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Beitrag veröffentlicht im “Jahr: 2006

Glucobay

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.
Pressemitteilung vom 22. Februar 2006

Studie: BAYER begeht Biopiraterie

Glucobay mit Hilfe eines Bakteriums aus Kenia produziert / Konzern für „Captain Hook Award for Biopiracy“ nominiert

Der Leverkusener BAYER-Konzern wird in der Studie Out of Africa: Mysteries of Access and Benefit Sharing der Biopiraterie beschuldigt. Laut der vom US-amerikanischen Edwards Institute veröffentlichten Untersuchung produziert BAYER das Diabetes-Mittel Glucobay mit Hilfe eines Bakteriums, das aus dem kenianischen Ruiru-See stammt. Gegenüber der britischen Zeitung Independent bestätigte das Unternehmen die Verwendung des in Kenia gefundenen Bakterien-Stammes. Von dem jährlichen Glucobay-Umsatz von rund 280 Millionen Euro fließt jedoch kein Cent nach Ostafrika.

Glucobay wurde in Deutschland 1991 zugelassen. 1995 ließ BAYER in Europa und den USA einen neuen Herstellungsprozess von Acarbose, dem Wirkstoff des Präparats, patentieren. In der Patentschrift wird die Verwendung des Bakterienstamms Actinoplanes SE50 genannt, nicht jedoch dessen afrikanische Herkunft.

In der Studie werden zahlreiche Beispiele solcher Formen von „Biopiraterie“ aufgelistet. Die von westlichen Unternehmen verwendeten Wirkstoffe sind in Afrika zum Teil seit Jahrhunderten in Gebrauch. Beth Burrow vom Edwards Institute nennt diese Praxis „eine neue Form kolonialer Ausplünderung“. Mariam Mayet, Mit-Autorin der Studie, ergänzt: „Wir erleben eine totale Respektlosigkeit gegenüber afrikanischen Ressourcen“. Die AutorInnen werfen den beteiligten Konzernen Verstöße gegen die UN Biodiversitäts-Konvention vor und fordern eine angemessene Beteiligung der Herkunftsländer an den Gewinnen.

Vertreter der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) unterstützen diese Forderung. Die CBG nominierte BAYER zudem für den „Captain Hook Award for Biopiracy“, der anlässlich der Biodiversitäts-Konferenz Ende März im brasilianischen Curitiba verliehen wird. Der Negativ-Preis wurde von Organisationen aus aller Welt, darunter das Indigenous Peoples Biodiversity Network und die Action Group on Erosion, Technology and Concentration, ausgelobt.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die den BAYER-Konzern seit 25 Jahren überwacht, weist zudem darauf hin, dass die Wirksamkeit von Glucobay höchst umstritten ist und der Wirkstoff eine Vielzahl unerwünschter Nebenwirkungen hervorruft. Hubert Ostendorf vom Vorstand der CBG: „Glucobay wird von Experten als untauglich zur Behandlung von Diabetes abgelehnt. Das Mittel wurde gegen den Willen von Diabetologen mit einer millionenschweren Werbekampagne auf den Markt gedrückt.“

Der Pharmakologe Gerd Glaeske nennt Acarbose „gerade mal so wirksam wie Müsli“. Prof. Dr. Michael Berger von Uni Düsseldorf schreibt in einem Beitrag für das Ärzteblatt: „Das orale Antidiabetikum Glucobay hat ein Umsatzvolumen von circa 200 Millionen DM pro Jahr erreicht, obwohl keinerlei Beweise für seine Wirksamkeit und langfristige Unbedenklichkeit geltend gemacht werden konnten.“

Der BAYER-Konzern veranstaltete nach der Zulassung von Glucobay Werbeveranstaltungen für Ärzte und scheute sogar vor finanziellen Prämien nicht zurück. In einem internen Rundschreiben des Konzern hieß es: „Für die Teilnahme an den zwei Treffen und den mündlichen Bericht über mindestens fünf Therapiefälle erhält jeder Arzt 700 DM als Beratungshonorar.“ Die rot-grüne Bundesregierung plante, Glucobay aus einer Positivliste für wirksame Medikamente auszuschließen. Das Vorhaben scheiterte jedoch - nicht aus gesundheitspolitischen Gründen, sondern wegen des Lobby-Feuerwerks des BAYER-Konzerns. Die Folgen tragen die Patienten und die Krankenkassen.

Weitere Infos: The Independent: African bio-resources ‚exploited by West‘

Unfälle

CBG Redaktion

18.02.06, Neuss-Grevenbroicher Zeitung

Chlor trat nach Brand aus

Es roch Freitag Vormittag deutlich nach Schwimmbad in Dormagen. Im Bayer-Chemiepark war gegen 8.35 Uhr und später noch einmal gegen 10.10 Uhr Chlorgas ausgetreten. 18 Mitarbeiter des Unternehmens mussten ärztlich behandelt werden.
Für einige Minuten wurden rund um den Chemiepark erhöhte Chlorwerte gemessen. Der Grund war ein Brand, der an einer Abluftleitung in einem Betrieb des Chemieparks ausgebrochen war. Die Ursache für das Feuer steht noch nicht fest, das Staatliche Umweltamt wurde eingeschaltet und ermittelt. Rund 40 Einsatzkräfte der Bayer-Berufsfeuerwehr waren im Einsatz. Die Produktion in dem betroffenen Betrieb von Bayer-Material-Science, in dem Chlor produziert wird, wurde sofort eingestellt.
Dennoch traten nach Auskunft des Unternehmens geringe Mengen chlorhaltiger Abluft aus. Auch nachdem das Feuer gelöscht war, entwich bei den Aufräumarbeiten gegen 10.10 Uhr noch einmal eine Restmenge des Gases, die von der Werksfeuerwehr mit einer Wasserwand niedergeschlagen wurde. 18 Mitarbeiter in einem Gebäude, das in der Nähe des Chlor-Produktionsanlage liegt, klagten über Übelkeit und Augenreizungen. Sie wurden in die ärztliche Abteilung des Chemieparks gebracht. „13 von ihnen waren gegen Mittag bereits wieder an ihrem Arbeitsplatz, die restlichen fünf kurze Zeit später“, erklärte Jörg Brückner, Mitarbeiter der Bayer-Pressestelle.
Der Luftmesswagen des Chemieparks, der durch das Dormagener Stadtgebiet fuhr, ermittelte für etwa fünf Minuten leicht erhöhte Werte des Gases in der Luft. „Es wurde ein Grenzwert überschritten, bei dem nach Auskunft unserer Arbeitsmediziner Menschen noch acht Stunden lang ohne gesundheitliche Schäden arbeiten können“, erläuterte Chemiepark-Pressesprecherin Kerstin Nacken. Auch die mobile Luftmess-Station der städtischen Feuerwehr Dormagen kontrollierte die Werte.
„Der Messwagen war ab etwa 9.15 Uhr für gut eine Stunde unterwegs und hat die Europastraße, den Bereich der Kindergärten in Rheinfeld und Zons abgefahren“, sagt Stadtpressesprecher Harald Schlimgen. Er habe keine auf überhöhten Werte festgestellt. Für besorgte Bürger steht unter der Telefonnummer 02133/5199333 ein Beratungsservice von Bayer zur Verfügung.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 22. Februar 2006

Werkschutz protestiert im Internet

Die Mitarbeiter des Werkschutzes im Bayer-Chemiepark formieren ihren Widerstand. Bayer Industry Services (BIS) denkt als Betreiber des Chemieparks darüber nach, den Werkschutz abzuschaffen und durch einen privaten Sicherheitsdienst zu ersetzen.

Betroffen wären rund 70 Mitarbeiter. Vier von ihnen, Norbert Löffler, Andreas Jansen, Ingo Heit und Klaus Hebert-Okon, haben jetzt eine eigene Internetseite eingerichtet, auf der über die weitere Zukunft, aber auch Möglichkeiten diskutiert wird, sich gegen die Auflösung des Werkschutzes zu wehren.
Aktuell sorgt der Chlorgas-Unfall an einer Produktionsanlage im Chemiepark am vergangenen Freitag für Wirbel. Mitarbeiter des Werkschutzes klagen darüber, dass ihre Arbeit in der offiziellen Stellungnahme des Unternehmens nicht erwähnt worden ist. Die Arbeit der Werkfeuerwehr werde beschrieben, es sei auch die Rede davon, dass 18 Mitarbeiter wegen Übelkeit und Augenreizungen behandelt werden mussten.
Davon, dass der Werkschutz schnell reagiert und so weitere Verletzungen verhindert habe, sei jedoch nicht die Rede gewesen, beklagen die Mitarbeiter in ihren Beiträgen in dem Internet-Forum. „Man gewinnt den Eindruck, dass das System hat“, erklärte am Dienstag ein Werkschützer gegenüber der NGZ, der seinen Namen nicht nennen wollte. Offenbar wolle BIS auf diese Weise die Bedeutung des Werkschutzes für die Sicherheit im Chemiepark herunterspielen.
Diesen Vorwurf weist BIS-Pressesprecherin Kerstin Nacken zurück. „Wir bemühen uns, die Öffentlichkeit und die Mitarbeiter im Werk bei einem solchen Zwischenfall so schnell wie möglich zu informieren“, sagt sie. Entsprechend kurz gehalten seien die Meldungen verfasst. Deshalb könne dort nicht jede Einzelaktion aller am Einsatz Beteiligten detailliert aufgeführt werden. Niemand habe den Werkschutz bewusst übergangen.
Ziel des Internetforums sei in erster Linie, sich ein Meinungsbild in den Reihen der Werkschützer zu machen, erklären die Initiatoren auf der Homepage. Damit der Betriebsrat Verhandlungen mit der BIS-Spitze aufnehmen könne, müsse er wissen, welche Vorstellungen die Betroffenen überhaupt hätten.
Das Ziel der meisten Kollegen sei es, dem Konzern anzugehören, formulieren die Forum-Betreiber das Ergebnis der ersten Gespräche. Jetzt sollen sich die Mitarbeiter konkret dazu äußern, ob ihnen ihr Gehalt oder eine Beschäftigungsgarantie wichtiger ist, ob sie eher bereit sind, auf Urlaubsgeld zu verzichten oder mehr Stunden in der Woche zu arbeiten.
Wer Sparvorschläge hat, soll sie an die Initiatoren des Forums schicken, damit diese an den Betriebsrat weitergeleitet werden können. Auch die Mitarbeiter von der Werkfeuerwehr werden aufgefordert, ihre Sicht der Dinge beizusteuern.
Heit, Löffler, Jansen und Hebert-Okon betonen, dass die Homepage keine offizielle Seite von Bayer-Industry-Services ist. Das macht auch Kerstin Nacken deutlich. „Dieses Forum ist die Privatangelegenheit der Mitarbeiter,“, sagt sie, „solange keine Sicherheitsinteressen des Chemieparks berührt sind.“
Von Petra Schiffer

Kohlenmonoxid

CBG Redaktion

18. Februar 2006, Westdeutsche Zeitung

Protest gegen Pipeline-Pläne von Bayer

Mehrere Städte äußern Bedenken gegen die Kohlenmonoxid-Leitung von Dormagen nach Uerdingen. Die Bezirksregierung entscheidet in Kürze über den Bau.

Reichlich Post stapelt sich in diesen Tagen bei der Bezirksregierung. Aus zahlreichen Städten gehen Briefe von Bürgern und Stadtverwaltungen ein, die Hinweise und Einwände gegen den Bau eines Gasleitungsnetzes beinhalten. An dem ist auch Bayer beteiligt, denn der Konzern will künftig gasförmiges Kohlenmonoxid per Druckleitung von Dormagen nach Uerdingen transportieren. Das wird im Chemiepark für die Kunststoffproduktion benötigt.

Weil es bei der Versorgung aber immer wieder zu Engpässen kommt, sieht Bayer den Standort Uerdingen nur durch eine optimale Versorgung mit dem Gas gewährleistet. Das wird beispielsweise für Makrolon benötigt, aus dem etwa CDs und Komponenten für die Automobilindustrie hergestellt werden.

Doch die 67 Kilometer lange Pipeline, die sowohl bei Dormagen als auch zwischen Duisburg und Uerdingen den Rhein unterqueren soll, ist nicht unumstritten. Um notfalls Enteignungen vornehmen zu können, hat die Landesregierung ein eigenes Gesetz auf den Weg gebracht. Größtenteils sollen die Rohre unterirdisch entlang der Autobahn 3 verlegt werden zusammen mit einer Propylenleitung und einer Erdgas-Fernleitung von Wingas, die ebenfalls den Uerdinger Chemiepark versorgen soll.

Die Städte entlang der viel befahrenen Autobahn gehören zu eben jenen Briefeschreibern, die ihre Bedenken äußern. Im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens haben Fachleute der Kommunen die zwölf Aktenordner eingehend studiert und sind über die Pipeline-Pläne alles andere als begeistert.

So zeigt sich Erkraths Technischer Dezernent Klaus-Dieter Holst besorgt über die Vielzahl der verlegten Leitungen, zu denen nun noch drei hinzukommen sollen. Mitten übers Erkrather Stadtgebiet zieht sich die Neandertal-Autobahnbrücke. Holsts Horrorszenario: Ein Lastwagen stürzt von der A 3 auf die Leitungen: Damit erinnert er an den schweren Unfall auf der Wiehltalbrücke, als vor mehreren Monaten ein Tanklastzug von der A 4 abkam. Doch Holst warnt nicht nur vor einem Totalbruch. „Es gibt keine dauerhafte Sicherung, wenn aus der Leitung Gas sickert.“ Auch in Monheim regt sich Widerspruch, weil die vorgesehene Trassenführung ein geplantes Gewerbegebiet verkleinern würde.

Diese Bedenken werden zurzeit bei der Bezirksregierung gesichtet. „Anschließend kommt es zu einem Erörterungstermin“, erläutert Behördensprecher Hans-Peter Schröder das Procedere. An dem Termin können diejenigen teilnehmen, die bis zum 1. Februar ihre Einwände formuliert hatten. Und nur sie sind klageberechtigt, wenn die Bezirksregierung das Verfahren mit der Festsetzung positiv bescheidet.

Stahlrohre mit einem Durchmesser von 25 Zentimetern, gut 1,40 Meter tief in der Erde verlegt das soll die Zukunft des Uerdinger Chemieparks sichern. Wie Bayer-Sprecherin Kerstin Nacken erklärte, wird das Kohlenmonoxid dort zurzeit noch in einer Koksvergasungsanlage produziert: Koks wird verbrannt, und unter Beachtung der Rahmenbedingungen optimale Sauerstoffversorgung und richtige Temperatur entsteht dabei hoch reines Kohlenmonoxid.

Während das Wirtschaftsministerium davon ausgeht, dass die Anlage mittelfristig aufgegeben wird, ist laut Bayer daran nicht gedacht. „Sie wird zusätzlich weiter betrieben“, so Kerstin Nacken. Dies sei schon zur Überbrückung bei einem plötzlichen Ausfall der Pipeline-Versorgung erforderlich. Zudem könne mit dem weiteren Betrieb der Anlage zusätzlicher Bedarf abgedeckt werden.

In Dormagen wird das Kohlendioxid im so genannten Steam-Reforming-Verfahren hergestellt wesentlich umweltschonender und moderner. Die Kapazitäten sollen dort künftig erhöht werden. (Von Mirko Braunheim)

taz

CBG Redaktion

11.2.2006, taz, DOMINIC JOHNSON

Wettbewerb auch mit vorgehaltener Waffe

Kongos Geschäft mit Tantal- und Zinnerzen floriert. Wie Ostkongos Mineralienhandel über Ruanda funktioniert

An einer Hauptstraße im ruandischen Gisenyi, wenige Minuten Autofahrt vom wichtigsten Grenzübergang zur Demokratischen Republik Kongo entfernt, liegt das Fabrikgebäude der „Metal Processing Association“. Hinter weißen Mauern wird gehämmert, Dampf steigt auf, zuweilen sind selbst am Wochenende die Schmelzöfen an. Hier landet das wertvollste Exportgut, das der kriegsgeschüttelte Osten der Demokratischen Republik Kongo derzeit zu bieten hat: Zinnerz.

Mehrere tausend Tonnen Zinn jährlich kommen über die kongolesische Grenzstadt Goma nach Ruanda und werden in der MPA-Fabrik für den Weiterexport verarbeitet. Das südafrikanische Unternehmen MPA ist mit seiner kongolesischen Filiale MPC Hauptabnehmer des Erzes, das im Kongo „Cassiterit“ heißt. Cassiterit findet sich in Ostkongos Minen gemeinhin dort, wo auch Coltan, ein Tantalerz, aus dem Kondensatoren für Mobiltelefone und andere hochtechnologische Anwendungen hergestellt werden, abgebaut wird. Aus dem Export von Coltan über Ruanda und Uganda finanzierten sich während des Kongokrieges alle lokalen Kriegsparteien.

Zeitweise waren Deutsche führend im Geschäft - der Geschäftsmann Karl-Heinz Albers und der Tantalverarbeiter H. C. Starck, Tochterunternehmen von Bayer. Heute hat Albers Konkurs angemeldet, Starck kauft kein kongolesisches Tantal mehr. Preise und Produktion fielen jeweils auf ein Zehntel des Spitzenniveaus von 2001.

Das heißt nicht, dass Mineralienexporte aus Ostkongo uninteressant geworden sind. Nach Angaben der Provinzregierung von Nordkivu in der Provinzhauptstadt Goma exportierte die Provinz 2003 26 Tonnen Mineralien, 2004 42 Tonnen und im ersten Halbjahr 2005 23 Tonnen. Führend im Coltanexport aus Goma ist Edouard Mwangachuchu, ein Kongolese der ruandischsprachigen Ethnie mit guten Verbindungen nach Ruanda. Seine Firma MHI hat nach und nach sämtliche lokale Konkurrenten aus dem Markt gedrängt. Nun aber strömen Mineralienhändler aus Kongos Hauptstadt Kinshasa nach Goma - ein Ergebnis des Friedensprozesses im Kongo.

Im Krieg lag der Mineralienexport aus Ostkongo nach Ruanda in den Händen lokaler Geschäftsleute - im Frieden ist das Spiel für alle offen. Dies verschärft den Wettbewerb, und dieser Wettbewerb wird auch mit der Waffe ausgetragen. Machtkämpfe zwischen verschiedenen Fraktionen des kongolesischen Militärs oder zwischen Armee und Milizen im Ostkongo drehen sich immer auch um die Kontrolle von Handelsrouten.

Deutlicher noch als bei Coltan wird dies bei Cassiterit, dessen Export in jüngster Zeit noch viel stärker boomte als der von Coltan. Nordkivu führte 2003 939 Tonnen des Zinnerzes aus, 2004 bereits 4.672 Tonnen und im ersten Halbjahr 2005 2.091 Tonnen. In den ersten Jahren war die mit Ruanda liierte südafrikanische MPC Hauptexporteur, im Jahr 2005 kam aus Kinshasa „Sodex Mines“ hinzu. Dies war eine Folge erbitterter Kämpfe, die 2004/5 um Coltan- und Cassiteritvorkommen in den Regenwäldern um Walikale in Nordkivu ausbrachen und den Handel zeitweise von Goma auf andere Städte umlenkten. Die ökonomische Begleiterscheinung des kongolesischen Friedensprozesses ist die Herausbildung einer schmalen Elite aus mächtigen Militärs und Geschäftsleuten aller früheren Lager, die die Märkte unter sich aufteilen oder sich eben untereinander bekämpfen.

Denn alle Bergbaukonzessionen im Ostkongo wurden während der Kriegsjahre mehrfach an rivalisierende ausländische Partner vergeben. Weil diese heute alle unterschiedliche Freunde in Kongos Allparteienregierung in Kinshasa haben, ist es unmöglich, zu klären, welcher Eigentumstitel heute gültig ist und welcher nicht. Man kann aber vor Ort Fakten schaffen.

Um die riesigen Gold- und Zinnkonzessionen der „Société Minière et Industrielle du Kivu“ (Sominki) im Landesinneren, potenziell das wichtigste Bergbaugebiet der Region, streiten sich beispielsweise vier Parteien: die kanadische Goldfirma Banro, der ein US-Gericht 2001 die Konzession zusprach; die südafrikanische MPC, die gleichzeitig von den RCD-Rebellen Rechte erhielt; die kongolesische Staatsfirma Somico (Sociète Minière du Congo), die den Zuschlag 1998 von Kinshasa bekommen hatte und deren Vertreter heute vor Ort mit ruandischen Hutu-Milizen zusammenarbeiten; und lokale Händler des ursprünglichen Betreibers Sakima (Société Aurifère du Kivu et Maniéma), die zwar offiziell aufgelöst ist, aber noch eine Firmenzentrale vor Ort hat. Leidtragende dieser Situation sind die Schürfer, die Gold und Cassiterit aus dem Boden holen und dann der Willkür von Zwischenhändlern ausgeliefert sind.

Doch egal, wer die Erze im Ostkongo abbaut und verkauft - sie landen in der MPA-Schmelze in Gisenyi oder bei anderen ostafrikanischen Handelspartnern, die über Dubai nach Asien weiterverkaufen. Daran ist nichts Illegales - sofern die Gesetze eingehalten werden. Ostkongo ist ökonomisch mit Ostafrika verwoben, nicht mit dem Rest des eigenen Landes, denn dieser ist nur auf dem Luftweg erreichbar. Der Mineralienhandel ist da keine Ausnahme. Rivalitäten in Ostkongos Minengeschäft beziehen sich daher darauf, wer die Vormacht im Export nach Ruanda bekommt - es geht nicht darum, Ruanda als Handelspartner überhaupt in Frage zu stellen.

UN-BERICHT ZUM KONGO: MINERALIENEXPORTE FÜR WAFFENIMPORT

Ein unveröffentlichter Bericht einer Expertengruppe der Vereinten Nationen zum illegalen Waffenhandel mit dem Kongo stellt Verbindungen mit dem staatlichen Mineralienhandel fest und spricht von einer „neuen Phase des Krieges“. Vorwürfe gehen auch in Richtung Deutschland

Mineralienexporte aus der Demokratischen Republik Kongo dienen weiterhin zur Finanzierung von Waffenimporten - trotz Waffenembargos. Und es geschieht auch dann, wenn Bergbaugebiete in Kongos Kriegsgebieten unter reguläre staatliche Autorität geraten. Dies ist die Kernaussage eines neuen UN-Untersuchungsberichts zur Einhaltung des Waffenembargos gegen den Kongo, der dem UN-Sicherheitsrat vertraulich zugeleitet wurde und der taz vorliegt.

Laut dem Bericht kommen weiterhin Waffen über Libyen, Ägypten oder Sudan in das Afrika der Großen Seen oder direkt in den Kongo. Es gibt im Ostkongo keine Luftraumüberwachung. Die UN-Experten kritisieren, dass Kongos im Aufbau befindliche neue Regierungsarmee FARDC der UN-Mission im Kongo rechtswidrig Kontrollen ihrer Flugzeuge und Hubschrauber verweigert. Die FARDC ist zwar vom Waffenembargo gegen Kongo ausgenommen, doch kann so nicht kontrolliert werden, ob ihre Ausrüstung - die teils aus Nato-Beständen stammt - nicht in falsche Hände gerät. Es würden geheime Waffenarsenale „von Offiziellen in verantwortlichen Positionen angelegt“, so die Experten.

Der Bericht konstatiert weiterhin eine „neue Phase des Krieges um die Reichtümer des Kongo“: „Lokale Machthaber, gegenwärtige oder zukünftige Kriegsherren, Milizen oder kriminelle Vereinigungen usurpieren die wirtschaftliche Kontrolle, indem sie traditionelle Regierungsstrukturen nachbilden. Illegale Gruppen reißen Macht an sich, indem sie Einzelpersonen als Quasiregierungsvertreter einsetzen, die dann Steuern und Gebühren erheben. Dank einem regulären Einnahmestrom können sich diese Gruppen festigen.“

Die Goldminen von Mongbwalu im nordostkongolesischen Distrikt Ituri, die Uranmine Shinkolobwe in Kongos Südprovinz Katanga sowie die bis 2004 deutsch geführte Niobium-Mine Lueshe in der ostkongolesischen Provinz Nordkivu sind die drei Beispiele, an denen die UN-Experten dies ausführen. Alle drei kamen im Rahmen der laufenden Reformen des kongolesischen Bergbaus unter neue Verwaltung, aber die reale Kontrolle über den Handel mit den jeweiligen Produkten sei gerade dadurch an mutmaßliche Kriegsfinanzierer übergegangen.

