lediglich 44 Prozent des Kapitals gehalten. Dabei führt Großbritannien mit 12 Prozent, gefolgt von den USA mit 9 Prozent, der Schweiz mit 8 Prozent, Luxemburg mit 4 Prozent und den Niederlanden mit 3 Prozent. Dabei sind die hohen Anteile der Schweiz und von Luxemburg sicherlich zu großen Teilen der Steuerflucht privater und institutioneller Großaktionäre aus Deutschland geschuldet, was den deutschen Anteil weiter stärkt.

Die Bosse greifen in die Kasse
Bei BAYER gibt es für Belegschaftsangehörige drei Aktienerwerbs- Programme. Da ist zunächst für die einfachen Belegschaftsangehörigen (BAYER-Deutsch: „Tarifmitarbeiter und leitende Kräfte der unteren Ebenen“) das „Aktienbeteiligungsprogramm“. Unter bestimmten Voraussetzungen können BAYER-MitarbeiterInnen zu vergünstigten Bedingungen oder im Ausgleich als Prämienleistung Aktien erwerben. Über diese Anteile können sie allerdings nicht frei verfügen, es gelten sehr restriktive Bedingungen für den Verkauf dieser Papiere.

Anders bei den „oberen Führungskräften“. Ihnen werden BAYER-Aktien im Rahmen eines „Aktien-Incentive-Programms“ gratis und zur freien Verfügung zugewiesen. „Sofern bestimmte Erfolgs- und Haltekriterien erfüllt werden“, über die sich der Leiter des BAYER-Ressorts Corporate Investor Relations, Dr. Alexander Rosar, nicht weiter äußert.

Die BAYER-Bosse schließlich (BAYER-Deutsch: „Mitarbeitergruppe der höchsten Vertragsstufe“) können sich ungehindert im Rahmen eines sogenannten „Aktien-Options-Programms“ bedienen. Hier weisen sich die Herren (Damen gibt es in der BAYER-Vorstandsriege nicht) z.B. im Rahmen von Neu-Emissionen ganze Kontingente „junger Aktien“ zum weit unter Börsenkurs liegenden Vorzugspreisen per Beschluss selbst zu. Dies kommt einem legalen Griff in die Kasse gleich.

Vor dem Hintergrund dieser Aktien-Programme für das Management wird deutlich, dass der „einfache“ Belegschaftsaktionär mit Sicherheit erheblich weniger Aktien im Depot hat, als die von BAYER gemeldeten durchschnittlich von 311 Aktien je Mitarbeiterdepot. Und der Vorstandsvorsitzende, Dr. Wenning, nennt mit Garantie ein Vielfaches dieses Durchschnitts sein Eigen.

Die BelegschaftsaktionärInnen
Zu dieser Gruppe der PrivataktionärInnen gehören auch rd. 50.000 bundesdeutsche Beschäftigte von BAYER-Werken und Tochter- Unternehmen. Diese BelegschaftsaktionärInnen halten 2,1 Prozent des Gesamtkapitals. In jedem dieser Mitarbeiterdepots, die bei COMMERZBANK, DEUTSCHE BANK und der SPARKASSE Leverkusen geführt werden, liegen durchschnittlich 311 Aktien im Wert von gerade einmal ca. 800 Euro. Damit finanzieren die Beschäftigten den Konzern zwar mit 39,9 Mio. Euro, gehören aber grundsätzlich zu den Mini-AktionärInnen. Ausländischen MitarbeiterInnen werden laut dem Chef des BAYER-Ressorts Corporate Investor Relations, Dr. Alexander Rosar, grundsätzlich keine Belegschaftsaktien angeboten.

[Aktionsbericht] Hauptversammlung 2004

CBG Redaktion

Proteste bei BAYER-Hauptversammlung

Genfood & Kapital-Klone

Von Udo Hörster

Den Weg zur BAYER-Hauptversammlung in den Kölner Messehallen mussten sich die AktionärInnen durch das Straßen-Theater der BUNDjugend bahnen, die einen pantomimischen Tanz um das Goldene Kalb „Genfood“ aufführte. Alsdann begrüßte sie die traurige Gestalt eines jungen Managers im feinen Zwirn, buchstäblich an die Kette der Gentechnik gelegt. Unmittelbar vor dem Eingang in die heiligen Hallen des Profits erwartete die Aktien-HalterInnen schließlich ein Spalier von GenforscherInnen in steril-weißer Einheitskluft. Auf Bauchläden boten sie Gen-Mais feil, beworben mit dem Slogan „Leben - made by BAYER“. Parallel dazu verteilten sie Beipack-Zettel mit den Risiken und Nebenwirkungen. Vielleicht mochte deshalb keine/r herzhaft in die Zukunftstechnologie beißen.

Im Saal selber kleideten die ProtestlerInnen ihre Kritik an der grünen Gentechnik in Worte. „Ärzte warnen vor den Gefahren“, mahnte Geert Ritsema von FRIENDS OF THE EARTH EUROPE. Ein ganzes Bündel von Risiken zählte er auf: die Bedrohung der Artenvielfalt, mehr Umweltschäden durch erhöhte Pestizid-Ausbringungen und Einkreuzungen in Wild-Pflanzen. Als besonders schwerwiegend betrachtete er die Gefährdung der Sicherheit von Reis, Asiens Lebensmittel Nr. 1, durch BAYERs Herbizid-resistente Sorte LL 62. Neun von 15 Ländern der Europäischen Union teilten laut Ritsema diese Einschätzung: Sie erhoben Bedenken gegen die vom Leverkusener Chemie-Multi bei der EU beantragte Import-Genehmigung. Zuvor hatte Belgien schon gentechnisch verändertem Raps die Zulassung verweigert und Großbritannien Gen-Mais nur unter so hohen Sicherheitsauflagen genehmigt, dass BAYER die Risiken nicht tragen mochte und auf einen Anbau verzichtete. Als Resümee zitierte Geert Ritsema die Äußerung eines - politisch völlig unverdächtigen - Sprechers der DZ-BANK: „Genfood ist ungefähr so attraktiv wie die Atombombe“. Er forderte den Unternehmensvorstand aus diesem Grund auf, sich die Frage zu stellen: „Sollen wir Genfood gegen den Willen der meisten Europäer durchsetzen?“.

Aber nicht nur in Europa, auch in Südamerika stößt die „grüne Gentechnik“ auf breite Ablehnung, berichtete Lutz Weischer von der BUNDjugend. Gerade in den armen Ländern verfängt die PR-Strategie der Multis, gentechnisch veränderte Nutz-Pflanzen als Mittel gegen den Welthunger anzupreisen, nicht, weil sie der Realitätsprüfung nicht standhält. „Hunger ist ein Verteilungsproblem“, ergibt diese Weischer zufolge nämlich. Nicht Hochtechnologie, sondern Zugang zu Land und erschwinglichem Saatgut könnte die Lage der Menschen dort verbessern. Und da wirkt die Gentechnik nach Meinung des BUND- Aktivisten kontraproduktiv. Kapital-intensiv und deshalb auf große Anbau-Flächen angewiesen, befördert sie das Bauernsterben und treibt so nur noch mehr Menschen ins Elend. „Sind Sie bereit, auf diese Behauptung zu verzichten?“, fragte Lutz Weischer deshalb BAYER-Chef Werner Wenning.

Dazu war der Angesprochene nicht bereit. Allerdings musste er in seiner Antwort auf die Gegen-Redner die Akzeptanz-Probleme der grünen Gentechnik einräumen. In bemerkenswerter Offenheit nannte der Vorstandsvorsitzende auch die Gründe dafür. „Der Vorteil liegt bei den Anbietern“, gab er zu, weil die Technologie vor allem eine „effizientere Produktion“ erlaube. Die KonsumentInnen haben also selbst nach Meinung Wennings überhaupt nichts von den Labor-Kreationen - aber er arbeitet daran. Durch qualitätssteigernde Maßnahmen wie Erhöhung des Vitamin-Gehaltes will er einen „Nutzen für den Verbraucher“ schaffen und das Genfood popularisieren. Mit dem „Vitamin-A-Reis“ vermeinten die Agro-Multis schon einmal so einen massenwirksamen Superstar gefunden zu haben, dessen Karriere allerdings im Nirvana endete. Auf die von Ritsema und Weischer geäußerten Sicherheitsbedenken ging Werner Wenning mit keinem Wort ein - sie existierten für ihn schlicht nicht. Die Zulassungsverweigerungen beruhten ihm zufolge nicht auf „wissenschaftlichen Erkenntnissen“, sondern hatten ausschließlich „politische Gründe“.

Ähnlich dürftig fielen die Ausführungen des Vorstandsvorsitzenden zum Geschäftsgebahren der Konzern-Gesellschaft HC STARCK im Kongo aus. Friedhelm Meyer von der SOLIDARISCHEN KIRCHE IM RHEINLAND (SOKI) legte dar, wie die BAYER-Tochter dort durch den Aufkauf von Coltan-Erz zur Finanzierung des Bürgerkriegs beiträgt. Schon in seinen Bemerkungen zu den von der CBG eingereichten Gegen-Anträgen hatte Werner Wenning dies kategorisch bestritten: „HC STARCK hat die Rebellen zu keiner Zeit unterstützt“. Bei dem BAYER-Manager Thomas Porz, der 2003 auf dem ökomenischen Kirchentag an einer Diskussion zu dem Thema mit der Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul teilnahm, hörte sich das ganz anders an. Das Unternehmen habe Coltan bis 2001 ganz offen und ab dann „lediglich über einen Spot-Markt - also nicht direkt“ aus dem Kongo bezogen, zitierte ihn Meyer.

Der ehemalige Pfarrer, andere SOKI-MitstreiterInnen sowie CBGler haben auf dem gemeinsamen Kirchentagsstand noch ein zusätzliches Kapitel aus dem Sündenregister des Leverkusener Chemie-Multis aufgeschlagen: Die Gesundheitsgefährdungen durch Pestizide. Meyer machte auf Schätzungen der WHO aufmerksam, wonach jährlich bis zu 20.000 Menschen durch die Ackergifte sterben. Als aktuelles Beispiel nannte er die zahlreichen Vergiftungsfälle unter indischen Baumwoll- FarmerInnen durch BAYERs Monocrotophos und andere Agro- Chemikalien. Zu diesem traurigen Anlass erinnerte Friedhelm Meyer den Vorstand an ein auf der Hauptversammlung von 1995 abgegebenes Versprechen, bis zum Jahr 2000 alle Pestizide der höchsten Toxizitätsklasse durch solche geringerer Giftigkeit zu ersetzen. Davon wollte Wenning allerdings nichts mehr wissen. Seiner Ansicht nach hatte es sich dabei nur um eine unverbindliche Absichtserklärung gehandelt, zu der er sich immer noch ohne Risiko bekennen konnte: „Die Ziele bleiben bestehen“. Auch ansonsten sollten nur Worte helfen - Aufklärung und Schulungen der LandwirtInnen - konkrete Maßnahmen zur Senkung der Todesraten stellte der BAYER-Chef dagegen nicht in Aussicht.

Information und Diskussionen - das sah der Konzern-Chef auch als probates Mittel zur Abschaffung von Kinderarbeit bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO an. Cornelia Heydenreich von GERMAN WATCH zeichnete der AktionärInnen- Versammlung ein plastisches Bild von den menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen 6 bis 14-Jährige - vor allem Mädchen - auf den Feldern Frondienste leisten, oft noch in Schuldknechtschaft. Eine Studie des indischen GRCS-Institutes hatte die Missstände ans Licht gebracht, die CBG veröffentlichte die deutsche Übersetzung. Dadurch geriet der BAYER-Konzern unter politischen Druck und musste handeln. PROAGRO übernahm die Verantwortung für die Kinderarbeit, was auch recht und billig ist, schließlich lassen die niedrigen Abnahme-Preise für das Saatgut den LandwirtInnen keine andere Möglichkeit als Minderjährige zu beschäftigen. Zudem trafen Konzern-ManagerInnen mit VertreterInnen der indischen Kinderrechtsinitiative MAMIDIPUDI VENKATARANGAIYA FOUNDATION (MV) zusammen und führten Gespräche mit anderen Agro-Multis. Jetzt allerdings gibt es nach Angaben von MV ein Rollback. PROAGRO wälzt die Verantwortung wieder auf die Saatbauern ab und gewährt der Initiative keinen Einblick in die angeblich Kinderarbeit ausschließenden neuen Verträge. Deshalb verlangte Heydenreich von Wenning, Klartext zu reden: „Wieviel Kinder sind bei Zulieferern von BAYER beschäftigt?“ und „Sind Sie bereit, höhere Preise zu zahlen?“

Darauf blieb der Große Vorsitzende die Antwort schuldig. Stattdessen verlegte er sich darauf, abzustreiten, dass BAYER selbst Kinder angestellt hätte - und entkräftete damit einen Vorwurf, den Cornelia Heydenreich gar nicht erhoben hatte - eine plumpe Ablenkungsstrategie.
Erwachsene Beschäftigte haben beim Pharma-Riesen auch nicht unbedingt ein besseres Los. Uwe Friedrich (CBG) lieferte dafür ein Fall-Beispiel aus den Philippinen. Der Ingenieur Juanito Facundo war Gewerkschaftsvorsitzender der EMPLOYEES UNION OF BAYER PHILIPPINES (EUBP). Er organisierte unter anderem Streiks und sagte in Arbeitsgerichtsprozessen zu Gunsten von Kollegen aus. BAYER versuchte diese Arbeit nach Kräften zu behindern. Sie unterstützte die kapital-freundlichere Konkurrenz-Gewerkschaft, hielt der EUBP Mitgliedsbeiträge vor und konsultierte sie nicht wie vorgeschrieben bei Entlassungen. Schließlich überreichte die Geschäftsführung Facundo und einer ebenso engagierten Kollegin sogar die fristlose Kündigung. Poltische Motive dafür stritt der BAYER-Vorsitzende vehement ab. „Im Rahmen einer Rationalisierung“ hätte der Gewerkschaftler gehen müssen, so Wenning. Seltsam nur, dass BAYER für den „Wegrationalisierten“ schon bald nach einem gleichwertigen Ersatz suchte ...

Auch an den bundesdeutschen Standorten gerät die Belegschaft zunehmend unter Druck. „In den Werken herrscht eine schlechte Stimmung“, schilderte Andrea Will von der DKP den ZuhörerInnen die Lage vor Ort, sogar Hochqualifizierte flüchteten vor dem immer größer werdenden Druck schon in die Frühpension. Angesichts dieser Vergeudung menschlicher Schöpfungskraft kritisierte Will den Vorstandsvorsitzenden: „BAYER ist nur so viel wert, wie die Mitarbeiter, die dort arbeiten - das ist ihnen nicht klar!“. Der Kragen platzte der Vorstandsriege, als Andrea Will für ihre Forderungen nach Sicherung der Arbeitsplätze und gerechter Entlohnung von den anwesenden ca. 6.000 AktionärInnen auch noch starken Applaus erhielt. Da brach der Widerspruch zwischen den GroßaktionärInnen, BankvertreterInnen und BAYER-Managern und der Masse der KleinaktionärInnen offen auf.

Axel Köhler-Schnura von der CBG beschäftigte sich in seiner Rede ebenfalls mit der Arbeitsplatz-Vernichtung, der erhöhten Arbeitsdichte, dem Abbau betrieblicher Sozialleistungen und den immer neuen Rationalisierungsmaßnahmen. Er warf dem Konzern vor, aufgrund seiner Macht weit über den Konzernrahmen hinaus für die gesellschaftliche Entwicklung zu sozialer Kälte und rücksichtsloser Profitorientierung verantwortlich zu sein. Der Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Manfred Schneider wurde nicht umsonst erst unlängst von der Springerpresse zum „mächtigsten Mann Deutschlands“ erkoren, so das CBG- Vorstandsmitglied. Den im Aufsichtsrat sitzenden Vorsitzenden der IG BCE, Hubertus Schmoldt, forderte er auf, endlich konsequent Front zu machen gegen sozialen Kahlschlag, Arbeitsplatzvernichtung und Umweltzerstörung bei BAYER. Als „sozialen Krieg“ bezeichnete Köhler-Schnura BAYERs Unternehmenspolitik und erinnerte daran, welch hervorgehobene Rolle der Konzern beim in der Bundesrepublik tobenden Klassenkampf von oben spielt. Mit der Lancierung der „Standort-Debatte hat BAYER “die Erpressung der Öffentlichkeit bis zur Perfektion entwickelt„, so der CBGler. Und sich höchstpersönlich um die Umverteilung gekümmert: der Kopf der “Unternehmenssteuerreform„ im Hause Eichel war nämlich niemand anders als der ehemalige BAYER- Finanzchef Heribert Zitzelsberger. Sogar die seitdem vergeblich auf die Gewerbesteuer vom Konzern wartenden Bürgermeister an den Standorten hat das schon zu Demonstrationen auf die Straße getrieben, empörte sich Köhler-Schnura. “Von einer Steuervermeidungsstrategie kann nicht die Rede sein„, wies Werner Wenning in seiner Nicht-Antwort die Anschuldigungen Wills und Köhler-Schnuras zurück.

Je schamloser der Konzern seine Profit-Interessen zum Schaden der Beschäftigten und der Standorte verfolgt, desto vehementer entwirft er in der Öffentlichkeit das Bild einer verschworenen BAYER-Gemeinschaft. So ziert den Umschlag der Hauptversammlungsbroschüre ein Foto, das die versammelte Belegschaft des Werkes in Berkeley zeigt. In Einheitskluft, mit Einheitslächeln und mit einheitlich gen Himmel gereckten Armen präsentieren sie stolz die Früchte ihrer Arbeit. Hubert Ostendorf von der CBG gemahnte das an entsprechende propagandistische Kraftakte aus der Zeit des Nationalsozialismus. Noch ein anderer Fall demonstrierte für den Galeristen den beispiellos unsensiblen Umgang mit der Vergangenheit: Die Beteiligung am Bau des Holocaust-Mahnmals. “Ein Konzern, der von Zwangsarbeitern profitiert hat, profitiert jetzt vom Gedenken an die Opfer„, protestierte der CBGler.

Für diese Profite geht der Chemie-Multi immer noch über Leichen, so Ostendorf. In den 80er Jahren lieferte er nicht hitze-behandelte und deshalb mit hohem AIDS-Risiko behaftete Blut-Präparate nach Fernost, obwohl es zu diesem Zeitpunkt schon entsprechende Verfahren gab. Die Folge: hunderte Bluter starben. “Eine tragische Entwicklung„, nannte das Werner Wenning und wies den Vorwurf zurück, BAYER würde PatientInnen “bewußt Risiken aussetzen„. Die Präparate hätten “dem neuesten Stand der Technik„ entsprochen und seien nach den “besten wissenschaftlichen Erkenntnissen„ hergestellt, versicherte er wenig überzeugend.

Ein Teil einer solchen nach “dem neuesten Stand der Technik„ gebauten Anlage zur Produktion von TDA-Kunststoff explodierte Anfang des Jahres im texanischen Baytown. Kilometer-weit war der Knall zu hören, gab CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes den AktionärInnen einen Eindruck vom Ausmaß des Störfalls. Über den Unfall-Hergang schweigt der Pharma-Riese sich aus - “aus Wettbewerbsgründen„. Hinter den Kulissen jedoch entfaltete er eine fieberhafte Aktivität. SicherheitsexpertInnen aus bundesdeutschen Werken reisten an und betrieben Ursachen-Forschung. Die Panik hatte einen Grund, erläuterte Mimkes: BAYER hatte am Standort Dormagen nämlich gerade Europas größte TDA-Anlage in Betrieb genommen. “Die Prozesse sind grundsätzlich unterschiedlich„, beschwichtigte Wenning und sagte das, was BAYER-Chefs in solchen Fällen immer sagen: “Es bestand zu keinem Zeitpunkt Gefahr für die Bevölkerung„. Großzügig erklärte er sich trotzdem bereit, die “Sicherheitsstandards weiter zu verbessern„.

Wie BAYER im Gegenteil alles tut, um Sicherheitsstandards zu verwässern, legte der CBG-Geschäftsführer am Beispiel des Chemikalien-Gesetzes der EU dar. Die Kommission wollte dem Vorsorge-Prinzip Geltung verschaffen und den Chemie-Unternehmen zur Auflage machen, 70.000 niemals getestete chemische Substanzen erstmals auf ihre Gefährlichkeit hin zu untersuchen. Aber BAYER und die anderen betroffenen Konzerne gingen zum Extrem-Lobbying über, an dessen Ende vom ursprünglichen Entwurf nicht mehr viel übrig war. In den USA betrieben die Multis laut Mimkes Vorsorge gegen das Vorsorge-Prinzip, um entsprechende Regelungen schon im Vorfeld zu verhindern. Ihr Verband ACC engagierte die berühmt-berüchtigte PR-Agentur NICHOLS-DEZENHALL und gab eine Schmutz-Kampagne in Auftrag. Die “schmutzigen Hände„ dafür fand die Agentur unter anderem unter ehemaligen CIA- und FBI-AgentInnen. Und die dachten sich zahlreiche Undercover-Maßnahmen aus: Bespitzelung von Umwelt-AktivistInnen, Gründung von chemie-freundlichen Pseudo- Bürgerinitiativen und ebensolcher “unabhängiger„ Institute. “Das kann man nur als perfide bezeichnen„, kommentierte Philipp Mimkes. Für den Versammlungsleiter Manfred Schneider war das zu harter Tobak. Er forderte den CBGler auf, seine Rede abzubrechen. Der Geschäftsführer ließ sich jedoch nicht beirren und klärte das Auditorium weiter darüber auf, was bei BAYER wirklich hinter den hehren Bekenntnissen zum Umweltschutz à la “Responsible Care„ und “Sustainable Development„ steckt.

Mit seiner Intervention griff Aufsichtsratsvorsitzender Schneider zum gröbsten Mittel zur Abwehr von Kritik. Ansonsten begnügten sich er und Wenning damit, die Beiträge der kritischen AktionärInnen als “sachlich unzutreffend„, “bloße Behauptungen„, “jeder Grundlage entbehrend„, “Halbwahrheiten„ und “nicht nachvollziehbar„ abzuqualifizieren. Axel Köhler-Schnura hatte das alles schon aus den Vor-Mündern von Schneider und Wenning gehört, den Ex-Aufsichtsratschefs Hermann Josef Strenger und Herbert Grünewald . Er präsentierte dem Vorstand mit Verweis auf die wg. des LIPOBAY-Skandals nötig gewordenen Schadensersatz-Rückstellungen in Höhe von 300 Millionen Euro die Rechnung für diese Ignoranz: “Sie sehen, wie sich unsere Fakten im Laufe der Zeit wieder als millionen-schwere Verlust-Wahrheiten in die Berichte der Vorsitzenden einschleichen„.

Dazu sagten die Manager nichts. Nur wenn es um Zahlen ging, wurden Werner Wenning und Aufsichtsrat-Chef Manfred Schneider redseliger. Damit kennen sie sich aus und stellten es unter anderem dadurch unter Beweis, dass sie die Aufsichtsrats-Vergütungen im Zuge der Dividenden-Kürzung von 90 auf 50 Cent von dieser Richtgröße abkoppelten und an den Brutto-Cashflow banden - nicht umsonst sitzen schließlich Cash-Experten vom Schlage eines Josef “V„ Ackermann in dem Gremium.

Stimmen und Gegenstimmen
Mehr als 200.000 Aktien wurden der CBG und dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre bereits vor der Hauptversammlung übertragen. In den Abstimmungen stimmten bis zu 3 Millionen Aktien mit “Nein". Weitere ca. 1 Mio. Stimmen enthielten sich und sprachen sich so gegen den Vorstand aus. Das waren zwar nur einige wenige Prozent, also die Minderheit aller Aktien, aber klar die Mehrheit der anwesenden AktionärInnen. BAYER bleibt also auf Profitkurs, der Widerstand wurde jedoch mehr als deutlich.

[Artikel WELT] außerordentliche HV 2004

CBG Redaktion

Die Welt, 7. Oktober 2004

Bayer reizt bei Lanxess-Tochter Grenze des Zumutbaren aus

von Frank Seidlitz

Die Bürde wiegt schwer, die der Bayer-Konzern seiner Tochter Lanxess mit auf den Weg in die vermeintliche Unabhängigkeit gibt: Milliarden-Verbindlichkeiten, stark zyklisches Geschäft. Und die Margen sind auch nicht so rosig. Was aber für Lanxess einer Wachstumsbremse gleichkommt, ist für den leidgeprüften Dax-Wert einer der größten Befreiungsschläge in der Geschichte. Auf dem Rücken der Konzerntochter wollen sich die Leverkusener sanieren - und werden dies wohl auch nach drei Krisenjahren schaffen.

Von einer erfolgreichen Wachstumsstrategie bei ihrer Tochter spricht aber nun selbst Bayer nicht mehr. Die neue Wandelanleihe kann darüber nicht hinwegtäuschen. Denn die Finanzspritze von Bayer ist kein Beweis, daß der Mutter-Konzern an die erfolgreiche Zukunft von Lanxess glaubt, sondern vielmehr eine Notwendigkeit, um sich ihrer zu entledigen. Ohne die Finanzspritze hätte Bayer Lanxess nicht gleichzeitig mit einem solch hohen Berg von Verbindlichkeiten ausstatten können. Die Rating-Agenturen hätten die Bonität der Chemie- und Kunststoff-Tochter extrem niedrig angesetzt - und ihr damit finanzielle Schwierigkeiten bereitet. Doch nun kann Lanxess wenigstens hoffen, ein Rating zu erhalten, das die Finanzierungskosten in Grenzen hält und damit akzeptabel ist.

Bayer ist also mit der Weitergabe von Problemfällen an Lanxess an die Grenze des Zumutbaren gegangen. Das wird sich voraussichtlich negativ auf den Aktienkurs von Lanxess auswirken. Dazu kommen weitere Negativfaktoren: Knapp 20 Prozent der Bayer-Aktionäre sind Privat-Anleger, die - so zeigt es die Erfahrung der Celanese-Abspaltung vom Hoechst-Konzern - den Spin-Off für einen Ausstieg nutzen könnten. Darüber hinaus wird den Lanxess-Kurs die Erwartung, daß auch Bayer nach der Einlösung der Wandelanleihe sich auf kurz oder lang von seinem knapp 20 Prozent-Aktienpaket trennen wird.

[Rede Axel K.-Schn.] außerordentliche HV 2004

CBG Redaktion

Rede Axel Köhler-Schnura auf der Bayer-Hauptversammlung am 17.11.2004

Meine Damen und Herren, guten Tag,

mein Name ist Axel Köhler-Schnura. Ich bin Mitglied des Vorstands des internationalen Selbsthilfenetzwerks der Coordination gegen BAYER-Gefahren. Regelmäßigen BesucherInnen von BAYER-Hauptversammlungen bin ich ja bekannt.

Meine Damen und Herren,
auch wenn wir Jahr für Jahr miterleben, wie abwertend der Vorstand mit kritischen Gegenanträgen umgeht, ist es doch eine Mißachtung der Aktionärsdemokratie, wenn der Vorstand - wie heute geschehen - auf der Hauptversammlung die AktionärInnen nicht über den vorliegenden Gegenantrag informiert und dazu keine Stellungnahme abgibt.
Herr Wenning, Sie werden sicherlich unseren Gegenantrag in gleicher Weise unsachlich und realitätswidrig abqualifizieren wie in den Vorjahren, aber ich bitte Sie doch, die Grundregeln des Umgangs mit AktionärInnen einzuhalten.
Und an dieser Stelle noch ein Wort an meinen Vorredner, Herrn Buhlmann (Name wie akustisch verstanden?): So spaßig Ihre Bemerkung zu unserem Gegenantrag war, so falsch war sie auch. Selbstverständlich haben wir Agumente, und zwar gute!, für die Ablehnung der Abspaltung und sie wurden von uns in der Begründung des Gegenantrags auch mitgeteilt und entsprechend veröffentlicht. Dass unsere Argumente aber von Ihnen nicht wahr- und ernstgenommen werden, hängt einfach damit zusammen, sie passen einfach nicht in ihr einzig am Profit ausgerichtetes Wertgefüge.

Meine Damen und Herren,
Sie alle kennen den ehemaligen Bundesminister und Generalsekretär der CDU, Dr. Heiner Geisler. Im Vorfeld dieser Hauptversammlung erreichte uns ein Beitrag von ihm. Gerade weil das Management immer versucht, meine Redebeiträge mit Hinweis auf meine Mitgliedschaft in der Coordination gegen BAYER-Gefahren vom Tisch zu wischen, ist es mir eine besondere Freude, Ihnen jetzt das Statement von Dr. Geisler zur Kenntnis bringen zu dürfen. Und ich schreibe diesen Beitrag nachdrücklich allen ins Stammbuch, die vorhin bei Vorstand und Befürwortern der Abspaltung so zustimmungsfreudig applaudiert haben: „Unter Berufung auf angebliche Gesetze des Marktes reden die ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten einer anarchischen Wirtschaftsordnung, die über Leichen geht, das Wort.
100 Millionen von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen in Europa und den USA und 3 Milliarden Arme, die zusammen ein geringeres Einkommen haben als die 400 reichsten Familien der Erde, klagen an: die Adepten einer Shareholder-Value-Ökonomie, die keine Werte kennt jenseits von Angebot und Nachfrage, Spekulanten begünstigt und langfristige Investoren behindert. ... Die Arbeiter in den Industriestaaten und ihre Gewerkschaften, die angesichts der Massenarbeitslosigkeit mit dem Rücken an der Wand stehen, fühlen sich anonymen Mächten ausgeliefert, die von Menschen beherrscht werden, deren Gier nach Geld ihre Hirne zerfrisst.
Die Menschen leben und arbeiten in einer globalisierten Ökonomie, die eine Welt der Anarchie ist - ohne Regeln, ohne Gesetze, ohne soziale Übereinkünfte,
eine Welt, in der Unternehmen, Großbanken und der ganze “private Sektor„ unreguliert agieren können.
Wo bleibt der Aufschrei gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne gesunde kleinere Firmen mit Inventar und Menschen aufkaufen, als wären es Sklavenschiffe aus dem 18.Jahrhundert, sie dann zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes dichtmachen und damit die wirtschaftliche Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten? Den Menschen zeigt sich die hässliche Fratze eines unsittlichen und auch ökonomisch falschen Kapitalismus, wenn der Börsenwert und die Managergehälter - an den Aktienkurs gekoppelt - umso höher steigen, je mehr Menschen wegrationalisiert werden. ...“
Soweit das Statement des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Dr. Geisler.

Meine Damen und Herren,
ich kann diesem Statement persönlich beim besten Willen nichts mehr hinzufügen - es trifft einfach zu.

Meine Damen und Herren,
Sie alle wissen - es war ja nun sogar schon in der BILD-Zeitung zu lesen - BAYER überträgt auf Lanxess Schulden in Milliardenhöhe. Das ist Coup, mit dem sich BAYER über die vom BAYER-Mann Heribert Zitzelsberger lancierte Steuergesetzgebung gnadenlos am Steuersäckel bereichert. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes asozial.
Zugleich bedeutet diese Schuldenlast knallharte Erpressung der Beschäftigten. Diese werden damit dauerhaft genötigt, Kosteneinsparungen durch Mehrarbeit und Lohnverzicht, aber auch durch Verlust ihres Arbeitsplatzes, zu leisten. Trotz aller schöner Worte droht Tausenden Beschäftigten der Abstieg in prekäre Arbeitsverhältnisse und in die Arbeitslosigkeit. LanXess-Vorstandsmitglied Ulrich Koemm hat bereits Schließungen von Betriebsteilen und Verkäufe ankündigt.
Und da die Arbeit in der Regel nicht wegfällt, steigt der hohe Arbeitsdruck auf die Belegschaft weiter an. Neu eingestellte MitarbeiterInnen werden tariflich schlechter gestellt. Auch die Möglichkeit der Belegschaft, auf den Kurs des Unternehmens Einfluss auszuüben, ist langfristig gefährdet: bei Aufsplitterung in immer kleinere Einheiten fällt die tarifliche Mitbestimmung weg.

Meine Damen und Herren,
in der LanXess-Belegschaft wird das, was hier läuft, so auf den Punkt gebracht: „verraten und verkauft“ - das ist der bittere Kommentar aus den Werken. Das Gerede der Konzernleitung von Standortsicherung und Beschäftigungsgarantien erweist sich als fadenscheinig und verlogen.

Meine Damen und Herren,
auch für den Umwelt- und Verbraucherschutz ist LanXess eine neue Gefahr. LanXess wird - da als Profitbringer einzig auf die harte, weltweit verfemte, die Existenz des Planeten gefährdende Chlorchemie als Produkt angewiesen - gegen jeden gesunden Menschenverstand all das weiter vermarkten, wogegen alle Welt Sturm läuft: Hormonaktive bzw. hochtoxische Produkte wie Weichmacher, Phosgen, Chlorbenzole, Isocyanate und Nitrotoluole.
Das umfangreiche Wortgeklingel im Abspaltungs- und Übernahmevertrag zu Haftungsfragen und Umweltschäden weist bereits darauf hin: Für Regierungen, Kommunen, Organisationen und Personen wird es künftig noch schwieriger, Ansprüche für entdeckte und unendeckte Altlasten und Umwelt- und Gesundheitsschäden durchzusetzen.

Meine Damen und Herren,
wir alle hier im Saal werden heute, wenn der Vorschlag des Vorstands zur Abspaltung nicht abgelehnt wird, Zeugen wie das so funktioniert, was der Stern in Millionenauflage in seiner Ausgabe v. 24.10.2004 den „Putsch von ganz oben nennt“: Bei der Abspaltung von LanXess geht es um eine groß angelegte Umverteilung von unten nach oben. Mehr als 73 Millionen Aktien sollen hier heute verschenkt werden. 95 Prozent dieser Aktien wird sich eine kleine Elite von institutionellen und anderen GroßaktionärInnen aneignen. Aber auch die Masse der Klein- und KleinstaktionärInnen werden mit je einer Neu-Aktie auf 10 Altaktien bedacht. Je nach Kurswertentwicklung geht es hier um einen Betrag von schätzungsweise immerhin ca. 300 Millionen bis ca. 1 Milliarde Euro, der ohne jede Gegenleistung der AktionärInnen deren Vermögen steigert.

Meine Damen und Herren,
dieser Umbau geht nicht nur voll zum Nachteil der Belegschaften, er geht auch auf Kosten des Sozialstaates und der arbeitenden Menschen im Land insgesamt.

Meine Damen und Herren,
Sie hier im Saal sind überwiegend Kleinaktionärinnen und Kleinaktionäre. Sie sind vielfach einfache Belegschaftsangehörige oder ehemalige Betriebsbeschäftigte. Doch den Ton hier geben die Großaktionäre und Banken mit ihrem Depotstimmrecht an. Und diese Großaktionäre und Banken bzw. Investmentgesellschaften haben im Gegensatz zu den Beschäftigten und den KleinaktionärInnen kein ethisches, kein soziales und auch kein ökologisches Gewissen.
Aber Sie, meine Damen und Herren KleinaktionärInnen, Sie, die Sie als Gewerkschaftskollegen und -kolleginnen wissen, wie es an den Arbeitsplätzen und hinsichtlich der Familienbudgets aussieht, Sie haben ein soziales und ökologische Gewissen. Sie wissen noch, wie Moral und Ethik buchstabiert werden.
Deshalb fordere ich Sie auf, zeigen Sie den Großaktionären, Vorständen und Aufsichtsräten, was Sie von ihnen halten. Auf jeder Hauptversammlung stimmen mehre Tausend KleinaktionärInnen mit uns. Trotz dieser Zahlen macht dies aufgrund der Besitzverhältnisse der Großaktionäre trotzdem rein mathematisch keinerlei Mehrheiten aus. Stimmen Sie aber bitte trotzdem - oder gerade deshalb - mit NEIN. Setzen Sie mit Ihren Aktien ein Zeichen für soziale Sicherheit, Umweltschutz und Menschenrechte. Gegen Profitgier und Menschenverachtung.
Entsprechend unser Gegenantrag: Stimmen Sie dem Abspaltungsvertrag nicht zu.

Meine Damen und Herren,
ich stehe hier beauftragt von Hunderten von Kleinaktionären und Kleinaktionärinnen mit Gewissen, die bereits im Vorfeld dieser Hauptversammlung der Coordination gegen BAYER-Gefahren und dem Dachverband der Kritischen Aktionäre und Aktionärinnen ihre Aktien übertragen haben. Tun Sie Ihre Aktien dazu, stärken Sie das Signal für Soziale Sicherung, Umweltschutz und Menschenrechte.
Sollten Sie die HV vorzeitig verlassen, aber dennoch mit uns stimmen wollen, so lassen Sie sich von uns vertreten. Sie finden uns hier vorne, von Ihnen aus gesehen links.
Vielen Dank.