In Mongbwalu schaffte es die für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortliche Miliz FNI, deren Führer heute strafrechtlich verfolgt werden, Schlüsselposten der für die Mine zuständigen kongolesischen Staatsbehörde Okimo (Office de Kilo-Moto) mit eigenen Leuten zu besetzen, als diese wieder in die Mine einzog. Heute kontrolliert zwar Kongos Regierungsarmee die Mine - doch „ein paar unterernährte, irregulär bezahlte Soldaten, die Goldberge bewachen, sind keine effektive Abschreckung gegen Plünderer“, so der Bericht.

In Lueshe übernahmen Geschäftsleute aus der Provinzhauptstadt Goma die Kontrolle über den Handel mit dem Exportprodukt Pyrochlor, nachdem der bisherige deutsche Manager Karl-Heinz Albers wegen eines Schuldenstreits die Betreiberfirma Somikivu (Société Minière du Kivu) an seine lokalen Partner abgab. Den neuen Herren werden Verbindungen zu des Waffenschmuggels verdächtigten lokalen Organisationen im Umfeld der Provinzregierung nachgesagt. Der neue Firmenchef Modeste Makabuza habe nach eigenen Angaben 20 Tonnen Pyrochlor im Wert von 100.000 US-Dollar exportieren können. Die UN-Experten kritisieren in diesem Zusammenhang eine „unsägliche Wahrnehmung der Eigentümerverpflichtungen“ durch die Bundesregierung und den deutschen Somikivu-Mehrheitseigner GfE (Gesellschaft für Elektrometallurgie).

Die Feststellungen der UN-Experten über Shinkolobwe erregen am meisten Besorgnis. Aus der eigentlich 2004 geschlossenen Mine, aus der das Uran für die Atombombe von Hiroshima kam, würden weiterhin Mineralien exportiert - nur eben unter Regierungsaufsicht. Das staatlich beauftragte Prüflabor für die Erze arbeite so schlecht, dass afrikanische Transitländer darin „geschmuggelte Mineralien mit unakzeptabel hoher Radioaktivität“ entdeckt hätten. Sie mussten die Internationale Atomenergiebehörde einschalten.

Der Wiederaufbau staatlicher Strukturen im Kongo löst also die Probleme des Bergbaus, wichtigster Wirtschaftszweig des Landes, nicht. In diesem Zusammenhang ist auch die Warnung des entwicklungspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Christian Ruck, zu verstehen, der am Dienstag in Berlin sagte, die Reichtümer des Kongo würden „von Somalia bis Kasachstan zur Finanzierung von Dingen verwendet, die gegen unsere Sicherheitsinteressen sind“. Die UN-Experten fordern nun, Herkunftsnachweise für Kongos Mineralien zu entwickeln, wie es sie bereits für Diamanten gibt.

Trasylol

CBG Redaktion

8. Februar 2006

US-Behörde FDA warnt vor „Trasylol“ von Bayer

Die Warnung der FDA im Wortlaut / US-Anwälte bereiten Sammelklage gegen BAYER vor

Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat nun offiziell vor möglichen Nebenwirkungen des Medikamentes „Trasylol“ der Bayer AG gewarnt. Die Behörde wies Ärzte und Patienten darauf hin, dass das bei Herzoperationen eingesetzte Medikament in zwei wissenschaftlichen Veröffentlichungen mit einem höheren Risiko von Nebenwirkungen in Verbindung gebracht werde. Zu ihnen gehörten Nierenprobleme, Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Die Behörde untersuche jetzt das Sicherheitsprofil der Arznei im Licht der jüngsten Veröffentlichungen und prüfe, ob weitere Maßnahmen nötig seien, hieß es. In der Zwischenzeit sollten Vorteile und Risiken der Arznei sorgfältig abgewogen werden.

Medikamenteneinsatz „nicht weise“

Die Stellungnahme der FDA kommt nicht überraschend, denn Ende Januar hatte die Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ eine Untersuchung zitiert, der zufolge durch Trasylol das Risiko von Nierenversagen, Herzinfarkt und Schlaganfall steigt. Nach Einschätzung der Autoren der Studie ist es nicht „weise“, dass Mittel weiter einzusetzen. Generische Medikamente seien eine sicherere und günstigere Alternative. Mit Trasylol wird der Blutverlust bei Operationen am offenen Herzen verringert.

Für Bayer könnte die Warnung teuer werden. Alleine in den ersten neun Monaten 2005 hatte der Pharmakonzern mit dem Mittel 164 Mio Euro umgesetzt, rund 35 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Bedeutung des Medikamentes ist jedoch größer als sich an dieser Umsatzzahl allein abschätzen lässt, denn Bayer rechnet auch künftig mit jährlich zweistelligem Umsatzwachstum und will den Einsatz auf weitere Indikationen erweitern. So soll Trasylol künftig auch bei Hüft- und Wirbeloperationen sowie bei Krebsoperationen eingesetzt werden.

Zudem ist es nicht das erste Mal, dass sich Bayer um einen Blockbuster sorgen muss. 2001 musste das Unternehmen das Cholesterinmittel Lipobay wegen möglicherweise tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen. Bayer zahlte 1,1 Mrd. Dollar für außergerichtliche Vergleiche. Zudem warnte die US-Gesundheitsbehörde erst kürzlich vor einem erhöhten Risiko von Herzproblemen beim Bayer-Medikament Naproxen. (Quelle: n-tv)

Artikel "Todesfälle durch TRASYLOL: BAYERs neuer Pharma-GAU

[Kunst g. Konzerne] Kunst gegen Konzerne

CBG Redaktion

Vernissage: 3. Februar, 19 Uhr, fiftyfifty-Galerie Düsseldorf

Der Maler und Bildhauer B e r n d E n g b e r d i n g hat der Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ das Werk „Anbetung des Mammon“ gestiftet.

Die Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ wurde von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) zusammen mit bekannten KünsterInnen wie Natalie Bertrams, Otto Piene und Peter Royen ins Leben gerufen. Die KünstlerInnen verleihen mit ihren Mitteln ihrem konzernkritischen Engagement Ausdruck und solidarisiern sich zugleich mit der CBG, indem Sie ein oder mehrere Werk(e) stiften. Die Erlöse fließen ohne jeden Abzug direkt in die Arbeit der Coordination.

Am 3. Februar (19 Uhr) wird in Düsseldorf, Jägerstr. 15 in der fiftyfifty-Galerie eine Ausstellung von Bernd Engberding eröffent. Die Schau bleibt bis zum 17. März für alle KunstliebhaberInnen geöffnet. Es spielen die „boogaloo horns“ und das Trio N. Hein, P. Brandecker und S. Lutzer. es gibt ein köstliches italienisches Vorspeisenbuffet mit Chianti, Soave und Wasser.

Bernd Engberding (Jahr 1951) stellt besonders strenge Ansprüche an sich und seine Arbeit und tritt seiner gesamten Umwelt und ihren vielfältigen, historisch geprägten Verästelungen mit vorurteilsfreier Neugier und Offenheit gegenüber.

In Engberdings Motivwahl setzt sich die unauflösbare Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart konsequent fort. Das Nebeneinander und Übereinander von Archaischem, Mythologischem und symbolhaften Kürzeln oftmals naturwissenschaftlicher Herkunft bringt nicht nur die stets bedrohlicher werdende Disparatheit von spirituellem Anspruch einerseits und „instrumenteller Vernunft“ (Max Horkheimer) andererseits zum Ausdruck, sondern es wird hier auf selber symbolhafter Weise ein Fundus verbildlicht, der danach verlangt, als zusammengehörig wahrgenommen zu werden und so vielleicht eine undogmatische Weltreflexion zu befördern, die wieder den Namen „Naturphilosophie“ verdient.

Das Herstellungsverfahren der Kunst von Bernd Engberding ist kunstgeschichtlich einmalig: Öl-Holzdrucke liefern farblich brillante Ergebnisse. In seinen Werke verarbeitet der Künstler alte Schriftzeichen und archetypische Symbole.

Wer nicht in die Galerie kommen kann, findet Bernd Engberding und die gesamte Edition ‚Kunst gegen Konzerne‘ auch im Internet unter www.kunstgegenkonzerne.de

Das Werk „Anbetung des Mammon“ kann auch direkt hier bestellt werden: info@cbgnetwork.org.
Jedes Bild ist ein Unikat, hergestellt als farbiger Öl-Holzdruck, 24 x 30 cm. Das Motiv ist limitiert. Alle Bilder sind handsigniert.
Nur 150 €. Bestell-Nr. 7 000 010

[Turnhalle Lev] Turnhallen-Neubau Leverkusen

CBG Redaktion

Die Grünen Leverkusen, Fraktion
Presseerklärung vom 1. Februar 2006

Zum Turnhallen-Neubau in Leverkusen

Unverantwortlich finden wir die Überlegungen von Herrn Meinolf Sprink zum Bau einer neuen Sporthalle als Ersatz für die Dopatkahalle. Dabei den Verkauf städtischer Grundstücke für die Finanzierung mit ins Kalkül zu beziehen, finden wir nur noch dreist.

Die Bayer AG entzieht sich in Leverkusen jeder Verantwortung. Sie baut Arbeitsplätze in allen Sparten ab und zahlt seit Jahren keinen Cent Gewerbesteuer.

Es sei ihnen versichert: die Politiker haben Albträume angesichts des riesigen Schuldenbergs, der auf der Stadt lastet. Wir können nur noch zwischen Scylla und Charybdis entscheiden, wenn es um die Kürzung von Mitteln geht. Bewährte soziale Einrichtungen müssen wegen fehlender finanzieller Mittel der Stadt ihre Arbeit einschränken oder gehen ganz den Bach runter.

Und dann kommt Bayer und schlägt den Verkauf eines städtischen Grundstückes zur Finanzierung einer neuen Sporthalle vor: mit uns nicht!

Wenn der größte Sportverein Leverkusens eine neue Halle will: soll er sie doch selbst bauen, auf eigenem Grundstück und mit eigenem Geld!

Mit der von uns seit Jahren geforderten Schließung der kostenintensiven Dopatkahalle sind wir allerdings sehr einverstanden.

Kölner Stadt-Anzeiger, 02.02.06

„Bayer entzieht sich jeder Verantwortung“

Hinter den Kulissen laufen intensive Gespräche in Leverkusen um eine neue Sportstätte zu errichten, erste Konzepte dazu scheinen auf dem Tisch zu liegen, da rührt sich bereits heftiger Widerstand. Die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen ist zwar „mit der von uns seit Jahren geforderten Schließung der kostenintensiven Wilhelm-Dopatka-Halle sehr einverstanden“, nicht aber mit den „Überlegungen von Herrn Meinolf Sprink zum Bau einer neuen Sporthalle“.
„Dabei den Verkauf städtischer Grundstücke für die Finanzierung mit ins Kalkül zu ziehen finden wir nur noch dreist“, heißt es in einer offiziellen Erklärung der Leverkusener Grünen. Und weiter: Die Bayer AG entziehe sich in der Stadt jeder Verantwortung, baue Arbeitsplätze in allen Sparten ab und zahle seit Jahren keinen Cent Gewerbesteuer.
„Es sei ihnen versichert: die Politiker haben Albträume angesichts des riesigen Schuldenbergs, der auf der Stadt lastet. Wir können nur noch zwischen Scylla und Charybdis entscheiden, wenn es um die Kürzung von Mitteln geht. Bewährte soziale Einrichtungen müssen wegen fehlender finanzieller Mittel der Stadt ihre Arbeit einschränken oder gehen ganz den Bach runter. Und dann kommt Bayer und schlägt den Verkauf eines städtischen Grundstücks zur Finanzierung einer neuen Sporthalle vor: mit uns nicht. Wenn der größte Sportverein Leverkusens eine neue Halle will, soll er sie doch selbst bauen, auf eigenem Grundstück und mit eigenem Geld“, so die Grünen. (ksta)

Sportler träumen von einer neuen Arena

Die Wilhelm-Dopatka-Halle hat ihre besten Zeiten hinter sich. Spätestens 2010 soll Ersatz her.
VON GÜNTER MÜLLER, 01.02.06, Kölner Stadt-Anzeiger

Die langen Volleyballerinnen des TSV Bayer 04 machen in der neuen Arena zu Leverkusen vor 2500 faszinierten Besuchern kurzen Prozess mit dem gegnerischen Damenteam. Anschließend zaubern die spielstarken Handballerinnen des größten Sportvereins der Stadt vor 3000 hin und her gerissenen Fans an gleicher Stätte. Und zum Abschluss eines außergewöhnlichen Sporttages versenken die endlich wieder gigantischen Bayer-Korbjäger vor 4000 begeisterten Zuschauern einen Ball nach dem anderen im gegnerischen Korb. Es darf geträumt werden, im Lager der Bayer-Sportler.
Geht es nämlich nach dem Willen wichtiger Entscheidungsträger, könnte sich unsere Stadt in absehbarer Zeit mit einer für Ballsportarten ausgerichteten neuen Arena schmücken. Schließlich soll, so der Ratsbeschluss, die von den Bayer Giants als Spiel- und Trainingsstätte sowie von der Stadt für diverse andere Veranstaltungen genutzte Wilhelm-Dopatka-Halle spätestens im Jahr 2010 der Abrissbirne zur Verfügung stehen. Es sei denn, es findet sich ein Investor, der die in den 70er Jahren gebaute Spielstätte mitsamt dem Grundstück erwirbt. Die Haberland-Halle, dort spielen die Handballerinnen von Bayer 04, und die Spielstätte der Volleyballdamen im Schulzentrum Ophoven versprühen zwar eigenen Charme, sind aber in die Jahre gekommen und entsprechen nicht internationalem Standard.
Auf jeden Fall sollen die Leverkusener Korbjäger die Dopatka-Halle solange nutzen können, bis es Ersatz gibt. Niemand werde vor die Tür gesetzt, erklärte Helga Roesgen. Die Beigeordnete der Stadt Leverkusen für Kultur, Schulen, Jugend und Sport weiß allerdings zu genau, dass die Stadt eine Leistung in Form einer neuen Halle nicht erbringen kann: „Das ist ja klar. Wir haben kein Geld.“
Genau aus diesem Grund haben einflussreiche Menschen aus Verwaltung und Politik sowie von Bayer 04 und der Bayer AG bereits ihre schlauen Köpfe zusammengesteckt und nicht nur erste Gedanken ausgetauscht, sondern bereits Konzepte entwickelt. Zu ihnen gehört Meinolf Sprink, der Sportbeauftragte der Bayer AG. Der hat gehört, dass allein für die nötige PCB-Sanierung der Dopatka-Halle die nicht unerhebliche Summe von 2,5 Millionen Euro aufgebracht werden müsste. Der gleiche Betrag fiele an, um die Arena auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Macht rund fünf Millionen Euro. Für solche Investitionen dürfte auch die Politik kaum zu begeistern sein.
Der Bau einer modernen Halle, die für verschiedene Ballsportarten, möglicherweise auch für Aktivitäten rund um den Schulsport und die einer oder andere gesellschaftliche Veranstaltung genutzt werden und zwischen 3000 und 4000 Besuchern fassen kann, sei, so Sprink, mit Kosten in Höhe von rund zehn Millionen Euro verbunden. Aber, wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld? „Leverkusen ist eine Stadt mit großer sportlicher Bedeutung und die Bayer AG zeigt seit vielen Jahren großes Engagement im Sportbereich. Auch unter diesem Aspekt haben wir mit Bund und Land über entsprechende Fördermittel gesprochen“, erklärte Meinolf Sprink.
Ergebnis: Es sei durchaus denkbar, in den Jahren 2007 bis 2009 in den Genuss öffentlicher Gelder zu kommen. Vorausgesetzt, man könne ein entsprechendes Finanzierungspaket präsentieren. In dem Zusammenhang werde natürlich die Frage gestellt, was tut die Stadt. Das sei, so Sprink, ein ganz wichtiger Punkt. Angesichts leerer Kassen könnte beispielsweise der Erlös eines möglichen Verkaufs jenes Grundstücks an der Bismarckstraße, auf der die Dopatka-Halle (noch) steht, in die Finanzierung einfließen.
Wie zu hören war, beschäftigt sich auch die Bayer Fußball GmbH mit dem offenbar interessanten Standort gegenüber der BayArena. Im Falle eines Stadionausbaus könnten dort zusätzliche Parkflächen - auch in Form eines Parkhauses - für einen erlauchten Besucherkreis der Bundesligaspiele entstehen. Für den Bau einer neue Halle wird das Areal neben der Grünewald-Halle an der Tannenbergstraße - erforderliche Leitungen und Anschlüsse sind dort vorhanden - ebenso wenig ausgeschlossen wie das Gelände am Kurtekotten, zumal dort ausreichend Parkraum zur Verfügung steht.
Seinen Favoriten in der Standortfrage mochte Meinolf Sprink zwar nicht nennen, der Sportbeauftragte der Bayer AG wies aber daraufhin, dass „wir jetzt unsere Hausaufgaben machen und das Signal in Richtung Bund und Land geben müssen.“ Bleibt abzuwarten, ob die Ampel für den Bau einer neuen Sporthalle in Leverkusen auf Grün gestellt werden kann. Immerhin, es darf weiter geträumt werden.

Trasylol

CBG Redaktion

Jan 29, 2006

Der Spiegel: Drei große Herzzentren prüfen Verwendung von Trasylol

Nach der Veröffentlichung einer negativen Studie zu dem Bayer-Hoffnungsträger Trasylol prüfen einem Magazinbericht zufolge drei große deutsche Herzzentren den Einsatz des Mittels. Das Medikament verdoppelt der in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten Studie zufolge das Risiko eines Schlaganfalls oder Nierenversagens.

„Ehe Bayer nicht die Sicherheit des Präparates in einer neuen Studie bewiesen hat, sollte Trasylol nicht mehr eingesetzt werden“, sagte der Direktor des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Peter Sawicki, dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ laut Vorabbericht. „Die Ergebnisse der Studie scheinen zu stimmen“, sagte Bruno Reichart, Herzchirurgie-Chef in München-Großhadern. Roland Hetzer vom Deutschen Herzzentrum wies dem Magazin zufolge darauf hin, dass auf den Einsatz von Trasylol ohne weiteres verzichtet werden könne, zumal es teuerer als vergleichbare Präparate sei. Ein Bayer-Sprecher bekräftigte am Samstag, dass der Konzern die Studie genau prüfen wolle. „Wir haben es gerade erst geschafft, die Autoren der Studie zu erreichen und versuchen, von ihnen die Daten zu bekommen“, sagte er.

Mit Trasylol hatte Bayer 2004 einen Umsatz von 171 Millionen Euro erzielt. Es wird vor allem zur Reduzierung des Blutverlusts bei Herzoperationen eingesetzt. Die Leverkusener hatten jüngst einen Vorstoß unternommen, das Medikament auch auf die Anwendung für operative Versteifung der Wirbelsäule zu prüfen. Bayer hatte die Erwartung an den Spitzenumsatz des Mittels daraufhin auf mehr als 500 Millionen Euro angehoben.


26. Januar 2006

US-Wissenschaftler: Trasylol von Bayer erhöht Risiko von Nierenversagen und Schlaganfall

Das bei Herzoperationen eingesetzte Bayer-Medikament Trasylol verdoppelt einer Studie zufolge das Risiko, einen Schlaganfall oder Nierenversagen zu erleiden. Zusätzlich steige das Risiko einer Herzattacke oder eines Herzversagens bei Einnahme des Medikaments um 55 Prozent, hieß es in einer Studie, die in der neuen Ausgabe der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde. Weil zwei Alternativmedikamente die gleiche Wirkung ohne derartige Risiken erzielten und zudem wesentlich billiger seien, wäre ein weiterer Einsatz des Bayer-Medikaments unklug, lautete das Fazit der Studie. Trasylol wird vor allem zur Verringerung des Blutverlusts bei Herzoperationen eingesetzt. 2004 kam Bayer mit dem Präparat auf einen Umsatz von 171 Millionen Euro.

Bayer erklärte, gerade erst von den Ergebnissen erfahren zu haben. Man brauche Zeit, die Studie zu prüfen. Die Resultate stimmten aber nicht mit in über 15 Jahren gesammelten klinischen Daten und Erfahrungen mit dem Medikament überein. Trasylol sei an fast 6500 Herzpatienten weltweit in mehreren klinischen Studien geprüft worden. In diesen Studien seien keine derartig erhöhten Raten an Nierenversagen, Herzinfarkten oder Schlaganfällen oder Gehirnschädigungen beobachtet worden. Bayer wolle die Autoren der Studie kontaktieren, um die Details der Untersuchung zu besprechen. Bayer habe auch die Zulassungsbehörden informiert. Bayer hatte jüngst einen Vorstoß unternehmen, die Anwendung von Trasylol auszuweiten. Erst im Dezember hatte der Konzern angekündigt, einen Einsatz auch in Fällen operativer Versteifung der Wirbelsäule zu prüfen.

STUDIENAUTOR SPRICHT VON „ERNSTER SITUATION“
Für einen der Hauptautoren der Studie, Dennis Mangano von der Ischemia Research und Education Foundation im kalifornischen San Bruno, sind die Ergebnisse klar. „Das ist eine ernste Situation“. Die Frage sei, wie Kliniken und Aufsichtsbehörden darauf reagierten. Zumindest sollten Ärzte Patienten über die von Trasylol ausgehenden Risiken hinweisen und darauf, dass sichere Alternativmedikamente zu haben seien, forderte Mangano. „Das ist ein 600-Millionen-Dollar-pro-Jahr-Medikament. Es hätte ein Blockbuster für sie sein können“, fügte er mit Blick auf Bayer hinzu. Bayer hatte die Erwartung für den Spitzenumsatz mit Trasylol kürzlich auf über 500 Millionen Euro angehoben.
Zwei in der Studie ebenfalls untersuchte Medikamente, die als Generika verfügbar sind, hätten keine derartigen Risiken aufgewiesen: der Wirkstoff Aminocapronsäure, der auch unter dem Markennamen Amicar bekannt ist, und Tranexamsäure, auch unter dem Produktnamen Cyklokapron bekannt. Die Forscher wiesen auch darauf hin, dass eine Dosis Trasylol 1300 Dollar koste, während Amicar nur 11 und Cyklokapron 44 Dollar koste.

MEHR ALS 4300 PATIENTEN UNTERSUCHT
Für die Studie wurden 4374 Patienten untersucht, die sich in weltweit 69 Krankenhäusern einer Bypass-Operation unterzogen. Der Studie zufolge hatten mit Trasylol behandelte Patienten ein 259 Prozent höheres Risiko eines Nierenversagens als Teilnehmer einer Kontrollgruppe, die nicht mit den Medikamenten behandelt wurden. Das Risiko eines Schlaganfalls sei 181 Prozent höher.
Mangano und seine Kollegen schätzen, dass jedes Jahr 11.050 Menschen weltweit einer Nierendialyse entgehen könnten, sollte Trasylol durch Aminocapronsäure ersetzt werden. Es könnten dadurch mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr gespart werden. Würde Tranexamsäure eingesetzt, könnten 9790 neue Dialysefälle im Jahr vermieden werden.

Gen-Mais

CBG Redaktion

PRESSEMITTEILUNG vom 23.01.2006
Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft Berlin-Brandenburg

Monsanto, Pioneer, Bayer: Erneut Anbau von Gen-Mais in Brandenburg geplant

Bisher 25 Felder mit insgesamt 560 Hektar gemeldet

Auch im Jahr 2006 planen Bauern in Brandenburg den Anbau von gentechnisch veränderten Maispflanzen. Im Standortregister des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) waren bis zum 22. Januar etwa 560 Hektar an 25 verschiedenen Standorten angemeldet. Brandenburg nähme somit, wie im vergangenen Jahr, die traurige Spitzenreiterrolle im bundesweiten Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ein.

Thomas Janoschka, Sprecher des Aktionsbündnisses für eine gentechnikfreie Landwirtschaft in Berlin und Brandenburg, erklärt dazu: „Der Anbau von Gen-Mais ist mit vermeidbaren Risiken für Umwelt und Gesundheit verbunden. Der gentechnikfreien Landwirtschaft und dem Tourismus in Brandenburg wird unnötiger Schaden zugefügt. Wir fordern alle Landwirtschaftsbetriebe in Brandenburg auf, auf den Anbau genmanipulierter Pflanzen zu verzichten.“

Die bisher angemeldeten Felder liegen vor allem im Landkreis Märkisch-Oderland: Strausberg, Prötzel, Wölsickendorf, Neutrebbin, Neureetz, Gusow, Seelow und Lebus. Hinzu kommen Felder in Liebenwalde, Herzberg und Dahnsdorf. Eine Übersicht findet sich im Internet unter: www.standortregister.de

Bei dem Gen-Mais handelt es sich mit einer Ausnahme um den Bt-Mais 810 der Gentechnikkonzerne Monsanto und Pioneer. Als Händler tritt vor allem die Märkische Kraftfutter (Märka) auf, die ihren Hauptsitz in Eberswalde hat. Im Bt-Mais ist das Gen eines Bakteriums eingebaut, so dass der Mais ein eigenes Insektenvernichtungsmittel gegen den Fraßschädling Maiszünsler produziert.

In einer Untersuchung mit diesem Mais konnte gezeigt werden, dass die gentechnisch veränderte Erbsubstanz (DNA) bei Ferkeln nicht vollständig im Magen und Darm abgebaut wird. Fragmente davon fanden sich im Blut und in verschiedenen Organen. Außerdem konnte in Forschungen mit diesen Sorten gezeigt werden, dass es bei Trauermückenlarven (wichtiger Nützling für die Landwirtschaft) zu deutlichen Wachstumsverzögerungen kommt. Die Larven hatten den Pollen von MON 810-Mais mit ihrer Nahrung aufgenommen.

Eine zweite Sorte mit einer Toleranz gegen die Herbizide Basta und Liberty (Wirkstoff: Glufosinat-Ammonium) soll aus Forschungszwecken in Dahnsdorf bei der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) zum Einsatz kommen. Diese stammt von der deutschen Firma Bayer CropScience und wird auch unter Bezeichnung T 25 geführt.

Die so genannte Koexistenz von gentechnisch veränderten und herkömmlichen Sorten ist in der Praxis der deutschen Agrarstruktur nicht möglich. Werden die Pflanzen erst einmal angebaut, so ist eine unkontrollierte Verbreitung kaum noch zu verhindern: Bei Mais haben sich in der Vergangenheit verschiedene Fälle von Kontaminationen konventioneller und ökologischer Waren ereignet. Erst im vergangenen Jahr war mit gentechnisch verändertem Material verunreinigtes Mais-Saatgut auf Feldern in Süddeutschland ausgebracht worden, die Felder mussten untergepflügt werden. Der weltweit größte Fall einer Kontamination, als Starlink-Fall bekannt, führte in den USA zum Rückruf von mehr als 300 verschiedenen Lebensmittel-Produkten. Die nur als Tierfutter zugelassene Sorte wird noch heute als Verunreinigung gefunden, obwohl sich der eigentliche Fall in den Jahren 2000/2001 ereignet hatte. Ein besonderes Problem stellt der Gen-Mais für die ImkerInnen da. Da die Bienen den Mais anfliegen, kommt es zu Verunreinigungen von Honig und Pollen. Der Anbau von Gen-Mais gefährdet die Existenz vieler Landwirtschafts- und Imkereibetriebe.

„Fast alle Landwirte in Brandenburg, die vom Maiszünsler betroffen sind, bekämpfen ihn mit biologischen und konventionellen Methoden, wie Fruchtwechsel, Unterpflügen der Maisstoppeln oder dem Einsatz von Schlupfwespen“, sagt Thomas Janoschka. „Daran sollten sich auch die Landwirte ein Beispiel nehmen, die mit dem Einsatz von Gen-Mais liebäugeln.“

In Brandenburg werden 9,3% der landwirtschaftlichen Flächen von Biobauern bewirtschaftet, so viel wie nirgendwo sonst in Deutschland. Interessenkonflikte sind vorprogrammiert. Öl ins Feuer schüttet der brandenburgische Präsident des Deutschen Bauernverbandes Udo Folgart, der sich für die Gentechnik stark macht und die neue Politik von Landwirtschaftsminister Seehofer ausdrücklich begrüsst. Die Interessen von Monsanto stehen für Folgart offenbar über denen der Biobauern und der konventionellen Landwirte!

„Auf keinen Fall werden wir dem Anbau der genmanipulierten Pflanzen tatenlos zusehen“, sagt Thomas Janoschka. „In den nächsten Wochen werden wir mit den betreffenden Landwirten sprechen. Aber wir werden uns auch an die Nachbarschaftsbetriebe, die GemeindevertreterInnen und die VerpächterInnen der Felder wenden. Und natürlich werden wir uns mit phantasievollen Aktionen an die Öffentlichkeit wenden. Noch ist der Gen-Mais-Anbau zu verhindern.“ Die Erfahrungen des letzten Jahres zeigen, dass nicht alle angemeldeten Flächen später auch mit dem Gen-Mais bestellt werden. 2005 waren von ursprünglich fast 500 Hektar nur etwa 120 Hektar übrig geblieben.

Am 28. Januar findet von 11 bis 17:30 Uhr im Potsdamer Kulturhaus Babelsberg die Jahrestagung des Aktionsbündnisses für eine gentechnikfreie Landwirtschaft in Berlin und Brandenburg statt. Themen sind der Gen-Mais-Anbau, die Änderungen des Gentechnikgesetzes und die geplanten Aktionen im Jahr 2006.

Das Aktionsbündnis für eine gentechnikfreie Landwirtschaft in Berlin und Brandenburg setzt sich für den Erhalt der gentechnikfreien Landwirtschaft ein. Im Aktionsbündnis haben sich über 40 Organisationen und Unternehmen zusammengeschlossen. Es unterstützt Bäuerinnen und Bauern bei der Gründung gentechnikfreier Regionen. (www.gentechnikfreies-brandenburg.de)

Thomas Janoschka, Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft Berlin-Brandenburg
kontakt@gentechnikfreies-brandenburg.de
Tel.: 0162 / 398 798 2

Christof Potthof, Gen-ethisches Netzwerk e.V.
christof.potthof@gen-ethisches-netzwerk.de
Tel.: 030 / 685 80 30

Störfall Baytown

CBG Redaktion

Presseerklärung vom 20. Januar 2006

Tödlicher Unfall im BAYER-Werk Baytown/USA:

Ernsthafte Verstöße gegen Sicherheits-Bestimmungen

Die US-Arbeitsschutzbehörde Occupational Safety and Health Administration (OSHA) hat im BAYER-Werk Baytown „ernsthafte Verstöße“ gegen Sicherheitsbestimmungen festgestellt. Nach Aussage der OSHA hätte es aufgrund dieser Verstöße eine „hohe Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls oder ernsthafter körperlicher Schäden“ gegeben. Die Werksleitung „kannte die Risiken oder hätte diese kennen müssen.“

Am 18. Juni 2005 war im Werk Baytown die Dichtung eines Phenol-Behälters gerissen. Die Chemikalie wird in der Anlage als Vorprodukt des Kunststoffs Bisphenol A eingesetzt. Der 57-jährige Monteur Salvador Barba war von dem ätzenden Stoff direkt getroffen worden und kurz darauf gestorben. Die Untersuchungen der OSHA waren unmittelbar nach dem Unfall eingeleitet worden; BAYER wurde zweimal vorgeladen und erhielt eine Geldstrafe.

Jan Pehrke von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Seit Jahren wird die Belegschaft von BAYER ausgedünnt. Die ständig steigende Arbeitsbelastung der verbleibenden Mitarbeiter sowie Sparmaßnahmen in sicherheitsrelevanten Abteilungen sind für die meisten Störfälle bei BAYER verantwortlich. Wir fordern das Unternehmen auf, seiner Verantwortung für die Belegschaft und die Umwelt nachzukommen.“

Die OSHA legte in der vergangenen Woche einen Abschlussbericht vor. Demnach hatten „Unklarheiten in der schriftlichen Niederlegung der Arbeitsabläufe“ dazu geführt, dass ein Ventil des Behälters nicht geöffnet wurde. Hieraus resultierte ein Überdruck und das Platzen der Dichtung. Laut Untersuchungsbericht handelte es sich um den ersten Einsatz des betreffenden Systems, drei Beschäftigte waren an den Arbeiten beteiligt. Die OSHA setzte eine Frist bis zum 5. Januar, um die Missstände zu beseitigen.

Nur ein Jahr zuvor war es in Baytown zu einem Groß-Unfall gekommen. Ein Reaktor zur Produktion des krebserregenden Toluylendiamin (TDA) war geplatzt, die austretenden Stoffe entzündeten sich. Die Explosion war kilometerweit zu hören. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren hatte in einem Offenen Brief an die Landesregierung von Nordrhein Westfalen darauf hingewiesen, dass BAYER die Chemikalie TDA auch in NRW in der Nähe von Wohngebieten herstellt und die Produktion ein Risiko für die Bevölkerung darstellt.

Weitere Infos: Baytown Sun: Unclear procedures led to Bayer plant death

Beitrag Monitor

CBG Redaktion

19. Januar 2006

Der Fall Bayer: Der Weltkonzern und der Umgang mit Kinderarbeit

TV-Magazin Monitor dokumentiert Zustände bei indischen Bayer-Zulieferern

Beitrag anschauen

Tausende von Kinder werden von indischen Zulieferern großer Saatgut-Unternehmen ausgebeutet - darunter Konzerne wie Bayer, Monsanto und Syngenta. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren initiierte vor zwei Jahren eine Kampagne in Deutschland; zahlreiche Organisationen schlossen sich an. Der folgende internationale Druck führte dazu, dass sich Bayer zu seiner Verantwortung bekennen musste und ein Programm zur Ersetzung der Kinder durch erwachsene Arbeitskräfte startete.

Doch noch immer schuften hunderte Kinder bei Zulieferern des Konzerns. Die Arbeitsbedingungen der Kinder dokumentiert heute abend das TV-Magazin Monitor. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren fordert die Zahlung gerechter Löhne (zumindest der staatlichen Mindestlöhne), Wiedereinschulungsprogramme und eine ausschließliche Beschäftigung von Erwachsenen in der gesamten Produktionskette von Bayer.

Das vollständige Skript:

Der Fall Bayer: Der Weltkonzern und der Umgang mit Kinderarbeit

Anmoderation Sonia Mikich: „Bleiben wir bei der Arbeit. Wenn ein großes Unternehmen wie Bayer etwas produziert, zum Beispiel Saatgut, dann wird jeder einzelne Schritt genau kontrolliert, zum Beispiel, auf welcher Fläche das Saatgut hergestellt wird, welche Pestizide dabei eingesetzt werden dürfen, wie dicht die Pflanzen stehen und so weiter. Kontrolle hilft Qualität zu erzielen. So weit, so wichtig fürs Firmen-Image.
Aber was für Saatgut gilt, gilt nicht zwingend für die Menschen, die es produzieren. Etwa die Arbeiter auf indischen Baumwollfeldern. Und dort schuften auch Kinder. Und das bekommt Bayer einfach nicht in den Griff, auch wenn man das Problem seit drei Jahren kennt.
Monika Pohl über Kinderarbeit in einem Dorf, 7.000 km entfernt von Leverkusen, dem Sitz des Weltkonzerns Bayer.“

In der indischen Baumwollprovinz Andhra Pradesh ist die Kindheit kurz. Hier auf dem Dorf müssen die Kinder früh mit anpacken. Ihre Eltern verdienen nicht viel. Die meisten arbeiten als Tagelöhner auf den Feldern. Und viele junge Mädchen auch - in der Zucht von Baumwollsaatgut. Sie müssen die hybriden Pflanzen bestäuben, weil die sich nicht selber vermehren können. Bis zu 10 Stunden stehen die Mädchen Tag für Tag in der brütenden Hitze, obwohl das indische Gesetz solche Arbeit verbietet. Aber die Kinder haben keine Wahl.
Das ist Rasul. Ich bin acht Jahre alt, sagt er, und habe fünf Geschwister. Die Arbeit ist sehr schwer, aber wir müssen alle arbeiten, sonst geht es nicht. Sie ist zehn und arbeitet von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr abends auf dem Baumwollfeld - für 30 Rupien am Tag. Das sind 50 Cent. Natürlich würde ich gerne zur Schule gehen, sagt sie, aber die Eltern müssen Schulden zurückzahlen.

Ein großer Arbeitgeber hier ist die Firma PROAGRO. Seit drei Jahren gehört sie zum deutschen Bayer-Konzern. Auf Druck von indischen Hilfsorganisationen hat man das Projekt „Harvest of Happiness“, „Glückliche Ernte“ gestartet. Das ist ein Aktionsplan für den Kampf gegen die Kinderarbeit. Darin heißt es zum Beispiel:
„PROAGRO verfolgt eine klare Politik: ‚Keine Kinderarbeit‘.“
Und:
„Kinderarbeit wird auf Bayer-Vertragsfarmen nicht toleriert.“

Soweit so gut. Aber nicht ganz zutreffend. Ein indischer Agrarexperte hat uns diese Bilder geschickt. Gedreht auf PROAGRO-Feldern. Etwa 500 Kinder hat er dort bis letzten Dezember gezählt. Er beobachtet die Situation seit Jahren und macht seit Jahren auch PROAGRO auf das Problem aufmerksam. Sicher, sagt er uns, die Zahl der Kinderarbeiter sei in den letzten Jahren zurückgegangen. Aber kann so ein Weltkonzern wie Bayer nicht gründlicher dafür sorgen, dass hier kein einziges Kind mehr schuften muss?
Die Mädchen wissen, dass sie eigentlich nicht hier sein dürfen und versuchen sich zu verstecken, als sie die Kamera bemerken.
Ein paar Meter weiter: In den Sprühflaschen ist Pestizid, das regelmäßig über die Pflanzen gespritzt wird. Auch wenn die Kinder im Feld stehen.

Wir fahren in die Dörfer, wo die Kinder mit ihren Familien leben. Mittlerweile ist die Saison vorbei, die Felder sind abgeerntet.
Wir kommen an einer Grundschule vorbei. Während der Pflanz- und Erntesaison ist der Schulhof längst nicht so voll. Der Lehrer erzählt uns, im Sommer würde die Hälfte seiner Schüler auf dem Feld stehen statt in der Schule zu sitzen.

Masoom Vali, Schulleiter (Übersetzung MONITOR): „Wenn die Regierung uns Lehrern die Macht geben würde, die Kinder in der Schule zu halten, dann könnten wir auch dafür sorgen,
dass die Gesetze eingehalten werden. Aber wer in der Schule sitzt, verdient eben nichts. Das Problem hier auf dem Land ist die große Armut.“
Das Dorf Mela Cheruvu mitten zwischen den Baumwollfeldern. Hier leben die Familien der einfachen Feldarbeiter. Wir treffen Vandanam. Er arbeitet im Steinbruch. Von seinen fünf Kindern schickt er eins zur Schule. Seine älteste Tochter arbeitet auf dem Baumwollfeld. Ob er denn nicht wisse, dass Kinderarbeit verboten sei? Es geht nicht anders, sagt er. Wir müssen sie schicken. Ich verdiene zu wenig.
Seine Nachbarin Yeshodamma hat ebenfalls fünf Kinder. Auch sie schickt eine ihrer Töchter zur Arbeit aufs Feld. Wir haben einen Vorschuss bekommen, erzählt sie. „Einen Vertrag haben wir nicht. Ich kenne die Firma nicht, für die wir arbeiten.“ Und das gilt auch umgekehrt.

Die Bayer-Firma PROAGRO kennt die Leute im Dorf auch nicht, denn sie schaltet einen Agenten dazwischen, den Seed Organizer. Der schließt einen Vertrag mit dem Bauern und handelt aus, was dieser für das fertige Saatgut bekommt. Der Bauer heuert dann die Arbeiter an und bestimmt deren Lohn.
In dem Vertrag, den der Bauer von den Saatgut-Agenten bekommt, steht drin, dass Kinderarbeit verboten ist. Wer keine Kinder anheuert bekommt ...
„... einen Aufschlag von 5 %, als Anreiz ausschließlich Erwachsene zu beschäftigen.“
Das ist gut für die Bauern, aber den einfachen Arbeitern nützt das nicht viel. Sie verdienen so wenig, dass sie nach wie vor ihre Kinder zur Arbeit schicken müssen, um über die Runden zu kommen.

Bauer Siva Reddy erzählt, dass die Eltern schon im März und April kämen und ihn anflehen würden, ihren Kindern im Sommer Arbeit zu geben. Das Problem, sagt auch er, ist die Armut
Wir fragen Bayer, wie sie das Problem lösen wollen. Und bekommen einen freundlichen Brief:
„Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserem Engagement zur Bekämpfung von Kinderarbeit in Indien.“
Ein Interview könne man leider nicht geben, aber man weist uns auf die Punkte im Aktionsplan hin. Man habe schon 29 Creative Learning Centers eingerichtet, die die Kinder auf die Schule vorbereiten sollen. Außerdem gebe es wirtschaftliche Anreize für die Farmer, die auf Kinderarbeit verzichten. Und Sanktionen für die, die das nicht täten.

Über die Hungerlöhne steht nichts im Brief. Muss auch nicht, denn für Löhne ist Bayer nicht zuständig. Nur für den Preis, den sie für das Saatgut zahlen. Der ist so niedrig, dass die Bauern nicht viel daran verdienen. Mindestlöhne aber wären der Schlüssel, um Kinderarbeit endgültig abzuschaffen.
Dr. Davuluri Venkateswarlu, Agrar-Experte (Übersetzung MONITOR): „So lange die Firma PROAGRO nicht ganz ernsthaft über die Abnahmepreise für das Saatgut nachdenkt“, sagt uns Dr. Venkateswarlu, „wird sie der Verpflichtung nicht nachkommen können, Kinderarbeit auf ihren Vertragsfarmen wirklich auszuschließen.“
Er hat ausgerechnet, dass die Bayer-Tochter PROAGRO den Bauern 37 % mehr für das Kilo Baumwoll-Saatgut bezahlen müsste. Nur so könnten die Bauern den Arbeitern das geben, was ihnen gesetzlich zusteht: Etwa ein Euro am Tag. Und nur dann wären die Eltern nicht mehr gezwungen, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken.
Bericht von Monika Pohl

Monitor

CBG Redaktion

19. Januar 2006, Monitor (ARD), 21.45 Uhr

Der Fall Bayer: Der Weltkonzern und der Umgang mit Kinderarbeit

Bericht von Monika Pohl

Sonia Mikich: „Bleiben wir bei der Arbeit. Wenn ein großes Unternehmen wie Bayer etwas produziert, zum Beispiel Saatgut, dann wird jeder einzelne Schritt genau kontrolliert, zum Beispiel, auf welcher Fläche das Saatgut hergestellt wird, welche Pestizide dabei eingesetzt werden dürfen, wie dicht die Pflanzen stehen und so weiter. Kontrolle hilft Qualität zu erzielen. So weit, so wichtig fürs Firmen-Image.
Aber was für Saatgut gilt, gilt nicht zwingend für die Menschen, die es produzieren. Etwa die Arbeiter auf indischen Baumwollfeldern. Und dort schuften auch Kinder. Und das bekommt Bayer einfach nicht in den Griff, auch wenn man das Problem seit drei Jahren kennt.
Monika Pohl über Kinderarbeit in einem Dorf, 7.000 km entfernt von Leverkusen, dem Sitz des Weltkonzerns Bayer.“

In der indischen Baumwollprovinz Andhra Pradesh ist die Kindheit kurz. Hier auf dem Dorf müssen die Kinder früh mit anpacken. Ihre Eltern verdienen nicht viel. Die meisten arbeiten als Tagelöhner auf den Feldern. Und viele junge Mädchen auch - in der Zucht von Baumwollsaatgut. Sie müssen die hybriden Pflanzen bestäuben, weil die sich nicht selber vermehren können. Bis zu 10 Stunden stehen die Mädchen Tag für Tag in der brütenden Hitze, obwohl das indische Gesetz solche Arbeit verbietet. Aber die Kinder haben keine Wahl.
Das ist Rasul. Ich bin acht Jahre alt, sagt er, und habe fünf Geschwister. Die Arbeit ist sehr schwer, aber wir müssen alle arbeiten, sonst geht es nicht. Sie ist zehn und arbeitet von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr abends auf dem Baumwollfeld - für 30 Rupien am Tag. Das sind 50 Cent. Natürlich würde ich gerne zur Schule gehen, sagt sie, aber die Eltern müssen Schulden zurückzahlen.

Ein großer Arbeitgeber hier ist die Firma PROAGRO. Seit drei Jahren gehört sie zum deutschen Bayer-Konzern. Auf Druck von indischen Hilfsorganisationen hat man das Projekt „Harvest of Happiness“, „Glückliche Ernte“ gestartet. Das ist ein Aktionsplan für den Kampf gegen die Kinderarbeit. Darin heißt es zum Beispiel:

„PROAGRO verfolgt eine klare Politik: ‚Keine Kinderarbeit‘.“
Und:
„Kinderarbeit wird auf Bayer-Vertragsfarmen nicht toleriert.“

Soweit so gut. Aber nicht ganz zutreffend. Ein indischer Agrarexperte hat uns diese Bilder geschickt. Gedreht auf PROAGRO-Feldern. Etwa 500 Kinder hat er dort bis letzten Dezember gezählt. Er beobachtet die Situation seit Jahren und macht seit Jahren auch PROAGRO auf das Problem aufmerksam. Sicher, sagt er uns, die Zahl der Kinderarbeiter sei in den letzten Jahren zurückgegangen. Aber kann so ein Weltkonzern wie Bayer nicht gründlicher dafür sorgen, dass hier kein einziges Kind mehr schuften muss?
Die Mädchen wissen, dass sie eigentlich nicht hier sein dürfen und versuchen sich zu verstecken, als sie die Kamera bemerken.
Ein paar Meter weiter: In den Sprühflaschen ist Pestizid, das regelmäßig über die Pflanzen gespritzt wird. Auch wenn die Kinder im Feld stehen.

Wir fahren in die Dörfer, wo die Kinder mit ihren Familien leben. Mittlerweile ist die Saison vorbei, die Felder sind abgeerntet.
Wir kommen an einer Grundschule vorbei. Während der Pflanz- und Erntesaison ist der Schulhof längst nicht so voll. Der Lehrer erzählt uns, im Sommer würde die Hälfte seiner Schüler auf dem Feld stehen statt in der Schule zu sitzen.

Masoom Vali, Schulleiter (Übersetzung MONITOR): „Wenn die Regierung uns Lehrern die Macht geben würde, die Kinder in der Schule zu halten, dann könnten wir auch dafür sorgen,
dass die Gesetze eingehalten werden. Aber wer in der Schule sitzt, verdient eben nichts. Das Problem hier auf dem Land ist die große Armut.“
Das Dorf Mela Cheruvu mitten zwischen den Baumwollfeldern. Hier leben die Familien der einfachen Feldarbeiter. Wir treffen Vandanam. Er arbeitet im Steinbruch. Von seinen fünf Kindern schickt er eins zur Schule. Seine älteste Tochter arbeitet auf dem Baumwollfeld. Ob er denn nicht wisse, dass Kinderarbeit verboten sei? Es geht nicht anders, sagt er. Wir müssen sie schicken. Ich verdiene zu wenig.
Seine Nachbarin Yeshodamma hat ebenfalls fünf Kinder. Auch sie schickt eine ihrer Töchter zur Arbeit aufs Feld. Wir haben einen Vorschuss bekommen, erzählt sie. „Einen Vertrag haben wir nicht. Ich kenne die Firma nicht, für die wir arbeiten.“ Und das gilt auch umgekehrt.