[Rede Rosche] Hauptversammlung 2005

CBG Redaktion

“Frauen werden giftig”- Fragen an den Bayer Vorstand von Daniela Rosche, WOMEN IN EUROPE FÜR A COMMON FUTURE (WECF)

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Daniela Rosche, ich spreche fuer Women in Europe for a Common Future. WECF ist ein europäisches Netzwerk von Frauenorganizationen, die sich für Gesundheit und Umweltschutz einsetzen. Unsere Themen ergeben sich aus dem Bedürfnis von Frauen, Gesundheits und Umweltprobleme konkret zu benennen und Schäden von uns, unseren Familien und der Gesellschaft abzuwenden. In diesem Zusammenhang beschaeftigen wir uns auch mit Chemikalienpolitik

WARUM?
Weil wir giftig werden&

  • 8722; immer giftiger! Täglich nehmen wir über unzählige Alltagsprodukte, ungewollt und unbewusst, viele Chemikalien in uns auf: Parabene in Haarschampoo, Bromierte Flammschutzmittel in Fernsehern, Weichmacher in Duschvorhängen und Auslegeware, Formaldehyd in Lufterfrischern oder Teflon in der Bratpfanne, um nur einige Beispiele zu nennen. Diese Substanzen befinden sich darüber hinaus auch in unserer Umwelt und verschmutzen dort Luft, Gewässer, Flüsse, Meere und die Tierwelt. Mit welchen Folgen, ist oft nicht bekannt, denn von den rund 100.000 Chemikalien, die es auf dem europäischen Markt gibt, sind bislang nur 14 Prozent auf ihre Auswirkungen auf Mensch und Umwelt getestet worden.

Bis zu 300 verschiedene Chemikalien konnten bisher im menschlichen Körper nachgewiesen werden. Frauen und Kinder sind davon in besonderem Maße betroffen. Sie reagieren zum Beispiel empfindlicher auf die negativen Eigenschaften von Chemikalien. Eine Reihe von Stoffen zum Beispiel die breits erwaehnten Parabene, Phthalate (Weichmacher), Flammschutzmittel und Formaldehyd werden aufgrund ihrer stofflichen Eigenschaften von der Wissenschaft als besonders gefährlich eingestuft. Das bedeutet, dass sie sich im Koerper anreichern, langlebig sind, giftig, hormonverstörend oder gar krebserregende fortpflanzungsschädigende und erbgutschädigende Eigenschaften haben. Sie können Krankheiten wie Asthma und Allergien bis hin zu Unfruchtbarkeit und Krebs auslösen.

Alle synthetischen Chemikalien die sich im Laufe des Lebens im Koerper der Frau anhaeufen, direkt an unsere Kinder weitergegeben werden!!!!! Nicht nur waehrend des Stillens sondern bereits vor der Geburt! Denn Untersuchungen zeigten, dass einige der besonders gefährlichen Stoffe über die Plazenta oder die Blut-Gehirn-Barriere in den sich entwickelnden Embryo gelangen und dort das Nervensystem oder das Hormonsystem stören bzw. langfristig schädigen können. Kinder von Malern oder Frauen die in der Lösungsmittelherstellung beschaeftigft sind, bringen zum Beispiel schon seit Jahren Kinder mit niedrigerem IQ auf die Welt. Zu den Gesundheitsfolgen von Stoffen, mit hormonverstoerenden Eigenschafte, gehoeren auch dass sich seit mehr als 10 Jahren die Fruchtbarkeit von Maennern um mehr als 50% vermindert hat.

ALARMIERENDE VERSÄUMNISSE
So wie die meisten Menschen, haben auch wir angenommen, dass chemische Alltagsprodukte, die in Europa auf dem Markt sind, einem Mindestmass an Kontrolle unterliegen. Denn Flugzeuge koennen ja auch nicht einfach in die Luft abheben, Autos muessen erst Sicherheitstests bestehen und Lebensmittel auf ihre Qualitaet beurteilt werden, bevor sie auf den Markt kommen. Leider ist es tatsächlich so, dass die Mehrheit der auf dem europaeischen Markt verkauften Chemikalien die dann in Alltagsprodukten landen (und ich spreche hier nicht von Kosmetika oder Phamazeutika) KEINERLEI Kontrolle unterzogen, werden. Denn sie werden schon seit den 30gern produziert und Europäische Gesetzgebung reguliert nur die Stoffe, die seit 1981 auf dem Markt sind. Und das sind lediglich um die 3000.

Nun gibt es einen Vorschlag der EU-Kommission zur Reform der heutigen Chemikalienpolitik, REACH genannt. Dieser Vorschlag bietet unserer Meinung nach die einmalige- once in a GENERATION, Moeglichkeit die Versäumnisse der gegenwärtigen Chemikalienpolitik zu berichtigen. Denn unter dieser Verordnung muessen all Stoffe mit einem Produktionsvolumen von ueber einer Tonne in ein koherentes System integriert und systematisch auf ihre schädlichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und fuer die Umwelt beleuchtet werden.

Der REACH Gesetzesvorschlag, der sich derzeit im Abstimmungsprozess befindet, steht für deutliche Verbesserungen am heutigen System.

REACH bietet Sicherheit und Klarheit, nicht nur für die Verbraucherinnen und Verbraucher, sondern auch für die Industrie und die weiterverarbeitenden Unternehmen. REACH bietet der Chemieindustrie enorme Wettbewerbsvorteile: Europäische Unternehmen werden die ersten sein, die mit innovativen Substanzen gesunde und sichere Produkte herstellen können. „Made in Europe“ wird für sichere und gesunde Produkte stehen, die Verbraucherinnen und Verbraucher bereits jetzt in verstärktem Umfang nachfragen, sehen sie sich z.B. die Zuwachsraten von gesunden Kosmetikprodukten an. Zehntausende von neuen Arbeitsplätzen können geschaffen werden, der Wirtschaftsstandort Deutschland zum Vorreiter einer sicheren Chemieindustrie werden. Dieser Trend darf nicht verpasst werden. Was mit Unternehmen geschieht, die eine verfehlte Produktpolitik betreiben, kann derzeit in Rüsselsheim verfolgt werden. REACH schützt Arbeitsplätze, schafft neue. Am allerwichtigsten fuer uns ist natürlich die Tatsache, dass REACH einen wesentlichen Beitrag zum Schutz unserer Gesundheit und der unserer Kinder beiträgt!

Obwohl alle Beteiligten darin übereinstimmen, dass es mit der heutigen Chemikalienpolitik nicht weiter gehen kann, ist dieser Gesetzesvorschlag unter enormen Druck von Chemie- Produzenten wie Bayer und ihrem Sprachrohr CEFIC, abgeschwächt worden. Und wie wir aus Brüssel wissen, sind sie weiterhin eifrig damit beschäftigt ein schwaches und damit sinnloses REACH zu bewerkstelligen. Dies ist auch zu ihrem Nachteil. Ihnen nützt ein kompliziertes Regelwerk mit Ausnahmen, Sonderregelungen, welches -ginge es nach ihren Vorstellungen- aussehen wird, wie das Deutsche Steuersystem, nichts. Denn es bringt weitere nur Ineffizienz, Kosten und somit Wettbewerbsnachteile mit sich. Würde man ihren Forderungen nachgeben hätte die ganze Reform keinen Sinn mehr.

Stellvertretend fuer Frauen in Deutschland und Europa fragen wir uns ehrlich und ernsthaft:

Wie können wir für uns und unsere Kinder sichere Produkte kaufen, wenn es keine oder nur wenig Informationen darüber gibt?

Und wie können wir unsere Gesundheit und die unserer Kinder schützen, wenn sich in vielen Produkten schädliche Chemikalien befinden?

Und antworten sie hierauf bitte nicht, dass sie ja nur die Produzenten von Rohstoffchemikalien sind und es nicht in ihrer Macht liegt, wie diese in Konsumartikeln weiter verarbeitet werden!!!!

Ist ihnen die Gesundheit ihren Familie, ihrer Frauen, Kinder, Enkelkinder, Neffen, Nichten, Arbeitnehmer und nachkommender Generationen wirklich egal? Oder warum sonst setzten sie sich in Bruessel ein fuer Veraenderungen am REACH Vorschlag, die ihnen und uns allen nur Nachteile bringen werden, da sie keinerlei Beitrag zum Gesundheitsschutz leisten werden?

Warum zweifeln sie an der ehrlichen Absicht der Kommission, mit diesem Gesetz die Wettbewerbsfaehigkeit des Europaeischen Chemikaliensektors zu erhoehen?

Denken, sie dass es ihrem Umsatz und ihren Aktien zu Hoehenfluegen verhilft, wenn Konsumentinnen und Downstream Users verunsichert sind und zur Konkurrenz gehen oder keine ihrer Produkte mehr einkaufen?

Sind sie sich dessen bewusst, dass Frauen die groesste Konsumentenmacht in der Welt sind?

Warum sind grosse Firmen wie sie, die eigentlich so ein tolles Vorbild fuer Made in Germany und EU und fuer wirtschaftlichen Fortschritt stehen, so absolut unwillig und unfaehig sind, von den Fehlern der Vergangenheit im Umgang mit Chemikalien und deren Risiken zu lernen?

Sind sie stolz ein Unternehmen zu vertreten, von dem die meisten Menschen nur Schlechtes denken und das sie sowieso schon lange abgeschrieben haben, als ein weiteres Bespiel von Unternehmen die ihre gesellschaftlichen Verantwortung mit Fuessen treten?

Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass es oft sinnvoller und effizienter, die Hauptursachen von Umwelt- und Gesundheitsproblemen zu beseitigen. Dies spart vorallem Kosten- better safe than sorry- wie grosse Chemiekatastrophen gezeigt haben. Warum sträuben sie sich dann so vehement gegen fortschrittliche, eco effiziente, innovative Konzepte, wie die Substitution der gefaehrlichsten Chemikalien?

[HV Rede] Hauptversammlung 2005

CBG Redaktion

Sehr geehrte Damen und Herren, guten Tag,
mein Name ist Axel Köhler-Schnura. Ich spreche für das internationale Selbsthilfenetzwerk der Coordination gegen BAYER-Gefahren und den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Und ich möchte auch vorweg schicken, dass ich in einem Gegenantrag als Kandidat für den Aufsichtsrat vorgeschlagen wurde.

Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst zum wichtigsten Ereignis des letzten Geschäftsjahres, zur sogenannten „Ausgliederung“ von LanXess. Was wurde mit der Abspaltung nicht alles versprochen? Insbesondere - so Herr Wenning beispielsweise auch in seinem letztjährigen „Brief des Vorstandsvorsitzenden“ - wurden uns Verbesserungen für alle Beteiligten versprochen. Ich betone, für alle Beteiligten.

Nun, heute wissen wir: Alles glatt gelogen. Die Abspaltung brachte keinesweges Vorteile für alle Beteiligten, sondern nur für die Aktionärsseite. Diese steckten sich mehr als eine Milliarde Euro in die Taschen, für die Belegschaften gab es Massenentlassungen, Lohnabbau, gesteigerten Arbeitsdruck. In allen Zeitungen ist es mittlerweile nachzulesen: 2.400 Arbeitsplätze wurden bei BAYER vernichtet, und bereits jetzt sind bei LanXess weitere 1.000 Entlassungen angekündigt. LanXess möchte gar die übernommene Standortsicherungsvereinbarung zum Schutz der Arbeitsplätze aushebeln, um den Weg für weitere Arbeitslatzvernichtung freizumachen. Hierzu meine Frage: Herr Wenning, weshalb erfahren wir Aktionäre die Tatsachen immer erst nach der Hauptversammlung aus der Presse? Weshalb täuschen Sie auf den Hauptversammlungen die versammelte Aktionärsschaft, die Öffentlichkeit und vor allem auch die Belegschaften? Was zu der Frage führt: Wie sieht es in diesem Geschäftsjahr aus? Wieviele Arbeitsplätze werden bei BAYER in diesem Jahr vernichtet?

Meine Damen und Herren, erinnern Sie sich noch - anstatt auf meine Fragen zu antworten, verlas Herr Wenning im vergangenen Jahr minutenlang einen Bericht seiner Spitzel bei Werks- und Verfassungsschutz. Mit seinen diffamierenden Auslassungen zu meiner DKP-Mitgliedschaft meinte er, meine Argumente entkräften zu können. Ich kann dazu nur sagen, Herr Wenning, das langweilt. Seit 25 Jahren versuchen Sie und Ihre Vorgänger es immer wieder mit dem Schüren antikommunistischer Ressentiments. Aber – und das ist der relevante Fakt - es schafft keinen einzigen vernichteten Arbeitsplatz aus der Welt.

Und obendrein, meine Damen und Herren, Herr Wenning sprach es heute morgen bereits an. Wir haben inzwischen prominenten Beistand bei unseren Bewertungen der Geschäftspolitik des Konzerns und seines Managements bekommen. Und es ist auch nicht nur Herr Müntefering von der SPD, der kein Blatt mehr vor den Mund nimmt, sondern es sind auch führende Personen aus Unternehmerverbänden und CDU/CSU, die das Kind beim Namen nennen, nämlich „verantwortungs- und rücksichtslose raubtierkapitalistische Profitgier“.

Nun, Herr Wenning, im Intervie mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fühlten Sie sich von dieser Kritik nicht angesprochen. Wie der fragende Journalist aber bereits bemerkte, sollten das durchaus tun. Und Sie sollten nicht in billiger Rhetorik die Realitäten verdrehen: Herr Wenning, nicht Rotgrün ist Schuld an Profitgier und Massenentlassungen, sondern Sie und ihre anderen Konzernkollegen bekommen den Hals nicht voll und vernichten die Arbeitsplätze zu Hunderttausenden.

Herr Wenning, und so wird ein Schuh aus Ihrer Äußerung von heute morgen: Nicht Rotgrün betreibt Klassenkampf, sondern Sie im BAYER-Management sind es, die mit Rendite-Zielen von 19 Prozent Klassenkampf von oben betreiben. Längst erwirtschaften Sie Ihre Profite nicht mehr im Rahmen üblicher betriebswirtschaftlicher Prozesse, sondern auf Kosten der Belegschaften und zunehmend auch zum Schaden der gesamten Allgemeinheit unseres und anderer Länder! Ihr Verweis auf die Investoren entlastet da auch nicht, sondern ist wieder einer ihrer billigen Taschenspielertricks. Es ist doch genau so, dass BAYER für die gierige Unersättlichkeit einer kleinen Handvoll von Investoren das Wohl der Allgemeinheit ruiniert und menschliche Existenzen im großen Stil vernichtet.

Sehr geehrte Damen und Herren,
erlauben Sie mir noch einen zweiten Punkt anzusprechen. Direkt meine Frage dazu: Herr Wenning, haben Sie im vergangenen Jahr endlich die Denkmäler auf dem Gelände der verschiedenen ehemaligen Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager Ihres Konzerns errichtet? Und wenn Sie es nicht getan haben, weshalb nicht?
Selbst hier in Leverkusen wurde ein Lager mit ZwangsarbeiterInnen von BAYER betrieben, auf das jeder Hinweis fehlt. Ganz zu schweigen vom großen Vernichtungslager in Auschwitz-Monowitz, in dem Schergen von BAYER/IG FARBEN mehr als 40.000 Häftlinge zu Tode knechtete.

Im vergangenen Geschäftsjahr hat sich ganz Deutschland auf den 60. Jahrestag der Befreiung von Naziterror und Krieg vorbereitet. Meine Frage: Welche Vorbereitungen hat BAYER getroffen? Und nicht dass jemand meint, das ginge diese Hauptversammlung nichts an: Es ist historische Tatsache, dieser Konzern hat entscheidend mit der Gewaltherrschaft des Hitler-Faschismus zu tun. Angefangen von der Finanzierung des Aufstiegs von Hitler und der Organisation der „Machtergreifung“ durch Hitler, über die Verflechtung das Naziapparats mit den Konzernstrukturen bis hin zur profitablen Nutzung aller Nazistrukturen und des faschistischen Weltkrieges. Wir haben ja heute bereits den erschütternden Bericht eines Opfers der BAYER-Menschenversuche in den Nazi-Konzentrationslagern gehört. Es steht also gerade diesem Konzern an, sich zum 60. Jahrestag der Befreiung von Krieg und Naziherrschaft zu seiner historischen Schuld zu bekennen. Statt dies zu tun, verweigert der Konzern noch immer den Opfern die angemessene und gerechte Entschädigung. Wir wurden gerade erst Zeuge, wie Herr Wenning jede Entschädigung verweigerte. Empörend.

Sehr geehrte Damen und Herren,
zum Schluss noch eine Frage zur kriminellen Seite der Geschäftstätigkeit von BAYER. Herr Wenning, wieviele Strafen musste der Konzern im vergangenen Jahr bezahlen, weil er kriminell agiert hat? Wieviel Urteilen ist BAYER durch die Zahlung außergerichtlicher Summen entgangen? Durch die Medien gingen nicht nur die 100 Millionen für illegale Preisabsprachen und verbotene Kartellabsprachen. Auch ihre Umweltverbrechen in Kanada und USA machten Schlagzeilen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
jeder von Ihnen, der diese Hauptversammlungen schon längere Zeit besucht, weiß, dass auf die Fragen von Kritikern nur ausweichend, sinnentstellend, irreführend oder überhaupt nicht geantwortet wird. Unsere Gegenanträge werden verunglimpft, diffamiert oder – sowie heute schlichtweg - totgeschwiegen. Doch ebenso haben Sie alle im Saal es auch erlebt, die Fakten und Tatsachen holen den Konzerns immer wieder ein. Die Wahrheit bricht sich immer wieder Bahn.

Meine Damen und Herren Kleinaktionäre und Kleinaktionärinnen,
seit Jahren zeigen Sie den Großaktionären, Vorständen und Aufsichtsräten, was Sie von Ihnen halten. Längst stimmen viele Hunderttausend Aktien hier im Saal mit uns. An dieser Tatsache ändert sich auch nichts, wenn die Großaktionäre mit ihren Depots und Depotvertretungen dafür sorgen, dass klare Mehrheiten für das Management zustandekommen. Sie, meine Damen und Herren Kleinaktionäre, Sie haben nichts gemein mit den Profittreibern aus den Vorständen. Und auch nicht mit Herrn Wenning, der sich soeben eine 48-prozentige Gehaltserhöhung auf 2,5 Millionen Euro genehmigt hat. Dafür müssen die meisten hier im Saal zwei Leben lang arbeiten. Aber ich möchte das nicht vertiefen, darüber hat ja einer meiner Vorredner erschöpfend gesprochen. Ich möchte diesem Aktionärskollegen, dessen Namen ich leider nicht mitbekommen habe, ausdrücklich für seine offenen Worte danken.

Meine Damen und Herren,
ich komme jetzt zu unseren schriftlich eingereichten Gegenanträgen. Zunächst zum Gewinnantrag:
Wir beantragen die Kürzung der Dividende auf 0,10 Euro je Aktie. Die frei werdenden Gewinn-Milliarden sollen stattdessen verwendet werden
- für Erhalt und Schaffung sicherer Arbeitsplätze und für die Zahlung sozial gerechter Löhne;
- für einen Fonds zum angemessenen Ausgleich von Schäden, die infolge der Geschäftstätigkeit an Mensch und Umwelt eingetreten sind;
- für den umfassenden ökologischen und sozialen Umbau des Konzerns ohne doppelte Standards.
- und schließlich für die Zahlung von Wiedergutmachungen für die Verbrechen von BAYER und des von BAYER mitbetriebenen IG FARBEN-Zusammenschlusses bzw. deren Angehörigen.
Es sei wie stets angemerkt, daß wir durchaus auch den völligen Verzicht auf jede Dividendenausschüttung im Sinne der erläuterten Sozial-, Entschädigungs- und Ökologie-Leistungen beantragen würden, wäre dies für uns Aktionäre überhaupt möglich.
Weiterhin stellen wir den Antrag, den Vorstand nicht zu entlasten.
Ebenso stellen wir den Antrag, den Aufsichtsrat nicht zu entlasten.
Wir begründen diese Nicht-Entlastungen damit, dass beide Gremien ihrer Verantwortung im dargelegten Sinne in keinster Weise gerecht wurden. In verschiedenen Redebeiträgen wurde dies bereits und wird dies noch mit Beispielen belegt.
Natürlich lehnen wir auch die Erhöhung der Aufsichtsratsbezüge und auch die Personalvorschläge von Vorstand und Aufsichtsrat zu diesemn Gremium ab.