Die Bayer-Firma PROAGRO kennt die Leute im Dorf auch nicht, denn sie schaltet einen Agenten dazwischen, den Seed Organizer. Der schließt einen Vertrag mit dem Bauern und handelt aus, was dieser für das fertige Saatgut bekommt. Der Bauer heuert dann die Arbeiter an und bestimmt deren Lohn.
In dem Vertrag, den der Bauer von den Saatgut-Agenten bekommt, steht drin, dass Kinderarbeit verboten ist. Wer keine Kinder anheuert bekommt …
„… einen Aufschlag von 5 %, als Anreiz ausschließlich Erwachsene zu beschäftigen.“
Das ist gut für die Bauern, aber den einfachen Arbeitern nützt das nicht viel. Sie verdienen so wenig, dass sie nach wie vor ihre Kinder zur Arbeit schicken müssen, um über die Runden zu kommen.

Bauer Siva Reddy erzählt, dass die Eltern schon im März und April kämen und ihn anflehen würden, ihren Kindern im Sommer Arbeit zu geben. Das Problem, sagt auch er, ist die Armut
Wir fragen Bayer, wie sie das Problem lösen wollen. Und bekommen einen freundlichen Brief:
„Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserem Engagement zur Bekämpfung von Kinderarbeit in Indien.“
Ein Interview könne man leider nicht geben, aber man weist uns auf die Punkte im Aktionsplan hin. Man habe schon 29 Creative Learning Centers eingerichtet, die die Kinder auf die Schule
vorbereiten sollen. Außerdem gebe es wirtschaftliche Anreize für die Farmer, die auf Kinderarbeit verzichten. Und Sanktionen für die, die das nicht täten.

Über die Hungerlöhne steht nichts im Brief. Muss auch nicht, denn für Löhne ist Bayer nicht zuständig. Nur für den Preis, den sie für das Saatgut zahlen. Der ist so niedrig, dass die Bauern nicht viel daran verdienen. Mindestlöhne aber wären der Schlüssel, um Kinderarbeit endgültig abzuschaffen.

Dr. Davuluri Venkateswarlu, Agrar-Experte (Übersetzung MONITOR): „So lange die Firma PROAGRO nicht ganz ernsthaft über die Abnahmepreise für das Saatgut nachdenkt“, sagt uns Dr. Venkateswarlu, „wird sie der Verpflichtung nicht nachkommen können, Kinderarbeit auf ihren Vertragsfarmen wirklich auszuschließen.“
Er hat ausgerechnet, dass die Bayer-Tochter PROAGRO den Bauern 37 % mehr für das Kilo Baumwoll-Saatgut bezahlen müsste. Nur so könnten die Bauern den Arbeitern das geben, was ihnen gesetzlich zusteht: Etwa ein Euro am Tag. Und nur dann wären die Eltern nicht mehr gezwungen, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken.

Diane Wilson

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 12. Januar 2006

USA: Kriminalisierung von Umweltaktivisten

Chemie-Kritikerin Diane Wilson erneut in Haft

Die bekannte Umweltaktivistin Diane Wilson ist im US-Bundesstaat Texas festgenommen und inhaftiert worden. Wilson muss im Gefängnis von Victoria eine fünfmonatige Strafe absitzen, die sie für eine gewaltlose Demonstration gegen das Unternehmen Dow Chemical erhielt.

Diane Wilson hatte im August 2002 in ihrer Heimatstadt Seadrift von einem 30m hohen Kühlturm des Unternehmens ein Transparent mit der Aufschrift „DOW – Verantwortlich für Bhopal“ entrollt. Hintergrund der Aktion ist die Weigerung der Firma Union Carbide, Verantwortung für die Chemiekatastrophe von Bhopal zu übernehmen. Dow Chemical hatte Union Carbide im Jahr 2001 erworben.

„Ich protestierte dagegen, dass sich die Verantwortlichen der Katastrophe von Bhopal seit zwanzig Jahren weigern, vor indischen Gerichten zu erscheinen, wo sie sich für den Tod von mehr als 20.000 Menschen verantworten müssen“, so Diane Wilson. „Firmen wie Dow verhöhnen Recht und Gesetz: Wenn es ihnen passt, rufen sie nach dem Gesetz; wenn nicht, dann ignorieren sie es.“ Warren Anderson, damaliger Chef von Union Carbide, lebt unbehelligt in den USA, obwohl indische Gerichte bereits vor 15 Jahren ein Strafverfahren eröffneten und Anderson mit internationalem Haftbefehl suchen.

Diane Wilson, Autorin des Buchs An Unreasonable Woman, hatte den Bundesstaat Texas mehr als ein Jahr lang nicht betreten und sich hierdurch ihrer Verhaftung entzogen. Der Polizei hatte sie angeboten, sich freiwillig zu stellen, sobald Warren Anderson den indischen Behörden übergeben wird. Verhaftet wurde sie nun während einer Rede von US-Vizepräsident Dick Cheney in Houston, bei der sie ein Transparent entrollt hatte mit der Aufschrift „Corporate Greed Kills – From Bhopal to Bagdad“ („Konzern-Gier tötet – von Bhopal bis Bagdad“).

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „In den USA werden Umweltschützer mehr und mehr als „Gefahr für die innere Sicherheit“ angesehen und mit allen Mitteln kriminalisiert. Diane Wilson verdient in ihrem Kampf gegen Umweltverschmutzung und ungebändigte Konzern-Macht unsere volle Unterstützung“. Die CBG kooperiert mit Wilson seit vielen Jahren. Der Verein schrieb die texanischen Gerichte sowie den Justizminister des Bundesstaats an und forderte eine sofortige Freilassung der Aktivistin sowie die Aufnahme von Ermittlungen gegen Union Carbide/Dow Chemical.

Fotos von der Verhaftung von D. Wilson während einer Rede von Dick Cheney
Diane Wilsons Protestaktion gegen Dow Chemical

Solidaritätsbriefe bitte an:
Sylvia Diane Wilson
CR

  • 65510


Victoria County Jail (Calhoun County Inmate)
101 North Glass
Victoria, TX 77901
USA

[Terminator] Stopp Terminator Technologie

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 10. Januar 2006

30 Organisation starten Kampagne gegen „Terminator-Technologie“

Gentechnisches Verfahren gefährdet weltweite Ernährungssicherheit

In einer gemeinsamen Kampagne fordern mehr als 30 Organisationen aus dem Umwelt-, Entwicklungs- und Agrarbereich, die so genannte „Terminator-Technologie“ weltweit zu ächten. Mit diesem neuen gentechnischen Verfahren wollen Saatgutkonzerne Pflanzen unfruchtbar machen und damit verhindern, dass Landwirte einen Teil ihrer Ernte aufbewahren und im folgenden Jahr als Saatgut verwenden. Bisher wird die Anwendung dieser Technik durch ein Moratorium der Biodiversitätskonvention verhindert, doch dieses ist in Gefahr.

Die Kampagne unter dem Motto „Terminator-Technologie ächten - Freie Saat statt tote Ernte“, die heute in Berlin vorgestellt wurde, richtet sich gegen diesen Versuch, die gefährliche Technik hoffähig zu machen. „Terminator-Technologie ist der Kopierschutz für Saatgut: Damit soll verhindert werden, dass weiterhin die überwiegende Mehrheit der Bauern das Saatgut aus der eigenen Ernte gewinnt“, sagte Oliver Moldenhauer, Attac-Experte für geistige Eigentumsrechte. Rudolf Buntzel vom Evangelischen Entwicklungsdienst betonte die Gefahr gerade für kleine Landwirte im Süden: „1,4 Milliarden Menschen hängen direkt in ihrem Lebensunterhalt vom eigenen Saatgutnachbau ab. Terminator-Technologie ist lebensvernichtend, denn sie bringt diese Menschen um ihre Ernährungssicherheit.“

Georg Janssen von der Arbeitsgemeinschaftliche Landwirtschaft (AbL) warnte: „Entweder können Bäuerinnen und Bauern bestimmen, was sie säen, und damit über die Vielfalt auf den Äckern entscheiden. Oder eine Handvoll multinationaler Saatgut-Unternehmen wird vom Acker bis zum Teller des Verbrauchers bestimmen, was angebaut und gegessen wird.“ Heike Moldenhauer, Gentechnik-Expertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, wies auf die ökologischen Gefahren der Terminator-Technologie hin: „Die genetische Eigenschaft der Samensterilität kann über Pollenflug auf Nachbarfelder oder in Wildpflanzen übertragen werden. Die Folge wären wirtschaftliche Einbußen bei Nutzpflanzen und die Gefährdung von Wildpflanzenpopulationen.“

Nachdem eine Expertengruppe im Rahmen der Biodiversitätskonvention zu der Einschätzung gekommen war, dass die Terminator-Technologie nicht nur eine ökologische Katastrophe, sondern auch eine Bedrohung für die Ernährungssicherheit bedeuten kann, wurde ein weltweite Moratorium verhängt. Dieses Moratorium steht in der Gefahr, auf Druck der Regierungen, Neuseelands, Kanadas und Australiens auf der kommenden Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention im März dieses Jahres gekippt zu werden.

Ziel der Kampagne ist es, zunächst möglichst viele Unterstützer für ein gemeinsames Positionspapier zu gewinnen. Darin fordern die unterzeichnenden Organisationen von der Bundesregierung, das Verbot der Terminator-Technologie im deutschen Gentechnik-Gesetz zu verankern. Zudem soll sich die Regierung dem Vorstoß, das internationale Moratorium zu beenden, entgegenstellen und sich stattdessen für eine Stärkung des weltweiten Verbots einsetzen.

Die Kampagne „Terminator-Technologie ächten - Freie Saat statt tote Ernte“ wird unterstützt von folgenden Organisationen:
„Kein Patent auf Leben!“
Aktion 3. Welt Saar
Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL.)
Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten in der Ev. Kirche in Deutschland (AGU)
ATTAC
Ausschuss für den Dienst auf dem Lande in der EKD
Bioland
Bonner AK gegen Gentechnologie
Brot für die Welt
BUKO Agrar Koordination
BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW)
Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugend im ländlichen Raum (BAG ejl)

Bündnis für die gentechnikfreie Landwirtschaft in Niedersachsen, Bremen und Hamburg
Bürgerinitiative gentechnikfreies Schleswig-Holstein
Coordination gegen BAYER-Gefahren
Demeter
Dreschflegel e.V.
Evangelischer Entwicklungsdienst (EED)
Evangelisches Bildungszentrum Hesselberg
Gen-ethisches Netzwerk
Gentechnikfreie Regionen in Deutschland
NABU
Naturland
Ökomarkt
PAN Germany (Pestizid Aktionsnetzwerk)
Share e.V.
Umweltinstitut München
Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN)
Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Aufruf Terminator-Technologie ächten - „Freie Saat statt tote Ernte“

Hintergründe:
Seit Anfang 2005 ist die Terminator-Technologie wieder ins Blickfeld der
internationalen Gentechnik-Debatte gerückt. Mittels Gentechnik werden bei der Terminator-Technologie, von der Saatgutindustrie auch als GURTs (Genetic Use Restriction Technologies) bezeichnet, Pflanzen so verändert, dass die Ernte nicht mehr keimen kann. Damit sollen Bauern gezwungen werden, jedes Jahr aufs Neue Saatgut zu kaufen. Dies stellt einen Angriff auf das Menschenrecht auf Nahrung dar, werden weltweit doch 80 Prozent des eingesetzten Saatguts aus der eigenen Ernte gewonnen.
Wie weit die Entwicklung der Technologie vorangeschritten ist, weiß im Moment außer den beteiligten Unternehmen niemand. Trotzdem wurden schon eine Reihe von Patenten auf die Terminator-Technologie angemeldet und erteilt, unter anderem an die deutsche Firma Bayer Crop Science.

Als 1998 dem amerikanischen Landwirtschaftsministerium und der Firma Delta & Pine Land das erste Terminator-Patent erteilt wurde, stieß dies weltweit auf scharfe Kritik. Die Mitgliedstaaten der Konvention über die Biologische Vielfalt (CBD)empfahlen 1999 ein Moratorium, das den weltweiten Anbau und Freisetzungsversuche von Terminator-Pflanzen vorläufig aufhielt. In einer Untersuchung im Rahmen der Konvention wurde begründet, dass eine solche Technologie nicht nur eine ökologische Katastrophe nach sich ziehen kann, sondern eine Gefährdung für den traditionellen Saatguttausch, die Vielfalt der Nutzpflanzen und damit eine Bedrohung der Ernährungssicherheit bedeutet.

Diese Tatsachen haben sich nicht geändert. Geändert hat sich lediglich die Argumentation der Saatgutindustrie. Seit kurzem bemüht sie sich, diese lebensfeindliche Technologie als wirksamen Schutz vor der Auskreuzung von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO), also als Instrument der biologischen
Sicherheit, zu verkaufen und so in internationalen Vertragswerken zu verankern. Das Problem der Auskreuzung von GVO soll nun mit einem weiteren technischen Verfahren – der Terminator-Technologie - bekämpft werden. Dieses Verfahren birgt jedoch eine ganze Reihe von Fehlermöglichkeiten, die durch das komplizierte Zusammenspiel der Gene entsteht, die in die Pflanze geschleust wurden. Terminator-Technologie ist daher kein Mittel zur Verhinderung von Kontamination durch Pollen oder Samen von GentechPflanzen, sondern dient ausschließlich den Konzernen.
Die Regierungen Kanadas, Neuseelands und Australiens versuchen, das Moratorium für die Kommerzialisierung von Terminator-Technologie auf der kommenden Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über die Biologische Vielfalt im März 2006 zu kippen. Hiergegen protestieren die unterzeichnenden Organisationen aufs Schärfste.
Die Terminator-Technologie ist eine besonders gefährliche und zynische Form der Agro-Gentechnik. Sie bringt Bauern keinerlei landwirtschaftlichen Nutzen durch höherwertiges Saatgut, sondern zielt allein darauf ab, eine totale Kontrolle über das Saatgut und damit die Kontrolle über die Welternährung zu erlangen. Wer den Saatgut-Markt beherrscht, beherrscht einen Markt, den es immer geben wird:
Menschen müssen essen – es geht bei der Terminator-Technologie um nichts weniger als um die Kontrolle der Lebensgrundlagen.
Deshalb muss die Terminator-Technologie weltweit verboten werden.

Wir fordern...
die deutschen Vertreter auf der 8. Vertragsstaatenkonferenz zur Konvention über Biologische Vielfalt (COP8), die im März in Brasilien zusammentreten wird, auf, · sich für eine Beibehaltung und Stärkung des De-facto-Moratoriums für die kommerzielle Nutzung und jegliche Freisetzungen mit der Terminator-Technologie einzusetzen und
· auf ein zeitlich unbegrenztes, weltweites Verbot der Terminator-Technologie im Rahmen der Konvention hinzuwirken.

Wir fordern zudem...
...den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung auf,
· die Patentierung, Registrierung, Lizenzierung oder jede andere Form der Anerkennung geistiger Eigentumsrechte, die mit dieser Technologie einhergehen, zu verbieten,
· ein Verbot der Terminator-Technologie im deutschen Gentechnikgesetz zu verankern,
· Forschungsgelder der öffentlichen Hand nicht für Projekte zur Verfügung zu stellen, die geeignet sind, die Terminator-Technologie und ihre Entwicklung zu fördern und
· sich insbesondere im europäischen Kontext auf allen Ebenen für die Umsetzung der hier genannten Forderungen einzusetzen.
Die unterzeichnenden Organisationen sehen in der Entwicklung und Zulassung von Terminator-Technologie einen Angriff auf die weltweite Ernährungssicherheit. Sie stellt eine Form der Aneignung lebenswichtiger Ressourcen dar, die geächtet werden muss!

Für Rückfragen: Sandra Blessin, Tel. 040-392526 oder 0177-97 28 275, info@freie-saat.de; www.freie-saat.de

taz, 29.3.2006

Terminator muss draußen bleiben

Erfolg für Umweltschützer und Kleinbauern auf UN-Artenschutzkonferenz in Curitiba

PORTO ALEGRE - Auf der 8. UN-Artenschutzkonferenz in Curitiba können Umwelt- und Kleinbauernorganisationen einen wichtigen Zwischenerfolg feiern: Das seit 2000 gültige Moratorium für steriles Saatgut, die so genannte Terminator-Technik, bleibt bestehen - zumindest, wenn es nach der zuständigen Arbeitsgruppe geht. Zugleich wurde das Recht der Bauern bekräftigt, ihr eigenes Saatgut zu erzeugen. Für Millionen Landwirte ist dies eine Existenzfrage. „Selbst wenn es in Curitiba dabei bleibt - in zwei Jahren geht der Kampf weiter, denn dieses Geschäft wäre für die Biotech-Multis einfach zu lukrativ“, sagt der US-Forscher Pat Mooney.
Bei Terminator-Pflanzen wird durch Chemikalien oder große Hitze das Embryo im Samen zerstört - somit müssten die Bauern jedes Jahr neues Saatgut kaufen. Multis wie Monsanto, BASF oder Syngenta drängen seit Jahren auf die Zulassung solcher Verfahren. Die Schweiz, Kanada, Australien und Neuseeland hatten sich für eine Aufweichung des Terminatorverbots eingesetzt und eine „Betrachtung von Fall zu Fall“ vorgeschlagen. Sie teilen die Position der USA, die allerdings in Curitiba ohne Stimmrecht sind, weil sie die Konvention nicht ratifiziert haben.
Am insgesamt zwölftägigen Treffen in Curitiba nehmen rund 6.000 Delegierte von Regierungen und Organisationen aus knapp 200 Ländern teil. Die drei Hauptziele der Konferenz sind der Erhalt der Artenvielfalt, die nachhaltige wirtschaftliche Nutzung der Natur sowie die ausgewogene Verteilung der sich zum Beispiel für die Pharmaindustrie ergebenen Gewinne bei pflanzlichen Wirkstoffen.
Die Konvention über biologische Vielfalt wurde bei der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet. Zehn Jahre später wurde in Johannesburg beschlossen, die Geschwindigkeit des Artensterbens bis 2010 „deutlich zu reduzieren“
Auf dem Treffen der zuständigen Minister am Dienstag gab sich Brasiliens Regierung so grün wie schon lange nicht mehr. Die Länder des Südens hätten am meisten unter den Verwüstungen zu leiden, die durch eine „unhaltbare Produktions- und Konsumweise“ verursacht würden, sagte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Die Gewinne aus der Nutzung natürlicher Ressourcen müssten „gleichmäßig“ verteilt werden, forderte Lula.
12 Jahre nach Inkrafttreten der Konvention über biologische Vielfalt sei man bei diesem Thema kaum vorangekommen, beklagte auch Umweltministerin Marina Silva. Für Brasilien seien verbindliche Absprachen „wichtig und dringend“. Vom Status quo profitieren hingegen die Konzerne des Nordens, weshalb deren Delegationen in Curitiba als Bremser auftreten. „Wir wollen kein Abkommen, das nur auf dem Papier gut aussieht“, meint etwa EU-Umweltkommissar Stavros Dimas. GERHARD DILGER

[John Le Carré] John Le Carré-Verfilmung

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 9. Januar 2006

Zum Filmstart von „Der Ewige Gärtner“ am 12. Januar:

Verbrechen der Pharma-Industrie im Kino

Am kommenden Donnerstag startet in den Kinos die Leinwand-Adaption von John le Carrés Roman „Der Ewige Gärtner“. Buch und Film beschreiben kriminelle Praktiken eines fiktiven Pharma-Unternehmens, das bei Medikamenten-Tests buchstäblich über Leichen geht und dabei die Protektion höchster Regierungsstellen genießt.

Hauptdarsteller Ralph Fiennes beschreibt den Film als „einen politischen Thriller über von Großunternehmen begangene Verbrechen, Gesetzesüberschreitungen und Manipulationen“. Film-Partnerin Rachel Weisz ergänzt: „Ich glaube, dass man die Pharma-Industrie höchstens noch mit der Öl-Industrie vergleichen kann. Es ist ein gewaltiges Geschäft. Sie verdienen Unmengen von Geld, und doch können sich die Menschen in der „Dritten Welt“ nicht die Medikamente leisten, die ihnen das Leben retten könnten“.

Le Carré ließ sich bei den Recherchen von der in Bielefeld ansässigen Buko Pharmakampagne, die sich kritisch mit den Schattenseiten des Arzneimittelmarktes auseinander setzt, beraten. Im Film taucht eine Initiative auf, die der Pharmakampagne nachempfunden ist. Das Film-Team wurde zudem von der Coordination gegen BAYER-Gefahren, die sich seit 25 Jahren mit den Kehrseiten der Geschäftspolitik des BAYER-Konzerns beschäftigt, unterstützt. Der Verein stellte Hintergrundinfos und Requisiten zu Verfügung.

Philipp Mimkes von der Coordination: „Die Pharma-Industrie hat keine altruistischen Ziele, für Profite nimmt sie auch Todesfälle in Kauf. Die Unternehmen bieten eine Vielzahl überflüssiger oder sogar gefährlicher Präparate an. Gleichzeitig leiden Millionen Menschen an Tropenkrankheiten, für die keine Medikamente bereit stehen, da die Betroffenen keinen lukrativen Markt darstellen. Wir begrüßen es sehr, wenn sich das Kino dieser Thematik annimmt.“

Der BAYER-Konzern hat eine Vielzahl hochgefährlicher Pharmaprodukte zu verantworten. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts brachte das Unternehmen „Heroin“ als Hustenmittel auf den Markt. In den 80er Jahren infizierten BAYER-Medikamente Tausende von Bluter mit HIV - der Konzern hatte ungetestete Blutprodukte verkauft, obwohl das hohe Ansteckungsrisiko bereits bekannt war. Das Präparat „Edrul“ zur Steigerung der Harnausscheidung musste wegen schwerster Nebenwirkungen vom Markt genommen werden. Und dem Cholesterin-Senker „Lipobay“ fielen mindestens 100 Patienten zum Opfer – BAYER hatte das Präparat trotz Bedenken aus der eigenen Forschungsabteilung in immer höheren Konzentrationen auf den Markt gedrückt.

Zum Film:
Die Polit-Aktivistin Tessa folgt ihrem in den diplomatischen Diensten Großbritanniens stehenden Ehemann nach Kenia, wo sie mit den dubiosen Geschäftspraktiken des Pharma-Riesen „Three Bees“ konfrontiert wird. Auf dem belebten Markt der Hauptstadt Nairobi tritt das Unternehmen als Samariter auf und bietet kostenlos Aids-Tests an - wenn die Menschen sich zur Erprobung des Tbc-Medikamentes „Dypraxa“ bereit erklären. „Kein Pharma-Konzern macht etwas umsonst“, klärt der kenianische Arzt Dr. Bluhm Tessa auf und sagt ihr, womit nicht wenige ProbandInnen zahlen: mit ihrem Leben. „Dypraxa“ hat sich in Labor-Untersuchungen als gesundheitsgefährdend erwiesen, aber der Pharma-Multi hat in das profitträchtige Medikament bereits zu viel investiert, um die Entwicklung abbrechen zu wollen.

Gutgläubig informiert Tessa das Außenministerium per Brief über die Vorgänge in Kenia. Aber nichts passiert. Erst als sie sich Einblick in das nicht an sie, sondern an einen Kollegen ihres Mannes gerichtete Antwortschreiben verschafft, muss die Frau erfahren, nach welchen Kriterien London solche Eingaben behandelt: „Was Handelsinteressen schadet, wird zerrissen“. Tessa setzt ihre Nachforschungen auf eigene Faust fort, unterstützt nur von Dr. Bluhm und gefüttert von sachdienlichen Hinweisen der Pharma-Initiative „Hippo“ aus Deutschland. Sie dringt immer tiefer in den Pharma-Sumpf ein - und kommt schließlich darin um.

Regisseur Fernando Meirelles, der für seinen letzten Film „City of God“ für den Oscar nominiert wurde: „Ich komme aus Brasilien. Dort haben wir in den letzten Jahren Generika, also Nachahmerpräparate, hergestellt. Wenn man versucht, billige Versionen patentierter Medikamente herzustellen, dann lernt man sehr schnell, über welch unfassbare Macht die Lobby der Pharma-Industrie verfügt“.

John le Carrés Buchvorlage „Der Ewige Gärtner“ ist beim Internet-Versand http://www.j5A.net erhältlich (hardcover: 22,95 EUR + 2,50 EUR Versand).

Infos zu Pharmaprodukten von Bayer: Bittere Pillen für Süße Bilanzen, Erkältungsmittel von Bayer erhöhen das Schlaganfall-Risiko, Zum Lipobay-Skandal

[Wasser] STICHWORT BAYER 01/2006

CBG Redaktion

Bauern oder BAYER - wem gehört das Grundwasser (Teil V)?

Streit ohne Ende ums Wasserwerk Wacken

Seit 1977 fördert das Wasserwerk Wacken, 20 Kilometer nordöstlich des Industriegebiets Brunsbüttel an der Unterelbe gelegen, Grundwasser. Hauptabnehmer waren und sind die Industriebetriebe in Brunsbüttel, allen voran die Bayer AG, mit weit mehr als 90 Prozent der geförderten Wassermenge. Schon kurz nach Inbetriebnahme gab es zum Teil erhebliche Gelände- und Gebäudeschäden in der Region, die Anwohner wehrten sich. Die Geschichte des Wasserwerks Wacken ist eine Geschichte von Streit, Widerstand und Verzweifelung. Und der Streit dauert an: Heute geht es um die weitere Fördererlaubnis, nachdem die damalige erloschen ist, um künftige Fördermengen - und deren Folgen.

Von Thomas Kleineidam

1979, schon anderthalb Jahre nach Anschalten der Pumpen, hatten sich erste Auswirkungen des neuen Wasserwerks bemerkbar gemacht: Haus- und Weidebrunnen fielen trocken, Quellen und Bäche versiegten und Jahre zuvor wegen der hohen Grundwasserstände in den Niederungen verlegte Dränagen wurden funktionslos.

Ab 1983 machten sich zunehmend Bodensackungen auf Flächen mit moorigen Böden bemerkbar, im Ort Wacken traten an immer mehr Gebäuden Risse auf. Einige ehemals tellerplatte Viehweiden ähneln heute eher alpinen Buckelwiesen, an einzelnen Gebäuden sind die Risse so groß, dass eine Hand hinein passt.

Die Wasserwerksbetreiber haben von Anfang an einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Grundwasserförderung und den Absenkungen des oberflächennahen Grundwasserspiegels, den
Bodenschäden, den daraus resultierenden Ertragseinbußen in der Landwirtschaft sowie den Gebäudeschäden konsequent geleugnet. Nachdem zunächst viele sich dagegen gewehrt und für Entschädigungen gestritten hatten, blieben nach jahrelangem zermürbendem Kleinkrieg und Gutachterstreit nur wenige übrig, die sich mit diesem Zustand nicht abfinden wollten, darunter der Landwirt Hans Möller aus Wacken (1).

Bereits seit 2004 ist die 1974 erteilte Förderbewilligung für das Wasserwerk Wacken abgelaufen. Die Bewilligungsbehörde, hier das Landesamt für Naturschutz und Umwelt in Flintbek bei Kiel, hatte entschieden, dass für die Neubewilligung eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt werden müsse. Daraufhin hatte im Dezember 2003 der Wasserwerksbetreiber die Antragsunterlagen vorgelegt, um sich die Grundwasserförderung in Höhe von 6,2 Millionen Kubikmetern pro Jahr neu bewilligen zu lassen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche jährliche Fördermenge lag

- zwischen 1977 und 1982 bei 4,77 Millionen Kubikmetern/Jahr,
- von 1983, nachdem auf die dramatischen Auswirkungen mit Reduzierung der Fördermenge reagiert werden musste, bis 1991 bei 3,02 Millionen Kubikmetern/Jahr und
- ab 1992 bis 2004, nachdem drei weitere Brunnen in der Fassung Pöschendorf in Betrieb genommen waren, bei 4,86 Millionen Kubikmetern/Jahr.

Die maximale Fördermenge wurde im Jahr 2000 mit 6,74 Millionen Kubikmetern erreicht. Offenbar hat der Wasserwerksbetreiber nicht vor, künftig die Fördermengen zu reduzieren, um die
schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt und andere Nutzungen zu beenden oder wenigstens zu vermindern. Mit der beantragten Fördermenge von 6,2 Millionen Kubikmetern pro Jahr soll „volle Pulle“ weiter gemacht werden wie gehabt.
So etwas muss natürlich im Rahmen des Bewilligungsverfahrens nicht nur beantragt, sondern auch begründet werden. Teil der Antragsunterlagen sind zwei hydrogeologische Gutachten und die darauf aufbauende Umweltverträglichkeitsstudie (UVS). Die UVS und der eigentliche Antrag bieten schon genug Stoff für einen Verriss, doch die eigentlichen „Klopper“ stecken in den hydrogeologischen Gutachten.
Zur Ermittlung der möglichen Auswirkungen der Grundwasserförderung wurde ein dreidimensionales Computermodell eingesetzt, in dem der geologische Schichtaufbau im Untergrund, die Gewässer, die Grundwasserneubildung durch Niederschläge und die Entnahme durch Förderbrunnen mehr oder weniger detailliert nachgebildet werden. Natürlich kann so ein Modell nur eine begrenzte Fläche umfassen und damit kommt der Festlegung der äußeren Grenze des Modellgebietes eine große Bedeutung zu. Um Wacken wurde ein Gebiet von insgesamt 568 Quadratkilometern modelliert. In diesem Gebiet sollen mit einer mittleren Grundwasserneubildung von 358 Millimetern im Jahr (das entspricht 358.000 Kubikmetern auf einem Quadratkilometer) insgesamt 203 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr neugebildet werden. Das hydrogeologische Gutachten kommt zu dem Schluss: „Die Gesamtentnahme aus den Brunnenfassungen Wacken und Pöschendorf-Looft macht 3,05 Prozent der Grundwasserneubildung aus“. Rein mathematisch betrachtet stimmt das.

Aber - das gesamte Modellgebiet darf nicht mit dem Gebiet gleichgesetzt werden, in dem das Grundwasser versickert, welches tatsächlich den Brunnen in Wacken und Pöschendorf zuströmt. Im Gutachten wird erklärt: „Das unterirdische Einzugsgebiet begrenzt den Grundwasserbereich, der dem Brunnen zufließt.“ Und weiter: „Für die beantragte Fördermenge ergibt sich ein potentielles
Einzugsgebiet von ca. 88 km2“. Eigentlich logisch, denn nur die Neubildung in diesem Einzugsgebiet kann das Grundwasser speisen, das den Brunnen zuströmt, und nur maximal dieser Teil des Grundwassers kann wieder ans Tageslicht gepumpt werden. Dabei ist klar, dass das abgepumpte Grundwasser im natürlichen Wasserhaushalt fehlt. Und welcher Anteil der Neubildung
wirklich ohne schädliche Auswirkungen entnommen werden kann, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.
Wer nun wissen möchte, welcher Anteil der Grundwasserneubildung aus dem ermittelten Einzugsgebiet in Wacken entnommen werden soll, wird enttäuscht. Eine solche Prozentzahl suchen aufmerksame Leser in der gesamten Umweltverträglichkeitsstudie und den zugrunde liegenden Gutachten vergeblich. Also rechnen wir selber nach: 88 Quadratkilometer mal 358.000 Kubikmeter pro Jahr ergibt 31,5 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Damit entspricht die zur Entnahme beantragte Wassermenge von 6,2 Millionen Kubikmetern im Jahr schon 19,7 Prozent der Neubildung! Dies liest sich ganz anders als die verharmlosenden 3,05 Prozent, die im Gutachten stehen.

Aber es kommt noch schlimmer. Die Gutachter haben Karten zu den geologischen Verhältnissen erstellt. Von besonderem Interesse ist die Verbreitung gut wasserdurchlässiger Schichten, beispielsweise Sanden, denn nur dort kann in ausreichendem Umfang Niederschlag versickern
und zur Grundwasserneubildung beitragen. Es gibt auch Teilgebiete, in denen wasserstauende Schichten, etwa Geschiebelehme, die Versickerung behindern und wo kein nennenswerter Beitrag für die Nachlieferung des abgepumpten Grundwassers geleistet werden kann. Was also liegt näher, als die Verteilung wasserdurchlässiger und wasserstauender Schichten im Einzugsgebiet der Brunnen zu prüfen? Die Gutachter scheinen dies nicht getan zu haben, denn sonst wäre ihnen vielleicht folgendes nicht entgangen: In dem 88 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet gibt es nach ihren eigenen Darstellungen nur einen Teilbereich von 31,5 Quadratkilometern, aus dem überhaupt neu gebildetes, oberflächennahes Grundwasser zu den Brunnen strömt. Bei konsequenter logischer Verknüpfung aller Aussagen in den Gutachten werden in diesem Gebiet nur 11,3 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr neugebildet, die beantragte Fördermenge beträgt damit 55 Prozent der Neubildung - aus wasserwirtschaftlicher und ökologischer Sicht ein Irrsinn!

Nach Aussagen der UVS halten selbst die Bewilligungsbehörden nur eine Förderrate von bis zu 25 Prozent der Neubildung für „naturverträglich“. Kein Wunder also, dass sich der Betrieb des Wasserwerks in Wacken nachhaltig negativ bemerkbar macht.
Wer die Antragsunterlagen aufmerksam studiert, findet allerdings noch mehr Gründe, an der fachlichen Qualität der vorgelegten Gutachten zu zweifeln. So gibt es verschiedene Darstellungen zur Geologie, den geologischen Profiltypen, dem potentiellen Grundwasser-Absenkungsbereich und dem Einflussbereich des Wasserwerks, in denen das Vorhandensein eines oberflächennahen Grundwasserleiters (in den Gutachten OGWL 1 genannt) eine wesentliche Rolle spielt. Ein Vergleich dieser Karten ergibt allerdings ein absonderliches Bild: Keine der vier Darstellungen stimmt mit den anderen überein. Einmal wird das Grundwasser im OGWL 1 beeinflusst, wo laut geologischer Karte gar kein OGWL 1 vorhanden ist, mal ist ein OGWL 1 vorhanden („durch Bohrungen belegt“), obwohl es laut Profiltypenkarte nur undurchlässige Schichten an der Erdoberfläche gibt. Die Gutachter haben keine plausible Erklärung für diese Widersprüche - sie haben diese Widersprüche ja selbst erst zu Papier gebracht.
Was der bisherige Betrieb des Wasserwerks verursacht hat, ist dem Betreiber und damit den Gutachtern durchaus bekannt. Versteckt in den Unterlagen finden sich dafür die Belege: „Da die 1973 prognostizierte Entnahmemenge für das Gebiet Wacken auf Grund von Beeinträchtigungen an Einzelwasserversorgungsanlagen und Auswirkungen auf einzelne ... landwirtschaftliche Nutzflächen nicht in vollem Umfang zu entnehmen war, sollte das Grundwasserdargebot erneut ermittelt werden.“ Und an anderer Stelle: „Da schon kurz nach Förderbeginn oberflächennah wesentlich stärkere Absenkungen des Grundwasserspiegels auftraten als prognostiziert waren ..., wurde die jährliche Fördermenge ... reduziert“ (Anmerkung: ursprünglich war die Entnahme von elf Millionen Kubikmeter im Jahr bewilligt, zufällig genau die Menge, die als Bedarf von der Industrie angemeldet worden war). Offensichtlich ging es wie schon vor 30 Jahren vor allem darum, die Fortsetzung der umweltunverträglichen Grundwasserförderung in Wacken „wissenschaftlich “ als völlig unproblematisch darzustellen. Dabei werden gegen besseres Wissen auch die schädlichen Auswirkungen geleugnet.

Von ähnlicher Qualität ist der Umgang des UVS-Gutachters - nicht nur – mit dem Thema Gebäudeschäden: „Für ...(6 neue) Schadensmeldungen sowie die Schäden an den Rohrleitungen (2 von 3 Fällen) können keine eindeutigen Zusammenhänge mit der Grundwasserentnahme hergestellt werden. Es kommen jeweils auch andere Ursachen mit hoher Wahrscheinlichkeit ... in Frage, da in den Fällen der Gebäudeschäden keine Unterlagen über Baugrunduntersuchungen aus der Zeit vor der Errichtung der Gebäude vorgelegt wurden, da die Bauausführungen ... kaum nachprüfbar sind und da natürliche Schwankungen des Grundwassers auftreten.“ So ein Unfug: Natürliche Schwankungen des Grundwassers gibt es immer und überall, deswegen brechen nicht überall Häuser auseinander. Und wie das Fehlen von Unterlagen oder fehlende Baugrunduntersuchungen aus grauer Vorzeit Risse in bis dahin stabilen Gebäuden begünstigen soll, bleibt unergründliches Geheimnis des Gutachters.

Auf diese Art, eine umweltschädliche Maßnahme zu verharmlosen und deren unverantwortliche Fortsetzung „fachlich“ zu begründen, kann es nur eine Antwort geben: Viele von Gebäudeschäden Betroffene, geschädigte Landwirte, so auch Hans Möller, und besorgte Bürger haben das einzig Richtige getan. Sie haben zahlreich und gut begründete Einwendungen erhoben, die am 21. Juni dieses Jahres in Wacken auf einem ungewöhnlich fair durchgeführten Anhörungstermin erörtert wurden. Was nun die Bewilligungsbehörde aus den Einwendungen macht und inwieweit sie dem Antrag des Wasserwerksbetreibers nachkommt, bleibt abzuwarten.

Hans Möller und seine Mitstreiter jedenfalls werden - erprobt nach bald 30-jährigem Kampf gegen die zu hohen Grundwasserentnahmen - gegen eine Bewilligung, die aus Sicht der Betroffenen unakzeptabel ist, vorgehen, zur Not auch wieder vor Gericht. Fortsetzung folgt ....

Copyright-Hinweis:
Der vorstehende Artikel wurde entnommen aus der Zeitschrift WATERKANT, ISSN 1611-1583, Heft 4 / 2005, Seite 15-16 (http:www.waterkant.info/copyright.html). Nachdruck mit Erlaubnis des Autors und der Redaktion.

Anmerkungen:
1. weitere Berichte zu diesem Thema hat WATERKANT veröffentlicht in den Ausgaben 2 / 1993 (S. 31 ff.), 2 / 1995 (S. 15 ff.), 3 / 1997 (S. 12) und 3 / 2000 (S.11 ff.). Von allen Heften haben wir noch Restexemplare anzubieten, darüberhinaus sind die vier Berichte aber auch als PDF auf unserer Webseite verfügbar: http:
www.waterkant.info/wacken.

[Pestizide] STICHWORT BAYER 01/2006

CBG Redaktion

Verantwortlich für giftige Pestizide in Obst und Gemüse

Nicht nur Lidl und Metro, auch BAYER und BASF

Von Peter Kleinert

Dass deutsche Supermarktketten das Lebensmittelrecht einfach ignorieren und „täglich tausendfach gegen das Gesetz verstoßen“, bewies - wieder einmal - die jüngste Greenpeace-Studie „Pestizide außer Kontrolle“. Darüber berichteten die Medien Ende November ebenso aufgeregt wie über den zeitgleich bekannt gewordenen Fleisch-Skandal. „Die staatliche Lebensmittelüberwachung geht kaum gegen die Verantwortlichen vor“, bedauerte Greenpeace. Warum sollte sie? Funk, Fernsehen und Zeitungen erwähnten die für die vergifteten Supermarktlebensmittel tatsächlich Verantwortlichen ja auch mit keinem Wort.

Öffentlich genannt wurden in den Medien zwar die Pestizid-Spitzenreiter unter den Supermärkten, nämlich Lidl und Metro (Real, Kaufhof und Extra), und die nicht ganz so Schlimmen, wie Aldi, Edeka/Spar. Verschwiegen wurden dagegen die eigentlichen Profiteure dieser Obst- und Gemüsevergiftungen - zwei deutsche Chemiekonzerne. Unter den laut Greenpeace-Studie „top ten“ der entdeckten Pestizide, die „für 66% unserer Pestizidfunde verantwortlich“ waren, befanden sich nämlich je zweimal die BAYER AG und die BASF und einmal der ebenfalls deutsche „Pflanzenschutzhersteller“ Scotts Celaflor aus Ingelheim.

In Deutschland grundsätzlich verboten
„Das ist ein bitteres Zeugnis für Essen aus Deutschland“, urteilt Greenpeace-Chemieexperte Manfred Krautter. „Die Bauern gefährden damit die Gesundheit der Verbraucher und schädigen die Umwelt.“ Aber nicht nur die Bauern. Sieben der insgesamt 35 nachgewiesenen Spritzmittel seien in Deutschland in der Landwirtschaft grundsätzlich verboten, darunter das nervenschädigende Insektenbekämpfungsmittel Azinphos-Methyl, dem die Greenpeace-Studie eine „hohe akute Giftigkeit“ bescheinigt. Trotzdem lag es mit sieben Prozent auf Platz 4 der vorgefundenen Pestizide. Hersteller: der deutsche Pharmakonzern BAYER AG aus Leverkusen. Die Birnen, Nektarinen und Pfirsiche, in denen es gefunden wurde, stammten überwiegend aus der Türkei und aus südeuropäischen Ländern.

Ebenfalls ein Produkt aus dem Hause BAYER: das in Deutschland - obwohl als Krebserreger verdächtige - aber nicht verbotene Pestizid Tebuconazol. Es führte mit 8,2 Prozent die Liste der nachgewiesenen Spritzmittel an und wurde bei Pfirsichen und Karotten gefunden. Die Plätze 3 mit 7,1 Prozent und 9 mit 5,5 Prozent belegten Pestizide der BASF: das Pilzbekämpfungsmittel Iprodion, laut Greenpeace ebenfalls Krebs erregend und unter dem Verdacht auf hormonelle Wirkungen, fand sich in Nektarinen, Pfirsichen, Kopfsalat, Paprika und Tomaten, und Cyphermetrin, ein möglicherweise Krebs erregendes Insektenbekämpfungsmittel, gab es in Birnen, Pfirsichen und Kopfsalat.

Deshalb sollten, so Manfred Krautter - von der NRhZ über den Umgang der Medien mit der Greenpeace-Studie informiert -, nicht nur die für Gesundheitsgefährdung der Verbraucher verantwortlichen Supermarktketten, sondern auch die Hersteller der Pestizide öffentlich mit Namen genannt werden. „Und darüber hinaus: Wir denken, diese Wirkstoffe sollten ihre Zulassung verlieren.“ Auf Anfrage der NRhZ an den für Verbraucherschutz in Berlin zuständigen Minister Horst Seehofer (CSU) und die für Vorsitzende des zuständigen Bundestagsausschusses Bärbel Höhn (Grüne) vom Freitag, ob sie solche Konsequenzen zu ziehen gedächten, erhielten wir bis Redaktionsschluss keine Antwort.

Nord-Süd-Gefälle in Europa
Folgt man der Auswertung, gibt es in Europa ein Nord-Süd-Gefälle beim Pestizideinsatz. So fand man in Waren aus den Anbauländern Griechenland und Türkei im Schnitt 0,1 und mehr Milligramm Pestizide pro Kilo. Weit weniger belastet waren dagegen Produkte aus den Niederlanden und Österreich mit unter 0,2 Mikrogramm pro Kilogramm. Im Feld dazwischen lagen Belgien, Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien. Krautter: „Beim Einkauf lohnt es sich also nach wie vor auch aufs Herkunftsland zu achten.“

Aber auch deutsche Bauern spritzen Tomaten, Kopfsalat, Gurken und Karotten mit die Gesundheit gefährdenden, nicht zugelassenen Pestiziden. In 27 der 112 getesteten deutschen Gemüseproben fanden sich Pestizidwirkstoffe, die vom zuständigen Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gar nicht oder nicht für die betroffene Gemüseart zugelassen sind. Diese Spritzmittel können Krebs auslösen, die Fortpflanzung beeinträchtigen oder sind schädlich für das Hormon- oder Nervensystem.

Empörung bislang ohne Konsequenzen
Schon im Juli hatte Greenpeace in deutschen Johannisbeeren illegale Pestizide gefunden. Daraufhin kündigten Landesbehörden und Staatsanwaltschaften Ermittlungen und verbesserte Überwachungen an. Der Deutsche Bauernverband kritisierte die Verstöße, und der Industrieverband Agrar erklärte, nicht zugelassene Pestizide im Jahr 2006 vorübergehend zurückzunehmen. „All die Ankündigungen und Empörungsrufe der Bauern- und Industrievertreter blieben bislang ohne Konsequenzen. Unser Test zeigt, dass der Einsatz illegaler Pestizide in Deutschland weit verbreitet ist. Die Gemüsebauern stehen den Obstbauern beim Spritzen verbotener Mittel in nichts nach. Diesem Treiben muss der neue Landwirtschaftsminister Seehofer gemeinsam mit den Agrarministern der Länder rigoros ein Ende setzen“, fordert Krautter. Sein Fazit: Die Verbraucher sollten am besten Bio-Ware kaufen. Die sei in der Regel ganz frei von künstlichen Spritzmitteln.

Und wer sich Bio-Ware angesichts Arbeitslosigkeit und höherer allgemeiner Lebenshaltungskosten nicht leisten kann, geht - nach den Ergebnissen der Greenpeace-Studie - nun vielleicht lieber zu Tengelmann, Aldi und Edeka/Spar. Die wiesen nämlich laut Testergebnis mit um die 20 Prozent Pestiziden „am wenigsten ROT-Wertungen“ auf. Ähnlich der Regionalanbieter Tegut. Krautter: „Dies sind keine Jubelwerte für die Besten in unserem Test! Wer 20% „nicht empfehlenswerte“ Frischware verkauft, ist keinesfalls ein Muster-Anbieter, sondern allenfalls das kleinere Übel im Vergleich zu den Ketten, die noch schlechter abschneiden.“

Nähere Hinweise dazu im Greenpeace-Ratgeber „Essen ohne Pestizide“
www.einkaufsnetz.org

[BIS] STICHWORT BAYER 01/2006

CBG Redaktion

Service-Gesellschaft blutet aus

BAYER rationalisiert weiter

Nach der Chemie-Sparte hat BAYER eine neue Baustelle aufgetan: die BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS).

Von Jan Pehrke

„Wir wollen ein ‚neues BAYER‘ schaffen“, so umriss im Jahr 2002 der damalige BAYER-Chef Manfred Schneider das mit der Bildung einer Holding verknüpfte Ziel. Der Vorstand spaltete den Konzern in sieben Teile auf. Es entstanden eine Pharma-, eine Kunstoff-, eine Chemie- und eine Agro-Gesellschaft auf der einen und die Dienstleistler BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS), BAYER TECHNOLOGY SERVICES (BTS), BAYER BUSINESS SERVICES (BBS) auf der anderen Seite. Die formal eigenständigen Sparten sollten so mehr „unternehmerische Eigenverantwortung“ übernehmen. Nach Ansicht des Holding-Mastermindes und Schneider-Nachfolgers Werner Wenning könnten mit der veränderten Struktur Geschäftsfelder, die BAYER Wettbewerbsvorteile brächten, noch besser gefördert werden. Außerdem könne man schneller reagieren, wenn bestimmte Bereiche den Erwartungen und Vorgaben nicht entsprächen. Die Stärken stärken und die Schwächen schonungslos offen legen - „Survival of the Fittest“ war bei „New BAYER“ also angesagt, und für das Überleben der Sparten bestanden von Beginn an unterschiedliche Vorraussetzungen. In die BIS hat der Leverkusener Multi nach Ansicht eines Beschäftigten nämlich wie in einen „Mülleimer“ alles gesteckt, was Kosten verursacht: der Unterhalt der Chemieparks, Handwerksdienste, Werkschutz- und Umweltschutzaufgaben.