Meine Damen und Herren,
eine stetig wachsende Zahl von Kleinaktionären und Kleinaktionärinnen mit Gewissen übertragen Jahr für Jahr der Coordination gegen BAYER-Gefahren und dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre bereits im Vorfeld der Hauptversammlungen die Stimmrechte ihrer Aktien. Auch hier im Saal haben uns heute mehrere Aktionäre mit der Vertretung ihrer Aktienstimmrechte beauftragt. Tun Sie Ihre Aktien dazu, stärken Sie das wichtige Signal für Soziale Sicherung, Umweltschutz und Menschenrechte. Stimmen Sie bei allen Tagesordnungspunkten mit NEIN!
Sollten Sie die HV vorzeitig verlassen, aber dennoch mit uns stimmen wollen, so lassen Sie Ihre Aktien nicht von BAYER unten am Ausgang vertreten, sondern von uns. Sie finden uns hier vorne, von Ihnen aus gesehen links.
Vielen Dank.

Reaktion auf Zwischenrufe:

Wenn Sie meinen, Sie müßten hier etwas sagen, dann tragen Sie sich doch bitte in die Rednerliste ein, so wie ich es auch getan habe.

Ihre Reaktion auf meinen Vorschlag zur Dividenkürzung wundert mich überhaupt nicht, bringt er doch nur Ihr mangelndes Solidarverhalten zum Ausdruck.

Wenn Ihre Nerven meine Ausführungen nicht vertragen, so genehmigen Sie sich doch während meiner Rede einen Kamillentee in der Cafeteria.

Argument: Bleiben Sie doch weg, wenn Ihnen etwas nicht paßt
Das kennen wir aus der unseligen Vergangenheit: Andersdenkende sollen ausgegrenzt werden. Mit Demokratie und Meinungsstreit hat dies nichts zu tun.

oder wie es ein Aktionär auf der Hauptversammlung formulierte, „daß es sehr wohl viele Aktionärinnen und Aktionäre gibt, die sich für den Erhalt des Planeten für unsere Kinder verantwortlich fühlen“

[junge Welt] Hauptversammlung 2005

CBG Redaktion

29.04.2005, junge Welt

Mehr Profit, weniger Jobs

Bayer präsentiert glänzende Geschäftszahlen. »Sparprogramm« sorgte für höhere Dividenden, Manager- und Aufsichtsratsvergütungen. Tausende Arbeitsplätze vernichtet

Die Bayer-Aktionäre dürfen auf der heute stattfindenden Hauptversammlung zufrieden mit ihrem Unternehmen sein. Der Leverkusener Multi hob seinen Umsatz um mehr als eine Milliarde auf 29,76 Milliarden Euro und erhöhte seinen Shareholdern deshalb die Dividende auf 55 Cent je Aktie. Auch sich selbst genehmigte die Chefetage einen kleinen Bonus: Die vier Vorstandsmitglieder strichen gut zwei Millionen Euro mehr ein als im Geschäftsjahr 2003. Allein Bayer-Boß Werner Wenning kam bei einem Jahresgehalt von 2,36 Millionen Euro auf eine Lohnerhöhung von 48 Prozent. Da mag auch der Aufsichtsrat nicht länger zurückstehen. Er will sich von den Aktionären eine Aufstockung der Grundvergütung um 20000 auf 60000 Euro im Jahr genehmigen lassen. Hinzu kommen erfolgsabhängige Zahlungen von etwa 30000 Euro – lukrativer war Kopfnicken selten.Generiert wurde der Geldregen durch ein Kosteneinsparungsprogramm mit einem Volumen von einer Milliarde Euro und das Abstoßen von Betriebsteilen. Die Rationalisierungsoffensive vernichtete allein an den bundesdeutschen Standorten 2400 Arbeitsplätze, dieses Jahr trifft es weitere 750 Stellen. Zusätzliche Jobs kostet die Trennung von Teilen des Kunststoff- und Chemiegeschäfts. Plaste und Elaste erschwerten das Erreichen des Profitziels von 19 Prozent allzu sehr und firmieren nunmehr selbständig unter dem Namen »Lanxess«. Seit das neue Unternehmen im Januar an die Börse ging, setzten nicht etwa seine Aktien, sondern die von Bayer zum Höhenflug an. Lanxess hingegen wartet allmonatlich mit Hiobsbotschaften auf. Im April erst kündigte die neue Firma zwei Werksschließungen und die Beseitigung von über 1000 Arbeitsplätzen an.Trotzdem brachten nicht etwa die wachsenden Erträge den Konzern dazu, aus der Portokasse zur Abwechslung auch mal wieder Gewerbesteuer zu zahlen. Eine Betriebsprüfung durch das Finanzamt deckte vielmehr ein paar nicht ganz legale Steuertricks auf und zwang Bayer zu Nachzahlungen. Aber nicht nur auf Kosten von Jobs und Staatseinnahmen versucht der Pillenproduzent sein Kapital zu mehren, auch zu Lasten der Umwelt. Nicht zuletzt die starke Arbeitsverdichtung im Konzern führt zu einer Zunahme von Störfällen. Allein im US-amerikanischen Addyston kam es binnen acht Wochen zweimal zum Austritt von krebserregendem Acrylnitril-Gas. Der Global Player schreckt nicht einmal davor zurück, sich der Kinderarbeit zu bedienen: Bei den Zulieferfirmen seiner indischen Saatgut-Tochter ProAgro leisten bis zu 1650 Kinder Frondienste. Zudem erweist sich der rechtliche Rahmen oftmals als zu eng für ein vernünftiges Wirtschaften. Dreimal stand der weltgrößte Agrochemie-Produzent wegen illegaler Preisabsprachen bei Kunststoffen und einmal wegen Kartellbildungen bei Diabetesgeräten vor Gericht. Die gezahlten Strafen summierten sich dabei auf über 100 Millionen US-Dollar. Dennoch kann sich Bayer-Chef Wenning das neuerliche Aufkommen von Kapitalismuskritik nicht erklären. »Ich verstehe gar nicht: Wen meint Herr Müntefering eigentlich«, gestand er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wenig anzufangen wußte Wenning auch mit der Frage: »Ab welcher Höhe wird Profit unanständig. Wo beginnt der Exzeß, vor dem Müntefering warnt?« »Mit diesen Schlagworten kann ich nichts anfangen«, antwortete er. Da werden die Coordination gegen Bayer-Gefahren und die von ihr eingeladenen Initiativen dem Konzernchef in ihren Gegenreden zum Geschäftsbericht auf dem Aktionärstreff gehörig auf die Sprünge helfen müssen.
Udo Hörster

[Lev Anzeiger] Hauptversammlung 2005

CBG Redaktion

Leverkusener Anzeiger, THOMAS KÄDING, 30.04.05

Wennings blühende Landschaften

Elend und Glanz lagen diesmal nur drei Tage und ein wenige Meter Luftlinie auseinander: Am Dienstag hielt Axel Heitmann in einem Hotel am Kölner Messekreisel eine Blut-, Schweiß-, und Tränen-Rede. Der Lanxess-Lenker sprach von unerwartet massiven Herausforderungen, kündigte den Abbau von bis zu 1200 Jobs an und stellte 70 Prozent des Chemiegeschäfts als unbefriedigend dar. Am Freitag verkündete Heitmanns früherer Chef Werner Wenning in der Messe freudestrahlend, wie gut es Bayer nach der Abspaltung von Lanxess geht. Über 5000 Aktionäre nahmen auf der Hauptversammlung beifällig auf, dass die neue, chemielose Bayer AG im ersten Quartal 50 Prozent mehr Gewinn gemacht hat als in den ersten drei Monaten des Jahres 2004, nämlich über 1,1 Milliarden Euro. Der Umsatz stieg um 15,7 Prozent auf 6,7 Milliarden.
Besonders erfolgreich war das Kunststoff-Geschäft, das Bayer aufgrund der guten Perspektiven nicht Lanxess zugeordnet hat: Bayer Material Science (BMS) steigerte den Umsatz um ein Drittel und verdreifachte seinen Gewinn. Trotz des hohen Ölpreises, der nur zu rund zwei Dritteln an die Kunden weitergegeben werden konnte, wie Wenning auf Nachfrage berichtete. Die glanzvolle Zwischenbilanz von Material Science legte am Freitag den Schluss nahe, dass der Bayer-Vorstand bei der Abspaltung alles richtig gemacht hat: Die Lanxess-Führung muss sich mit ihren Produkten auf Märkten schlagen, die nur noch wenig Entwicklungschancen bieten und teils von Überkapazitäten bestimmt sind. BMS-Chef Hagen Noerenberg hingegen hat zum Beispiel die ganze weite Welt der DVD vor sich, deren Entwicklung noch lange nicht zu Ende ist.
Nicht zu Ende ist aber auch das Hin und Her bei den Bezügen der Aufsichtsräte. Die dritte Systemumstellung binnen drei Jahren erzürnte einige Aktionäre - unter anderem, weil die vom Unternehmen vorgeschlagene Neuregelung wiederum eine deutliche Erhöhung der Vergütung nach sich ziehen wird. Auch die Tatsache, dass mit Thyssen-Krupp-Vorstandschef Ekkehard Schulz ein außerordentlich vielbeschäftigter Manager in Bayers Kontrollgremium gewählt werden sollte, stieß nicht überall auf Gegenliebe.
Mehrfach gefragt wurde auch nach Mandatsträgern, die auf Bayers Gehaltsliste stehen. Werner Wenning nannte nur eine Landtagsabgeordnete - es handelt sich um die Betriebsrätin Marianne Hürten - und ein Mitglied des Bundestags. Philipp Mimkes, Sprecher der „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ wollte es aber genauer wissen, zumal Bayer zu den großzügigen Arbeitgebern gehört, die ihren Angestellten den Besuch von Ausschüssen auch während der Arbeitszeit ermöglicht. Die Antwort auf seine schriftliche Anfrage war Bayer schuldig geblieben.

[epd] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

epd Entwicklungspolitik, Carolin Callenius

Multis tolerieren Kinderarbeit im Saatgutanbau

Internationale Konzerne wie Bayer, Unilever, Syngenta und Monsanto profitieren von ausbeuterischer Kinderarbeit auf den Felder ihrer Saatgut- Zulieferbetriebe, behauptet am Beispiel des indischen Baumwollanbau die jüngst veröffentlichte Studie des indischen Instituts Global Research and Consultancy Services. Hochgerechnet seien 450.000 Kinder in der Herstellung des Hybrid-Saatguts beschäftigt. Wenn sich auch die genaue Zahl streiten lässt, so nicht über die Tatsache, dass das Ausmaß die bereits international bekannten Sektoren mit Kinderarbeit in Indien, wie Teppichherstellung und Diamanten-Verarbeitung bei weitem übersteigt.

Die kritisierten Unternehmen beschäftigen nicht selbst unmittelbar Kinder. Die Produktion erfolgt in Tausenden lokaler Baumwoll-Farmen, die nominell unabhängig sind. Jedoch kontrollieren sie indirekt durch Qualitätsvorgaben, die Lieferung von Saatgut, die Bereitstellung von Kapital, langfristige Lieferverträge und die Festlegung der Abnahme-
preise den gesamten Saatgut-Herstellungsprozess. Insbesondere der Abnahmepreis ist für die Anstellung von Kindern verantwortlich. Würden die Farmer statt Kinder für 18 Rupien am Tag, erwachsene Arbeiter (26 Rupien für Frauen, 40 Rupien für Männer am Tag) anstellen, schmölze ihr Gewinn restlos dahin. Deshalb sei ihre Handlungsmöglichkeit gering, resümiert der Autor der Studie Davuluri Venkateswarlu.

Erst durch die flächendeckende Einführung von Hybrid-Saatgut in den 70er Jahren entstanden die spezialisierten Saatgutbetriebe. Die selbst nichtfortpflanzungsfähigen Baumwollsamen werden aus einer Kreuzung zweier Sorten gewonnen. In einem extrem arbeitsintensiven Vorgang müssen zunächst das Deck- und Blumenblatt und der Staubbeutel jeder einzelnen Pflanze entfernt werden. Für die Bewirtschaftung eines Hektar Baumwollpflanzen zur Saatgutherstellung werden 5.500 Arbeitstage im Jahr benötigt. 90 Prozent des Arbeitsaufwands allein erfordert die komplizierte Bestäubung, für vor allem von Mädchen im Alter zwischen 6 und 14 Jahren erledigt wird. Gerechtfertigt wird die Kinderarbeit vor allem damit, dass die Pflanzen selbst sehr niedrig seien und Kinder aufgrund ihrer Fingerfertigkeit gut für die Arbeit geeignet seien. Vielfach wird vorgegeben, dass nur Kinder aus Bauernfamilien an der Produktion beteiligt werden.

Die Situation stellt sich in der Studie anders dar. Ein Teil der Kinder müsse in „Schuldknechtschaft“ leben, so Rainer Kruse von der deutschen Sektion des Global March Against Child Labour. Sie werden von Werbern angeworben, die den überwiegend sehr armen Eltern in Zeiten geringer Einkünfte ein Darlehen anbieten. Daraufhin müssen die Kinder die ganze Saison (7 - 8 Monate) für die Arbeitgeber schuften. Die Arbeitszeiten sind nicht festgelegt – und für Kinder, deren Familien nicht ortsansässig betragen bis 12 -13 Stunden täglich. Die Arbeit auf den Feldern birgt große Gefahr für die Gesundheit der Kinder. Bis zu den Schultern stehen sie zwischen den Pflanzen, die zuvor mit Agro- Chemikalien behandelt wurden. Langfristige Folgen sind noch nicht bekannt, aber schon jetzt klagen viele über Kopfschmerzen, Atemprobleme oder Orientierungslosigkeit.

Die wenigsten der Kinderarbeiter haben eine Schule besucht. Das wichtigste Ziel für das Aktionsnetzwerks Global March sei daher, so Kruse, „dass die Kinder wieder in die Schule zu bekommen und ihnen damit langfristig einen Weg aus der Armut zu ermöglichen“. Zu diesem Zweck würde konkret, vor Ort mit den Firmen und Behörden zusammengearbeitet.

Als erste Landesregierung hat Andra Pradesh den Beschluss gefasst, die Kinderarbeit abzuschaffen. In gemeinsamer Anstrengung mit NROs (vor allem der MV-Foundation), der Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) und Unicef konnte hier die Gesamtzahl der arbeitenden Kinder in der zurückliegenden Saison gesenkt werden.

Die fünf kritisierten Konzerne haben alle Absichtserklärungen abgegeben bezüglich ihrer sozialen Verantwortung. Drei Unternehmen sind Mitglied des „Global Compact“, einer Initiative der Vereinten Nationen und der multinationalen Konferenzen, um Menschenrechte, Sozialstandards und Umweltschutz zu befördern. Fast alle Konzerne lehnen programmatisch Kinderarbeit ab. Auf Rückfrage erklärt Bayer, dass weder bei ihnen noch bei ihrem indischen Tochterunternehmen Kinder in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, lässt Norbert Lemken Sprecher des Konzern wissen.

Schon seit ein bis zwei Jahren gebe es in den Verträgen mit Bauern die klare Bedingungen, dass ohne Kinderarbeit produziert werden müsse, so Michael Stopford zuständig bei Syngenta für die Öffentlichkeitsarbeit globaler Themen im Gespräch mit epd-Entwicklungspolitik. Zur Einhaltung dieser Klausel sei zunächst das interne Management-System verantwortlich. In diesem Jahr hat Syngenta alle sieben Stufen der Produktion und Vermarktung geschult und das interne Management verbessert. Syngenta ist sicher, dass sie schon im kommenden Jahr Kinderarbeit auf ihren Feldern der Vergangenheit angehören wird, verkündet Stapford.

Syngeta beansprucht eine „moralische Führungsrolle“ und hat im Kreise der Konzerne eine koordinierende Funktion übernommen. Gemeinsam mit den anderen Unternehmen will es vor Ort in einer Task-Force mit Behörden und Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten. Von Seiten der Nichtregierungsorganisationen wächst die Ungeduld, nicht Absichtserklärungen sondern konkrete Kontroll-Schritte werden erwartet. Die Aussage von Bayer lässt hoffen: „Für den Bereich der Kindarbeit sind wir derzeit dabei, weitere Änderungen in den Verträgen mit den Zulieferfirmen aufzunehmen“, als Kontrollmechanismen stellen sie sich „zusätzliche Audits der Vertragspartner sowie klare Hinweise auf ein Verbot der Kinderarbeit in der Saatgutproduktion“ vor. Inwiefern alle Konzerne einem externen Monitoring zu Sicherstellung der Umsetzung zustimmen werden, bleibt zunächst offen. Auch Syngenta wollte gegenüber epd-Entwicklungspolitik noch keine Details dazu nennen.

Global March Against Child Labour fordert die Konzerne auf, die Abnahmepreise zu erhöhen. Der Bayer-Konzern, so ihre Pressemittei-
lung, könnte eine Vorreiterrolle bei der Befreiung der Kinder aus der Fron übernehmen, indem er Farmern angemessene Abnahmepreise zahlt, geknüpft an die Bedingung unverzüglich Erwachsene auf Mindestlohn-
basis einzustellen. Syngenta-Sprecher Stopford sieht in den Preisen nicht das Problem. Die Preise für Hybridsaatgut seien gut. Keiner der Produzenten habe gesagt, sie würden nicht mehr für Syngenta produzieren, wenn sie auf Kinderarbeit verzichten müssen – „wenn aber die Analyse stimmt, würden wir natürlich mehr bezahlen“.

Davuluri Venkateswarlu, Autor der Studie wird im Herbst diesen Jahres erneut die Situation auf den Produktionsbetrieben des Hybrid-Saatguts untersuchen. Dieses wird die dritte unabhängige Untersuchung in Reihe sein, an der auch Veränderungen ablesbar sein werden.