So ging es dem „Mülleimer“ schon bald dreckig. Verschärfend kam hinzu, dass unter „New BAYER“ das „Jeder gegen jeden“-Prinzip gilt. Die ebenfalls einem verschärften Profit-Diktat unterworfenen anderen Holding-Bestandteile fragten bestimmte Dienstleistungen nicht mehr automatisch bei der BIS nach, die wegen der Geltung der Chemie-Tarife nicht gerade ein „billiger Jakob“ war, sondern bedienten sich „immer öfter“ außer Haus. Fast zwangsläufig folgte anno 2003 das erste Kostensenkungsprogramm, das vorsah, bis Ende 2005 1.300 Arbeitsplätze zu vernichten. Trotzdem entleerte der Konzern zuerst einen anderen Mülleimer, in den er die zu wenig Rendite versprechenden chemischen Massenwaren gesteckt hatte. Im Jahr 2005 trat das Geschäft unter dem neuen Namen LANXESS offiziell den schweren Schritt in die Selbstständigkeit an. Da LANXESS aber eine 40-prozentige Beteiligung an der BIS erhielt, hatte die Trennung vom Chemie-Bereich auch Auswirkungen auf die Dienstleistungsgesellschaft. „BAYER hat die Chemie abgespalten, weil sie dafür ein anderes, erfolgreiches Geschäftsmodell brauchte. Wir haben hier tatsächlich ein anderes, erfolgreiches Geschäftsmodell. Und wenn diese beiden Anteilseigner von BIS aufeinander treffen, dann gibt es sicherlich in einzelnen Fragen auch unterschiedliche Meinungen (...) Die BIS ist mit Personalressourcen ausgestattet, die dem derzeitigen Bedarf nicht entsprechen“, sagte der LANXESS-Arbeitsdirektor Martin Wienkenhöver in einem Gespräch mit dem Kölner Stadtanzeiger.

Wenn die Personalressourcen denn wirklich dem derzeitigen Bedarf nicht mehr entsprechen, so hat LANXESS selber daran einen gehörigen Anteil. Von Beginn ihrer unternehmerischen Tätigkeit an bis heute macht die Gesellschaft nämlich vor allem mit Arbeitsplatzvernichtung, Standortschließungen und Rationalisierungsprogrammen von sich reden, was in Bezug auf die BIS Kaufzurückhaltung bedeutete. Die Gewerkschaft hatte das kommen sehen und drang auf einen entsprechenden Passus im „Scheidungsvertrag“, der LANXESS verpflichtete, noch mindestens drei Jahre BIS-Leistungen zu BAYER-Konditionen abzunehmen.

Das half der Servicegesellschaft aber nicht viel. Die Geschäftsleitung gab im letzten Herbst einen 20-prozentigen Umsatzrückgang und ein Minus von 40 Mio. Euro bekannt. Prompt meldete sich LANXESS zu Wort. „Da muss eigentlich jedes Modell, das zur Beseitigung dieser Lage beiträgt, erlaubt sein“, gerierte sich Wienkenhöver als Krisenmanager. Die BIS-Geschäftsleitung kannte dann auch wirklich kaum Zumutbarkeitsgrenzen. Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich, Ausgliederung von Werkschutz und anderen Bereichen, Streichung von Sonderzahlungen und ein eigener, aus dem BAYER-Personalverbund herausgelöster Betriebsrat umfasste ihr Horrorkatalog. 3.500 Beschäftigte - so viel wie seit Jahrzehnten nicht beim Agromulti - veranlasste das im Dezember zu einer Protestaktion. Als der BIS-Vize Heinz Bahnmüller vor die Menge trat und schulterzuckend erkärte, die schlechten Zahlen ließen nun mal keine andere Wahl, da schallt ihm ein „Das ist doch so gewollt“ entgegen. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE unterfütterte diese Ansicht später mit einem Gutachten, das Bilanztricks offenbarte. Die BIS hatte sich mutwillig schlechtgerechnet, um ohne Rücksicht auf Verluste rationalisieren zu können.

Ob diese Strategie aufgeht, wird sich bei den weiteren Verhandlungen mit der Gewerkschaft nach den Betriebsratswahlen im April zeigen. Für die BISler brechen aber auf jeden Fall harte Zeiten an. Für die Zeit nach der 2007 auslaufenden „Standortsicherungsvereinbarung“, betriebsbedingte Kündigungen ausschloss, bildet die BIS nach Informationen des Betriebsrats Klaus Hebert-Okon schon jetzt Rückstellungen. Ein Beschäftigter machte seiner Wut in einem Leserbrief Luft: „Eine schlimme Zeit, in der es kein Limit mehr gibt, in der nur noch mehr, mehr und noch mehr Profitgier gilt. Sozial handelt das Management nicht mehr, es handelt antisozial, also asozial“, schrieb er.

[Ticker] STICHWORT BAYER 01/2006 – Ticker

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

LAUF: BAYER soll spenden
Der BAYER-Konzern hat seinen Stammsitz Leverkusen in den letzten Jahr arg gebeutelt. Die dank kreativer Buchführung entweder gar nicht mehr oder nur noch äußerst spärlich fließenden Gewerbesteuer-Zahlungen haben die Kommune kräftig in die roten Zahlen getrieben. Dabei ließen sich schon mit nur einem Prozent des Unternehmensumsatzes die Schulden der Stadt begleichen, hat Fritz Kunkel von der linken Kommunalpartei LAUF ausgerechnet. Deshalb forderte Kunkel den Agroriesen auf, diesen kleinen Obulus zu leisten, schließlich habe sich Leverkusen an der Absicherung seiner Dhünnauer Giftmüll-Deponie beteiligt und müsse überdies für die vielen vom Pharmariesen „freigesetzten“ Beschäftigten aufkommen.

Mexiko: Pestizidfabrik schließt
Die Drecksarbeit lässt der Leverkusener Agromulti gerne von anderen erledigen, um sich der Öffentlichkeit gegenüber besser als Umweltengel verkaufen zu können. In Mexiko beispielsweise bezog der Konzern die Grundstoffe für seine Pestizidproduktion von einer Chemiefabrik, die ohne behördliche Genehmigung agierte. Entsprechend fatal wirkte sich das unternehmische Treiben auf die Gesundheit der Bevölkerung von Juchitepec de Mariano Rivapalacio aus. Fälle von Krebserkrankungen, Missbildungen der Genitalien, Magenerkrankungen, Brechreiz, Kopfschmerzen, Angstattacken nahmen im Umkreis der Fertigungsstätte exorbitant zu. Das führte zu lokalen Protesten, die - unterstützt von GREENPEACE und dem PESTICIDE ACTION NETWORK (PAN) - schließlich erfolgreich waren. Die staatlichen Stellen schlossen die Niederlassung.

Frankreich: neues Gentech-Gesetz
Die französische Regierung will der „grünen Gentechnik“ von BAYER & Co. in diesem Jahr durch ein neues Gesetz grünes Licht geben. GREENPEACE protestiert dagegen und hat die große Agrarmesse „Salon de l‚agriculture“ als Forum für den Kampagnen-Auftakt genutzt.

BAYER im französischen Parlament
Im Vorfeld der Beratungen zum neuen Gentechnik-Gesetz (s. o.) hat die französische Nationalversammlung unter dem Titel „Landwirtschaft und nachhaltige Entwicklung“ zu einem Meeting geladen. Dieses verlief allerdings etwas einseitig. Teilnehmen durften nämlich nur VertreterInnen von BAYER und anderen Agromultis, Umweltschutzgruppen mussten draußen bleiben. Aus Protest schrieben die Verbände einen Offenen Brief an die PolitikerInnen. „Die Parlamentarier organisieren gemeinsam mit den Gen-Multis eine Veranstaltung zu nachhaltiger Landwirtschaft, aber wie lange sollen wir noch auf eine solche Diskussion mit den Bürgern Frankreichs als Gesprächspartner warten?“, machte Christian Berdot von FRIENDS OF THE EARTH seinem Ärger Luft.

BAYER im holländischen Parlament
Immer noch schuften bei den Zulieferern von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO ca. 500 Kinder; bei den für MONSANTO und SYNGENTA arbeitenden dürften es mindestens ebenso viele sein. Dieses Skandalon hat die niederländischen SozialdemokratInnen dazu bewogen, die Machthabenden im Parlament dazu aufzufordern, Druck auf die Agromultis und die PolitikerInnen ihrer Herkunftsländer auszuüben. Die holländische Regierung erklärte sich jedoch für „nicht zuständig“. Eine ähnliche Antwort ist bei der EU-Kommission zu erwarten, die auch eine Anfrage in Sachen „Kinderarbeit“ erhielt.

GAUCHO: ImkerInnen beim Minister
In Frankreich hat das inzwischen massiven Anwendungsbeschränkungen unterliegende BAYER-Pestizid GAUCHO zu einem großen Bienensterben geführt (Ticker berichtete mehrfach). Die BienenzüchterInnen hatten BAYER daraufhin verklagt. Neben einer saftigen Strafe für den Agromulti erhoffen sie sich Entschädigungen und ein definitives Verbot des Ackergiftes. Weil die Mühlen der Justiz aber allzu langsam mahlen, hat eine Delegation im Januar 2006 mit Patrice Camberou einen engen Mitarbeiter des französischen Justizministers aufgesucht. Dieser versprach, sich für eine Beschleunigung des Verfahrens einzusetzen. Aber bis Ende Februar tat sich noch nichts, weshalb die ImkerInnen sich erneut mit einer Presseerklärung an die Öffentlichkeit wandten.

PAN schreibt Gabriel
Das PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK (PAN) hat den Umweltminister Sigmar Gabriel und den Landwirtschaftsminister Horst Seehofer in einem Offenen Brief aufgefordert, mit der Umsetzung eines Beschlusses der AgrarministerInnen-Konferenz vom 4. März 2005 zu beginnen, der eine Reduzierung des Einsatzes der Pestizide von BAYER & Co. auf den Äckern um 15 Prozent bis 2015 vorsieht.

BAYER für Anti-Preis nominiert
Als Kontrastprogramm zum alljährlichen Davoser Klassentreffen von ManagerInnen und PolitikerInnen, an dem auch BAYER-Chef Werner Wenning teilnahm, vergeben die beiden Initiativen PRO NATURA und BERNER ERKLÄRUNG in dem idyllischen schweizer Bergort stets den „Public Eye Award“ als Antipreis. Wie schon im letzten Jahr, gehörte BAYER auch diesmal wieder zu den Kandidaten für die wenig schmeichelhafte Auszeichnung. GREENPEACE/Australien hatte den Leverkusener Agromulti nominiert, weil sein Gen-Raps auf die Felder der konventionell oder ökologisch anbauenden LandwirtInnen übergreift und ihren Ernten starke Absatzprobleme beschert. Allerdings musste der Konzern den Global Player CHEVRON an sich vorbeiziehen lassen, der für seine Kontamination des ecuadorischen Regenwaldes mit Öl den „Public Eye Award“ einstrich.

KAPITAL & ARBEIT

BAYER will 600 Millionen sparen
Auf der Bilanzpressekonferenz am 6. März 2006 verkündete BAYER-Chef Werner Wenning ein Rekordergebnis. Der Konzern erhöhte seinen Umsatz auf in der Unternehmensgeschichte einmalige 27,4 Milliarden Euro. Trotzdem gab der Vorstandsvorsitzende im gleichen Atemzug ein neues, 600 Millionen Euro schweres Kostensenkungsprogramm bekannt. Vor allem im Verwaltungsbereich will der Agromulti Arbeitsplätze vernichten.

Standortvereinbarung: BIS sorgt vor
Im Jahr 2007 läuft die „Standortsicherungsvereinbarung“ aus, die betriebsbedingte Kündigungen ausschloss. Eine Verlängerung mit einer ähnlichen Garantie dürfte ausgeschlossen sein. BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS) rüstet sich nach Informationen des Betriebsrates Klaus Hebert-Okon, welcher innerhalb VERDIS der alternativen Gewerkschaftsgruppe BELEGSCHAFTSTEAM angehört, jedenfalls schon für Arbeitsplatzvernichtung im großen Stil. Das Management bildet bereits Rückstellungen für die beim Tabula-rasa-machen anfallenden Sozialpläne.

Das Chemie-Geschäft boomt
Bei der ersten Pressekonferenz in seiner Funktion als Präsident des „Verbandes der Chemischen Industrie“ konnte BAYER-Chef Werner Wenning mit guten Zahlen aufwarten. Die Produktion von BAYER & Co. erhöhte sich um sechs Prozent. Der Umsatz stieg um sieben Prozent, wobei sich das Umsatzwachstum gegenüber den Vorjahren sogar verdoppelte. Trotzdem vernichteten die Chemie-Unternehmen ein Prozent ihrer Arbeitsplätze. Nur noch 440.600 Beschäftigte zählt die Branche. Mit immer weniger Personalkosten erwirtschaften die Firmen also immer exorbitantere Gewinne. Für Wenning dürften sie gerne noch etwas exorbitanter sein. Er kritisierte die im Vergleich zu den USA und Großbritannien am Standort Deutschland um ein Drittel höheren Arbeitskosten und die um fünf Prozent niedrigere Umsatzrendite.

Konkurrenz unter BAYER-Standorten
Das BAYER-Management spielt die einzelnen Standorte des Konzerns systematisch untereinander aus. So hat es intern die Produktion eines Medikamentes neu ausgeschrieben. Bitterfeld und zwei weitere Niederlassungen kamen in die engere Auswahl. Wer am wenigsten Lohnkosten bietet, dürfte den Zuschlag bekommen.

Arbeitsplatzvernichtung bei LANXESS

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Bei der Arbeitsplatzvernichtung liegt BAYERs Chemieabspaltung LANXESS über Plan. Wollte das Unternehmen am Standort Dormagen bis Ende 2005 eigentlich „nur“ 200 Stellen streichen, fielen bereits 303 Jobs weg. Tatorte sind hauptsächlich der Bereich „Feinchemie“ und die Produktion des Styrenics-Kunststoffes, die LANXESS fast komplett nach Spanien verlagert.

Arbeitsplatzvernichtung bei LANXESS

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BAYERS Chemie-Abspaltung LANXESS hat das Geschäftsfeld „Dorlastan-Fasern“ an das japanische Unternehmen ASAHI KASEI FIBERS verkauft. Der Konzern übernimmt mit 160 Beschäftigten lediglich einen Teil der Beschäftigten. 70 weitere arbeiten für zwei Jahre auf Leihbasis für den neuen Inhaber. 41 Belegschaftsmitglieder landen in einer Transfer-Gesellschaft; ihre Chancen auf Vermittlung anderer Jobs dürfte aber ziemlich gering sein.

De Win neuer Gesamtbetriebsratschef
Der 47-jährige Thomas de Win hat den in Ruhestand gehenden Erhard Gipperich als Vorsitzender des BAYER-Gesamtbetriebsrat abgelöst.

Leverkusen zweitproduktivste Stadt
BAYER vernichtet immer mehr Jobs, verteilt die Arbeit auf immer weniger Schultern und erhöht so die Rendite. Ausbund dieser perversen ökonomischen Logik: Leverkusen nimmt in der Rangfolge der produktivsten Kommunen der Bundesrepublik den zweiten Rang ein, was vornehmlich auf das Konto des ortsansässigen Multis geht. 82.008 Euro trug im Jahr 2003 jeder in der Stadt lebende Beschäftigte durchschnittlich zum bundesdeutschen Bruttosozialprodukt bei. Diese Produktivität übertrafen nur noch die MünchnerInnen mit 115.159 Euro.

ERSTE & DRITTE WELT

Noch immer Kinderarbeit
Immer noch beschäftigen die Zulieferer von BAYERs indischer Tochtergesellschaft PROAGRO Kinder. Nach der neuesten Studie von Dr. Davuluri Venkateswarlu haben in der zurückliegenden Saatgut-Pflanzsaison 500 Minderjährige auf den Feldern gearbeitet.

Kinderarbeit: BAYER beim BMZ
Nachdem das TV-Magazin Monitor über die Kinderarbeit bei den Zulieferern von BAYERs indischer Tochtergesellschaft PROAGRO berichtet hatte, lud das „Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit“ den Leverkusener Multi zu einem Gespräch vor, dem auch ein Vertreter der INTERNATIONAL LABOUR ORGANISATION (ILO) beiwohnte. Genauere Informationen über das Treffen gelangten allerdings nicht nach draußen.

WHO warnt vor Malaria-Arznei
BAYER hat sich schon vor Jahrzehnten aus der Tropenmedizin zurückgezogen, weil die „dritte Welt“ keinen lukrativen Pharmamarkt darstellt. Erst großzügige Spenden der Bill-Gates-Stiftung und die Aussicht auf einen Image-Mehrwert brachten die BAYER-ForscherInnen wieder in die Labore zurück. Der Konzern arbeitet an einem Malaria-Medikament, das auf einer Weiterentwicklung des chinesischen Pflanzenstoffes Artemisinin beruht. Jetzt hat die Weltgesundheitsorganisation WHO vor solchen Arzneien gewarnt. Sie rief dazu auf, den Verkauf von Artemisinin-haltigen Einzelmedikamenten zu stoppen. Da der Wirkstoff den Erreger nicht abtötet, sondern nur schwächt, befürchten die GesundheitsexpertInnen nämlich Resistenz-Bildungen.

BAYER betreibt Biopiraterie
Der Leverkusener Multi betrachtet die Natur in „Drittweltländern“ als Rohstoffreservoir für die Pharmaproduktion. Nach einer Untersuchung des US-amerikanischen „Edwards Institute“ gewann der Konzern den Wirkstoff seines Diabetes-Mittels GLUCOBAY aus einem Bakterium, das dem kenianischen Ruiru-See entstammt, und verschweigt dessen afrikanische Herkunft in der Patentschrift (siehe auch SWB 1/06).

IG FARBEN & HEUTE

BAYER im Holocaust-Museum
Der US-amerikanische Jude David Rosenberg gehört am BAYER-Standort Pittsburgh der Gruppe THE COMMITEE FOR APPROPRIATE ACKNOWLEDGEMENT an, die den Konzern immer wieder zwingt, sich mit seiner NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. So sprach der Historiker 1999 auf der BAYER-Hauptversammlung und forderte den Multi zu einer angemessenen Entschädigung seiner ehemaligen ZwangsarbeiterInnen auf. Jetzt hat die Initiative ihr umfangreiches BAYER-Archiv dem Holocaust-Museum in Washington zur Verfügung gestellt.

KONZERN & VERGANGENHEIT

BAYER-Lobbyismus unter Adenauer
Schon unter Bundeskanzler Konrad Adenauer konnte BAYER auf dem kleinen Dienstweg politisch intervenieren, wie Cerstin Gammelin und Götz Hamann in ihrem Buch „Die Strippenzieher“ enthüllen. Der damalige BAYER-Chef Ulrich Haberland gehörte nämlich dem von Adenauer ins Leben gerufenen „Kleinen Kreis“ an, einer Runde einflussreicher Industriebosse. Und der Kanzler nahm sich durchaus zu Herzen, was die Manager ihm einflüsterten. Der Ex-Chef der DEUTSCHEN BANK, der wegen seiner Machenschaften in der NS-Zeit berühmt-berüchtigte Hermann Josef Abs, erklärte jedenfalls, für ihn würden „in späteren Äußerungen, in Reden und im Parlament Ansichten und Urteile deutlich, die das Ergebnis ... solcher Aussprachen waren“.

POLITIK & EINFLUSS

Garthoff neuer DIB-Vorsitzender
Das ehemalige BAYER CROPSCIENE-Vorstandsmitglied Bernward Garthoff sitzt seit Februar 2006 innerhalb des „Verbandes der Chemischen Industrie“der „Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie“ vor. Qualifiziert für diesen Lobbyisten-Job hat Garthoff unter anderem seine Position als Vize-Vorsitzender von „EuropaBio“.

Winnacker gratuliert Merkel
Der im BAYER-Aufsichtsrat sitzende Ernst-Ludwig Winnacker gratulierte in seiner Funktion als Präsident der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“ (DFG) Angela Merkel zum Wahlsieg. „In seinem Glückwunschschreiben nennt DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker die neue Bundeskanzlerin eine Freundin der Wissenschaft, die sich für die Belange von Forschung und Entwicklung einsetze“, heißt es in der Presseerklärung des Verbandes.

Winnacker will mehr Stammzellen
Der Präsident der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“ (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, der auch im BAYER-Aufsichtsrat sitzt, hat Bundesforschungsministerin Annette Schavan aufgefordert, das Stammzellgesetz zu liberalisieren. Bisher verbietet es die Verwendung „überzähliger Embryonen“ aus der künstlichen Befruchtung und erlaubt lediglich die Einfuhr älterer Stammzellen. Nach Meinung von Winnacker kann die Bundesrepublik aufgrund solcher Reglementierungen „nicht in der Weltliga mitspielen“. Er will auch an Stammzellen heran, die ForscherInnen nach dem Stichtag „1.1.2002“ gewonnen haben und mahnt mildere Strafen für GentechnikerInnen an, die sich über ausländische KooperationspartnerInnen Zugang zu den begehrten Zellen verschafft haben.

Zuviel Staat in China
Chinas Wirtschaft boomt. Eine Studie der DEUTSCHEN BANK prognostiziert bis 2015 für die Chemie-Industrie eine 10-prozentige Umsatz-Steigerung auf 400 Milliarden Dollar. Aber BAYER und die anderen im Land vertretenen Global Player plagen auch Sorgen. So betätigen sich die in Staatsbesitz befindlichen Chemie-Unternehmen als Aufseher über ihre ausländische Konkurrenz. Zudem ist die Zulassung von neuen Produkten mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden. Darum haben BAYER & Co. jetzt über die Europäische Handelskammer die Errichtung einer unabhängigen Regulierungsbehörde und einen Rückzug des chinesischen Staates aus dem Wirtschaftsleben gefordert.

Neues Gentechnik-Gesetz
Kaum im Amt, macht sich die rot-schwarze Koalition auch schon daran, das alte Gentechnik-Gesetz auf die Bedürfnisse von BAYER & Co. zuzuschneiden. Merkel & Co. kappen alle über die EU-Richtlinie zur Freisetzung von Genpflanzen hinausgehenden Vorschriften. Die von Rot-Grün eingeführten relativ strengen Haftungsregelungen schaffen die GroßkoalitionärInnen ab. Für Schadensfälle wollen sie einen Fonds einrichten. Aussaaten zu Forschungszwecken können BAYER & Co. künftig schnell und ohne großen bürokratischen Aufwand beantragen. Zudem hält es die Bundesregierung nicht mehr für nötig, die Öffentlichkeit unbeschränkt über Gen-GAUs in Kenntnis zu setzen. Wenn es um „wettbewerbsrelevante Informationen von Unternehmen“ geht oder Patentrechte betroffen sind, kann der Mantel des Schweigens über „Risiken und Nebenwirkungen“ geworfen werden.

BAYER spart Ökosteuer
Die strom-intensivsten Branchen wie z. B. die Chemieindustrie müssen relativ gesehen am wenigsten Ökosteuer zahlen. Nach erfolgreichen Interventionen von BAYER & Co. räumte die rot-grüne Koalition ihnen großzügige Ausnahmeregelungen ein. Nach einem Bericht zur Bilanz der Ökologischen Steuerreform belaufen sich diese Subventionen jährlich auf 5,6 Milliarden Euro.

Umweltminister bei HC STARCK
Die Einweihung einer Pilotanlage der BAYER-Tochter HC STARCK zur Produktion von angeblich „ökologisch korrekten“ keramischen Stromleitern für Brennstoffzellen fand im Beisein des bayerischen Umweltministers Dr. Werner Schnappauf statt.

Neue Arzneigesetz
Die Gesundheitsreformen kommen und gehen, aber die Profite für die Pillen-Produzenten bleiben bestehen. Im vergangenen Jahr stiegen die Arzneimittel-Kosten der Krankenkassen um 16 Prozent auf 22,4 Milliarden Euro. Auch das von schwarz-rot verabschiedete Arznei-Sparpaket ändert an dem guten Geschäftsklima für BAYER & Co. nicht allzu viel. Die Pharmariesen schalteten sich schon früh in den Beratungsprozess ein und handelten ihren noch vom Koalitionsvertrag vorgesehenen Kostensenkungsbeitrag von 2 auf 1,3 Milliarden Euro herunter. De Regelung, MedizinerInnen, die zu teure Medikamente verschreiben, das Honorar zu kürzen und PatientInnen die Zuzahlung zu ersparen, wenn sie von ihrem Arzt die Verordnung einer preiswerten Arznei verlangen, dürften die Konzerne ebenso sehr verschmerzen können wie die Senkung der Festbeträge für neue oder nur scheinbar neue Medikamente. Dass diese die Unternehmen zu Preissenkungen veranlasst, bezweifeln die Krankenkassen nämlich.