[Studie] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

Kinderarbeit im indischen Baumwoll-Anbau

Die Rolle multinationaler Saatgut-Produzenten

Recherche: Dr. Davuluri Venkateswarlu
Glocal Research and Consultancy Services, Hyderabad/Indien

Herausgeber in Deutschland:
Coordination gegen BAYER-Gefahren ( www.CBGnetwork.org , info@cbgnetwork.org )
India Committee of the Netherlands ( www.indianet.nl )
Global March Against Child Labour, deutsche Sektion
( www.globalmarch.org )

Juli 2003

Einführung
Das Institut Glocal Research and Consultancy Services (GRCS) aus Hyderabad erforscht die Arbeitsbedingungen in der indischen Landwirtschaft. In der Studie Child Labour and Transnational Seed Companies in Hybrid Cottonseed Production untersucht Dr. Davuluri Venkateswarlu, Direktor des GRCS, die Produktionsbedingungen im indischen Baumwollanbau, den Rückgriff auf Kinderarbeit sowie die Verbindungen zwischen transnationalen Saatgut-Konzernen und lokalen Produzenten.

Die Einführung von hybridem Saatgut in den 70er Jahren veränderte die indische Baumwollproduktion grundlegend: Qualität, Anbaufläche und geerntete Menge erhöhten sich, und es entstand eine hohe Zahl neuer Arbeitsplätze. Hunderte kleiner und mittlerer Firmen übernahmen den Vertrieb des Saatguts. In den 90er Jahren stiegen große Agrokonzerne in das Geschäft ein, so dass der indische Markt für hybride Baumwoll- Saaten heute von sechs multinationalen Unternehmen dominiert wird: Unilever, Bayer, Monsanto, Syngenta, Advanta und Emergent Genetics. Der sehr arbeitsintensive Anbau des Hybrid-Saatguts erfolgt in Tausenden lokaler Baumwoll-Farmen, die zwar nominell unabhängig sind, jedoch durch Qualitäts- und Preisvorgaben sowie langfristige Lieferverträge an die großen Firmen gebunden sind.

Neben positiven Effekten durch die Einführung neuartiger Anbaumethoden gibt es auch beunruhigende Entwicklungen: die hauptsächlich in Süd-Indien gelegenen Zulieferbetriebe beschäftigen in großer Zahl Kinder, überwiegend Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren. Viele Kinder befinden sich in Schuldknechtschaft und sind über Jahre auf den selben Farmen tätig, um Vorschüsse abzuarbeiten. Wegen des hohen Einsatzes von Pestiziden ist ihre Gesundheit häufig beeinträchtigt. Die Saatgut-Multis nehmen auf den Farmen mehrmals pro Jahr Kontrollen vor und sind daher mit den Produktionsbedingungen und dem massenhaften Einsatz von Kindern vertraut.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in Indien insgesamt rund 450.000 Kinder in der Baumwollsaat- Herstellung beschäftigt sind - allein im Bundesstaat Andhra Pradesh rund 250.000. Diese Zahlen übertreffen alle anderen Bereiche, in denen Kinderarbeit vorkommt (u.a. Teppichherstellung, Diamanten schleifen, Verarbeitung von Kalkstein), bei weitem. Die Autoren der Untersuchung werfen den Saatgut-Multis vor, dass sie den Einsatz von Kinderarbeit nicht nur dulden, sondern für diesen aufgrund der niedrigen Rohstoffpreise ursächlich verantwortlich sind.

Die Abbildungen in der vorliegenden Studie zeigen Kinder bei der Herstellung von hybridem Baumwoll-Saatgut.

Arbeitsbedingungen und rechtlicher Status
Zunächst werden die Arbeitsbedingungen in den Baumwoll-Farmen, die rechtliche Situation der ArbeiterInnen sowie Schulausbildung und Gesundheit der angestellten Kinder beschrieben. Hierfür wurden von den Wissenschaftlern des GRCS 22 Saatgut- Betriebe ausgewählt und begutachtet. Für die anschließende Abschätzung der gesamten Zahl arbeitender Kinder wurden die Ergebnisse aus über 100 Farmen berücksichtigt.

Art der Arbeit im Baumwoll-Anbau
Hybrides Saatgut entsteht aus der Kreuzung zweier Pflanzen mit unterschiedlichem Erbgut. Die neu entstandenen Pflanzen sind nicht fortpflanzungsfähig, daher wird jedes Jahr neues Saatgut benötigt. Für die Kreuzung ist ein extrem hoher manueller Aufwand erforderlich, da bei jedem Keim der eigene Samen entfernt und der fremde Samen aufgetragen werden muss. Hierfür müssen zunächst das Deck- und Blumenblatt und der Staubbeutel jeder einzelnen Pflanze entfernt werden. Die Produktion von hybridem Saatgut ist daher sehr arbeits- und kostenintensiv - der Arbeitsaufwand ist rund 10 mal höher als bei konventioneller Baumwolle, die Kosten liegen fast 5 mal höher. Trotz der niedrigen indischen Löhne kostet der Anbau eines Hektars hochwertiger Baumwolle daher rund 150.000 indische Rupien (ca. 3.600 Euro; 1 Euro entspricht 42 Rs).

90% des Arbeitsaufwands erfordert dabei die komplizierte Bestäubung: die Pflanzung eines Hektars mit Hybrid-Baumwollsaatgut erfordert rund 5.500 Arbeitstage pro Jahr, 5.000 Arbeitstage werden allein für die Kreuzung der Pflanzen benötigt. Die Ernte eines Hektars hingegen dauert nur 250 Arbeitstage. Neben dem teuren Saatgut benötigt Hybrid- Baumwolle auch größere Mengen Düngemittel und Pestizide.

Die arbeitsaufwendige Kreuzung der Pflanzen wird hauptsächlich von Kindern, meist Mädchen, durchgeführt. Auch für die Ernte und die Aussaat werden Kinder eingesetzt. Die Arbeit Erwachsener beschränkt sich auf Pflügen, Aussähen und die Ausbringung von Düngemitteln und Pestiziden.

Rechtlicher Status der Kinder
Wegen des hohen Arbeitsaufwands bevorzugen die Produzenten von hybridem Saatgut langfristige Arbeitsverträge. Diese werden meist vor der jeweiligen Aussaat geschlossen. Typischerweise erhalten die Eltern Vorschüsse oder Darlehen, zu deren Abtragung langfristige, oft mehrjährige Verträge geschlossen werden. Von 320 im Rahmen der Studie befragten und in Baumwollfarmen beschäftigten Kindern leben 95 % in solcher Schuldknechtschaft. 70 % waren länger als ein Jahr an den selben Arbeitgeber gebunden.

Die Praxis der Schuldknechtschaft wird von den Saatgut-Herstellern bereitwillig bestätigt: „Wir benötigen die Mädchen die ganze Saison lang. Falls die Kinder nach einigen Monaten nicht mehr kommen, erleiden wir Einbußen. Daher schließen wir im Vorhinein Verträge mit den Eltern ab und zahlen ihnen einen Vorschuss. Wenn wir dies nicht tun würden, bestünde die Gefahr, dass die Kinder nach der Hälfte der Saison bei einem anderen Betrieb anheuern“, so ein Farm-Verwalter.

Die Löhne werden für die ganze Saison (von Mai oder Juni bis Januar oder Februar des folgenden Jahres) festgelegt. Sie hängen vom Bedarf nach Arbeitskräften ab und sind regional verschieden. Generell liegen die Löhne von Kindern sehr viel niedriger als die erwachsener Arbeiter - im Schnitt 18 Rupien (Rs) pro Tag (0,42 Euro), gegenüber 26 Rs (0,62 Euro) für Frauen und 40 Rs (0,95 Euro) für Männer.

Auf den Baumwollfarmen werden sowohl Kinder, die bei ihren Familien leben, als auch Kinder, die ohne Familienangehörige direkt auf der Farm wohnen, eingesetzt. In den meisten Betrieben überwiegen Kinder aus umliegenden Dörfern; in diesem Fall wird der Arbeitsvertrag direkt zwischen der Farm und den Eltern geschlossen. In einigen Regionen, in denen die Saatgutproduktion konzentriert ist und in denen Arbeitskräftemangel herrscht, machen „Migranten-Kinder“ aus anderen Distrikten bis zu 50 % der Angestellten aus. Sie werden von Mittelsleuten, die auf die Anwerbung von Kindern spezialisiert sind, angeheuert und in die Betriebe vermittelt. Der Farm-Besitzer ist für Unterkunft und Verpflegung verantwortlich.

Die Arbeitszeiten werden vertraglich nicht festgelegt und variieren stark. Ortsansässige Kinder arbeiten im Sommer rund 9 Stunden täglich, im Winter zwischen 11 und 12 Stunden. „Migranten-Kinder“ unterstehen einer totalen Kontrolle und arbeiten zwischen 12 und 13 Stunden täglich.

Schulbesuch und Gesundheitsrisiken
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Einsatz in Baumwoll-Farmen stark nachteilig auf die schulische Ausbildung und die Gesundheit auswirkt: rund 60% der eingesetzten Kinder haben nur wenige Jahre eine Schule besucht und diese für die Arbeit in den Feldern verlassen, knapp 30% haben nie eine Schule besucht. Die Darlehen der Saatgut-Produzenten werden meist im Sommer angeboten, wenn auf dem Land kaum Arbeit verfügbar ist und viele Familien finanzielle Probleme erleiden.

Die Arbeit in den Feldern birgt zudem große Gefahren für die Gesundheit der Kinder, denn in keinem anderen Bereich werden so viele Pestizide eingesetzt wie im Baumwoll-Anbau (in Indien rund 55% aller Pestizide). Die Kinder sind hochgefährlichen Wirkstoffen wie Endosulphan, Monocrotophos, Cypermethrin und Mythomyl direkt ausgesetzt.

In herkömmlichen Baumwoll-Farmen wird an Tagen, an denen Pestizide ausgebracht werden, nicht gearbeitet. Saatgut-Betriebe hingegen machen keine solchen Pausen. Die eingesetzten Kinder stehen bei der Arbeit bis zu den Schultern zwischen den Pflanzen und beugen sich über diese, um die Blüten für die Kreuzung auszuwählen. Wegen der Nähe zu den behandelten Pflanzen nehmen sie über die Haut und die Atemwege große Mengen Agrogifte auf. Hierdurch erleiden sie Schäden des Nervensystems, die beobachteten Symptome sind Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit, Schwächeanfälle, Krämpfe und Atemprobleme. Zu den langfristigen Schäden liegen keine Untersuchungen vor.

Untersuchungsergebnisse in 22 Betrieben
Die Autoren der Studie besuchten im vergangenen Frühjahr 22 kleine Zuliefer-Betriebe in den Distrikten Mahaboobnagar und Kurnool. Diese produzieren Saatgut für fünf transnationale Konzerne bzw. deren Tochterfirmen: Hindustan Lever (Unilever), Mahyco (Monsanto), Proagro (Bayer), Syngenta und Advanta. Von den 22 Farmen produzieren 12 für Unilever, je drei für Syngenta und Monsanto und je zwei für Bayer und Advanta.

Die durchschnittliche Fläche der Farmen beträgt knapp ein Hektar (9.700 qm). Insgesamt arbeiteten 486 Kinder in den untersuchten Betrieben - etwa 23 pro Hektar. Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren machten 78 % der Arbeitskräfte aus, Jungen 10 % und Erwachsene 12 %.

Der Großteil der Kinder, rund 90 %, befindet sich in Schuldknechtschaft. Das durchschnittliche Darlehen, das die Eltern bei den Farmbetreibern aufgenommen hatten, beträgt dabei 1.500 Rs (35 Euro). Der Vertrag zwischen Eltern und Betrieb läuft in der Regel zwar nur eine Saison (7-8 Monate), aber meist wird die Anstellung durch die Gewährung weiterer Vorschüsse verlängert. So hatten 68% der zum Zeitpunkt der Untersuchung angestellten Kinder bereits im Vorjahr auf den selben Feldern gearbeitet.

Der Großteil der angestellten Kinder stammt aus niedrig-kastigen oder kastenlosen Familien („Unberührbare“). Die Eltern sind größtenteils selbst arme Landarbeiter oder Bauern mit minimalem Landbesitz. Die Saatgut-Farmer hingegen gehören hohen Kasten an; zum Teil stammen sie aus anderen Regionen und haben ihre Betriebe wegen der billigen Arbeitskräfte in den untersuchten Distrikten angesiedelt. Ihre eigenen Kinder gehen überwiegend (74%) zur Schule und arbeiten nicht in den Familienbetrieben.

In den Gebieten, in denen der Arbeitskräfte-Bedarf nicht gedeckt werden kann, werden Kinder aus weiter entfernten Orten (30 - 100 km) angestellt. Sie werden vom Saatgut-Betrieb in eigenen Unterkünften untergebracht, meist in Gruppen von 10 - 30 Kindern. Ihre Arbeitsbedingungen sind schlechter als die der lokalen Arbeitskräfte, meist gehen sie bereits um fünf Uhr morgens auf die Felder und bleiben bis 18 oder 19 Uhr. Zusätzlich müssen einige von ihnen Hausarbeit verrichten. Von den 486 befragten Kindern waren 135 „Migranten“.

Abschätzung der Gesamtzahl arbeitender Kinder
Die Autoren der Studie berechneten die absolute Zahl der in der Baumwoll-Saatgutproduktion arbeitenden Kinder nach der Größe der bestellten Gesamtfläche, der durchschnittlichen Zahl von ArbeiterInnen pro Hektar sowie dem durchschnittlichen Verhältnis von Kindern zu erwachsenen Arbeitern. Dabei beschränkten sie sich auf den Bundesstaat Andhra Pradesh, in dem sie die Entwicklung seit Jahren dokumentieren. Für die vorliegende Studie wurden 22 Betriebe besucht. Mehr als 100 Betriebe wurden in vorhergehenden Untersuchungen begutachtet, die dort gewonnenen Daten fließen in die Abschätzung mit ein.

Im Schnitt werden in der Baumwoll-Saatgutproduktion 25 Kinder pro Hektar eingesetzt. Da die Hauptarbeit wie oben beschrieben in der Kreuzung der Pflanzen besteht und diese fast ausnahmslos von Kindern verrichtet wird, dürfte der Wert in nicht untersuchten Regionen ähnlich hoch liegen. Demnach stieg die Zahl der arbeitenden Kinder allein in Andhra Pradesh von rund 60.000 in der Saison 1990/91 auf 300.000 im Jahr 1999/2000. In der darauffolgenden Saison lag sie bei etwa 250.000.
Aufgrund von Initiativen der Landesregierung von Andhra Pradesh, NGOs wie der M.V. Foundation sowie internationalen Organisationen wie der ILO und Unicef ist die Gesamtzahl der arbeitenden Kinder in der Saison 2002/2003 gesunken. Aktuelle Zahlen liegen noch nicht vor.

Fall-Studie einer 12jährigen
Die 12jährige Narsamma arbeitet seit drei Jahren in den Baumwollsaat- Feldern eines Farmers im Distrikt Kurnool. Ihr Arbeitgeber produziert auf einem knappen Hektar die Baumwoll-Sorte „Brahma“ für den Saatgut- Multi Unilever.

Narsamma stammt aus einem Dorf, das in etwa 100 km Entfernung liegt. Dort besuchte sie drei Jahre lang die Schule. Obwohl ihre Eltern rund einen Hektar Land besitzen, reicht der Ertrag des Landes wegen der Trockenheit nicht aus. Von einem Arbeitsvermittler hatten sie 1998 ein Darlehen von 2000 Rs (knapp 50 Euro) erhalten, seitdem arbeitet Narsamma jeweils von Juli bis Dezember im Betrieb ihres Arbeitgebers. Zu Beginn erhielt sie 450 Rs pro Monat, heute sind es 800 Rs (19 Euro).
Zusammen mit anderen Kindern ist sie im Viehstall des Familienbetriebs untergebracht. Dieser besteht aus einem einzelnen kleinen Raum, in dem gleichzeitig Viehfutter aufbewahrt wird. Die Tiere werden während der Saison ins Freie ausquartiert.

Jeweils um sechs Uhr morgens macht sie sich auf den Weg in die Felder, wo sie bis 19 Uhr verschiedene Tätigkeiten ausübt (Kreuzung der Pflanzen, Unkraut jäten, Wasser holen, etc.). Im Tagesverlauf hat sie zwei Pausen von 20 min und 60 min. Um 20.30 Uhr erhält sie Abendessen und schaut mit den anderen Kindern im Haus des Verwalters eine Stunde TV, z.T. sortiert sie hierbei Baumwollsamen.

Mehrmals ist sie bei der Arbeit erkrankt, z.T. nach dem Einsatz von Pestiziden und nach längerer Arbeit im Regen. Ein Arzt wurde nicht hinzu gezogen, sie erhielt jedoch für die Zeit hohen Fiebers arbeitsfrei.

Saatgut-Produktion in Indien
Indien war 1970 das erste Land, in dem hybrides Baumwoll-Saatgut großflächig zum Einsatz kam. Die indische Regierung unterstützte den Wandel, indem sie in staatlichen Forschungsinstituten neue Sorten entwickelte und lizenzfrei anbot. Heute wird auf rund 9 Mio. Hektar Land Baumwolle angebaut, auf rund 40 % mit Hybrid-Saatgut. In Indien befinden sich 21 % der weltweit mit Baumwolle bepflanzten Fläche, rund 12% der Weltproduktion stammen aus dem südasiatischen Land. Die Produktion von Saatgut (nicht nur für Baumwolle, sondern auch für Mais, Sonnenblumen und Reis) ist in dem südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh konzentriert.

Neben den patentfreien Sorten sind zahlreiche Weiterentwicklungen privater Unternehmen auf dem Markt. Größtenteils basieren diese zwar auf den von staatlichen Instituten entwickelten Sorten - trotz der staatlich finanzierten Vorarbeit fließen die Lizenzgebühren jedoch ausschließlich an die Unternehmen. Heute machen lizenzfreie Sorten nur noch 20% des weiter wachsenden Marktes aus.

Die Rolle multinationaler Saatgut-Firmen
Allein in Andhra Pradesh vertreiben rund 100 Unternehmen hybrides Saatgut. Die größten Firmen gehören dabei zu multinationalen Saatgut-Konzernen, die auch Lizenzen eigener, patentgeschützter Sorten besitzen: Hindustan Lever (Unilever), Mahyco (Monsanto), Syngenta, Proagro (Bayer) und Advanta. Knapp ein Viertel der in Andhra Pradesh ansässigen Baumwoll-Farmen beliefert diese fünf Konzerne.
Die Zahl der in diesen Betrieben arbeitenden Kinder liegt bei über 50.000. Die Zulieferbetriebe von Unilever beschäftigen rund 25.500 Kinder, Syngenta: 6.500, Monsanto: 17.000, Bayer: 2.000 und Advanta 3.000.

Die indische Regierung hat im vergangenen Jahr die Zulassung für genetisch verändertes Hybrid-Saatgut erteilt. Als erstes wurde die Aussaat sogenannter Bt-Baumwolle von Monsanto erlaubt. Es wird erwartet, dass ursprüngliche Sorten weiter verdrängt werden und der Anteil multinationaler Unternehmen am indischen Saatgut-Markt weiter wächst.

Es folgen Kurzprofile der wichtigsten „Global Player“:

Syngenta India
Tochterfirma der Schweizer Syngenta AG; eines der führenden Saatgut-Unternehmen in Indien und drittgrößter Anbieter weltweit. Der Umsatz von Syngenta India beträgt 4,2 Milliarden Rs (rund 100 Mio Euro). Das Unternehmen entwickelt und vertreibt Hybrid-Saatgut für Mais, Gemüse, Jowar und Baumwolle, der Marktanteil für Baumwolle beträgt 5%. Wie die meisten Unternehmen vertreibt Syngenta auch lizenzfreie Sorten.

Hindustan Lever Limited (HLL)
Tochterfirma des englisch-niederländischen Konzerns Unilever (Knorr, Omo, Langnese, Lipton tea, etc.). HLL wurde bereits 1956 gegründet; die Firma bietet u.a. Reinigungsmittel, Getränke, Tierfutter und Getränke an und ist mit Haushaltswaren in jedem indischen Dorf präsent; gesamter Umsatz: 114 Milliarden Rs (2,7 Mrd Euro); Unilever hält 51,6% von HLL.
Das Saatgut-Geschäft macht einen Umsatz von 950 Millionen Rs jährlich aus, HLL gehört damit zu den fünf größten Anbietern in Indien; neben Baumwoll-Saat wird Saatgut für Mais, Gemüse und Jowar vertrieben. Besonders erfolgreich ist die hybride Baumwoll-Sorte „Brahma“, die ihre Anbaufläche in den vergangenen Jahren vervierfacht hat. HLL vertreibt auch lizenzfreies Saatgut.

Da sich das Mutterunternehmen aus dem Saatgut-Markt zurückgezogen hat, wurde im Jahr 2002 das Saatgutgeschäft von HLL in das Joint-Venture „Paras Extra Growth Seed Ltd“ ausgegliedert. Hieran hält HLL 26%, 74% liegen beim US-Unternehmen Emergent Genetic.

Monsanto/Mahyco
Der US-Konzern Monsanto ist weltweit der zweitgrößte Saatgut-Hersteller (Umsatz 2000: 1,6 Milliarden US $). Das Unternehmen hält Patente auf Bt-Gensequenzen (Bacillus Thuringiensis) und sogenannte Terminatorgene.
1997 hat Monsanto 26% der Firma Mahyco erworben, eines in ganz Indien präsenten Saatgut-Erzeugers. Ausserdem wurde mit Mahyco das 50:50 Joint-Venture Mahyco Monsanto Biotech (MMB) gegründet. MMB ist die erste Firma in Indien, die die Zulassung für gentechnisch veränderte, hybride Baumwollsaaten (Bt-Baumwolle) erhielt. MMB steht zudem mit Proagro (Bayer) in Verhandlungen über einen gemeinsamen Vertrieb von Bt-Baumwolle.

Proagro Seeds (Bayer)
Die Proagro Gruppe mit Sitz in Neu Delhi umfasst die Firmen Proagro Seed Company, Proagro-PGS India, Hybrid Rice International und MISR Hytech; sie gehört zu den fünf größten Anbietern von Saatgut in Indien. Die Proagro Seed Company ist bei Mais und Sorghum die Nummer eins, bei Sonnenblumen Nummer zwei; die Firma vertreibt auch Viehfutter und hybrides Baumwoll-Saatgut. Proagro-PGS ist auf Gemüse-Saatgut spezialisiert. Hybrid Rice International ist größter indischer Produzent von hybridem Reis, das Unternehmen ist präsent auf allen großen Märkten in Südost-Asien. MISR Hytech produziert hybride Gemüsesaaten und Getreide, vor allem in Nordafrika.

Die Proagro Gruppe gehört seit der Übernahme der Aventis CropScience AG für 7,2 Milliarden Euro zum Bayer-Konzern. Bayer ist weltweit zweitgrößter Anbieter für genetisch veränderte Pflanzen. Auf dem indischen Markt ist das Unternehmen mit Pharmazeutika und Pestiziden seit mehr als 100 Jahren präsent. Stammsitz von Bayer India ist Thale bei Bombay (weitere Infos: www.CBGnetwork.de).

Wie die meisten Konkurrenten vertreibt Proagro auch lizenzfreies Saatgut. Die Produktion von Baumwoll-Saatgut ist auf den Bundesstaat Andhra Pradesh konzentriert.

Advanta India Limited
Advanta India Ltd (früher: ITC Zeneca Ltd) ist die indische Tochter von Advanta B.V., die aus einem Zusammenschluss von Astra Zeneca Seeds (England) und Vanderhave Seeds (Holland) entstandt. Die Firma gehört weltweit zu den zehn größten Saatgut-Herstellern. Advanta India produziert hauptsächlich hybrides Saatgut, der Konzern ist Marktführer bei Sonnenblumen. Das Unternehmen produziert Baumwoll-Saatgut zum größten Teil in Andhra Pradesh.

Selbstverpflichtungserklärungen und Verbindungen zu Zulieferern
Die im vorstehenden Kapitel genannten Firmen nennen sich ausnahmslos „sozial verantwortungsbewusste Unternehmen“. So heißt es in einer Selbstverpflichtungserklärung von Unilever: „Um Erfolg haben zu können, müssen wir uns gegenüber unseren Angestellten, Kunden und der ganzen Gesellschaft zu den höchsten Standards unternehmerischen Verhaltens bekennen. Dies ist unser Weg zu einem nachhaltigen und profitablen Wachstum unserer Geschäfte und der Schaffung langfristiger Werte für unsere Aktionäre und Mitarbeiter“.

Bezüglich des Mindestalters seiner Angestellten und des Problems der Kinderarbeit heißt es im Report „Sozialbericht - Unilevers Ansatz für sozial verantwortungsbewusstes Handeln“: „Unilevers Richtlinien befolgen die “International Labour Organisation Convention on Minimum age„ und die neue “Konvention 182„, die die schlimmsten Formen von Kinderarbeit verbieten. Alle Tochterfirmen von Unilever kontrollieren diesbezüglich regelmäßig ihre Geschäftstätigkeit und haben eine Befolgung der Richtlinien zugesagt. Zum Beispiel gilt in Indien für alle Angestellten ein Mindestalter von 18 Jahren. Unsere Auftragnehmer und lizenzierten Hersteller müssen diesen Standard ebenfalls einhalten.“ (1)

Die Firma Syngenta behauptet: „Als Branchenführer in vielen Bereichen nehmen wir unsere ethische, soziale, wissenschaftliche und ökologische Verantwortung ernst. Das Vertrauen und die Zuversicht von Aktionären, Angestellten und Kunden, wie auch von Regierungen, Aufsichtsbehörden und Nachbargemeinden unserer Werke können wir nur gewinnen und behalten, wenn das Unternehmen bezüglich Fairness, Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit höchste Standards erfüllt.“

Monsanto, Bayer und Advanta bekennen sich in ähnlicher Weise zu sozialer Verantwortung. Unilever, Syngenta und Bayer sind Mitglieder des „Global Compact“, einer gemeinsamen Initiative der Vereinten Nationen und multinationaler Konzerne, mit der Menschenrechte, Sozialstandards und Umweltschutz befördert werden sollen. (2)

Die Aktivitäten der fünf untersuchten Konzerne im indischen Baumwoll-Anbau sind sicherlich nicht mit ihren eigenen Selbstverpflichtungs-Erklärungen vereinbar. Obwohl sie nicht direkt Kinder beschäftigen, kontrollieren sie doch grundlegend den gesamten Herstellungsprozess hybriden Saatguts - insbesondere die lokalen Saatgut-Hersteller, die Kinder tausendfach beschäftigen. Hierauf wird im nächsten Kapitel ausführlich eingegangen.

Verbindungen zwischen Konzernen und lokalen Farm-Betrieben
Die indische Gesetzgebung verbietet sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen den Besitz größerer Mengen Land. Die Agro-Konzerne sind daher bei der Produktion von Saatgut auf kleine landwirtschaftliche Hersteller angewiesen. In der Regel treten die großen Unternehmen mit den eigentlichen Produzenten nicht direkt in Kontakt; stattdessen schließen sie langfristige Lieferverträge mit Zwischenhändlern ab (sogenannten „seed organizers“), die das Saatgut ihrerseits von den Farmen aufkaufen (3). Die „seed organizers“ stellen dabei ein eher junges Phänomen dar: bis etwa 1990 wurden Lieferverträge direkt zwischen Saatgut-Unternehmen und lokalen Produzenten ausgehandelt. Erst durch den gestiegenen Bedarf und die viel höhere Zahl von Anbietern wurde die Einschaltung von Mittlern notwendig.

Die Verträge zwischen Agro-Unternehmen und „seed organizers“ legen vorab alle relevanten Größen fest: verwendete Sorten, produzierte Menge, Qualität, Vorschüsse und insbesondere den Abnahme-Preis des produzierten Saatguts. Die Bedingungen werden von den Zwischenhändlern an die lokalen Farmer weiter gereicht.

„Die Unternehmen sind an der Auswahl der lokalen Betriebe nicht beteiligt. Sie geben uns Zielgrößen vor, und wir wählen die landwirtschaftlichen Betriebe aus, die zu den vorgegebenen Bedingungen liefern können. Die Verträge, die wir mit den Zulieferern schließen, sind praktisch identisch mit denen, die wir mit den Abnehmern unterzeichnen. Wir liefern den Farmern Saatgut und erläutern ihnen die Qualitätsvorgaben der Unternehmen. Sofern wir Vorschüsse der Firmen erhalten, leiten wir diese an die Kleinbetriebe weiter. Das Unternehmen prüft nach der Ernte die Qualität und die Sortenreinheit und zahlt uns aus, wir bezahlen dann die Farmer“, erläutert ein Zwischenhändler von Syngenta. Zwischen der Abgabe der Ernte und der endgültigen Bezahlung der Kleinbetriebe liegen rund 4-5 Monate.

Obwohl also die Saatgut-Konzerne mit den lokalen Produzenten nicht selbst Verträge schließen, üben sie durch die Lieferung von Saatgut, die Bereitstellung von Kapital und die Festlegung des Abnahmepreises eine fast vollständige Kontrolle über die Farmer und die Arbeitsbedingungen aus. Zudem nehmen die Unternehmen direkt auf den Feldern regelmäßige Qualitätskontrollen vor und sind daher mit der Situation vor Ort und dem Einsatz von Kindern bestens vertraut.

Obwohl die „seed organizers“ die Verträge mit den Farmern schließen, sind sie bei der Festlegung der Abnahmepreise vollkommen abhängig - diese werden von den Unternehmen festgelegt. Die Zwischenhändler erhalten schlicht eine Provision (15-20 Rs für ein 750g Paket). Weder die Farmer noch die Zwischenhändler haben das Recht, Saatgut an Dritte zu verkaufen.

Die Gewinnspannen für die Unternehmen sind hoch. Beispielsweise lag der Verkaufspreis der Baumwoll-Saat „Brahma“ von HLL im vergangenen Jahr fast viermal höher als der Betrag, den die Zulieferer erhielten. Syngentas „Sandocot 35“ wurde für mehr als den dreifachen Erzeugerpreis verkauft.

Aufgrund der geringen Erzeugerpreise ist der Einsatz von Kindern fast vorprogrammiert - die Verwendung erwachsener (und damit teurerer) Arbeiter würde den Gewinn der lokalen Betriebe praktisch auf Null senken. Die Kosten für die Produktion eines Kilogramms Baumwollsaat liegen gegenwärtig bei etwa 220 Rs. Der von den Saatgut-Unternehmen gezahlte Preis beträgt etwa 290 Rs, der Gewinn der Farmer also etwa 70 Rs. Etwa die Hälfte der Kosten für die lokalen Betriebe entfallen auf Löhne. Wie oben erläutert liegen die Löhne für Kinder bei nicht einmal der Hälfte derer von Männern (18 Rs zu 40 Rs pro Tag). Eine Beschäftigung von männlichen Erwachsenen würde die Arbeitskosten von 110 Rs pro kg also in etwa verdoppeln - und damit den Farmer den gesamten Gewinn kosten.

Die im Rahmen der Studie befragten Farmer gaben denn auch zwei Gründe für den Einsatz von Kindern an: die niedrigen Löhne und die leichtere Kontrollierbarkeit. Stellvertretend ist die Aussage eines Betriebsleiters, der für Hindustan Lever produziert: „Uns wird ständig gesagt, dass wir keine Kinder beschäftigen sollen. Wenn wir aber Erwachsene einstellen müssten, hätten wir die doppelten Lohnkosten. Die Verkaufspreise machen es unmöglich für uns, erwachsene Arbeiter zu beschäftigen, denn obwohl unsere Kosten von Jahr zu Jahr steigen, bleiben die von den Unternehmen festgelegten Abnahme-Preise praktisch konstant. Zu Beginn der 90er Jahre zahlten wir einen Tageslohn von 8 Rs, und für ein Paket Saatgut (NHH 44 Hybrid) erhielten wir 150 Rs. Heute hat sich der Tageslohn auf 20 Rs mehr als verdoppelt, aber von den Unternehmen erhalten wir trotzdem nur 180 Rs pro Paket. Unsere Einnahmen sind dementsprechend gesunken.“ (4)

Aktuelle Initiativen gegen Kinderarbeit
Die Regierung des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh hat die Abschaffung von Kinderarbeit zu einem ihrer vorrangigsten Ziele erklärt. Unterstützt wird sie von lokalen NGOs und Medien. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO und die UN Entwicklungsorganisation UNDP haben zudem Projekte in den besonders betroffenen Distrikten gestartet. Im Rahmen einer Aufklärungskampagne der Regierung wurden 120 Fälle von Kindern dokumentiert, die in der Baumwollsaatgut-Produktion arbeiten, und ihre Arbeitgeber angemahnt.

Mehrere NGOs haben außerdem die großen Saatgutkonzerne um Stellungnahmen gebeten. Im Folgenden werden die Antworten dokumentiert:

Hindustan Lever (HLL)
Erstmals im Juni 2001 tauchten Medienberichte über die Verbindung von Kinderarbeit und Saatgutproduzenten auf. (5) HLL reagierte mit einer Pressemitteilung: „HLL arbeitet mit “seed organizers„ zusammen, die ihrerseits mit einer großen Zahl von Farmern in Verbindung stehen. Es gibt keinerlei direkte Kontakte zwischen HLL und Saatgut-Farmern. HLL kontrolliert die Auswahl der Farmer durch die Mittelsleute nicht. Typischerweise stellt der seed organizer den Farmern Saatgut zur Verfügung und vereinbart vorab die Abnahme der Ernte. Die Farm- Besitzer arbeiten in der Regel mit ihrer ganzen Familie in den Feldern und stellen bei Bedarf zusätzliche Arbeitskräfte ein. Weder HLL noch die Zwischenhändler sind bei der Auswahl der Arbeitskräfte beteiligt.“ (6)

Gegenüber der Entwicklungshilfe-Organisation NOVIB stellt ein Sprecher von Unilever fest: „Ich kann versichern, dass HLL im Kontext der Baumwollsaat-Aktivitäten keinen Gebrauch von Kinderarbeit macht. Dies gilt auch für die Unternehmen, die HLL beliefern. HLL führt regelmäßig Ortsbesuche durch, befragt seine Zulieferer und lässt sich den Nicht-Einsatz von Kindern bestätigen. Bezüglich der Situation auf den Feldern ist die Situation weniger eindeutig. Wir nehmen an, dass beim Anbau der von uns gekauften Baumwoll-Saaten keine Zwangsarbeit eingesetzt wird. In Indien - wie auch in anderen Entwicklungsländern - ist es allerdings üblich, dass Kinder auf den Feldern ihrer Familien arbeiten. Dies ist gängig in Gesellschaften, in denen Kinder als tätige Mitglieder der Familie gelten und als solche zum Einkommen der Familie beitragen müssen. Dies unterscheidet sich selbstverständlich von anderen Formen von Zwangsarbeit.“

HLL hat sein Saatgut-Geschäft kürzlich in das gemeinsam mit Emergent Genetics gegründete Joint-Venture „Paras Extra Growth Seed Ltd“ ausgegliedert. Bei einem Treffen von Saatgutfirmen, NGOs und Regierungsstellen am 3. August 2002 erklärte Mohan Rao, Sprecher von Paras Extra Growth: „Wir räumen ein, dass im Anbau von hybridem Baumwoll-Saatgut Kinderarbeit vorkommt. Dies ist ein reales Problem, dem wir uns als Saatgut-Industrie stellen müssen.“

Vertreter von Advanta, Proagro/Bayer und Mahyco/Monsanto äußerten sich auf Anfrage gegenüber dem Autor der Studie fast gleichlautend. Stellvertretend wird hier die Antwort von Mahyco zitiert.

Mahyco
„Unser Unternehmen beschäftigt weder selbst Kinder, noch ermutigt es seine Zulieferer dies zu tun. Wir sind aber nicht verantwortlich für die Zustände in landwirtschaftlichen Betrieben, mit denen wir direkt keine Verträge abschließen. Wir stimmen darin überein, dass Kinderarbeit in der Saatgut-Produktion weit verbreitet ist und dass die Saatgut-Industrie diesem Problem Aufmerksamkeit schenken muss. Wir müssen neue Technologien entwickeln, die den Arbeitsaufwand verringern. Unser Unternehmen hat neue, sterile Sorten entwickelt, die den Arbeitsaufwand halbieren.“7

Advanta
Advanta steht als einziger großer Saatgut-Produzent direkt mit lokalen Betrieben in Kontakt. Das Unternehmen lehnt dennoch jede Verantwortung für Kinderarbeit ab, da es selbst keine Kinder beschäftigt. Ein lokaler Vertreter der Firma äußerte, dass „unsere Firma keine Kinder beschäftigt und wir den Farmern keine Regeln vorschreiben können, da sie nicht bei uns beschäftigt sind. Die meisten Farmer, mit denen wir kooperieren, bestellen ihre Felder selbst. Hierbei werden auch ihre Kinder eingesetzt, der Einsatz von Kindern außerhalb der Familie ist geringer.“8

Obwohl die Saatgut-Farmer keine Angestellten von Advanta sind, übt die Firma in der Realität einen beträchtlichen Einfluss aus. So schreiben die Verträge zwischen Advanta und den Kleinbetrieben eine Kontrolle des Konzerns über den gesamten Produktionsprozess und die Arbeitspraktiken der Farmer fest. Wörtlich heißt es in einem solchen Vertrag, „der Saatgut-Farmer willigt darin ein, dass die gesamte Arbeit auf dem festgelegten Feldern unter Aufsicht und Leitung von Bevollmächtigten der Firma geschieht. Hierzu gehören die Bewässerung der Felder, Düngung, gegebenenfalls Anwendung von Pestiziden, Bestäubung, Entfernung von Unkräutern und schließlich zum vom Unternehmen festgelegten Zeitpunkt die Ernte. Während der Dauer des Vertrages haben Vertreter der Firma Zugang zu den vorher festgelegten Feldern, um den Fortgang der Arbeiten zu begutachten und die Umsetzung aller Abmachungen des Vertrages zu kontrollieren.