PROPAGANDA & MEDIEN

Konzern-Kampagne zur WM
BAYER & Co. wollen die Fußball-WM nutzen, um mit der Kampagne „Land der Ideen“ für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu werben. Da der Leverkusener Multi die PR-Maßnahme mit einer Million Euro unterstützt, darf er auch Ideen haben. In dem Skulpturenpark mit wichtigen bundesdeutschen Erfindungen, der im Juni in Berlin eröffnet wird, bereitet deshalb auch eine überdimensionale ASPIRIN-Tablette Kopfschmerzen. Zudem kann sich das Bitterfelder Werk künftig mit dem Titel „Ort der Ideen“ schmücken, was den sachsen-anhaltinischen Wirtschaftsminister Horst Rehberger (FDP) als ersten Gratulanten auf den Plan rief.

LEVITRA-Werbung mit Jerry Hall
Unermüdlich versucht BAYER mit immer neuen Methoden, das hinter den Umsatzerwartungen zurückbleibende Potenzmittel LEVITRA an den Mann zu bringen. Jetzt hat der Konzern sich zu diesem Zweck Jerry Hall als Werbeträgerin geangelt, deren Ruhm sich einzig der Tatsache verdankt, einmal mit Mick Jagger verheiratet gewesen zu sein.

BAYER umwirbt AfroamerikanerInnen
In den USA hat BAYER die AfroamerikanerInnen als neue Zielgruppe auserkoren. Der Leverkusener Multi gehört zu den prominenten Werbepartnern eines neuen, speziell auf AfroamerikanerInnen zugeschnittenen Talkradio-Senders und präsentiert dort gleich zwei Programme.

BAYER spendet Wissenschaftsinitiative
In den USA hat BAYER der „Kansas City Science Initiative“ (KCSI) eine finanzielle Unterstützung zukommen lassen. Die KCSI bildet LehrerInnen fort, und ihre Programme erlauben SchülerInnen und StudentInnen ein praxis-nahes, ergo konzern-nahes Lernen. Das Geld ist also gut angelegt.

Bush ehrt BAYER
Da haben sich zwei gefunden: Der US-amerikanische Präsident George W. Bush zeichnete BAYER als erstes ausländisches Unternehmen mit dem „Ron-Brown-Award for Corporate Leadership“ aus. Bush Junior erachtete es als preiswürdig, schon SchülerInnen die Naturwissenschaften, so wie BAYER sie versteht, zu vermitteln und sich so unkritischen Nachwuchs heranzuzüchten.

Ausbildungsaktivitäten ausgezeichnet
Um mehr als ein Drittel ist die Zahl der Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten fünfzehn Jahren zurückgegangen. Die Lehrstellen-Quote des Konzerns liegt unter den 7,1 Prozent, welche die Betriebe im Gebiet Rhein-Wupper durchschnittlich erreichen. Trotzdem überreichte Arbeitsminister Franz Müntefering dem Multi im Namen der „Initiative für Beschäftigung“ einen Preis. Er prämierte das Unternehmen für sein Starthilfe-Programm, das Jugendliche fördert, die den Einstellungstest nicht bestanden haben. Lobende Erwähnung fand auch der regionale Ausbildungsverbund. Da hätte Müntefering sich allerdings auch selbst auszeichnen können, denn der Staat ist über die Länder an der Finanzierung des Projektes beteiligt.

Der Hausarzt wirbt für LEVITRA
In der Bundesrepublik gibt es nur wenige unabhängige, nicht auf Anzeigen aus der Pharma-Branche angewiesene Medizin-Zeitschriften. Die übrigen tun alles, um BAYER & Co. ein angemessenes Werbeumfeld zu bieten. So macht Der Hausarzt unverhohlen Reklame für BAYERs Potenzmittel LEVITRA. „Trotz der Möglichkeit einer effektiven Therapie mit den modernen PDE-5-Hemmern wie Vardenafil (LEVITRA) lassen sich nur wenige Männer (<20 Prozent) behandeln“, heißt es in einem Artikel etwa. Das Blatt weiß auch warum: Die ÄrztInnen machen nicht den ersten Schritt und reden mit ihren PatientInnen über das Thema. „Dabei sind die meisten Männer dankbar für die Ansprache des Problemes“, meint Der Hausarzt zu wissen und weist zu allem Überfluss auch noch auf das LEVITRA-Portal im Internet hin. Die nächste LEVITRA-Anzeige ist der Postille also schon sicher.

BAYERs Herzgesundheitsprojekt
Der Leverkusener Multi versucht seit geraumer Zeit, sich nicht bloß als Pillendealer, sondern als Konzern mit einem umfassenderen Gesundheitsbegriff darzustellen. Deshalb startete er öffentlichkeitswirksam zusammen mit dem Herzzentrum der Kölner Universität und der deutschen Sporthochschule das Projekt „Herzgesundheit“, das mit 23 ProbandInnen den Einfluss von sportlicher Betätigung auf die Reduzierung von Risikofaktoren für Herz/Kreislauf-Erkrankungen untersuchte.

Uno und kein Ende
Der Leverkusener Multi lässt kaum einen Monat verstreichen, ohne sich prestigeträchtig als Partner der Uno ins Spiel zu bringen. Jetzt brüstet sich der Konzern damit, Erstunterzeichner der „Responsible Care Global Carta“ zu sein, die der Chemie-Weltverband ICCA bei der UN-Konferenz für Chemikalien-Management in Dubai vorstellen durfte. „Ökonomische, ökologische und soziale Ziele haben bei all unseren Aktivitäten weltweit den gleichen hohen Stellenwert“, verkündete BAYER-Vorstand Udo Oels vollmundig, ungeachtet der Arbeitsplatzvernichtung trotz steigender Profite, Biopiraterien, Pharma-GAUs, Pestizid-Pest und CO2-Schönrechnereien.

BmBF hilft BAYER waschen
Das „Bundesministerium für Bildung und Forschung“ unterstützt die Greenwashing-Aktivitäten der bundesdeutschen Konzerne und hat deshalb den Aufbau einer Internet-Seite zu „nachhaltigem Investment“ finanziert, zu deren „Partnern“ auch BAYER gehört.

BAYER wieder Umweltfilm-Sponsor
Beim letzten Umweltfilm-Festival der „Pittburgh Filmmakers“ gehörte BAYER zu den Sponsoren. Nachdem die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN die VeranstalterInnen auf die diversen Umweltsünden des Konzerns aufmerksam gemacht hatte, von denen er durch das finanzielle Engagement abzulenken trachtet, versprachen die FilmemacherInnen, im nächsten Jahr ihre Kooperation mit dem Leverkusener Chemiemulti zu überdenken. Das haben sie nun getan und kamen mehrheitlich zu der Meinung, auf BAYERs Geld nicht verzichten wollen.

BAYER am Bahnhof Zoo
Das passt: Der Pillen-Dealer BAYER will künftig in Berlin am Bahnhof Zoo für seine Produkte werben. Der Konzern plant, auf dem Dach eines Hochhauses ein BAYER-Kreuz mit einem Durchmesser von elf Metern zu installieren.

DRUGS & PILLS

Tod durch CIATYL?
In einem bayerischen Altersheim verstarb im November 2005 ein 78-jähriger Mann an einer Embolie als Folge einer Thrombose, kurz nachdem sein Arzt das bisherige Medikament zur Behandlung seiner psychischen Krankheit abgesetzt und durch das BAYER-Neuroleptikum CIATYL ersetzt hatte. Da das Auslösen von Thrombosen zu den Nebenwirkungen von CIATYL zählt, führten die Angehörigen des Mannes seinen Tod auf das Mittel zurück und verklagten BAYER. Das Präparat mit dem Wirkstoff Zuclopenthixoldec ist seit längerem umstritten. Nach einer Studie, welche die Archives of Internal Medicine dokumentierten (2004; 164: 1293-1297) erhöht die Verordnung von Antipsychotika wie HALDOL, EUNERPAN oder eben CIATYL das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, stark. Zudem berichten PatientInnen über Ohnmachtsanfälle und Atemkrämpfe nach Einnahme der Arznei.

ASPIRIN-Studie gefälscht
BAYER preist ASPIRIN gern als Tausendsassa an. In mindestens einer Beziehung muss der Pharmariese damit aber in Zukunft vorsichtiger sein. Eine regelmäßige Einnahme des Schmerzmittels reduziert nicht die Wahrscheinlichkeit, an Mundhöhlenkrebs zu erkranken. Der norwegische Mediziner Jon Sudbo hatte das behauptet und entsprechende Untersuchungsergebnisse in renommierten Fachblättern wie The Lancet veröffentlicht. Er berief sich dabei auf statistisches Material von 123.234 Menschen aus den Jahren 1974 bis 1995, das er der Datenbank „Conor“ entnommen haben wollte. Leider existierte diese Datenbank aber erst seit 1994, wie ein Kollege Sudbos herausfand. Der Krebsforscher gab daraufhin zu, seine Studie gefälscht zu haben.

Studie warnt vor LEVITRA & Co.
„Liebe macht blind“ - wenn die Herren der Schöpfung dabei auf Potenzpräparate wie BAYERs LEVITRA zurückgreifen, stimmt das sogar im buchstäblichen Sinn. In den USA verlor ein Mann durch das BAYER-Präparat sein Augenlicht (Ticker 3/04), worauf die US-Gesundheitsbehörde FDA den Konzern dazu zwang, auf den Beipackzetteln vor dieser Gefahr zu warnen. Dabei handelte es sich nicht um einen Einzelfall, wie jetzt eine Studie der Universität von Alabama bestätigte. Die WissenschaftlerInnen untersuchten ältere Potenzmittel-Konsumenten, die bereits einen Herzinfarkt erlitten hatten, und machten bei ihnen ein um den Faktor 10 erhöhtes Risiko für Sehstörungen aus.

FDA warnt vor NIMOTOP
Nachdem die intravenöse Verabreichung von BAYERs Calciumantagonisten NIMOTOP mit dem Wirkstoff Nimodipin in den USA zu mehreren Todesfällen geführt hat, verbot die US-Gesundheitsbehörde FDA das Spritzen des Medikamentes. PatientInnen dürfen das Präparat jetzt nur noch in Tablettenform zu sich nehmen. Der Pharmariese hat die Arznei in der Vergangenheit äußerst aggressiv als Wundermittel zur Behandlung von Bluthochdruck, Alzheimer und Schlaganfällen vermarktet. Die Fachwelt fiel darauf jedoch nicht herein. „Bei Schlaganfall-Patienten sind die Behandlungsergebnisse (...) uneinheitlich“, schrieb der „Arznei-Verordnungsreport ‘97“ und beurteilte auch die Verwendung bei Alzheimer kritisch. „Für Calcium-Antagonisten (wie z. B. Nimodipin) konnten die vielversprechenden präklinischen Befunde in Therapiestudien bei der Alzheimerdemenz nicht reproduziert werden“, heißt es in dem Buch.

FDA rügt KOGENATE-Werbung
Der Leverkusener Multi wollte Blutern in einer Werbeaktion seinen Gerinnungshemmer KOGENATE kostenlos zur Verfügung stellen und hat entsprechende Briefe an PatientInnen und MedizinerInnen verfasst. Jetzt hat die US-Gesundheitsbehörde FDA die Kampagne unterbunden. „Durch das Zurückhalten von Informationen über Risiken und den richtigen Umgang mit der Arznei haben Sie eine möglicherweise unsichere Anwendung von KOGENATE FS befördert“, rügte die Institution den Pharma-Riesen. Zu den von BAYER verschwiegenen Nebenwirkungen des Präparates gehören unter anderem Schwindelanfälle und Ausschläge.

TRASYLOL lebensgefährlich
Nach einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie gehen von dem BAYER-Präparat TRASYLOL Nebenwirkungen wie Nierenversagen, Schlaganfall und Herzinfarkt aus. Peter Sawicki vom „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ schätzt die Zahl der Todesopfer allein in der Bundesrepublik auf 300 pro Jahr. In den USA bereiten AnwältInnen schon die ersten Sammelklagen vor (siehe SWB 1/06).

TRASYLOL bei Wirbelsäulen-Versteifung
Dem Leverkusener Multi mangelt es an neuen profitträchtigen Medikamenten, weshalb er ständig nach neuen Anwendungsmöglichkeiten für die alten sucht. Für das jüngst wegen Nebenwirkungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall in die Schlagzeilen geratende TRASYLOL (s. o.), das MedizinerInnen bisher nur bei Herz- und Hüft-OPs einsetzen, will er jetzt einen neuen Markt erschließen. Der Konzern testet den Einsatz von TRASYLOL bei Eingriffen zur Behandlung der „elektiven Spondylodese“, einer Versteifung der Wirbelsäule.

NEXAVAR bei Lungenkrebs?
BAYER will das gemeinsam mit ONYX entwickelte Gentech-Medikament NEXAVAR, das in den USA zur Behandlung von Nierenkrebs im fortgeschrittenen Stadium bereits zugelassen ist, auch bei Lungenkrebs zum Einsatz bringen und hat für diese Indikation mit der dritten und letzten Phase der klinischen Tests begonnen.

Sechs neue Krebsmedikamente
Passenderweise auf einer InvestorInnen-Konferenz in London gab BAYER bekannt, sechs Medikamente zur Behandlung von Krebs in frühen Phasen der Entwicklung zu haben. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um die zwei Wirkstoffe mit den Bezeichnungen BAY 57 9352 und BAY 73 4506, die der Konzern in wechselnden Kombinationen mit anderen Arzneien erprobt. So vage die medizinischen Ausführungen des BAYER-Managers Joseph J. Catino blieben, so präzise taxierte er das ökonomische Potenzial der Krebsmittel. Der Pharmakologe sagte ein Wachstum des weltweiten Marktes für onkologische Arzneien von 24,6 Milliarden Euro auf 55 Milliarden bis zum Jahr 2009 voraus.

BAYER kauft Alfimeprase-Lizenz
Der Leverkusener Multi beteiligt sich an den Entwicklungskosten für den Wirkstoff Alfimeprase und erhält dafür vom Hersteller NUVELO Vermarktungsrechte. BAYER übernimmt 40 Prozent der Aufwändungen für die zur Auflösung von Blutgerinnseln bestimmte Arznei, die sich gerade in der dritten und letzten Phase der klinischen Tests befindet und in den Genuss eines beschleunigten Verfahrens kam. Der Konzern zahlt dem Pharmaunternehmen NUVELO einen Festbetrag von 50 Millionen Dollar sowie erfolgsabhängige Prämien von bis zu 385 Millionen Dollar (siehe auch GENE & KLONE).

BAYER kauft PRITOR
BAYER hat von GLAXOSMITHKLINE (GSK) die Rechte an dem Bluthochdruckmittel PRITOR mit dem Wirkstoff Telmisartan erworben. Der Pharmariese darf die Arznei, mit der GSK jährlich einen Umsatz von 65 Millionen Euro machte, nun europaweit vermarkten. Der Pharmariese hat zwar mit ADALAT bereits ein entsprechendes Medikament im Angebot, aber mit dessen Ruf ist es nicht zum besten bestellt: Es steht in Verdacht, das Herzinfarktrisiko zu erhöhen. Im Jahr 1971 nahm der Konzern seine Blutdruck-Präparate LERON und TADIP nach einem kritischen Bericht des arznei-telegramms über gravierende Nebenwirkungen sogar freiwillig vom Markt.

BAYER investiert in Diagnostika
Der Leverkusener Multi baut seine Diagnostika-Sparte immer weiter aus. Im Januar 2006 erwarb er vom US-Unternehmen ABBOTT einen Prostatakrebs- und einen Wirkstofftest. Zudem hat er im Februar von der US-Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung für einen Herzinfarkt-Test erhalten.

GENE & KLONE

Freisetzungsversuch mit T 25
Brandenburg entwickelt sich immer mehr zum Versuchslabor der „grünen Gentechnik“. Auf 25 Feldern blühen dort schon die Laborfrüchte der Agroriesen. In Dahnsdorf hat die „Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft“ jetzt einen Freisetzungsversuch mit BAYERs gegen die Herbizide BASTA und LIBERTY resistentem Genmais T25 begonnen. Die Aussaat der Genmais-Sorten von MONSANTO, PIONEER und BAYER hat das AKTIONSBÜNDNIS FÜR EINE GENTECHNIKFREIE LANDWIRTSCHAFT IN BERLIN UND BRANDENBURG auf den Plan gerufen. „Der Anbau von Genmais ist mit vermeidbaren Risiken für Umwelt und Gesundheit verbunden. Der gentechnikfreien Landwirtschaft und dem Tourismus in Brandenburg wird unnötiger Schaden zugefügt“, erklärte Thomas Janoschka für die Initiative und kündigte Wiederstand an.

EU vertagt Genraps-Entscheidung
Im letzten Jahr hatte die EU einen BAYER-Antrag auf Anbau von genmanipulierten Raps abgelehnt, eine Entscheidung über eine Einfuhr-Erlaubnis aber offen gelassen. Im Dezember kamen die EU-UmweltexpertInnen in der Frage zu keinem einheitlichen Votum. Nun müssen die MinisterInnen der Mitgliedsländer über den Fall befinden.

BAYER will mehr Genreis
Der Leverkusener Agroriese hat bei der EU einen zweiten Antrag auf Importgenehmigung für eine gentechnisch gegen das Anti-Unkrautmittel LIBERTY LINK (Wirkstoff: Glufosinat) resistent gemachte Reis-Sorte gestellt. Er hat nach Ansicht des GREENPEACE-Gentechnikexperten Geert Ritsema große Chancen auf eine Genehmigung.

Stressresistente Pflanzen?
Die „grüne Revolution“ mit ihrem massiven Pestizid-Einsätzen, der intensiven Bodennutzung und der Züchtung von Hochertragssorten hat die Nutzpflanzen äußerst schadensanfällig gemacht. Jetzt will BAYER den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Die GentechnikerInnen des Konzerns arbeiten in ihren Laboren an Ackerfrüchten mit „verbesserter Stresstoleranz“.

BAYER weiter mit MORPHOSYS
BAYER will die Zusammenarbeit mit dem Martinsrieder Biotech-Unternehmen MORPHOSYS ausbauen. Nach dem neuen Kooperationsvertrag, der eine fünfjährige Laufzeit hat, soll MORPHOSYS für den Konzern 25 Proteine auf ihre pharmakologische Verwendbarkeit hin prüfen.

BAYER kauft ICON GENETICS
Der Leverkusener Multi hat das Münchner Biotech-Unternehmen ICON GENETICS erworben. ICON arbeitete an der gentechnischen Veränderung von Pflanzen und kooperierte bereits mit BAYER. Auch im Bereich der Terminator-Technologie, die Ackerfrüchte steril werden lässt, was LandwirtInnen die Wiederaussaat unmöglich macht, hält die bayerische Firma Patente (siehe auch SWB 1/06). Der Gengigant verspricht sich von der Akquisition Fortschritte bei der Umwandlung von Tabakpflanzen in kleine Arzneistoff-Fabriken. Eine entsprechende Pilotanlage dafür will der Konzern bereits im Jahr 2007 in Betrieb nehmen.

BAYER kauft Alfimeprase-Lizenz
Der Leverkusener Multi beteiligt sich an den Entwicklungskosten für den Wirkstoff Alfimeprase und erhält dafür vom Hersteller NUVELO Vermarktungsrechte. Bei Alfimeprase handelt es sich um ein gentechnisch hergestelltes Enzym, das angeblich Blutgerinnsel auflösen soll, indem es für den Abbau des Eiweißstoffes Fibrin sorgt. Die Zulassung hat NUVELO bislang für Anwendungen bei der arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) und bei Kathederverschluss beantragt. BAYER hofft aber auf weitere Einsatzgebiete wie Schlaganfall, Herzinfarkt und Thrombosen (siehe auch DRUGS & PILLS).

Generbsen machen Mäuse krank
Die australischen Behörden brachen einen Freisetzungsversuch mit gentechnisch veränderten Erbsen aus Sicherheitsgründen ab, weil WissenschaftlerInnen bei Feldmäusen eine Lungenkrankheit diagnostiziert hatten. Nach Ansicht des Vizechefs der australischen Forschungseinrichtung CSIRO, Thomas Higgins, löste ein genmanipulierter Eiweißstoff der Erbsenpflanze die Gesundheitsstörung aus. „Die Reaktion der Mäuse auf das Protein könnte etwas widerspiegeln, was auch bei Menschen geschehen würde“, warnt der Forscher.

Defekte ROUND-UP-Baumwolle
In den USA haben FarmerInnen MONSANTO, DELTA & PINE und BAYER verklagt, weil sie ihnen ROUND-UP-READY-Baumwolle lieferten, die ihre gentechnisch eingebaute Resistenz gegen das Herbizid ROUND-UP-READY eingebüßt hatte (siehe auch RECHT & UNBILLIG). Besonders unter extremen klimatischen Bedingungen wie etwa großer Hitze hat die DNA genmanipulierter Ackerfrüchte schon des öfteren verrückt gespielt.

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Menschenversuche erlaubt
Wie erwartet hat die US-Umweltbehörde EPA grünes Licht für Menschenversuche mit Pestiziden gegeben, von denen BAYER sich eine Lockerung der Grenzwerte verspricht. Die Institution rechnet nun mit bis zu 30 Testreihen pro Jahr.

Chlorpyrifos senkt die Fruchtbarkeit
Chlorpyrifos, Wirkstoff der Insektenmittel BLATTANEX, PROFICID und RIDDER, stört den Hormonhaushalt des Mannes und beeinträchtigt seine Fruchtbarkeit. Das ergab eine Studie, die der Wissenschaftler John Meeker von der Michigan-Universität leitete. Er untersuchte bei 268 Männern den Zusammenhang zwischen der Testosteron-Menge und Spuren des Chlorpyrifos-Abbauproduktes TCPY. Dabei zeigte sich, dass bei Probanden mit den meisten TCPY-Rückständen im Körper der Testosteron-Spiegel am niedrigsten war.

Veränderungen bei BAYER CROPSCIENCE
Die Pestizidsparte des Leverkusener Multis hat im Geschäftsjahr 2005 die vom Vorstand als Ziel ausgegebene astronomische Umsatzrendite von 25 Prozent nicht erreichen können. Vor allem in Brasilien liefen die Geschäfte wegen einer Dürreperiode schlechter als erwartet. Um gegen solche Unbill künftig besser gewappnet zu sein, strukturiert das Management die Sparte nun um. Es teilt die Geschäftseinheit „Amerika“ in „Nordamerika“ und „Lateinamerika“ auf. So hofft der Agroriese, die „Kundenbedürfnisse vor Ort“ besser zu erkennen. Zudem hat BAYER CROPSCIENCE als neue Steuerebene über den Regionalgesellschaften eine „Business & Global Marketing-Plattform“ geschaffen, welche die globalen Management-Aufgaben wahrnehmen soll. Darüber hinaus hat die Agro-Abteilung ihren Vorstand verkleinert.

BAYER größter Pestizid-Hersteller
Der Leverkusener Multi ist mittlerweile der größte Pestizidproduzent der Welt. Nach den von der Fachzeitschrift AGROW veröffentlichten neuesten Zahlen verdrängte der Konzern im Jahr 2004 mit einem Umsatz von 6,1 Milliarden Dollar SYNGENTA von Platz 1. Beim Agrochemie-Verkauf haben sich oligarchische Strukturen herausgebildet. Die acht größten Unternehmen kamen auf einen Marktanteil von 80 Prozent. Dabei machte nicht nur BAYER bessere Geschäfte. Das weltweite Ackergift-Handelsvolumen stieg um 12,6 Prozent.

FLUOPICOLID in China
BAYERs Pestizide erobern China. Die Behörden des Landes haben dem Antipilzmittel FLUOPICOLID die Zulassung erteilt. Auch Großbritannien darf das Fungizid bald heimsuchen.

Pakistan verbietet BAYER-Pestizide
Die pakistanische Regierung hat beschlossen, die beiden zur Gruppe der Organophosphate zählenden und auch von BAYER vertriebenen Pestizid-Wirkstoffe Methamidophos und Methamidophos zu verbieten.