Kürzlich hat Advanta in die Verträge einen zusätzlichen Absatz aufgenommen, der die Einhaltung aller Gesetze bezüglich Kinderarbeit fordert. Das Unternehmen hat aber keine ernsthaften Anstrengungen unternommen, die Einhaltung dieser Klauseln zu erzwingen.

Syngenta
Die Firma Syngenta steht seitens europäischer Investment-Firmen unter Druck, das Problem Kinderarbeit anzugehen. Vertreter der Dresdner RCM Global Investors, einer britischen Tochterfirma der Dresdner Bank, haben in einem Gespräch mit Syngenta verlangt, keinerlei Kinderarbeit bei der Produktion von Saatgut zuzulassen. In Anbetracht möglicher negativer Presseberichte hat die Führung des Unternehmens beschlossen, dem Problem aktiv zu begegnen. Im oben genannten Treffen zwischen Saatgut-Unternehmen, NGOs und Regierungsstellen am 3. August 2002 in Hyderabad äußerte Dr. Shanthu Shataram, Leiter der Abteilung “Stakeholder Relation„: “Wir sind bei Syngenta sehr besorgt wegen des Problems der Kinderarbeit bei der Herstellung von Baumwoll-Saatgut. Wir möchten uns unserer Verantwortung stellen. Obwohl wir keine Kinder beschäftigen sind wir Teil des Problems. Jetzt wollen wir Teil der Lösung sein, um Kinderarbeit zu eliminieren.„

Tatsächlich hat Syngenta im vergangenen Jahr einige Schritte unternommen, um den Einsatz von Kindern zu verringern. In der gegenwärtigen Anbau-Saison wurde in die Verträge mit den “seed organizers„ erstmals ein Absatz aufgenommen, demnach “keine Kinder beim Anbau des Saatguts eingesetzt werden„. Die Zwischenhändler wurden zudem aufgefordert, mit einer größeren Zahl von Klein- und Familienbetrieben zusammen zu arbeiten, da das Management von Syngenta davon ausgeht, dass in Familienbetrieben weniger Kinder eingesetzt werden. Ausserdem wurden Konsultationen mit lokalen NGOs vereinbart.

Resümee
Die meisten transnationalen Saatgut-Unternehmen schließen keine direkten Verträge mit lokalen Saatgut-Produzenten ab. Dennoch ist die Aussage, wonach die Konzerne keinen Einfluss auf die Farmer und den Produktionsprozess ausüben, falsch. Obwohl die Firmen an der Saatgut- Produktion nicht direkt beteiligt sind, geben sie durch die Bereitstellung von Saatgut und die Festlegung von Abnahme-Preisen und Qualitätsstandards die wichtigsten Größen vor. Vertreter der Firmen nehmen zudem mit Hilfe der “seed organizers" häufige Kontrollen auf den Feldern vor (mindestens drei pro Saison), um die Umsetzung aller Vorschriften zu kontrollieren und um technischen Beistand zu leisten.

Es ist nicht wahr, dass kleine Farmen keine Kinder beschäftigen. Wie oben gezeigt, beschäftigen praktisch alle Betriebe Arbeitskräfte außerhalb der Familie - im Baumwoll-Saatanbau macht die Arbeit von außerhalb rund 90% aus. Selbst Kleinbetriebe stellen aufgrund der Arbeitsintensität eine hohe Zahl von ArbeiterInnen ein.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Aktivitäten multinationaler Saatgut-Unternehmen in Indien nicht mit den Erklärungen der Firmen zu sozial verantwortlichem Handeln vereinbar sind. Die Konzerne stellen zwar selbst keine Kinder an, üben aber zentralen Einfluss auf lokale Saatgut-Farmer aus, die ihrerseits Kinder in großer Zahl beschäftigen.

Die Unternehmen Syngenta, Unilever, Advanta und Emergent Genetics haben auf die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung reagiert und angekündigt, mit NGOs und der Landesregierung von Andhra Pradesh zusammen zu arbeiten. Bayer und Monsanto haben bislang nicht reagiert.
Es wäre für die großen Saatgut-Unternehmen ein Leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahme-Preise sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und diesbezüglichen Kontrollen das Problem zu lösen. Bislang sind solche ernsthaften Initiativen ausgeblieben.

Übersetzung und Layout: Coordination gegen BAYER-Gefahren
In Kooperation mit: Stiftung Menschenwürde & Arbeitswelt (Berlin) und Stiftung Umverteilen (Berlin)

1 ‚‘Social Review - Unilever‚s approach to corporate social responsibility‘'. (von der Unilever website : www.unilever.com
2 Eine Analyse der von Bayer beim Global Compact eingereichten Musterprojekte findet sich unter: http://www.cbgnetwork.org/home/UN_Global_Compact/un_global_comp act.html
3 von den in dieser Studie genannten Firmen schließt allein die Firma Advanta in einigen Gebieten direkte Verträge mit lokalen Produzenten.
4 Interview mit dem Saatgut-Hersteller Pullareddy am 21. Januar 2002
5 `Even Multinationals Employ Child Labour for Profit`, The Hindu Business Line, 21.6.2001
6 nach The Hindu Businessline, 25.6.2001
7 Interview mit Mr. Bapairaju, Produktionsleiter von Mahyco im Distrikt Kurnool, 21-1-2002
8 Interview mit einem Mitarbeiter von Advanta, der anonym bleiben möchte, Kurnool 22.2.2002

[Artikel epd] Kampagne gegen Kinderarbeit

CBG Redaktion

epd Entwicklungspolitik, Heft 8/9, April 2004

Agromultis tolerieren Kinderarbeit im Saatgutanbau

Shanta Sinha kritisiert Halbherzigkeit der Konzerne

„Derzeit geht es ziemlich langsam voran“, klagt Shanta Sinha, Hauptaktivistin der indischen Kinderrechtsorganisation MV Foundation. Sie spricht von nur schleppenden Fortschritten beim Kampf gegen Kinderarbeit im Baumwollsaatgutanbau. In der Produktion von hybridem Baumwollsaatgut sind heute in Indien mehr Kinder beschäftigt als in anderen bekannten Produktionsbereichen wie der Teppichherstellung oder der Verarbeitung von Edelsteinen. Die Vertragslandwirte stellen Kinder ein, vor allem Mädchen, weil diese für wesentlich weniger Geld pro Stunde arbeiten als Erwachsene. Das Saatgut wird über Zwischenhändler an große Agrarmultis verkauft. Eine Studie des indischen Instituts „Global Research and Consultancy Service“ hatte im Jahr 2003 diese Zusammenhänge aufgezeigt und die Verantwortung von multinationalen Saatgutunternehmen hervorgehoben, u.a. der Bayer-Tochter ProAgro (vgl. epd-Entwicklungspolitik 16/17 2003, S. 11).

„Anfangs hat keine der multinationalen Firmen überhaupt akzeptiert, dass sie für die Ausbeutung von Kindern in der Baumwollsaatgutproduktion verantwortlich ist. Aber der Druck durch Medien und Advocacy-Gruppen in Europa zwang sie dazu, mit der MV Foundation Gespräche zu führen“, berichtet Shanta Sinha. Doch die Unternehmen können entscheiden, bei wem sie das Saatgut einkaufen und haben Einfluss auf die Verträge und damit auch die Möglichkeit, Kinderarbeit zu unterbinden. „Inzwischen haben alle zugestimmt, sich gemeinsam für die Abschaffung von Kinderarbeit einzusetzen. Innerhalb des Verbandes der Saatgutindustrie hat sich eine ‚Child Labour Eradiction Group‚ gegründet, die sich regelmäßig mit den Bauern trifft, um das Problem der Kinderarbeit zu erörtern. Sie haben akzeptiert, dass sie Teil des Problems sind und deshalb Verantwortung übernehmen müssen, um das Problem zu lösen.“

Was tun sie wirklich
Als konkrete Initiative schlug z.B. ProAgro/Bayer vor, eine Bewusstseinskampagne zu starten, dass Kinder nicht arbeiten sollten. „Wir haben ihnen erzählt, dass jeder Mensch im Distrikt Kurnool weiß, dass Kinderarbeit nicht gut ist - dafür braucht kein Bewusstsein geschaffen werden“. Was die MV Foundation dagegen fordert, ist ein klares Bekenntnis der Konzerne gegen Kinderarbeit. „Es ist nicht ausreichend, dass sie nur in ihre Verträge eine Klausel aufnehmen, dass Kinder nicht eingestellt werden sollen. Das haben sie im vergangenen Jahr auch gemacht und es hat sich nichts verändert. Sie müssen eine wirksame Ansage an die Bauern geben, dass sie keine Kinderarbeit tolerieren werden“, so Shanta Sinha. Gleichzeitig soll diese Verpflichtung auch den Medien mitgeteilt werden. Und die Vereinbarungen müssen natürlich auch kontrolliert werden. Darüber hinaus ist es notwendig, dass die Konzerne mehr zahlen, damit auch erwachsene Arbeitskräfte bezahlt werden können.

Druck aus Deutschland ist wichtig
Neben den Gesprächen und der Kontrolle vor Ort ist es aber auch wichtig, bei den Konzernzentralen im Norden Druck zu entfalten. Neben der moralischen Selbstverständlichkeit, dass Kinderarbeit nicht zu tolerieren ist, fordern auch internationale Regelungen von den Unternehmen, Kinderarbeit zu unterbinden. Die Normen 138 und 182 der internationalen Arbeitsorganisation ILO wenden sich gegen Kinderarbeit, ebenso fordern die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, keine Kinder einzustellen, und dass diese Regelungen auch für die Zulieferer gelten. Darüber hinaus hat sich Bayer mit dem Beitritt zum Global Compact selbst dazu bekannt, keine Kinderarbeit zu tolerieren.

Deshalb haben die Coordination gegen Bayer-Gefahren, Germanwatch und der Global March against Child Labour an die Bayer AG geschrieben, um ihre Besorgnis über die Verwicklung deutscher Konzerne in Kinderarbeit in Indien auszudrücken und unverzügliche Gegenmaßnahmen gefordert. Im Antwortbrief zählt die Bayer AG eine ganze Reihe von Aktivitäten auf, zur Forderung nach höherer Bezahlung nimmt sie jedoch nicht Stellung.

Vor Ort hat ProAgro von selbst das Gespräch mit der MV Foundation gesucht und anerkannt, dass Kinderarbeit ein ernsthaftes Problem sei, in Deutschland hätte man sich bis zum Bayer-Aufsichtsrat damit befasst. „Niemand von uns hat die europäischen Lobbyisten erwähnt, aber es war ganz eindeutig, dass die Firma nur aufgrund des Drucks von dieser Seite zu Diskussionen mit uns kommen würden“, unterstreicht Shanta Sinha die Bedeutung dieser Kooperation von lokalen und internationalen Aktivisten.

Aktuell fordert die MV Foundation von den Unternehmen, dass die Verträge mit den Zulieferern der MV Foundation zugänglich gemacht werden. Sie wollen wissen, ob die Unternehmen klar genug die Nichteinstellung von Kindern fordern. „Wir haben ihnen erklärt, dass während es auf der höchsten Ebene der Unternehmen sichtbar Druck gab, keine Kinder zu beschäftigen, dieser Druck nicht ausreichend genug bis in die untersten Ebenen kommuniziert wurde.“

Diese Saison ist entscheidend
„Es geht immer wieder auf und ab“, bedauert Shanta Sinha. Und für die aktuell im März angelaufene Saison zeichnet sich noch keine entscheidende Verbesserung ab, dabei bezeichnet Shanta Sinha diese als „entscheidend für die Kinder in diesem Gebiet“. In diesen Wochen werden die neuen Verträge mit den Bauern abgeschlossen. Und es ist noch nicht so, dass das Problem schon fast gelöst wäre, wie es die Konzerne gerne darstellen. Es gibt noch genügend Hinweise auf Kinderarbeit.

Shanta unterstreicht: „Wir sind komplett vorbereitet und würden als Wächter zur Verfügung stehen.“ In 4.300 Dörfern ist die MV Foundation aktiv, über 80.000 Freiwillige unterstützen ihre Arbeit. Durch die eingerichteten ,Kinderschutzkomitees‘ wollen sie Informationen sammeln und diese der Saatgutindustrie und dem Arbeitsministerium auf Distriktebene zukommen lassen. In Zusammenarbeit mit dem Labour Department sollen Mitteilungen an alle Arbeitgeber - die Bauern und die Saatgutindustrie - geschickt und ihnen mit rechtlichen Schritten gedroht werden. Wenn sich jedoch keine Fortschritte verzeichnen lassen, dann sind sowohl in Indien als auch in Deutschland noch weitere Schritte möglich und in Vorbereitung, um Druck auf die Unternehmen auszuüben. Das Thema soll auch Ende April bei der Aktionärsversammlung der Bayer AG zur Sprache gebracht werden.

Cornelia Heydenreich arbeitet bei Germanwatch zum Thema Unternehmensverantwortung

[Aktionsbericht] Bäume, Blumen, BAYER-Gefahrstoffe

CBG Redaktion

Gartenkunst am Giftmüll

Am 16. April 2005 öffnete die Leverkusener Landesgartenschau (LAGA) ihre Pforten und lockte die BesucherInnen mit dem Slogan „Neuland entdecken“ auf das Gelände. Für die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und andere Gruppen war das kein Grund zum Feiern, sondern zum Protestieren. Was nach Ansicht von Konzern und Stadt den krönenden Abschluss der Abdichtungsarbeiten an BAYERs Giftmüll-Deponie bildete, erschien den KritikerInnen nämlich als plumper Versuch, Gras über eine nach ökologischen Kriterien unzureichende Bau-Maßnahme wachsen zu lassen.

Ein buntes Völkchen hatte sich am Eröffnungstag der LAGA vor dem Haupteingang versammelt, um auf die unter der Grasnarbe tickende chemische Zeitbombe hinzuweisen: CBGler, Antifas in weißer Schutzkleidung, DKPler mit Gasmaske, die BUND-JUGEND, AnhängerInnen des Leverkusener Wahlbündnisses LAUF, MLPDler und Unabhängige. Der Polizei wurde es schon bald zu bunt. Sie wollte die COORDINATION mit ihrem Transparent „Neuland entdecken - Giftmüll verstecken“ außer Sichtweite der BesucherInnen auf die gegenüberliegende Straßenseite verbannen, wovon die OrdnungshüterInnen erst zähe Verhandlungen abbrachten. Der Theatergruppe der BUND-JUGEND wiesen sie einen Platz zwischen Nebeneingang und Parkplatz zu. Diese Maßnahme hatte allerdings einen unerwünschten Nebeneffekt. Nicht wenige Gartenschaulustige hielten die pantomimische Darbietung über die Stadt, den BAYER-Müll und den Tod nämlich für einen Teil des offiziellen Rahmenprogramms.

Aber da hatten sie BAYER und Leverkusen zuviel Kritikoffenheit zugetraut. Sie verfolgten mit der LAGA ganz andere Pläne. „Die Leute sollen Frieden mit dem Gelände schließen“, diese Intention verfolgt die Schau laut ihrem Geschäftsführer Hans-Max Deutschle. Leverkusens SPD-Oberbürgermeister Ernst Küchler sah in Blumen, Bäumen und Beeten sogar ein Zeichen dafür, dass BAYERs Hometown keine reine Industriestadt mehr sei und beim Strukturwandel auf einem gutem Weg. Der damals noch amtierende NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück stimmte ihm in seiner Eröffnungsrede zu und lobte, mit der LAGA sei „auf einer der größten Altlasten Europas im wahrsten Sinne des Wortes attraktives ‚Neuland‚ entstanden“. Bärbel Höhn machte im Spätherbst ihrer Zeit als Landesumweltministerin sogar ein neues „Naherholungsgebiet“ aus.

Allzu nah durfte mensch ihm jedoch nicht kommen, dann entpuppten sich die Grünflächen nämlich als potemkinische Dörfer. Auf sehr unsicherem Grund entfaltete sich die Blumenpracht. Die LandschaftsgärtnerInnen konnten keine Bäume mit tiefem Wurzelwerk einpflanzen, weil dieses bis in den Giftmüll gereicht hätte. Teilweise mussten sie bis zu acht Meter hohe Erdschichten aufschütten, um den Blumen festen, guten Mutterboden unter ihren Lebensadern zu gewähren - Natur mit beschränkter Haftung. Hochbauten gestattete die LAGA-Direktion ebenfalls nicht, und Außengastronomie nur in Leichtbauweise. Es sollten auf keinen Fall schwere Fundamente auf die Altlast drücken und so eventuell die schlafenden Chemie-Geister wecken oder den unter der Erde verlegten Versorgungsleitungen der BAYER-Anlagen in die Quere kommen.

Oberirdisch setzt das nur wenig einladende Panorama aus Überlandleitungen und Produktionsstätten des Konzerns dem „Naherholungsgebiet“ enge Grenzen. Auf dem Areal selber stören seltsame Apparaturen, nur unzureichend mit „Kunst“ verkleidet, den Gartenkunst-Genuss. Sechs Brunnen haben auf der LAGA die Aufgabe, den Pegelstand des Wassers zu kontrollieren, bei Erreichen einer bestimmten Marke könnte der Rhein sonst die Produktionsabfälle unterspülen und die Gifte ausschwemmen. Große Messstationen ermitteln überdies permanent, ob sich die Belastung des Grundwassers noch in den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzen hält.

Eine Jahrhundert-Aufgabe: „Wie sich das Gelände innerhalb der nächsten 100 Jahre verhalten werde, sei allerdings nicht gänzlich vorherzusehen“, räumt der LAGA-Landschaftsarchitekt Rüdiger Brosk denn auch ein. Die Waz eröffnet ebenfalls wenig schöne Aussichten: „Setzungspegel und Grundwasserkontrollen wird es hier auf ewig geben“. Zwischen Chrom, Chlor & Co. stimmt die Chemie nämlich immer noch - sie reagiert munter miteinander drauflos. Darüber hinaus bilden sich durch Abbauprozesse neue giftige Gase. Dementsprechend sieht das Sickerwasser der Altlast aus. 750 Kubikmeter muss BAYER stündlich abpumpen und im Klärwerk reinigen.

Um ein „Work in Progress“ handelt es sich bei der Dhünnaue also, weil Konzern und Stadt das Areal nicht sanierten, sich stattdessen für eine bloße Absicherung der Altlast entschieden. Den Unterschied erläuterte Klaus Stief vom Umweltbundesamt 1988 auf einem Umweltschutz-Forum in Köln. „Unter Sanierungsmaßnahmen versteht man Maßnahmen, die zu einer Beseitigung des Gefährdungspotenzials der Altlast führen. Unter Sicherungsmaßnahmen werden Maßnahmen verstanden, welche die Gefährdung der Umwelt vermindern oder auch zeitlich befristet unterbinden, die allerdings das Gefährdungspotenzial nicht beseitigen. Man erreicht einen Zeitgewinn. Irgendwann, in der Regel innerhalb von Jahrzehnten, werden die Sicherungsmaßnahmen unwirksam werden. Man wird sie wiederholen müssen“, führte er in seinem Vortrag aus. Aber das verdrängen die Verantwortlichen laut Stief nur allzu gern. „Obwohl durch die Wahl des Wortes ‚Sicherungsmaßnahmen‘ im Gegensatz zu dem Wort ‚Sanierungsmaßnahmen‚ jedermann die zeitlich befristete Wirksamkeit und die ständige Unterhaltungs- und Reparaturbedürftigkeit der Maßnahmen klar werden soll, neigt man in der Praxis wohl immer dazu zu hoffen, dass man das Altlastenproblem ‚vom Halse‘ hat, wenn sie gesichert ist. Das wird sich in der Regel irgendwann einmal als verhängnisvoller Irrtum herausstellen“, stellt der Diplom-Ingenieur fest.

Da hat der Experte die LAGA-Lage richtig erfasst. Im Katalog zur Ausstellung, die sich auf der Gartenschau der Geschichte der Dhünnaue und ihrer Abdichtung widmet, heißt es lapidar: „Aufwändige Technik löst das Altlast-Problem“. Eine Sanierung war nach BAYERs Ansicht nicht möglich. „Aufgrund der früher üblichen ungeordneten Ablagerung der überwiegend festen und im geringen Maße auch pastösen und flüssigen Abfälle sind die Belastungen sehr ungleichmäßig verteilt. Eine gezielte Sanierung einzelner Teilbereiche kommt deshalb nicht in Frage“, schreiben die AusstellungsmacherInnen. Eine glatte Lüge, wie ein Blick auf die Schweizer Deponie Kölligen beweist. 350.000 Tonnen Gefahrgut lagerten dort ein - und Giftmüll-Trennung betrieben die „Entsorger“ ebenso wenig wie in Leverkusen. Trotzdem entschieden sich die Verantwortlichen für eine Komplett-Sanierung mit Auskofferung des verseuchten Areals - und mussten es auch. Die Gesetze des Landes untersagen nämlich Baumaßnahmen, die den Giftaustritt nicht stoppen und als „Langzeit-Provisorien“ eine jahrhundertelange Überwachung erfordern. So kann sich die Schweiz freuen, schon im Jahr 2025 keine gefährlichen Zeitbomben mehr im Boden ticken zu haben.

In der Bundesrepublik sträubten sich BAYER & Co. stets aus Kostengründen gegen eine solche ökologisch sinnvolle Lösung. Einer genaueren Überprüfung halten ihre Argumente indes nicht stand. Sicherungsmaßnahmen erfordern zwar am Anfang keinen so hohen finanziellen Aufwand wie Sanierungsmaßnahmen, rechnet man aber die bei „Langzeit-Provisorien“ anfallenden Betriebs- und Reparaturkosten hinzu, so halten sich die Ausgaben in einem vergleichbaren Rahmen. Allein für die Reinigung des Sickerwassers muss BAYER jährlich einen Millionen-Betrag aufbringen. Was bei der Dhünnaue noch so alles an Ausgaben anfallen könnte, weiß niemand genau, denn Langzeituntersuchungen über die Beständigkeit des verbauten Materials existieren nicht, und viele Entwicklungen sind nicht vorhersehbar. So musste die Stadt Hamburg 1994 unvermittelt bei der bloß gesicherten Altlast auf dem Gelände der ehemaligen Waffenfabrik STOLZENBURG „nachbessern“, weil das nahe gelegene Wasserwerk die Trinkwasser-Gewinnung drosselte und der Grundwasser-Spiegel sich in der Folge gefährlich nah an die giftigen Produktionsrückstände heranschob.

Über diese ganze Problematik findet sich im Katalog zu der LAGA-Ausstellung „Die Dhünnaue gestern und heute“, die „eine offene Chronik über Fortschritt und Verantwortung“ sein will, nichts. Es fängt schon schlecht an. Der Konzern hat angeblich nicht nur nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ sorglos seine Abfälle am Rhein entsorgt, er wollte der Stadt damit auch einen wirksamen Hochwasserschutz bieten. Dass die „gute Tat“ vielleicht doch nicht so gut für Leverkusen war, stellte sich laut Text erst Ende der achtziger Jahre heraus. „Ende 1987 steht fest: Eine Gefährdung der Bewohner in der Wiesdorfer Dhünnaue kann nicht ausgeschlossen werden“. Aber selbst dann ist alles nur halb so schlimm, denn die Wissenschaft hat festgestellt: „Insgesamt kann eine akute Gefährdung der Bevölkerung mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden“. Der Herr Professor Einbrodt von der Universität Aachen war so nett. Vorher hat es nach Aussage von BAYER nur einige Klagen wegen Geruchsbelästigung gegeben und „unerwartete Schwierigkeiten“ im Zuge der geplanten Wohnbebauung über der Deponie. Eine Baugrund-Untersuchung meldete nämlich Zweifel daran an, ob der Beton dem chemischen Untergrund standhalten würde und sagte zudem eine Absenkung der Häuser voraus. Sie sollte Recht behalten. Später ergaben Messungen eine hohe Chrom-Belastung von Kellern. Die Stadt Leverkusen quartierte die Mietparteien um und schloss eine Schule. Nach Darstellung der AusstellungsmacherInnen geschah das alles nur „vorsorglich“. Die ungewöhnlich hohe Krebsrate im Umfeld der Schule - laut SPIEGEL fünf Tote, 15 Erkrankungen - verschwiegen sie.

Nicht nur diese Fälle hätten genug Grund für Entschädigungsklage geboten. Die Erleichterung darüber, dass „die Stadt Leverkusen und die BAYER AG juristischen Streit vermieden haben und sich in allen Fragen auf partnerschaftliche Lösungen verständigten“, ist den Konzern-AutorInnen deshalb deutlich anzumerken. Sie vermelden in Sachen Dhünnaue „Mission erfüllt“ und meinen so „eine Voraussetzung für die nachhaltige Entwicklung der Stadt“ geschaffen zu haben. Das Einzige, was sich auf dem Areal jedoch nachhaltig entwickelt, ist die Last der Altlast für die nachfolgenden Generationen.

[Artikel Spiegel] Landesgartenschau

CBG Redaktion

„DER SPIEGEL“, Ausgabe 13/92, S. 80 bis 85

Bitterfeld am Rhein

Leverkusen erlebt einen beispiellosen Chemieskandal. Bei Menschen, die auf einer Giftmüllkippe leben, häufen sich Krebserkrankungen.

Von 1968 bis 1987 hatte Bernward Prinz an der Gemeinschaftshauptschule im Leverkusener Stadtteil Wiesdorf unterrichtet. Als Werkkunstlehrer musste Prinz häufig in die Abstellräume im Keller, und da, erinnert sich der Pädagoge, „stank es schon mal“. Vor zwei Jahren, Prinz war als Konrektor an eine Kölner Schule gewechselt, spürte der 49jährige Schluckbeschwerden. Der sechste Arzt, den Prinz aufsuchte, stellte eine deprimierende Diagnose: „Tonsillen-Karzinom“, ein Krebs der Mandeln. Fünf schwere Operationen hat der Pädagoge seither durchlitten, nun erwartet er seine Zwangspensionierung.

Edwald Möller war Hausmeister an der Wiesdorfer Schule. Im Keller des Gebäudes trocknete er in seinen 20 Dienstjahren nach Rhein-Hochwassern „Pfützen mit Farben, so schillernd wie ein Regenbogen“. Hin und wieder fand der Pedell „bunte Ausblühungen hinter abbröckelndem Putz“. Im Jahr 1989, lange nach seiner Pensionierung, klagte der damals 70jährige über Schlaflosigkeit und Schweißausbrüche. Ärzte teilten dem Kranken mit, er leide an „chronisch-lymphatischer Leukämie“, einem Blutkrebs.

Der Ort, an dem Möller und Prinz jeweils 20 Jahre lang wirkten, lässt sich unwirtlicher kaum denken: Eine Aschenbahnlänge trennt die 1960 errichtete Schule an der Wiesdorfer Adolfsstraße vom dröhnenden Lärm der Autobahn Al im Norden. Im Westen schmiegen sich die Schulgebäude und ein benachbarter Kindergarten eng an den Autobahnzubringer Westring. Von Süden her grüßen die qualmenden Schlote des Chemieweltkonzerns Bayer (165000 Beschäftigte, über 40 Milliarden Mark Jahressumsatz).

An Abgase und Autolärm hatten sich die Anrainer der sogenannten Dhünnaue in Leverkusen wohl oder übel gewöhnen müssen. Einen Schock aber löste bei vielen die Mitteilung aus, dass sie gleichsam auf einer gigantischen Müllkippe hocken: einer Deponie von 68 Hektar, auf der die Bayer AG zwischen den zwanziger Jahren und 1963 Schutt, Produktionsrückstände und andere giftigen Chemiemüll abgeladen hatte.

Wie in einem „Fortsetzungsdrama ohne Ende“, sagt Marianne Hurten, Grünen-Abgeordnete im Düsseldorfer Landtag. Die Grünen-Politikerin, zugleich Betriebsrätin der Bayer-Werke, vergleicht die Dhünnaue mit der meistverseuchten Chemieregion im deutschen Osten: „Die Bitterfelder haben ihren Silbersee“, sagt sie, „in der Farbenstadt Leverkusen war alles etwas bunter - eben eine Farbkloake“.

Bereits im Mai 1989 hatte die „Beratende Ingenieursgesellschaft Dr.-Ing. Björnsen“ in einem Gutachten für die Stadt Leverkusen gefordert, die Dhünnaue südlich der Al „unverzüglich“ zu sichern und zu versiegeln: „Geeignete Maßnahmen“ seien von Nöten, um „die Kontaktmöglichkeit Mensch-Boden zu unterbinden“.

Auf dem bislang untersuchten Areal dürfe „keine landwirtschaftliche und gärtnerische Nutzung des Bodens“ mehr erfolgen. Die Altlast solle „nicht mehr als Lebensraum für Pflanzen und Tiere genutzt werden“.
Was die Bayer AG einst - im Einvernehmen mit der von ihr finanziell weitgehend abhängigen Stadt Leverkusen - alles in die Dhünnaue gekippt hat, ist heute nur noch zu erahnen. Bislang wurden lediglich Proben aus dem 25 Hektar umfassenden Gebiet südlich der Al und westlich der Schule Adolfsstraße entnommen. Allein hier hat der Chemiekonzern rund drei Millionen Tonnen Müll abgeladen.

Womöglich, warnte bereits der Düsseldorfer FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Joachim Kühl nach Gesprächen mit Bayer-Beschäftigten, sei das „Gefährdungspotential“ der Dhünnaue-Deponie größer als die Bedrohung durch die Gifte „in der Erde von Bitterfeld“. Diese Befürchtung hätten ihm Mitarbeiter der Umweltschutzabteilung von Bayer anvertraut.

Die vom Ingenieurbüro Björnsen ausgewerteten Boden- und Wasserproben stützen das Szenario von einem Bitterfeld am Rhein: „Im Oberboden“ der Deponie fanden sich „auffällig hohe Konzentrationen“ von Schwermetallen und giftigen organischen Verbindungen wie Chlorbenzole, Chlortoluole und polychlorierte Biphenyle.
Der „eigentliche Deponiekörper“ ist sogar „mit einem erweiterten Spektrum an Schadstoffen und in deutlich höheren Konzentrationen belastet“; die giftigen Schwermetalle Chrom und Blei finden sich in schier unglaublichen Konzentrationen (22 beziehungsweise 34 Gramm je Kilogramm - g/kg), für Chlorbenzole wurden Werte bis zu 45 g/kg gemessen.

Das Grundwasser ist im gesamten Untersuchungsbereich durch deponiebürtige Stoffe deutlich belastet; „Kratzproben von Kellerfußböden in den Häusern der Siedlung Rheinallee belegen, dass die Deponie ihr Gift gleichsam ausschwitzt - nachgewiesen wurden Blei (21 g/kg), Chrom (20 g/ kg) und eine ganze Palette giftiger organischer Verbindungen.

Die Luft nahe dem Boden “außerhalb bebauter Flächen„ weist “relative Konzentrationen„ von Schadstoffen wie Benzol auf; im Laub von Pflanzen wurden “erhöhte Gehalte„ an Schwermetallen wie Blei, Chrom, Arsen und Cadmium entdeckt. “Mehr als 20„ der 57 in den Proben nachgewiesenen “Stoffe bzw. Stoffgruppen„ gelten als “kanzerogenverdächtig„ oder sind sogar “nachgewiesenermaßen krebserregend„.

Vollends zum Skandal wird der Fall Dhünnaue durch den Umstand, dass, allen Warnungen zum Trotz, noch immer 106 Familien auf der Giftmüllkippe zwischen Rhein und Al leben - in Häusern, die zwischen 1952 und 1953 errichtet wurden.
Und: Nach wie vor unterrichten Lehrer ihre Schüler an der Gemeinschaftshauptschule Adolfsstraße, tummeln sich Pennäler auf dem Schulhof, bringen Eltern ihre Kinder in den benachbarten Kindergarten. Den Betroffenen, so beschwichtigte noch vor vier Wochen der SPD-Landtagsabgeordnete Ludgerus Hovest, sei durch das “Verbreiten von Horrorgemälden„ nicht geholfen.

Nötig, so der SPD-Politiker, sei vielmehr die “Analyse des Problems, das Aufzeigen von Lösungen und deren Umsetzung„. Die “Altlast Dhünnaue„, bestätigte SPD-Umweltminister Klaus Matthiesen die Sicht des Genossen Hovest, sei “ein hochkomplexer und schwieriger Fall, zu dem es bundesweit bisher kaum eine Parallele gibt„.

Ruchbar wurde der Umweltskandal 1987, als für einen Teil der Dhünnaue zu Planungszwecken eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgenommen wurde. Damals waren, unter anderem in Kellerräumen der Schule, alarmierende Konzentrationen von Giften wie Xylol entdeckt worden.

Was seither geschah, liest sich wie eine Chronik des Versagens: Die Stadt reagierte auf die Xylol-Funde von 1987 lediglich mit ein paar Empfehlungen -die Gartennutzung müsse eingeschränkt werden, Kinder dürften nicht mehr auf den Wiesen der Dhünnaue spielen, unbefestigte Wege und Freiflächen wurden mit einem “Begehungsverbot„ (Ordnungsstrafe: 200 Mark) belegt.

Im Februar 1988 bekannte sich Bayer zu seinen Altlasten und gelobte, sich an der Sanierung der Deponie zu beteiligen. Einen Monat später verlangten Leverkusener Ärzte, die Bewohner der Deponie aus medizinischen Gründen umgehend umzusiedeln. Juni desselben Jahres begann der medizinische Gutachter Hans Joachim Einbrodt mit der Untersuchung von 828 Betroffenen. Im Februar 1989 wurden Kinder aus der Adolfsstraße erneut überprüft.

Ergebnis: 25 Prozent der Probanden von 1988 wiesen “auffällige Befunde„ des Blutbildes auf. Bei 16 Prozent der untersuchten Schüler fanden sich Veränderungen am Blutbild. Eine “akute„ Gefährdung der Betroffenen vermochte der Gutachter zwar nicht zu erkennen, er riet gleichwohl dazu, die Schule zu schließen. Denn über eine mögliche “chronische Gefährdung der Probanden„, so Einbrodt, könne er keine Aussagen machen.

Im Februar 1990 mahnte schließlich auch das Gesundheitsamt die Politiker, “die Einrichtung Schule und Kindergarten aus Vorsorgegründen„ zu verlegen - doch wieder geschah nichts.

Den meisten Lehrern und Schülern der Adolfsstraße dämmerte erst später, in welchem Maße ihre Gesundheit womöglich durch die Giftmülldeponie bedroht wird. Letztes Jahr, so erinnert sich Barbara Ulbricht, Lehrerin der Schule Adolfsstraße, sei ein kranker Kollege von der Schulaufsicht angerufen worden: Er möge sich doch, wurde dem Pädagogen mitgeteilt, “mal vom Amtsarzt untersuchen lassen„.

Im Dezember letzten Jahres schließlich erfuhren die Lehrkräfte, dass es an ihrer Schule in den letzten 15 Jahren insgesamt 15 Krebserkrankungen gegeben habe, darunter fünf mit tödlichem Ausgang - weit mehr, als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Und jetzt erst, so bestätigte die Staatsanwaltschaft Köln, wird “in Sachen Schule Adolfsstraße„ wegen des Verdachts der Gesundheits- und Körperverletzung ermittelt.

“Patentrezepte„, beschwichtigt nun die Stadt Leverkusen die verbitterten Bewohner und Anrainer der Giftdeponie am Rhein, habe es “für die Dhünnaue leider nicht gegeben„. Immerhin, lobten die Kommunalverwalter ihr eigenes Engagement, seien von den 259 Familien der Siedlung Rheinallee “heute 156 versorgt„ mit neuem Wohnraum; Ende dieses Monats “sollen es 189 sein„. Bis zum Oktober, verspricht die Stadt, werde “das Kapitel „neue Wohnungen“ abgeschlossen„ sein.
Ein anderes Kapitel des Skandals ist noch nicht einmal angegangen worden: Zwei Tage vor Weihnachten 1989 hatte die Firma Bayer, festtäglich gestimmt, versprochen, das Gelände mit ihrer Müll-Altlast mittels einer Spundwand abzusichern - geschätzte Kosten: 150 Millionen Mark.

Doch bis zum heutigen Tag ist nicht eine einzige Stahlplanke von der versprochenen Spundwand eingerammt worden. Dabei warnen Experten, dass Deponiegifte schon bei mittlerem Rheinwasserstand mit dem Grundwasser ins Landesinnere geschwemmt und bei ablaufendem Rheinwasser in den Strom gesogen werden.

Insgesamt zehn Verträge sind bislang zwischen der Bayer AG und der Stadt Leverkusen abgeschlossen worden. Dieser von der Stadt so genannte “partnerschaftliche„ Weg wurde eingeschlagen, weil es, wie Minister Matthiesen erläutert, “wegen der Unklarheit der Rechtslage nicht erfolgversprechend erschien„, gegen den Konzern mit “Ordnungsverfügungen vorzugehen„.
Zu den Betroffenen, die unter dem Hickhack leiden, zählen auch die Bewohner eines Altenheimes am Rande der Deponie. “Über den Fortbestand des Altenwohnheims„, so die Stadt, werde “in nächster Zeit in Abstimmung zwischen allen Beteiligten" eine Entscheidung gefällt.

Vor den Alten sind die Haustiere evakuiert worden: Der Verein für Deutsche Schäferhunde e.V., der das Gebiet der Deponie lange Zeit als Klub- und Übungsgelände nutzte, hat das giftbelastete Areal bereits verlassen.