WASSER, BODEN & LUFT

Luftverschmutzer Nr. 4
Die in der „Great Lake“-Region zwischen Kanada und den USA ansässigen Unternehmen verschmutzen die Luft in einem erheblichen Maße. Nach einer Studie der Initiativen ENVIRONMENTAL DEFENCE und CANADIAN ENVIRONMENTAL LAW ASSOCIATION steigen aus den Schornsteinen der Fabriken insgesamt über 100 Millionen Kilogramm gefährlicher Stoffe hoch. Ganz vorne mit dabei: Die kanadische BAYER-Niederlassung in Sarnia. Mit Emissionen im Umfang von über 2 Millionen Kilogramm belegt sie in der Dreckschleuder-Hitparade den vierten Platz.

Neue Altlasten in England
Im britischen Cambridge hat BAYER eine Pestizid-Anlage abgerissen. Für das Firmengelände sucht der Konzern einen Käufer, der auf dem Areal Wohnungen baut. Die Verseuchung des Bodens mit Giftstoffen stellt dabei für den Multi keinen Hinderungsgrund dar. Die Dhünnaue-Geschichte könnte sich also in England wiederholen. Auch über der ehemaligen Giftmüll-Deponie in Leverkusen waren nach der Stillegung Häuser entstanden - und mussten wegen der Chemie-Belastung schließlich abgerissen werden.

EU-Umweltrichtlinien nicht umgesetzt
Die EU hat die Mitgliedsländer wegen der mangelhaften Umsetzung der Brüsseler Umweltrichtlinien gerügt. Die Kommission führt zurzeit 509 Verfahren wegen Vertragsverletzungen gegen die EU-Staaten. Die Bundesrepublik hat 20 Richtlinien gar nicht oder nur mangelhaft umgesetzt.

Neue EU-Wasserrichtlinie
Die Europäische Union plant eine neue Richtlinie zum Schutz der Gewässer, die unter anderem eine Reduzierung der Pestizid-Einleitungen vorsieht. Auf ihrer Liste der Top-Wasserverschmutzer finden sich Substanzen wie Chlorpyrifos, Wirkstoff der Insektenmittel BLATTANEX, PROFICID und RIDDER, das unter anderem unter den Produktnamen MALIX, PHASER und THIODAN vermarktete Endosulfan und das seit langem als Brunnenvergifter berühmt-berüchtigte DIURON wieder. Auch andere inkriminierte chemische Substanzen wie Hexachlorbenzene gelangen aus vollen BAYER-Rohren frisch in die Flüsse.

GIFTIG, ÄTZEND & EXPLOSIV

Bisphenol schädigt Gehirn
Nach einer Studie des Wissenschaftlers Dr. Scott Belcher von der Universität Cincinnati schädigt die Chemikalie Bisphenol A das Gehirn. Die Substanz wirkt hormon-ähnlich und stört deshalb den Hormon-Haushalt des Körpers. So hemmt es das im Wachstumsprozess des Gehirns eine wichtige Rolle spielende Östrogen. Bisphenol A findet sich hauptsächlich in Plastikverpackungen. Die Produktionsmenge beträgt in den USA über eine Millionen Tonnen im Jahr, in Europa 700.000 Tonnen. BAYER gehört neben DOW CHEMICALS und GE PLASTICS zu den größten Herstellern. In „eine vollkommen neue Dimension“ des Bispenol-Gefährdungspotenzials ist Belcher für Jürgen Kundke, Sprecher des Berliner „Bundesinstituts für Risikobewertung“, vorgestoßen. Seine Einrichtung und die in Parma angesiedelte „Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit“ haben jetzt eine Neubewertung von Bisphenol A auf ihre Agenda gesetzt. Allerdings haben BAYER & Co. derzeit nicht allzu viel zu befürchten. „Bis es zu einer rechtswirksamen Entscheidung kommt, können Jahre vergehen“, prophezeit Kundke. Solange dürfte das Bisphenol in Konservendosen, Mineralwasser- und Babyflaschen noch eine Menge Schaden anrichten.

Neurologische Störungen durch Chemie
Pestizide und andere Chemikalien wirken auf das Nervensystem des Organismus ein und rufen Krankheiten hervor. Nach Schätzungen eines US-amerikanischen ForscherInnen-Teams gehen zehn Prozent aller neurologischen Störungen ganz oder teilweise auf Chemie-Einwirkungen zurück.

PRODUKTION & SICHERHEIT

Sicherheitsbestimmungen reichen nicht
Im Wuppertaler BAYER-Werk ereignete sich am 8.6.1999 ein Großunfall. Im Kesselwerk 216 explodierten 600 kg 2-Chlor-5-nitrotoluol, 1.200 kg Dimethylsulfoxid und 500 kg Ätzkali. Die austretenden Chemikalien und der Brandruß verletzten über 100 Menschen. Der Chemie-Professor Jürgen Rochlitz, Mitglied der Störfallkommission und Beirat der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG), kritisierte schon damals die mangelhaften Sicherheitsbestimmungen. In einem Antrag an den „Technischen Ausschuss für Anlagesicherheit“ machte er jetzt konkrete Verbesserungsvorschläge. Er regte an, in der „Technische Regel Anlagensicherheit 410“ detaillierte Vorschriften zur Verhinderung gefährlicher Reaktionen im Zusammenhang mit bestimmten Chlorverbindungen sowie in Verbindung mit dem Freiwerden von Wärme zu machen. Ersteres lehnte die Kommission ab, über das zweite Begehr hat sie noch nicht endgültig entschieden.

Probleme mit der Feuerwehr
In Wuppertal hat BAYER die Werksfeuerwehr abgeschafft. Ab Juli 2005 machen die städtischen BrandlöscherInnen den Job. Diese sind jedoch alles andere als begeistert. Eine Personalaufstockung ist mit der neuen Aufgabe nämlich nicht verbunden. Welche Probleme die Kooperation bereitet, hat jetzt ein Offener Brief an die Westdeutsche Zeitung aufgezeigt. Bei einem Großbrand in der Nähe der BAYER-Werke rückten die auf dem Firmengelände stationierten Feuerwehrler der „Wache 3“ aus. Jetzt verlangen die Sicherheitsbestimmungen in solch einem Fall aber, den vakanten Posten auf dem BAYER-Areal sofort wieder mit BrandexpertInnen zu besetzen, und zwar mit solchen, die speziell für Chemie-Unfälle geschult sind. Dafür musste die Leitstelle dann um vier Uhr morgens extra Bedienstete aus dem Bett klingeln, was nicht zum ersten Mal geschah. Und der Konzern erschwert die Arbeit der Einsatzkräfte zusätzlich, weil er Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr aus Angst vor Werksspionage keinen Zutritt zum Standort gewähren will.

STANDORTE & PRODUKTION

Stilling leitet Wuppertaler Chemiepark
Seit Anfang 2006 leitet Herbert Stillings den Wuppertaler Chemiepark. Vorher war Stillings bei BAYER HEALTH CARE für die Pharmaproduktion verantwortlich.

HC STARCK: Neue Elektrolyt-Anlage
Die BAYER-Tochter HC STARCK hofft auf einen Markt für Öl-Alternativen und hat im fränkischen Selb in einer Pilotanlage die Produktion von keramischen Stromleitern (Elektrolyte) begonnen, die in Brennstoffzellen zum Einsatz kommen sollen.

Kommunen gegen BAYER-Pipeline
BAYER will eine 67 Kilometer lange Pipeline bauen, um darin Kohlenmonoxid vom Standort Dormagen zum Standort Uerdingen zu leiten. Sie soll den Rhein mehrmals unterqueren und unterirdisch entlang der Autobahn A3 verlaufen. Da die geplante Strecke teilweise durch Privatgrundstücke geht, hat die Landesregierung sich in einer „Lex BAYER“ schon die Möglichkeit zu Enteignungen verschafft. Aber nicht nur deshalb stößt das Projekt auf massive Kritik von AnwohnerInnen und Kommunen. Erkraths Technischer Dezernent Klaus-Dieter Holst betrachtet die Pipeline als Sicherheitsrisiko. „Es gibt keine dauerhafte Sicherung, wenn aus der Leitung Gas sickert“, warnt er vor den Folgen eines Austrittes von Kohlenmonoxid, das in hohen Konzentrationen tödlich wirkt.
Für Einwände wie diesen hat die Bezirksregierung einen Erörterungstermin festgesetzt. Sollte das Land NRW trotzdem grünes Licht für die Kohlenmonoxid-Leitung geben, dürften Klagen zu erwarten sein. Der Leverkusener Multi reagiert derweil auf die Anfechtungen, indem er erpresserisch die Standort-Karte spielt. Ohne optimale Gas-Versorgung hat das Uerdinger Werk keine Zukunft, verlautet aus der Konzern-Zentrale.

IMPERIUM & WELTMARKT

Plischke neu im Vorstand
Der bisherige Pharmachef von BAYER, Wolfgang Plischke, rückt in den Vorstand auf und ersetzt dort den in Ruhestand gehenden Udo Oels. Plischkes bisherigen Posten übernimmt Gunnar Riemann.

BAYER kauft ICON GENETICS
Der Leverkusener Multi hat das Münchner Biotech-Unternehmen ICON GENETICS erworben (siehe auch GENE & KLONE).

Neues Systemhaus in Thailand
BAYERs Kunststoffsparte „Material Science“ überzieht Asien mit so genannten Systemhäusern, die in enger Absprache mit den Kunden bestimmte Plaste-Produkte herstellen. Nach der Inbetriebnahme eines solchen Centers in Delhi plant der Konzern, ein weiteres in der Nähe von Bangkok zu eröffnen.

UNFÄLLE & KATASTROPHEN

Tod durch Phenol-Austritt
Am US-amerikanischen BAYER-Standort Baytown ereignete sich am 18.6.2005 ein tödlicher Unfall (Ticker 3/05). Der seit 15 Jahren beim Konzern tätige Salvador Barba Sr wollte einen Abpumpschlauch von einem Phenolcontainer lösen. Dabei blieb ein Ventil geschlossen, woraufhin der Druck einen Dichtungsring platzen ließ und das Kunststoff-Vorprodukt austrat. Obwohl der Arbeiter sich sofort unter eine Desinfektionsdusche begab, starb er noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Arbeitssicherheitsbehörde Osha untersuchte den Fall und stellte massive Verfehlungen BAYERs fest. Sie wies „ernsthafte Verstöße“ gegen die Sicherheitsbestimmungen nach, aufgrunddessen eine „hohe Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls oder ernsthafter körperlicher Schäden“ bestanden hätte. Konkret warfen die SicherheitsexpertInnen dem Leverkusener Multi vor, bei der zum ersten Mal in Betrieb genommenen Pumpe den Arbeitsablauf nicht genau schriftlich festgelegt zu haben. Aus diesem Grund konnte das Team die Arbeit nicht wie nötig koordinieren, weshalb das rechtzeitige Öffnen des Ventils versäumt wurde. Die Behörde verurteilte den Konzern wegen der Versäumnisse zur Zahlung einer Strafe von 5.000 Dollar.

Chlorgas trat aus
Im Dormagener BAYER-Werk ereignete sich am 17.2.2006 ein Unfall. Die Abluftleitung einer Chloranlage fing Feuer, und das Gas trat aus. 18 MitarbeiterInnen kamen mit der Giftwolke in Kontakt, klagten über Augenreizungen und Übelkeit und begaben sich in ärztliche Behandlung. Auch rund um den Chemiepark maß die Feuerwehr noch erhöhte Chlorwerte, halb Dormagen roch nach Schwimmbad. Aber für BAYER-Sprecherin Kerstin Nacken war alles halb so wild. „Es wurde ein Grenzwert überschritten, bei dem nach Auskunft unserer Arbeitsmediziner Menschen noch acht Stunden lang ohne gesundheitliche Schäden arbeiten können“, sagte sie der Presse. In Zukunft dürfte es bei solchen Situationen nach Ansicht der für die Sicherheit auf dem Gelände zuständigen WerkschutzmitarbeiterInnen noch brenzliger werden. Der Chemiepark-Betreiber BAYER INDUSTRY SERVICES will nämlich Personalkosten im Sicherheitsbereich sparen und überlegt sogar, den Werkschutz auszugliedern.

RECHT & UNBILLIG

SCHERING zahlt BAYER 50 Mio.
BAYER fühlte sich beim Kauf der Landwirtschaftssparte von den Vorbesitzern AVENTIS und SCHERING übers Ohr gehauen. Wegen ungeklärter Produkthaftungsfragen und verschwiegener Sozialabgaben-Belastungen forderte der Leverkusener Multi von SCHERING in einem Schiedsverfahren einen Preis-Nachlass. Anfang Februar schließlich kam eine Einigung zustande: Der Berliner Konzern überweist dem Agroriesen 50 Millionen Euro zurück.

Kartellstrafe: 60 Millionen Euro
Die EU-Kommission hat BAYER wg. Preisabsprachen im Kunststoff-Geschäft zu einer Strafzahlung in Höhe von 60 Millionen Euro verurteilt. „Eine besonders schwerwiegende Zuwiderhandlung“ gegen bestehendes Wettbewerbsrecht sahen die EU-PolitikerInnen in dem von BAYER mit den Unternehmen FLEXSYS, CROMPTON und GENERAL QUIMICA gebildeten Kartell. „Mit dieser jüngsten Entscheidung sende ich eine sehr starke Mitteilung an die Vorstände der Unternehmen, dass Kartell-Absprachen nicht toleriert werden“, kommentierte die Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes die Entscheidung. Sie will das harte Urteil als Warnung verstanden wissen. Auch die AktionärInnen sollten ihrer Meinung nach „genau hinschauen, wie Unternehmen geführt werden“.

Wieder Kartell-Ermittlungen
Die Justizbehörden der USA ermitteln wieder einmal gegen BAYER wegen illegaler Preisabsprachen im Kunststoffbereich. Ein Gericht in Kansas geht dem Verdacht einer Kartell-Bildung bei den Kunststoffen TDI und MDI nach und prüft entsprechende Geschäftsunterlagen des Leverkusener Multis (Ticker berichtete mehrfach).

LIPOBAY: USA verlangen Schadensersatz
BAYERs Cholesterinsenker LIPOBAY hat über 100 Menschen das Leben gekostet. Da der Leverkusener Pillenriese auch staatliche Stellen der USA mit dem Medikament beliefert hat, verlangen diese für den Pharma-GAU nun Schadensersatz von dem Konzern und reichten bei einem Gericht in New Jersey Klage gegen den Konzern ein.

BAYER & MONSANTO verklagt
BAYER und eine handvoll anderer Global Player haben sich den Agro-Weltmarkt untereinander aufgeteilt. Sie konkurrieren nicht miteinander, sondern leisten sich sogar gegenseitig Freundschaftsdienste. So vertreibt der Leverkusener Multi in den USA MONSANTOs ROUND-UP-READY-Baumwolle. Deshalb heißt es für den Agroriesen jetzt aber auch „Mitgehangen - Mitgefangen“. Ende Februar 2006 verklagten 90 LandwirtInnen MONSANTO, BAYER und DELTA & PINE, weil die von ihnen gelieferte Baumwolle ihre gentechnisch eingebaute Resistenz gegen das Herbizid ROUND-UP-READY eingerbüßt hatte, was viele Pflanzen an einer ROUND-UP-Überdosis eingehen ließ (siehe auch GENE & KLONE).

USA: Umweltaktivistin verhaftet
Im August 2002 hatte die Umweltschützerin Diane Wilson (siehe SWB 1/04) auf einem Kühlturm des Werksgeländes von DOW CHEMICAL ein Transparent mit der Aufschrift „DOW - Verantwortlich für Bhopal“ entrollt. Sie protestierte damit gegen die Weigerung des Chemiemultis, mit der Übernahme des für die Bhopal-Katastrophe verantwortlichen Konzerns UNION CARBIDE auch die Haftungsverpflichtungen mitzuübernehmen und sich einem indischen Gericht zu stellen. Ins Visier der Justiz geriet durch diese Aktion aber nicht etwa der immer noch juristisch unbehelligte Ex-CARBIDE-Boss Warren Anderson, sondern Wilson selber. Ein Gericht verurteilte die Aktivistin zu einer fünfmonatigen Haftstrafe. Sie entzog sich dem Vollzug, indem sie Texas verließ. Als ihr politisches Engagement die Frau dieses Jahr wieder in den Bundesstaat führte, weil sie während einer Rede von US-Vize Dick Cheney in Houston mit dem Transparent „Konzern-Gier tötet - von Bhophal bis Bagdad“ ein Zeichen gegen die Macht der Multis setzen wollte, verhaftete die Polizei Diane Wilson und nahm sie in Gewahrsam. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) hat einen Brief an den Gouverneur von Texas, Rick Perry, geschrieben, um gegen die Verhaftung der Umweltschützerin zu protestieren. Nach 120 Tagen Gefängnis kam Diane Wilson schließlich frei und bedankte sich umgehend bei der CBG für die Unterstützung.

Sammelklage zugelassen
Ein kanadisches Gericht im Bundesstaat Manitoba hat die Sammelklage von LandwirtInnen, die BAYER wg. der Verunreinigung ihrer Ackerfrüchte mit Genpflanzen belangen wollen, zugelassen und sich damit über einen Einspruch des Leverkusener Multis hinweggesetzt.

BKK-Verfahren eingestellt
Die BAYER-Betriebskrankenkasse BKK praktizierte bis zum Jahr 2000 eine Zwei-Klassen-Medizin (Ticker 1/04). Top-AngestelltInnen des Konzerns bot sie eine Reihe von Sonderleistungen an - von Kuraufenthalten in 5-Sterne-Hotels bis zur Übernahme von HeilpraktikerInnen-Kosten. Nicht einmal Taschentücher mussten die „verdienten Kräfte“ selber zahlen. Aber der Schwindel flog auf. Die Staatsanwaltschaft leitete gegen die BKK-Vorstände Ermittlungen aufgrund des Verdachtes von Untreue ein. Ende November 2005 kamen diese zu einem Ende. Wegen „geringer Schuld“ wollte es das Gericht nicht zu einem Verfahren kommen lassen. 15.000 Euro Strafe für einen Krankenkassen-Manager waren das höchste der Gefühle.

SHELL vs. BAYER
SHELL hat im vergangenen Jahr Klage gegen ein von BAYER beim Europäischen Patentamt eingereichtes Patent zur Produktion des hochgradig gesundheitsschädlichen Bisphenol A eingereicht und Recht bekommen. Auch nach Meinung der RichterInnen wies die Idee frappante Ähnlichkeiten mit einer SHELL-Entwicklung auf, weshalb sie dem Leverkusener Multi das geistige Eigentum an der Kreation „wegen mangelnder erfinderischer Tätigkeit“ wieder aberkannten.

FORSCHUNG & LEHRE

Kooperation mit Bundeswehr-Universität
BAYER INDUSTRY SERVICES hat mit der Hamburger „Helmut-Schmidt-Universität“ der Bundeswehr eine Zusammenarbeit vereinbart. Die BAYER-Gesellschaft will künftig gemeinsam mit der „Projektgruppe Fernausbildung“ Computer-gestützte Lernprogramme auf ihre Praxistauglichkeit hin untersuchen.

Otto-Bayer-Preis verliehen
Durch Ehrungen stärkt der Leverkusener Agromulti seine Verbindungen zu ForscherInnen und wissenschaftlichen Instituten, deren Arbeit kommerzielle Verwertbarkeit verspricht. „Die Otto-Bayer-Stiftung zeichnet exzellente Leistungen von Naturwissenschaftlern aus, die in besonderer Weise die Verbindung zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung verkörpern“, erläutert BAYER-Chef Werner Wenning das Konzern-Interesse. Die diesjährige Auszeichnung, die mit 50.000 Euro dotiert ist, erhielt Professor Dr. Alois Fürstner vom in Mülheim an der Ruhr ansässigen Max-Planck-Institut für Kohlenforschung. Die Jury prämierte „seine herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der Naturstoff-Synthese“, wie BAYERs Propagandapostille direkt vermeldet.

Texas zahlt, BAYER forscht
Der US-Bundesstaat Texas unterstützt ein von BAYER und anderen Konzernen vorangetriebenes Forschungsprogramm zur „Weiterentwicklung“ der Baumwolle mit einem Betrag von zwei Millionen Dollar und fördert unter anderem die Einrichtung einer Professur.

SPORT & MEDAILLEN

Calmunds Finanzdeals
Nach einem Bericht des Spiegels hatte sich BAYER Leverkusen im Juni 2004 wegen undurchsichtiger Bargelddeals von seinem Manager Reiner Calmund getrennt. 580.000 Euro hatte das untersetzte Original dem Spielerberater Volker Graul überwiesen, ohne dass dieser für den Verwendungszweck „Fußballer-Kaufoptionen“ Belege vorzeigen konnte. Im Prinzip hat der Konzern eigentlich gar keine Probleme mit nicht ganz koscheren Praktiken. Sein Vorstrafenregister allein in Sachen „illegale Preisabsprachen“ spricht da Bände, und auch die Aussage des Fußball-Geschäftsführers Wolfgang Holzhäusers „Unser Geschäft wird auch dort abgewickelt, wo nicht die Gesetze kaufmännischer Sorgfalt gelten“ lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Aber bei einer Sache versteht BAYER keinen Spaß: Wenn irgendwo Kosten entstehen, welche die mit allen Wassern gewaschene Finanzabteilung nicht mit 1.000 ganz legalen Steuertricks kleinrechnen kann. Und in genau diese Bredouille brachte Calmund das Unternehmen. Die Zahlen-Jongleure mussten die 580.000 Euro wegen des fehlenden Belegs über den Verwendungszweck als „nicht abzugsfähige Betriebsausgabe“ buchen. BAYER habe sich „daraufhin von Herrn Calmund getrennt“, erklärte der Konzern-Anwalt Walther Graf der jetzt in dieser Sache ermittelnden Bielefelder Kriminalpolizei.

Sporthalle: Stadt soll zahlen
Die von den BAYER-Vereinen genutzte Wilhelm-Dopatka-Sporthalle ist stark renovierungsbedürftig. Was nicht zuletzt an BAYER selber liegt. Der Leverkusener Multi gehörte nämlich zu den weltgrößten Produzenten des Giftstoffes PCB, der wohl nicht zuletzt deshalb beim Bau der Sportstätte reichlich Anwendung fand. Nach Auskunft des BAYER-Sportbeauftragten Meinolf Sprink würde alleine die PCB-Sanierung 2,5 Millionen Euro kosten. Deshalb hätte der Konzern gerne eine neue Halle. Zahlen möchte er dafür allerdings nichts. Sprink hat sich schon bei Bund und Land nach Fördermitteln erkundigt und positive Signale erhalten. Allerdings müsste die Stadt einen Eigenanteil leisten, und da hätte der Sportbeauftragte auch schon eine Idee. Er schlägt den Verkauf eines städtischen Grundstücks vor. Das brachte die Leverkusener Grünen auf die Palme. „Die BAYER AG entzieht sich in Leverkusen jeglicher Verantwortung. Sie baut Arbeitsplätze in allen Sparten ab und zahlt seit Jahren keinen Cent Gewerbesteuer (...) Und dann kommt BAYER und schlägt den Verkauf eines städtischen Grundstücks zur Finanzierung einer neuen Sporthalle vor, mit uns nicht! Wenn der größte Sportverein Leverkusens eine neue Halle will, soll er sie doch selber bauen“, schreibt die Partei in einer Presseerklärung.

KURZ VOR SCHLUSS

Standardisierte Verantwortung
Wozu so ein „Bundesverband der deutschen Arbeitgeber“ doch so alles gut sein kann! Der Lobbyclub von BAYER & Co. hat seinen oft in der Kritik stehenden Mitgliedern jetzt die Arbeit abgenommen, auf jede Anfechtung einzeln reagieren zu müssen und den Unternehmen in einem Leitfaden Standard-Antworten zur Verfügung gestellt. Eine sich gut für BAYER eignende lautet beispielsweise: „Unser Unternehmen nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst. Wir fühlen uns den Prinzipien des UN Global Compacts verbunden und richten unsere Geschäftstätigkeit nach den OECD-Leitsätzen für multinationale Unternehmen sowie der dreigliedrigen Erklärung der ILO aus. Dafür haben wir uns einen Verhaltenscodex gegeben, den wir ihnen anbei übersenden“.